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	<title>Geschichte der Editionswissenschaften/Kapitel 8 - Revision history</title>
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		<id>https://bou.de/u/index.php?title=Geschichte_der_Editionswissenschaften/Kapitel_8&amp;diff=178482&amp;oldid=prev</id>
		<title>Admin: Import Kapitel 8</title>
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		<updated>2026-07-17T16:10:06Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Import Kapitel 8&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;b&gt;New page&lt;/b&gt;&lt;/p&gt;&lt;div&gt;{{Book Nav|book=Geschichte_der_Editionswissenschaften}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
= Kapitel 8: Genetische Edition, „Texte und Varianten&amp;amp;quot; (1971) und die critique génétique =&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 8.1 Ausgangslage: von der Variantenverzeichnung zur Genese ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neuere germanistische Editionswissenschaft der Nachkriegszeit leitet sich von Friedrich Beißners Ausgabe der Werke Friedrich Hölderlins her, die seit 1943 erschien. Beißner brachte hier erstmals in einer Edition ein zuvor 1938 am Beispiel Wielands entwickeltes Verfahren zur Anwendung: die Verzeichnung von Textvarianten, die chronologisch und stufenförmig geordnet waren und die Entstehung eines Gedichttextes an einer bestimmten Stelle leicht nachvollziehbar machten. Damit erlaubte der Apparat im Prinzip eine – wenn auch idealisierte – genetische Lektüre und überwand die ältere Form der Lesartenapparate der Weimarer Goethe-Ausgabe, der man Unlesbarkeit und die undiskriminierte Anhäufung von Wichtigem und Unwichtigem vorwarf.&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 1].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beißners Vorstoß fand weithin Zustimmung und wurde für zahlreiche Ausgaben deutscher Schriftsteller bis in die 1970er Jahre hinein zum Vorbild; die erste ihm folgende Edition war die Akademie-Ausgabe der Werke von Gottfried Wilhelm Leibniz.&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 1] (Hölderlin, Sämtliche Werke, hrsg. von Friedrich Beißner und Adolf Beck, 8 Bde., Stuttgart 1943–1985).&amp;lt;/ref&amp;gt; Doch regte sich auch Widerspruch, der sich vor allem auf die Nachprüfbarkeit von Beißners Aussagen bezog, da seine auf Lesbarkeit und Nachvollziehbarkeit abzielende Darstellung bei schwierigeren Fällen notwendigerweise vom Bild wegführte, das die Handschriften zeigten.&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 2].&amp;lt;/ref&amp;gt; Im Anschluss an Beda Allemann und Hans Werner Seiffert stellte Hans Zeller 1958 in einem Euphorion-Aufsatz erstmals eine alternative Form der Variantendarstellung vor, die er für seine seit 1963 erscheinende Ausgabe der Gedichte Conrad Ferdinand Meyers entwickelt hatte. Zellers Zweck war es, neben der entstehungsgeschichtlichen Entwicklung der Varianten – die in der Folge zunehmend „Textgenese&amp;amp;quot; genannt werden sollte – auch die räumlichen Verhältnisse des handschriftlichen Befundes so wiederzugeben, dass die editorischen Entscheidungen des Herausgebers transparent wurden.&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 2] (Hans Zeller, Zur gegenwärtigen Aufgabe der Editionstechnik, in: Euphorion 52, 1958, S. 356–377).&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Gegensätze der Editionstechnik zwischen Beißner und Zeller prägten die kontroversen Diskussionen der 1960er Jahre, die auf einer Reihe von Kolloquien der Deutschen Forschungsgemeinschaft geführt wurden.&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 2].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Parallel bemühte sich die Berliner Arbeitsstelle der Goethe-Ausgabe um Siegfried Scheibe um eine scharfe begriffliche Fassung grundlegender editorischer Termini, vor allem der Begriffe der Fassung und der Autorisation. Aus diesem Interesse an präziser Definition entwickelte sich in der Folge die „Editionstheorie&amp;amp;quot; im Gegensatz zur „Editionstechnik&amp;amp;quot;, von der noch im Untertitel von Zellers Aufsatz die Rede gewesen war.&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 3].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 8.2 „Texte und Varianten&amp;amp;quot; (1971) als Wendepunkt ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die jüngeren Wissenschaftler, die Zellers Ansatz produktiv aufnehmen wollten, fanden sich in dem von Gunter Martens und Hans Zeller 1971 herausgegebenen Sammelband ''Texte und Varianten. Probleme ihrer Edition und Interpretation'' zusammen, der 21 Beiträge enthielt.&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 3] (Texte und Varianten. Probleme ihrer Edition und Interpretation, hrsg. von Gunter Martens und Hans Zeller, München 1971).&amp;lt;/ref&amp;gt; Der Band war nach dem Vorwort der Herausgeber „als ein erster Versuch gedacht, einen Überblick über die gegenwärtig relevanten Strömungen der Editorik zu geben und sowohl ihre grundlegenden Ansätze wie auch ihre paradigmatisch aufgezeigten Verfahrensweisen zur Diskussion zu stellen“.&amp;lt;ref&amp;gt;Texte und Varianten, Vorwort, S. VII, zitiert nach Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 3].&amp;lt;/ref&amp;gt; Als vordringlich galt es, „eine begriffliche Klärung” und die „Reflexion der editorischen Ziele und Methoden&amp;amp;quot; zu beginnen.&amp;lt;ref&amp;gt;Texte und Varianten, Vorwort, S. VIII, zitiert nach Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 3].&amp;lt;/ref&amp;gt; Programmatisch an den Anfang gesetzt wurde der einleitende Beitrag Siegfried Scheibes, der die Begriffsdefinitionen aus den ''Grundlagen der Goethe-Ausgabe'' vorstellte; die Anordnung sollte bereits die divergierenden Richtungen editorischer Reflexion, zugleich aber auch Ansätze möglicher Gemeinsamkeit sichtbar machen.&amp;lt;ref&amp;gt;Texte und Varianten, Vorwort, S. VIII–IX, zitiert nach Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 4].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die editionsgeschichtliche Bedeutung von ''Texte und Varianten'' für die Ausbildung eines genetischen Denkens lässt sich an einem philologischen Detail ablesen: Schlägt man das sorgfältig gearbeitete Sachregister des Bandes unter den Stichworten „Genese&amp;amp;quot; oder „Genetische Darstellung von Textentwicklung&amp;amp;quot; nach, so verweisen die Einträge – mit einer zu vernachlässigenden Ausnahme – ausschließlich auf das Seitenintervall 233 bis 272.&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 6] (Texte und Varianten, S. 430, s. v. „Genese von Texten&amp;amp;quot;).&amp;lt;/ref&amp;gt; Dort stehen zwei Beiträge, die den Übergang von der bloßen Variantentechnik zur Theorie der Werk- und Textgenese markieren: Henning Boëtius’ ''Textqualität und Apparatgestaltung'' (S. 233–250) und Friedrich Wilhelm Wollenbergs ''Zur genetischen Darstellung innerhandschriftlicher Varianten'' (S. 251–272).&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 6].&amp;lt;/ref&amp;gt; Beide handeln zwar zunächst von Fragen der Variantendarstellung, bemühen sich aber jeweils darum, einen Begriff des Textes zu entwickeln, der über die Belange rein editionstechnischer Verzeichnung hinausgeht.&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 6–7].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 8.3 Werkgenese und Textgenese: Boëtius und Wollenberg ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auffälligerweise gebrauchen beide Autoren den Begriff der „Werkgenese“, füllen ihn jedoch verschieden. Der gemeinsame Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass Genese nicht nur aus dem Hinterlassen von Schriftspuren auf dem Papier besteht und dass deren Rekonstruktion sich nicht auf die „Archivierung ihrer graphischen Rudimente” beschränken darf.&amp;lt;ref&amp;gt;Boëtius, Textqualität und Apparatgestaltung, S. 235, zitiert nach Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 7].&amp;lt;/ref&amp;gt; Boëtius tendiert dahin, dass eine integrale und mehrkomponentige apparative Darstellung die Werkgenese zu erfassen erlaube, während Wollenberg eine editorische Darstellung der Werkgenese prinzipiell nicht für möglich hält, jedoch die Darstellung der Textgenese als ein eingeschränkteres, aber realisierbares Ziel ansieht.&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 7].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boëtius entwickelt ein abstraktes, heuristisch gemeintes Modell der Werkgenese und bedient sich dabei der begrifflichen Werkzeuge der seinerzeit aktuellen Kybernetik. Aus diesem Modell leitet er seine Begriffe der Korrekturarten und Korrekturzusammenhänge ab, mit denen die „Komplexität des Entstehungsvorgangs von Dichtung&amp;amp;quot; editorisch erfasst werden soll. Varianten sollen nicht nur typisiert und verzeichnet, sondern in ihrer konkreten Funktion in der Genese bestimmt werden; die Sofortkorrektur etwa deutet er als Rückkoppelung oder Wechselwirkung von experimenteller Niederschrift und ästhetischer Kontrolle, dank derer ein Text mit größerer „ästhetischer Textqualität&amp;amp;quot; entsteht.&amp;lt;ref&amp;gt;Boëtius, Textqualität und Apparatgestaltung, S. 234 f., zitiert nach Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 7–8].&amp;lt;/ref&amp;gt; Diesen Ansatz hat Boëtius 1975 unter dem Titel ''Vorüberlegungen zu einer generativen Editionstheorie'' – nun im Vokabular der Generativen Transformationsgrammatik – erneut skizziert; der Aufsatz wurde zwanzig Jahre später in den Band englischer Übersetzungen ''Contemporary German Editorial Theory'' aufgenommen.&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 8] (Boëtius, Vorüberlegungen zu einer generativen Editionstheorie, 1975; engl. in: Contemporary German Editorial Theory, hrsg. von Hans Walter Gabler, George Bornstein und Gillian Borland Pierce, Ann Arbor 1995, S. 153–169).&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollenberg dagegen setzt beim Begriff des Textes an und fragt, „wie weit über den Gegenstand der Edition, über den Begriff Text Konsens besteht“. Unter Rückgriff auf das Schichtenmodell der phänomenologischen Ästhetik Roman Ingardens unterscheidet er „Handschrift (= materielle Grundlage)”, geschriebenen Text und „Dichtung (= immaterielle Gestalt)&amp;amp;quot; als Abstraktionsebenen des literarischen Werkes.&amp;lt;ref&amp;gt;Wollenberg, Zur genetischen Darstellung innerhandschriftlicher Varianten, S. 251, 255, 261, zitiert nach Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 8].&amp;lt;/ref&amp;gt; An Beißner kritisiert er die mangelnde Unterscheidung zwischen geschriebenem Text und „Dichtung“: weil die (unter Umständen chronologisch nachvollziehbare) Textentwicklung und das (einer immanenten Logik folgende) „Wachstum” des Gedichts zusammenfielen, ersetze Beißner die Rekonstruktion der tatsächlichen Textgenese durch das „ideale Wachstum&amp;amp;quot; des Gedichts, im Zweifelsfall auf Kosten der Chronologie der Niederschrift.&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 9] (Wollenberg mit Bezug auf Beißners „ideales Wachstum&amp;amp;quot;, Texte und Varianten, S. 259 f.).&amp;lt;/ref&amp;gt; Daraus folgt für Wollenberg die Forderung nach einer vollständigen Darbietung der Textgenese – als des schriftlichen Aspekts der Werkgenese – samt Indizierung aller Unsicherheiten.&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 9] (Texte und Varianten, S. 262–267).&amp;lt;/ref&amp;gt; Sein erklärtes Ziel war es, „auf ein Desiderat hinzuweisen: daß es der Editionslehre not tut, theoretisch fundierte Kriterien zu entwickeln, von denen die editorische Praxis ausgehen kann“; damit artikulierte er die Forderung nach theoretischer Fundierung der Editionstechnik einige Jahre, bevor Zeller selbst das Wort „Theorie” in nennenswerter Weise – erst seit 1979 – in den Mund nahm.&amp;lt;ref&amp;gt;Wollenberg, Zur genetischen Darstellung innerhandschriftlicher Varianten, zitiert nach Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 10].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bemerkenswert ist die spätere Wirkung eines einzelnen Ausdrucks: Die Rede von den „genetisch relevanten&amp;amp;quot; Varianten hatte zuerst Boëtius im Druck gebraucht.&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 32] (Boëtius in: Texte und Varianten, S. 238).&amp;lt;/ref&amp;gt; In der radikal vereinfachten Neufassung der Editionsprinzipien der Frankfurter Brentano-Ausgabe von 1975 wurde die Reduktion des Lesartenapparats gerade auf die „genetisch relevanten&amp;amp;quot; Varianten beschränkt – ein Vorgang, der zeigt, wie dieselbe genetische Terminologie sowohl zur Erweiterung wie zur Beschneidung des Apparats dienen konnte.&amp;lt;ref&amp;gt;Pravida, „Werkgenese&amp;amp;quot; in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 32].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 8.4 Die französische critique génétique: Ursprung und Programm ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zeitgleich, aber aus einer anderen Wissenschaftskultur heraus, entstand in Frankreich die critique génétique, eine literaturwissenschaftliche Methode, die seit den 1970er Jahren die Gesamtheit der materialen Spuren untersucht, die sich einem literarischen Werk zuordnen lassen.&amp;lt;ref&amp;gt;Lenhart/Bosse, Critique génétique (KONDE Weißbuch), [PDF-Seite 1].&amp;lt;/ref&amp;gt; Als ihre Geburtsstunde gilt ein Artikel Louis Hays in ''Le Monde'' vom Februar 1967. Ihre Entwicklung steht in engem Zusammenhang mit dem Erwerb des Heine-Nachlasses 1968 durch die Bibliothèque Nationale de France: Eine deutsch-französische Forschergruppe, die sich mit diesem Bestand auseinandersetzte, gründete in der Folge das ''Institut des textes et manuscrits modernes'' (ITEM), das den methodischen Ansatz bis heute weiterentwickelt.&amp;lt;ref&amp;gt;Lenhart/Bosse, Critique génétique (KONDE Weißbuch), [PDF-Seite 1].&amp;lt;/ref&amp;gt; War man zu Beginn dem Strukturalismus verpflichtet, so emanzipierte man sich davon zunehmend, indem man vor allem dessen statischen, von Material und Medium abstrahierenden Textbegriff ablehnte.&amp;lt;ref&amp;gt;Lenhart/Bosse, Critique génétique (KONDE Weißbuch), [PDF-Seite 1] (mit Verweis auf Grésillon 1999, S. 15).&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Fokus der critique génétique steht nicht der literarische Text als das gedruckte Produkt eines Schreibprozesses, sondern dieser Prozess selbst. Ihre Aufgabe liegt in der Klassifizierung und Interpretation aller beteiligten Schreibzeugnisse; damit verbunden ist eine „Entheiligung&amp;amp;quot; und „Entmythisierung&amp;amp;quot; des definitiven Textes und eine Aufwertung der Rolle des Autors und seiner unmittelbaren schriftlichen Äußerungen.&amp;lt;ref&amp;gt;Lenhart/Bosse, Critique génétique (KONDE Weißbuch), [PDF-Seite 1] (mit Verweis auf Grésillon 1999, S. 17).&amp;lt;/ref&amp;gt; Im Zentrum des methodischen Vorgehens steht die Erstellung eines ''dossier génétique'', das alle für die jeweilige Forschungsfrage relevanten Schreibzeugnisse aufnimmt, sie chronologisch nach ihrer Entstehungszeit ordnet und so den ''généticiens'' die Möglichkeit eröffnet, den Schreibprozess kritisch-interpretierend nachzuzeichnen.&amp;lt;ref&amp;gt;Lenhart/Bosse, Critique génétique (KONDE Weißbuch), [PDF-Seite 1] (mit Verweis auf Grésillon 2016, S. 21).&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 8.5 Avant-texte und dossier génétique: das Verhältnis von Befund und Genese ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Leitbegriff der critique génétique ist der des ''avant-texte''. Hans Walter Gabler erläutert die begriffliche Doppelperspektive: Transkription und Bild zusammen konstituierten das ''genetic dossier''; der Terminus gebe die Dokumentperspektive auf dasjenige, was aus der Textperspektive ''avant-texte'' heiße.&amp;lt;ref&amp;gt;Gabler, Text Genetics in Literary Modernism and Other Essays, [PDF-Seite 217].&amp;lt;/ref&amp;gt; Der Ausdruck ist freilich nicht unproblematisch, da er suggeriert, das vor dem Abschluss der Komposition und vor der Publikation („avant“) Liegende sei noch nicht „texte” – was nur nach einem französischen Verständnis von ''texte'' zutrifft, das sich von der englischen oder deutschen Denotation unterscheidet.&amp;lt;ref&amp;gt;Gabler, Text Genetics in Literary Modernism and Other Essays, [PDF-Seite 217, Anm. 2].&amp;lt;/ref&amp;gt; Aus der Sicht der modernen Paläographie ist der ''avant-texte'' denn auch, wie Wim Van Mierlo betont, keineswegs mit dem physischen Entwurf identisch, sondern „a composite editorial construct that stands at several removes from the archive&amp;amp;quot; – ein editorisches Konstrukt in mehrfacher Distanz zum Archiv.&amp;lt;ref&amp;gt;Van Mierlo, Genetic Criticism and Modern Palaeography, in: Genetic Criticism in Motion, [PDF-Seite 18] (mit Verweis auf de Biasi 2004, S. 43–44).&amp;lt;/ref&amp;gt; Hier liegt eine bleibende Spannung zwischen Befund und Genese: Die Handschrift ist mehr als Text, ihre physischen Formen und Attribute haben eine eigene Geschichte zu erzählen.&amp;lt;ref&amp;gt;Van Mierlo, Genetic Criticism and Modern Palaeography, in: Genetic Criticism in Motion, [PDF-Seite 18].&amp;lt;/ref&amp;gt; Louis Hay charakterisiert das Manuskript entsprechend als einzigartig, unveröffentlicht, privat und unabgeschlossen, im Gegensatz zum mechanisch reproduzierten, veröffentlichten, öffentlichen und fertigen Druck.&amp;lt;ref&amp;gt;A Curious Thing: Typescripts and Genetic Criticism, in: Genetic Criticism in Motion, [PDF-Seite 35–36] (mit Verweis auf Hay 1989, S. 8–9, und Hay 2002, S. 167–171).&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Herkunft aus der Handschriftenanalyse verbindet die critique génétique mit der textgenetischen Edition deutscher Prägung, doch besteht ein grundsätzlicher Unterschied im Textbegriff: Die textgenetische Edition berücksichtigt und stellt den ''avant-texte'' zwar stark dar, bleibt aber auf den Text am Ende einer Genese fokussiert und damit einem Textbegriff verpflichtet, den die critique génétique zugunsten eines prozessualen Textbegriffs und der Darstellung von Schreibprozessen grundsätzlich ablehnt.&amp;lt;ref&amp;gt;Lenhart/Bosse, Critique génétique (KONDE Weißbuch), [PDF-Seite 2].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 8.6 Die genetische Edition: „genetic editing&amp;amp;quot; versus „genetic criticism&amp;amp;quot; ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die begriffliche Verbindung von Text- und Werkgenese schlägt sich im Konzept der genetischen Edition nieder, das sowohl in der Tradition der critique génétique als auch in der der historisch-kritischen Edition verwendet wird.&amp;lt;ref&amp;gt;Hegel, Genetische Edition (KONDE Weißbuch), [PDF-Seite 1].&amp;lt;/ref&amp;gt; Almuth Grésillon definiert die genetische Edition als eine Ausgabe, „die in gedruckter Form und nach der zeitlichen Ordnung des Schreibprozesses die Menge der erhaltenen genetischen Dokumente eines Werks oder Projekts darstellt“.&amp;lt;ref&amp;gt;Grésillon, Éléments de critique génétique, S. 243, zitiert nach Hegel, Genetische Edition (KONDE Weißbuch), [PDF-Seite 1].&amp;lt;/ref&amp;gt; Die historisch-kritischen Ausgaben deutscher und italienischer Prägung berücksichtigen chronologische Ordnung und Klassifikation von Textänderungen ebenfalls und gelten als Vorläufer der in Frankreich geprägten critique génétique; der wesentliche Unterschied zwischen der ''édition génétique'' und der historisch-kritischen Edition wird in der Position des „gesicherten” Textes gesehen – ob dieser als Fluchtpunkt der Genese oder als bloßer Teil von ihr erscheint.&amp;lt;ref&amp;gt;Hegel, Genetische Edition (KONDE Weißbuch), [PDF-Seite 1–2].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gabler schärft die zugrunde liegende Unterscheidung, indem er ''genetic criticism'' und ''genetic editing'' voneinander trennt: Erstere gehöre zum Spektrum der literaturkritischen Diskurse und sei eine Erweiterung der traditionellen Modi literarischer Kritik, letztere sei ein Modus wissenschaftlichen Edierens.&amp;lt;ref&amp;gt;Gabler, Text Genetics in Literary Modernism and Other Essays, [PDF-Seite 216].&amp;lt;/ref&amp;gt; Die deutsche Textkritik habe im 20. Jahrhundert an der Spitze der Entwicklung eines genetischen Bewusstseins gestanden und die Gattung der ''Handschrifteneditionen'' hervorgebracht, während die critique génétique in Frankreich eine Antwort auf die Dominanz des Strukturalismus gewesen sei.&amp;lt;ref&amp;gt;Gabler, Text Genetics in Literary Modernism and Other Essays, [PDF-Seite 216–217].&amp;lt;/ref&amp;gt; Historisch produktiv sei ein Missverständnis geworden: Die genetisch bewussten Editoren der deutschen Schule hätten die den kritischen Argumenten der Franzosen beigegebenen Darstellungen für vollwertige Editionen gehalten – eine „fruitful misperception&amp;amp;quot;, die überhaupt erst die Konzeptualisierung dessen anstieß, was eine genetische Edition sein könnte.&amp;lt;ref&amp;gt;Gabler, Text Genetics in Literary Modernism and Other Essays, [PDF-Seite 217].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gablers eigener editionstheoretischer Beitrag liegt in der Bestimmung des Entwurfsmanuskripts als eines Dokumenttyps ''sui generis''. In der Handschrift bildeten Schrift und materieller Träger eine untrennbare Einheit; das Entwurfsmanuskript sei – in Nelson Goodmans Terminologie – „autographic&amp;amp;quot; und damit einzigartig, während der aus ihm abgezogene, linear lesbare Text „allographic“, also beliebig reproduzierbar sei.&amp;lt;ref&amp;gt;Gabler, Text Genetics in Literary Modernism and Other Essays, [PDF-Seite 220–221] (mit Verweis auf Nelson Goodman, Languages of Art, 1968).&amp;lt;/ref&amp;gt; Aus dieser ontologischen Unterscheidung folgt, dass das Entwurfsmanuskript den gemeinsamen Boden bildet, auf dem sich ''genetic editing'' und ''genetic criticism'' begegnen.&amp;lt;ref&amp;gt;Gabler, Text Genetics in Literary Modernism and Other Essays, [PDF-Seite 221].&amp;lt;/ref&amp;gt; Die digitale Umsetzung dieses Programms zeigt exemplarisch die sich selbst als „genetisch-kritische Hybrid-Edition” verstehende Faust-Edition, die die Entwurfsmaterialien zweifach auszeichnet – einmal aus der Dokument-, einmal aus der Textperspektive – und damit der redoppelten Natur der Handschrift Rechnung trägt.&amp;lt;ref&amp;gt;Gabler, Text Genetics in Literary Modernism and Other Essays, [PDF-Seite 223] (zur Faust-Edition und dem doppelten Mark-up).&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 8.7 Modellierung der Genese: Ebenen und Typologien ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Ausdifferenzierung der genetischen Edition ist ein begriffliches Instrumentarium zur Modellierung der Genese entstanden. Die Genese lässt sich auf die Makro-, Meso- und Mikroebene beziehen oder auf Textschichten, Textstufen und Arbeitsphasen; auch die Unterscheidung von Endo-, Exo- und Epigenese ist möglich.&amp;lt;ref&amp;gt;Hegel, Genetische Edition (KONDE Weißbuch), [PDF-Seite 1].&amp;lt;/ref&amp;gt; Neben Änderungsakten wie einer Tilgung kann den Schreibakten – etwa einer Durchstreichung – als deren graphischen Realisierungen eigene Aufmerksamkeit zuwachsen.&amp;lt;ref&amp;gt;Hegel, Genetische Edition (KONDE Weißbuch), [PDF-Seite 1].&amp;lt;/ref&amp;gt; In einem umfassenderen Sinn unterscheidet Pierre-Marc de Biasi nach zeitlicher Abfolge, Gleichzeitigkeiten und Rückwirkungen typologisch zwischen vertikalen und horizontalen genetischen Editionen.&amp;lt;ref&amp;gt;Hegel, Genetische Edition (KONDE Weißbuch), [PDF-Seite 1] (mit Verweis auf de Biasi 1996, S. 165).&amp;lt;/ref&amp;gt; Welche Darstellungsweise gewählt und welche Rolle dem Apparat oder der Synopse zugeschrieben wird, hängt dabei vom jeweiligen Textverständnis ab; die Darstellung kann entsprechend teleologisch oder dysteleologisch angelegt sein.&amp;lt;ref&amp;gt;Hegel, Genetische Edition (KONDE Weißbuch), [PDF-Seite 2] (mit Verweis auf Van Hulle 2022).&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 8.8 Internationale und interdisziplinäre Ausweitung ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung in Paris ist die critique génétique kein einheitliches, geographisch und sprachlich auf ITEM konzentriertes Gebilde mehr, sondern hat sich über ein weites Feld von Orten und Sprachen ausgebreitet und entwickelt sich in neue Richtungen weiter.&amp;lt;ref&amp;gt;Katajamäki/Pulkkinen, Introduction: The Widening Circles of Genetic Criticism, in: Genetic Criticism in Motion, [PDF-Seite 8].&amp;lt;/ref&amp;gt; Bereits 2001 hatte Grésillon in ihrem Rückblick ''La critique génétique, aujourd’hui et demain'' gefragt, ob die Disziplin die sich wandelnden Trends der Literaturkritik und das digitale Zeitalter überstehen und ob sie neu zu definieren sei.&amp;lt;ref&amp;gt;Katajamäki/Pulkkinen, Introduction: The Widening Circles of Genetic Criticism, in: Genetic Criticism in Motion, [PDF-Seite 8] (mit Verweis auf Grésillon 2001, S. 9).&amp;lt;/ref&amp;gt; Zwei Entwicklungslinien prägen die Ausweitung: die interdisziplinäre und die mediale. Der genetische Ansatz ist mit zahlreichen Feldern verbunden worden – mit den Übersetzungswissenschaften seit den 1990er Jahren ebenso wie mit Musik, Architektur, Philosophie, Theater, Film, Linguistik, Fotografie und Comic, wie die Zunahme nichtliterarischer Themenhefte der Zeitschrift ''Genesis'' belegt.&amp;lt;ref&amp;gt;Katajamäki/Pulkkinen, Introduction: The Widening Circles of Genetic Criticism, in: Genetic Criticism in Motion, [PDF-Seite 9].&amp;lt;/ref&amp;gt; Der Kern der Disziplin – die Untersuchung der schöpferischen Prozesse anhand von Entwürfen und Handschriften – ist dabei erhalten geblieben, doch treten neue Zielbereiche und neue Formen archivalischen Materials hinzu.&amp;lt;ref&amp;gt;Katajamäki/Pulkkinen, Introduction: The Widening Circles of Genetic Criticism, in: Genetic Criticism in Motion, [PDF-Seite 9].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf medialer Seite hat sich das ursprünglich für die Digitalisierung befürchtete Verschwinden der Schreibspuren nicht als Ende, sondern als Verlagerung der Methode erwiesen: Schreibprozesse werden heute mit Keystroke-Logging-Software in Echtzeit erfasst, und die digitale Forensik liefert Verfahren, um aus Speichermedien Spuren – temporäre Dateien, Metadaten, gelöschte Versionen, Textfragmente – born-digital entstandener Werke zu rekonstruieren.&amp;lt;ref&amp;gt;Katajamäki/Pulkkinen, Introduction: The Widening Circles of Genetic Criticism, in: Genetic Criticism in Motion, [PDF-Seite 10] (mit Verweis auf Kirschenbaum 2008 und Ries 2018).&amp;lt;/ref&amp;gt; Damit verschiebt sich die Gestalt des ''dossier génétique'' selbst, denn die Frage, welche Wege Autorinnen und Autoren im Zuge ihrer Arbeit gegangen sind und wie diese Wege darstellbar sind, muss unter Bedingungen digitaler Schreibmedien neu beantwortet werden.&amp;lt;ref&amp;gt;Lenhart/Bosse, Critique génétique (KONDE Weißbuch), [PDF-Seite 2].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 8.9 Bilanz ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Texte und Varianten'' von 1971 markiert den Wendepunkt, an dem die deutschsprachige Editorik von der Frage nach der besten Variantentechnik zur Frage nach dem Begriff des Textes und der Genese überging. In den Beiträgen von Boëtius und Wollenberg wird erstmals die Unterscheidung von Textgenese – dem schriftlich fassbaren Vorgang – und Werkgenese – dem inneren „Wachstum&amp;amp;quot; des Werkes – produktiv gemacht und die Forderung nach einer theoretischen Fundierung der Editionslehre erhoben. Nahezu gleichzeitig formierte sich in Frankreich die critique génétique, die aus einer produktionsästhetischen Perspektive den Schreibprozess selbst zum Gegenstand erhob und mit ''avant-texte'' und ''dossier génétique'' eigene Leitbegriffe prägte. Beide Traditionen treffen sich im gemeinsamen Interesse an der Genese und im Entwurfsmanuskript als ihrem Grundmaterial, unterscheiden sich aber im Status, den sie dem „gesicherten&amp;amp;quot; Text zuweisen. Die genetische Edition, die diese Linien im digitalen Medium zusammenführt, und die internationale wie interdisziplinäre Ausweitung der genetischen Fragestellung zeigen, dass die um 1971 begonnene Neubegründung bis in die Gegenwart fortwirkt.&lt;br /&gt;
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&amp;lt;references /&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Admin</name></author>
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