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| | = Durch Berge und Meere — Teil 10 = | | = Durch Berge und Meere — Teil 10 = |
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| − | --- | + | Auch Diandian ging nicht zu ihm; sie saß allein auf dem Sofa und spielte mit dem Handy — offensichtlich suchte sie sich Beschäftigung, um die Befangenheit zu überspielen. Yueyue beugte sich zu Wu Xiaohaos Ohr: „Die Kinder werden groß — sie kennen Scham und spielen nicht mehr unbefangen zusammen." Aus der Küchentür ragte Fahuis blank polierter Schädel, und er sagte lachend: „Setz dich erst mal, Bürgermeisterin — Essen ist gleich fertig." Wu Xiaohao ging zu ihm: „Nenn mich lieber Xiaohao. — Sag mal, wieso habt ihr so eine riesige Tiefkühltruhe angeschafft? Wollt ihr Meeresfrüchte auf Vorrat halten?" Yueyue sagte: „Ach, frag nicht — alles wegen deines Ersten Sekretärs." Wu Xiaohao fragte, was passiert sei. Yueyue erzählte: Der Mönch wohne in Moli-Ling und suche nach Einkommensmöglichkeiten für die armen Haushalte. Er habe ein paar Frauen entdeckt, die besonders gute Pfannkuchen backten, und sie backen lassen, um die Ware in der Stadt zu verkaufen. In seiner Naivität habe er geglaubt, Supermärkte nähmen sie ohne Weiteres ab. Doch die hätten längst feste Lieferanten und nähmen nichts von Fremden. Hunderte Pfund Pfannkuchen lagen nun zu Hause; aus Angst, sie könnten verderben, hatte er die Truhe gekauft. |
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| − | Stadt und Bezirk wählten eine Gruppe von Ersten Sekretären aus und verteilten fünf davon nach Jifen. Bevor sie ankamen, rief Ming Yueyue Wu Xiaohao an und sagte, Fa Zong wolle nach Jifen gehen, um ihr zu dienen. Wu Xiaohao war überrascht und fragte: „Wie kann ein so berühmter Maler sich bequemen, aufs Land zu kommen?“ Fa Zong übernahm das Telefon und sagte ihr: „Bürgermeisterin Xiao Wu, ich habe selbst darum gebeten, Erster Sekretär zu werden. Ich will öffentliche Mittel für private Zwecke nutzen.“ Wu Xiaohao lachte: „Wie willst du öffentliche Mittel für private Zwecke nutzen?“ Fa Zong sagte: „Ich habe kürzlich festgestellt, dass die Landschaften und volkstümlichen Gebräuche im westlichen Berggebiet von Jifen sehr charakteristisch sind. Ich möchte dorthin gehen, um Skizzen zu machen und eine Serie von Werken zu schaffen.“ Wu Xiaohao sagte: „Skizzen machen ist in Ordnung, aber das darf nicht Ihre Hauptaufgabe beeinträchtigen – ein guter Erster Sekretär zu sein und die ländliche Wiederbelebung zu unterstützen.“ Fa Zong sagte: „Kein Problem, ich werde Sie nicht enttäuschen! Ich mache nur einen Deal mit Ihnen: Sie müssen mich ins Berggebiet schicken.“ Wu Xiaohao sagte: „In Ordnung, dann geh nach Ci'aoling. Dort ist der Boden voller Disteln – pass auf, dass du dir nicht die Füße zerstichst.“ Die Ersten Sekretäre versammelten sich im Bezirk zur Schulung. Wu Xiaohao war für die Armutsbekämpfung zuständig und besuchte die fünf vom Gemeindekomitee und der Regierung ausgewählten Dörfer, ließ die Dorfbeamten Unterkünfte arrangieren und bat sie, sich auf den Empfang vorzubereiten. Einige Dorfbeamte begrüßten es, andere waren unzufrieden. Sie sagten: „Vertraut die Organisation uns etwa nicht? Wir haben schon einen Sekretär, warum kommt plötzlich noch einer?“ Wu Xiaohao sagte: „Wenn ein Erster Sekretär kommt, nimmt er dir nicht deine Macht weg. Er ist hier, um euch zu helfen. Warte zwei Jahre ab – dein Dorf wird völlig verändert sein.“ Andere sagten: „Wenn ein Erster Sekretär kommt, bedeutet das, dass wir immer noch ein armes Dorf sind. Wie peinlich!“ Wu Xiaohao sagte: „Im ganzen Gemeinde gibt es kein armes Dorf. Eures ist auch kein armes Dorf. Es gibt nur einige arme Haushalte, die gezielte Armutsbekämpfung brauchen.“ Wieder andere Dorfbeamte fragten: „Wenn der Erste Sekretär kommt, muss das Dorf dann für Essen und Unterkunft sorgen? Muss jemand speziell für sie kochen?“ Wu Xiaohao sagte: „Nein, sie bekommen Lebensunterhaltszuschüsse und kümmern sich nach ihrer Ankunft im Dorf selbst um alles.“ An diesem Tag schickte die Organisationsabteilung des Bezirkskomitees jemanden, um die fünf Ersten Sekretäre nach Jifen zu bringen. Wu Xiaohao traf sie, stellte die Situation vor und verteilte sie dann zusammen mit dem stellvertretenden Gemeindeleiter Yan Jiuwen, der für die Armutsbekämpfung zuständig war, auf die Dörfer. Wu Xiaohao brachte drei Personen, darunter Fa Zong. Unterwegs rieb sich Fa Zong seinen kahlen Kopf und grinste ununterbrochen. Wu Xiaohao fragte, worüber er lache. Er sagte: „Ich war in meinem ganzen Leben noch nie Haushaltsvorstand, und heute bin ich plötzlich Sekretär geworden – unglaublich!“ Wu Xiaohao schaute ihn streng an: „Sekretär Fa, du musst ernst sein. Ab heute musst du in drei Punkten Präsenz zeigen: in deiner Position, in deinem Bewusstsein und in deiner Einstellung. Sei nicht wie sonst im Kulturpalast, nachlässig und albern.“ Fa Zong sagte: „Kein Problem. Ich habe schon einen Plan. Wenn du Zeit hast, veranstalte ich auf deiner Bühne eine Wohltätigkeitsauktion meiner Werke. Den gesamten Erlös spende ich an arme Haushalte, um meinen Ruf vor Ort sofort zu etablieren.“ In Ci'aoling angekommen, empfing der Dorfsekretär Xie Hongfeng sie herzlich. Er ergriff Fa Zongs Hand fest und sagte: „Willkommen, willkommen, herzlich willkommen!“ Fa Zong schüttelte zweimal die Schultern und zog seine Hand zurück, während er sich beschwerte: „Mensch, du drückst zu fest! Wenn du mir die Finger brichst, wie soll ich dann noch malen?“ Wu Xiaohao deutete auf ihn: „Sekretär Fa, dein Bewusstsein ist nicht vorhanden. Wenn es da wäre, würdest du so etwas nicht sagen.“ Fa Zong streckte die Zunge heraus: „Komm, komm, Sekretär Xie, lass uns noch mal Händeschütteln! Lass uns in gemeinsamer Sorge und gegenseitiger Harmonie verschmelzen!“ Er packte Xie Hongfengs Hand und drückte fest zu, was alle Anwesenden zum Lachen brachte. Die Atmosphäre wurde sehr harmonisch. Nachdem sie Fa Zong abgesetzt hatte, brachte Wu Xiaohao die beiden anderen und arrangierte alles für sie, bevor sie zur Gemeindeverwaltung zurückkehrte. Am nächsten Tag rief Fa Zong an und sagte, er plane übermorgen die Wohltätigkeitsauktion und fragte, ob sie Zeit habe. Wu Xiaohao sagte: „Ich habe Zeit, ich komme.“ Fa Zong sagte: „Gut, ich informiere sofort die Käufer, dass sie kommen sollen.“ Wu Xiaohao benachrichtigte ihrerseits zwei Personen: Zhang Junliang, den Gemeinde-Sekretär von Gegou, und Fan Mo, den Leiter der Kulturstation. Die Auktion war für zehn Uhr angesetzt. Wu Xiaohao kam pünktlich nach Ci'aoling. Im Hof der Dorfverwaltung hing ein großes rotes Banner mit der Aufschrift „Wohltätigkeitsauktion des Ersten Sekretärs und berühmten Malers Fa Zong“. An der Wand war eine lange Schnur gespannt, an der etwa zehn Gemälde hingen. Einige Dorfbewohner schauten sich die Bilder an, andere saßen und unterhielten sich. Wu Xiaohao ging ebenfalls hin, um die Gemälde anzuschauen. Man konnte erkennen, dass dies Fa Zongs beste Tuschelandschaften waren. Obwohl sie nur mit reiner Tusche gemalt waren, hatten sie Tiefe und Lebendigkeit. Sie dachte bei sich: Dieser Mönch ist wirklich nicht umsonst Mitglied der Chinesischen Künstlervereinigung und stellvertretender Vorsitzender der Bezirkskünstlervereinigung. Während sie die Werke betrachtete, rief jemand mit sanfter Stimme: „Bürgermeisterin.“ Sie drehte den Kopf und sah, dass Guo Mo gekommen war. Sie hatte Make-up aufgelegt und trug falsche Wimpern, was Wu Xiaohao unangenehm war. Sie wich instinktiv einen Schritt zur Seite und vergrößerte den Abstand zu Guo Mo. Guo Mo sagte enthusiastisch: „Bürgermeisterin, Fa Zong ist ein Talent! Dass er diese Wohltätigkeitsauktion veranstaltet, ist ein Segen für die Dorfbewohner von Ci'aoling!“ Wu Xiaohao nickte, sagte aber nichts. Draußen hielten nacheinander kleine Autos an. Jedes Mal, wenn jemand hereinkam, stellte Fa Zong Wu Xiaohao der Person vor und umgekehrt. Es stellte sich heraus, dass alle Fa Zongs Freunde waren, die extra gekommen waren, um ihn zu unterstützen. Auch ein hübsches Mädchen war dabei. Fa Zong sagte, es sei seine Schülerin Yang Yunyun, die heute die Auktion moderieren würde. Wu Xiaohao fragte: „Warum ist Yueyue nicht gekommen?“ Fa Zong sagte, sie müsse heute arbeiten. Um zehn Uhr sah Fa Zong, dass alle Freunde angekommen waren, und gab Yang Yunyun ein Zeichen zu beginnen. Yang Yunyun ging selbstbewusst nach vorne, stellte die Führungskräfte und Gäste vor, dann Fa Zongs künstlerische Leistungen und Karriere, und bat anschließend die Bürgermeisterin um eine Rede. Wu Xiaohao trat vor die Menge und sagte: „Sekretär Fa ist erst seit zwei Tagen in Ci'aoling und veranstaltet bereits eine Wohltätigkeitsauktion. Das ist kulturelle Armutsbekämpfung und zeigt seine Fürsorge für arme Haushalte in Ci'aoling sowie die edle Gesinnung eines Ersten Sekretärs. Ich danke ihm im Namen des Gemeindekomitees und der Gemeindeverwaltung und danke auch den Freunden, die zur Auktion gekommen sind.“ Auch Xie Hongfeng sprach im Namen der Dorfparteiorganisation und des Dorfkomitees und dankte Sekretär Fa mit schlichten Worten. Yang Yunyun gab bekannt, dass nun die Versteigerung von Lehrer Fa Zongs Werken beginne, mit einem Startpreis von achthundert Yuan pro Bild. Fa Zongs Freunde boten eifrig, und jedes Bild wurde für ein- bis zweitausend Yuan verkauft. Nachdem alle zehn Gemälde verkauft waren, berichtete der Buchhalter des Dorfkomitees, dass der Gesamterlös achtzehntausend Yuan betrage. Xie Hongfeng hatte bereits zehn Vertreter armer Haushalte in der ersten Reihe platziert. Der Buchhalter teilte das Geld in zehn Teile und steckte es in zehn rote Umschläge. Fa Zong nahm sie entgegen und verteilte sie einzeln an die armen Haushalte. Nachdem alle Umschläge verteilt waren, brach begeisterter Applaus aus. Die Atmosphäre war außerordentlich lebhaft. --- Am nächsten Morgen, gerade als Wu Xiaohao aufwachte, erhielt sie einen Anruf von Xie Hongfeng. Der Dorfsekretär fing sofort an zu weinen: „Bürgermeisterin, kommen Sie schnell zu mir nach Hause! Schnell!“ Wu Xiaohao fragte: „Was soll ich bei Ihnen zu Hause?“ Xie Hongfeng schluchzte: „Kommen Sie und Sie werden es sehen! Bei meiner Großmutter – in meinen zwölf Jahren als Dorfbeamter ist mir so etwas Schmutziges noch nie passiert!“ Wu Xiaohao fragte: „Was für eine schmutzige Sache?“ Xie Hongfeng sagte: „Kommen Sie und Sie werden es sehen. Kommen Sie schnell, ich warte auf Sie!“ Damit legte er auf. Wu Xiaohao rief zurück, aber Xie Hongfeng ging nicht mehr ans Telefon. Wu Xiaohao dachte: Was ist in Ci'aoling passiert? Sie wollte Fa Zong fragen und rief ihn an, aber niemand ging ran – das Telefon war ausgeschaltet. Sie dachte, dieser Kerl schläft noch. Vielleicht weiß seine Frau Bescheid. Sie rief Yueyue an. Yueyue nahm ab und sagte: „Bürgermeisterin Wu, Sie können doch nicht schon wieder früh am Morgen die einfachen Leute stören! Ich mache gerade meinem Sohn Frühstück, sonst verpasst er den Schulbus.“ Wu Xiaohao sagte: „Es ist eine dringende Angelegenheit! Wo ist Ihr Mann?“ Yueyue sagte: „Gestern kam er von Ihnen zurück, feierte mit seinen Freunden, kam betrunken nach Hause und schläft jetzt wie ein Schwein!“ „Er ist zu Hause? Wissen Sie, was gestern Nacht in Ci'aoling passiert ist? Der Dorfsekretär verlangt früh am Morgen, dass ich komme.“ Yueyue sagte: „Keine Ahnung.“ Wu Xiaohao musste auflegen. Sie rief Zhang Junliang an, aber auch er wusste nicht, was in Ci'aoling passiert war. Wu Xiaohao sagte: „Sie wohnen doch in Gegou, oder? Kommen Sie auch. Ich fahre jetzt los.“ Sie rief den Fahrer Xiao Wang an und bat ihn, sich bereitzuhalten. Dann stand sie sofort auf, wusch und kleidete sich rasch an und ging zum vorderen Hof, um ins Auto zu steigen. Nachdem sie Jifen verlassen hatten, sagte Xiao Wang: „Oh, die Blumen auf den Bergen sind noch mehr geworden.“ Wu Xiaohao drehte den Kopf und sah überall Frühlingsglanz – Pfirsichblüten und Weidenkätzchen. Aber sie hatte keine Muße, die Landschaft zu genießen, sondern grübelte nur darüber nach, was in Ci'aoling passiert sein mochte. Nach fünf Kilometern Landstraße bogen sie auf den Bergpfad nach Ci'aoling ab. In der Fahrzeugbewegung spürte Wu Xiaohao ein dumpfes Ziehen in ihrer linken Brust. Ihre Stimmung verdüsterte sich, und der Frühling vor dem Fenster verwandelte sich in ihren Augen in Winter. Im Dorf angekommen, ließ Wu Xiaohao den Fahrer direkt zu Xie Hongfengs Haus fahren. Als sie um die Straßenecke bogen, sah sie viele Menschen vor seiner Tür stehen und gaffen. Als sie ausstieg, rief jemand laut: „Die Bürgermeisterin ist da!“ Sofort machte die Menge einen Weg frei. Xie Hongfeng stand gerade in der Tür. Wie ein Kind, das seine Mutter sieht, nachdem es Unrecht erlitten hat, schimmerten Tränen in seinen Augen. Schluchzend sagte er: „Bürgermeisterin, schauen Sie schnell – was ist das an meiner Tür?“ Wu Xiaohao schaute auf die beiden Eisentüren hinter Xie Hongfeng. Sie waren mit etwas Lehmähnlichem beschmiert, gelblich, und auf dem Boden lag noch eine Pfütze, die einen üblen Geruch verströmte. Kot! Wu Xiaohao verstand sofort. Sie fühlte sich, als würde ihre Brust platzen. Sie wusste, dass das Beschmieren einer Tür mit Kot die schwerste Beleidigung für eine Person, eine Familie war. Sie hob eine Hand, versuchte mühsam, ihre Kehle zu kontrollieren, und fragte dann mit unterdrückter Wut: „Wer hat das getan?“ Xie Hongfeng sagte: „Ich weiß es nicht. Aber ich bin sicher, es hat mit der gestrigen Auktion zu tun.“ „Warum?“ „Sekretär Fa hat mich gebeten, eine Liste armer Haushalte zu erstellen. Ich habe zehn Namen aufgeschrieben. Wahrscheinlich war jemand, der nicht auf der Liste stand, unzufrieden. Hätte ich das gewusst, hätte ich ihm einfach das Verzeichnis aller Dorfbewohner gegeben. Achtzehntausend geteilt durch über sechzig Haushalte – jeder hätte etwas über hundert Yuan bekommen, und niemand hätte mir Kot an die Tür geschmiert.“ Wu Xiaohaos Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Sie dachte: Xie Hongfeng wurde so behandelt, möglicherweise weil seine Liste nicht „präzise“ genug war, aber wahrscheinlicher war, dass einige fanden, das Geld nur an zehn Haushalte zu geben sei nicht fair. Nicht Mangel, sondern Ungleichheit wird beklagt – das ist eine Denkweise, die sich die Chinesen über Jahrtausende bewahrt haben und die schon so viele Tragödien ausgelöst hat. Heute wurde sie in Ci'aoling wieder lebendig inszeniert. Xie Hongfengs Frau lief aus dem Hof heraus, drückte ihm das Handy in die Hand und rief: „Hongfeng, unser Sohn hat angerufen und gesagt, du sollst sofort die Polizei rufen!“ Xie Hongfeng nahm das Telefon nicht, rollte mit den Augen: „Du hast es ihm erzählt? Verdammt! Es sind Dorfnachbarn, manche haben nur ihre Meinung – sie lassen ihren Frust an unserer Tür aus. Soll ich die Polizei rufen?“ Seine Frau stemmte die Hände in die Hüften: „Was willst du dann tun? Willst du einfach stillhalten und diese Demütigung schlucken?“ Xie Hongfeng zeigte auf Wu Xiaohao: „Die Bürgermeisterin ist gekommen. Sie hat gesehen, dass ich Unrecht erlitten habe – das reicht.“ Wu Xiaohao spürte Wärme im Herzen, ihre Augen wurden feucht. Sie wusste: Als Dorfbeamter hat man es nicht leicht. Wenn man Unrecht erleidet und es nicht auf dem Rechtsweg klären kann, will man nur, dass die Führung davon erfährt und einen tröstet. Sie erhob ihre Stimme und sagte zu Sekretär Xie, er solle nicht traurig sein: „Als Dorfbeamter kann man es nicht allen recht machen. Achten Sie in Zukunft etwas mehr darauf, Ihre Arbeit umfassender zu gestalten, dann wird es gut.“ Dann ging sie in Xie Hongfengs Hof, sah den Druckbrunnen und einen Eimer mit klarem Wasser daneben, nahm ihn sofort und schüttete ihn heftig gegen die Tür. Der Kot wurde mit dem Wasser weggespült. Xie Hongfeng war tief bewegt, dass die Bürgermeisterin selbst seine Tür reinigte. Er nahm den Eimer und gab ihn seiner Frau: „Du Memme, was stehst du noch rum? Los, wasch es selbst ab!“ Die Schaulustigen sahen diese Szene und diskutierten lebhaft. Alle sagten, die Bürgermeisterin sei bemerkenswert, mehr Mann als sie selbst. Wu Xiaohaos Handy klingelte. Sie sah, dass Fa Zong anrief, ging sofort aus der Menge heraus und sagte leise, aber streng: „Fa Zong, du Betrunkener, du kannst einfach keinen Alkohol vertragen! Wenn ich wie du morgens ausgeschaltet und für Vorgesetzte unerreichbar wäre, hätte mich das Bezirkskomitee längst abgesetzt!“ Fa Zong sagte: „Bürgermeisterin Xiao Wu, es tut mir wirklich leid. Gestern Abend habe ich zu viel getrunken, bin nach Hause gekommen und ins Bett gefallen, habe vergessen, mein Handy aufzuladen. Heute Morgen sagte Yueyue, Sie hätten mich früh am Morgen gesucht. Was gibt es für Anweisungen?“ Wu Xiaohao erzählte ihm, was in Ci'aoling passiert war. Fa Zong schrie auf: „Hätte ich das gewusst, hätte ich diese Auktion nie gemacht! Ich habe meine Kontakte mobilisiert und meine Freunde mühsam überredet, gute Taten zu tun. Sie sind aus reiner Güte nach Ci'aoling gekommen und haben Geld ausgegeben, um meine Werke zu kaufen. Und dann schmiert jemand Kot an Lao Xies Haustür? Das ist, als würde man mir, Fa Zong, Kot ins Gesicht schmieren! Wie konnte das so laufen!“ Wu Xiaohao sagte: „Du sollst dir nicht selbst Vorwürfe machen. Dorfangelegenheiten sind einfach so kompliziert. Lao Xie ist innerlich sehr verletzt. Wenn du heute zurückkommst, tröste ihn gut. Bei so einem Vorfall trage auch ich Verantwortung – ich habe die Situation in Ci'aoling nicht richtig erfasst und die Sache nicht gut arrangiert. Bei ähnlichen Armutsbekämpfungsmaßnahmen in Zukunft müssen wir sorgfältiger überlegen und einen transparenten Mechanismus einführen. Hätten wir die Begünstigten vorher öffentlich gemacht und die Meinungen der Dorfbewohner gehört, wäre das vielleicht nicht passiert.“ Fa Zong sagte: „Richtig, wir nehmen die Lehre an. Das wird nicht wieder vorkommen.“ Wu Xiaohao schaute sich um. Xie Hongfengs Tür war bereits sauber. Sie ging noch einmal hin und tröstete ihn mit ein paar Worten, dann sagte sie: „Ich fahre jetzt.“ Xie Hongfeng und seine Frau hielten ihre Hände und dankten ihr immer wieder. Nachdem sie das Dorf verlassen hatten, kam Zhang Junliang auf seinem Motorrad. Wu Xiaohao ließ Xiao Wang anhalten, stieg aus und tadelte: „Alter Zhang, warum kommst du erst jetzt?“ Zhang Junliang sah schuldbewusst aus und sagte: „Bürgermeisterin, ich bin zu spät. Ich mache eine Selbstkritik.“ Wu Xiaohao überlegte – von seinem Haus hierher waren es über zehn Kilometer, etwas Verspätung war normal. Sie sagte nichts mehr. Plötzlich fiel ihr ein, dass sie in den letzten Tagen Brustschmerzen hatte und im Internet ein altes Rezept gefunden hatte, aus dem Buch „Fang Longjiamijue“: „Bei Brustschmerzen oder Brustknoten mit Schmerzen: Zwei bis drei Liang Ci'ao, zu Pulver geröstet. Morgens, mittags, abends, zu beliebiger Zeit, mit heißem Wasser als Brei einnehmen.“ Sie hatte auch die Erklärung gelesen, dass „Brustknoten“ Knoten in der Brust bedeuten. Damals hatte sie gedacht, bei ihrem nächsten Besuch in Ci'aoling würde sie etwas davon sammeln. Heute war sie hier, hatte sich aber mit der Bewältigung von Xie Hongfengs Demütigung beschäftigt und das Sammeln der Disteln vergessen. Sie fragte Zhang Junliang, ob man hier noch Ci'ao finden könne. Zhang Junliang sagte, vielleicht. Er schaute am Straßenrand entlang, überquerte dann einen Graben, stieg auf einen kleinen Hügel und zeigte auf den Boden: „Hier ist welche.“ Wu Xiaohao ging hinüber und sah sieben oder acht Ci'ao-Pflanzen dicht am Boden, mit schmalen, dicken Blättern, bedeckt mit feinen, scharfen Stacheln. Sie holte ihr Handy heraus, machte ein paar Fotos, dann bückte sie sich, um zu pflücken. Sie sagte, ihre Mutter habe sie gebeten, etwas zu sammeln, sie wisse nicht wofür. Zhang Junliang und Xiao Wang halfen ihr beim Sammeln. Xiao Wang sagte beim Pflücken: „So stechend, so stechend!“ Wu Xiaohao sagte: „In meinem Heimatdorf gab es das auch. Als ich klein war und aufs Feld ging, bin ich mal mit bloßen Füßen in Ci'ao getreten – das tat so weh! Jetzt gibt es dort keine Ackerflächen mehr, man findet es nicht mehr.“ Zhang Junliang sagte: „Diese Pflanze ist sehr widerstandsfähig. Schau, die vom letzten Jahr schienen tot zu sein, aber dieses Jahr treiben sie neue Triebe.“ Wu Xiaohao sah, wohin er zeigte. Tatsächlich ragten einige zarte grüne Sprossen aus den Ci'ao-Büschen hervor. Sie sagte: „Lao Zhang, das ist wie unsere Arbeitsumgebung – überall lauern Disteln, sichtbare und unsichtbare. Wenn man nicht aufpasst, tritt man darauf und wird gestochen.“ Zhang Junliang nickte zustimmend, wurde aber plötzlich blass. Wu Xiaohao fragte besorgt: „Was ist los mit dir?“ Zhang Junliang konnte nicht antworten. Er drehte sich zur Seite, beugte sich vor und erbrach sich. Wu Xiaohaos Herz zog sich zusammen. Sie holte rasch Papiertaschentücher aus ihrer Tasche, reichte sie ihm und fragte besorgt, was los sei. Zhang Junliang nahm die Tücher und wischte sich den Mund ab: „Ich weiß nicht. In letzter Zeit ist es öfter so. Heute Morgen habe ich eine ganze Weile erbrochen, deshalb kam ich zu spät.“ Wu Xiaohao sagte: „Du solltest ins Krankenhaus zur Untersuchung gehen.“ Zhang Junliang sagte: „Mein Sohn hat gesagt, am Samstag kommt er aus der Stadt nach Hause und bringt mich hin.“ Wu Xiaohao sagte: „Wir haben genug gesammelt, gehen wir.“ Sie half Zhang Junliang beim Aufstehen und führte ihn zum Auto. Sie sagte: „Alter Zhang, steig in mein Auto. Xiao Wang fährt dich direkt nach Hause zum Ausruhen. Ich fahre dein Motorrad zur Gemeindeverwaltung.“ Zhang Junliang sagte: „Das geht nicht!“ Wu Xiaohao sagte: „Kein Wort mehr, steig ein.“ Sie setzte sich auf Zhang Junliangs Motorrad, startete es und fuhr voraus. Wu Xiaohaos Profilbild auf WeChat war ursprünglich ein hohes Gras gewesen. An jenem Abend änderte sie es in eine Distel. In der Gruppennachricht fragten einige neugierig: „Was ist das?“ Wu Xiaohao antwortete: „Ci'ao.“ Jemand fragte: „Warum verwendest du es als Profilbild?“ Wu Xiaohao antwortete: „Um mich selbst zu warnen.“
| + | Wu Xiaohao öffnete die Truhe — tatsächlich voller Pfannkuchen — und sagte: „Was machen wir nur? Ich helfe dir: Ich kaufe ein paar Packungen, zu Hause müssen wir sowieso Pfannkuchen kaufen — egal von wem." Yueyue stutzte und klopfte ihr dann auf die Schulter: „Du hast mich auf eine Idee gebracht! Ich poste eine Nachricht in meinem Freundeskreis — wer gern Pfannkuchen isst, soll sich bei mir melden, ich habe achthundert WeChat-Kontakte!" |
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| − | --- | + | Wu Xiaohao sagte: „Großartig! Für die Leute in Moli-Ling — werde WeChat-Händlerin! Wenn deine Kontakte nachbestellen, lässt du den Mönch direkt aus Moli-Ling liefern." Yueyue sagte: „Abgemacht. Hätte nie gedacht, dass ich, die immer auf Eleganz und Stil achtet, eine Pfannkuchen-Chefin werde!" Fahui rief vom Herd: „Schatz, danke für die Mühe! Du bist keine Chefin — ich ernenne dich zur Sekretärin: Ich bin Erster Sekretär, du bist Sekretariat-Sekretärin!" |
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| − | Wu Xiaohao erinnerte sich ständig an Zhang Junliangs Gesundheit und an den Termin seiner Krankenhausuntersuchung. Am Samstag zur Mittagszeit rief sie an. Nicht er, sondern sein Sohn ging ans Telefon. Sein Sohn sagte: „Sind Sie Bürgermeisterin Wu? Mein Vater war heute Vormittag zur Untersuchung. Die Situation ist nicht gut.“ Wu Xiaohao fragte besorgt: „Was für eine Krankheit hat er?“ „Magenkrebs im mittleren Stadium. Er wurde bereits zur Operation ins Krankenhaus eingewiesen.“ Wu Xiaohaos Herz wurde schwer. Sie fragte, in welchem Krankenhaus und Zimmer er sei. Nach der Antwort sagte sie: „Pass gut auf deinen Vater auf. Ich komme morgen Vormittag, um ihn zu besuchen.“ Wu Xiaohao übernachtete zu Hause. Eigentlich wollte sie gleich nach dem Frühstück ins Krankenhaus fahren, aber die Anwältin Wan Yufeng rief an und bat sie vorbeizukommen. Sie wollte wissen, wie weit ihre Scheidungsklage gediehen war, und ging zur Anwaltskanzlei. Als sie dort ankam, sagte Wan Yufeng: „Bürgermeisterin Wu, ich habe für Sie die Klage beim Gericht eingereicht. Die Richterin hat noch nicht geantwortet. Gestern ging ich wieder hin. Sie sagte, es könne keine Verhandlung geben, nur Mediation.“ Wu Xiaohao war sehr verärgert: „Ich will keine Mediation! Wenn Mediation möglich wäre, bräuchte ich nicht zu klagen!“ Wan Yufeng sagte: „Regen Sie sich nicht auf. Wenn das Gericht einen Scheidungsfall annimmt, ist Mediation ein notwendiger Schritt. Bitte haben Sie Geduld. Ich habe beim Grundbuchamt die Immobilien von Ihnen und You Luowan überprüft und Beweismaterial gesichert. Heute habe ich Sie gebeten zu kommen, um zu unterschreiben.“ Wu Xiaohao schaute sich die Unterlagen an, die sie vorlegte, und unterschrieb. Sie fragte Wan Yufeng, ob sie ihren Nachbarn als Zeugen gefunden habe. Wan Yufeng sagte: „Ich habe die Person unter Ihnen kontaktiert. Sie sagt, sie habe an jenem Abend nichts gesehen oder gehört und will nicht als Zeuge aussagen.“ Wu Xiaohao war fassungslos: „Warum ist er so?“ Wan Yufeng lächelte resigniert: „Lieber eine Sache weniger als eine mehr – so sind die meisten Menschen heute.“ Als Wu Xiaohao die Anwaltskanzlei verließ, war ihre Stimmung niedergeschlagen, ihre Schritte schwer. Sie wollte ein Didi-Taxi rufen und dann ins Krankenhaus fahren. Als sie aber WeChat öffnete und zur Geldbörse ging, erschien auf ihrem Handy die Aufforderung „Bitte geben Sie das Handhabungspasswort ein“. Sie konnte sich plötzlich nicht an ihre Einstellung erinnern und versuchte mehrmals auf dem Bildschirm, ohne Erfolg. Sie wusste, ihr Herz war verwirrt. Zum Glück gelang es ihr nach kurzer Zeit, ein Taxi auf der Straße anzuhalten. Sie stieg ein und fuhr los. Am Krankenhauseingang kaufte sie in einem Laden am Straßenrand einige Nahrungsergänzungsmittel, ging dann zu Zhang Junliangs Krankenzimmer. Viele Menschen standen am Bett, einige hatten Kinder dabei. Wu Xiaohao ging hinüber und sah Zhang Junliang an einer Infusion hängen, sein Gesicht gelblich-grau. Sie rief: „Alter Zhang“ und drückte seine Hand. Zhang Junliang lächelte ehrlich: „Bürgermeisterin, mir geht's gut, wirklich gut.“ Seine Frau sagte unter Tränen: „Du liegst im Krankenhaus und sagst noch, es geht dir gut! Du hast dein ganzes Leben für die Öffentlichkeit gearbeitet. Wärst du ein normaler Dorfbewohner oder in einem Wohnviertel gewesen, wärst du nie an Orte gekommen, wo man nicht richtig essen kann. Unregelmäßiges Essen hat deinen Magen ruiniert.“ Wu Xiaohao wusste: In der Gemeinde gibt es einige Beamte, die immer an der Basis arbeiten. Gemeinde-Sekretäre wie Zhang Junliang haben im Gemeindegebäude kein Büro. Wenn sie zu Meetings oder Erledigungen kommen, haben sie nicht einmal einen Platz zum Ausruhen. Es ist wirklich schwer für sie. Sie hielt Zhang Junliangs Hand, schwieg eine Weile und bat ihn dann nur, sich gut auszuruhen. Er solle sich keine Gedanken mehr um die Arbeit im Wohnviertel machen. Zhang Junliang sagte: „Verstanden. Danke, Bürgermeisterin.“
| + | Plötzlich stand Diandian auf und ging in Fa-Bu-Ers Zimmer. Yueyue flüsterte: „Siehst du — deine Tochter hat es nicht mehr ausgehalten und ist zu meinem Sohn gelaufen." Wu Xiaohao sagte: „Bestimmt hat dein Sohn ihr geschrieben, sie solle kommen. Schwägerin, ich bin unter der Woche nicht zu Hause — behalte die beiden im Auge, lass sie nicht vorzeitig in eine Phase eintreten." Yueyue hob das Kinn: „Vorzeitig, na und — mein Sohn ist der Junge, der kommt schon nicht zu kurz." Wu Xiaohao zwickte sie: „Du, du — ich bitte dich, ja?" Yueyue sagte ernst: „Schon gut, sei unbesorgt — ich lasse sie gesund aufwachsen!" |
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| − | Kapitel 7
| + | Wu Xiaohao nickte zufrieden. Auf dem Balkon blühten einige Orchideen prächtig; sie ging hin und betrachtete sie. Auf dem Boden lagen zum Trocknen ausgebreitete Moli-Beeren. Sie fragte Yueyue, die ihr gefolgt war: „Was will der Mönch mit den Beeren?" Yueyue schaute zur Küche, unterdrückte ein Lachen: „Im Internet steht, die seien potenzsteigernd — er will es ausprobieren." Wu Xiaohao errötete, scherzte aber: „Und wie probiert man das? Legt er sie sich ins Bett?" Yueyue lachte, dass es sie schüttelte: „Er kocht einen Tee daraus!" Wu Xiaohao nickte, ging zurück ins Wohnzimmer, die Röte noch lange im Gesicht. |
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| − | Tiefsee Nr. 1
| + | Fahui trug die Speisen auf und öffnete Rotwein: „Bürgermeisterin, du hast die Moli-Beeren gesehen? Weißt du, wofür ich die brauche?" Wu Xiaohao winkte heftig ab: „Hör auf, hör auf!" Fahui merkte, was sie dachte, und wurde verlegen: „Lass mich ausreden! Der Bezirk hat doch die Parole ausgegeben ‚ein Dorf, ein Produkt' — ich will in Moli-Ling Moli-Beeren anbauen lassen und im Herbst an Arzneimittelfirmen verkaufen, das bringt bestimmt mehr als Ackerbau." Wu Xiaohao verstand und klatschte in die Hände: „Mönch, das ist eine gute Idee! Stärken nutzen, Schwächen meiden — mit dem Namen deines Sohnes gesagt: der einzig wahre Weg, die Dorfbewohner reich zu machen!" |
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| − | 7
| + | Wu Xiaohao kam zur Gasse hinten; die alte Xu wartete an ihrer Haustür. Zusammen gingen sie hinein; aus dem Haus drang die Stimme des Sekretärs, der schimpfte. Sie stießen die Tür auf: Der Sekretär trat gerade auf Dongzi ein und riss ihn an den Haaren. Seltsam war: Dongzi wehrte sich nicht wie beim letzten Mal, sondern lag reglos am Boden. |
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| − | Notizen:
| + | Wu Xiaohao eilte dazwischen: „Sekretär, warum schlägst du Dongzi schon wieder?" Der Sekretär keuchte vor Wut: „Er hat etwas Entsetzliches angestellt — soll ich ihn nicht schlagen? Er soll verrecken!" — „Was hat er Entsetzliches getan?" Der Sekretär presste hervor: „Etwas, das man nicht aussprechen kann!" Die alte Xu zog den Sohn ins Westzimmer. Fang Zongyue setzte sich, zündete eine Zigarette an, dann beugte er sich zu Wu Xiaohao und senkte die Stimme: „Heute ist Freitag, oder? Nachmittags kam Dongzi aus der Schule und ging gleich wieder weg. Er treibt sich ständig mit Klassenkameraden herum, seine Mutter und ich kümmern uns nicht mehr drum. Und dann, weißt du was? Um elf Uhr nachts ruft mich jemand an, ein Mann namens Ji — Ehemann der Wirtin des Fulin-Hotels, arbeitet bei der Shenfu-Gruppe. Der sagt, Dongzi habe gerade betrunken seine Frau vergewaltigt und er habe ihn auf frischer Tat ertappt. Ich erschrak furchtbar — Dongzi kann so etwas doch nicht tun! Aber Ji sagt, es gebe Beweise, er könne die untersuchen lassen. Da bekam ich Panik und bat ihn, nicht die Polizei einzuschalten. Er ist mein einziger Sohn, erst sechzehn — wenn er ins Gefängnis kommt, ist sein Leben ruiniert. Ji sagte, wenn ich meinen Sohn retten wolle, gebe es noch einen Weg. Ich fragte, welchen. Er sagte: Er wolle die Gelegenheit nutzen, Direktor Mu einen Gefallen zu tun — nämlich dass Mu am Volkskongress teilnehmen dürfe: unbedingt." Wu Xiaohao war entsetzt: „So nutzt man die Gelegenheit? Hatten wir nicht einstimmig beschlossen, Mu Pingchuan nicht als Kandidaten für den Volkskongress zuzulassen?" |
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| − | 2013 - „Shuangjiang“, kam mit Frost, ging zum Tempel
| + | Der Sekretär sagte: „Ja. Ji sagt, wenn nicht Volkskongress-Abgeordneter, dann wenigstens Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz. Ich hatte keine Wahl und stimmte zu, damit er meinen Sohn freiließe. Als der Junge eben nach Hause kam, habe ich ihn gefragt, was wirklich passiert sei. Er sagte, er habe mit Freunden im Fulin-Hotel gegessen; danach habe die Wirtin die anderen weggeschickt und ihn in ein kleines Zimmer geführt — kaum drin, habe sie ihm die Kleider vom Leib gerissen … Ich war so wütend auf ihn, weil er sich herumtreibt, und habe ihn verprügelt." Wu Xiaohao sagte empört: „Das ist wieder eine Falle! Letztes Mal ließ Mu Pingchuan jemanden filmen, wie wir bei der Jufeng-Gruppe gegessen haben — diesmal ist es noch hinterhältiger, noch gemeiner!" |
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| − | 2015 - „Erste Volkszählung“, ging nachmittags in den Zoo
| + | Der Sekretär biss die Zähne zusammen und seufzte dann: „Ach, er ist mein einziger Sohn — und ist ihnen in die Falle gegangen. So viele Jahre im Dienst, so manchen Sturm überstanden, nie vor einem Übeltäter eingeknickt — ein ganzer Kerl. Aber diesmal muss ich mich geschlagen geben, denn ich kann es nicht ertragen, dass mein Sohn als Vergewaltiger ins Gefängnis geht … Bürgermeisterin, wenn wir morgen über die Kandidaten für die Konsultativkonferenz beraten — setz Mu Pingchuan als Vertreter der Wirtschaft auf die Liste. Hilf mir — stimm nicht dagegen, bitte." Wu Xiaohao überlegte und sagte: „Ich … ich verstehe dich. Einverstanden." |
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| − | 2017 - „Mit Doppelbefreiung kam ich“, gab mir den Tag
| + | Zurück in ihrem Zimmer wollte sie weiterschlafen, doch die Unruhe ließ sie nicht los. Nur weil Dongzi in die Falle getappt war, sollten sich beide Spitzenleute Kaipos der Macht des Tiger-Banditen beugen? Nein — sie musste einen Ausweg finden! Am nächsten Morgen rief sie den Polizeichef Yü Qinzhi an und fragte, ob er im Revier sei. Er bejahte; Wu Xiaohao ging hin. |
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| − | --- | + | Im Büro des Polizeichefs fragte er: „Was verschafft mir die Ehre?" Wu Xiaohao sagte: „Keine Anweisung — ich will nur etwas klären. Es heißt, im Fulin-Hotel werde seit Jahren Prostitution betrieben — stimmt das?" Der Polizeichef sagte: „Ja, wir haben Fälle aufgenommen und bestraft." Wu Xiaohao sagte: „Kann ich die Akten sehen?" Er holte sie aus dem Archiv. Wu Xiaohao stellte fest: Es waren nur Strafen gegen Freier verzeichnet, aber keine gegen die Wirtin oder die Prostituierten. Sie sagte: „Chef, heißt das nicht, dass das Fulin-Hotel erwiesenermaßen Prostitution beherbergt?" Der Polizeichef sagte: „So kann man es sehen." Wu Xiaohao sagte: „Gut — dann nutzen Sie diese Tatsache als Druckmittel und regeln Sie die Sache von gestern Nacht." Und sie schilderte, was Dongzi widerfahren war. |
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| − | Wu Xiaohao wird jenes lange Gespräch zu dritt niemals vergessen. Sie, Professor Fang Zhiyin von der Shandong-Universität, und der amerikanische Gelehrte Judge, zu Mitternacht, in der Herbstnacht. Das chinesisch-amerikanische gemeinsame Archäologenteam kam endlich nach Jifen. Auf Veranlassung von Direktor Yin Weixing vom Bezirksamt für Kultur und Sport checkten sie im Wanghai-Hotel in der Gemeinde Jifen ein. Beim gemeinsamen Abendessen schlug Judge jedoch vor, eine Nacht an der Danxu-Ruinenstätte zu verbringen. Er sagte, das tue er an jedem neuen Ausgrabungsort. Professor Fang sagte: „Gut, ich begleite dich.“ Wu Xiaohao sagte: „Ich zeige euch den Weg.“ Sie ließ das Parteibüro einen Minibus schicken, lud Judges Zelt und Schlafsack ein, nahm auch einige Armeemäntel mit, die die Beamten für Nachtwachen verwendeten, und fuhr mit ihnen. Tagsüber hatte Wu Xiaohao mit Liu Dalou und Guo Mo die acht Mitglieder des chinesisch-amerikanischen Teams zur Danxu-Ruinenstätte begleitet. Judge öffnete seinen Laptop, schaute auf die Satellitenbilder und deutete ringsum, sagte, hier seien die Fundamente der Stadtmauern der antiken Stadt Danxu gewesen, dort das Zentrum mit den Wohnhäusern. Eine seiner Studentinnen brachte ein Bodenradar. Auf dem Computerbildschirm zeigten sich die Strukturen der unter der Oberfläche vergrabenen Häuser und vereinzelten Artefakte. Judge strich sich durch seinen zerzausten Bart, lachte herzlich auf und rief laut. Wu Xiaohao fragte Professor Fang: „Was ruft er?“ Professor Fang sagte: „Er ruft: Heilige Stätte der Archäologie am westlichen Pazifik, ich bin gekommen!“ Abends an der Danxu-Ruinenstätte angekommen, schaltete Judge eine solarbetriebene Lampe ein, wählte einen ebenen und trockenen Platz und baute geschickt sein Zelt auf. Dann schaltete er die Lampe aus, trat aus dem Zelt und schaute seufzend zum Sternenhimmel auf. Professor Fang sagte Wu Xiaohao, Judge habe gesagt, der Sternenhimmel hier sei außerordentlich klar. Ohne das Stadtlicht im Nordosten wäre es geradezu ein Dark Sky Park. Wu Xiaohao schaute ebenfalls hin. Der Himmel war heute Nacht völlig klar, ohne Mond. Die Milchstraße erstreckte sich weit, die Sterne funkelten prächtig. Aber sie verstand nicht, was ein Dark Sky Park war. Professor Fang erklärte ihr: Dark Sky Parks sind Parks mit besonders guten Bedingungen für Dunkelheit, die von der International Dark-Sky Association ausgewählt werden, um gegen globale Lichtverschmutzung zu kämpfen. Dieses Jahr wurde Chinas erster Dark Sky Park in Ali, Tibet, eröffnet. Judge schaute nochmals in die pechschwarze Umgebung und sagte auf Chinesisch, stockend: „Freund, hast du schon gegessen?“ Wu Xiaohao war höchst überrascht: Er kann tatsächlich die chinesische Begrüßungsformel! Professor Fang lächelte: „Vorgestern in Jinan gelernt. Er ist so lernbegierig!“ Judge antwortete sich selbst: „Oh, gegessen, Freund, gegessen.“ Wu Xiaohao verstand: Er fragte die Seelen der Vorfahren in seiner Vorstellung. Er fragte Wu Xiaohao noch etwas auf Englisch. Fang Zhiyin übersetzte für Wu Xiaohao: Er fragt, was die Menschen hier damals gegessen haben. Wu Xiaohao sagte: „Lehrer, sagen Sie ihm, in den Stadtannalen von Yu steht, dass die alten Menschen hier ‚mit Reis kochten und Fisch aßen' – das heißt, sie kochten Reis und machten Suppe aus Meeresfisch.“ Judge sagte nach dem Hören: „Yummy!“ und machte Schlürfgeräusche. Dieses Mal verstand Wu Xiaohao. Sie fand, dieser alte Mann war so liebenswert, so interessant! Judge sprach noch etwas mit Professor Fang, was Wu Xiaohao nicht verstand. Aber die englischen Wörter, die sie einst in der Schule gelernt und jahrelang in ihrem Herzen begraben hatte, schienen jetzt wie Weizenkörner im Boden unter ihren Füßen zu keimen und hervorzudringen. Halb hörend, halb ratend, plus Professor Fangs Erklärungen, verstand sie: Judge sagte, er nehme in jedem Land einen lokalen Namen an und wolle auch in China einen haben. Professor Fang sagte: „Du bist ein Jahr jünger als ich, also mein Bruder. Ich heiße Fang Zhiyin, du sollst Fang Zhidan heißen – du untersuchst ja die Danxu-Ruinen. Spitzname: ‚Dandan'.“ Judge war sehr erfreut, schlug sich auf die Brust und rief sich mehrmals „Dandan“. Ein kalter Wind wehte, und Wu Xiaohao fröstelte. Sie holte Armeemäntel aus dem Auto und verteilte sie an Professor Fang und Dandan, zog selbst auch einen an. Dann setzten sich die drei zusammen. Wu Xiaohao nutzte ihre wiedererwachten Englischkenntnisse und mit Professor Fangs Übersetzungshilfe, um mit ihnen zu plaudern. Dandan schien von Professor Fang bereits etwas über Wu Xiaohao erfahren zu haben. Er sagte nun: „Kultur ist ein Produkt von Muße und Freiheit. In Europa und Amerika studieren nur Kinder aus Mittelschichtfamilien Geisteswissenschaften. Du kommst aus armen Verhältnissen – warum hast du Geschichte studiert?“ Wu Xiaohao antwortete: „Mein Geschichtslehrer in der Mittelschule hat mich dazu ermutigt. Er sagte mir, der berühmte Römer Cicero habe gesagt: Wenn du nicht weißt, was vor deiner Geburt geschehen ist, bleibst du für immer ein Kind. Und wenn das Leben der Menschen nicht mit dem Leben ihrer Vorfahren verbunden und in die Atmosphäre der Geschichte eingetaucht wird – welchen Wert hat es dann?“
| + | Der Polizeichef schmunzelte: „Sie — vergewaltigt? Da fragt sich eher, wer wen vergewaltigt hat! Die Frau ist berüchtigt — am Qianwan-Hafen weiß das jeder." — „Ich schlage vor, Sie sprechen mit ihr und lassen ihren Mann die Erpressung sofort einstellen. Sonst werden wir ihre früheren Straftaten verfolgen." Der Polizeichef sagte: „Kein Problem — ich kriege das hin. Seien Sie und der Sekretär beruhigt." Wu Xiaohao kehrte in die Gemeindeverwaltung zurück. Noch am selben Nachmittag rief der Polizeichef an: Die Wirtin habe zugegeben, dass es keine Vergewaltigung war. Sie verspreche auch, ihren Mann zu bändigen. Wu Xiaohao berichtete dem Sekretär; der dankte überschwänglich: „Du hast mir einen Zentner-Stein vom Herzen genommen — und dafür gesorgt, dass unsere Konsultativkonferenz-Nominierung sauber abläuft. Hervorragend!" |
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| − | Dandan wurde sofort aufgeregt und sagte, er habe auch diesen Satz von Cicero gelesen und sei ebenfalls von Geschichte fasziniert. Über dem Apollo-Tempel in Griechenland stehe eine Inschrift: „Erkenne dich selbst.“ Er verstehe diesen Satz so: Man müsse sowohl sich selbst als auch die Menschheit erkennen. Deshalb habe er sich seit seinem 18. Lebensjahr für Archäologie begeistert, seine Spuren hätten ihn durch die ganze Welt geführt. Er fügte hinzu: Geschichte sei die Entwicklung aller Lebewesen, die Fortsetzung der menschlichen Geschichte, ein Bestandteil der Astronomie. Er zeigte auf den Sternenhimmel: Die Erde sei nur ein Staubkorn im Universum, die Menschheit nur eine Spezies auf diesem Staubkorn. So werde Geschichte zum Weg, auf dem die Menschen ins Universum einträten und es verstünden. Wu Xiaohao konnte nicht anders als auszurufen: „Diese Perspektive ist wirklich weitreichend!“ Professor Fang sagte: „Wenn man eine kosmische Perspektive einnimmt und dann hinunter auf die kulturellen Stätten zu unseren Füßen schaut, wird man spüren, dass ein paar tausend Jahre nur ein Augenblick sind.“ Wu Xiaohao fragte: „Wenn das so ist, ist Geschichte dann nicht nichtig? Lohnt es sich für euch Historiker, sie zu erforschen?“ Dandan sagte: „Natürlich lohnt es sich. So wie manche Physiker sich bemühen, Moleküle und Atome weiter zu analysieren – sie suchen nach den Wurzeln der Materie, wir suchen nach den Wurzeln der Geschichte.“ „Wozu dient es, die Wurzeln der Geschichte zu finden?“ Professor Fang sagte: „Die Vergangenheit als Spiegel nehmen, um die Gegenwart und die Zukunft zu verstehen.“ Dandan sagte: „Es gibt noch einen Zweck: die falschen Geschichtsauffassungen der Menschen zu korrigieren.“ Er erklärte weiter: Die Menschheit, die in die zivilisierte Geschichte eingetreten sei, habe im Wesentlichen drei Geschichtsauffassungen: Eine, die Geschichte als zyklisch ansehe, eine, die Geschichte als Rückschritt betrachte, und eine, die Geschichte als Fortschritt sehe. Professor Fang sagte: „Richtig. Die erste und die zweite haben in China einen großen Markt. Es gibt einen berühmten Qing-Roman, 'Die Geschichte der Drei Reiche', der gleich zu Beginn sagt: 'Das Reich unter dem Himmel tendiert zur Einheit, nach langer Teilung zur Vereinigung, nach langer Vereinigung zur Teilung.' Das ist eine typische Kreislauftheorie.“ Dandan lächelte: „Im Westen gibt es auch diese Sichtweise, und man kann Beweise dafür finden. Zum Beispiel wurde die Europäische Union vor nur etwas über zwanzig Jahren gegründet, und die Briten traten bereits wieder aus. Die Globalisierung ist eine allgemeine Tendenz, aber in den USA wollen manche scheinbar das Rad zurückdrehen.“ Professor Fang sagte: „Ich stimme der Kreislauftheorie nicht zu. Ich bin jetzt sechzig Jahre alt, in China nennt man das 'das Jahr der Rückkehr zum Anfang'. Die Chinesen benutzten früher die Himmelsstämme und Erdenzweige zur Jahreszählung, sechzig Jahre bilden einen Zyklus, und die Menschen dachten auch, dass die Weltgeschehnisse sich in Einheiten von einem Jiazi endlos wiederholen würden. Im Volk gibt es die Redewendung: 'Dreißig Jahre östlich des Flusses, dreißig Jahre westlich des Flusses.' Aber das entspricht nicht den Tatsachen. Nehmen wir ein Beispiel: In zwei Jahren, 2018, ist wieder ein Wu-Xu-Jahr. Zwei Jiazi vorher, im Wu-Xu-Jahr, führte Kaiser Guangxu unter dem Drängen einer Gruppe von Ministern die 'Hundert-Tage-Reform' durch. Wie viel hat sich die Gesellschaft seitdem entwickelt?“ Dandan nickte: „Stimmt. Dann gibt es noch die Rückschrittstheorie. Sowohl im Osten als auch im Westen glaubten die Alten, dass es vor ihnen ein Goldenes Zeitalter gegeben habe, in dem die Menschen moralisch tugendhaft waren, aber später immer mehr verfielen...“ Wu Xiaohao warf ein: „In China sagt man: 'Die Menschenherzen sind nicht mehr, was sie waren.'“ Dandan lachte: „Deshalb war der Himmlische Herr sehr traurig und sehr bekümmert und schickte eine große Flut, um die Welt neu zu ordnen.“ Professor Fang sagte: „Im Osten gibt es auch Flutlegenden, aber die Menschen glauben mehr an das, was in den Geschichtsbüchern steht: Die Drei Herrscher und Fünf Kaiser waren alle weise; die Nachkommen des göttlichen Reiches waren beinahe himmlisch. Deshalb riefen später einige Denker und Politiker dazu auf, sich selbst zu überwinden und zu den Riten zurückzukehren.“ Wu Xiaohao fragte: „Lehrer, waren die Drei Herrscher und Fünf Kaiser in der Longshan-Kultur-Periode?“ Professor Fang sagte: „Die akademische Welt stimmt dieser Aussage derzeit größtenteils zu, aber es bedarf weiterer archäologischer Entdeckungen als Beweis. Hoffentlich wird es bei den Ausgrabungen der Dan-Ruine neue Entdeckungen geben.“ Wu Xiaohao fragte Dandan, welcher Geschichtsauffassung er zustimme. Dandan schwieg eine Weile und sagte: „Aus astronomischer Sicht stimme ich der ersten und zweiten zu. Aus anthropologischer Sicht stimme ich der dritten zu.“ Diese Ansicht überraschte Wu Xiaohao sehr, und sie bat Dandan um eine Erklärung. Dandan sagte: „Einige Wissenschaftler schlagen vor, dass das Universum vor über dreizehn Milliarden Jahren mit einem Urknall begann, aber wenn sich das Universum bis zur Grenze ausgedehnt hat, wird es sich zusammenziehen und kollabieren, zu einem ursprünglichen Punkt schrumpfen und dann wieder explodieren. Ist das nicht ein Kreislauf? Die zweite, die Rückschrittstheorie, basiert auf der 'Entropietheorie' – wenn die Sonne erlischt, wird die Menschheit dann noch existieren?“ Wu Xiaohao nickte zum Zeichen des Verständnisses. Professor Fang sagte: „Aus anthropologischer Sicht ist die Fortschrittstheorie richtig. Schauen Sie auf die Dan-Ruine – vor viertausend Jahren könnte dies die Hauptstadt eines Staates gewesen sein. Historische Aufzeichnungen berichten von den Xia-, Shang- und Zhou-Dynastien, als auf dem chinesischen Land zehntausend Staaten nebeneinander existierten. Aber China bewegte sich immer in Richtung Vereinigung. Und wie gewaltig ist der Wandel der menschlichen Gesellschaft! Vor zehntausend Jahren konnten Menschen sich keine Gesellschaft mit Staaten vorstellen; vor tausend Jahren keine Gesellschaft, die ohne Elektrizität nicht funktioniert; vor hundert Jahren keine Gesellschaft, die ohne Internet nicht auskommt.“ Dandan sagte: „Wenn man sich die Satellitenkarte anschaut, besonders die der Shandong-Halbinsel, sieht man viele, viele alte Stadtmauern. Eine Stadtmauer – darin eine Schicksalsgemeinschaft. Eine große Mauer – auch sie schützte eine Schicksalsgemeinschaft. Dass zeitgenössische Führer mit Weitblick vorschlagen, eine Schicksalsgemeinschaft der Menschheit aufzubauen, welch großer konzeptioneller Fortschritt ist das!“ Professor Fang seufzte bewegt: „Hegel hat einmal gesagt: Die gesamte Geschichte seit ihren Anfängen zu durchschauen, ohne durch irgendwelche falschen Verschleierungen der subjektiven Beobachtung behindert zu werden. Können die Menschen sich ein so großartiges, prächtiges, farbenfrohes, interessantes und natürliches Panorama vorstellen? Was könnte befriedigendere Gefühle und Vorstellungen bringen als dies? Das ist das Glück der Historiker.“ Wu Xiaohao sagte: „Lehrer, ich beneide euch wirklich.“ Professor Fang sagte: „Nein, wir Historiker erforschen die Geschichte, du bist eine Schöpferin der Geschichte. Du arbeitest als Bürgermeisterin auf diesem Land mit seiner langen Geschichte, machst die Berge und Gewässer hier noch schöner, lässt die einfachen Menschen hier glücklicher sein – ist das nicht glücklich?“ Wu Xiaohao sagte aufrichtig: „Glücklich, wirklich glücklich.“ Professor Fang sagte: „Ich weiß, dein persönliches Leben ist nicht glücklich, und in der Arbeit gibt es auch Sorgen, aber wenn du eine historische Perspektive gewinnst, wird dies zu einem gewissen Grad aufgelöst. Wenn du auf die menschliche Geschichte zurückblickst und an die Schwierigkeiten und Hindernisse denkst, die vorherige Generationen erlebt haben, wirst du die Herausforderungen des Schicksals mit Würde annehmen.“ Als Wu Xiaohao das Wort „Würde“ hörte, wurde ihre Seele tief berührt. Sie schaute zum Himmel hinauf, das Meer funkelte unter den Sternen. Sie sagte: „Lehrer, ich werde es mir merken. Vielen Dank.“ Das chinesisch-amerikanische Archäologenteam begann seine Arbeit an der Dan-Ruine und grub Testgräben aus. Wu Xiaohao kam alle paar Tage vorbei. Sie sah, wie das Ausgrabungsteam mehrere Hausruinen freilegte, einige rechteckig, andere rund; verschiedene Tonscherben ausgrub, einige grau, andere rot; und mehrere Gräber entdeckte, von Erwachsenen und kleinen Kindern. Wu Xiaohao erlebte ihre Arbeitsweise mit: auf dem Boden liegend, im Staub sitzend, mit Pinseln und anderen Werkzeugen Schicht für Schicht die Erde entfernend, damit die antiken Überreste Stück für Stück zum Vorschein kamen. Als Dandan ein Grab ausgrub, lag er, um einen kleinen Kinderknochen herauszunehmen, auf dem Boden, hielt fast den Atem an, sein Bart war voller Erdkrümel. Einige Dorfbewohner kamen zum Zuschauen, standen hinter der Absperrung und sauten einen halben Tag lang zu, sahen aber keine wertvollen Schätze auftauchen. Manche schüttelten den Kopf und gingen weg, während sie murmelten: „Das sind doch Laba!“ „Laba“ bedeutet „Dummkopf“. Wu Xiaohao hörte das und schüttelte lächelnd den Kopf. An diesem Samstag kam Wu Xiaohao wieder. Sobald Professor Fang sie sah, sagte er: „Xiaohao, wir haben heute eine wichtige Entdeckung gemacht!“ Er holte zwei Glasfläschchen heraus und zeigte ihr den Inhalt. Wu Xiaohao sah in einem grauschwarze Körner und fragte vorsichtig: „Ist das nicht Reis?“ Professor Fang nickte: „Es ist Reis, bereits verkohlt. Nach meiner vorläufigen Einschätzung gehört er zum Japonica-Typ. Dies beweist, dass das Klima hier damals warm und feucht war, und die ökologische Umgebung günstig für das Wachstum von Reis.“ Sie schaute in das andere Fläschchen – ein schwarzer Klumpen, der aussah wie Holzkohle. Wu Xiaohao fragte, was das sei. Professor Fang sagte, es sei ein Haufen Fischschuppen. Wu Xiaohao rief begeistert: „Anscheinend haben die Menschen aus der Stadt Yu die Tradition von 'Reis als Hauptnahrung mit Fisch'!“ Professor Fang sagte: „Genau.“ Professor Fang sagte zu Wu Xiaohao: „Morgen kommt ein Schüler von mir aus Qingdao, um mich zu besuchen. Er ist dein Kommilitone. Komm doch und halte ihm Gesellschaft.“ Wu Xiaohao fragte: „Gut, aus welchem Jahrgang ist er?“ Professor Fang sagte: „Ein Jahr vor dir, er heißt Liu Jingji.“ „Liu Jingji?“ In ihrem Kopf erschienen sofort sein kräftiges Brauenpaar und seine großen Augen. Professor Fang sagte: „Er hat in meinem Freundeskreis gesehen, dass ich in Yu Archäologie betreibe. Er sagte, es sei nicht weit von hier, und wollte mich besuchen. Er ist jetzt ein Manager, im Produktionsgewerbe.“ Wu Xiaohao sagte: „Im Produktionsgewerbe? Er regiert nicht das Land und rettet die Menschen?“ „Oh, ihr kennt euch?“ Erst jetzt merkte Wu Xiaohao, dass sie sich verplappert hatte, und musste zugeben: „Wir kennen uns. Aber nach dem Abschluss hatten wir nie wieder Kontakt.“ „Dann könnt ihr morgen die Verbindung wiederherstellen.“ Nach der Rückkehr von der Dan-Ruine konnte Wu Xiaohaos Herz nicht zur Ruhe kommen, besonders nachts im Bett – die Szenen ihrer früheren Begegnung mit Liu Jingji tauchten eine nach der anderen vor ihren Augen auf. Sie konnte den Duft der Flieder unter dem Literatur- und Geschichtsgebäude der Shandong-Universität förmlich noch riechen, das Rascheln der Blätter im kleinen Wäldchen hören. Und so regte sich auch ihr Körper auf, Welle um Welle, ihr Gesicht wurde heiß, ihr Herz schlug schneller. Am nächsten Morgen stand sie auf und wählte zuerst Kleidung aus, etwas Schöneres, eleganter Aussehendes. Aber als sie ihren Schrank durchsuchte, fand sie nichts Passendes. Da erkannte sie: Seit sie nach Guaipo gekommen war, hatte sie kein einziges anständiges Kleidungsstück mehr gekauft. Im Schrank hingen nur gewöhnliche Sachen, solche, die ihre weiblichen Züge nicht so hervorhoben, die sie unter den Gemeindekader nicht herausragen ließen. Sie wühlte eine halbe Ewigkeit und entschied sich schließlich für einen schwarzen Wollmantel und eine dunkelrote Hose. Als sie sich danach im Spiegel betrachtete, stellte sie fest, dass ihre Frisur provinziell war, ihr Teint blass, ihre Haut rau – sie sah bereits wie eine Frau mittleren Alters aus. Unvermeidlich war sie bedrückt und dachte, heute würde sie sich vor Liu Jingji sicher blamieren. Aber dann machte sie sich über sich selbst lustig: „Eine Frau macht sich schön für den, der sie schätzt“ – du machst dich vielleicht schön, aber er schätzt dich vielleicht nicht. Damals hattest du eine Beziehung mit ihm, und dann erfuhr er plötzlich von You Haoliang. Wenn er dich heute nicht beschimpft, ist das schon gut. Bei diesem Gedanken sagte sie zu sich: „Xiaogao, bilde dir nichts ein. Du folgst nur dem Auftrag deines Lehrers und triffst einen Kommilitonen, mehr nicht.“ Gegen zehn Uhr rief Professor Fang an und sagte: „Liu Jingji ist bereits von der Autobahn in Yu abgefahren. Warte am nördlichen Ende der Großen Brücke über den Liu-Fluss auf ihn, und wenn er kommt, bring ihn her.“ Wu Xiaohao stimmte zu, stieg in ihren Dienstwagen und fuhr los. Dort angekommen wartete sie eine Weile, dann zeigte Xiao Wang nach vorne: „Dieser Landrover hat ein Qingdao-Kennzeichen, das könnte dein Kommilitone sein.“ Der weiße Landrover verlangsamte tatsächlich und hielt am Straßenrand. Aus der Fahrertür des Landrovers stieg der brauenstarke, großäugige Liu Jingji. Er hatte einen Bürstenhaarschnitt, trug ein kariertes Freizeithemd, ganz das Bild eines erfolgreichen Geschäftsmanns. Als er Wu Xiaohao sah, kam er zu ihr und rief: „Kommilitonin Hao!“ und schüttelte ihr kräftig die Hand. Wu Xiaohao lächelte und antwortete: „Willkommen, Kommilitone.“ Liu Jingji machte eine einladende Geste und bat Wu Xiaohao, in sein Auto zu steigen. Wu Xiaohao ließ Xiao Wang zurückfahren. Sie setzte sich auf den Beifahrersitz und zeigte nach Westen: „Der Lehrer ist dort, wir sind gleich da.“ Liu Jingji startete den Wagen und fuhr am Fluss entlang nach Westen. Wu Xiaohaos Herz war angespannt, aber sie versuchte, ein Gespräch zu führen, und fragte ihn, wann er losgefahren sei und ob er über die Jiaozhou-Bucht-Brücke oder durch den Meerestunnel gefahren sei. Liu Jingji sagte: „Über die Jiaozhou-Bucht-Brücke.“ Danach wusste Wu Xiaohao nicht, was sie sagen sollte, und auch Liu Jingji schaute nach vorne und schwieg. Plötzlich drehte er das Lenkrad und hielt am Straßenrand an. Wu Xiaohao fragte ihn: „Warum hältst du an?“ Liu Jingji drehte sich zu ihr um: „Was denkst du, warum? Ich möchte ein Rätsel lösen.“ Wu Xiaohaos Herz klopfte heftig, sie fragte verwirrt: „Was für ein Rätsel?“ „An der Shandong-Uni hattest du bereits einen Freund, warum wolltest du dann noch mit mir flirten?“ Wu Xiaohao senkte den Kopf und bedeckte ihr Gesicht, seufzte: „Liu Jingji, das ist das Rätsel, das du lösen willst, und auch der Knoten in meinem Herzen. Ich entschuldige mich aufrichtig bei dir, es tut mir leid.“ Sie hielt inne und sagte: „Aber damals war ich wirklich von dir angezogen, ich mochte dich wirklich von Herzen, und gleichzeitig hegte ich eine Fantasie, wollte einen Traum verwirklichen.“ Dann erzählte sie ihm die ganze Geschichte mit You Haoliang von Anfang bis Ende. Liu Jingji hörte zu und seufzte: „Ach, so war das also. Schade um dich.“ Dabei warf er Wu Xiaohao einen Blick zu, in dem Blick lag ein sehr komplexer Inhalt. Wu Xiaohao spürte, wie die Tränen kommen wollten, aber sie hielt sie zurück und wechselte das Thema: „Heute möchte ich auch ein Rätsel lösen: Du sagtest damals, nach dem Abschluss würdest du in höhere Positionen gehen, das Land regieren und die Menschen retten. Warum bist du in die Produktionsbranche gegangen?“ Liu Jingji lächelte: „Damals war ich ein junger Bursche mit viel jugendlichem Übermut. Nach dem Abschluss bestätigte sich das Sprichwort: Das Ideal ist üppig, die Realität ist mager.“ „Du siehst jetzt aber nicht mager aus, du bist bereits ein großer Boss.“ „Geht so. Dieses Jahr wird der Produktionswert über zehn Milliarden erreichen.“ Wu Xiaohao war verblüfft: „Über zehn Milliarden? Was stellst du denn her?“ „Hauptsächlich Schiffe, aber auch anderes. Kürzlich bauen wir ein wichtiges nationales Großprojekt.“ „Was für ein nationales Großprojekt?“ „Die größte vollständig untertauchbare intelligente Fischzuchtanlage der Welt, genannt 'Tiefsee Nr. 1'.“ Liu Jingji sagte: „Das ist für das Forschungsprojekt von Professor Yu Yinghui von der Meeresuniversität. Die Aquakultur im chinesischen Küstengebiet steht vor einem Engpass, die meiste ist auf niedrigem Niveau, einfach strukturiert. Er will Maßnahmen zur Transformation und Modernisierung erforschen. Er hat entdeckt, dass es in der Mitte des Gelben Meeres eine riesige Tiefseekaltmasse gibt, etwa halb so groß wie die Provinz Shandong. Er plant, dort eine Meeresfarm zu errichten und Lachse zu züchten.“ Wu Xiaohao rief erstaunt: „Lachse züchten? Das sind doch edle Fische.“ „Genau. Derzeit stammen die Lachse auf dem chinesischen Markt hauptsächlich aus Importen aus Nordeuropa. In den Restaurants sind sie extrem teuer. Wenn die Zucht in der Gelben-Meer-Kaltmasse erfolgreich ist, wird es kein Luxuskonsum mehr sein, Lachs wird auf den Tischen gewöhnlicher Menschen erscheinen. Professor Yu sagte, wenn dieses Projekt gelingt, wird China weltweit als erstes die Lachszucht in warmen Meeren realisieren. Das traditionelle Zuchtmodell der chinesischen Meeresfischerei wird sich von der küstennahen Flachwasserzucht zur Tiefseezucht auf hoher See wandeln.“ „Das wird Geschichte schreiben!“ rutschte es Wu Xiaohao heraus. Liu Jingji lächelte: „Du hast recht, Geschichte schreiben. Bürgermeisterin Wu, hast du Interesse, es nach Guaipo zu holen?“ Wu Xiaohao schaute ihn mit großen Augen an: „Wie, das Projekt ist noch nicht angesiedelt?“ „Nein, es ist nur ein Konzept. Professor Yu forscht schon seit mehreren Jahren, will dieses 'Tiefsee Nr. 1' bauen. Ich habe die Fähigkeit und bin bereit, es zu übernehmen, aber ich habe kein Zuchtunternehmen gefunden, das bereit ist zu investieren. Ich habe mit einigen gesprochen, aber alle zögern.“ „Wie viel würde das Projekt kosten?“ „Allein die Netzanlage kostet über hundert Millionen, außerdem müssen eine Brutaufzucht und ein Zuchtschiff gebaut werden. Ohne zwei bis drei Milliarden geht es nicht.“ Wu Xiaohao sagte: „Das ist allerdings viel. Aber ich habe das Gefühl, dass dies ein gutes Projekt ist, auch wenn es Risiken gibt, hat es große Zukunftsperspektiven. Ich kann mit den leistungsfähigen Unternehmen hier sprechen. Wenn ich jemanden überzeugen kann, melde ich mich bei dir.“ „Gut, füge mich bei WeChat hinzu.“ Liu Jingji zückte sein Handy. Wu Xiaohao scannte seinen QR-Code, während sie die Verifizierungsanfrage schickte, sagte sie: „Anfang letzten Jahres bat ich in der Klassengruppe Kommilitonen um Hilfe bei der Investitionswerbung. Jemand schickte mir deine WeChat-Kontaktdaten und deine Visitenkarte, aber ich traute mich nicht, dich hinzuzufügen.“ Liu Jingji seufzte: „Obwohl die aufgehende Sonne verloren ist, ist die Abendsonne noch nicht zu spät.“ Damit startete er den Wagen und fuhr entlang des mit Schilf bedeckten Flussufers nach Westen. Während Liu Jingji mit Professor Fang sprach, dachte Wu Xiaohao: „Tiefsee Nr. 1“ ist wirklich ein gutes Projekt, ich sollte es herholen. Von allen Zuchtunternehmen in Guaipo hat nur die Jufeng-Gruppe die Kapazität und das Kapital. Ich sollte Generaldirektor Xin dazu bewegen, sich dieser großen Sache anzunehmen. Sie rief Generaldirektor Xin an und sagte, ein Kommilitone von ihr sei aus Qingdao gekommen, um den Professor zu besuchen, der an der Dan-Ruine Archäologie betreibe. Ihr Kommilitone habe ein sehr gutes Projekt, Generaldirektor Xin könne sich darüber informieren und sehen, ob es umgesetzt werden könne. Generaldirektor Xin sagte: „Gut, bring deinen Lehrer und deinen Kommilitonen zum Essen zu mir.“ Wu Xiaohao sagte: „Ich wage nicht mehr, bei dir zu essen. Was, wenn die kleine Schwägerin mich wieder bei der Disziplinarkommission anzeigt? Dann bin ich erledigt.“ Generaldirektor Xin sagte: „Wenn du dir nicht sicher bist, gehen wir zu einem kleinen Fischrestaurant in der Nähe. Das gehört einem Verwandten von mir, absolut sicher.“ Wu Xiaohao sagte: „Gut. Aber ich möchte auch einen amerikanischen Archäologen mitnehmen.“ Generaldirektor Xin sagte: „Gut, alle sollen kommen!“ In diesem Moment kam Dandan mit einem kleinen Gegenstand herüber und zeigte ihn ihr. Sie nahm ihn entgegen – es war ein etwa drei Zentimeter langes zylindrisches Keramikobjekt mit Rillen an beiden Enden und in der Mitte. Sie erkannte es nicht. Dandan streckte beide Arme aus und machte eine Wurfbewegung von links nach rechts. Wu Xiaohao verstand noch immer nicht und sagte: „Lehrer, was ist das denn?“ Professor Fang und Liu Jingji kamen herüber, sahen es an und sagten, es sei ein Netzgewicht. Liu Jingji lachte: „Der Hersteller dieses Netzgewichts und ich sind Berufskollegen, wir stellen beide Fischereigeräte her.“ Wu Xiaohao sagte: „Stimmt. Allerdings ist das Fischereigerät, das du herstellen willst, wirklich sehr groß.“ Sie sagte zu Liu Jingji: „Generaldirektor Xin von der Jufeng-Gruppe hat Interesse an 'Tiefsee Nr. 1'. Mittags lädt er uns zum Essen ein, du kannst ihm dabei über das Projekt berichten.“ Liu Jingji sagte: „Gut.“ Um halb zwölf sagte Wu Xiaohao: „Lasst uns gehen.“ Sie stiegen mit Professor Fang und Dandan in Liu Jingjis Wagen. Im Auto erfuhr Dandan, dass Liu Jingji und Wu Xiaohao Kommilitonen waren, und fragte: „Wart ihr an der Uni ein Paar?“ Wu Xiaohao erschrak und wusste nicht, wie sie antworten sollte. Liu Jingji schüttelte verneinend den Kopf. Sie kamen zu einem Fischrestaurant an der Mündung des Liu-Flusses, wo Generaldirektor Xin bereits wartete. Wu Xiaohao stellte Dandan Generaldirektor Xin vor und sagte, er sei der Chef einer dreihundert Hektar großen Meerwasserfarm. Dandans Augen wurden rund: „Oh, so groß!“ In einem Separée sitzend fragte Dandan den Restaurantbesitzer auf Chinesisch: „Reis als Hauptnahrung mit Fisch?“ Wu Xiaohao war einerseits erstaunt über Dandans außergewöhnliches Gedächtnis für Chinesisch, andererseits erklärte sie dem Besitzer die Bedeutung dieser vier Zeichen. Der Besitzer nickte lächelnd: „Kein Problem, kein Problem.“ Nachdem die verschiedenen Meeresfrüchte serviert wurden, probierte Dandan jede einzelne sorgfältig und stellte Professor Fang Fragen. Wu Xiaohao ließ Liu Jingji Generaldirektor Xin über „Tiefsee Nr. 1“ berichten. Als er hörte, dass es einen Durchmesser von sechzig Metern, einen Umfang von über einhundertachtzig Metern, eine Höhe von achtunddreißig Metern und ein Gewicht von eintausendvierhundert Tonnen hatte, rief Generaldirektor Xin aus: „Wie die Pyramide des Himmels! Wie bekommt man das ins Meer?“ Liu Jingji erklärte ihm, dass es mit Schleppern gezogen würde. Als er hörte, dass „Tiefsee Nr. 1“ dreihunderttausend Lachse aufnehmen konnte, mit einer geplanten Jahresproduktion von eintausendfünfhundert Tonnen, sagte Generaldirektor Xin: „Eintausendfünfhundert Tonnen Lachs, das ist eine Menge Geld!“ Generaldirektor Xin fragte Liu Jingji, wo die Gelbe-Meer-Kaltmasse liege. Liu Jingji öffnete Baidu Maps auf seinem Handy und zeigte darauf: „Hier, über hundert Seemeilen von Qingdao entfernt.“ Generaldirektor Xin schaute und sagte: „Von hier scheint es noch weiter zu sein, mit dem Schiff mindestens zehn Stunden.“ Liu Jingji sagte: „Wenn es fertig ist, stellt man ein Zuchtschiff dort hin, und es reicht, wenn Leute Wache halten.“ Generaldirektor Xin fragte auch, was „vollständig untertauchbar“ bedeute. Liu Jingji erklärte ihm, dass die neuesten patentierten Technologien der Meeresuniversität zum Einsatz kämen, wie die Reinigung von Organismen, die sich an Bojen und Netzen anhefteten, und die Fütterung mit automatischem Sauerstoffzusatz. Die Plattform werde durch eine vom Meeresuniversität entwickelte Strömungsenergie-Stromgenerierung mit grüner Energie versorgt. Außerdem werde das Netzmaterial aus dem Material für kugelsichere Westen hergestellt, genannt „ultrahochmolekulares Polyethylenfaser“, es sei extrem stark und könne Haiangriffe abwehren. „Tiefsee Nr. 1“ könne die Wasserqualität in Echtzeit überwachen, das Verhalten der Fische beobachten und sogar basierend auf dem Fischverhalten intelligent Futter dosieren. Generaldirektor Xin sagte: „Im Traum hätte ich mir nicht vorstellen können, dass es solche Zuchtanlagen gibt!“ Als das Essen kam, schlug Wu Xiaohao vor, die Jufeng-Gruppe und das im Bau befindliche Fischereimuseum zu besichtigen. Professor Fang und Dandan stimmten freudig zu. Liu Jingji schaute auf seine Uhr, zögerte kurz und sagte: „Gut, ich fahre um vier zurück.“ Professor Fang sagte: „Jingji, du kannst hier übernachten, morgen lassen wir Xiaohao dich zur Kiemenmenschen-Insel begleiten.“ Liu Jingji sagte: „Lehrer, es tut mir wirklich leid, heute Abend veranstaltet unsere Firma einen 'Handwerkergeist'-Redewettbewerb, und ich soll den Gewinnern Preise überreichen.“ Er schaute zu Wu Xiaohao: „Xiaohao, gehst du heute zurück nach Yu? Ich könnte dich mitnehmen.“ Wu Xiaohao sagte: „Ich muss noch nach Guaipo zurück. Unsere Regelung ist, dass ab halb sechs nachmittags am Samstag jeder Kader seinen Standort in die Gruppe schicken muss, um zu verhindern, dass jemand früh seinen Posten verlässt. Als Bürgermeisterin muss ich das erst recht tun.“ Liu Jingji sagte: „Wow, selbst am Samstag wird so streng kontrolliert? Gemeindekader haben es wirklich nicht leicht. Gut, ich fahre nach der Besichtigung selbst zurück.“ Wu Xiaohao rief Xiao Wang an und bat ihn, gegen drei Uhr zur Baustelle des Fischereimuseums zu kommen. Sie verließen das Restaurant, Generaldirektor Xin stieg in sein eigenes Auto und fuhr vor Liu Jingjis Auto zur Jufeng-Gruppe. Unterwegs hielten sie mehrmals an und sahen sich die Austern, Garnelen, Taschenkrebse, Muscheln und so weiter an, die hier gezüchtet wurden. Liu Jingji sagte nach der Besichtigung: „Generaldirektor Xin, ich schätze, dass der Gesamtproduktionswert Ihrer viertausendfünfhundert-Mu-Farm nicht unbedingt den Produktionswert von 'Tiefsee Nr. 1' erreicht.“ Generaldirektor Xin sagte: „Ich überlege es mir, ich versuche, dieses Projekt zu übernehmen!“ Wu Xiaohao zeigte auf die daneben liegende Brutanstalt: „Du hast diese Brutanstalt. Wenn du Lachse züchtest, musst du keine neue mehr bauen.“ Generaldirektor Xin sagte: „Stimmt.“ Sie kamen zum Seedeich, es war gerade Flut. Die Wellen waren mehr als zehn Meter hoch und schlugen gegen den Damm. Wu Xiaohao dachte an die astronomische Flut, die sie vor vier Jahren hier erlebt hatte, und fühlte wieder jene schreckliche Erschütterung. Dandan betrachtete alles und sagte, dass das Küstenschutzprojekt, das die Holländer gebaut hatten, weltweit erstklassig sei. Er hätte nicht gedacht, dass es so etwas auch in China gebe. Wu Xiaohao erzählte ihm von den schwierigen Mühen des Generaldirektors Xin bei der Rückgewinnung dieses Wattlandes und von dem Deichbruch-Vorfall, den sie selbst miterlebt hatte. Dandan sagte, dem Meeresgott Land abzuringen, fordere sicherlich seinen Preis. Dann schaute er hinaus aufs Meer, schwieg eine Weile und sagte, auf der anderen Seite des Pazifiks lebe seine Mutter, sie sei bereits einundachtzig Jahre alt. Als er das sagte, wurden seine Augen feucht. Wu Xiaohao war von seinem Anblick gerührt. Sie schaute zur anderen Seite des Seedeichs, dort, am Ufer der Tiefen Bucht, war bereits das dreistöckige Gerüst des Museums errichtet, das über die Pinienwälder hinausragte. Generaldirektor Xin führte alle zur Besichtigung. Dort angekommen sah sie Sun Wei mit Schutzhelm und Arbeitskleidung – er sah aus wie ein Bauarbeiter. Wu Xiaohao stellte den Gästen vor: „Das ist der zukünftige Direktor des Fischereimuseums.“ Dandan zeigte auf Professor Fang und sagte zu Sun Wei: „Du kannst von ihm einige Ausstellungsstücke für hier bekommen.“ Wu Xiaohao sagte: „Richtig, Dinge wie Netzgewichte sollten hierherkommen.“ Professor Fang sagte: „Ich habe darüber nichts zu sagen, die Eigentumsrechte an ausgegrabenen Kulturgütern liegen beim staatlichen Kulturgüteramt.“ Wu Xiaohao sagte: „Ich spreche mit Direktor Xue, wahrscheinlich kann er uns einige geben.“ Wu Xiaohao fragte Sun Wei, wann das Richtfest sei. Sun Wei sagte, in etwa einem halben Monat. Wu Xiaohao bat ihn, nach dem Richtfest sofort mit dem Innenausbau zu beginnen, gleichzeitig Ausstellungsstücke zu sammeln und die Ausstellung zu planen, damit das Museum nächstes Jahr im Juni vor Beginn der Hochsaison definitiv eröffnet würde. Sun Wei sagte: „Bestimmt, bestimmt.“ Liu Jingji sagte: „Ich hoffe, wenn ich nächstes Jahr komme, um dieses Fischereimuseum zu besuchen, im letzten Ausstellungsraum ein verkleinertes Modell von 'Tiefsee Nr. 1' sehen zu können.“ Generaldirektor Xin sagte: „Seien Sie unbesorgt, Direktor Liu, Sie werden es sehen.“ Liu Jingji schaute auf seine Uhr und musste sich verabschieden. Er schüttelte allen die Hand. Als er Wu Xiaohaos Hand schüttelte, drückte er sie sanft und schaute sie an: „Xiaohao, ich warte darauf, dass du nach Qingdao kommst, um über das Projekt zu sprechen.“ Wu Xiaohao sagte: „Gut, ich komme.“ Wu Xiaohao kehrte nach Guaipo zurück, sah das Auto des Sekretärs unten und ging zu seinem Büro, um Bericht zu erstatten. Sie sagte, ihr Kommilitone sei vorbeigekommen und habe „Tiefsee Nr. 1“ vorgestellt, Generaldirektor Xin der Jufeng-Gruppe sei bereit, es anzusiedeln. Aber der Sekretär runzelte die Stirn und sagte: „Diese Sache muss vorsichtig angegangen werden. Wir können nicht so viel Geld ausgeben, um Experimente durchzuführen.“ Als Wu Xiaohao seine negative Einstellung sah, wollte sie nicht weiter darüber sprechen. Kaum hatte Wu Xiaohao sich in ihrem Büro hingesetzt, rief Generaldirektor Xin an und sagte, nach reiflicher Überlegung habe er beschlossen, „Tiefsee Nr. 1“ nicht zu übernehmen. Sie solle es Direktor Liu sagen, damit sie seine Zeit nicht verschwende. Wu Xiaohao fragte: „Wovor hast du Angst?“ Generaldirektor Xin sagte: „Ich habe nicht so viel Geld. Bürgermeisterin, du lässt mich das Museum bauen, ich habe ohne zu zögern zugestimmt. Ich schätze, dass dieses Projekt achtzig Millionen kostet. Woher soll ich zwei bis drei Milliarden nehmen? Vergiss es lieber, ich konzentriere mich auf meine bestehenden Projekte.“ Als Wu Xiaohao ihn so reden hörte, wollte sie ihn nicht weiter überreden. Aber sie rief Liu Jingji nicht an, um abzusagen, wollte sich eine Hintertür offenhalten. Sie dachte: Falls Generaldirektor Xin seine Meinung ändert und sich entschließt, es zu machen? Um halb sechs schickte sie ihre Position in die „Guaipo-Kader-Gruppe“ und nahm dann den Bus in die Stadt. Yueyue rief an und sagte, morgen Abend gebe es eine Geburtstagsfeier für ihr Kind, sie solle vorbeikommen. Wu Xiaohao sagte: „Ich kann unmöglich You Haoliang dorthin mitnehmen.“ Yue Yue sagte: „Ich verstehe, komm mit Diandian.“ Sie kam zur Großen Brücke über den Liu-Fluss und dachte daran, dass sie heute Morgen hier Liu Jingji abgeholt und fünf Stunden mit ihm verbracht hatte. Es fühlte sich an, als seien sie eilig zusammengekommen und eilig wieder auseinandergegangen. Liu Jingji schien in ihrem Herzen noch ferner gerückt zu sein. Ich bin wahrscheinlich in Liu Jingjis Herzen genauso. „Das Leben ist überall wie der Flug des Wildgans über Schnee. Zufällig bleiben Spuren im Schlamm, aber die Wildgans fliegt – kümmert es sie, ob Osten oder Westen...“ Sie dachte an dieses Gedicht von Su Shi, einerseits erleichtert, andererseits melancholisch. Obwohl sie dachte „die Wildgans fliegt – kümmert es sie“, konnte sie nicht anders, als Liu Jingji eine WeChat-Nachricht zu schicken und zu fragen, ob er in Qingdao angekommen sei. Als sie Liu Jingjis Antwort „Angekommen, danke“ sah, beruhigte sich ihr Herz. Sie schaute sich Liu Jingjis Moments an, wollte mehr über seine Situation erfahren, und entdeckte, dass er hauptsächlich Informationen über die Produktionsbranche teilte, auch Medienberichte über sein Unternehmen. Nach diesen Berichten zu urteilen war diese Fabrik wirklich nicht schlecht. Der Bus kam zu einer großen Kreuzung in der Stadt Yu und hielt vor einer roten Ampel. Mehrere große Lastwagen fuhren hintereinander von West nach Ost, hinter den Windschutzscheiben hing jeweils ein großes weißes Schild mit den vier großen roten Zeichen „Haozhi-Logistik“. Wu Xiaohao war über die zwei Zeichen „Haozhi“ verwirrt, als ein kahlköpfiger alter Mann auf dem Vordersitz sich zu seinem Sitznachbarn umdrehte: „Großer Bruder, siehst du, das ist die Fahrzeugflotte von meinem Sohn, sie fahren zum Hafen, um Waren zu liefern! Selbst wenn sie überladen sind, wagt niemand, sie anzuhalten. Ist das nicht beeindruckend?“ Wu Xiaohao schaute auf diese Lastwagen, alle hatten verlängerte Ladeflächen, die Ladeflächen waren mit Planen bedeckt, und an der Art, wie sie an der Kreuzung wieder anfuhren, erkannte man, dass sie schwer überladen waren. Der andere alte Mann auf dem Vordersitz sagte: „Dein Sohn ist wirklich fähig, in diesem Geschäft tätig zu sein.“ Der kahlköpfige alte Mann sagte: „Es liegt nicht daran, dass mein Sohn fähig ist, sondern dass sein Chef fähig ist. Er hat Beziehungen zur Polizeiführung, kann mit Geld alles regeln. Hast du das Schild vorne nicht gesehen, 'Haozhi-Logistik'? 'Haozhi' ist der Name des Chefs. Wenn man dieses Schild sieht, lassen die Kontrolleure sie bedingungslos durch.“ Ein anderer alter Mann fragte: „Müssen sie für die Straßennutzung bezahlen?“ Der kahlköpfige alte Mann sagte: „Natürlich, jeder Lastwagen zahlt Haozhi-Logistik zweitausend pro Monat.“ Als Wu Xiaohao das hörte, füllte sich ihre Brust mit erstickender Wut. Dieser You Haoliang geht eben nicht den rechten Weg! Zum Glück hatte sie schon gehört, dass es in Yu dieses Geschäft gab: kontrollfreie Wege bahnen. Eine Art war es, mit den Verkehrspolizisten „Verstecken“ zu spielen, an wichtigen Kreuzungen Leute als Wachposten zu postieren, die per Handy Informationen weitergaben, damit überladene Fahrer Umwege nehmen oder vor Ort warten konnten, bis die Polizei Feierabend hatte. Eine andere Art war es, ein Logistikunternehmen zu registrieren, Beziehungen zu Führungskräften zu pflegen, einige LKW-Fahrer Schutzgeld zahlen zu lassen und sie dann, offen und unverfroren, unter den Augen der Polizei durchzulassen. Sie hätte nicht gedacht, dass You Haoliang auch in dieses Geschäft eingestiegen war. Beim Anblick der rauchenden Hinterteile dieser großen Lastwagen empfand sie Abscheu. Sie dachte, als solcher Gauner würde You Haoliang nicht lange überleben. Wu Xiaohao kam nach Hause und sah ihre Mutter allein sitzen. Sie fragte, wohin Diandian gegangen sei. Ihre Mutter sagte, ihr Vater sei vorbeigekommen und habe gesagt, heute sei ein besonderer Tag, und habe sie zum Spielen mitgenommen. Wu Xiaohao dachte: Was für ein Tag ist heute? Sie holte ihr Handy heraus und schaute – es war Halloween im Westen. Wu Xiaohao dachte: Soll Diandian ruhig gehen, solange sie glücklich ist. Ihre Mutter brachte das Essen heraus. Nach zwei Bissen fragte sie: „Du und Diandians Vater, wie weit seid ihr mit der Scheidung?“ Wu Xiaohao sagte gereizt: „Mama, keinen Schritt weiter!“ Ihre Mutter fragte: „Warum?“ Wu Xiaohao sagte: „Dieser Kerl will sich partout nicht scheiden lassen. Ich weiß nicht, mit wem er beim Gericht gesprochen hat, die Richterin setzt keinen Termin fest, es wird einfach verschleppt.“ Ihre Mutter seufzte: „Er hat doch eine andere Frau, warum will er dich noch so hinhalten?“ „Er sagt, er will mich gerade hinhalten, weil seine Frau Bürgermeisterin ist, das ist vorteilhaft für ihn.“ Ihre Mutter sagte: „Welchen Vorteil?“ „Er kann vor anderen prahlen, andere werden ihn höher einschätzen.“ „Und du trägst die Schande?“ Wu Xiaohao schlug wütend mit den Stäbchen auf die Schüssel: „Genau! Das macht mich so wütend!“ Wu Xiaohao wusste längst, dass die städtische Disziplinarkommission zusammen mit dem Fernsehsender Anliu eine Sendung namens „Anliu befragen“ veranstaltete. Heute Abend war die fünfte Folge. Als sie sah, dass es acht Uhr war, schaltete sie den Fernseher auf diesen Kanal. Die Stadt Anliu war dabei, sich um den Titel „zivilisierte Stadt auf nationaler Ebene“ zu bewerben, hatte sich bereits drei Jahre lang bemüht. Das Stadt- und Parteikomitee hatte fest beschlossen, nächstes Jahr nach Beijing zu fahren und die große Tafel zu holen. Deshalb wurde in dieser Folge speziell das Thema „Umwelthygiene“ behandelt, und acht zuständige Führungskräfte wurden befragt, darunter auch Bezirksleiter Wan Huanian aus Yu. Der Moderator stellte sie vor, dann drei kommentierende Gäste, und sagte auch, dass heute Abend der Parteisekretär, der Bürgermeister und andere Führungskräfte der Stadt anwesend seien und zuschauten. Dann zeigte das Fernsehen sie in der ersten Reihe des Publikums sitzend. Die Sendung begann offiziell mit einem heimlich aufgenommenen Videoclip, dann mussten die zuständigen Führungskräfte antworten, und Gäste kommentierten. Diese Clips zeigten vernachlässigte Schmutz-, Unordnungs- und Chaos-Probleme, wirklich erschreckend anzusehen. Die zuständigen Führungskräfte antworteten unterschiedlich, manche gelassen, andere hilflos. Nach einem Clip über ein Krankenhaus, das medizinischen Müll unsachgemäß entsorgte, hielt der Gesundheitsdirektor eine Selbstkritik, wechselte dann aber das Thema und sprach ausführlich darüber, wie sehr sich der Parteisekretär um die Gesundheitsarbeit kümmere, wie oft er Krankenhäuser inspiziert habe. Offensichtlich wollte er sich bei den Führungskräften einschmeicheln, erreichte aber das Gegenteil – er brachte die Führung in Verlegenheit und einige Zuschauer kicherten spöttisch. Dann wurde ein weiterer Clip gezeigt, der einige hygienische Problemzonen im Bezirk Yu betraf. Bezirksleiter Wan Huanian kritisierte aufrichtig seine eigenen Versäumnisse, erklärte die Ursachen der Probleme und legte dann konkrete Abhilfemaßnahmen dar. Wu Xiaohao fand, der Bezirksleiter habe Niveau, und applaudierte ihm innerlich. Wu Xiaohao schaute gebannt zu, als die Türklingel läutete. Sie stand auf und öffnete die Tür – vor der Tür stand ein Kind mit Papier im Gesicht und einer herausgestreckten roten Zunge. Ihre Mutter sah es im Zimmer und schrie: „Ah! Ein Geist!“ Wu Xiaohaos Ohren hörten noch die Stimme des Bezirksleiters, ihr Kopf konnte nicht sofort umschalten, er schmerzte heftig. Aber bald verstand sie: Das war Diandian, die sich für Halloween verkleidet hatte. Sie sagte ungehalten: „Diandian, willst du deine Großmutter zu Tode erschrecken?“ Sie riss das Papier von Diandians Gesicht ab. Diandian kam hüpfend herein und sagte aufgeregt: „Die Halloween-Party heute Abend war so toll, so toll!“ Ihre Großmutter sagte: „Was ist daran toll? Raus ging ein gutes Kind, zurück kam ein kleiner Teufel!“ Diandian lachte kichernd, streckte Wu Xiaohao die Hand entgegen: „Mama, ich habe eine kleine Bitte, schlag sie mir nicht ab.“ Wu Xiaohao fragte: „Was für eine Bitte?“ „Gib mir dein Alipay-Passwort.“ Wu Xiaohao fragte: „Wozu brauchst du das?“ „Ich will online ein Geburtstagsgeschenk für Faer'er kaufen!“ Wu Xiaohao fragte: „Morgen hat sie Geburtstag, und du kaufst heute online? Kommt das rechtzeitig an?“ „Rechtzeitig, rechtzeitig, sag es mir einfach!“ Wu Xiaohao gab ihr das Passwort, und sie hüpfte in ihr Zimmer.
| + | '''6''' (ACHTUNG: ZEILE FEHLT — BITTE IN PDF-DATEI PRÜFEN) Das Jahresende nahte, und Wu Xiaohao begann mit der Überprüfung der Armutsbekämpfung — wie war das Ergebnis nach einem Jahr Arbeit? Sie fuhr zuerst ins Dorf Jixi-Ling, um zu sehen, ob alle acht armen Haushalte die Armutsschwelle überschritten hatten. Gemeinsam mit dem Ersten Sekretär und dem Dorfparteisekretär rechnete sie Haushalt für Haushalt: Wie viel Einkommen 2016 — wurde der Standard von 3.402 Yuan pro Kopf erreicht? Der erste Haushalt: ein altes Ehepaar; mit dem staatlichen Armutskredit hatten sie Schafe gezüchtet, allein daraus achttausend Yuan — Standard erreicht. Der zweite: ein Junggeselle über dreißig, früher ein Faulenzer; dieses Jahr hatte er auf dem Bau gearbeitet und 42.000 verdient — weit über dem Standard. Wu Xiaohao streckte den Daumen hoch: „Gut!" Der Junggeselle sagte: „Was gut! Die Regierung soll richtig helfen — mir eine Frau besorgen!" Wu Xiaohao wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Der Erste Sekretär sagte: „Arbeite nächstes Jahr fleißig, verdien noch mehr — dann guckt vielleicht ein Mädchen nach dir." Der Junggeselle winkte ab: „Erzählt mir nichts! Ich sehe klipp und klar: Die Zeiten haben sich geändert! Früher reichte es, im Dorf ein paar neue Ziegelzimmer zu bauen, schon fand man eine Frau. Heute muss man in Yucheng eine Wohnung kaufen — sonst will keine!" Der Dorfparteisekretär sagte: „Senk deine Ansprüche — eine geschiedene Frau tut's auch." Der Junggeselle sagte: „Gut, ich hör auf dich — such mir schnell eine! Wenn keine einfach Geschiedene, dann auch zweimal, dreimal, viermal geschieden!" Der Dorfparteisekretär deutete lachend auf ihn: „Du bist verrückt nach Frauen." |
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| − | Xiaohao schaute sich gerade „Frag die Regierung Anyu“ an, als ihr Handy einen SMS-Ton machte. Sie schaute nach – die Bank teilte ihr mit, dass gerade 540 Yuan von ihrem Girokonto abgehoben worden seien. Sie wusste, Diandian hatte es benutzt, und fragte, welches Geschenk sie für Fabuer gekauft habe. Diandian sagte: „Angela.“ „Was?“ Diandian sagte beiläufig: „Für ‚König der Ehre' zu benutzen.“ Wu Xiaohao verstand immer noch nicht: „Was für ein König der Ehre?“ Diandian zeigte auf sie: „Du hast wirklich keine Ahnung von der Welt! ‚König der Ehre' ist ‚Honor of Kings', Fabuers Lieblingsspiel – ich habe ihm einen Helden gekauft!“ Diesmal verstand Wu Xiaohao, aber sie bedauerte nicht das Geld, sie war besorgt. Sie fragte Diandian: „Spielst du dieses Spiel auch?“ Diandian sagte: „Ich spiele es nicht, ich spiele ‚Geist der schönen Frau'. Die Musik ist fantastisch, lässt mich träumen wie betrunken!“ Dabei begann sie zu singen. Wu Xiaohao sagte: „Du darfst nicht zu süchtig werden, vernachlässige nicht das Lernen.“ „Keine Sorge, Mama, seit ich auf die Mittelschule gekommen bin, ist mein Verstand erweitert – Chinesisch, Englisch, Mathe, Physik, Chemie – alles kein Problem!“ Wu Xiaohao umarmte Diandian von hinten, küsste ihre hervorstechende, klare Stirn: „Das ist meine gute Tochter!“ Am nächsten Abend kam der online bestellte Geburtstagskuchen an, Wu Xiaohao nahm Diandian mit und fuhr im Taxi zu Yueyues Haus. Als sie eintraten und Fabuer Diandian sah, erschien auf seinem Gesicht Verlegenheit, er drehte sich um und ging in sein Schlafzimmer. Diandian ging auch nicht zu ihm, setzte sich allein aufs Sofa und spielte mit dem Handy – man sah sofort, sie suchte sich selbst Beschäftigung, um die Peinlichkeit zu überdecken. Yueyue flüsterte Wu Xiaohao ins Ohr: „Die Kinder sind groß, wissen sich zu schämen, spielen nicht mehr Bambuspferd-Freunde.“ Am Kücheneingang erschien Fa Yis glänzender kahler Kopf, er lachte: „Frau Bürgermeisterin, setzen Sie sich, das Essen ist gleich fertig.“ Wu Xiaohao ging hinüber: „Nenn mich lieber Xiaohao. He, warum habt ihr so eine große Kühltruhe angeschafft? Wollt ihr so viele Meeresfrüchte lagern?“ Yueyue sagte: „Ach, frag nicht – alles wegen deines Ersten Sekretärs.“ Wu Xiaohao fragte, was los sei. Yueyue erzählte: Der Mönch wohne in Jixiling, suche nach Wegen, wie arme Haushalte wohlhabender werden könnten, habe entdeckt, dass mehrere Frauen gut Fladenbrote backen könnten, ließ sie backen, er sammelte sie ein und brachte sie in die Stadt zum Verkauf. Der Mönch habe zu einfach gedacht, glaubte, Supermärkte würden sie einfach so abnehmen. Aber die hätten feste Lieferanten, könnten nicht einfach Waren von anderen annehmen. Nun hatten sie mehrere hundert Jin Fladenbrote zu Hause gelagert, sie würden verderben – also kauften sie eine Kühltruhe. Wu Xiaohao öffnete die Kühltruhe – darin lagen tatsächlich dicht gestapelte Fladenbrote. Sie sagte: „Was tun? Ich nehme welche ab, ein paar Pakete mit nach Hause – zu Hause müssen wir eh jeden Tag Fladenbrote essen, die mitgebrachten sind besser.“ Yueyue klatschte plötzlich auf ihre Schulter: „Oh, du hast mich auf eine Idee gebracht! Ich poste im Freundeskreis, wer gern Fladenbrote isst, soll sich bei mir melden – ich habe über achthundert WeChat-Freunde!“ Wu Xiaohao sagte: „Großartig! Für die Landsleute von Jixiling wirst du zur Mikrohändlerin! Künftig lässt du den Mönch direkt aus Jixiling schicken, wenn Freunde bestellen.“ Yueyue sagte: „Gut, so machen wir's. Hätte nicht gedacht, dass ich als jemand, die den ganzen Tag elegant und kultiviert ist, plötzlich Fladenbrot-Laden-Chefin werde!“ Fa Yi sagte beim Kochen: „Alte Frau, du hast Glück! Du kannst nicht Laden-Chefin heißen, ich gebe dir einen Titel – ich bin Erster Sekretär, du bist Sekretariatssekretärin!“ Diandian stand plötzlich auf, ging in Fabuers Schlafzimmer. Yueyue flüsterte Wu Xiaohao zu: „Schau, deine Tochter konnte es schließlich nicht aushalten, ist zu meinem Sohn gerannt.“ Wu Xiaohao sagte: „Sicher hat dein Sohn ihr eine Nachricht geschickt, sie soll kommen. Schwiegermutter, ich bin normalerweise nicht zu Hause, du musst ihre Bewegungen beobachten, lass sie nicht vorzeitig in gewisse Umstände geraten.“ Yueyue drehte den Kopf zur Seite: „Vorzeitig ist vorzeitig, jedenfalls habe ich einen Sohn, wir sind nicht im Nachteil.“ Wu Xiaohao zog an ihr: „Du, du – ich bitte dich, ja?“ Yueyue wurde ernst: „Gut, gut, sei beruhigt, ich achte auf eine gesunde Entwicklung!“ Wu Xiaohao nickte zufrieden, sah auf dem Balkon einige Orchideen in voller Blüte, ging zur Bewunderung hinüber. Sie sah auf dem Boden auch getrocknete Cistanche-Wurzeln liegen, fragte Yueyue hinter ihr: „Wozu hat der Mönch Cistanche mit nach Hause gebracht?“ Yueyue schaute zurück zur Küche, unterdrückte ein Lachen: „Er las online, dieses Zeug stärke die Potenz, hat es zum Ausprobieren mitgebracht.“ Wu Xiaohao wurde rot, neckte aber: „Wie probiert? In die Unterhose?“ Yueyue lachte herzlich: „Damit Wasser aufbrühen und trinken!“ Wu Xiaohao schüttelte den Kopf, ging zurück ins Wohnzimmer, das Gesicht immer noch rot. Fa Yi brachte die Gerichte herein, öffnete Rotwein: „Frau Bürgermeisterin, haben Sie die Cistanche-Wurzeln gesehen, die ich mitgebracht habe? Wissen Sie, wofür ich sie nutze?“ Wu Xiaohao winkte hastig ab: „Sag es nicht, sag es nicht!“ Fa Yi verstand Wu Xiaohaos Bedenken, verzog das Gesicht: „Lass mich ausreden, ja? Hat der Bezirk nicht eine Richtlinie herausgegeben, ‚ein Dorf, ein Produkt' zu machen? Ich plane, in Jixiling die Dorfbewohner Cistanche anbauen zu lassen, nach der Herbsternte an Pharmafirmen zu verkaufen – das bringt sicher mehr ein als Getreideanbau.“ Wu Xiaohao verstand, klatschte Beifall: „Mönch, diese Idee ist gut! Verwirkliche Vorteile, vermeide Nachteile, mit deines Sohnes Namen gesagt: Das ist die ‚nicht zweite Methode', um die Massen zum Wohlstand zu führen!“ | + | Als alle acht Haushalte abgehakt waren, holte Wu Xiaohao die in Kaipo gekauften Stärkungsmittel aus dem Auto und bat den Dorfparteisekretär, sie zu Zhang Zunliang zu führen. Der alte Zhang hatte sich einer Magenkrebs-Operation unterzogen und erholte sich zu Hause. Zhang Zunliang saß im Hof in der Sonne; als Wu Xiaohao kam, stand er auf: „Frau Bürgermeisterin — was für eine Ehre!" Wu Xiaohao sagte: „Ich will nach dir sehen." Sie fragte, wie die Genesung vorankomme. Zhang Zunliang sagte: „Alles gut — ich darf nur nicht viel auf einmal essen, also esse ich fünf-, sechsmal am Tag. Aber ich habe fünf Pfund zugenommen, und meine Kraft kehrt zurück." Wu Xiaohao sagte: „Sehr gut — schone dich weiter." Zhang Zunliang sagte: „Danke — ich will mindestens noch meinen Pensionsausweis erleben." Wu Xiaohao wusste, dass er in zwei Jahren das Rentenalter erreichte, und tröstete ihn: „Kein Problem — an deinem Abschiedstag lade ich dich in die Gegou-Gemeinde zu einem Teerundengespräch ein, damit du deine alten Kollegen und Freunde wiedersehen kannst." |
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| − | --- | + | Da klingelte plötzlich Wu Xiaohaos Handy — Xiang Chunjiang: dringende Lage, der Sekretär bitte sie, sofort zurückzukommen. Wu Xiaohao verabschiedete sich von Zhang Zunliang und fuhr eilig nach Kaipo. Im kleinen Besprechungszimmer warteten bereits Sekretär Fang, der Propagandabeamte Qi, der Parteisekretär der Qianwan-Gemeinde Li Yanmi sowie Xiang Chunjiang. Wu Xiaohao setzte sich: „Sekretär, was ist los?" Der Sekretär sagte: „Li hat entdeckt, dass ein Trupp Reporter am Strand filmt — sie filmen die chaotischen Zuchtanlagen. Was sie damit vorhaben, sagen sie nicht. Kommt das in die nächste ‚Anlan wird befragt'-Sendung? Wir müssen dringend löschen — wenn das ausgestrahlt wird, stehen wir da wie begossene Pudel." Wu Xiaohao wandte sich sofort an den Propagandabeamten: „Alter Qi, frag schnellstens beim Propagandaamt des Bezirkskomitees nach — was zum Teufel drehen die?" |
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| − | Eines Nachts wurde Wu Xiaohao, die in ihrem Quartier schlief, von einem Klopfen am Fenster geweckt. Sie war ganz wach, setzte sich auf und fragte: „Wer da?“ Von draußen kam eine Frauenstimme: „Frau Vize-Bürgermeisterin Wu, ich bin Lao Xu. Lao Fang schlägt gerade Dongzi, kommen Sie schnell und halten Sie ihn auf!“ Wu Xiaohao zögerte nicht, zog sich sofort an und ging hinaus. Wu Xiaohao kam zur kleinen Gasse hinten, Lao Xu wartete vor ihrer Haustür. Gemeinsam gingen sie in den Hof, aus dem Haus drang die Stimme des Sekretärs, der fluchte. Sie stießen die Tür auf – der Sekretär trat gerade mit dem Fuß auf Dongzi ein, zog auch an Dongzis Haaren und ohrfeigte ihn. Seltsam war: Dongzi wehrte sich nicht wie beim letzten Mal, als Wu Xiaohao es sah, er schlug nicht zurück gegen den Vater, sondern lag bewegungslos auf dem Boden. Wu Xiaohao eilte dazwischen: „Sekretär, warum schlägst du wieder Dongzi?“ Der Sekretär keuchte: „Er hat etwas Schreckliches getan, soll ich ihn nicht schlagen? Ich will, dass er stirbt!“ „Was hat er Schreckliches getan?“ Der Sekretär sagte voller Hass: „Etwas Unsägliches!“ Lao Xu zog ihren Sohn auf und brachte ihn ins Westzimmer. Fang Zonghou setzte sich, zündete eine Zigarette an, dann wandte er sich Wu Xiaohao zu, senkte die Stimme: „Heute war doch Freitag? Nachmittags kam Dongzi von der Schule zurück, ging wieder weg. Er geht oft mit Klassenkameraden herumspielen, ich und seine Mutter kümmern uns nicht mehr darum, haben ihn nicht gesucht. Weißt du, was dann geschah? Um elf Uhr bekam ich einen Anruf, ein Mann, der sich Ji nannte, sagte, er sei der Ehemann der Chefin des Fulin-Hotels, arbeite bei der Shenfu-Gruppe. Dieser Mensch sagte, Dongzi habe gerade betrunken seine Frau vergewaltigt, er habe sie auf frischer Tat ertappt. Ich erschrak furchtbar, dachte, Dongzi könne so etwas unmöglich tun. Aber der Ji sagte, Beweise seien gesammelt, wenn ich nicht glaube, solle ich zur Untersuchung gehen. Als er das so sagte, verlor ich die Fassung, bat ihn, nicht die Polizei zu rufen. Ich habe nur diesen einen Sohn, erst sechzehn – wenn er hineinkommt, ist sein Leben vorbei. Der Ji sagte, wenn ich meinen Sohn schützen wolle, gebe es noch einen Weg. Ich fragte, welchen Weg. Er sagte, er wolle Buddhas Blumen anbieten, um bei Meng Zong einen guten Eindruck zu machen – Meng Zong müsse an der ‚Zwei-Konferenzen' teilnehmen, das sei ein Muss.“ Wu Xiaohao war empört: „Wie kann man Buddhas Blumen so anbieten? Hatten wir nicht eine einheitliche Meinung, Huo Pingchuan nicht als Kandidaten für Volkskongressabgeordneten zuzustimmen?“ Der Sekretär sagte: „Ja. Der Ji sagte, wenn er kein Volkskongressabgeordneter werden könne, sei auch Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz in Ordnung. Kurz gesagt, ich habe ihm zugestimmt, er solle meinen Sohn freilassen. Der Sohn kam gerade zurück, ich fragte ihn, was wirklich passiert sei. Er sagte, er sei mit ein paar Leuten zum Essen ins Fulin-Hotel gegangen, nach dem Essen habe die Chefin die anderen weggeschickt, ihn in ein kleines Zimmer gebracht, kaum eingetreten, habe sie ihm die Kleider ausgezogen... Ich bin wütend auf Dongzi, wer hat ihn geheißen, herumzuziehen? Konnte nicht anders, als ihn zu schlagen.“ Wu Xiaohao sagte empört: „Das ist wieder eine Falle! Letztes Mal ließ Huo Pingchuan jemanden das Video von unserem Essen bei der Jufeng-Gruppe machen, diesmal ist es noch heimtückischer, giftiger!“ Der Sekretär knirschte mit den Zähnen, seufzte dann: „Ach, so einen Sohn zu haben – er ist denen in die Hände gefallen. Ich bin so viele Jahre Kader gewesen, habe manche Stürme durchlebt, habe mich vor Bösewichten nie gebeugt, galt als ein Mann. Aber diesmal muss ich nachgeben, weil ich wirklich nicht will, dass mein Sohn mit dem Namen eines Vergewaltigers ins Gefängnis geht... Xiaohao, morgen beraten wir über die Kandidaten für Politische Konsultativkonferenz-Mitglieder, lass uns Huo Pingchuan als einen aus der Wirtschaft aufnehmen. Ich bitte dich, keine Gegenrede zu erheben, geht das?“ Wu Xiaohao dachte lange nach: „Ich..., ich verstehe dich. So sei es.“ Sie ging zurück in ihr Quartier, wollte weiterschlafen, war aber innerlich unruhig, konnte nicht einschlafen. Sie dachte: Weil Dongzi in eine Falle tappte, unterwerfen sich die beiden Nummer-eins-Führungskräfte von Guipo Meng Zongs Macht? Nein, ich muss einen Weg finden, diese Sache zu lösen! Am nächsten Tag nach dem Mittagessen rief sie Polizeichef Qiu Qinzhi an, fragte, ob er auf der Wache sei. Der Chef sagte ja. Wu Xiaohao ging sofort hin. Sie kam ins Büro des Chefs, Qiu Qinzhi fragte: „Frau Bürgermeisterin kommt persönlich – welche wichtigen Anweisungen?“ Wu Xiaohao sagte: „Ich habe keine Anweisungen, will nur einige Dinge klären. Ich hörte, im Fulin-Hotel gab es in den letzten Jahren Prostitution – stimmt das?“ Der Chef sagte: „Stimmt, wir haben Leute gefasst, die Beteiligten bestraft.“ Wu Xiaohao sagte: „Kannst du mir die Akten zeigen?“ Der Chef holte sie aus dem Archivraum. Wu Xiaohao schaute sie durch – darin waren nur Strafen für Freier verzeichnet, keine für Hotelchef und Prostituierte. Sie sagte: „Chef, bedeuten diese Akten nicht, dass das Fulin-Hotel Prostitution duldet?“ Der Chef sagte: „So kann man es verstehen.“ Wu Xiaohao sagte: „Gut, benutze bitte diese Tatsache als Waffe, um einen gestern Abend hier vorgefallenen Vorfall zu behandeln.“ Dann erzählte sie Dongzis Erlebnis. Der Chef lachte: „Sie vergewaltigt? Wer weiß, wer wen vergewaltigt! Diese Frau ist zu schlimm, im ganzen Walbucht-Hafen kennt sie jeder.“ „Ich schlage vor, du sprichst mit ihr, ihr Ehemann soll sofort die Erpressung einstellen. Sonst werden ihre früheren Vergehen verfolgt.“ Der Chef sagte: „Kein Problem, ich schaffe das sicher, Frau Bürgermeisterin und Sekretär können beruhigt sein.“ Wu Xiaohao kehrte zum Gemeinde-Regierungshof zurück, am selben Nachmittag rief Qiu Qinzhi an, die Hotelchefin gebe zu, Dongzi habe nicht vergewaltigt. Die Frau habe auch gesagt, sie garantiere, ihr Ehemann mache keinen Ärger mehr. Wu Xiaohao ging zum Sekretär und berichtete die Situation, der Sekretär bedankte sich wiederholt: „Du hast mir tausend Jin schwere Steine vom Herzen genommen, auch unsere Arbeit zur Empfehlung von Konsultativkonferenz-Mitgliedern kann gesund weiterlaufen – wunderbar, wunderbar!“
| + | Qi sagte: „Hab ich schon — beim Stadtsender angefragt. Die sagen: geheim." Der Sekretär schlug auf den Tisch: „Die Lage ist ernst, sehr ernst! Bürgermeisterin, hast du Kontakte zum Fernsehsender — jemand, bei dem du ein Wort einlegen kannst?" Wu Xiaohao sagte: „Lass mich überlegen." Das Handy des Sekretärs klingelte; er sprang auf: „Die Reporter filmen gerade am Xishi-Strand? Alter Han, hast du gefragt, was sie wollen? … Sie sagen es nicht? Das ist ja unheimlich!" Er warf das Handy hin: „Die filmen an einem Ort und hören nicht auf, dann den nächsten — Kaipo geht unter! Geht unter!" |
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| − | --- | + | Wu Xiaohao fiel ein, dass der Redaktionsleiter Yuan vom Fernsehsender ein Absolvent der Shandong-Universität war und sie kannte. Sie rief an und berichtete von den Reportern in Kaipo. Er sagte, er wisse davon — der Bürgermeister habe das angeordnet. „Der Bürgermeister?" Wu Xiaohao rief aus. „Der Bürgermeister will Kaipo abstrafen? Warum?" Gleichzeitig drückte sie die Freisprechfunktion, damit alle mithören konnten. Yuan sagte: „Der Bürgermeister ist vor ein paar Tagen ohne Vorwarnung die gesamte Küstenlinie von Yucheng von Süd nach Nord abgefahren. Er fand den wilden Bau von Zuchtanlagen erschreckend — das zerstöre die Küstenlandschaft — und ließ das Fernsehen filmen für eine Fachkonferenz in ein paar Tagen. Das richtet sich nicht nur gegen Kaipo — seien Sie erst mal nicht nervös." Alle im Raum atmeten auf. Der Sekretär hielt sich die Brust: „Mein Gott — fast hätte ich einen Herzanfall bekommen!" |
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| − | Kurz vor Jahresende begann Wu Xiaohao, den Fortschritt der Armutsbekämpfungsarbeit zu untersuchen – sie wollte wissen, wie die Ergebnisse nach einem Jahr harter Arbeit waren. Sie ging zuerst zum Dorf Jixiling, um herauszufinden, ob alle acht armen Haushalte die Armutsgrenze überschreiten konnten. Mit dem Ersten Sekretär und dem Dorfsekretär ging sie von Haushalt zu Haushalt, rechnete nach – wieviel Einkommen 2016, ob der Standard von pro Kopf 3402 Yuan erreicht war. Der erste Haushalt war ein altes Ehepaar – sie hatten dieses Jahr mit dem von oben gegebenen Armutsbekämpfungskredit Schafe gezüchtet, allein daraus achttausend Einkommen, hatten bereits den Standard erreicht. Der zweite Haushalt war ein über dreißigjähriger Junggeselle, früher faul und träge, dieses Jahr auf dem Bau gearbeitet, ein Jahr 42.000 verdient – weit über dem Standard. Wu Xiaohao konnte nicht anders, als ihm den Daumen hochzuhalten: „Gut!“ Der Junggeselle sagte aber: „Was gut! Die Regierung sollte bei der Armutsbekämpfung richtig helfen – mir eine Frau geben!“ Wu Xiaohao wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Der Erste Sekretär zeigte auf ihn: „Arbeite nächstes Jahr gut, verdiene noch mehr – vielleicht verguckt sich ein Mädchen in dich.“ Der Junggeselle winkte ab: „Macht mir nichts vor! Ich sehe es klar – es ist nicht mehr so wie früher. Früher brauchte man im Dorf nur ein paar neue Ziegelzimmer bauen, schon bekam man eine Schwiegertochter. Jetzt muss man in Yu eine Wohnung kaufen, sonst will keine.“ Der Dorfsekretär sagte: „Senke deine Ansprüche, finde eine geschiedene Frau.“ Der Junggeselle sagte: „Gut, ich höre auf dich – finde mir schnell eine! Wenn keine einfach-Geschiedene, auch eine zwei-, drei-, viermal Geschiedene!“ Der Dorfsekretär zeigte lachend auf ihn: „Du Kerl, bist verrückt nach Frauen.“ Als sie alle acht Haushalte durchgegangen waren, holte Wu Xiaohao vom Auto die in Guipo gekauften Nahrungsergänzungsmittel, ließ den Dorfsekretär die Sachen tragen, um Zhang Kemin zu besuchen, der in diesem Dorf wohnte. Dieser alte Zhang hatte eine radikale Magenkrebs-Operation hinter sich, erholte sich nun zu Hause. Zhang Kemin saß gerade im Hof in der Sonne, als Wu Xiaohao kam, stand er auf: „Warum kommt die Frau Bürgermeisterin?“ Wu Xiaohao sagte: „Ich schaue, wie es dir geht.“ Nachdem sie sich gesetzt hatte, fragte sie nach seiner Genesung. Zhang Kemin sagte: „Es geht mir gut, ich kann nur nicht viel auf einmal essen, esse deshalb fünf bis sechs Mal am Tag. Aber ich habe schon fünf Jin zugenommen, auch die Kraft kehrt zurück.“ Wu Xiaohao sagte: „Sehr gut, pflege dich weiter gut.“ Zhang Kemin sagte: „Ja, danke Frau Bürgermeisterin, ich werde mich gut pflegen – mindestens bis zum Rentenbescheid.“ Wu Xiaohao wusste, er hatte noch zwei Jahre bis zum Rentenalter, tröstete ihn: „Kein Problem, an deinem Renteneintrittsdatum bringe ich dich zur Qiangou-Gemeinde, halte ein Abschiedsgespräch, sorge dafür, dass deine alten Kollegen und Freunde zusammenkommen und Ihr plaudern könnt.“ Plötzlich erhielt Wu Xiaohao einen Anruf von Xiang Chunjiang – es gebe eine Notlage, der Sekretär verlange ihre sofortige Rückkehr. Wu Xiaohao verabschiedete sich von Zhang Kemin, nahm hastig das Auto zurück nach Guipo. Wu Xiaohao kam ins kleine Konferenzzimmer – Sekretär Fang, Propagandaausschussvorsitzender Lao Qi, Walbucht-Gemeindesekretär Li Yanmi und Xiang Chunjiang waren da. Wu Xiaohao setzte sich: „Sekretär, was ist los?“ Der Sekretär sagte: „Lao Li entdeckte Journalisten am Strand, die filmen – speziell die chaotischen Zuchtgebiete. Wir fragten sie, sie sagen nichts. Wird das in der nächsten Folge von ‚Frag die Regierung Anyu' gesendet? Wir müssen einen Weg finden, das Feuer zu löschen – wenn es in der Sendung kommt, blamieren wir uns.“ Wu Xiaohao sagte sofort zum Propagandaausschussvorsitzenden: „Lao Qi, frag schnell bei der Bezirkspropagandaabteilung nach, was sie damit bezwecken.“ Lao Qi sagte: „Ich habe gerade jemanden gefragt, beim Stadtfernsehen nachgefragt – die sagen, geheim.“ Der Sekretär schlug auf den Tisch: „Ernstes Problem, sehr ernst! Frau Vize-Bürgermeisterin Wu, hast du Beziehungen, jemanden beim Fernsehen, der dir Auskunft geben kann?“ Des Sekretärs Handy klingelte plötzlich, er nahm ab und sprang auf: „Die Reporter filmen gerade bei Xishitan? Lao Qi, hast du nicht gefragt, was sie tun wollen? ... Sie sagen es nicht? Das ist ja die Höhe!“ Er warf das Handy hin: „Verdammt, sie filmen an einem Ort nicht genug, suchen einen anderen und filmen weiter – Guipo wird an den Pranger gestellt, ruiniert!“ Wu Xiaohao erinnerte sich – der Direktor der Redaktion beim Fernsehen war Shandong-Uni-Absolvent, sie kannte ihn. Sie rief ihn an, erzählte von den Reportern in Guipo, fragte, ob er Bescheid wisse. Direktor Xiong sagte, ja, das habe der Bürgermeister angeordnet. „Der Bürgermeister hat es angeordnet?“ Wu Xiaohao rief auf. „Der Bürgermeister will an Guipo ein Exempel statuieren? Zu welchem Zweck?“ Gleichzeitig drückte sie die Freisprechfunktion, damit alle mithören konnten. Direktor Xiong sagte: Der Bürgermeister sei vor ein paar Tagen ohne Ankündigung bei den Küstenbezirken und -gemeinden von Nord nach Süd entlang der Küstenlinie von Yu gefahren, habe entdeckt, dass es schwerwiegenden illegalen Bau von Zuchtanlagen gab, der die Küstenlandschaft zerstörte – er habe das Fernsehen angewiesen, Material zu sammeln, für eine Sondersitzung in ein paar Tagen. Das richte sich nicht gegen Guipo allein, sie sollten sich keine Sorgen machen. Die Anwesenden atmeten alle erleichtert auf. Der Sekretär strich sich über die Brust: „Oh, ich dachte, ich bekomme einen Herzinfarkt!“
| + | '''7''' (ACHTUNG: ZEILE FEHLT — BITTE IN PDF-DATEI PRÜFEN) Drei Tage später fand das stadtweite Symposium zur Sanierung der Küstenlinie statt. Die beiden Kaipo-Chefs hatten die Einladung erhalten und fuhren hin. Im Sitzungssaal im zwölften Stock des Stadtregierungsgebäudes fanden sie ihre Namensschilder. Der Bezirksleiter von Yucheng, der Chef der Wirtschaftsentwicklungszone Anlan, mehrere städtische Amtsleiter und die Partei- und Verwaltungschefs der fünf anderen Küstengemeinden waren alle da. Kurz darauf kamen Bürgermeister Qiao Jian und zwei Stellvertreter. Der Geschäftsführende Vizebürgermeister Lu Zhenghui eröffnete die Sitzung und ließ die Filmaufnahmen zeigen. Szene für Szene — hässliche Teile der Küstenlinie: illegale Bauten, primitive Zuchtanlagen, zerstörte Strände, Müllberge — vielen wurde es unbehaglich, die Gesichter wurden finster. |
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| − | --- | + | Zwei Stellen in Kaipo wurden bloßgestellt: erstens die Hütten am Rande der Garnelenteiche am Xishi-Strand — niedrig und schäbig, im krassen Gegensatz zum goldenen Sand und dem azurblauen Meer; zweitens die Zuchtgewächshäuser südlich der Qianwan-Bucht — dicht an dicht, außen herum zerbrochene Fischereigeräte und Müll — ein unerträglicher Anblick. Wu Xiaohao brannte das Gesicht. Sie dachte: Ich bin dort so oft vorbeigegangen und hielt es für die Tradition der Fischer — jetzt zeigt sich, wie unmöglich das ist. |
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| − | Drei Tage später fand das stadtweite Symposium zur Sanierung und Wiederherstellung der Küstenlinie statt. Die beiden Nummer-eins-Führungskräfte von Guipo erhielten die Einladung und nahmen teil. Sie betraten den Konferenzraum im zwölften Stock des Stadtregierungsgebäudes, fanden ihre Namensschilder und setzten sich – Bezirksvorsteher von Yu, Direktor der Anyu-Wirtschaftsentwicklungszone, mehrere Direktoren städtischer Ämter sowie Sekretäre und Bürgermeister der anderen fünf Küstengemeinden waren alle da. Nach kurzer Wartezeit kamen Bürgermeister Qiao Jian und zwei Vizebürgermeister. Geschäftsführender Vizebürgermeister Lu Zhenggang leitete die Sitzung, ließ alle das von Reportern gefilmte Material ansehen. Szene für Szene – alles hässliche Teile der Küstenlinie: illegaler Bau, minderwertige Zucht, zerstörte Strände, Müllberge usw., ließen viele Anwesende unruhig werden, ihre Gesichter wurden finster. Zwei Orte in Guipo wurden bloßgestellt: Einer waren die kleinen Hütten am Teichrand in Xishitan – eng und niedrig, im Gegensatz zu goldenem Strand und azurblauem Meer ein zu großer Kontrast; der andere waren die Zuchtgewächshäuser vor der Walbucht – dicht gedrängt, außen herum lagen verrostete Fischereigeräte und verschiedener Müll, unerträglich anzusehen. Als Wu Xiaohao das sah, schwitzte ihre Stirn, sie schämte sich unendlich. Sie dachte: Ich bin oft dort vorbeigegangen, wusste, dass Fischer so traditionell arbeiten, nahm es nicht ernst – jetzt sieht man, wie unmöglich das ist. Nach dem Film sprach der Bürgermeister. Er ließ seinen scharfen Blick über die gegenübersitzenden Bezirks- und Gemeindeleiter schweifen, sagte mit schwerem Ton: „Unsere Stadt Anyu gründet sich auf das Meer, wurde durch das Meer erfolgreich – wir bewachen so einen von der Natur begünstigten ‚blauen Schatz', das Meer wurde zur größten Antriebskraft, zum größten Vorteil und zur Quelle der Vitalität für Anyus Entwicklung. Aber als ich vor ein paar Tagen hinunterfuhr zur Inspektion und diese Zustände sah, war ich sehr betrübt. Die Vorfahren gaben den Anyu-Menschen ein blaues Meer, einen blauen Himmel, einen goldenen Strand – wie wertvoll ist dieses Erbe! Besonders unsere 120 Kilometer Küstenlinie – das ist eine in Nordchina seltene goldene Küste! Aber wie das Video zeigt, wurde sie so ruiniert. – Schämen wir uns! Ich habe mit Parteisekretär Qin speziell Meinungen ausgetauscht, beschlossen, dass ich diese Sitzung einberufe, die verantwortlichen Genossen der Küstenbezirke und -gemeinden zusammenrufe, Probleme feststelle, Ursachen finde, Maßnahmen bestimme, entschlossen in der ganzen Stadt eine ‚Küstenpflege-Aktion' durchführe, damit die Küstenlinie wieder schön wird!“ Er sprach dann über die fünf großen Inhalte der „Küstenpflege-Aktion“: Verschmutzung bekämpfen und Meer schützen, Riffe reparieren und Meer schützen, Fischerei zurückziehen und Meer zurückgeben, grün züchten und Meer nähren, Kultur und Meer beleben. Gleichzeitig solle man die „Küstenpflege-Aktion“ mit der Transformation und Modernisierung der Meeresfischerei verbinden, mit dem Austausch alter gegen neue Antriebskräfte. Er bat um Wortmeldungen, jeder solle Ansichten äußern, Vorschläge machen, die Genossen der sechs Gemeinden sollten zuerst sprechen. Die Parteisekretäre und Bürgermeister sprachen nacheinander, übernahmen aktiv Verantwortung für Probleme an ihren Orten, versprachen sofortige Korrektur nach Rückkehr, äußerten auch Ansichten zu Schwerpunkten und Schwierigkeiten der „Küstenpflege-Aktion“. Alle konzentrierten die Schwierigkeiten auf „Fischerei zurückziehen und Meer zurückgeben“ – sagten, Fischer Gewächshäuser abreißen zu lassen, würde sicher auf Widerstand stoßen, was, wenn sie Entschädigung verlangten? Außerdem: Fischerei transformieren und modernisieren – wie transformieren, wie modernisieren, welche Lebensgrundlage für Fischer schaffen – alles müsse überlegt werden. Der Bürgermeister antwortete: Man plane, vom Stadthaushalt einen Teil Mittel zu nehmen, außerdem von der Meeresfischereibehörde usw. zu verlangen, in die „Küstenpflege-Aktion“ zu investieren. Für den Abriss minderwertiger Zuchtanlagen gebe es gewisse Entschädigungen. Gleichzeitig solle man je nach örtlicher Situation, unter Berücksichtigung der Fischerei-Traditionen, an mehreren Stellen am Meer konzentriert industrialisierte Zuchthäuser bauen – standardisiert, intelligent, ökologisch, konzentriert. Fischer könnten Zuchtgebäude mieten oder als Aktionäre investieren. Außerdem solle man kräftig Meeresfarmen bauen, das sei Offshore-Zucht, baue „Meereskornspeicher“. Wu Xiaohao konnte nicht anders, als die Hand zu heben: „Bürgermeister, zur Transformation und Modernisierung der Zucht gibt es ein großes Projekt, das wir in Betracht ziehen sollten.“ Der Bürgermeister schaute sie nickend an: „Sprechen Sie.“ Wu Xiaohao erzählte von „Tiefsee Nummer Eins“, das sie kannte. Der Bürgermeister hörte mit leuchtenden Augen zu, als sie fertig war, zeigte er mit dem Finger auf sie: „Frau Vize-Bürgermeisterin Wu, Sie haben wichtige Informationen geliefert. Ein Superprojekt zur Kaltwasserfischzucht in den Gewässern von Anyu würde ein völlig neues Feld der Meeresfischzucht eröffnen. Wir müssen uns aktiv darum bemühen, dieses Projekt anzusiedeln. Hat Guipo ein Unternehmen, das es machen will? Wenn nicht, ordne ich es woanders an.“ Wu Xiaohao sagte hastig: „Ja, die Jufeng-Gruppe hat diese Absicht.“ Nachdem sie das gesagt hatte, wurde sie rot – sie hatte gelogen. „Das ist gut.“ Er wandte sich an den neben ihm sitzenden Vizebürgermeister Luo Wenju: „Vizebürgermeister Luo, Sie leiten das, der Bezirk der Stadt Yu, Meeresfischereibehörde, Wissenschafts- und Technologiebehörde – alle kümmern sich darum, treiben es voran.“ Vizebürgermeister Luo sagte: „Gut, nach der Sitzung halten wir gleich eine kleine Sitzung zur Beratung.“ Wu Xiaohao sah die Haltung der Führungskräfte – freute sich einerseits, war andererseits besorgt. Sie dachte: Generaldirektor Yang hatte mir schon gesagt, er könne es nicht machen – kann ich ihn umstimmen? Qingdao hatte bisher keine Antwort von mir, haben sie vielleicht schon andere Kooperationspartner? Bei diesem Gedanken konnte sie nicht mehr still sitzen, stand auf, ging hinaus zum Telefonieren. Sie kontaktierte zuerst Liu Jingji, sagte, sie habe in der vom Bürgermeister einberufenen Sitzung „Tiefsee Nummer Eins“ vorgestellt, der Bürgermeister sei sehr interessiert. Liu Jingji sagte: „Gut, ich warte die ganze Zeit auf deine Antwort, Professor Yu fragte gestern noch, ob es Neuigkeiten gibt.“ Wu Xiaohao sagte: „Sag Professor Yu, wir besprechen es mit euch in den nächsten Tagen. Allerdings, Studiensenior, die Jufeng-Gruppe hat eine Schwierigkeit – sie kann nicht auf einmal über hundert Millionen aufbringen. Kannst du ihnen beim Preis entgegenkommen und Ratenzahlung ermöglichen?“ Liu Jingji sagte: „Kein Problem, alles ist verhandelbar.“ Wu Xiaohao sagte: „Das ist gut, danke.“ Wu Xiaohao rief auch Generaldirektor Yang an, erzählte von der Meinung des Bürgermeisters in der Sitzung, von Liu Jingjis Haltung. Generaldirektor Yang sagte: „Dann ist es kein Problem, ich stimme zu!“ Nach der Sitzung gingen die vom Bürgermeister Genannten nicht weg, setzten sich zusammen zur Beratung. Vizebürgermeister Luo fragte Direktor Qian von der Meeresfischereibehörde, wie es mit „Tiefsee Nummer Eins“ stehe. Direktor Qian sagte, die Kaltwassergruppe im Gelben Meer existiere tatsächlich, Fläche etwa 130.000 Quadratkilometer, etwa 130 Seemeilen nordöstlich von Stadt Yu. Lachs sei Kaltwasserfisch, wachse am besten bei 16 bis 18 Grad Celsius. „Tiefsee Nummer Eins“ könne diese Kaltwassergruppe nutzen, um Lachs durch den heißen Sommer zu helfen – dann sei das Projekt erfolgreich. Bezirksvorsteher Wan sagte: „Die Fischerei von Anyu (Yu) macht den Löwenanteil aus, wir untersuchen immer, wie man die Fischerei modernisiert, das Einkommen der Fischer nachhaltig steigert. Wenn ‚Tiefsee Nummer Eins' erfolgreich ist, bauen wir ‚Tiefsee Nummer Zwei', ‚Tiefsee Nummer Drei'... ‚Tiefsee Nummer N' – lassen die Meeresfarmen weit und reich werden. Die Stadtführung kann beruhigt sein, die Bezirksregierung Stadt Yu wird die Gemeinde Guipo voll unterstützen, dieses Projekt reibungslos ansiedeln lassen.“ Vizebürgermeister Luo sagte zu Fang Zonghou und Wu Xiaohao: „Ihr beiden seht es – Stadt und Bezirk haben diese Haltung, ihr könnt nur die Ärmel hochkrempeln und loslegen!“ Fang Zonghou nickte: „Gut, gut!“ Vizebürgermeister Luo sagte, er führe eine Delegation nach Qingdao zu Verhandlungen. Wu Xiaohao kontaktierte vor Ort Liu Jingji, vereinbarte ein Treffen in zwei Tagen. An jenem Tag fuhren die beiden Nummer-eins-Führungskräfte von Guipo zusammen mit Generaldirektor Yang früh zum Stadtregierungstor, stiegen mit Vizebürgermeister Luo, Bezirksvorsteher Wan und anderen in einen Kleinbus nach Qingdao. Sie besichtigten zuerst die Schiffbauschwerindustrie-Basis, waren von ihrer Größe und Fertigungskapazität tief beeindruckt. Diese Basis fertigte große Schiffsausrüstung, große Meeresplattformen und viele mit der Meeresindustrie verbundene Geräte – national und international bekannt. Liu Jingji trug einen marineblauen edlen Mantel, führte sie herum, erklärte beim Gehen – elegant, ließ selbst Wu Xiaohao fasziniert zuschauen. Sie dachte: Liu Jingji hatte zwar sein damaliges Gelübde nicht erfüllt, in Führungskreise einzutreten, um das Land zu regieren, aber dass er es in Chinas verarbeitender Industrie so weit gebracht hatte, war auch bemerkenswert. Wie war sein Privatleben? Hatte er eine Frau? Wu Xiaohao war abgelenkt. Zu diesem Zeitpunkt kamen ein Vizepräsident der Meeresuniversität, der Vizedirektor des Meereszuchtforschungs-Instituts und Professor Yu. Die drei Seiten setzten sich im Konferenzraum des Bürogebäudes zusammen. Liu Jingji erklärte den Zweck der Verhandlungssitzung, Professor Yu spielte eine PPT ab und erläuterte das Konzept von „Tiefsee Nummer Eins“. Vizebürgermeister Luo nickte wiederholt beim Zuhören. Nachdem Professor Yu fertig war, stellte er mehrere Fragen, Bezirksvorsteher Wan und zwei Direktoren stellten auch einige technische Fragen – Professor Yu beantwortete alle. Generaldirektor Yang stellte Liu Jingji Fragen zum Design des Zuchtschiffs, Liu Jingji gab auch Erklärungen. Schließlich legte Liu Jingji den Entwurf eines Kooperationsabkommens vor, die Anyu-Gäste schauten – alle hatten keine Einwände. So unterzeichneten Vizedirektor Qian, Liu Jingji und Generaldirektor Yang feierlich für die drei Seiten. Das Mittagessen fand in der Basiskantine statt, Liu Jingji war Gastgeber. Er toastete auf erfolgreiche Kooperation der drei Seiten, dass „Tiefsee Nummer Eins“ bald vom Stapel laufe. Dann trank er wiederholt zu, fröhlich, alle tranken reichlich. Wu Xiaohao war auch betrunken, in ihren Augen wurde Liu Jingji sehr jung, fast wie während des Studiums an der Shandong-Uni. Als sie einzeln anstießen, ging Wu Xiaohao mit Liu Jingji zur Seite, entschuldigte sich erneut für die damalige Sache. Liu Jingji sagte: „Der Knoten im Herzen ist gelöst, die Sache ist abgehakt! Ich wünsche unserer Familie Glück, dem Kind gesundes Aufwachsen!“ Als sie diesen Segen hörte, wurde Wu Xiaohao nüchtern. Sie verstand – künftig wären sie und Liu Jingji nur noch Studiensenior und -junior, Hersteller und Nutzer von „Tiefsee Nummer Eins“. Ihr Herz fühlte sich einerseits erleichtert, andererseits schwer, sie ging zurück zum Platz und saß lange.
| + | Nach dem Film sprach der Bürgermeister. Mit scharfem Blick musterte er die Bezirks- und Gemeindechefs gegenüber und sagte in schwerem Ton: „Unsere Stadt Anlan ist vom Meer gegründet und durch das Meer stark geworden. Wir hüten einen einzigartigen ‚blauen Schatz' — das Meer ist Anlans größte Antriebskraft, größter Vorteil und Zukunftspotenzial. Aber als ich vor ein paar Tagen auf Erkundung war und diese Zustände sah, war ich zutiefst betroffen. Unsere Vorfahren gaben den Anlanern blaues Meer, blauen Himmel und goldenen Strand — welch kostbares Erbe! Insbesondere unsere hundertzwanzig Kilometer Küste — das ist eine der seltenen goldenen Küstenlinien Nordchinas! Und doch — wie die Bilder zeigen — wird sie derart verwüstet. Wie können wir da nicht vor Scham erröten!" |
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| + | Er erläuterte die fünf Kernpunkte der „Aktion Blaues Meer": Verschmutzung bekämpfen, Küsten sanieren, Fischerei zurückdrängen, nachhaltige Aquakultur, Meereskultur stärken. Zugleich solle die Aktion mit der Transformation der Fischerei und dem Wandel alter und neuer Antriebskräfte verknüpft werden. Er forderte alle auf, sich zu äußern und Vorschläge zu machen; die Vertreter der sechs Gemeinden sollten zuerst sprechen. |
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| − | Starker Schneefall kam nachts überraschend an die Bohai-Küste. Als Wu Xiaohao morgens aufstand und vor der Tür im Hof die weiße Schneedecke sah, dachte sie zuerst: Die Danqiu-Ausgrabung kann nicht weitergehen. Sie schaute die Wettervorhersage – nachmittags käme aus Westsibirien ein kräftiger Kaltluftstrom nach Yu, die nächsten Tage lägen die Höchsttemperaturen unter null Grad Celsius – das bedeutete gefrorener Boden, schwierig zu graben. Professor Fang rief in diesem Moment an, sagte, er habe mit Danqiu besprochen – angesichts des Wetters ziehe das chinesisch-amerikanische Ausgrabungsteam heute ab, komme im Frühling wieder. Wu Xiaohao fragte: „Professor, wie kommt ihr weg?“ Professor Fang sagte: „Bei diesem Wetter geht das nicht mit dem Flugzeug, wir nehmen die Hochgeschwindigkeitsbahn, haben für zwei Uhr nachmittags gebucht. Die Studenten und ich steigen in Jinan aus, die anderen fahren direkt nach Peking, steigen dort um in den Flug nach San Francisco.“ Wu Xiaohao sagte: „Gut, ich verabschiede euch mittags.“ Sie rief den Sekretär an und berichtete, der Sekretär sagte: „Ich muss zur Bezirkssitzung, du vertrittst das Parteikomitee und die Regierung bei der Verabschiedung.“ Wu Xiaohao stimmte zu, rief dann Qu Weixing an. Qu Weixing sagte: „Professor Fang hat es mir schon gesagt. Ich komme nach dem Frühstück mit dem Direktor der Kulturreliktebehörde im Kleinbus.“ Nach dem Frühstück ging Wu Xiaohao zum vom Ausgrabungsteam bewohnten Gästehaus – die Teammitglieder packten in ihren Zimmern. Professor Fang und Danqiu waren in einem kleinen Konferenzraum, arbeiteten gemeinsam mit Mitarbeitern der Kulturreliktebehörde, die das Team begleiteten – sie ordneten neu ausgegrabene Kulturreliquien nach Kategorien, legten sie auf den Tisch, bereiteten Übergabeprozeduren vor. Vor der Tür standen zwei bewaffnete Polizisten Wache. Als Wu Xiaohao kam, sagte Danqiu auf Chinesisch: „Schön, wir gehen, wir sind nicht Dayu.“ Wu Xiaohao scherzte auch mit ihm: „Nein, ihr seid Grabräuber, habt die Zivilisationsaufzeichnungen von vor viertausend Jahren gestohlen!“ Danqiu lachte laut: „Ich wollte dich stehlen! Ich mag dich, sei nicht mehr Bürgermeisterin von Guipo, werde meine Ehefrau, begleite mich zur Inselwelt im Pazifik!“ Wu Xiaohaos Herz machte einen Sprung – sie hatte nicht erwartet, dass dieser liebenswerte alte Mann so etwas sagen würde. Aber sie antwortete auch im scherzhaften Ton: „Du gehst heute weg, selbst wenn ich einen Pass beantrage, komme ich nicht rechtzeitig. Die USA haben einen neuen Präsidenten, geh zurück zu seiner Amtseinführung!“ Danqiu winkte ab: „Interessiert mich nicht.“ „Warum?“ „Kann ich als jemand, der die Welt mit tausendjähriger Perspektive betrachtet, jemanden schätzen, der nur vierjährig denkt?“ Wu Xiaohao lachte. Professor Fang nahm ein Jade-Steinbeil, stach mit seiner Spitze Danqiu in den Rücken. Danqiu rief „Autsch“, fragte Professor Fang, was das solle. Professor Fang sagte: „Dein Körper hat wie die Erde an vielen Stellen verstopfte Meridiane, mit Akupunktur wird es besser.“ Danqiu hob den Daumen. Qu Weixing und der Museumdirektor kamen. Sie erledigten mit den beiden chinesisch-amerikanischen Teamleitern die Übergabeformalitäten, unterzeichneten Dokumente. Professor Fang sagte, er habe mit Danqiu besprochen, auf dem Rückweg zur Danqiu-Stätte zu fahren, um Abschied zu nehmen. So blieb der Museumdirektor zurück, um Kulturreliquien zu ordnen, Qu Weixing und Wu Xiaohao begleiteten die Ausgrabungsteammitglieder. Als sie Guipo verließen, sah Wu Xiaohao den fertiggestellten Schnurgelbaum-Park weiß verschneit, Reihen junger Schnurgelbäume ragten aus dem Schnee wie dünne Räucherstäbchen in viereckigen Gefäßen – sie war unaussprechlich bewegt. Sie dachte: Diese Bäume speichern still Nährstoffe im Winterschnee, wenn der Frühling wiederkommt, werden sie zur richtigen Zeit wachsen, noch mehr. An der Danqiu-Stätte angekommen – die vom Ausgrabungsteam gegrabenen Testgruben lagen im Schneefeld, groß und klein, komplex verteilt, wie ein unlesbares Schachspiel. Wu Xiaohao hatte plötzlich eine Idee: Diese Testgruben erhalten, hier künftig einen Danqiu-Stätten-Park bauen. Sie äußerte diese Idee – alle Ausgrabungsteammitglieder stimmten zu. Qu Weixing sagte: „Gut, wir reichen gemeinsam – Behörde und Gemeinde – einen Bericht ein, lassen oben Mittel bewilligen. Erster Schritt: große Hallen bauen, diese Testgruben schützen.“ Professor Fang schaute auf die Uhr: „Lasst uns gehen.“ Danqiu schaute mit sehnsüchtigem Blick auf die Stätte, winkte: „Kumpel, bis zum Frühling!“ Dann drehte er sich um, stieg ein. Am Anyu-Hochgeschwindigkeitsbahnhof angekommen, dachte Wu Xiaohao an die Landenteignung und Umsiedlung vor dem Bau dieser Bahnlinie, an das furchterregende Erlebnis, als jemand ihr eine Schlange in den Kragen steckte. Sie dachte: Ich bin noch nie mit der Hochgeschwindigkeitsbahn gefahren, wünschte, ich könnte wie Stadtkader das Urlaubssystem genießen, mit Diandian nach Peking spielen fahren. Vor der großen Wartehalle schüttelten Qu Weixing und Wu Xiaohao allen Ausgrabungsteammitgliedern die Hand. Als sie bei den beiden waren, umarmte dieser Kerl Wu Xiaohao plötzlich fest, küsste ihre Stirn. Jahresende, alle beschäftigt. Aber mehrmals, kurz vor dem Einschlafen, spürte Wu Xiaohao eine seltsame Empfindung an der Stirn. Das war ein Bartkranz, ließ sie an Danqius jede Bewegung, jedes Wort denken – sie fand den amerikanischen alten Mann besonders liebenswert, besonders interessant. Als auf der Danqiu-Stätte der Weizen wieder grünte und Raps blühte, kehrte das chinesisch-amerikanische Ausgrabungsteam zurück. Wu Xiaohao entdeckte – auf amerikanischer Seite war eine Person mehr, eine Frau etwa in ihrem Alter, gelbe Haut, schwarze Haare. Danqiu stellte Wu Xiaohao vor – sie heiße Natalie, sei eine Studentin, die er letztes Jahr bei Inka-Zivilisationsforschungen in Peru aufgenommen habe. Wu Xiaohao fragte: „Ist sie Indianerin?“ Danqiu sagte: „Ja. Sie hörte, ich komme nach China zur Ausgrabung, wollte mitkommen und eine Frage erforschen: Gibt es kulturelle Verbindungen zwischen den Vorfahren der Indianer und den Vorfahren der Chinesen?“ Wu Xiaohao sagte: „Sicher gibt es die. Ich habe ein Buch, ‚Dieser Tag in der Geschichte', darin steht: 1989 – welcher Tag, weiß ich nicht mehr – berichtete die Überseeausgabe der ‚Volkszeitung': Forscher des Yi-Kultur-Forschungsinstituts der Akademie für Sozialwissenschaften der Provinz Yunnan entdeckten unter dem Volk einen Kalender namens ‚Achtzehn-Monate-Sonnenkalender'. Dieser alte Kalender wurde von Yi-Sterndeutern über Generationen überliefert. Angeblich nutzen auch die Maya diesen Kalender.“ Natalie hörte Professor Fang Zhimings Übersetzung, sprang aufgeregt: „Ja, Maya-Stämme in Südmexiko nutzen den Achtzehn-Monate-Sonnenkalender – ein Jahr hat achtzehn Monate, ein Monat zwanzig Tage! Sie haben Schrift, schreiben auch wie alte chinesische Schrift von oben nach unten, lesen aber von links nach rechts!“ Wu Xiaohao sagte: „Yi-Menschen verehren Tiger, nennen sich ‚Duoluo', das heißt ‚Tiger-Menschen'.“ Natalie sagte: „Jener Maya-Stamm verehrt auch Tiger, in Mexiko gibt es einen alten Tiger-Gott-Tempel!“ Wu Xiaohao sagte: „Du könntest nach Yunnan fahren und das untersuchen.“ Natalie ballte eine Faust: „Ich muss unbedingt hin!“ Danqiu sagte: „Ich begleite dich, ich will auch die Wurzeln der Maya-Kultur suchen.“ Wu Xiaohao entdeckte: Danqiu und Natalie waren nicht nur Lehrer und Studentin, am Blickaustausch sah man – sie waren ein Paar. Beim Essen saßen sie zusammen, nach reichlichem Trinken küsste Danqiu öffentlich Natalies Stirn. Wu Xiaohao berührte unbewusst ihre eigene Stirn, spürte unerträgliche Kopfschmerzen.
| + | Die Partei- und Verwaltungschefs bekannten sich zu den Missständen, versprachen sofortige Abhilfe und benannten Schwerpunkte und Schwierigkeiten. Einig waren sich alle: Am schwierigsten sei der „Rückzug der Fischerei": Die Fischer zum Abbau der Gewächshäuser zu bewegen, werde auf Widerstand stoßen — und die geforderten Entschädigungen? Die Umstellung der Fischerei: Wie und wohin, welche neuen Erwerbsquellen? |
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| − | Abends, zurück im Quartier, schaute sie im Spiegel auf ihr hageres Gesicht und fragte sich innerlich: Xiaohao, auf der Welt gibt es überall schöne Männer – warum ist keiner dein Partner? Du näherst dich den vierzig, wirst täglich hagerer, hast nicht mal einen geistigen Gefährten, dem dein Herz gehören kann – bist du nicht zu bemitleiden? Letztes Jahr im August startete unser Land den Quantenwissenschafts-Experimentalsatelliten „Mozi“. Manche sagen, wenn sich Mann und Frau lieben, ist das wie zwei Quanten, die verschränkt sind – warum gibt es für mich nicht ein Quant, das mit mir auf derselben Frequenz schwingt? Bei diesem Gedanken begann Wu Xiaohao im Spiegel zu weinen. Sie schaute einfach nicht mehr hin, drehte sich um, ließ sich aufs Bett fallen, weinte ununterbrochen.
| + | Der Bürgermeister antwortete: Er plane, einen Teil aus dem Stadthaushalt bereitzustellen und weitere Mittel beim Provinzamt für Meeresfischerei einzuwerben. Für den Rückbau primitiver Zuchtanlagen werde es Entschädigungen geben. Zugleich würden an geeigneten Küstenabschnitten industrielle Zuchtanlagen gebaut — intelligent, ökologisch, kompakt. Die Züchter könnten die Anlagen mieten oder sich beteiligen. Ferner: Meeresfarmen aufbauen, also Aquakultur auf See — einen „Meereskornspeicher" schaffen. |
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| − | --- | + | Wu Xiaohao konnte sich nicht zurückhalten und meldete sich: „Herr Bürgermeister, zur Transformation der Aquakultur gibt es ein Großprojekt, das wir in Betracht ziehen sollten." Der Bürgermeister nickte: „Sprechen Sie." Wu Xiaohao stellte die „Tiefsee Nr. 1" vor, so wie sie davon wusste. Die Augen des Bürgermeisters leuchteten; als sie fertig war, deutete er sofort auf sie: „Bürgermeisterin Wu, das ist eine wichtige Information. Eine Superanlage zur Kaltwasserfischzucht in gemäßigten Meeresgewässern eröffnet ein völlig neues Feld der Aquakultur. Wir müssen aktiv dafür kämpfen, dieses Projekt anzusiedeln. Gibt es in Kaipo ein Unternehmen, das bereit wäre? Wenn nicht, weise ich es einem anderen Standort zu." Wu Xiaohao beeilte sich: „Ja — die Jufeng-Gruppe hat Interesse." Bei diesen Worten wurde sie rot, weil sie wusste, dass es nicht stimmte. |
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| − | Der Frühlingswind weckte auch den lange schlafenden alten Shen auf. Jener alte Kapitän von einst schrie wieder mit Händen und Füßen gestikulierend seine Kommandos. Das erzählte Sun Wei Wu Xiaohao. Während der Renovierung des Fischereimuseums sammelte er in verschiedenen Fischerdörfern alte Fischereigeräte. An diesem Tag ging er nach Qianshen Nord, wollte nachsehen, ob die Sachen vom alten Shen noch da waren. Dort entdeckte er: Alter Shen war wieder wie früher – auf dem großen Boot in seinem Hof zeigte er die Haltung und das Gehabe eines Kapitäns. Sun Wei sagte: „Frau Bürgermeisterin, kommen Sie schnell schauen – wenn Sie jetzt nicht kommen, werden Sie es nie mehr sehen. Ich vermute, der alte Shen erlebt ein letztes Aufflackern.“ Wu Xiaohao legte also ihre Arbeit beiseite und fuhr hin. Dort angekommen sah sie: Im Hof und außerhalb standen viele Leute wie bei einem großen Schauspiel. Der alte Shen stand auf Deck, überragte alle Köpfe, überragte den Hof, schrie laut seine Kommandos, bewegte entsprechend Hände und Füße. Sun Wei sah Wu Xiaohao, rief „Frau Bürgermeisterin“, sagte, er habe von der Frau des alten Shen gehört: Der alte Shen mache es wie damals um fünf Uhr morgens, wenn man mit der Flut aufs Meer hinausfuhr – was zu tun war, tat er, was zu rufen war, rief er. Boot anheben, Ruder schieben, Anker lichten, Stangen setzen, Segel hissen, Netze auswerfen, im Wind kämpfen, Fische zählen, Netze einholen, Wasser schöpfen, Reihen bilden, ankern usw. – alles hatte er gerufen, wieder und wieder. Wu Xiaohao fragte: „Was ruft er jetzt?“ Sun Wei sagte: „Segel-hissen-Kommando. Nachdem das Fischerboot abgelegt hat, wenn der Wind richtig steht, hissen sie das Schiffssegel, nutzen die Windkraft, beschleunigen vorwärts.“ Der alte Shen machte plötzlich ziehende Bewegungen, biss die Zähne zusammen, kniff die Augen zu, setzte seine ganze Kraft ein. Verglichen mit vor einem Jahr war er viel dünner, viel älter geworden, aber sein Geist war unvermindert stark. Seine langen weißen Haare waren unordentlich, wehten wild im Wind. Wu Xiaohao schaute ihn mit liebevollen und respektvollen Augen an, bis ihre Augen heiß wurden. Vor dem Hoftor hielt ein Kleinbus, auf dem in roten Zeichen stand: „Verschwenderische-Frauen-Live-Raum“. Jemand rief aufgeregt: „Die verschwenderischen Frauen kommen! Die verschwenderischen Frauen kommen!“ Drei, vier Frauen stiegen aus, manche mit Handys, manche mit Stativen. Die Leute machten Platz, sie wählten schnell einen Platz, stellten Stative auf, befestigten Handys – begannen live zu übertragen. Eine hübsche Frau stand vor dem Handy, offensichtlich die Moderatorin. Interessant war: Noch bevor sie sprach, zeigte sich ihre kleine Zungenspitze im Mundwinkel – wirkte etwas kokett und verführerisch. Xiao Wang sagte Wu Xiaohao, diese Frau sei die Anführerin der verschwenderischen Frauen, Guo Mos Schwägerin, weil sie gern die kleine Zunge zeigte, sei ihr Spitzname „Xishi-Zunge“. Xishi-Zunge sprach – sie erklärte die Herkunft dieses Kapitäns, sagte, er rufe Fischer-Kommandos. Dann trat sie zur Seite, richtete das Handy direkt auf den alten Shen auf dem Deck. Wu Xiaohao kannte den „Verschwenderische-Frauen-Live-Raum“. Im ersten Mondmonat hatte sie einmal eine Stadtkonferenz – Fahrer Xiao Wang wartete im Auto, schaute aufs Handy und lachte. Sie stieg ein, fragte, was er schaue. Xiao Wang sagte nach dem Start, er schaue die verschwenderischen Frauen der Walbucht. Wu Xiaohao sagte: „Das sind doch diese sang- und tanzfreudigen Frauen?“ Xiao Wang sagte: Die machen jetzt Livestreaming, sind Internetstars. Ihre Kurzvideos sind online sehr populär, sie verdienen angeblich ordentlich Geld. Frau Bürgermeisterin, laden Sie auch Kuaishou oder Douyin herunter, da gibt es den „Verschwenderische-Frauen-Live-Raum“ – die sind wirklich toll. Wu Xiaohao lud abends die Apps herunter und schaute – diese Gruppe Frauen aus der Walbucht hatte wirklich Talent, sie traten selbst auf mit Gesang und Tanz, filmten draußen interessante Szenen live, hatten viele Fans. Allerdings waren manche Programme, um lustig zu sein, zu vulgär. Die Liveübertragung lief noch, Wu Xiaohao wollte die alte Frau sehen, ging also mit Sun Wei von hinten durch die Menge ins Haus. Mehrere Leute saßen gerade vor einem Kang und ruhten, auch die alte Frau saß da. Wu Xiaohao trat vor, rief: „Schwester.“ Ein dunkelhäutiger Mann stand auf: „Die Frau Bürgermeisterin ist da?“ Wu Xiaohao erkannte – er war der Dorfvorsteher von Qianshen Drei, Shen Weinian. Shen Weinian stellte ihr einen brillentragenden Mann mittleren Alters vor, sagte, das sei der Sohn des alten Shen, Anwalt in der Stadt. Wu Xiaohao setzte sich: „Anwalt Shen, die Kommandos Ihres Vaters sind wirklich bewegend!“ Anwalt Shen schüttelte den Kopf: „Ich schätze, er kann nicht mehr lange rufen. Dieses Jahr war er ständig krank, mehrmals wollte ich ihn zur Untersuchung in die Stadt bringen – der Arzt sagte, nicht nur das Kleinhirn schrumpft, mehrere Organe versagen. Krankenhausaufenthalt bringe wenig, besser nach Hause. Gestern hörte ich, er ruft wieder Kommandos – ich kam eilig zurück, wollte ihn wieder ins Krankenhaus bringen, aber er weigerte sich entschieden. Ich dachte: Dann eben nicht, lass ihn nur rufen...“ Dabei warf er einen Blick auf seinen Vater im Hof, seine Stimme brach, Tränen flossen. Sun Wei sagte: „Anwalt Shen, ich habe mit Ihnen gesprochen – das Fischereimuseum ist bald fertig, wir möchten die Fischereigeräte Ihres Vaters zur Ausstellung nehmen, was meinen Sie...“ Anwalt Shen sagte: „Kein Problem. Sobald mein Vater geht, nehmen Sie alles mit, ich spende es unentgeltlich in seinem Namen.“ Wu Xiaohao sagte: „Wunderbar! Danke, Anwalt Shen!“ Shen Weinian seufzte: „Ach, wenn unser Onkel geht, gibt es in der ganzen Walbucht keinen einzigen Kapitän mehr, der Segelschiffe steuern kann.“ Wu Xiaohao drehte sich um, schaute auf den rufenden und gestikulierenden alten Shen – tief bewegt. Der alte Shen hörte plötzlich auf zu rufen, hielt sich an der Mastenstange fest. Wu Xiaohao fragte sich gerade, was er vorhabe – da sah sie ihn sich kraftlos an der Stange festhalten, sich langsam hinsetzen. Sie rannte sofort hin – der alter Shen lehnte an der Mastenstange, die Augen geschlossen, Blut im Mundwinkel. Sein Sohn sprang aufs Boot, rief: „Vater—“ Die anwesenden Fischer-Männer riefen auch: „Alter Kapitän—“ Wu Xiaohao sagte innerlich: Eine Fischergeneration – hiermit verabschiedet. Die kleine rote Fahne an der Mastenstange wehte noch im Wind.
| + | „Gut." Er wandte sich an den neben ihm sitzenden Vizebürgermeister Luo Wenju: „Vizebürgermeister Luo, Sie übernehmen die Federführung — Bezirk Yucheng, Amt für Meeresfischerei, Amt für Wissenschaft und Technologie, Sie arbeiten alle zusammen und treiben das voran." Vizebürgermeister Luo sagte: „Einverstanden — nach der Sitzung halten wir gleich eine kleine Runde ab." Als Wu Xiaohao die Haltung der Führung sah, war sie einerseits froh, andererseits besorgt. Generaldirektor Xin hatte ihr gesagt, er könne es nicht — würde sie ihn umstimmen können? Und Qingdao — sie hatte sich nie gemeldet — hatten sie möglicherweise schon einen anderen Partner? Bei dem Gedanken hielt sie es nicht mehr auf dem Stuhl aus und ging hinaus, um zu telefonieren. Zuerst erreichte sie Liu Jingji und erzählte, sie habe bei der Konferenz des Bürgermeisters die „Tiefsee Nr. 1" vorgestellt — der Bürgermeister sei sehr interessiert. Liu Jingji sagte: „Wunderbar — ich warte die ganze Zeit auf deine Rückmeldung. Professor Yu hat mich gestern noch gefragt." Wu Xiaohao sagte: „Sag Professor Yu, wir kommen in den nächsten Tagen zum Gespräch. Allerdings hat die Jufeng-Gruppe ein Problem: Sie kann nicht auf Anhieb über hundert Millionen aufbringen. Wäre ein Preisnachlass möglich, und Ratenzahlung?" Liu Jingji sagte: „Kein Problem — alles verhandelbar." Wu Xiaohao sagte: „Gut, danke." |
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| + | Dann rief sie Generaldirektor Xin an, berichtete vom Symposium und von Liu Jingjis Bereitschaft. Generaldirektor Xin sagte: „Dann gibt es kein Problem mehr — ich ziehe das durch!" Nach der Sitzung blieben die vom Bürgermeister benannten Personen beisammen. Vizebürgermeister Luo fragte den Fischereidirektor Jiu über die „Tiefsee Nr. 1". Jiu bestätigte: Die Kaltwasserblase im Gelben Meer sei real, etwa 130.000 Quadratkilometer groß, ca. 130 Seemeilen nordöstlich von Yucheng. Lachs sei ein Kaltwasserfisch, optimal bei 16 bis 18 Grad. Die „Tiefsee Nr. 1" könne die Kaltwasserblase nutzen, um den Lachs über den heißen Sommer zu bringen. Bezirksleiter Wan sagte: „Die Fischerei von Anlan — Yucheng hat den größten Anteil. Wir suchen ständig nach Möglichkeiten, die Fischerei aufzuwerten und das Einkommen der Fischer nachhaltig zu steigern. Wenn die ‚Tiefsee Nr. 1' gelingt, bauen wir eine Nr. 2, Nr. 3, Nr. N — machen die Meeresfarm weit und ertragreich. Seien Sie versichert: Der Bezirk Yucheng unterstützt Kaipo mit aller Kraft." |
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| − | Sekretär Fang sagte Wu Xiaohao an diesem Tag: Die Bezirksführung habe ihn angerufen, ein alter Provinzführer empfehle eine Unternehmerin, die Guipo entwickeln wolle. Wu Xiaohao sagte: „Gut, wann kommt sie?“ Fang Zonghou sagte: „Morgen vormittag. Planen Sie keine anderen Aktivitäten, wir treffen uns gemeinsam mit ihr.“ Am nächsten Morgen um zehn Uhr rief Xiang Chunjiang Wu Xiaohao an – der Gast komme gleich an. Wu Xiaohao ging mit dem Sekretär hinunter zur Begrüßung. Nach ein paar Minuten fuhr tatsächlich ein Mercedes in den Hof. Zwei Frauen stiegen aus – eine etwa fünfzig, eine etwa vierzig, beide geschminkt, noch immer charmant. Die Vierzigjährige stellte die Fünfzigjährige vor, sagte, sie sei Generaldirektorin Liang. Generaldirektorin Liang lächelte zurückhaltend, streckte beiden Gemeindeleitern die Hand entgegen. Als Wu Xiaohao ihre Hand schüttelte, fühlte diese sich weich an – warum auch immer. Die Vierzigjährige stellte sich selbst vor, heiße Zhong, sei Generaldirektorin Liangs Stellvertreterin. Sie reichte Fang Zonghou und Wu Xiaohao Visitenkarten von Generaldirektorin Liang. Wu Xiaohao schaute – darauf stand: „Generaldirektorin der Shandong Kaidike Kultur- und Tourismusentwicklung GmbH, Liang Jia“. Im Empfangsraum im zweiten Stock setzten sie sich, Fang Zonghou sagte: „Willkommen Generaldirektorin Liang, willkommen zur Entwicklung von Guipo.“ Generaldirektorin Liang trank einen Schluck Tee, sagte gemächlich: „Eigentlich wollte ich gar nicht kommen, aber Direktor Shui bestand darauf, sagte, Yu sei ein Ort, wo er gearbeitet habe, manche Orte seien noch sehr rückständig – ich müsse unbedingt kommen und entwickeln. Ach, dann entwickeln wir eben, machen den alten Führer glücklich.“ Als Wu Xiaohao das hörte, fand sie es widerlich. Fang Zonghou lächelte unterwürfig: „Generaldirektorin Liang, was planen Sie zu entwickeln?“ Generaldirektorin Liang betrachtete ihre dunkelviolett lackierten Fingernägel, sagte dabei: „Eigentlich interessiere ich mich für Blockchain-Technologie. In manchen Großstädten unseres Landes wird Blockchain-Industrie-Entwicklung gefördert, eine große Zahl von Blockchain-Firmen hat sich versammelt, gute Blockchain-Entwicklungssubstanz gebildet. In abgelegenen Gegenden – sagen wir Yu – die Stadt Yu, wie der Name sagt, muss eine abgelegene Stadt sein – kennen wahrscheinlich fast keine Menschen Blockchain-Technik. Aber da der alte Führer es aufgetragen hat, verschiebe ich den Blockchain-Plan erst mal, bis ich hier etwas Bedeutendes entwickelt habe.“ Wu Xiaohao hörte sie schwafeln, konnte nicht anders, fragte: „Generaldirektorin Liang, was wollen Sie eigentlich entwickeln?“ „Was entwickeln? Meine Meinung ist: Im westlichen Berggebiet Ihrer Gemeinde Guipo ein touristisches Gesamtprojekt entwickeln. Ich habe bereits Leute zur Feldinspektion geschickt – dort gibt es doch einen Xiangshan? Mit Steinhöhle, Felsinschrift, altem Dorf, noch dazu ‚immaterielles Kulturerbe'. Sie siedeln mir die Dörfer um, übertragen mir das Land, ich lade nationale und internationale Tourismus-‚Gurus' ein, Ideen beizusteuern – ich will dort einen völlig neuen Xiangshan schaffen, der sich mit Pekings Xiangshan messen kann, Touristen aus der ganzen Welt anlockt.“ Wu Xiaohao fragte: „Generaldirektorin Liang, haben Sie konkretere Vorstellungen für dieses touristische Gesamtprojekt?“ Generaldirektorin Liang sagte: „Vorstellungen? Sicher habe ich die. Aber ich muss selbst inspizieren, nur so kann ich zielgerichtet handeln.“ Fang Zonghou sagte: „Gut, dann lasse ich Frau Vize-Bürgermeisterin Wu Sie auf den Berg begleiten, einverstanden? Ich habe noch andere Termine.“ Generaldirektorin Liang sagte: „Na gut, aber Sekretär Fang“ – sie zeigte mit dem Finger auf ihn, wackelte mit dem Doppelkinn – „Sie müssen die Meinung des alten Führers gut verstehen, kompromisslos umsetzen.“ Fang Zonghou nickte wiederholt: „Gut, gut.“ Da der Sekretär sie vorschickte, musste Wu Xiaohao notgedrungen die beiden Frauen auf den Berg begleiten. Sie setzte sich auf den Beifahrersitz des großen Mercedes, dirigierte den Fahrer. Unterwegs rief sie Dorfsekretär Lao Zheng vom Dorf Shihu an, sagte, sie bringe Generaldirektorin Liang auf den Berg, er solle vor der Steinhöhle warten. Im Berg angekommen – überall blühten Pfirsiche rot. Generaldirektorin Liang begann leise zu singen: „Vom Steinfelsen-Weg kommend, gemächlich zwischen Pfirsichblüten – letzte Nacht wehte Wind, ließ Blüten fallen, färbte so viele schöne Träume rot...“ Generaldirektorin Liangs Stimme war sehr gut, melodisch und angenehm. Als sie fertig war, fragte Wu Xiaohao, woher sie komme. Generaldirektorin Liang sagte: „Früher waren alle Meere meine Heimat.“ Wu Xiaohao verstand – sie wollte nicht die Wahrheit sagen, fragte also nicht weiter. Wu Xiaohao dachte: In den letzten Jahren hat der Staat Landübertragung in ländlichen Gebieten gefördert, um Landwirtschaft zu Skalierung, Intensivierung, Modernisierung zu führen – das ist an sich gut. Wie an den kleinen Ebenen entlang des Ou-Flusses – mehrere Großbauern pachteten jeweils mehrere hundert oder gar über tausend Mu Land, ob Reis oder Weizen – die Kosten sanken, der Ertrag stieg. In der Qiangou-Gemeinde hatte ein Großbauer 300 Mu gepachtet, nur „Jilu 26“-Süßkartoffeln angebaut – Ertrag über 7000 Pfund, nach der Ernte in großen Kellern gelagert, vor dem Frühlingsfest in Großstädte transportiert zum Verkauf und pro Mu fast zehntausend Yuan Einkommen erzielt. Nachdem Bauern Land übertragen hatten, arbeiteten manche auf diesen Farmen, verdienten zusätzlich Lohn. Aber es gab auch Leute, die unter dem Banner der Landübertragung Geld ergaunerten, die Gier von Kapitalisten zeigten. In der Gemeinde Yanghou behauptete ein Chef, ein „Zehntausend-Mu-Rosen-Garten“ bauen zu wollen, das „schönste Geschäft der Welt“ machen – Gemeinde- und Dorfkader glaubten es, gaben ihm alles Land von drei Dörfern. Nachdem er es bekam, zahlte er Bauern nur ein Jahr Pacht, verpfändete aber das Nutzungsrecht dieses Lands an eine Bank, lieh mehrere hundert Millionen, nahm es in die Stadt für Immobilienentwicklung – die über zehntausend Mu Land lagen praktisch brach. Wu Xiaohao war einmal vorbeigefahren, schaute auf die endlosen Ödländer und vereinzelten Rosenstöcke zwischen Unkraut – ihr Herz schmerzte. Wu Xiaohao beurteilte: Diese heute kommende Generaldirektorin Liang war auch von dieser Sorte. Sie schwang die Fahne eines alten Führers, versuchte mit dessen Restautorität ihre Intrige durchzusetzen. Du rechnest raffiniert – ich lasse dich nicht durchkommen. Ich kann nicht zulassen, dass Masseninteressen geschädigt werden, kann nicht „Xiangshan-Hinterlassenschaft“ zu „Xiangshan-Gestank“ werden lassen. Mehrere Leute waren zur Steinhöhle gekommen, der alte Zheng und die in diesem Dorf stationierte Erste Sekretärin Jing Yuxian warteten dort. Wu Xiaohao stellte sie vor, Generaldirektorin Liang schüttelte ihnen herablassend die Hand: „Ich komme, um euch zu entwickeln, diese Berge völlig neu zu gestalten!“ Sie stand dort, schaute auf diesen Berg und das Dorf Shihu, machte eine große Geste: „Ich will alles, ich will alles.“ Wu Xiaohao schwieg, schaute sich das Schauspiel an. Generaldirektorin Liang schaute hoch zu den vier Zeichen „Xiangshan-Hinterlassenschaft“ an der Felswand, fragte Wu Xiaohao, welchen Rang der Kalligraph hatte. Wu Xiaohao sagte: Ein Kreismagistrat. Generaldirektorin Liang lachte geringschätzig: „Ein unbedeutender Beamter siebten Ranges? Zu niedriger Rang. Ich lasse Direktor Shui neu schreiben, er ist Provinzführer, seine Kalligraphie ist auch sehr gut!“ Sie ging in die Steinhöhle, schaute sich um, triumphierend: „Ich mache hier ein Museum, lasse Touristen das Leben von Höhlenmenschen erleben. Stadtleute sind an Sterne-Hotels gewöhnt, an Federkernmatratzen – hierher kommen, wohnen, das wird sicher frisch sein. Allerdings ist diese Höhle zu klein, man sollte mit Sprengstoff nachhelfen, größer machen – mindestens Dutzende Betten reinpassen.“ Die Generaldirektorin Liang begleitende Frau Zhong klatschte sofort: „Gut, das mit den Höhlenmenschen zu verbinden – Generaldirektorin Liang hat wahrhaft Kreativität!“ Wu Xiaohao konnte nicht anders: „Höhlenmenschen lebten vor 27.000 Jahren, sie haben mit den Vorfahren vom alten Yuan nichts zu tun.“ Generaldirektorin Liang warf ihr einen verächtlichen Blick zu: „Bei Entwicklung darf man sich nicht an Geschichte klammern. Ich sage, hier wohnten Höhlenmenschen – wer kann widersprechen?“ Wu Xiaohao sagte: „Ich schon. Sie sagen, hier wohnten Höhlenmenschen – wo ist der Beweis?“ „Ich lasse den alten Führer eine Inschrift schreiben, bestätige, hier sei Heimat der Höhlenmenschen – wer wagt nicht zu glauben?“ Wu Xiaohao war zur Weißglut gebracht, ihre Augen fixierten sie: „Generaldirektorin Liang, ich habe an der Fakultät für Geschichte und Kultur der Shandong-Universität studiert, mein Lehrer sagte mir: Geschichte darf nicht erfunden werden, man braucht ausreichend Beweise als Stütze.“ Als sie das so hörten, musterten die beiden Frauen Wu Xiaohao von oben bis unten, sagten nichts mehr. Wu Xiaohao fragte nun Jing Yuxian, wie lange sie nicht in der Stadt gewesen sei. Jing Yuxian sagte: „Über einen halben Monat. Aber zurückgehen bringt auch nichts, ich habe mich ans Leben auf dem Berg gewöhnt.“ Wu Xiaohao fragte sie und den alten Zheng, ob die fünf armen Haushalte dieses Jahr aus der Armut kommen könnten. Der alte Zheng sagte: „Kein Problem, Sekretärin Jing arbeitet gründlich, hat für jeden Haushalt einen Armutsbekämpfungsplan erstellt, geht regelmäßig nachsehen, wie die Umsetzung läuft.“ Lao Zheng schaute zu den beiden abseits rauchenden Geschäftsfrauen, flüsterte: „Frau Bürgermeisterin, ich finde diese beiden Frauen nicht seriös.“ Jing Yuxian sagte: „Man darf sie nicht hier herumfuhrwerken und Landschaft, Natur und Kulturerbe zerstören lassen.“ Wu Xiaohao sagte: „Keine Sorge, das werde ich mit aller Kraft verhindern.“ Frau Zhong kam herüber: „Frau Vize-Bürgermeisterin Wu, Generaldirektorin Liangs Absicht ist: Zurückgehen, einen Plan ausarbeiten, dem alten Führer berichten, dann wiederkommen zur Umsetzung.“ Wu Xiaohao sagte: „Gut, gehen wir zurück.“ Nachdem die beiden Frauen Guipo verlassen hatten, ließ Wu Xiaohao das Investitionsbüro Details über die Shandong Kaidike Kultur- und Tourismusentwicklung GmbH herausfinden. Der Direktor des Investitionsbüros berichtete ihr schnell: Diese Firma sei letzten Monat bei der Gewerbeaufsicht in der Stadt Anyu registriert worden, Stammkapital 100.000 Yuan. Diese Generaldirektorin Liang sei Chorsängerin einer Provinzhauptstadt-Gesangs- und Tanztruppe gewesen, habe gerade vorzeitige Pensionierung beantragt. Wu Xiaohao lachte kalt: Mit nur so viel Kapital willst du Xiangshan bekommen, eine Komödie vom Elefanten spielen? Schön gedacht!
| + | Vizebürgermeister Luo sagte zu Fang Zongyue und Wu Xiaohao: „Sehen Sie? Stadt und Bezirk stehen so dahinter — packen Sie es an!" Fang Zongyue nickte. Luo sagte, er werde nach Qingdao fahren; Wu Xiaohao kontaktierte sofort Liu Jingji und vereinbarte ein Treffen in zwei Tagen. |
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| | + | An jenem Tag fuhren die beiden Kaipo-Chefs zusammen mit Generaldirektor Xin frühmorgens zum Regierungsgebäude, wo sie mit Vizebürgermeister Luo, Bezirksleiter Wan und anderen im Kleinbus nach Qingdao aufbrachen. Zunächst besichtigten sie die Schiffbau-Basis — die schiere Größe und Fertigungskapazität beeindruckten sie zutiefst. Liu Jingji trug einen eleganten dunkelblauen Mantel und führte sie sachkundig — Wu Xiaohao konnte den Blick kaum von ihm wenden. Sie dachte: Auch wenn er sein Studenten-Gelöbnis nicht eingelöst und es nicht in die Politik geschafft hat — in der chinesischen Fertigungsindustrie so weit zu kommen, das ist auch eine Leistung. |
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| | + | Wie sah sein Privatleben aus? Hatte er überhaupt eine Frau? Wu Xiaohao war abgelenkt. Da kamen ein Vizepräsident der Meeresuniversität, der Institutsleiter und Professor Yu, und alle drei Seiten setzten sich im Konferenzraum zusammen. Liu Jingji erläuterte den Zweck; Professor Yu präsentierte die „Tiefsee Nr. 1" per PowerPoint. Vizebürgermeister Luo nickte wiederholt. Danach stellte er einige Fragen, auch Bezirksleiter Wan und die beiden Amtsleiter fragten zu technischen Details — Professor Yu beantwortete alles. Generaldirektor Xin besprach mit Liu Jingji Designfragen zum Versorgungsschiff. |
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| | + | Schließlich legte Liu Jingji den Kooperationsvertragsentwurf vor. Die Anlan-Delegation hatte keine Einwände; Institutsleiter, Liu Jingji und Generaldirektor Xin unterzeichneten feierlich für die drei Seiten. Das Festmahl fand in der Werkskantine statt; Liu Jingji war Gastgeber. Er prostete auf den Erfolg der Kooperation und das baldige Stapellassen der „Tiefsee Nr. 1" — dann floss der Wein in Strömen. Auch Wu Xiaohao trank zu viel; Liu Jingji erschien ihr plötzlich sehr jung — fast wie an der Universität. Beim persönlichen Zuprosten zog sie ihn beiseite und entschuldigte sich nochmals für die damalige Sache. Liu Jingji sagte: „Der Knoten ist gelöst — Schwamm drüber! Auf das Glück unserer Familien und das Gedeihen unserer Kinder!" |
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| | + | Bei diesem Trinkspruch wurde Wu Xiaohao schlagartig nüchtern. Sie verstand: Von nun an war das Verhältnis zu Liu Jingji das von Studienfreunden — Hersteller und Abnehmer der „Tiefsee Nr. 1" — und nichts weiter. Erleichtert und zugleich traurig saß sie lange reglos auf ihrem Platz. |
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| | + | '''8''' (ACHTUNG: ZEILE FEHLT — BITTE IN PDF-DATEI PRÜFEN) Starker Schneefall kam in der Nacht unverhofft über die Küste des Gelben Meers. Als Wu Xiaohao morgens aufstand und den weißen Hof sah, dachte sie zuerst: Die Danxu-Grabung kann nicht weitergehen. Die Wettervorhersage kündigte für den Nachmittag eine starke Kaltfront aus Sibirien an — die nächsten Tage unter null Grad: gefrorener Boden, kein Graben möglich. |
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| | + | Professor Fang rief an: Er und Dandan hätten beschlossen, dass das Team heute abziehe und im Frühling wiederkomme. Wu Xiaohao fragte: „Wie reist ihr?" Professor Fang sagte: „Bei dem Wetter nicht fliegen — wir nehmen den Schnellzug, Abfahrt zwei Uhr. Die Studenten und ich steigen in Jinan aus; Dandan und die anderen fahren durch nach Peking und von dort nach San Francisco." Wu Xiaohao sagte: „Gut, mittags verabschiede ich euch." |
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| | + | Sie rief den Sekretär an; der sagte, er müsse zur Bezirkssitzung — sie solle Parteikomitee und Regierung vertreten. Wu Xiaohao rief Fan Weixing an; der wusste bereits Bescheid und versprach, nach dem Frühstück mit dem Museumsdirektor im Kleinbus zu kommen. Am Gästehaus angekommen, packten die Archäologen ihre Sachen. Professor Fang und Dandan waren in einem kleinen Besprechungsraum; mit Mitarbeitern der Kulturbehörde ordneten sie Funde nach Kategorien auf dem Tisch — Übergabe-Vorbereitung. Vor der Tür standen zwei bewaffnete Polizisten. |
| | + | |
| | + | Als Wu Xiaohao eintrat, sagte Dandan auf Chinesisch: „Hao, wir gehen — wir sind keine Grabräuber!" Wu Xiaohao scherzte zurück: „Doch — ihr habt die viertausend Jahre alten Zeugnisse unserer Zivilisation gestohlen!" Dandan lachte: „Ich wollte auch dich entführen! Ich mag dich — hör auf, Bürgermeisterin zu sein, werde meine Frau und feiere Weihnachten mit mir an der Pazifikküste!" Wu Xiaohaos Herz machte einen Sprung — so etwas von diesem liebenswerten alten Herrn hatte sie nicht erwartet —, doch sie antwortete im Scherz: „Du fährst heute ab — selbst wenn ich wollte, schafft mein Reisepass das nicht. In Amerika gibt es einen neuen Präsidenten — fahr schnell heim zu seiner Amtseinführung!" Dandan zuckte die Schultern: „Kein Interesse." — „Warum nicht?" — „Ich, der die Welt in Jahrtausenden misst — kann ich jemanden bewundern, der nur in Vier-Jahres-Zyklen denkt?" Wu Xiaohao lachte. |
| | + | |
| | + | Professor Fang nahm einen spitzen Jadenstein und piekste Dandan damit in den Rücken. Dandan rief und fragte, was das solle. Professor Fang sagte: „Auf dieser Erde stocken an vielen Stellen die Meridiane — hätte man eine Akupunkturnadel dafür, das wäre gut." Dandan hob den Daumen. Fan Weixing und der Museumsdirektor kamen; sie erledigten die Übergabe mit den beiden Teamleitern und unterschrieben. Professor Fang sagte, er und Dandan wollten auf dem Weg noch die Danxu-Ruine besuchen und sich verabschieden. Der Museumsdirektor blieb, um die Funde zu verwalten; Fan Weixing und Wu Xiaohao begleiteten das Team. |
| | + | |
| | + | Am Ortsausgang sah Wu Xiaohao den fertiggestellten Schnurbaumgarten in makellosem Weiß — aus dem Schnee ragten Reihen junger Bäumchen wie dünne Räucherstäbchen in einer Porzellanschale, und etwas Unbeschreibliches rührte sie. Diese Setzlinge, dachte sie, sammeln jetzt still unter dem Winterschnee Nährstoffe; wenn der Frühling kommt, werden sie grünen und wachsen. |
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| | + | An der Danxu-Ruine reihten sich die von den Archäologen gegrabenen Suchfelder im Schnee aneinander — groß und klein, wie ein rätselhaftes Schachspiel. Wu Xiaohao hatte plötzlich eine Idee: Diese Grabungsfelder erhalten und hier einen Danxu-Ruinenpark errichten! Alle waren begeistert. Fan Weixing sagte: „Ja! Wir stellen gemeinsam einen Antrag auf Fördermittel. Erster Schritt: Überdachung bauen." Professor Fang schaute auf die Uhr: „Wir müssen los." Dandan blickte mit sehnsüchtigen Augen auf die Ruine, winkte und rief: „Leute, bis zum Frühling!" Dann stieg er ein. |
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| | + | Am Hochgeschwindigkeitsbahnhof von Anlan erinnerte sich Wu Xiaohao an die Landenteignung vor dem Bau und an das furchtbare Erlebnis, als jemand ihr eine Schlange in den Kragen gesteckt hatte. Noch nie bin ich selbst Schnellzug gefahren, dachte sie — ich wünschte, ich könnte wie die Stadtkollegen mal Urlaub nehmen und mit Diandian nach Peking fahren. |
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| | + | Vor der Wartehalle verabschiedeten sich Fan Weixing und Wu Xiaohao mit Handschlag von allen. Vor Dandan angekommen, umarmte der sie plötzlich fest und küsste sie auf die Stirn. In den hektischen letzten Tagen des Jahres spürte Wu Xiaohao beim Einschlafen manchmal etwas Fremdes auf der Stirn — einen kratzenden Bart, der sie an Dandans Gesten und Worte erinnerte; sie fand den amerikanischen Alten besonders liebenswert und amüsant. |
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| | + | Als auf den Feldern der Danxu-Ruine das Wintergetreide grünte und das Hirtentäschel blühte, kehrte das Team zurück. Wu Xiaohao bemerkte, dass bei den Amerikanern eine neue Frau dabei war — etwa in ihrem Alter, gelbe Haut, schwarzes Haar. Dandan stellte sie vor: Nathalie, eine Studentin, die er letztes Jahr in Peru bei der Erforschung der Inka-Kultur aufgenommen habe. Wu Xiaohao fragte: „Ist sie Indianerin?" Dandan sagte: „Ja. Als sie hörte, dass ich nach China fahre, wollte sie mitforschen — sie möchte herausfinden, ob die Vorfahren der Indianer und der Chinesen kulturell verwandt sind." |
| | + | |
| | + | Wu Xiaohao sagte: „Bestimmt. Ich habe ein Buch, ‚Dieser Tag in der Geschichte', darin steht für 1989 — den genauen Tag weiß ich nicht mehr —: Die Volkszeitung-Auslandsausgabe berichtete, dass das Yi-Forschungsinstitut in Yunnan einen alten Kalender entdeckt hat: den ‚Achtzehn-Monats-Sonnenkalender'. Er wurde von Generation zu Generation von Yi-Sterndeutern weitergegeben. Angeblich verwendeten auch die Maya diesen Kalender." |
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| | + | Nathalie sprang vor Begeisterung auf: „Ja! Die Maya-Stämme in Mexiko benutzten den Achtzehn-Monats-Sonnenkalender — achtzehn Monate zu je zwanzig Tagen! Sie hatten Schrift und schrieben wie die alten Chinesen von oben nach unten, gelesen von links nach rechts!" Wu Xiaohao sagte: „Die Yi verehren den Tiger und nennen sich ‚Luoluo' — ‚Tiger-Menschen'." Nathalie sagte: „Die Maya verehren ebenfalls den Tiger — in Mexiko gibt es sogar einen Jaguar-Tempel!" Wu Xiaohao sagte: „Du solltest nach Yunnan fahren und das untersuchen." Nathalie ballte die Faust: „Unbedingt!" Dandan sagte: „Ich begleite dich — ich will die Wurzeln der Maya-Kultur finden." |
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| | + | Wu Xiaohao bemerkte: Dandan und Nathalie waren nicht nur Lehrer und Schülerin — ihre Blicke verrieten sie als Liebespaar. Beim Essen saßen sie nebeneinander; als Dandan zu viel getrunken hatte, küsste er Nathalie offen auf die Stirn. Wu Xiaohao berührte unwillkürlich ihre eigene Stirn und bekam Kopfschmerzen. Abends im Quartier betrachtete sie im Spiegel ihr müdes Gesicht und fragte sich: Xiaohao, die Welt ist voller Männer — warum ist keiner dein Gefährte? Bald vierzig, immer erschöpfter, nicht einmal einen seelischen Ankerplatz — ist das nicht erbärmlich? Letzten August hat China den Quantensatelliten „Mozi" gestartet. Manche sagen, wenn zwei Menschen sich lieben, sei das wie die Verschränkung zweier Quanten — warum gibt es für mich kein Quant, das mit mir auf derselben Frequenz schwingt? Bei diesem Gedanken verschwamm ihr Spiegelbild. Sie schaute nicht mehr hin, drehte sich um, ließ sich aufs Bett fallen und weinte haltlos. |
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| | + | '''9''' (ACHTUNG: ZEILE FEHLT — BITTE IN PDF-DATEI PRÜFEN) Der Frühlingswind weckte auch den alten Shen, der lange geschlummert hatte. Der einstige Kapitän fuchtelte wieder mit Händen und Füßen und rief seine Kommandos. |
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| | + | Das erzählte Sun Wei ihr. Während der Renovierung des Fischereimuseums sammelte er in den Fischerdörfern alte Geräte. An jenem Tag ging er nach Qianwan-Nord und wollte nachsehen, ob die Sachen des alten Shen noch da waren. Er fand ihn — wieder wie früher — auf seinem großen Boot im Hof, ganz Kapitän. Sun Wei sagte: „Frau Bürgermeisterin, kommen Sie schnell — wenn Sie jetzt nicht kommen, werden Sie es nie mehr sehen. Ich glaube, beim alten Shen ist es ein letztes Aufflackern." |
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| | + | Wu Xiaohao legte ihre Arbeit nieder und fuhr hin. Im Hof und davor drängten sich die Leute wie bei einer Freiluftvorstellung. Der alte Shen stand auf dem Deck, überragte alle Köpfe, schrie laut seine Kommandos und vollführte die passenden Bewegungen. Sun Wei berichtete: Seit dem Morgengrauen — wie einst um fünf Uhr beim Auslaufen mit der Flut — habe er alles durchexerziert: Boot heben, Stange setzen, Ruder schieben, Wenden, Segel hissen, Netz auswerfen, Fische zählen, Netz einholen, Wasser prüfen, Vertäuen, Ankern — alles, wieder und wieder. |
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| | + | Wu Xiaohao fragte: „Was ruft er gerade?" Sun Wei sagte: „Das Segel-Kommando. Wenn das Boot abgelegt hat und der Wind günstig steht, hissen sie das Segel." Der alte Shen machte Zugbewegungen, biss die Zähne zusammen, stemmte sich mit aller Kraft. Viel dünner und älter als vor einem Jahr, aber sein Feuer ungebrochen. Die langen weißen Haare und der Bart wehten wild im Wind. Wu Xiaohao betrachtete ihn mit Ehrfurcht, die Augen feucht. |
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| | + | Draußen hielt ein Transporter mit der Aufschrift „败家娘儿们直播间" (Verschwenderische Weiber — Livestream-Studio). Aufgeregte Rufe: „Die Verschwenderischen Weiber sind da!" Drei, vier Frauen stiegen aus, eine mit Handy, eine mit Stativ. Schnell war alles aufgebaut, der Livestream begann. Die hübsche Moderatorin ließ vor dem Sprechen kurz die Zungenspitze im Mundwinkel sehen — ein Hauch Koketterie. Xiao Wang flüsterte Wu Xiaohao zu: Das sei die Chefin, Guo Mos Cousinen-Schwägerin; wegen des ständig herausblitzenden Züngleins nenne man sie „Xishi-Zunge". Sie erzählte die Geschichte des alten Kapitäns, erklärte die Fischerlieder und trat dann beiseite, das Handy auf den alten Shen gerichtet. |
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| | + | Wu Xiaohao wollte nach der alten Frau sehen und ging mit Sun Wei durch die Menge ins Haus. Dort saßen einige Leute um einen niedrigen Tisch und tranken Tee; auch die alte Frau war dabei. Wu Xiaohao begrüßte sie. Ein dunkelhäutiger Mann stand auf: „Frau Bürgermeisterin!" Sie erkannte ihn — Shen Weinian, Dorfvorsteher von Qianwan-Drei. Er stellte einen bebrillten Mann mittleren Alters vor: den Sohn des alten Shen, Rechtsanwalt in der Stadt. Wu Xiaohao setzte sich: „Herr Rechtsanwalt — die Lieder Ihres Vaters sind wirklich ergreifend." Der Anwalt schüttelte den Kopf: „Ich fürchte, er singt nicht mehr lange. Im letzten Jahr ging es ihm schlecht — ich habe ihn mehrfach untersuchen lassen. Nicht nur Kleinhirn-Atrophie — multiple Organe versagen. Das Krankenhaus konnte wenig tun; er ist nach Hause gekommen. Gestern rief meine Mutter an und sagte, er singe wieder — ich bin sofort hergefahren und wollte ihn ins Krankenhaus bringen, aber er weigert sich. Dann soll er eben singen, so lange er kann …" Bei diesen Worten blickte er zum Vater im Hof und weinte. Sun Wei sagte: „Herr Rechtsanwalt, ich hatte Sie gefragt — das Fischereimuseum wird bald fertig; ich würde die Geräte Ihres Vaters gern ausstellen." Der Anwalt sagte: „Kein Problem. Sobald mein Vater gegangen ist, nehmen Sie alles mit — ich spende es in seinem Namen unentgeltlich." Wu Xiaohao sagte: „Vielen Dank!" Shen Weinian seufzte: „Wenn der alte Onkel geht, gibt es in ganz Qianwan keinen einzigen Segelboot-Kapitän mehr." |
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| | + | Wu Xiaohao wandte den Blick zum singenden, gestikulierenden alten Shen — unendlich bewegt. Plötzlich hörte er auf, hielt sich am Mast fest und stand reglos. Was hat er vor?, dachte sie — da umklammerte er kraftlos den Mast und sank langsam nieder. Sie eilte hin: Er lehnte am Mast, Augen geschlossen, Blut rann aus dem Mundwinkel. Sein Sohn sprang aufs Boot: „Vater—!" Die Fischer ringsum riefen: „Kapitän—!" Wu Xiaohao sagte sich: Eine Generation Fischer nimmt Abschied. Die kleine rote Fahne oben am Mast flatterte unverdrossen weiter im Wind. |
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| | + | „Bist du geschieden? Solange ihr nicht geschieden seid, ist er immer noch dein Mann!" Wu Xiaohao schluckte ihren Groll hinunter und sagte betont ruhig: „Direktor Mu, wenn You Haoliang strafrechtlich belangt wird und das Gericht urteilt, auch ich müsse haften — dann akzeptiere ich das. Aber jeder verantwortet seine eigenen Taten. Kümmern Sie sich erst um Ihre Seite und lassen Sie sich nicht mit Beweisen erwischen — sonst wird es peinlich für Sie." — „Gut, ich warte darauf, dass ihr Beweise findet! Findet ihr keine, will ich wissen, was Bürgermeisterin Wu wirklich im Schilde führt!" Wu Xiaohao stand auf und wollte gehen. |
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| | + | Das ist Rasen. Das ist Erde. Das ist meine völlige Hingabe. (Das letzte Bild: ein Foto von Fa-Bu-Er.) Das ist ein T-Shirt. Das ist Pappelflaum. Das ist der kleine Schwiegersohn meiner Mama. (Das letzte Bild: ein Foto von Fa-Bu-Er.) |
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| | + | Beim Anblick dieser „Liebesbriefe" und der kindlichen Gesichter wusste Wu Xiaohao nicht, ob sie sich freuen oder weinen sollte. Sie schaute auf die halbfertige Scheidungsklage auf dem Computer und empfand die Grausamkeit der Zeit und die Absurdität des Schicksals: Die Mutter kämpft verzweifelt, um dem Gefängnis der Ehe zu entkommen — und die vierzehnjährige Tochter will sich bereits verlieben und ihrer Mama einen kleinen Schwiegersohn suchen! Wu Xiaohao stand auf und lief wie ein gefangenes Tier im Zimmer auf und ab. Lange dachte sie nach — aber wie sollte sie mit Diandian darüber sprechen? Ein Kind, das gerade das Tor zur Liebe öffnet und „völlig hingegeben" ist — würde es auf sie hören? |
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| | + | Das Handy piepste — eine WeChat-Nachricht vom Haken: „Zweit-Tante, ich habe heute ein Video aufgenommen — schau mal." Wu Xiaohao schüttelte den Kopf, schob die Sorgen beiseite und öffnete das Video. |
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| | + | Es war auf einem Fischerboot aufgenommen — im Vordergrund das Deck, Taue. Vor dem Boot ein anderer Kutter, der eine Schaumspur pflügte, daneben eine Masse dunkler runder Gebilde — große Muschel-Zuchtbälle. Dann tauchte plötzlich ein kleines Boot auf, näherte sich rasch dem Kutter; zwei Männer warfen Kugeln hinüber, ein dritter lag im Bug und filmte mit dem Handy. |
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| | + | Wu Xiaohao rief: „Oh nein!" |
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| | + | Sie rief sofort den Haken an und fragte, wer das Video gemacht habe. Der Haken sagte: „Ich. Heute Morgen löschte unser Boot in Qianwan — ich stand auf Deck und wollte für Douyin filmen, und hab das zufällig erwischt. Ich hatte gehört, dass es hier Provokateure gibt — jetzt hab ich sie gefilmt. Du bist Bürgermeisterin — kümmere dich drum!" |
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| | + | Wu Xiaohao sagte: „Das werde ich. Ich suche schon lange nach Beweisen für diese Masche — und du hast sie zufällig geliefert. Hast du das Video schon veröffentlicht?" |
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| | + | „Lass es erst mal. Wenn du eines Tages vor Gericht aussagen müsstest, dass du das Video gemacht hast — traust du dich?" |
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| | + | „Warum nicht? Was können die mir schon? Schlimmstenfalls geh ich nach Hause und pflüge meinen Acker!" |
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| | + | Wu Xiaohaos Herz wurde warm: „Gut — du bist ein ganzer Kerl aus der Familie Wu!" |
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| | + | Sie rief den Polizeichef an und berichtete; der sagte: „Schicken Sie mir das Video — ich leite es sofort an die Bezirkskripo weiter, die packt zu." |
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| | + | '''5''' Das chinesisch-amerikanische Archäologenteam machte an der Danxu-Ruine eine bedeutende Entdeckung. |
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| | + | Professor Fang rief an: „Komm schnell — wir haben etwas auf einer Scherbe gefunden!" |
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| | + | Wu Xiaohao nahm den für Kultur zuständigen stellvertretenden Bürgermeister Liu Dalou und den Kulturstationsleiter Guo Mo mit. Doch als sie ins Auto stiegen, war nur Liu Dalou da; Guo Mo hatte sich krankgemeldet — familiäre Angelegenheit. |
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| | + | Am Grabungscamp kam Dandan ihr mit weit ausgebreiteten Armen entgegen, umarmte sie fest und sagte aufgeregt: „Hao — wir sehen Licht! Das Licht der Zivilisation!" |
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| | + | Als er sie losließ, fragte sie Professor Fang, was Dandan meine. Professor Fang sagte: „Komm mit." Er führte sie ins Zelt. |
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| | + | Ein Kreis von Köpfen — schwarze und blonde — beugten sich über etwas. Professor Fang sagte: „Macht mal Platz — die zwei Bürgermeister wollen schauen." |
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| | + | Die Köpfe wichen zurück; zum Vorschein kam ein Haufen grauschwarzer Tonscherben. Auf der größten war ein Zeichen eingeritzt: eine Mondsichel, die einen Kreis trug. |
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| | + | Wu Xiaohao erkannte sofort: Das war ein Schriftzeichen, wie sie es vor Jahren im Museum von Jüzhou und in Büchern gesehen hatte. Diese rätselhaften Symbole waren in Zhucheng, Jüxian und anderswo entdeckt worden — über zwanzig Stück, über tausend Jahre älter als die Orakelknochen-Schrift. Sie fragte: „Was für ein Gefäß waren die Scherben?" |
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| | + | Professor Fang sagte: „Ein großer Mund-Becher; die Zeichen sind auf dem Bauch eingeritzt. Dieses Symbol ist anderswo zweimal aufgetaucht; dass es auch hier erscheint, beweist, dass es in einem bestimmten Gebiet als Schriftzeichen verbreitet war — ein Urtyp der chinesischen Schrift." |
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| | + | „Welches Zeichen ist es?" |
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| | + | „Das weiß keiner. Aber ich meine, es ist ein Ideogramm: Die Sonne geht gerade auf, darunter ein Streifen Wolken, der sie trägt — die Bedeutung entspricht dem Zeichen ‚dan' (Morgenrot). Dandan sieht es ebenso — für ihn ist dieses Schriftzeichen der ‚Schimmer der östlichen Zivilisation'." |
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| | + | Nathalie zeigte auf die Scherbe und sagte etwas auf Englisch; Wu Xiaohao verstand nur halb. Professor Fang übersetzte: Das Inka-Reich in Südamerika habe bis zu seinem Ende im 16. Jahrhundert hochentwickelte Bronze gehabt, aber nie eine Schrift erfunden — nur Knotenschnüre. Dass die Chinesen schon vor vier- bis fünftausend Jahren Schriftzeichen schufen und bis heute verwenden, sei etwas Großartiges. |
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| | + | Wu Xiaohao nickte: „Frau Nathalie, Sie haben recht." |
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| | + | Er führte Wu Xiaohao und die anderen hinein, um die im letzten Jahr hinzugekommenen Exponate zu sehen. In der Abteilung „Traditioneller Fischfang" waren Netzgeräte, Angelgeräte und sonstige Geräte — alle Kategorien waren reicher geworden. Allein die Materialien der Fischernetze: Palme, Hanf, Baumwolle, Nylon, Ethylen und mehr; dazu eine nachgestellte Szene der alten „Blut-Netz"-Herstellung (Netze in Schweineblut kochen). Neben den Exponaten zeigten Bilder und Texte anschaulich Fangmethoden: Schlagen, Sperren, Locken, Angeln, Stechen, Verwickeln, Umzingeln, Schleppen. In der Abteilung „Fischerleben" war die Kleidung stark erweitert worden — darunter die gefütterten Jacken und geölten Hosen, dick und steif wie Metallpanzer; wer sie ansah, konnte sich die Strapazen der alten Fischer auf See vorstellen. |
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Durch Berge und Meere — Teil 10
Auch Diandian ging nicht zu ihm; sie saß allein auf dem Sofa und spielte mit dem Handy — offensichtlich suchte sie sich Beschäftigung, um die Befangenheit zu überspielen. Yueyue beugte sich zu Wu Xiaohaos Ohr: „Die Kinder werden groß — sie kennen Scham und spielen nicht mehr unbefangen zusammen." Aus der Küchentür ragte Fahuis blank polierter Schädel, und er sagte lachend: „Setz dich erst mal, Bürgermeisterin — Essen ist gleich fertig." Wu Xiaohao ging zu ihm: „Nenn mich lieber Xiaohao. — Sag mal, wieso habt ihr so eine riesige Tiefkühltruhe angeschafft? Wollt ihr Meeresfrüchte auf Vorrat halten?" Yueyue sagte: „Ach, frag nicht — alles wegen deines Ersten Sekretärs." Wu Xiaohao fragte, was passiert sei. Yueyue erzählte: Der Mönch wohne in Moli-Ling und suche nach Einkommensmöglichkeiten für die armen Haushalte. Er habe ein paar Frauen entdeckt, die besonders gute Pfannkuchen backten, und sie backen lassen, um die Ware in der Stadt zu verkaufen. In seiner Naivität habe er geglaubt, Supermärkte nähmen sie ohne Weiteres ab. Doch die hätten längst feste Lieferanten und nähmen nichts von Fremden. Hunderte Pfund Pfannkuchen lagen nun zu Hause; aus Angst, sie könnten verderben, hatte er die Truhe gekauft.
Wu Xiaohao öffnete die Truhe — tatsächlich voller Pfannkuchen — und sagte: „Was machen wir nur? Ich helfe dir: Ich kaufe ein paar Packungen, zu Hause müssen wir sowieso Pfannkuchen kaufen — egal von wem." Yueyue stutzte und klopfte ihr dann auf die Schulter: „Du hast mich auf eine Idee gebracht! Ich poste eine Nachricht in meinem Freundeskreis — wer gern Pfannkuchen isst, soll sich bei mir melden, ich habe achthundert WeChat-Kontakte!"
Wu Xiaohao sagte: „Großartig! Für die Leute in Moli-Ling — werde WeChat-Händlerin! Wenn deine Kontakte nachbestellen, lässt du den Mönch direkt aus Moli-Ling liefern." Yueyue sagte: „Abgemacht. Hätte nie gedacht, dass ich, die immer auf Eleganz und Stil achtet, eine Pfannkuchen-Chefin werde!" Fahui rief vom Herd: „Schatz, danke für die Mühe! Du bist keine Chefin — ich ernenne dich zur Sekretärin: Ich bin Erster Sekretär, du bist Sekretariat-Sekretärin!"
Plötzlich stand Diandian auf und ging in Fa-Bu-Ers Zimmer. Yueyue flüsterte: „Siehst du — deine Tochter hat es nicht mehr ausgehalten und ist zu meinem Sohn gelaufen." Wu Xiaohao sagte: „Bestimmt hat dein Sohn ihr geschrieben, sie solle kommen. Schwägerin, ich bin unter der Woche nicht zu Hause — behalte die beiden im Auge, lass sie nicht vorzeitig in eine Phase eintreten." Yueyue hob das Kinn: „Vorzeitig, na und — mein Sohn ist der Junge, der kommt schon nicht zu kurz." Wu Xiaohao zwickte sie: „Du, du — ich bitte dich, ja?" Yueyue sagte ernst: „Schon gut, sei unbesorgt — ich lasse sie gesund aufwachsen!"
Wu Xiaohao nickte zufrieden. Auf dem Balkon blühten einige Orchideen prächtig; sie ging hin und betrachtete sie. Auf dem Boden lagen zum Trocknen ausgebreitete Moli-Beeren. Sie fragte Yueyue, die ihr gefolgt war: „Was will der Mönch mit den Beeren?" Yueyue schaute zur Küche, unterdrückte ein Lachen: „Im Internet steht, die seien potenzsteigernd — er will es ausprobieren." Wu Xiaohao errötete, scherzte aber: „Und wie probiert man das? Legt er sie sich ins Bett?" Yueyue lachte, dass es sie schüttelte: „Er kocht einen Tee daraus!" Wu Xiaohao nickte, ging zurück ins Wohnzimmer, die Röte noch lange im Gesicht.
Fahui trug die Speisen auf und öffnete Rotwein: „Bürgermeisterin, du hast die Moli-Beeren gesehen? Weißt du, wofür ich die brauche?" Wu Xiaohao winkte heftig ab: „Hör auf, hör auf!" Fahui merkte, was sie dachte, und wurde verlegen: „Lass mich ausreden! Der Bezirk hat doch die Parole ausgegeben ‚ein Dorf, ein Produkt' — ich will in Moli-Ling Moli-Beeren anbauen lassen und im Herbst an Arzneimittelfirmen verkaufen, das bringt bestimmt mehr als Ackerbau." Wu Xiaohao verstand und klatschte in die Hände: „Mönch, das ist eine gute Idee! Stärken nutzen, Schwächen meiden — mit dem Namen deines Sohnes gesagt: der einzig wahre Weg, die Dorfbewohner reich zu machen!"
Wu Xiaohao kam zur Gasse hinten; die alte Xu wartete an ihrer Haustür. Zusammen gingen sie hinein; aus dem Haus drang die Stimme des Sekretärs, der schimpfte. Sie stießen die Tür auf: Der Sekretär trat gerade auf Dongzi ein und riss ihn an den Haaren. Seltsam war: Dongzi wehrte sich nicht wie beim letzten Mal, sondern lag reglos am Boden.
Wu Xiaohao eilte dazwischen: „Sekretär, warum schlägst du Dongzi schon wieder?" Der Sekretär keuchte vor Wut: „Er hat etwas Entsetzliches angestellt — soll ich ihn nicht schlagen? Er soll verrecken!" — „Was hat er Entsetzliches getan?" Der Sekretär presste hervor: „Etwas, das man nicht aussprechen kann!" Die alte Xu zog den Sohn ins Westzimmer. Fang Zongyue setzte sich, zündete eine Zigarette an, dann beugte er sich zu Wu Xiaohao und senkte die Stimme: „Heute ist Freitag, oder? Nachmittags kam Dongzi aus der Schule und ging gleich wieder weg. Er treibt sich ständig mit Klassenkameraden herum, seine Mutter und ich kümmern uns nicht mehr drum. Und dann, weißt du was? Um elf Uhr nachts ruft mich jemand an, ein Mann namens Ji — Ehemann der Wirtin des Fulin-Hotels, arbeitet bei der Shenfu-Gruppe. Der sagt, Dongzi habe gerade betrunken seine Frau vergewaltigt und er habe ihn auf frischer Tat ertappt. Ich erschrak furchtbar — Dongzi kann so etwas doch nicht tun! Aber Ji sagt, es gebe Beweise, er könne die untersuchen lassen. Da bekam ich Panik und bat ihn, nicht die Polizei einzuschalten. Er ist mein einziger Sohn, erst sechzehn — wenn er ins Gefängnis kommt, ist sein Leben ruiniert. Ji sagte, wenn ich meinen Sohn retten wolle, gebe es noch einen Weg. Ich fragte, welchen. Er sagte: Er wolle die Gelegenheit nutzen, Direktor Mu einen Gefallen zu tun — nämlich dass Mu am Volkskongress teilnehmen dürfe: unbedingt." Wu Xiaohao war entsetzt: „So nutzt man die Gelegenheit? Hatten wir nicht einstimmig beschlossen, Mu Pingchuan nicht als Kandidaten für den Volkskongress zuzulassen?"
Der Sekretär sagte: „Ja. Ji sagt, wenn nicht Volkskongress-Abgeordneter, dann wenigstens Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz. Ich hatte keine Wahl und stimmte zu, damit er meinen Sohn freiließe. Als der Junge eben nach Hause kam, habe ich ihn gefragt, was wirklich passiert sei. Er sagte, er habe mit Freunden im Fulin-Hotel gegessen; danach habe die Wirtin die anderen weggeschickt und ihn in ein kleines Zimmer geführt — kaum drin, habe sie ihm die Kleider vom Leib gerissen … Ich war so wütend auf ihn, weil er sich herumtreibt, und habe ihn verprügelt." Wu Xiaohao sagte empört: „Das ist wieder eine Falle! Letztes Mal ließ Mu Pingchuan jemanden filmen, wie wir bei der Jufeng-Gruppe gegessen haben — diesmal ist es noch hinterhältiger, noch gemeiner!"
Der Sekretär biss die Zähne zusammen und seufzte dann: „Ach, er ist mein einziger Sohn — und ist ihnen in die Falle gegangen. So viele Jahre im Dienst, so manchen Sturm überstanden, nie vor einem Übeltäter eingeknickt — ein ganzer Kerl. Aber diesmal muss ich mich geschlagen geben, denn ich kann es nicht ertragen, dass mein Sohn als Vergewaltiger ins Gefängnis geht … Bürgermeisterin, wenn wir morgen über die Kandidaten für die Konsultativkonferenz beraten — setz Mu Pingchuan als Vertreter der Wirtschaft auf die Liste. Hilf mir — stimm nicht dagegen, bitte." Wu Xiaohao überlegte und sagte: „Ich … ich verstehe dich. Einverstanden."
Zurück in ihrem Zimmer wollte sie weiterschlafen, doch die Unruhe ließ sie nicht los. Nur weil Dongzi in die Falle getappt war, sollten sich beide Spitzenleute Kaipos der Macht des Tiger-Banditen beugen? Nein — sie musste einen Ausweg finden! Am nächsten Morgen rief sie den Polizeichef Yü Qinzhi an und fragte, ob er im Revier sei. Er bejahte; Wu Xiaohao ging hin.
Im Büro des Polizeichefs fragte er: „Was verschafft mir die Ehre?" Wu Xiaohao sagte: „Keine Anweisung — ich will nur etwas klären. Es heißt, im Fulin-Hotel werde seit Jahren Prostitution betrieben — stimmt das?" Der Polizeichef sagte: „Ja, wir haben Fälle aufgenommen und bestraft." Wu Xiaohao sagte: „Kann ich die Akten sehen?" Er holte sie aus dem Archiv. Wu Xiaohao stellte fest: Es waren nur Strafen gegen Freier verzeichnet, aber keine gegen die Wirtin oder die Prostituierten. Sie sagte: „Chef, heißt das nicht, dass das Fulin-Hotel erwiesenermaßen Prostitution beherbergt?" Der Polizeichef sagte: „So kann man es sehen." Wu Xiaohao sagte: „Gut — dann nutzen Sie diese Tatsache als Druckmittel und regeln Sie die Sache von gestern Nacht." Und sie schilderte, was Dongzi widerfahren war.
Der Polizeichef schmunzelte: „Sie — vergewaltigt? Da fragt sich eher, wer wen vergewaltigt hat! Die Frau ist berüchtigt — am Qianwan-Hafen weiß das jeder." — „Ich schlage vor, Sie sprechen mit ihr und lassen ihren Mann die Erpressung sofort einstellen. Sonst werden wir ihre früheren Straftaten verfolgen." Der Polizeichef sagte: „Kein Problem — ich kriege das hin. Seien Sie und der Sekretär beruhigt." Wu Xiaohao kehrte in die Gemeindeverwaltung zurück. Noch am selben Nachmittag rief der Polizeichef an: Die Wirtin habe zugegeben, dass es keine Vergewaltigung war. Sie verspreche auch, ihren Mann zu bändigen. Wu Xiaohao berichtete dem Sekretär; der dankte überschwänglich: „Du hast mir einen Zentner-Stein vom Herzen genommen — und dafür gesorgt, dass unsere Konsultativkonferenz-Nominierung sauber abläuft. Hervorragend!"
6 (ACHTUNG: ZEILE FEHLT — BITTE IN PDF-DATEI PRÜFEN) Das Jahresende nahte, und Wu Xiaohao begann mit der Überprüfung der Armutsbekämpfung — wie war das Ergebnis nach einem Jahr Arbeit? Sie fuhr zuerst ins Dorf Jixi-Ling, um zu sehen, ob alle acht armen Haushalte die Armutsschwelle überschritten hatten. Gemeinsam mit dem Ersten Sekretär und dem Dorfparteisekretär rechnete sie Haushalt für Haushalt: Wie viel Einkommen 2016 — wurde der Standard von 3.402 Yuan pro Kopf erreicht? Der erste Haushalt: ein altes Ehepaar; mit dem staatlichen Armutskredit hatten sie Schafe gezüchtet, allein daraus achttausend Yuan — Standard erreicht. Der zweite: ein Junggeselle über dreißig, früher ein Faulenzer; dieses Jahr hatte er auf dem Bau gearbeitet und 42.000 verdient — weit über dem Standard. Wu Xiaohao streckte den Daumen hoch: „Gut!" Der Junggeselle sagte: „Was gut! Die Regierung soll richtig helfen — mir eine Frau besorgen!" Wu Xiaohao wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Der Erste Sekretär sagte: „Arbeite nächstes Jahr fleißig, verdien noch mehr — dann guckt vielleicht ein Mädchen nach dir." Der Junggeselle winkte ab: „Erzählt mir nichts! Ich sehe klipp und klar: Die Zeiten haben sich geändert! Früher reichte es, im Dorf ein paar neue Ziegelzimmer zu bauen, schon fand man eine Frau. Heute muss man in Yucheng eine Wohnung kaufen — sonst will keine!" Der Dorfparteisekretär sagte: „Senk deine Ansprüche — eine geschiedene Frau tut's auch." Der Junggeselle sagte: „Gut, ich hör auf dich — such mir schnell eine! Wenn keine einfach Geschiedene, dann auch zweimal, dreimal, viermal geschieden!" Der Dorfparteisekretär deutete lachend auf ihn: „Du bist verrückt nach Frauen."
Als alle acht Haushalte abgehakt waren, holte Wu Xiaohao die in Kaipo gekauften Stärkungsmittel aus dem Auto und bat den Dorfparteisekretär, sie zu Zhang Zunliang zu führen. Der alte Zhang hatte sich einer Magenkrebs-Operation unterzogen und erholte sich zu Hause. Zhang Zunliang saß im Hof in der Sonne; als Wu Xiaohao kam, stand er auf: „Frau Bürgermeisterin — was für eine Ehre!" Wu Xiaohao sagte: „Ich will nach dir sehen." Sie fragte, wie die Genesung vorankomme. Zhang Zunliang sagte: „Alles gut — ich darf nur nicht viel auf einmal essen, also esse ich fünf-, sechsmal am Tag. Aber ich habe fünf Pfund zugenommen, und meine Kraft kehrt zurück." Wu Xiaohao sagte: „Sehr gut — schone dich weiter." Zhang Zunliang sagte: „Danke — ich will mindestens noch meinen Pensionsausweis erleben." Wu Xiaohao wusste, dass er in zwei Jahren das Rentenalter erreichte, und tröstete ihn: „Kein Problem — an deinem Abschiedstag lade ich dich in die Gegou-Gemeinde zu einem Teerundengespräch ein, damit du deine alten Kollegen und Freunde wiedersehen kannst."
Da klingelte plötzlich Wu Xiaohaos Handy — Xiang Chunjiang: dringende Lage, der Sekretär bitte sie, sofort zurückzukommen. Wu Xiaohao verabschiedete sich von Zhang Zunliang und fuhr eilig nach Kaipo. Im kleinen Besprechungszimmer warteten bereits Sekretär Fang, der Propagandabeamte Qi, der Parteisekretär der Qianwan-Gemeinde Li Yanmi sowie Xiang Chunjiang. Wu Xiaohao setzte sich: „Sekretär, was ist los?" Der Sekretär sagte: „Li hat entdeckt, dass ein Trupp Reporter am Strand filmt — sie filmen die chaotischen Zuchtanlagen. Was sie damit vorhaben, sagen sie nicht. Kommt das in die nächste ‚Anlan wird befragt'-Sendung? Wir müssen dringend löschen — wenn das ausgestrahlt wird, stehen wir da wie begossene Pudel." Wu Xiaohao wandte sich sofort an den Propagandabeamten: „Alter Qi, frag schnellstens beim Propagandaamt des Bezirkskomitees nach — was zum Teufel drehen die?"
Qi sagte: „Hab ich schon — beim Stadtsender angefragt. Die sagen: geheim." Der Sekretär schlug auf den Tisch: „Die Lage ist ernst, sehr ernst! Bürgermeisterin, hast du Kontakte zum Fernsehsender — jemand, bei dem du ein Wort einlegen kannst?" Wu Xiaohao sagte: „Lass mich überlegen." Das Handy des Sekretärs klingelte; er sprang auf: „Die Reporter filmen gerade am Xishi-Strand? Alter Han, hast du gefragt, was sie wollen? … Sie sagen es nicht? Das ist ja unheimlich!" Er warf das Handy hin: „Die filmen an einem Ort und hören nicht auf, dann den nächsten — Kaipo geht unter! Geht unter!"
Wu Xiaohao fiel ein, dass der Redaktionsleiter Yuan vom Fernsehsender ein Absolvent der Shandong-Universität war und sie kannte. Sie rief an und berichtete von den Reportern in Kaipo. Er sagte, er wisse davon — der Bürgermeister habe das angeordnet. „Der Bürgermeister?" Wu Xiaohao rief aus. „Der Bürgermeister will Kaipo abstrafen? Warum?" Gleichzeitig drückte sie die Freisprechfunktion, damit alle mithören konnten. Yuan sagte: „Der Bürgermeister ist vor ein paar Tagen ohne Vorwarnung die gesamte Küstenlinie von Yucheng von Süd nach Nord abgefahren. Er fand den wilden Bau von Zuchtanlagen erschreckend — das zerstöre die Küstenlandschaft — und ließ das Fernsehen filmen für eine Fachkonferenz in ein paar Tagen. Das richtet sich nicht nur gegen Kaipo — seien Sie erst mal nicht nervös." Alle im Raum atmeten auf. Der Sekretär hielt sich die Brust: „Mein Gott — fast hätte ich einen Herzanfall bekommen!"
7 (ACHTUNG: ZEILE FEHLT — BITTE IN PDF-DATEI PRÜFEN) Drei Tage später fand das stadtweite Symposium zur Sanierung der Küstenlinie statt. Die beiden Kaipo-Chefs hatten die Einladung erhalten und fuhren hin. Im Sitzungssaal im zwölften Stock des Stadtregierungsgebäudes fanden sie ihre Namensschilder. Der Bezirksleiter von Yucheng, der Chef der Wirtschaftsentwicklungszone Anlan, mehrere städtische Amtsleiter und die Partei- und Verwaltungschefs der fünf anderen Küstengemeinden waren alle da. Kurz darauf kamen Bürgermeister Qiao Jian und zwei Stellvertreter. Der Geschäftsführende Vizebürgermeister Lu Zhenghui eröffnete die Sitzung und ließ die Filmaufnahmen zeigen. Szene für Szene — hässliche Teile der Küstenlinie: illegale Bauten, primitive Zuchtanlagen, zerstörte Strände, Müllberge — vielen wurde es unbehaglich, die Gesichter wurden finster.
Zwei Stellen in Kaipo wurden bloßgestellt: erstens die Hütten am Rande der Garnelenteiche am Xishi-Strand — niedrig und schäbig, im krassen Gegensatz zum goldenen Sand und dem azurblauen Meer; zweitens die Zuchtgewächshäuser südlich der Qianwan-Bucht — dicht an dicht, außen herum zerbrochene Fischereigeräte und Müll — ein unerträglicher Anblick. Wu Xiaohao brannte das Gesicht. Sie dachte: Ich bin dort so oft vorbeigegangen und hielt es für die Tradition der Fischer — jetzt zeigt sich, wie unmöglich das ist.
Nach dem Film sprach der Bürgermeister. Mit scharfem Blick musterte er die Bezirks- und Gemeindechefs gegenüber und sagte in schwerem Ton: „Unsere Stadt Anlan ist vom Meer gegründet und durch das Meer stark geworden. Wir hüten einen einzigartigen ‚blauen Schatz' — das Meer ist Anlans größte Antriebskraft, größter Vorteil und Zukunftspotenzial. Aber als ich vor ein paar Tagen auf Erkundung war und diese Zustände sah, war ich zutiefst betroffen. Unsere Vorfahren gaben den Anlanern blaues Meer, blauen Himmel und goldenen Strand — welch kostbares Erbe! Insbesondere unsere hundertzwanzig Kilometer Küste — das ist eine der seltenen goldenen Küstenlinien Nordchinas! Und doch — wie die Bilder zeigen — wird sie derart verwüstet. Wie können wir da nicht vor Scham erröten!"
Er erläuterte die fünf Kernpunkte der „Aktion Blaues Meer": Verschmutzung bekämpfen, Küsten sanieren, Fischerei zurückdrängen, nachhaltige Aquakultur, Meereskultur stärken. Zugleich solle die Aktion mit der Transformation der Fischerei und dem Wandel alter und neuer Antriebskräfte verknüpft werden. Er forderte alle auf, sich zu äußern und Vorschläge zu machen; die Vertreter der sechs Gemeinden sollten zuerst sprechen.
Die Partei- und Verwaltungschefs bekannten sich zu den Missständen, versprachen sofortige Abhilfe und benannten Schwerpunkte und Schwierigkeiten. Einig waren sich alle: Am schwierigsten sei der „Rückzug der Fischerei": Die Fischer zum Abbau der Gewächshäuser zu bewegen, werde auf Widerstand stoßen — und die geforderten Entschädigungen? Die Umstellung der Fischerei: Wie und wohin, welche neuen Erwerbsquellen?
Der Bürgermeister antwortete: Er plane, einen Teil aus dem Stadthaushalt bereitzustellen und weitere Mittel beim Provinzamt für Meeresfischerei einzuwerben. Für den Rückbau primitiver Zuchtanlagen werde es Entschädigungen geben. Zugleich würden an geeigneten Küstenabschnitten industrielle Zuchtanlagen gebaut — intelligent, ökologisch, kompakt. Die Züchter könnten die Anlagen mieten oder sich beteiligen. Ferner: Meeresfarmen aufbauen, also Aquakultur auf See — einen „Meereskornspeicher" schaffen.
Wu Xiaohao konnte sich nicht zurückhalten und meldete sich: „Herr Bürgermeister, zur Transformation der Aquakultur gibt es ein Großprojekt, das wir in Betracht ziehen sollten." Der Bürgermeister nickte: „Sprechen Sie." Wu Xiaohao stellte die „Tiefsee Nr. 1" vor, so wie sie davon wusste. Die Augen des Bürgermeisters leuchteten; als sie fertig war, deutete er sofort auf sie: „Bürgermeisterin Wu, das ist eine wichtige Information. Eine Superanlage zur Kaltwasserfischzucht in gemäßigten Meeresgewässern eröffnet ein völlig neues Feld der Aquakultur. Wir müssen aktiv dafür kämpfen, dieses Projekt anzusiedeln. Gibt es in Kaipo ein Unternehmen, das bereit wäre? Wenn nicht, weise ich es einem anderen Standort zu." Wu Xiaohao beeilte sich: „Ja — die Jufeng-Gruppe hat Interesse." Bei diesen Worten wurde sie rot, weil sie wusste, dass es nicht stimmte.
„Gut." Er wandte sich an den neben ihm sitzenden Vizebürgermeister Luo Wenju: „Vizebürgermeister Luo, Sie übernehmen die Federführung — Bezirk Yucheng, Amt für Meeresfischerei, Amt für Wissenschaft und Technologie, Sie arbeiten alle zusammen und treiben das voran." Vizebürgermeister Luo sagte: „Einverstanden — nach der Sitzung halten wir gleich eine kleine Runde ab." Als Wu Xiaohao die Haltung der Führung sah, war sie einerseits froh, andererseits besorgt. Generaldirektor Xin hatte ihr gesagt, er könne es nicht — würde sie ihn umstimmen können? Und Qingdao — sie hatte sich nie gemeldet — hatten sie möglicherweise schon einen anderen Partner? Bei dem Gedanken hielt sie es nicht mehr auf dem Stuhl aus und ging hinaus, um zu telefonieren. Zuerst erreichte sie Liu Jingji und erzählte, sie habe bei der Konferenz des Bürgermeisters die „Tiefsee Nr. 1" vorgestellt — der Bürgermeister sei sehr interessiert. Liu Jingji sagte: „Wunderbar — ich warte die ganze Zeit auf deine Rückmeldung. Professor Yu hat mich gestern noch gefragt." Wu Xiaohao sagte: „Sag Professor Yu, wir kommen in den nächsten Tagen zum Gespräch. Allerdings hat die Jufeng-Gruppe ein Problem: Sie kann nicht auf Anhieb über hundert Millionen aufbringen. Wäre ein Preisnachlass möglich, und Ratenzahlung?" Liu Jingji sagte: „Kein Problem — alles verhandelbar." Wu Xiaohao sagte: „Gut, danke."
Dann rief sie Generaldirektor Xin an, berichtete vom Symposium und von Liu Jingjis Bereitschaft. Generaldirektor Xin sagte: „Dann gibt es kein Problem mehr — ich ziehe das durch!" Nach der Sitzung blieben die vom Bürgermeister benannten Personen beisammen. Vizebürgermeister Luo fragte den Fischereidirektor Jiu über die „Tiefsee Nr. 1". Jiu bestätigte: Die Kaltwasserblase im Gelben Meer sei real, etwa 130.000 Quadratkilometer groß, ca. 130 Seemeilen nordöstlich von Yucheng. Lachs sei ein Kaltwasserfisch, optimal bei 16 bis 18 Grad. Die „Tiefsee Nr. 1" könne die Kaltwasserblase nutzen, um den Lachs über den heißen Sommer zu bringen. Bezirksleiter Wan sagte: „Die Fischerei von Anlan — Yucheng hat den größten Anteil. Wir suchen ständig nach Möglichkeiten, die Fischerei aufzuwerten und das Einkommen der Fischer nachhaltig zu steigern. Wenn die ‚Tiefsee Nr. 1' gelingt, bauen wir eine Nr. 2, Nr. 3, Nr. N — machen die Meeresfarm weit und ertragreich. Seien Sie versichert: Der Bezirk Yucheng unterstützt Kaipo mit aller Kraft."
Vizebürgermeister Luo sagte zu Fang Zongyue und Wu Xiaohao: „Sehen Sie? Stadt und Bezirk stehen so dahinter — packen Sie es an!" Fang Zongyue nickte. Luo sagte, er werde nach Qingdao fahren; Wu Xiaohao kontaktierte sofort Liu Jingji und vereinbarte ein Treffen in zwei Tagen.
An jenem Tag fuhren die beiden Kaipo-Chefs zusammen mit Generaldirektor Xin frühmorgens zum Regierungsgebäude, wo sie mit Vizebürgermeister Luo, Bezirksleiter Wan und anderen im Kleinbus nach Qingdao aufbrachen. Zunächst besichtigten sie die Schiffbau-Basis — die schiere Größe und Fertigungskapazität beeindruckten sie zutiefst. Liu Jingji trug einen eleganten dunkelblauen Mantel und führte sie sachkundig — Wu Xiaohao konnte den Blick kaum von ihm wenden. Sie dachte: Auch wenn er sein Studenten-Gelöbnis nicht eingelöst und es nicht in die Politik geschafft hat — in der chinesischen Fertigungsindustrie so weit zu kommen, das ist auch eine Leistung.
Wie sah sein Privatleben aus? Hatte er überhaupt eine Frau? Wu Xiaohao war abgelenkt. Da kamen ein Vizepräsident der Meeresuniversität, der Institutsleiter und Professor Yu, und alle drei Seiten setzten sich im Konferenzraum zusammen. Liu Jingji erläuterte den Zweck; Professor Yu präsentierte die „Tiefsee Nr. 1" per PowerPoint. Vizebürgermeister Luo nickte wiederholt. Danach stellte er einige Fragen, auch Bezirksleiter Wan und die beiden Amtsleiter fragten zu technischen Details — Professor Yu beantwortete alles. Generaldirektor Xin besprach mit Liu Jingji Designfragen zum Versorgungsschiff.
Schließlich legte Liu Jingji den Kooperationsvertragsentwurf vor. Die Anlan-Delegation hatte keine Einwände; Institutsleiter, Liu Jingji und Generaldirektor Xin unterzeichneten feierlich für die drei Seiten. Das Festmahl fand in der Werkskantine statt; Liu Jingji war Gastgeber. Er prostete auf den Erfolg der Kooperation und das baldige Stapellassen der „Tiefsee Nr. 1" — dann floss der Wein in Strömen. Auch Wu Xiaohao trank zu viel; Liu Jingji erschien ihr plötzlich sehr jung — fast wie an der Universität. Beim persönlichen Zuprosten zog sie ihn beiseite und entschuldigte sich nochmals für die damalige Sache. Liu Jingji sagte: „Der Knoten ist gelöst — Schwamm drüber! Auf das Glück unserer Familien und das Gedeihen unserer Kinder!"
Bei diesem Trinkspruch wurde Wu Xiaohao schlagartig nüchtern. Sie verstand: Von nun an war das Verhältnis zu Liu Jingji das von Studienfreunden — Hersteller und Abnehmer der „Tiefsee Nr. 1" — und nichts weiter. Erleichtert und zugleich traurig saß sie lange reglos auf ihrem Platz.
8 (ACHTUNG: ZEILE FEHLT — BITTE IN PDF-DATEI PRÜFEN) Starker Schneefall kam in der Nacht unverhofft über die Küste des Gelben Meers. Als Wu Xiaohao morgens aufstand und den weißen Hof sah, dachte sie zuerst: Die Danxu-Grabung kann nicht weitergehen. Die Wettervorhersage kündigte für den Nachmittag eine starke Kaltfront aus Sibirien an — die nächsten Tage unter null Grad: gefrorener Boden, kein Graben möglich.
Professor Fang rief an: Er und Dandan hätten beschlossen, dass das Team heute abziehe und im Frühling wiederkomme. Wu Xiaohao fragte: „Wie reist ihr?" Professor Fang sagte: „Bei dem Wetter nicht fliegen — wir nehmen den Schnellzug, Abfahrt zwei Uhr. Die Studenten und ich steigen in Jinan aus; Dandan und die anderen fahren durch nach Peking und von dort nach San Francisco." Wu Xiaohao sagte: „Gut, mittags verabschiede ich euch."
Sie rief den Sekretär an; der sagte, er müsse zur Bezirkssitzung — sie solle Parteikomitee und Regierung vertreten. Wu Xiaohao rief Fan Weixing an; der wusste bereits Bescheid und versprach, nach dem Frühstück mit dem Museumsdirektor im Kleinbus zu kommen. Am Gästehaus angekommen, packten die Archäologen ihre Sachen. Professor Fang und Dandan waren in einem kleinen Besprechungsraum; mit Mitarbeitern der Kulturbehörde ordneten sie Funde nach Kategorien auf dem Tisch — Übergabe-Vorbereitung. Vor der Tür standen zwei bewaffnete Polizisten.
Als Wu Xiaohao eintrat, sagte Dandan auf Chinesisch: „Hao, wir gehen — wir sind keine Grabräuber!" Wu Xiaohao scherzte zurück: „Doch — ihr habt die viertausend Jahre alten Zeugnisse unserer Zivilisation gestohlen!" Dandan lachte: „Ich wollte auch dich entführen! Ich mag dich — hör auf, Bürgermeisterin zu sein, werde meine Frau und feiere Weihnachten mit mir an der Pazifikküste!" Wu Xiaohaos Herz machte einen Sprung — so etwas von diesem liebenswerten alten Herrn hatte sie nicht erwartet —, doch sie antwortete im Scherz: „Du fährst heute ab — selbst wenn ich wollte, schafft mein Reisepass das nicht. In Amerika gibt es einen neuen Präsidenten — fahr schnell heim zu seiner Amtseinführung!" Dandan zuckte die Schultern: „Kein Interesse." — „Warum nicht?" — „Ich, der die Welt in Jahrtausenden misst — kann ich jemanden bewundern, der nur in Vier-Jahres-Zyklen denkt?" Wu Xiaohao lachte.
Professor Fang nahm einen spitzen Jadenstein und piekste Dandan damit in den Rücken. Dandan rief und fragte, was das solle. Professor Fang sagte: „Auf dieser Erde stocken an vielen Stellen die Meridiane — hätte man eine Akupunkturnadel dafür, das wäre gut." Dandan hob den Daumen. Fan Weixing und der Museumsdirektor kamen; sie erledigten die Übergabe mit den beiden Teamleitern und unterschrieben. Professor Fang sagte, er und Dandan wollten auf dem Weg noch die Danxu-Ruine besuchen und sich verabschieden. Der Museumsdirektor blieb, um die Funde zu verwalten; Fan Weixing und Wu Xiaohao begleiteten das Team.
Am Ortsausgang sah Wu Xiaohao den fertiggestellten Schnurbaumgarten in makellosem Weiß — aus dem Schnee ragten Reihen junger Bäumchen wie dünne Räucherstäbchen in einer Porzellanschale, und etwas Unbeschreibliches rührte sie. Diese Setzlinge, dachte sie, sammeln jetzt still unter dem Winterschnee Nährstoffe; wenn der Frühling kommt, werden sie grünen und wachsen.
An der Danxu-Ruine reihten sich die von den Archäologen gegrabenen Suchfelder im Schnee aneinander — groß und klein, wie ein rätselhaftes Schachspiel. Wu Xiaohao hatte plötzlich eine Idee: Diese Grabungsfelder erhalten und hier einen Danxu-Ruinenpark errichten! Alle waren begeistert. Fan Weixing sagte: „Ja! Wir stellen gemeinsam einen Antrag auf Fördermittel. Erster Schritt: Überdachung bauen." Professor Fang schaute auf die Uhr: „Wir müssen los." Dandan blickte mit sehnsüchtigen Augen auf die Ruine, winkte und rief: „Leute, bis zum Frühling!" Dann stieg er ein.
Am Hochgeschwindigkeitsbahnhof von Anlan erinnerte sich Wu Xiaohao an die Landenteignung vor dem Bau und an das furchtbare Erlebnis, als jemand ihr eine Schlange in den Kragen gesteckt hatte. Noch nie bin ich selbst Schnellzug gefahren, dachte sie — ich wünschte, ich könnte wie die Stadtkollegen mal Urlaub nehmen und mit Diandian nach Peking fahren.
Vor der Wartehalle verabschiedeten sich Fan Weixing und Wu Xiaohao mit Handschlag von allen. Vor Dandan angekommen, umarmte der sie plötzlich fest und küsste sie auf die Stirn. In den hektischen letzten Tagen des Jahres spürte Wu Xiaohao beim Einschlafen manchmal etwas Fremdes auf der Stirn — einen kratzenden Bart, der sie an Dandans Gesten und Worte erinnerte; sie fand den amerikanischen Alten besonders liebenswert und amüsant.
Als auf den Feldern der Danxu-Ruine das Wintergetreide grünte und das Hirtentäschel blühte, kehrte das Team zurück. Wu Xiaohao bemerkte, dass bei den Amerikanern eine neue Frau dabei war — etwa in ihrem Alter, gelbe Haut, schwarzes Haar. Dandan stellte sie vor: Nathalie, eine Studentin, die er letztes Jahr in Peru bei der Erforschung der Inka-Kultur aufgenommen habe. Wu Xiaohao fragte: „Ist sie Indianerin?" Dandan sagte: „Ja. Als sie hörte, dass ich nach China fahre, wollte sie mitforschen — sie möchte herausfinden, ob die Vorfahren der Indianer und der Chinesen kulturell verwandt sind."
Wu Xiaohao sagte: „Bestimmt. Ich habe ein Buch, ‚Dieser Tag in der Geschichte', darin steht für 1989 — den genauen Tag weiß ich nicht mehr —: Die Volkszeitung-Auslandsausgabe berichtete, dass das Yi-Forschungsinstitut in Yunnan einen alten Kalender entdeckt hat: den ‚Achtzehn-Monats-Sonnenkalender'. Er wurde von Generation zu Generation von Yi-Sterndeutern weitergegeben. Angeblich verwendeten auch die Maya diesen Kalender."
Nathalie sprang vor Begeisterung auf: „Ja! Die Maya-Stämme in Mexiko benutzten den Achtzehn-Monats-Sonnenkalender — achtzehn Monate zu je zwanzig Tagen! Sie hatten Schrift und schrieben wie die alten Chinesen von oben nach unten, gelesen von links nach rechts!" Wu Xiaohao sagte: „Die Yi verehren den Tiger und nennen sich ‚Luoluo' — ‚Tiger-Menschen'." Nathalie sagte: „Die Maya verehren ebenfalls den Tiger — in Mexiko gibt es sogar einen Jaguar-Tempel!" Wu Xiaohao sagte: „Du solltest nach Yunnan fahren und das untersuchen." Nathalie ballte die Faust: „Unbedingt!" Dandan sagte: „Ich begleite dich — ich will die Wurzeln der Maya-Kultur finden."
Wu Xiaohao bemerkte: Dandan und Nathalie waren nicht nur Lehrer und Schülerin — ihre Blicke verrieten sie als Liebespaar. Beim Essen saßen sie nebeneinander; als Dandan zu viel getrunken hatte, küsste er Nathalie offen auf die Stirn. Wu Xiaohao berührte unwillkürlich ihre eigene Stirn und bekam Kopfschmerzen. Abends im Quartier betrachtete sie im Spiegel ihr müdes Gesicht und fragte sich: Xiaohao, die Welt ist voller Männer — warum ist keiner dein Gefährte? Bald vierzig, immer erschöpfter, nicht einmal einen seelischen Ankerplatz — ist das nicht erbärmlich? Letzten August hat China den Quantensatelliten „Mozi" gestartet. Manche sagen, wenn zwei Menschen sich lieben, sei das wie die Verschränkung zweier Quanten — warum gibt es für mich kein Quant, das mit mir auf derselben Frequenz schwingt? Bei diesem Gedanken verschwamm ihr Spiegelbild. Sie schaute nicht mehr hin, drehte sich um, ließ sich aufs Bett fallen und weinte haltlos.
9 (ACHTUNG: ZEILE FEHLT — BITTE IN PDF-DATEI PRÜFEN) Der Frühlingswind weckte auch den alten Shen, der lange geschlummert hatte. Der einstige Kapitän fuchtelte wieder mit Händen und Füßen und rief seine Kommandos.
Das erzählte Sun Wei ihr. Während der Renovierung des Fischereimuseums sammelte er in den Fischerdörfern alte Geräte. An jenem Tag ging er nach Qianwan-Nord und wollte nachsehen, ob die Sachen des alten Shen noch da waren. Er fand ihn — wieder wie früher — auf seinem großen Boot im Hof, ganz Kapitän. Sun Wei sagte: „Frau Bürgermeisterin, kommen Sie schnell — wenn Sie jetzt nicht kommen, werden Sie es nie mehr sehen. Ich glaube, beim alten Shen ist es ein letztes Aufflackern."
Wu Xiaohao legte ihre Arbeit nieder und fuhr hin. Im Hof und davor drängten sich die Leute wie bei einer Freiluftvorstellung. Der alte Shen stand auf dem Deck, überragte alle Köpfe, schrie laut seine Kommandos und vollführte die passenden Bewegungen. Sun Wei berichtete: Seit dem Morgengrauen — wie einst um fünf Uhr beim Auslaufen mit der Flut — habe er alles durchexerziert: Boot heben, Stange setzen, Ruder schieben, Wenden, Segel hissen, Netz auswerfen, Fische zählen, Netz einholen, Wasser prüfen, Vertäuen, Ankern — alles, wieder und wieder.
Wu Xiaohao fragte: „Was ruft er gerade?" Sun Wei sagte: „Das Segel-Kommando. Wenn das Boot abgelegt hat und der Wind günstig steht, hissen sie das Segel." Der alte Shen machte Zugbewegungen, biss die Zähne zusammen, stemmte sich mit aller Kraft. Viel dünner und älter als vor einem Jahr, aber sein Feuer ungebrochen. Die langen weißen Haare und der Bart wehten wild im Wind. Wu Xiaohao betrachtete ihn mit Ehrfurcht, die Augen feucht.
Draußen hielt ein Transporter mit der Aufschrift „败家娘儿们直播间" (Verschwenderische Weiber — Livestream-Studio). Aufgeregte Rufe: „Die Verschwenderischen Weiber sind da!" Drei, vier Frauen stiegen aus, eine mit Handy, eine mit Stativ. Schnell war alles aufgebaut, der Livestream begann. Die hübsche Moderatorin ließ vor dem Sprechen kurz die Zungenspitze im Mundwinkel sehen — ein Hauch Koketterie. Xiao Wang flüsterte Wu Xiaohao zu: Das sei die Chefin, Guo Mos Cousinen-Schwägerin; wegen des ständig herausblitzenden Züngleins nenne man sie „Xishi-Zunge". Sie erzählte die Geschichte des alten Kapitäns, erklärte die Fischerlieder und trat dann beiseite, das Handy auf den alten Shen gerichtet.
Wu Xiaohao wollte nach der alten Frau sehen und ging mit Sun Wei durch die Menge ins Haus. Dort saßen einige Leute um einen niedrigen Tisch und tranken Tee; auch die alte Frau war dabei. Wu Xiaohao begrüßte sie. Ein dunkelhäutiger Mann stand auf: „Frau Bürgermeisterin!" Sie erkannte ihn — Shen Weinian, Dorfvorsteher von Qianwan-Drei. Er stellte einen bebrillten Mann mittleren Alters vor: den Sohn des alten Shen, Rechtsanwalt in der Stadt. Wu Xiaohao setzte sich: „Herr Rechtsanwalt — die Lieder Ihres Vaters sind wirklich ergreifend." Der Anwalt schüttelte den Kopf: „Ich fürchte, er singt nicht mehr lange. Im letzten Jahr ging es ihm schlecht — ich habe ihn mehrfach untersuchen lassen. Nicht nur Kleinhirn-Atrophie — multiple Organe versagen. Das Krankenhaus konnte wenig tun; er ist nach Hause gekommen. Gestern rief meine Mutter an und sagte, er singe wieder — ich bin sofort hergefahren und wollte ihn ins Krankenhaus bringen, aber er weigert sich. Dann soll er eben singen, so lange er kann …" Bei diesen Worten blickte er zum Vater im Hof und weinte. Sun Wei sagte: „Herr Rechtsanwalt, ich hatte Sie gefragt — das Fischereimuseum wird bald fertig; ich würde die Geräte Ihres Vaters gern ausstellen." Der Anwalt sagte: „Kein Problem. Sobald mein Vater gegangen ist, nehmen Sie alles mit — ich spende es in seinem Namen unentgeltlich." Wu Xiaohao sagte: „Vielen Dank!" Shen Weinian seufzte: „Wenn der alte Onkel geht, gibt es in ganz Qianwan keinen einzigen Segelboot-Kapitän mehr."
Wu Xiaohao wandte den Blick zum singenden, gestikulierenden alten Shen — unendlich bewegt. Plötzlich hörte er auf, hielt sich am Mast fest und stand reglos. Was hat er vor?, dachte sie — da umklammerte er kraftlos den Mast und sank langsam nieder. Sie eilte hin: Er lehnte am Mast, Augen geschlossen, Blut rann aus dem Mundwinkel. Sein Sohn sprang aufs Boot: „Vater—!" Die Fischer ringsum riefen: „Kapitän—!" Wu Xiaohao sagte sich: Eine Generation Fischer nimmt Abschied. Die kleine rote Fahne oben am Mast flatterte unverdrossen weiter im Wind.
„Bist du geschieden? Solange ihr nicht geschieden seid, ist er immer noch dein Mann!" Wu Xiaohao schluckte ihren Groll hinunter und sagte betont ruhig: „Direktor Mu, wenn You Haoliang strafrechtlich belangt wird und das Gericht urteilt, auch ich müsse haften — dann akzeptiere ich das. Aber jeder verantwortet seine eigenen Taten. Kümmern Sie sich erst um Ihre Seite und lassen Sie sich nicht mit Beweisen erwischen — sonst wird es peinlich für Sie." — „Gut, ich warte darauf, dass ihr Beweise findet! Findet ihr keine, will ich wissen, was Bürgermeisterin Wu wirklich im Schilde führt!" Wu Xiaohao stand auf und wollte gehen.
Das ist Rasen. Das ist Erde. Das ist meine völlige Hingabe. (Das letzte Bild: ein Foto von Fa-Bu-Er.) Das ist ein T-Shirt. Das ist Pappelflaum. Das ist der kleine Schwiegersohn meiner Mama. (Das letzte Bild: ein Foto von Fa-Bu-Er.)
Beim Anblick dieser „Liebesbriefe" und der kindlichen Gesichter wusste Wu Xiaohao nicht, ob sie sich freuen oder weinen sollte. Sie schaute auf die halbfertige Scheidungsklage auf dem Computer und empfand die Grausamkeit der Zeit und die Absurdität des Schicksals: Die Mutter kämpft verzweifelt, um dem Gefängnis der Ehe zu entkommen — und die vierzehnjährige Tochter will sich bereits verlieben und ihrer Mama einen kleinen Schwiegersohn suchen! Wu Xiaohao stand auf und lief wie ein gefangenes Tier im Zimmer auf und ab. Lange dachte sie nach — aber wie sollte sie mit Diandian darüber sprechen? Ein Kind, das gerade das Tor zur Liebe öffnet und „völlig hingegeben" ist — würde es auf sie hören?
Das Handy piepste — eine WeChat-Nachricht vom Haken: „Zweit-Tante, ich habe heute ein Video aufgenommen — schau mal." Wu Xiaohao schüttelte den Kopf, schob die Sorgen beiseite und öffnete das Video.
Es war auf einem Fischerboot aufgenommen — im Vordergrund das Deck, Taue. Vor dem Boot ein anderer Kutter, der eine Schaumspur pflügte, daneben eine Masse dunkler runder Gebilde — große Muschel-Zuchtbälle. Dann tauchte plötzlich ein kleines Boot auf, näherte sich rasch dem Kutter; zwei Männer warfen Kugeln hinüber, ein dritter lag im Bug und filmte mit dem Handy.
Wu Xiaohao rief: „Oh nein!"
Sie rief sofort den Haken an und fragte, wer das Video gemacht habe. Der Haken sagte: „Ich. Heute Morgen löschte unser Boot in Qianwan — ich stand auf Deck und wollte für Douyin filmen, und hab das zufällig erwischt. Ich hatte gehört, dass es hier Provokateure gibt — jetzt hab ich sie gefilmt. Du bist Bürgermeisterin — kümmere dich drum!"
Wu Xiaohao sagte: „Das werde ich. Ich suche schon lange nach Beweisen für diese Masche — und du hast sie zufällig geliefert. Hast du das Video schon veröffentlicht?"
„Lass es erst mal. Wenn du eines Tages vor Gericht aussagen müsstest, dass du das Video gemacht hast — traust du dich?"
„Warum nicht? Was können die mir schon? Schlimmstenfalls geh ich nach Hause und pflüge meinen Acker!"
Wu Xiaohaos Herz wurde warm: „Gut — du bist ein ganzer Kerl aus der Familie Wu!"
Sie rief den Polizeichef an und berichtete; der sagte: „Schicken Sie mir das Video — ich leite es sofort an die Bezirkskripo weiter, die packt zu."
5 Das chinesisch-amerikanische Archäologenteam machte an der Danxu-Ruine eine bedeutende Entdeckung.
Professor Fang rief an: „Komm schnell — wir haben etwas auf einer Scherbe gefunden!"
Wu Xiaohao nahm den für Kultur zuständigen stellvertretenden Bürgermeister Liu Dalou und den Kulturstationsleiter Guo Mo mit. Doch als sie ins Auto stiegen, war nur Liu Dalou da; Guo Mo hatte sich krankgemeldet — familiäre Angelegenheit.
Am Grabungscamp kam Dandan ihr mit weit ausgebreiteten Armen entgegen, umarmte sie fest und sagte aufgeregt: „Hao — wir sehen Licht! Das Licht der Zivilisation!"
Als er sie losließ, fragte sie Professor Fang, was Dandan meine. Professor Fang sagte: „Komm mit." Er führte sie ins Zelt.
Ein Kreis von Köpfen — schwarze und blonde — beugten sich über etwas. Professor Fang sagte: „Macht mal Platz — die zwei Bürgermeister wollen schauen."
Die Köpfe wichen zurück; zum Vorschein kam ein Haufen grauschwarzer Tonscherben. Auf der größten war ein Zeichen eingeritzt: eine Mondsichel, die einen Kreis trug.
Wu Xiaohao erkannte sofort: Das war ein Schriftzeichen, wie sie es vor Jahren im Museum von Jüzhou und in Büchern gesehen hatte. Diese rätselhaften Symbole waren in Zhucheng, Jüxian und anderswo entdeckt worden — über zwanzig Stück, über tausend Jahre älter als die Orakelknochen-Schrift. Sie fragte: „Was für ein Gefäß waren die Scherben?"
Professor Fang sagte: „Ein großer Mund-Becher; die Zeichen sind auf dem Bauch eingeritzt. Dieses Symbol ist anderswo zweimal aufgetaucht; dass es auch hier erscheint, beweist, dass es in einem bestimmten Gebiet als Schriftzeichen verbreitet war — ein Urtyp der chinesischen Schrift."
„Welches Zeichen ist es?"
„Das weiß keiner. Aber ich meine, es ist ein Ideogramm: Die Sonne geht gerade auf, darunter ein Streifen Wolken, der sie trägt — die Bedeutung entspricht dem Zeichen ‚dan' (Morgenrot). Dandan sieht es ebenso — für ihn ist dieses Schriftzeichen der ‚Schimmer der östlichen Zivilisation'."
Nathalie zeigte auf die Scherbe und sagte etwas auf Englisch; Wu Xiaohao verstand nur halb. Professor Fang übersetzte: Das Inka-Reich in Südamerika habe bis zu seinem Ende im 16. Jahrhundert hochentwickelte Bronze gehabt, aber nie eine Schrift erfunden — nur Knotenschnüre. Dass die Chinesen schon vor vier- bis fünftausend Jahren Schriftzeichen schufen und bis heute verwenden, sei etwas Großartiges.
Wu Xiaohao nickte: „Frau Nathalie, Sie haben recht."
Er führte Wu Xiaohao und die anderen hinein, um die im letzten Jahr hinzugekommenen Exponate zu sehen. In der Abteilung „Traditioneller Fischfang" waren Netzgeräte, Angelgeräte und sonstige Geräte — alle Kategorien waren reicher geworden. Allein die Materialien der Fischernetze: Palme, Hanf, Baumwolle, Nylon, Ethylen und mehr; dazu eine nachgestellte Szene der alten „Blut-Netz"-Herstellung (Netze in Schweineblut kochen). Neben den Exponaten zeigten Bilder und Texte anschaulich Fangmethoden: Schlagen, Sperren, Locken, Angeln, Stechen, Verwickeln, Umzingeln, Schleppen. In der Abteilung „Fischerleben" war die Kleidung stark erweitert worden — darunter die gefütterten Jacken und geölten Hosen, dick und steif wie Metallpanzer; wer sie ansah, konnte sich die Strapazen der alten Fischer auf See vorstellen.