Jing Shanhai/de/Part 11
Durch Berge und Meere — Teil 11
Wu Xiaohao betrachtete ein Exponat nach dem anderen, ganz versunken, bis Liu Dalou sie darauf hinwies, dass es schon halb zwölf sei. Da erst riss sie sich los. Generaldirektor Xin lud sie zum Essen in der Firmenkantine ein; sie lehnte entschieden ab. Sie sagte: „Reden wir nicht übers Essen — reden wir über eine Idee, die mir gerade gekommen ist. Generaldirektor Xin, Kurator Sun Wei — ich stelle bei euch beiden einen Antrag: Wenn ich in Rente gehe, möchte ich eine Forscherstelle im Museum bekommen und eine ‚Geschichte der Fischerei von Yucheng' schreiben. Was sagt ihr dazu?"
6 (ACHTUNG: ZEILE FEHLT — BITTE IN PDF-DATEI PRÜFEN) Auf Wu Xiaohaos Schreibtisch lag ein Stapel Manuskripte und ein Haufen USB-Sticks mit dem Titel „Kaipo-Erinnerungen". Nachdem sie das Projekt im vergangenen Jahr angestoßen hatte, hatten die Dörfer gebildete Leute beauftragt, mit den Ältesten zu sprechen; nach und nach waren Tonaufnahmen und Texte bei der Kulturstation eingegangen. Guo Mo leitete alles an Wu Xiaohao weiter, die es anhörte und las, wann immer sie Zeit fand.
Am liebsten hörte sie die Aufnahmen. Alte Männer und Frauen erzählten mit ihren vom Leben gezeichneten Stimmen von früher — Dorfgeschichte, Familiengeschichte, persönlich Erlebtes — als würde die Zeit zurückfließen. Wu Xiaohao war manchmal bestürzt, manchmal ergriffen.
Eine alte Frau erzählte: Als sie acht war, ging ihr Vater im Winter aufs Meer, das Boot kenterte im Sturm, und man fand seinen Leichnam dreißig Li entfernt am Strand — in kniender Haltung, zu Eis erstarrt. Zu Hause konnte man ihm kein Totengewand anziehen, ihn auch nicht flach in den Sarg legen; so kniete er im Sarg, das Gewand übergeworfen, und bei der Beerdigung ließ sich der Deckel nicht schließen — er blieb offen. An dieser Stelle weinte die Alte so sehr, dass sie nicht weitersprechen konnte, und auch Wu Xiaohao kamen die Tränen.
Ein alter Kapitän erzählte: Als junger Mann sei er im ersten Monat in die Bohai-Bucht zum Fischfang gefahren. Nachts kam plötzlich ein scharfer Nordwind, bitterkalt; viele Boote froren auf dem Meer fest. Am Morgen, als die Sonne schien, glänzte die Meeresfläche, und Boot um Boot stand wie eingefroren da — als wäre die ganze Welt erstarrt. Noch heute schaudere ihn bei der Erinnerung. Wu Xiaohao stellte sich das gespenstische Bild vor, und auch ihr Herz zitterte.
Eine alte Frau erzählte: Früher gab es keine Familienplanung. Kaum verheiratet, wurde eine Frau schwanger. Sobald man ein Kind abgestillt hatte, trug man schon das nächste unter dem Herzen. Sie hatte acht Kinder geboren, war von den Strapazen krank geworden und wollte unbedingt aufhören — da war schon wieder ein neuntes unterwegs. Sie hatte gehört, dass man eine Eidechsenleber und eine Schlangenhaut zerreiben, mit Schnaps zu einem Brei anrühren und auf den Bauchnabel kleben könne, um abzutreiben.
Also fing sie draußen Eidechsen und sammelte Schlangenhäute — und es wirkte tatsächlich. Das Kind ging ab, sie verlor eine große Blutlache; dann wischte sie sich ab und ging wieder Mehl mahlen und Pfannkuchen backen, als wäre nichts geschehen. Es ging nicht anders — die ganze Familie wartete aufs Essen … Als Wu Xiaohao das hörte, trauerte sie lange um diese Frau und um die Generation ihrer Mutter.
Mit jeder Erzählung wurde ihr deutlicher, wie wertvoll diese mündliche Geschichte war. Die Jungen strömten in die Stadt, waren nie bei den Alten; selbst wenn, hatte kaum einer Geduld für diese alten Geschichten. Wenn die Alten starben, würden all diese Erinnerungen mit der Einäscherung ihrer Leiber zu einem Rauchfaden verglühen. Also musste man jetzt dringend retten, was zu retten war — die Erinnerungen dieser Generation festhalten, den Historikern urtümlichstes, wahrheitsgetreues Material liefern, den Nachkommen zeigen, was diese Menschen erlebt hatten und welche Spuren ihre Epoche hinterließ.
Viele verstanden das Projekt nicht — selbst Sekretär Fang sagte: Wozu den alten Kram aufwärmen? Das bringt den Leuten kein Einkommen. Stellvertretender Sekretär Chi Jiagong lästerte sogar hinter ihrem Rücken: „Wu Xiaohao hat an der Uni Geschichte studiert und betreibt als Bürgermeisterin immer noch solche Dinge — das ist doch Vernachlässigung ihrer Pflichten." Wu Xiaohao hatte gezögert und daran gedacht, aufzuhören. Aber wenn sie dann die Stimmen der Alten hörte, fasste sie neuen Entschluss. Sie dachte: Wer immer man ist und was immer man tut — ein wenig historisches Bewusstsein sollte man haben. Wer keines hat, kann die eigene Zeit und das eigene Leben nicht wirklich begreifen.
Doch das Projekt kam nur schleppend voran. Nach über einem Jahr fehlte noch die Hälfte der Dörfer. Sie beauftragte Liu Dalou, Guo Mo in die Dörfer zu schicken und nachzuhaken — doch neues Material blieb aus. Wu Xiaohao wurde wütend und rief Guo Mo direkt an.
Guo Mo kam. Sie war abgemagert, blass, niedergeschlagen. An der Tür stehend sagte sie: „Frau Bürgermeisterin, es tut mir leid — der Mann meiner Cousine ist gestorben, ich hatte keine Zeit für die ‚Kaipo-Erinnerungen'." Wu Xiaohao fragte: „Wann ist dein Schwager gestorben?" — „Vor zehn Tagen." — „Vor zehn Tagen — da dürfte er doch beerdigt sein? Wie kann das deine Arbeit behindern?" Guo Mo sagte: „Es war kein natürlicher Tod. Ich bin ziemlich sicher, dass Mu Pingchuan ihn umgebracht hat — Zeugenbeseitigung."
Wu Xiaohao erschrak: „Was? Zeugenbeseitigung? Guo Mo, setz dich und erzähl in Ruhe."
Guo Mo setzte sich, ihre dünnen Brauen zu umgekehrten Achten verzogen, die Lider gesenkt. Lange zögerte sie, dann sagte sie mit entschlossenem Gesicht: „Dann erzähle ich. Bürgermeisterin, meine Cousine ist seit Tagen halb wahnsinnig — ich bin dauernd bei ihr, kann mich nicht einmal um meine Kinder in der Stadt kümmern, meine Schwiegermutter musste einspringen. Gib mir einen Rat — was soll ich tun?"
Dann erzählte sie die Geschichte ihrer Cousine. Jü Lianlian sei fünf Jahre jünger, sehr hübsch. Vor zwei Jahren habe sie bei der Shenfu-Gruppe angefangen, am Fließband Fischfilets geschnitten — den ganzen Tag in wattierten Jacken bei null Grad, bis ihre Hände aufplatzten. Eines Tages wurde sie plötzlich ins Firmenbüro versetzt. Später erfuhr Guo Mo: Mu Pingchuan hatte einen Untergebenen beauftragt, ihm hübsche junge Frauen zu suchen — Lianlian wurde ausgewählt. Am dritten Tag vergewaltigte Mu Pingchuan sie. Danach wollte Lianlian zur Polizei gehen, aber sie wollte auch nicht zurück in die Fischverarbeitung — und schwieg. Sie hörte Mu Pingchuan sagen, höchste Stellen schützten ihn — da traute sie sich erst recht nicht.
Nach einiger Zeit schickte er sie zurück an den alten Arbeitsplatz — aber nicht ans Fließband, sondern ins Prüflabor, im weißen Kittel. Er hatte eine neue Geliebte. Lianlian fand es sogar gut, von ihm loszukommen — sie wollte jetzt heiraten. Bald umwarb sie ein junger Kühlhauswächter namens Shi. Shi war ungebildet und kein guter Charakter, aber Lianlian dachte an das, was Mu Pingchuan ihr angetan hatte, und stimmte zu. Doch nach der Hochzeit fragte Shi ständig, ob Mu Pingchuan es mit ihr getrieben habe; schließlich gab sie es zu. Shi ließ sie eine schriftliche Erklärung mit Fingerabdruck anfertigen und rief dann Mu Pingchuan an: Er habe Shis Frau vergewaltigt und solle ihn nun „entschädigen". Mu Pingchuan fragte: „Wie?" Shi sagte: „Ich will Leiter einer Tochterfirma werden." Mu Pingchuan sagte: „Die Führungsriege besteht aus ‚vier Balken und acht Säulen' — vier Vizedirektoren und acht Filialleiter. Die sind alle besetzt — soll ich für dich eine neunte Säule erfinden?" Shi beharrte: „Mir egal ob acht oder neun — ich will Filialleiter werden." Mu Pingchuan sagte: „Warte erst mal — hier ein Trostpflaster." Und gab ihm dreißigtausend Yuan. Shi kaufte ein schönes Auto und gab Ruhe — blieb Kühlhauswächter.
Doch dieses Jahr — im Zuge der landesweiten Kampagne gegen organisierte Kriminalität — forderte Shi erneut eine Beförderung und drohte: Er kenne zahlreiche Verbrechen Mu Pingchuans, darunter den Auftragsmord an einem aufmüpfigen Mitarbeiter; wenn seine Forderung nicht erfüllt werde, gehe er zur Polizei. Lianlian hatte Todesangst und flehte ihn an aufzuhören — vergeblich. Sie bat Guo Mo um Hilfe; auch Guo Mo redete auf Shi ein, aber er beharrte. Lianlian sagte: Er rennt ins offene Messer.
Und tatsächlich: Vor zehn Tagen kam Shi nach der Nachtschicht nicht nach Hause; sein Handy war tot. Am nächsten Morgen teilte die Firma mit: Shi habe sich aus unerfindlichen Gründen nach Feierabend im Kühlhaus eingeschlossen und sei erfroren. Lianlian eilte hin — Shi hockte in einer Ecke des Kühlhauses, weiß und starr wie eine Eisskulptur. Seltsam: Sein Handy war verschwunden. Lianlian verstand: Mu Pingchuan hatte ihn umgebracht. Sie rief Mu Pingchuan an und fragte, wie die Sache geregelt werde. Mu Pingchuan sagte, dieser Arbeitsunfall schmerze ihn zutiefst; er werde umgehend Entschädigung schicken. Noch am selben Abend brachte jemand eine Styroporkiste für Meeresfrüchte — darin eine Million Yuan in bar. Lianlian dachte, Shi sei tot, und mit dem Geld könne sie weiterleben; sie benachrichtigte seine Familie. Die kam, weinte, verlangte dann Geld — Lianlian musste die Hälfte abgeben. Nach der Beerdigung bereute sie es zutiefst: Sie hätte damals, als Mu Pingchuan sie vergewaltigte, sofort Anzeige erstatten sollen. Stattdessen hatte sie Shi geheiratet, die Schande zugegeben, und Shi — angestachelt davon — hatte mit seinem Leben bezahlt. Jetzt wollte sie klagen, fürchtete aber, nicht zu gewinnen. Nicht klagen war auch unerträglich. Sie stand am Rand eines Nervenzusammenbruchs.
Wu Xiaohao konnte es nicht mehr aushalten: „Wie soll sie nicht gewinnen? Mu Pingchuan tyrannisiert Kaipo seit Jahren — wenn wir ihn nicht jetzt, im Zuge der Anti-Mafia-Kampagne, zu Fall bringen, wird er weiter Unheil anrichten!" Guo Mo nickte und seufzte: „Eigentlich hätte auch ich schon längst klagen sollen. Vor zehn Jahren, als ich gerade an die Kulturstation kam, hat er mich einmal bestellt, einen höheren Beamten zu bewirten. Nachdem der gegangen war, wollte er mich nicht gehen lassen und zerrte mich aufs Sofa. Zum Glück riss ich mich los und rannte davon. Aus Angst vor seiner Macht habe ich geschwiegen — die bittere Pille geschluckt. Meine Cousine kommt aus den westlichen Bergen; ihre Freundinnen haben sie zur Shenfu-Gruppe mitgenommen. Als ich es erfuhr, warnte ich sie, vorsichtig zu sein. Sie sagte, sie stehe am Fließband und schneide Fischfilets — wie solle Mu Pingchuan ihr etwas antun? Doch sie entkam ihm nicht."
Wu Xiaohao sagte: „Rede noch einmal mit deiner Cousine — kein Zögern mehr." Guo Mo sagte: „Gut — wenn ich sie überzeugt habe, bringe ich sie zur Polizei."
Zwei Nächte später rückte eine große Polizeieinheit aus Yucheng an und umstellte lautlos die Zentrale der Shenfu-Gruppe. Über ein Dutzend Personen wurden abgeführt.