Xue Mo Desert Daughters/de/Chapter 6

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Er wollte ein Messer nehmen und sich wie ein japanischer Samurai im Film den Bauch aufschlitzen, das Herz herausreißen und dem Bruder opfern, dann den undankbaren Darm herausziehen und zu einem Schriftzeichen winden, das „Reue" bedeutete ... Doch hätte das ... beruhigt?

Wäre er dann menschenwürdig geworden? „Sieh, alles hier im Zimmer klagt dich an und erinnert an zwei Worte: ,Schuld.'"

Doch was er am wenigsten zu berühren wagte, war Yinger.

Jede „romantische" Erinnerung wurde zum menschenfressenden Wurm, zum Beweisstück der „Schuld". Lingguan fürchtete sie. Er wagte nicht, sie anzusehen. Lingguan wich ihr mit aller Kraft aus.

Offensichtlich wich auch sie ihm aus.

Jeden Tag verkroch sie sich in der kleinen Kammer. Sie weinte ständig -- schluchzend, atemlos. „... Ob auch du die Qual der Seele spürst? Du schuldbeladener Schicksalsgefährte."

Lingguan glaubte, ihr Gesicht zu sehen. Es war gelbgrün und bis zum Äußersten ausgezehrt. Es war die Narbe auf seinem Herzen. Es war der Schalter für seine Selbstverfluchung. Es war die dunkle Wolke am Himmel seiner Seele.

Noch schrecklicher war: Sie war hochschwanger.

Ein kleines Leben stand kurz vor der Geburt.

Dies war der Schmerz, den Lingguan am wenigsten berühren durfte -- die Wirklichkeit, die die Seele aufschlitzte, die unausweichliche Grausamkeit, der Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab, die unverzeihliche Schuld.

„Gibt es wirklich Geister? Ich hoffe so sehr. Wenn ja, könnte ich meinen armen Bruder wiedersehen, vor ihm beichten, ihn um Vergebung bitten, ihn bitten, mir ein Messer ins schuldige Herz zu stoßen, damit das strömende Blut die Schuld abwusch. ...

Aber lässt sich diese Schuld wirklich abwaschen? Am besten in die tiefste Hölle (无间地狱, Avici) stürzen! Die Giftflammen der Hölle sollen brennen -- diesen schuldigen Leib zu Asche verbrennen und im Wind verwehen lassen, spurlos. Oder tausend Messer sollen schneiden, tausend Giftwürmer sollen beißen, diesen schuldigen Körper samt Seele verschlingen, dieses widerwärtige ,Ich' für immer auslöschen, ohne den geringsten ekelhaften Rest."

Doch alles war unwiderruflich.

Das Leben war zur Last geworden.

Lingguan begann nachzudenken: Wie den Rest des Lebens verbringen?

Die Dorfbewohner wussten wohl alle: Der Tod des Bruders hatte Lingguan gebrochen.

Lingguan saß oft auf der Lößhalde südlich des Dorfes und starrte ins Leere -- stumpfe, glasige Augen, ohne Regung, ohne Blinzeln. Auch beim Gehen taumelte er wie ein Schlafwandler.

An einem blutgetränkten Abend wehte ein Wirbelwind, doch die Sonne leuchtete blutrot und grell. Am Himmel hingen bleierne Wolken, als sänken sie zur Erde herab. Grautrübe Wolkenschatten lagen auf den öden Dünen. Auf einer Düne tanzte ein Mensch wie im Traum, die Staubpartikel seiner Schritte wie ein feiner Nebelschleier, der ihn zu einer verschwommenen Silhouette machte. Das war Lingguan.

Die Abendsonne war ein riesiger Blutball, aufgespießt auf einer fernen Bergspitze, und schenkte Lingguan einen blutigen Rücken.

Der Menschenschatten auf der Düne verlängerte sich mit der sinkenden Sonne, verschmolz allmählich mit dem Schatten am Horizont und ergoss sich wie Wasser. Langsam senkte sich die Dämmerung mit dem Staub herab wie ein eiserner Topfdeckel und schloss Lingguan fest in die schwarze Wüste ein ...

27

Yinger verstand Lingguans Herz. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht.

Yinger strich sanft über das Notizbuch. Sie wusste: Es war Lingguans Träne. Ihre Träne tropfte in seine, die beiden Tränen verschmolzen. Sie fühlte, dass ihr Herz mit Lingguans eins wurde. Sie konnte nicht sagen, ob sie um sich selbst weinte oder für Lingguan. In ihrer Seele wogte ein heißer Strom und rührte einen stechenden Herzschmerz auf.

Es hieß, in jener Nacht hörten die Dorfbewohner in der östlichen Wüste ein Tier oder einen großen Vogel eine halbe Nacht lang schaurig schreien -- es klang wie ein erstickender Mann, der hinausschrie. Am nächsten Morgen war Lingguan verschwunden.

Danach gab es keine verlässlichen Nachrichten mehr von ihm. Manche sagten, er sei nach Shenzhen zu einem Studienkollegen gegangen, habe ihn nicht gefunden und bettle nun mit einem Stock in der Hand auf der Straße -- erbärmlich. Andere sagten, er sei in den Süden gegangen und arbeite auf einer Farm, wo er heimlich eine Zucht-Technik erlerne. Wieder andere sagten, er arbeite als Hilfsarbeiter in einem Museum und lerne nebenbei bei einem Experten eine seltsame Schrift namens „Xixia-Schrift" ... Doch ein Zwischenhändler, der oft in die Wüste ging, berichtete, er sei kürzlich am Schweinebauch-Brunnen tief in der Wüste gewesen, und dort sei ein Mann aus Liangzhou gestorben -- seine Leiche liege in einer Sandmulde, von Füchsen so zerfressen, dass nur noch ein Haufen trockener Knochen übrig sei. Er sagte, er habe die Knochen gesehen, wisse aber nicht, ob sie Lingguans seien ...

Der alte Laoshun machte sich nicht auf die Suche und hatte auch keine Zeit für Geschwätz -- ein Haufen Dinge wartete: Erstens nahte die Zeit des „Weißen Taus", die Hasenfalken würden bald von den Bergen herabsteigen, und Laoshun hatte einen großen Vorrat Baumwollfäden gekauft und war eifrig am Netzeknüpfen; zweitens hatte Yinger einen kräftigen Jungen geboren, der die gewaltige Leere nach Mentous Tod füllte und zugleich so viele kleine Aufgaben mitbrachte, dass die beiden Alten kaum wussten, wo ihnen der Kopf stand; drittens glaubten er und seine Frau, dass Lingguan in die weite Welt hinausgezogen war. Und sie wussten: Er würde zurückkommen. Egal wie weit er ging -- er würde zurückkommen.

Sein Weggehen war um des Zurückkommens willen.

Doch für Yinger war die Welt in jenem Moment eingestürzt.

Tagelang, ob bei Tag oder Nacht, saß sie stumpf da und summte ein Lied, das jeder in der Sandbucht kannte:

„Die Tragestange aus hartem Holz brach durch,

das klare Wasser fiel zu Boden;

meinen Leib hat es schwarz gefärbt,

und du bist deinen breiten Weg gegangen ..."

Sie wusste nicht, wie viel Zeit verging, bis sie langsam erwachte. Es war das Weinen des Kindes, das sie geweckt hatte. Das Kind nahm allmählich Lingguans Platz in ihrem Herzen ein, und sie lebte wieder auf. Wie hätte sie ahnen können, dass die Strafe des Schicksals in dieser Form kommen würde -- so schnell, so unvorbereitet, so herzzerreißend?

Schicksalsgefährte, sagte sie still in ihrem Herzen, weißt du, was Yinger durchgemacht hat? Wenn du es wüsstest -- würde es dir das Herz zerreißen?

In der Wüste fragte Yinger Lingguan dies oft.

28

Auch Lanlan dachte oft an die Zeit vor dem Aufbruch in die Wüste.

Kurz nach ihrer Flucht ins Elternhaus war ihr Mann Baifu mehrmals bei den Chens aufgetaucht. Einmal sagte er, Yingers Mutter sei krank und wolle ihre Tochter sehen -- Yinger solle für ein paar Tage nach Hause kommen. Natürlich hatte er auch Lanlan bedroht und versucht, sie zur Rückkehr zu zwingen, doch Lanlan weigerte sich. Also ging er in Yingers Zimmer und weinte mit ihr. Wie auch immer -- er war Yingers Bruder. Obwohl Yinger Verständnis für Lanlans Not hatte, litt sie auch um ihren Bruder. Schließlich war er der Bruder, mit dem sie aufgewachsen war.

Von jenem Tag an wurde Yinger zum Spielball zwischen Elternhaus und Schwiegereltern.

Yinger vergaß nie den Ausdruck der Schwiegermutter, als sie sagte, sie wolle für ein paar Tage nach Hause fahren. Sie wusste: Das Misstrauen der Schwiegermutter hatte an jenem Tag begonnen.

An jenem Tag nach dem Mittagessen holte Yinger die getrockneten Windeln von der Wäscheleine, faltete sie ordentlich und übergab sie der Schwiegermutter; kaufte ein Päckchen Säuglingsmilchpulver und Zucker, traf Vorbereitungen und verließ mit Baifu das Dorf.

Kaum war sie zur Tür hinaus, strömten die Tränen -- kein Wischen half. Ein paar Frauen auf dem Weg blickten sie seltsam an. Yinger ärgerte sich über sich selbst, konnte aber die Tränen nicht kontrollieren.

Dass die Schwiegermutter ihr misstraute, war eine Tatsache, die sie nicht annehmen wollte, aber hinnehmen musste. In letzter Zeit spürte Yinger ständig einen Blick im Rücken. Anfangs schalt sie sich überempfindlich. Doch heute hatte die Schwiegermutter ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben: Sie vertraute ihr nicht mehr. Sie fürchtete, Yinger könnte bei den Eltern bleiben und nicht zurückkehren -- und hielt das Kind als Pfand. Oder anders ausgedrückt: Bleib weg, wenn du willst, aber das Kind bleibt hier. Beides waren Messer in Yingers Augen -- scharfe Messer, direkt ins Herz.

Damit bestätigte sich ihre Ahnung: Sie konnte nicht einmal in Ruhe Witwe sein.

Auf dem Gepäckträger von Baifus Fahrrad sitzend, fühlte Yinger sich wie in Trance. Der Wind wehte kühl, wirbelte Staub auf und trug schon den Beigeschmack der Trostlosigkeit. Diese Trostlosigkeit drang bis ins Herz. Yinger wollte weinen -- sich in jemandes Arme werfen und klagend, herzerleichternd weinen. Doch dieser Jemand trieb sich wer weiß wo herum.

Die Sonne leuchtete grell, mit jener fahlen Helligkeit. Die Bäume waren kahl, daran baumelten hin und her schwingende Insekten. Vor diesen Tierchen hatte Yinger längst keine Angst mehr -- ob auf dem Kopf oder im Gesicht, sie konnte sich um nichts kümmern. In ihrem Herzen schwankte eine schwere Flüssigkeit, die alles vor den Augen grau färbte.

Als sie den Feldweg hinter sich ließen und das verwilderte Gräberfeld am Flussbett betraten, versiegten Yingers Tränen allmählich. Ein vertrautes Gefühl keimte im Herzen. Es war wie ein wärmendes Wiegen, das die schwere Flüssigkeit in warmes Wasser verwandelte.

Genau dieses narbige, hässliche Flussbett hatte ihr den schönsten Augenblick ihres Lebens geschenkt. Hier hatten sie und er einander leidenschaftlich geliebt, geweint, gelacht. Hinter jener Sanddüne hatte er sie keuchend zu Boden geworfen und den Taumel des Glücks in ihre Seele gegossen. Als wäre es ein nie erlebter Traum gewesen. Wirklich, manchmal konnte Yinger kaum glauben, dass sie den lebendigen ihn jemals besessen hatte. Erschiene er plötzlich leibhaftig vor ihr, würde sie das übergroße Glück ohnmächtig machen.

Allein dieser Gedanke -- nur dieser Gedanke -- ließ Yinger erblühen. Wann er wahr würde, wusste sie nicht. Für diesen Gedanken wartete sie ein ganzes Leben lang.

Mit diesem Gedanken war sie keine Witwe, die Trauer hütete, sondern eine, die eine Hoffnung hütete. Eine Hoffnung ein Leben lang zu hüten -- auch das war Glück.

Doch beim Gedanken an die Szene vor der Abreise wurde ihr Herz wieder zusammengedrückt. Nicht um das Kind -- die Schwiegermutter hatte ein halbes Leben lang Kinder großgezogen, und die Liebe zu ihrem toten Sohn würde dem Enkel zugutekommen. Was Yinger nicht akzeptieren konnte, war das Misstrauen der Schwiegermutter. Solange Mentou lebte, war sie „eine von uns". Nach seinem Tod wurde sie zur „Außenstehenden", einer heiratsfähigen Witwe. Angstvoll fragte sie sich: Unter diesem Misstrauen -- wie lange konnte sie noch ausharren? Würde sie es bis zu jenem erhofften Tag schaffen?

Sie wusste es nicht.

Und sobald dieses „Misstrauen" erst einmal entstanden war, würde eine Kette entsprechender Handlungen folgen, die das Herz erkalten ließen. Wie sollte sie diese Tage überstehen?

Yinger konnte nicht umhin, sich Sorgen zu machen.

Der Wüstenwind wirbelte Staub auf und wehte heran. Yinger fühlte: Der Wind wehte bis ins Herz.

Zu Hause angekommen, umarmte die Mutter sie sogleich und weinte. Die Mutter war viel magerer geworden, ihr Haar grau gesprenkelt. Sie galt im Dorf als strenge Frau -- streng mit Donner und Blitz, aber ihr Weinen war ebenso gewaltig. Sie hatte Mentou gemocht; nach seinem Tod hatte sie viele Tränen vergossen. Stets hielt sie seine Güte gegen Lanlans Schlechtigkeit und sagte: Ein Drache zeugt zehn Junge, und alle zehn sind verschieden. Von derselben Mutter -- Mentou so brav, und Lanlan hätte sich die Menschenhaut besser gar nicht übergestreift. Yinger fand Lanlan nicht schlecht, verstand aber ihre Mutter. Und sie verstand alle zerstrittenen Schwiegermütter und Schwiegertöchter. Einen Sohn großziehen, vom Faustgroßen bis zum Mannhohen, und dann heiratet er und vergisst die Mutter. Natürlich ließ man die Wut an der Schwiegertochter aus. Hinzu kam der Hass auf Lanlans Scheidungswunsch -- die Bitterkeit war heftiger als bei anderen Schwiegermüttern.

Mutters Weinen war wie ihr Lachen -- ein paar heftige Stöße, dann war es vorbei. Sie fragte: „Was macht die Schlampe?"

Yinger merkte: Mutter fragte weder nach ihr selbst noch nach dem Kind noch nach sonst jemandem, sondern nach Lanlan. Das Thema ließ ihr keine Ruhe. Also erzählte sie von Lanlans religiöser Praxis.

„Hm, die und unsterblich werden? Meiner Ansicht nach bringt sie es nicht mal zum anständigen Geist -- entweder ein zerzaustes Unglücksgespenst oder ein blutiges Schlachtgespenst." Yingers Mutter presste jedes Wort durch die Zähne.

Yinger runzelte die Stirn: „Mama, wie kannst du sie so verfluchen?"

„Verfluchen?", Mutters Gesicht war boshaft. „Am liebsten würde ich sie mit dem Messer zerschneiden! Auf halbem Weg die Scheidung fordern! Hätte sie es früher gesagt, hätte ich meine blumenhafte Tochter anderswo gegen eine bessere Schwiegertochter tauschen können. Aber jetzt ist aus rohem Reis fertiger Reis gekocht, aus dem Mädchen eine Ehefrau geworden, und sie hüpft noch rum! Sie soll aufpassen, dass sie sich nicht die Sehnen reißt! So ein Spatz auf dem Weinstock -- zerzaust und anmaßend! Höher hinaus will sie?

Nur weil mein blinder Sohn Wasser statt Augen hat, hat er sich auf sie eingelassen. Nach meinem Geschmack wäre sie schon beim ersten Treffen durchgefallen. Und sie will meine Schwiegertochter sein -- sie soll sich vor den Ahnen schämen!"

Yinger runzelte die Stirn: „Mama, kannst du bitte aufhören, die Leute schlechtzumachen? Dein ganzes Leben lang hast du an keinem ein gutes Haar gelassen." -- „Wer sagt, es gibt keine guten Menschen? Meine Tochter ist ein guter Mensch. Einzigartig auf Erden." -- „Jeder liebt sein eigenes Fleisch und Blut", sagte Yinger.

Erst jetzt griff die Mutter nach Yinger und musterte sie von oben bis unten: „Du bist etwas fülliger als letztes Mal. Tochter, iss ordentlich, hungere nicht aus Eitelkeit -- wirst ja noch zum Dürräffchen. Was du isst, kommt über die Milch zum Kind ... Ach, ist das Kind brav?"

„Brav. Satt und schläft. Macht keinen Ärger."

„Gut. Ein Kind großziehen kostet eine Hautschicht. Als ich dich geboren hab, war nicht genug zu essen, woher Milch nehmen? Du hast mir das Blut ausgesaugt, wirklich nicht einfach. Mühsam von Sohlengröße zum Menschen aufgezogen, und dann wird sie einem anderen zur Schwiegertochter. Wirklich ärgerlich. Seit Pangu die Welt erschuf, gibt es keinen Brauch, Töchter fürs Alter aufzuziehen. Wenn es ihn gäbe, hätte ich dich nie hergegeben." Mutters Augenränder röteten sich.

„Schon wieder", lachte Yinger.

Die Mutter lachte und sagte: „So lieb ein Kind auch ist -- nichts geht über eine Tochter. Nimm Baifu -- einen Kopf so groß wie eine Glocke, aber drin wie eine leere Spreu. Kaum sagt er was, widerspricht er der Mutter." Dann flüsterte sie: „Behandelt man dich gut? Deine Schwiegermutter." -- „Gut." -- „Das glaube ich nicht. Seit Mentou nicht mehr da ist, bist du eine Fremde. Wenn du dort nicht mehr leben kannst, komm nach Hause. Deine alte Mutter zieht dich als ewige Tochter groß." Dabei beobachtete sie aufmerksam Yingers Reaktion.

„Wie sieht das denn aus?", lachte Yinger. „Wie auch immer -- dort steht mein Name im Grundbuch, dort ist das Feld. Die werden mich doch nicht verjagen."

„Natürlich nicht", sagte die Mutter mit gespitzten Lippen. „Die bekommen eine Arbeitskraft umsonst. Tochter, reden wir Klartext: Wenn die Schlampe brav mit Baifu weiterleben würde, wäre alles gut -- ob du bei den Schwiegereltern bleibst oder zu uns kommst. Aber wenn sie Ärger macht, dann pass auf. Bleib wachsam für deine Mutter."

Yinger verstand: Bald würden Dinge geschehen. Lanlan war fest entschlossen, sich scheiden zu lassen.

Wenn Lanlan Aufruhr machte, fand auch Yinger keine Ruhe. Was für ein bitteres Schicksal! Yinger wurde elend zumute.

Die Mutter schien ihre Gedanken zu lesen und sagte tröstend: „Eigentlich solltest du nicht so starrsinnig sein. Du bist noch jung, das Leben ist lang. Wir leben nicht mehr in der alten Zeit -- dir stellt niemand eine Keuschheitstafel auf."

Da kam der Vater herein. Sein jüngstes „Großgeschäft" war geplatzt. Angeblich habe Li Zongren ein Schließfach in einer Schweizer Bank, doch der Schlüssel befinde sich in China, genauer in einem bestimmten Dorf bei einem bestimmten Mann, und für dreißigtausend Yuan könne man ihn kaufen. Mit dem Schlüssel komme man an die Kassette -- darin zehntausende Goldbarren. Der Vater hatte überall Geld geborgt, die Summe zusammengekratzt, und jemand hatte ihn mit einem glatten Schwindel um alles gebracht.

Das Gesicht des Vaters war voller Falten, Gleichgültigkeit und Stumpfheit. Er grüßte Yinger nicht. Die Mutter wurde grün im Gesicht und fuhr ihn an; der Vater ging wieder hinaus. „Siehst du, Tochter -- so ein Mensch, völlig geldsüchtig und verrückt geworden! Ich sage ihm: Lass die großen Geschäfte und grab erst mal ein paar Körner aus dem Feld! Aber er -- heh! -- hat mir erst das Schweinegeld und dann das Bohnengeld abgeschwatzt, hat Verwandte und Nachbarn so gründlich betrogen, dass sie einen Bogen um uns machen, und kriegt dafür einen Tritt in den Hintern nach dem anderen." -- „Hör auf, hör auf!", sagte der Vater laut, als er wieder hereinkam. „Kannst du aufhören, deinen Mann runterzumachen? Zhu Maichen hat es am Ende auch geschafft! Unterschätz mich nicht -- diesmal hab ich eine Antiquität im Auge: eine leuchtende Perle. Wenn es klappt, bekomme ich hunderttausend. Dann möchte ich sehen, wo du dein Gesicht versteckst!"

„Pfui!", rief die Mutter, ihm den Rücken zugewandt, und klatschte sich auf den Hintern. „Schäm dich vor den Ahnen! Such dir eine Kuhspur, piss rein und schau dir dein spitzgesichtiges Armengesicht an -- ob da ein Hauch von Wohlstand drauf passt! Acht Generationen Pech hat deine Frau gehabt, kopfüber in die Jauchegrube zu fallen und so einen störrischen, stinkenden Esel zu heiraten ... Dem Wind hinterhergejagt und das Pferd totgeritten -- meine viertausend Yuan restlos verpulvert. Und dein verdientes Geld? Her damit, lass mich wenigstens eine Kleinigkeit davon sehen!"

Yingers Vater lief rot an, die Halsadern schwollen abwechselnd auf und ab. Er hätte am liebsten im Erdboden versinken wollen.

„Mama, sag doch ein paar Worte weniger!", schalt Yinger.

Der Vater kam zu Atem: „Tochter, lass sie reden. Dieses Unheil, das nicht heult, bevor es den Sarg sieht -- genau wie die Frau von Zhu Maichen oder Jiang Ziya. Eines Tages -- hm!"

„Eines Tages?", höhnte die Mutter. „Eines Tages gießt du auch eine Schüssel Wasser auf den Boden und sagst mir, ich soll es wieder einsammeln? Ich fürchte, du hast den Willen, aber nicht das Glück."

„Du altes Ungeheuer -- Gold und Silber durchschaust du, aber einen Knoten im Fleisch erkennst du nicht", verteidigte sich der Vater kraftlos.

„Ha -- dich hab ich von Kopf bis Fuß durchschaut, jede Ecke und jeden Winkel. Dein Kopf ist so groß wie ein Knoblauchstempel -- du denkst ans Geld, aber das Geld denkt nicht an dich!"

„Genug, genug, Mama! Kaum komme ich nach Hause, muss ich euer Gezanke hören!", stampfte Yinger mit dem Fuß.

Erst da warf die Mutter dem Alten einen vernichtenden Blick zu und schwieg.

Der Vater war schweißgebadet.

In der Abenddämmerung erschien der Heiratsvermittler Xu Pockennarbe. Dieser Kerl war hässlich bis zur Unkenntlichkeit -- ein Gesicht voller Narben und Grübchen, eine Knoblauchnase, und dazu so kurzsichtig, dass er die Augen zusammenkniff und jemandem auf der Nasenspitze stand, ohne zu erkennen, ob Mann oder Frau. Xu war ein Junggeselle, Trinker, der mit seiner Flasche von Haus zu Haus ging, Ehen vermittelte, ein kleines Honorar kassierte und sich so über Wasser hielt. Er war anders als die Dorfschamanin, die Schamanin, Hebamme und Kupplerin in einer Person war. Er war spezialisiert -- nur Ehen. Sein Tagesgeschäft war der Dorfklatsch: wessen Tochter erwachsen wurde, wessen Mann gestorben war. Mit seiner geistigen Kartei ging er zu den Junggesellen. Gelang die Vermittlung, bekam er zwei-, dreihundert Yuan. Scheiterte sie, gab es wenigstens Schnaps und Zigaretten.

Yinger mochte Xu Pockennarbe nicht. Erstens waren Vaters „Großgeschäfte" meist auf seine Informationen zurückzuführen. Er steuerte nur sein glattes Mundwerk bei, ohne selbst ins Risiko zu gehen, und zog den Vater in die Schuldenfalle; zweitens war er lüstern nach Wein und Frauen -- bei einem Schluck Alkohol oder dem Anblick einer Frau leuchteten seine Pockennarben rot auf, schamlos strahlend. Da wurde Yinger übel.

Xu Pockennarbe und die Schamanin Qi waren zwar Konkurrenten, aber ohne Eifersucht -- sie arbeiteten oft zusammen und tauschten Informationen. Die Brauttauschheirat von Yinger und Lanlan war ihr gemeinsames Werk.

Kaum war Xu Pockennarbe zur Tür herein, ahnte Yinger seinen Zweck. Mentou war kaum kalt, und schon verkuppelte man sie. Sie fand es lächerlich.

Weil Xu ständig betrügerische Informationen lieferte, war Yingers Mutter besonders unfreundlich zu ihm. Der Vater hingegen war wie immer.

Obwohl er durch Xus Tipps Schulden gemacht hatte, glaubte er, der Pockennarbe meine es „gut". Kaum war Xu herein, sagte er zur Mutter: „Geh, kauf eine Schachtel Zigaretten."

Yingers Mutter streckte die Hand aus: „Gib mir Geld!"

Der Vater ignorierte es: „Und eine Flasche Schnaps dazu."

Die Mutter streckte wieder die Hand aus: „Gib mir Geld!"

„Ich sage doch, du sollst anschreiben lassen!" Der Vater blickte zu Xu.

„Ich denke nicht dran! Wie viel bist du den Leuten schuldig? Die schimpfen dich hinter deinem Rücken einen Esel, und du willst noch anschreiben? Dann geh selbst! Du hast keine Scham, aber ich schon!" Mutters Gesicht war schneidend.

Xu Pockennarbe lächelte: „Schon gut. Ich habe welche." Er zog eine Schachtel heraus und warf sie auf den Tisch.

„Schon wieder seine! Der Wirt lebt auf Kosten des Gastes." Dem Vater war es peinlich.

„Er hat welche", milderte die Mutter den Ton. „Gevatter Xu, der hat Talent."

„Welches Talent? Ein paar Groschen verdienen, um meine drei Zoll Kehle zu füttern", sagte Xu.

„Aus Brotkrümeln wird ein Fladen." Die Mutter warf dem Alten einen Blick zu und sagte säuerlich: „Nicht wie gewisse Leute -- ein Mund so groß wie der eines Ochsenfroschs, der den Donner aufgefangen hat, aber zu arm, um einen Furz zu halten."

„Schon wieder, schon wieder", grinste der Vater verlegen.

„Gut", sagte Xu. „Hört auf mit dem Gezanke. Jugendpaar, Altersbegleiter ... Jeder schluckt mal eine Kröte. Ich komme nicht ohne Grund. Ich habe ein Anliegen -- nehmt es mir nicht übel."

„So förmlich -- wir sind doch Familie! Raus mit der Sprache, Gevatter", sagte die Mutter, die Xus Absicht ebenfalls erraten hatte.

Xu kniff die Augen zusammen, musterte Yinger und sagte: „Das Mädchen hab ich von klein auf aufwachsen sehen. Als Jungfrau war sie wie aus einem Gemälde gestiegen -- rote Stellen rot wie Blut, weiße weiß wie Schnee. Nach der Geburt noch genauso ...

Man hört ... nun ... hat sie irgendwelche Vorstellungen?"

Yinger fand es lächerlich, doch plötzlich überkam sie ein tiefes Gefühl der Vergänglichkeit. Vor ein paar Jahren hatte derselbe Pockennarbe sie und Mentou zusammengebracht. Ein paar Jahre später -- einer tot, die andere Witwe. Und wieder kam dieser Pockennarbe, um sie mit einem anderen zu verkuppeln. Wie sich alles wandelte! Und in ein paar Jahren -- wie würde es dann sein?

Die Mutter antwortete gelassen: „Was für Vorstellungen? Wir leben nicht in der alten Zeit, niemand stellt ihr eine Keuschheitstafel auf. Selbst in der alten Zeit war Witwendasein nicht menschenwürdig. Angeblich streuten sie nachts Kupfermünzen im Zimmer aus, löschten das Licht und tasteten. Ich will nicht, dass meine Tochter schmachtet. Gevatter, was hast du auf dem Herzen?"

„Mama!", sagte Yinger. „Er ist kaum ... Schämst du dich nicht, so zu reden?"

„Lachen soll, wer will! Tochter, das war ein Schicksalsschlag, keine Giftmörderin! Er ist tot -- da sollst du auch sterben? Gevatter, raus mit der Sprache!"

Xu lächelte: „Genau. Tochter, Regen muss fallen, Witwen wollen heiraten -- das ist ein Naturgesetz. Schäm dich nicht. ... Dieser Zhao San, kennst du ihn? Der Fleischer. Hat jetzt ein Geschäft am Weißen-Tiger-Pass. Hatte eine Frau in zweiter Ehe, die ist abgehauen. Sucht eine Neue. Er hat schon lange ein Auge auf dich geworfen. Schon als Mädchen. Hat sich den Kopf zerbrochen. Aber Mentou hat den Preis davongetragen. Neulich bat er mich, mich umzuhören.

Wenn es klappt -- die Hochzeit regelt sich."

Yingers Kopf dröhnte. Jetzt erst begriff sie, wie sehr sie an Wert verloren hatte. Dieser Zhao San -- ein Trinker, dazu ein Taugenichts. Damals hatte er für seinen Hausbau Bäume am Straßenrand gestohlen, die Rinde abgeschält und sie kaum verbaut, als man ihn erwischte. Mit einem Schild um den Hals wurde er durchs Dorf geführt. Und so einer maßte sich an, nach ihr zu greifen! Offenbar war diese Yinger nicht mehr jene Yinger. Selbst wenn Lingguan käme, fürchtete sie, seiner nicht mehr würdig zu sein.

Yingers Tränen strömten hervor.

Die Mutter bemerkte Yingers Veränderung nicht und sagte: „Dieser Zhao San, sagt man, hat ein übles Temperament, trinkt gern und schlägt Frauen. Die Zweitfrau ist vor seinen Schlägen davongelaufen."

Xu Pockennarbe lachte: „Wer redet nicht! Und dann -- selbst Zähne und Zunge geraten aneinander. Welches Ehepaar prügelt sich nicht? Geschlagene Frau, gekneteter Teig. Geprügelt wird geprügelt, vertragen wird vertragen. Regen fällt vom Himmel, Wasser fließt zu Tal -- junge Eheleute tragen nicht nach. Zwischen Mann und Frau gibt es keinen Groll über Nacht. Sie wissen das doch selbst."

„Da ist was dran. Da ist was dran", lachte Yingers Mutter.

„Die Hochzeit ist kein Problem. Er hat gesagt, wenn ihr einwilligt, regelt sich alles. ... Heutzutage gilt: Wer Geld hat, ist der Großvater; wer keins hat, der Enkel. Immerhin hat er sich Yinger ausgesucht. Manche Frauen wollen zu ihm -- er will sie nicht mal.

Sogar Jungfrauen, heißt es ..." Yinger hätte fast laut geschluchzt. Sie wischte heimlich die Tränen weg und verließ, aus Angst, in hemmungsloses Weinen auszubrechen, das Haus und das Dorftor.

Irgendwann hatte es zu nieseln begonnen. Die haarfeinen Regenfäden hüllten das Dorf in einen Schleier. Alles wurde unwirklich. Die Berge, die Bäume, die Siedlung -- alles verschwamm zu einem Traum.

Yingers Elternhaus und Shawan waren landschaftlich grundverschieden. Auch hier lag die Wüste nah, doch im Süden erhoben sich Berge. Gewöhnlich waren sie kahl und strahlten Armut und Öde aus. Doch im Regen erwachten sie zum Leben, gewannen eine wehmütig-zarte Anmut. Yinger ließ die Regenfäden ihre tränenvollen Augen waschen -- bald schimmerte ihr Gesicht feucht, und niemand hätte sagen können, was Regen und was Träne war.

Erst als Xu Pockennarbe den Heiratsantrag überbrachte, begriff Yinger ihre wahre Lage. In den letzten Jahren war sie im Wert gesunken -- von der „Blumenfee" zu „Mentous Frau", dann in die Kategorie „Witwe". Nach Xus Plan sollte sie weiter fallen -- zur „Metzgersgattin". Wer einem Gelehrten folgt, wird Dame; wer einem Metzger folgt, putzt Gedärme. Yinger hatte nicht das Glück, Dame zu werden -- Lingguan war in ihren Augen der Gelehrte --, aber sie wollte auch nicht in blutigen, stinkenden Därmen wühlen. Die Dorfbewohner verachteten Metzger -- erstens wegen des Schmutzes, zweitens wegen des Tötens.

Im Tonfall der Leute schwang Missachtung mit. Anderer Leute Söhne trugen das Haus, Metzgersöhne waren „Lückenfüller" -- mit oder ohne einerlei. Ein Metzger oder hundert Metzger -- kein wesentlicher Unterschied, nur eine Frage der Anzahl. Und ausgerechnet so ein Metzger schickte jemanden, um um sie zu werben. Yinger empfand ein seltsames Unbehagen.

Lingguan hatte einmal gesagt, eine Frau in Liangzhou durchlebe in ihrem Leben alle sechs buddhistischen Daseinsbereiche (六道轮回): Als Mädchen sei sie ein Himmelswesen (天人), geboren im Paradies der Phantasie, glücklich und sorglos; mit der Heirat komme sie in die Menschenwelt -- Öl, Salz, Essig, allerlei Sorgen; beim Ehestreit werde sie zum Kampfdämon (阿修罗), voller Zorn und Groll; bei der Hausarbeit zum Lasttier (畜生) -- endlose Plackerei ohne Pause; emotional sei sie ein Hungergeist (饿鬼) -- suchend, flehend, die ganze Nacht heulend, ohne etwas zu finden; und heirate sie einen Rohling, befinde sich Leib und Seele ständig in der Hölle (地狱): endlose Nacht ohne Licht, Giftflammen am Leib, Folter, Wehklagen ringsum, ohne Erlösung.

Yinger fand: Genau so war es.

Zwar hegte sie den verwegenen Wunsch, Lingguan zu heiraten, doch bei nüchterner Überlegung fand sie, Lingguan verdiente ein anderes Leben. Sobald er sie heiratete, wäre er an dieses Land gefesselt -- wie ein Drachen an der Leine, egal wie hoch er flog, mit dem Faden stets am Boden. Er sollte wie ein Adler hinausfliegen -- obwohl der Gedanke ihr Herz stach, wünschte sie ihm dennoch den weiten Flug, seinen eigenen breiten Weg.

Was Yinger sich wünschte, war, still ihren Lebensweg zu gehen -- auf der jetzigen Spur, mit dem Kind, voller Hoffnung, die Romantik zerbröselnd, der Wirklichkeit ins Auge blickend, ihr Schicksal lebend. Sie wollte der Welt nur sagen: „Bitte stört mich nicht. Lasst mich in Ruhe leben."

Nichts weiter.

War selbst das zu viel verlangt? Am liebsten hätte sie gefragt: „Wem stehe ich im Weg?"