Difference between revisions of "Jing Shanhai/de/Part 11"

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= Durch Berge und Meere — Teil 11 =
 
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Wu Xiaohao betrachtete ein Exponat nach dem anderen, ganz versunken, bis Liu Dalou sie darauf hinwies, dass es schon halb zwölf sei. Da erst riss sie sich los. Generaldirektor Xin lud sie zum Essen in der Firmenkantine ein; sie lehnte entschieden ab. Sie sagte: „Reden wir nicht übers Essen — reden wir über eine Idee, die mir gerade gekommen ist. Generaldirektor Xin, Kurator Sun Wei — ich stelle bei euch beiden einen Antrag: Wenn ich in Rente gehe, möchte ich eine Forscherstelle im Museum bekommen und eine ‚Geschichte der Fischerei von Yucheng' schreiben. Was sagt ihr dazu?"
  
Gangtou rief plötzlich seine zweite Tante an, sagte, auf der Kiemenmenschen-Insel drohe Kampf, sie solle schnell kommen und schlichten. Wu Xiaohao fragte: „Wer will mit wem kämpfen?“ Gangtou sagte: „Wan Yufeng macht Livestreaming, die verschwenderischen Frauen der Walbucht werfen ihr Plagiat vor.“ Wu Xiaohao fragte: „Was ist Plagiat?“ Gangtou sagte: „Du als Bürgermeisterin kennst das nicht? Das ist Abkupfern – was die verschwenderischen Frauen filmen, filmt auch die Ostwind-Schwiegertochter. Die verschwenderischen Frauen haben Wan Yufeng tagelang online beschimpft, Wan Yufeng wehrt sich. Heute kam plötzlich eine Gruppe Frauen zur Konfrontation, Wan Yufeng ließ mich dich um Hilfe bitten. Die beiden Seiten streiten gerade im Ostwind-Schwiegertochter-Restaurant – zweite Tante, komm, komm schnell!“  Nach dem Anruf dachte Wu Xiaohao: Die Zeit ändert sich so schnell – Fischer-Frauen streiten wegen Plagiat, ich weiß nicht mal, was Plagiat ist, ach!  Aber sie hatte keine Zeit zum Nachdenken, beschloss, sofort hinzufahren. Sie sagte dem Sekretär in wenigen Worten Bescheid, der Sekretär sagte: „Geh schnell, du bist eine Genossin, hast Vorteile beim Lösen ihrer Streitigkeiten.“ Wu Xiaohao ließ das Partei- und Regierungsbüro ein Schnellboot der Fischereistation organisieren, benachrichtigte dann die für Kultur zuständige stellvertretende Bürgermeisterin, die Kulturstationsleiterin und den Polizeichef,  gemeinsam hinzufahren. Aber Liu Dalou sagte, er habe gerade in der Gemeinde, für die er zuständig sei, eine Sitzung – Guo Mo und Polizeichef Qiu sagten aber zu.  Eine halbe Stunde später fuhren die drei zusammen zur Walbucht. Polizeichef Qiu klopfte auf seinen auf den Knien liegenden großen Hut: „Ich bin über zwanzig Jahre bei der Polizei, höre zum ersten Mal, dass wegen Plagiat eine Schlägerei droht.“ Guo Mo sagte: „Plagiat – meine Schwägerin hat mir oft davon erzählt, mehrere Kurzvideos vom ‚Ostwind-Schwiegertochter-Live-Raum' seien von den verschwenderischen Frauen abgekupfert. Zum Beispiel: Die verschwenderischen Frauen machten ein Experiment – Glühbirne auf Zitteraal legen, testen, ob er Strom erzeugen kann, damit die Birne leuchtet – die Ostwind-Schwiegertochter filmte das auch; die verschwenderischen Frauen gossen Cola in Austern, ließen Austern tanzen – die Ostwind-Schwiegertochter ahmte es nach. Ich wollte Wan Yufeng anrufen und darüber reden, fürchtete aber, sie dachte, ich sei eine Verwandte der verschwenderischen Frauen, und sagte, ich würde sie bevorzugen.“  Xiao Wang murmelte: „Die Ostwind-Schwiegertochter hat auch eigene Originalformate. Wan Yufeng zeigt wilde Essmethoden – lebende Kraken essen, lebende Garnelen essen, lebende Muscheln – das haben die verschwenderischen Frauen nicht.“  Guo Mo sagte: „Das Hauptprogramm der verschwenderischen Frauen ist Gesang und Tanz – mehr Zivilisiertes.“  Wu Xiaohao sagte: „Unzivilisiertes gibt es auch. Ich sah eines – eine Frau erzählt einen Witz, hatte gerade einen Stinkbaum in die Mikrowelle gelegt, ihre Tochter kam zurück, suchte überall, woher der Geruch kam, fand ihn nicht in der Toilette, ging in die Küche, öffnete die Mikrowelle, hielt sich die Nase zu und sagte, hätte nicht gedacht, dass ihre Mutter gern geröstete Scheiße isst.“  Polizeichef Qiu lachte laut: „So ein Video gibt es? Dann muss ich den verschwenderischen Frauen ihr Handwerk legen, haha!“  Wu Xiaohao sagte zu Guo Mo: „Online-Livestreaming ist ein neues kulturelles Phänomen, du als Kulturstationsleiterin musst mehr aufpassen, mehr anleiten – lass Produzenten auf Geschmack und Stil achten.“  Guo Mo nickte: „Gut.“  Das Schnellboot der Fischereistation wartete am Anleger, sie stiegen ein, waren schnell auf der Kiemenmenschen-Insel. Gangtou stand am Anleger, winkte ihnen ängstlich zu. Als Wu Xiaohao anlegte, sagte Gangtou sofort: „Schnell, schnell! Die verschwenderischen Frauen belagern noch Wan Yufeng, sie haben ihr ganzes Gesicht durch Anspucken nass gemacht!“ Wu Xiaohao dachte beim Gehen: Gangtou so besorgt zu sehen – seine Beziehung zu Wan Yufeng war wirklich ungewöhnlich.  Am Ostwind-Schwiegertochter-Restaurant angekommen, rief Gangtou laut: „Platz machen, Platz machen! Die Frau Bürgermeisterin kommt! Der Polizeichef kommt!“  Die Zuschauer wichen zur Seite, die Gemeindekader gingen hinein.  Als Xishi-Zunge sie sah, begann sie sofort wie eine Sirene zu heulen: „Frau Bürgermeisterin, Chef, Sie müssen für uns Gerechtigkeit schaffen! Schauen Sie mein Gesicht – die haben es zerkratzt!“ Auf ihrem hübschen Melonenkern-Gesicht waren tatsächlich mehrere hellrote Kratzspuren.  Wan Yufeng war auch voller Klagen: „Frau Bürgermeisterin, Chef – sie kamen in Gruppen, um Kiemenmenschen-Insel-Leute zu schikanieren, haben mir ein großes Büschel Haare ausgerissen – warum verhaften Sie sie nicht?“  Wu Xiaohao schaute beide Seiten an, lächelte: „Habt ihr vorhin eure Schlägerei gefilmt und auf Douyin gestellt?“  Xishi-Zunge schlug sich auf den Kopf: „Verdammt! Hätten wir filmen sollen – ganz Douyin wüsste dann, dass sie Diebinnen sind, die plagiieren!“  Wan Yufeng stampfte: „Du bist die Diebin! Du bist die Diebin!“  Xishi-Zunge zeigte auf sie, schrie: „Geliebte leben vom Vorgefertigten! Du bist genau so eine ‚Geliebte‘!“  Wan Yufeng griff nach einem Tischbein, stürzte wieder auf Xishi-Zunge zu.  Polizeichef Qiu brüllte: „Alle vernünftig werden!“  Die Frauen wurden etwas vernünftiger, setzten sich schnaufend und ausspuckend hin. Guo Mo sagte: „Schwestern, wir haben Argumente – wie kann man sich beschimpfen und schlagen?“ Xishi-Zunge sagte: „Große Schwester, wir kamen ja, um zu argumentieren. Ist das nicht ärgerlich – vorgestern filmte ich eine Seeanemone, schickte sie raus, gestern filmten die auch eine, sogar der Kommentar war identisch...“ Wan Yufeng sagte: „Identisch – na und? Seeanemone zu essen hat hohen Nährwert, ist ‚Männer-Tankstelle, Frauen-Schönheitssalon' – das sagen alle Fischer an der Küste, ist das dein Patent?“ Xishi-Zunge sagte: „Patent nicht – aber das Problem ist, du filmst ständig hinter uns her, so viele identische Videos – die Leute finden es nicht einzigartig, nicht frisch, es schadet unserer Fangewinnung!“ Wan Yufeng sagte: „Fangewinnung oder Leute verführen? Ich werde wütend, wenn ich deine lange Zunge sehe – nennst dich auch noch Xishi!“ Xishi-Zunge sagte: „Kleine Zunge, große Beine – das ist angeboren, du bist nur neidisch!“ Wan Yufeng rief: „Wer ist neidisch? Wer ist neidisch? Nur streitsüchtige Schlampen sind neidisch!“ Wu Xiaohao hielt sie hastig auf: „Schluss! Streitet nicht mehr!“  Als beide Seiten schwiegen, senkte sie die Stimme, sagte zu Xishi-Zunge und den anderen: „Zuerst muss ich die verschwenderischen Frauen loben. Ihr nutzt Online-Plattformen, habt in Guipo als erste Livestreaming gemacht – das ist gut. Ich habe den ‚Verschwenderische-Frauen-Live-Raum' gesehen – ihr könnt singen und tanzen, zeigt durch Kurzvideos oder Live eure Talente, bringt allen Freude, macht das gut. Outdoor-Aufnahmen vermitteln auch Meeres-Wissen, lassen Zuschauer Fischer-Leben verstehen. Besonders das Video vom sterbenden Kapitän, der Kommandos ruft – jedes Mal, wenn ich es sehe, bin ich bewegt. Ihr habt Geschichtsgefühl geschaffen, ein Klagelied komponiert, ein Klassiker. Ich sah: Dieses Video erhielt über 600.000 Likes – ich gebe im Namen der Gemeinderegierung auch einen Daumen hoch!“  Xishi-Zunge und die anderen strahlten, hoben stolz die Köpfe. Wan Yufeng warf Wu Xiaohao einen gekränkten Blick zu.  „Aber“, Wu Xiaohao fuhr fort, „heute sollten die verschwenderischen Frauen nicht zur Kiemenmenschen-Insel kommen! Wir leben jetzt in einem Rechtsstaat – wenn ihr feststellt, jemand plagiiert, eure Urheberrechte verletzt, könnt ihr Beweise sammeln, bei Justizbehörden Recht suchen. Warum wie unkultivierte, unerzogene Frauen früherer Zeiten hierher kommen, schreien und schlagen? Wenn wirklich Schlägerei ausbricht, jemand verletzt wird – wie wollt ihr das regeln? Besonders du, Xishi-Zunge – mit Verletzungen im Gesicht, wie vor die Kamera treten?“  Xishi-Zunge fasste sich ans verletzte Gesicht, jammerte: „Stimmt, heute Abend kann ich nicht live streamen! Ich schätze, ich verliere ein paar hundert Yuan Einnahmen – ich bereue es so sehr!“  Wu Xiaohao wandte sich nun Wan Yufeng zu, lächelte: „Große Schwester Yufeng, du bist nicht einfach eine herausragende Persönlichkeit unter Fischer-Frauen. Du lebst auf der Kiemenmenschen-Insel, bist nicht von der Welt abgeschnitten, gehst sogar mit der Zeit. Vor drei Jahren hast du E-Commerce gemacht, warst Vorbild in der ganzen Gemeinde. Du gründetest die Kiemenmensch-Tourismusentwicklungsfirma, hattest Erfolg – zeigtest außergewöhnliche Organisationsfähigkeit. Jetzt Online-Livestreaming – warum kannst du nicht deinen Innovationsgeist zeigen, einzigartige Inhalte filmen, musst Dinge filmen, die unter Plagiatverdacht stehen?“  Wan Yufeng winkte ab: „Gut, gut! Frau Bürgermeisterin, sei beruhigt – von heute an, wenn ‚Ostwind-Schwiegertochter' auch nur ein einziges Ding filmt, das den verschwenderischen Frauen ähnelt, hacke ich mir einen Finger ab! Für jedes entdeckte hacke ich einen ab!“  Wu Xiaohao musste lachen, dachte: Dein Mann schwor einmal, einen Finger abzuhacken – du schwörst hier auch so, ihr könnt das beide!  Sie hielt inne, sagte: „Heute ist auch Direktorin Guo Mo mitgekommen. Ich schlage vor: Die Kulturstation richtet einen Online-Kunst-Preis ein, bewertet am Jahresende preiswürdige Werke, und hält eine Preisverleihung ab – gut?“ Guo Mo sagte: „Schwestern, habt ihr gehört? Wollt ihr Preise gewinnen?“ „Ja!“ Beide Frauengruppen riefen.  Wu Xiaohao sagte: „Gut, Vergangenes ist vergangen – Vergangenes wird nicht verfolgt. Künftiges beachtet selbst, strengt euch an. Ich folge euch allen, schaue mir eure neuen Werke an, wenn ich Zeit habe!“  Gangtou rief von der Seite: „Zweite Tante, folge auch mir! Ich habe auch ein Douyin-Konto!“ Wu Xiaohao war erstaunt, fragte ihn, was er live streame. Gangtou sagte: „Fischen auf dem Meer – sieht toll aus! Mein Konto ist ‚Gangtou fischt'!“ Wu Xiaohao lachte: „Du nennst dein Konto, weil du hier Fans gewinnen willst?“ Alle lachten. 
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'''6''' (ACHTUNG: ZEILE FEHLT — BITTE IN PDF-DATEI PRÜFEN) Auf Wu Xiaohaos Schreibtisch lag ein Stapel Manuskripte und ein Haufen USB-Sticks mit dem Titel „Kaipo-Erinnerungen". Nachdem sie das Projekt im vergangenen Jahr angestoßen hatte, hatten die Dörfer gebildete Leute beauftragt, mit den Ältesten zu sprechen; nach und nach waren Tonaufnahmen und Texte bei der Kulturstation eingegangen. Guo Mo leitete alles an Wu Xiaohao weiter, die es anhörte und las, wann immer sie Zeit fand.
  
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Am liebsten hörte sie die Aufnahmen. Alte Männer und Frauen erzählten mit ihren vom Leben gezeichneten Stimmen von früher — Dorfgeschichte, Familiengeschichte, persönlich Erlebtes — als würde die Zeit zurückfließen. Wu Xiaohao war manchmal bestürzt, manchmal ergriffen.
  
Eines Nachmittags kam Fang Zonghou von einer Bezirkssitzung zurück, ging direkt in Wu Xiaohaos Büro: „Xiaohao, wir haben Schwierigkeiten.“  Wu Xiaohao fragte, welche Schwierigkeiten. Fang Zonghou sagte: Nach der Sitzung habe Sekretär Wen ihn zurückgehalten, Direktor Shui habe ihn angerufen, er sei sehr wütend – sagte, überall würden Orte nach Kräften um Investitionen buhlen, warum zeigten die Basiskader in Stadt Yu eine schlechte Haltung, würden Entwickler absichtlich schikanieren. Der Sekretär sagte, der alte Führer nannte später direkt das Xiangshan-Tourismus-Gesamtprojekt der Gemeinde Guipo, forderte Bezirkskomitee und -regierung auf, es unbedingt kräftig zu unterstützen, das Projekt bald anzusiedeln. Der Sekretär bat ihn zurückzukommen, mit mir zu beraten, Massenarbeit zu machen, versuchen, es umzusetzen.  Wu Xiaohao lachte nach dem Anhören: „Anscheinend hat diese Frau Liang dem alten Führer Bericht erstattet. Tatsächlich – solange sie aufrichtige Haltung zeigt, ausreichend Mittel, die Interessen der Dorfbewohner von Shihu wahrt, Natur- und Kulturerbe schützt, wird das Projekt sicher reibungslos ankommen.“  Fang Zonghou sagte: „Xiaohao, da Sekretär Wen es so aufgetragen hat, unterstützen wir dies mit voller Kraft, lassen Generaldirektorin Liang kommen und entwickeln.“  Wu Xiaohao überlegte, sagte: „Hat Sekretär Wen nicht gesagt, wir sollen Massenarbeit machen? Lass mich das machen. Die letzten Jahre wurde immer wieder die Massenlinie betont – ich wollte sowieso in einem Dorf ein paar Tage wohnen, gründliche Untersuchungen machen. Diesmal gehe ich zum Dorf Shihu – zwei Fliegen mit einer Klappe.“  Fang Zonghou sagte: „Dann geh. Nicht zu lange – drei bis fünf Tage reichen. Wenn du zwischendurch zur Sitzung oder für Geschäfte zurückkommen musst, komm sofort.“  Wu Xiaohao nickte: „Gut, ich packe kurz, fahre jetzt hin. Mit Jing Yuxian kann ich gut reden, heute Abend rede ich mit ihr.“  Sie ging ins Quartier, packte ein paar Kleidungsstücke und Waschsachen, ließ Xiao Wang sie im Auto hinbringen. In der Stadt ging sie in einen Supermarkt, kaufte mehrere Stücke Fleisch, etwas Gemüse, noch ein großes Paket Fladenbrote.  Am Hof des Dorfkomitees vom Dorf Shihu angekommen, ließ Wu Xiaohao Xiao Wang zurückfahren, sie selbst ging mit den Sachen hinein. Jing Yuxian stand gerade am Wasserhahn und wusch Gemüse. Wu Xiaohao sagte: „Sekretärin Jing, was wäschst du? Schau, ich habe welches mitgebracht.“ Jing Yuxian sah sie, stand auf, schüttelte Wasser von den Händen: „Frau Bürgermeisterin, warum kommst du?“ Wu Xiaohao sagte: „Ich wohne ein paar Tage hier, leiste dir Gesellschaft – willst du?“ Jing Yuxian lachte: „Natürlich will ich. Aber als Bürgermeisterin bist du doch immer beschäftigt, wie hast du Zeit, hier zu wohnen?“ Wu Xiaohao erklärte ihre Absicht. Jing Yuxian nickte: „Tief zu den Massen gehen, Untersuchungen machen – das ist Hausaufgabe für alle Kader. Aber die vom alten Führer gestellte ‚Aufgabe' – kannst du sie erfüllen?“ Wu Xiaohao sagte: „Ich möchte deine Meinung hören, die Meinung der Dorfkader und -massen.“ Jing Yuxian sagte: „Meine Meinung ist klar: Xiangshan muss ein Kulturerbe bleiben, darf nicht stinken.“ Wu Xiaohao sagte: „Gut, ich stimme hundert Prozent zu.“  Wu Xiaohao schaute in die Gemüseschüssel am Wasserhahn – darin war Chenopodium. Sie sagte erstaunt: „Du isst hier Wildgemüse?“ Jing Yuxian lächelte: „Gelegentlich. Ich war beschäftigt die letzten Tage, kam nicht dazu, vom Berg runterzufahren und Gemüse zu kaufen, habe auf dem Berg gesammelt. Dieses Chenopodium schmeckt gut.“ Wu Xiaohao sagte: „Ich habe es als Kind gegessen. Aber nicht zu viel essen – zu viel lässt das Gesicht anschwellen.“ Dabei half sie beim Waschen.  Nach dem Abendessenkochen aßen die beiden Frauen zusammen in der Küche. Am kleinen Tisch nahm Jing Yuxian ihr Handy, wischte mehrmals, sagte dann ins Handy: „Xingxing, Zeit zum Essen. Heute Abend ist Schwester Xiaohao bei mir, sie hat aus der Gemeinde Fladenbrote mitgebracht, Gemüse – sehr lecker. Iss auch dort.“  Wu Xiaohao wusste, Jing Yuxians Sohn studierte an der Universität, fragte: „Dein Sohn heißt Xingxing?“  Jing Yuxian sagte: „Mein Sohn heißt Mingming, Xingxing ist mein Mann.“  „Dein Mann? Ist er nicht...“ Wu Xiaohao wusste schon – Jing Yuxians Mann bekam vor zwei Jahren Leberkrebs, starb im selben Jahr.  „Er ist gegangen, aber ich rede noch jeden Tag mit ihm über WeChat. Vor dem Essen rede ich kurz mit ihm; vor dem Schlafengehen rede ich kurz. Wenn ich nicht rede, fühle ich mich unwohl.“  Dabei zeigte sie Wu Xiaohao die WeChat-Seite. Wu Xiaohao sah: Die Gesprächspartner waren „Xianxian“ mit Jing Yuxians Profilfoto und „Xingxing“ mit dem Foto eines kantigen Mannes. Die ganze Seite – nur Sprachnachrichten von „Xianxian“.  Wu Xiaohao brach in Tränen aus: „Schwester Yuxian...“  Jing Yuxian streichelte das Handy: „Schwester Xiaohao, entschuldige, ich sollte das nicht erzählen.“  Wu Xiaohao schüttelte den Kopf: „Nein, sag nicht Entschuldigung – eure tiefe Eheliebe rührt mich.“  Jing Yuxian schaute noch einmal auf das Profilfoto ihres Mannes, sagte mit tiefer Altstimme langsam: „Meine Gefühle zu Daxing waren wirklich tief. Seit wir uns an der Universität verliebten, dachten wir: Wir haben nur dieses Leben, nur dieses Leben. Über zwanzig Ehejahre stritten wir zwar manchmal, aber die emotionale Basis wankte nie. Ursprünglich dachte ich – wie im Lied: Das Romantischste, was ich mir vorstellen kann, ist mit ihm zusammen alt zu werden. Wer hätte gedacht, dass er, als wir beide noch nicht alt waren, eine Krankheit bekam und ging. Das tat mir unendlich weh, ich weinte jeden Tag, sprach täglich mit seinem WeChat. Jedes Zimmer zu Hause, jeder Gegenstand erinnerte mich an ihn. Der elektrische Rasierer im Bad – oft schaute ich ihn an und weinte. Wie sehr wünschte ich, er würde ihn wieder surren lassen, hin und her bewegen, nach dem Rasieren die Bartstoppeln ins Waschbecken leeren, von mir weggespült... Aber das alles ist nur Erinnerung. Weißt du – ich verwalte im Stadt-Organisationskomitee Kaderakten, Daxing ist auch Parteikader, seine Akte liegt dort. Oft holte ich seine Akte heraus, blätterte Seite für Seite, sehe mir seinen Werdegang an, seine Fotos. Wenn ich die Aktenschachtel zurücklegte, schaute ich sie noch lange an, kann nicht gehen. Ich wusste, das ist etwas anormal, sogar abnormal – ich konnte nicht so weitermachen. Anfang letzten Jahres, als die Einheit Erste Sekretäre entsenden wollte, meldete ich mich. Ich wollte den Ort wechseln, für die Massen etwas tun, meine Aufmerksamkeit umlenken. Hier im Dorf Shihu fühlte ich mich viel besser, aber die Gewohnheit, mit ihm zu reden, konnte ich nicht ablegen.“  Wu Xiaohao wischte Tränen weg, sagte bewegt: „Schwester Yuxian, ich bewundere dich wirklich. Du hattest eine so schöne Liebe – selbst wenn einer gegangen ist, haben die Lebenden noch eine emotionale Heimat in ihm. Nicht wie ich...“  Jing Yuxian schaute sie mitleidig an: „Was – deine Ehe ist nicht glücklich?“  Wu Xiaohao lächelte bitter: „Nicht nur unglücklich – sie ist ein endloser Albtraum!“ Hallo Ottmar, dein Buch ist ja wirklich phänomenal, das wird das erste sein, was ich mache, wenn ich wieder in Deutschland bin, es zu kaufen und zu Ende zu lesen! Entschuldige, dass ich es auf dem Sprung kommentarlos vor deiner Tür abgelegt habe, ich bin von heute bis Mittwoch in Shanghai, Donnerstag, Freitag Unterricht, Samstag Sonntag ist ja Longxi’s Konferenz. Aber wir sollten unbedingt eine Zeit finden, um einmal zu schauen, ob wir gemeinsam den 10. Jahrestag der Weltkonferenz in Hongkong organisieren können. Vielleicht können wir dazu ein Brainstorming machen und auch überlegen, wen wir noch gewinnen können. Vielleicht Longxi, der kommt ja aus Hongkong? Den würde ich aber gerne erst nach seiner Konferenz ansprechen, dann hat er den Kopf wieder frei. Dann erzählte sie, was You Haoliang ihr zwanzig Jahre angetan hatte.  Jing Yuxian hörte zu, schaute Wu Xiaohao an: „Schwester, ich möchte dich umarmen, ordentlich weinen.“  Wu Xiaohao sagte: „Danke, Schwester. Aber jetzt, wo es heraus ist, ist mir schon leichter. Reden wir nicht mehr davon, essen wir. Essen wir uns satt, stärken uns – für den ‚Xiangshan-Kulturerbe-Verteidigungskampf'!“ 
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Eine alte Frau erzählte: Als sie acht war, ging ihr Vater im Winter aufs Meer, das Boot kenterte im Sturm, und man fand seinen Leichnam dreißig Li entfernt am Strand — in kniender Haltung, zu Eis erstarrt. Zu Hause konnte man ihm kein Totengewand anziehen, ihn auch nicht flach in den Sarg legen; so kniete er im Sarg, das Gewand übergeworfen, und bei der Beerdigung ließ sich der Deckel nicht schließen — er blieb offen. An dieser Stelle weinte die Alte so sehr, dass sie nicht weitersprechen konnte, und auch Wu Xiaohao kamen die Tränen.
  
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Ein alter Kapitän erzählte: Als junger Mann sei er im ersten Monat in die Bohai-Bucht zum Fischfang gefahren. Nachts kam plötzlich ein scharfer Nordwind, bitterkalt; viele Boote froren auf dem Meer fest. Am Morgen, als die Sonne schien, glänzte die Meeresfläche, und Boot um Boot stand wie eingefroren da — als wäre die ganze Welt erstarrt. Noch heute schaudere ihn bei der Erinnerung. Wu Xiaohao stellte sich das gespenstische Bild vor, und auch ihr Herz zitterte.
  
Wu Xiaohao entdeckte: Jing Yuxian, die in Gefühlen so beharrlich war, war auch in der Arbeit sehr beharrlich.  Jing Yuxian war im Stadt-Organisationskomitee Aktenverwalterin gewesen. Hier angekommen, leitete sie den Dorfsekretär an, die Dorfakten neu zu ordnen – alles kategorisierte sie, füllte Lücken, vervollständigte, prüfte Fehler, stellte es in Aktenschachteln auf. Besonders die sechs armen Haushalte – je Haushalt eine Akte, grundlegende Situation, Schwierigkeiten, Armutsbekämpfungsmaßnahmen, Einkommensdetails usw. – alles klar aufgezeichnet, auf einen Blick.
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Eine alte Frau erzählte: Früher gab es keine Familienplanung. Kaum verheiratet, wurde eine Frau schwanger. Sobald man ein Kind abgestillt hatte, trug man schon das nächste unter dem Herzen. Sie hatte acht Kinder geboren, war von den Strapazen krank geworden und wollte unbedingt aufhören — da war schon wieder ein neuntes unterwegs. Sie hatte gehört, dass man eine Eidechsenleber und eine Schlangenhaut zerreiben, mit Schnaps zu einem Brei anrühren und auf den Bauchnabel kleben könne, um abzutreiben.
  
Was Wu Xiaohao am meisten überraschte, war, dass Jing Yuxian hier tatsächlich ein „Steinhausgedächtnis“-Archiv angelegt hatte. Wenn sie Zeit hatte, unterhielt sie sich mit den Leuten, nahm alles auf und verarbeitete die gesammelten Informationen zu Texten. Das „Steinhausgedächtnis“ war in acht Teile gegliedert: 1. Dorfursprünge, Topografie und Verwaltungsveränderungen; 2. Zusammensetzung der Familiennamen im Dorf, Herkunft und Wanderungsbewegungen; 3. Historische Persönlichkeiten des Dorfes; 4. Historische Kulturdenkmäler des Dorfes; 5. Immaterielles Kulturerbe und traditionelle Handwerkskünste des Dorfes; 6. Historische Katastrophenereignisse im Dorf; 7. Bildung, Kultur und religiöse Entwicklung im Dorf; 8. Wirtschaftliche Entwicklung und aktueller Stand des Dorfes. Die aufgezeichneten Inhalte waren reichhaltig, detailliert, lebendig und fesselnd. Sie hatte nicht nur die Felsinschriften „Xiangshans Schönheit“ und die Ursprünge des Schlaginstruments „Qiu Qiu Liang“ dokumentiert, sondern auch einige zeitgenössische Geschichten oder Witze aufgenommen, wie etwa die Geschichte vom wertschützenden Hahn in der Familie des Sekretärs vor einigen Jahren. Außerdem hatte sie einige seltene historische Details und kulturelle Anekdoten festgehalten, darunter folgende:  —— Am Ende der Qing-Dynastie zogen die Taiping-Truppen nach Norden, und die Menschen aus Leiping, der Walbucht und anderen Orten flohen alle zum Xiangshan, wo sie sich versteckten. Das Steinhaus war bis zum Bersten voll. Einen Monat später zogen die Truppen weiter. Als die Menschen, die sich hier versteckt hatten, in ihre Dörfer zurückkehrten, hatten die Läuse kein Blut mehr zu saugen und krochen in Ketten die Grasspitzen am Höhleneingang hinauf.  —— Das Steinhaus-Dorf hat einen einzigartigen Brauch: das Gegenüberstellen der Eingangsgötter. In der Morgendämmerung des neuen Jahres zündet man beim Öffnen der Tür zunächst im Haus einen Feuerwerkskörper an, öffnet die Tür einen Spalt und wirft ihn hinaus, damit er am Eingang explodiert. Das macht man dreimal.  —— Ende der Qing-Dynastie brachte das Steinhaus-Dorf einen Bachelor hervor namens Zheng Yunxiu. Nachdem er jahrelang bei den Master-Prüfungen durchgefallen war, gab er die Beamtenprüfung auf und bereiste die Welt. Später schmerzten seine Beine und er konnte nicht mehr laufen, also kehrte er nach Hause zurück und errichtete sich ein Lebensgrab. Auf der Grabsteintafel schrieb er eigenhändig ein Couplet: „Menschen und Bambus, wer kann schon tausend Jahre alt werden? Nebel und Wolken – ich habe meinen Hügel.“  Dieses Couplet bewegte Wu Xiaohao zutiefst. Sie dachte: Obwohl der Gelehrte Zheng es nicht schaffte, Master zu werden und ein Beamter zu sein, war sein Leben doch frei und ungezwungen. Ich, Wu Xiaohao, plane immer wieder, mit dem Zug mit meinem Kind rauszufahren, aber bis jetzt ist es in der Vorstellungsphase geblieben. Der Gelehrte Zheng kam erschöpft nach Hause, um auf den Tod zu warten, und hatte immer noch seinen Nebel- und Wolkenhügel. Wo ist mein „Hügel“?  Sie war der Ansicht, dass es eine sehr bedeutsame Sache war, dass Jing Yuxian die alten Leute im Dorf die Dorfgeschichte mündlich erzählen und für immer bewahren ließ. Diese Vorgehensweise war es wert, von anderen Dörfern nachgeahmt zu werden. Sie dachte, im nächsten Schritt sollte man das Kulturzentrum die Initiative ergreifen lassen, damit alle Dörfer mitmachen, und am Ende alles zu einem Band zusammenstellen, der „Erinnerungen an Leiping“ heißen könnte.  Tagsüber folgte sie Jing Yuxian unter ihrer Führung ins Dorf, half den Dorfbewohnern beim Bestäuben der Pfirsichbäume und beim Besprühen der Weizenfelder. Während sie arbeitete, unterhielt sie sich mit den Dorfbewohnern und erfuhr viele Dinge. Sie stellte fest, dass die meisten jungen Leute aus dem Dorf zum Arbeiten weggezogen waren. Die, die im Dorf blieben und sich um die Landwirtschaft kümmerten, waren fast alle mittleren Alters oder älter. Sie hatten einen engen Horizont, rückständige Techniken. Egal ob sie Getreide oder Obstbäume anbauten, alles war extensive Bewirtschaftung. Einige Haushalte hatten geringere Einkommen und waren sehr anfällig dafür, wieder in Armut zu fallen. Wu Xiaohao diskutierte häufig mit Jing Yuxian und Sekretär Zheng ein Problem: Selbst wenn man die „Xiangshan-Klassifizierung“ beibehält, wie kann man die Dorfbewohner wohlhabend machen?  Sie diskutierten hin und her und kamen zu dem Schluss, dass das Steinhaus-Dorf über zehntausend Mu Bergland verfügte. Die Entwicklung der Forstwirtschaft hatte Vorteile, also sollte man in dieser Richtung arbeiten. Sie und Jing Yuxian gingen mit dem alten Zheng auf den Berg spazieren und bekamen eine Idee: Sie würden der Vorgehensweise des Landkreises Shuangling folgen und in den Bergregionen „dreidimensionale Landwirtschaft“ entwickeln. Sie hatte den Landkreis Shuangling besucht. Dort pflanzten die Bergbewohner Eucommia-Bäume in den natürlichen Wäldern, verkauften die Blätter an spezielle Verarbeitungsbetriebe, und einige Haushalte verdienten mehrere zehntausend Yuan pro Jahr. Der Xiangshan lag südöstlich von Shuangling. Das Klima war noch wärmer und feuchter, die Wachstumsbedingungen für wilde Eucommia-Bäume noch besser. Der alte Zheng sagte: „Dann pflanzen wir welche! Aber müssen wir Samen kaufen? Was machen wir, wenn das Geld fehlt?“ Wu Xiaohao sagte: „Samen zu kaufen kostet nicht viel. Sekretär Zheng, kannst du bitte zum Forstbüro gehen und nachfragen? Sie haben vielleicht Fördermittel.“ Jing Yuxian sagte: „Gut, ich lasse unseren Leiter Kontakt mit ihnen aufnehmen.“  In dieser Jahreszeit blühten überall auf dem Berg die Blumen, und Wu Xiaohao fühlte sich sehr glücklich. Einige Blumen konnte sie nicht benennen, der alte Zheng konnte sie auch nicht benennen. Also holte sie ihr Handy heraus und nutzte die Xingse-App (eine Smartphone-Anwendung), um nachzuschauen. Sie richtete die Kamera auf die wilde Blume, und auf dem Bildschirm erschien eine Erklärung, die sagte, um was für eine Blume es sich handelte, wie ihr wissenschaftlicher Name lautete und welche alternativen Bezeichnungen sie hatte. Jing Yuxian war erstaunt und fragte: „Wie kommt es, dass ich von dieser Software nichts weiß?“ Wu Xiaohao sagte, als sie das letzte Mal nach Hause kam, hatte ihre Tochter sie ihr heruntergeladen. Sie sagte: „Ich habe auf meinem Handy ein westliches klassisches Werk gelesen, ‚Kultur und Engagement'. Die Autorin teilt die menschliche Gesellschaft in drei Epochen ein: die präfigurative Kulturepoche, die kofigurative Kulturepoche und die postfigurative Kulturepoche. In der präfigurativen Kulturepoche lernen die Jüngeren von den Älteren, und Wissen wird durch Weitergabe vermehrt. In der kofigurativen Kulturepoche lernen Menschen untereinander, und Wissen breitet sich horizontal aus. In der postfigurativen Kulturepoche müssen die Älteren umgekehrt von den Jüngeren lernen. Das heutige China ist bereits in die postfigurative Kulturepoche eingetreten. Wir müssen von unseren Kindern lernen.“ Jing Yuxian nickte und sagte: „Ja, das habe ich auch erlebt. Als mein Sohn über das neue Jahr nach Hause kam, erklärte er mir das Internet der Dinge und installierte einige Geräte zu Hause. Ich kann hier mit meinem Handy sehen, was zu Hause passiert.“  Nach einer Runde gingen sie den Berg hinunter und trafen auf den alten Hua Yao. Dieser siebzigjährige Mann bearbeitete gerade den Boden und bereitete sich darauf vor, Erdnüsse zu pflanzen. Wu Xiaohao fragte ihn, ob er die Weise „Qiu Qiu Liang“ den jungen Leuten im Dorf beigebracht habe. Der alte Hua Yao lachte: „Ich habe es ein paar beigebracht, Jungen und Mädchen. Was unsere Vorfahren hinterlassen haben, darf nicht verloren gehen. Es muss von Generation zu Generation weitergegeben werden.“  Wu Xiaohao fragte weiter: „Wenn ein Geschäftsmann hierher käme und die Leute aus dem Steinhaus-Dorf umsiedeln wollte, um hier ein Tourismusressort zu entwickeln, das Steinhaus größer sprengen und darin ein Hotel eröffnen wollte – würdest du zustimmen oder nicht?“ Der alte Hua Yao sagte entschieden: „Ich würde nicht zustimmen! Das ist der Ort, an dem unsere Vorfahren Generationen lang gelebt haben. Warum sollte man uns vertreiben? Dieses Steinhaus ist natürlich entstanden. Wenn du es mit Sprengstoff aufsprengst, was für ein Ding ist das dann noch?“  An diesem Tag sprach Wu Xiaohao mit Jing Yuxian und dem alten Zheng darüber, dass Lushan Fischerfeste hatte. Xiangshan sollte auch Bauernhöfe haben, damit Touristen kommen könnten, um die Berge zu sehen und Berggerichte zu essen. Jing Yuxian sagte: „Ja, es gibt so viele ökologische Lebensmittel aus den Bergen, sie werden bestimmt attraktiv sein.“ Also gingen die drei los und ermutigten Dorfbewohner mit den entsprechenden Bedingungen, Bauernhöfe zu eröffnen. Einige Dorfbewohner waren interessiert und sagten, dass sie wenige Leute, aber viele Zimmer hätten und es versuchen könnten.  Innerhalb weniger Tage sprach Wu Xiaohao mit vielen Dorfbewohnern. Ihre Meinungen waren größtenteils ähnlich wie die des alten Hua Yao. Sie ließ den alten Zheng und Jing Yuxian eine Versammlung mit Parteimitgliedern und Dorfkomiteemitgliedern einberufen. Die Meinungen aller waren einheitlich: Sie würden Liang Zongtongs Entwicklungsplan nicht akzeptieren, sondern einen Weg beschreiten wollten, der Entwicklung und Schutz kombinierte. Wu Xiaohao sollte mit Jing Yuxian gemeinsam einen Untersuchungsbericht über die Entwicklung und den Aufbau des Steinhaus-Dorfes verfassen.  An diesem Abend tippte Wu Xiaohao diesen Bericht auf ihrem Laptop fertig. Während sie mit Jing Yuxian darüber sprach, wie man ihn überarbeiten sollte, rief Fang Junyu an und sagte, dass Liang Zongtong ihm mitgeteilt hätte, dass sie morgen nach Leiping kommen würde, um über das Xiangshan-Projekt zu sprechen. Wu Xiaohao sagte: „Sie soll kommen. Lass sie den Untersuchungsbericht sehen, den die Sekretärin und ich geschrieben haben, und die Meinungen der Kader und der Bevölkerung im Dorf hören.“ Sie erzählte Fang Junyu den Hauptinhalt des Untersuchungsberichts. Fang Junyu dachte kurz nach und sagte: „Bezirksvorsteherin Hao, der Untersuchungsbericht, den Sie beide geschrieben haben, ist gut begründet, und ich stimme ihm auch zu. Aber ich befürchte, dass wir damit die Führung des Bezirkskomitees in Verlegenheit bringen. Sie können sich nicht gegenüber dem alten Führer verantworten.“ Wu Xiaohao sagte: „Ich denke, wenn der Untersuchungsbericht fertig ist und wir ihn einreichen, wird auch der alte Führer, wenn er ihn liest, unserer Meinung zustimmen. Falls die Führung des Bezirkskomitees der Meinung ist, dass diese Ansicht wirklich die der Massen ist, bin ich bereit, eine Bestrafung zu akzeptieren.“ Fang Junyu sagte: „Das Steinhaus-Dorf liegt im Gebiet von Leiping. Ich stimme deiner Meinung auch zu. Wir sollten gemeinsam die Verantwortung tragen. Gut, wenn Liang Zongtong morgen kommt, begleite ich sie auf den Berg.“  Jing Yuxian sagte: „Ich schätze, diese Liang Zongtong wird nicht aufgeben, bevor sie ihr Ziel erreicht hat. Ich werde mit dem alten Zheng sprechen und ihn bitten, morgen einige Dorfbewohner zum Steinhaus zu versammeln, damit wir Liang Zongtong gemeinsam unsere Haltung klarmachen können.“ Wu Xiaohao sagte: „Gut.“ Danach konzentrierten sich die beiden auf die Überarbeitung des Untersuchungsberichts. Um ein Uhr morgens war er fertig, und sie druckten ihn sofort aus.  Am nächsten Tag warteten Wu Xiaohao, Jing Yuxian und der alte Zheng nach dem Frühstück im Büro des Dorfkomitees. Gegen zehn Uhr rief Fang Junyu an und sagte, Liang Zongtong sei angekommen und sie kämen gerade den Berg hinauf. Der alte Zheng schaltete sofort den Lautsprecher ein, der an einem Baum hing, und rief: „Dorfbewohner, bitte aufgepasst! Dorfbewohner, bitte aufgepasst!“  Eine halbe Stunde später hatten sich etwa zwanzig Dorfbewohner vor dem Steinhaus versammelt. Der alte Hua Yao und andere holten sogar ihre Gongs und Trommeln hervor und spielten dort „Qiu Qiu Liang“. Peng-peng-gong-gong, das Echo hallte durch die Berge.  Nach einer Weile kam Liang Zongtong tatsächlich in Begleitung von Sekretär Fang. Sie stieg aus dem Auto, sah die Menschenmenge vor sich und zeigte einen überraschten Gesichtsausdruck. Wie eine Königin winkte sie der Menge zu: „Hallo! Danke euch!“  Doch alle sahen sie mit kalten Blicken an. Der alte Hua Yao und die anderen hörten nicht auf und schlugen weiter auf ihre Instrumente ein.  Liang Zongtong erkannte schließlich, dass die Dorfbewohner sie nicht willkommen hießen. Sie zeigte auf den alten Hua Yao und die anderen und rief wütend: „Was schlagt ihr da? Wo ist euer Sekretär? Wo ist eure Bezirksvorsteherin?“  Einige Dorfbewohner deuteten auf das Innere des Steinhauses.  Der alte Zheng kam heraus. Er machte dem alten Hua Yao ein Zeichen, und der Gong- und Trommelklang verstummte abrupt.  Liang Zongtong stützte eine Hand in die Hüfte und zeigte mit der anderen auf die Menge vor sich: „Was soll das bedeuten? Was soll das bedeuten? Ich komme hierher, um euch bei der Entwicklung zu helfen, und ihr zeigt diese Haltung?“  Wu Xiaohao und Jing Yuxian kamen ebenfalls aus dem Steinhaus heraus. Wu Xiaohao sagte: „Ja, das ist genau unsere Haltung! Frau Liang, ich habe mit den Kadern und der Bevölkerung des Steinhaus-Dorfes Untersuchungen durchgeführt. Sie stimmen nicht zu, wegzuziehen, sie stimmen nicht zu, das ursprüngliche Aussehen des Steinhauses zu verändern. Ich teile ihre Haltung. ‚Xiangshans Schönheit' ist eine bewegende Geschichte, die ihre Vorfahren hinterlassen haben, ein geistiges Vermögen, das für immer in Erinnerung bleiben und weitergegeben werden sollte. Warum sind die Dorfbewohner hierher gekommen, um ‚Qiu Qiu Liang' zu spielen? Eben um die Bedeutung darin bestimmten Menschen zu übermitteln: Man muss auf Moral und das Herz des Volkes achten und keine Dinge tun, die anderen schaden und einem selbst nützen!“  Liang Zongtong lachte kalt: „Wenn ihr mich nicht entwickeln lasst, lasst ihr die Menschen hier arm und rückständig bleiben?“  Wu Xiaohao sagte: „Ganz sicher nicht. Sekretärin Jing, Sekretär Zheng und ich haben ernsthafte Untersuchungen durchgeführt und einen Weg zum Wohlstand festgelegt. Wir werden ihn sofort umsetzen. In ein paar Jahren wird es hier mit Sicherheit große Veränderungen geben. Dann sind Sie herzlich eingeladen, uns zu besuchen.“  Jing Yuxian überreichte Liang Zongtong den ausgedruckten Untersuchungsbericht: „Diesen Bericht bitten wir Sie durchzusehen.“  Liang Zongtong nahm ihn entgegen, blätterte schnell durch und sagte wutentbrannt: „Warum seid ihr so stur?“ Sie warf den Bericht auf den Boden: „Das ist sowohl mühsam als auch schlecht! Sekretär Fang, ich streite nicht mehr mit ihnen.“ Sie sagte das und ging zurück zum Auto. Fang Junyu schüttelte Wu Xiaohao, Jing Yuxian und dem alten Zheng einzeln die Hand, winkte auch den Dorfbewohnern im Hintergrund freundlich zu und stieg ebenfalls ins Auto.  Am selben Nachmittag kehrte Wu Xiaohao in die Stadt zurück und übergab den Untersuchungsbericht an Fang Junyu. Fang Junyu las ihn durch: „Sehr gut. Ich schlage vor, wir gehen morgen zum Bezirkskomitee und übergeben diesen Bericht persönlich Sekretär Wen und berichten.“ Sie kontaktierten jedoch den Sekretär von Sekretär Wen, den kleinen Song. Der kleine Song sagte: „Der Sekretär ist sehr beschäftigt. Schickt den Untersuchungsbericht rüber, ich gebe ihn dem Sekretär.“  Am dritten Tag nach dem Absenden des Berichts überprüfte Wu Xiaohao gerade die Situation der Renovierung baufälliger Häuser in einem Dorf, als sie plötzlich einen Anruf von Fang Junyu erhielt. Fang Junyu sagte, der kleine Song habe angerufen und gesagt, dass der Sekretär den Untersuchungsbericht über das Steinhaus-Dorf gelesen und ihn für nicht schlecht befunden habe. Er solle ihn an das Forschungsbüro des Bezirkskomitees weiterleiten, um ihn in der internen Publikation „Arbeit und Forschung“ zu veröffentlichen. Fang Junyu sagte aufgeregt: „Wenn der Sekretär diese Haltung hat, können wir beruhigt sein!“ Wu Xiaohao sagte: „Ja. Im nächsten Schritt setzen wir unsere Arbeitsstrategie gut um. Wir müssen das Steinhaus-Dorf gut machen, damit Frau Liang uns nicht auslacht.“  An diesem Abend erhielt Wu Xiaohao eine SMS von der Bank, die sie darüber informierte, dass von ihrer Bankkarte 58 Yuan abgebucht worden waren. Sie wusste, dass Diandian wieder etwas online gekauft hatte. Seit sie Diandian das Alipay-Passwort gegeben hatte, nutzte sie es manchmal, um Kleidung oder Bücher zu kaufen. Was hatte sie diesmal gekauft? Wu Xiaohao öffnete Taobao zum Nachschauen und stellte fest, dass Diandian ein kirschrotes Kleid gekauft hatte. Sie fand, Diandian hatte nicht gut gekauft. Diese Farbe passte nur zu Erwachsenen.  Wu Xiaohao öffnete beiläufig Diandians WeChat-Momente und entdeckte, dass sie gerade ein Foto gepostet hatte. Es war ihr „Schatz, den ich bei Taobao gefunden habe“, ein Screenshot, der zeigte, dass sie gerade dieses Kleid bestellt hatte. Diandian hatte auch einen Satz geschrieben: Obwohl es ein bisschen low (ordinär) ist, verkündet diese Frau stolz: Ich kann endlich Tante Rot tragen!  Was sollte das bedeuten? Da sie morgen zum Wasserbaubüro des Bezirks gehen musste, um Instandsetzungsmittel für einen Staudamm zu beantragen, beschloss Wu Xiaohao, bei dieser Gelegenheit zu Hause vorbeizuschauen.  Am nächsten Tag ging Wu Xiaohao nach den Gesprächen im Wasserbaubüro nach Hause, aber das Haus war leer. Sie dachte, Diandian war in der Schule, und ihre Mutter war wahrscheinlich einkaufen. Sie wusch sich das Gesicht, setzte sich in Diandians Schlafzimmer, spürte die Atmosphäre, die Diandian hinterlassen hatte, und betrachtete einige von Diandians Sachen auf dem Tisch. Das Buch „Dieser Tag in der Geschichte“ lag auch auf dem Tisch. Sie nahm es und blätterte darin, entdeckte eine Stelle, wo eine Seite markiert war. Es war der Inhalt zum 8. April, und Diandian hatte in den leeren Raum dahinter geschrieben: 
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Also fing sie draußen Eidechsen und sammelte Schlangenhäute — und es wirkte tatsächlich. Das Kind ging ab, sie verlor eine große Blutlache; dann wischte sie sich ab und ging wieder Mehl mahlen und Pfannkuchen backen, als wäre nichts geschehen. Es ging nicht anders — die ganze Familie wartete aufs Essen … Als Wu Xiaohao das hörte, trauerte sie lange um diese Frau und um die Generation ihrer Mutter.
  
8. April 2017 – Erste Periode 
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Mit jeder Erzählung wurde ihr deutlicher, wie wertvoll diese mündliche Geschichte war. Die Jungen strömten in die Stadt, waren nie bei den Alten; selbst wenn, hatte kaum einer Geduld für diese alten Geschichten. Wenn die Alten starben, würden all diese Erinnerungen mit der Einäscherung ihrer Leiber zu einem Rauchfaden verglühen. Also musste man jetzt dringend retten, was zu retten war — die Erinnerungen dieser Generation festhalten, den Historikern urtümlichstes, wahrheitsgetreues Material liefern, den Nachkommen zeigen, was diese Menschen erlebt hatten und welche Spuren ihre Epoche hinterließ.
  
Wu Xiaohaos Herz zuckte, und vor ihren Augen blitzte eine kirschrote Farbe auf. Die Erinnerung an die Pubertät erwachte sofort. Jenes Gefühl von Verwirrung, Verlegenheit, Angst und Hilflosigkeit kam ihr wieder in den Sinn. Sie verließ den Schreibtisch, sah auf das Bett ihrer Tochter, war voller Schuldgefühle und brach in Tränen aus. Sie warf sich aufs Bett, zerrte sich an den Haaren, ihr Herz voller Schuld gegenüber ihrer Tochter und Selbstvorwürfen sich selbst gegenüber. Wu Xiaohao dachte: Diandian hat einen wichtigen Wendepunkt in ihrem Leben durchgemacht, aber ich habe sie nicht angeleitet, nicht beschützt, nicht getröstet. Ich ließ sie allein damit umgehen, sodass sie nur auf diese verborgene Weise über ihre WeChat-Momente anderen davon erzählen konnte. Ich... bin ich überhaupt eine Mutter? Ihre Tränen hörten nicht auf zu fließen und durchnässten Diandians Kissenbezug.  Das Handy klingelte. Es war der Direktor des Büros für Dorfbau, der alte Xiang. Er wollte ihr über die Straßenrenovierung in den Dörfern berichten und fragte, wann sie Zeit hätte. Sie antwortete mühsam: „Um drei Uhr nachmittags, komm in mein Büro.“ Sie hatte ursprünglich vorgehabt, zu Hause zu bleiben, mit ihrer Mutter und Diandian zu Mittag zu essen und dann zu gehen.  Sie ging ins Badezimmer, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und ging wieder zu „Dieser Tag in der Geschichte“. Sie stellte fest, dass Diandian nicht nur ihre eigenen „großen Ereignisse“ festgehalten, sondern auch neben einigen Einträgen Lesenotizen geschrieben hatte.  Am 9. April, neben „1977 – China entdeckt zum ersten Mal fossile Knochen eines Übergangstyps vom Affen zum Menschen“, schrieb Diandian: Vom Affen zum Menschen gab es eine Übergangszeit. Der alte Vorfahre hat sich Stück für Stück die Haare abrasiert, so interessant.  Am 12. April, neben „1961 – Der Mensch fliegt zum ersten Mal ins All“, schrieb Diandian: Gagarin war großartig! Wann werden die Chinesen auf dem Mond landen? Chang'e 1, 2, 3... Auf jeden Fall bald!  Am 19. April, neben „1775 – Beginn des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges“, schrieb Diandian: Als sie erwachsen wurden, wollten die Söhne nicht mehr, dass der Vater das Sagen hat. 240 Jahre sind vergangen, die Söhne sind alt geworden, und der Vater ist noch älter geworden.  Am 27. April, neben „1521 – Der portugiesische Seefahrer Magellan wird getötet“, schrieb Diandian: Die Seereise ist dein Verdienst, aber mit Leuten zu kämpfen ist dein Fehler. Wu Xiaohao las und las, und ihr Herz war bewegt: Ich hätte nie gedacht, dass Diandian sich auch so sehr für Geschichte interessiert. Sie ist offensichtlich darin vertieft und hat ihre eigenen Einsichten entwickelt! Das ist Wachstum! Als Mutter – gibt es etwas, das mich mehr freuen könnte als das?  Sie schloss das Buch und ging erleichtert ins Wohnzimmer, nahm den Mopp und begann zu wischen.  Sie hatte erst ein paar Mal gewischt, als das Handy wieder klingelte. Diesmal war es der Direktor des Partei- und Regierungsbüros, Xiang Chunjiang. Er sagte, einige Fischer aus Liujiatai seien zur Stadtregierung gekommen, um zu protestieren. Sie beschwerten sich über Ungerechtigkeit bei der Reduzierung der Fischereikapazität und der Verschrottung von Fischerbooten und wollten unbedingt die Bezirksvorsteherin sprechen. Wu Xiaohao wusste, dass diese Angelegenheit heikel war. Sie musste persönlich die Beschwerden der Fischer anhören. Also sagte sie: „Lass sie warten, ich komme sofort zurück.“ 
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Viele verstanden das Projekt nicht — selbst Sekretär Fang sagte: Wozu den alten Kram aufwärmen? Das bringt den Leuten kein Einkommen. Stellvertretender Sekretär Chi Jiagong lästerte sogar hinter ihrem Rücken: „Wu Xiaohao hat an der Uni Geschichte studiert und betreibt als Bürgermeisterin immer noch solche Dinge — das ist doch Vernachlässigung ihrer Pflichten." Wu Xiaohao hatte gezögert und daran gedacht, aufzuhören. Aber wenn sie dann die Stimmen der Alten hörte, fasste sie neuen Entschluss. Sie dachte: Wer immer man ist und was immer man tut — ein wenig historisches Bewusstsein sollte man haben. Wer keines hat, kann die eigene Zeit und das eigene Leben nicht wirklich begreifen.
  
Kapitel 8
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Doch das Projekt kam nur schleppend voran. Nach über einem Jahr fehlte noch die Hälfte der Dörfer. Sie beauftragte Liu Dalou, Guo Mo in die Dörfer zu schicken und nachzuhaken — doch neues Material blieb aus. Wu Xiaohao wurde wütend und rief Guo Mo direkt an.
  
Das Steinhaus-Dorf
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Guo Mo kam. Sie war abgemagert, blass, niedergeschlagen. An der Tür stehend sagte sie: „Frau Bürgermeisterin, es tut mir leid — der Mann meiner Cousine ist gestorben, ich hatte keine Zeit für die ‚Kaipo-Erinnerungen'." Wu Xiaohao fragte: „Wann ist dein Schwager gestorben?" — „Vor zehn Tagen." — „Vor zehn Tagen — da dürfte er doch beerdigt sein? Wie kann das deine Arbeit behindern?" Guo Mo sagte: „Es war kein natürlicher Tod. Ich bin ziemlich sicher, dass Mu Pingchuan ihn umgebracht hat — Zeugenbeseitigung."
  
8
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Wu Xiaohao erschrak: „Was? Zeugenbeseitigung? Guo Mo, setz dich und erzähl in Ruhe."
  
Diandians Aufzeichnung:
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Guo Mo setzte sich, ihre dünnen Brauen zu umgekehrten Achten verzogen, die Lider gesenkt. Lange zögerte sie, dann sagte sie mit entschlossenem Gesicht: „Dann erzähle ich. Bürgermeisterin, meine Cousine ist seit Tagen halb wahnsinnig — ich bin dauernd bei ihr, kann mich nicht einmal um meine Kinder in der Stadt kümmern, meine Schwiegermutter musste einspringen. Gib mir einen Rat — was soll ich tun?"
  
2015 – Aufsatz in der Schulzeitschrift veröffentlicht 
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Dann erzählte sie die Geschichte ihrer Cousine. Jü Lianlian sei fünf Jahre jünger, sehr hübsch. Vor zwei Jahren habe sie bei der Shenfu-Gruppe angefangen, am Fließband Fischfilets geschnitten — den ganzen Tag in wattierten Jacken bei null Grad, bis ihre Hände aufplatzten. Eines Tages wurde sie plötzlich ins Firmenbüro versetzt. Später erfuhr Guo Mo: Mu Pingchuan hatte einen Untergebenen beauftragt, ihm hübsche junge Frauen zu suchen — Lianlian wurde ausgewählt. Am dritten Tag vergewaltigte Mu Pingchuan sie. Danach wollte Lianlian zur Polizei gehen, aber sie wollte auch nicht zurück in die Fischverarbeitung — und schwieg. Sie hörte Mu Pingchuan sagen, höchste Stellen schützten ihn — da traute sie sich erst recht nicht.
  
2016 – Ohne hässliche Schuluniform durfte die Lehrerin mich nicht durch das Schultor lassen 
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Nach einiger Zeit schickte er sie zurück an den alten Arbeitsplatz — aber nicht ans Fließband, sondern ins Prüflabor, im weißen Kittel. Er hatte eine neue Geliebte. Lianlian fand es sogar gut, von ihm loszukommen — sie wollte jetzt heiraten. Bald umwarb sie ein junger Kühlhauswächter namens Shi. Shi war ungebildet und kein guter Charakter, aber Lianlian dachte an das, was Mu Pingchuan ihr angetan hatte, und stimmte zu. Doch nach der Hochzeit fragte Shi ständig, ob Mu Pingchuan es mit ihr getrieben habe; schließlich gab sie es zu. Shi ließ sie eine schriftliche Erklärung mit Fingerabdruck anfertigen und rief dann Mu Pingchuan an: Er habe Shis Frau vergewaltigt und solle ihn nun „entschädigen". Mu Pingchuan fragte: „Wie?" Shi sagte: „Ich will Leiter einer Tochterfirma werden." Mu Pingchuan sagte: „Die Führungsriege besteht aus ‚vier Balken und acht Säulen' — vier Vizedirektoren und acht Filialleiter. Die sind alle besetzt — soll ich für dich eine neunte Säule erfinden?" Shi beharrte: „Mir egal ob acht oder neun — ich will Filialleiter werden." Mu Pingchuan sagte: „Warte erst mal — hier ein Trostpflaster." Und gab ihm dreißigtausend Yuan. Shi kaufte ein schönes Auto und gab Ruhe — blieb Kühlhauswächter.
  
Als Wu Xiaohao an diesem Abend Douyin schaute, stellte sie fest, dass die Verschwenderinnen Livestreaming mit Drohnen machten. Ein kurzes Video, das sie gerade gepostet hatten, war über dem Fischereihafen von Qianyu aufgenommen worden. Über ein Dutzend Fischerboote mit kleinen roten Flaggen verließen die Bucht und fuhren aufs Meer hinaus – eine sehr beeindruckende Szene. Xishishe kommentierte per Voice-over, dass dies Fischer aus Leiping seien, die aufbrachen, um zur Frühjahrsfischerei zu fahren, und wünschte ihnen eine erntereiche Rückkehr. Das Video hatte gerade erst eine Weile online gestanden und bereits 300.000 Likes erhalten. Wu Xiaohao war sehr aufgeregt und dachte: Soziale Medien plus Hochtechnologie haben wirklich einen großen Einfluss.  Sie rief Wei Mo an und sagte, sie habe das Video gesehen. Die Verschwenderinnen seien großartig. Sie übermittle ihnen ihre Glückwünsche. Wei Mo sagte jedoch: „Wir haben uns Ärger eingehandelt. Die Drohne haben sie gemietet, für 16.000 Yuan. Dann kostete das Training weitere 3.000 Yuan. Mehrere alte Ehemänner haben geschimpft und gesagt, sie würden immer verschwenderischer.“ Wu Xiaohao lachte: „Das ist doch keine Verschwendung! Das ist Wohlstandsschaffung! Schau dir die Kommentare an – alle loben unseren Ort. Wenn wir unsere Fischereiindustrie bekannt machen, bringt das Reichtum!“  Danach posteten die Verschwenderinnen weitere Luftaufnahmen. Ein Video zeigte die Küste nach der „Säubere-das-Meer-Aktion“ – ein sauberer, goldener Sandstrand. Ein anderes zeigte die neu errichteten Aquakulturflächen mit lebhaft hüpfenden Fischen und Garnelen, die für den Transport vorbereitet wurden. Ein weiteres zeigte die Rückkehr der Fischerboote – ein Boot näherte sich, die Fischer winkten und jubelten der Drohne zu. Im Voice-over sagte eine Frau voller Gefühl: „Das Boot meiner Familie ist zurück. Mein Schatz, du hast hart gearbeitet, willkommen! Trink schnell Fischsuppe!“ Wu Xiaohao war von diesem Video tief bewegt. Sie hörte, dass in der Vergangenheit Fischerfrauen, wenn ihre Männer zurückkehrten, mit Körben am Strand warteten. Und jetzt schickten sie tatsächlich Drohnen zur Begrüßung! Die Reaktion des Publikums war noch explosiver – 400.000 Likes und mehrere tausend Kommentare.  An diesem Tag überprüfte Wu Xiaohao die Toilettenrenovierung in Qianyu. Sie traf Wei Mo und Diao Yan. Anfang des Jahres war der Direktor der Sanitärabteilung in Rente gegangen, das Familienplanungsbüro aufgelöst worden, und die beiden waren zur Sanitärabteilung als Direktor und stellvertretender Direktor versetzt worden. Diao Yan beschwerte sich: „Bezirksvorsteherin, das Familienplanungsbüro wurde aufgelöst – na gut, da gab es eh nichts mehr zu tun, und man wurde nur ausgelacht. Aber Sie hätten uns nicht beide wieder zur Sanitärabteilung schicken sollen. Wenn wir zur Toiletteninspektion rausgehen, machen die Leute Witze: ‚Ihr zwei habt nichts anderes im Kopf, ihr kümmert euch überall um die untere Körperhälfte!'“ Wu Xiaohao lachte: „Sich um die untere Körperhälfte zu kümmern ist auch eine wichtige Sache. Manche Leute nennen die ländliche Toilettenrenovierung die ‚Toilettenrevolution'. Wenn es eine Revolution ist, ist das doch eine große Sache?“  Dort angekommen, hörten sie Sekretärin Li Yanmi von der Qianyu-Toiletten-Gemeinschaft berichten. Li Yanmi sagte, diese Sache sei wunderbar gelaufen. Die Regierung habe pro Haushalt 1.000 Yuan Zuschuss gegeben, die Einzelnen mussten nichts zahlen, und es habe keinerlei Widerstand gegeben. Jetzt sei die Qianyu-Gemeinschaft vollständig fertig und warte auf die Abnahme durch die Führung. Wu Xiaohao sagte: „Gute Dinge müssen auch gut gemacht werden. Ich habe in anderen Gemeinschaften festgestellt, dass einige Unternehmer, die den Auftrag gewonnen hatten, minderwertiges Material verwendeten. Die Toiletten, die sie installierten, entsprachen nicht dem Standard und leckten. Ich schaue mir an, wie es hier bei euch aussieht.“ Sie ging auf die Straße und wählte zufällig einige Haushalte aus. Nachdem sie ihr Anliegen erklärt hatte, ging sie direkt zu den Toiletten. Sie prüfte, ob die Ausstattung vollständig war, ob es noch üble Gerüche gab, und drückte auf die Spültaste, um zu testen, ob alles funktionierte. Nach der Inspektion der Innenräume ging sie nach draußen, um die Situation der dreistufigen Klärtanks zu überprüfen.  Sie hatte mehrere Haushalte überprüft und keine Probleme gefunden. Sie kamen zum Hafeneingang und sahen das Meer.  Die Sonne neigte sich dem Westen zu und bestrahlte die Meeresoberfläche, die besonders blau wirkte. Wu Xiaohao dachte daran, dass die traditionellen Indigostoffe ihrer Heimat genau diese Farbe hatten. Als Kind hatte sie Kleidung aus diesem Stoff getragen. Dies war das erste Mal, dass sie ihre Heimat mit dem Meer in Verbindung brachte. Ihr Herz war bewegt, und sie stand da und schaute lange hin.  Am Himmel war ein surrendes Geräusch zu hören – eine Drohne flog über dem Meer. Wu Xiaohao schaute und sagte: „Gehen die Verschwenderinnen wieder zur Begrüßung ihrer Männer hinaus?“  Li Yanmi sagte: „Ja, das ist inzwischen zur Mode in Qianyu geworden.“  Die Drohne wurde allmählich größer und kam näher. Wu Xiaohao fragte: „Wo wird sie landen? Ich möchte diese Fischerschwestern treffen.“  Li Yanmi sagte: „Am Kai.“  Die Leute gingen zurück zum Kai, und auch die Drohne näherte sich. Plötzlich hielt Xishishe die Fernbedienung in der Hand und dirigierte die Landung der Drohne. Neben ihr standen mehrere Verschwenderinnen und einige Zuschauer.  Die Drohne summte lauter und landete stabil.  Wu Xiaohao ging hinüber und sagte: „Schwester Xishi, du bist mit deinem Drohnenspiel berühmt geworden.“ Xishishe sah sie an, streckte ihre kleine Zunge heraus und lachte: „Bezirksvorsteherin, dieses Ding ist wirklich toll, ich bin völlig süchtig!“ Ein junger Fischer rief laut von der Seite: „Verschwenderinnen, ihr heißt eure Ehemänner mit Drohnen willkommen – habt ihr keine Angst, dass eure Männer zu aufgeregt sind und euch zu Hause vernaschen?“ Eine etwas ältere Frau kicherte: „Wenn sie uns vernaschen, nehmen wir es gern in Kauf!“  Solche frivolen Worte passten Wu Xiaohao gar nicht, und ihr Gesicht wurde rot.  Plötzlich drängte sich ein kahlköpfiger junger Mann in die Menge und hob seinen großen Hammer gegen die Drohne. Xishishe wollte eilig nach vorne stürzen, um ihn aufzuhalten, aber der kahlköpfige junge Mann, genannt „Kleine Sardelle“, stieß sie mit seinem Ellbogen zur Seite, sodass sie auf den Boden fiel. Wu Xiaohao ging nach vorne, um Xishishe zu helfen, und schalt die Kleine Sardelle: „Was willst du tun?“ Die Kleine Sardelle antwortete nicht und hämmerte mehrmals weiter, bis die Drohne in Stücke geschlagen war. Dann hob er seinen Hammer und rief: „Was ich tue? Ich zerstöre dieses störende Ding! Es fliegt den ganzen Tag herum und summend umher und hat sogar meinen kleinen Hund zu Tode erschreckt!“  Wu Xiaohao konnte es nicht glauben: „Eine Drohne kann einen kleinen Hund zu Tode erschrecken?“  Die Kleine Sardelle holte aus seiner Tasche einen kleinen toten Hund und warf ihn vor Wu Xiaohao hin: „Sieh selbst, ob er tot ist oder nicht!“  Dieser Hund war tatsächlich tot.  Die Kleine Sardelle kratzte sich am Kopf und sagte: „Mein Hund wurde gerade geboren, hat reinrassiges Blut und könnte ausgewachsen viel Geld einbringen! Heute ist dieser eine zu Tode erschreckt worden, er ist mehrere zehntausend Yuan wert! Wenn ich nicht so großherzig wäre und dich verklagen würde, würden die Verschwenderinnen definitiv verlieren und ihr Vermögen verlieren!“ Während er sprach, steckte er den kleinen toten Hund zurück in die Tasche und ging schimpfend davon.  Xishishe sagte weinend zu Wu Xiaohao: „Bezirksvorsteherin, sieh dir an, wie schlimm dieser Rowdy ist! Er hat die Drohne zerschlagen – wie können wir jetzt noch Luftaufnahmen machen?“  Wu Xiaohao sagte: „Ruf die Polizei. Lass schnell die Polizeistation vorbeikommen.“  Xishishe zog ihr Handy heraus und rief die Polizei. Wu Xiaohao musste noch die Toilettenrenovierung einiger Haushalte überprüfen, also verließ sie mit Li Yanmi und den anderen den Ort.  Am Abend erhielt Wu Xiaohao einen Anruf – es war Xishishe. Xishishe sagte, sie habe von Guo Mo die Telefonnummer der Bezirksvorsteherin bekommen und wolle mit ihr über die Drohnenangelegenheit sprechen. Wu Xiaohao sagte: „Sprich ruhig. Ist die Polizei gekommen?“ Xishishe sagte: „Sie kamen schon, aber die Polizisten fotografierten die zerbrochene Drohne, riefen die Kleine Sardelle zum Tatort, und er brachte immer noch den kleinen toten Hund mit und behauptete, er sei mehrere zehntausend Yuan wert. Dieser Typ ist ein berüchtigter Rowdy, schikaniert die Schwachen und fürchtet die Starken. Die meisten Leute trauen sich nicht, sich mit ihm anzulegen. Er beharrt darauf, dass der tote Hund sehr viel Geld wert ist, und die Polizisten können nichts gegen ihn ausrichten.“  Wu Xiaohao sagte: „Ich vermute, dass er eure Drohne zerschlagen hat, weil es einen anderen Grund gibt.“ Xishishe sagte: „Bezirksvorsteherin, du hast recht. Heute Abend habe ich mit meinem Mann hin und her überlegt, und wir haben den Grund erraten.“ „Was für einen Grund?“  Xishishe erzählte Wu Xiaohao, dass letztes Jahr ein neuer Polizeichef, der alte Yu, eingesetzt worden war. Er war entschlossen, die Ordnung im Fischereihafen durchzusetzen, sodass die Erdao-Heizi-Bande es nicht mehr wagte, am Kai Unheil zu stiften. Sie verlegten ihre Aktivitäten aufs Meer und züchteten Miesmuscheln neben der Schifffahrtsrinne. Wenn vorbeifahrende Fischerboote versehentlich ihre Zuchtkäfige berührten, sprangen die Erdao-Heizi auf kleine Boote und forderten Schadensersatz. Die Kapitäne wussten, dass sie schwer zu handhaben waren, und mussten Geld zahlen, um das Problem zu lösen. Später passten die Fischer besonders auf, wenn sie dort vorbeifuhren. Aber diese Bande hatte einen neuen Trick: Sie fuhren mit kleinen Booten herum, warfen absichtlich einige Plastikbojen in die Schifffahrtsrinne – die gleichen, wie sie für Zuchtkäfige verwendet werden – nahmen mit dem Handy Videos auf als Beweis und erpressten die Leute. In letzter Zeit flog die Drohne oft in den Himmel und sogar übers Meer. Sie hatten wahrscheinlich Angst, dass Beweise gefilmt würden, die ihre Erpressung behinderten. Die Kleine Sardelle war ein Handlanger der Erdao-Heizi. Dass er heute die Drohne zerschlagen hatte, war definitiv auf Anweisung der Erdao-Heizi.  Wu Xiaohao sagte: „Ich verstehe. Ich lasse die Polizei sich um sie kümmern.“  Nachdem sie mit Xishishe telefoniert hatte, rief sie Chef Yu von der Polizeistation an und fragte, ob er von der Erpressung der Fischer wisse. Chef Yu sagte: „Ich weiß Bescheid. Fischer haben mir davon berichtet. Aber die Shenyou-Gruppe hat Video-Beweise als Beweis vorgelegt. Wir können ihnen nicht nachweisen, dass sie absichtlich Erpressung betreiben.“  „Warst du vor Ort?“  „Ich war dort. Ich habe mir das angeschaut – die Miesmuschel-Züchter züchten ehrlich ihre Miesmuscheln, die Fischerboote fahren daneben normal vorbei, alles friedlich. Ich habe begrenzte Kräfte und kann nicht jeden Tag Leute dort hinschicken. Noch weniger kann ich Leute auf die Fischerboote schicken.“  Wu Xiaohao dachte kurz nach und sagte dann: „Chef Yu, Anfang des Jahres hat die Zentrale eine Anweisung herausgegeben, dass das organisierte Verbrechen ausgemerzt werden soll. Auf dem Gebiet von Leiping sollte auch mal aufgeräumt werden, oder?“  Chef Yu sagte: „Natürlich muss aufgeräumt werden. Aber wir brauchen Beweise. Ohne Beweise können wir nicht viel tun.“  Wu Xiaohao sprach mit dem Sekretär darüber. Der Sekretär hörte zu, seufzte und sagte: „Sogar der Polizeichef sagt, dass er ohne Beweise nichts machen kann. Wie sollen wir uns darum kümmern?“  Zwei Tage später rief Xishishe Wu Xiaohao an und sagte, ein weiterer Kapitän habe ihr erzählt, dass er gerade von den Erdao-Heizi erpresst worden sei und 10.000 Yuan habe zahlen müssen.  Wu Xiaohao war voller Zorn: In dieser friedlichen Welt, unter blauem Himmel und heller Sonne, können Fischerboote nicht normal durch das Meer von Leiping fahren! Als Bezirksvorsteherin schäme ich mich wirklich! Wenn ich es den Menschen nicht ermöglichen kann, in einer sicheren Umgebung zu leben, mit welchem Recht nehme ich dann diese Position ein? Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit diese Bande nicht weiter Unheil anrichtet!  Aber sie dachte daran, dass sie Mo Pingchuan noch eine Schuld schuldete: Als sie gerade nach Leiping gekommen war als stellvertretende Bezirksvorsteherin für Sicherheit, ereignete sich im Yaohai-Dorf eine Feuerwerkskörperexplosion, bei der zwei Menschen starben. Er Chengshou hatte Mo Pingchuan Geld zahlen lassen, um die Sache zu vertuschen und die Wahrheit zu verbergen. Sie dachte: Mo Pingchuan erinnert sich bestimmt daran. Wenn ich diese Sache nicht bereinige, wie kann ich dann aufrecht gegen sie kämpfen?  Sie sprach mit dem Sekretär darüber und sagte schmerzerfüllt: „Das ist ein Makel seit meiner Ankunft in Leiping – ich habe die wahre Situation des Unfalls vor den Vorgesetzten verborgen. Obwohl es der damalige Sekretär und Bezirksvorsteher waren, die diese Entscheidung trafen, trug ich als Zuständige für Sicherheit direkte Führungsverantwortung. Solange dieser Makel nicht beseitigt ist, kann ich nicht aufrecht gegen die bösen Kräfte kämpfen. Morgen gehe ich zur Disziplinarkommission und zur Aufsichtskommission des Bezirks und lege diese Sache offen. Ich bitte um Bestrafung.“  Der Sekretär sagte: „Die Sache liegt fünf Jahre zurück. Warum sie wieder aufwühlen? Suchst du nicht Ärger?“  Wu Xiaohao sagte: „Solange dieser Makel nicht beseitigt ist, werde ich innerlich nie ruhig sein. Ich muss das tun.“  Am nächsten Tag ließ Wu Xiaohao sich vom Disziplinarkomiteemitglied, dem alten Cheng, in die Stadt begleiten und traf den stellvertretenden Sekretär der Bezirksdisziplinarkommission und stellvertretenden Direktor der Aufsichtskommission, Zhou Shizhang. Nachdem Sekretär Zhou Wu Xiaohaos Bericht und Bitte gehört hatte, schüttelte er den Kopf: „Manche Leute begehen schwere Fehler und können es kaum erwarten, sich reinzuwaschen. Du hingegen bringst alte Fehler wieder zur Sprache, legst Dinge offen, von denen die Organisation nichts wusste, und bittest aktiv um Bestrafung. Ich arbeite seit über zwanzig Jahren in der Disziplinarkontrolle und bin noch nie auf so einen Genossen gestoßen.“  Wu Xiaohao erzählte ihm von den bösen Taten des Chefs der Shenyou-Gruppe in Leiping, kritisierte sich selbst für ihre egoistischen Motive und ihre Angst, sich einzumischen. Sie sagte, sie habe sich entschlossen, ihm gegenüber ihre Haltung klarzumachen und ihn zu ermahnen, auf den rechten Weg zurückzukehren. Sekretär Zhou sagte: „Gut, die Bezirksdisziplinarkommission und die Aufsichtskommission unterstützen dich! Was die Vertuschung der Feuerwerkskörperexplosion durch die Leiping-Stadtregierung betrifft – wie damit am besten umzugehen ist, müssen wir diskutieren. Bitte schreibe auch eine Erklärung der Situation und reiche Selbstkritik-Materialien ein. Warte auf das Ergebnis.“  Drei Tage später kam Zhou Shizhang nach Leiping und verkündete auf einer Sitzung der Führungsmitglieder die Entscheidung der Bezirksdisziplinarkommission und Aufsichtskommission: Am 8. Februar 2013 ereignete sich im Yaohai-Dorf in Leiping eine Feuerwerkskörperexplosion, bei der zwei Menschen starben. Das Parteikomitee und die Regierung der Stadt wollten sich der Verantwortung entziehen und verheimlichten die Wahrheit. Die damalige stellvertretende Bezirksvorsteherin für Sicherheit, Wu Xiaohao, trug eine gewisse Verantwortung. Aber da die Genossin der Organisation die wahre Situation des Unfalls aktiv offengelegt und die Entschlossenheit gezeigt hat, Fehler zu korrigieren, wurde beschlossen, sie zu kritisieren, zu erziehen und zu einer schriftlichen Überprüfung aufzufordern, ohne jedoch eine Strafe zu verhängen. Der damalige Bezirksvorsteher He Chengshou ist verstorben. Der damalige Parteisekretär Zhou Bin muss noch zur Verantwortung gezogen werden.  Nachdem Sekretär Zhou gesprochen hatte, drückte Fang Junyu im Namen des Stadtparteikomitees seine Zustimmung zur Entscheidung der Bezirksdisziplinarkommission und Aufsichtskommission aus. Er lobte Bezirksvorsteherin Hao für ihren Mut, Verantwortung zu übernehmen und Fehler zuzugeben. Er forderte alle auf, aus diesem Vorfall Lehren zu ziehen und in der zukünftigen Arbeit zwei Punkte zu beachten: Erstens, vorsichtig zu sein und keine Fehler zu machen; zweitens, bei Fehlern diese nicht zu verheimlichen, sondern aktiv Verantwortung zu übernehmen.  Die Sitzung endete. Nach der Verabschiedung von Sekretär Zhou war Wu Xiaohao gerade in ihr Büro zurückgekehrt, als der Vorsitzende des Stadtvolkskongresses, Lai Chunxiang, mit seinem dicken Gesicht hereinkam. Sobald er eintrat, sagte er: „Bezirksvorsteherin Hao, hast du Wasser im Gehirn?“  Wu Xiaohao war überrascht und stand schnell auf, um ihm einen Platz anzubieten: „Vorsitzender Lai, bitte setzen Sie sich. Was genau habe ich falsch gemacht?“  „Dass du diese Sache wieder aufgewühlt hast, war falsch!“ Lai Chunxiang setzte sich nicht, sondern stand da und zeigte nach Nordwesten, wobei sein Zeigefinger heftig zitterte: „Er Chenshou ist bereits in das Parteikomitee des Fengshan-Landschaftsgebiets gegangen und ist dort Direktor geworden. Du wühlst alte Geschichten auf und bringst alles durcheinander! Was bezweckst du damit? Willst du zeigen, wie aufrichtig du bist? Ich finde, du bist so aufrichtig wie ein Holzklotz!“  Wu Xiaohao errötete bei seinen Worten: „Entschuldigung, dass ich Sie verärgert habe. Ich fand, wenn ich der Organisation diese Sache nicht offenlege, würde ich innerlich nie Ruhe finden.“  „Welche Unruhe?“ Das ist deine Unreife! Das ist politische Naivität!“  Wu Xiaohao senkte ihren Kopf: „Ich bin unreif und politisch naiv.“  Lai Chunxiang sagte wieder: „Ich bin alt, mir ist alles egal. Dass ich hergekommen bin und dich angeschrien habe, um dir deine Probleme aufzuzeigen, ist auch Fürsorge und Liebe für dich. Ich will nicht, dass du auf diesem falschen Weg weitergehst und anderen schadest, während du dir selbst schadest!“  Wu Xiaohao faltete ihre Hände: „Danke, Vorsitzender Lai, danke!“  Lai Chunxiang ging, aber der Zorn, den er hinterlassen hatte, erfüllte immer noch das Büro. Wu Xiaohao dachte über das nach, was er gerade gesagt hatte, und je mehr sie darüber nachdachte, desto weniger passte es. Warum sollte Vorsitzender Lai so wütend werden, weil ich alte Geschichten offengelegt und eine Strafe akzeptiert habe? Außerdem, obwohl He Chengshou die Sache abwickelte, hatte Zhou Bin zugestimmt und trug definitiv Verantwortung. Selbst wenn er bestraft würde, sollte er das akzeptieren.  „Anderen schaden, während du dir selbst schadest!“ Diese Worte stachen ihr ins Herz. Sie dachte: Ich, Wu Xiaohao, habe diese Art von Verhalten immer verabscheut. Warum werde ich heute von ihm so beschuldigt?  Je mehr sie darüber nachdachte, desto klarer wurde Wu Xiaohao. Dieser Vorsitzende Lai war nach He Chengshous Tod Mo Pingchuan sehr nahegekommen und hatte sich stark für dessen politische Stellung eingesetzt. Vor zwei Jahren hatte Vorsitzender Lai Mo Pingchuan als Kandidat für den Bezirksvolkskongress vorgeschlagen, was nicht geklappt hatte. Dann schlug er dem Sekretär vor, ihn als Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz einzusetzen. Mo Pingchuans beide Wünsche wurden nicht erfüllt, aber Vorsitzender Lai verteidigte ihn weiterhin bei verschiedenen Gelegenheiten und bezeichnete ihn als einen repräsentativen privaten Unternehmer und Wohltäter von Leiping. Heute warnte mich Vorsitzender Lai, niemandem zu „schaden“. Diese „Person“ ist Mo Pingchuan!  Aber wusste Vorsitzender Lai, wie vielen Menschen Mo Pingchuan in all den Jahren in Leiping geschadet hat? Seine Untergebenen, die Erdao-Heizi, hatten jahrelang am Fischereihafen gewütet – eine typische Mafiabande. Eine andere Firma der Shenyou-Gruppe handelte illegal mit Meeressand und zerstörte die Strände von Leiping schwer. Die „Säubere-das-Meer-Aktion“ sollte nicht nur die Strände von Leiping wieder sauber machen, sondern auch die schädlichen und bösen Fische in diesem Meer beseitigen!  Sie beschloss, zusammen mit dem stellvertretenden Bezirksvorsteher für Sicherheit, Liu Zaiyou, mit Mo Pingchuan zu sprechen, damit er seine Erdao-Heizi-Bande im Zaum hielt und nicht weiter erpresste.  Sie ließ das Partei- und Regierungsbüro Mo Pingchuan benachrichtigen, am nächsten Morgen zur Stadtregierung zu kommen. Mo Pingchuan antwortete jedoch: „Ich kann nicht kommen, mein Fuß tut weh.“  „Wenn er nicht kommt, gehen wir zu ihm.“ Sie ließ das Partei- und Regierungsbüro Mo Pingchuan kontaktieren.
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Doch dieses Jahr — im Zuge der landesweiten Kampagne gegen organisierte Kriminalität — forderte Shi erneut eine Beförderung und drohte: Er kenne zahlreiche Verbrechen Mu Pingchuans, darunter den Auftragsmord an einem aufmüpfigen Mitarbeiter; wenn seine Forderung nicht erfüllt werde, gehe er zur Polizei. Lianlian hatte Todesangst und flehte ihn an aufzuhören — vergeblich. Sie bat Guo Mo um Hilfe; auch Guo Mo redete auf Shi ein, aber er beharrte. Lianlian sagte: Er rennt ins offene Messer.
  
Dies war Wu Xiaohaos zweiter Besuch im Hauptquartier der Shenyou-Gruppe. Beim ersten Mal, an ihrem ersten Neujahrsabend nach Ankunft in Meizhou, hatte Huang Chengshou sie eingeladen, die Neujahrs-Gala über Pietätskultur anzuschauen – sie war vorzeitig gegangen. Jetzt stand sie vor dem hohen, großen Torhaus, schaute zurück auf den Hegemonen-Pavillon, der eine lange Gischtkette im Meer aufwarf, und dachte: Dieser Wan Pingchuan, vom Himmel erschaffen, baute sein Anwesen aber auf einem Sattel und hielt sich für einen König – wirklich zu absurd.  Sie biss sich auf die Lippe und drückte die Türklingel. Eine junge Frau öffnete, lächelte höflich und sagte „Bitte treten Sie ein“. Doch als Wu Xiaohao hineinging, sah sie im östlichen Nebengebäude zwei bullige Männer wie Türwächter stehen; am Eingang des westlichen Nebengebäudes lag ein schwarzer, großer Hund, der beim Anblick der Fremden wild bellte. Seltsam war: Die junge Frau machte ihm ein „OK“-Zeichen, sofort hörte er auf zu bellen und legte sich in seine Hütte.  Im Wohnzimmer des Hauptgebäudes roch Wu Xiaohao einen Duft – in der Mitte stand eine über einen halben Meter hohe Jade-Mazu-Statue, vor der Weihrauch aus einem Räuchergefäß stieg. Die Frau ging in den linken Nebenraum und brachte Wan Pingchuan heraus. Wan Pingchuan breitete die Arme aus und rief laut: „Willkommen, beide Bürgermeister!“ Er schüttelte ihnen kräftig die Hände. Nach dem Hinsetzen klopfte Wan Pingchuan auf sein Bein: „Vorgestern war ich bei der Haixhen Import-Export-Firma, um die Verarbeitung von Conger-Aalen zu inspizieren, und habe mir dabei unglücklicherweise den Fuß verstaucht. Dieser Trump will Strafzölle auf chinesische Exportprodukte erheben – die Lage ist sehr ernst. Ich kann ihn die Shenyou-Gruppe nicht ins Wanken bringen lassen und ihn den wirtschaftlichen Abwärtsdruck unserer Gemeinde erhöhen lassen. Aber mein Fuß ist verstaucht, deshalb musste ich beide Bürgermeister persönlich hierher bemühen – das tut mir leid.“  Wu Xiaohao sagte: „Direktor Wan, Ihr verstauchter Fuß sollte von einem Arzt behandelt werden, damit er schnell heilt. Ihr Meeresfrüchte-Verarbeitungsgeschäft steht tatsächlich vor anderen Problemen als früher, Sie müssen aktiv Lösungen finden. Ach ja, wie läuft Ihr Projekt zur Zucht von Miesmuscheln?“  Wan Pingchuan nahm ein purpurnes Ruyi-Zepter vom Teetisch und streichelte es, nickte: „Ganz gut. Obwohl der Gewinn nicht groß ist, kann es einen Teil der Leute ernähren.“  Wu Xiaohao schaute ihn an und fragte: „Diese Miesmuschelgestelle – sind die fest gebunden?“  „Fest, warum sollten sie nicht fest sein?“  „Einige Fischer haben berichtet, dass oft Plastikflaschen unter ihre Boote treiben.“  Wan Pingchuan starrte sie an: „Nicht dass Plastikflaschen unter ihre Boote treiben – ihre Boote fahren in meine Miesmuschelgestelle hinein! Bürgermeisterin, Sie dürfen nicht einseitig auf die Worte mancher Leute hören.“  Wu Xiaohao lächelte: „Deshalb komme ich heute hierher, um auch Ihre Seite zu hören, Direktor Wan. Es gibt ein altes Sprichwort: ‚Der Himmel ist breit, jeder geht seinen Weg' – aber dieser Seeweg zum Fischereihafen Walbucht ist jetzt schwer zu befahren. Ich hoffe, Direktor Wan, Sie ermahnen Ihre Zuchtleute, keine Schifffahrtshindernisse zu errichten und erst recht keine Fallen zu stellen, um Leute ums Geld zu bringen.“  „Was?“ Wan Pingchuan warf das Ruyi-Zepter laut auf den Teetisch. „Meine Leute sollen so etwas tun? Bürgermeisterin Wu, diese Worte sind doch sehr unverantwortlich! Sagen Sie mir: Zu welcher Zeit, an welchem Ort haben meine Leute Fallen gestellt und Leute ums Geld gebracht?“  Bürgermeister Liu sagte: „Direktor Wan, werden Sie nicht wütend. Bei der Stärke und dem Einfluss Ihrer Shenyou-Gruppe würde niemand in Meizhou wagen, Tatsachen zu erfinden und Ihren Ruf zu schädigen. Ich schlage vor, Sie lassen Ihre Zuchtfirma selbst prüfen, ob es solches Verhalten gibt – wenn ja, beheben Sie es, wenn nicht, seien Sie noch vorsichtiger.“  Wan Pingchuan schlug auf den Teetisch: „Gibt es nicht, absolut nicht! Manche Leute können es nicht ertragen, dass es der Shenyou-Gruppe gut geht, und hoffen auf unseren baldigen Untergang!“ Er zeigte auf die beiden vor ihm: „Wenn Sie Beweise vorlegen können, überprüfe ich sofort selbst; wenn Sie keine haben, verleumden Sie mich nicht!“  Wu Xiaohao wurde durch diese Worte leicht verärgert: „Direktor Wan, es gibt wirklich jemanden, der Sie verleumdet, aber nicht wir.“  „Doch, Sie! Wu Xiaohao, ich habe schon lange gemerkt, dass Sie als Frau sehr böse sind, offen und heimlich gegen mich arbeiten! Vergessen Sie nicht, dass ich Ihnen damals geholfen habe!“  Wu Xiaohao sagte: „Ich habe vorhergesehen, dass Sie das erwähnen würden. Bei der Feuerwerkskörper-Explosion damals sprach Bürgermeister Huang mit Ihnen, und Sie legten tatsächlich siebzigtausend aus. Die Angelegenheit wurde ruhig beigelegt, und wir Gemeindeleiter wurden vor Disziplinarmaßnahmen bewahrt. Das habe ich nie vergessen. Vor ein paar Tagen habe ich es den Vorgesetzten gegenüber ehrlich zugegeben, sie haben mich bereits bestraft – das wissen Sie wahrscheinlich schon?“  „Was, wenn ich es weiß? Sie waschen sich selbst rein und schwärzen andere an? Ich sage Ihnen: Ihr eigener Hintern ist auch nicht sauber, säubern Sie sich erst mal selbst gründlich!“  Wu Xiaohao erschrak: „Was soll bei mir nicht sauber sein? Bitte weisen Sie klar und deutlich darauf hin.“  Wan Pingchuan zeigte in Richtung Yu: „Wem gehört Haoliang Logistics? Nicht Ihrer Familie? Überladenen Lastwagen den Weg freizumachen, damit sie der Bestrafung entgehen – ist das etwas Ehrenvolles?“  Wu Xiaohao war noch verblüffter. Dieser Wan Pingchuan wusste tatsächlich von You Haoliangs schmutzigen Geschäften. Sie sammelte sich, schluckte mühsam und antwortete: „Was Haoliang Logistics betrifft, muss ich Ihnen feierlich sagen: Das waren tatsächlich Du Haoliangs illegale Machenschaften. Aber er hat nichts mit mir zu tun. Ich habe bereits beim Gericht Klage eingereicht und lasse mich von ihm scheiden.“  „Scheiden? Scheiden? Solange Sie nicht geschieden sind, ist er noch Ihr Mann!“  Wu Xiaohao schluckte ihre Demütigung hinunter, hielt ihren Ärger zurück und sagte in ruhigem Ton: „Direktor Wan, wenn Du Haoliang rechtlich belangt wird und das Gericht entscheidet, dass ich, Wu Xiaohao, auch verantwortlich bin, dann werde ich ehrlich die Strafe akzeptieren. Aber jeder ist für seine Taten verantwortlich. Sorgen Sie erst mal dafür, dass auf Ihrer Seite alles in Ordnung ist, damit niemand Beweise findet – sonst wird es für Sie, Direktor Wan, peinlich.“  „Gut, gut, ich warte darauf, dass Sie Beweise finden! Wenn Sie keine finden, werde ich Sie, Bürgermeisterin Wu, fragen, was Ihre Absichten sind!“  Wu Xiaohao sah, dass das Gespräch an diesem Punkt angelangt war, und stand auf, um zu gehen.  Doch Wan Pingchuan zeigte auf sie: „Gehen Sie nicht, wir sind noch nicht fertig. Sie geben doch zu, dass ich siebzigtausend ausgegeben habe, um die Feuerwerkskörper-Explosion zu bereinigen. Jetzt haben Sie sich reingewaschen – was ist mit den siebzigtausend? Die sollten Sie mir zurückgeben, oder?“  Wu Xiaohao hatte sich längst eine Strategie zurechtgelegt und lächelte kalt: „Die Gemeindeverwaltung schuldet Ihnen siebzigtausend, aber wie viele Steuern haben Sie all die Jahre der Regierung vorenthalten? Mehr als sieben Millionen, oder?“  Wan Pingchuan erstarrte: „Was? Reden Sie keinen Unsinn!“  „Ob ich Unsinn rede, wird eine Steuerprüfung zeigen.“  Wan Pingchuan verstummte, öffnete und schloss nur noch den Mund wie ein großer Fisch außerhalb des Wassers. Wu Xiaohao warf Bürgermeister Liu einen Blick zu, beide standen auf und gingen.
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Und tatsächlich: Vor zehn Tagen kam Shi nach der Nachtschicht nicht nach Hause; sein Handy war tot. Am nächsten Morgen teilte die Firma mit: Shi habe sich aus unerfindlichen Gründen nach Feierabend im Kühlhaus eingeschlossen und sei erfroren. Lianlian eilte hin — Shi hockte in einer Ecke des Kühlhauses, weiß und starr wie eine Eisskulptur. Seltsam: Sein Handy war verschwunden. Lianlian verstand: Mu Pingchuan hatte ihn umgebracht. Sie rief Mu Pingchuan an und fragte, wie die Sache geregelt werde. Mu Pingchuan sagte, dieser Arbeitsunfall schmerze ihn zutiefst; er werde umgehend Entschädigung schicken. Noch am selben Abend brachte jemand eine Styroporkiste für Meeresfrüchte — darin eine Million Yuan in bar. Lianlian dachte, Shi sei tot, und mit dem Geld könne sie weiterleben; sie benachrichtigte seine Familie. Die kam, weinte, verlangte dann Geld — Lianlian musste die Hälfte abgeben. Nach der Beerdigung bereute sie es zutiefst: Sie hätte damals, als Mu Pingchuan sie vergewaltigte, sofort Anzeige erstatten sollen. Stattdessen hatte sie Shi geheiratet, die Schande zugegeben, und Shi — angestachelt davon — hatte mit seinem Leben bezahlt. Jetzt wollte sie klagen, fürchtete aber, nicht zu gewinnen. Nicht klagen war auch unerträglich. Sie stand am Rand eines Nervenzusammenbruchs.
  
Zurück im Büro schlug Wu Xiaohaos Herz noch immer wild, ihre linke Brust schmerzte dabei. Sie atmete tief aus, rief Anwältin Qian Yu an und sagte, jemand habe vor ihr Du Haoliangs illegale Handlungen enthüllt, was sie völlig blamiert habe. Qian Yu solle sich etwas überlegen und schnell die Scheidung durchbringen. Qian Yu sagte, beim letzten Prozess habe der Richter auf Aussöhnung gedrängt. Jetzt sei viel Zeit vergangen, man müsse erneut Klage einreichen. Wu Xiaohao sagte: „Dann reichen wir erneut ein, je schneller desto besser, ich habe es satt!“ Qian Yu sagte: „Gut, schreiben Sie mir eine neue Klageschrift.“  An diesem Abend schrieb Wu Xiaohao in ihrer Wohnung die Klageschrift. Weil sie sich erinnern und beschreiben musste, wurden alte Wunden wieder aufgerissen, was ihr Herz sehr schmerzen ließ.  Während sie schrieb, rief Bao Yueyue an: „Xiaohao, dass wir Schwiegereltern werden, steht fest.“ „Was meinst du?“ Yueyue lachte: „Hast du Diandians kitschige Drei-Zeilen-Liebesbriefe nicht gesehen?“ „Welche Liebesbriefe?“ „Kitschige Drei-Zeilen-Liebesbriefe! Die sind gerade bei jungen Leuten in Mode. Diandian hat sie gelernt und meinem Sohn öffentlich ihre Liebe gestanden!“ Wu Xiaohaos Kopfhaut kribbelte: „Wirklich? Dieses Mädchen! Ich schaue gleich, sofort.“  Sie legte auf, öffnete Diandians Moments und sah tatsächlich mehrere Posts, jeder bestehend aus drei zusammengefügten Fotos mit Text darauf: Das ist ein Hühnerschenkel. Das ist ein Schinken. Das sind meine langen Beine. (Das letzte Foto zeigt sie selbst)  Das ist Geld. Das ist eine Rechnung. Das ist mein „Freund“. (Das letzte Foto zeigt Fabu'er)  Das ist ein Klavier. Das ist das Land. Das ist meine unerschütterliche Ergebenheit. (Das letzte Foto zeigt Fabu'er)  Das ist Teer. Das ist Seide. Das ist die kleine Schwiegersohn meiner Mama. (Das letzte Foto zeigte Fabu'er).  Als Wu Xiaohao solche „Liebesbriefe“ sah, die beiden kindlichen Gesichter betrachtete, wusste sie nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Sie schaute auf die unfertige Scheidungsklage auf dem Computer und erkannte die Gnadenlosigkeit der Zeit und die Unberechenbarkeit des Schicksals – die Mutter kämpfte verzweifelt und versuchte mit allen Mitteln, aus der Gefangenschaft der Ehe zu entkommen, während die 14-jährige Tochter schon ans Verlieben dachte und ihrer Mutter einen kleinen Schwiegersohn finden wollte!  Wu Xiaohao stand auf und lief wie ein in die Enge getriebenes Wildschwein im Zimmer auf und ab. Sie lief lange, dachte lange und wusste nicht, wie sie mit Diandian reden sollte. Würde das Kind, dessen Herz sich gerade öffnete und das „unerschütterlich“ war, auf ihren Rat hören?  Ihr Handy piepte – Gangtou hatte ihr eine WeChat-Nachricht geschickt: „Zweite Tante, ich habe heute ein Video aufgenommen, schau es dir mal an.“  Wu Xiaohao schüttelte den Kopf, schob die Sorgen erst mal beiseite und öffnete das Video.  Es war auf einem Fischerboot aufgenommen. Vor Gangtou war das Deck mit allerlei durcheinanderliegenden Tauen. Davor fuhr ein Fischerboot, das gerade aus dem Meer zurückkehrte. Daneben war ein Gebiet mit dicht stehenden runden Kugeln – wie eine große Armee, die das Meer überquerte. Wu Xiaohao wusste, das war das große Miesmuschel-Zuchtgebiet. Dann tauchte plötzlich ein kleines Boot im Bild auf, näherte sich schnell dem Fischerboot, zwei Personen warfen runde Kugeln hinüber, und eine Person lag in der Kabine und filmte mit dem Handy.  Als Wu Xiaohao das sah, rief sie „Oh je!“  Sie rief sofort Gangtou an und fragte, wer das Video aufgenommen habe. Gangtou sagte: „Ich. Heute Morgen fuhr unser Boot zum Hafen, um Fisch zu verkaufen. Ich hatte auf Deck nichts zu tun und wollte ein Video für Douyin machen, und plötzlich filmte ich das hier. Ich hatte schon gehört, dass es hier Betrüger gibt, und zufällig habe ich es erwischt. Zweite Tante, du bist Bürgermeisterin, du musst dich kümmern.“  Wu Xiaohao sagte: „Natürlich kümmere ich mich. Ich suche gerade nach Beweisen für diese bösen Machenschaften, und du hast sie zufällig gefilmt. Hast du das Video irgendwo gepostet?“  „Nein.“  „Poste es nicht. Ich frage dich: Wenn du eines Tages als Zeuge auftreten musst, um zu bestätigen, dass du dieses Video aufgenommen hast, traust du dich das?“  „Warum sollte ich mich nicht trauen? Was können die mir schon tun? Schlimmstenfalls kann ich hier nicht mehr arbeiten und gehe nach Hause aufs Feld.“  Wu Xiaohaos Herz wurde warm: „Gut, du bist ein echter Held aus der Familie Lao Yan!“  Sie rief den Polizeichef an und erzählte davon. Der Chef sagte: „Bürgermeisterin, schicken Sie mir das Video, ich bereite sofort Material vor und melde es der Bezirkspolizei. Die Bezirkspolizei soll Kräfte bündeln und sie alle fassen.“ 
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Wu Xiaohao konnte es nicht mehr aushalten: „Wie soll sie nicht gewinnen? Mu Pingchuan tyrannisiert Kaipo seit Jahren — wenn wir ihn nicht jetzt, im Zuge der Anti-Mafia-Kampagne, zu Fall bringen, wird er weiter Unheil anrichten!" Guo Mo nickte und seufzte: „Eigentlich hätte auch ich schon längst klagen sollen. Vor zehn Jahren, als ich gerade an die Kulturstation kam, hat er mich einmal bestellt, einen höheren Beamten zu bewirten. Nachdem der gegangen war, wollte er mich nicht gehen lassen und zerrte mich aufs Sofa. Zum Glück riss ich mich los und rannte davon. Aus Angst vor seiner Macht habe ich geschwiegen — die bittere Pille geschluckt. Meine Cousine kommt aus den westlichen Bergen; ihre Freundinnen haben sie zur Shenfu-Gruppe mitgenommen. Als ich es erfuhr, warnte ich sie, vorsichtig zu sein. Sie sagte, sie stehe am Fließband und schneide Fischfilets — wie solle Mu Pingchuan ihr etwas antun? Doch sie entkam ihm nicht."
  
Das chinesisch-amerikanische Joint-Archäologie-Team hatte bei der Danqiu-Ausgrabung eine wichtige Entdeckung gemacht.  Das teilte Lehrerin Fang Wu Xiaohao am Telefon mit. Lehrerin Fang sagte: „Kommen Sie schnell vorbei und sehen Sie sich an, was wir auf den Tonscherben gefunden haben!“  Wu Xiaohao ließ den stellvertretenden Bürgermeister Liu Dalou, der für Kultur zuständig war, mitkommen und bat ihn, auch Guo Mo, die Leiterin des Kulturzentrums, zu rufen. Doch am Vormittag kam nur Liu Dalou, Guo Mo war nicht da. Liu Dalou sagte, Guo Mo habe Urlaub beantragt, weil zu Hause etwas vorgefallen sei, und könne nicht kommen.  Bei der Danqiu-Ausgrabungsstätte kam Bao Dandan mit ausgebreiteten Armen auf sie zu, umarmte Wu Xiaohao fest und sagte aufgeregt: „Hao, wir haben das Morgenlicht gesehen! Das Morgenlicht der Zivilisation!“  Als Dandan sie losließ, fragte Wu Xiaohao die lächelnde Lehrerin Fang, was das bedeute. Lehrerin Fang sagte: „Kommen Sie mit.“ Sie führte sie ins Zelt.  Drinnen waren viele Köpfe – schwarze Haare, blonde Haare – alle über etwas gebeugt. Lehrerin Fang sagte: „Macht mal Platz, lasst die beiden Bürgermeister schauen.“  Die Köpfe wichen zurück und enthüllten mehrere dunkelschwarze Tonscherben. Auf dem größten Stück war ein Muster eingraviert – ein Halbmond, der eine runde Scheibe trug.  Wu Xiaohao erkannte sofort: Das war Taowen (Tonschrift), die sie vor Jahren im Anhai-Museum und in Büchern gesehen hatte. Diese rätselhaften Schriftzeichen waren bereits in Zhucheng, Shouguang und anderen Orten gefunden worden – insgesamt über zwanzig, tausend Jahre älter als die Orakelknochen-Schrift. Sie fragte Lehrerin Fang: „Aus welcher Periode stammen diese Tonscherben?“  Lehrerin Fang sagte: „Es ist ein Tongefäß mit großer Öffnung, die Tonschrift ist auf dem Bauch eingraviert. Diese Form der Tonschrift wurde bereits zweimal an anderen Orten gefunden. Dass sie auch hier gefunden wurde, zeigt, dass es ein in einem bestimmten Gebiet gebräuchliches Schriftzeichen war – ein Prototyp chinesischer Schriftzeichen.“  „Was für ein Zeichen ist das?“  „Wissen wir nicht. Aber ich denke, es ist ein ideographisches Zeichen. Sehen Sie, die Sonne geht gerade auf, darunter trägt sie eine Wolke – ich denke, die Bedeutung entspricht dem Zeichen ‚dan' (Morgendämmerung). Professor Dandan stimmt meiner Meinung zu. Er sieht das Erscheinen dieser Schriftzeichen als Morgendämmerung der östlichen Zivilisation.“  Bao Dandan zeigte auf die Tonscherbe und sprach lange auf Schwedisch. Wu Xiaohao verstand nur halb. Lehrerin Fang übersetzte: Im Inkareich in Südamerika, das bis ins 16. Jahrhundert existierte, stellte man zwar schöne Bronzewaren her, schuf aber nie eine Schriftsprache, sondern konnte nur mit Knotenschnüren Aufzeichnungen machen. Auf dieser Seite des Pazifiks hatten die Chinesen bereits vor vier- bis fünftausend Jahren Schrift und verwenden sie bis heute – wie großartig sei das.  Wu Xiaohao nickte ihr zu: „Professorin Bao, Sie haben recht. In der Geschichte der menschlichen Zivilisation gibt es nichts Größeres als die Erfindung der Schrift. Der Legende nach, als ein Vorfahr namens ‚Cangjie' die Schrift schuf, regnete es Korn vom Himmel, und Geister weinten nachts. Das heißt, diese Tat bewegte den Himmel und die Geister.“  Dandan sagte daneben: „Wenn ich es gewesen wäre, damals hier gelebt hätte, ein Tongefäß gefertigt und Schriftzeichen darauf eingraviert hätte, hätte ich das unter Tränen getan.“ Dabei traten Tränen in seine blauen Augen.  Bao Dandan ging zu ihm, umarmte ihn, den Kopf an seiner Brust.  Wu Xiaohao drehte sich zu Lehrerin Fang um und fragte, wie lange die Ausgrabung noch dauern würde. Lehrerin Fang sagte, weil ihr Doktorand seine Dissertation verteidigen müsse, müsse er in einer Woche zurückkehren. Die viermalige Ausgrabung in Danqiu habe bereits viele Ergebnisse gebracht. Sie habe mit Dandan besprochen, erst mal eine Pause zu machen. Nach Rückkehr würden sie weiter ordnen und forschen, einen Bericht an den Staatsrat schreiben und auch Artikel in Fachzeitschriften veröffentlichen.  Wu Xiaohao sagte: „Lehrerin Fang, ich wünsche Ihnen und dem chinesisch-amerikanischen Joint-Archäologie-Team alles Gute. Ich danke Ihnen, dass Sie immer wieder nach Meizhou kommen und die kulturellen Gene und Blutlinien hier klarlegen und der Welt präsentieren. Unter solch reichem kulturellem Erbe zu arbeiten, macht uns sehr stolz.“  Nach dem Abschied von den Lehrern und Dandan fuhren Wu Xiaohao und Liu Dalou zur Jufeng-Gruppe. Die „Tiefsee Nr. 1“ war im Mai zu Wasser gelassen worden, sie wollte sehen, wie die Lachse gewachsen waren. Dort wartete Direktor Xun bei der Brüterei, und ein Mann mittleren Alters mit Brille grüßte sie mit einem Lächeln. Direktor Xun stellte vor: Das sei Direktor Ao, den die Jufeng-Gruppe aus Dalian angeheuert habe, speziell zuständig für das Lachszucht-Projekt. Er habe in Dalian jahrelang Lachse in Netzgehegen gezüchtet, mit großer Erfahrung. Direktor Ao sagte: „Ich habe zwar jahrelang mit Lachsen zu tun gehabt, aber noch nie solch riesige Netzgehege wie die ‚Tiefsee Nr. 1' verwendet. Ich stehe vor völlig neuen Herausforderungen.“  Wu Xiaohao ging in die Brüterei. In den großen Becken wimmelten silberfarbene kleine Fische, sehr lebendig. Direktor Ao sagte, sie hätten fünfhunderttausend Lachseier aus Japan importiert, die Schlupfrate liege über achtzig Prozent. Die Jungfische seien jetzt sehr gesund, wüchsen gut und würden Anfang Juli etwa vier Liang wiegen – dann könnten sie in die „Tiefsee Nr. 1“ umziehen. Wu Xiaohao sagte: „Gut, ich vertraue darauf, dass Direktor Ao dieses Projekt gut umsetzen kann.“  Direktor Xun sagte: „Auch in Qingma gibt es keine Probleme. Nach Vertragsunterzeichnung war ich mehrmals dort, jedes Mal begleitete Direktor Liu mich persönlich zur Baustelle, um den Fortschritt zu sehen. Letzte Woche war ich wieder dort, die ‚Tiefsee Nr. 1' ist fertig gebaut und in der Testphase. Ich habe bereits der Städtischen Meeres- und Fischereibehörde berichtet, die haben es der Provinzbehörde gemeldet, die wiederum dem Landwirtschafts- und Dorfministerium. Nächste Woche fahren der Stadtbehördenleiter und ich wieder nach Qingma, um mit Direktor Liu die Zeremonie zur Inbetriebnahme zu besprechen. Bürgermeisterin, Sie müssen unbedingt kommen.“  Wu Xiaohao nickte zustimmend.  Liu Dalou sagte nun: „Bürgermeisterin, Sun Wei hat mir mehrmals gesagt, das Fischereimuseum habe neue Ausstellungsstücke. Wo wir heute schon hier sind, sollen wir rübergehen und schauen?“ Wu Xiaohao sagte: „Gut, ich war zuletzt bei der Eröffnung dort, ich möchte auch wieder hin.“  Direktor Xun brachte die beiden Bürgermeister nach Yuewan. Dort parkten mehrere Busse, Grundschüler in Schuluniform standen in Reihen und gingen gerade ins Museum. Wu Xiaohao freute sich: „So viele junge Besucher!“ Direktor Xun sagte: „Die Stadt- und Bezirksbildungsbehörden haben dies als populärwissenschaftliche Bildungsstätte festgelegt, damit Kinder von klein auf die Fischereigeschichte kennenlernen.“  Sun Wei empfing sie am Eingang. Wu Xiaohao sah seine frühe Ankunft, zeigte auf ihn und sagte: „Na, Sun Wei bekommt immer mehr Direktorenausstrahlung.“ Sun Wei lachte: „Ich muss den Kindern eine Ausstellung erklären, da kann ich mich nicht zu leger kleiden.“  Er führte Wu Xiaohao und die anderen hinein, um die im vergangenen Jahr neu hinzugekommenen Exponate zu sehen. Im Abschnitt „Traditioneller Fischfang“ waren die drei Kategorien Netzfischerei, Angelfischerei und verschiedene Fanggeräte jeweils viel reicher als zuvor. Allein bei den Netzmaterialien wurden Hanf, Leinen, Baumwolle, Nylon, Polyester und andere Sorten gezeigt, und es gab sogar eine Rekonstruktion der damaligen Herstellung von Blutnetzen (mit Schweineblut gekocht). Neben den Objekten wurden mit zahlreichen Fotos und Texten anschaulich Fangmethoden wie Schlagen, Sperren, Locken, Angeln, Stechen, Verwickeln, Einkreisen und Schleppen erklärt. Im Abschnitt „Fischerleben“ waren Kleidung und Accessoires der Fischer stark erweitert. Besonders die gepolsterten Hosen und Ölkleidung waren dick und hart wie Metallrüstungen – Besucher konnten sich mit etwas Vorstellungskraft die Härten der Fischer beim Gang aufs Meer vorstellen.  Wu Xiaohao betrachtete ein Stück nach dem anderen, ganz vertieft, bis Liu Dalou sie daran erinnerte, dass es schon halb zwölf war. Erst dann beschloss sie zu gehen. Direktor Xun lud sie zum Essen in der Gruppe ein, aber sie lehnte entschieden ab. Sie sagte: „Sprechen wir nicht übers Essen, sondern über einen Gedanken, der mir gerade kam. Direktor Xun, Direktor Sun Wei, ich beantrage: Nach meiner Pensionierung werde ich Forscherin im Museum und schreibe eine ‚Geschichte der Fischerei in Yu', wie wäre das?“  Direktor Xun sagte: „Wunderbar! Bürgermeisterin, Sie müssen unbedingt kommen. Die ‚Geschichte der Fischerei in Yu' wird bestimmt hervorragend. Allerdings ist es bis dahin noch lange hin.“  Wu Xiaohao sagte: „Was heißt lange? Die Zeit fliegt. Als ich zur Uni kam, war ich neunzehn – das scheint erst gestern gewesen zu sein, aber im Handumdrehen bin ich schon vierzig.“ 
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Wu Xiaohao sagte: „Rede noch einmal mit deiner Cousine — kein Zögern mehr." Guo Mo sagte: „Gut — wenn ich sie überzeugt habe, bringe ich sie zur Polizei."
  
Auf Wu Xiaohaos Schreibtisch lagen Manuskripte und USB-Sticks von „Erinnerungen an Meizhou“. Nachdem sie letztes Jahr diese Aufgabe delegiert hatte, hatten die Dörfer gebildete Leute beauftragt, mit Älteren zu sprechen, und nach und nach Aufnahmen und transkribierte Manuskripte dem Kulturzentrum gemeldet. Guo Mo reichte sie Wu Xiaohao weiter, die sie in ihrer Freizeit hörte und las.  Sie liebte es, die Aufnahmen zu hören. Alte Männer und Frauen erinnerten sich mit ihren vom Leben gezeichneten Stimmen an die Vergangenheit, erzählten Dorf- und Familiengeschichte sowie selbst erlebte Menschen und Ereignisse – als würde die Zeit zurückfließen und sie selbst in die Vergangenheit versetzt.  Wu Xiaohao hörte an manchen Stellen überrascht, an anderen bewegt, ihr Herz geriet in Aufruhr.  Sie hörte eine alte Frau erzählen: Als sie acht Jahre alt war, ging ihr Vater im Winter aufs Meer, das Boot kenterte im Wind. Seine Leiche wurde dreißig Li entfernt am Strand gefunden – in hockender Haltung, zu einem Eismann gefroren. Zu Hause konnte man ihn nicht auftauen, ihm weder Kleidung noch Totenhemd anziehen, noch konnte er im Sarg flach liegen – man musste ihn hocken lassen, legte das Totenhemd über ihn, und bei der Bestattung blieb der Sargdeckel offen. Als die Alte das erzählte, brach sie in Tränen aus, und auch Wu Xiaohao weinte.  Sie hörte einen Kapitän erzählen: In seiner Jugend fuhren sie im ersten Mondmonat zum Fischen in den Bohai-Golf. Nachts kam plötzlich ein starker Nordwind auf, es war bitterkalt, viele Boote froren auf dem Meer fest. Als am Morgen die Sonne schien, glitzerte die Meeresoberfläche, alle Boote standen dort fest – als wäre die ganze Welt eingefroren. Noch heute, wenn er sich an dieses Bild erinnere, zittere sein Herz. Als Wu Xiaohao das hörte und sich dieses unheimliche Bild vorstellte, zitterte auch ihr Herz.  Sie hörte einen alten Mann aus dem Dorf Shunjia erzählen: Vor vierzig Jahren, als sie gemeinsam tief pflügten und „Großfelder“ anlegten, grub er mit der Hacke hinein – es machte „klang“, der Handgriff brach fast ab. Er schaute nach unten – da war ein rostiges Metallteil. Alle gruben es gemeinsam aus und schauten – es sah aus wie eine Axt, hatte aber drei zusätzliche Klingen mit Ornamenten darauf. Niemand erkannte, was das war, aber alle wussten, es war aus Bronze und man konnte Geld dafür bekommen. Die Schrotthändler der Kommune kauften kein Bronze an, also nahm der Produktionsteam-Leiter einen großen Hammer und zerschlug es. Wie viel Geld sie dafür bekamen, erinnert er nicht mehr, nur dass alle 62 Personen im Team jeweils acht Fen bekamen. Später hörte er, das sei ein Bronzekessel gewesen, sehr wertvoll ... Als Wu Xiaohao das hörte, seufzte sie lang auf.  Sie hörte eine alte Frau erzählen: Früher gab es keine Familienplanung, Frauen wurden nach der Heirat sofort schwanger und gebaren Kinder. Kaum hatte sie einem Kind die Brust gegeben, war sie schon wieder schwanger. Sie gebar acht Kinder nacheinander, bekam dann eine Krankheit – sie wollte wirklich kein Kind mehr, aber war wieder schwanger. Sie hörte, man könne mit getrockneten Tausendfüßlern und Purpurwurz, zu Pulver gemahlen, mit Wein gemischt und auf den Nabel gelegt, abtreiben. Also ging sie aufs Feld, um die Insekten zu fangen und die Pflanze zu holen, wendete es heimlich an. Das Kind wurde ausgestoßen, sie verlor viel Blut, räumte auf und machte weiter, als wäre nichts gewesen – kochte und arbeitete auf dem Feld. Es ging nicht anders, eine große Familie wartete aufs Essen ... Als Wu Xiaohao das hörte, war sie lange traurig – für diese Frau, für diese Generation von Bäuerinnen.  Nach all diesen Erzählungen fand Wu Xiaohao diese mündlichen Geschichten immer wichtiger. Sie dachte: Die heutigen jungen Leute ziehen in die Städte, sind nicht bei den Alten, und selbst wenn, hören nur wenige geduldig diese alten Geschichten. Wenn die Alten sterben, werden diese Erinnerungen mit der Asche ihrer Körper verschwinden wie ein Rauchfaden. Deshalb müsse man sich beeilen, Interviews zur Bewahrung dieses Wissens führen, die Dorf-Erinnerungen dieser Generation bewahren, Historikern ursprünglichstes, authentischstes Volksmaterial liefern und Nachkommen die Erfahrungen dieser Generation und die Spuren der Zeit verstehen lassen.  Viele verstanden nicht, was sie tat. Sogar Sekretär Fang sagte, was bringe das Wühlen in altem Zeug? Es erhöhe auch nicht das Einkommen der Bürger. Vize-Sekretär Chi Jiagong diskutierte sogar hinter ihrem Rücken: „Wu Xiaohao studierte Geschichte an der Uni, als Bürgermeisterin macht sie noch solche Sachen – etwas unseriös.“  Als Wu Xiaohao das hörte, zögerte sie und wollte aufhören. Aber wenn sie wieder die Erzählungen der Alten hörte, beschloss sie fest, weiterzumachen. Sie dachte: Ein Mensch sollte, egal in welchem Beruf, ein gewisses historisches Bewusstsein haben. Menschen ohne historisches Bewusstsein können die gegenwärtige Zeit und das Leben nicht tiefgründig fühlen und durchdenken.  Doch die Sache lief nicht glatt. Nach über einem Jahr hatte ein Drittel der Dörfer noch nicht abgeliefert. Sie ließ Liu Dalou Guo Mo anweisen, in den betreffenden Dörfern nachzuhaken, aber es kam kein neues Material. Wu Xiaohao wurde wütend, rief Guo Mo direkt an und bat sie zu kommen, um darüber zu sprechen.  Guo Mo kam. Sie war mager geworden, sah niedergeschlagen aus, stand nach dem Eintreten nur da und sagte: „Direktorin, tut mir leid. Meine Cousine hat ihren Mann verloren, ich hatte keine Zeit für ‚Erinnerungen an Meizhou'.“  Wu Xiaohao fragte: „Wann ist dein Cousin gestorben?“  „Vor zehn Tagen.“  Wu Xiaohao sagte: „Vor zehn Tagen sollte die Beerdigung vorbei sein, oder? Wie kann das deine Arbeit beeinträchtigen?“  Guo Mo sagte: „Er ist nicht normal gestorben, wahrscheinlich hat Wan Pingchuan ihn ermordet, um ihn zum Schweigen zu bringen.“  Wu Xiaohao erschrak: „Was? Mord zum Schweigen bringen? Guo Mo, setz dich, erzähle langsam.“  Guo Mo setzte sich, zog ihre Augenbrauen zu einem umgekehrten „Acht“ zusammen, ließ ihre Augenlider hängen, zögerte lange und nahm dann einen entschlossenen Gesichtsausdruck an: „Direktorin, ich erzähle es Ihnen. Meine Cousine will in diesen Tagen verrückt werden, ich bin den ganzen Tag bei ihr, kann mich nicht mal um mein Kind in der Stadt kümmern, musste meine Schwiegermutter herholen. Geben Sie mir einen Rat, was soll ich tun?“  Dann erzählte sie die Geschichte ihrer Cousine. Sie sagte, die Cousine sei fünf Jahre jünger als sie, sehr hübsch, und heiße Ge Lianlian. Vor zwei Jahren kam Lianlian zur Shenyou-Gruppe arbeiten, an der Meeresfrüchte-Verarbeitungslinie, den ganzen Tag in gepolsterter Kleidung bei etwa null Grad Celsius Fisch schneidend, die Hände waren aufgeplatzt. Unerwartet wurde sie plötzlich ins Büro der Gruppe versetzt. Später hörte sie, Wan Pingchuan habe einem Untergebenen befohlen, ihm ein junges, hübsches Mädchen zu finden, und Lianlian sei ausgewählt worden. Am dritten Tag vergewaltigte Wan Pingchuan sie. Danach erzählte Lianlian es ihrer Cousine, wollte auch Anzeige erstatten, aber sie mochte wirklich nicht mehr in der Werkshalle die schmutzige Arbeit machen und ihr Aussehen verlieren, also biss sie die Zähne zusammen und blieb bei Wan Pingchuan. Sie hörte Wan Pingchuan sagen, oben hätten viele Leiter ihn im Rücken, da fürchtete sie Wan Pingchuan noch weniger.  Nach einer Weile schickte Wan Pingchuan sie zurück an ihren ursprünglichen Arbeitsplatz, aber nicht in die Werkshalle, sondern ins Prüflabor als Prüferin. Sie hörte, Wan Pingchuan habe ein neues junges Mädchen. Sie fand es auch gut, von Wan Pingchuan wegzukommen – sie sollte einen Partner finden und heiraten. Nicht lange darauf warb ein junger Mann, der ein Kühlhaus bewachte, um Lianlian, mit Nachnamen Shi. Der junge Shi hatte zwar keine Bildung, aber einen guten Charakter. Lianlian dachte an ihre Vergangenheit mit Wan Pingchuan und stimmte zu. Doch nach der Hochzeit fragte Shi Lianlian, ob Wan Pingchuan sie missbraucht habe. Er fragte täglich, sie musste es schließlich zugeben. Shi ließ sie ein schriftliches Zeugnis mit Fingerabdruck anfertigen, dann rief er Wan Pingchuan an und sagte, Wan habe seine Frau vergewaltigt und müsse ihm seelischen Ausgleich zahlen. Wan fragte: „Wie willst du ausgeglichen werden?“ Shi sagte: „Ich will Niederlassungsleiter werden.“ Wan Pingchuan sagte: „Die Führungskräfte der Gruppe sind ‚vier Fleischspeisen, acht Säulen' – vier stellvertretende Direktoren, acht Niederlassungsleiter. Sie sind alle besetzt, wie soll ich dich einsetzen? Soll ich ‚vier Speisen, neun Säulen' machen?“ Shi sagte: „Mir egal, ob acht oder neun Säulen, ich will Niederlassungsleiter werden.“ Wan Pingchuan sagte: „Warte noch mit dem Posten, ich gebe dir erst mal Trostgeld.“ Er gab ihm auf einmal dreihunderttausend. Mit dem Geld kaufte Shi ein gutes Auto und verstummte, bewachte weiter das Kühlhaus.  Unerwartet, bei der landesweiten Anti-Mafia-Kampagne dieses Jahr, erpresste Shi Wan Pingchuan wieder, wollte unbedingt Leiter werden, bewachte das Kühlhaus nicht mehr. Er sagte auch, er habe bereits viele kriminelle Tatsachen von Wan Pingchuan gesammelt, einschließlich der Anweisung, einen ungehorsamen Mitarbeiter zu Tode zu prügeln. Wenn seine Forderung nicht erfüllt werde, gehe er zur Polizei. Das erschreckte Lianlian sehr, sie versuchte mehrmals, Shi zu überreden, aber erfolglos. Shi bestand darauf, erst Leiter zu werden, dann würde er ruhen. Guo Mo sagte, sie habe auch mit Shi gesprochen, aber er hörte nicht zu und behauptete, er würde nicht eher aufhören, bis er Leiter wäre. Guo Mo sagte, das sei Selbstmord. Tatsächlich, vor zehn Tagen, nach der Nachtschicht, kam Shi nicht nach Hause, Lianlian konnte ihn telefonisch nicht erreichen. Am nächsten Morgen benachrichtigte die Firma sie, dass Shi sich aus unbekannten Gründen nach Feierabend im Kühlhaus eingeschlossen und sich zu Tode gefroren habe. Lianlian eilte ängstlich hin – Shi lag tatsächlich in einer Ecke des Kühlhauses, zu einem Eisblock gefroren. Seltsam war: Sein Handy war nicht bei ihm, niemand wusste, wo es war. Guo Mo wusste sofort: Wan Pingchuan hatte ihn ermordet. Sie rief ihn an und fragte, wie Shis Fall behandelt würde. Wan Pingchuan sagte, über diesen Sicherheitsunfall sei er sehr betrübt, die Firma würde sofort Entschädigungsgeld zahlen. Am selben Abend brachte tatsächlich jemand Lianlian eine Styroporbox – darin eine Million in bar. Lianlian dachte: Shi ist schon tot, mit diesem Geld kann sie weiterleben. Sie benachrichtigte Shis Familie, dreißig Li entfernt. Die Familie kam, weinte und forderte von Lianlian Geld. Sie musste ihnen die Hälfte geben. Nachdem Shi in seiner Heimat begraben war, bereute Lianlian es sehr, weinte jeden Tag und gab sich die Schuld: Sie sei zu schwach gewesen, hätte sich nicht von Wan Pingchuan vergewaltigen lassen sollen, hätte ihn gleich anzeigen sollen. Dann hätte sie Shi nicht geheiratet, hätte diesen Schandfleck nicht zugeben müssen und Shi hätte nicht seine Gier entwickelt und sein Leben verloren. Sie wollte Anzeige erstatten, fürchtete aber, nicht zu gewinnen, und war auch nicht bereit, es zu lassen – sie stand kurz vor dem Nervenzusammenbruch.  Wu Xiaohao konnte nicht anders und sagte händeringend: „Wie kann sie nicht gewinnen? Wan Pingchuan tyrannisiert Meizhou seit Jahren, begeht viele Verbrechen. Wenn wir nicht die Anti-Mafia-Kampagne nutzen, um ihn zu Fall zu bringen, wird er weiter Menschen schaden!“  Guo Mo nickte und seufzte: „Eigentlich hätte ich ihn auch längst anzeigen sollen. Vor zehn Jahren, als ich gerade im Kulturzentrum anfing, ließ er mich einmal Führer beim Essen mit Vorgesetzten sein. Nach dem Essen ließen die Führer mich nicht gehen, er zerrte mich aufs Sofa. Zum Glück konnte ich mich losreißen und fliehen, sonst hätte er sein Ziel erreicht. Damals dachte ich, er könne mit einer Hand den Himmel verdecken, ich wagte nicht, ihm zu widerstehen, also schwieg ich. Meine Cousine kommt aus einem Bergdorf im Westen, ein Dorfmädchen lud sie ein, bei der Shenyou-Gruppe zu arbeiten. Nachdem ich von ihren Plänen erfuhr, warnte ich sie vorsichtig zu sein. Sie sagte, sie schneide in der Werkshalle Fisch, sähe Wan Pingchuan nie – was könne er ihr tun? Nicht gedacht, dass sie seiner Klaue doch nicht entkam.“  Wu Xiaohao sagte: „Überzeugt deine Cousine noch mal, nicht mehr zu zögern.“  Guo Mo sagte: „Gut, wenn ich sie überzeuge, bringe ich sie zur Polizei.“  Zwei Tage später, nachts, kamen viele Polizisten aus Yu, umstellten heimlich das Hauptquartier der Shenyou-Gruppe und verhafteten über zehn Personen. Wu Xiaohao hörte, wie Wan Pingchuan, als er ins Auto geschoben wurde und am Yanzhuangmatou vorbeifuhr, zweimal „Chengshou!“  schrie. Beim Gedanken an Huang Chengshou fühlte Wu Xiaohao gemischte Gefühle. An diesem Abend stand sie am Yanzhuang-Kai, schaute lange auf das Meer und die Kiemenmenschen-Insel.
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Zwei Nächte später rückte eine große Polizeieinheit aus Yucheng an und umstellte lautlos die Zentrale der Shenfu-Gruppe. Über ein Dutzend Personen wurden abgeführt.
 
 
Die Zeremonie zur Inbetriebnahme der „Tiefsee Nr. 1“ war für den 11. Mai in Qingma angesetzt. Direktor Xun rief Wu Xiaohao an: „Bürgermeisterin, dieses Projekt haben Sie mit ermöglicht, Sie müssen unbedingt kommen.“ Wu Xiaohao sagte: „Natürlich komme ich, das ist ein großes Ereignis in Chinas Fischereigeschichte, ich muss vor Ort Zeuge sein.“  Auch Liu Jingji schickte eine WeChat-Nachricht und ließ sie die fertiggestellte „Tiefsee Nr. 1“ sehen. Wu Xiaohao sah das riesige, goldgelb gestrichene Netzgehege am Meer stehen, im Hintergrund blauer Himmel und weiße Wolken, und antwortete: „Einfach großartig und majestätisch!“ Liu Jingji sagte: „Genau, dieser historische Moment – wir dürfen nicht fehlen! Du musst unbedingt kommen, ich freue mich so sehr. Ein Vize-Minister vom Landwirtschafts- und Dorfministerium kommt, wagst du zu fehlen?“ Wu Xiaohao antwortete: „Danke, alter Klassenkamerad, für diese Gelegenheit. Ich komme mit Sekretär Fang.“  Wu Xiaohao bereitete sich sorgfältig auf diese Zeremonie vor. Sie fand, ihre Kleidung passe nicht für so einen Anlass, suchte online lange und kaufte eine weinrote Jacke. Sie fand auch ihre Haare unordentlich, fuhr am Wochenende extra in die Stadt zu einer Frisur.  Die Jufeng-Gruppe mietete einen mittelgroßen Bus und wollte am Nachmittag des 10. die Leute abholen – erst Sekretär und Bürgermeister, dann einige Behördenleiter in der Stadt einsammeln. Wu Xiaohao ging vormittags nicht aufs Land, unterschrieb nur dringende Finanzbelege. Sie rief das Finanzamt an, und bald kam stellvertretende Leiterin Wang Jingliang mit einem Stapel Rechnungsbüchern und Belegen. Wu Xiaohao sah sie durch, fand keine Probleme und unterschrieb die Genehmigung. Sie bemerkte, einige Belege gehörten zwar zu legitimen Ausgaben, hielten aber einer Prüfung nicht stand, und schickte Jingliang zurück zur Überprüfung. Sie sagte: „Jingliang, die Organisation hat dich zur stellvertretenden Leiterin gemacht, nicht nur wegen deiner Ausbildung und deines Könnens, sondern weil du an Prinzipien festhältst und Finanzvorschriften strikt einhältst. Enttäusche das Vertrauen der Organisation nicht.“ Jingliang sagte: „Ich merke es mir, ich schaue künftig noch genauer hin.“  Es gab viele Belege, um zehn war sie noch nicht fertig. Da rief Bezirksumweltbehörden-Leiter Sun Shijun an und sagte, er begleite den Bezirkschef zur Umweltinspektion. Bei der Ou-Brücke hätten sie Probleme entdeckt, Wu Xiaohao solle sofort mit Leuten vom Umweltamt kommen. Wu Xiaohao sagte: „Direktor Sun, ich fahre heute Nachmittag nach Qingdao, morgen nehme ich an einer wichtigen Veranstaltung teil. Kann der zuständige stellvertretende Bürgermeister hingehen?“ Direktor Sun sagte: „Nein, Sie sind doch Flusschefin des Ou-Flusses? Bei der Ou-Brücke leitet ein Schweinestall Abwasser direkt in den Fluss – sollten Sie das nicht persönlich korrigieren? Nicht ich lasse Sie kommen, sondern der Bezirkschef befiehlt es!“
 
 
 
Wu Xiaohao sagte zu und legte auf. Sie saß da und seufzte tief. Sie sagte Wang Pingping, sie solle ihre Sachen packen und nach Hause gehen, dann rief sie den Sekretär an und sagte, sie könne nicht nach Qingdao fahren, Bezirksleiter Lan warte bereits auf der Hühnernest-Höhe auf sie. Der Sekretär sagte: „Dann fahr schnell hin und tu, was nötig ist. Jetzt wird bei Umweltfragen streng durchgegriffen, wir können uns keine Disziplinarstrafe leisten.“  Wu Xiaohao rief dann an und bat die beiden Leiter des Sanitäramts, sofort vor das Gebäude zu kommen, um mit ihr zur Hühnerstall-Höhe zu fahren und Bezirksleiter Lan zu treffen. Als sie hinunterging, sah sie jedoch nur Lao Wei. Sie fragte ihn, warum Direktor Yan nicht gekommen sei. Lao Wei flüsterte ihr zu, dass Direktor Yan seit der Verhaftung von Ba Pingchuan vom Shenhua-Konzern kaum noch zur Arbeit käme. Anscheinend stehe Direktor Yan unter großem Druck, aus Angst, dass Ba Pingchuan nach seiner Verhaftung andere mit hineinziehen könnte, auch ihren Ehemann. Deshalb habe sie keine Lust mehr zu arbeiten, zeige sich nur noch kurz und gehe dann nach Hause. Wu Xiaohao dachte: Ihr Ehemann, Vorsitzender Lai, stand Ba Pingchuan sehr nahe – es ist durchaus möglich, dass er da hineingezogen wird.  Kaum im Auto, beschwerte sich Lao Wei: „Bürgermeisterin, von der Familienplanungsbehörde zur Sanitätsbehörde zu wechseln ist wie aus dem Kugelhagel ins Trommelfeuer zu geraten. Jetzt wird der Umweltschutz so streng überwacht, es ist kein bisschen leichter als Familienplanung. Ich erlebe jeden Tag wie ein Jahr und sehne mich nur noch nach der Rente!“ Wu Xiaohao sagte: „Solange du Mönch bist, musst du die Glocke läuten. Solange du nicht in Rente bist, musst du deine Arbeit gut machen. Ich frage dich: Die Schweinefarm auf der Hühnerstall-Höhe – letzten Monat haben wir das Problem entdeckt. Ich dachte, es wäre schade, die Farm abzureißen, nachdem eine halbe Million investiert wurde, also sollte er sie nur verbessern. Wie hast du das umgesetzt?“ Lao Wei sagte: „Ich war mehrmals dort, und jedes Mal sagte er, er würde es sofort ändern. Wer hätte gedacht, dass er uns nur hinhält.“  Als die beiden auf der Hühnerstall-Höhe ankamen, saßen Bezirksleiter Lan und Direktor Sun mit einigen Leuten auf der Anhöhe. Als er Wu Xiaohao kommen sah, stand Bezirksleiter Lan auf, klopfte sich den Staub vom Hintern und sagte mit ernster Miene: „Bürgermeisterin Xiaohao, ich muss noch zu anderen Gemeinden, fassen wir uns kurz. Diese Schweinefarm ist eine der Verschmutzungsquellen des Hua-Flusses und wurde beim Bürgermeister gemeldet. Die Bezirksregierung befiehlt dir, sie innerhalb von sechsunddreißig Stunden abzureißen, das heißt bis morgen um sechs Uhr abends. Wenn das Umweltinspektionsteam kommt und es nicht erledigt ist, werden du und ich beide unsere Posten verlieren und uns in der Stadt erklären müssen.“ Damit ging er.  Wu Xiaohao war völlig durcheinander. Sie rief schnell den Parteisekretär des Dorfes, Xie Hongfeng, und ging gemeinsam mit ihm zum Besitzer der Schweinefarm. Der Farmbesitzer beobachtete gerade die fetten Schweine in den Ställen. Lao Wei schimpfte ihn an: „Alter Jiao, du Mistkerl! Wie oft hast du gesagt, du würdest es ändern, und dann hast du nichts getan! Jetzt hast du den Bezirksleiter hierher gelockt, jetzt kriegst du dein Fett weg!“ Der alte Jiao erkannte, dass die Sache ernst war, hockte sich hin, rauchte nur und sagte kein Wort. Wu Xiaohao sagte: „Alter Jiao, der Bezirksleiter hat einen definitiven Befehl gegeben, deine Schweinefarm ist nicht zu retten. Das ist selbstverschuldet – warum hast du nicht verbessert, als wir es dir sagten? Jetzt gibt es keinen anderen Weg mehr. Ruf schnell jemanden an, verkaufe heute die Schweine und reiße morgen die Farm ab.“  Lao Jiao starrte Wu Xiaohao an und sagte jämmerlich: „Kann ich nur die Schweine verkaufen und die Farm nicht abreißen?“  Wu Xiaohaos Herz wurde weich, aber sie blieb hart: „Nein, sie muss abgerissen werden! Hör auf, auf Glück zu hoffen!“  Als der alte Jiao nickte, gingen Wu Xiaohao und der alte Wei zum Mittagessen zurück. Der alte Wei sollte am Nachmittag zurückkehren und aufpassen. Am Abend berichtete der alte Wei ihr, dass der alte Jiao alle fünfhundertzwanzig Schweine verkauft hatte. Am nächsten Tag gingen Wu Xiaohao und der alte Wei wieder auf die Hlühnerstall-Höhe, um den Abriss der Schweinefarm zu überwachen, aber Xie Hongfeng sagte, der alte Jiao sei weggelaufen, man könne ihn nicht finden, und er gehe auch nicht ans Telefon. Der alte Wei fragte: „Bürgermeisterin, was machen wir?“ Wu Xiaohao sagte: „Wir bleiben standhaft. Wenn das Inspektionsteam kommt, erklären wir es ihnen. Jedenfalls sind die Schweine weg, es gibt keine Verschmutzung mehr. Lass diese Farm stehen, vielleicht kann sie später noch für etwas anderes genutzt werden. Komm, lass uns in die anderen Dörfer schauen, ob es dort noch Verschmutzungsquellen gibt.“  Sie gingen hinter das Dorf Hühnerstall-Höhe, folgten dem Hua-Fluss flussaufwärts, besuchten fünf Dörfer und entdeckten noch eine weitere Farm mit Abwasserproblemen. Wu Xiaohao befahl ihnen streng, Verbesserungen vorzunehmen, und empfahl die Methode, Sägemehl als Einstreu zu verwenden. Am Nachmittag gingen sie zurück nach Jiwo Ridge, um zu warten. Tatsächlich kam ein Auto, aus dem eine Gruppe uniformierter Fremder stieg. Der Teamleiter fragte: „Warum wurde noch nicht abgerissen?“ Der alte Wei sagte: „Der Schwiegervater des Farmbesitzers ist gestorben, die ganze Familie ist zur Beerdigung gefahren, der Abriss muss ein paar Tage warten.“ Der Teamleiter sah, dass im Inneren kein einziges Schwein war, sagte nichts weiter, lachte und ging mit den anderen weg.  An diesem Abend schickte Liu Jingji Wu Xiaohao ein Video mit Nachrichten: Das weltweit größte vollständig tauchbare große Netzgehege „Tiefsee Nr. 1“ wurde fertiggestellt und zu Wasser gelassen. Ein stellvertretender Minister des Ministeriums für Landwirtschaft und ländliche Angelegenheiten wies in seiner Rede darauf hin, dass die erfolgreiche Inbetriebnahme des ersten vollständig tauchbaren großen intelligenten Netzgeheges in Shandong ein wichtiges Ereignis im Modernisierungsprozess der chinesischen Aquakulturindustrie sei. Dieses nationale Schwergewicht, das plötzlich auftauche, werde zweifellos eine neue Ära der Offshore- und Tiefseefischerei in China einleiten und ein neues großartiges Kapitel in Chinas Offshore-Fischerei schreiben. Am Ende des Videos wurde „Tiefsee Nr. 1“ von Schleppern gezogen und fuhr langsam aus der Werft.  Wu Xiaohao fragte, ob „Tiefsee Nr. 1“ sein Ziel erreicht habe. Liu Jingji sagte, noch nicht, es würde etwa zwanzig Stunden dauern.  Am nächsten Morgen um zehn Uhr rief Wu Xiaohao Ba Zong an, konnte ihn aber nicht erreichen und wusste, dass er auf See war. Sie fragte Liu Jingji nach der Situation. Liu Jingji sagte, wegen des wechselhaften Wetters auf See hätten sie die Geschwindigkeit reduzieren müssen, seien aber jetzt endlich am Ziel angekommen. Erst da atmete Wu Xiaohao erleichtert auf. 
 
 
 
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An diesem Tag, gerade als Wu Xiaohao mit dem Mittagessen fertig war, rief Wang Pingping an: „Bürgermeisterin, auf dem Schnurgelpark-Platz sind viele Blumen aufgeblüht, kommen Sie nicht schauen?“ Wu Xiaohao sagte: „Ja klar, ich komme, ich war schon so viele Tage nicht mehr auf dem Platz.“  Als Wu Xiaohao dort ankam, entdeckte sie, dass an den vielen Schnurgelbäumen hellrote neue Blätter gewachsen waren, und die Magnolien, Kirschen, Azaleen und Tulpen blühten in voller Pracht. Viele Menschen erholten sich dort und spielten, Kinder rannten herum und jagten Schmetterlingen nach. Es war gerade die Frühlingszeit, der warme Südwestwind wehte sanft mit Blumenduft, was Wu Xiaohao ein Gefühl von Frische und Entspannung gab – ein lange vermisstes Gefühl der Leichtigkeit.  Eine Kinderstimme rief: „Tante Wu! Tante Wu!“ Sie sah Qingqing mit ihrer Mutter vor dem Relief auf der Westseite des Platzes. Als der Schnurgelpark angelegt wurde, wurden auf Wu Xiaohaos Vorschlag hin zwei große Steinreliefs aufgestellt, damit die Menschen die kulturelle Bedeutung der Schnurgelbäume verstehen konnten. Das westliche zeigte die Szene, wie Zilu vor Konfuzius' Grab einen Schnurgelbaum pflanzte; das östliche zeigte den Gelehrten Shi Niuhuang aus der Qing-Dynastie, wie er unter einem großen Schnurgelbaum in Yu nachdachte. Shi Zhangrus fünfsilbiges Gedicht „Der von Zilu gepflanzte Schnurgelbaum“ und Shen Gongs Antwortgedicht waren ebenfalls auf den beiden Reliefs eingraviert.  Cao Cao sagte, sie habe Qingqing gerade die Geschichte der Schnurgelbäume erzählt und hoffe, dass er wie ein Schnurgelbaum stark und gesund heranwachsen würde. Dann zog sie ihren Sohn zu einem Schnurgelbaum, ließ ihn den Baum umarmen und lehrte ihm Zeile für Zeile einen Kinderreim:  „Umarme Sträucher und Bäume, ich wachse hoch, du wächst lang. Du wirst lang und wirst Bauholz, ich werde groß und trage Uniform!“  Wu Xiaohao erinnerte sich, dass sie als Kind auch diesen Reim konnte, aber die erste Zeile war „Schnurgelbaum“. Sie verstand, dass Cao Cao es geändert hatte. Sie sagte: „Cao Cao, lass uns diesen Reim noch einmal ändern.“  Cao Cao dachte nach und rezitierte:  „Umarme Sträucher und Bäume, ich wachse hoch, du wächst lang. Ich werde groß und werde ein guter Mensch, du wirst lang und wirst ein Pfeiler!“  Wu Xiaohao klatschte begeistert in die Hände und brachte es dem Sohn bei. Der Sohn lernte es, rezitierte es beim Rennen und lief davon.  Wu Xiaohao lehnte sich an das Relief und schlug die flache Hand vor die Stirn: „Ich hab's! Beim Kindertag dieses Jahr machen wir eine Baumpatenschaftsaktion nach dem Prinzip der Freiwilligkeit. Schüler übernehmen die Patenschaft für einen Baum, die Eltern spenden etwas Geld – das hat Bildungswert und kann auch die Unterhaltskosten des Schnurgelparks ausgleichen.“  Cao Cao sagte: „Wow, das ist eine gute Idee. Welches Kind auch immer eine Patenschaft übernimmt, wir hängen ein Namensschild daran und gravieren deinen neu bearbeiteten Kinderreim darauf. Ich übernehme eine Patenschaft für Qingqing, ich spende eintausend Yuan.“  Wu Xiaohao sagte: „Ich übernehme auch eine Patenschaft für Diandian, damit sie in den Sommerferien herkommen und ihn besuchen kann.“ 
 
 
 
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Von Spätsommer bis Hochsommer war Wu Xiaohao mit verschiedenen Arbeiten und Angelegenheiten beschäftigt, während sie sich gleichzeitig um zwei große Dinge kümmerte: erstens ihre Scheidungsklage, zweitens die „Tiefsee Nr. 1“ des Shenhua-Konzerns.  Anwältin Xie Yufeng hatte Wu Xiaohaos erneute Scheidungsklage bereits beim Gericht eingereicht. Nach einem Monat Wartezeit traf die zuständige Richterin Zheng Lizhi endlich Wu Xiaohao. Richterin Zheng hörte sich ihre Aussage an, verstand ihre Forderungen und sagte, sie habe bereits mit You Haoliang gesprochen, aber er stimme der Scheidung immer noch nicht zu. Wu Xiaohao wurde ungeduldig: „Unsere Gefühle sind völlig zerbrochen, er stimmt der Scheidung nicht zu und treibt sich auch noch draußen herum – unterstützt das Gesetz etwa solches Verhalten?“ Richterin Zheng sagte: „Natürlich nicht. Ich habe alle anderen anhängigen Fälle abgeschlossen, als nächstes kommt deine Verhandlung. Wenn You Haoliang immer noch nicht erscheint, wird ein Versäumnisurteil gefällt.“ Wu Xiaohao bedankte sich wiederholt und sagte: „Ich warte.“  Nachdem „Tiefsee Nr. 1“ zu Wasser gelassen worden war, dachte Wu Xiaohao oft: Dies ist ein Projekt im Wert von über hundert Millionen, eine bahnbrechende Technologie für die Entwicklung der Aquakultur in Offshore- und Tiefseegebieten – es darf nichts schiefgehen. Sie rief Ba Zong oft an, um nach der Situation zu fragen. Ba Zong sagte, er und Rong Zong seien dort und leiteten das Projekt. Obwohl sie verschiedene Risiken erlebt hätten, schreite alles nach dem ursprünglichen Plan voran. Die Fische entwickelten sich nach dem Einsetzen in die Gehege gut, die Sterblichkeitsrate liege unter zwei Prozent. Entscheidend sei, ob die Fische die hohen Temperaturen im Hochsommer überstehen könnten. Wu Xiaohao sagte: „Wenn du das nächste Mal dorthin fährst und ich Zeit habe, komme ich mit.“ Ba Zong sagte: „Gut, dann gehen wir zusammen.“  An diesem Tag erhielt Wu Xiaohao plötzlich ein Eilpaket. Als sie es öffnete, war es eine Vorladung vom Gericht, die sie für den 12. Juli zur Verhandlung einlud. Wu Xiaohao unterschrieb und schickte es zurück. Sie rechnete nach – bis zur Verhandlung waren es noch fünf Tage. Sie dachte: Endlich werde ich durchkommen, endlich werde ich aus dem Käfig der Ehe ausbrechen und ein freier Mensch sein.  Am nächsten Tag jedoch erhielt sie einen Anruf von der Richterin, die sagte, You Haoliang sei für zehn Tage in Haft genommen worden und die Vorladung könne nicht zugestellt werden. Wu Xiaohao fragte bestürzt: „Wann wurde er festgenommen? Aus welchem Grund?“ Richterin Zheng sagte: „Weil er überladenen Lastwagen die Einfahrt ermöglicht und den Fahrern geholfen hat, Strafen zu vermeiden. Er ist in der Untersuchungshaft, ich kann die Verhandlung nicht durchführen. Warten wir, bis er rauskommt.“ Wu Xiaohao konnte nur sagen: „... Verstanden.“  Sie schaute auf die Uhr – Diandian war noch nicht aus der Schule. Sie rief zu Hause an und fragte ihre Mutter, ob sie von You Haoliangs Inhaftierung wüsste. Die Mutter sagte verwirrt: „Nein, was ist denn passiert?“ Wu Xiaohao erklärte den Grund für You Haoliangs Inhaftierung und bat ihre Mutter, Diandian nichts zu sagen, sondern ihr nur zu sagen, dass der Vater auf Geschäftsreise sei und erst nach einiger Zeit zurückkomme. Die Mutter seufzte: „Xiaohao, oh Xiaohao, was für einen Mann hast du dir da angelacht, der jetzt im Gefängnis sitzt! Sollen wir ihm Essen ins Gefängnis bringen?“ Wu Xiaohao sagte nein.  Aber dieser Satz ihrer Mutter machte Wu Xiaohao stutzig. Sie wusste, dass das Gesetz vorschreibt, dass die Polizei bei Ingewahrsamnahme einer Person die Familie benachrichtigen muss – aber warum hatte sie keine Benachrichtigung erhalten? Sie rief Anwältin Xie Yu an und erzählte ihr davon. Xie Yu sagte: „Vielleicht wollte die Polizei dich, die Bürgermeisterin, nicht blamieren, oder You Haoliang hat ein anderes Familienmitglied für den Empfang der Benachrichtigung angegeben.“ Wu Xiaohao sagte: „Gut, hoffentlich hat er ein anderes Familienmitglied.“  Xie Yu teilte Wu Xiaohao auch mit, dass die aktuelle Kampagne gegen Verbrechen sehr intensiv sei und der stellvertretende Polizeichef des Bezirks, Dai Dachun, verhaftet worden sei. Wu Xiaohao wusste, dass Dai Dachun ein alter Untergebener von You Dazhuo war und You Haoliang sich in Stadt Yu immer auf ihn gestützt hatte. Sie fragte, warum Dai verhaftet worden sei. Xie Yu sagte, angeblich habe er kriminelle Organisationen beschützt.  Eine Woche später rief Ba Zong an und sagte, er plane, morgen „Tiefsee Nr. 1“ zu besuchen, und fragte, ob sie mitkommen wolle. Wu Xiaohao sagte: „Ja, ich komme mit!“ Ba Zong sagte: „Hin und zurück dauert zwei Tage, eine einfache Fahrt schon fünfzehn bis sechzehn Stunden. Wir brechen morgen um vier Uhr auf und treffen uns am kleinen Pier des Shenhua-Konzerns.“  Sie erzählte dem Sekretär davon. Der Sekretär sagte: „Ich würde auch gerne hingehen, aber morgen kommt der Vorsitzende der städtischen Politischen Konsultativkonferenz zur Inspektion, ich muss ihn begleiten. Geh du, sag ihnen, sie sollen sorgfältig arbeiten – es darf nur Erfolg geben, kein Scheitern!“  Am nächsten Tag stand Wu Xiaohao um drei Uhr auf, wusch sich kurz und ließ sich von Xiao Wang zum Shenhua-Konzern fahren. Zu diesem Zeitpunkt lag das Meer bereits im Morgenrot. Ba Zong und ein stellvertretender Direktor des Konzerns warteten am Pier auf sie, daneben lag ein stählernes Fischerboot.  Nach dem Einsteigen hielt sich Wu Xiaohao am Geländer fest und beobachtete, wie das große Gebäude des Shenhua-Konzerns immer kleiner und kleiner wurde und schließlich zu einem grauen Strich wurde. Als sie nach vorne zum Küstenschutzwald schaute, war auch dieser zu einem dunkelgrünen Streifen geworden. Nur die blauen Ziegel des Fischereimuseums stachen am Strand besonders hervor.  Als sie nach Nordwesten zurückblickte, war der Anlun-Hafen voller Schiffe wie ein Wald, ein rotes Meer, viele große Schiffe luden dort gerade Fracht. Der Leuchtturm stand hoch und aufrecht wie ein treuer Wachposten. Dahinter standen Gebäude in verschiedenen Höhen und Formen – das war das 60 Quadratkilometer große Stadtgebiet. Der Anlun-Hafen war ursprünglich in der Gemeinde Haiyin gebaut worden, mehr als zehn Kilometer von Yu entfernt, jetzt war alles zusammengewachsen.  Wu Xiaohao fiel plötzlich ein historisches Material ein: Als die Deutschen zum ersten Mal nach Yu kamen, wurden sie auf dem Rücken von Chinesen getragen. Ein deutscher Missionar schrieb in seinen Memoiren: Im Herbst 1897 besetzte die deutsche Flotte Qingdao. Im Winter 1899 kam der Gouverneur von Kiautschou mit zwanzig Marinesoldaten nach Haiyin und plante, Yu zu besetzen. Der Missionar begleitete sie. Die deutschen Soldaten stiegen von den großen Schiffen in kleine Boote, um an Land zu gehen, aber die Wellen waren zu hoch und sie konnten nicht anlegen. Das zog viele neugierige Zuschauer an. Der Missionar rief ihnen auf Chinesisch laut zu und bat um Hilfe. Ein kräftiger Mann krempelte seine Hosenbeine hoch, ging ins Wasser und trug einen deutschen Soldaten an Land. Dann taten es viele andere chinesische Männer ebenso. Nachdem alle deutschen Soldaten an Land waren, formierten sie sich sofort zu einer Kolonne und marschierten nach Westen, eroberten schnell Yu. Der Missionar schrieb in seinen Memoiren: Die deutsche Flotte betrat das feindliche Land auf dem Rücken der Chinesen. Was für eine herzerwärmende Angelegenheit!  Vor mehr als zehn Jahren, als Wu Xiaohao in den „Chroniken wichtiger Ereignisse in Anlun (1840-1949)“ auf dieses historische Material stieß, war sie zutiefst betrübt und bewegt: Wie schwach und zurückgeblieben war China damals! Wie einfältig und gutherzig waren die Einwohner von Yu!  Über hundert Jahre waren vergangen, Himmel und Erde hatten sich völlig verändert. Hier wurden Piers gebaut, ein großer Hafen. Dank Reform und Öffnung, dank der schnellen Entwicklung des Hinterlandes stieg der Umschlag des Anlun-Hafens Jahr für Jahr, jetzt auf fast 400 Millionen Tonnen pro Jahr – unter den Top 20 der weltweiten Häfen. Die Güter hier werden nicht nur auf dem Seeweg, sondern auch auf dem Landweg transportiert. In den letzten Jahren wurden mehrere internationale Zugverbindungen eröffnet, die Container nach Zentralasien und Europa bringen und zum Aufbau der „Neuen Seidenstraße“ beitragen.  Wu Xiaohao richtete ihren Blick etwas nach Norden und sah den weißen Turm des Olympischen Wassersportparks. Das war ein segelförmiges weißes Gebäude, das Seglern, die weiter draußen waren, die Richtung wies. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde Anlun zur „Hauptstadt des Wassersports“. Hier finden jedes Jahr viele Wasserwettbewerbe statt, darunter mehrere internationale Segelregatten. Am Kopf des Parks befindet sich die Weltsegelregattabasis mit großen und kleinen Segelbooten und Yachten. 2007 startete ein junger Segler von hier aus und vollendete in zweieinhalb Jahren Chinas erste nichtmotorisierte Segelumrundung der Welt. Er erzählte, dass er nach acht Jahreszeitenwechseln und 28.300 Seemeilen, als er den weißen Turm von Anlun wieder sah, Tränen in den Augen hatte.  Wu Xiaohaos Blick glitt über die zu einem dünnen Strich gewordene Küste, und sie sah wieder den Guaxin-Hügel hinter Liangpo. Sie dachte: Vom Guaxin-Hügel über den Leuchtturm bis zum weißen Turm – sie verbinden Familie, Land und Welt. Das ist ein Abbild der Zeit, ein Standbild der Geschichte. Ich, Wu Xiaohao, bin zwar nur eine kleine Bürgermeisterin unter dem Guaxin-Hügel, aber ich habe auch Berge und Meere durchquert und bin eine Baumeisterin dieser großen Ära geworden – das ist unbeschreiblich.  Sie lehnte sich ans Geländer, schaute in die Ferne, ihr Herz wogte. 
 
 
 
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Als sie vor „Tiefsee Nr. 1“ ankam, verstand Wu Xiaohao erst wirklich die Bedeutung eines „nationalen Schwergewichts“. Obwohl Liu Jingji es ihr beschrieben hatte, obwohl sie es mehrmals in Fotos und Videos gesehen hatte, übertraf die Größe dieses Netzgeheges ihre Vorstellungskraft. Sie fuhr mit Ba Zong vom Schiff in ein Schlauchboot, ruderte zum Netzgehege, ging einen schrägen Metallsteg einige Dutzend Meter entlang, bis sie zur Mitte des Netzgeheges kam. Ba Zong erklärte ihr lautstark über dem Rauschen der Silberwellen: Der Umfang des Netzgeheges betrage über 180 Meter, das Zuchtvolumen 50.000 Kubikmeter, das entspreche mehr als zwanzig Standard-Schwimmbecken.  Zu diesem Zeitpunkt war die Sonne bereits im Meer versunken, das Abendrot beleuchtete den Rahmen des Netzgeheges besonders hell, dieses strahlende Orange bildete einen starken Kontrast zum tiefblauen Meer und zum schneeweißen Schaum. Wu Xiaohao drehte eine Runde auf der runden Plattform oben am Netzgehege und betrachtete den riesigen Rahmen, der aus vier Zylindern und acht Ecken gebildet wurde. Sie dachte: Das ist wirklich ein großes Unterfangen, eine große Produktion!  Als sie nach unten schaute, strömte das Meerwasser, bodenlos tief. Rong Zong erklärte: Wegen der hohen Wassertemperatur im Sommer sei das Netzgehege bereits auf den Meeresgrund abgesenkt worden, damit die Lachse in der kalten Wasserschicht den Sommer verbringen könnten. Im Herbst und Winter würde es wieder auftauchen. Wu Xiaohao fragte neugierig: „Wie lässt man ein über tausend Tonnen schweres Objekt auftauchen?“ Rong Zong sagte: „Man pumpt Luft in die Rohre der Stahlkonstruktion. Umgekehrt sinkt es, wenn man Wasser hineinpumpt.“  Nach einer Weile verschwand das Abendrot, die Nacht senkte sich herab. Rong Zong bat sie, auf das Zuchtschiff zum Essen zu kommen. Dieses Schiff war auch sehr groß, über achtzig Meter lang. Ba Zong sagte, dies sei das größte Zuchtschiff Chinas, es könne zehn bis zwanzig Netzgehege betreuen. Später würden „Tiefsee Nr. 2“, „Tiefsee Nr. 3“ und so weiter hinzukommen, alle von diesem Schiff betreut. Als sie erfuhr, dass hier über zehn Menschen arbeiteten und jeder einen ganzen Monat lang durcharbeiten musste, bevor er wechseln konnte, sagte Wu Xiaohao wiederholt: „Ihr habt es schwer, das ist wirklich hart!“  Nach dem Essen gingen sie in den Kontrollraum und beobachteten über die Überwachungs-Bildschirme die Situation im Netzgehege. Auf den Bildschirmen schwammen die Lachse friedlich im Netzgehege hin und her. Rong Zong sagte, sie müssten hier noch etwa ein Jahr bleiben, der erwartete Ertrag der ersten Charge sei 1.500 Tonnen. Beim aktuellen Marktpreis von achtzig Yuan pro Kilogramm Lachs betrage der Wert der ersten Charge 120 Millionen. Natürlich würde der Preis sinken, wenn später mehr Netzgehege platziert würden und die Produktion erweitert würde, aber dann würde Lachs auch in die Einkaufskörbe gewöhnlicher Menschen gelangen. Als sie das hörte, war Wu Xiaohao überglücklich. Sie sagte: „Alle Menschen in Liangpo gratulieren euch und warten darauf, dass ihr der Welt das Wunder verkündet, das hier geschehen ist.“  Es war bereits halb elf, Ba Zong sagte: „Bürgermeisterin, wir müssen morgen früh zurück, lass uns jetzt schlafen gehen.“ Rong Zong führte sie zur Schlafkabine und wies ihnen ihre Unterkünfte zu.  Wu Xiaohaos Schiffskabine hatte nur ein Bett und einen Tisch, beide an der Schiffswand befestigt. Nach dem Hinlegen spürte sie das Auf und Ab des Schaukelns. Als sie sich an die Schiffswand lehnte, fiel ihr plötzlich ein Satz ein, den Rong Chengchi in der Kabine auf der Kiemenmenschen-Insel gesagt hatte: „Die Schiffswand ist nur fingerdick, dahinter lauert der Tod im Meer, das Dorf des Drachenkönigs.“ Als sie gegen die Kabinenwand klopfte, war der Klang schwer und dick – sie wusste, dass die Bordwand dieses Schiffes definitiv mehr als fingerdick war.  Aber sie dachte weiter: Egal wie dick die Schiffswand ist, draußen ist immer noch eine andere Welt. Sima Qian sagte: „Das Schwerste unter dem Himmel ist die Nahrung, das Gefährlichste unter dem Himmel ist das Meer.“ Bis heute haben die Menschen, um Nahrung zu erlangen, keine Gefahr gescheut, haben Weisheit und Intelligenz eingesetzt und verschiedenste Schöpfungen hervorgebracht. Heute die Offshore-Aquakulturindustrie bis zu „Tiefsee Nr. 1“ zu entwickeln, bedeutet, das „Schwerste“ und das „Gefährlichste“ zum Äußersten zu kombinieren.  In der Schiffskabine zu schlafen war für sie eine neue Erfahrung, sie konnte lange nicht einschlafen. Später, gerade als sie eingeschlafen war, weckte Ba Zong sie und sagte, sie sollten aufstehen, essen und sich auf die Rückfahrt vorbereiten. Wu Xiaohao war benommen, stand auf, ging zur Küche und aß mit anderen das Frühstück, dann folgte sie Ba Zong von diesem Schiff hinunter und bestieg das Fischerboot, mit dem sie gekommen waren. Als sie sich umdrehte, zeichneten die Lichter auf „Tiefsee Nr. 1“ Reihe für Reihe ihre riesige Silhouette in der morgendlichen Dämmerung.  Ba Zong sagte: „Bürgermeisterin, geh in die Kabine und schlaf weiter.“ Und brachte sie hinunter.  Diese Kabine hatte drei Kojen, aber Wu Xiaohao schlief allein. Sie legte sich auf eine Koje, fand es viel stabiler als auf dem Zuchtschiff, wusste, dass das daran lag, dass das Schiff mit voller Geschwindigkeit fuhr. Sie gähnte mehrmals und fiel ohne Hindernisse in einen tiefen Schlaf.  Sie träumte tatsächlich von Liu Jingji. Sie war wieder im kleinen Wäldchen neben dem Gebäude für Literatur und Geschichte an der Shandong-Universität. Der Frühlingswind wehte sanft, Blütenduft betörte sie, sie saß Schulter an Schulter mit Liu Jingji. Liu Jingji, normalerweise so gesprächig, schwieg plötzlich, starrte sie nur an, seine großen Augen funkelten wie Doppelsterne. Dann umarmte Liu Jingji sie mit beiden Armen und sie lagen sich gegenüber auf einer Steinbank. Sie fühlte sich berauscht und glücklich, hatte aber Angst vor einem Unglück. Als sie den Kopf drehte, kam You Haoliang auf sie zu, blinzelte mit seinen kleinen Augen, sein Gesichtsausdruck war grausam... Wu Xiaohao wachte erschrocken auf, ihr Herz schlug wild. Als sie merkte, dass sie noch auf dem Schiff war und gerade einen Traum hatte, konnte sie nicht anders, als heimlich Tränen zu vergießen.  Als sie wieder einschlief, träumte sie, dass sie im Büro der Abteilung für Literatur und Geschichte der Bezirks-Konsultativkonferenz saß. Die von ihr herausgegebenen Bände mit historischen Materialien waren alle veröffentlicht und lagen dort, neu und schön, mit dem Geruch von Druckerschwärze. Gerade als sie sich über die neuen Bücher freute und sie streichelte, kam Direktor Jin plötzlich ins Büro, roch nach Alkohol, hob seinen fetten Arm und fegte – die Bücher fielen zu Boden. Sie wachte auf, drehte sich um und dachte: Ich habe diesen Ort schon vor sechs Jahren verlassen, warum träume ich noch so etwas? Direktor Jin ist längst in Rente, sein Nachfolger hat diese historischen Bände bereits veröffentlicht. Allerdings steht der Name „Wu Xiaohao“ nicht als Herausgeberin darauf. Aber das macht nichts, Hauptsache die Bücher sind erschienen. Schließlich war das Herausgeben dort eine dienstliche Aufgabe, ich bin dort nicht mehr tätig, ob mein Name draufsteht oder nicht, spielt keine Rolle.  Die Reise war lang, die Träume waren lang. Später träumte sie, dass sie und Diandian an einem Sommerabend in einem Park in Yu Boot fuhren. Das Boot war sehr klein, Diandian war auch klein, nur fünf oder sechs Jahre alt. Sie ließ Diandian neben sich sitzen, hielt selbst die Ruder und ruderte. Aus irgendeinem Grund schaukelte das kleine Boot auf und ab, schwankte hin und her...  Wu Xiaohao wachte auf und merkte, dass die Koje unter ihr auf und ab ging, hin und her schwankte. Sie dachte: Was ist denn los? Ist auf dem Meer ein Sturm aufgezogen?  Sie schaute auf die Uhr – es war bereits halb eins mittags. Sie beschloss hinauszugehen und nachzusehen, stand auf, zog ihre Schuhe an, kletterte die Eisenleiter hinauf und kroch aus der Kabine.  Das Erste, was sie sah, war eine schwarze Wand. Diese Wand reichte bis zum Himmel und stand auf dem Meer, bedeckte die Wolken. Auf der Wand tanzten goldene Schlangen wild, der Donner grollte. Auf dem Meer schienen unzählige extrem leistungsstarke Windmaschinen installiert zu sein, die jetzt alle starteten, heulten und schreiend riesige Wellen aufwirbelten.  Oh, ein Sturm war gekommen. Sie hatte noch nie so eine erschreckende Szene gesehen und wollte Ba Zong finden, um zu fragen, wie man damit umgehen sollte.  Wo war Ba Zong? Im Steuerhaus? Sie hielt sich am Geländer fest und bewegte sich mühsam an der Bordwand entlang.  Gerade als sie die Tür des Steuerhauses erreichte, schwankte das Schiff plötzlich stark. In diesem Moment sah sie wieder eine weiße Wand. Diese Wand wuchs schnell in die Höhe und kam auf sie zu. Sie spürte, wie sie plötzlich hochgehoben wurde, dann sanft hinunterfiel. Nach dem Hinunterfallen sah sie, dass das Schiff rechts vor ihr in einem Wellental lag und heftig hin und her schwankte.  Sie hob eine Hand und rief laut in diese Richtung.  Sie wollte weiterrufen, wurde aber von einer starken Kraft mitgerissen und sank augenblicklich hinunter.  Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie ein seltsames Bild: Am tiefblauen Himmel erschienen goldene Schlangen, die stark verformt waren und sanft aussahen.  Sie spürte Atemnot, fuchtelte mit Händen und Füßen, wollte auftauchen um zu atmen. Aber kaum hatte sie den Kopf aus dem Wasser gestreckt und einen Atemzug genommen, erschien eine weitere Welle wie aus dem Nichts vor ihr und hob sie auf einen Wellenkamm. Sie wurde ins Wasser gedrückt, kämpfte verzweifelt, als sie wieder auftauchte und gerade atmen wollte, strömte salziges Meerwasser in ihren Mund und in ihre Luftröhre. Sie hustete reflexartig, aber beim Husten merkte sie, dass sich alle Blitze am Himmel in goldene Blumen verwandelten, die leise vor ihren Augen aufblühten.  Das war's sagte  Wu Xiaohao zu sich selbst.  Wirklich das Ende.  Sie sagte es sich wieder.  Sie spürte, wie ihre Augen heiß wurden, sie wusste, dass sie gerade dem großen Meer ihre Tränen schenkte.  Sie spürte den enormen Schmerz in der Brust, rief in ihrem Herzen:  Vater, Mutter, danke, dass ihr mich geboren habt. Aber ich kann euch nicht mehr dienen.  Diandian, Mama liebt dich! Aber bei deiner Unterwasser-Hochzeit, die du dir vorstellst, kann ich nicht dabei sein.  Yueyue, liebe Freundin! Wenn unsere Kinder in Zukunft weiter ineinander verliebt sind, bitte ich dich, dich um Diandian zu kümmern. Ihr fehlt die Mutterliebe und Erziehung, sie ist etwas eigensinnig und hat Macken, bitte hab Geduld mit ihr.  Yueyue, gute Schwester! Als du damals aus der Antarktis zurückkamst und mir vom Walfall erzähltest, war ich so bewegt von dieser poetischen Beschreibung. Heute falle auch ich ins Meer – du wirst nicht über mich lachen wie über Dongshi, die Xi Shi nachmacht, oder? Ach, ich bin zu klein, wiege nicht einmal fünfzig Kilogramm, das tut mir wirklich leid für die Meeresbewohner, ich schäme mich...  Wu Xiaohao riss die Augen weit auf – oben war alles weiß, die goldenen Schlangen waren verschwunden; ringsherum unten war es dunkel, vollkommene Stille.  Sie sammelte ihre letzten Kräfte und kämpfte verzweifelt.  Eine dunkle menschliche Gestalt erschien plötzlich in der Nähe, sah aus wie Ba Zong. Er tauchte schnell unter Wu Xiaohao und ließ sie eine hebende Kraft spüren.  Saphirblau. Hellblau. Schließlich ein sanftes Blassblau.  Das war der Himmel durch die Wolken. 
 
 
 
Nachwort
 
 
 
Einen Roman mit historischem Charakter
 
 
 
Vor vielen Jahren kaufte ich ein Buch mit dem Titel „Geschichte des heutigen Tages“, las es fasziniert, denn ich entdeckte darin eine andere Facette der Geschichte. Die Geschichte, die wir in konventionellen Geschichtsbüchern lesen, ist linear, die Geschichte in diesem Buch jedoch war nicht-linear. Konventionelle Geschichtsbücher verwenden eine realistische Schreibweise, dieses Buch hat einen magischen Charakter. Mehrere tausend Jahre wurden plötzlich zu einem Wald geworden, dieser Wald bestand aus 365,25 großen Bäumen. Die Bäume stehen hoch aufragend, jeder repräsentiert einen Tag, behängt mit Früchten. Die Früchte sind süß und sauer, bitter und scharf; manche erfreuen das Auge, andere triefen von Blut. Wenn man einen einzelnen Baum betrachtet, springt man plötzlich in vergangene Dynastien, dann wieder in die Moderne, mal ins Ausland, mal zurück nach China – die Wirkung auf mich war außerordentlich stark.  Als mich daher Shi Zhanjun, Chefredakteur von „Renmin Wenxue“, und Zhu Handong, Direktor des Anhui Literature and Art Publishing House, baten, einen Roman über die neue Ära zu schreiben, dachte ich sofort an das Gefühl, das mir dieses Buch vermittelt hatte. Ich beschloss, den Roman mit der Struktur „Geschichte des heutigen Tages“ zu gestalten und eine Protagonistin mit besonders starkem Geschichtsbewusstsein zu schaffen – die Bürgermeisterin Wu Xiaohao, Absolventin der Fakultät für Geschichte und Kultur der Shandong-Universität.  Die neue Ära ist auch „Geschichte des heutigen Tages“. Chefredakteur Shi Zhanjun sagte mir im Gespräch: Die neue Ära ist die Realität, in der wir uns befinden, jeder von uns prägt unvermeidlich die neue Ära. Ich stimme dem vollkommen zu. Ich wurde in den 1950er Jahren geboren, und nach einem halben Jahrhundert gewaltiger Veränderungen ist mein Gefühl für die neue Ära besonders stark. Im Frühling 2018 besuchte ich das Yimeng-Gebirge. In Begleitung des Leiters des Armutsbekämpfungsteams stand ich auf den transparenten Hügeln – den Meeressedimenten aus dem Kambrium des Paläozoikums – und schaute auf das Blumenmeer und die Besiedlung unten. Als ich an die täglichen Veränderungen unseres Landes in den letzten Jahren dachte, überkam mich ein Gefühl tiefer Melancholie.  Wu Xiaohao ist kein Produkt reiner Vorstellung. Ich wurde auf dem Land geboren, arbeitete ab fünfundzwanzig in der Volkskommune und im Kreiskomitee, wurde später professionelle Schriftstellerin, interessierte mich aber weiterhin für das Landleben und kenne die Funktionäre auf Gemeindeebene ziemlich gut. Sie befinden sich auf der untersten Ebene der Staatsgewalt, ihre Arbeit ist extrem schwer und hart. Wie jede andere Gruppe in der Gesellschaft ist auch diese Gruppe bunt gemischt. Aber die große Mehrheit kann gewissenhaft arbeiten und dient aufrichtig dem Volk. Nach Beginn des neuen Jahrhunderts hat sich diese Gruppe stark verändert. Die meisten haben eine Hochschulbildung, ihre Perspektive auf Probleme und ihre Art, Probleme zu lösen, unterscheiden sich sehr von ihren Vorgängern. Besonders einige Herausragende betrachten die Gegenwart mit historischem Blick, haben ein starkes Gefühl von Mission und Verantwortung, sind sowohl geerdet und verstehen auch die großen Trends, werden zu treibenden Kräften der ländlichen Revitalisierung. Darunter sind einige Funktionärinnen, die in Tugend und Talent herausragen, Männern in nichts nachstehen. Aber diese Funktionärinnen sind nicht wie Jiang Shuiying in den damaligen Modellstücken – sie sind auch gewöhnliche Menschen mit den sieben Emotionen und sechs Begierden. Zwischen Familie und Karriere können sie kaum beides haben, haben viele Sorgen und verschiedene Nöte. Ich habe ihren Erzählungen oft zugehört und war zutiefst bewegt von ihren Erfahrungen. Die Leistung von Frauen in der Basispolitik in der neuen Ära wurde zum Hauptinhalt meines neuen Werks.  So erschien Wu Xiaohao vor meinen Augen: Sie wurde auf dem Land geboren, vom Vater, der Söhne Töchtern vorzog, als Gras behandelt. Nach der Aufnahme an die Universität liebte sie Geschichte, hatte hohe Ziele, wurde aber gezwungen, einen „Beamtensohn“ mit schlechtem Charakter zu heiraten. Sie arbeitete in einer Behörde in einer Küstenstadt, fühlte sich nach zehn Jahren Büroarbeit leer, nahm an einer Kaderprüfung teil und wurde stellvertretende Bürgermeisterin auf dem Land. Damit begann ihre persönliche „neue Ära“ und wir sehen auch die „neue Ära“ einer Gemeinde am Meer zwischen Bergen und Meer, halb Landwirtschaft, halb Fischerei.  Diese kleine Frau, die nicht einmal fünfzig Kilogramm wiegt, ist zu bemitleiden, zu lieben, zu bewundern. Ihre Erfahrungen und ihr Schicksal beschäftigten mich sehr. Während des einjährigen Schreibprozesses waren meine Gedanken ganz bei ihr, ich weinte sogar mehrmals um sie.  Diese Gefühle für Wu Xiaohao veränderten auch meine Schreibweise. Ich hatte diese Erfahrung: Als meine Enkelin bei mir wohnte und ich sie besonders liebte, konnte ich kaum den Blick von ihr wenden. Beim Schreiben dieses Buches war es mit Wu Xiaohao genauso – ich konnte meinen „Blick nicht abwenden“. Obwohl ich die dritte Person und eine allwissende Perspektive verwendete, fokussierte ich mich immer auf sie, „eine durchgehende Aufnahme“. Ein Freund sagte, er hätte nicht gedacht, dass man einen Roman so schreiben könne. Ich sagte: Der Pinsel folgt dem Herzen, die Tinte harmoniert mit den Gefühlen – das ist das goldene Gesetz der Kreativität.  Ich habe immer geglaubt, dass ein Mensch, egal in welchem Beruf, ein gewisses Geschichtsbewusstsein haben sollte. Menschen ohne Geschichtsbewusstsein können die gegenwärtige Ära und das Leben nicht tiefgreifend empfinden und darüber nachdenken. Deshalb gebe ich Wu Xiaohao die Gewohnheit, historische Perspektiven zu nutzen, die Dinge, denen sie gegenübersteht, im historischen Kontext zu betrachten. Dadurch erhalten einige ihrer Taten in der Gemeinde Liangpo historische Bedeutung. Sie liebt das Buch „Geschichte des heutigen Tages“, notiert darin einige ihrer eigenen Erlebnisse, ihre Tochter Diandian macht es der Mutter nach. So steht vor jedem Kapitel des Werks eine Gruppe „Geschichte des heutigen Tages“: von Shi Zhonglu notiert, von Xiaohao notiert, von Diandian notiert, Eintrag für Eintrag, bunt durcheinander. Die Leser werden sehen, dass sowohl der Verlauf der neuen Ära als auch der persönliche Verlauf vor dem Hintergrund der menschlichen Geschichte stehen – zum Nachdenken anregend.  Dieser Roman ist auch mein Tribut an die Qilu-Kultur und die Shandong-Universität. 1988 wurde ich in die Schriftstellerklasse der chinesischen Fakultät der Shandong-Universität aufgenommen, zwei Jahre lang war ich tief von der akademischen Atmosphäre und der Tradition der Qilu-Kultur geprägt. Damals war das Gebäude für Literatur und Geschichte in meinen Augen ein Tempel, denn in den 1950er und 60er Jahren hatte die Geschichtsabteilung „acht Pferde in einem Stall“ und die Literaturabteilung „vier große Vajras“ – alle waren landesweit bekannte Persönlichkeiten. Ihre Schüler und Enkelschüler wurden zu akademischen Talenten, einige unterrichteten mich direkt, andere nährten mich mit ihren Werken. Deshalb lasse ich die Protagonistin meines Werks dort ihren Abschluss machen, sie trägt den humanistischen Geist, der auf dem Qilu-Boden lange tradiert wurde, und leistet in der neuen Ära Großes.  Im Spätherbst 2018 fand anlässlich des 30. Jahrestags der Aufnahme ein Treffen der Schriftstellerklasse der Shandong-Universität statt. Ich verfasste ein Gedicht mit sieben Silben, das der berühmte Gelehrte und Kalligraph Professor Wang Peiyuan, unser Klassenlehrer, vor Ort zu Papier brachte. Darin standen diese beiden Zeilen: „Oft hört man Sommerregen neue Früchte nähren, Herbstwind schüttelt die alten Zweige.“ Dieses Werk ist sozusagen eine Frucht, die ich im Sommer vom Tau genährt und im Herbst gereift habe. 
 
 
 
16. Januar 2019
 
  
 
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Durch Berge und Meere — Teil 11

Wu Xiaohao betrachtete ein Exponat nach dem anderen, ganz versunken, bis Liu Dalou sie darauf hinwies, dass es schon halb zwölf sei. Da erst riss sie sich los. Generaldirektor Xin lud sie zum Essen in der Firmenkantine ein; sie lehnte entschieden ab. Sie sagte: „Reden wir nicht übers Essen — reden wir über eine Idee, die mir gerade gekommen ist. Generaldirektor Xin, Kurator Sun Wei — ich stelle bei euch beiden einen Antrag: Wenn ich in Rente gehe, möchte ich eine Forscherstelle im Museum bekommen und eine ‚Geschichte der Fischerei von Yucheng' schreiben. Was sagt ihr dazu?"

6 (ACHTUNG: ZEILE FEHLT — BITTE IN PDF-DATEI PRÜFEN) Auf Wu Xiaohaos Schreibtisch lag ein Stapel Manuskripte und ein Haufen USB-Sticks mit dem Titel „Kaipo-Erinnerungen". Nachdem sie das Projekt im vergangenen Jahr angestoßen hatte, hatten die Dörfer gebildete Leute beauftragt, mit den Ältesten zu sprechen; nach und nach waren Tonaufnahmen und Texte bei der Kulturstation eingegangen. Guo Mo leitete alles an Wu Xiaohao weiter, die es anhörte und las, wann immer sie Zeit fand.

Am liebsten hörte sie die Aufnahmen. Alte Männer und Frauen erzählten mit ihren vom Leben gezeichneten Stimmen von früher — Dorfgeschichte, Familiengeschichte, persönlich Erlebtes — als würde die Zeit zurückfließen. Wu Xiaohao war manchmal bestürzt, manchmal ergriffen.

Eine alte Frau erzählte: Als sie acht war, ging ihr Vater im Winter aufs Meer, das Boot kenterte im Sturm, und man fand seinen Leichnam dreißig Li entfernt am Strand — in kniender Haltung, zu Eis erstarrt. Zu Hause konnte man ihm kein Totengewand anziehen, ihn auch nicht flach in den Sarg legen; so kniete er im Sarg, das Gewand übergeworfen, und bei der Beerdigung ließ sich der Deckel nicht schließen — er blieb offen. An dieser Stelle weinte die Alte so sehr, dass sie nicht weitersprechen konnte, und auch Wu Xiaohao kamen die Tränen.

Ein alter Kapitän erzählte: Als junger Mann sei er im ersten Monat in die Bohai-Bucht zum Fischfang gefahren. Nachts kam plötzlich ein scharfer Nordwind, bitterkalt; viele Boote froren auf dem Meer fest. Am Morgen, als die Sonne schien, glänzte die Meeresfläche, und Boot um Boot stand wie eingefroren da — als wäre die ganze Welt erstarrt. Noch heute schaudere ihn bei der Erinnerung. Wu Xiaohao stellte sich das gespenstische Bild vor, und auch ihr Herz zitterte.

Eine alte Frau erzählte: Früher gab es keine Familienplanung. Kaum verheiratet, wurde eine Frau schwanger. Sobald man ein Kind abgestillt hatte, trug man schon das nächste unter dem Herzen. Sie hatte acht Kinder geboren, war von den Strapazen krank geworden und wollte unbedingt aufhören — da war schon wieder ein neuntes unterwegs. Sie hatte gehört, dass man eine Eidechsenleber und eine Schlangenhaut zerreiben, mit Schnaps zu einem Brei anrühren und auf den Bauchnabel kleben könne, um abzutreiben.

Also fing sie draußen Eidechsen und sammelte Schlangenhäute — und es wirkte tatsächlich. Das Kind ging ab, sie verlor eine große Blutlache; dann wischte sie sich ab und ging wieder Mehl mahlen und Pfannkuchen backen, als wäre nichts geschehen. Es ging nicht anders — die ganze Familie wartete aufs Essen … Als Wu Xiaohao das hörte, trauerte sie lange um diese Frau und um die Generation ihrer Mutter.

Mit jeder Erzählung wurde ihr deutlicher, wie wertvoll diese mündliche Geschichte war. Die Jungen strömten in die Stadt, waren nie bei den Alten; selbst wenn, hatte kaum einer Geduld für diese alten Geschichten. Wenn die Alten starben, würden all diese Erinnerungen mit der Einäscherung ihrer Leiber zu einem Rauchfaden verglühen. Also musste man jetzt dringend retten, was zu retten war — die Erinnerungen dieser Generation festhalten, den Historikern urtümlichstes, wahrheitsgetreues Material liefern, den Nachkommen zeigen, was diese Menschen erlebt hatten und welche Spuren ihre Epoche hinterließ.

Viele verstanden das Projekt nicht — selbst Sekretär Fang sagte: Wozu den alten Kram aufwärmen? Das bringt den Leuten kein Einkommen. Stellvertretender Sekretär Chi Jiagong lästerte sogar hinter ihrem Rücken: „Wu Xiaohao hat an der Uni Geschichte studiert und betreibt als Bürgermeisterin immer noch solche Dinge — das ist doch Vernachlässigung ihrer Pflichten." Wu Xiaohao hatte gezögert und daran gedacht, aufzuhören. Aber wenn sie dann die Stimmen der Alten hörte, fasste sie neuen Entschluss. Sie dachte: Wer immer man ist und was immer man tut — ein wenig historisches Bewusstsein sollte man haben. Wer keines hat, kann die eigene Zeit und das eigene Leben nicht wirklich begreifen.

Doch das Projekt kam nur schleppend voran. Nach über einem Jahr fehlte noch die Hälfte der Dörfer. Sie beauftragte Liu Dalou, Guo Mo in die Dörfer zu schicken und nachzuhaken — doch neues Material blieb aus. Wu Xiaohao wurde wütend und rief Guo Mo direkt an.

Guo Mo kam. Sie war abgemagert, blass, niedergeschlagen. An der Tür stehend sagte sie: „Frau Bürgermeisterin, es tut mir leid — der Mann meiner Cousine ist gestorben, ich hatte keine Zeit für die ‚Kaipo-Erinnerungen'." Wu Xiaohao fragte: „Wann ist dein Schwager gestorben?" — „Vor zehn Tagen." — „Vor zehn Tagen — da dürfte er doch beerdigt sein? Wie kann das deine Arbeit behindern?" Guo Mo sagte: „Es war kein natürlicher Tod. Ich bin ziemlich sicher, dass Mu Pingchuan ihn umgebracht hat — Zeugenbeseitigung."

Wu Xiaohao erschrak: „Was? Zeugenbeseitigung? Guo Mo, setz dich und erzähl in Ruhe."

Guo Mo setzte sich, ihre dünnen Brauen zu umgekehrten Achten verzogen, die Lider gesenkt. Lange zögerte sie, dann sagte sie mit entschlossenem Gesicht: „Dann erzähle ich. Bürgermeisterin, meine Cousine ist seit Tagen halb wahnsinnig — ich bin dauernd bei ihr, kann mich nicht einmal um meine Kinder in der Stadt kümmern, meine Schwiegermutter musste einspringen. Gib mir einen Rat — was soll ich tun?"

Dann erzählte sie die Geschichte ihrer Cousine. Jü Lianlian sei fünf Jahre jünger, sehr hübsch. Vor zwei Jahren habe sie bei der Shenfu-Gruppe angefangen, am Fließband Fischfilets geschnitten — den ganzen Tag in wattierten Jacken bei null Grad, bis ihre Hände aufplatzten. Eines Tages wurde sie plötzlich ins Firmenbüro versetzt. Später erfuhr Guo Mo: Mu Pingchuan hatte einen Untergebenen beauftragt, ihm hübsche junge Frauen zu suchen — Lianlian wurde ausgewählt. Am dritten Tag vergewaltigte Mu Pingchuan sie. Danach wollte Lianlian zur Polizei gehen, aber sie wollte auch nicht zurück in die Fischverarbeitung — und schwieg. Sie hörte Mu Pingchuan sagen, höchste Stellen schützten ihn — da traute sie sich erst recht nicht.

Nach einiger Zeit schickte er sie zurück an den alten Arbeitsplatz — aber nicht ans Fließband, sondern ins Prüflabor, im weißen Kittel. Er hatte eine neue Geliebte. Lianlian fand es sogar gut, von ihm loszukommen — sie wollte jetzt heiraten. Bald umwarb sie ein junger Kühlhauswächter namens Shi. Shi war ungebildet und kein guter Charakter, aber Lianlian dachte an das, was Mu Pingchuan ihr angetan hatte, und stimmte zu. Doch nach der Hochzeit fragte Shi ständig, ob Mu Pingchuan es mit ihr getrieben habe; schließlich gab sie es zu. Shi ließ sie eine schriftliche Erklärung mit Fingerabdruck anfertigen und rief dann Mu Pingchuan an: Er habe Shis Frau vergewaltigt und solle ihn nun „entschädigen". Mu Pingchuan fragte: „Wie?" Shi sagte: „Ich will Leiter einer Tochterfirma werden." Mu Pingchuan sagte: „Die Führungsriege besteht aus ‚vier Balken und acht Säulen' — vier Vizedirektoren und acht Filialleiter. Die sind alle besetzt — soll ich für dich eine neunte Säule erfinden?" Shi beharrte: „Mir egal ob acht oder neun — ich will Filialleiter werden." Mu Pingchuan sagte: „Warte erst mal — hier ein Trostpflaster." Und gab ihm dreißigtausend Yuan. Shi kaufte ein schönes Auto und gab Ruhe — blieb Kühlhauswächter.

Doch dieses Jahr — im Zuge der landesweiten Kampagne gegen organisierte Kriminalität — forderte Shi erneut eine Beförderung und drohte: Er kenne zahlreiche Verbrechen Mu Pingchuans, darunter den Auftragsmord an einem aufmüpfigen Mitarbeiter; wenn seine Forderung nicht erfüllt werde, gehe er zur Polizei. Lianlian hatte Todesangst und flehte ihn an aufzuhören — vergeblich. Sie bat Guo Mo um Hilfe; auch Guo Mo redete auf Shi ein, aber er beharrte. Lianlian sagte: Er rennt ins offene Messer.

Und tatsächlich: Vor zehn Tagen kam Shi nach der Nachtschicht nicht nach Hause; sein Handy war tot. Am nächsten Morgen teilte die Firma mit: Shi habe sich aus unerfindlichen Gründen nach Feierabend im Kühlhaus eingeschlossen und sei erfroren. Lianlian eilte hin — Shi hockte in einer Ecke des Kühlhauses, weiß und starr wie eine Eisskulptur. Seltsam: Sein Handy war verschwunden. Lianlian verstand: Mu Pingchuan hatte ihn umgebracht. Sie rief Mu Pingchuan an und fragte, wie die Sache geregelt werde. Mu Pingchuan sagte, dieser Arbeitsunfall schmerze ihn zutiefst; er werde umgehend Entschädigung schicken. Noch am selben Abend brachte jemand eine Styroporkiste für Meeresfrüchte — darin eine Million Yuan in bar. Lianlian dachte, Shi sei tot, und mit dem Geld könne sie weiterleben; sie benachrichtigte seine Familie. Die kam, weinte, verlangte dann Geld — Lianlian musste die Hälfte abgeben. Nach der Beerdigung bereute sie es zutiefst: Sie hätte damals, als Mu Pingchuan sie vergewaltigte, sofort Anzeige erstatten sollen. Stattdessen hatte sie Shi geheiratet, die Schande zugegeben, und Shi — angestachelt davon — hatte mit seinem Leben bezahlt. Jetzt wollte sie klagen, fürchtete aber, nicht zu gewinnen. Nicht klagen war auch unerträglich. Sie stand am Rand eines Nervenzusammenbruchs.

Wu Xiaohao konnte es nicht mehr aushalten: „Wie soll sie nicht gewinnen? Mu Pingchuan tyrannisiert Kaipo seit Jahren — wenn wir ihn nicht jetzt, im Zuge der Anti-Mafia-Kampagne, zu Fall bringen, wird er weiter Unheil anrichten!" Guo Mo nickte und seufzte: „Eigentlich hätte auch ich schon längst klagen sollen. Vor zehn Jahren, als ich gerade an die Kulturstation kam, hat er mich einmal bestellt, einen höheren Beamten zu bewirten. Nachdem der gegangen war, wollte er mich nicht gehen lassen und zerrte mich aufs Sofa. Zum Glück riss ich mich los und rannte davon. Aus Angst vor seiner Macht habe ich geschwiegen — die bittere Pille geschluckt. Meine Cousine kommt aus den westlichen Bergen; ihre Freundinnen haben sie zur Shenfu-Gruppe mitgenommen. Als ich es erfuhr, warnte ich sie, vorsichtig zu sein. Sie sagte, sie stehe am Fließband und schneide Fischfilets — wie solle Mu Pingchuan ihr etwas antun? Doch sie entkam ihm nicht."

Wu Xiaohao sagte: „Rede noch einmal mit deiner Cousine — kein Zögern mehr." Guo Mo sagte: „Gut — wenn ich sie überzeugt habe, bringe ich sie zur Polizei."

Zwei Nächte später rückte eine große Polizeieinheit aus Yucheng an und umstellte lautlos die Zentrale der Shenfu-Gruppe. Über ein Dutzend Personen wurden abgeführt.