Difference between revisions of "Xue Mo Desert Daughters/de/Chapter 5"
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| − | Ihr Herz raste. Seltsames Herz | + | Ihr Herz raste. Seltsames Herz -- eben noch kurz vor dem Stillstand, und jetzt hämmerte es wie ein Poltergeist. ... |
| − | Waren die Schritte hinter ihr etwa auch von einem Poltergeist? In der alten Mühle im Dorf gab es einen Poltergeist, der jede Nacht von Mitternacht bis zum Hahnenschrei den Boden stampfte. Yinger vergaß sogar den Durst. Ihre Kopfhaut prickelte. | + | Waren die Schritte hinter ihr etwa auch von einem Poltergeist? In der alten Mühle im Dorf gab es einen Poltergeist, der jede Nacht von Mitternacht bis zum Hahnenschrei den Boden stampfte. Yinger vergaß sogar den Durst. Ihre Kopfhaut prickelte. ... Das Stampfen kam näher. Sie hörte sogar Atemgeräusche -- schwer und rau, als trüge der Geist riesige Eisenketten und Haken. Yinger hätte fast geschrien, fürchtete aber, der eigene Schrei könnte sie zu Tode erschrecken. |
| − | Das schwere Atmen war direkt hinter ihr. Yinger spürte, wie der Geist seine Klauen ausstreckte. Er würde den Hals packen | + | Das schwere Atmen war direkt hinter ihr. Yinger spürte, wie der Geist seine Klauen ausstreckte. Er würde den Hals packen -- das hatte Mutter schon erzählt, als sie klein war: Geister packen einen. ... Mutter sagte immer: „Kopfschmerz, Fieber, Bauchweh, Verstopfung, Herzstechen -- der Geist hat dich gepackt." ... Heiße Atemstöße wehten ihr tatsächlich in den Nacken. Ihr Herz verhärtete sich: Wovor Angst haben? Es ist doch nur der Tod! Und selbst im Tod -- ich will sehen, wie ein Geist aussieht! Sie tastete nach der Taschenlampe, wirbelte herum. |
Ein gewaltiger schwarzer Schatten stand in bizarrer Form vor ihr. | Ein gewaltiger schwarzer Schatten stand in bizarrer Form vor ihr. | ||
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Sie schaltete die Taschenlampe ein und schrie auf. | Sie schaltete die Taschenlampe ein und schrie auf. | ||
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In jener furchtbaren Wüstennacht entdeckte Yinger, dass das Wesen im Lichtkegel ein Kamel war. | In jener furchtbaren Wüstennacht entdeckte Yinger, dass das Wesen im Lichtkegel ein Kamel war. | ||
| − | Yinger rüttelte Lanlan wach und schrie: Kamel | + | Yinger rüttelte Lanlan wach und schrie: Kamel --! Kamel! Lanlan sprang auf. Das Kamel schnaubte noch. Eine unglaubliche Freude! Alle hatten gedacht, es sei davongelaufen, und nun war es von selbst zurückgekommen. Lanlan taumelte zum Kamel, löste das Seil und nahm den Plastikkanister ab. Ein Glück -- noch über die Hälfte voll Wasser. |
| − | Yinger rief: Wasser | + | Yinger rief: Wasser --! Wasser! In diesem Moment gab es kein kühleres Wort. |
Lanlan schraubte den Deckel auf, reichte ihn Yinger und sagte: Trink nicht zu viel, nur wenig. Sonst platzt der Magen. | Lanlan schraubte den Deckel auf, reichte ihn Yinger und sagte: Trink nicht zu viel, nur wenig. Sonst platzt der Magen. | ||
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Doch das Gefühl war wie glühende Kohle. Sie dachte: Die Speiseröhre musste aufgerissen sein. Nachdem sie mühsam zwei Schlucke hinuntergewürgt hatte, war sie noch durstiger. | Doch das Gefühl war wie glühende Kohle. Sie dachte: Die Speiseröhre musste aufgerissen sein. Nachdem sie mühsam zwei Schlucke hinuntergewürgt hatte, war sie noch durstiger. | ||
| − | Lanlan riss ihr den | + | Lanlan riss ihr den Kanister weg und ließ sie nicht weiter trinken. Im Dorf gab es Menschen, die nach extremem Durst beim hastigen Trinken gestorben waren. Der Magen war wohl faustgroß geschrumpft. |
| − | Lanlan nippte einen winzigen Schluck, nahm die Taschenlampe und leuchtete das Kamel ab. Vieles fehlte: Der Mehlsack war aufgerissen, das Mehl verschüttet. Der | + | Lanlan nippte einen winzigen Schluck, nahm die Taschenlampe und leuchtete das Kamel ab. Vieles fehlte: Der Mehlsack war aufgerissen, das Mehl verschüttet. Der Lederschlauch hatte ein Loch, das Wasser natürlich weg. Zum Glück war der Plastikkanister heil geblieben und hatte ihnen etwas Lebensflüssigkeit bewahrt. Das Tuch mit den Fladenbroten war noch da, zwei trockene Fladen darin. Ursprünglich waren es über ein Dutzend gewesen -- die meisten mussten beim Holpern in den Sand gefallen sein. |
| − | Immerhin war die Decke noch am Tragegestell festgebunden, die Segeltuchtasche war heil, die Stahlkugeln darin, ein Päckchen Schießpulver, eine Rolle dünnes Seil. Natürlich hätte Yinger sich gewünscht, der Lederschlauch wäre heil | + | Immerhin war die Decke noch am Tragegestell festgebunden, die Segeltuchtasche war heil, die Stahlkugeln darin, ein Päckchen Schießpulver, eine Rolle dünnes Seil. Natürlich hätte Yinger sich gewünscht, der Lederschlauch wäre heil -- dann hätte sie endlich richtig trinken können. Doch sie wusste: Solches Wunschdenken brachte nur Kummer, und ließ es. |
| − | Die Kamelzügel waren abgetreten | + | Die Kamelzügel waren abgetreten; nur noch ein Meter war übrig. Lanlan nahm das dünne Seil, faltete es mehrfach und knotete es an den Zügel. Beide waren überglücklich über das wiedergefundene Kamel. Der alte Laoshun hatte einmal gesagt, Kamele hätten einen ausgezeichneten Geruchssinn -- gegen den Wind könnten sie einen bestimmten Geruch in zehn Li Entfernung wahrnehmen; wenn es wollte, konnte es sie natürlich einholen. Es schien gut gefressen zu haben und war kaum abgemagert. |
| − | Die Gedanken des Kamels nach seiner Flucht blieben ein Rätsel: Warum es geflohen war | + | Die Gedanken des Kamels nach seiner Flucht blieben ein Rätsel: Warum es geflohen war -- Angst vor den Schakalen, Angst vor der Hitze und so weiter -- ließ sich leicht erklären. Warum es zurückkam -- weil es die zwei Frauen nicht im Stich lassen konnte und so weiter -- ebenfalls. Nur welchen Seelenkampf es durchlitten hatte, wusste niemand. Dessen Heftigkeit stand dem Kampf mit den Schakalen wohl in nichts nach. |
| − | Mit dem Kamelzügel in der Hand fühlten sich beide sicher. Yinger hatte ein schlechtes Gewissen: Das Tier hatte sich mühsam aus Menschenhand befreit, einen inneren Kampf durchlitten und war zurückgekommen | + | Mit dem Kamelzügel in der Hand fühlten sich beide sicher. Yinger hatte ein schlechtes Gewissen: Das Tier hatte sich mühsam aus Menschenhand befreit, einen inneren Kampf durchlitten und war zurückgekommen -- und das Erste, was die Menschen ihm gaben, war ein Zügel. |
| − | Das hieß, die Menschen vertrauten ihm nicht. Yinger dachte: Es musste traurig sein. Im Schein der Taschenlampe sah sie in seinen Augen die gewohnte Sanftheit und Fügsamkeit | + | Das hieß, die Menschen vertrauten ihm immer noch nicht. Yinger dachte: Es musste traurig sein. Im Schein der Taschenlampe sah sie in seinen Augen die gewohnte Sanftheit und Fügsamkeit -- weder Scham über seine Flucht noch Freude über seine Rückkehr, nur die ihm eigene Gelassenheit. |
| − | Mit etwas Wasser kauten sie ein paar Bissen | + | Mit etwas Wasser kauten sie ein paar Bissen Fladen, und der Magen wurde noch hungriger. Doch hungrig hin oder her -- niemand wagte, mehr zu essen. Niemand wollte sich zu Tode essen. Verhungern war schlimm, aber Überessen ebenso. |
| − | Mit dem Kamel hatten beide wieder einen Halt. Die Erschöpfung nutzte die Gelegenheit und überflutete sie. Lanlan ließ das Kamel niederknien. An seinen | + | Mit dem Kamel hatten beide wieder einen Halt. Die Erschöpfung nutzte die Gelegenheit und überflutete sie. Lanlan ließ das Kamel niederknien. An seinen Leib gelehnt, dösten sie eine Weile. Es war nur kurz, aber der ruhigste Schlaf, den sie hatten. |
| − | Beim Aufwachen war es helllichter Tag. Sie kauten ein paar Bissen | + | Beim Aufwachen war es helllichter Tag. Sie kauten ein paar Bissen Fladen und gewannen etwas Kraft. Lanlan sagte: Da sie nun das Kamel hätten, sollten sie nicht mehr nach Osten gehen, sondern wieder nach Norden -- dort lag der Salzsee, und solange die Richtung stimmte, würden sie ihn finden. Im Osten müssten sie ohnehin nach Norden abbiegen, das kostete Zeit. ... Natürlich ahnte sie nicht, dass diese Entscheidung sie in die grenzenlose Wüste schleudern würde. Das Schwert des Todes begann erneut über ihren Köpfen zu schweben. |
Im Osten zeigte sich ein rötlicher Saum. Der Kontrast zwischen dem Dunkel der Sandmulde und dem hellen Osten glich einem kontrastreichen Holzschnitt. Sandwellen wogten in die Ferne, wo sie zu Sandbergen anschwollen. Die nahen Muster glichen Wasserwellen, so fein, dass man sie nicht zertreten mochte. | Im Osten zeigte sich ein rötlicher Saum. Der Kontrast zwischen dem Dunkel der Sandmulde und dem hellen Osten glich einem kontrastreichen Holzschnitt. Sandwellen wogten in die Ferne, wo sie zu Sandbergen anschwollen. Die nahen Muster glichen Wasserwellen, so fein, dass man sie nicht zertreten mochte. | ||
| − | Der Wüstenwind war kühl, Yinger fröstelte. Die himmelblaue Bluse hielt einigen Wind ab. Lanlans Gesicht war bläulich, voller Gänsehaut. Vor Erschöpfung hatten sie die Decke auf dem Tragegestell nicht gelöst; kaum eingeschlafen, hatte die morgendliche Wüstenkälte sie geweckt. Immerhin | + | Der Wüstenwind war kühl, Yinger fröstelte. Die himmelblaue Bluse hielt einigen Wind ab. Lanlans Gesicht war bläulich, voller Gänsehaut. Vor Erschöpfung hatten sie die Decke auf dem Tragegestell nicht gelöst; kaum eingeschlafen, hatte die morgendliche Wüstenkälte sie geweckt. Immerhin -- die Kühle nutzen und früh aufbrechen. Yinger dachte: In dieser Wüste ging es wirklich nicht mit rechten Dingen zu -- morgens eine Tiefkühltruhe, mittags eine glühende Bratpfanne. |
| − | Die beiden | + | Die beiden setzten sich wieder zwischen die Kamelhöcker. Der Kamelrücken war breit und warm -- sie hatten das Gefühl, nach einem Schiffbruch wieder ein Boot bestiegen zu haben. |
| − | Kamele waren wunderbar | + | Kamele waren wunderbar -- mit ihnen hatte das Herz einen Halt. |
| − | Der Kamelrücken wölbte sich sanft, langsam und selbstsicher. Die Sandkämme schwankten. Auch die Sonne, die sich aus der Erdspalte schob, schwankte | + | Der Kamelrücken wölbte sich sanft, langsam und selbstsicher. Die Sandkämme schwankten. Auch die Sonne, die sich aus der Erdspalte schob, schwankte und wirkte schwer, als trüge auch sie eine Last. Das Sonnenlicht strich über Yingers Gesicht und schenkte etwas Wärme. Sie fühlte sich wieder lebendig. Wie gnadenlos die Sonne in einigen Stunden auch sein mochte -- mit dem Kamel hatte sie festen Boden unter den Füßen. Der Nachtmarsch hatte Fußsohlen und Beine wie mit Messern brennen lassen. Am ganzen Körper tat alles weh. Ohne das Kamel hätte sie keinen einzigen Schritt mehr getan. Die Kraft ihres schmächtigen Körpers hätte sie unmöglich ans andere Ufer des Sandmeeres getragen. Doch das Kamel konnte es. Es war ein mächtiges, besonnenes Tier, das stets wie ein Philosoph sinnierte. |
Auch ohne ein einziges Wort strömte die Kraft, die von ihm ausging, bis in Yingers tiefste Seele. | Auch ohne ein einziges Wort strömte die Kraft, die von ihm ausging, bis in Yingers tiefste Seele. | ||
| − | Beim Betreten der Wüste hatte sie an seinem Kopfschütteln und Ohrenwerfen erkannt, dass auch Kamele die Wüste fürchteten. Jedes Mal, wenn der alte Laoshun in die Wüste aufbrach, musste er mit der Peitsche büschelweise Fell vom Kamelrücken schlagen | + | Beim Betreten der Wüste hatte sie an seinem Kopfschütteln und Ohrenwerfen erkannt, dass auch Kamele die Wüste fürchteten. Jedes Mal, wenn der alte Laoshun in die Wüste aufbrach, musste er mit der Peitsche büschelweise Fell vom Kamelrücken schlagen -- manchmal traf die Peitsche sogar den empfindlichen Nasenrücken --, um es gefügig zu machen. Die Kamele wussten: Einmal in der Wüste, wurde ihr Rücken nicht leer sein -- Menschen oder Waren. Lasten tragen war ihr Schicksal, wie Warten das Schicksal von Yinger war. Kein Lebewesen auf Erden litt freiwillig. Deshalb empfand Yinger tiefen Respekt für dieses Kamel, das geflohen und doch zurückgekehrt war. Sie dachte: Wärst du nicht wiedergekommen, könntest du jetzt in einer Sandmulde liegen und wiederkäuen, Sandhirse knabbern oder zarte Gräser fressen -- wie frei! Stattdessen trugst du nun zwei Frauen, denen es ebenso übel erging, erneut ins Ungewisse des Lebens. |
Wie sollte ich dich nicht achten, Kamel, dachte sie. | Wie sollte ich dich nicht achten, Kamel, dachte sie. | ||
| − | Lanlan versuchte, den Weg zu erkennen. Den Weg zum Salzsee kannte sie, doch die Schakale hatten ihr | + | Lanlan versuchte, den Weg zu erkennen. Den Weg zum Salzsee kannte sie, doch die Schakale hatten ihr „Wissen" zerschlagen. Angesichts der immer höher anschwellenden Sandwellen fühlte sie sich erneut von Fremdheit verschlungen. Dieses Gefühl kannte sie -- immer wieder wurde sie unfreiwillig mit gewaltiger Fremdheit konfrontiert. Vom Mädchendasein bis heute hatte sie diese Fremdheit wieder und wieder erfahren, bewältigt, ertragen -- und doch lag vor ihr immer noch endlose Fremdheit. Die Welt wurde ihr täglich fremder und ließ sie ratlos zurück. |
Yinger fragte: Hast du den Weg erkannt? | Yinger fragte: Hast du den Weg erkannt? | ||
| − | Lanlan sagte: Mir schwirrt der Kopf. Jetzt heißt es wie der Gecko unter der Peitsche: einfach durchhalten. | + | Lanlan sagte: Mir schwirrt der Kopf. Jetzt heißt es wie der Gecko unter der Peitsche: einfach durchhalten. ... Gehen wir erst mal. Wenn die Richtung stimmt, erkennen wir vielleicht unterwegs etwas wieder. |
| − | Nach einer Weile stieg die Sonne höher. Die Hitze kehrte zurück. Das Wasser im | + | Nach einer Weile stieg die Sonne höher. Die Hitze kehrte zurück. Das Wasser im Kanister musste gespart werden -- niemand wusste, wo die nächste Quelle war. Es war ihr Lebenswasser, und obwohl beide vor Durst fast vergingen, brachten sie es kaum übers Herz, davon zu trinken. Nur wenn der Durst die Augenbewegung lähmte, nippten sie einen winzigen Schluck. Lanlan sagte: Wer Wasser spart, darf nie zu viel auf einmal trinken -- zu viel Wasser im Körper wird zu Urin. Jeder Schluck sollte zum Lebenselixier werden. Das erforderte Disziplin. |
Nach gut zwei Stunden stiegen die beiden ab, denn das Kamel war völlig erschöpft. Es blies weißen Schaum und keuchte wie ein Blasebalg. Lanlan sagte: Lassen wir es rasten. Sie suchten eine Stelle mit Riedgras und nahmen das Tragegestell ab. | Nach gut zwei Stunden stiegen die beiden ab, denn das Kamel war völlig erschöpft. Es blies weißen Schaum und keuchte wie ein Blasebalg. Lanlan sagte: Lassen wir es rasten. Sie suchten eine Stelle mit Riedgras und nahmen das Tragegestell ab. | ||
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Lanlan holte Salz aus der Segeltuchtasche, löste etwas Salzwasser an und wusch dem Kamel die Wunde. Sie sagte: Du hättest doch was sagen sollen! Hätten wir gewusst, dass du verletzt bist, wären wir nie aufgesessen! Das Kamel schnaubte, als wollte es sagen: Macht nichts, das ist doch nicht der Rede wert. | Lanlan holte Salz aus der Segeltuchtasche, löste etwas Salzwasser an und wusch dem Kamel die Wunde. Sie sagte: Du hättest doch was sagen sollen! Hätten wir gewusst, dass du verletzt bist, wären wir nie aufgesessen! Das Kamel schnaubte, als wollte es sagen: Macht nichts, das ist doch nicht der Rede wert. | ||
| − | Die Sonne stieg höher, die Hitze ergoss sich herab. Lanlan sagte: Machen wir es wie vorher | + | Die Sonne stieg höher, die Hitze ergoss sich herab. Lanlan sagte: Machen wir es wie vorher -- bei Hitze in eine feuchte Sandgrube, nachts weitergehen. Wenn wir sparsam mit dem Wasser umgehen, schaffen wir es zum Salzsee. Yinger wusste, dass sie sich selbst tröstete. |
| − | Ohne die Schakale hätten sie auf dem alten Weg problemlos den Salzsee erreicht. Jetzt, nach dem planlosen Hin und Her zwischen Ost und Nord, war alles ungewiss. Doch Yinger sagte nichts | + | Ohne die Schakale hätten sie auf dem alten Weg problemlos den Salzsee erreicht. Jetzt, nach dem planlosen Hin und Her zwischen Ost und Nord, war alles ungewiss. Doch Yinger sagte nichts -- in der Ausweglosigkeit durfte man nur Mut machen, nie entmutigen. Also sagte sie: Genau, der Himmel versperrt nie alle Wege. Mit dem Kamel ist alles möglich. |
| − | Lanlan griff plötzlich in die Segeltuchtasche, als fiele ihr etwas ein, zog ein kleines Notizbuch hervor und reichte es Yinger. Sie sagte: Hier, das habe ich zu Hause gefunden. Lingguan scheint es vor seiner Abreise geschrieben zu haben. Ich wollte es dir geben, fürchtete aber, es würde dich traurig machen, und habe gezögert. Aber das Kamel ist zurückgekommen | + | Lanlan griff plötzlich in die Segeltuchtasche, als fiele ihr etwas ein, zog ein kleines Notizbuch hervor und reichte es Yinger. Sie sagte: Hier, das habe ich zu Hause gefunden. Lingguan scheint es vor seiner Abreise geschrieben zu haben. Ich wollte es dir geben, fürchtete aber, es würde dich traurig machen, und habe gezögert. Aber das Kamel ist zurückgekommen -- vielleicht ist auch das Fügung. |
Yingers Herz klopfte heftig, und sie nahm es entgegen. | Yingers Herz klopfte heftig, und sie nahm es entgegen. | ||
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| − | Den Inhalt dieses kleinen Notizbuchs habe ich später in | + | Den Inhalt dieses kleinen Notizbuchs habe ich später in „Wüstenopfer" aufgenommen: An jenem Tag befühlte der Schwager die Schwellung an seiner Rippe, ohne ihr Bedeutung beizumessen. Er hielt sie für einen gewöhnlichen Knoten; nachdem ein heftiger Schmerz abklang, vergaß er sie. Beim Essen am nächsten Tag schmerzte die Stelle jedoch wieder dumpf. „Seltsam -- was ist das für ein Knoten, der da wehtut?" |
| − | „Morgens früh mit nüchternem Speichel | + | „Morgens früh mit nüchternem Speichel einreiben", sagte Vater. „Jeder Knoten fürchtet nüchternen Speichel." |
| − | Der Bruder sagte: „Es ist kein Knoten auf der Haut | + | Der Bruder sagte: „Es ist kein Knoten auf der Haut -- er scheint tief im Fleisch zu sitzen. Und er tut ordentlich weh -- stoßweise." |
| − | Mutter erschrak innerlich und sagte: „Was man am meisten fürchtet, davon bekommt man am meisten. Die alte Krankheit noch nicht auskuriert, und schon eine neue. | + | Mutter erschrak innerlich und sagte: „Was man am meisten fürchtet, davon bekommt man am meisten. Die alte Krankheit noch nicht auskuriert, und schon eine neue." |
| − | Der Bruder lachte: „Ist dasselbe. Ich vermute, es ist dieser Knoten, der die Schmerzen macht. Kein Wunder | + | Der Bruder lachte: „Ist dasselbe. Ich vermute, es ist dieser Knoten, der die Schmerzen macht. Kein Wunder -- wenn im Bauch ein Knoten wächst, wie soll das nicht wehtun? Neulich, als die Beule am Hals eiterte, hat mich das auch ganz schwindelig gemacht." |
| − | Mutter sog die Luft ein und sagte nach einer langen Pause: „Wie | + | Mutter sog die Luft ein und sagte nach einer langen Pause: „Wie -- der Knoten sitzt im Bauch?" |
| − | Der Bruder sagte: „Ich vermute, ja. Wer weiß | + | Der Bruder sagte: „Ich vermute, ja. Wer weiß -- jedenfalls an der Stelle, die immer schmerzt, unter den Rippen. Hätte ich gewusst, dass ein Knoten wächst, hätte ich die Medizin nicht genommen. Eiter soll eitern -- abgelassen, und gut ist. Geld umsonst ausgegeben, und Schmerzen hab ich trotzdem." |
Mutter bat den Bruder, das Hemd auszuziehen. Er zeigte auf die rechte Seite. Mutter drückte ein paar Mal, Vater auch. Der Bruder verzog das Gesicht und sog zischend die Luft ein. | Mutter bat den Bruder, das Hemd auszuziehen. Er zeigte auf die rechte Seite. Mutter drückte ein paar Mal, Vater auch. Der Bruder verzog das Gesicht und sog zischend die Luft ein. | ||
| − | „Wann ist das gewachsen? | + | „Wann ist das gewachsen?", fragte Mutter. |
| − | Der Bruder sagte: „Erst letzte Nacht ertastet. Wahrscheinlich fast reif. Man sagt, Eiter tut beim Reifen weh. Die paar Tage beim Pflügen und Säen | + | Der Bruder sagte: „Erst letzte Nacht ertastet. Wahrscheinlich fast reif. Man sagt, Eiter tut beim Reifen weh. Die paar Tage beim Pflügen und Säen -- das hat mich fertiggemacht." |
| − | Mutter sagte: „Es ist nicht reif. Reifer Eiter wäre weich. Es fühlt sich noch hart an. Aber wenn er reif ist und abgelassen wird, ist sofort alles besser. | + | Mutter sagte: „Es ist nicht reif. Reifer Eiter wäre weich. Es fühlt sich noch hart an. Aber wenn er reif ist und abgelassen wird, ist sofort alles besser." |
| − | Lingguan ging hinüber, drückte auf die Stelle an der Rippe des Bruders | + | Lingguan ging hinüber, drückte auf die Stelle an der Rippe des Bruders -- in seinem Herzen blitzte etwas auf, doch er zwang sich, kein böses Urteil zu fällen, und sagte nur: „Ob Eiter oder nicht -- ein Arzt muss draufschauen." |
| − | Der Bruder ächzte: „Wieder Geld zum Fenster raus. | + | Der Bruder ächzte: „Wieder Geld zum Fenster raus." |
| − | Lingguan sagte: „Wieso zum Fenster raus? Was nötig ist, muss sein. Morgen bringe ich dich in die Stadt. | + | Lingguan sagte: „Wieso zum Fenster raus? Was nötig ist, muss sein. Morgen bringe ich dich in die Stadt." |
| − | „In die Stadt? | + | „In die Stadt?", rief der Bruder. „Nein, nein -- Busfahrt, Essen, das kostet alles. Vergiss es, lass den Dorfarzt schauen." |
| − | Vater sprach sein Machtwort: „Die Stümper vom Dorf, die verdorbene Yamswurzeln gegessen haben | + | Vater sprach sein Machtwort: „Die Stümper vom Dorf, die verdorbene Yamswurzeln gegessen haben -- was können die schon? Wenn man Geld ausgibt, dann richtig. Ab in die Stadt!" Der Bruder schwieg. |
Am nächsten Morgen machten sich Lingguan und der Bruder reisefertig und fuhren mit dem Bus in die Stadt. | Am nächsten Morgen machten sich Lingguan und der Bruder reisefertig und fuhren mit dem Bus in die Stadt. | ||
| − | Die Sonne stand schon hoch. Die Stadtsonne war anders | + | Die Sonne stand schon hoch. Die Stadtsonne war anders -- eher ein Auswurf von Staub und Lärm, der die ganze Welt und den ganzen Kopf mit Dreck und Geschrei füllte. Große und kleine Wagen rasten wie aufgescheuchte Esel. Auch die Radfahrer waren verrückt -- einer klebte am Hintern des anderen, im Wetteifer. Die Fußgänger glichen einem Ameisenhaufen in Aufruhr -- du stößt mir an die Brust, ich ramme deinen Hintern, Köpfe nickend und Hüften schwingend, bis dem Bruder der Kopf schwirrte. Beim Überqueren der Straße konnte er minutenlang auf der Stelle treten. |
| − | Lingguan witzelte: „Pass auf, dass dir die Augäpfel nicht rausfallen und zerschellen. | + | Lingguan witzelte: „Pass auf, dass dir die Augäpfel nicht rausfallen und zerschellen." |
| − | Der Schwager errötete: „Du hast ja auch ein paar Jahre in der Stadt studiert | + | Der Schwager errötete: „Du hast ja auch ein paar Jahre in der Stadt studiert ... Warum rasen die alle so?" |
| − | „Zur Arbeit. | + | „Zur Arbeit." -- „Hehe, als gälte es ein Feuer zu löschen -- könnten die nicht langsamer fahren?" |
| − | „Wer zu spät kommt, bekommt Lohnabzug. | + | „Wer zu spät kommt, bekommt Lohnabzug." |
| − | „Könnten sie nicht früher losfahren? | + | „Könnten sie nicht früher losfahren?" |
| − | „Stadtleute haben nicht unseren Luxus, bis zum Sonnenbrand auf dem Hintern zu schlafen. Die müssen Kinder zur Schule bringen, dann zur Arbeit | + | „Stadtleute haben nicht unseren Luxus, bis zum Sonnenbrand auf dem Hintern zu schlafen. Die müssen Kinder zur Schule bringen, dann zur Arbeit -- manche schaffen nicht mal ein Frühstück." |
| − | „Die armen Stadtmenschen. | + | „Die armen Stadtmenschen." |
| − | Lingguan lachte: „Die finden dich bemitleidenswert. | + | Lingguan lachte: „Die finden dich bemitleidenswert." |
| − | Die beiden kamen im Bezirkskrankenhaus an. Bei jener Untersuchung sagte der Arzt, der Schwager habe einen Leber-Echinokokkus. Er müsse operiert werden | + | Die beiden kamen im Bezirkskrankenhaus an. Bei jener Untersuchung sagte der Arzt, der Schwager habe einen Leber-Echinokokkus. Er müsse operiert werden -- das koste drei- bis viertausend Yuan. |
| − | „Um Himmels willen! | + | „Um Himmels willen!", rief der Schwager erschrocken. „Sie übertreiben ja. Wenn man mich verkauft, was bringt das ein?" Der Arzt lachte: „Es geht nicht ums Handeln. Ich schätze so viel. Vielleicht weniger. Vielleicht auch mehr -- wenn eine Bluttransfusion nötig ist." |
| − | Der Bruder wurde aschfahl, blickte mich an und sagte: „Gehen wir, gehen wir. Hier hält man es nicht aus. Kaum drinnen, fühlt es sich an wie ein Traum. Noch länger, und ich werde verrückt. | + | Der Bruder wurde aschfahl, blickte mich an und sagte: „Gehen wir, gehen wir. Hier hält man es nicht aus. Kaum drinnen, fühlt es sich an wie ein Traum. Noch länger, und ich werde verrückt." Lingguan lächelte und fragte den Arzt: „Soll ich ein Rezept mitnehmen?" Der Arzt sagte: „Nicht nötig. Bei dieser Krankheit helfen keine Medikamente." Lingguan führte den verstörten Bruder aus dem Krankenhaus. |
| − | „Es ist aus | + | „Es ist aus ... es ist aus ...", murmelte der Bruder, kaum dass sie draußen waren. |
| − | Lingguan sagte: „Was denn? Das ist doch keine schwere Krankheit | + | Lingguan sagte: „Was denn? Das ist doch keine schwere Krankheit ... Anfangs bin ich auch in kalten Schweiß ausgebrochen. Wäre es wirklich Leberkrebs, könnte kein Gott helfen. Zum Glück ist es nur Echinokokkose." |
| − | Der Bruder sagte: „Krebs wäre besser | + | Der Bruder sagte: „Krebs wäre besser -- dann stirbst du wenigstens. Aber jetzt ... sag mal ... so viel Geld ... woher nehmen?" |
| − | Lingguan tröstete: „Was machst du dir so viele Sorgen? Du hast die Krankheit nicht absichtlich bekommen. Was sein muss, muss sein. Wozu sich grämen? Grämen bringt kein Geld. | + | Lingguan tröstete: „Was machst du dir so viele Sorgen? Du hast die Krankheit nicht absichtlich bekommen. Was sein muss, muss sein. Wozu sich grämen? Grämen bringt kein Geld." |
| − | Der Bruder blieb stehen, setzte sich auf ein Straßengeländer, machte ein Leichengesicht und schwieg lange. Endlich sagte er: „Am liebsten würde ich mich vor ein Auto werfen. Ein Ende mit Schrecken. Damit Vater und Mutter sich keine Sorgen mehr machen | + | Der Bruder blieb stehen, setzte sich auf ein Straßengeländer, machte ein Leichengesicht und schwieg lange. Endlich sagte er: „Am liebsten würde ich mich vor ein Auto werfen. Ein Ende mit Schrecken. Damit Vater und Mutter sich keine Sorgen mehr machen ... Besser tot." |
| − | Egal | + | Egal wie Lingguan ihn tröstete -- der Schwager blieb aschfahl und murmelte abwechselnd „Um Himmels willen" und „Herrje, drei- bis viertausend", ohne aufzuhören. |
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Yinger wusste: Die Tage vor der Operation waren die qualvollsten im Leben des Schwagers. | Yinger wusste: Die Tage vor der Operation waren die qualvollsten im Leben des Schwagers. | ||
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Erstens hatte er erfahren, dass jeder Tag vierzig bis fünfzig Yuan kostete. Das war sein Todesurteil. Er verabscheute die Ärzte, weil sie ständig Infusionen verordneten. Das war in seinen Augen rausgeworfenes Geld. Wenn Medikamente und Spritzen den Wurm in der Leber nicht beseitigen konnten, brauchte man diese sinnlosen Ausgaben nicht. In seinen Augen war jede Infusion gleichbedeutend damit, den Eltern das Blut auszusaugen. | Erstens hatte er erfahren, dass jeder Tag vierzig bis fünfzig Yuan kostete. Das war sein Todesurteil. Er verabscheute die Ärzte, weil sie ständig Infusionen verordneten. Das war in seinen Augen rausgeworfenes Geld. Wenn Medikamente und Spritzen den Wurm in der Leber nicht beseitigen konnten, brauchte man diese sinnlosen Ausgaben nicht. In seinen Augen war jede Infusion gleichbedeutend damit, den Eltern das Blut auszusaugen. | ||
| − | Zweitens wurde der Operationstermin immer wieder verschoben. Die Ärzte sagten stets: Noch ein paar Tage Beobachtung. Beobachtung? Was gab es da zu beobachten? Drei Ultraschalluntersuchungen, Röntgen, Leberfunktionstests, EKG | + | Zweitens wurde der Operationstermin immer wieder verschoben. Die Ärzte sagten stets: Noch ein paar Tage Beobachtung. Beobachtung? Was gab es da zu beobachten? Drei Ultraschalluntersuchungen, Röntgen, Leberfunktionstests, EKG -- lauter Dinge, die der Schwager für reine Geldschneiderei hielt. Seine Krankheit saß in der Leber -- der Knoten wuchs von Tag zu Tag -- nicht in Kopf oder Brust. Wozu diese Untersuchungen? Wenn man schon abzockte, dann doch nicht einen armen Mann. |
Die Diagnose war im Wesentlichen bestätigt: Echinokokkose der Leber. Im selben Zimmer lag ein Patient mit derselben Krankheit, ein Drainageschlauch in der Flanke, das andere Ende in einer Flasche mit rötlicher Flüssigkeit. Der Mann ging stets gebückt, mit zusammengebissenen Zähnen, die Flasche tragend. Angeblich bekam man die entsprechende Krankheit, wenn man die Flüssigkeit berührte. Sein Erscheinen glich dem eines Pestbringers. | Die Diagnose war im Wesentlichen bestätigt: Echinokokkose der Leber. Im selben Zimmer lag ein Patient mit derselben Krankheit, ein Drainageschlauch in der Flanke, das andere Ende in einer Flasche mit rötlicher Flüssigkeit. Der Mann ging stets gebückt, mit zusammengebissenen Zähnen, die Flasche tragend. Angeblich bekam man die entsprechende Krankheit, wenn man die Flüssigkeit berührte. Sein Erscheinen glich dem eines Pestbringers. | ||
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Der Bruder dachte daran, dass auch er bald so aussehen würde, und es machte ihn elend. Doch gleichzeitig hoffte er, möglichst schnell so weit zu sein. Jeder weitere Tag kostete viel Geld. | Der Bruder dachte daran, dass auch er bald so aussehen würde, und es machte ihn elend. Doch gleichzeitig hoffte er, möglichst schnell so weit zu sein. Jeder weitere Tag kostete viel Geld. | ||
| − | „Pass bloß auf, dass du nicht die Flüssigkeit in der Flasche | + | „Pass bloß auf, dass du nicht die Flüssigkeit in der Flasche berührst", sagte der Bruder lachend zu mir. Das war das einzige Thema, bei dem er sich fröhlich geben konnte. |
| − | „Hast du Angst? | + | „Hast du Angst?", fragte Lingguan. |
| − | „Wie der Gecko unter der Peitsche | + | „Wie der Gecko unter der Peitsche -- Angst hin oder her, man muss es aushalten." Der Bruder gab sich betont locker, verfiel aber sofort wieder in Trübsinn. |
Der Geruch im Krankenzimmer war dem Bruder unerträglich. Nach der Infusion zog er mich stets nach draußen. Doch kaum auf der Straße, dachte er an das leere, bezahlte Bett und wollte zurück, um sich, verdammt nochmal, richtig auszupennen. | Der Geruch im Krankenzimmer war dem Bruder unerträglich. Nach der Infusion zog er mich stets nach draußen. Doch kaum auf der Straße, dachte er an das leere, bezahlte Bett und wollte zurück, um sich, verdammt nochmal, richtig auszupennen. | ||
| − | Lingguan sagte: „Lass uns lieber noch etwas spazieren. Im Krankenzimmer hocken macht auch Gesunde krank. Und nach der Operation kannst du nicht mehr spazieren. | + | Lingguan sagte: „Lass uns lieber noch etwas spazieren. Im Krankenzimmer hocken macht auch Gesunde krank. Und nach der Operation kannst du nicht mehr spazieren." |
| − | Der Bruder seufzte: „Wie lange noch? Herrgott, Dutzende Yuan pro Tag | + | Der Bruder seufzte: „Wie lange noch? Herrgott, Dutzende Yuan pro Tag -- allein daran zu denken macht einem Angst. Früher oder später kommt das Messer. Geld für nichts verbrennen! Sprich mal mit deinem Freund -- geht es nicht früher?" |
| − | „Hundertmal gesagt, hilft nichts. Das ist Vorschrift | + | „Hundertmal gesagt, hilft nichts. Das ist Vorschrift -- jeder muss ein paar Tage beobachtet werden. Außerdem sind Echinokokkose-Operationen samstags angesetzt. Diese Tage geht nichts, in ein paar Tagen bitte ich nochmal." |
| − | An der Großen Kreuzung sagte der Bruder, er wolle ein Foto machen lassen. Er sagte: „Ich habe noch nie ein richtiges Foto von mir. Eins machen | + | An der Großen Kreuzung sagte der Bruder, er wolle ein Foto machen lassen. Er sagte: „Ich habe noch nie ein richtiges Foto von mir. Eins machen -- vielleicht braucht man es irgendwann." |
| − | Lingguan sah den Bruder aufmerksam an. Der Bruder lächelte. Ich sagte: „Foto ist gut, aber denk nicht an dumme Sachen. | + | Lingguan sah den Bruder aufmerksam an. Der Bruder lächelte. Ich sagte: „Foto ist gut, aber denk nicht an dumme Sachen." |
| − | Lingguan sagte: „Denke ich nicht. | + | Lingguan sagte: „Denke ich nicht." Doch Sorge stand ihm ins Gesicht geschrieben. Vielleicht fürchtete der Bruder, man verheimlichte ihm etwas -- er zwang sich ein Lächeln ab und betrat das Fotostudio. Er sagte: „Ein Einzelbild. Vielleicht braucht man es mal." Dabei blickte er unauffällig zu mir; als er sah, dass Lingguan keine besondere Reaktion zeigte, atmete er erleichtert auf. Lingguan wusste: Der Schwager bereitete sein Begräbnisfoto vor. In seinem Herzen stach es. |
| − | Die Krebsdiagnose wurde erst bei der Operation bestätigt. Es war der | + | Die Krebsdiagnose wurde erst bei der Operation bestätigt. Es war der einundzwanzigste Tag nach der Einlieferung. Der Knoten an der Rippe war so regelmäßig und glatt, weil er von einer Kapsel umhüllt war. Die Nachricht traf Lingguan wie ein Schlag -- seine Kopfhaut prickelte, die Zunge wurde schlagartig trocken. Wie ein Schlafwandler taumelte er zum Flur und lehnte sich an die Wand. Schwäche überflutete ihn wie Wasser; im Kopf war nur Dröhnen und ein einziger Gedanke: Was wird Mama sagen, wenn sie es erfährt? Beim Gedanken an Mutters von Leid und Falten gezeichnetes Gesicht krampfte sich Lingguans Herz zusammen. |
Plötzlich stieg ein Gedanke auf: Er hoffte, der Schwager möge sofort sterben. Lingguan wusste, dass Leberkrebs der König aller Krebsarten war. Im Dorf hatte jemand diese Krankheit gehabt. Das Brüllen wie ein Stier hatte monatelang wie eine Säge an den Herzen der Dorfbewohner gerissen. | Plötzlich stieg ein Gedanke auf: Er hoffte, der Schwager möge sofort sterben. Lingguan wusste, dass Leberkrebs der König aller Krebsarten war. Im Dorf hatte jemand diese Krankheit gehabt. Das Brüllen wie ein Stier hatte monatelang wie eine Säge an den Herzen der Dorfbewohner gerissen. | ||
| − | Besser sofort sterben als diese Qualen erleiden. Und Lingguan mochte sich nicht ausmalen, wie der Bruder reagieren würde, wenn er seine Diagnose erführe | + | Besser sofort sterben als diese Qualen erleiden. Und Lingguan mochte sich nicht ausmalen, wie der Bruder reagieren würde, wenn er seine Diagnose erführe -- diese Verzweiflung war schlimmer als der Tod. |
| − | Alles war wie ein Albtraum | + | Alles war wie ein Albtraum -- wie sehr er sich wünschte, es wäre nur einer. |
Die Tür des Operationssaals öffnete sich. | Die Tür des Operationssaals öffnete sich. | ||
| − | Der Bruder lag mit nacktem Oberkörper auf der Trage. Er war bereits wach | + | Der Bruder lag mit nacktem Oberkörper auf der Trage. Er war bereits wach -- tiefe Augenhöhlen, erschreckend gelbliches Gesicht, kein Tropfen Farbe auf den Lippen. In nur ein, zwei Stunden hatte sich ein Mensch derart verändert. Lingguan rief innerlich: „Guter Bruder, guter Bruder -- weißt du von deiner Krankheit?" |
Lingguan stöhnte. | Lingguan stöhnte. | ||
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Vater stürzte vor. | Vater stürzte vor. | ||
| − | Der Arzt winkte ab: „Zurück, zurück! | + | Der Arzt winkte ab: „Zurück, zurück!" Vater wich einige Schritte zurück. |
| − | „Zurück, zurück! | + | „Zurück, zurück!" Der Arzt wurde zornig. Sie schoben die Trage in den Aufzug. Lingguan und der alte Laoshun eilten die Treppe hinab. |
| − | Im Krankenzimmer stöhnte der Bruder: „Keine Narkose, und dann schneiden | + | Im Krankenzimmer stöhnte der Bruder: „Keine Narkose, und dann schneiden -- das Messer zum ersten Mal, au, dieser Schmerz ..." -- „Habt ihr dem Narkosearzt etwas geschenkt?", fragte der Zimmernachbar. |
| − | „Dem soll man auch noch schenken? | + | „Dem soll man auch noch schenken?", fragte Lingguan. |
| − | „Natürlich! Kein Wunder | + | „Natürlich! Kein Wunder ... kein Wunder ..." Der Mann schüttelte den Kopf und seufzte. |
| − | Lingguan blickte auf die Bandage und den Schlauch, der aus dem Bauch des Bruders ragte, dann auf das wachsgelbe Gesicht | + | Lingguan blickte auf die Bandage und den Schlauch, der aus dem Bauch des Bruders ragte, dann auf das wachsgelbe Gesicht -- sein Herz verkrampfte sich. Hätte er die Diagnose vorher gekannt, hätte er dem Bruder diesen Schnitt erspart. Doch Lingguan wusste: Selbst wenn er es gewusst hätte, wäre der Schnitt nötig gewesen. Nur so konnten die Angehörigen sich beruhigen, sich fügen. Lingguan erschauderte bei dem Gedanken an den sieben Zoll langen Schnitt ohne Narkose. |
| − | Das Stöhnen des Bruders war wie eine Säge auf | + | Das Stöhnen des Bruders war wie eine Säge auf seinem Herzen. Beim Anblick des gelbhageren, schweißbedeckten Gesichts tat Lingguans Herz wieder und wieder weh. |
| − | „Weiß er von seiner Diagnose? | + | „Weiß er von seiner Diagnose?" Lingguan betrachtete den Bruder aufmerksam, konnte aber nichts erkennen. Vielleicht wusste er es noch nicht. Aber bald würde er bemerken, dass der Knoten im Bauch nicht verschwunden war. Bei dem Gedanken schnürte sich sein Herz zusammen. „Wenn doch nur ...", stieg wieder jener Gedanke auf: „Wenn er doch auf dem Operationstisch gestorben wäre -- unwissentlich." |
Nachts breitete Lingguan die Matratze auf dem geliehenen Feldbett aus und legte die Decke in die Mitte; er und Vater saßen und lagen an den beiden Enden. Die Luft im Krankenzimmer war unerträglich, doch am schlimmsten war das Stöhnen des Bruders. Jeder Nerv schien davon zerrissen. Es dauerte nicht lang, und er fühlte sich am Rand des Nervenzusammenbruchs. Er ging auf den Flur, setzte sich auf die Heizung, öffnete das Fenster und ließ den kühlen Nachtwind sein taubes Hirn umspülen. | Nachts breitete Lingguan die Matratze auf dem geliehenen Feldbett aus und legte die Decke in die Mitte; er und Vater saßen und lagen an den beiden Enden. Die Luft im Krankenzimmer war unerträglich, doch am schlimmsten war das Stöhnen des Bruders. Jeder Nerv schien davon zerrissen. Es dauerte nicht lang, und er fühlte sich am Rand des Nervenzusammenbruchs. Er ging auf den Flur, setzte sich auf die Heizung, öffnete das Fenster und ließ den kühlen Nachtwind sein taubes Hirn umspülen. | ||
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Auch der alte Laoshun hielt es im Krankenzimmer offenbar nicht aus; ab und zu kam er auf den Gang und rauchte ein paar Züge seiner Trockenblatt-Pfeife. Rauchen war hier streng verboten, aber in der tiefen Nacht konnte er heimlich ein paar Züge nehmen. Er wusste, dass der beißende Rauch Husten auslösen und die Wunde erschüttern würde, also schloss er die Zimmertür und öffnete das Gangfenster, damit der kalte Wind den Gestank verwehte. | Auch der alte Laoshun hielt es im Krankenzimmer offenbar nicht aus; ab und zu kam er auf den Gang und rauchte ein paar Züge seiner Trockenblatt-Pfeife. Rauchen war hier streng verboten, aber in der tiefen Nacht konnte er heimlich ein paar Züge nehmen. Er wusste, dass der beißende Rauch Husten auslösen und die Wunde erschüttern würde, also schloss er die Zimmertür und öffnete das Gangfenster, damit der kalte Wind den Gestank verwehte. | ||
| − | Vater war abgemagert. Lingguan betrachtete selten Vaters Gesicht. Vater sah immer gleich aus | + | Vater war abgemagert. Lingguan betrachtete selten Vaters Gesicht. Vater sah immer gleich aus -- bräunlich-gelb, voller Falten, ein paar Barthaare, die keine Würde verliehen. Vaters Gesicht war gewöhnlich -- so gewöhnlich, dass man ihn in einer Menge kaum erkannte. Immer hager, immer leidgeprüft. Die gesunde Hautfarbe war verschwunden und einem trockenen Schwarzgrau gewichen. |
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| − | + | „Arm sein ist erträglich -- nur krank darf keiner werden", seufzte Vater nach ein paar Zügen. | |
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Latest revision as of 13:06, 8 April 2026
Ihr Herz raste. Seltsames Herz -- eben noch kurz vor dem Stillstand, und jetzt hämmerte es wie ein Poltergeist. ...
Waren die Schritte hinter ihr etwa auch von einem Poltergeist? In der alten Mühle im Dorf gab es einen Poltergeist, der jede Nacht von Mitternacht bis zum Hahnenschrei den Boden stampfte. Yinger vergaß sogar den Durst. Ihre Kopfhaut prickelte. ... Das Stampfen kam näher. Sie hörte sogar Atemgeräusche -- schwer und rau, als trüge der Geist riesige Eisenketten und Haken. Yinger hätte fast geschrien, fürchtete aber, der eigene Schrei könnte sie zu Tode erschrecken.
Das schwere Atmen war direkt hinter ihr. Yinger spürte, wie der Geist seine Klauen ausstreckte. Er würde den Hals packen -- das hatte Mutter schon erzählt, als sie klein war: Geister packen einen. ... Mutter sagte immer: „Kopfschmerz, Fieber, Bauchweh, Verstopfung, Herzstechen -- der Geist hat dich gepackt." ... Heiße Atemstöße wehten ihr tatsächlich in den Nacken. Ihr Herz verhärtete sich: Wovor Angst haben? Es ist doch nur der Tod! Und selbst im Tod -- ich will sehen, wie ein Geist aussieht! Sie tastete nach der Taschenlampe, wirbelte herum.
Ein gewaltiger schwarzer Schatten stand in bizarrer Form vor ihr.
Sie schaltete die Taschenlampe ein und schrie auf.
22
In jener furchtbaren Wüstennacht entdeckte Yinger, dass das Wesen im Lichtkegel ein Kamel war.
Yinger rüttelte Lanlan wach und schrie: Kamel --! Kamel! Lanlan sprang auf. Das Kamel schnaubte noch. Eine unglaubliche Freude! Alle hatten gedacht, es sei davongelaufen, und nun war es von selbst zurückgekommen. Lanlan taumelte zum Kamel, löste das Seil und nahm den Plastikkanister ab. Ein Glück -- noch über die Hälfte voll Wasser.
Yinger rief: Wasser --! Wasser! In diesem Moment gab es kein kühleres Wort.
Lanlan schraubte den Deckel auf, reichte ihn Yinger und sagte: Trink nicht zu viel, nur wenig. Sonst platzt der Magen.
Yinger trank genüsslich einen Schluck und schluckte in kleinen, bedächtigen Zügen. Sie hatte erwartet, dass die Kehle Kühle empfangen würde.
Doch das Gefühl war wie glühende Kohle. Sie dachte: Die Speiseröhre musste aufgerissen sein. Nachdem sie mühsam zwei Schlucke hinuntergewürgt hatte, war sie noch durstiger.
Lanlan riss ihr den Kanister weg und ließ sie nicht weiter trinken. Im Dorf gab es Menschen, die nach extremem Durst beim hastigen Trinken gestorben waren. Der Magen war wohl faustgroß geschrumpft.
Lanlan nippte einen winzigen Schluck, nahm die Taschenlampe und leuchtete das Kamel ab. Vieles fehlte: Der Mehlsack war aufgerissen, das Mehl verschüttet. Der Lederschlauch hatte ein Loch, das Wasser natürlich weg. Zum Glück war der Plastikkanister heil geblieben und hatte ihnen etwas Lebensflüssigkeit bewahrt. Das Tuch mit den Fladenbroten war noch da, zwei trockene Fladen darin. Ursprünglich waren es über ein Dutzend gewesen -- die meisten mussten beim Holpern in den Sand gefallen sein.
Immerhin war die Decke noch am Tragegestell festgebunden, die Segeltuchtasche war heil, die Stahlkugeln darin, ein Päckchen Schießpulver, eine Rolle dünnes Seil. Natürlich hätte Yinger sich gewünscht, der Lederschlauch wäre heil -- dann hätte sie endlich richtig trinken können. Doch sie wusste: Solches Wunschdenken brachte nur Kummer, und ließ es.
Die Kamelzügel waren abgetreten; nur noch ein Meter war übrig. Lanlan nahm das dünne Seil, faltete es mehrfach und knotete es an den Zügel. Beide waren überglücklich über das wiedergefundene Kamel. Der alte Laoshun hatte einmal gesagt, Kamele hätten einen ausgezeichneten Geruchssinn -- gegen den Wind könnten sie einen bestimmten Geruch in zehn Li Entfernung wahrnehmen; wenn es wollte, konnte es sie natürlich einholen. Es schien gut gefressen zu haben und war kaum abgemagert.
Die Gedanken des Kamels nach seiner Flucht blieben ein Rätsel: Warum es geflohen war -- Angst vor den Schakalen, Angst vor der Hitze und so weiter -- ließ sich leicht erklären. Warum es zurückkam -- weil es die zwei Frauen nicht im Stich lassen konnte und so weiter -- ebenfalls. Nur welchen Seelenkampf es durchlitten hatte, wusste niemand. Dessen Heftigkeit stand dem Kampf mit den Schakalen wohl in nichts nach.
Mit dem Kamelzügel in der Hand fühlten sich beide sicher. Yinger hatte ein schlechtes Gewissen: Das Tier hatte sich mühsam aus Menschenhand befreit, einen inneren Kampf durchlitten und war zurückgekommen -- und das Erste, was die Menschen ihm gaben, war ein Zügel.
Das hieß, die Menschen vertrauten ihm immer noch nicht. Yinger dachte: Es musste traurig sein. Im Schein der Taschenlampe sah sie in seinen Augen die gewohnte Sanftheit und Fügsamkeit -- weder Scham über seine Flucht noch Freude über seine Rückkehr, nur die ihm eigene Gelassenheit.
Mit etwas Wasser kauten sie ein paar Bissen Fladen, und der Magen wurde noch hungriger. Doch hungrig hin oder her -- niemand wagte, mehr zu essen. Niemand wollte sich zu Tode essen. Verhungern war schlimm, aber Überessen ebenso.
Mit dem Kamel hatten beide wieder einen Halt. Die Erschöpfung nutzte die Gelegenheit und überflutete sie. Lanlan ließ das Kamel niederknien. An seinen Leib gelehnt, dösten sie eine Weile. Es war nur kurz, aber der ruhigste Schlaf, den sie hatten.
Beim Aufwachen war es helllichter Tag. Sie kauten ein paar Bissen Fladen und gewannen etwas Kraft. Lanlan sagte: Da sie nun das Kamel hätten, sollten sie nicht mehr nach Osten gehen, sondern wieder nach Norden -- dort lag der Salzsee, und solange die Richtung stimmte, würden sie ihn finden. Im Osten müssten sie ohnehin nach Norden abbiegen, das kostete Zeit. ... Natürlich ahnte sie nicht, dass diese Entscheidung sie in die grenzenlose Wüste schleudern würde. Das Schwert des Todes begann erneut über ihren Köpfen zu schweben.
Im Osten zeigte sich ein rötlicher Saum. Der Kontrast zwischen dem Dunkel der Sandmulde und dem hellen Osten glich einem kontrastreichen Holzschnitt. Sandwellen wogten in die Ferne, wo sie zu Sandbergen anschwollen. Die nahen Muster glichen Wasserwellen, so fein, dass man sie nicht zertreten mochte.
Der Wüstenwind war kühl, Yinger fröstelte. Die himmelblaue Bluse hielt einigen Wind ab. Lanlans Gesicht war bläulich, voller Gänsehaut. Vor Erschöpfung hatten sie die Decke auf dem Tragegestell nicht gelöst; kaum eingeschlafen, hatte die morgendliche Wüstenkälte sie geweckt. Immerhin -- die Kühle nutzen und früh aufbrechen. Yinger dachte: In dieser Wüste ging es wirklich nicht mit rechten Dingen zu -- morgens eine Tiefkühltruhe, mittags eine glühende Bratpfanne.
Die beiden setzten sich wieder zwischen die Kamelhöcker. Der Kamelrücken war breit und warm -- sie hatten das Gefühl, nach einem Schiffbruch wieder ein Boot bestiegen zu haben.
Kamele waren wunderbar -- mit ihnen hatte das Herz einen Halt.
Der Kamelrücken wölbte sich sanft, langsam und selbstsicher. Die Sandkämme schwankten. Auch die Sonne, die sich aus der Erdspalte schob, schwankte und wirkte schwer, als trüge auch sie eine Last. Das Sonnenlicht strich über Yingers Gesicht und schenkte etwas Wärme. Sie fühlte sich wieder lebendig. Wie gnadenlos die Sonne in einigen Stunden auch sein mochte -- mit dem Kamel hatte sie festen Boden unter den Füßen. Der Nachtmarsch hatte Fußsohlen und Beine wie mit Messern brennen lassen. Am ganzen Körper tat alles weh. Ohne das Kamel hätte sie keinen einzigen Schritt mehr getan. Die Kraft ihres schmächtigen Körpers hätte sie unmöglich ans andere Ufer des Sandmeeres getragen. Doch das Kamel konnte es. Es war ein mächtiges, besonnenes Tier, das stets wie ein Philosoph sinnierte.
Auch ohne ein einziges Wort strömte die Kraft, die von ihm ausging, bis in Yingers tiefste Seele.
Beim Betreten der Wüste hatte sie an seinem Kopfschütteln und Ohrenwerfen erkannt, dass auch Kamele die Wüste fürchteten. Jedes Mal, wenn der alte Laoshun in die Wüste aufbrach, musste er mit der Peitsche büschelweise Fell vom Kamelrücken schlagen -- manchmal traf die Peitsche sogar den empfindlichen Nasenrücken --, um es gefügig zu machen. Die Kamele wussten: Einmal in der Wüste, wurde ihr Rücken nicht leer sein -- Menschen oder Waren. Lasten tragen war ihr Schicksal, wie Warten das Schicksal von Yinger war. Kein Lebewesen auf Erden litt freiwillig. Deshalb empfand Yinger tiefen Respekt für dieses Kamel, das geflohen und doch zurückgekehrt war. Sie dachte: Wärst du nicht wiedergekommen, könntest du jetzt in einer Sandmulde liegen und wiederkäuen, Sandhirse knabbern oder zarte Gräser fressen -- wie frei! Stattdessen trugst du nun zwei Frauen, denen es ebenso übel erging, erneut ins Ungewisse des Lebens.
Wie sollte ich dich nicht achten, Kamel, dachte sie.
Lanlan versuchte, den Weg zu erkennen. Den Weg zum Salzsee kannte sie, doch die Schakale hatten ihr „Wissen" zerschlagen. Angesichts der immer höher anschwellenden Sandwellen fühlte sie sich erneut von Fremdheit verschlungen. Dieses Gefühl kannte sie -- immer wieder wurde sie unfreiwillig mit gewaltiger Fremdheit konfrontiert. Vom Mädchendasein bis heute hatte sie diese Fremdheit wieder und wieder erfahren, bewältigt, ertragen -- und doch lag vor ihr immer noch endlose Fremdheit. Die Welt wurde ihr täglich fremder und ließ sie ratlos zurück.
Yinger fragte: Hast du den Weg erkannt?
Lanlan sagte: Mir schwirrt der Kopf. Jetzt heißt es wie der Gecko unter der Peitsche: einfach durchhalten. ... Gehen wir erst mal. Wenn die Richtung stimmt, erkennen wir vielleicht unterwegs etwas wieder.
Nach einer Weile stieg die Sonne höher. Die Hitze kehrte zurück. Das Wasser im Kanister musste gespart werden -- niemand wusste, wo die nächste Quelle war. Es war ihr Lebenswasser, und obwohl beide vor Durst fast vergingen, brachten sie es kaum übers Herz, davon zu trinken. Nur wenn der Durst die Augenbewegung lähmte, nippten sie einen winzigen Schluck. Lanlan sagte: Wer Wasser spart, darf nie zu viel auf einmal trinken -- zu viel Wasser im Körper wird zu Urin. Jeder Schluck sollte zum Lebenselixier werden. Das erforderte Disziplin.
Nach gut zwei Stunden stiegen die beiden ab, denn das Kamel war völlig erschöpft. Es blies weißen Schaum und keuchte wie ein Blasebalg. Lanlan sagte: Lassen wir es rasten. Sie suchten eine Stelle mit Riedgras und nahmen das Tragegestell ab.
Zu ihrem Entsetzen entdeckte Lanlan, dass der Kamelrücken faulig war. Ein Gestank schlug ihr entgegen. Das Tragegestell hatte die Haut aufgerieben.
Wenn ein Kamel galoppierte, schwankte das Gestell und konnte den Rücken leicht wund scheuern. Die Wunde war furchtbar. Yinger empfand tiefes Bedauern bei dem Gedanken, dass sie auf der offenen Wunde des Tieres so weit geritten waren.
Lanlan holte Salz aus der Segeltuchtasche, löste etwas Salzwasser an und wusch dem Kamel die Wunde. Sie sagte: Du hättest doch was sagen sollen! Hätten wir gewusst, dass du verletzt bist, wären wir nie aufgesessen! Das Kamel schnaubte, als wollte es sagen: Macht nichts, das ist doch nicht der Rede wert.
Die Sonne stieg höher, die Hitze ergoss sich herab. Lanlan sagte: Machen wir es wie vorher -- bei Hitze in eine feuchte Sandgrube, nachts weitergehen. Wenn wir sparsam mit dem Wasser umgehen, schaffen wir es zum Salzsee. Yinger wusste, dass sie sich selbst tröstete.
Ohne die Schakale hätten sie auf dem alten Weg problemlos den Salzsee erreicht. Jetzt, nach dem planlosen Hin und Her zwischen Ost und Nord, war alles ungewiss. Doch Yinger sagte nichts -- in der Ausweglosigkeit durfte man nur Mut machen, nie entmutigen. Also sagte sie: Genau, der Himmel versperrt nie alle Wege. Mit dem Kamel ist alles möglich.
Lanlan griff plötzlich in die Segeltuchtasche, als fiele ihr etwas ein, zog ein kleines Notizbuch hervor und reichte es Yinger. Sie sagte: Hier, das habe ich zu Hause gefunden. Lingguan scheint es vor seiner Abreise geschrieben zu haben. Ich wollte es dir geben, fürchtete aber, es würde dich traurig machen, und habe gezögert. Aber das Kamel ist zurückgekommen -- vielleicht ist auch das Fügung.
Yingers Herz klopfte heftig, und sie nahm es entgegen.
23
Den Inhalt dieses kleinen Notizbuchs habe ich später in „Wüstenopfer" aufgenommen: An jenem Tag befühlte der Schwager die Schwellung an seiner Rippe, ohne ihr Bedeutung beizumessen. Er hielt sie für einen gewöhnlichen Knoten; nachdem ein heftiger Schmerz abklang, vergaß er sie. Beim Essen am nächsten Tag schmerzte die Stelle jedoch wieder dumpf. „Seltsam -- was ist das für ein Knoten, der da wehtut?"
„Morgens früh mit nüchternem Speichel einreiben", sagte Vater. „Jeder Knoten fürchtet nüchternen Speichel."
Der Bruder sagte: „Es ist kein Knoten auf der Haut -- er scheint tief im Fleisch zu sitzen. Und er tut ordentlich weh -- stoßweise."
Mutter erschrak innerlich und sagte: „Was man am meisten fürchtet, davon bekommt man am meisten. Die alte Krankheit noch nicht auskuriert, und schon eine neue."
Der Bruder lachte: „Ist dasselbe. Ich vermute, es ist dieser Knoten, der die Schmerzen macht. Kein Wunder -- wenn im Bauch ein Knoten wächst, wie soll das nicht wehtun? Neulich, als die Beule am Hals eiterte, hat mich das auch ganz schwindelig gemacht."
Mutter sog die Luft ein und sagte nach einer langen Pause: „Wie -- der Knoten sitzt im Bauch?"
Der Bruder sagte: „Ich vermute, ja. Wer weiß -- jedenfalls an der Stelle, die immer schmerzt, unter den Rippen. Hätte ich gewusst, dass ein Knoten wächst, hätte ich die Medizin nicht genommen. Eiter soll eitern -- abgelassen, und gut ist. Geld umsonst ausgegeben, und Schmerzen hab ich trotzdem."
Mutter bat den Bruder, das Hemd auszuziehen. Er zeigte auf die rechte Seite. Mutter drückte ein paar Mal, Vater auch. Der Bruder verzog das Gesicht und sog zischend die Luft ein.
„Wann ist das gewachsen?", fragte Mutter.
Der Bruder sagte: „Erst letzte Nacht ertastet. Wahrscheinlich fast reif. Man sagt, Eiter tut beim Reifen weh. Die paar Tage beim Pflügen und Säen -- das hat mich fertiggemacht."
Mutter sagte: „Es ist nicht reif. Reifer Eiter wäre weich. Es fühlt sich noch hart an. Aber wenn er reif ist und abgelassen wird, ist sofort alles besser."
Lingguan ging hinüber, drückte auf die Stelle an der Rippe des Bruders -- in seinem Herzen blitzte etwas auf, doch er zwang sich, kein böses Urteil zu fällen, und sagte nur: „Ob Eiter oder nicht -- ein Arzt muss draufschauen."
Der Bruder ächzte: „Wieder Geld zum Fenster raus."
Lingguan sagte: „Wieso zum Fenster raus? Was nötig ist, muss sein. Morgen bringe ich dich in die Stadt."
„In die Stadt?", rief der Bruder. „Nein, nein -- Busfahrt, Essen, das kostet alles. Vergiss es, lass den Dorfarzt schauen."
Vater sprach sein Machtwort: „Die Stümper vom Dorf, die verdorbene Yamswurzeln gegessen haben -- was können die schon? Wenn man Geld ausgibt, dann richtig. Ab in die Stadt!" Der Bruder schwieg.
Am nächsten Morgen machten sich Lingguan und der Bruder reisefertig und fuhren mit dem Bus in die Stadt.
Die Sonne stand schon hoch. Die Stadtsonne war anders -- eher ein Auswurf von Staub und Lärm, der die ganze Welt und den ganzen Kopf mit Dreck und Geschrei füllte. Große und kleine Wagen rasten wie aufgescheuchte Esel. Auch die Radfahrer waren verrückt -- einer klebte am Hintern des anderen, im Wetteifer. Die Fußgänger glichen einem Ameisenhaufen in Aufruhr -- du stößt mir an die Brust, ich ramme deinen Hintern, Köpfe nickend und Hüften schwingend, bis dem Bruder der Kopf schwirrte. Beim Überqueren der Straße konnte er minutenlang auf der Stelle treten.
Lingguan witzelte: „Pass auf, dass dir die Augäpfel nicht rausfallen und zerschellen."
Der Schwager errötete: „Du hast ja auch ein paar Jahre in der Stadt studiert ... Warum rasen die alle so?"
„Zur Arbeit." -- „Hehe, als gälte es ein Feuer zu löschen -- könnten die nicht langsamer fahren?"
„Wer zu spät kommt, bekommt Lohnabzug."
„Könnten sie nicht früher losfahren?"
„Stadtleute haben nicht unseren Luxus, bis zum Sonnenbrand auf dem Hintern zu schlafen. Die müssen Kinder zur Schule bringen, dann zur Arbeit -- manche schaffen nicht mal ein Frühstück."
„Die armen Stadtmenschen."
Lingguan lachte: „Die finden dich bemitleidenswert."
Die beiden kamen im Bezirkskrankenhaus an. Bei jener Untersuchung sagte der Arzt, der Schwager habe einen Leber-Echinokokkus. Er müsse operiert werden -- das koste drei- bis viertausend Yuan.
„Um Himmels willen!", rief der Schwager erschrocken. „Sie übertreiben ja. Wenn man mich verkauft, was bringt das ein?" Der Arzt lachte: „Es geht nicht ums Handeln. Ich schätze so viel. Vielleicht weniger. Vielleicht auch mehr -- wenn eine Bluttransfusion nötig ist."
Der Bruder wurde aschfahl, blickte mich an und sagte: „Gehen wir, gehen wir. Hier hält man es nicht aus. Kaum drinnen, fühlt es sich an wie ein Traum. Noch länger, und ich werde verrückt." Lingguan lächelte und fragte den Arzt: „Soll ich ein Rezept mitnehmen?" Der Arzt sagte: „Nicht nötig. Bei dieser Krankheit helfen keine Medikamente." Lingguan führte den verstörten Bruder aus dem Krankenhaus.
„Es ist aus ... es ist aus ...", murmelte der Bruder, kaum dass sie draußen waren.
Lingguan sagte: „Was denn? Das ist doch keine schwere Krankheit ... Anfangs bin ich auch in kalten Schweiß ausgebrochen. Wäre es wirklich Leberkrebs, könnte kein Gott helfen. Zum Glück ist es nur Echinokokkose."
Der Bruder sagte: „Krebs wäre besser -- dann stirbst du wenigstens. Aber jetzt ... sag mal ... so viel Geld ... woher nehmen?"
Lingguan tröstete: „Was machst du dir so viele Sorgen? Du hast die Krankheit nicht absichtlich bekommen. Was sein muss, muss sein. Wozu sich grämen? Grämen bringt kein Geld."
Der Bruder blieb stehen, setzte sich auf ein Straßengeländer, machte ein Leichengesicht und schwieg lange. Endlich sagte er: „Am liebsten würde ich mich vor ein Auto werfen. Ein Ende mit Schrecken. Damit Vater und Mutter sich keine Sorgen mehr machen ... Besser tot."
Egal wie Lingguan ihn tröstete -- der Schwager blieb aschfahl und murmelte abwechselnd „Um Himmels willen" und „Herrje, drei- bis viertausend", ohne aufzuhören.
24
Yinger wusste: Die Tage vor der Operation waren die qualvollsten im Leben des Schwagers.
Erstens hatte er erfahren, dass jeder Tag vierzig bis fünfzig Yuan kostete. Das war sein Todesurteil. Er verabscheute die Ärzte, weil sie ständig Infusionen verordneten. Das war in seinen Augen rausgeworfenes Geld. Wenn Medikamente und Spritzen den Wurm in der Leber nicht beseitigen konnten, brauchte man diese sinnlosen Ausgaben nicht. In seinen Augen war jede Infusion gleichbedeutend damit, den Eltern das Blut auszusaugen.
Zweitens wurde der Operationstermin immer wieder verschoben. Die Ärzte sagten stets: Noch ein paar Tage Beobachtung. Beobachtung? Was gab es da zu beobachten? Drei Ultraschalluntersuchungen, Röntgen, Leberfunktionstests, EKG -- lauter Dinge, die der Schwager für reine Geldschneiderei hielt. Seine Krankheit saß in der Leber -- der Knoten wuchs von Tag zu Tag -- nicht in Kopf oder Brust. Wozu diese Untersuchungen? Wenn man schon abzockte, dann doch nicht einen armen Mann.
Die Diagnose war im Wesentlichen bestätigt: Echinokokkose der Leber. Im selben Zimmer lag ein Patient mit derselben Krankheit, ein Drainageschlauch in der Flanke, das andere Ende in einer Flasche mit rötlicher Flüssigkeit. Der Mann ging stets gebückt, mit zusammengebissenen Zähnen, die Flasche tragend. Angeblich bekam man die entsprechende Krankheit, wenn man die Flüssigkeit berührte. Sein Erscheinen glich dem eines Pestbringers.
Der Bruder dachte daran, dass auch er bald so aussehen würde, und es machte ihn elend. Doch gleichzeitig hoffte er, möglichst schnell so weit zu sein. Jeder weitere Tag kostete viel Geld.
„Pass bloß auf, dass du nicht die Flüssigkeit in der Flasche berührst", sagte der Bruder lachend zu mir. Das war das einzige Thema, bei dem er sich fröhlich geben konnte.
„Hast du Angst?", fragte Lingguan.
„Wie der Gecko unter der Peitsche -- Angst hin oder her, man muss es aushalten." Der Bruder gab sich betont locker, verfiel aber sofort wieder in Trübsinn.
Der Geruch im Krankenzimmer war dem Bruder unerträglich. Nach der Infusion zog er mich stets nach draußen. Doch kaum auf der Straße, dachte er an das leere, bezahlte Bett und wollte zurück, um sich, verdammt nochmal, richtig auszupennen.
Lingguan sagte: „Lass uns lieber noch etwas spazieren. Im Krankenzimmer hocken macht auch Gesunde krank. Und nach der Operation kannst du nicht mehr spazieren."
Der Bruder seufzte: „Wie lange noch? Herrgott, Dutzende Yuan pro Tag -- allein daran zu denken macht einem Angst. Früher oder später kommt das Messer. Geld für nichts verbrennen! Sprich mal mit deinem Freund -- geht es nicht früher?"
„Hundertmal gesagt, hilft nichts. Das ist Vorschrift -- jeder muss ein paar Tage beobachtet werden. Außerdem sind Echinokokkose-Operationen samstags angesetzt. Diese Tage geht nichts, in ein paar Tagen bitte ich nochmal."
An der Großen Kreuzung sagte der Bruder, er wolle ein Foto machen lassen. Er sagte: „Ich habe noch nie ein richtiges Foto von mir. Eins machen -- vielleicht braucht man es irgendwann."
Lingguan sah den Bruder aufmerksam an. Der Bruder lächelte. Ich sagte: „Foto ist gut, aber denk nicht an dumme Sachen."
Lingguan sagte: „Denke ich nicht." Doch Sorge stand ihm ins Gesicht geschrieben. Vielleicht fürchtete der Bruder, man verheimlichte ihm etwas -- er zwang sich ein Lächeln ab und betrat das Fotostudio. Er sagte: „Ein Einzelbild. Vielleicht braucht man es mal." Dabei blickte er unauffällig zu mir; als er sah, dass Lingguan keine besondere Reaktion zeigte, atmete er erleichtert auf. Lingguan wusste: Der Schwager bereitete sein Begräbnisfoto vor. In seinem Herzen stach es.
Die Krebsdiagnose wurde erst bei der Operation bestätigt. Es war der einundzwanzigste Tag nach der Einlieferung. Der Knoten an der Rippe war so regelmäßig und glatt, weil er von einer Kapsel umhüllt war. Die Nachricht traf Lingguan wie ein Schlag -- seine Kopfhaut prickelte, die Zunge wurde schlagartig trocken. Wie ein Schlafwandler taumelte er zum Flur und lehnte sich an die Wand. Schwäche überflutete ihn wie Wasser; im Kopf war nur Dröhnen und ein einziger Gedanke: Was wird Mama sagen, wenn sie es erfährt? Beim Gedanken an Mutters von Leid und Falten gezeichnetes Gesicht krampfte sich Lingguans Herz zusammen.
Plötzlich stieg ein Gedanke auf: Er hoffte, der Schwager möge sofort sterben. Lingguan wusste, dass Leberkrebs der König aller Krebsarten war. Im Dorf hatte jemand diese Krankheit gehabt. Das Brüllen wie ein Stier hatte monatelang wie eine Säge an den Herzen der Dorfbewohner gerissen.
Besser sofort sterben als diese Qualen erleiden. Und Lingguan mochte sich nicht ausmalen, wie der Bruder reagieren würde, wenn er seine Diagnose erführe -- diese Verzweiflung war schlimmer als der Tod.
Alles war wie ein Albtraum -- wie sehr er sich wünschte, es wäre nur einer.
Die Tür des Operationssaals öffnete sich.
Der Bruder lag mit nacktem Oberkörper auf der Trage. Er war bereits wach -- tiefe Augenhöhlen, erschreckend gelbliches Gesicht, kein Tropfen Farbe auf den Lippen. In nur ein, zwei Stunden hatte sich ein Mensch derart verändert. Lingguan rief innerlich: „Guter Bruder, guter Bruder -- weißt du von deiner Krankheit?"
Lingguan stöhnte.
Vater stürzte vor.
Der Arzt winkte ab: „Zurück, zurück!" Vater wich einige Schritte zurück.
„Zurück, zurück!" Der Arzt wurde zornig. Sie schoben die Trage in den Aufzug. Lingguan und der alte Laoshun eilten die Treppe hinab.
Im Krankenzimmer stöhnte der Bruder: „Keine Narkose, und dann schneiden -- das Messer zum ersten Mal, au, dieser Schmerz ..." -- „Habt ihr dem Narkosearzt etwas geschenkt?", fragte der Zimmernachbar.
„Dem soll man auch noch schenken?", fragte Lingguan.
„Natürlich! Kein Wunder ... kein Wunder ..." Der Mann schüttelte den Kopf und seufzte.
Lingguan blickte auf die Bandage und den Schlauch, der aus dem Bauch des Bruders ragte, dann auf das wachsgelbe Gesicht -- sein Herz verkrampfte sich. Hätte er die Diagnose vorher gekannt, hätte er dem Bruder diesen Schnitt erspart. Doch Lingguan wusste: Selbst wenn er es gewusst hätte, wäre der Schnitt nötig gewesen. Nur so konnten die Angehörigen sich beruhigen, sich fügen. Lingguan erschauderte bei dem Gedanken an den sieben Zoll langen Schnitt ohne Narkose.
Das Stöhnen des Bruders war wie eine Säge auf seinem Herzen. Beim Anblick des gelbhageren, schweißbedeckten Gesichts tat Lingguans Herz wieder und wieder weh.
„Weiß er von seiner Diagnose?" Lingguan betrachtete den Bruder aufmerksam, konnte aber nichts erkennen. Vielleicht wusste er es noch nicht. Aber bald würde er bemerken, dass der Knoten im Bauch nicht verschwunden war. Bei dem Gedanken schnürte sich sein Herz zusammen. „Wenn doch nur ...", stieg wieder jener Gedanke auf: „Wenn er doch auf dem Operationstisch gestorben wäre -- unwissentlich."
Nachts breitete Lingguan die Matratze auf dem geliehenen Feldbett aus und legte die Decke in die Mitte; er und Vater saßen und lagen an den beiden Enden. Die Luft im Krankenzimmer war unerträglich, doch am schlimmsten war das Stöhnen des Bruders. Jeder Nerv schien davon zerrissen. Es dauerte nicht lang, und er fühlte sich am Rand des Nervenzusammenbruchs. Er ging auf den Flur, setzte sich auf die Heizung, öffnete das Fenster und ließ den kühlen Nachtwind sein taubes Hirn umspülen.
Auch der alte Laoshun hielt es im Krankenzimmer offenbar nicht aus; ab und zu kam er auf den Gang und rauchte ein paar Züge seiner Trockenblatt-Pfeife. Rauchen war hier streng verboten, aber in der tiefen Nacht konnte er heimlich ein paar Züge nehmen. Er wusste, dass der beißende Rauch Husten auslösen und die Wunde erschüttern würde, also schloss er die Zimmertür und öffnete das Gangfenster, damit der kalte Wind den Gestank verwehte.
Vater war abgemagert. Lingguan betrachtete selten Vaters Gesicht. Vater sah immer gleich aus -- bräunlich-gelb, voller Falten, ein paar Barthaare, die keine Würde verliehen. Vaters Gesicht war gewöhnlich -- so gewöhnlich, dass man ihn in einer Menge kaum erkannte. Immer hager, immer leidgeprüft. Die gesunde Hautfarbe war verschwunden und einem trockenen Schwarzgrau gewichen.
„Arm sein ist erträglich -- nur krank darf keiner werden", seufzte Vater nach ein paar Zügen.