Hao Qiu Zhuan/de-murr/Chapter 13
Kapitel 13: Hasserfüllte Worte weisen den Brautpreis zurück: Verrat vertieft sich
Aus: Haoh Kjoeh Tschwen, die angenehme Geschichte. Leipzig, 1766
Hinweis: OCR-Digitalisierung. Seitenzahlen als [S. N]. Vergleich mit chinesischem Original und moderner Ubersetzung empfohlen.
Sechstes Kapitel. a) Tieh-tschong-u nahm hierauf Abschied von dem Obervisitator, und kehrete nach seiner Wohnung zurück, allwo er dem Schuey-yong alles erzählte, und ihn bath, in seinem Nahmen. feiner Gebieterinn Dank abzustatten. „Ich bin nicht im Stande, fügte er hinzu, ihr ein Geschenk zu übersenden: es würde sich auch für mich, als eine ledige Person, nicht schicken. Er gab ihm so- dann sein Pferd wieder, miethete einen Maulesel, und reisete nach der Stadt Tah-ming zurück. Wir wollen uns nun wieder zu Ku-keh-ssu fou und seiner Gesellschaft wenden. Diese hätten vor Wuth bersten mögen, daß ihnen ihr Anschlag so schlecht gelungen war. Endlich fieng Schuey- gowin an: „Wer hätte gedacht, daß dieser, junge Mensch so viel Stärke und Muth befizet?" „Dieses war nicht die Ursache, antwortete ihm fein Eidam; sondern er bemächtigte sich des Tschang-cong-ssu auf eine solche Art, daß weder er sich helfen, noch wir ihm beystehen konn ten. Allein er soll uns doch nicht entwischen. Wir wollen ihm eigene Leute nachfenden, ihm so begegnen, wie er es verdienet, und sodann eine Schrift bey dem Ngan-yuen wider ihn einges ben." Dieser Vorschlag wurde von allen gebilli- get. Der junge Mandarin Tschang versprach sogleich dreyßig Kerl zu schaffen; die andern er, a) Im Chinesischen ist es das dreyzehnte.. bothen, - bothen sich, eben so viel aufzubringen. Es waren går bald hundert beysammen; diese wurden nebst ihren Herrn von Schuey gowin angeführet, und strichen wie ein Bienenschwarm durch die Straffen nach der Wohnung des jungen Fremden. Sie årgerten fich sehr, als man ihnen sagte, daß er schon abgereiset wäre. „Das hat nichts zu bes deuten, sagte Ku-keh-ssu zu den andern: wir wollen sogleich dem Obervisitator der Provinz eine. Klagschrift wider ihn einhändigen.“ Schuey gowin machte ihm den Einwurf, daß ihr Feind aus der Provinz Pe-king, und folglich der Jus risdiction dieses Mandarins nicht unterworfen wåre. „Wohlan dann, sprach Ku-keh-ssu und seine Gehülfen, wir wollen alle mit einander eine Schrift auffeßen, und ihn in derselben anklagen, daß er einen Aufruhr b) habe erregen wollen. Hier durch b) Es giebt in China eine gewiffe Secte, fo Pe liens Ejao genannt wird, und aufrührische Grundsäge hdget. Diese gottlose Sectirer suchen die Regimentsverfassung umjustoßen. Sie erwählen mit zauberischen Ceremo nien einen unter ihnen zum Kaiser, und theilen die vor- nehmßen Reichswürden unter sich aus. Sie schwören einigen Familien den Untergang, und halten sich so lange verborgen, ´bis sich ein Aufstand des Volks eräuyet; da sie sedann nicht säumen, die Anführer der Rebellen zu seyn. China is wegen seiner Größe, außerordentlichen Menge Einwohner, und öftern Theurung an Lebensmitteln, der gleichen Aufruhren sehr unterworfen; zumal da desen Militarwesen eben nicht nach preußischem Fuße, sondern sehr schlecht ist; so daß öfters Leute von der niedrigsten Her durch werden die Mandarinen einer jeden Proving berechtiget seyn, ihn gefangen zu nehmen. Der Ngan-yuen muß einen Bericht nach Hofe da- von abstatten, wohin wir eine Nachricht an unsere Våter und Freunde überschreiben wollen. Auf folche Weise werden wir ihn bald übermeistern können, so herzhaft er sich bisher uns widerseßet bat." Dieser Vorschlag ward von allen gebilliget, Sie feßten eine Bittschrift auf, welche Schuey- gowin als ein Zeuge siegelte, und reiseten unver züglich nach der Stadt Tong-tschou. Als sie sahen, daß Audienzzeit sey, erschienen sie alle vor dem Tribunal des Obervisitators. Dieser nahm ihre Bittschrift an, und befahl allen abzutreten, bis auf Schuey - gowin. „Diese Anklage, sprach er, enthält eine wunderliche Erdichtung eis nes Aufruhrs, die Tieh- tschong-u in dieser Ge- gend unternommen haben soll. Wenn er eine so gefährliche Person ist, warum suchtet ihr denn seine Gesells Herkunft in dltern Zeiten sich auf den Thron geschwun gen haben. Wenn man nicht bey Zeiten dem geringsten Aufstande widerstehet, so ist zu befürchten, daß sich die Bösen, die Mißvergnügten, und die Armen dazuschlas gen, und eine fürchterliche Menge ausmachen können. Die Mandarinen müssen daher sehr wachsam auf alles seyn, was nur den geringsten Funken eines Aufruhrs geben kann, weil solcher sich gar bald durch das ganze Reich ausbreiten könnte. Semedo, S. 91. Lettres édifiạn. tos, T. 27. p. 344. Du Salde, 3 Th. S. 23 leg. Haoh: Kidh Tschwen.
- Gesellschaft selbst, und bathet ihn sehr, Wein
mit euch zu trinken? Ließ er unter währendem Trinken, oder nachher bey dem entstandenen Lår- men und Schlågerey, seine Absicht merken, einen Tumult oder Aufruhr in der Stadt anzuspinnen ?“ Schuey-gowin wußte nicht, was er dem Ngan- yuen antworten sollte, da er fand, daß er ihn fo nachdrücklich fragte, und schwieg stille. „Ihr feyd ein fehr schlechter Mensch, sagte der Manda, rin; ich weis die Sache vollkommen, und wenn ihr nicht selbst alles haarklein gestehet, so will ich euren Fingern die Kjah-kuhn, oder Torturståbe anlegen lassen.“ Schuey-gowin furchte sich sehr, als er den Ngan yuen so zornig fah. „Herr, sprach er, es ist wahr, daß er mit den andern trank.“ „Gut, verseßte der Mandarin, v wenn ihr alle mit einander getrunken habt, so`muß ich euch auch alle für gleich strafbar halten; ja es ist wahrscheinlicher, daß ihr fünf mit einander aufrührische Anschläge wider die Stadt håget, als daß er allein ein so gottloses Unternehmen wagen follte." „Vater des Volks, sprach Schuey- gowin, Ku-keh-ssu lud diesen jungen Fremden aus Höflichkeit zu sich; da er sich betrunken hatte, fam fein Geheimniß an den Tag. Nichts konnte ihn besänftigen; er stieß die Tafel um, und foch, te kreuzweis um sich herum: er schrie, daß er sich vor tausend jungen Mandarinen nicht fürchte, und daß er ihre vier Familien vertilgen wolle, fobald er Kaiser seyn würde. Diese jungen Standes, personen geriethen in die größte Bestürzung, und baben haben deswegen ihre Klagschrift Eurer Excellenz überreichet. Sie würden dieses nicht gewaget ha- ben, wenn es nicht die Wahrheit wäre." „Ein wahrscheinliches Mährchen! rief der Ngan-yuen, daß eine einzige Person eurer vier bis fünf schlagen. und mißhandeln sollte! Nein, nein; ihr müsset nicht glauben, daß ihr mich hintergehen könnet." Herr, erwiederte Schuey-gowin, man sieht noch jezt das zerbrochene Hausgeråthe_im Zim- mer: nichts ist gewiffer, denn dieses.“ Der Man- darin fagte ihm ganz kurz: „Wie sollte ein Frem der aus einer andern Stadt einen solchen Lärmen machen, wenn er nicht durch Beleidigungen dazu gereizet worden? Habt ihr ihn in Sicherheit ge- bracht, oder mit hicher geführet?“ „Nein, gab´ Schuey-gowin zur Antwort; er war so grim- mig, wie ein Tiger: niemand konnte ihn überwäl tigen, und er enifloh, ohne daß man ihn aufhal- ten konnte. Der Mandarin ließ alles dieses durch den Schreiber des Gerichts zu Papier bringen. So- dann wandte er sich zu Schuey-gowin. „Alter Kerl, sprach er, schämet ihr euch nicht, mir sol- che Lügen vorzusagen, und euch mit jungen Böse, wichtern einzulaffen? Eure mir überreichte Bitt Gehet nach Hause, und saget den vier Söhnen der Mandarinen, daß sie von der Sache nicht ferner gedenken follen: ich weis den ganzen Verlauf derfelben beffer, als sie es vermuthen. Ich würde euch ins Gefängniß les gen, und daselbst verschmachten lassen, wenn ich schrift ist falsch. es es nicht aus Achtung für diese jungen Leute thåte; jedoch muß ich befehlen, euch zwanzig bis dreyßig Stockschläge zu geben c)." Schuey - gowin er schrack sehr über diese Drohung, und bath flehent lich, ihm in Ansehung seines Alters diese Strafe zu erlaffen, weil es seiner Ehre nachtheilig seyn würde. Eurer Ehre! sagte der erzürnte Man- darin; was habt ihr denn für eine Ehre?" „Mein Bruder, sprach er, ist der zweyte Mandarin im Kriegsoberhofgerichte.“ Wer versieht denn sein Hauswesen? fragte der Ngan - yuen. Mein Bruder, antwortete Schuey-gowin hat keinen Sohn, sondern eine " " "" che Eure Excellenz große Enge Tochter, wel> erwiesen haben." „In Ansehung ihrer will ich euch dießmal verzeis hen, erwiederte der Mandarin; aber ihr müsset mir gestehen, wer derjenige ist, der wider diesen jungen Fremden einen so unversöhnlichen Haß trås get. ,,Nicht ich, sondern Ku-keh-ssu ist es; sprach er; er ist durch diesen Fremden an seiner Absicht, meine Nichte zu heurathen, verhindert worden, und hat bisher eine heimliche Bosbeit und ein Verlangen; sich zu råchen, gehåget. In diesem Vorsage lud er ihn zu sich; ich für meine Person bin nicht im mindesten feindselig gegen den Fremden gesinnet.“ Auch diese Reden des Schuey gowin mußte der Gerichtsbediente aufs schreiben. c) Im Originale heißt es: „vier bis fünf Trachten Pan "tsee. " Eine jede Tracht Schläge bestehet aus fünf Streichen. schreiben. Er gab ihm die überreichte Bittschrift wieder zurück, und deutete ihm an, den jungen Mandarinen zu sagen, daß sie ihrem Studiren ob liegen, und nichts mehr von sich hören lassen soll- ten. Denn dießmal, feßte er hinzu, verzeihe ich ihnen, wegen ihrer Våter, welche sehr bestürzt seyn würden, wenn man über ihre Söhne solche Klagen nach Hofe sendete." Er Schuey - gowin verließ den Mandarin voll Freude, daß er so glücklich durchgewischet. gab den andern, so außen auf ihn warteten, ein Zeichen, daß sie stillschweigen sollten. Als sie die Bittschrift erblickten, erschracken sie, und da ih- nen Schuey - gowin von allem, was vorgefallen war, Nachricht ertheilet hatte, unterließen sie nicht, ein Scheuh puen, oder Danksagungs- billet d) dem Ngan-yuen zu übersenden, weil 3 3 T er d) Ein Complimentenbillet heißt in China Tie, oder, wie es eigentlich geschrieben werden muß, Tje (ein Papier). Es ist dieses Tie, wenn es bey Visiten gebrauchet wird, entweder på rje, (adorationis papyrus) oder Sjwens tje (perfectum tie) das erstere wird bey Personen glei- ches Standes; das leştere aber bey sehr hohen Manda- rinen gebrauchet. Tje-tsee heißt ein Complimentenbil- let überhaupt. Bey Einladungen sind wieder zweyerley Tje gewöhnlich: Tan-tje, (humilitatis papyrus) und thventje; (perfectae humilitatis papyrus) das erstere ist nicht so demüthig, als das lektere. Das Scheul- ´puen, oder manu propria, so in schwarzes Papier einge- wickelt wird, hat bey Danksagungen statt, wenn es vor- nehme Personen sind, die es absenden. Alle diese Billete " müssen, er so gütig gegen sie gewesen, und kehreten bes schåmet wieder nach der Stadt Tsi-nan zurück. Kuz müssen mit kleinen Charakteren geschrieben seyn, wenn fie ehrerbietig aussehen sollen. Die Chineser schreiben nicht mit Federn, sondern mit Pinseln, so gemeiniglich von Kaninchenhaaren verfertiget werden. Sie halten sie nicht schräg, sondern senkrecht', als wenn sie das Pa- pier durchstechen wollten. "Sie schreiben ihre Wörter weder von der linken zur rechten Hand, wie wir, noch von der rechten zur linken, wie die Hebrder; sondern in Louter Perpendikularlinien, da ein Charakter unter dem andern siehet, und welche allemal von oben an gelesen werden. Sie schreiben diese Linten von der rechten zur linken, und ihre Bücher sind alle, wie die hebrdischen, oder aratischen, nämlich von hinten, in Ansehung unse= rer Bücher, zu lesen. Das chinesische Papier wird nicht von Seide, wie viele glauben, sondern von der innern Rinde des Bambusrohrs und anderer Bäume, gemacht. Sie schrieben zuvor auf Baumrindenblättern. Das Pà- pier wurde unter der Regierung des Kaisers Ven-ti I, aus der Dynastie Han, ohngefähr 140 Jahre vor Chrifft. Geburt, erfunden. Das gewöhnlichste Papier ist dasje- nige, fo-aus der Kinde des Baums Tschu - ku verferti: ger wird. Es giebt eine Art Papier, dessen Bogen wohl drey bis fünf Tschang, oder 30 bis 50 Schuh lang ift. Gemeiniglich ist es 12 bis 14 Fuß lang. Am dußersten Ende einer Vorstadt von Pe-king liegt eine besondere Manufaktur, wo das alte und abgenuste Papier aufs neue umgearbeitet wird. Die Dinte der Chineser (Me) wird aus dem Kienruß gemachet, den sie hauptsächlich vom Fichtenholze, und vom Oel, so sie brennen, zube: reiten. Sie mischen etwas wohlriechendes darunter, das jenem a Ku-keh-ssu konnte dennoch nicht überredet wer- den, seine Rache, und fernere Anschläge wegen Schuey ping fin aufzugeben: er faßte viel mehr den Entschluß, in beyden Stücken fortzu- fahren, und f eine vertraute Person ab, sich nach Tschonki zu erkundigen, den er einige Zeit zuvor nach Pe-king abgefertiget hätte. Tschonki war eilfertig nach Hofe abgereis set, allwo er dem Staatsminister Ku-scho-ssu das Schreiben seines Sohnes überreichte. Der Mandarin las daffelbe, und führte ihn auf die Seite in seine Bibliothek. Er ließ Tschon-fi niedersehen, und fragte ihn wegen der Heuraths vorschläge seines Sohnes mit Schuey-ping-fin. „Ihr jenem den unangenehmen Geruch benehmen muß. Aus diesen machen sie einen Teig, den sie in allerhand For men bringen können. Die beste Dinte wird in der Stadt Soetticheu in der Provinz Riang-nan schon feit 800 Jahren gemacht. Das Dintenfaß der Chineser bestehet aus einem polirten Marmorstein, (Twan- sche) der auf beyden Seiten eine Höhlung hat, darinn-Wasser befindlich ist. Darein tunken sie ihre Stangen Dintej und reiben sie auf dem glatten Marmor. Pinsel, Pa pier, Dinte, und Marmor heißen bey ihnen Ssee paol, die vier köftlichen Dinge. Die Buchdruckeren ist seit undenklichen Zeiten ben ihnen im Gebrauche gewesen, deren Art und Weise du Halde beschreibet; 2 Th. 284 feq. 292 feq. ibid. S. 128. Gatterers Universalhi- Horie, 2 B. S. 14, 322, 335, 338. Lettres édifiantes, T. 21, p. 129. Fourmont Gramm. finica, p. 275, 277, 296, 299. Ueberse "8 Ihr Vater, sprach er, ist anjeßt in Ungnaden. Diese Heurath ist nicht rathsam, da wir zu einem so bohen Range im Reiche erhoben worden.“ „Dieses junge Frauenzimmer, versehte hierauf Tschon-ki, besiget so wohl am Gemüthe, als an ibrer Person ganz außerordentliche Vollkommens heiten, und ist von einer solchen Sittsamkeit, die ihres gleichen nicht hat. Es ist keine in der Welt zu finden, die ihr gleich käme. Dero Sohn_bat daher diefer Ursachen wegen geschworen, sie ents weder mit Güte öder mit Gewalt zu heurathen." Ku-scho-ssu lachte hierüber. „Ich befürchte, sprach er, daß mein Sohn sehr einfältig ist. Wenn er sie beurathen wollte, so dürfte er es ja nur dem Tschi fut, und dem Tschi-hien, den Våtern der dortigen Gegend, offenbaren. Diese würden die Heurath für ihn ganz gut zu stande gebracht has ben. Er hat gar nicht Ursache, deswegen nach Hofe zu senden. Ihr hattet viele Mühe und Be- schwerlichkeit, so weit hieber zu reisen, und den- noch würde es für mich noch mühsamer seyn, in die Tartaren außerhalb der großen Mauer zu sen- den, und um die Einwilligung ihres Vaters zu bitten, wie er von mir verlanget." „Er unter- ließ nicht, sich deswegen an den Tschi-fu und Tschi-hien zu wenden, erwiederte Tschon-fi; er wandte alle Mittel an, sie zu gewinnen; allein ste wußte ouf eine feine Art und durch List allemal feine Absichten zu vereiteln. Eure Excellenz kön, nen versichert seyn, daß nicht nur der Tschi-fu und Tschi-hien, sondern auch der Ngan-yuen Felbst, selbst, so Dero Schüler e) war, einen Versuch that, diese Heurath zu stande zu bringen. Allein ste wußte diesen Mandarin so zu hintergehen, daß er einen Befehl ertheilte, sie nicht im mindesten mehr wegen einer Heurath zu beunruhigen. Da nun ein so mächtiger Mandarin fich fürchtet, sie zu beleidigen, so ist es kein Wunder, wenn sich niemand ihrem Hause zu nähern getrauet. Kus Feb e) Die Stelle eines Hofmeisters oder Privatlehrers ist in China sehr ansehnlich, und viele, so nachher zu den höch ften Ehrenstellen gelangen, beschäftigen sich in ihrer Ju gend mit Unterweisung vornehmer Söhne, zumal weup fie nicht viel Mittel vom Hause, oder viele Nebenstunden haben. Die Aeltern unterhalten sie, machen ihnen Ge- schenke, erzeigen ihnen große Ehrerbietung, geben ihnen den Vorrang, oder die linke Hand, und nennen sie Sju sing, unser Lehrer. Sie unterweisen nicht nur ihre Un- tergebenen im Lesen, Schreiben, u. d. m. sondern sie leisten ihnen auch Gesellschaft, und suchen ihr Herz zu bilden. Sie geben ihnen in der Geschichte, in den Ge- feten, und auch in den Gebrauchen, 1. B. ben abzustat tenden Besuchen, Unterricht, weil die Ceremonienwissen- schaft ben ihnen unter die wichtigen Gegenstände eines jungen Menschen gerechnet wird. Diese Schüler halten ihre Lehrer in den größten Ehren für ihre Sorgfalt und Bemühungen; bücken sich viermal vor ihnen, wie vor ihren Aeltern, nennen sie niemals Sie, sondern allemal mein Vater, mein Lehrer, und hågen lebenslang die zärtlichste Hochachtung für sie. Semedo, S. 36, 59, 63. Du Halde, 2 Th. S. 304 feq. finica, S. 78. Fourmont Grammat.
keh-ssu hat, also keine andere Zuflucht, als eure Excellenz." Der Staatsminister wunderte sich über die Erzählung des Tschon-ki. „Ich sehe, sprach er, daß mein Sohn dieses junge Frauen- zimmer wegen ihres feinen Verstandes so sehr be wundert und hochschäßet; allein Schuey-ku- yeh, ihr Vater, ist ein unbiegsamer Mann: wenn er etwas nicht ganz von Herzen billiget, so kann ihn nichts von seinem Entschlusse abwendig ma- chen. Ich bin auch nicht sonderlich mit ihm be- kannt. Er macht nicht viele Umstånde, und man gieng nicht gerne zu ihm, wenn er Audienz gab, oder sein Amt verwaltete, weil man wußte, daß er niemand durch die Finger sah. Er hat diese einige Tochter, und ich erinnere mich, daß ich einsmals ihn um sie ansprach; es war aber um- sonst. Jedoch will ich einen Versuch wagen, ob er vielleicht anjeßt in seinem Unglücke gefälliger ist, und feine Einwilligung ertheilet. fr. Dieses muß aber mit allen gewöhnlichen Ceremonien geschehen. Ein Freund muß zuvor die Sache anbringen und einfädeln: sodann müssen wir ihm ein Geschenk übersenden. Nur ist noch eine Schwierigkeit übrig. Er ist wenigstens zweyhundert Meilen von uns entfernet, und ich kann keinem Mandarin zumu- then, so weit zu reisen. Es ist am besten gethan, wenn ich einen Brief an ihn schreibe, und euch er- suche, ihm demselben nebst dem Geschenke zu über- | bringen." Tschon-ki versicherte ihn, daß er die- ses mit der größten Bereitwilligkeit ausrichten wol- le.„Ich kann auch, fügte er hinzu, an andere große große Mandarinen daselbst, wo er sich aufhält, Briefe mitnehmen, damit ihn dieselben überreden.“ „Ihr habt recht,“ sprach der Mandarin. Er ers wählte einen glücklichen Tag, und fandte ihn mit den Sendschreiben nach dem Aufenthalte des Schuey-ku-yeh ab. Siebentes Kapitel. ie Sache dieses Mandarins verhielt sich also. So bald Schuey-ku-yeh erfuhr, daß ein Krieg mit den Tartarn ausgebrochen, und daß kein tapferer Mann zu finden sey, der die Soldaten ans führe, ließ er eine Person aufsuchen, die zur Stels le eines Befehlshabers tüchtig wäre, und fand unter den Leuten feines Tribunals a) einen Mann, fo a) Alle hohe und niedere Kriegsbedienten in China stehen unter dem Kriegstribunal, oder Oberhofgerichte der Waffen, welches aus gelehrten Mandarinen bestehet, und´alle Militairsachen besorget. Denn ein Soldat ist bey den Chinesern viel geringer angesehen, als ein Ge lehrter. Dieses nebst ihrer natürlichen und angebohrnen Weichlichkeit, und dem beständigen Frieden, den sie ges nießen, ist die Ursache ihrer schlechten Kriegsverfassung. Der Pater Semedo erzählet, daß es zu seiner Zeit, d. i. vor dem Einfalle der Tartarn, gewöhnlich gewesen, eis nen Gelehrten mit den Armeen zu senden, der auch selbst dem General zu befehlen hatte. Er mußte mitten unter der Armee seyn; so daß er zuweilen eine Tagreise von
- dem Schlachtfelde abwesend war, wenn der vordere Theil
des fo Hu-hiao hieß, der sich dazu anboth, und aus einer nordwestlichen Provinz gebürtig war. Der Mandarin Schuey-ku-yeh gab dem Kaiser das von Nachricht, der ihm auch diesen Posten anver "traute, weil sich sonst niemand dazu gebrauchen laffen wollte. Er verwaltete seine Stelle fo eifrig, daß er sich sogleich auf den Weg machte, die Der- ter, we Krieg war, zu beschüßen. Er nahm sich nicht einmal so viel Zeit, den Kriegsmandarinen feine Aufwartung zu machen, wie es gewöhnlich war; sondern er suchte sogleich den Feind auf. Dieses verdroß sie so, daß sie ihm nicht beystehen, und ihre Truppen nicht mit den feinigen vereinigen wollten. Er griff dennoch die Feinde an, und lieferte ihnen eine scharfe Schlacht, so einen Tag lang, mit gleichem Verluste auf beyden Seiten, dauerte. So gering dieser Vortheil war, so wur de er doch dem Kaiser durch die mißgünstigen Mandarinen noch schlechter vorgestellet, und der General Hu hiao wurde nebst dem Mandarin Schuey ku yeh abgesetet. Der erstere ward- ins Gefängniß geleget, und der lettere in die Tar taren verwiesen. Es war bereits ein Jahr ver- flossen, und man dachte wenig an ihn, ob er gleich noch seine Ehrenstelle als Mandarin behielt; so, daß des Heers angegriffen wurde. Ob er also schon gar zu sehr entfernet war, Befehle zu ertheilen, so war es ihm hingegen desto leichter, zuerst davon zu fliehen, wenn Gefahr vorhanden war. Semedo, S. 100. Du Hal be, 22h. 5. S Dritttes Buch.? 365% daß er schlechte Hoffnung vor sich sah, wieder nach Hause zu kehren. Einer seiner Gerichtsbedienten (denn er hatte noch immer einen eigenen Gerichtss hof) sagte ihm an einem Morgen, daß ein Bothe aus Pe-king mit Briefen von einem Staatsmis nister angekommen sey. Diese Neuigkeit seßte den- Mandarin in Verwunderung, weil er dafür hielt, daß man ihn bey Hofe gänzlich vergessen habe. Er ließ denselben sogleich vor sich kommen. Tschon-ki trat in Begleitung zweyer Diener, die- er mit sich gebracht hatte, herein, machte die ges wöhnliche Verbeugungen, und übergab ein Tjes tsee, oder Complimentenbillet. Der Mandarin las es, und fand, daß Tschon-ki kein Bedien- ter, sondern einė vertraute Person desjenigen wås re, der ihn abgesendet hatte. Er ließ ihn nieder feßen. „Ich bin so unglücklich, sprach er, daß ich mich von jedermann vergessen sehe. Wie kommt es, daß ihr so weit zu mir hergereiset seyd? Was » ist die Ursache ?" Ich würde nicht so fren gewes fen seyn, erwiederte Tschon-ki, wenn mich nicht Ku-scho-ssu biebergesandt hätte, dessen aus. wärtige Angelegenheiten ich zuweilen beforge, und blos wegen seiner habe ich diese weite Reise unters nommen.“ „Als ich noch bey Hofe war, sagte der Mandarin, hatte ich sehr wenigen Umgang mit Ku-scho- ssu. Ich vermuthe, daß vielleicht meine Strafe vermehret wird.“ Tschon - ki ver. ficherte ihn, daß er bald wieder nach Pe-king kommen werde. „Ich kam blos in der Absicht hieher, feßte er hinzu, dem Sohne des Mandarins Ku Ku-scho- ssu zu dienen, welcher die Tochter Eu- rer Excellenz zur Gemahlinn wählen, und daher um Dero Einwilligung bitten will.“___Er ließ sich hierauf von den Bedienten das Schreiben des. Mandarins einhändigen, und übergab es Schuey- ku-yeh. Dieser öffnete daffelbe, las es, und hielt dafür, daß die ganze Sache nicht so betrie- ben würde, wie es die Würde ihrer Person erfor- derte. Er wußte den schlechten Gemüthscharak, ter des Ku-keh - ssu gar wohl, und hågte auch von dessen Vater eine schlechte Meinung; daher er beschloß, seine Einwilligung nicht zu ertheilen. Er vermuthete noch über dieses, daß seiner Toch- ter diese Heurath nicht anständig wåre, weil man fonst nicht so weit nach seiner Einwilligung gesandt hätte. Er sagte zu Tschon-ki: „Ich danke euch wegen der Bemühung, so ihr dieser Sache wegen hattet; ich bin Ku-scho- ssu für die große Ehre, die er mir erwiesen, sehr verbunden, und würde mich glücklich schätzen, daß er meine Tochter für feinen Sohn verlanget. Weil ich aber jetzt bey Seiner Majestät dem Kaiser in Ungnade stehe, and bey zweyhundert Meilen vom Hause entfernet bin, wohin ich seit sechs Jahren nicht gekommen; so überlasse ich es meiner einzigen Tochter, hierinn nach ihrem eignen Gutdünken zu wählen, weil sie mir so viel als ein Sohn ist, und die ganze Bes forgung meines Hauses über sich bat. Wenn Ku-keh-ssu ein so großes Verlangen tråget, sie zu heurathen, warum gieng er nicht zum Tschiz fu und Tschi - hien, so die Väter des Volks find, und und zu meinem Bruder Schuey - gowin? Was für Ursachen hatte er, so weit deswegen zu sen den ?",,Herr, erwiederte Tschon-ki, Sie ha ben recht. Ku-keh-ssu that alles dieses; als lein nachdem sie ihm lange Zeit hatte warten las fen, so gestund sie endlich, daß sie sich nicht ent- schließen könne, weil sie noch nicht Dero Einwilli gung erhalten habe: Ku-keh-ssu ersuchte mich also, um dieselbe anzuhalten." Der Mandarin Schuey-ku-yeh schloß hier- aus, daß seine Tochter sehr abgeneigt sey, Kus keh-ssu zu beurathen. Er entschuldigte sich, und sprach: „Ich bin anjeßt in Ungnaden, und will daher nichts mit meiner Familie zu thun has ben. Zwölf Monate bin ich schon hier, und habe noch keinen Brief nach Hause geschrieben, weil ich noch nicht frey gesprochen bin. Sollte ich bey diesen Umstånden meine Tochter verheurathen wols len? Dieses würde meine Ungnade vermehren." Tschon-ki bath ihn auf das inståndigste, nur fein Wort von sich zu geben. Er hielt so heftig darum an, daß endlich der Mandarin zornig ward, und ihn ohne weitere Antwort von sich licß. befahl, ihm eine Wohnung anzuweisen. Tschon- Ei unterließ nicht, ihm öfters seine Aufwartung zu machen, aber er konnte nichts ausrichten. Er fandte daher zu allen benachbarten Mandarinen, daß sie mit Schuey-ku-yeh wegen dieser Heu- rath sprechen, und Vorbitten einlegen mögten, Sie thaten es auch sehr eifrig. Dieses machte den Mandarin so unwillig, daß er Tschon -ki zu Er fich fich rufen ließ. „Ich erzeigte dem Mandarin Ku-scho-ssu niemals etwas mißfälliges, sprach er zu ihm; warum will er mir meine Tochter mit Gewalt abdringen?' Gehet wieder zu ihm, und versichert ihn, daß ich sie niemals wider ihre Nei- gung dazu zwingen will. Ich glaube nicht, daß ich jemals wieder nach Hause zurück kommen wer de; mein Leben ist mir sehr gleichgültig: allein meine Tochter foll durch mich nicht unglückselig gemacht werden: und wenn auch der Kaiser selbst mir anbefehlen sollte, sie wider ihre Neigung zu zwingen, so wollte ich sie doch ihrer eignen freyen Wahl überlassen. Wenn auch alle hiesige Magi- stratspersonen mir übel begegnen würden, so wer- de ich es nicht achten. Nehmet daher euren Brief nebst eurem Geschenke wieder zurück.“
Als Tschon-ki fand, daß alles Bemühen und Bitten umsonst sey, ließ er sein Reisegeråthe aufpacken, und kehrete wiederum nach Hofe zu Ku-schossu, dem er mit nicht geringer Be- schằmung sein Schreiben und Geschenk zurück gab. Dieser Mandarin gerieth hierüber in eine solche Wuth, daß er schwur, sich bey nächster Gelegen- heit an Schuey-ku-yeh zu rächen. Er fand diese auch wirklich nur gar zu bald. Man muß te noch mehr Truppen gegen die Tartarn schicken, weil die vorigen große Niederlagen erlitten hatten. Ku-scho - ssu unterließ nicht, dem Kaiser vorzu- stellen, daß die übeln Anstalten Schuey-ku-: yeh. und seines Generals Hu- hiao, daran schuld wåren, und daß sich tapfere Anführer in Menge V finden finden würden, den Krieg zu endigen, sobald man diese beyde so bestrafen würde, wie sie es vers dienten, welches nimmermehr geschehen könnte, so lange diese beyden Verbrecher Hoffnung håtten, wiederum zu ihren Posten zu gelangen. Der Kaiser ließ sich diese Vorstellungen gefal- len. Er ließ die Sache durch das Saan fa= fseh b), untersuchen, und ertheilte demselben Be- fehl, dem General Hu-hiao den Proceß zu machen. Achtes b) Das San fa feeh bestehet aus den dren Präsidenten folgender drey Tribunale, nämlich des Hing: pu, oder peinlichen Oberhofgerichte; des Tah-le-su, oder, Tris bunals der Revisoren, und des Tieh-tscha-yuen, oder Obergerichts der Visitatoren. Das Revisionstribunal Tahle su sicht bey der legten Appellation die Acten und Sentenzen anderer Gerichtshöfe durch, wenn es Leib und Leben, oder andere wichtige Gegenstände anbetrifft. Wenn das Oberhofgericht Hing - pu die Todesstrafe zu- erkannt hat, und das Verbrechen des Verurtheilten nicht genug erwiesen, oder wohl gar noch zweifelhaft ist, so überlässet der Kaiser die Sache dem San-fa-sseh zur endlichen Entscheidung, welches gleichsam sein confeil de confcience ist. Es versammlen sich sodann die Präsiden- ten der drey erstgemeldeten Tribunale, sehen die Acten nochmals durch, und sprechen das Endurtheil, welches gemeiniglich vom Kaiser bekräftiget wird, weil es sehr schwer fällt, diese 3 Richter aus verschiedenen Departes ments zu bestechen; daher auch ihre Entscheidung groß- fen Nachdruck hat. Semedo, S. 125. Magalhaen G. 228, 229. Lettres édifiantes, T. 19, p. 162. Du Halde, 2 Th. S. 31 feq. A a ./