Difference between revisions of "Jing Shanhai/de/Part 4"

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= Durch Berge und Meere — Teil 4 =
 
= Durch Berge und Meere — Teil 4 =
  
In jenem Moment blitzten in Wu Xiaohaos Herzen zwei Wortkombinationen auf: unendliche Demütigung, unendlicher Schmerz.
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Plötzlich ertönte ein Schiffshorn — tief und langgezogen. Wu Xiaohao dachte: Das kommt sicher aus dem Fischereihafen Qianwan. Was bedeutet es? Vielleicht ist ein Fischer, der die Schonzeit kaum noch aushält, nachts in sein Boot gestiegen und drückt seinen Drang, aufs Meer hinauszufahren, durch das Horn aus?
  
Plötzlich ertönte ein Nebelhorn, tief und lang. Wu Xiaohao dachte: Dieses Horn muss vom Hafen der Walbucht kommen. Was bedeutet es? Vielleicht hat ein Fischer während der Schonzeit zu lange ausgehalten und kann den Drang, aufs Meer hinauszufahren, nicht mehr unterdrücken, und äußert nachts durch das Starten des Motors seine Gefühle?
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Das Schiffshorn weckte auch in Wu Xiaohao einen starken Impuls. Sie dachte: Jetzt bin auch ich eine Meeresbewohnerin von Kaipo, auch ich bin bereit zum Aufbruch. Das Meer mag gefährlich sein und mir die Erfahrung fehlen — ich habe keine Angst. Ich will mich rasch anpassen und schnell wachsen.
  
Das Nebelhorn löste auch in Wu Xiaohao einen starken Drang aus. Sie dachte: Jetzt bin ich auch eine Fischerin von Guapo, auch ich bin bereit zum Aufbruch. Obwohl das Meer gefährlich ist, obwohl mir die Erfahrung fehlt, habe ich keine Angst. Ich möchte mich schnell anpassen, ich möchte schnell wachsen.
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Sie wollte noch ein wenig lesen und holte ein Buch aus der Schublade. Es war dick wie ein Ziegelstein und hieß „An diesem Tag in der Geschichte" — ihr Lieblingsbuch, das sie am häufigsten las.
  
Sie wollte noch etwas lesen, bevor sie schlief, und holte ein Buch aus der Schublade. Das Buch war dick wie ein Ziegelstein, mit dem Titel „An diesem Tag in der Geschichte“ – es war ihr Lieblingsbuch, das sie am häufigsten las und am nützlichsten fand.
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Heute war der 29. August. Sie schlug die betreffende Seite auf. Der erste Eintrag lautete: „1842 — Unterzeichnung des Vertrags von Nanjing zwischen China und Großbritannien." Sie begann zu lesen. Diese Geschichte war ihr wohlvertraut, doch jedes Mal, wenn sie sie las, spürte sie den kaum verflüchtigten Pulverdampf des Opiumkrieges und die demütigende Atmosphäre auf dem britischen Kriegsschiff „Cornwallis", die für die Chinesen unerträglich war.
  
Heute war der 29. August. Sie schlug die Seite „29. August“ auf und sah als ersten Eintrag „1842 – Unterzeichnung des Vertrags von Nanjing zwischen China und Großbritannien“. Sie begann zu lesen. Diese Geschichte kannte sie zwar sehr gut, aber jedes Mal, wenn sie sie las, konnte sie förmlich den kaum verflüchtigten Rauch des Opiumkriegs riechen und die demütigende, feindselige Atmosphäre auf dem britischen Kriegsschiff „Cornwallis“ spüren, die den Chinesen unerträgliche Scham bereitete.
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Wu Xiaohao hatte sich während des Studiums in „An diesem Tag in der Geschichte" verliebt. Sie las das Buch und schrieb, von einer spontanen Eingebung getrieben, ihre Leseeindrücke nieder: „Eine andere Dimension der Geschichte — Gedanken beim Lesen von ‚An diesem Tag in der Geschichte'". Das fertige Manuskript zeigte sie zwei Professoren. Professor Kang Wuwei, der Weltgeschichte der Alten Welt lehrte, kritisierte sie heftig: Sie sei auf Abwege geraten, ja geradezu besessen. Geschichte sei eine Wissenschaft, und Wissenschaft dulde keine Spielereien. Schwerer noch: Wu Xiaohao habe einen Denkfehler begangen — Geschichte habe kein Heute; Geschichte sei immer gestern und vorgestern. Wu Xiaohao war anderer Meinung und dachte: Professor, Sie verschieben die Begriffe. Das „Heute" in diesem Buch ist nur eine Datumsangabe, nicht das „Heute" im Sinne der laufenden Gegenwart.
  
Wu Xiaohao hatte sich während des Studiums in „An diesem Tag in der Geschichte“ verliebt. Am Ende des ersten Semesters hatte sie gerade die Kurse Chinesische Neuere Geschichte (Teil 1) und Weltgeschichte der Neuzeit abgeschlossen und bereitete ihre Semesterarbeit vor. An jenem Tag suchte sie in der Bibliothek nach Referenzmaterial und entdeckte plötzlich ein Buch mit dem Titel „An diesem Tag in der Geschichte“. Sie hatte diese Rubrik zwar früher in Zeitungen gesehen, aber nicht viel Beachtung geschenkt. Als sie nun ein solches Buch in den Händen hielt, entdeckte sie plötzlich eine andere Dimension der Geschichte. Die Geschichte in Lehrbüchern war linear, die Geschichte in diesem Buch war nicht-linear. Die Geschichte in Lehrbüchern war realistisch geschrieben, dieses Buch hatte eine magisch-realistische Färbung. Tausende von Jahren auf und ab wurden plötzlich zu einem Wald, einem Wald aus 365 großen Bäumen. Nein, genau genommen sollten es 365 plus ein Viertelbäume sein, denn der 29. Februar erscheint nur alle vier Jahre. Jeder Baum stand hoch aufragend da, man sah weder Anfang noch Ende. Jeder repräsentierte einen Tag, behängt mit allen möglichen Früchten. Die Früchte waren süß und sauer, bitter und scharf; manche waren angenehm anzusehen, andere trieften vor Blut. Wenn man einen einzelnen Baum betrachtete, sprang man mal hundert Dynastien zurück, mal in die Moderne, mal ins Ausland, mal zurück nach China – die Schlagkraft war besonders stark, man fühlte ein schweres Gefühl der Vergänglichkeit. Nachdem sie das Buch gelesen hatte, schrieb sie im Überschwang der Gefühle ihre Leseeindrücke in einem Aufsatz nieder, betitelt „Eine andere Dimension der Geschichte – Gedanken zu ‚An diesem Tag in der Geschichte'„.
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Glücklicherweise lobte Professor Fang Zhiming, der chinesische Altertumskunde unterrichtete, ihren Aufsatz und empfahl ihn einer Jugendzeitung. Er wurde prompt veröffentlicht, und die Kommilitonen begannen, Wu Xiaohao mit anderen Augen zu sehen.
  
Nachdem sie fertig war, zeigte sie den Aufsatz zwei Professoren. Professor Kang Youwei, der Weltgeschichte der Neuzeit unterrichtete, kritisierte sie heftig und sagte, sie sei auf einen Seitenweg geraten, ja sogar besessen. Geschichte ist eine Wissenschaft, und Wissenschaft kann nicht durcheinandergebracht werden. Noch schlimmer: Wu Xiaohao hatte einen logischen Fehler begangen – Geschichte hat kein Heute, Geschichte ist immer gestern und vorgestern. Wu Xiaohao war nicht überzeugt und dachte: Professor, Sie haben den Begriff verschoben. Das „Heute“ in diesem Buch ist nur eine Datumsmarkierung, nicht das „Heute“ im Sinne von Gegenwart, wie Sie es verstehen. Glücklicherweise lobte Professor Fang Zhiming, der Chinesische Neuere Geschichte unterrichtete, ihren Aufsatz und sagte, sie solle divergentes Denken praktizieren und sich nicht von Lehrbüchern oder Professorenvorlesungen einschränken lassen. Professor Fang empfahl ihren Aufsatz sogar einer Jugendzeitung, die ihn schnell veröffentlichte, sodass ihre Kommilitonen Wu Xiaohao mit anderen Augen sahen.
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Nach der Veröffentlichung gab sie das Bibliotheksexemplar zurück, kaufte sich ein eigenes und las es immer wieder. Bei jedem Eintrag eines historischen Ereignisses suchte sie weiterführendes Material, um die Hintergründe und Auswirkungen zu verstehen. Diese Methode förderte auch ihr Studium; ihre Fachnoten waren durchweg ausgezeichnet.
  
Nach der Veröffentlichung gab Wu Xiaohao „An diesem Tag in der Geschichte“ in die Bibliothek zurück, kaufte sich selbst ein Exemplar im Buchladen und las es wiederholt. Wenn sie an einem Tag ein historisches Ereignis las, suchte sie oft verwandtes Material heraus, um die Vor- und Nachgeschichte dieses Abschnitts der Geschichte zu verstehen und herauszufinden, welchen Einfluss es auf den historischen Verlauf hatte und wie es in der Geschichte bewertet wurde. Diese Methode konnte auch ihr Studium fördern, sodass ihre Fachnoten durchweg ausgezeichnet waren.
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Eines Tages kam ihr eine weitere Idee: Sie beschloss, auch wichtige persönliche Ereignisse in das Buch einzutragen. Was auch immer ihr an einem bestimmten Tag widerfuhr, trug sie auf der entsprechenden Seite ein. Diese Methode war reizvoller als jedes Tagebuch.
  
Eines Tages kam Wu Xiaohao wieder eine Idee: Sie beschloss, auch wichtige persönliche Ereignisse in dieses Buch einzutragen. Wenn sie an einem Tag etwas Wichtiges erlebte, suchte sie den entsprechenden Tag im Buch und trug es im leeren Raum ein. Diese Aufzeichnungsmethode war interessanter als Tagebuchschreiben. Zum Beispiel im dritten Studienjahr, am 20. April, fuhr die ganze Klasse mit dem Zug nach Qufu, um das Verständnis für die konfuzianische Kultur zu vertiefen. Nach der Rückkehr nach Jinan trug sie unter dem 20. April in „An diesem Tag in der Geschichte“ ein: „Unter Führung des Professors nach Qufu, um die ‚Drei Kong' zu besichtigen.“ Dann schaute sie nach, welche großen Ereignisse in China und im Ausland an diesem Tag stattgefunden hatten: „429 – Geburt von Zhu Shenzhi“, „1934 – Das Zentralkomitee der KPCh verabschiedete die ‚Sechs Hauptrichtlinien zur Rettung der Nation durch Widerstand gegen Japan'„, „1981 – In Tongxiang, Zhejiang, wurde eine Dorfstätte der primitiven Clangesellschaft entdeckt“, „1930 – Aufstand gegen die Briten in der indischen Stadt Peshawar“, „1972 – Das amerikanische Raumschiff Apollo 16 landete auf dem Mond“, „1996 – Konferenz der Acht-Nationen-Atomsicherheitsplanung in Taipeh“ usw.
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Eine Mitbewohnerin entdeckte ihre Einträge und sagte, sie wolle sich wohl in die Geschichte einschreiben. Wu Xiaohao sagte: „So ehrgeizig bin ich nicht. Ich denke nur: Die Menschheitsgeschichte besteht aus der Geschichte einzelner Menschen. Mein Schicksal ist unbedeutend, und wie mein Name sagt, bin ich nur ein kleines Gras — aber wenn ich meine Erlebnisse festhalte, spiegeln auch sie die Zeit und die Geschichte wider." Also behielt sie die Gewohnheit bei.
  
Eine Mitbewohnerin entdeckte ihre Aufzeichnungen und sagte, sie wolle ihren eigenen Namen in der Geschichte verewigen. Wu Xiaohao sagte: „Wie könnte ich so ehrgeizig sein? Ich denke nur: Die menschliche Geschichte besteht aus individuellen Geschichten. Obwohl mein Schicksal unbedeutend ist und ich wie mein Name nur ein kleines Gras bin, kann ich, wenn ich meine Erlebnisse festhalte, auch die Zeit reflektieren und Geschichte widerspiegeln.“ Also behielt sie diese Gewohnheit bei.
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Wu Xiaohao war fasziniert von „An diesem Tag in der Geschichte", aber ebenso von der Geschichte in den Lehrbüchern. Sie dachte: Selbst ein langes Leben dauert nur ein paar Jahrzehnte. Aber ich kann Geschichte studieren, meinen Blick über fünftausend Jahre schweifen lassen, die Veränderungen der Menschheit betrachten, die geschaffenen Zivilisationen, die begangenen Fehler, daraus Lehren ziehen und kommenden Generationen eine Orientierung bieten — was für ein Geschenk! Deshalb war sie zutiefst gerührt, als Professor Fang sie ermutigte, sich für ein archäologisches Aufbaustudium zu bewerben, und sich bereit erklärte, sie als Schülerin aufzunehmen. Im letzten Semester lernte sie fieberhaft, entschlossen, die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Doch You Haoliang widersetzte sich entschieden: Die Eltern bräuchten Pflege, sein Vater habe bereits eine Stelle für sie an der Mittelschule Nr. 1 in Pingchou arrangiert. Wu Xiaohao wusste: Ging sie dorthin, saß sie in der Falle der You-Familie und konnte nur noch brav die Schwiegertochter spielen. Allein der Gedanke an das Gesicht ihres künftigen Schwiegervaters — dem pensionierten stellvertretenden Kreisvorsteher mit dem ewig finsteren Blick, als wolle er ständig jemanden maßregeln — löste in ihr unbändigen Widerwillen aus.
  
Wu Xiaohao war von „An diesem Tag in der Geschichte“ fasziniert, aber auch von der Geschichte in Lehrbüchern. Sie dachte: Ich bin auf diese Welt gekommen, und selbst wenn ich ein natürliches Leben lebe, sind es nur wenige Jahrzehnte. Aber ich kann Geschichte studieren, meinen Blick über fünftausend Jahre schweifen lassen, die Veränderungen betrachten, die die Menschheit durchgemacht hat, die Zivilisationen, die sie geschaffen hat, die Fehler, die sie begangen hat, dann über Erfolge und Misserfolge nachdenken, einige Regelmäßigkeiten erforschen und späteren Generationen Lehren bieten – welch großes Glück! Deshalb war sie sehr bewegt, als Professor Fang sie ermutigte, sich für ein Graduiertenstudium in Geschichte zu bewerben und sich sogar anbot, sie als seine Schülerin aufzunehmen. Im letzten Semester lernte sie hart und fleißig und plante, erfolgreich die Prüfung zu bestehen und Professor Fangs Schülerin zu werden. You Haoliang widersetzte sich jedoch entschieden ihrem Graduiertenstudium und sagte, seine Eltern bräuchten sie zur Altenpflege. Sein Vater hatte bereits für Wu Xiaohao arrangiert, dass sie an der Pingchang-Nr.-1-Mittelschule unterrichten sollte. Wu Xiaohao wusste: Wenn sie dorthin ging, würde sie in das von der You-Familie gewebte Netz geraten und konnte nur brav die Schwiegertochter der Yous sein und sich von ihnen herumkommandieren lassen. Wenn sie an das Gesicht ihres zukünftigen Schwiegervaters, des ehemaligen stellvertretenden Kreisvorstehers, dachte, das immer ein falsches Lächeln trug, als wolle er jederzeit jemanden zurechtweisen, fühlte sie zehntausendfache Unwilligkeit.
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Eines Abends deutete You Haoliang im Hof ihrer Mietwohnung auf eine Mauerecke: „Du willst Archäologie studieren? Wenn du nicht gehorchst, lasse ich hier jemanden Archäologie betreiben." Wu Xiaohao fragte: „Was soll das heißen?" You Haoliang sagte bösartig: „Dich tief vergraben — damit spätere Generationen dich ausgraben und schauen, aus welcher Dynastie diese Knochen stammen!"
  
Eines Abends zeigte You Haoliang in ihrem gemieteten kleinen Hof auf eine Mauerecke und sagte: „Du willst Archäologie studieren? Wenn du nicht auf mich hörst, lasse ich jemanden hier Archäologie betreiben.“ Wu Xiaohao fragte: „Was meinst du damit?“ You Haoliang sagte bösartig: „Dich hier vergraben, damit spätere Generationen dich ausgraben und schauen, aus welcher Dynastie diese Knochen stammen!
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Wu Xiaohao wurde ohnmächtig. Als sie wieder zu sich kam, lag sie nackt im Bett, und You Haoliang lag auf ihr. Sie wehrte sich, weinte, stieß ihn weg; er wurde grob: „Ohne dass unsere Familie dich finanziert hat, hättest du je studieren können? Du bist fertig und willst nicht zurückkommen und dich bedanken, willst stattdessen noch weiter studieren? Undankbar! Größenwahnsinnig!"
  
Wu Xiaohao fiel sofort in Ohnmacht. Als sie aufwachte, lag sie nackt im Bett, You Haoliang lag auf ihr und „wiederholte alte Lektionen“. Sie kooperierte nicht, weinte und wehrte sich. You Haoliang wurde grob, während er sagte: „Ohne dass unsere Familie dich finanziert hätte, hätte Wu Xiaohao die Universität besuchen können? Du hast dein Studium abgeschlossen und willst nicht zurückkehren, um dankbar zu sein, sondern willst weiter studieren? Du bist undankbar! Du bist größenwahnsinnig!“
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Wu Xiaohao weinte die ganze Nacht und beschloss, nachzugeben. Sie sagte You Haoliang, sie gebe das Aufbaustudium auf und bewerbe sich beim öffentlichen Dienst in Yucheng — nah an Pingchou, bequem für Besuche bei den Eltern. You Haoliang beriet sich mit seiner Familie und machte ebenfalls einen Kompromiss: Er stimmte Yucheng zu. Wu Xiaohao verstand: In den Augen des eitlen Schwiegervaters lag Yucheng zwar nur auf Bezirksebene, aber innerhalb der Präfekturstadt Anlan — die Schwiegertochter arbeitete damit „in der Stadt" und brachte der Familie Ehre.
  
Wu Xiaohao litt die ganze Nacht und beschloss zu kapitulieren. Sie sagte zu You Haoliang, sie würde auf das Graduiertenstudium verzichten und sich für den öffentlichen Dienst in der Stadt Yu bewerben – das sei nah am Kreis Pingchang und es wäre bequem, die Eltern zu besuchen. You Haoliang beriet sich mit seiner Familie und machte ebenfalls einen Kompromiss – er stimmte zu, dass Wu Xiaohao nach Stadt Yu ging. Wu Xiaohao verstand: In den Augen ihres eitlen zukünftigen Schwiegervaters war Yu zwar nur eine Kreisstadt, aber im Bezirk der Präfekturstadt gelegen. Wenn die Schwiegertochter in der Stadt arbeitete, würde das seiner Familie Ehre bringen.
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Nachdem sie alle Einträge zum „29. August" gelesen hatte, fand Wu Xiaohao, sie müsse auch ihr heutiges Erlebnis festhalten. Sie nahm den Stift und schrieb in den freien Raum der Buchseite:
  
So trug sie in „An diesem Tag in der Geschichte“ unter dem „26. Februar“ ein:
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2012 — Begleitete den Bürgermeister zur Kiemeninsel; wollte dem Bezirksvorsteher die Autotür öffnen — vom Sekretär streng gerügt
  
2002 – Antritt beim Politischen Konsultativrat der Stadt Yu
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Nachdem sie alle Einträge des „29. August“ gelesen hatte, fand Wu Xiaohao es wichtig, heute auch ihre eigenen Ereignisse festzuhalten. Also nahm sie den Stift und schrieb in den leeren Raum der Buchseite:
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Tagsüber herrschte im Verwaltungsgebäude geschäftiges Treiben; am Abend wurde es still. Der Sekretär hatte zwar ein Dienstzimmer, fuhr aber nach Feierabend meist in die Stadt — seine Frau habe angeblich Depressionen, der Sohn besuche die Oberstufe, beide bräuchten Betreuung. Der Bürgermeister wohnte zwar in Kaipo, aber sein Privathaus lag weit entfernt. Ein Dutzend Leute, deren Familien in der Stadt lebten, pendelte täglich als „wandernde Kader" — manche mit dem Bus, manche in Fahrgemeinschaften. Wu Xiaohao wollte nicht pendeln — sechzig Kilometer pro Tag waren ihr zu anstrengend. Das Sicherheitsbüro besaß einen kleinen Lieferwagen; Li Yanmi fuhr damit jeden Abend heim und bot ihr an, mitzukommen. Sie lehnte ab: Das sei ein Dienstwagen, und obwohl sie für Sicherheit zuständig sei, dürfe das kein Grund sein, ihn privat zu nutzen.
  
2012 – Begleitete die Bürgermeisterin zur Kiemenmenschen-Insel; wollte dem Bezirksvorsteher die Autotür öffnen, wurde vom Sekretär streng kritisiert
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In Wahrheit wollte sie in Kaipo bleiben, weil sie dort ein Gefühl der Befreiung genoss. Seit der Oberschule klebte You Haoliang wie Baumharz an ihr. Nach der Heirat gab es wegen unterschiedlicher Vorstellungen ständig Streit. You Haoliang hatte keine feste Arbeit, gründete aber eine Firma, mietete ein Büro in der Stadt und spekulierte tagein, tagaus, um über die Beziehungen seines Vaters Geld zu machen. In Stadt und Bezirk gab es mehrere Beamte, die alte Untergebene You Dalians waren; You Haoliang suchte sie schamlos auf, um über sie an Aufträge zu kommen, die er dann weitervergab.
  
Tagsüber herrschte im Regierungsgebäude der Gemeinde geschäftiges Treiben, aber abends wurde es still. Der Sekretär hatte zwar ein Dienstzimmer, fuhr aber nach Feierabend meist in die Stadt zurück – sein Vater hatte angeblich Depressionen und sein Sohn besuchte die Oberstufe, beide brauchten Betreuung. Obwohl die Bürgermeisterin in Guapo wohnte, war ihr privates Zuhause weit vom Gemeindeamt entfernt. In der Stadt lebten noch etwa zehn weitere Personen, manche fuhren mit dem Bus, manche bildeten Fahrgemeinschaften und pendelten täglich als „wandernde Kader“. Wu Xiaohao wollte nicht hin und her pendeln. Sie fand, dass sechzig Kilometer täglich zu anstrengend wären. Das Sicherheitsbüro hatte einen kleinen Lieferwagen, Li Yanmi fuhr ihn jeden Tag in die Stadt zurück und lud Wu Xiaohao ein mitzukommen, aber sie lehnte ab. Sie dachte: Das ist ein Dienstfahrzeug, und obwohl meine Arbeit mit Sicherheit zu tun hat, kann das kein Grund sein, mitzufahren.
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Zu den Geschäftsessen ließ er Wu Xiaohao als Begleiterin auftreten — sie sollte den Beamten und Geschäftsleuten einschenken und Speisen auftun. Manche wurden übergriffig und redeten unter Alkoholeinfluss schlüpfriges Zeug; ein Amtsleiter, über zwanzig Jahre älter als sie, nannte sie sogar „Schwesterchen". Eigentlich sollte Wu Xiaohao sich freuen, You Haoliang bei seinen Geschäften zu helfen — aber sie konnte es nicht. Sie saß wie ein Eisblock am Tisch und ließ die Stimmung abstürzen. Zu Hause beschimpfte You Haoliang sie: Sie verstehe nicht, ihrem Mann zu folgen, spiele die große Dame und denke nicht ans Wohl der Familie. Wu Xiaohao sagte: „Ich verdiene durch meine Arbeit mein Gehalt — ist das nichts für die Familie? Ich bin eine ordentliche Beamtin und lasse mich nicht als Gesellschaftsdame missbrauchen!" Daraufhin schlug You Haoliang sie — Fäuste und Tritte. Wenn sie dann doch wieder mitging und ein Wort zu viel sagte oder ein Lächeln zu viel zeigte, beschuldigte er sie zu Hause, sich vor Männern aufzuspielen, und schlug sie erneut.
  
Tatsächlich wollte sie nicht in die Stadt zurückfahren und in Guapo bleiben, weil sie ein Gefühl der Befreiung genießen wollte. Seit der Mittelschule klebte You Haoliang wie Baumharz an ihr, ließ sie keinen Moment los, bis er sie in der Hand hatte. Nach der Heirat gab es wegen unterschiedlicher Ansichten ständig Konflikte. You Haoliang hatte keine feste Arbeit, registrierte aber eine Firma, mietete Büroräume in der Stadt, hängte ein Schild auf und versuchte täglich, durch Spekulationen Geld zu verdienen, indem er die persönlichen Beziehungen seines Vaters nutzte. In der Stadt und im Bezirk gab es mehrere Beamte, die alte Untergebene von You Dalian waren. You Haoliang suchte sie schamlos auf, um Projekte zu bekommen, die er dann an andere weitergab. Bei Geschäftsessen ließ You Haoliang Wu Xiaohao oft als Begleitung auftreten, um für diese Beamten und Geschäftsleute Speisen aufzutun und Alkohol einzuschenken. Manche wurden betrunken und konnten sich nicht beherrschen, sagten unanständige Dinge. Ein Abteilungsleiter, über zwanzig Jahre älter als Wu Xiaohao, nannte sie sogar „kleine Schwester“. Manche dachten, dass Wu Xiaohao sich freuen sollte, You Haoliang bei der Akquise von Projekten zu helfen, aber Wu Xiaohao konnte sich nicht freuen. Sie saß wie ein Eisblock da und die Atmosphäre am Tisch kühlte rapide ab. Zu Hause schimpfte You Haoliang Wu Xiaohao und sagte, sie verstehe es nicht, ihrem Mann zu folgen. Sie trage ein saures Gesicht zur Schau und denke nicht an das Glück der Familie und der Kinder. Wu Xiaohao sagte: „Ich verdiene durch meine Arbeit Geld, ist das nicht auch für die Familie und die Kinder? Ich bin eine ordentliche Beamtin, ich kann dir nicht als Begleitung dienen!“ Daraufhin wurde You Haoliang sehr wütend und drohte, sie zu „verstümmeln“, schlug und trat sie. Hilflos ging Wu Xiaohao wieder mit ihm zu Geschäftsessen, aber wenn sie etwas mehr redete oder etwas mehr lächelte, beschuldigte You Haoliang sie zu Hause, vor anderen „billig“ zu sein, und „verstümmelte“ sie trotzdem.
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Wu Xiaohao war keine, die alles klaglos hinnahm. Bei häuslicher Gewalt rief sie die Polizei. Doch wenn die Beamten kamen, setzte You Yanzhu sofort ein reumütiges Gesicht auf, machte Selbstkritik, entschuldigte sich bei seiner Frau und versprach Besserung. Die Polizisten kritisierten ihn ein wenig und fuhren wieder. Doch nach einer Weile fiel You Yanzhu in alte Muster zurück. Wu Xiaohao dachte auch an Scheidung; ihre Freundin Yueyue unterstützte sie entschieden. Sie fasste Mut und konfrontierte You Yanzhu, der aber spielte die Kindkarte aus: Bei einer Scheidung gehöre Diandian ihm, und er werde Wu Xiaohao das Kind nie wieder sehen lassen. Bei diesem Gedanken brach Wu Xiaohao fast das Herz. Sie liebte ihre Tochter über alles; ohne sie hätte sie vielleicht den Mut zum Weiterleben verloren. Hinzu kam, dass You Yanzhu das Kind tatsächlich liebte und gut kochte — Diandian hing an ihm. Angesichts dieser Lage wählte Wu Xiaohao erneut die Geduld. Nach mehreren Jahren hielt sie es nicht mehr aus und wählte die Flucht: die Stelle auf dem Land.
  
Wu Xiaohao nahm nicht alles klaglos hin. Bei häuslicher Gewalt hatte sie die Polizei gerufen. Aber wenn die Polizei kam, setzte You Haoliang sofort ein reumütiges Gesicht auf, machte Selbstkritik vor den Beamten, entschuldigte sich bei seiner Frau und versprach, sein Verhalten entschieden zu ändern. Die Polizisten sahen ihn so und kritisierten ihn ein paar Mal, forderten das Paar auf, ihre Beziehung zu verbessern und häusliche Harmonie zu bewahren, dann fuhren sie zur Polizeiwache zurück. Aber nach einiger Zeit fiel You Haoliang in alte Muster zurück und „verstümmelte“ sie wieder. Wu Xiaohao dachte auch an Scheidung, ihre beste Freundin Yue Yue unterstützte sie entschieden darin – wie kann eine gebildete Frau so misshandelt werden? Wu Xiaohao fasste Mut und konfrontierte You Haoliang, aber er spielte die Kindkarte aus und erklärte, dass bei einer Scheidung Diandian ihm gehören würde und er Wu Xiaohao nie wieder ihre Tochter sehen lassen würde. Bei dem Gedanken an dieses Ergebnis brach Wu Xiaohao fast das Herz, sie war zutiefst verzweifelt. Denn sie liebte ihre Tochter zu sehr – ohne ihre Tochter würde sie vielleicht den Mut zum Weiterleben verlieren. Was sie noch festhielt war, dass You Haoliang das Kind auch liebte und gut kochen konnte – Diandian war sehr an ihn gebunden. Angesichts dieser Situation wählte Wu Xiaohao wieder die Geduld. Nach mehreren Jahren hielt sie es nicht mehr aus und wählte schließlich die Flucht – sie nahm die Stelle auf dem Land an.
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In Kaipo war es besser. Nach einem Arbeitstag hatte sie abends Ruhe — konnte lesen, im Internet surfen, sich durch die Neuigkeiten im Freundeskreis klicken, mit Bekannten chatten. Natürlich telefonierte sie auch jeden Tag mit ihrer Tochter.
  
Nach ihrer Ankunft in Guapo war es besser. Nach einem Arbeitstag hatte sie abends Ruhe und Frieden, konnte lesen, im Internet surfen, WeChat-Momente durchsehen und mit Menschen chatten. Natürlich musste sie jeden Tag auch mit ihrer Tochter telefonieren, um über deren Situation Bescheid zu wissen und ihre Mutterliebe auszudrücken.
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An diesem Abend sah Wu Xiaohao nach dem Essen, dass es draußen noch hell war, und beschloss, den Guaxinjue zu besuchen.
  
Nach dem Abendessen an diesem Tag sah Wu Xiaohao, dass es draußen noch hell war, und beschloss, zur Guaxin-Klippe zu gehen.
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Vom Verwaltungsgelände aus nach rechts, hundert Meter die Ost-West-Straße entlang, dann nochmals rechts — da ragte der Guaxinjue zwischen zwei Bauernhochhäusern empor. Am Fuße des Hauses entdeckte sie das Kalb: Es streckte immer noch den Kopf aus dem Fenster im sechsten Stock. Sie machte es Guo Mo nach und rief: „Bruder Niu!" Das Kalb senkte den Kopf zu ihr, hob ihn dann plötzlich gen Himmel und stieß ein langes Muhen aus.
  
Aus dem Gemeindeamt kommend ging sie nach rechts, folgte der Ost-West-Hauptstraße eine Weile, dann bog sie nach rechts ab. Die Guaxin-Klippe erschien zwischen zwei Wohnhäusern. Als Wu Xiaohao unter die Klippe ging, entdeckte sie, dass das kleine gelbe Kalb immer noch seinen Kopf aus dem Fenster im sechsten Stock streckte. Sie lernte von der Abteilungsleiterin und rief es „Niugu“. Das Kalb senkte den Kopf, um sie anzusehen, hob dann plötzlich den Kopf zum Himmel und muhte laut.
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Sie hörte in dem Laut eine ganze Welt — die Qual der Gefangenschaft, die Sehnsucht nach grünen Bergen. Als sie es nochmals anschaute, wurde ihr das Herz schwer.
  
Sie hörte heraus, dass in Niugus Muhen komplexe Bedeutungen lagen – die Qual der Gefangenschaft, die Sehnsucht nach den Bergen, alles schien darin enthalten zu sein. Als sie es wieder ansah, wurde ihr Herz etwas schwer.
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Sie verließ die Hochhäuser und ging hinter das Dorf Kaipo. Außer Feldern und ein paar Zitterpappeln war die Gegend trostlos und öde. Sie stellte sich vor, wie majestätisch der alte Kaipo-Baum hier einst gewirkt haben musste. Vor sechzig Jahren gefällt — welch ein Jammer.
  
Wu Xiaohao verließ das Wohnhaus und ging hinter das Dorf Guapo. Sie sah, dass es hier außer der Klippe und einigen schnell wachsenden Pappeln trostlos und langweilig war. Sie stellte sich vor, wie großartig der alte Schnurbaum gewesen sein muss, als er hier stand. Dass der Baum vor sechzig Jahren abgeholzt wurde, war wirklich zu schade.
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Weiter vorn, am Fuß des Guaxinjue. Sie stieg den Schotterweg hinauf; als die Kiefern neben ihr ausdünnten, tat sich vor ihren Augen das Blau auf.
  
Sie ging weiter und erreichte die Guaxin-Klippe. Sie stieg den mit Schotter bedeckten Weg hinauf, die Kiefern neben ihr verschwanden nach und nach. Vor ihren Augen lag drei Kilometer entfernt das endlose Meer, die Kiemenmenschen-Insel in Form eines liegenden Rindes schwebte auf der Horizontlinie. Sie setzte sich auf einen flachen Felsen und schaute zur Kiemenmenschen-Insel. Sie fragte sich: Li Dabiao und Wan Yufeng, ob sie schon zu Abend gegessen haben? Und der stählerne Kopf, ist er gerade auf dem Boot? Wenn nicht, in welchem Gebiet des weiten Meeres fischt er gerade?
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Drei Kilometer entfernt lag das grenzenlose Meer; die Kiemeninsel, wie ein ruhender Ochse geformt, schwebte auf dem Horizont. Sie setzte sich auf einen flachen Felsen und schaute hinüber. Ob Li Dabiao und die Ostwind-Schönheit wohl schon zu Abend gegessen haben? Ob Chutou, ihr Neffe, auf der Insel ist? Wenn nicht — in welchem Winkel des weiten Meeres fischt er wohl gerade?
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In ihrer Vorstellung sprang plötzlich eine kräftige Gestalt von der Kiemeninsel ins Meer — pfeilschnell, nach dem Eintauchen kraftvoll schwimmend. Das war He Chengshou. In seiner Jugend musste er das so getan haben — als Kiemenmenschen-Nachkomme war er fast ein Amphibienwesen.
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Doch sofort schämte sie sich für diese Gedanken. Wie komme ich auf ihn? Warum sollte ich an ihn denken? Sie fuhr sich durchs Haar und wandte den Blick wieder aufs Meer. Näher betrachtet sah sie die Hegemonenpeitsche. Im letzten Schein der Abendsonne war der Felsrücken zu einer goldenen Peitsche geworden.
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Einige Fischerboote näherten sich aus der Ferne. Sie dachte: Die Menschen an Bord schauen jetzt bestimmt zum Guaxinjue und denken an zu Hause, an ihre Lieben. Im Grunde braucht jeder Mensch seinen eigenen „Guaxinjue". Meiner ist in Yucheng — das ist Diandian.
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Sie saß auf dem Gipfel, in Gedanken versunken, und schaute aufs Meer. Die Wolken wandelten sich von weiß zu rot, das Meer von blau zu schwarz; der Leuchtturm auf der Insel begann zu blinken, und die Lichter des Fischereihafens erstrahlten.
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Als sie nach Nordosten blickte, erhellte ein breiter Lichtschein den Himmel — das war Yucheng bei Nacht. Sie dachte an ihren „Guaxinjue", stellte sich das süße Gesicht ihrer Tochter vor, und weiches Sehnen ergriff sie; verträumt starrte sie dorthin.
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Hinter ihr Schritte und Stimmen. Sie drehte sich um — ein junges Pärchen kam herbei. Wu Xiaohao dachte: Die wollen hier sicher ungestört sein; ich sollte ihnen Platz machen. Doch kaum wollte sie aufstehen, begannen die beiden zu streiten. Er: „Wenn du weggehst, was wird aus mir?" Sie: „Dann bewirb dich doch auch." Er: „Meine Familie ist hier in Kaipo, ich bin gerade nach dem Studium zurückgekommen, meine Eltern werden alt — wie soll ich weg?" Sie: „Mir egal — ich halte es hier nicht mehr aus!"
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Der junge Mann bemerkte Wu Xiaohao, kam näher: „Sind Sie nicht Vize-Bürgermeisterin Wu? Reden Sie meiner Freundin bitte zu — sie soll nicht an der nationalen Beamtenprüfung teilnehmen." Wu Xiaohao bat die beiden, sich zu setzen, und sprach mit ihnen. Er hieß Sun Wei und war als Dorfbeamter mit Universitätsabschluss in Songjian tätig; sie hieß Wang Jingjing und arbeitete als Buchhalterin bei der Gemeindefinanzverwaltung. Beide hatten an der Shandong-Universität für Finanzen studiert und waren letztes Jahr gemeinsam nach Kaipo gekommen. Nun wollte Wang Jingjing die nationale Beamtenprüfung ablegen und von hier weg.
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Wu Xiaohao fragte Wang Jingjing, warum sie es nicht mehr aushalte. Wang Jingjing seufzte: „Seit ich bei der Finanzverwaltung arbeite, haben die Buchungen mein Weltbild erschüttert. An der Uni hat man uns eingeschärft, als Buchhalter niemals Bücher zu fälschen. Aber hier soll ich jeden Tag manipulieren — das ertrage ich nicht." Wu Xiaohao fragte: „Was für Manipulationen?" Wang Jingjing: „Nicht erstattungsfähige Ausgaben werden irgendwie erstattet — gefälschte Rechnungen und Quittungen ohne Ende." „Wer unterschreibt?" „Der Abteilungsleiter, der Sekretär, der Bürgermeister." „Und die stecken sich das Geld ein?" „Nein, nicht direkt. Jedenfalls Sekretär Zhou nicht. Er ist der Typ ‚Teflonbeschichtung' — unterschreibt zwar die falschen Rechnungen, steckt sich aber keinen Cent ein. Er will aufsteigen und würde seine Karriere nie aufs Spiel setzen." Wu Xiaohao war verwundert: „Warum lässt er dich dann Bücher fälschen?" „Aus der Not heraus — die Gemeinde hat kein Geld. Bewirtungskosten und ‚graue Ausgaben' zwingen die Führung zu Tricks." „Welche grauen Ausgaben?" „Geschenke zu den Feiertagen. Bald ist Mondfest — wieder Einkaufskarten und Präsente. Gestern hörte ich, der Leiter soll zweihundert Kartons Seegurken kaufen, für über zweihunderttausend Yuan. Dazu Einkaufsgutscheine für hunderttausend Yuan im größten Kaufhaus der Stadt. Und woher das Geld nehmen? Man greift auf zweckgebundene Mittel von oben zurück — Brandschutzgelder, Wassergelder und so weiter. Gerade wurde ein Sonderfonds für die Dürrebekämpfung freigegeben — den will die Führung jetzt anzapfen."
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Wu Xiaohao riss den Mund auf; Wut ballte sich in ihrer Brust. Ihr fielen die Worte des alten Laozi ein: „Der Weg des Himmels nimmt vom Überfluss und gibt dem Mangel. Der Weg der Menschen tut das Gegenteil — er nimmt vom Mangel und gibt dem Überfluss." Empört rief sie: „Wie kann man so etwas tun? Die Ernte der Bauern verdorrt vor ihren Augen, und die Gemeinde soll die Dürrehilfe abzweigen, um Geschenke nach oben zu schicken? Hat man kein Gewissen?"
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Sun Wei sagte: „Das wissen Sie nicht, Vize-Bürgermeisterin — zu den Feiertagen Geschenke nach oben zu schicken, ist längst öffentliches Geheimnis. Alle Gemeinden machen es, keiner traut sich, die Regel zu brechen."
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Wu Xiaohao wusste durchaus davon. Vor jedem Feiertag liefen die Gemeindevorsteher im Bezirksregierungsgebäude und bei den wichtigen Ämtern ein und aus. Nur beim Bezirkskonsultativrat kam niemand vorbei — dort gab es keine Gemeindevertretung. Ihr ehemaliger Vorgesetzter Direktor Chu hatte einmal am Fenster gestanden, auf die Geschenkelieferanten geschimpft und geklagt, manche Leute vergäßen ihre alten Gönner, sobald sie über den Fluss seien.
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Wang Jingjing sagte entschlossen: „Was soll ich hier noch? Deshalb mache ich die Staatsprüfung — für eine Buchhalterstelle bei einem Ministerium. In der Zentralverwaltung wird man keine falschen Bücher von mir verlangen. Wenn ich dieses Jahr durchfalle, versuche ich es nächstes Jahr — ich will hier raus!"
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Wu Xiaohao sagte: „Warte noch ein wenig — nach dem 18. Parteitag wird sich vielleicht etwas ändern."
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Wang Jingjing schüttelte heftig den Kopf: „Ich glaube nicht, dass eine Konferenz das alles ändert. Wenn sich erst einmal ungeschriebene Regeln etabliert haben, ist es unglaublich schwer, sie zu ändern."
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Wu Xiaohao sah, dass sie sie nicht umstimmen konnte, und dachte: Versuch es ruhig — sonst wirst du dir keine Ruhe gönnen.
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Als es dunkel wurde, schlug Sun Wei vor, zurückzugehen. Die drei brachen auf. An den Bauernhochhäusern erfuhr Wu Xiaohao, dass die beiden hier zur Miete zusammenlebten. „Was machen eure Vermieter?" fragte sie. Sun Wei: „Kleine Geschäfte in der Stadt — die Wohnung haben sie an uns vermietet." Die monatliche Miete: fünfhundert Yuan.
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Wu Xiaohao blickte nach oben — „Bruder Niu" streckte immer noch den Kopf aus dem Fenster. Sie deutete auf ihn: „Er ist euer Nachbar?" Wang Jingjing: „Ja, gegenüber." „Wer hält da oben ein Rind?" „Ein altes Ehepaar, beide über sechzig. Ihr Sohn arbeitet in der Stadt und hat eine Wohnung auf Kredit gekauft. Die Alten helfen ihm, den Kredit abzuzahlen, und wissen sich nicht anders zu helfen, als ein Rind aufzuziehen."
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Wu Xiaohao dachte: Die Landbevölkerung strömt in die Städte, die Verstädterung schreitet immer schneller voran.
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Wu Xiaohao saß in ihrem Büro über Akten, als ein Mann mit verbundenem Kopf hereinkam und „Zweite Tante" rief: Chutou. Wu Xiaohao fragte, was passiert sei. Chutou schniefte: „Vom Fischereimafia-Boss zusammengeschlagen!" „Welche Fischereimafia? Wo?" „Am Kai von Qianwan. Die haben mich fertiggemacht ..."
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Wu Xiaohao schenkte ihm Wasser ein und ließ ihn erzählen.
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Chutou berichtete aufgebracht, die Furchen auf seiner Stirn wie schwarze Wogen: Er arbeitete für einen Bootsbesitzer namens Bao. Der verkaufte seinen Fang nie sofort, sondern lagerte alles im Kühlhaus, um vor dem Neujahrsfest Höchstpreise zu erzielen. Das missfiel den Fischaufkäufern; sie wurden ihm feind. Am Kai von Qianwan gab es einen besonders mächtigen Fischereiboss — einen Mann aus dem Nordosten, Spitzname „Erdaohe", mit zwei Narben auf dem Kopf. Wenn er mit dem Fuß stampfte, bebte der ganze Kai. Welchen Fang er wollte, musste der Bootsbesitzer ihm überlassen, und das unter dem Marktpreis.
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Nur Bootsbesitzer Bao weigerte sich, ihm auch nur einen Fisch zu verkaufen, und das erzürnte Erdaohe. Vor drei Tagen waren Chutou und die Crew wieder auf See gewesen und kamen mit einer Ladung Fisch zurück. Heute Morgen, kurz vor dem Kai, trat Bootsbesitzer Bao plötzlich aus dem Steuerhaus, befahl der Mannschaft, sich zu bewaffnen, und kündigte Kampf an: Erdaohe habe angerufen und die Ladung verlangt.
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Chutou, als Angestellter, musste gehorchen und griff mit den anderen zu Eisenstangen. Kaum hatte das Boot angelegt, sprang eine Gruppe Schläger an Bord und fiel über Bootsbesitzer Bao her; der befahl der Crew, zurückzuschlagen. Chutou wollte eingreifen, als ihn ein Schlag am Kopf traf; er taumelte und fiel ins Wasser. Zum Glück war er bei Bewusstsein, schwamm in eine Ecke des Hafens und ließ sich am Sanitätsposten verbinden. Bootsbesitzer Bao hatte einen Messerschnitt an der Schulter abbekommen und war ins Krankenhaus nach Yucheng gebracht worden.
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Wu Xiaohao konnte ihre Empörung nicht zurückhalten: „Dieser Erdaohe tyrannisiert den Markt, und niemand schreitet ein? Habt ihr die Polizei gerufen?" Chutou sagte: „Schon, die Polizei kam, schaute sich um und sagte, man werde die Sache klären, wenn der Chef aus dem Krankenhaus komme. Aber die Kollegen sagen, die Polizei stecke mit Erdaohe unter einer Decke — eine Anzeige sei zwecklos." Wu Xiaohao war schockiert: „Die Polizei? Wie kann das sein?" Chutou: „Erdaohes Hintermann ist mächtig genug, die Polizei zu kaufen." „Wer ist sein Hintermann?" „Der Chef der Shenyou-Gruppe — Mu, Spitzname ‚Tigerhai'." Vor Wu Xiaohaos innerem Auge erschien die Hegemonenpeitsche am Meer und das prunkvolle Anwesen darüber.
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Chutou sah sie angstvoll an: „Zweite Tante, du bist Vize-Bürgermeisterin — tu doch etwas! Deswegen bin ich hier!" Wu Xiaohao lächelte bitter: „Du denkst, deine Tante ist eine hohe Funktionärin? Ich bin nur stellvertretende Bürgermeisterin — und die rangniedrigste." Chutou: „Du bist hier in der Verwaltung — du musst etwas gegen die Fischereimafia unternehmen!" Wu Xiaohao: „Ich werde es bei den Vorgesetzten ansprechen. Wie geht es dir? Ist die Verletzung schlimm? Warst du zuletzt daheim?" Chutou schüttelte den Kopf: „Die Verletzung ist leicht, nichts Schlimmes. Ich fahre nach Yucheng, um den Chef zu besuchen; wenn er mich nicht braucht, schaue ich kurz zu Hause vorbei — der Chef ist ja verletzt und kann sowieso nicht aufs Meer."
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Wu Xiaohao erhielt eine Benachrichtigung von der Bezirksorganisationsabteilung und der Bezirksparteischule: Ab Montag solle sie an der Fortbildung für neu ernannte Kader teilnehmen. Sie plante, das Wochenende zu Hause zu verbringen und dann direkt zur Parteischule zu fahren. Doch Sonne, Mond und Erde verschworen sich: Am Samstag standen sie in einer Linie, und das machte ihre Pläne zunichte. Der Wetterdienst prognostizierte eine astronomische Springflut für den 1. und 2. September, die den Küsten des Gelben Meeres zusetzen werde. Stadt- und Bezirksbehörden gaben Sofortmaßnahmen heraus.
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Die Gemeinde Kaipo besaß siebzehn Kilometer Küstenlinie — mit Fischereihafen, Badestrand und zahlreichen Meeresfarmen. Besonders schützenswert war die Anlage der Jufeng-Gruppe. Bürgermeister He Chengshou meldete sich freiwillig, dort Wache zu halten. Wu Xiaohao fand, als Sicherheitszuständige müsse auch sie an den gefährlichsten Punkt; sie meldete sich ebenfalls. Der Bürgermeister ordnete an, dass der Sozialamtsleiter Yuan Xiaowei mitkommen solle, um im Katastrophenfall Hilfsgelder zu beantragen. Am Nachmittag brachen die drei im Auto auf.
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Wu Xiaohao war nicht wohl dabei — sie sorgte sich um die Sitzordnung. Normalerweise hätte der Sozialamtsleiter vorn neben dem Fahrer Platz genommen und sie mit dem Bürgermeister hinten gesessen. Doch sie wollte auf keinen Fall neben dem Bürgermeister sitzen — sie fürchtete, er könnte ihr wieder mit dem Finger an die Stirn schnipsen. Wenn er das noch einmal tut, dachte sie, sterbe ich. Doch He Chengshou schlenderte zu dem Wagen und öffnete die Beifahrertür. Yuan Xiaowei eilte herbei: „Bürgermeister, Sie müssen hinten sitzen — das hier ist mein Platz." He Chengshou sagte mit strenger Miene: „Steht ein Name auf dem Sitz? Wenn man zur Inspektion rausfährt, sitzt man vorn — bessere Sicht. Verstanden?" Erleichtert setzte sich Wu Xiaohao hinter den Bürgermeister.
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Der kleine, rundliche Sozialamtsleiter Yuan stieg auf der anderen Seite ein und schnaufte. Der Fahrer Zhang sagte: „Yuan Xiaowei, heute erzählst du einen Witz, einverstanden?" Yuan sagte: „Gern — solange die Vize-Bürgermeisterin nichts dagegen hat." Er drehte sich zu ihr um. Wu Xiaohao dachte: Wir fahren zum Katastropheneinsatz, und du willst Witze erzählen? Sie wandte den Blick zum Fenster und schwieg. He Chengshou sagte: „Halt den Mund! Witze erzählen in Gegenwart einer Frau — was soll das?" Wu Xiaohao war ihm innerlich dankbar und drehte sich wieder um. Yuan sagte kleinlaut: „Okay, okay, ich nähe mir den Mund zu!" Er hob beide Hände und mimte eine Nähbewegung an seinen Lippen, wobei er Zischlaute von sich gab. Wu Xiaohao musste lachen.
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Dann wurde He Chengshou ernst: Nach seiner Einschätzung werde die Springflut heftig ausfallen; ob der Damm der Jufeng-Gruppe halten werde, sei fraglich. Er rief den Chef der Jufeng-Gruppe an. Der sei bereits auf dem Damm und organisiere die Notsicherung.
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Wu Xiaohao kannte die Jufeng-Gruppe; mit ihrer Tochter war sie einmal dort gewesen. Chef Xin Yunkai, ein Einheimischer, war vor über zwanzig Jahren von der Gemeindeverwaltung beauftragt worden, hier eine Garnelenzucht aufzubauen. Er hatte das Watt in Zuchtbecken verwandelt, dann dem Meer weiteres Land abgerungen: Einen drei Meilen langen Damm hatte er aufgeschüttet, große Strandflächen eingedeicht und die Farm auf fünftausend Mu erweitert. Die „Anlan-Tageszeitung" hatte einen langen Bericht über ihn gedruckt, Titel: „Der Mann, der das Meer beschnitt" — Xin Yunkai habe dem Meer ein breites Stück vom Saum geschnitten und es in eine Schatzkammer verwandelt.
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Am Damm südlich der Shu-Flussmündung empfing sie ein erschöpfter Xin Yunkai. He Chengshou fragte nach der Lage. Xin Yunkai deutete auf eine Gruppe Menschen: Der Damm habe an einer Stelle gebrochen, man versuche, die Lücke zu schließen. Sie gingen hin — die Steinbefestigung und das Betonfundament auf der Seeseite wiesen einen zwei bis drei Meter breiten Riss auf; der Sand im Dammkörper war zur Hälfte ausgewaschen. Dutzende Helfer schleppten Sandsäcke herbei. He Chengshou untersuchte die Stelle und sagte, man müsse die Reparatur beschleunigen und genügend Arbeitskräfte und Material bereithalten, um die Abendflut zu überstehen. Xin Yunkai nickte: „Bürgermeister, keine Sorge — ich habe Erfahrung, ich kämpfe seit dreißig Jahren gegen das Meer."
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Während der Bürgermeister, Yuan Xiaowei und Chef Xin den Damm inspizierten, fand Wu Xiaohao, dass bloßes Zugucken unter ihrer Würde sei, und begann, Sandsäcke zu schleppen. Am Fuß des Damms griff sie sich einen frisch gefüllten Sack und versuchte, ihn auf den Rücken zu schwingen — doch er war zu schwer; zweimal gelang es nicht. Ein Mann mittleren Alters sah sie lachend an: „Wie schwer bist du denn?" Wu Xiaohao sagte: „Ist doch egal — hilf mir lieber!" Der Mann hielt den Sack fest und hievte ihn ihr auf den Rücken.
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Der Damm war nur gut zehn Meter hoch, doch die Innenseite war nicht mit Steinen befestigt; bei jedem Schritt rutschte man im Sand einen halben Schritt zurück — eine Quälerei.
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Wu Xiaohao schaffte es mit Mühe nach oben, die Beine zitterten noch. Ein Blick aufs Meer: Horizont und Wasser verschmolzen in einem bedrohlich gelbgrauen Ton. Sie wusste — das Meer sammelte seine Kräfte für den nächsten Angriff. Ein Frösteln lief ihr über den Rücken.
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Sie ging wieder hinunter, schleppte den nächsten Sack, dann den nächsten. Nach einer Weile kamen der Bürgermeister und die anderen von ihrer Inspektionsrunde zurück und bemerkten sie. Xin Yunkai sagte: „Vize-Bürgermeisterin, so dürfen Sie sich nicht verausgaben! Setzen Sie sich — alle machen eine Pause!"
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He Chengshou und die anderen setzten sich an den Rand eines großen Zuchtbeckens zum Rauchen; Wu Xiaohao setzte sich dazu. Das Becken war zwei bis drei Mu groß; die Abendsonne spiegelte sich darin und gab ihm eine gewisse Schönheit. Wu Xiaohao fragte Chef Xin, wie die Garnelenzucht laufe. Xin Yunkai seufzte: „Ach, nicht mehr wie früher. Seit vor zwanzig Jahren die Garnelenpest an Chinas Küsten wütete, muss man höllisch aufpassen — bei den ersten Anzeichen sofort alles rausfischen, sonst verendet alles. Inzwischen züchte ich auch Austern und Krebse, um das Risiko zu streuen."
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Während des Gesprächs bemerkte Wu Xiaohao, dass im Wasser dunkle Schwärme von Garnelen am Beckenrand entlangschwammen — Runde um Runde. Sie fragte, warum sie das tun. He Chengshou erklärte: Garnelen haben einen angeborenen Wandertrieb — jedes Jahr ziehen sie vom mittleren und südlichen Gelben Meer nach Norden, in den nördlichen Teil des Gelben Meeres und in die Bohai-Bucht, um zu laichen, und kehren dann zurück. Die Zuchtgarnelen lebten zwar seit Generationen in Becken, aber ihr Instinkt sei unverändert. Wu Xiaohao betrachtete die endlos kreisenden Garnelen und sagte: „Ich finde das traurig." He Chengshou sagte: „Du solltest dich nicht wie eine Grüne aufführen und für Fische und Krebse sprechen. Die Meeresressourcen sind stark erschöpft — ohne Zucht, wie soll man die Seafood-Liebhaber satt kriegen?"
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Wu Xiaohao dachte: Der Bürgermeister hat recht. Bin ich nicht selbst seit meinem Umzug nach Yucheng zur Meeresfrüchte-Liebhaberin geworden? Garnelen, Schwimmkrabben, Jakobsmuscheln, Miesmuscheln, Flundern — fast alles aus Zucht. Einerseits esse ich sie, andererseits habe ich Mitleid — ist das nicht scheinheilig? Bei dem Gedanken schämte sie sich, als sie die kreisenden Garnelen betrachtete.
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Als Chef Xin aufstand, um etwas zu organisieren, und die anderen außer Hörweite waren, beschloss Wu Xiaohao, dem Bürgermeister von der Fischmafia am Kai zu berichten. Sie erzählte von Chutous Erlebnis. Doch He Chengshou wiegte nur sein breites Kinn: „Hör nicht auf deinen Neffen. In unserer Gemeinde gibt es keine Fischmafia. Laut Polizeirevierleiter handelt es sich um eine Ordnungswidrigkeitssache, die bereits bearbeitet wurde."
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Wu Xiaohao war bedrückt und schwieg.
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Nach der Pause rief Chef Xin die Helfer wieder auf den Damm; sie arbeiteten bis zur Abendflut. Alle standen auf der Dammkrone, die mit Sandsäcken bedeckt war, und starrten aufs Meer. Draußen tobten die Wellen — tausend weiße Bestien stürmten den Strand. Als sie den Strand verschlungen hatten, warfen sie sich gegen den Damm. Ein Donnerschlag — der Damm erbebte, und die hochspritzende Gischt mitsamt Sand prasselte herab. Wu Xiaohaos Haare und Oberteil waren augenblicklich durchnässt; eisiges Meerwasser rann ihr von der Kopfhaut in den Nacken. Sie schrie auf und geriet ins Straucheln. He Chengshou packte sie und zog sie auf die Innenseite des Damms.
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Nun sah Wu Xiaohao, mit welch unbändigem Groll das Meer die Beschneidung seines Territoriums rächte.
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Eine weitere Welle donnerte heran; Wu Xiaohao drehte sich weg. In der herabfallenden Gischt sah sie, wie die Garnelen in den Becken wild sprangen — als antworteten sie fieberhaft dem Ruf des Meeres.
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Plötzlich Schreie — Helfer rannten von beiden Seiten herbei. Wu Xiaohao lief hin: Die Wellen hatten den Damm aufgerissen, Steine der Befestigung stürzten nach innen. He Chengshou brüllte: „Schnell — Sandsäcke!" Er packte selbst einen und warf ihn in die Bresche. Alle griffen zu, Sandsäcke prasselten in die Lücke. Doch die Kraft der Wellen war zu gewaltig — jeder Sandsack wurde sofort weggespült. Schon war die halbe Dammkrone eingestürzt. Chef Xin befahl, die auf dem Damm stehenden, mit Steinen beladenen Traktoren in die Bresche zu fahren. Doch die beiden Fahrer trauten sich nicht; einer blieb im Norden stehen, der andere im Süden. Xin Yunkai schrie sie an: „Seid ihr Männer oder nicht? Dann setzt euch hin und pinkelt im Sitzen! Weg da!" Der junge Fahrer kletterte kleinlaut herab. Xin Yunkai schwang sich auf den Fahrersitz, lenkte den Traktor auf die Bresche zu, sprang im letzten Moment ab und ließ den Traktor mit seiner Steinladung in die Lücke stürzen. Jubel und Beifall.
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Nun fuhr auch der andere Traktor auf die Bresche zu — am Steuer saß He Chengshou. Niemand hatte bemerkt, wann er den Fahrer abgelöst hatte. Wu Xiaohao dachte: Der Bürgermeister kann Traktor fahren? Und so ein Wagnis? Als der Traktor die Bresche fast erreicht hatte, wollte He Chengshou abspringen — doch sein Hosenbein hatte sich in einem Teil des Traktors verhakt. Er zerrte einmal, zweimal — umsonst. Mann und Maschine stürzten gemeinsam in die Bresche. Alle schrien „Bürgermeister!" — mit erstickter Stimme.
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Dann geschah das Schlimmste: Im selben Moment, als He Chengshou stürzte, donnerte eine riesige Welle in die Bresche, und die andere Seite des Damms brach ein. Meerwasser strömte in die Garnelenbecken. Xin Yunkai sank in die Knie, umklammerte seinen Kopf und schluchzte: „Alles hin! Alles hin ..."
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Aus dem Wasser ragte die Ladefläche des Traktors heraus. Wu Xiaohao starrte angespannt hin — sie hoffte, der Bürgermeister werde auftauchen. Doch nichts rührte sich. Dann rief jemand: „Der Bürgermeister! Da drüben!"
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Wieder dachte sie an die purpurfarbenen Flecken unter dem Kiefer des Bürgermeisters. Sie fand, ein Biologe sollte sie gründlich untersuchen — ob dort wirklich zurückgebildete Fischkiemen waren.
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Ihre Wohnsiedlung Cuihua tauchte auf. Wu Xiaohao stieg aus, dankte dem Fahrer und schlich auf Zehenspitzen die Treppe hinauf, um leise aufzuschließen.
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Sie wollte ihrer Tochter eine Überraschung bereiten. Das Geräusch des Schlosses alarmierte Diandian, die gerade fernsah. Diandian sprang jubelnd auf, warf das Kleidungsstück, das sie im Arm hielt, weg, streckte beide Arme hoch und stürzte Wu Xiaohao entgegen. Wu Xiaohao drückte sie fest an sich, küsste ihren Scheitel und murmelte: „Diandian, Mama hat dich so vermisst!"
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Doch Diandian schob sie weg: „Stimmt was nicht — du bist gar nicht Mama." „Was stimmt nicht?" „Du riechst anders." Diandian holte ein Blümchenhemd vom Couchtisch, das Wu Xiaohao getragen hatte, und hielt es ihr unter die Nase: „So riecht Mama!"
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Wu Xiaohao nahm das Hemd, drückte es sich vors Gesicht, zog ihre Tochter an sich, und ihre Augen wurden feucht. Diandian hatte einen besonders feinen Geruchssinn, und gerade für den Duft ihrer Mutter war sie überempfindlich.
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Kapitel 2: Der beißende Meerwind
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Historische Ereignisse des heutigen Tages: 23. März
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1938 – Die Schlacht von Taierzhuang beginnt
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1950 – Die Weltorganisation für Meteorologie wird gegründet
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1979 – Das ZK der KPCh erörtert die Anpassung der Volkswirtschaft
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1983 – Reagan verkündet die Strategische Verteidigungsinitiative (Star Wars)
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1998 – China gibt erstmals Wertpapierfonds heraus
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2018 – Trump kündigt Zölle auf chinesische Waren im Wert von sechzig Milliarden Dollar an
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Diandians Einträge:
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2018 – Die Schule veranstaltet eine Wanderung, dreißig Kilometer am Meer entlang — ich war die ganze Zeit in der Spitzengruppe
  
 
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Durch Berge und Meere — Teil 4

9

Plötzlich ertönte ein Schiffshorn — tief und langgezogen. Wu Xiaohao dachte: Das kommt sicher aus dem Fischereihafen Qianwan. Was bedeutet es? Vielleicht ist ein Fischer, der die Schonzeit kaum noch aushält, nachts in sein Boot gestiegen und drückt seinen Drang, aufs Meer hinauszufahren, durch das Horn aus?

Das Schiffshorn weckte auch in Wu Xiaohao einen starken Impuls. Sie dachte: Jetzt bin auch ich eine Meeresbewohnerin von Kaipo, auch ich bin bereit zum Aufbruch. Das Meer mag gefährlich sein und mir die Erfahrung fehlen — ich habe keine Angst. Ich will mich rasch anpassen und schnell wachsen.

Sie wollte noch ein wenig lesen und holte ein Buch aus der Schublade. Es war dick wie ein Ziegelstein und hieß „An diesem Tag in der Geschichte" — ihr Lieblingsbuch, das sie am häufigsten las.

Heute war der 29. August. Sie schlug die betreffende Seite auf. Der erste Eintrag lautete: „1842 — Unterzeichnung des Vertrags von Nanjing zwischen China und Großbritannien." Sie begann zu lesen. Diese Geschichte war ihr wohlvertraut, doch jedes Mal, wenn sie sie las, spürte sie den kaum verflüchtigten Pulverdampf des Opiumkrieges und die demütigende Atmosphäre auf dem britischen Kriegsschiff „Cornwallis", die für die Chinesen unerträglich war.

Wu Xiaohao hatte sich während des Studiums in „An diesem Tag in der Geschichte" verliebt. Sie las das Buch und schrieb, von einer spontanen Eingebung getrieben, ihre Leseeindrücke nieder: „Eine andere Dimension der Geschichte — Gedanken beim Lesen von ‚An diesem Tag in der Geschichte'". Das fertige Manuskript zeigte sie zwei Professoren. Professor Kang Wuwei, der Weltgeschichte der Alten Welt lehrte, kritisierte sie heftig: Sie sei auf Abwege geraten, ja geradezu besessen. Geschichte sei eine Wissenschaft, und Wissenschaft dulde keine Spielereien. Schwerer noch: Wu Xiaohao habe einen Denkfehler begangen — Geschichte habe kein Heute; Geschichte sei immer gestern und vorgestern. Wu Xiaohao war anderer Meinung und dachte: Professor, Sie verschieben die Begriffe. Das „Heute" in diesem Buch ist nur eine Datumsangabe, nicht das „Heute" im Sinne der laufenden Gegenwart.

Glücklicherweise lobte Professor Fang Zhiming, der chinesische Altertumskunde unterrichtete, ihren Aufsatz und empfahl ihn einer Jugendzeitung. Er wurde prompt veröffentlicht, und die Kommilitonen begannen, Wu Xiaohao mit anderen Augen zu sehen.

Nach der Veröffentlichung gab sie das Bibliotheksexemplar zurück, kaufte sich ein eigenes und las es immer wieder. Bei jedem Eintrag eines historischen Ereignisses suchte sie weiterführendes Material, um die Hintergründe und Auswirkungen zu verstehen. Diese Methode förderte auch ihr Studium; ihre Fachnoten waren durchweg ausgezeichnet.

Eines Tages kam ihr eine weitere Idee: Sie beschloss, auch wichtige persönliche Ereignisse in das Buch einzutragen. Was auch immer ihr an einem bestimmten Tag widerfuhr, trug sie auf der entsprechenden Seite ein. Diese Methode war reizvoller als jedes Tagebuch.

Eine Mitbewohnerin entdeckte ihre Einträge und sagte, sie wolle sich wohl in die Geschichte einschreiben. Wu Xiaohao sagte: „So ehrgeizig bin ich nicht. Ich denke nur: Die Menschheitsgeschichte besteht aus der Geschichte einzelner Menschen. Mein Schicksal ist unbedeutend, und wie mein Name sagt, bin ich nur ein kleines Gras — aber wenn ich meine Erlebnisse festhalte, spiegeln auch sie die Zeit und die Geschichte wider." Also behielt sie die Gewohnheit bei.

Wu Xiaohao war fasziniert von „An diesem Tag in der Geschichte", aber ebenso von der Geschichte in den Lehrbüchern. Sie dachte: Selbst ein langes Leben dauert nur ein paar Jahrzehnte. Aber ich kann Geschichte studieren, meinen Blick über fünftausend Jahre schweifen lassen, die Veränderungen der Menschheit betrachten, die geschaffenen Zivilisationen, die begangenen Fehler, daraus Lehren ziehen und kommenden Generationen eine Orientierung bieten — was für ein Geschenk! Deshalb war sie zutiefst gerührt, als Professor Fang sie ermutigte, sich für ein archäologisches Aufbaustudium zu bewerben, und sich bereit erklärte, sie als Schülerin aufzunehmen. Im letzten Semester lernte sie fieberhaft, entschlossen, die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Doch You Haoliang widersetzte sich entschieden: Die Eltern bräuchten Pflege, sein Vater habe bereits eine Stelle für sie an der Mittelschule Nr. 1 in Pingchou arrangiert. Wu Xiaohao wusste: Ging sie dorthin, saß sie in der Falle der You-Familie und konnte nur noch brav die Schwiegertochter spielen. Allein der Gedanke an das Gesicht ihres künftigen Schwiegervaters — dem pensionierten stellvertretenden Kreisvorsteher mit dem ewig finsteren Blick, als wolle er ständig jemanden maßregeln — löste in ihr unbändigen Widerwillen aus.

Eines Abends deutete You Haoliang im Hof ihrer Mietwohnung auf eine Mauerecke: „Du willst Archäologie studieren? Wenn du nicht gehorchst, lasse ich hier jemanden Archäologie betreiben." Wu Xiaohao fragte: „Was soll das heißen?" You Haoliang sagte bösartig: „Dich tief vergraben — damit spätere Generationen dich ausgraben und schauen, aus welcher Dynastie diese Knochen stammen!"

Wu Xiaohao wurde ohnmächtig. Als sie wieder zu sich kam, lag sie nackt im Bett, und You Haoliang lag auf ihr. Sie wehrte sich, weinte, stieß ihn weg; er wurde grob: „Ohne dass unsere Familie dich finanziert hat, hättest du je studieren können? Du bist fertig und willst nicht zurückkommen und dich bedanken, willst stattdessen noch weiter studieren? Undankbar! Größenwahnsinnig!"

Wu Xiaohao weinte die ganze Nacht und beschloss, nachzugeben. Sie sagte You Haoliang, sie gebe das Aufbaustudium auf und bewerbe sich beim öffentlichen Dienst in Yucheng — nah an Pingchou, bequem für Besuche bei den Eltern. You Haoliang beriet sich mit seiner Familie und machte ebenfalls einen Kompromiss: Er stimmte Yucheng zu. Wu Xiaohao verstand: In den Augen des eitlen Schwiegervaters lag Yucheng zwar nur auf Bezirksebene, aber innerhalb der Präfekturstadt Anlan — die Schwiegertochter arbeitete damit „in der Stadt" und brachte der Familie Ehre.

Nachdem sie alle Einträge zum „29. August" gelesen hatte, fand Wu Xiaohao, sie müsse auch ihr heutiges Erlebnis festhalten. Sie nahm den Stift und schrieb in den freien Raum der Buchseite:

2012 — Begleitete den Bürgermeister zur Kiemeninsel; wollte dem Bezirksvorsteher die Autotür öffnen — vom Sekretär streng gerügt

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Tagsüber herrschte im Verwaltungsgebäude geschäftiges Treiben; am Abend wurde es still. Der Sekretär hatte zwar ein Dienstzimmer, fuhr aber nach Feierabend meist in die Stadt — seine Frau habe angeblich Depressionen, der Sohn besuche die Oberstufe, beide bräuchten Betreuung. Der Bürgermeister wohnte zwar in Kaipo, aber sein Privathaus lag weit entfernt. Ein Dutzend Leute, deren Familien in der Stadt lebten, pendelte täglich als „wandernde Kader" — manche mit dem Bus, manche in Fahrgemeinschaften. Wu Xiaohao wollte nicht pendeln — sechzig Kilometer pro Tag waren ihr zu anstrengend. Das Sicherheitsbüro besaß einen kleinen Lieferwagen; Li Yanmi fuhr damit jeden Abend heim und bot ihr an, mitzukommen. Sie lehnte ab: Das sei ein Dienstwagen, und obwohl sie für Sicherheit zuständig sei, dürfe das kein Grund sein, ihn privat zu nutzen.

In Wahrheit wollte sie in Kaipo bleiben, weil sie dort ein Gefühl der Befreiung genoss. Seit der Oberschule klebte You Haoliang wie Baumharz an ihr. Nach der Heirat gab es wegen unterschiedlicher Vorstellungen ständig Streit. You Haoliang hatte keine feste Arbeit, gründete aber eine Firma, mietete ein Büro in der Stadt und spekulierte tagein, tagaus, um über die Beziehungen seines Vaters Geld zu machen. In Stadt und Bezirk gab es mehrere Beamte, die alte Untergebene You Dalians waren; You Haoliang suchte sie schamlos auf, um über sie an Aufträge zu kommen, die er dann weitervergab.

Zu den Geschäftsessen ließ er Wu Xiaohao als Begleiterin auftreten — sie sollte den Beamten und Geschäftsleuten einschenken und Speisen auftun. Manche wurden übergriffig und redeten unter Alkoholeinfluss schlüpfriges Zeug; ein Amtsleiter, über zwanzig Jahre älter als sie, nannte sie sogar „Schwesterchen". Eigentlich sollte Wu Xiaohao sich freuen, You Haoliang bei seinen Geschäften zu helfen — aber sie konnte es nicht. Sie saß wie ein Eisblock am Tisch und ließ die Stimmung abstürzen. Zu Hause beschimpfte You Haoliang sie: Sie verstehe nicht, ihrem Mann zu folgen, spiele die große Dame und denke nicht ans Wohl der Familie. Wu Xiaohao sagte: „Ich verdiene durch meine Arbeit mein Gehalt — ist das nichts für die Familie? Ich bin eine ordentliche Beamtin und lasse mich nicht als Gesellschaftsdame missbrauchen!" Daraufhin schlug You Haoliang sie — Fäuste und Tritte. Wenn sie dann doch wieder mitging und ein Wort zu viel sagte oder ein Lächeln zu viel zeigte, beschuldigte er sie zu Hause, sich vor Männern aufzuspielen, und schlug sie erneut.

Wu Xiaohao war keine, die alles klaglos hinnahm. Bei häuslicher Gewalt rief sie die Polizei. Doch wenn die Beamten kamen, setzte You Yanzhu sofort ein reumütiges Gesicht auf, machte Selbstkritik, entschuldigte sich bei seiner Frau und versprach Besserung. Die Polizisten kritisierten ihn ein wenig und fuhren wieder. Doch nach einer Weile fiel You Yanzhu in alte Muster zurück. Wu Xiaohao dachte auch an Scheidung; ihre Freundin Yueyue unterstützte sie entschieden. Sie fasste Mut und konfrontierte You Yanzhu, der aber spielte die Kindkarte aus: Bei einer Scheidung gehöre Diandian ihm, und er werde Wu Xiaohao das Kind nie wieder sehen lassen. Bei diesem Gedanken brach Wu Xiaohao fast das Herz. Sie liebte ihre Tochter über alles; ohne sie hätte sie vielleicht den Mut zum Weiterleben verloren. Hinzu kam, dass You Yanzhu das Kind tatsächlich liebte und gut kochte — Diandian hing an ihm. Angesichts dieser Lage wählte Wu Xiaohao erneut die Geduld. Nach mehreren Jahren hielt sie es nicht mehr aus und wählte die Flucht: die Stelle auf dem Land.

In Kaipo war es besser. Nach einem Arbeitstag hatte sie abends Ruhe — konnte lesen, im Internet surfen, sich durch die Neuigkeiten im Freundeskreis klicken, mit Bekannten chatten. Natürlich telefonierte sie auch jeden Tag mit ihrer Tochter.

An diesem Abend sah Wu Xiaohao nach dem Essen, dass es draußen noch hell war, und beschloss, den Guaxinjue zu besuchen.

Vom Verwaltungsgelände aus nach rechts, hundert Meter die Ost-West-Straße entlang, dann nochmals rechts — da ragte der Guaxinjue zwischen zwei Bauernhochhäusern empor. Am Fuße des Hauses entdeckte sie das Kalb: Es streckte immer noch den Kopf aus dem Fenster im sechsten Stock. Sie machte es Guo Mo nach und rief: „Bruder Niu!" Das Kalb senkte den Kopf zu ihr, hob ihn dann plötzlich gen Himmel und stieß ein langes Muhen aus.

Sie hörte in dem Laut eine ganze Welt — die Qual der Gefangenschaft, die Sehnsucht nach grünen Bergen. Als sie es nochmals anschaute, wurde ihr das Herz schwer.

Sie verließ die Hochhäuser und ging hinter das Dorf Kaipo. Außer Feldern und ein paar Zitterpappeln war die Gegend trostlos und öde. Sie stellte sich vor, wie majestätisch der alte Kaipo-Baum hier einst gewirkt haben musste. Vor sechzig Jahren gefällt — welch ein Jammer.

Weiter vorn, am Fuß des Guaxinjue. Sie stieg den Schotterweg hinauf; als die Kiefern neben ihr ausdünnten, tat sich vor ihren Augen das Blau auf.

Drei Kilometer entfernt lag das grenzenlose Meer; die Kiemeninsel, wie ein ruhender Ochse geformt, schwebte auf dem Horizont. Sie setzte sich auf einen flachen Felsen und schaute hinüber. Ob Li Dabiao und die Ostwind-Schönheit wohl schon zu Abend gegessen haben? Ob Chutou, ihr Neffe, auf der Insel ist? Wenn nicht — in welchem Winkel des weiten Meeres fischt er wohl gerade?

In ihrer Vorstellung sprang plötzlich eine kräftige Gestalt von der Kiemeninsel ins Meer — pfeilschnell, nach dem Eintauchen kraftvoll schwimmend. Das war He Chengshou. In seiner Jugend musste er das so getan haben — als Kiemenmenschen-Nachkomme war er fast ein Amphibienwesen.

Doch sofort schämte sie sich für diese Gedanken. Wie komme ich auf ihn? Warum sollte ich an ihn denken? Sie fuhr sich durchs Haar und wandte den Blick wieder aufs Meer. Näher betrachtet sah sie die Hegemonenpeitsche. Im letzten Schein der Abendsonne war der Felsrücken zu einer goldenen Peitsche geworden.

Einige Fischerboote näherten sich aus der Ferne. Sie dachte: Die Menschen an Bord schauen jetzt bestimmt zum Guaxinjue und denken an zu Hause, an ihre Lieben. Im Grunde braucht jeder Mensch seinen eigenen „Guaxinjue". Meiner ist in Yucheng — das ist Diandian.

Sie saß auf dem Gipfel, in Gedanken versunken, und schaute aufs Meer. Die Wolken wandelten sich von weiß zu rot, das Meer von blau zu schwarz; der Leuchtturm auf der Insel begann zu blinken, und die Lichter des Fischereihafens erstrahlten.

Als sie nach Nordosten blickte, erhellte ein breiter Lichtschein den Himmel — das war Yucheng bei Nacht. Sie dachte an ihren „Guaxinjue", stellte sich das süße Gesicht ihrer Tochter vor, und weiches Sehnen ergriff sie; verträumt starrte sie dorthin.

Hinter ihr Schritte und Stimmen. Sie drehte sich um — ein junges Pärchen kam herbei. Wu Xiaohao dachte: Die wollen hier sicher ungestört sein; ich sollte ihnen Platz machen. Doch kaum wollte sie aufstehen, begannen die beiden zu streiten. Er: „Wenn du weggehst, was wird aus mir?" Sie: „Dann bewirb dich doch auch." Er: „Meine Familie ist hier in Kaipo, ich bin gerade nach dem Studium zurückgekommen, meine Eltern werden alt — wie soll ich weg?" Sie: „Mir egal — ich halte es hier nicht mehr aus!"

Der junge Mann bemerkte Wu Xiaohao, kam näher: „Sind Sie nicht Vize-Bürgermeisterin Wu? Reden Sie meiner Freundin bitte zu — sie soll nicht an der nationalen Beamtenprüfung teilnehmen." Wu Xiaohao bat die beiden, sich zu setzen, und sprach mit ihnen. Er hieß Sun Wei und war als Dorfbeamter mit Universitätsabschluss in Songjian tätig; sie hieß Wang Jingjing und arbeitete als Buchhalterin bei der Gemeindefinanzverwaltung. Beide hatten an der Shandong-Universität für Finanzen studiert und waren letztes Jahr gemeinsam nach Kaipo gekommen. Nun wollte Wang Jingjing die nationale Beamtenprüfung ablegen und von hier weg.

Wu Xiaohao fragte Wang Jingjing, warum sie es nicht mehr aushalte. Wang Jingjing seufzte: „Seit ich bei der Finanzverwaltung arbeite, haben die Buchungen mein Weltbild erschüttert. An der Uni hat man uns eingeschärft, als Buchhalter niemals Bücher zu fälschen. Aber hier soll ich jeden Tag manipulieren — das ertrage ich nicht." Wu Xiaohao fragte: „Was für Manipulationen?" Wang Jingjing: „Nicht erstattungsfähige Ausgaben werden irgendwie erstattet — gefälschte Rechnungen und Quittungen ohne Ende." „Wer unterschreibt?" „Der Abteilungsleiter, der Sekretär, der Bürgermeister." „Und die stecken sich das Geld ein?" „Nein, nicht direkt. Jedenfalls Sekretär Zhou nicht. Er ist der Typ ‚Teflonbeschichtung' — unterschreibt zwar die falschen Rechnungen, steckt sich aber keinen Cent ein. Er will aufsteigen und würde seine Karriere nie aufs Spiel setzen." Wu Xiaohao war verwundert: „Warum lässt er dich dann Bücher fälschen?" „Aus der Not heraus — die Gemeinde hat kein Geld. Bewirtungskosten und ‚graue Ausgaben' zwingen die Führung zu Tricks." „Welche grauen Ausgaben?" „Geschenke zu den Feiertagen. Bald ist Mondfest — wieder Einkaufskarten und Präsente. Gestern hörte ich, der Leiter soll zweihundert Kartons Seegurken kaufen, für über zweihunderttausend Yuan. Dazu Einkaufsgutscheine für hunderttausend Yuan im größten Kaufhaus der Stadt. Und woher das Geld nehmen? Man greift auf zweckgebundene Mittel von oben zurück — Brandschutzgelder, Wassergelder und so weiter. Gerade wurde ein Sonderfonds für die Dürrebekämpfung freigegeben — den will die Führung jetzt anzapfen."

Wu Xiaohao riss den Mund auf; Wut ballte sich in ihrer Brust. Ihr fielen die Worte des alten Laozi ein: „Der Weg des Himmels nimmt vom Überfluss und gibt dem Mangel. Der Weg der Menschen tut das Gegenteil — er nimmt vom Mangel und gibt dem Überfluss." Empört rief sie: „Wie kann man so etwas tun? Die Ernte der Bauern verdorrt vor ihren Augen, und die Gemeinde soll die Dürrehilfe abzweigen, um Geschenke nach oben zu schicken? Hat man kein Gewissen?"

Sun Wei sagte: „Das wissen Sie nicht, Vize-Bürgermeisterin — zu den Feiertagen Geschenke nach oben zu schicken, ist längst öffentliches Geheimnis. Alle Gemeinden machen es, keiner traut sich, die Regel zu brechen."

Wu Xiaohao wusste durchaus davon. Vor jedem Feiertag liefen die Gemeindevorsteher im Bezirksregierungsgebäude und bei den wichtigen Ämtern ein und aus. Nur beim Bezirkskonsultativrat kam niemand vorbei — dort gab es keine Gemeindevertretung. Ihr ehemaliger Vorgesetzter Direktor Chu hatte einmal am Fenster gestanden, auf die Geschenkelieferanten geschimpft und geklagt, manche Leute vergäßen ihre alten Gönner, sobald sie über den Fluss seien.

Wang Jingjing sagte entschlossen: „Was soll ich hier noch? Deshalb mache ich die Staatsprüfung — für eine Buchhalterstelle bei einem Ministerium. In der Zentralverwaltung wird man keine falschen Bücher von mir verlangen. Wenn ich dieses Jahr durchfalle, versuche ich es nächstes Jahr — ich will hier raus!"

Wu Xiaohao sagte: „Warte noch ein wenig — nach dem 18. Parteitag wird sich vielleicht etwas ändern."

Wang Jingjing schüttelte heftig den Kopf: „Ich glaube nicht, dass eine Konferenz das alles ändert. Wenn sich erst einmal ungeschriebene Regeln etabliert haben, ist es unglaublich schwer, sie zu ändern."

Wu Xiaohao sah, dass sie sie nicht umstimmen konnte, und dachte: Versuch es ruhig — sonst wirst du dir keine Ruhe gönnen.

Als es dunkel wurde, schlug Sun Wei vor, zurückzugehen. Die drei brachen auf. An den Bauernhochhäusern erfuhr Wu Xiaohao, dass die beiden hier zur Miete zusammenlebten. „Was machen eure Vermieter?" fragte sie. Sun Wei: „Kleine Geschäfte in der Stadt — die Wohnung haben sie an uns vermietet." Die monatliche Miete: fünfhundert Yuan.

Wu Xiaohao blickte nach oben — „Bruder Niu" streckte immer noch den Kopf aus dem Fenster. Sie deutete auf ihn: „Er ist euer Nachbar?" Wang Jingjing: „Ja, gegenüber." „Wer hält da oben ein Rind?" „Ein altes Ehepaar, beide über sechzig. Ihr Sohn arbeitet in der Stadt und hat eine Wohnung auf Kredit gekauft. Die Alten helfen ihm, den Kredit abzuzahlen, und wissen sich nicht anders zu helfen, als ein Rind aufzuziehen."

Wu Xiaohao dachte: Die Landbevölkerung strömt in die Städte, die Verstädterung schreitet immer schneller voran.

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Wu Xiaohao saß in ihrem Büro über Akten, als ein Mann mit verbundenem Kopf hereinkam und „Zweite Tante" rief: Chutou. Wu Xiaohao fragte, was passiert sei. Chutou schniefte: „Vom Fischereimafia-Boss zusammengeschlagen!" „Welche Fischereimafia? Wo?" „Am Kai von Qianwan. Die haben mich fertiggemacht ..."

Wu Xiaohao schenkte ihm Wasser ein und ließ ihn erzählen.

Chutou berichtete aufgebracht, die Furchen auf seiner Stirn wie schwarze Wogen: Er arbeitete für einen Bootsbesitzer namens Bao. Der verkaufte seinen Fang nie sofort, sondern lagerte alles im Kühlhaus, um vor dem Neujahrsfest Höchstpreise zu erzielen. Das missfiel den Fischaufkäufern; sie wurden ihm feind. Am Kai von Qianwan gab es einen besonders mächtigen Fischereiboss — einen Mann aus dem Nordosten, Spitzname „Erdaohe", mit zwei Narben auf dem Kopf. Wenn er mit dem Fuß stampfte, bebte der ganze Kai. Welchen Fang er wollte, musste der Bootsbesitzer ihm überlassen, und das unter dem Marktpreis.

Nur Bootsbesitzer Bao weigerte sich, ihm auch nur einen Fisch zu verkaufen, und das erzürnte Erdaohe. Vor drei Tagen waren Chutou und die Crew wieder auf See gewesen und kamen mit einer Ladung Fisch zurück. Heute Morgen, kurz vor dem Kai, trat Bootsbesitzer Bao plötzlich aus dem Steuerhaus, befahl der Mannschaft, sich zu bewaffnen, und kündigte Kampf an: Erdaohe habe angerufen und die Ladung verlangt.

Chutou, als Angestellter, musste gehorchen und griff mit den anderen zu Eisenstangen. Kaum hatte das Boot angelegt, sprang eine Gruppe Schläger an Bord und fiel über Bootsbesitzer Bao her; der befahl der Crew, zurückzuschlagen. Chutou wollte eingreifen, als ihn ein Schlag am Kopf traf; er taumelte und fiel ins Wasser. Zum Glück war er bei Bewusstsein, schwamm in eine Ecke des Hafens und ließ sich am Sanitätsposten verbinden. Bootsbesitzer Bao hatte einen Messerschnitt an der Schulter abbekommen und war ins Krankenhaus nach Yucheng gebracht worden.

Wu Xiaohao konnte ihre Empörung nicht zurückhalten: „Dieser Erdaohe tyrannisiert den Markt, und niemand schreitet ein? Habt ihr die Polizei gerufen?" Chutou sagte: „Schon, die Polizei kam, schaute sich um und sagte, man werde die Sache klären, wenn der Chef aus dem Krankenhaus komme. Aber die Kollegen sagen, die Polizei stecke mit Erdaohe unter einer Decke — eine Anzeige sei zwecklos." Wu Xiaohao war schockiert: „Die Polizei? Wie kann das sein?" Chutou: „Erdaohes Hintermann ist mächtig genug, die Polizei zu kaufen." „Wer ist sein Hintermann?" „Der Chef der Shenyou-Gruppe — Mu, Spitzname ‚Tigerhai'." Vor Wu Xiaohaos innerem Auge erschien die Hegemonenpeitsche am Meer und das prunkvolle Anwesen darüber.

Chutou sah sie angstvoll an: „Zweite Tante, du bist Vize-Bürgermeisterin — tu doch etwas! Deswegen bin ich hier!" Wu Xiaohao lächelte bitter: „Du denkst, deine Tante ist eine hohe Funktionärin? Ich bin nur stellvertretende Bürgermeisterin — und die rangniedrigste." Chutou: „Du bist hier in der Verwaltung — du musst etwas gegen die Fischereimafia unternehmen!" Wu Xiaohao: „Ich werde es bei den Vorgesetzten ansprechen. Wie geht es dir? Ist die Verletzung schlimm? Warst du zuletzt daheim?" Chutou schüttelte den Kopf: „Die Verletzung ist leicht, nichts Schlimmes. Ich fahre nach Yucheng, um den Chef zu besuchen; wenn er mich nicht braucht, schaue ich kurz zu Hause vorbei — der Chef ist ja verletzt und kann sowieso nicht aufs Meer."

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Wu Xiaohao erhielt eine Benachrichtigung von der Bezirksorganisationsabteilung und der Bezirksparteischule: Ab Montag solle sie an der Fortbildung für neu ernannte Kader teilnehmen. Sie plante, das Wochenende zu Hause zu verbringen und dann direkt zur Parteischule zu fahren. Doch Sonne, Mond und Erde verschworen sich: Am Samstag standen sie in einer Linie, und das machte ihre Pläne zunichte. Der Wetterdienst prognostizierte eine astronomische Springflut für den 1. und 2. September, die den Küsten des Gelben Meeres zusetzen werde. Stadt- und Bezirksbehörden gaben Sofortmaßnahmen heraus.

Die Gemeinde Kaipo besaß siebzehn Kilometer Küstenlinie — mit Fischereihafen, Badestrand und zahlreichen Meeresfarmen. Besonders schützenswert war die Anlage der Jufeng-Gruppe. Bürgermeister He Chengshou meldete sich freiwillig, dort Wache zu halten. Wu Xiaohao fand, als Sicherheitszuständige müsse auch sie an den gefährlichsten Punkt; sie meldete sich ebenfalls. Der Bürgermeister ordnete an, dass der Sozialamtsleiter Yuan Xiaowei mitkommen solle, um im Katastrophenfall Hilfsgelder zu beantragen. Am Nachmittag brachen die drei im Auto auf.

Wu Xiaohao war nicht wohl dabei — sie sorgte sich um die Sitzordnung. Normalerweise hätte der Sozialamtsleiter vorn neben dem Fahrer Platz genommen und sie mit dem Bürgermeister hinten gesessen. Doch sie wollte auf keinen Fall neben dem Bürgermeister sitzen — sie fürchtete, er könnte ihr wieder mit dem Finger an die Stirn schnipsen. Wenn er das noch einmal tut, dachte sie, sterbe ich. Doch He Chengshou schlenderte zu dem Wagen und öffnete die Beifahrertür. Yuan Xiaowei eilte herbei: „Bürgermeister, Sie müssen hinten sitzen — das hier ist mein Platz." He Chengshou sagte mit strenger Miene: „Steht ein Name auf dem Sitz? Wenn man zur Inspektion rausfährt, sitzt man vorn — bessere Sicht. Verstanden?" Erleichtert setzte sich Wu Xiaohao hinter den Bürgermeister.

Der kleine, rundliche Sozialamtsleiter Yuan stieg auf der anderen Seite ein und schnaufte. Der Fahrer Zhang sagte: „Yuan Xiaowei, heute erzählst du einen Witz, einverstanden?" Yuan sagte: „Gern — solange die Vize-Bürgermeisterin nichts dagegen hat." Er drehte sich zu ihr um. Wu Xiaohao dachte: Wir fahren zum Katastropheneinsatz, und du willst Witze erzählen? Sie wandte den Blick zum Fenster und schwieg. He Chengshou sagte: „Halt den Mund! Witze erzählen in Gegenwart einer Frau — was soll das?" Wu Xiaohao war ihm innerlich dankbar und drehte sich wieder um. Yuan sagte kleinlaut: „Okay, okay, ich nähe mir den Mund zu!" Er hob beide Hände und mimte eine Nähbewegung an seinen Lippen, wobei er Zischlaute von sich gab. Wu Xiaohao musste lachen.

Dann wurde He Chengshou ernst: Nach seiner Einschätzung werde die Springflut heftig ausfallen; ob der Damm der Jufeng-Gruppe halten werde, sei fraglich. Er rief den Chef der Jufeng-Gruppe an. Der sei bereits auf dem Damm und organisiere die Notsicherung.

Wu Xiaohao kannte die Jufeng-Gruppe; mit ihrer Tochter war sie einmal dort gewesen. Chef Xin Yunkai, ein Einheimischer, war vor über zwanzig Jahren von der Gemeindeverwaltung beauftragt worden, hier eine Garnelenzucht aufzubauen. Er hatte das Watt in Zuchtbecken verwandelt, dann dem Meer weiteres Land abgerungen: Einen drei Meilen langen Damm hatte er aufgeschüttet, große Strandflächen eingedeicht und die Farm auf fünftausend Mu erweitert. Die „Anlan-Tageszeitung" hatte einen langen Bericht über ihn gedruckt, Titel: „Der Mann, der das Meer beschnitt" — Xin Yunkai habe dem Meer ein breites Stück vom Saum geschnitten und es in eine Schatzkammer verwandelt.

Am Damm südlich der Shu-Flussmündung empfing sie ein erschöpfter Xin Yunkai. He Chengshou fragte nach der Lage. Xin Yunkai deutete auf eine Gruppe Menschen: Der Damm habe an einer Stelle gebrochen, man versuche, die Lücke zu schließen. Sie gingen hin — die Steinbefestigung und das Betonfundament auf der Seeseite wiesen einen zwei bis drei Meter breiten Riss auf; der Sand im Dammkörper war zur Hälfte ausgewaschen. Dutzende Helfer schleppten Sandsäcke herbei. He Chengshou untersuchte die Stelle und sagte, man müsse die Reparatur beschleunigen und genügend Arbeitskräfte und Material bereithalten, um die Abendflut zu überstehen. Xin Yunkai nickte: „Bürgermeister, keine Sorge — ich habe Erfahrung, ich kämpfe seit dreißig Jahren gegen das Meer."

Während der Bürgermeister, Yuan Xiaowei und Chef Xin den Damm inspizierten, fand Wu Xiaohao, dass bloßes Zugucken unter ihrer Würde sei, und begann, Sandsäcke zu schleppen. Am Fuß des Damms griff sie sich einen frisch gefüllten Sack und versuchte, ihn auf den Rücken zu schwingen — doch er war zu schwer; zweimal gelang es nicht. Ein Mann mittleren Alters sah sie lachend an: „Wie schwer bist du denn?" Wu Xiaohao sagte: „Ist doch egal — hilf mir lieber!" Der Mann hielt den Sack fest und hievte ihn ihr auf den Rücken.

Der Damm war nur gut zehn Meter hoch, doch die Innenseite war nicht mit Steinen befestigt; bei jedem Schritt rutschte man im Sand einen halben Schritt zurück — eine Quälerei.

Wu Xiaohao schaffte es mit Mühe nach oben, die Beine zitterten noch. Ein Blick aufs Meer: Horizont und Wasser verschmolzen in einem bedrohlich gelbgrauen Ton. Sie wusste — das Meer sammelte seine Kräfte für den nächsten Angriff. Ein Frösteln lief ihr über den Rücken.

Sie ging wieder hinunter, schleppte den nächsten Sack, dann den nächsten. Nach einer Weile kamen der Bürgermeister und die anderen von ihrer Inspektionsrunde zurück und bemerkten sie. Xin Yunkai sagte: „Vize-Bürgermeisterin, so dürfen Sie sich nicht verausgaben! Setzen Sie sich — alle machen eine Pause!"

He Chengshou und die anderen setzten sich an den Rand eines großen Zuchtbeckens zum Rauchen; Wu Xiaohao setzte sich dazu. Das Becken war zwei bis drei Mu groß; die Abendsonne spiegelte sich darin und gab ihm eine gewisse Schönheit. Wu Xiaohao fragte Chef Xin, wie die Garnelenzucht laufe. Xin Yunkai seufzte: „Ach, nicht mehr wie früher. Seit vor zwanzig Jahren die Garnelenpest an Chinas Küsten wütete, muss man höllisch aufpassen — bei den ersten Anzeichen sofort alles rausfischen, sonst verendet alles. Inzwischen züchte ich auch Austern und Krebse, um das Risiko zu streuen."

Während des Gesprächs bemerkte Wu Xiaohao, dass im Wasser dunkle Schwärme von Garnelen am Beckenrand entlangschwammen — Runde um Runde. Sie fragte, warum sie das tun. He Chengshou erklärte: Garnelen haben einen angeborenen Wandertrieb — jedes Jahr ziehen sie vom mittleren und südlichen Gelben Meer nach Norden, in den nördlichen Teil des Gelben Meeres und in die Bohai-Bucht, um zu laichen, und kehren dann zurück. Die Zuchtgarnelen lebten zwar seit Generationen in Becken, aber ihr Instinkt sei unverändert. Wu Xiaohao betrachtete die endlos kreisenden Garnelen und sagte: „Ich finde das traurig." He Chengshou sagte: „Du solltest dich nicht wie eine Grüne aufführen und für Fische und Krebse sprechen. Die Meeresressourcen sind stark erschöpft — ohne Zucht, wie soll man die Seafood-Liebhaber satt kriegen?"

Wu Xiaohao dachte: Der Bürgermeister hat recht. Bin ich nicht selbst seit meinem Umzug nach Yucheng zur Meeresfrüchte-Liebhaberin geworden? Garnelen, Schwimmkrabben, Jakobsmuscheln, Miesmuscheln, Flundern — fast alles aus Zucht. Einerseits esse ich sie, andererseits habe ich Mitleid — ist das nicht scheinheilig? Bei dem Gedanken schämte sie sich, als sie die kreisenden Garnelen betrachtete.

Als Chef Xin aufstand, um etwas zu organisieren, und die anderen außer Hörweite waren, beschloss Wu Xiaohao, dem Bürgermeister von der Fischmafia am Kai zu berichten. Sie erzählte von Chutous Erlebnis. Doch He Chengshou wiegte nur sein breites Kinn: „Hör nicht auf deinen Neffen. In unserer Gemeinde gibt es keine Fischmafia. Laut Polizeirevierleiter handelt es sich um eine Ordnungswidrigkeitssache, die bereits bearbeitet wurde."

Wu Xiaohao war bedrückt und schwieg.

Nach der Pause rief Chef Xin die Helfer wieder auf den Damm; sie arbeiteten bis zur Abendflut. Alle standen auf der Dammkrone, die mit Sandsäcken bedeckt war, und starrten aufs Meer. Draußen tobten die Wellen — tausend weiße Bestien stürmten den Strand. Als sie den Strand verschlungen hatten, warfen sie sich gegen den Damm. Ein Donnerschlag — der Damm erbebte, und die hochspritzende Gischt mitsamt Sand prasselte herab. Wu Xiaohaos Haare und Oberteil waren augenblicklich durchnässt; eisiges Meerwasser rann ihr von der Kopfhaut in den Nacken. Sie schrie auf und geriet ins Straucheln. He Chengshou packte sie und zog sie auf die Innenseite des Damms.

Nun sah Wu Xiaohao, mit welch unbändigem Groll das Meer die Beschneidung seines Territoriums rächte.

Eine weitere Welle donnerte heran; Wu Xiaohao drehte sich weg. In der herabfallenden Gischt sah sie, wie die Garnelen in den Becken wild sprangen — als antworteten sie fieberhaft dem Ruf des Meeres.

Plötzlich Schreie — Helfer rannten von beiden Seiten herbei. Wu Xiaohao lief hin: Die Wellen hatten den Damm aufgerissen, Steine der Befestigung stürzten nach innen. He Chengshou brüllte: „Schnell — Sandsäcke!" Er packte selbst einen und warf ihn in die Bresche. Alle griffen zu, Sandsäcke prasselten in die Lücke. Doch die Kraft der Wellen war zu gewaltig — jeder Sandsack wurde sofort weggespült. Schon war die halbe Dammkrone eingestürzt. Chef Xin befahl, die auf dem Damm stehenden, mit Steinen beladenen Traktoren in die Bresche zu fahren. Doch die beiden Fahrer trauten sich nicht; einer blieb im Norden stehen, der andere im Süden. Xin Yunkai schrie sie an: „Seid ihr Männer oder nicht? Dann setzt euch hin und pinkelt im Sitzen! Weg da!" Der junge Fahrer kletterte kleinlaut herab. Xin Yunkai schwang sich auf den Fahrersitz, lenkte den Traktor auf die Bresche zu, sprang im letzten Moment ab und ließ den Traktor mit seiner Steinladung in die Lücke stürzen. Jubel und Beifall.

Nun fuhr auch der andere Traktor auf die Bresche zu — am Steuer saß He Chengshou. Niemand hatte bemerkt, wann er den Fahrer abgelöst hatte. Wu Xiaohao dachte: Der Bürgermeister kann Traktor fahren? Und so ein Wagnis? Als der Traktor die Bresche fast erreicht hatte, wollte He Chengshou abspringen — doch sein Hosenbein hatte sich in einem Teil des Traktors verhakt. Er zerrte einmal, zweimal — umsonst. Mann und Maschine stürzten gemeinsam in die Bresche. Alle schrien „Bürgermeister!" — mit erstickter Stimme.

Dann geschah das Schlimmste: Im selben Moment, als He Chengshou stürzte, donnerte eine riesige Welle in die Bresche, und die andere Seite des Damms brach ein. Meerwasser strömte in die Garnelenbecken. Xin Yunkai sank in die Knie, umklammerte seinen Kopf und schluchzte: „Alles hin! Alles hin ..."

Aus dem Wasser ragte die Ladefläche des Traktors heraus. Wu Xiaohao starrte angespannt hin — sie hoffte, der Bürgermeister werde auftauchen. Doch nichts rührte sich. Dann rief jemand: „Der Bürgermeister! Da drüben!"

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Wieder dachte sie an die purpurfarbenen Flecken unter dem Kiefer des Bürgermeisters. Sie fand, ein Biologe sollte sie gründlich untersuchen — ob dort wirklich zurückgebildete Fischkiemen waren.

Ihre Wohnsiedlung Cuihua tauchte auf. Wu Xiaohao stieg aus, dankte dem Fahrer und schlich auf Zehenspitzen die Treppe hinauf, um leise aufzuschließen.

Sie wollte ihrer Tochter eine Überraschung bereiten. Das Geräusch des Schlosses alarmierte Diandian, die gerade fernsah. Diandian sprang jubelnd auf, warf das Kleidungsstück, das sie im Arm hielt, weg, streckte beide Arme hoch und stürzte Wu Xiaohao entgegen. Wu Xiaohao drückte sie fest an sich, küsste ihren Scheitel und murmelte: „Diandian, Mama hat dich so vermisst!"

Doch Diandian schob sie weg: „Stimmt was nicht — du bist gar nicht Mama." „Was stimmt nicht?" „Du riechst anders." Diandian holte ein Blümchenhemd vom Couchtisch, das Wu Xiaohao getragen hatte, und hielt es ihr unter die Nase: „So riecht Mama!"

Wu Xiaohao nahm das Hemd, drückte es sich vors Gesicht, zog ihre Tochter an sich, und ihre Augen wurden feucht. Diandian hatte einen besonders feinen Geruchssinn, und gerade für den Duft ihrer Mutter war sie überempfindlich.

Kapitel 2: Der beißende Meerwind

Historische Ereignisse des heutigen Tages: 23. März

1938 – Die Schlacht von Taierzhuang beginnt

1950 – Die Weltorganisation für Meteorologie wird gegründet

1979 – Das ZK der KPCh erörtert die Anpassung der Volkswirtschaft

1983 – Reagan verkündet die Strategische Verteidigungsinitiative (Star Wars)

1998 – China gibt erstmals Wertpapierfonds heraus

2018 – Trump kündigt Zölle auf chinesische Waren im Wert von sechzig Milliarden Dollar an

Diandians Einträge:

2018 – Die Schule veranstaltet eine Wanderung, dreißig Kilometer am Meer entlang — ich war die ganze Zeit in der Spitzengruppe