Difference between revisions of "Xue Mo Desert Daughters/de/Chapter 6"

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Er wollte ein Messer nehmen und sich wie ein japanischer Samurai im Film den Bauch aufschlitzen, das Herz herausreißen und dem Bruder opfern, dann den undankbaren Darm herausziehen und zu einem Schriftzeichen winden, das „Reue“ bedeutete Doch hätte das beruhigt?
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Er wollte ein Messer nehmen und sich wie ein japanischer Samurai im Film den Bauch aufschlitzen, das Herz herausreißen und dem Bruder opfern, dann den undankbaren Darm herausziehen und zu einem Schriftzeichen winden, das „Reue" bedeutete ... Doch hätte das ... beruhigt?
  
Wäre er dann menschenwürdig geworden? „Sieh, alles hier im Zimmer klagt dich an und erinnert an zwei Worte: ‚Schuld.’ „
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Wäre er dann menschenwürdig geworden? „Sieh, alles hier im Zimmer klagt dich an und erinnert an zwei Worte: ,Schuld.'"
  
 
Doch was er am wenigsten zu berühren wagte, war Yinger.
 
Doch was er am wenigsten zu berühren wagte, war Yinger.
  
Jede „romantische“ Erinnerung wurde zum menschenfressenden Wurm, zum Beweisstück der „Schuld“. Lingguan fürchtete sie. Er wagte nicht, sie anzusehen. Lingguan wich ihr mit aller Kraft aus.
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Jede „romantische" Erinnerung wurde zum menschenfressenden Wurm, zum Beweisstück der „Schuld". Lingguan fürchtete sie. Er wagte nicht, sie anzusehen. Lingguan wich ihr mit aller Kraft aus.
  
 
Offensichtlich wich auch sie ihm aus.
 
Offensichtlich wich auch sie ihm aus.
  
Jeden Tag verkroch sie sich in der kleinen Kammer. Sie weinte ständig schluchzend, atemlos. „… Ob auch du die Qual der Seele spürst? Du schuldbeladener Schicksalsgefährte.
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Jeden Tag verkroch sie sich in der kleinen Kammer. Sie weinte ständig -- schluchzend, atemlos. „... Ob auch du die Qual der Seele spürst? Du schuldbeladener Schicksalsgefährte."
  
 
Lingguan glaubte, ihr Gesicht zu sehen. Es war gelbgrün und bis zum Äußersten ausgezehrt. Es war die Narbe auf seinem Herzen. Es war der Schalter für seine Selbstverfluchung. Es war die dunkle Wolke am Himmel seiner Seele.
 
Lingguan glaubte, ihr Gesicht zu sehen. Es war gelbgrün und bis zum Äußersten ausgezehrt. Es war die Narbe auf seinem Herzen. Es war der Schalter für seine Selbstverfluchung. Es war die dunkle Wolke am Himmel seiner Seele.
  
Noch schrecklicher war: Sie war in den letzten 3 Monaten der Schwangerschaft.
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Noch schrecklicher war: Sie war hochschwanger.
  
 
Ein kleines Leben stand kurz vor der Geburt.
 
Ein kleines Leben stand kurz vor der Geburt.
  
Dies war der Schmerz, den Lingguan am wenigsten berühren durfte die Wirklichkeit, die die Seele aufschlitzte, die unausweichliche Grausamkeit, der Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab, die unverzeihliche Schuld.
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Dies war der Schmerz, den Lingguan am wenigsten berühren durfte -- die Wirklichkeit, die die Seele aufschlitzte, die unausweichliche Grausamkeit, der Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab, die unverzeihliche Schuld.
  
„Gibt es wirklich Geister? Ich hoffe so sehr. Wenn ja, könnte ich meinen armen Bruder wiedersehen, vor ihm beichten, ihn um Vergebung bitten, ihn bitten, mir ein Messer ins schuldige Herz zu stoßen, damit das strömende Blut die Schuld abwusch.
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„Gibt es wirklich Geister? Ich hoffe so sehr. Wenn ja, könnte ich meinen armen Bruder wiedersehen, vor ihm beichten, ihn um Vergebung bitten, ihn bitten, mir ein Messer ins schuldige Herz zu stoßen, damit das strömende Blut die Schuld abwusch. ...
  
Aber lässt sich diese Schuld wirklich abwaschen? Am besten in die tiefste Hölle stürzen! Die Giftflammen der Hölle sollen brennen diesen schuldigen Leib zu Asche verbrennen und im Wind verwehen lassen, spurlos. Oder tausend Messer sollen schneiden, tausend Giftwürmer sollen beißen, diesen schuldigen Körper samt Seele verschlingen, dieses widerwärtige ‚Ich’ für immer auslöschen, ohne den geringsten ekelhaften Rest.
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Aber lässt sich diese Schuld wirklich abwaschen? Am besten in die tiefste Hölle (无间地狱, Avici) stürzen! Die Giftflammen der Hölle sollen brennen -- diesen schuldigen Leib zu Asche verbrennen und im Wind verwehen lassen, spurlos. Oder tausend Messer sollen schneiden, tausend Giftwürmer sollen beißen, diesen schuldigen Körper samt Seele verschlingen, dieses widerwärtige ,Ich' für immer auslöschen, ohne den geringsten ekelhaften Rest."
  
 
Doch alles war unwiderruflich.
 
Doch alles war unwiderruflich.
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Die Dorfbewohner wussten wohl alle: Der Tod des Bruders hatte Lingguan gebrochen.
 
Die Dorfbewohner wussten wohl alle: Der Tod des Bruders hatte Lingguan gebrochen.
  
Lingguan saß oft auf der Lößhalde südlich des Dorfes und starrte ins Leere stumpfe, glasige Augen, ohne Regung, ohne Blinzeln. Auch beim Gehen taumelte er wie ein Schlafwandler.
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Lingguan saß oft auf der Lößhalde südlich des Dorfes und starrte ins Leere -- stumpfe, glasige Augen, ohne Regung, ohne Blinzeln. Auch beim Gehen taumelte er wie ein Schlafwandler.
  
An einem blutgetränkten Abend wehte ein Wirbelwind, doch die Sonne leuchtete blutrot und grell. Am Himmel hingen bleierne Wolken, als sänken sie zur Erde herab. Grau-trübe Wolkenschatten lagen auf den öden Dünen. Auf einer Düne tanzte ein Mensch wie im Traum, die Staubpartikel seiner Schritte wie ein feiner Nebelschleier, der ihn zu einer verschwommenen Silhouette machte. Das war Lingguan.
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An einem blutgetränkten Abend wehte ein Wirbelwind, doch die Sonne leuchtete blutrot und grell. Am Himmel hingen bleierne Wolken, als sänken sie zur Erde herab. Grautrübe Wolkenschatten lagen auf den öden Dünen. Auf einer Düne tanzte ein Mensch wie im Traum, die Staubpartikel seiner Schritte wie ein feiner Nebelschleier, der ihn zu einer verschwommenen Silhouette machte. Das war Lingguan.
  
 
Die Abendsonne war ein riesiger Blutball, aufgespießt auf einer fernen Bergspitze, und schenkte Lingguan einen blutigen Rücken.
 
Die Abendsonne war ein riesiger Blutball, aufgespießt auf einer fernen Bergspitze, und schenkte Lingguan einen blutigen Rücken.
  
Der Menschenschatten auf der Düne verlängerte sich mit der sinkenden Sonne, verschmolz allmählich mit dem Schatten am Horizont und ergoss sich wie Wasser. Langsam senkte sich die Dämmerung mit dem Staub herab wie ein eiserner Topfdeckel und schloss Lingguan fest in die schwarze Wüste ein
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Der Menschenschatten auf der Düne verlängerte sich mit der sinkenden Sonne, verschmolz allmählich mit dem Schatten am Horizont und ergoss sich wie Wasser. Langsam senkte sich die Dämmerung mit dem Staub herab wie ein eiserner Topfdeckel und schloss Lingguan fest in die schwarze Wüste ein ...
  
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Yinger verstand Lingguans Herz. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht.
 
Yinger verstand Lingguans Herz. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht.
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Yinger strich sanft über das Notizbuch. Sie wusste: Es war Lingguans Träne. Ihre Träne tropfte in seine, die beiden Tränen verschmolzen. Sie fühlte, dass ihr Herz mit Lingguans eins wurde. Sie konnte nicht sagen, ob sie um sich selbst weinte oder für Lingguan. In ihrer Seele wogte ein heißer Strom und rührte einen stechenden Herzschmerz auf.
 
Yinger strich sanft über das Notizbuch. Sie wusste: Es war Lingguans Träne. Ihre Träne tropfte in seine, die beiden Tränen verschmolzen. Sie fühlte, dass ihr Herz mit Lingguans eins wurde. Sie konnte nicht sagen, ob sie um sich selbst weinte oder für Lingguan. In ihrer Seele wogte ein heißer Strom und rührte einen stechenden Herzschmerz auf.
  
Es hieß, in jener Nacht hörten die Dorfbewohner in der östlichen Wüste ein Tier oder einen großen Vogel eine halbe Nacht lang schaurig schreien es klang wie ein erstickender Mann, der hinausschrie. Am nächsten Morgen war Lingguan verschwunden.
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Es hieß, in jener Nacht hörten die Dorfbewohner in der östlichen Wüste ein Tier oder einen großen Vogel eine halbe Nacht lang schaurig schreien -- es klang wie ein erstickender Mann, der hinausschrie. Am nächsten Morgen war Lingguan verschwunden.
  
Danach gab es keine verlässlichen Nachrichten mehr von ihm. Manche sagten, er sei nach Shenzhen zu einem Studienkollegen gegangen, habe ihn nicht gefunden und bettle nun mit einem Stock in der Hand auf der Straße erbärmlich. Andere sagten, er sei in den Süden gegangen und arbeite auf einer Farm, wo er heimlich eine Zucht-Technik erlerne. Wieder andere sagten, er arbeite als Hilfsarbeiter in einem Museum und lerne nebenbei bei einem Experten eine seltsame Schrift namens „Xixia-Schrift“ … Doch ein Zwischenhändler, der oft in die Wüste ging, berichtete, er sei kürzlich am Schweinebauch-Brunnen tief in der Wüste gewesen, und dort sei ein Mann aus Liangzhou gestorben seine Leiche liege in einer Sandmulde, von Füchsen so zerfressen, dass nur noch ein Haufen trockener Knochen übrig sei. Er sagte, er habe die Knochen gesehen, wisse aber nicht, ob sie Lingguans seien
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Danach gab es keine verlässlichen Nachrichten mehr von ihm. Manche sagten, er sei nach Shenzhen zu einem Studienkollegen gegangen, habe ihn nicht gefunden und bettle nun mit einem Stock in der Hand auf der Straße -- erbärmlich. Andere sagten, er sei in den Süden gegangen und arbeite auf einer Farm, wo er heimlich eine Zucht-Technik erlerne. Wieder andere sagten, er arbeite als Hilfsarbeiter in einem Museum und lerne nebenbei bei einem Experten eine seltsame Schrift namens „Xixia-Schrift" ... Doch ein Zwischenhändler, der oft in die Wüste ging, berichtete, er sei kürzlich am Schweinebauch-Brunnen tief in der Wüste gewesen, und dort sei ein Mann aus Liangzhou gestorben -- seine Leiche liege in einer Sandmulde, von Füchsen so zerfressen, dass nur noch ein Haufen trockener Knochen übrig sei. Er sagte, er habe die Knochen gesehen, wisse aber nicht, ob sie Lingguans seien ...
  
Der alte Laoshun machte sich nicht auf die Suche und hatte auch keine Zeit für Geschwätz ein Haufen Dinge wartete: Erstens nahte die Weiße-Tau-Zeit, die Hasenfänger-Adler würden bald von den Bergen herabsteigen, und Laoshun hatte einen großen Vorrat Baumwollfäden gekauft und war eifrig am Netzeknüpfen; zweitens hatte Yinger einen kräftigen Jungen geboren, der die gewaltige Leere nach Mentous Tod füllte und zugleich so viele kleine Aufgaben mitbrachte, dass die beiden Alten kaum wussten, wo ihnen der Kopf stand; drittens glaubten er und seine Frau, dass Lingguan in die weite Welt hinausgezogen war. Und sie wussten: Er würde zurückkommen. Egal wie weit er ging er würde zurückkommen.
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Der alte Laoshun machte sich nicht auf die Suche und hatte auch keine Zeit für Geschwätz -- ein Haufen Dinge wartete: Erstens nahte die Zeit des „Weißen Taus", die Hasenfalken würden bald von den Bergen herabsteigen, und Laoshun hatte einen großen Vorrat Baumwollfäden gekauft und war eifrig am Netzeknüpfen; zweitens hatte Yinger einen kräftigen Jungen geboren, der die gewaltige Leere nach Mentous Tod füllte und zugleich so viele kleine Aufgaben mitbrachte, dass die beiden Alten kaum wussten, wo ihnen der Kopf stand; drittens glaubten er und seine Frau, dass Lingguan in die weite Welt hinausgezogen war. Und sie wussten: Er würde zurückkommen. Egal wie weit er ging -- er würde zurückkommen.
  
 
Sein Weggehen war um des Zurückkommens willen.
 
Sein Weggehen war um des Zurückkommens willen.
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Doch für Yinger war die Welt in jenem Moment eingestürzt.
 
Doch für Yinger war die Welt in jenem Moment eingestürzt.
  
Tagelang, ob bei Tag oder Nacht, saß sie stumpf da und summte ein Lied, das jeder in der Sandbucht kannte:  
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Tagelang, ob bei Tag oder Nacht, saß sie stumpf da und summte ein Lied, das jeder in der Sandbucht kannte:
  
„Die Tragestange aus hartem Holz brach durch,  
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„Die Tragestange aus hartem Holz brach durch,
  
das klare Wasser fiel zu Boden;  
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das klare Wasser fiel zu Boden;
  
meinen Leib hat es schwarz gefärbt,  
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meinen Leib hat es schwarz gefärbt,
  
und du bist deinen breiten Weg gegangen …“
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und du bist deinen breiten Weg gegangen ..."
  
Sie wusste nicht, wie viel Zeit verging, bis sie langsam erwachte. Es war das Weinen des Kindes, das sie geweckt hatte. Das Kind nahm allmählich Lingguans Platz in ihrem Herzen ein, und sie lebte wieder auf. Wie hätte sie ahnen können, dass die Strafe des Schicksals in dieser Form kommen würde so schnell, so unvorbereitet, so herzzerreißend?
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Sie wusste nicht, wie viel Zeit verging, bis sie langsam erwachte. Es war das Weinen des Kindes, das sie geweckt hatte. Das Kind nahm allmählich Lingguans Platz in ihrem Herzen ein, und sie lebte wieder auf. Wie hätte sie ahnen können, dass die Strafe des Schicksals in dieser Form kommen würde -- so schnell, so unvorbereitet, so herzzerreißend?
  
Schicksalsgefährte, sagte sie still in ihrem Herzen, weißt du, was Yinger durchgemacht hat? Wenn du es wüsstest würde es dir das Herz zerreißen?
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Schicksalsgefährte, sagte sie still in ihrem Herzen, weißt du, was Yinger durchgemacht hat? Wenn du es wüsstest -- würde es dir das Herz zerreißen?
  
 
In der Wüste fragte Yinger Lingguan dies oft.
 
In der Wüste fragte Yinger Lingguan dies oft.
  
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Auch Lanlan dachte oft an die Zeit vor dem Aufbruch in die Wüste.
 
Auch Lanlan dachte oft an die Zeit vor dem Aufbruch in die Wüste.
  
Kurz nach ihrer Flucht ins Elternhaus war ihr Mann Baifu mehrmals bei den Chens aufgetaucht. Einmal sagte er, Yingers Mutter sei krank und wolle ihre Tochter sehen Yinger solle für ein paar Tage nach Hause kommen. Natürlich hatte er auch Lanlan bedroht und versucht, sie zur Rückkehr zu zwingen, doch Lanlan weigerte sich. Also ging er in Yingers Zimmer und weinte mit ihr. Wie auch immer er war Yingers Bruder. Obwohl Yinger Verständnis für Lanlans Not hatte, litt sie auch um ihren Bruder. Schließlich war er der Bruder, mit dem sie aufgewachsen war.
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Kurz nach ihrer Flucht ins Elternhaus war ihr Mann Baifu mehrmals bei den Chens aufgetaucht. Einmal sagte er, Yingers Mutter sei krank und wolle ihre Tochter sehen -- Yinger solle für ein paar Tage nach Hause kommen. Natürlich hatte er auch Lanlan bedroht und versucht, sie zur Rückkehr zu zwingen, doch Lanlan weigerte sich. Also ging er in Yingers Zimmer und weinte mit ihr. Wie auch immer -- er war Yingers Bruder. Obwohl Yinger Verständnis für Lanlans Not hatte, litt sie auch um ihren Bruder. Schließlich war er der Bruder, mit dem sie aufgewachsen war.
  
 
Von jenem Tag an wurde Yinger zum Spielball zwischen Elternhaus und Schwiegereltern.
 
Von jenem Tag an wurde Yinger zum Spielball zwischen Elternhaus und Schwiegereltern.
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An jenem Tag nach dem Mittagessen holte Yinger die getrockneten Windeln von der Wäscheleine, faltete sie ordentlich und übergab sie der Schwiegermutter; kaufte ein Päckchen Säuglingsmilchpulver und Zucker, traf Vorbereitungen und verließ mit Baifu das Dorf.
 
An jenem Tag nach dem Mittagessen holte Yinger die getrockneten Windeln von der Wäscheleine, faltete sie ordentlich und übergab sie der Schwiegermutter; kaufte ein Päckchen Säuglingsmilchpulver und Zucker, traf Vorbereitungen und verließ mit Baifu das Dorf.
  
Kaum war sie zur Tür hinaus, strömten die Tränen kein Wischen half. Ein paar Frauen auf dem Weg blickten sie seltsam an. Yinger ärgerte sich über sich selbst, konnte aber die Tränen nicht kontrollieren.
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Kaum war sie zur Tür hinaus, strömten die Tränen -- kein Wischen half. Ein paar Frauen auf dem Weg blickten sie seltsam an. Yinger ärgerte sich über sich selbst, konnte aber die Tränen nicht kontrollieren.
  
Dass die Schwiegermutter ihr misstraute, war eine Tatsache, die sie nicht annehmen wollte, aber hinnehmen musste. In letzter Zeit spürte Yinger ständig einen Blick im Rücken. Anfangs schalt sie sich überempfindlich. Doch heute hatte die Schwiegermutter ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben: Sie vertraute ihr nicht mehr. Sie fürchtete, Yinger könnte bei den Eltern bleiben und nicht zurückkehren und hielt das Kind als Pfand. Oder anders ausgedrückt: Bleib weg, wenn du willst, aber das Kind bleibt hier. Beides waren Messer in Yingers Augen scharfe Messer, direkt ins Herz.
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Dass die Schwiegermutter ihr misstraute, war eine Tatsache, die sie nicht annehmen wollte, aber hinnehmen musste. In letzter Zeit spürte Yinger ständig einen Blick im Rücken. Anfangs schalt sie sich überempfindlich. Doch heute hatte die Schwiegermutter ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben: Sie vertraute ihr nicht mehr. Sie fürchtete, Yinger könnte bei den Eltern bleiben und nicht zurückkehren -- und hielt das Kind als Pfand. Oder anders ausgedrückt: Bleib weg, wenn du willst, aber das Kind bleibt hier. Beides waren Messer in Yingers Augen -- scharfe Messer, direkt ins Herz.
  
 
Damit bestätigte sich ihre Ahnung: Sie konnte nicht einmal in Ruhe Witwe sein.
 
Damit bestätigte sich ihre Ahnung: Sie konnte nicht einmal in Ruhe Witwe sein.
  
Auf dem Gepäckträger von Baifus Fahrrad sitzend, fühlte Yinger sich wie in Trance. Der Wind wehte kühl, wirbelte Staub auf und trug schon den Beigeschmack der Trostlosigkeit. Diese Trostlosigkeit drang bis ins Herz. Yinger wollte weinen sich in jemandes Arme werfen und klagend, herzerleichternd weinen. Doch dieser Jemand trieb sich wer weiß wo herum.
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Auf dem Gepäckträger von Baifus Fahrrad sitzend, fühlte Yinger sich wie in Trance. Der Wind wehte kühl, wirbelte Staub auf und trug schon den Beigeschmack der Trostlosigkeit. Diese Trostlosigkeit drang bis ins Herz. Yinger wollte weinen -- sich in jemandes Arme werfen und klagend, herzerleichternd weinen. Doch dieser Jemand trieb sich wer weiß wo herum.
  
Die Sonne leuchtete grell, mit jener fahlen Helligkeit. Die Bäume waren kahl, daran baumelten hin und her schwingende Insekten. Vor diesen Tierchen hatte Yinger längst keine Angst mehr ob auf dem Kopf oder im Gesicht, sie konnte sich um nichts kümmern. In ihrem Herzen schwankte eine schwere Flüssigkeit, die alles vor den Augen grau färbte.
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Die Sonne leuchtete grell, mit jener fahlen Helligkeit. Die Bäume waren kahl, daran baumelten hin und her schwingende Insekten. Vor diesen Tierchen hatte Yinger längst keine Angst mehr -- ob auf dem Kopf oder im Gesicht, sie konnte sich um nichts kümmern. In ihrem Herzen schwankte eine schwere Flüssigkeit, die alles vor den Augen grau färbte.
  
Als sie den Feldweg hinter sich ließen und das verwilderte Gräberfeld am Flussbett betraten, versiegten Yingers Tränen allmählich. Ein vertrautes Gefühl keimte im Herzen. Es wärmte und verwandelte die schwere Flüssigkeit in warmes Wasser.
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Als sie den Feldweg hinter sich ließen und das verwilderte Gräberfeld am Flussbett betraten, versiegten Yingers Tränen allmählich. Ein vertrautes Gefühl keimte im Herzen. Es war wie ein wärmendes Wiegen, das die schwere Flüssigkeit in warmes Wasser verwandelte.
  
 
Genau dieses narbige, hässliche Flussbett hatte ihr den schönsten Augenblick ihres Lebens geschenkt. Hier hatten sie und er einander leidenschaftlich geliebt, geweint, gelacht. Hinter jener Sanddüne hatte er sie keuchend zu Boden geworfen und den Taumel des Glücks in ihre Seele gegossen. Als wäre es ein nie erlebter Traum gewesen. Wirklich, manchmal konnte Yinger kaum glauben, dass sie den lebendigen ihn jemals besessen hatte. Erschiene er plötzlich leibhaftig vor ihr, würde sie das übergroße Glück ohnmächtig machen.
 
Genau dieses narbige, hässliche Flussbett hatte ihr den schönsten Augenblick ihres Lebens geschenkt. Hier hatten sie und er einander leidenschaftlich geliebt, geweint, gelacht. Hinter jener Sanddüne hatte er sie keuchend zu Boden geworfen und den Taumel des Glücks in ihre Seele gegossen. Als wäre es ein nie erlebter Traum gewesen. Wirklich, manchmal konnte Yinger kaum glauben, dass sie den lebendigen ihn jemals besessen hatte. Erschiene er plötzlich leibhaftig vor ihr, würde sie das übergroße Glück ohnmächtig machen.
  
Allein dieser Gedanke nur dieser Gedanke ließ Yinger erblühen. Wann er wahr würde, wusste sie nicht. Für diesen Gedanken wartete sie ein ganzes Leben lang.
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Allein dieser Gedanke -- nur dieser Gedanke -- ließ Yinger erblühen. Wann er wahr würde, wusste sie nicht. Für diesen Gedanken wartete sie ein ganzes Leben lang.
  
Mit diesem Gedanken war sie keine Witwe, die Trauer hütete, sondern eine, die eine Hoffnung hütete. Eine Hoffnung ein Leben lang zu hüten auch das war Glück.
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Mit diesem Gedanken war sie keine Witwe, die Trauer hütete, sondern eine, die eine Hoffnung hütete. Eine Hoffnung ein Leben lang zu hüten -- auch das war Glück.
  
Doch beim Gedanken an die Szene vor der Abreise wurde ihr Herz wieder zusammengedrückt. Nicht um das Kind die Schwiegermutter hatte ein halbes Leben lang Kinder großgezogen, und die Liebe zu ihrem toten Sohn würde dem Enkel zugutekommen. Was Yinger nicht akzeptieren konnte, war das Misstrauen der Schwiegermutter. Solange Mentou lebte, war sie „eine von uns“. Nach seinem Tod wurde sie zur „Außenstehenden“, einer heiratsfähigen Witwe. Angstvoll fragte sie sich: Unter diesem Misstrauen wie lange konnte sie noch ausharren? Würde sie es bis zu jenem erhofften Tag schaffen?
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Doch beim Gedanken an die Szene vor der Abreise wurde ihr Herz wieder zusammengedrückt. Nicht um das Kind -- die Schwiegermutter hatte ein halbes Leben lang Kinder großgezogen, und die Liebe zu ihrem toten Sohn würde dem Enkel zugutekommen. Was Yinger nicht akzeptieren konnte, war das Misstrauen der Schwiegermutter. Solange Mentou lebte, war sie „eine von uns". Nach seinem Tod wurde sie zur „Außenstehenden", einer heiratsfähigen Witwe. Angstvoll fragte sie sich: Unter diesem Misstrauen -- wie lange konnte sie noch ausharren? Würde sie es bis zu jenem erhofften Tag schaffen?
  
 
Sie wusste es nicht.
 
Sie wusste es nicht.
  
Und sobald dieses „Misstrauen“ erst einmal entstanden war, würde eine Kette entsprechender Handlungen folgen, die das Herz erkalten ließen. Wie sollte sie diese Tage überstehen?
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Und sobald dieses „Misstrauen" erst einmal entstanden war, würde eine Kette entsprechender Handlungen folgen, die das Herz erkalten ließen. Wie sollte sie diese Tage überstehen?
  
 
Yinger konnte nicht umhin, sich Sorgen zu machen.
 
Yinger konnte nicht umhin, sich Sorgen zu machen.
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Der Wüstenwind wirbelte Staub auf und wehte heran. Yinger fühlte: Der Wind wehte bis ins Herz.
 
Der Wüstenwind wirbelte Staub auf und wehte heran. Yinger fühlte: Der Wind wehte bis ins Herz.
  
Zu Hause angekommen, umarmte ihre Mutter sie und weinte. Die Mutter war viel magerer geworden, ihr Haar grau gesprenkelt. Sie galt im Dorf als strenge Frau streng mit Donner und Blitz, aber ihr Weinen war ebenso erschütternd. Sie hatte Mentou gemocht; nach seinem Tod hatte sie viele Tränen vergossen. Stets hielt sie seine Güte gegen Lanlans Schlechtigkeit und sagte: Ein Drache zeugt zehn Junge, und alle zehn sind verschieden. Von derselben Mutter Mentou so brav, und Lanlan hätte sich die Menschenhaut besser gar nicht übergestreift. Yinger fand Lanlan nicht schlecht, verstand aber ihre Mutter. Und sie verstand alle zerstrittenen Schwiegermütter und -töchter. Einen Sohn großziehen, vom Faustgroßen bis zum Mannhohen, und dann heiratet er und vergisst die Mutter. Natürlich ließ man die Wut an der Schwiegertochter aus. Hinzu kam der Hass auf Lanlans Scheidungswunsch die Bitterkeit war heftiger als bei anderen Schwiegermüttern.
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Zu Hause angekommen, umarmte die Mutter sie sogleich und weinte. Die Mutter war viel magerer geworden, ihr Haar grau gesprenkelt. Sie galt im Dorf als strenge Frau -- streng mit Donner und Blitz, aber ihr Weinen war ebenso gewaltig. Sie hatte Mentou gemocht; nach seinem Tod hatte sie viele Tränen vergossen. Stets hielt sie seine Güte gegen Lanlans Schlechtigkeit und sagte: Ein Drache zeugt zehn Junge, und alle zehn sind verschieden. Von derselben Mutter -- Mentou so brav, und Lanlan hätte sich die Menschenhaut besser gar nicht übergestreift. Yinger fand Lanlan nicht schlecht, verstand aber ihre Mutter. Und sie verstand alle zerstrittenen Schwiegermütter und Schwiegertöchter. Einen Sohn großziehen, vom Faustgroßen bis zum Mannhohen, und dann heiratet er und vergisst die Mutter. Natürlich ließ man die Wut an der Schwiegertochter aus. Hinzu kam der Hass auf Lanlans Scheidungswunsch -- die Bitterkeit war heftiger als bei anderen Schwiegermüttern.
  
Mutters Weinen war wie ihr Lachen ein paar heftige Stöße, dann war es vorbei. Sie fragte: „Was macht die Schlampe?
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Mutters Weinen war wie ihr Lachen -- ein paar heftige Stöße, dann war es vorbei. Sie fragte: „Was macht die Schlampe?"
  
 
Yinger merkte: Mutter fragte weder nach ihr selbst noch nach dem Kind noch nach sonst jemandem, sondern nach Lanlan. Das Thema ließ ihr keine Ruhe. Also erzählte sie von Lanlans religiöser Praxis.
 
Yinger merkte: Mutter fragte weder nach ihr selbst noch nach dem Kind noch nach sonst jemandem, sondern nach Lanlan. Das Thema ließ ihr keine Ruhe. Also erzählte sie von Lanlans religiöser Praxis.
  
„Hm, die und unsterblich werden? Meiner Ansicht nach bringt sie es nicht mal zum anständigen Geist entweder ein zerzaustes Unglücksgespenst oder ein blutiges Schlachtgespenst.Yingers Mutter presste jedes Wort durch die Zähne.
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„Hm, die und unsterblich werden? Meiner Ansicht nach bringt sie es nicht mal zum anständigen Geist -- entweder ein zerzaustes Unglücksgespenst oder ein blutiges Schlachtgespenst." Yingers Mutter presste jedes Wort durch die Zähne.
  
Yinger runzelte die Stirn: „Mama, wie kannst du sie so verfluchen?
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Yinger runzelte die Stirn: „Mama, wie kannst du sie so verfluchen?"
  
„Verfluchen?, Mutters Gesicht war boshaft. „Am liebsten würde ich sie mit dem Messer zerschneiden! Auf halbem Weg die Scheidung zu fordern! Hätte sie es früher gesagt, hätte ich meine blumenhafte Tochter anderswo gegen eine bessere Schwiegertochter tauschen können. Aber jetzt ist aus rohem Reis fertiger Reis gekocht, aus dem Mädchen eine Ehefrau geworden, und sie hüpft noch rum! Sie soll aufpassen, dass sie sich nicht die Sehnen reißt! So ein Spatz auf dem Weinstock zerzaust und anmaßend! Höher hinaus will sie?
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„Verfluchen?", Mutters Gesicht war boshaft. „Am liebsten würde ich sie mit dem Messer zerschneiden! Auf halbem Weg die Scheidung fordern! Hätte sie es früher gesagt, hätte ich meine blumenhafte Tochter anderswo gegen eine bessere Schwiegertochter tauschen können. Aber jetzt ist aus rohem Reis fertiger Reis gekocht, aus dem Mädchen eine Ehefrau geworden, und sie hüpft noch rum! Sie soll aufpassen, dass sie sich nicht die Sehnen reißt! So ein Spatz auf dem Weinstock -- zerzaust und anmaßend! Höher hinaus will sie?
  
Nur weil mein blinder Sohn Wasser statt Augen hat, hat er sich auf sie eingelassen. Nach meinem Geschmack wäre sie schon beim ersten Treffen durchgefallen. Und sie will meine Schwiegertochter sein sie soll sich vor den Ahnen schämen!
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Nur weil mein blinder Sohn Wasser statt Augen hat, hat er sich auf sie eingelassen. Nach meinem Geschmack wäre sie schon beim ersten Treffen durchgefallen. Und sie will meine Schwiegertochter sein -- sie soll sich vor den Ahnen schämen!"
  
Yinger runzelte die Stirn: „Mama, kannst du bitte aufhören, die Leute schlechtzumachen? Dein ganzes Leben lang hast du an keinem ein gutes Haar gelassen.“ – „Wer sagt, es gibt keine guten Menschen? Meine Tochter ist ein guter Mensch. Einzigartig auf Erden.“ – „Jeder liebt sein eigenes Fleisch und Blut“, sagte Yinger.
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Yinger runzelte die Stirn: „Mama, kannst du bitte aufhören, die Leute schlechtzumachen? Dein ganzes Leben lang hast du an keinem ein gutes Haar gelassen." -- „Wer sagt, es gibt keine guten Menschen? Meine Tochter ist ein guter Mensch. Einzigartig auf Erden." -- „Jeder liebt sein eigenes Fleisch und Blut", sagte Yinger.
  
Erst jetzt griff die Mutter nach Yinger und musterte sie von oben bis unten: „Du bist etwas fülliger als letztes Mal. Tochter, iss ordentlich, hungere nicht aus Eitelkeit wirst ja noch zum Dürräffchen. Was du isst, kommt über die Milch zum Kind Ach, ist das Kind brav?
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Erst jetzt griff die Mutter nach Yinger und musterte sie von oben bis unten: „Du bist etwas fülliger als letztes Mal. Tochter, iss ordentlich, hungere nicht aus Eitelkeit -- wirst ja noch zum Dürräffchen. Was du isst, kommt über die Milch zum Kind ... Ach, ist das Kind brav?"
  
„Brav. Satt und schläft. Macht keinen Ärger.
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„Brav. Satt und schläft. Macht keinen Ärger."
  
„Gut. Ein Kind großziehen kostet eine Hautschicht. Als ich dich geboren hab, war nicht genug zu essen, woher Milch nehmen?
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„Gut. Ein Kind großziehen kostet eine Hautschicht. Als ich dich geboren hab, war nicht genug zu essen, woher Milch nehmen? Du hast mir das Blut ausgesaugt, wirklich nicht einfach. Mühsam von Sohlengröße zum Menschen aufgezogen, und dann wird sie einem anderen zur Schwiegertochter. Wirklich ärgerlich. Seit Pangu die Welt erschuf, gibt es keinen Brauch, Töchter fürs Alter aufzuziehen. Wenn es ihn gäbe, hätte ich dich nie hergegeben." Mutters Augenränder röteten sich.
  
Du hast mir das Blut ausgesaugt, wirklich nicht einfach. Mühsam von Sohlengröße zum Menschen aufgezogen, und dann wird sie einem anderen zur Schwiegertochter. Wirklich ärgerlich. Seit Pangu die Welt erschuf, gibt es keinen Brauch, Töchter fürs Alter aufzuziehen. Wenn es ihn gäbe, hätte ich dich nie hergegeben.“ Mutters Augenränder röteten sich.
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„Schon wieder", lachte Yinger.
  
„Schon wieder“, lachte Yinger.
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Die Mutter lachte und sagte: „So lieb ein Kind auch ist -- nichts geht über eine Tochter. Nimm Baifu -- einen Kopf so groß wie eine Glocke, aber drin wie eine leere Spreu. Kaum sagt er was, widerspricht er der Mutter." Dann flüsterte sie: „Behandelt man dich gut? Deine Schwiegermutter." -- „Gut." -- „Das glaube ich nicht. Seit Mentou nicht mehr da ist, bist du eine Fremde. Wenn du dort nicht mehr leben kannst, komm nach Hause. Deine alte Mutter zieht dich als ewige Tochter groß." Dabei beobachtete sie aufmerksam Yingers Reaktion.
  
Die Mutter lachte und sagte: „So lieb ein Kind auch ist – nichts geht über eine Tochter. Nimm Baifu – einen Kopf so groß wie eine Glocke, aber drin wie eine leere Spreu. Kaum sagt er was, widerspricht er der Mutter.“ Dann flüsterte sie: „Behandelt man dich gut? Deine Schwiegermutter.“ – „Gut.“ – „Das glaube ich nicht. Seit Mentou nicht mehr da ist, bist du eine Fremde. Wenn du dort nicht mehr leben kannst, komm nach Hause.
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„Wie sieht das denn aus?", lachte Yinger. „Wie auch immer -- dort steht mein Name im Grundbuch, dort ist das Feld. Die werden mich doch nicht verjagen."
  
Deine alte Mutter zieht dich als ewige Tochter groß.“ Dabei beobachtete sie aufmerksam Yingers Reaktion.
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„Natürlich nicht", sagte die Mutter mit gespitzten Lippen. „Die bekommen eine Arbeitskraft umsonst. Tochter, reden wir Klartext: Wenn die Schlampe brav mit Baifu weiterleben würde, wäre alles gut -- ob du bei den Schwiegereltern bleibst oder zu uns kommst. Aber wenn sie Ärger macht, dann pass auf. Bleib wachsam für deine Mutter."
 
 
„Wie sieht das denn aus?“, lachte Yinger. „Wie auch immer – dort steht mein Name im Grundbuch, dort ist das Feld. Die werden mich doch nicht verjagen.“
 
 
 
„Natürlich nicht“, sagte die Mutter mit gespitzten Lippen. „Die bekommen eine Arbeitskraft umsonst. Tochter, reden wir Klartext: Wenn die Schlampe brav mit Baifu weiterleben würde, wäre alles gut ob du bei den Schwiegereltern bleibst oder zu uns kommst. Aber wenn sie Ärger macht, dann pass auf. Bleib wachsam für deine Mutter.
 
  
 
Yinger verstand: Bald würden Dinge geschehen. Lanlan war fest entschlossen, sich scheiden zu lassen.
 
Yinger verstand: Bald würden Dinge geschehen. Lanlan war fest entschlossen, sich scheiden zu lassen.
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Wenn Lanlan Aufruhr machte, fand auch Yinger keine Ruhe. Was für ein bitteres Schicksal! Yinger wurde elend zumute.
 
Wenn Lanlan Aufruhr machte, fand auch Yinger keine Ruhe. Was für ein bitteres Schicksal! Yinger wurde elend zumute.
  
Die Mutter schien ihre Gedanken zu lesen und sagte tröstend: „Eigentlich solltest du nicht so starrsinnig sein. Du bist noch jung, das Leben ist lang. Wir leben nicht mehr in der alten Zeit dir stellt niemand eine Keuschheitstafel auf.
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Die Mutter schien ihre Gedanken zu lesen und sagte tröstend: „Eigentlich solltest du nicht so starrsinnig sein. Du bist noch jung, das Leben ist lang. Wir leben nicht mehr in der alten Zeit -- dir stellt niemand eine Keuschheitstafel auf."
  
Da kam der Vater herein. Sein jüngstes „Großgeschäft“ war geplatzt. Angeblich habe Li Zongren ein Schließfach in einer Schweizer Bank, doch der Schlüssel befinde sich in China, genauer in einem bestimmten Dorf bei einem bestimmten Mann, und für 30.000 Yuan könne man ihn kaufen. Mit dem Schlüssel komme man an die Kassette darin zehntausende Goldbarren. Der Vater hatte überall Geld geborgt, die Summe zusammengekratzt, und jemand hatte ihn mit einem glatten Schwindel um alles gebracht.
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Da kam der Vater herein. Sein jüngstes „Großgeschäft" war geplatzt. Angeblich habe Li Zongren ein Schließfach in einer Schweizer Bank, doch der Schlüssel befinde sich in China, genauer in einem bestimmten Dorf bei einem bestimmten Mann, und für dreißigtausend Yuan könne man ihn kaufen. Mit dem Schlüssel komme man an die Kassette -- darin zehntausende Goldbarren. Der Vater hatte überall Geld geborgt, die Summe zusammengekratzt, und jemand hatte ihn mit einem glatten Schwindel um alles gebracht.
  
Das Gesicht des Vaters war voller Falten, Gleichgültigkeit und Stumpfheit. Er grüßte Yinger nicht. Die Mutter wurde grün im Gesicht und fuhr ihn an; der Vater ging wieder hinaus. „Siehst du, Tochter so ein Mensch, völlig geldsüchtig und -verrückt geworden! Ich sage ihm: Lass die großen Geschäfte und grab erst mal ein paar Körner aus dem Feld! Aber er heh! hat mir erst das Schweinegeld und dann das Bohnengeld abgeschwatzt, hat Verwandte und Nachbarn so gründlich betrogen, dass sie einen Bogen um uns machen, und kriegt dafür einen Tritt in den Hintern nach dem anderen.“ – „Hör auf, hör auf!, sagte der Vater laut, als er wieder hereinkam. „Kannst du aufhören, deinen Mann runterzumachen? Zhu Maichen hat’s am Ende auch geschafft! Unterschätz mich nicht diesmal hab ich eine Antiquität im Auge: eine leuchtende Perle. Wenn’s klappt, bekomme ich 100.000. Dann möchte ich sehen, wo du dein Gesicht versteckst!
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Das Gesicht des Vaters war voller Falten, Gleichgültigkeit und Stumpfheit. Er grüßte Yinger nicht. Die Mutter wurde grün im Gesicht und fuhr ihn an; der Vater ging wieder hinaus. „Siehst du, Tochter -- so ein Mensch, völlig geldsüchtig und verrückt geworden! Ich sage ihm: Lass die großen Geschäfte und grab erst mal ein paar Körner aus dem Feld! Aber er -- heh! -- hat mir erst das Schweinegeld und dann das Bohnengeld abgeschwatzt, hat Verwandte und Nachbarn so gründlich betrogen, dass sie einen Bogen um uns machen, und kriegt dafür einen Tritt in den Hintern nach dem anderen." -- „Hör auf, hör auf!", sagte der Vater laut, als er wieder hereinkam. „Kannst du aufhören, deinen Mann runterzumachen? Zhu Maichen hat es am Ende auch geschafft! Unterschätz mich nicht -- diesmal hab ich eine Antiquität im Auge: eine leuchtende Perle. Wenn es klappt, bekomme ich hunderttausend. Dann möchte ich sehen, wo du dein Gesicht versteckst!"
  
„Pfui!, rief die Mutter, ihm den Rücken zugewandt, und klatschte sich auf den Hintern. „Schäm dich vor den Ahnen! Such dir eine Kuhspur, piss rein und schau dir dein spitzgesichtiges Armengesicht an ob da ein Hauch von Wohlstand drauf passt! Acht Generationen Pech hat deine Frau gehabt, kopfüber in die Jauchegrube zu fallen und so einen störrischen, stinkenden Esel zu heiraten Dem Wind hinterhergejagt und das Pferd totgeritten meine 4.000 Yuan restlos verpulvert. Und dein verdientes Geld? Her damit, lass mich wenigstens eine Kleinigkeit davon sehen!
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„Pfui!", rief die Mutter, ihm den Rücken zugewandt, und klatschte sich auf den Hintern. „Schäm dich vor den Ahnen! Such dir eine Kuhspur, piss rein und schau dir dein spitzgesichtiges Armengesicht an -- ob da ein Hauch von Wohlstand drauf passt! Acht Generationen Pech hat deine Frau gehabt, kopfüber in die Jauchegrube zu fallen und so einen störrischen, stinkenden Esel zu heiraten ... Dem Wind hinterhergejagt und das Pferd totgeritten -- meine viertausend Yuan restlos verpulvert. Und dein verdientes Geld? Her damit, lass mich wenigstens eine Kleinigkeit davon sehen!"
  
 
Yingers Vater lief rot an, die Halsadern schwollen abwechselnd auf und ab. Er hätte am liebsten im Erdboden versinken wollen.
 
Yingers Vater lief rot an, die Halsadern schwollen abwechselnd auf und ab. Er hätte am liebsten im Erdboden versinken wollen.
  
„Mama, sag doch ein paar Worte weniger!, schalt Yinger.
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„Mama, sag doch ein paar Worte weniger!", schalt Yinger.
  
Der Vater kam zu Atem: „Tochter, lass sie reden. Dieses Unheil, das nicht heult, bevor es den Sarg sieht genau wie die Frau von Zhu Maichen oder Jiang Ziya. Eines Tages hm!
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Der Vater kam zu Atem: „Tochter, lass sie reden. Dieses Unheil, das nicht heult, bevor es den Sarg sieht -- genau wie die Frau von Zhu Maichen oder Jiang Ziya. Eines Tages -- hm!"
  
„Eines Tages?, höhnte die Mutter. „Eines Tages gießt du auch eine Schüssel Wasser auf den Boden und sagst mir, ich soll es wieder einsammeln? Ich fürchte, du hast den Willen, aber nicht das Glück.
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„Eines Tages?", höhnte die Mutter. „Eines Tages gießt du auch eine Schüssel Wasser auf den Boden und sagst mir, ich soll es wieder einsammeln? Ich fürchte, du hast den Willen, aber nicht das Glück."
  
„Du altes Ungeheuer Gold und Silber durchschaust du, aber einen Knoten im Fleisch erkennst du nicht“, verteidigte sich der Vater kraftlos.
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„Du altes Ungeheuer -- Gold und Silber durchschaust du, aber einen Knoten im Fleisch erkennst du nicht", verteidigte sich der Vater kraftlos.
  
„Ha dich hab ich von Kopf bis Fuß durchschaut, jede Ecke und jeden Winkel. Dein Kopf ist so groß wie ein Knoblauchstempel du denkst ans Geld, aber das Geld denkt nicht an dich!
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„Ha -- dich hab ich von Kopf bis Fuß durchschaut, jede Ecke und jeden Winkel. Dein Kopf ist so groß wie ein Knoblauchstempel -- du denkst ans Geld, aber das Geld denkt nicht an dich!"
  
„Genug, genug, Mama! Kaum komme ich nach Hause, muss ich euer Gezanke hören!, stampfte Yinger mit dem Fuß.
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„Genug, genug, Mama! Kaum komme ich nach Hause, muss ich euer Gezanke hören!", stampfte Yinger mit dem Fuß.
  
 
Erst da warf die Mutter dem Alten einen vernichtenden Blick zu und schwieg.
 
Erst da warf die Mutter dem Alten einen vernichtenden Blick zu und schwieg.
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Der Vater war schweißgebadet.
 
Der Vater war schweißgebadet.
  
In der Abenddämmerung erschien der Heiratsvermittler Xu Pockennarbe. Dieser Kerl war hässlich bis zur Unkenntlichkeit ein Gesicht voller Narben und Grübchen, eine Knoblauchnase, und dazu so kurzsichtig, dass er die Augen zusammenkniff und jemandem auf der Nasenspitze stand, ohne zu erkennen, ob Mann oder Frau. Xu war ein Junggeselle, Trinker, der mit seiner Flasche von Haus zu Haus ging, Ehen vermittelte, ein kleines Honorar kassierte und sich so über Wasser hielt. Er war anders als die Dorfschamanin, die Schamanin, Hebamme und Kupplerin in einem war. Er war spezialisiert nur Ehen. Sein Tagesgeschäft war der Dorfklatsch: wessen Tochter erwachsen wurde, wessen Mann gestorben war. Mit seiner geistigen Kartei ging er zu den Junggesellen. Gelang die Vermittlung, bekam er zwei-, dreihundert Yuan. Scheiterte sie, gab es wenigstens Schnaps und Zigaretten.
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In der Abenddämmerung erschien der Heiratsvermittler Xu Pockennarbe. Dieser Kerl war hässlich bis zur Unkenntlichkeit -- ein Gesicht voller Narben und Grübchen, eine Knoblauchnase, und dazu so kurzsichtig, dass er die Augen zusammenkniff und jemandem auf der Nasenspitze stand, ohne zu erkennen, ob Mann oder Frau. Xu war ein Junggeselle, Trinker, der mit seiner Flasche von Haus zu Haus ging, Ehen vermittelte, ein kleines Honorar kassierte und sich so über Wasser hielt. Er war anders als die Dorfschamanin, die Schamanin, Hebamme und Kupplerin in einer Person war. Er war spezialisiert -- nur Ehen. Sein Tagesgeschäft war der Dorfklatsch: wessen Tochter erwachsen wurde, wessen Mann gestorben war. Mit seiner geistigen Kartei ging er zu den Junggesellen. Gelang die Vermittlung, bekam er zwei-, dreihundert Yuan. Scheiterte sie, gab es wenigstens Schnaps und Zigaretten.
  
Yinger mochte Xu Pockennarbe nicht. Erstens waren Vaters „Großgeschäfte“ meist auf seine Informationen zurückzuführen. Er steuerte nur sein glattes Mundwerk bei, ohne selbst ins Risiko zu gehen, und zog den Vater in die Schuldenfalle; zweitens war er lüstern nach Wein und Frauen bei einem Schluck Alkohol oder dem Anblick einer Frau leuchteten seine Pockennarben rot auf, schamlos strahlend. Da wurde Yinger übel.
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Yinger mochte Xu Pockennarbe nicht. Erstens waren Vaters „Großgeschäfte" meist auf seine Informationen zurückzuführen. Er steuerte nur sein glattes Mundwerk bei, ohne selbst ins Risiko zu gehen, und zog den Vater in die Schuldenfalle; zweitens war er lüstern nach Wein und Frauen -- bei einem Schluck Alkohol oder dem Anblick einer Frau leuchteten seine Pockennarben rot auf, schamlos strahlend. Da wurde Yinger übel.
  
Xu Pockennarbe und die Schamanin Qi waren zwar Konkurrenten, aber ohne Eifersucht sie arbeiteten oft zusammen und tauschten Informationen. Die Brauttauschheirat von Yinger und Lanlan war ihr gemeinsames Werk.
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Xu Pockennarbe und die Schamanin Qi waren zwar Konkurrenten, aber ohne Eifersucht -- sie arbeiteten oft zusammen und tauschten Informationen. Die Brauttauschheirat von Yinger und Lanlan war ihr gemeinsames Werk.
  
 
Kaum war Xu Pockennarbe zur Tür herein, ahnte Yinger seinen Zweck. Mentou war kaum kalt, und schon verkuppelte man sie. Sie fand es lächerlich.
 
Kaum war Xu Pockennarbe zur Tür herein, ahnte Yinger seinen Zweck. Mentou war kaum kalt, und schon verkuppelte man sie. Sie fand es lächerlich.
  
Weil Xu ständig betrügerische Informationen lieferte, war Yingers Mutter besonders unfreundlich zu ihm. Der Vater hingegen wie immer.
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Weil Xu ständig betrügerische Informationen lieferte, war Yingers Mutter besonders unfreundlich zu ihm. Der Vater hingegen war wie immer.
  
Obwohl er durch Xus Tipps Schulden gemacht hatte, glaubte er, der Pockennarbe meine es „gut“. Kaum war Xu herein, sagte er zur Mutter: „Geh, kauf eine Schachtel Zigaretten.
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Obwohl er durch Xus Tipps Schulden gemacht hatte, glaubte er, der Pockennarbe meine es „gut". Kaum war Xu herein, sagte er zur Mutter: „Geh, kauf eine Schachtel Zigaretten."
  
Yingers Mutter streckte die Hand aus: „Gib mir Geld!
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Yingers Mutter streckte die Hand aus: „Gib mir Geld!"
  
Der Vater ignorierte es: „Und eine Flasche Schnaps dazu.
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Der Vater ignorierte es: „Und eine Flasche Schnaps dazu."
  
Die Mutter streckte wieder die Hand aus: „Gib mir Geld!
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Die Mutter streckte wieder die Hand aus: „Gib mir Geld!"
  
„Ich sage doch, du sollst anschreiben lassen!Der Vater blickte zu Xu.
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„Ich sage doch, du sollst anschreiben lassen!" Der Vater blickte zu Xu.
  
„Ich denke nicht dran! Wie viel bist du den Leuten schuldig? Die schimpfen dich hinter deinem Rücken einen Esel, und du willst noch anschreiben? Dann geh selbst! Du hast keine Scham, aber ich schon!Mutters Gesicht war schneidend.
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„Ich denke nicht dran! Wie viel bist du den Leuten schuldig? Die schimpfen dich hinter deinem Rücken einen Esel, und du willst noch anschreiben? Dann geh selbst! Du hast keine Scham, aber ich schon!" Mutters Gesicht war schneidend.
  
Xu Pockennarbe lächelte: „Schon gut. Ich habe welche.Er zog eine Schachtel heraus und warf sie auf den Tisch.
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Xu Pockennarbe lächelte: „Schon gut. Ich habe welche." Er zog eine Schachtel heraus und warf sie auf den Tisch.
  
„Schon wieder seine! Der Wirt lebt auf Kosten des Gastes.Dem Vater war es peinlich.
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„Schon wieder seine! Der Wirt lebt auf Kosten des Gastes." Dem Vater war es peinlich.
  
„Er hat welche“, milderte die Mutter den Ton. „Gevatter Xu, der hat Talent.
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„Er hat welche", milderte die Mutter den Ton. „Gevatter Xu, der hat Talent."
  
„Welches Talent? Ein paar Groschen verdienen, um meine drei Zoll Kehle zu füttern“, sagte Xu.
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„Welches Talent? Ein paar Groschen verdienen, um meine drei Zoll Kehle zu füttern", sagte Xu.
  
„Aus Brotkrümeln wird ein Fladen.Die Mutter warf dem Alten einen Blick zu und sagte säuerlich: „Nicht wie gewisse Leute ein Mund so groß wie der eines Ochsenfroschs, der den Donner aufgefangen hat, aber zu arm, um einen Furz zu halten.
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„Aus Brotkrümeln wird ein Fladen." Die Mutter warf dem Alten einen Blick zu und sagte säuerlich: „Nicht wie gewisse Leute -- ein Mund so groß wie der eines Ochsenfroschs, der den Donner aufgefangen hat, aber zu arm, um einen Furz zu halten."
  
„Schon wieder, schon wieder“, grinste der Vater verlegen.
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„Schon wieder, schon wieder", grinste der Vater verlegen.
  
„Gut“, sagte Xu. „Hört auf mit dem Gezanke. Jugendpaar, Altersbegleiter Jeder schluckt mal eine Kröte. Ich komme nicht ohne Grund. Ich habe ein Anliegen nehmt es mir nicht übel.
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„Gut", sagte Xu. „Hört auf mit dem Gezanke. Jugendpaar, Altersbegleiter ... Jeder schluckt mal eine Kröte. Ich komme nicht ohne Grund. Ich habe ein Anliegen -- nehmt es mir nicht übel."
  
„So förmlich wir sind doch Familie! Raus mit der Sprache, Gevatter“, sagte die Mutter, die Xus Absicht ebenfalls erraten hatte.
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„So förmlich -- wir sind doch Familie! Raus mit der Sprache, Gevatter", sagte die Mutter, die Xus Absicht ebenfalls erraten hatte.
  
Xu kniff die Augen zusammen, musterte Yinger und sagte: „Das Mädchen hab ich von klein auf aufwachsen sehen. Als Jungfrau war sie wie aus einem Gemälde gestiegen rote Stellen rot wie Blut, weiße weiß wie Schnee. Nach der Geburt noch genauso
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Xu kniff die Augen zusammen, musterte Yinger und sagte: „Das Mädchen hab ich von klein auf aufwachsen sehen. Als Jungfrau war sie wie aus einem Gemälde gestiegen -- rote Stellen rot wie Blut, weiße weiß wie Schnee. Nach der Geburt noch genauso ...
  
Man hört nun hat sie irgendwelche Vorstellungen?
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Man hört ... nun ... hat sie irgendwelche Vorstellungen?"
  
Yinger fand es lächerlich, doch plötzlich überkam sie ein tiefes Gefühl der Vergänglichkeit. Vor ein paar Jahren hatte derselbe Pockennarbe sie und Mentou zusammengebracht. Ein paar Jahre später einer tot, die andere Witwe. Und wieder kam dieser Pockennarbe, um sie mit einem anderen zu verkuppeln. Wie sich alles wandelte! Und in ein paar Jahren wie würde es dann sein?
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Yinger fand es lächerlich, doch plötzlich überkam sie ein tiefes Gefühl der Vergänglichkeit. Vor ein paar Jahren hatte derselbe Pockennarbe sie und Mentou zusammengebracht. Ein paar Jahre später -- einer tot, die andere Witwe. Und wieder kam dieser Pockennarbe, um sie mit einem anderen zu verkuppeln. Wie sich alles wandelte! Und in ein paar Jahren -- wie würde es dann sein?
  
Die Mutter antwortete gelassen: „Was für Vorstellungen? Wir leben nicht in der alten Zeit, niemand stellt ihr eine Keuschheitstafel auf. Selbst in der alten Zeit war Witwendasein nicht menschenwürdig. Angeblich streuten sie nachts Kupfermünzen im Zimmer aus, löschten das Licht und tasteten. Ich will nicht, dass meine Tochter schmachtet. Gevatter, was hast du auf dem Herzen?
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Die Mutter antwortete gelassen: „Was für Vorstellungen? Wir leben nicht in der alten Zeit, niemand stellt ihr eine Keuschheitstafel auf. Selbst in der alten Zeit war Witwendasein nicht menschenwürdig. Angeblich streuten sie nachts Kupfermünzen im Zimmer aus, löschten das Licht und tasteten. Ich will nicht, dass meine Tochter schmachtet. Gevatter, was hast du auf dem Herzen?"
  
„Mama!, sagte Yinger. „Er ist kaum Schämst du dich nicht, so zu reden?
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„Mama!", sagte Yinger. „Er ist kaum ... Schämst du dich nicht, so zu reden?"
  
„Lachen soll, wer will! Tochter, das war ein Schicksalsschlag, keine Giftmörderin! Er ist tot da sollst du auch sterben? Gevatter, raus mit der Sprache!
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„Lachen soll, wer will! Tochter, das war ein Schicksalsschlag, keine Giftmörderin! Er ist tot -- da sollst du auch sterben? Gevatter, raus mit der Sprache!"
  
Xu lächelte: „Genau. Tochter, Regen muss fallen, Witwen wollen heiraten das ist ein Naturgesetz. Schäm dich nicht. Dieser Zhao San, kennst du ihn? Der Fleischer. Hat jetzt ein Geschäft am Weißen Tigerpass. Hatte eine Frau in zweiter Ehe, die ist abgehauen. Sucht eine Neue. Er hat schon lange ein Auge auf dich geworfen. Schon als Mädchen. Hat sich den Kopf zerbrochen. Aber Mentou hat den Preis davongetragen. Neulich bat er mich, mich umzuhören.
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Xu lächelte: „Genau. Tochter, Regen muss fallen, Witwen wollen heiraten -- das ist ein Naturgesetz. Schäm dich nicht. ... Dieser Zhao San, kennst du ihn? Der Fleischer. Hat jetzt ein Geschäft am Weißen-Tiger-Pass. Hatte eine Frau in zweiter Ehe, die ist abgehauen. Sucht eine Neue. Er hat schon lange ein Auge auf dich geworfen. Schon als Mädchen. Hat sich den Kopf zerbrochen. Aber Mentou hat den Preis davongetragen. Neulich bat er mich, mich umzuhören.
  
Wenn’s klappt die Hochzeit regelt sich.
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Wenn es klappt -- die Hochzeit regelt sich."
  
Yingers Kopf dröhnte. Jetzt erst begriff sie, wie sehr sie an Wert verloren hatte. Dieser Zhao San ein Trinker, dazu ein Taugenichts. Damals hatte er für seinen Hausbau Bäume am Straßenrand gestohlen, die Rinde abgeschält und sie kaum verbaut, als man ihn erwischte. Mit einem Schild um den Hals wurde er durchs Dorf geführt. Und so einer maßte sich an, nach ihr zu greifen! Offenbar war diese Yinger nicht mehr jene Yinger. Selbst wenn Lingguan käme, fürchtete sie, seiner nicht mehr würdig zu sein.
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Yingers Kopf dröhnte. Jetzt erst begriff sie, wie sehr sie an Wert verloren hatte. Dieser Zhao San -- ein Trinker, dazu ein Taugenichts. Damals hatte er für seinen Hausbau Bäume am Straßenrand gestohlen, die Rinde abgeschält und sie kaum verbaut, als man ihn erwischte. Mit einem Schild um den Hals wurde er durchs Dorf geführt. Und so einer maßte sich an, nach ihr zu greifen! Offenbar war diese Yinger nicht mehr jene Yinger. Selbst wenn Lingguan käme, fürchtete sie, seiner nicht mehr würdig zu sein.
  
 
Yingers Tränen strömten hervor.
 
Yingers Tränen strömten hervor.
  
Die Mutter bemerkte Yingers Veränderung nicht und sagte: „Dieser Zhao San, sagt man, hat ein übles Temperament, trinkt gern und schlägt Frauen.
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Die Mutter bemerkte Yingers Veränderung nicht und sagte: „Dieser Zhao San, sagt man, hat ein übles Temperament, trinkt gern und schlägt Frauen. Die Zweitfrau ist vor seinen Schlägen davongelaufen."
 
 
Die Zweitfrau ist vor seinen Schlägen davongelaufen.
 
  
Xu Pockennarbe lachte: „Wer redet nicht! Und dann selbst Zähne und Zunge geraten aneinander. Welches Ehepaar prügelt sich nicht? Geschlagene Frau, gekneteter Teig. Geprügelt wird geprügelt, vertragen wird vertragen. Regen fällt vom Himmel, Wasser fließt zu Tal junge Eheleute tragen nicht nach. Zwischen Mann und Frau gibt es keinen Groll über Nacht. Sie wissen das doch selbst.
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Xu Pockennarbe lachte: „Wer redet nicht! Und dann -- selbst Zähne und Zunge geraten aneinander. Welches Ehepaar prügelt sich nicht? Geschlagene Frau, gekneteter Teig. Geprügelt wird geprügelt, vertragen wird vertragen. Regen fällt vom Himmel, Wasser fließt zu Tal -- junge Eheleute tragen nicht nach. Zwischen Mann und Frau gibt es keinen Groll über Nacht. Sie wissen das doch selbst."
  
„Da ist was dran. Da ist was dran“, lachte Yingers Mutter.
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„Da ist was dran. Da ist was dran", lachte Yingers Mutter.
  
„Die Hochzeit ist kein Problem. Er hat gesagt, wenn ihr einwilligt, regelt sich alles. Heutzutage gilt: Wer Geld hat, ist der Großvater; wer keins hat, der Enkel. Immerhin hat er sich Yinger ausgesucht. Manche Frauen wollen zu ihm er will sie nicht mal.
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„Die Hochzeit ist kein Problem. Er hat gesagt, wenn ihr einwilligt, regelt sich alles. ... Heutzutage gilt: Wer Geld hat, ist der Großvater; wer keins hat, der Enkel. Immerhin hat er sich Yinger ausgesucht. Manche Frauen wollen zu ihm -- er will sie nicht mal.
  
Sogar Jungfrauen, heißt es …“ Yinger hätte fast laut geschluchzt. Sie wischte heimlich die Tränen weg und verließ, aus Angst, in hemmungsloses Weinen auszubrechen, das Haus und das Dorftor.
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Sogar Jungfrauen, heißt es ..." Yinger hätte fast laut geschluchzt. Sie wischte heimlich die Tränen weg und verließ, aus Angst, in hemmungsloses Weinen auszubrechen, das Haus und das Dorftor.
  
Irgendwann hatte es zu nieseln begonnen. Die haarfeinen Regenfäden hüllten das Dorf in einen Schleier. Alles wurde unwirklich. Die Berge, die Bäume, die Siedlung alles verschwamm zu einem Traum.
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Irgendwann hatte es zu nieseln begonnen. Die haarfeinen Regenfäden hüllten das Dorf in einen Schleier. Alles wurde unwirklich. Die Berge, die Bäume, die Siedlung -- alles verschwamm zu einem Traum.
  
Yingers Elternhaus und Shawan waren landschaftlich grundverschieden. Auch hier lag die Wüste nah, doch im Süden erhoben sich Berge. Gewöhnlich waren sie kahl und strahlten Armut und Öde aus. Doch im Regen erwachten sie zum Leben, gewannen eine wehmütig-zarte Anmut. Yinger ließ die Regenfäden ihre tränenvollen Augen waschen bald schimmerte ihr Gesicht feucht, und niemand hätte sagen können, was Regen und was Träne war.
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Yingers Elternhaus und Shawan waren landschaftlich grundverschieden. Auch hier lag die Wüste nah, doch im Süden erhoben sich Berge. Gewöhnlich waren sie kahl und strahlten Armut und Öde aus. Doch im Regen erwachten sie zum Leben, gewannen eine wehmütig-zarte Anmut. Yinger ließ die Regenfäden ihre tränenvollen Augen waschen -- bald schimmerte ihr Gesicht feucht, und niemand hätte sagen können, was Regen und was Träne war.
  
Erst als Xu Pockennarbe den Heiratsantrag überbrachte, begriff Yinger ihre wahre Lage. In den letzten Jahren war sie im Wert gesunken von der „Blumenfee“ zu „Mentous Frau“, dann in die Kategorie „Witwe“. Nach Xus Plan sollte sie weiter fallen zur „Metzgersgattin“. Wer einem Gelehrten folgt, wird Dame; wer einem Metzger folgt, putzt Gedärme. Yinger hatte nicht das Glück, Dame zu werden Lingguan war in ihren Augen der Gelehrte , aber sie wollte auch nicht in blutigen, stinkenden Därmen wühlen. Die Dorfbewohner verachteten Metzger erstens wegen des Schmutzes, zweitens wegen des Tötens.
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Erst als Xu Pockennarbe den Heiratsantrag überbrachte, begriff Yinger ihre wahre Lage. In den letzten Jahren war sie im Wert gesunken -- von der „Blumenfee" zu „Mentous Frau", dann in die Kategorie „Witwe". Nach Xus Plan sollte sie weiter fallen -- zur „Metzgersgattin". Wer einem Gelehrten folgt, wird Dame; wer einem Metzger folgt, putzt Gedärme. Yinger hatte nicht das Glück, Dame zu werden -- Lingguan war in ihren Augen der Gelehrte --, aber sie wollte auch nicht in blutigen, stinkenden Därmen wühlen. Die Dorfbewohner verachteten Metzger -- erstens wegen des Schmutzes, zweitens wegen des Tötens.
  
Im Tonfall der Leute schwang Missachtung mit. Anderer Leute Söhne trugen das Haus, Metzgersöhne waren „Lückenfüller“ – mit oder ohne einerlei. Ein Metzger oder hundert Metzger kein wesentlicher Unterschied, nur eine Frage der Anzahl. Und ausgerechnet so ein Metzger schickte jemanden, um um sie zu werben. Yinger empfand ein seltsames Unbehagen.
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Im Tonfall der Leute schwang Missachtung mit. Anderer Leute Söhne trugen das Haus, Metzgersöhne waren „Lückenfüller" -- mit oder ohne einerlei. Ein Metzger oder hundert Metzger -- kein wesentlicher Unterschied, nur eine Frage der Anzahl. Und ausgerechnet so ein Metzger schickte jemanden, um um sie zu werben. Yinger empfand ein seltsames Unbehagen.
  
Lingguan hatte einmal gesagt, eine Frau in Liangzhou durchlebe in ihrem Leben alle sechs buddhistischen Daseinsbereiche: Als Mädchen sei sie ein Himmelswesen, geboren im Paradies der Phantasie, glücklich und sorglos; mit der Heirat komme sie in die Menschenwelt Öl, Salz, Essig, allerlei Sorgen; beim Ehestreit werde sie zum Kampfdämon, voller Zorn und Groll; bei der Hausarbeit zum Nutztier – endlose Plackerei ohne Pause; emotional sei sie ein Hungergeist suchend, flehend, die ganze Nacht heulend, ohne etwas zu finden; und heirate sie einen Rohling, befinde sich Leib und Seele ständig in der Hölle: endlose Nacht ohne Licht, Giftflammen am Leib, Folter, Wehklagen ringsum, ohne Erlösung.
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Lingguan hatte einmal gesagt, eine Frau in Liangzhou durchlebe in ihrem Leben alle sechs buddhistischen Daseinsbereiche (六道轮回): Als Mädchen sei sie ein Himmelswesen (天人), geboren im Paradies der Phantasie, glücklich und sorglos; mit der Heirat komme sie in die Menschenwelt -- Öl, Salz, Essig, allerlei Sorgen; beim Ehestreit werde sie zum Kampfdämon (阿修罗), voller Zorn und Groll; bei der Hausarbeit zum Lasttier (畜生) -- endlose Plackerei ohne Pause; emotional sei sie ein Hungergeist (饿鬼) -- suchend, flehend, die ganze Nacht heulend, ohne etwas zu finden; und heirate sie einen Rohling, befinde sich Leib und Seele ständig in der Hölle (地狱): endlose Nacht ohne Licht, Giftflammen am Leib, Folter, Wehklagen ringsum, ohne Erlösung.
  
 
Yinger fand: Genau so war es.
 
Yinger fand: Genau so war es.
  
Zwar hegte sie den verwegenen Wunsch, Lingguan zu heiraten, doch bei nüchterner Überlegung fand sie, Lingguan verdiente ein anderes Leben. Sobald er sie heiratete, wäre er an dieses Land gefesselt wie ein Drachen an der Leine, egal wie hoch er flog, mit dem Faden stets am Boden. Er sollte wie ein Adler hinausfliegen obwohl der Gedanke ihr Herz stach, wünschte sie ihm dennoch den weiten Flug, seinen eigenen breiten Weg.
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Zwar hegte sie den verwegenen Wunsch, Lingguan zu heiraten, doch bei nüchterner Überlegung fand sie, Lingguan verdiente ein anderes Leben. Sobald er sie heiratete, wäre er an dieses Land gefesselt -- wie ein Drachen an der Leine, egal wie hoch er flog, mit dem Faden stets am Boden. Er sollte wie ein Adler hinausfliegen -- obwohl der Gedanke ihr Herz stach, wünschte sie ihm dennoch den weiten Flug, seinen eigenen breiten Weg.
  
Was Yinger sich wünschte, war, still ihren Lebensweg zu gehen auf der jetzigen Spur, mit dem Kind, voller Hoffnung, die Romantik zerbröselnd, der Wirklichkeit ins Auge blickend, ihr Schicksal lebend. Sie wollte der Welt nur sagen: „Bitte stört mich nicht. Lasst mich in Ruhe leben.
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Was Yinger sich wünschte, war, still ihren Lebensweg zu gehen -- auf der jetzigen Spur, mit dem Kind, voller Hoffnung, die Romantik zerbröselnd, der Wirklichkeit ins Auge blickend, ihr Schicksal lebend. Sie wollte der Welt nur sagen: „Bitte stört mich nicht. Lasst mich in Ruhe leben."
  
 
Nichts weiter.
 
Nichts weiter.
  
War selbst das zu viel verlangt? Am liebsten hätte sie gefragt: „Wem stehe ich im Weg?
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War selbst das zu viel verlangt? Am liebsten hätte sie gefragt: „Wem stehe ich im Weg?"
 
 
Baifu grub in der Nähe Baumstümpfe aus – frisch gefällte Bäume mit großen, tiefen Wurzeln; der Wurzel folgen und graben brachte viel Brennholz. Baifu arbeitete mit nacktem Oberkörper im Nieselregen, Dampf stieg von Kopf und Körper auf. Beim Anblick des Bruders sank Yingers Herz noch tiefer. Sie verstand: In diesem Leben war ihr Schicksal unwiderruflich mit ihm verknüpft. Vor ihr lag ein Weg, den sie nicht zu denken wagte.
 
 
 
Die Regenfäden rieselten herab, sickerten vom Gesicht bis ins Herz. Im Herzen ein Gefühl der Feuchtigkeit, die Augen trocken trotz Weinens.
 
 
 
Das Gefühl wurde dichter und dichter und verdichtete sich schließlich zu einem Volkslied –
 
 
 
Dunkel wird’s, dunkel, ganz dunkel,
 
 
 
der schattige Pfad liegt im Dämmer;
 
 
 
den Liebsten seh ich schwinden in der Ferne –
 
 
 
das Herz wird mir lebendig herausgerissen.
 
 
 
Morgens wein ich, abends klag ich,
 
 
 
die Tränen strömen wie ein Meer;
 
 
 
des Henkers Klinge ist der Weg vor mir –
 
 
 
sie schlachtet das Mädchen bei lebendigem Leib
 
 
 
31
 
 
 
Xu Pockennarbes Heiratsantrag wurde zu Yingers Albtraum. Seit er die Mutter überredet und ihr Zhao Sans Geld schmackhaft gemacht hatte, hing eine schwarze Wolke über Yingers Leben.
 
 
 
An jenem Tag erhielt die Mutter die sichere Nachricht, dass Lanlan nicht zur Familie Bai zurückkehren würde. Also schickte sie Baifu mit einigen Männern zum Haus der Chens, um Yinger zu holen. Ohne Diskussion verschleppten sie sie. Eigentlich wollten sie auch das Kind mitnehmen, doch Lingguans Mutter warf sich todesmutig dazwischen und riss das Kind an sich. Auch der alte Laoshun griff zum Hackbeil, bereit zum Kampf. Die Männer fürchteten eine Eskalation und ließen ab. Sie sagten nur: Das Gericht soll entscheiden. So kam Yinger zurück ins Elternhaus.
 
 
 
Im Elternhaus herrschte eine Atmosphäre der Gereiztheit. Baifu verbrachte den ganzen Tag mit seinen Saufkumpanen. Der Vater hatte sein Augenmerk wieder auf Antiquitäten gerichtet und rannte den ganzen Tag zu den Grabräubern. Die Mutter hingegen tuschelte ständig mit Xu Pockennarbe, und das Thema war immer noch der Metzger Zhao San.
 
 
 
Xu Pockennarbe hatte Zhao San einmal vorbeigebracht. Sein Aussehen – fett, ölig, der Kopf wie ein Schweinekopf, und sobald er trank, wurde seine Nase zu einer roten Knoblauchknolle. Seine ganze Erscheinung ähnelte Datou, nur fehlte ihm dessen Großzügigkeit, dafür hatte er mehr Dummheit. Yinger wurde beim bloßen Anblick übel. Sie verstand, dass ihre Mutter Zhao San nur deshalb als eine Rarität pries, die selbst im Himmel ihresgleichen suchte, weil er Geld hatte. Seit über zehn Jahren schlachtete er Schweine und Rinder, das vier Zoll breite Messer war schon dünn wie ein Weidenblatt, und natürlich hatte sich einiges in seiner Tasche angesammelt. Jetzt hatte Zhao San auch noch eine Goldmine am Weißen-Tiger-Pass eröffnet und angeblich ein kleines Vermögen gemacht. Er hatte verlauten lassen, dass er für Yinger kein Geld scheuen würde, und falls sie das Kind mitbrächte, würde sich der Preis sogar verdoppeln. Denn Söhne waren selten und kostbar. Zhao Sans erste Frau hatte er davongejagt, weil sie keine Kinder bekam. Ohne Sohn fühlte er sich nie sicher, und er konnte auch nicht garantieren, dass eine Neue ihm einen Jungen gebären würde. Mit dem Kind, das nicht an Rückenschmerzen litt, konnte er selbst beim Niesen so selbstbewusst donnern – natürlich musste der Preis steigen.
 
 
 
Yingers Mutter sagte: „Wovor hast du Angst? Wenn meine Tochter eines zur Welt bringen kann, kann sie auch zehn bekommen.“ Sie wusste, dass es völlig rechtens war, die Tochter im Elternhaus zu behalten; wenn man nur hart genug blieb, wagte niemand einen Mucks. Aber das Kind war Mentous Stammhalter, und die würden um ihr Leben kämpfen, um es nicht herzugeben. In jener Nacht hatte sie selbst gesehen, wie die Schwiegermutter sich wie eine Wahnsinnige auf das Kind gestürzt hatte, und ihr war immer noch mulmig dabei. Außerdem war ihr Herz zwar hart, aber nicht so hart, dass sie jemandes Kind rauben und zu Geld machen würde.
 
 
 
Xu Pockennarbe sagte: „Das Kind gehört ganz offensichtlich deiner Tochter. Frag doch mal den Richter – wenn der Vater stirbt, gehört das Kind zu den Großeltern oder zur Mutter? Das ist doch sonnenklar. Der Staat hat es im Gesetz festgelegt, das ist sein gutes Recht.“
 
 
 
„Wirklich?“ Yingers Mutter war ungläubig. Sie konnte nicht glauben, dass das Gesetz vorschrieb, jemandem seinen „Stammhalter“ wegzunehmen. Xu Pockennarbe sagte: „Wenn ich lüge, liegt in meinem Ahnengrab ein alter Eselshengst.“ Da glaubte es Yingers Mutter ein wenig. Aber Glaube hin oder her – wenn sie daran dachte, das Kind aus den Händen der Schwiegerfamilie zu holen, war ihr gar nicht wohl. Nein, nicht nur unwohl – es war geradezu unmöglich, und so sagte sie: „Die alte Hexe kämpft mit ihrem Leben. Das Kind ist ihr wichtiger als ihr eigenes Leben. Als unsere Tochter ins Elternhaus kam, durfte sie das Kind nicht mal mitnehmen …
 
 
 
Vergiss es. Das Kind – da kannst du dir den Kopf zerbrechen, bis er so groß wie eine Knoblauchknolle ist, es geht nicht. Kinder sind kostbar. Du willst das Kind, die wollen es auch.
 
 
 
Außerdem kann ich das nicht übers Herz bringen – die haben schon einen verloren, und jetzt soll ich ihnen noch den anderen wegnehmen? Was würden die Leute sagen?“ – Es gehört deiner Tochter, wie soll das Raub sein?“, sagte Xu Pockennarbe. Zhao San hatte ihm einen Wink gegeben: Wenn er das Kind wirklich herbringen könnte, gäbe es zweitausend Yuan. Diese Summe überstieg das reine Vermittlungsgeld um ein Vielfaches, natürlich wollte er sich ins Zeug legen. „Ein Kind gehört zur Mutter, das ist selbstverständlich. Wenn du ein stillendes Baby gewaltsam von der Brust reißt, das ist erst gemein.“
 
 
 
Da wurde Yingers Mutter doch nachdenklich. Seit Tagen weinte Yinger ständig und verlangte danach, das Kind zu stillen. Ihre Brüste waren prall, und jedes Mal, wenn sie spannten, trieb es Yinger die Tränen in die Augen. Obwohl die Mutter ihr herzlos verbot zurückzugehen, tat ihr die Tochter doch leid. Beim Anblick ihres gelblich ausgetrockneten Gesichts wurde ihr immer unwohl, und so sagte sie: „Erkundige dich mal. Wenn es wirklich gesetzlich festgelegt ist, hätten wir eine Grundlage.“ Xu Pockennarbe lachte: „Hab ich mich längst erkundigt. Wer die Mühle dreht, muss es nicht wissen, wer sie bedient, der weiß Bescheid. Den ich gefragt habe, ist sogar ein Anwalt. Er sagte, wenn er den Fall übernähme, würde er euch garantiert ein rundes, gesundes Kind verschaffen.“
 
 
 
„Du meine Güte, und was soll das kosten?“
 
 
 
„Ihr müsst nichts zahlen. Zhao San bezahlt, egal wie viel. Außerdem lädt er alle paar Tage die Leute vom Gericht zum Essen ein. Die kennen sich wie aus einem Teig geknetet. Er hat auch nachgefragt – kein Problem. Wenn ihr einverstanden seid, lässt er eine Klageschrift aufsetzen und einreichen, und schon wird der Fall angenommen.“ „Einverstanden, einverstanden“, sagte Yingers Mutter freudig. Wie ein Goldklumpen, der vom Himmel fiel. Sie hatte geglaubt, das Kind gehöre der anderen Familie, und nun stellte sich heraus, dass es „laut Gesetz“ ihnen gehörte. Das freute sie unerwartet. Aber wenn sie an die schmerzerfüllte Miene der Schwiegerfamilie nach dem Tod des Verstorbenen dachte, bekam sie Skrupel; doch dann erinnerte sie sich an die Furienmiene der Schwiegermutter, als sie mit ihr gestritten hatte – und ihr Herz wurde sofort wieder steinhart. So schwankte sie – mal hatte sie Skrupel, mal wurde sie steinhart. Nach einigem Hin und Her gewannen die offensichtlichen Vorteile die Oberhand. Außerdem dachte sie an Baifus Schwierigkeiten, ein Kind großzuziehen – wenn die Tochter dort heiratete und keinen Sohn bekäme, würde sie wieder leiden müssen. Also sagte sie: „Gevatter, auf dich ist Verlass. Mach, wie du es meinst. Wenn es klappt, kommt es dir zugute.
 
 
 
Wenn nicht, mache ich dir auch keine Vorwürfe. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, das Kind bekommen zu können. Hättest du es nicht erwähnt, säße ich noch ahnungslos da.“
 
 
 
„Wenn man den Docht zurechtrückt, wird die Lampe hell“, lachte Xu Pockennarbe. „Um alles andere braucht ihr euch keine Sorgen zu machen. Das Einzige, wovor ich Angst habe, ist, dass eure Tochter weichherzig wird. Vor Gericht darf sie auf keinen Fall einknicken.“ „Wird sie nicht, wird sie nicht. Die Kleine sehnt sich so nach dem Kind, dass sie fast den Verstand verliert.“
 
 
 
Yinger hatte den Verstand tatsächlich fast verloren.
 
 
 
Das Kind schrie ständig in ihren Ohren nach Mama. Yingers Herz zerbrach.
 
 
 
Sobald Xu Pockennarbe kam, ging sie aus dem Dorftor, folgte dem Feldweg zwischen den Dörfern und lief einfach los. Der Weg war voller feinem Staub, aber Yinger kümmerte sich nicht darum. Soll er doch färben – die Schuhe färben, die Strümpfe färben, die Hosenbeine färben, das Herz färben.
 
 
 
Das Herz schien wirklich vom Staub gefärbt, immer grau und trübe. Auch die Gedanken waren unklar, alles verschwommen, wie in einem Traum. Die Sehnsüchte als junges Mädchen waren ein Traum, die Schwere als junge Ehefrau war ein Traum, die Bitterkeit als Witwe war auch ein Traum, und dann das Glück – was für ein berauschendes Glück das gewesen war! – auch ein Traum. Alles im Traum schwebte dahin, in Wolken und Nebel, kaum zu greifen. Selbst dieser Schmerz, dieser Schmerz der Trennung von Fleisch und Blut, war nicht so deutlich, nicht so greifbar, lag nur wie leichter Rauch über dem Herzen, alles verschwommen, und hüllte die Wirklichkeit in Grau.
 
 
 
Die Bäume am Wegrand standen kahl. Die Blätter hatte der Wind fortgeweht, die nackten Äste stachen in den Himmel, ein stechender Anblick. Der Weizen war geerntet, die Felder lagen wüst da. Auch im Herzen war alles verwüstet. Auch diese Verwüstung wurde zum Traum. Die Menschen in der Ferne verschwammen, die Menschen in der Nähe verschwammen. Wer sie ansprach, dem antwortete Yinger nur undeutlich. Sie war nicht mehr die Yinger von einst. Sie war nur noch eine Witwe, ein Drachen, dessen Faden die Wirklichkeit gekappt hatte und der im wilden Wind dahintrieb, und eine Mutter – beim Gedanken an das Wort „Mutter“ zuckte ihr Herz. Die Brüste spannten schmerzhaft, doch ihr Sohn schrie anderswo vor Hunger. Verhöhnte sie dieses Wort „Mutter“?
 
 
 
Dieser Feldweg – wie lange war sie nicht mehr hier gewesen.
 
 
 
Als Schülerin kam sie oft hierher zum Auswendiglernen und träumte von der Zukunft. Die Zukunft war damals bunt und schillernd. Manchmal trieb sie die Schafe hierher, lehnte sich an jenen Baum und las Bücher, die ihr Mädchenherz zum Kochen brachten. Die „Zukunft“ war so schön. Sie sehnte sich nach der „Zukunft“, rief nach der „Zukunft“. Natürlich konnte sie nicht ahnen, dass sie in der „Zukunft“ als Tauschbraut heiraten, Mentou ehelichen, Witwe werden, eine Mutter sein würde, die keine Mutter war, wie Vieh verkauft werden und keine „Zukunft“ mehr haben würde. Von diesem Ende des Lebens konnte sie das andere Ende überblicken. Die Gegenwart der Mutter war ihre Zukunft. Nur dass sie, weil sie lesen gelernt und sich eine „Zukunft“ ausgemalt hatte, noch mehr litt als ihre Mutter.
 
 
 
Der Wind blies, kalt und öde. Dieser Herbstwind konnte Blätter fortwehen, Staub fortwehen, loses Gras fortwehen – aber konnte er auch das Grau von meinem Herzen wehen? Konnte er die Beklemmung fortwehen, die mich selbst im Traum nicht losließ? Am besten wehst du mich gleich mit fort, ans Ende der Welt, entweder spurlos verschwunden oder zu Staub zermahlen, aufgelöst in dieser großen Wüste. Kann der Herbstwind das hören? Du Herzloser, warum heulst du nur so kalt?
 
 
 
Yinger weinte lautlos, weinte hemmungslos. Das Schicksal war noch gnädig genug, ihr einen Ort zu bewahren, an dem sie hemmungslos weinen konnte.
 
 
 
An den Baumstamm gelehnt, weinte sie eine Weile, dann blinzelte sie zum trüben Himmel hinauf. Sie beneidete Lin Daiyu sehr – die hatte ihren Xiaoxiang-Pavillon, ihre Zijuan, ihren liebevollen Bruder Bao. Sie war die glücklichste Person im „Traum der Roten Kammer“. Sie hatte alles erlebt, was zu erleben war, alles genossen, was zu genießen war. Und als der große Palast krachend zusammenstürzte, war sie schon gegangen. Im schönsten Moment des Lebens war sie gegangen. Rein gekommen, rein gegangen. Wahrhaftes Glück. Man sagte, am Westsee gab es auch eine namens Su Xiaoxiao, die ebenfalls im schönsten Moment gestorben war und seit tausend Jahren betrauert wurde. Wie gut hatten sie es. Warum war das Schicksal ihnen gegenüber so großzügig?
 
 
 
Nicht weit entfernt begann die Wüste, die Wüste, die sie unzählige Male in Gedanken durchkaut hatte. Von hier nach Norden gelangte man zu einem bestimmten Ort. Dort lag Yingers Brautkammer des Herzens. In jener riesigen Brautkammer wogte der gelbe Sand Welle um Welle und ließ den unvergesslichsten Taumel ihres Lebens erklingen. … Lingguan, du herzloser Schicksalsgefährte. Hast du die Wüste vergessen? Hast du die vergessen, die ihr Leben für dich hingab und in der Einsamkeit dahintrieb? … Sie hatte sich verändert, weniger Rosenrot, mehr Furchen des Lebens. Wenn sie sich wiedersähen, hätte sie nicht mehr das Aussehen von damals. Schicksalsgefährte, weißt du das?
 
 
 
Diese Wüste, Welle um Welle sich erhebend, je höher desto mehr wurde sie zum Berg. Man sagte, tief in den Sandbergen gab es Füchse, die den Mond anbeteten. Sie beteten inbrünstig, hundert Jahre lang, um ihren Fuchskörper abzulegen und Menschengestalt anzunehmen. … Doch was ist so gut am Menschsein? Ihr Füchse, der Staat schützt euch – wer schützt mich?
 
 
 
Kann das Mondanbeten einen vom Frausein befreien? Wenn ja, dann bete ich, bis Himmel und Erde vergehen, und werde ein freier Fuchs.
 
 
 
Geht das? Sag schon, Herbstwind!
 
 
 
Die liebliche Yindi war in einer Ecke der Sandberge erfroren. Yingers Herz zuckte wieder und wieder. Manche sagten, Yindi hatte ein bitteres Schicksal – andere Frauen litten zwar auch, konnten aber wenigstens überleben, doch Yindi war selbst dieses Recht genommen worden. … Unsinn. Es ist besser, früh zu gehen. Ein offensichtliches Ende. Egal wie man ging, man entkam dem Schicksal nicht. Früh sterben, früh erlöst werden. Was ist gut am Erwachsenwerden?
 
 
 
Was ist gut am Heiraten? Was ist gut am Überleben?
 
 
 
Manchmal dachte sie, es wäre besser, gar nicht geboren zu sein. Doch das lag nicht in der eigenen Hand. Wenn man es begriffen hatte, besaß man bereits einen menschlichen Körper und damit unendliche Sorgen. Lanlan hatte gesagt, wer an die Vajravarahi glaubte, könne ins Buddha-Land der Dakinis gelangen und müsse nie wieder in diese beschmutzte Welt kommen. Wirklich? Yinger hoffte, daran glauben zu können, doch in ihrem Herzen blieben immer Zweifel. So wie ein Wacher den Schlafwandler nicht versteht, konnte auch sie Lanlan nicht verstehen.
 
 
 
Gehen wir weiter. Die Füße führen lassen, das Herz tragen, wohin sie auch gehen mögen. Wohin man kommt, dort ist man.
 
 
 
32
 
 
 
Neben einem Gelbholzstrauch blieb Yinger stehen. Der Herbstfrost hatte alles Grün versengt, auch der Gelbholzstrauch war verdorrt. Nicht weit entfernt pflückten einige Frauen Gelbholzsamen, pflückten und schwatzten und lachten dabei laut. Yinger beneidete sie. Das Leben war zweifellos bitter, sie aber waren zweifellos fröhlich. Vielleicht bestand dieses Leben eben aus Bitterkeit und Freude. Sie erinnerte sich, ein paar buddhistische Bücher gelesen zu haben, die von vielen Arten des Leids sprachen – Geburtsleid, Todesleid, Trennung von Geliebtem, Zusammensein mit Verhassten … so viele Leiden. Damals, benebelt vor Glück, spürte sie kein Leid. Später erst begann sie das Leiden allmählich zu begreifen. Von allem anderen Leid abgesehen – allein die „Trennung von Geliebtem“ ließ sie unsäglich leiden. Tag und Nacht war Leib und Seele in bitterer Lauge getränkt. Später, als das Kind kam und lächelte, war sie wieder froh. Die Grübchen in dem kleinen Gesicht waren der Schalter ihres Glücks. Sobald der Schalter sich bewegte, strömte Glück aus ihrem Herzen. Doch kaum war sie vom Kind getrennt, kam das Leid wieder. Mit offenen oder geschlossenen Augen hörte sie immer das Weinen des Kindes, immer dieses Herzzerreißen, immer diese Verzweiflung. Die Mutter sagte ständig, halte noch ein paar Tage durch, dann wird es besser. Doch diese paar Tage waren so endlos lang, wahrhaft wie Jahre. Wenn nach dem „Durchhalten“ wenigstens ein gutes Ende käme, gut. Doch das gab es nicht. Dies war eine klare Trennung bei lebendigem Leib, eine Trennung wie der Tod, ein lebendiges Herausreißen von Fleisch und Blut. Selbst die Sonne wurde zu einer schwarzen Kugel.
 
  
 
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Latest revision as of 13:06, 8 April 2026

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Er wollte ein Messer nehmen und sich wie ein japanischer Samurai im Film den Bauch aufschlitzen, das Herz herausreißen und dem Bruder opfern, dann den undankbaren Darm herausziehen und zu einem Schriftzeichen winden, das „Reue" bedeutete ... Doch hätte das ... beruhigt?

Wäre er dann menschenwürdig geworden? „Sieh, alles hier im Zimmer klagt dich an und erinnert an zwei Worte: ,Schuld.'"

Doch was er am wenigsten zu berühren wagte, war Yinger.

Jede „romantische" Erinnerung wurde zum menschenfressenden Wurm, zum Beweisstück der „Schuld". Lingguan fürchtete sie. Er wagte nicht, sie anzusehen. Lingguan wich ihr mit aller Kraft aus.

Offensichtlich wich auch sie ihm aus.

Jeden Tag verkroch sie sich in der kleinen Kammer. Sie weinte ständig -- schluchzend, atemlos. „... Ob auch du die Qual der Seele spürst? Du schuldbeladener Schicksalsgefährte."

Lingguan glaubte, ihr Gesicht zu sehen. Es war gelbgrün und bis zum Äußersten ausgezehrt. Es war die Narbe auf seinem Herzen. Es war der Schalter für seine Selbstverfluchung. Es war die dunkle Wolke am Himmel seiner Seele.

Noch schrecklicher war: Sie war hochschwanger.

Ein kleines Leben stand kurz vor der Geburt.

Dies war der Schmerz, den Lingguan am wenigsten berühren durfte -- die Wirklichkeit, die die Seele aufschlitzte, die unausweichliche Grausamkeit, der Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab, die unverzeihliche Schuld.

„Gibt es wirklich Geister? Ich hoffe so sehr. Wenn ja, könnte ich meinen armen Bruder wiedersehen, vor ihm beichten, ihn um Vergebung bitten, ihn bitten, mir ein Messer ins schuldige Herz zu stoßen, damit das strömende Blut die Schuld abwusch. ...

Aber lässt sich diese Schuld wirklich abwaschen? Am besten in die tiefste Hölle (无间地狱, Avici) stürzen! Die Giftflammen der Hölle sollen brennen -- diesen schuldigen Leib zu Asche verbrennen und im Wind verwehen lassen, spurlos. Oder tausend Messer sollen schneiden, tausend Giftwürmer sollen beißen, diesen schuldigen Körper samt Seele verschlingen, dieses widerwärtige ,Ich' für immer auslöschen, ohne den geringsten ekelhaften Rest."

Doch alles war unwiderruflich.

Das Leben war zur Last geworden.

Lingguan begann nachzudenken: Wie den Rest des Lebens verbringen?

Die Dorfbewohner wussten wohl alle: Der Tod des Bruders hatte Lingguan gebrochen.

Lingguan saß oft auf der Lößhalde südlich des Dorfes und starrte ins Leere -- stumpfe, glasige Augen, ohne Regung, ohne Blinzeln. Auch beim Gehen taumelte er wie ein Schlafwandler.

An einem blutgetränkten Abend wehte ein Wirbelwind, doch die Sonne leuchtete blutrot und grell. Am Himmel hingen bleierne Wolken, als sänken sie zur Erde herab. Grautrübe Wolkenschatten lagen auf den öden Dünen. Auf einer Düne tanzte ein Mensch wie im Traum, die Staubpartikel seiner Schritte wie ein feiner Nebelschleier, der ihn zu einer verschwommenen Silhouette machte. Das war Lingguan.

Die Abendsonne war ein riesiger Blutball, aufgespießt auf einer fernen Bergspitze, und schenkte Lingguan einen blutigen Rücken.

Der Menschenschatten auf der Düne verlängerte sich mit der sinkenden Sonne, verschmolz allmählich mit dem Schatten am Horizont und ergoss sich wie Wasser. Langsam senkte sich die Dämmerung mit dem Staub herab wie ein eiserner Topfdeckel und schloss Lingguan fest in die schwarze Wüste ein ...

27

Yinger verstand Lingguans Herz. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht.

Yinger strich sanft über das Notizbuch. Sie wusste: Es war Lingguans Träne. Ihre Träne tropfte in seine, die beiden Tränen verschmolzen. Sie fühlte, dass ihr Herz mit Lingguans eins wurde. Sie konnte nicht sagen, ob sie um sich selbst weinte oder für Lingguan. In ihrer Seele wogte ein heißer Strom und rührte einen stechenden Herzschmerz auf.

Es hieß, in jener Nacht hörten die Dorfbewohner in der östlichen Wüste ein Tier oder einen großen Vogel eine halbe Nacht lang schaurig schreien -- es klang wie ein erstickender Mann, der hinausschrie. Am nächsten Morgen war Lingguan verschwunden.

Danach gab es keine verlässlichen Nachrichten mehr von ihm. Manche sagten, er sei nach Shenzhen zu einem Studienkollegen gegangen, habe ihn nicht gefunden und bettle nun mit einem Stock in der Hand auf der Straße -- erbärmlich. Andere sagten, er sei in den Süden gegangen und arbeite auf einer Farm, wo er heimlich eine Zucht-Technik erlerne. Wieder andere sagten, er arbeite als Hilfsarbeiter in einem Museum und lerne nebenbei bei einem Experten eine seltsame Schrift namens „Xixia-Schrift" ... Doch ein Zwischenhändler, der oft in die Wüste ging, berichtete, er sei kürzlich am Schweinebauch-Brunnen tief in der Wüste gewesen, und dort sei ein Mann aus Liangzhou gestorben -- seine Leiche liege in einer Sandmulde, von Füchsen so zerfressen, dass nur noch ein Haufen trockener Knochen übrig sei. Er sagte, er habe die Knochen gesehen, wisse aber nicht, ob sie Lingguans seien ...

Der alte Laoshun machte sich nicht auf die Suche und hatte auch keine Zeit für Geschwätz -- ein Haufen Dinge wartete: Erstens nahte die Zeit des „Weißen Taus", die Hasenfalken würden bald von den Bergen herabsteigen, und Laoshun hatte einen großen Vorrat Baumwollfäden gekauft und war eifrig am Netzeknüpfen; zweitens hatte Yinger einen kräftigen Jungen geboren, der die gewaltige Leere nach Mentous Tod füllte und zugleich so viele kleine Aufgaben mitbrachte, dass die beiden Alten kaum wussten, wo ihnen der Kopf stand; drittens glaubten er und seine Frau, dass Lingguan in die weite Welt hinausgezogen war. Und sie wussten: Er würde zurückkommen. Egal wie weit er ging -- er würde zurückkommen.

Sein Weggehen war um des Zurückkommens willen.

Doch für Yinger war die Welt in jenem Moment eingestürzt.

Tagelang, ob bei Tag oder Nacht, saß sie stumpf da und summte ein Lied, das jeder in der Sandbucht kannte:

„Die Tragestange aus hartem Holz brach durch,

das klare Wasser fiel zu Boden;

meinen Leib hat es schwarz gefärbt,

und du bist deinen breiten Weg gegangen ..."

Sie wusste nicht, wie viel Zeit verging, bis sie langsam erwachte. Es war das Weinen des Kindes, das sie geweckt hatte. Das Kind nahm allmählich Lingguans Platz in ihrem Herzen ein, und sie lebte wieder auf. Wie hätte sie ahnen können, dass die Strafe des Schicksals in dieser Form kommen würde -- so schnell, so unvorbereitet, so herzzerreißend?

Schicksalsgefährte, sagte sie still in ihrem Herzen, weißt du, was Yinger durchgemacht hat? Wenn du es wüsstest -- würde es dir das Herz zerreißen?

In der Wüste fragte Yinger Lingguan dies oft.

28

Auch Lanlan dachte oft an die Zeit vor dem Aufbruch in die Wüste.

Kurz nach ihrer Flucht ins Elternhaus war ihr Mann Baifu mehrmals bei den Chens aufgetaucht. Einmal sagte er, Yingers Mutter sei krank und wolle ihre Tochter sehen -- Yinger solle für ein paar Tage nach Hause kommen. Natürlich hatte er auch Lanlan bedroht und versucht, sie zur Rückkehr zu zwingen, doch Lanlan weigerte sich. Also ging er in Yingers Zimmer und weinte mit ihr. Wie auch immer -- er war Yingers Bruder. Obwohl Yinger Verständnis für Lanlans Not hatte, litt sie auch um ihren Bruder. Schließlich war er der Bruder, mit dem sie aufgewachsen war.

Von jenem Tag an wurde Yinger zum Spielball zwischen Elternhaus und Schwiegereltern.

Yinger vergaß nie den Ausdruck der Schwiegermutter, als sie sagte, sie wolle für ein paar Tage nach Hause fahren. Sie wusste: Das Misstrauen der Schwiegermutter hatte an jenem Tag begonnen.

An jenem Tag nach dem Mittagessen holte Yinger die getrockneten Windeln von der Wäscheleine, faltete sie ordentlich und übergab sie der Schwiegermutter; kaufte ein Päckchen Säuglingsmilchpulver und Zucker, traf Vorbereitungen und verließ mit Baifu das Dorf.

Kaum war sie zur Tür hinaus, strömten die Tränen -- kein Wischen half. Ein paar Frauen auf dem Weg blickten sie seltsam an. Yinger ärgerte sich über sich selbst, konnte aber die Tränen nicht kontrollieren.

Dass die Schwiegermutter ihr misstraute, war eine Tatsache, die sie nicht annehmen wollte, aber hinnehmen musste. In letzter Zeit spürte Yinger ständig einen Blick im Rücken. Anfangs schalt sie sich überempfindlich. Doch heute hatte die Schwiegermutter ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben: Sie vertraute ihr nicht mehr. Sie fürchtete, Yinger könnte bei den Eltern bleiben und nicht zurückkehren -- und hielt das Kind als Pfand. Oder anders ausgedrückt: Bleib weg, wenn du willst, aber das Kind bleibt hier. Beides waren Messer in Yingers Augen -- scharfe Messer, direkt ins Herz.

Damit bestätigte sich ihre Ahnung: Sie konnte nicht einmal in Ruhe Witwe sein.

Auf dem Gepäckträger von Baifus Fahrrad sitzend, fühlte Yinger sich wie in Trance. Der Wind wehte kühl, wirbelte Staub auf und trug schon den Beigeschmack der Trostlosigkeit. Diese Trostlosigkeit drang bis ins Herz. Yinger wollte weinen -- sich in jemandes Arme werfen und klagend, herzerleichternd weinen. Doch dieser Jemand trieb sich wer weiß wo herum.

Die Sonne leuchtete grell, mit jener fahlen Helligkeit. Die Bäume waren kahl, daran baumelten hin und her schwingende Insekten. Vor diesen Tierchen hatte Yinger längst keine Angst mehr -- ob auf dem Kopf oder im Gesicht, sie konnte sich um nichts kümmern. In ihrem Herzen schwankte eine schwere Flüssigkeit, die alles vor den Augen grau färbte.

Als sie den Feldweg hinter sich ließen und das verwilderte Gräberfeld am Flussbett betraten, versiegten Yingers Tränen allmählich. Ein vertrautes Gefühl keimte im Herzen. Es war wie ein wärmendes Wiegen, das die schwere Flüssigkeit in warmes Wasser verwandelte.

Genau dieses narbige, hässliche Flussbett hatte ihr den schönsten Augenblick ihres Lebens geschenkt. Hier hatten sie und er einander leidenschaftlich geliebt, geweint, gelacht. Hinter jener Sanddüne hatte er sie keuchend zu Boden geworfen und den Taumel des Glücks in ihre Seele gegossen. Als wäre es ein nie erlebter Traum gewesen. Wirklich, manchmal konnte Yinger kaum glauben, dass sie den lebendigen ihn jemals besessen hatte. Erschiene er plötzlich leibhaftig vor ihr, würde sie das übergroße Glück ohnmächtig machen.

Allein dieser Gedanke -- nur dieser Gedanke -- ließ Yinger erblühen. Wann er wahr würde, wusste sie nicht. Für diesen Gedanken wartete sie ein ganzes Leben lang.

Mit diesem Gedanken war sie keine Witwe, die Trauer hütete, sondern eine, die eine Hoffnung hütete. Eine Hoffnung ein Leben lang zu hüten -- auch das war Glück.

Doch beim Gedanken an die Szene vor der Abreise wurde ihr Herz wieder zusammengedrückt. Nicht um das Kind -- die Schwiegermutter hatte ein halbes Leben lang Kinder großgezogen, und die Liebe zu ihrem toten Sohn würde dem Enkel zugutekommen. Was Yinger nicht akzeptieren konnte, war das Misstrauen der Schwiegermutter. Solange Mentou lebte, war sie „eine von uns". Nach seinem Tod wurde sie zur „Außenstehenden", einer heiratsfähigen Witwe. Angstvoll fragte sie sich: Unter diesem Misstrauen -- wie lange konnte sie noch ausharren? Würde sie es bis zu jenem erhofften Tag schaffen?

Sie wusste es nicht.

Und sobald dieses „Misstrauen" erst einmal entstanden war, würde eine Kette entsprechender Handlungen folgen, die das Herz erkalten ließen. Wie sollte sie diese Tage überstehen?

Yinger konnte nicht umhin, sich Sorgen zu machen.

Der Wüstenwind wirbelte Staub auf und wehte heran. Yinger fühlte: Der Wind wehte bis ins Herz.

Zu Hause angekommen, umarmte die Mutter sie sogleich und weinte. Die Mutter war viel magerer geworden, ihr Haar grau gesprenkelt. Sie galt im Dorf als strenge Frau -- streng mit Donner und Blitz, aber ihr Weinen war ebenso gewaltig. Sie hatte Mentou gemocht; nach seinem Tod hatte sie viele Tränen vergossen. Stets hielt sie seine Güte gegen Lanlans Schlechtigkeit und sagte: Ein Drache zeugt zehn Junge, und alle zehn sind verschieden. Von derselben Mutter -- Mentou so brav, und Lanlan hätte sich die Menschenhaut besser gar nicht übergestreift. Yinger fand Lanlan nicht schlecht, verstand aber ihre Mutter. Und sie verstand alle zerstrittenen Schwiegermütter und Schwiegertöchter. Einen Sohn großziehen, vom Faustgroßen bis zum Mannhohen, und dann heiratet er und vergisst die Mutter. Natürlich ließ man die Wut an der Schwiegertochter aus. Hinzu kam der Hass auf Lanlans Scheidungswunsch -- die Bitterkeit war heftiger als bei anderen Schwiegermüttern.

Mutters Weinen war wie ihr Lachen -- ein paar heftige Stöße, dann war es vorbei. Sie fragte: „Was macht die Schlampe?"

Yinger merkte: Mutter fragte weder nach ihr selbst noch nach dem Kind noch nach sonst jemandem, sondern nach Lanlan. Das Thema ließ ihr keine Ruhe. Also erzählte sie von Lanlans religiöser Praxis.

„Hm, die und unsterblich werden? Meiner Ansicht nach bringt sie es nicht mal zum anständigen Geist -- entweder ein zerzaustes Unglücksgespenst oder ein blutiges Schlachtgespenst." Yingers Mutter presste jedes Wort durch die Zähne.

Yinger runzelte die Stirn: „Mama, wie kannst du sie so verfluchen?"

„Verfluchen?", Mutters Gesicht war boshaft. „Am liebsten würde ich sie mit dem Messer zerschneiden! Auf halbem Weg die Scheidung fordern! Hätte sie es früher gesagt, hätte ich meine blumenhafte Tochter anderswo gegen eine bessere Schwiegertochter tauschen können. Aber jetzt ist aus rohem Reis fertiger Reis gekocht, aus dem Mädchen eine Ehefrau geworden, und sie hüpft noch rum! Sie soll aufpassen, dass sie sich nicht die Sehnen reißt! So ein Spatz auf dem Weinstock -- zerzaust und anmaßend! Höher hinaus will sie?

Nur weil mein blinder Sohn Wasser statt Augen hat, hat er sich auf sie eingelassen. Nach meinem Geschmack wäre sie schon beim ersten Treffen durchgefallen. Und sie will meine Schwiegertochter sein -- sie soll sich vor den Ahnen schämen!"

Yinger runzelte die Stirn: „Mama, kannst du bitte aufhören, die Leute schlechtzumachen? Dein ganzes Leben lang hast du an keinem ein gutes Haar gelassen." -- „Wer sagt, es gibt keine guten Menschen? Meine Tochter ist ein guter Mensch. Einzigartig auf Erden." -- „Jeder liebt sein eigenes Fleisch und Blut", sagte Yinger.

Erst jetzt griff die Mutter nach Yinger und musterte sie von oben bis unten: „Du bist etwas fülliger als letztes Mal. Tochter, iss ordentlich, hungere nicht aus Eitelkeit -- wirst ja noch zum Dürräffchen. Was du isst, kommt über die Milch zum Kind ... Ach, ist das Kind brav?"

„Brav. Satt und schläft. Macht keinen Ärger."

„Gut. Ein Kind großziehen kostet eine Hautschicht. Als ich dich geboren hab, war nicht genug zu essen, woher Milch nehmen? Du hast mir das Blut ausgesaugt, wirklich nicht einfach. Mühsam von Sohlengröße zum Menschen aufgezogen, und dann wird sie einem anderen zur Schwiegertochter. Wirklich ärgerlich. Seit Pangu die Welt erschuf, gibt es keinen Brauch, Töchter fürs Alter aufzuziehen. Wenn es ihn gäbe, hätte ich dich nie hergegeben." Mutters Augenränder röteten sich.

„Schon wieder", lachte Yinger.

Die Mutter lachte und sagte: „So lieb ein Kind auch ist -- nichts geht über eine Tochter. Nimm Baifu -- einen Kopf so groß wie eine Glocke, aber drin wie eine leere Spreu. Kaum sagt er was, widerspricht er der Mutter." Dann flüsterte sie: „Behandelt man dich gut? Deine Schwiegermutter." -- „Gut." -- „Das glaube ich nicht. Seit Mentou nicht mehr da ist, bist du eine Fremde. Wenn du dort nicht mehr leben kannst, komm nach Hause. Deine alte Mutter zieht dich als ewige Tochter groß." Dabei beobachtete sie aufmerksam Yingers Reaktion.

„Wie sieht das denn aus?", lachte Yinger. „Wie auch immer -- dort steht mein Name im Grundbuch, dort ist das Feld. Die werden mich doch nicht verjagen."

„Natürlich nicht", sagte die Mutter mit gespitzten Lippen. „Die bekommen eine Arbeitskraft umsonst. Tochter, reden wir Klartext: Wenn die Schlampe brav mit Baifu weiterleben würde, wäre alles gut -- ob du bei den Schwiegereltern bleibst oder zu uns kommst. Aber wenn sie Ärger macht, dann pass auf. Bleib wachsam für deine Mutter."

Yinger verstand: Bald würden Dinge geschehen. Lanlan war fest entschlossen, sich scheiden zu lassen.

Wenn Lanlan Aufruhr machte, fand auch Yinger keine Ruhe. Was für ein bitteres Schicksal! Yinger wurde elend zumute.

Die Mutter schien ihre Gedanken zu lesen und sagte tröstend: „Eigentlich solltest du nicht so starrsinnig sein. Du bist noch jung, das Leben ist lang. Wir leben nicht mehr in der alten Zeit -- dir stellt niemand eine Keuschheitstafel auf."

Da kam der Vater herein. Sein jüngstes „Großgeschäft" war geplatzt. Angeblich habe Li Zongren ein Schließfach in einer Schweizer Bank, doch der Schlüssel befinde sich in China, genauer in einem bestimmten Dorf bei einem bestimmten Mann, und für dreißigtausend Yuan könne man ihn kaufen. Mit dem Schlüssel komme man an die Kassette -- darin zehntausende Goldbarren. Der Vater hatte überall Geld geborgt, die Summe zusammengekratzt, und jemand hatte ihn mit einem glatten Schwindel um alles gebracht.

Das Gesicht des Vaters war voller Falten, Gleichgültigkeit und Stumpfheit. Er grüßte Yinger nicht. Die Mutter wurde grün im Gesicht und fuhr ihn an; der Vater ging wieder hinaus. „Siehst du, Tochter -- so ein Mensch, völlig geldsüchtig und verrückt geworden! Ich sage ihm: Lass die großen Geschäfte und grab erst mal ein paar Körner aus dem Feld! Aber er -- heh! -- hat mir erst das Schweinegeld und dann das Bohnengeld abgeschwatzt, hat Verwandte und Nachbarn so gründlich betrogen, dass sie einen Bogen um uns machen, und kriegt dafür einen Tritt in den Hintern nach dem anderen." -- „Hör auf, hör auf!", sagte der Vater laut, als er wieder hereinkam. „Kannst du aufhören, deinen Mann runterzumachen? Zhu Maichen hat es am Ende auch geschafft! Unterschätz mich nicht -- diesmal hab ich eine Antiquität im Auge: eine leuchtende Perle. Wenn es klappt, bekomme ich hunderttausend. Dann möchte ich sehen, wo du dein Gesicht versteckst!"

„Pfui!", rief die Mutter, ihm den Rücken zugewandt, und klatschte sich auf den Hintern. „Schäm dich vor den Ahnen! Such dir eine Kuhspur, piss rein und schau dir dein spitzgesichtiges Armengesicht an -- ob da ein Hauch von Wohlstand drauf passt! Acht Generationen Pech hat deine Frau gehabt, kopfüber in die Jauchegrube zu fallen und so einen störrischen, stinkenden Esel zu heiraten ... Dem Wind hinterhergejagt und das Pferd totgeritten -- meine viertausend Yuan restlos verpulvert. Und dein verdientes Geld? Her damit, lass mich wenigstens eine Kleinigkeit davon sehen!"

Yingers Vater lief rot an, die Halsadern schwollen abwechselnd auf und ab. Er hätte am liebsten im Erdboden versinken wollen.

„Mama, sag doch ein paar Worte weniger!", schalt Yinger.

Der Vater kam zu Atem: „Tochter, lass sie reden. Dieses Unheil, das nicht heult, bevor es den Sarg sieht -- genau wie die Frau von Zhu Maichen oder Jiang Ziya. Eines Tages -- hm!"

„Eines Tages?", höhnte die Mutter. „Eines Tages gießt du auch eine Schüssel Wasser auf den Boden und sagst mir, ich soll es wieder einsammeln? Ich fürchte, du hast den Willen, aber nicht das Glück."

„Du altes Ungeheuer -- Gold und Silber durchschaust du, aber einen Knoten im Fleisch erkennst du nicht", verteidigte sich der Vater kraftlos.

„Ha -- dich hab ich von Kopf bis Fuß durchschaut, jede Ecke und jeden Winkel. Dein Kopf ist so groß wie ein Knoblauchstempel -- du denkst ans Geld, aber das Geld denkt nicht an dich!"

„Genug, genug, Mama! Kaum komme ich nach Hause, muss ich euer Gezanke hören!", stampfte Yinger mit dem Fuß.

Erst da warf die Mutter dem Alten einen vernichtenden Blick zu und schwieg.

Der Vater war schweißgebadet.

In der Abenddämmerung erschien der Heiratsvermittler Xu Pockennarbe. Dieser Kerl war hässlich bis zur Unkenntlichkeit -- ein Gesicht voller Narben und Grübchen, eine Knoblauchnase, und dazu so kurzsichtig, dass er die Augen zusammenkniff und jemandem auf der Nasenspitze stand, ohne zu erkennen, ob Mann oder Frau. Xu war ein Junggeselle, Trinker, der mit seiner Flasche von Haus zu Haus ging, Ehen vermittelte, ein kleines Honorar kassierte und sich so über Wasser hielt. Er war anders als die Dorfschamanin, die Schamanin, Hebamme und Kupplerin in einer Person war. Er war spezialisiert -- nur Ehen. Sein Tagesgeschäft war der Dorfklatsch: wessen Tochter erwachsen wurde, wessen Mann gestorben war. Mit seiner geistigen Kartei ging er zu den Junggesellen. Gelang die Vermittlung, bekam er zwei-, dreihundert Yuan. Scheiterte sie, gab es wenigstens Schnaps und Zigaretten.

Yinger mochte Xu Pockennarbe nicht. Erstens waren Vaters „Großgeschäfte" meist auf seine Informationen zurückzuführen. Er steuerte nur sein glattes Mundwerk bei, ohne selbst ins Risiko zu gehen, und zog den Vater in die Schuldenfalle; zweitens war er lüstern nach Wein und Frauen -- bei einem Schluck Alkohol oder dem Anblick einer Frau leuchteten seine Pockennarben rot auf, schamlos strahlend. Da wurde Yinger übel.

Xu Pockennarbe und die Schamanin Qi waren zwar Konkurrenten, aber ohne Eifersucht -- sie arbeiteten oft zusammen und tauschten Informationen. Die Brauttauschheirat von Yinger und Lanlan war ihr gemeinsames Werk.

Kaum war Xu Pockennarbe zur Tür herein, ahnte Yinger seinen Zweck. Mentou war kaum kalt, und schon verkuppelte man sie. Sie fand es lächerlich.

Weil Xu ständig betrügerische Informationen lieferte, war Yingers Mutter besonders unfreundlich zu ihm. Der Vater hingegen war wie immer.

Obwohl er durch Xus Tipps Schulden gemacht hatte, glaubte er, der Pockennarbe meine es „gut". Kaum war Xu herein, sagte er zur Mutter: „Geh, kauf eine Schachtel Zigaretten."

Yingers Mutter streckte die Hand aus: „Gib mir Geld!"

Der Vater ignorierte es: „Und eine Flasche Schnaps dazu."

Die Mutter streckte wieder die Hand aus: „Gib mir Geld!"

„Ich sage doch, du sollst anschreiben lassen!" Der Vater blickte zu Xu.

„Ich denke nicht dran! Wie viel bist du den Leuten schuldig? Die schimpfen dich hinter deinem Rücken einen Esel, und du willst noch anschreiben? Dann geh selbst! Du hast keine Scham, aber ich schon!" Mutters Gesicht war schneidend.

Xu Pockennarbe lächelte: „Schon gut. Ich habe welche." Er zog eine Schachtel heraus und warf sie auf den Tisch.

„Schon wieder seine! Der Wirt lebt auf Kosten des Gastes." Dem Vater war es peinlich.

„Er hat welche", milderte die Mutter den Ton. „Gevatter Xu, der hat Talent."

„Welches Talent? Ein paar Groschen verdienen, um meine drei Zoll Kehle zu füttern", sagte Xu.

„Aus Brotkrümeln wird ein Fladen." Die Mutter warf dem Alten einen Blick zu und sagte säuerlich: „Nicht wie gewisse Leute -- ein Mund so groß wie der eines Ochsenfroschs, der den Donner aufgefangen hat, aber zu arm, um einen Furz zu halten."

„Schon wieder, schon wieder", grinste der Vater verlegen.

„Gut", sagte Xu. „Hört auf mit dem Gezanke. Jugendpaar, Altersbegleiter ... Jeder schluckt mal eine Kröte. Ich komme nicht ohne Grund. Ich habe ein Anliegen -- nehmt es mir nicht übel."

„So förmlich -- wir sind doch Familie! Raus mit der Sprache, Gevatter", sagte die Mutter, die Xus Absicht ebenfalls erraten hatte.

Xu kniff die Augen zusammen, musterte Yinger und sagte: „Das Mädchen hab ich von klein auf aufwachsen sehen. Als Jungfrau war sie wie aus einem Gemälde gestiegen -- rote Stellen rot wie Blut, weiße weiß wie Schnee. Nach der Geburt noch genauso ...

Man hört ... nun ... hat sie irgendwelche Vorstellungen?"

Yinger fand es lächerlich, doch plötzlich überkam sie ein tiefes Gefühl der Vergänglichkeit. Vor ein paar Jahren hatte derselbe Pockennarbe sie und Mentou zusammengebracht. Ein paar Jahre später -- einer tot, die andere Witwe. Und wieder kam dieser Pockennarbe, um sie mit einem anderen zu verkuppeln. Wie sich alles wandelte! Und in ein paar Jahren -- wie würde es dann sein?

Die Mutter antwortete gelassen: „Was für Vorstellungen? Wir leben nicht in der alten Zeit, niemand stellt ihr eine Keuschheitstafel auf. Selbst in der alten Zeit war Witwendasein nicht menschenwürdig. Angeblich streuten sie nachts Kupfermünzen im Zimmer aus, löschten das Licht und tasteten. Ich will nicht, dass meine Tochter schmachtet. Gevatter, was hast du auf dem Herzen?"

„Mama!", sagte Yinger. „Er ist kaum ... Schämst du dich nicht, so zu reden?"

„Lachen soll, wer will! Tochter, das war ein Schicksalsschlag, keine Giftmörderin! Er ist tot -- da sollst du auch sterben? Gevatter, raus mit der Sprache!"

Xu lächelte: „Genau. Tochter, Regen muss fallen, Witwen wollen heiraten -- das ist ein Naturgesetz. Schäm dich nicht. ... Dieser Zhao San, kennst du ihn? Der Fleischer. Hat jetzt ein Geschäft am Weißen-Tiger-Pass. Hatte eine Frau in zweiter Ehe, die ist abgehauen. Sucht eine Neue. Er hat schon lange ein Auge auf dich geworfen. Schon als Mädchen. Hat sich den Kopf zerbrochen. Aber Mentou hat den Preis davongetragen. Neulich bat er mich, mich umzuhören.

Wenn es klappt -- die Hochzeit regelt sich."

Yingers Kopf dröhnte. Jetzt erst begriff sie, wie sehr sie an Wert verloren hatte. Dieser Zhao San -- ein Trinker, dazu ein Taugenichts. Damals hatte er für seinen Hausbau Bäume am Straßenrand gestohlen, die Rinde abgeschält und sie kaum verbaut, als man ihn erwischte. Mit einem Schild um den Hals wurde er durchs Dorf geführt. Und so einer maßte sich an, nach ihr zu greifen! Offenbar war diese Yinger nicht mehr jene Yinger. Selbst wenn Lingguan käme, fürchtete sie, seiner nicht mehr würdig zu sein.

Yingers Tränen strömten hervor.

Die Mutter bemerkte Yingers Veränderung nicht und sagte: „Dieser Zhao San, sagt man, hat ein übles Temperament, trinkt gern und schlägt Frauen. Die Zweitfrau ist vor seinen Schlägen davongelaufen."

Xu Pockennarbe lachte: „Wer redet nicht! Und dann -- selbst Zähne und Zunge geraten aneinander. Welches Ehepaar prügelt sich nicht? Geschlagene Frau, gekneteter Teig. Geprügelt wird geprügelt, vertragen wird vertragen. Regen fällt vom Himmel, Wasser fließt zu Tal -- junge Eheleute tragen nicht nach. Zwischen Mann und Frau gibt es keinen Groll über Nacht. Sie wissen das doch selbst."

„Da ist was dran. Da ist was dran", lachte Yingers Mutter.

„Die Hochzeit ist kein Problem. Er hat gesagt, wenn ihr einwilligt, regelt sich alles. ... Heutzutage gilt: Wer Geld hat, ist der Großvater; wer keins hat, der Enkel. Immerhin hat er sich Yinger ausgesucht. Manche Frauen wollen zu ihm -- er will sie nicht mal.

Sogar Jungfrauen, heißt es ..." Yinger hätte fast laut geschluchzt. Sie wischte heimlich die Tränen weg und verließ, aus Angst, in hemmungsloses Weinen auszubrechen, das Haus und das Dorftor.

Irgendwann hatte es zu nieseln begonnen. Die haarfeinen Regenfäden hüllten das Dorf in einen Schleier. Alles wurde unwirklich. Die Berge, die Bäume, die Siedlung -- alles verschwamm zu einem Traum.

Yingers Elternhaus und Shawan waren landschaftlich grundverschieden. Auch hier lag die Wüste nah, doch im Süden erhoben sich Berge. Gewöhnlich waren sie kahl und strahlten Armut und Öde aus. Doch im Regen erwachten sie zum Leben, gewannen eine wehmütig-zarte Anmut. Yinger ließ die Regenfäden ihre tränenvollen Augen waschen -- bald schimmerte ihr Gesicht feucht, und niemand hätte sagen können, was Regen und was Träne war.

Erst als Xu Pockennarbe den Heiratsantrag überbrachte, begriff Yinger ihre wahre Lage. In den letzten Jahren war sie im Wert gesunken -- von der „Blumenfee" zu „Mentous Frau", dann in die Kategorie „Witwe". Nach Xus Plan sollte sie weiter fallen -- zur „Metzgersgattin". Wer einem Gelehrten folgt, wird Dame; wer einem Metzger folgt, putzt Gedärme. Yinger hatte nicht das Glück, Dame zu werden -- Lingguan war in ihren Augen der Gelehrte --, aber sie wollte auch nicht in blutigen, stinkenden Därmen wühlen. Die Dorfbewohner verachteten Metzger -- erstens wegen des Schmutzes, zweitens wegen des Tötens.

Im Tonfall der Leute schwang Missachtung mit. Anderer Leute Söhne trugen das Haus, Metzgersöhne waren „Lückenfüller" -- mit oder ohne einerlei. Ein Metzger oder hundert Metzger -- kein wesentlicher Unterschied, nur eine Frage der Anzahl. Und ausgerechnet so ein Metzger schickte jemanden, um um sie zu werben. Yinger empfand ein seltsames Unbehagen.

Lingguan hatte einmal gesagt, eine Frau in Liangzhou durchlebe in ihrem Leben alle sechs buddhistischen Daseinsbereiche (六道轮回): Als Mädchen sei sie ein Himmelswesen (天人), geboren im Paradies der Phantasie, glücklich und sorglos; mit der Heirat komme sie in die Menschenwelt -- Öl, Salz, Essig, allerlei Sorgen; beim Ehestreit werde sie zum Kampfdämon (阿修罗), voller Zorn und Groll; bei der Hausarbeit zum Lasttier (畜生) -- endlose Plackerei ohne Pause; emotional sei sie ein Hungergeist (饿鬼) -- suchend, flehend, die ganze Nacht heulend, ohne etwas zu finden; und heirate sie einen Rohling, befinde sich Leib und Seele ständig in der Hölle (地狱): endlose Nacht ohne Licht, Giftflammen am Leib, Folter, Wehklagen ringsum, ohne Erlösung.

Yinger fand: Genau so war es.

Zwar hegte sie den verwegenen Wunsch, Lingguan zu heiraten, doch bei nüchterner Überlegung fand sie, Lingguan verdiente ein anderes Leben. Sobald er sie heiratete, wäre er an dieses Land gefesselt -- wie ein Drachen an der Leine, egal wie hoch er flog, mit dem Faden stets am Boden. Er sollte wie ein Adler hinausfliegen -- obwohl der Gedanke ihr Herz stach, wünschte sie ihm dennoch den weiten Flug, seinen eigenen breiten Weg.

Was Yinger sich wünschte, war, still ihren Lebensweg zu gehen -- auf der jetzigen Spur, mit dem Kind, voller Hoffnung, die Romantik zerbröselnd, der Wirklichkeit ins Auge blickend, ihr Schicksal lebend. Sie wollte der Welt nur sagen: „Bitte stört mich nicht. Lasst mich in Ruhe leben."

Nichts weiter.

War selbst das zu viel verlangt? Am liebsten hätte sie gefragt: „Wem stehe ich im Weg?"