Difference between revisions of "Myth of Immortality / Mythos Unsterblichkeit"

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Latest revision as of 23:08, 16 December 2017

Mythos Unsterblichkeit

Termine

1 Vorbesprechung, 1x Samstag, 1x Sa.+Sonntag 200.0056 17W 2SSt SE

  • FRE 20.10. 15-15:45 VORBESPRECHUNG 1.152 – Wiwi-Raum
  • SAM 16.12. 10-18 Liz Mohn Seminarraum
  • SAM 13.1. 10-18 1.151 Senatsraum
  • SON 14.1. 10-17 1.151 Senatsraum

Einführung

Der Mythos der Unsterblichkeit ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Dank des Fortschritts von Medizin, Hygiene und Technik werden Menschen immer älter. Die Grenze zur Unsterblichkeit scheint bald erreicht. Das Seminar beschäftigt sich mit theoretischen Grundsatzfragen, mit denen sich jeder Teilnehmer existentiell auseinandersetzt. Die Teilnehmer erarbeiten sich auch Antworten von Philosophen und Beispiele aus den verschiedenen Hochkulturen, in denen sich Religionen und Literaturen mit dem Altern, dem Tod, dem Leben nach dem Tod und dem Mythos der Unsterblichkeit auseinandergesetzt haben.

Einige der Fragen, die im Laufe des Seminars gestellt werden sollen, sind: Warum haben sich philosophische Religionen wie der chinesische Daoismus das Erreichen der Unsterblichkeit als Ziel gesetzt? Welche Perspektiven und Konsequenzen ergeben sich, wenn Unsterblichkeit zur Realität wird? Welche Nachteile würde Unsterblichkeit bringen (Stichwort: Langeweile der Götter)? Entlasten künstliche Intelligenz, Personal Assistants und elektronischer Speicher das Gehirn? Ist ein Gehirn auf Elektronik übertragbar? Was ist der menschliche Geist? Wo bleibt bei einer Übertragung die Seele?

Vorbesprechung

  • Organisatorisches
  • Verständigung über Lernziele
  • Erwartungen der Teilnehmer (und Semester-Übersicht)
  • Verständigung über Zeitnutzung
  • Technisches
  • Vorstellung

Materialien

Referatliste

  • (Bitte hier alle Themen und Namen eintragen.)
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Reader Mythos Unsterblichkeit

(Bisher nur reiner Volltext, wird noch formatiert.)

Universität Witten/Herdecke, KuRe, Wintersemester 2017/18, 200.0056 17W 2SSt SE Prof. Dr. Martin Woesler 1 Vorbesprechung, 1. Block Samstag, 2. Block Sa.+ 3. Block Sonntag

20.10. 15-15:45 Uhr Raum 1.152: 1. Vorbesprechung Einführung, Seminarbeschreibung, Erwartungen, Ziele 3

16.12. (Samstag) 10-18 Uhr Liz Mohn Seminarraum 1.153: 1. Block Definition, Geschichte, Philosophie und Religion Aktuell: Vorbereitung für Samstag: 9-Minuten-Film im Internet schauen https://www.youtube.com/watch?v=mjQwedC1WzI Vorbereitung 5 Durchführung 6

13.1. (Samstag) 10-18 Uhr 1.151: 2. Block Lebensverlängerung – heutige medizinische/biotechnologische Möglichkeiten Vorbereitung u.a. Bahnsen, Ulrich. „Unsterblichkeit – Für immer jung?“ ZEIT 5.4.2017 http://www.zeit.de/2017/15/unsterblichkeit-wissenschaft-usa-steve-horvath (Auch ausgedruckt als Anhang im Reader.) Wissenschaftlicher Artikel: Rando, Thomas A. "Stem cells, ageing and the quest for immortality." Nature 441.7097 (2006): 1080-1086. [pdf: https://pdfs.semanticscholar.org/3d0d/3a8eaba34e5ef755385509525555c493fd48.pdf] Vorbereitung 12

14.1. (Sonntag) 10-17 1.151: 3. Block Vision einer Zukunft, in der jeder unsterblich ist, Konsequenzen Vorbereitung u.a. „Fazit“ aus der Dissertation Kokotz, Daniel. Das Ende des Alterns?: eine philosophische Untersuchung zu Zielen, Methoden und Grenzen lebensverlängernden Enhancements. Westdeutscher Universitätsverlag, 2016, ISBN 9783899667646 pp. 315-334

Vorbereitung 15

Volltexte 18

Volltexte im Einzelnen mit Seitenzahlen im Reader

Bahnsen, Ulrich. „Unsterblichkeit – Für immer jung?“ ZEIT 5.4.2017 http://www.zeit.de/2017/15/unsterblichkeit-wissenschaft-usa-steve-horvath 18 Buyx, Alena M., Daniel R. Friedrich, and Bettina Schöne-Seifert. "Mindestnutzenschwellen im Gesundheitswesen. Ethische Argumente, Befragungsdaten und gesundheitspolitischer Ausblick." G&S Gesundheits-und Sozialpolitik 66.2 (2012): 37-44. http://www.nomos-elibrary.de/10.5771/1611-5821-2012-2-37/mindestnutzenschwellen-im-gesundheitswesen-ethische-argumente-befragungsdaten-und-gesundheitspolitischer-ausblick-jahrgang-66-2012-heft-2 (pdf-Datei schreibgeschützt, jeder bitte über den Link runterladen) Herzinger, Richard. „Menschheitsgeschichte – Wer überleben will, der muss unsterblich werden“ Welt 3.9.2015 https://www.welt.de/debatte/kommentare/article146016948/Wer-ueberleben-will-der-muss-unsterblich-werden.html 27 Hoffmann, Jens. "Unsterblichkeit durch das Label des Terrors – Zum Nachahmungseffekt bei radikalisierten Einzeltätern." Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus. Springer Fachmedien Wiesbaden, 2016. 109-117 32 Jakoby, Bernard: Wege der Unsterblichkeit. Neue Erkenntnisse über die Nahtoderfahrung, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2013 (Leseprobe) 49 Kokotz, Daniel. Das Ende des Alterns?: eine philosophische Untersuchung zu Zielen, Methoden und Grenzen lebensverlängernden Enhancements. Westdeutscher Universitätsverlag, 2016, ISBN 9783899667646 pp. 315-334 Marckmann, Georg. "Ethische Entscheidungen am Lebensende." Palliative Care. Springer Berlin Heidelberg, 2014. 101-109. http://eknygos.lsmuni.lt/springer/338/75-82.pdf 41 Rando, Thomas A. "Stem cells, ageing and the quest for immortality." Nature 441.7097 (2006): 1080-1086. https://pdfs.semanticscholar.org/3d0d/3a8eaba34e5ef755385509525555c493fd48.pdf (pdf-Datei schreibgeschützt, jeder bitte über diesen Link herunterladen) 37 Schenk, Richard. "Greshake, Gisbert; Lohfink, Gerhard: Naherwartung, Auferstehung, Unsterblichkeit: Untersuchungen zur christlichen Eschatologie.-Freiburg: Herder, 1982." Münchener Theologische Zeitschrift 34.1 (2015): 64-66. https://mthz.ub.lmu.de/index.php/MThZ/article/download/3093/4796 67 Stein, Hannes: „Von wegen Unsterblichkeit“, Welt (11.5.2017) https://www.welt.de/print/welt_kompakt/kultur/article164429556/Von-wegen-Unsterblichkeit.html 38 Wewetzer, Hartmut. „Zukunftsvision – Noch 34 Jahre bis zur Unsterblichkeit“ Der Tagesspiegel 22.2.2011 http://www.tagesspiegel.de/wissen/zukunftsvision-noch-34-jahre-bis-zur-unsterblichkeit/3868286.html (Übertragung des Gehirns auf Computer) 34

Übersicht über Powerpoints zum Thema im Internet • http://www.p-j-r.de/ppt/unsterbliche_seele.ppshttp://www.euro-tongil.org/josta/PPT/Klonen.ppthttp://sektenberatung.info/text/118.ppthttp://www.rpi-virtuell.net/workspace/CFF7AB46-2FDA-475C-A6C7-3F92D3174C51/Jenseitsvorstellungen/Jenseitsvorstellungen.ppt

Übersicht über Filme zum Thema im Internet (https://www.youtube.com/watch?v=...) • Perspectives on Death: Crash Course Philosophy #17 9:00 Minuten, ...mjQwedC1WzI • „Plato's Theory of Immortality“ 26:23 Minuten ...17F8y67FxTo • Unsterblichkeit - Dokumentation DOKU 23.9.2016, 1:30:11 Stunden ...qsz_zyk5jHE • 10 Wege zur Unsterblichkeit 10:55 ...cZ01ZuFF4OM • Film: Sind Menschen bald unsterblich? 5:42 ...PxYZlcH_G-w • Über Langlebigkeitsgene und die ewige Jugend ...4mGABHqF7JU

20.10. 15-15:45 Uhr Raum 1.152: 1. Vorbesprechung Einführung, Seminarbeschreibung, Erwartungen, Ziele

Einführung Der Mythos der Unsterblichkeit ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Dank des Fortschritts von Medizin, Hygiene und Technik werden Menschen immer älter. Die Grenze zur Unsterblichkeit scheint bald erreicht. Das Seminar beschäftigt sich mit theoretischen Grundsatzfragen, mit denen sich jeder Teilnehmer existentiell auseinandersetzt. Die Teilnehmer erarbeiten sich auch Antworten von Philosophen und Beispiele aus den verschiedenen Hochkulturen, in denen sich Religionen und Literaturen mit dem Altern, dem Tod, dem Leben nach dem Tod und dem Mythos der Unsterblichkeit auseinandergesetzt haben.

Lernziele und Erwartungen an die Teilnehmer FRAGEN FINDEN, STELLEN - ANTWORTEN VERSUCHEN. • Warum haben sich philosophische Religionen wie der chinesische Daoismus das Erreichen der Unsterblichkeit als Ziel gesetzt? • Welche Perspektiven und Konsequenzen ergeben sich, wenn Unsterblichkeit zur Realität wird? • Welche Nachteile würde Unsterblichkeit bringen (Stichwort: Langeweile der Götter)? • Algorithmen: Entscheidungsfreiheit?, Bewusstsein?, Emotionen? • Entlasten künstliche Intelligenz, Personal Assistants und elektronischer Speicher das Gehirn? • Ist ein Gehirn auf Elektronik übertragbar? • Was ist der menschliche Geist? • Wo bleibt bei einer Übertragung die Seele? • => Philosophische Grundsatzfragen des Lebens, des Sinns, der Selbstreflexion • Wissen reaktivieren und alle auf den gleichen Stand bringen • Sensibilisierung für existentielle Fragen, kritische Selbstreflexion • Erarbeitung von theoretischen Grundlagen aus verschiedenen Philosophien/Religionen • Perspektivenwechsel: Vor- und Nachteile, unterschiedliche Konzepte • Interesse an historischen Hintergründen steigern • Einordnen, Abstrahieren, kreative Produktivität, • Erfahren/Begreifen durch aktive Auseinandersetzung, „get involved“ / „get engaged“ • Verstehen von/Sensibilisierung für Relativität/Beliebigkeit • Verstehen von Makro-Zusammenhängen, anthropologische Gemeinsamkeiten/Grundlagen, Rolle von Kultur • Gemeinsame Annahme von Struktur/Organisation/Zeiteinteilung/Lernziele und Nutzung der Zeit im Seminar und zwischen den Seminar-Wochenenden

Erwartungen der Teilnehmer [MÖGLICHE REFERATSTHEMEN FÜR BLOCK 2/3] - 1. Unsterblichkeit definieren - Fiktive Zukunft, dann ethisch in Frage stellen, z.B. neues Sklaventum? - Macht Unsterblichkeit Sinn? (Tod sinnstiftend?) - Entwertung traditioneller Werte wie Kinder bekommen? Phlegmatismus, Langeweile - Unsterblichkeit <-> Freitod, Tod durch Fremdeinwirkung (z.B. Unfall) - Was würde ich ändern, wenn ich unsterblich wäre? - Gedankenspiele: Ewige Wiederkehr - Konzepte von Unsterblichkeit (Technisches, Religion: irdisches Leben Teil des unendlichen Lebens, biologisch-medizinische Unsterblichkeit) - Biologisch-medizinisches: Lebensverlängerung (künstliche Organe, Schweineherzen), lebenserhaltende Maschinen (Patientenverfügung, ehtische Fragen), Lebensverjüngung - Lebensqualität aufrecht erhalten - Bewusstsein? Seele? - In welcher Form besteht Unsterblichkeit? Was von uns ist unsterblich? (Wissen? Bewusstsein?) - (Ökologisches) Gleichgewicht zerstört? Erde wird überfüllt? - Emotion und Künstliche Intelligenz (wie weit ist die Forschung, gibt es geheime Forschung) - Wenn man unsterblich ist: Welche neuen Werte gibt es? Leiden - Soziale und machtpolitische Auswirkungen (nur die Reichen werden unsterblich) - Neue Unterstützung: emotionale Vorbereitung/Training

Tipps zur Recherche • Zum Einstieg (!): Wiki (insb. Literaturhinweise, Volltexte, Bilder) • Aufsätze: scholar.google.de, Bibliothek • Powerpoints: google.de filetype:ppt • Filme: youtube.com • Volltexte/Bücher: books.google.de

Organisatorisches Für die 2. Sitzung erstellt der Dozent aufgrund der Erwartungen/des Inputs der Teilnehmer(inn)en einen Reader Sonderveranstaltungen? Z.B. Referentin/en einladen, Exkursion? Experiment?

Verständigung über Zeit-Nutzung • Präsenszeit: 23,75 Zeitstunden • 2 CP = etwa noch einmal 2 Std. Vor- und Nachbereitung zu 1 Std. Präsenzzeit dazu: Texte lesen, Vor-/Nachbereiten, Referat machen) • 4 CP = noch einmal ca. 5 Stunden Vor- und Nachbereitung zu 1 Std. Präsenzzeit dazu => Hausarbeit oder mündliche Prüfung • => Nicht im Unterricht Texte lesen, sondern zuhause als Vorbereitung

Technisches • Bitte Notebooks/Ipads/Mobilgeräte mitbringen, • WeChat installieren (Kommunikation über WeChat-Gruppe). • Webseite: https://goo.gl/6bBpGK (zusammen ausprobieren)



VORBEREITUNG 1. Block

16.12. (Samstag) 10-18 Uhr Liz Mohn Seminarraum 1.153: 1. Block Definition, Geschichte, Philosophie und Religion Aktuell: Vorbereitung für Samstag: 9-Minuten-Film im Internet schauen https://www.youtube.com/watch?v=mjQwedC1WzI

1. Was ist für Sie Unsterblichkeit? Sie können das gleich hier im Reader notieren. Wir sammeln diese dann im Forum und versuchen uns auf eine Definition zu verständigen.


2. Film PFLICHT: Bitte schauen Sie folgenden Film zur Vorbereitung: Perspectives on Death: Crash Course Philosophy #17 9:00 Minuten, https://www.youtube.com/watch?v=mjQwedC1WzI

KÜR (alle Kür-Filme und –Literatur wird auch im Seminar durch Gruppen oder im Forum gelesen/gesehen): Weiterführender Film: Details über Plato und Unsterblichkeit: „Plato's Theory of Immortality“ 26:23 Minuten https://www.youtube.com/watch?v=17F8y67FxTo

3. Technisches • 1. Laden Sie das Programm „WeChat“ herunter und installieren Sie es auf Ihrem Handy. Fügen Sie dort good_old_cathay (Dozent) als Kontakt hinzu. • 2. Melden Sie sich an der Webseite https://goo.gl/6bBpGK an (Rechts oben: Login, dann „Request one“, dann Daten eingeben und als Passwort „wikicaptcha“, dann Aktivierungslink in Email bestätigen und auf Freischaltung durch Dozenten warten)

4. Literatur (alle Texte auch im Anhang als Volltexte) KÜR GESCHICHTE: Herzinger, Richard. „Menschheitsgeschichte – Wer überleben will, der muss unsterblich werden“ Welt 3.9.2015 https://www.welt.de/debatte/kommentare/article146016948/Wer-ueberleben-will-der-muss-unsterblich-werden.html (siehe Anhang)

KÜR CHINA: Hannes Stein: „Von wegen Unsterblichkeit“, Welt (11.5.2017) https://www.welt.de/print/welt_kompakt/kultur/article164429556/Von-wegen-Unsterblichkeit.html (siehe Anhang)

KÜR NAHTOD: Schenk, Richard. "Greshake, Gisbert; Lohfink, Gerhard: Naherwartung, Auferstehung, Unsterblichkeit: Untersuchungen zur christlichen Eschatologie.-Freiburg: Herder, 1982." Münchener Theologische Zeitschrift 34.1 (2015): 64-66. https://mthz.ub.lmu.de/index.php/MThZ/article/download/3093/4796 (siehe Anhang)

KÜR TERROR: Hoffmann, Jens. "Unsterblichkeit durch das Label des Terrors – Zum Nachahmungseffekt bei radikalisierten Einzeltätern." Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus. Springer Fachmedien Wiesbaden, 2016. 109-117. (siehe Anhang)


DURCHFÜHRUNG 1. BLOCK

1. Definition von Unsterblichkeit



2. Diskussion über den Film „Perspectives on Death: Crash Course Philosophy #17“ Ggf. Film noch einmal gemeinsam schauen

Falls Interesse. Diskussion über den Film „Plato’s Theory of Immortality“, ggf. Film noch einmal gemeinsam schauen

Dozenten-Impuls-Referate: • Weiterleben nach dem Tod, M. Scheidegger: http://sektenberatung.info/text/118.ppt • Unsterblichkeit der Seele – Jenseitsvorstellungen in europäischen und asiatischen Kulturen Diana Lindenblatt: http://www.rpi-virtuell.net/workspace/CFF7AB46-2FDA-475C-A6C7-3F92D3174C51/Jenseitsvorstellungen/Jenseitsvorstellungen.ppt

3. Bitte lesen Sie die Teaser-Artikel: • Herzinger, Richard. „Menschheitsgeschichte – Wer überleben will, der muss unsterblich werden“ Welt 3.9.2015 https://www.welt.de/debatte/kommentare/article146016948/Wer-ueberleben-will-der-muss-unsterblich-werden.html (Auch als Volltext im Anhang.)

4. Rückblick auf die Geschichte


Unsterblichkeits-Streben und –Strategien • Bibel: Methusalem wurde laut Bibel 969 Jahre alt. Auch in anderen Kulturen werden die ersten Menschen mit extrem hohem Alter angegeben (z.B. der Vater von Gilgamesh in Uruk). Literatur: Adams, Christian. Die Suche nach Leben, Tod und Unsterblichkeit im Gilgamesch-Epos. GRIN Verlag, 2013. Chinesische Kaiser: Daoismus - Qin Shihuangdi: Schickte 3000 Kinder los, um die Insel der Unsterblichen zu finden, kehrten nicht zurück - Qin Shi Huang Di schluckte Quecksilberpillen, die seine Ärzte ihm als Mittel gegen den Tod verschrieben hatten, und starb prompt an Quecksilbervergiftung; das war am 10. September des Jahres 210 vor Christus. Quelle: https://www.welt.de/print/welt_kompakt/kultur/article164429556/Von-wegen-Unsterblichkeit.html - Han: 2000 Jadeplättchen, die mit Goldfäden zusammengenäht wurden, um den Leichnam der Han-Prinzessin Dou Wan abzudecken und ihre Seele zu bewahren Ägyptische Pharaonen: - Mumifizierung/Einbalsamieren (schon in Jungsteinzeit): Glauben an Leben nach dem Tod. prädynastisch (4000-3032 v. Chr.): in Wüste natürlich (trocken, heiß, salzig), in Harz getränkte Leinenbinden (antibakteriell), ab König Djoser (ca. 2700 v. Chr.) Einreiben mit Pottasche (zum Trocknen), später ca. 375 qm Stoff, Entnahme innerer Organe, Weiterführende Literatur: Renate Germer: Die Mumifizierung. In: Regine Schulz, Matthias Seidel (Hrsg.): Ägypten. Die Welt der Pharaonen. Könemann, Köln 1997, ISBN 3-8950-8541-3. Assmann, Jan. Ma'at: Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im alten Ägypten. Vol. 1403. CH Beck, 2017. Christliche Traditionen - Dem Glauben nach hat Jesus Christus die Menschen ‚erlöst’, so dass sie nach dem Tod ewig leben - Waschung, Ausstellung im Leichenschauhaus, Sarg [‚Hexen’verfolgung: Untersuchung ob Leiche noch von innen am Sarg gekratzt hat.]

‚Unsterblichkeits’-Mittel - Gilgamesh: Pflanze der Ewigen Jugend auf Seegrund - Pflanzen, z.B. Jiaogulan


Unsterblichkeit durch Hinterlassenschaft • Ägyptische Pyramiden (Architektur) • Kunst (Literatur, Musik): "Denn unsterblich in Tönen lebt fort, was ein Mund kunstvoll erzählt hat." - Pindar, Isthmische Ode • "Sag etwas, das sich von selbst versteht, zum ersten Mal, und Du bist unsterblich." - Marie von Ebner-Eschenbach, Aphorismen


Wie haben Religionen in verschiedenen Kulturen „Unsterblichkeit“ behandelt? - Weiterleben nach dem Tod, oft gebunden an guten Taten (wenig Sünden) => positive Wirkung auf Diesseits - Erlangen des Paradieses im Jenseits durch - „Befreien von Jerusalem“ (Kreuzritter) - Selbstmord-Attentat von Islamisten (Versprechen: Jungfrauen im Himmel)

Wie haben Philosophen das Problem behandelt?

Grundsatzfragen • Plato, Aristoteles: Seele unsterblich, weil sie immateriell ist

Weiterführende Powerpoint: Details zu Platons “gefiederter Seele”: Peter J. Reichard: http://www.p-j-r.de/ppt/unsterbliche_seele.pps

• Phaidon: ein Gespräch über die Unsterblichkeit der Seele. BoD–Books on Demand, 2016. • Kant: Möglichkeit einer Gottesexistenz, Unsterblichkeit der Seele (aber erkennt keine metaphysischen Beweise dafür an) • Viele Philosophen haben Gottesbeweise geführt


Religion • Assmann, Jan. "Martyrium, Gewalt, Unsterblichkeit: Die Ursprünge eines religiösen Syndroms." (2015): 122-147. • Schenk, Richard. "Greshake, Gisbert; Lohfink, Gerhard: Naherwartung, Auferstehung, Unsterblichkeit: Untersuchungen zur christlichen Eschatologie.-Freiburg: Herder, 1982." Münchener Theologische Zeitschrift 34.1 (2015): 64-66. https://mthz.ub.lmu.de/index.php/MThZ/article/download/3093/4796 • Hume, David. Die Naturgeschichte der Religion. Über Aberglaube und Schwärmerei. Über die Unsterblichkeit der Seele. Über Selbstmord. Felix Meiner Verlag, 2017. • Kierkegaard: Czakó, István. Geist und Unsterblichkeit: Grundprobleme der Religionsphilosophie und Eschatologie im Denken Søren Kierkegaards. Vol. 29. Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2015. Politische Aktualität: Terror und Unsterblichkeit • Hoffmann, Jens. "Unsterblichkeit durch das Label des Terrors – Zum Nachahmungseffekt bei radikalisierten Einzeltätern." Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus. Springer Fachmedien Wiesbaden, 2016. 109-117. (Kurzvorstellung als Volltext im Anhang)

Religion: Nahtoderfahrung • Leseprobe (18 S.): Jakoby 2013 Bernard Jakoby: Wege der Unsterblichkeit. Neue Erkenntnisse über die Nahtoderfahrung, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2013 (Leseprobe siehe Anhang) • Buchbesprechung: Richard Schenk 1982 zu Greshake, Gisbert; und Lohfink, Gerhard: Naherwartung - Auferstehung - Unsterblichkeit. Untersuchungen zur christlichen Eschatologie. (Quaestiones Disputatae, Bd. 71). 4., erneut erweiterte Auflage. Herder, Freiburg-Basel- Wien 1982. 8°, 232 S. - Kart. DM 39,50.

Rollenspiele

Referate verteilen (Referatsthemen können aus dem gesamten Reader gewonnen werden, u.a. gibt es eine Liste möglicher Referatsthemen im Protokoll der Vorbesprechung, Reader S. 3 ff.)

Zusatzmaterial: Philosophische Fragen / Aphorismen von Denkern • "Alles Gute besitzt den Charakter der Gattung; es bringt ewig wieder Gutes hervor. Darum ist auch der Rechtschaffene unsterblich." - Johann Wilhelm Ritter, Fragmente aus dem Nachlass eines jungen Physikers • „Auf die notorische Frage, wie alt ich mal werden möchte, antworte ich seit einiger Zeit mit ‚zirka Hundertdreißig.’ Ich ertappe mich also dabei, mittlerweile auch schon bescheidener geworden zu sein — früher hätte ich es keinen Hauch unter der ‚Unsterblichkeit’ getan.“ - Natias Neutert: Das Abwesende, das stets anwesend ist. In: Ruhm, Tod und Unsterblichkeit. Über den Umgang mit der Endlichkeit. Hrsg. von Konrad Paul Liessmann. Philosophicum Lech Bd. 7, Paul Zsolnay Verlag Wien 2004, S. 198. ISBN 3-552-05299-2 • "Das Unsterbliche kehrt zu Gott zurück." - Paul Busson, Die Wiedergeburt des Melchior Dronte, 1921 • "Die Arbeitenden sind den Unsterblichen viel lieber." - Hesiod, Werke und Tage • "Die erste Vorbedingung für die Unsterblichkeit ist das Sterben." - Stanisław Jerzy Lec: aus Sämtliche unfrisierte Gedanken , Seite 42 • "Die größte Unbescheidenheit // Ist der Glaube an die Unsterblichkeit, // Die Zumutung an die Natur, // Diese dürftige Menschenkreatur // Selbst in den mißlungensten Exemplaren // Für Ewigkeiten aufzusparen." - Heinrich Leuthold, Spruch XIX. Aus: Gedichte. 4. Auflage. Frauenfeld: Huber, 1894. S. 224. Google Books-USA* • "Die Menschheit ist die Unsterblichkeit der sterblichen Menschen." - Ludwig Börne, Kritiken. Aus: Gesammelte Schriften. 2. Band. Milwaukee, Wis.: Luft, Bickler & Co., 1858. S. 208. Google Books • "Die Unsterblichkeit des Menschen streite ich weder ab noch bestätige ich sie. Ich sehe keinen Grund, daran zu glauben, habe aber auf der anderen Seite keine Möglichkeit, sie als falsch zu beweisen." - Thomas Henry Huxley, Brief an Charles Kingsley, 23. September 1860 • "Ein jeder muß ein inneres Heiligthum haben dem er schwört, und [...] sich als Opfer in ihm unsterblich machen - denn Unsterblichkeit muß das Ziel sein." - Bettina von Arnim, Die Günderode. Erster Theil. Grünberg und Leipzig: W. Levysohn, 1840. S. 282. Google Books • "Für sich selbst ist jeder unsterblich; er mag wissen, dass er sterben muss, aber er kann nie wissen, dass er tot ist." - Samuel Butler d.J., Notebooks, 1912 • "Jede Seele ist unsterblich; denn das Stetsbewegte ist unsterblich." - Platon, "Phädros 245c" • "Unsterblichkeit ist etwas Biologisches oder vielleicht auch Religiöses. Unendlichkeit spielt mit der Welt der Ideen und ist völlig unabhängig davon, ob wir sterblich oder unsterblich sind." - Albrecht Beutelspacher, Pasta all'infinito. Meine italienische Reise in die Mathematik, 1999 Quelle: https://de.wikiquote.org/wiki/Unsterblichkeit • Der Dramatiker Heiner Müller sagte einmal über den greisen Schriftsteller Ernst Jünger, dieser weigere sich zu sterben, da er eine Welt ohne Ernst Jünger nicht denken könne.



VORBEREITUNG 2. BLOCK

13.1. (Samstag) 10-18 Uhr 1.151: 2. Block Lebensverlängerung – heutige medizinische/biotechnologische Möglichkeiten

1. Lektüre PFLICHT 1 A Einführung in biotechnologische Lebensverlängerung/Unsterblichkeit aus Wikipedia: „Aubrey de Grey entwickelt Theorien über das menschliche Altern, das er wie eine Krankheit auf ungünstige biochemische Prozesse zurückführt, die durch gezieltes Beeinflussen gestoppt oder umgekehrt werden können. Das von ihm vorgeschlagene Verfahren, das er als Strategien zur Bekämpfung des Alterns (Strategies for Engineered Negligible Senescence, kurz SENS) bezeichnet, basiert auf sieben von ihm propagierten Angriffspunkten. De Grey ist Mitbegründer (gemeinsam mit David Gobel) und leitender Wissenschaftler des Projektes „Methusalem-Maus-Preis“, das die Beschleunigung und Förderung der Forschung auf dem Gebiet der Lebensverlängerung zur Aufgabe hat. Das durch Spenden ständig wachsende Preisgeld, das im Juni 2008 einen Stand von 2,8 Millionen EUR (4,4 Millionen USD) betrug, wird an Labore vergeben, deren Arbeit die Lebensspanne von Mäusen nachweislich deutlich verlängern kann. Die Intention des Preises ist es, dass überzeugende Erfolge im Mausmodell große Investitionen für das Übertragen der Ergebnisse auf den menschlichen Einsatz mit sich bringen würden.“


PFLICHT 2 Zeitungsartikel • Bahnsen, Ulrich. „Unsterblichkeit – Für immer jung?“ ZEIT 5.4.2017 http://www.zeit.de/2017/15/unsterblichkeit-wissenschaft-usa-steve-horvath (Auch ausgedruckt als Anhang im Reader.) PFLICHT 3 Wissenschaftlicher Artikel • Rando, Thomas A. "Stem cells, ageing and the quest for immortality." Nature 441.7097 (2006): 1080-1086. [pdf: https://pdfs.semanticscholar.org/3d0d/3a8eaba34e5ef755385509525555c493fd48.pdf] (Auch ausgedruckt als Anhang im Reader.)


2. Filme KÜR (ggf. gemeinsam im Blocktermin schauen) B Cryonik, Übertragung auf Computer Ð Film: Unsterblichkeit - Dokumentation DOKU 23.9.2016, 1:30:11 Stunden Ð https://www.youtube.com/watch?v=qsz_zyk5jHE Ð Film: 10 Wege zur Unsterblichkeit 10:55 https://www.youtube.com/watch?v=cZ01ZuFF4OM Ð Film: Sind Menschen bald unsterblich? 5:42 https://www.youtube.com/watch?v=PxYZlcH_G-w Ð Über Langlebigkeitsgene und die ewige Jugend https://www.youtube.com/watch?v=4mGABHqF7JU

3. Referate von Teilnehmer(inne)n Themen können frei aus dem Reader gewählt werden (siehe u.a. Liste im Protokoll der Vorbesprechung S. 3 ff.)

VORBEREITUNG 3. BLOCK

14.1. (Sonntag) 10-17 1.151: 3. Block Vision einer Zukunft, in der jeder unsterblich ist, Konsequenzen, Strategien, Literarische Verarbeitung

1. PFLICHTLEKTÜRE • Wewetzer, Hartmut. „Zukunftsvision – Noch 34 Jahre bis zur Unsterblichkeit“ Der Tagesspiegel 22.2.2011 http://www.tagesspiegel.de/wissen/zukunftsvision-noch-34-jahre-bis-zur-unsterblichkeit/3868286.html (Übertragung des Gehirns auf Computer) • Marckmann, Georg. "Ethische Entscheidungen am Lebensende." Palliative Care. Springer Berlin Heidelberg, 2014. 101-109. http://eknygos.lsmuni.lt/springer/338/75-82.pdf (Volltext im Anhang.)

2. Bitte bereiten Sie folgende Themenfelder vor: Zukunft, Konsequenzen und ethische Fragen, Lebensstrategien, Unsterblichkeit in der Literatur

2.1 Zukunft Vision einer Zukunft, in der wir unsterblich sind • (s.o.) Wewetzer, Hartmut. „Zukunftsvision – Noch 34 Jahre bis zur Unsterblichkeit“ Der Tagesspiegel 22.2.2011 http://www.tagesspiegel.de/wissen/zukunftsvision-noch-34-jahre-bis-zur-unsterblichkeit/3868286.html (Übertragung des Gehirns auf Computer) • der Suchmaschinen-Gigant Google auf der Suche nach neuen Investitionsfeldern jüngst eine Biotech-Firma gegründet hat, die sich unter anderen die Lebensverlängerung zum Ziel gesetzt hat

Frage: Wie sieht eine Zukunft aus, in der alle unsterblich sind?


2.2 Konsequenzen und Ethische Fragen • Dozenten Impuls-Referat: Menschen klonen. Johannes Stampf: http://www.euro-tongil.org/josta/PPT/Klonen.ppt • Buyx, Alena M., Daniel R. Friedrich, and Bettina Schöne-Seifert. "Mindestnutzenschwellen im Gesundheitswesen. Ethische Argumente, Befragungsdaten und gesundheitspolitischer Ausblick." G&S Gesundheits-und Sozialpolitik 66.2 (2012): 37-44. http://www.nomos-elibrary.de/10.5771/1611-5821-2012-2-37/mindestnutzenschwellen-im-gesundheitswesen-ethische-argumente-befragungsdaten-und-gesundheitspolitischer-ausblick-jahrgang-66-2012-heft-2 (Volltext im Anhang) • Marckmann, Georg. "Ethische Entscheidungen am Lebensende." Palliative Care. Springer Berlin Heidelberg, 2014. 101-109. (Volltext im Anhang.) • Schlaudraff, Udo. "Lebensverlängerung um jeden Preis? Ethische Versuche zur neuen Verfügbarkeit des Lebens und Lebensendes." Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 34.2 (2001): 122-128. • Heinrichs, Bert. "Anti-Aging, Leben-Retten und Gerechtigkeit. Reflexionen zur Moral der Lebensverlängerung Sebastian Knell Published Online: 2012-05-19| DOI: https://doi. org/10.1515/jfwe. 2012.5." Issues 21 (2017).


2.3 Lebensstrategien • Unsterblichkeit als Lebensstrategie: Bauman, Zygmunt. Tod, Unsterblichkeit und andere Lebensstrategien. S. Fischer Verlag, 2016.

2.4 Unsterblichkeit in der Literatur • Literatur: Jahn, Angela. Die Unsterblichkeit des künstlichen Menschen in der Literatur. diplom. de, 2014.


3. Referate von Teilnehmer(inne)n Themen können frei aus dem Reader gewählt werden (siehe u.a. Liste im Protokoll der Vorbesprechung S. 3 ff.)


Volltexte

Bahnsen, Ulrich. „Unsterblichkeit – Für immer jung?“ ZEIT 5.4.2017 http://www.zeit.de/2017/15/unsterblichkeit-wissenschaft-usa-steve-horvath

06.04.2017 - Der Tod wankt, als Steve Horvath seine Uhr baut; er taumelt, als Tony Wyss-Coray Menschenblut in Mäuse spritzt. Wir schreiben das Jahr 2013, als die beiden Forscher der Vergänglichkeit die Stirn bieten – und niemand etwas davon bemerkt. Auch die zwei Wissenschaftler selbst ahnen da noch nichts von der Brisanz ihrer Forschungen. 2013, Vereinigte Staaten, University of California, Los Angeles, School of Medicine.

Im Labor (https://www.biostat.ucla.edu/people/horvath) von Steve Horvath, einem gebürtigen Frankfurter, türmt sich ein Berg aus Arbeit. Genauer: aus 13.000 Gewebeproben von Blut, Haut, Muskeln und diversen Organen. Sie stammen von Tausenden Menschen unterschiedlichsten Alters. Jede einzelne Probe enthält Millionen Zellen, und die will Horvath vermessen. Er vermutet, dass sich in den Zellen ein Muster verbirgt. Sollte er es finden, und sollte es ihm gelingen, das Muster zu dechiffrieren, würde er entdecken, wonach die Wissenschaft seit Jahrhunderten vergeblich sucht: ein Chronometer von enormer Kostbarkeit, das die Lebenszeit des Menschen misst.

Es ist ein unerhörtes Vorhaben. Denn bislang gibt es keine Möglichkeit, das menschliche Alter unabhängig vom Kalender zu messen. Wir kennen zwar unseren Geburtstag und wissen um die durchschnittliche Lebenserwartung, die wir als Angehörige einer bestimmten Kohorte – abhängig etwa von Geschlecht, Erdregion oder sozialem Status – erhoffen können. Und es gibt Tests für unsere persönliche physische Leistungsfähigkeit. Aber das ist es nicht, was Horvath interessiert. Im Organismus selbst folgt die Zeit nämlich Regeln, die mit Monaten und Jahren nur bedingt zu tun haben. Wie alt unser Körper biologisch wirklich ist, kann niemand feststellen. Wie sollte der Mensch da jenes Phänomen gedanklich durchdringen, das er mehr fürchtet als alles andere: seine Vergänglichkeit?

2013, Stanford University, Kalifornien, Institut für Neurowissenschaften. https://profiles.stanford.edu/tony-wyss-coray

Tony Wyss-Coray fasst einen Entschluss. Er und seine Kollegen ziehen Spritzen mit einer trüben Flüssigkeit auf und injizieren sie Mäusen. Die Nager sind sehr alt. Ihre Körper sind schwach, die Gehirne funktionieren miserabel, sie können kaum noch lernen. Doch nun werden sie Teil eines vermessenen Experiments. Die nächsten Tage vergehen mit bangem Warten.

Auch bei diesem Versuch geht es um Menschen, um ihr Leben, ihr Dahingehen, ihren Tod. Wyss-Coray könnte eine Erkenntnis gewinnen, die alles verändern würde. Mit diesen beiden Geschehnissen, mit diesen beiden Wissenschaftlern fängt es an. Die Vergänglichkeit aller Geschöpfe, diese letzte unbesiegbare Macht der Natur, gerät nach und nach unter die Kontrolle des Menschen. Und das größte Rätsel allen Lebens lüftet sich: Warum altert jede Kreatur unweigerlich, bis sie stirbt? Warum bleiben wir nicht ewig jung? Und könnten wir eines Tages das Altern umkehren oder zähmen?

Das ist eine Utopie. Bis jetzt. Schon im Mutterleib beginnt das Leben zu verrinnen, unmerklich, unerbittlich. Es erscheint uns ganz selbstverständlich, wie ein Naturgesetz. Nun aber wird erkennbar: So selbstverständlich ist es nicht. Die Lebensuhr ist – ebenso wie der Körper, in dem sie tickt – ein Ergebnis der Evolution. Und wie jede Uhr kann auch die Lebensuhr justiert, neu gestellt werden. Steve Horvath und Tony Wyss-Coray sind nur zwei von zahllosen Altersforschern. Aber es sind ihre Labore, in denen derzeit die erstaunlichsten Erkenntnisse in rasanter Abfolge gewonnen werden. Einige davon werden bereits verwendet, um Menschen gegen die Folgen des Alterns zu behandeln. Schlagzeilen und Erfolgsmeldungen gibt es noch nicht. Doch sie werden kommen. Und damit wird sich die große Frage auftun: Wie wird unser Leben aussehen, wenn wir uns dem Alter widersetzen?

2013, University of California, Los Angeles. In seinem Labor findet Steve Horvath, wonach er sucht: 353 spezielle Stellen im menschlichen Erbgut, an welchen die Genbausteine eine chemische Veränderung ihrer Molekülstruktur aufweisen können. Diese Orte dienen gleichsam als Markierungen im Erbgut und bilden ein auffälliges Profil. Lässt sich darin das biologische Alter ablesen? Horvath ist Genetiker und Biostatistiker, er ist ausgebildet in Mathematik und Informatik. Er kann dieses Muster leicht messen, es gibt Chips, die solche Markierungen zuverlässig auslesen. Doch es sind Hunderte Messpunkte, in 13.000 Gewebeproben. Die Chips werfen einen unermesslichen Schwall an Daten aus. Kein menschliches Gehirn könnte in diesem Wust ein Muster aufspüren. Daher setzt Horvath sich hin und entwirft ein Instrument: Es besteht aus einer Rechenvorschrift für die Computer, einem Algorithmus.

Horvath’s Clock wird sie später heißen, "Horvaths Uhr". Als er die Uhr ausprobiert, ist ihre Präzision ungeheuer. Geeicht anhand der 13.000 Proben, ermittelt sie nun das wahre Alter aller Individuen, deren Zellen und Gewebe mit ihr überprüft werden. Sie ist so genau, dass Horvath feststellen kann, wenn das biologische Alter nur um Monate vom Datum der Geburtsurkunde abweicht. Die Uhr funktioniert bei allen Menschen, in allen Geweben und allen Organen.

Zunächst will niemand etwas von dem merkwürdigen Zeitmesser wissen. Die Fachblätter lehnen Horvaths wissenschaftlichen Aufsatz dazu ab. Die Herausgeber sind misstrauisch. "Zu schön, um wahr zu sein", lautet ihre Begründung meist, erzählt Horvath. Als wieder einmal eine Ablehnung auf seinem Schreibtisch landet, hat er genug – und tut drei unüberlegte Dinge nacheinander.

"Erstens, ich trank drei Flaschen kaltes Bier. Zweitens, ich schrieb eine E-Mail an den Herausgeber. Und Nummer drei: Ich schickte sie ab." Das ist in der Wissenschaft etwa so gewinnbringend wie Meckern beim Schiedsrichter im Fußballspiel – es funktioniert nie. Diesmal aber doch: Im Oktober 2013 veröffentlicht die Fachzeitschrift Genome Biology den Report (http://www.genomebiology.com/2013/14/10/R115) des Deutschen.

200 Jahre leben Dürfen Forscher das Altern stoppen? Ein Gespräch mit der Medizinethikerin Christiane Woopen Wie der Mechanismus des Alterns funktioniert Uhr des Lebens

Etwa 80 Jahre hat ein Baby in Deutschland heute vor sich. Mit ihren neuen Erkenntnissen vom menschlichen Erbgut wollen Forscher zukünftig die Lebenszeit verlängern

Große Spanne Von wenigen Tagen bis zu mehreren Hundert Jahren: Tiere leben sehr unterschiedlich lang

400 Jahre ein Wirbeltier auf dem Planeten kann so alt werden wie der Grönlandhai 200 Jahre Unter den Landtieren trotzt sie dem Tod am längsten – die Riesenschildkröte

0,16 Jahre Die Fruchtfliege lebt ein sehr kurzes Leben 2–3 Jahre Die Evolution hat für die Haselmaus nicht allzu viel Lebenszeit vorgesehen

0,055 Jahre Bauchbärlinge haben die kürzeste Lebenserwartung

70 Jahre Elefanten werden nicht ganz so alt wie Menschen 35 Jahre Unsere nächsten Verwandten leben nicht einmal halb so lang wie der Mensch

100 Jahre Papageien gehören zu den langlebigen Geschöpfen der Natur ZEIT-Grafik; Fotos: Kate Jacobs/SPL [M]; Universal Images Group/Getty Images

     (o.)

Fotos [M]: National Geographic/Getty Images, Mogens Trolle/Caters News/Animal

     Press, Volodymyr Burdiak/fotolia, M. I. Walker/Mauritius (v. l. im
     Uhrzeigersinn) Fotos [M]: Tui De Roy/Minden Pictures/National Geographic; Chew Chun
     Hian/AGE/F1online; Henrik Sorensen/Getty Images; imagebroker/action press (im Uhrzeigersinn);
     Polaris/StudioX (u.)  Altern ist kein bloßer Verschleiß

Erst mit der Zeit dämmert den Wissenschaftlern in den Fachzirkeln, das Horvath Großes gelungen ist. Die scheinbar simple Frage "Wie alt bin ich?" hat er ganz neu beantwortet. Bislang war eine Person so alt, wie es in ihrem Ausweis steht. Jetzt ist sie so alt, wie Horvaths Uhr es bestimmt.

Nature tituliert den Genetiker nun http://www.nature.com/news/biomarkers-and-ageing-the-clock-watcher-1.15014 als "the Clock-Watcher". Und seine Uhr liefert überraschende Erkenntnisse, etwa, dass der menschliche Körper nicht synchron altert. Im Hirn tickt die Lebensuhr langsam, in der weiblichen Brust besonders schnell. Und noch etwas Befremdliches ergibt sich: Bei den meisten Menschen tickt die biologische Uhr zwar in moderater Geschwindigkeit, sie sind biologisch in etwa so alt, wie es ihren Lebensjahren entspricht – aber es gibt auch andere. Zum Beispiel Horvath selbst. Als er seine eigenen Körperzellen misst, erlebt er eine unangenehme Überraschung. Der 49-Jährige ist seiner biologischen Uhr nach fünf Jahre älter – also 54 Jahre alt.

Die Ergebnisse der Untersuchungen sind eindeutig. Menschen altern unterschiedlich – einige sehr schnell, bei anderen hingegen tickt die Altersmechanik schleppend. Letztere sind häufig Nachkommen von Eltern, die besonders alt wurden. Aber was bedeutet das? Zeigt Horvaths Algorithmus tatsächlich das Zifferblatt unseres Lebens? Oder zeigt er uns gar das Uhrwerk, jenen Mechanismus, der unsere Lebenszeit verrinnen lässt?

2014, Stanford University. Tony Wyss-Coray will endlich ein Ergebnis sehen. Was haben die Spritzen bei den greisen Mäusen bewirkt? Man stellt den Tieren Lernaufgaben, prüft ihr Gedächtnis, ihre Orientierungsfähigkeit. Es sind standardisierte Tests für kognitive Leistungen. Die Resultate https://www.ted.com/talks/tony_wyss_coray_how_young_blood_might_help_reverse_aging_yes_really bestätigen eine ungeheuerliche Vermutung.

Seit vielen Monaten haben der 51-jährige Wyss-Coray und sein Team auf diesen Moment hingearbeitet. Der Biologe und Neurowissenschaftler ist Schweizer. "Zu Hause hätten sie mich für diese Versuche wohl aus dem Land gejagt", sagt er. Und tatsächlich könnten seine Experimente bei militanten Tierschützern sehr wohl Aggressionen auslösen, nicht nur in der Schweiz. In den vorangegangenen Monaten hat sein Forscherteam reihenweise Mäuse zusammengenäht. Heterochrone Parabiose nennt man dieses Verfahren. Dabei werden die Blutgefäße von zwei Tieren – eines sehr alt, das andere sehr jung – unter Betäubung und mit chirurgischen Mitteln zu einem gemeinsamen Kreislauf verbunden. Und es zeigt sich: Das junge Mausblut erzeugt im altersschwachen Tier ganz wundersame Effekte. Das Herz, die Muskeln – stark wie in der Jugend. Die inneren Organe – voll leistungsfähig. Am erstaunlichsten aber ist die Wirkung auf das Gehirn. Kognitive Tests absolvieren die Greise plötzlich ohne Probleme. Es scheint, als sei durch den alten Körper eine Welle magischer Verjüngung gerollt.

Woraus aber könnte die Vitalformel im jungen Blut genau bestehen? Steckt sie in geheimnisvollen Hormonen? Oder in den Blutzellen der Jungtiere? Die Parabiose-Versuche werden gestoppt. Stattdessen spritzen die Forscher den alten Mäusen nun Blutplasma von Jungtieren. Plasma enthält keine Zellen – doch die verjüngende Wirkung ist dieselbe. In den Blutzellen verbirgt sich das Geheimnis also nicht. Wo aber dann? Wieder injizieren die Forscher junges Plasma, aber nun erhitzen sie es zuvor. Dabei verlieren alle Proteine im Blut ihre Wirkung. Und tatsächlich: Die greisen Tiere bleiben alt und schwach. Der Effekt stellt sich nicht mehr ein.

Wenn wir also nach einem Jungbrunnen für uns Menschen suchten, wir fänden ihn in bestimmten Eiweißen im Blut – im Blut von Jugendlichen. Bleibt die Frage: Könnten Transfusionen mit dem Blut junger Menschen das Altern aufhalten? In Stanford beginnt die Fahndung nach dem menschlichen Jugendelexier, mit der Vorbereitung auf einen beklemmenden Versuch.

Auch wenn das Geheimnis des Alterns lange nicht gelüftet werden konnte, ein paar Dinge weiß man. Etwa, dass Altern kein bloßer Verschleiß ist, also keine biologische Materialermüdung. Der Abbau unserer Körperfunktionen und deren Leistungsfähigkeit ist allein Folge des Alterns, nicht dessen Ursache. Dasselbe gilt für andere alterstypische Veränderungen, die als Alterungsursache herangezogen werden – etwa oxidativer Stress, die Erosion der sogenannten Telomere oder allmählich zunehmende Schäden in den Zellkraftwerken. Offenbar folgt der Alterungsprozess allen Lebens einem präzise gesteuerten biologischen Programm. Wie sonst wäre die unterschiedliche Lebensdauer verschiedener Lebewesen erklärlich? Manche Fliegenarten leben bloß wenige Tage, Grönlandhaie hingegen über 400 Jahre. Sie sind, soweit bekannt, die langlebigsten Wirbeltiere auf diesem Planeten. Doch wie steuert die Natur solch gewaltige Unterschiede bei der Zeit, die sie ihren Geschöpfen gewährt? http://xml.zeit.de/2017/15/infobox-theorien-altern

Frühere Theorien über das Altern Schon lange versuchen Forscher, das Geheimnis des Alterns zu lüften. Viele vertreten die Ansicht, dass mehrere Vorgänge gleichzeitig den Verfall des Körpers vorantreiben. In der jüngeren Vergangenheit wurden einige Hypothesen diskutiert. Eine Übersicht.

Die Telomere Besondere Popularität erlangte in den vergangenen Jahren die Idee, die Erosion der Telomere sei für die Alterung verantwortlich. Telomere sind die Endstücke der Chromosomen in den Zellen. Sie enthalten keine Gene, wirken aber als eine Art Schutzkappe. Bei jeder Zellteilung verkürzen sich diese Telomere um ein Stück. Sind sie verbraucht, kommt die Vergreisung, lautete die Hypothese. Diese Beobachtung erklärte das sogenannte Hayflick-Limit. Der US-Amerikaner Leonard Hayflick war ein Zellbiologe, dem es zu Beginn der 1960er Jahre als einem der ersten Forscher gelang, aus menschlichem Gewebe Zellkulturen zu züchten. Er stellte fest, dass die kultivierten Zellen nur etwa 50 Teilungen vollziehen können, bevor sie sterben. Zugleich verlieren sie dabei Schritt für Schritt an Telomerlänge. Es lag nahe, in dieser natürlichen Grenze die Ursache für den Verfall des Körpers im Alter zu sehen. Entsprechend groß war die Euphorie, als die US-Forscher Elizabeth Blackburn, Carol Greider und Jack Szostak ein Enzym entdeckten, das die Telomere wieder verlängern kann. Die Telomerase, hofften sie, sollte künftig als probates Mittel gegen das Altern dienen. Der Weg zum Jungbrunnen schien sich abzuzeichnen. 2009 wurden Blackburn, Szostak und Greider sogar mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet – aus heutiger Sicht eine nicht zwingend gebotene Entscheidung des Stockholmer Komitees.

Denn die Ernüchterung setzte schnell ein. Hayflicks Beobachtung ist zwar bis heute gültig, doch es handelt sich um ein Artefakt der Zellzüchtung. Im menschlichen Körper spielt die Telomerverkürzung kaum eine Rolle für die Alterung. Fast alle Zellen im Organismus sind in einem Zustand, den Wissenschaftler als postmitotisch bezeichnen: Sie können sich ohnehin nicht mehr teilen. Wenn sie verbraucht sind, werden sie durch die Abkömmlinge von Stammzellen ersetzt (siehe Infografik, Seite 34).

Und selbst für diese Zellen gilt das Hayflick-Limit von 50 Teilungen nicht: Stammzellen erreichen in der Leber oder im Darm – also in Organen mit hoher Regenerationsfähigkeit – im Laufe eines Menschenlebens etwa 6000 Teilungen. Zudem korreliert die Länge der Telomere nur wenig mit dem Lebensalter und unterscheidet sich von Mensch zu Mensch und von Organ zu Organ erheblich. Als direkte Ursache der Alterung sind die Telomere daher aus dem Rennen.

Die Alterung der Proteine Klar ist, dass die Eiweiße unserer Zellen nur eine begrenzte Lebensdauer besitzen. Sie werden daher fortlaufend durch neu synthetisierte Proteine ersetzt. Diese Fähigkeit unserer Zellen lässt im Alter zwar nach. Dabei handelt es sich jedoch um eine Folge des Alterns, nicht um die Ursache.

Der oxidative Stress Auch die zunehmend schädigende Wirkung von toxischen Stoffwechselprodukten auf unsere Zellen wurde als Ursache der Alterung ins Feld geführt. Tatsächlich kann der Körper diesen Einflüssen aber in der Jugend sehr gut Paroli bieten – durch die Wirkung bestimmter Faktoren im Stoffwechsel. Wenn diese Widerstandsfähigkeit im Lauf der Jahre nachlässt, dürfte das genau wie die Proteinalterung eher eine Folge des eigentlichen Alterungsprozesses sein.

Die Alterung der Mitochondrien Die gesamte Energieversorgung unserer Zellen hängt von der Funktion der Mitochondrien ab. Diese Zellkraftwerke besitzen ein eigenes Erbgut und teilen sich selbstständig innerhalb der Zellen. Zunehmende Defekte in ihren Genen könnten nach Meinung einiger Forscher ebenfalls eine Ursache für das Altern darstellen.

Die erste Schneise in die verwucherte Terra incognita des Alterns schlug ein Wissenschaftler im kanadischen Halifax. Bereits in den achtziger Jahren züchtete der Evolutionsforscher Michael Rose Fruchtfliegen, deren Lebenszeit er mit einem simplen Trick verdoppelte: Er ließ nur die ganz alten, gerade noch fruchtbaren Tiere sich fortpflanzen und schuf so eine regelrechte Methusalem-Rasse. Diese Fliegen lebten bei bester Gesundheit und Munterkeit doppelt so lang wie ihre herkömmlichen Artgenossen. Roses Experiment lieferte den ersten Hinweis: Die Lebenszeit ist keineswegs unverrückbar determiniert, sie kann verlängert werden. Begrenzt wird sie nur durch ein Programm im Körper, ein Uhrwerk, das irgendwo in den Genen ticken muss.

Junges Blut macht jung

2014, Stanford University. Bevor der alles entscheidende Versuch beginnen kann, überrascht Tony Wyss-Coray seine jüngsten Studenten mit einem ungewöhnlichen Ansinnen. Sie möchten bitte Blut spenden. Außerdem lässt er Beutel mit Blut aus den Nabelschnüren Neugeborener kommen. So beginnt der entscheidende Test, der die Frage beantworten soll: Steckt auch im Blutplasma von Menschen die Macht der Verjüngung? Den greisen Mäusen wird nun das junge Plasma gespritzt. Das Ergebnis ist eine Sensation. Das Blut der Studenten wirkt tatsächlich verjüngend auf die Tiere – das der Babys noch deutlich stärker. Die alten Mäuse haben mit einem Mal wieder so leistungsfähige Gehirne wie in der Blüte ihres Lebens. Seither suchen Forscher weltweit nach Antworten. Sie wollen wissen, welche Eiweißfaktoren im jungen Blut die juvenilen Informationen transportieren, aus wie vielen verschiedenen Stoffen der Jugend-Cocktail komponiert ist, in welchem Organ diese Stoffe hergestellt werden. Und vor allem: warum sie im Laufe des Lebens versiegen. Sind sie alle gefunden, könnte man vielleicht ein Medikament aus ihnen komponieren. Die Forscher folgen aber noch einer zweiten Fährte.

Offenbar altern wir nicht nur, weil der Jungbrunnen im Blut versiegt, sondern auch, weil nach und nach an seiner statt Stoffe zirkulieren, die den Alterungsprozess regelrecht vorantreiben. "Junges Blut macht jung", sagt Wyss-Coray, "altes Blut macht alt." Kann man also das Altern zügeln, wenn man die speziellen Stoffe im Blut kennt? Erste Privatkliniken in den USA bieten zahlungskräftigen Kunden bereits Transfusionen aus dem Blut junger Spender an. Der Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel soll zur Patientenschaft gehören. Auch Wyss-Coray hat ein kleines Unternehmen mitgegründet. Dort hat bereits ein Pilotversuch mit Menschen stattgefunden – Alzheimer-Patienten, denen man das Blut jugendlicher Spender transfundierte. Die Ergebnisse liegen noch nicht öffentlich vor. Doch schon gehen bei ihm seltsame Angebote ein. Zwielichtige Geschäftemacher versprechen Lieferungen – Kinderblut in unbegrenzter Menge. "Crap", kommentiert Wyss-Coray, "Abschaum". Und noch ist die entscheidende Frage nicht beantwortet: Kann junges Blut etwas an der Geschwindigkeit selbst ändern, mit der Horvaths Uhr in uns tickt?

2014, University of California, Los Angeles. Steve Horvath hat sein Werkzeug perfektioniert, er beginnt mit Untersuchungen ganzer Bevölkerungsgruppen. Und er erhält wieder erstaunliche Ergebnisse, die manches medizinische Rätsel lösen. Etwa dieses: Warum sterben praktisch überall auf der Welt Männer früher als Frauen? Natürlich spielt der ungesündere Lebensstil von Männern eine Rolle – doch selbst zwischen Mönchen und Nonnen, so fand man in der sogenannten Klosterstudie heraus, bleibt eine Differenz von knapp zwei Jahren Lebenserwartung zugunsten der Nonnen. Horvaths Uhr enthüllt den Grund: Männer altern ein kleines bisschen schneller. Bei den Frauen ist die Sachlage etwas komplizierter. Sie altern zwar insgesamt langsamer als Männer, nach der Menopause beschleunigt sich ihre Lebensuhr jedoch erheblich. Auch äußere Einflüsse treiben das biologische Altern an: Starkes Übergewicht oder HIV-Infektionen beschleunigen den Alterungsprozess um etwa fünf Jahre.

In Edinburgh arbeitet sich der Populationsgenetiker http://www.ed.ac.uk/profile/ian-deary Ian Deary durch die Daten mehrerer gewaltiger Langzeit-Gesundheitsstudien. Tausende Schotten nehmen daran teil. Die Versuchspersonen geben regelmäßig Blut ab, sie werden untersucht, ihre Befunde, ihre Krankengeschichten und die Todesfälle akribisch protokolliert. Deary will wissen: Folgt die Lebensdauer der Probanden einer Gesetzmäßigkeit? Er weiht Steve Horvath ein, und der beginnt damit, die Blutproben der Teilnehmer durchzumessen – wie schnell tickt bei jedem einzelnen die Uhr? Als die Forscher das Ergebnis erhalten, sind sie geschockt. Jene Gruppe, bei der Horvath das schnellste biologische Alterungstempo gemessen hat, lebte mit dem fast 50 Prozent höheren Risiko eines direkt bevorstehenden Todes als der Durchschnitt. Für junge Menschen spielt das keine große Rolle – ihr akutes Sterberisiko ist klein; ist es um die Hälfte höher, bleibt es immer noch gering. Bei 60-Jährigen hingegen sieht das anders aus.

Was genau also misst Horvath’s Clock? Tickt in den Zellen der Mechanismus unserer Vergänglichkeit? Und wenn ja: Wie kann man ihn bremsen?

2014, Stanford University. Wyss-Corays Team will herausfinden, was in einem greisen Körper geschieht, wenn junges Blut durch seine Gefäße strömt. Die Forscher untersuchen die Organe – Herz, Muskel, Leber und Bauchspeicheldrüse – von alten Mäusen, die mit dem Blutplasma junger Tiere behandelt worden sind. Der Befund ist spektakulär. Durch sämtliche Organe ist eine Welle der Erneuerung gegangen. Die Muskeln sind wieder straff, die Leber aktiv, das Blut wieder jugendlich. Besonders erstaunlich sind die Resultate im Hirn. In den Zentren, die für Lernen und Gedächtnis zuständig sind, hat sich die Bildung von Neuronen verdreifacht. Auch ihre Verschaltung ist so variabel und dynamisch geworden wie bei deutlich jüngeren Tieren. Kognitive Tests bestätigen: Die verjüngten Tiere schneiden bei Lern-, Orientierungs- und Gedächtnisaufgaben viel besser ab als andere Mäuse dieses Alters.

Was ist geschehen? Die Wissenschaftler in Stanford schauen sich die Gewebe der zauberisch verjüngten Tiere an, und ihr Ergebnis bestätigt die Vermutung. Die geheimnisvollen Faktoren im jungen Blut haben eine besondere Klasse von Zellen aus dem Altersschlummer geweckt – sogenannte adulte Stammzellen, die als Erneuerer unseres Körpers fungieren. Sie stecken in allen Organen und Geweben, können sich immer wieder teilen und dabei Ersatz für verbrauchte Körperzellen bereitstellen. Und sie leisten Erstaunliches. Im Knochenmark etwa produzieren die blutbildenden Stammzellen rund 200 Milliarden rote Blutkörperchen – pro Tag. Allerdings schwächeln mit zunehmendem Alter die Stammzellen, ihre Teilungsfreude schwindet. Die Organreparatur kommt schleichend zum Erliegen.

Wyss-Corays Jugendelixier aus Blutplasma beendet die altersbedingte Lethargie der Stammzellen und treibt sie an, die Organe wieder fit zu machen wie einst im Mai des Lebens. Die Wissenschaftler stellen fest: In den Stammzellen der verjüngten Tiere sind Gene wieder angesprungen, die für die Erneuerung wichtig sind, aber im Alter verstummt waren. Der Grund für das Nachlassen im Alter ist wahrscheinlich ein Vorgang, der mit chemischen Modifikationen in der Molekülstruktur der DNA beginnt. Sie wirken wie eine Art Schalter: Solange die Struktur an diesen Stellen unverändert ist, können die Gene dort abgelesen werden. Sobald das Erbmolekül aber in seiner Struktur verändert wird, ist der Schalter gekippt und das Gen blockiert. Genau diese Schalter erfasst Horvath’s Clock – genauer gesagt: 353 Schalter zugleich. Es sind die molekularen Markierungen, mit denen der Körper festlegt, welche Gene in den verschiedenen Zelltypen abgelesen werden dürfen und welche stumm bleiben. "Epigenetisch" nennen Wissenschaftler diese Steuerung des Erbguts.

Vom Greis zurück in den Mutterleib Ist das die Erklärung? Werden spezielle, für die Verjüngungsfaktoren zuständige Gene durch den chemischen Prozess im Alter lahmgelegt? Schaltet sich der Körper sozusagen selbst nach und nach ab? Horvaths Uhr könnte einen direkten Blick in die Maschinerie des Niedergangs erlauben. Den letzten Beweis hat Horvath noch nicht, aber es ist wahrscheinlich, dass er das Räderwerk der Alterung entdeckt hat oder zumindest einen sehr wesentlichen Teil.

Schon 2013 hatte er das Alter menschlicher Embryozellen geprüft. Es war null, wie zu erwarten. Heute wissen Forscher, wie sie auch alte menschliche Körperzellen in einen embryoähnlichen Zustand versetzen können. "Reprogrammierung" nennt man diesen Vorgang. Mit ihm werden im Erbgut einige Gene erweckt, die sonst nur im Embryo arbeiten. Reprogrammierte Zellen haben, wie die der Embryonen, die Fähigkeit, alle Zelltypen zu erzeugen. Natürlich sind sie im Grunde immer noch alt. Horvath will nun wissen, was mit ihrem biologischen Alter nach der Reprogrammierung passiert ist. Er misst es. Und bekommt immer das gleiche Ergebnis. Egal, wie alt der Spender der Zellen ist – sobald sie durch die Reprogrammierung den embryonalen Zustand erreicht haben, steht ihre Lebensuhr auf null. Der Vorgang ist also nicht nur die Wiedererweckung bestimmter Fähigkeiten des Embryos in der erwachsenen Zelle, er ist eine regelrechte Zeitreise. Vom Greis zurück in den Mutterleib. Die Frage ist nun, ob das, was im Labor gelingt, auch bei einem Lebewesen möglich ist. Einer Maus vielleicht? Einem Menschen?

2016, Salk Institute, La Jolla/Kalifornien. Juan Carlos Izpisua Belmonte hat ein internationales Team um sich geschart. Er will mit anderen Mitteln dasselbe schaffen wie Wyss-Coray: Verjüngung. Und auch Belmonte hat Erfolg. Alte Mäuse werden verjüngt, ihr Stoffwechsel, ihre Muskeln. Einer besonders kurzlebigen Mäuserasse verschafft das Team ein längeres Leben. Aber Belmonte und seine Leute benötigen kein Blut, sie beeinflussen den Organismus durch die Nahrung. Sie kommen ganz ohne die mysteriösen Eiweiße der Jugend aus. Den Forschern gelingt es, lebendige Tiere ein bisschen jünger zu machen, sie ein Stück zurück auf den Weg in Richtung Embryo zu schicken. Dafür mischen sie eine Substanz ins Futter der Tiere, die jene entscheidenden Gene anwirft, die das Erbgut bei der Reprogrammierung von Zellen in Richtung Embryo umsteuern. Es spricht also alles dafür, dass die mit Hochdruck gesuchten Jugend-Eiweiße im Blut von Mäusen und Menschen ihre Wirkung auf ähnliche Weise entfalten: indem sie die Steuerung im Erbgut alter Lebewesen wieder auf Jugendlichkeit polen.

April 2017, Stanford University. Wyss-Coray und seine Leute durchsuchen seit Monaten die Eiweiße im jungen Blut. Und sie haben Erfolg. Die Details sind noch geheim und harren der Veröffentlichung in den kommenden Tagen. Doch eine neue Patentanmeldung verrät: Mindestens einen Jugendfaktor hat das Team wohl entdeckt, ein Protein mit dem Namen TIMP-2. Vermutlich hat es das Gehirn der greisen Mäuse zu jugendlicher Leistung mobilisiert. Ist das Rätsel des Alterns nun gelüftet?

http://xml.zeit.de/2017/15/m-ewiges-leben-box-2

Hinter der Geschichte Für immer jung Während der Recherchen für sein Buch über die Geheimnisse des menschlichen Bluts stieß Ulrich Bahnsen, Jahrgang 1959, auf ein Thema, das ihn nicht mehr losließ: Wie man das Altern aufhalten könnte. Die Träume der Forscher findet auch er selbst verführerisch. Das Leben lesen – Was das Blut über unsere Zukunft verrät. Droemer, März 2017, 19,99 Euro Gelingt es der Wissenschaft, letzte Fragen zu beantworten, könnten wir Zeitzeugen eines historischen Moments werden, in dem ein Menschheitsrätsel gelöst wurde. Die Erkenntnisse könnten uns Wissen verleihen über Instrumente und Verfahren, die den Verfall unseres Körpers zügeln, bremsen, vielleicht sogar umzukehren vermögen. Wie wird die Menschheit damit umgehen? Gelänge es auch nur, die gesunde Lebenszeit auszudehnen (selbst wenn die Menschen nicht länger lebten), wäre das schon eine Sensation. Die letzten 20 Jahre von allen Altersleiden verschont zu bleiben – welch eine Vorstellung! Doch dürften wir wirklich – wenn es möglich würde – darangehen, die Grenzen unserer Lebensdauer ins Unabsehbare auszudehnen? Auf durchschnittlich 150 oder 200 Jahre? Wie immer wir uns entscheiden – unser Leben, die Gesellschaft würde anders, Zeit eine andere Bedeutung bekommen. Ein langes, gesundes Leben wäre nicht länger ein Geschenk der Natur. Es wäre ein Gut, das man erwirbt. Wenn man es sich leisten kann.


Volltext: Herzinger, Richard. „Menschheitsgeschichte – Wer überleben will, der muss unsterblich werden“ Welt 3.9.2015 https://www.welt.de/debatte/kommentare/article146016948/Wer-ueberleben-will-der-muss-unsterblich-werden.html

Meinung Menschheitsgeschichte Wer überleben will, der muss unsterblich werden Von Richard Herzinger | Veröffentlicht am 03.09.2015 | Lesedauer: 8 Minuten


Das Alter muss abgeschafft werden! Aber die Unsterblichkeit könnte die Gesellschaft vor Probleme stellen

Das Altern abzuschaffen, könnte möglich werden – und das wird auch Zeit. Denn eines Tages müssen wir unseren Planeten verlassen. Die Frage ist nur ob als Datensatz oder im eigenen Körper.

„Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn‘s hoch kommt, so sind‘s achtzig Jahre, und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“ Dieses Diktum der Bibel galt im jüdischen und christlichen Kulturkreis lange als letztes Wort zur Frage von Leben und Tod. Dass jeden von uns dieser früher oder später ereilen muss, galt allen Menschen und Kulturen bis heute als unverrückbare Gewissheit, auf die unsere physische Existenz zuläuft und nach der sie sich in letzter Instanz zu richten hat. Um den Gedanken an das sichere Ende erträglich zu machen, statteten die Religionen das menschliche Bewusstsein mit der Tröstung aus, es werde nach dem Ende der irdischen Existenz ein ewiges Nachleben geben – es winke entweder ein besseres, erlöstes Dasein in einer höheren Sphäre oder die Wiedergeburt der Seele in einer anderen physischen Form. Doch in dem Maße, wie der Glaube im Zuge der Säkularisierung an Überzeugungs- und Anziehungskraft verliert, fällt den auf sich und ihre begrenzte Lebensspanne zurückgeworfenen Individuen die Aussöhnung, oder auch nur das Sich-Abfinden, mit dem Tod immer schwerer. Er erscheint als existenzielles, transzendenzloses Unrecht, als willkürliche Negation all dessen, was das Individuum in seiner Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit ausmacht. Dass die Erfüllung eines Lebens in Mühe und Arbeit bestehen soll, ist dem modernen, genussorientierten Menschen der Freizeit- und Konsumgesellschaft ohnehin kaum noch zu vermitteln. Die moderne Wissenschaft und Medizin richtet folgerichtig ihre Anstrengungen darauf, die kostbare, weil unersetzliche Lebensspanne der Einzelnen so weit wie möglich von Leid zu befreien und zu verlängern. Noch freilich steht nur in ihrer Macht, Sterben und Tod um Jahre, womöglich Jahrzehnte aufzuschieben, nicht aber, sie über eine sehr lange Zeitspanne von Hunderten oder gar Tausenden von Jahren hinweg zu suspendieren, wenn nicht vollständig abzuschaffen. Doch das könnte sich in nicht allzu ferner Zukunft rasant ändern. Forschung: Die unsterbliche Maus ist schon in Arbeit Denn die Forschung arbeitet mit wachsender Intensität an dem Projekt, den zellulär-molekularen Alterungsprozess aufzuhalten oder sogar umzukehren. Wissenschaftler an der Universität Ulm vermeldeten kürzlich, letzteres sei ihnen bei Mäusen bereits gelungen. Noch weiß man nicht, ob sich diese Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen. Doch dass der Suchmaschinen-Gigant Google auf der Suche nach neuen Investitionsfeldern jüngst eine Biotech-Firma gegründet hat, die sich unter anderen die Lebensverlängerung zum Ziel gesetzt hat, lässt erahnen, welches Potenzial in dieser Forschung steckt. Vordergründig geht es dieser einstweilen darum, Krankheiten zu erforschen, die vermehrt im Alter auftreten. Sollte es aber in ihrem Verlauf tatsächlich möglich werden, menschliche Zellen zu verjüngen, wird sich schnell das Paradigma durchsetzen, nach dem das Altern selbst die größte Krankheit ist, die es folgerichtig zu beseitigen gilt. Den Wunsch, auf natürliche Weise alt werden zu wollen, wird dann allenfalls noch als eine Schrulle nonkonformistischer Außenseiter geben. Der uralten Menschheitssehnsucht, einen Jungbrunnen oder ein Elixiers zum ewigen Leben wären wir dann ziemlich nahe gekommen. Visionäre gehen heute bereits davon aus, das Leben eines Menschen ließe sich als Normalfall auf 120 bis 140 Jahre verlängern. Doch es gibt auch radikalere Propheten, für die ein solches Limit viel zu niedrig angesetzt ist. So machte der exzentrische britische Biogerontologe Aubrey de Grey in der Fachwelt mit seiner These Furore, Menschen könnten dereinst Tausende von Jahren in jugendlicher Frische leben. Den Einwand, vielleicht hielten viele Menschen die Abschaffung des natürlichen Alterungsprozesses ja gar nicht für wünschenswert, macht de Grey ärgerlich. Altern sei ebensowenig erwünscht wie Lepra, poltert er: „Weil es Menschen tötet!“ Ein körperlichen Verfall, an dem täglich 100.000 Menschen zugrunde gingen, hält er für „fundamental barbarisch.“ Unsterblichkeit dient der Selbstverwirklichung Die wissenschaftliche Fundierung von Ansätzen wie denen von de Grey ist umstritten, um haltlose Spinnereien handelt es sich dabei jedoch keineswegs. Sie werden vielmehr durchaus in seriösen Kreisen der Alternsforschung diskutiert. Was heute noch utopisch klingen mag, wird dabei von einer zwingenden Logik angetrieben. Setzen wir einmal voraus, dass sich das westlich-liberale Zivilisationsmodell – in dem das individuelle Dasein und das Recht jedes einzelnen auf Selbstentfaltung als höchster Wert gilt – gegen autoritäre und kollektivistische Gesellschaftssysteme durchsetzen und nicht einer neuen Weltordnung weichen wird, in der die Errungenschaften der individualistischen Moderne rückgängig gemacht werden. In diesem Falle wird das Verlangen der Individuen stetig wachsen, sich in ihrer Freiheit, alle Möglichkeiten persönlicher Selbstentfaltung auszuschöpfen, nicht durch biologische Alterung sowie damit verbundenes Siechtum einschränken und sie schließlich durch den Exitus ganz zu Nichte machen zu lassen. Selbstverwirklichung als ein potenziell endloser, weil nie zu vollendender Prozess löst die Bewährung vor Gott als Maxime höchster Sinnerfüllung eines individuellen Lebens ab. Doch was wäre das eigentlich für eine Welt, in der ein Menschenleben Hunderte, wenn nicht Tausende von Jahren dauert? Die Konsequenzen für den Aufbau von Gesellschaften wären unermesslich, fiele doch das natürliche Prinzip der Generationenfolge als strukturelles Regenerationsprinzip menschlicher Gemeinwesen weg. Nachwachsende Generationen könnten nicht mehr davon ausgehen, dass ihnen die Älteren irgendwann den Platz frei machen werden. Und selbst wenn die Geburtenrate parallel zur Steigerung der Lebenserwartung weltweit drastisch zurückgehen würde, müsste der Globus wohl bald wegen Überfüllung geschlossen werden. Dass der Platz auf dem Erdball zu knapp zu werden droht, erhöht wiederum den Druck auf die Menschheit, sich andere, ferne Planeten zur Besiedlung zu erschließen. Dieser Imperativ ergibt sich auf sehr lange Sicht jedoch ohnehin. Sollten nicht eine von der Menschheit selbst verursachte oder eine kosmische Katastrophe – wie ein Kometeneinschlag oder das Auftreffen von Gamma-Strahlen auf die Erde – die Lebensbedingungen auf dem Planeten schon vorher zerstören, wird es in einigen Milliarden Jahren in jedem Fall mit ihm zu Ende sein. Dann nämlich wird sich die Sonne zu einem Roten Riesen aufblähen, der die ihm nächsten Planeten Merkur und Venus vernichtet und die Erdkruste zu einem einzigen Lava-Ozean verschmelzen lässt. Lange bevor es so weit ist, wird die Menschheit eine neue Heimstatt gefunden haben müssen, will sie nicht als bloße Fußnote des Universums spurlos verschwinden. Heimat außerhalb des Sonnensystems Es wird daher auf Dauer nicht genügen, nur Planeten und Asteroiden innerhalb unseres Sonnensystem zu besiedeln. Wird doch die Sonne im nächsten Stadium zu einem weißen Zwerg schrumpfen, schließlich ganz verlöschen und von den um sie kreisenden Himmelskörpern nichts übrig lassen. Die Menschheit wird also Ziele außerhalb unseres Sonnensystems, wenn nicht gar unserer Galaxie ansteuern müssen. Dazu bedarf es freilich eines Raketenantriebs, der in der Lage ist, gigantische Entfernungen in weit kürzerer Zeit zurückzulegen, als dies beim jetzigen Stand der Technik möglich ist. Warum die „neue Erde“ die Menschheit retten könnte [Grafik erdähnlicher Planet] Angeblich ist Leben auf dem neu entdeckten Planeten möglich. Eines Tages könnten wir sogar dorthin reisen. Videoreporter Henrik Neumann fragt: Ist das unsere Chance, endlich alles besser zu machen? Quelle: Die Welt So würde die Reise nach Alpha-Centauri, dem uns nächsten Sternensystem, heute 75.000 Jahre dauern. Doch gibt es bereits konkrete Entwürfe von Raumschiffen mit neuartigen Antriebsarten, deren Energie aus der Kernfusion von Deuterium und Helium-3 gewonnen werden soll. Damit ließe sich die Reisezeit nach Alpha Centauri auf 50 Jahre reduzieren. Da wir aber im Zuge des Exodus von der Erde womöglich noch viel weiter entfernt liegende habitable Planeten ansteuern müsse – nach denen von den Astronomen derzeit fieberhaft gesucht wird – empfiehlt es sich, beizeiten einen neuen Menschentypus zu schaffen, der die Anreisezeit überleben kann. Sonst müsste man gigantische Generationenschiffe losschicken, in denen sich die Reisenden selbst reproduzieren können. Vielleicht ist es bis dahin ja aber auch möglich, alle genetischen Daten eines Individuums herunterzuladen und verfallsresistent zu speichern, um sie an Ort und Stelle in eine neue Gestalt zu gießen. An die Erfahrung eines parallelen digitalen Universums, das sich von unserer Körperlichkeit ablöst, beginnen wir uns ja schon heute zu gewöhnen. Winzig klein im Universum Der Dramatiker Heiner Müller sagte einmal über den greisen Schriftsteller Ernst Jünger, dieser weigere sich zu sterben, da er eine Welt ohne Ernst Jünger nicht denken könne. Beide haben freilich inzwischen das Zeitliche gesegnet. Diese launige Feststellung trifft aber im buchstäblichen, nicht ironischen Sinne auf die Gattung Mensch als Ganzes zu. Das menschliche Bewusstsein, das sich von der demütigen Unterwerfung unter höhere, schicksalhafte Mächte emanzipiert hat, kann nur noch sich selbst zum Maßstab nehmen. Nur scheinbar paradoxerweise wächst diese Selbstbezogenheit in dem Ausmaß, wie der Mensch in die grenzenlose Weite des Universums zu blicken vermag – und sich dabei doch eigentlich winzig klein und bedeutungslos vorkommen müsste. Doch all dieses Wissen über das Weltall existiert ja nur im Medium menschlicher Erkenntnis – jedenfalls gilt das, so lange wir keine anderen intelligenten Wesen im Raum kennen, die über ähnliches Wissen verfügen oder dieses sogar übertreffen. Die Menschheit ist zu einem gewaltigen Datenträger von Informationen über das Universum geworden. Stürbe sie aus, gingen alle diese Informationen verloren. Je mehr unsere Erkenntnis über die unendlichen Weiten jenseits unser eigenen Existenz wächst, umso wichtiger werden wir uns daher selbst. Verfügt die Menschheit erst einmal über die wissenschaftlichen technologischen Mittel, ihren Fortbestand auf unbegrenzte Zeit zu verlängern, wird sie diese auch nutzen, um der Unsterblichkeit so nahe wie möglich zu kommen. In gewisser Weise kehrt sie damit zu ihren Anfängen zurück, wie sie uns aus mythischen Überlieferungen entgegentreten. Bevor das Alte Testament in Psalm 90 das menschliche Lebensalter auf lamentable 70 bis 80 Jahre festlegt, berichtet es nämlich von Methusalem. Dieser Mann ist 969 Jahre alt geworden. Film: Über Langlebigkeitsgene und die ewige Jugend https://www.youtube.com/watch?v=4mGABHqF7JU Ein Gespräch mit Prof. Christoph Englert vom Leibniz-Institut für Altersforschung in Jena über die mittlere Lebensspanne des Menschen. Der Forscher sagt, 120 Jahre seien vermutlich das Maximum. Quelle: DW © WeltN24 GmbH. 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Abstract und Literatur zu: Hoffmann J. (2016) Unsterblichkeit durch das Label des Terrors – Zum Nachahmungseffekt bei radikalisierten Einzeltätern. In: Robertz F., Kahr R. (eds) Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus. Springer, Wiesbaden

Zusammenfassung Der Autor fokussiert auf psychologische Mechanismen, die im Kontext von Anschlägen und Amokläufen erheblich zur Umsetzung der Tat beigetragen haben. Er analysiert dabei vor allem Elemente, die auch in Folgetaten zum Tragen kamen und als Indiz einer Nachahmung bewertet werden können. Auf dieser Grundlage erstellt der Autor Leitlinien für die Berichterstattung, mittels derer die Wahrscheinlichkeit von Nachahmungen reduziert werden kann.

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Zukunftsvision Noch 34 Jahre bis zur Unsterblichkeit Computer werden bis zum Jahr 2045 unser Gehirn in Software verwandeln, prophezeit Futurist Ray Kurzweil. Hartmut Wewetzer

Der Mensch, ein Programm. Computerpionier Ray Kurzweil glaubt, dass wir unser Bewusstsein eines Tages in Software übertragen.Foto: Mauritius „Watson“ war nur der Anfang. Der IBM-Computer lehrte vor kurzem menschliche Kandidaten in der amerikanischen Quizshow „Jeopardy“ das Fürchten. Maschinen wie „Watson“ werden immer schneller. Und eines Tages werden sie so rasant rechnen, dass sie an die Intelligenz des Menschen heranreichen, um sie schließlich zu übertreffen. 2045 wird es so weit sein. Es ist das Jahr, in dem Mensch und Computer verschmelzen, in dem das Gehirn in einen Rechner umzieht und das Bewusstsein in Software verwandelt wird, in ein gigantisches Rechnerprogramm. Es ist das Jahr, von dem an wir unsterblich sein werden und einer kosmischen Zukunft entgegengehen. Es ist das Jahr der „Singularität“. Zugegeben, diese Zukunftsvision passt eher in einen Science-Fiction-Film. Aber sie hat in Ray Kurzweil, 63, einen prominenten und erfolgreichen Fürsprecher. Kurzweil ist – eigentlich – kein Spinner. Er hat sich als Erfinder und Unternehmer einen Namen gemacht und als Software-Pionier bei der Sprach- und Mustererkennung durch Computer Bahnbrechendes geleistet. Wirklich berühmt geworden ist „der radikalste Futurist auf Erden“, so das Magazin „Rolling Stone“, aber mit der Idee der „Singularität“. Der Begriff ist aus der Astrophysik entlehnt und bezeichnet hier das Zentrum eines Schwarzen Lochs, in dem die normalen Gesetze der Physik keine Gültigkeit mehr haben. Bei Kurzweils Singularität verändert sich nicht die Physik. Sondern die grundsätzliche Vorstellung von dem, was ein Mensch ist und was ihn ausmacht. Kurzweil hat damit kein Problem. Jeden Tag schluckt er Unmengen an Vitaminen und Pflanzenextrakten, um seinen Körper jung zu erhalten und das Jahr 2045 noch zu erleben. Er ist zusammen mit Firmen wie Google und Nokia Mitbegründer einer Universität für Singularität. Viele „Singularianer“ stammen aus der IT-Szene, sind Programmierer oder Software-Unternehmer. Singularität, sagen Kritiker, ist eine Techno-Religion. Eine Heilslehre für Nerds. „Ein Mensch ist ein Software-Programm“, lautet Kurzweils Credo. Eine Datei. Und die mag so groß sein wie sie will, eines Tages passt sie in einen Rechner. Aus natürlicher wird künstliche Intelligenz. Kurzweil ist stolz auf seine Fähigkeit, gute Prognosen zu stellen – ein Talent, das ihm Microsoft-Gründer Bill Gates ausdrücklich bestätigt hat. Wesentliches Fundament seiner Vorhersagen ist das exponenzielle Wachstum der Rechnerkapazität. Das heißt, dass die „Intelligenz“ des Computers nicht Schritt für Schritt „linear“ wächst, sondern sich in einem bestimmten Zeitabschnitt verdoppelt. Bisher hat sich diese Annahme als zutreffend erwiesen. 2015 werde die globale Computerpower die eines Maus-Gehirns übertreffen, 2023 die eines menschlichen Denkorgans, 2045 die aller menschlichen Gehirne, sagt Kurzweil. Aber mit Rechenkraft allein ist es nicht getan. Bevor man den Inhalt des Gehirns in Bits umwandelt, muss man verstehen, wie es aufgebaut ist und wie es arbeitet, man muss es also von Grund auf neu konstruieren, Baustein für Baustein. Kurzweil glaubt, dass es nicht so komplex ist. „wie von manchen Theoretikern behauptet“. Er weigere sich, „vor dem Mysterium des menschlichen Gehirns auf die Knie zu fallen“, kommentiert das Magazin „Time“. Als Beispiel nennt Kurzweil das menschliche Genom, dessen Information wiederum dem Informationsgehalt des Gehirns Grenzen setze. Die drei Milliarden biochemischen Buchstaben des Erbguts destilliert er zu rund 50 Millionen Bytes – möglich ist das, weil das Genom massig „überflüssige“ Daten enthält. Auch im Gehirn selbst gebe es jede Menge Wiederholungen, also stets wiederkehrende Bauformen. Etwa einen bestimmten Typ von Nervenzelle, der zehn Milliarden Mal vorkomme. Oder Billionen von Nervenkontakten, die alle nach dem gleichen Muster gestrickt seien. Wenn man die Prinzipien verstehe, nach denen das Gehirn arbeite, werde es möglich sein, es im Rechner nachzubauen. Kleiner Vorteil: Schon die gegenwärtige Elektronik sei millionenfach schneller als biochemische Informationsübertragung. Jetzt komme es darauf an, molekulare Prozesse im Gehirn ebenso wie die Arbeitsweise einzelner Nervenzellen und größerer Zellverbände zu studieren. Kurzweil wird für seine Ideen heftig attackiert, einer der schärfsten Kritiker ist der Entwicklungsbiologe Paul Zachary („PZ“) Myers von der Universität von Minnesota Morris. Myers geißelt Kurzweil regelmäßig in seinem einflussreichen Internet-Blog „Pharyngula“. Im Kern ist es der Konflikt zweier Kulturen. Auf der einen Seite ist da der Ingenieur Kurzweil, der kalkuliert und konstruiert und der die Welt für ein mathematisch exakt beschreibbares Gewebe hält. Und auf der anderen Seite der Biologe, der mit der rohen, chaotischen Wirklichkeit des Lebens konfrontiert ist, mit diffusen chemischen Reaktionen und Nervensystemen, die Informationen weiterleiten, indem sie Ionen in Salzwasser mischen. Und dann ist da die Komplexität des Lebens, etwa in den Netzwerken, in denen die Eiweißmoleküle der Zelle eingewoben sind. Es mag sein, dass ein bestimmter Typ Nervenzelle milliardenfach vorkommt. „Aber jede dieser Zellen ist so einzigartig wie eine Schneeflocke“, sagt Myers. Jede ist Ergebnis einer einzigartigen Entwicklung, nicht eines allgemeingültigen Programms, das nur einen entsprechenden Rechner benötigt, um zu funktionieren. Die Zweiteilung von Hardware und Software funktioniert in der Natur nicht. Beide sind eins, im Gehirn untrennbar verbunden. Das Geheimnis des Individuums ist seine unverwechselbare Entwicklung. Der Austausch des genetischen Programms mit der Umwelt lässt das Gehirn sich selbst entwickeln. Kurzweil hat die Biologie nicht verstanden, sagt Myers. Was das Verständnis des Gehirns angehe, habe man gerade erst an der Oberfläche gekratzt. Vor der Unsterblichkeit müssen noch ein paar Hausaufgaben gemacht werden.





Kontakt

Univ.-Prof. Dr. Martin Woesler

KuRe/StuFu, Prof. Literatur und Komm. in China

FEZ, E.97a, Tel. +49 2302 926-866

Email: martin.woesler@uni-wh.de

Volltext • Rando, Thomas A. "Stem cells, ageing and the quest for immortality." Nature 441.7097 (2006): 1080-1086. [pdf: https://pdfs.semanticscholar.org/3d0d/3a8eaba34e5ef755385509525555c493fd48.pdf] (Pdf-Datei schreibgeschützt, muss sich jeder selbst durch Anklicken des Links oben herunterladen.)

Stein, Hannes: „Von wegen Unsterblichkeit“, Welt (11.5.2017) https://www.welt.de/print/welt_kompakt/kultur/article164429556/Von-wegen-Unsterblichkeit.html Kultur Von wegen Unsterblichkeit Von Hannes Stein | Veröffentlicht am 11.05.2017 | Lesedauer: 6 Minuten Aufregung in New York: Das Metropolitan Museum zeigt eine glanzvolle China-Ausstellung – und feuert den Direktor Er war der erste Kaiser von China, und er träumte von der Unsterblichkeit. Qin Shi Huang Di war in die „Zeit der streitenden Reiche“ hineingeboren worden, in der sieben Staaten um die Vorherrschaft in China kämpften; sein Heimatstaat Qin – gesprochen „Chin“ – besiegte die sechs anderen und eroberte sogar noch weiteres Territorium dazu; damit war China zum ersten Mal geeint. Hinterher war der erste Gottkaiser von Qin (er erfand diesen Titel übrigens selber) vor allem damit beschäftigt, mit der Kutsche durch sein frisch gegründetes Reich zu fahren und sicherzustellen, dass auch wirklich alle seine Herrschaft anerkannten. Eine Nachbildung dieser Kutsche sehen wir in einer spektakulären Ausstellung, die gerade im Metropolitan Museum of Art zu sehen ist („Age of Empires“, bis 16. Juli). Außerdem sehen wir lebensgroße schweigende Terrakottakrieger, die schließlich in der Nähe seines Grabes die Wache hielten. Solche Figuren hat es in der chinesischen Kunst vorher nicht gegeben; deshalb fragen sich manche Experten, ob vielleicht Chinesen hellenistische Skulpturen zu Gesicht bekommen haben, sie schön fanden und sagten: So etwas können wir auch. Jedenfalls müssen wir uns einen Kaiser vorstellen, der mit seiner Kutsche durch die chinesische Landschaft rattert – auf einem Bild sehen wir ihn als Kerl mit eng gestellten Augen, Bart und einem fleischigen Unterkiefer, kein angenehmes Gesicht. Und dieser Machtmensch schafft durch zwangsweise verordnete Reformen ein neues Volk, das es vorher nicht gab, die Chinesen. Er verordnet ihnen eine einheitliche Währung, einheitliche Maße und Gewichte und eine einheitliche Schrift, sodass von nun an er alle politischen Debatten im Land kontrollierte. Und er ließ eine Mauer errichten, um sein totalitäres Reich vor den Barbarenhorden zu schützen. Außerdem suchte er nach einem Elixier, das ihm die Unsterblichkeit sichern sollte. Anzeige

Das hat nicht ganz geklappt: Qin Shi Huang Di schluckte Quecksilberpillen, die seine Ärzte ihm als Mittel gegen den Tod verschrieben hatten, und starb prompt an Quecksilbervergiftung; das war am 10. September des Jahres 210 vor Christus. (Kleiner Zeitabgleich: Auf einem anderen Kontinent stand die römische Republik kurz vor ihrem Zweiten Punischen Krieg.) Sein Kanzler Li Si beschloss, den Tod des Kaisers möglichst lange geheim zu halten, damit kein Chaos ausbrach. Also fuhr die Kutsche mit seinem verrottenden Körper weiter durch China – vor ihr und hinter ihr fuhren Wagen mit verfaulten Fischen, um den Geruch zu überdecken. Aber es kam am Ende doch zu Chaos und Bürgerkrieg; die Qin-Dynastie hielt gerade mal 15 Jahre. Dann ergriff ein General namens Liu Bang die Macht, erklärte sich zum nächsten „Huang Di“ (Gottkaiser) und begründete eine Dynastie, nach der sich die größte ethnische Gruppe in China bis heute benennt. Die Han machten einfach da weiter, wo der erste Kaiser aufgehört hatte. Sie eroberten noch ein paar Provinzen dazu; sie behielten die einheitlichen Maße und Gewichte und die einheitliche Sprache bei. Das Reich wurde von chinesischen Gentlemen verwaltet, die die Maßstäbe der konfuzianischen Ethik verinnerlicht hatten. Allerdings kreierten die Han keine lebensgroßen Terrakottakrieger mehr. Stattdessen schufen sie Nachbildungen von Tieren – Hühnern, Ziegen, Schweinen aus Bronze, die so lebendig wirken, dass man sie im Metropolitan Museum förmlich gackern, mähen und grunzen hört. Doch auch die Han waren wie besessen von der Suche nach der Unsterblichkeit: Das vielleicht spektakulärste Objekt in dieser Ausstellung sind 2000 Jadeplättchen, die mit Goldfäden zusammengenäht wurden, um den Leichnam der Han-Prinzessin Dou Wan abzudecken und ihre Seele zu bewahren. Nun liegt sie in ihrer Vitrine wie ein Besucher von einem fremden Stern, der im nächsten Moment aufstehen und uns eine erstaunliche Botschaft verkünden wird. „Age of Empires“ ist eine jener großen epischen Ausstellungen, wie sie vielleicht nur das Metropolitan Museum of Art zustande bekommt; 160 Objekte wurden dafür aus 32 chinesischen Museen zusammengetragen. Berührend wirkt das Objekt, mit dem die Ausstellung schließt – ein vergoldeter Bronzespiegel, auf dessen Rand zu lesen steht: „Möge das Königreich der Mitte friedlich und sicher sein und von Generation zu Generation gedeihen, indem es dem großen Gesetz folgt, das alles regiert.“ Allerdings hat diese große Ausstellung auch ihre eigene bittere Ironie; denn das Metropolitan Museum hat gerade mit ganz realen dynastischen Schwierigkeiten zu kämpfen. 31 Jahre lang – von 1977 bis 2008 – wurde diese New Yorker Institution nach Art eines gut gelaunten Monarchen von Philippe de Montebello geführt, dem Spross einer französischen Adelsfamilie, die in der Résistance kämpfte. Unter de Montebello verdoppelte das Museum seine Ausstellungsfläche und erwarb viele private Sammlungen. Gleichzeitig war de Montebello elitär, ohne sich dessen im Geringsten zu schämen, und pfiff auf moderne Museumspädagogik. Dann wurde am 1. Januar 2009 Tom Campbell sein Nachfolger: ein 46-jähriger schmächtiger Engländer mit Brille und sanfter Stimme, der in seinen dunklen Anzügen immer ein bisschen wie ein Schuljunge aussah. Bis dahin hatte er als Kurator für Wandteppiche gearbeitet, außerhalb des Metropolitan Museum kannte diesen sympathischen Mann also kaum jemand. Campbell wurde Museumsdirektor, als die Finanzkrise gerade am schlimmsten war; und er schien sie gut zu bestehen. Es fing damit an, dass Leonard Lauder dem Museum kubistische Kunst im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar stiftete. Dann verabschiedete Campbell mehrere der alten Kuratoren, die seit Jahrzehnten dort gearbeitet hatten, in den Ruhestand. Er ließ eine Museums-App und ein neues feuerrotes Logo entwickeln (leider war es ziemlich scheußlich, aber sei’s drum). Er sorgte dafür, dass 375.000 Bilder der Museumsbestände honorarfrei ins Netz gestellt wurden. Nachdem das Whitney Museum sein neues Quartier bezogen hatte, übernahm das Metropolitan Museum das hässlich-imposante Breuer Building an der Madison Avenue; seit 2016 sind dort exzellent kuratierte Ausstellungen über zeitgenössische Kunst zu sehen. Anders und kürzer gesagt: Tom Campbell ließ das Museum expandieren, und er erklärte explizit, dass auch alles Moderne und Neue zu seinem Reich gehörte. Der jüngste Plan war, jenen Trakt im Stammhaus an der Fifth Avenue, der die moderne und zeitgenössische Kunst beherbergt, um- und auszubauen: Das Metropolitan Museum sollte endlich wieder auch vom Central Park aus zugänglich sein. 2020, so war es versprochen, würde der Umbau fertig sein. Daraus wird nun nichts, die Neubaupläne sind gestoppt – und Tom Campbell wurde von seinem Posten als Museumsdirektor entlassen. Denn all seine Siege erwiesen sich als Pyrrhussiege; das Museum hatte unter ihm 40 Millionen Dollar pro Jahr verloren. (Mittlerweile soll der Verlust auf 15 Millionen pro Jahr gemindert worden sein.) Die Regentschaft von Tom Campbell währte also noch kürzer als die Qin-Dynastie. Gesucht wird jetzt ein ehrgeiziger Chef, der nicht nur träumen, sondern auch rechnen kann – ein neuer Kaiser, der am Metropolitan Museum so etwas wie eine Han-Dynastie begründet. Möge das Königreich der Mitte friedlich und sicher sein und von Generation zu Generation gedeihen, indem es dem großen Gesetz folgt, das alles regiert. © WeltN24 GmbH. Alle Rechte vorbehalten.