Difference between revisions of "Bhabha"

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=Zum Konzept der Hybridität bei Homi K. Bhabha=
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Essay by Carla W
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Um Kulturen zu vergleichen ist eine Vorstellung dessen notwendig was "Kultur" ist und beschreibt. Die meisten dieser Theorien sind jedoch stark von Ethnozentrismus geprägt. Begibt man sich auf die Suche nach einem Kulturbegriff jenseits der längst nicht mehr zeitgemäß und eher statisch erscheinenden Kategorien wie Nationalkulturen oder stark belasteten Kulturbegriffen wie Rasse oder Geschlecht, stößt man auf Homi K. Bhabhas Konzept der Hybridität. Der indische Theoretiker des Postkolonialismus Bhabha bezieht sich in seiner Theorie vor allem auf das Verhältnis zwischen ehemals Kolonisierenden und Kolonialisierten.
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Hybridität bedeutet, dass sich unterschiedliche Kulturen, die miteinander leben gegenseitig beeinflussen ohne jedoch miteinander zu verschmelzen. Das Besondere dabei ist, dass bei einer Betrachtung hybrider Kultur das Subjekt nicht auf eine ethnische Position festgelegt, sondern viel individueller betrachtet. Das ist sehr vorteilhaft bei der Beschreibung von Gesellschaften und Kulturen, deren Geschichte und Gegenwart stark von Migration oder einer Kolonialvergangenheit geprägt ist. Man muss nicht länger entweder Schwarz oder Weiß, Deutsche oder Türke sein. Dadurch ist es möglich, die Realität einer globalisierten Welt viel differenzierter abzubilden.
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Wie Heidegger sieht Bhabha Kultur als etwas, das sich nicht innerhalb von Grenzen befindet, sondern als das, was hinter den Grenzen entsteht. Er beschreibt Kulturen, die "Dazwischen" sind und sich in einem "third-space", einen Raum, der zwischen zwei (oder mehreren) Kulturen entsteht, befinden, an dem sich die Diaspora aus kolonialisierten Ländern mit der schon länger ansässigen Bevölkerung mischt, ohne jedoch miteinander zu verschmelzen (Dietze, Seite 309). Es findet ein Austausch statt, der beide Kulturen prägt und etwas hybrides Neues entstehen lässt.
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Das Konzept der Hybridität stellt dadurch die Reinheit und Ursprünglichkeit (westlicher) Kulturen in Frage und bringt damit auf eben diese Attribute gegründete Machtpositionen zwischen Kulturen ins Wanken. Kulturell begründete Hierarchien müssen überdacht und neu definiert werden.
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Für die "Dritte Welt"/die kolonisierten Kulturen hat der Begriff auch eine entscheidende identitätsstiftende Bedeutung. Durch die Anerkennung der gegenseitigen Beeinflussung der Kulturen in der Geschichte wird erst die Geschichte der Kolonialisierten autorisiert und erhält eine Stimme. Identität zu entwickeln bedeutet für Bhabha auch, seine eigene Geschichte zu schreiben. So werden Kulturen nicht mehr nur aus der immer gleichen westlichen Perspektive verglichen, der immer etwas sehr wertendes innewohnt.
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Betrachtet man die Entwicklungen in der Welt seit dem Ende der Kolonialisierung, fällt auf, wie dringend Begriffe, die zur Beschreibung kultureller Zusammenhänge gebraucht werden, neu definiert werden müssen.
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Dies ist nicht einfach, da mit einem solchen Prozess auch die endgültige Aufgabe bestimmter Privilegien der Kolonialisierenden verbunden ist. Diejenigen, welche bisher Geschichte geschrieben und bestimmt haben für sich und andere müssen nun zulassen, dass ihnen diese Macht entzogen wird. Durch die Emanzipation der ehemals kolonisierten Menschen kann dieses Monopol der Geschichtsbestimmung nicht gehalten werden. Es kommen die Teile der Geschichte ans Licht, die verdeckt gehalten werden sollten. Die Bedeutung der Kolonialzeit nicht nur für die Kolonisierten, sondern auch für die ehemals Kolonisierenden Menschen tritt zu Tage und zeigt, dass die Kulturen durchaus gemeinsame Geschichte teilen.
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Hybridität bedeutet genau diese gegenseitige Beeinflussung unterschiedlicher Kulturen. Bei diesem Konzept werden Identitäten als zusammengesetzte Gebilde verstanden, die losgelöst sind von Polen wie etwa Schwarz und Weiß und einen Gegensatz zum kulturellen Existenzialismus bilden.
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Möchte man etwas komplexes und vielschichtiges wie Kultur vergleichen, so muss man laut der meisten Theorien entweder stark Vereinfachen oder verirrt sich in empirischen Details. Bhabhas Theorie könnte ein Schritt in eine ganz andere Richtung sein, in der man Vergleichen kann ohne jedes Individuum in eine kulturelle Schublade zu stecken und diese bis zur Unkenntlichkeit zu vereinfachen. Sieht man Kultur als das, was auffällt wenn man Differenzen zwischen Kulturen vergleicht, so werden gleichzeitig die Gemeinsamkeiten die Kulturen teilen deutlich. Dieser Weg scheint viel konstruktiver, als von vorneherein alles an Kulturen als unterschiedlich zu vermuten. 
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Das Unterschiede etwas positives sein können und  nicht zwangsläufig zu Konflikten oder "Kulturkämpfen" führen (siehe Huntingtons Clash of Culture) ist ein interessanter Gedanke, der einem friedlichen Zusammenleben nur förderlich sein kann. Bhabha spricht in diesem Zusammenhang von einem Gefühl der "Unheimlichkeit", das einen beschleicht wann immer man in seinem gewohnten Umfeld von Ungewohntem irritiert wird (Seite 13ff, Bhabha, 2000). Die Kunst besteht dann darin sich das Neue zu erschließen und in der "Unheimlichkeit" wieder "Heimlich" zu werden. Diese Fähigkeit ist eine der essentiellsten in einer sich schnell entwickelnden und vernetzenden Welt. Sie unterstützt nicht nur das gegenseitige Verständnis zwischen Kulturen, sondern eben auch die Akzeptanz von Homi K. Bhabhas "Dazwischen"-Kulturen. Die Fähigkeit sich schnell "Heimlich" zu fühlen verhindert, dass aus einem leichten Misstrauen Neuem gegenüber eine ausgewachsene Angst oder Feindschaft wird.
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Hybridität ist ein Ansatz der Kulturbetrachtung, der auf Verständnis und Gleichberechtigung setzt und die eigene Position in die Beobachtung einschließt. Und erst durch das Bewusstsein der Subjektivität der eigenen Forschungsperspektive ist es vielleicht möglich, etwas objektiver zu betrachten.
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==Quellen==
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*Homi K. Bhabha "Die Verortung der Kultur", Stauffenberg Verlag, 2000
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*Solveig Mill "Transdifferenz und Hybridität- Überlegungen zur Abgrenzung zweier Konzepte" aus "Differenzen anders Denken", Campus Verlag 2005
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*Gaby Dietze "Postcolonial Theory" aus "Gender@Wissen", Böhlau Verlag, 2005
  
 
=Essays=
 
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*[[Media:Carla_W_on_Bhabha.docx]]
 
 
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*[[Media:Teuta_C_on_Bhabha.docx]]

Revision as of 17:51, 2 September 2013

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Zum Konzept der Hybridität bei Homi K. Bhabha

Essay by Carla W

Um Kulturen zu vergleichen ist eine Vorstellung dessen notwendig was "Kultur" ist und beschreibt. Die meisten dieser Theorien sind jedoch stark von Ethnozentrismus geprägt. Begibt man sich auf die Suche nach einem Kulturbegriff jenseits der längst nicht mehr zeitgemäß und eher statisch erscheinenden Kategorien wie Nationalkulturen oder stark belasteten Kulturbegriffen wie Rasse oder Geschlecht, stößt man auf Homi K. Bhabhas Konzept der Hybridität. Der indische Theoretiker des Postkolonialismus Bhabha bezieht sich in seiner Theorie vor allem auf das Verhältnis zwischen ehemals Kolonisierenden und Kolonialisierten.

Hybridität bedeutet, dass sich unterschiedliche Kulturen, die miteinander leben gegenseitig beeinflussen ohne jedoch miteinander zu verschmelzen. Das Besondere dabei ist, dass bei einer Betrachtung hybrider Kultur das Subjekt nicht auf eine ethnische Position festgelegt, sondern viel individueller betrachtet. Das ist sehr vorteilhaft bei der Beschreibung von Gesellschaften und Kulturen, deren Geschichte und Gegenwart stark von Migration oder einer Kolonialvergangenheit geprägt ist. Man muss nicht länger entweder Schwarz oder Weiß, Deutsche oder Türke sein. Dadurch ist es möglich, die Realität einer globalisierten Welt viel differenzierter abzubilden.

Wie Heidegger sieht Bhabha Kultur als etwas, das sich nicht innerhalb von Grenzen befindet, sondern als das, was hinter den Grenzen entsteht. Er beschreibt Kulturen, die "Dazwischen" sind und sich in einem "third-space", einen Raum, der zwischen zwei (oder mehreren) Kulturen entsteht, befinden, an dem sich die Diaspora aus kolonialisierten Ländern mit der schon länger ansässigen Bevölkerung mischt, ohne jedoch miteinander zu verschmelzen (Dietze, Seite 309). Es findet ein Austausch statt, der beide Kulturen prägt und etwas hybrides Neues entstehen lässt.

Das Konzept der Hybridität stellt dadurch die Reinheit und Ursprünglichkeit (westlicher) Kulturen in Frage und bringt damit auf eben diese Attribute gegründete Machtpositionen zwischen Kulturen ins Wanken. Kulturell begründete Hierarchien müssen überdacht und neu definiert werden.

Für die "Dritte Welt"/die kolonisierten Kulturen hat der Begriff auch eine entscheidende identitätsstiftende Bedeutung. Durch die Anerkennung der gegenseitigen Beeinflussung der Kulturen in der Geschichte wird erst die Geschichte der Kolonialisierten autorisiert und erhält eine Stimme. Identität zu entwickeln bedeutet für Bhabha auch, seine eigene Geschichte zu schreiben. So werden Kulturen nicht mehr nur aus der immer gleichen westlichen Perspektive verglichen, der immer etwas sehr wertendes innewohnt.

Betrachtet man die Entwicklungen in der Welt seit dem Ende der Kolonialisierung, fällt auf, wie dringend Begriffe, die zur Beschreibung kultureller Zusammenhänge gebraucht werden, neu definiert werden müssen.

Dies ist nicht einfach, da mit einem solchen Prozess auch die endgültige Aufgabe bestimmter Privilegien der Kolonialisierenden verbunden ist. Diejenigen, welche bisher Geschichte geschrieben und bestimmt haben für sich und andere müssen nun zulassen, dass ihnen diese Macht entzogen wird. Durch die Emanzipation der ehemals kolonisierten Menschen kann dieses Monopol der Geschichtsbestimmung nicht gehalten werden. Es kommen die Teile der Geschichte ans Licht, die verdeckt gehalten werden sollten. Die Bedeutung der Kolonialzeit nicht nur für die Kolonisierten, sondern auch für die ehemals Kolonisierenden Menschen tritt zu Tage und zeigt, dass die Kulturen durchaus gemeinsame Geschichte teilen.

Hybridität bedeutet genau diese gegenseitige Beeinflussung unterschiedlicher Kulturen. Bei diesem Konzept werden Identitäten als zusammengesetzte Gebilde verstanden, die losgelöst sind von Polen wie etwa Schwarz und Weiß und einen Gegensatz zum kulturellen Existenzialismus bilden.

Möchte man etwas komplexes und vielschichtiges wie Kultur vergleichen, so muss man laut der meisten Theorien entweder stark Vereinfachen oder verirrt sich in empirischen Details. Bhabhas Theorie könnte ein Schritt in eine ganz andere Richtung sein, in der man Vergleichen kann ohne jedes Individuum in eine kulturelle Schublade zu stecken und diese bis zur Unkenntlichkeit zu vereinfachen. Sieht man Kultur als das, was auffällt wenn man Differenzen zwischen Kulturen vergleicht, so werden gleichzeitig die Gemeinsamkeiten die Kulturen teilen deutlich. Dieser Weg scheint viel konstruktiver, als von vorneherein alles an Kulturen als unterschiedlich zu vermuten.

Das Unterschiede etwas positives sein können und nicht zwangsläufig zu Konflikten oder "Kulturkämpfen" führen (siehe Huntingtons Clash of Culture) ist ein interessanter Gedanke, der einem friedlichen Zusammenleben nur förderlich sein kann. Bhabha spricht in diesem Zusammenhang von einem Gefühl der "Unheimlichkeit", das einen beschleicht wann immer man in seinem gewohnten Umfeld von Ungewohntem irritiert wird (Seite 13ff, Bhabha, 2000). Die Kunst besteht dann darin sich das Neue zu erschließen und in der "Unheimlichkeit" wieder "Heimlich" zu werden. Diese Fähigkeit ist eine der essentiellsten in einer sich schnell entwickelnden und vernetzenden Welt. Sie unterstützt nicht nur das gegenseitige Verständnis zwischen Kulturen, sondern eben auch die Akzeptanz von Homi K. Bhabhas "Dazwischen"-Kulturen. Die Fähigkeit sich schnell "Heimlich" zu fühlen verhindert, dass aus einem leichten Misstrauen Neuem gegenüber eine ausgewachsene Angst oder Feindschaft wird.

Hybridität ist ein Ansatz der Kulturbetrachtung, der auf Verständnis und Gleichberechtigung setzt und die eigene Position in die Beobachtung einschließt. Und erst durch das Bewusstsein der Subjektivität der eigenen Forschungsperspektive ist es vielleicht möglich, etwas objektiver zu betrachten.


Quellen

  • Homi K. Bhabha "Die Verortung der Kultur", Stauffenberg Verlag, 2000
  • Solveig Mill "Transdifferenz und Hybridität- Überlegungen zur Abgrenzung zweier Konzepte" aus "Differenzen anders Denken", Campus Verlag 2005
  • Gaby Dietze "Postcolonial Theory" aus "Gender@Wissen", Böhlau Verlag, 2005

Essays