Lu Xun Complete Works/de/Yijian Xiaoshi

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Eine kleine Begebenheit

一件小事 (A Small Incident)

von Lu Xun (鲁迅, 1881-1936)

Uebersetzt aus dem Chinesischen.


Abschnitt 1

[Eine kleine Begebenheit]

Seit ich vom Land in die Hauptstadt gekommen bin, sind im Nu schon sechs Jahre vergangen. In dieser Zeit habe ich so manches von den sogenannten grossen Staatsangelegenheiten gehoert und gesehen; doch in meinem Herzen hat nichts davon eine Spur hinterlassen. Wenn ich den Einfluss dieser Dinge benennen muesste, so waere es nur, dass sie meine schlechte Laune vermehrt haben -- ehrlich gesagt, sie haben mich Tag fuer Tag die Menschen mehr verachten lassen.

Doch eine kleine Begebenheit hatte fuer mich Bedeutung; sie riss mich aus meiner schlechten Laune heraus und laesst mich bis heute nicht los.

Es war im Winter des sechsten Jahres der Republik. Ein heftiger Nordwind tobte. Wegen meines Lebensunterhalts musste ich frueh auf die Strasse. Unterwegs begegnete mir kaum ein Mensch. Mit Muehe und Not mietete ich schliesslich eine Rikscha und liess mich zum S-Tor fahren. Bald liess der Nordwind nach, der Staub auf der Strasse war laengst weggeblasen, und eine saubere, weisse Strasse lag vor uns. Auch der Rikschakuli lief schneller. Gerade als wir uns dem S-Tor naeherten, blieb ploetzlich jemand an der Deichsel haengen und fiel langsam um.

Die Gestuerzte war eine Frau mit graumeliertem Haar in zerlumpter Kleidung. Sie war ploetzlich vom Strassenrand her quer vor die Rikscha gelaufen. Der Rikschakuli war schon ausgewichen, aber ihre alte Baumwollweste war nicht zugeknopft, und der Wind blies sie auf, sodass sie sich schliesslich in der Deichsel verfing. Zum Glueck hatte der Rikschakuli schon etwas verlangsamt, sonst haette sie einen schweren Sturz getan und sich den Kopf blutig geschlagen.

Sie lag am Boden; der Rikschakuli blieb ebenfalls stehen. Ich war mir sicher, dass die alte Frau nicht verletzt war. Da auch niemand sonst zusah, fand ich es aegerlich, dass er sich unnoetig einmischte, sich selbst Aerger einhandelte und auch noch meinen Weg verzoegerte.

Ich sagte zu ihm: „Es ist nichts passiert. Geh weiter!"

Der Rikschakuli beachtete mich gar nicht -- oder hoerte mich vielleicht nicht -- sondern setzte die Rikscha ab, half der alten Frau langsam auf, stuetzte sie am Arm und fragte:

„Was ist mit Ihnen?"

„Ich habe mich verletzt."

Ich dachte: Ich habe doch gesehen, wie du langsam umgefallen bist -- wie kannst du dich da verletzt haben? Das ist doch nur Theater, wirklich abscheulich. Der Rikschakuli macht sich unnoetig Umstaende, das ist sein eigenes Pech. Sieh selbst zu, wie du zurechtkommst.

Der Rikschakuli hoerte die Worte der alten Frau, zoegerte aber keinen Moment. Er stuetzte sie weiterhin am Arm und ging Schritt fuer Schritt vorwaerts. Erstaunt blickte ich nach vorn -- dort war eine Polizeiwache. Nach dem Sturm war auch draussen niemand zu sehen. Der Rikschakuli fuehrte die alte Frau geradewegs auf das Tor zu.

In diesem Moment ueberkam mich ploetzlich ein seltsames Gefuehl. Seine staubbedeckte Gestalt von hinten schien mir mit einem Mal gross, und je weiter er ging, desto groesser wurde er, bis ich den Kopf heben musste, um ihn zu sehen. Und er wurde fuer mich beinahe zu einer Art Druck, der sogar das „Kleine" unter dem Pelzmantel herauspressen wollte.

Meine Lebenskraft schien in diesem Moment etwas erstarrt. Ich sass da, ohne mich zu bewegen, ohne zu denken, bis ich einen Polizisten aus der Wache kommen sah. Erst dann stieg ich ab.

Der Polizist kam auf mich zu und sagte: „Mieten Sie sich selbst eine Rikscha. Er kann Sie nicht mehr fahren."

Ohne nachzudenken griff ich in meine Manteltasche, holte eine grosse Handvoll Kupfermuenzen heraus, gab sie dem Polizisten und sagte: „Bitte geben Sie ihm das..."

Der Wind hatte sich voellig gelegt, die Strasse war noch still. Ich ging und dachte dabei nach, fast fuerchtete ich mich, an mich selbst zu denken. Die frueheren Dinge moegen beiseitegelegt werden -- aber was bedeutete diese grosse Handvoll Kupfermuenzen? Ihn belohnen? Konnte ich noch ueber den Rikschakuli urteilen? Ich konnte mir selbst nicht antworten.

Diese Begebenheit erinnere ich bis heute immer wieder. Und deswegen durchleide ich auch immer wieder Qualen und muehe mich, an mich selbst zu denken. Die Jahre der Kultur und der Waffengewalt sind mir laengst wie die „Worte des Meisters und Verse der Dichter", die ich als Kind gelesen habe -- ich kann nicht einmal mehr einen halben Satz aufsagen. Nur diese eine kleine Begebenheit schwebt mir immer vor Augen, manchmal sogar noch deutlicher, laesst mich beschaemt fuehlen, treibt mich zur Erneuerung und mehrt meinen Mut und meine Hoffnung.

(Juli 1920.)

[Achtes Kapitel]

Tschitschikows Kauf von Leibeigenen war bereits Gespraechsthema der ganzen Stadt geworden. Man debattierte, unterhielt sich und untersuchte, ob es ueberhaupt vorteilhaft sei, Leibeigene zum Zweck der Umsiedlung zu kaufen. Viele der Diskussionen waren aeusserst praezise und sachlich: „Natuerlich ist es vorteilhaft," sagte einer, „der Boden in den suedlichen Provinzen ist gut und fruchtbar, das versteht sich von selbst. Aber es gibt kein Wasser -- was sollen Tschitschikows Leibeigene da anfangen? Es gibt dort keine Fluesse!" -- „Das waere noch nicht so schlimm, auch ohne Fluss ist es nicht das Schlimmste, Stepan Dmitrijewitsch; aber die Umsiedlung ist eine hoechst ungewisse Angelegenheit. Jeder weiss, wie ein Leibeigener ist: Er zieht an einen neuen Ort, um das Land zu bestellen -- aber dort ist nichts -- kein Haus, kein Gut -- ich sage Ihnen, er wird davonlaufen, so sicher wie zwei mal zwei vier ist. Er schnuert seine Stiefel, und weg ist er; bis Sie ihn finden, vergehen viele Tage!" -- „Nein, nein, verzeihen Sie, Alexej Iwanowitsch, ich bin ganz anderer Meinung. Wenn Sie sagen, die Leibeigenen werden von Tschitschikow fliehen -- ein wahrer Russe kann alles und gewoehnt sich an jedes Klima. Geben Sie ihm nur ein Paar warme Handschuhe, und Sie koennen ihn hinschicken, wohin Sie wollen, selbst bis nach Kamtschatka. Er laeuft sich ein wenig warm, nimmt die Axt und baut sich ein neues Haus." -- „Aber, lieber Iwan Grigorjewitsch, du hast eine Sache voellig vergessen: Du hast gar nicht bedacht, was fuer Leibeigene Tschitschikow gekauft hat. Du hast ganz vergessen, dass ein Gutsbesitzer niemals leichtfertig einen tuechigen Kerl hergeben wuerde. Wenn es keine Saeufer, Trinker, Raufbolde und Faulpelze sind, dann meinen Kopf dafuer!" -- „Gut, dem stimme ich auch zu. Niemand verkauft einen tuechigen Mann, Tschitschikows Leute sind wohl groesstenteils Saeufer, das ist natuerlich richtig. Aber man sollte auch an die geschichtliche Moral denken: Eben noch mag einer ein Faulpelz gewesen sein, aber wenn man ihn umsiedelt, kann er ploetzlich zu einem ehrlichen Diener werden. Dafuer gibt es in der Welt und in der Geschichte nicht wenige Beispiele." -- „Nein, nein," sagte der Aufseher der Staatsfabrik, „glauben Sie mir, das ist ausgeschlossen, denn fuer Tschitschikows Leibeigene gibt es zwei grosse Feinde. Der erste Feind -- ist die Naehe zu den kleinrussischen Provinzen, wo bekanntlich der Schnapsverkauf frei ist. Ich wage Ihnen zu versichern, in zwei Wochen sind sie im Schnaps versunken und zu Nichtstuern und Faulenzern geworden. Der zweite Feind -- ist die Gewohnheit und Neigung zum liederlichen Leben, die sie von der Umsiedlung mitbringen. Tschitschikow muss sie im Auge behalten, sie fest an der Hand haben, sie streng regieren. Bei jeder Kleinigkeit muss er hart bestrafen, nichts anderen ueberlassen, alles selbst tun, und wenn noetig, die Peitsche und Ohrfeigen geben." -- „Warum soll Tschitschikow persoenlich die Peitsche schwingen? Er kann doch einen Aufseher einsetzen." -- „Gut, aber wo finden Sie einen geeigneten Aufseher? Das sind doch alles Betrueger und Schurken!" -- „Das liegt daran, dass die Herren selbst nichts vom Fach verstehen, deshalb werden die Aufseher zu Betriegern." -- „Genau," pflichteten viele bei, -- „wenn der Gutsbesitzer selbst etwas von der Landwirtschaft versteht und seine Leute kennt -- dann findet er immer einen guten Aufseher." Der Aufseher der Staatsfabrik protestierte jedoch und meinte, unter fuenftausend Rubel sei kein guter Aufseher zu finden. Der Vorsitzende des Gerichts wandte dagegen ein, man koenne schon fuer dreitausend einen finden. Da fragte der Aufseher: „Und wo wollen Sie den hernehmen? Koennen Sie ihn sich aus der Nase bohren?" Die Antwort des Gerichtsvorsitzenden lautete: „Aus der Nase natuerlich nicht, das geht nicht. Aber hier, in diesem Bezirk, gibt es einen: Peter Petrowitsch Samoilow. Wenn Tschitschikow ihn zum Aufseher seiner Leibeigenen machen wuerde, waere er genau der richtige Mann!" Viele versetzten sich in Tschitschikows Lage, mit einer ganzen Schar Leibeigener an einen fremden Ort zu ziehen, und empfanden Bekuemmernis -- wahrlich eine grosse Schwierigkeit. Besonders befuerchtete man, dass so unzuverlaessiges Material wie Tschitschikows Leibeigene auch noch einen Aufstand anzetteln koennten. Darauf bemerkte der Polizeimeister, ein Aufstand sei nicht zu befuerchten; um ihn zu verhindern, gebe es gluecklicherweise eine Autoritaet: den Gerichtsvorsitzenden. Der Gerichtsvorsitzende brauche auch gar nicht persoenlich zu erscheinen, es genuege, seine Muetze zu schicken -- diese Muetze allein reiche aus, um die Leibeigenen zur Vernunft zu bringen, sie umzustimmen und sie still nach Hause zurueckkehren zu lassen. Ueber die aufruehrerische Natur von Tschitschikows Leibeigenen aeusserten viele ihre Meinungen und wichtigen Vorschlaege. Die Ansichten gingen sehr auseinander. Einige pladaierten fuer uebermaessige militaerische Strenge und ausserordentliche Haerte, andere dagegen fuer sogenannte Milde. Der Polizeimeister bemerkte, Tschitschikow sehe sich nun einer heiligen Pflicht gegenueber: Er koenne den Vater seiner eigenen Leibeigenen spielen und, wie er sich gern ausdrueckte, wohltaetige Bildung unter ihnen verbreiten. Bei dieser Gelegenheit lobte er auch die moderne Erziehungsmethode nach Lancaster ausfuehrlich.

In der Stadt wurde so diskutiert und beraten. Manche teilten aus persoenlichem Interesse Tschitschikow ihre Meinungen mit, gaben ihm verlaessliche Ratschlaege, und einige boten sich sogar an, die Leibeigenen sicher zum Bestimmungsort zu geleiten. Fuer die Ratschlaege bedankte sich Tschitschikow sehr bescheiden und erklaerte, er werde sie jederzeit anwenden. Die Begleitung lehnte er jedoch ab und sagte, das sei voellig ueberfluessig. Die von ihm gekauften Leibeigenen seien von besonders fuegsamer Natur. Sie wuenschten freiwillig gemeinsam umzuziehen und seien im Herzen sehr froh. Ein Aufstand werde auf keinen Fall stattfinden.

All diese Eroerterungen und Gespraeche brachten Tschitschikow die von ihm sehnlichst erwuenschten vorzueglichen Ergebnisse. Das Geruecht verbreitete sich, er sei ein Millionaer, nicht mehr und nicht weniger. Schon im ersten Kapitel haben wir gesehen, dass die Einwohner der Stadt Tschitschikow auch ohne dieses Ereignis recht gern gehabt hatten. Und ehrlich gesagt: Es waren wirklich alles gute Menschen, die freundlich miteinander verkehrten und vertraut zusammenlebten. Ihre Gespraeche trugen den Stempel aeusserster Aufrichtigkeit und Herzlichkeit: „Geschaetzter Freund, Ilja Iljitsch!" „Hoer mal, Antipater Sacharjewitsch, mein Guter!" „Du luegst, Mamaschka, Iwan Grigorjewitsch!" Zum Postmeister, der Iwan Andreewitsch hiess, sagten die Leute oft: „Sprechen Sie Deutsch, Iwan Andreewitsch?"

Kurz und gut, man lebte dort ganz wie eine Familie. Viele waren wohlgebildet: Der Gerichtsvorsitzende kannte den damals noch recht modischen Schukowski und dessen „Ludmila" auswendig und trug einige Stellen aeusserst geschickt vor, etwa den Vers „Der Wald schlaeft ein, das Tal entschlummert." Besonders meisterhaft klang das Wort „entschlummert" aus seinem Mund -- man glaubte wirklich, das Tal habe sich schlafen gelegt. Um die Aehnlichkeit noch zu verstaerken, schloss er dabei sogar selbst die Augen. Der Postmeister neigte eher zur Philosophie und las die ganze Nacht eifrig Youngs „Nachtgedanken" und Eckartshausens „Der Schluessel zu den Geheimnissen der Natur." Er machte auch sehr lange Auszuege daraus; was genau er exzerpierte, konnte natuerlich niemand recht bestimmen. Im Uebrigen war er ein grosser Witzbold mit einer blumigen Sprache, die er, wie er selbst sagte, gern „ausschmueckte." Und tatsaechlich schmueckte er seine Rede mit einer Fuelle von Floskeln aus, wie: „Verehrter Herr, es verhaelt sich so, wissen Sie, verstehen Sie, koennen Sie sich vorstellen, vermutlich, sozusagen" und dergleichen mehr, worin er grosse Uebung hatte. Ausserdem verzierte er seine Rede recht geschickt mit einem vielsagenden Blick oder kniff auch geradezu ein Auge zu, sodass man aus seinen spottischen Vergleichen einen recht scharfen Ausdruck heraushoerte. Auch die uebrigen Herren waren groesstenteils recht gebildete und aufgeklaerte Persoenlichkeiten: Der eine las Karamsin, der andere die „Moskauer Zeitung", ein dritter las ueberhaupt nichts. Einer, den alle nur „Schlafmuetze" nannten, musste erst kraeftig in die Rippen gestossen werden, bevor er etwas tat. Ein anderer war ein voelliger Faulpelz, der sein ganzes Leben auf einem Baerenfell lag -- man konnte ihn noch so kraeftig stupsen, er stand einfach nicht auf. Was ihr Aeusseres betrifft, so waren sie natuerlich allesamt huebsche, anstaendige und verbindliche Persoenlichkeiten -- einen Lungenkranken gab es unter ihnen nicht. Sie gehoerten alle zu jener Menschenart, die beim zaertlichen Geplaenkel unter vier Augen ihre Frauen gern so nannten: Mein Dickerchen, meine liebe Fette, mein Laemmchen, mein Kuerbisschatz, mein Huendchen und dergleichen. Im Grossen und Ganzen waren es gutartige, liebenswuerdige, grosszuegige Leute. Wer einmal ihr Gast gewesen oder eine Nacht lang mit ihnen Karten gespielt hatte, wurde rasch vertraut mit ihnen, und neun von zehn Mal einer der Ihren. Bei dem in feinen Kuensten so gewandten Tschitschikow erst recht, denn er kannte in der Tat das Geheimnis, sich beliebt zu machen. Sie liebten ihn derart, dass er gar nicht wusste, wie er diesen Ort verlassen sollte. Er hoerte immer nur: „Ach, nur noch eine Woche; bleiben Sie doch noch eine Woche bei uns, Pawel Iwanowitsch!" -- Kurz und gut, wie das Sprichwort sagt: er wurde zum Augapfel. Doch ausserordentlich stark, ausserordentlich bemerkenswert, hm, hoechst erstaunlich und hoechst merkwuerdig war der Eindruck, den Tschitschikow auf die Damen machte. Um diesen Punkt ein wenig zu erlaeutern, muessten wir ueber die Damen selbst und ihre Gesellschaft sprechen. Wir muessten ihre geistigen Eigenheiten mit lebhaften, glaenzenden Farben malen -- doch das ist fuer den Autor sehr schwer. Einerseits empfindet er gegenueber den Gattinnen hoher Wuerdentraeger grenzenlose Ehrfurcht und Scheu, andererseits... ja, andererseits... ist es eben schwer. Nun, die Damen von N...., nein, das geht nicht, wirklich, ich fuerchte mich. Was ist an den Damen von N. am bemerkenswertesten? ... Nein, seltsam, die Feder will sich nicht bewegen, sie ist wie ein Bleiblock geworden. Nun gut: Die Beschreibung ihres Charakters muessen wir einem anderen ueberlassen, der auf seiner Palette lebhaftere und glaenzendere Farben hat als ich. Wir wollen nur ein, zwei Worte ueber ihr Aeusseres, die allgemeine Oberflaeche, sagen.

Abschnitt 2

Die Damen von N. waren bekanntlich fuer ihren Aufwand beruehmt, und darin konnten alle Frauen sie sich zum Vorbild nehmen. Was die rechte Haltung, den feinen Ton, die Etikette und die subtilsten Regeln des Benehmens betraf, besonders was das Studium der Mode bis ins kleinste Detail anging, uebertrafen sie sogar die Damen von Petersburg und Moskau um einige Schritte. Sie trugen geschmackvolle Kleider, fuhren in huebschen Kutschen durch die Hauptstrasse und hatten stets einen Lakaien in Goldtressen auf dem Trittbrett hinter sich. Eine Visitenkarte, wenn der Name auf Bristolkarton geschrieben stand, war ein heiliger Gegenstand. Zwei Damen von Stand, frueher die besten Freundinnen und Cousinen, hatten sich wegen einer solchen Visitenkarte voellig zerstritten -- die eine hatte den Besuch der anderen nicht erwidert. Ihre Maenner und Verwandten bemuehten sich vergebens um Versoehnung -- alles auf der Welt laesst sich bewerkstelligen, nur nicht dies: zwei Damen zu versoehnen, die wegen eines versaeumten Gegenbesuchs zu Feindinnen geworden sind. So blieben die beiden, wie man in der Stadt sagte, im gegenseitigen "Boese-Blicke-Werfen" stecken.

Die Damen von N. waren in ihren Sitten aeusserst streng: mit edlem Zorn wandten sie sich gegen jedes Vergehen und jede Versuchung. Erfuhren sie von einer Schwaeche, so urteilten sie unerbittlich. Kam es allerdings in ihren eigenen Reihen zu gewissen Dingen, so geschah das in groesster Heimlichkeit. In ihrer Sprache waren sie ebenso gewissenhaft wie ihre Petersburger Kolleginnen. Niemand hoerte sie je sagen: "Ich rotze!" oder "Ich schwitze!" Stattdessen sagten sie: "Ich habe mir die Nase gereinigt" oder "Ich habe mein Taschentuch benutzt." Um die russische Sprache zu veredeln, hatte man fast die Haelfte aller Woerter aus der Konversation verbannt und musste oft Zuflucht zum Franzoesischen nehmen.

Zuvor hatten die Damen Tschitschikow kaum erwaehnt. Doch seit sich das Geruecht verbreitete, er sei Millionaer, richtete sich die Aufmerksamkeit auch auf seine anderen Eigenschaften. Die Schuld lag allein am Wort "Millionaer" -- nicht am Millionaer selbst, nur am Wort. In den Salons begann man zu eroertern, Tschitschikow sei zwar kein Adonis, aber ein durchaus anstaendiger Mann; waere er etwas dicker, saehe er nicht mehr so gut aus. Der Stoffmarkt wurde lebhaft, die Kutschen fuhren hin und her. Sogar Tschitschikow konnte nicht umhin, die ungewoehnliche Aufmerksamkeit zu bemerken. Eines schoenen Tages fand er einen Brief auf seinem Schreibtisch. Der Brief begann mit den Worten: "Nein, ich muss Ihnen schreiben!" Es folgten Betrachtungen ueber die geheimnisvolle Verbindung der Seelen, dann einige goldene Worte: "Was ist das Leben? -- Ein Tal der Truebsal. Was ist die Welt? -- Ein fuehlloses Gedraenge von Menschen." Die Schreiberin erwaehnte ihre vor fuenfundzwanzig Jahren verstorbene Mutter, die mit Traenen benetzte Briefbogen, und forderte Tschitschikow auf, die erstickende Stadt zu verlassen und ihr in die Wildnis zu folgen. Am Ende stand wahre Verzweiflung:

 Zwei Turteltauben
 Tragen dich zum Grab,
 Sie girren und singen
 Dir mein tiefes Leid.

Die letzte Zeile war nicht ganz gelungen, aber das machte nichts: der Brief entsprach ganz dem Geist der Zeit. Er war ohne Unterschrift. In einer Nachschrift stand, Tschitschikows eigenes Herz werde die Absenderin erraten, und am naechsten Tag auf dem Ball beim Gouverneur werde diese merkwuerdige Gestalt auch zugegen sein.

All das war recht interessant. Die Anonymitaet enthielt viele Reize und viel Versuchung. Tschitschikow las den Brief zwei-, dreimal und rief: "Es waere wirklich interessant herauszufinden, wer ihn geschrieben hat!" Dann verbrachte er ueber eine Stunde mit Spekulationen, faltete den Brief sorgfaeltig zusammen und legte ihn in seinen Koffer, neben eine Theateranzeige und eine Hochzeitseinladung, die dort seit sieben Jahren unberuehrt gelegen hatte. Bald darauf kam tatsaechlich eine Einladung zum Ball des Gouverneurs.

Er liess sofort alles stehen und liegen und widmete sich den Vorbereitungen fuer den Ball. Allein die Begutachtung und Uebung seines Gesichtsausdrucks vor dem Spiegel dauerte eine Stunde. Er liess sein Gesicht bald ernst und wuerdevoll erscheinen, bald ehrerbietig mit einem Laecheln, bald ehrerbietig ohne Laecheln. Dann verneigte er sich vor dem Spiegel, wobei er undeutliche, franzoesisch klingende Laute von sich gab, obwohl Tschitschikow kein Wort Franzoesisch konnte. Dann uebte er ueberraschte, entzueckte Mienen, hob die Brauen, bewegte die Lippen und sogar die Zunge. Schliesslich strich er sich leicht uebers Kinn und sagte: "Ach, du guter Kerl!" Dann begann er sich anzukleiden. Dabei war er die ganze Zeit in bester Laune, schnallte den Hosengurt, band die Krawatte und uebte elegante Verbeugungen und machte sogar einen kleinen Sprung, obwohl er nie tanzen gelernt hatte. Der Sprung hatte eine harmlose Folge: der Schrank wackelte, und eine Buerste fiel vom Tisch.

Sein Erscheinen auf dem Ball erregte groesstes Aufsehen. Alle eilten herbei, um ihn zu begruessen. "Pawel Iwanowitsch!" "Mein Gott, Pawel Iwanowitsch!" "Lieber Pawel Iwanowitsch!" -- Tschitschikow wurde gleichzeitig von vielen umarmt. Kaum hatte er sich aus der Umarmung des Gerichtsvorsitzenden befreit, ergriff ihn der Polizeimeister, der ihn an den Sanitaetsinspektor weiterreichte, dieser an den Branntweinmonopolisten, dieser an den Baumeister... Der Gouverneur, der gerade mit einem Bonbonpapier in der einen und einem Bologneser Schoesshund in der anderen Hand bei einigen Damen stand, warf beides auf den Boden, als er Tschitschikow erblickte, sodass der Hund aufheulte. Kurz, der Gast verbreitete Frohsinn und Freude.

Die Damen umringten ihn sogleich wie ein praechtiger Blumenkranz und huellten ihn in Wolken verschiedenster Duefte. In ihrer Garderobe entfaltete sich unendlicher Geschmack; alle Farben von Taft, Seide und Tuell waren in den modischsten hellen, verblassten Toenen gehalten. Baender, Schleifen und Blumen flatterten in malerischer Unordnung an den Kleidern, obwohl diese Unordnung von vielen geordneten Koepfen nach langer Arbeit erdacht worden war. Der leichte Kopfschmuck sass nur auf den Ohren, als wollte er sagen: "Halt! Ich will davonfliegen! Schade nur, dass ich meine Schoene nicht mitnehmen kann!" Alle trugen eng anliegende Mieder, die eine aufrechte, anmutige Figur zeigten. Die langen Handschuhe reichten nicht ganz bis zum Aermel und liessen ein reizendes Stueck Arm oberhalb des Ellbogens sehen. Kurz, alles schien sagen zu wollen: "Nein, nein, dies ist nicht die Provinz, dies ist Paris!" Tschitschikow stand vor den Damen und dachte: "Aber wer ist nun die Briefschreiberin?" Er versuchte mit der Nase vorzustossen, stiess aber auf Ellbogen, Aufschlaege, Baender und eine ganze Armee parfuemierter Blusen und Kleider. Eine wilde Galoppe raste vor seinen Augen vorbei: die Postmeisterin, der Gerichtsvorsitzende, eine Dame mit blauem Federschmuck, eine mit weissem, ein georgischer Fuerst, ein Beamter aus Petersburg, einer aus Moskau, der Franzose Coucou, Herr Perchunowski und Herr Perebendowski -- alle erschienen ploetzlich und stuermten los.

Abschnitt 3

„Hier bei uns -- die ganze Provinz ist in Bewegung!" sagte Tschitschikow zurueckweichend. Doch als sich die Damen zerstreuten, versuchte er erneut zu ergruenden, ob er an der Miene oder dem Blick erkennen koenne, wer die Absenderin war; doch weder Miene noch Blick verrieten es ihm. Ueberall, auf jedem Gesicht, lag etwas undeutlich Verdaechtiges, unendlich Feines -- ach, wie fein...! „Nein," dachte Tschitschikow, „Frauen... sind eben solche Geschoepfe" -- dabei machte er eine bezeichnende Handbewegung -- „da ist einfach nichts zu sagen! Wollte jemand alle Feinheiten und Schattierungen beschreiben, die ueber ihr Gesicht huschen -- er koennte es einfach nicht! Allein ihre Augen sind ein endloses Reich, und wer sich dort hineinverirrt, ist verloren! Weder Haken noch Wind koennten ihn zurueckholen. Man versuche nur, ihren Blick zu beschreiben: den sanften, weichen, honigsüssen Blick... Wer weiss, wie viele Arten es davon gibt: harte und weiche, verschleierte, oder wie manche sagen, 'trunkene' Blicke, und dann noch welche, die nicht trunken, aber noch gefaehrlicher sind -- die packen das Herz und durchbohren die Seele wie ein Pfeil. Nein, es lassen sich keine Worte dafuer finden. Es ist eben die 'Vergniugungshaelfte' der menschlichen Gesellschaft, und weiter nichts!"

Ach, nicht ganz richtig! Ich haette nicht erwartet, dass unserem Haupthelden ein solches Gossenwort entschluepfen wuerde. Was soll man machen? Das ist das Schicksal russischer Schriftsteller! Doch wenn sich ein Gossenwort in dieses Buch verirrt, ist nicht der Autor schuld, sondern der Leser, besonders der vornehme Leser: Von ihm hoert man zuerst kein anstaendiges Russisch. Er benutzt Deutsch, Franzoesisch und Englisch in solcher Fuelle, dass man sich am liebsten davonmachen moechte, und uebt dabei eifrig die Aussprache: Franzoesisch muss man nasal sprechen oder bruellen, Englisch wie ein Vogel -- und selbst das reicht nicht, man muss obendrein ein Vogelgesicht machen und diejenigen verhoehnen, die diese Kunst nicht beherrschen. Das Einzige, was sie krampfhaft vermeiden, ist alles Russische -- hoechstens bauen sie auf dem Land eine Datscha im russischen Stil. So sind die vornehmen Leser und alle, die sich dafuer halten! Und andererseits: so streng, so anspruchsvoll! Sie verlangen den allerregelmaessigsten, reinsten, erhabensten Stil -- kurz, die russische Sprache soll von selbst vollendet sein, vom Himmel fallen und genau auf ihre Zunge treffen, dass sie nur den Mund aufzumachen brauchen und sie herauslassen. Die weibliche Haelfte der menschlichen Gesellschaft ist natuerlich schwer zu erraten; doch ich muss gestehen, die verehrten Leser scheinen mir oft noch schwerer zu durchschauen.

Abschnitt 4

Tschitschikows Verhalten erregte die Empoerung saemtlicher Damen. Eine von ihnen ging absichtlich an ihm vorbei, um ihn dies spueren zu lassen, und streifte mit ihrem ausgebreiteten Kleidersaum etwas unsanft das blonde Haar, waehrend sie zugleich den Schal auf ihren Schultern ordnete, dessen Zipfel gerade dem Gesicht der jungen Dame entgegenwehte; gleichzeitig liess eine andere Dame hinter Tschitschikows Ruecken, zusammen mit dem Veilchenduft, der von ihr ausstroemte, eine recht giftige und scharfe Bemerkung fallen. Doch ob er sie wirklich nicht hoerte oder nur so tat, als hoere er nichts -- sein Benehmen war hier tatsaechlich etwas unangemessen, denn die Meinung der Damen verdient stets Beachtung. Er bereute seinen Fehler, aber leider erst spaeter, als es schon zu spaet war.

Auf vielen Gesichtern zeigte sich gebuehrende Empoerung. Mochte Tschitschikows Ansehen in der Gesellschaft noch so gross sein, mochte jeder davon ueberzeugt sein, dass er Millionen besass, mochte sein Gesicht einen wuerdigen, ja heldenhaften Ausdruck tragen -- es gibt eine Sache, die Damen einem Mann niemals verzeihen, gleichgueltig wer er sei, und er ist unweigerlich erledigt. Die Frau ist dem Mann gegenueber von Natur eher kraftloser, doch in gewissen Augenblicken ist sie nicht nur staerker als der Mann, sondern staerker als alles auf der Welt. Die Missachtung, die Tschitschikow unbeabsichtigt gezeigt hatte, brachte die Damen, die wegen der Stuhlaffaere beinahe entzweit gewesen waren, wieder zu Einigkeit und Eintracht. In ihren beilaeufigen, harmlosen Bemerkungen fand man ploetzlich bissige, spitze Ironie. Ein ungluecklicher Junge hatte obendrein ein oder zwei spoettische Verse ueber die Taenzer verfasst, ohne die ein Ball in der Provinz kaum auskam. Diese Verse wurden sogleich Tschitschikow zugeschrieben. Die Empoerung wuchs, die Damen versammelten sich in den Ecken des Saals und fluesterten miteinander, und das arme blonde Maedchen wurde erbarmungslos herabgesetzt und ihr Todesurteil ausgesprochen.

Inzwischen wartete ein aeusserst aergerlicher Angriff auf unseren Helden. Waehrend seine junge Gegnerin gaehnte und er ihr allerlei alte Geschichten erzaehlte, sogar vom griechischen Philosophen Diogenes sprach, trat Nosdrew ploetzlich auf, direkt aus einem der hinteren Raeume des Salons. Ob er aus dem Ruheraum kam oder aus dem gruenen Zimmerchen, wo hoch gespielt wurde, ob er freiwillig erschien oder hinausgeworfen worden war -- jedenfalls trat er frohlich und aeusserst vergnuegt in den Salon, den Staatsanwalt am Arm, den er offenbar schon lange schleppte, denn der arme Staatsanwalt runzelte die Stirn und schaute sich um, als suche er einen Ausweg aus dieser vertraulichen Fuehrung. Nosdrew hatte zwei Tassen Tee -- natuerlich mit Rum -- auf einen Zug geleert; dann fing er wieder an zu prahlen. Kaum erblickte Tschitschikow ihn von weitem, beschloss er, die gegenwaertige schoene Gelegenheit zu opfern und eilends zu verschwinden, denn diese Begegnung konnte nichts Gutes verheissen. Doch das Unglueck wollte es, dass ploetzlich der Gouverneur erschien, der sich freute, Pawel Iwanowitsch gefunden zu haben, und ihn bat, in einem kleinen Streit zwischen zwei Damen als Schiedsrichter zu fungieren; denn ueber die Frage, ob die Liebe der Frauen dauerhaft sei, konnte man sich nicht einigen. Inzwischen hatte Nosdrew ihn schon erblickt und kam geradewegs auf ihn zugelaufen:

"Oho! Der Gutsbesitzer von Cherson! Der Gutsbesitzer von Cherson!" rief er lachend heran, wobei seine frischen Wangen, rot wie eine Fruehlingrose, vor Lachen nur so zitterten. "Na, wie steht's? Hast du viele Tote gekauft? Sie muessen wissen, Exzellenz!" -- damit wandte er sich zum Gouverneur und schrie aus voller Kehle: "Er macht Geschaefte mit toten Seelen! Wirklich, hoeren Sie, Tschitschikow! Hoer mal, ich sage es dir als Freund, wir hier alle sind deine guten Freunde, auch Seine Exzellenz ist hier -- ich wuerde dich aufhaengen, wirklich, ich wuerde dich aufhaengen!"

Tschitschikow wusste sich ueberhaupt nicht mehr zu helfen.

"Sie werden mir nicht glauben, Exzellenz!" fuhr Nosdrew fort. "Er sagte mir: 'Hoer mal, verkauf mir deine toten Seelen!' Ich waere fast vor Lachen gestorben. Als ich in die Stadt kam, erzaehlte man mir, er habe fuer drei Millionen Rubel Seelen gekauft, zwecks Umsiedlung -- was fuer eine Umsiedlung! Bei mir wollte er auch schon Tote kaufen. Hoer mal, Tschitschikow: du bist ein Schwein, bei Gott, du bist ein Schwein! Nicht wahr, Herr Staatsanwalt?"

Doch sowohl der Staatsanwalt als auch Tschitschikow waren voellig fassungslos und fanden keine Antwort. Nosdrew aber wurde immer vergnuegter und redete unbehaerrt weiter: "Oh, oh, mein Herzchen... wenn du mir nicht sagst, warum du tote Seelen kaufst, lasse ich dich nicht los. Hoer mal, Tschitschikow, du solltest dich schaemen; du weisst selbst am besten, dass du keinen besseren Freund hast als mich." Doch seine Kuesse kamen aeusserst ungestuem. Alle wichen zurueck und hoerten nicht mehr hin. Aber seine Worte ueber den Kauf toter Seelen hatte er aus voller Kehle herausgeschrien, mit lautem Gelaechter, sodass selbst die entferntesten Gaeste aufmerksam wurden. Alle standen mit halb verwunderten, halb verdutzten Gesichtern sprachlos da. Tschitschikow bemerkte, dass viele Damen bedeutungsvolle Blicke wechselten und boshaft laechelten. Dass Nosdrew ein notorischer Luegner war, wusste jeder. Doch die irdischen Sterblichen -- ach, wie ist das nur zu erklaeren: kaum gibt es eine noch so unglaubliche Neuigkeit, schon verbreitet man sie; und ein anderer hoert begierig zu, sagt dann zwar "Das ist eine faustdicke Luege!", eilt aber sogleich hinaus, um einem Dritten die Geschichte zu erzaehlen, worauf beide empoert ausrufen: "Was fuer eine gemeine Luege!" -- und doch verbreitet sich die Nachricht durch die ganze Stadt.

Dieser hoeost laecherliche Zufallsvorfall machte unseren Helden ganz nervoes. Die wirren, albernen Worte eines Narren koennen auch einen klugen Mann aus der Fassung bringen. Er fuehlte sich ploetzlich unwohl und geaergert, als waere er mit blank geputzten Stiefeln in eine schmutzige, stinkende Pfuetze getreten. Er setzte sich zum Kartenspiel, aber nichts gelang: er griff zweimal zu den falschen Karten, vergass einmal sogar, dass er nicht an der Reihe war, und spielte eine eigene Karte aus. Der Postmeister, der Gerichtsvorsitzende und der Polizeimeister neckten ihn natuerlich, er muesse verliebt sein. Das Abendessen brachte ihn auch nicht auf andere Gedanken. Nosdrew war laengst hinausgeworfen worden, nachdem er sich beim Cotillon auf den Boden gesetzt und an den Rockschoessen der Taenzer gezogen hatte. Tschitschikow wartete nicht einmal das Ende des Abendessens ab und ging frueh nach Hause.

In seinem Zimmer, wo der Leser bereits die an der Tuer stehende Kommode und die Schaben in den Ecken kennt, waren seine Gedanken ebenso unruhig wie der wackelige Lehnstuhl, auf dem er sass. Sein Herz war schwer. Eine drueckende Leere quaelte ihn: "Der Teufel hole die, die diesen Ball veranstaltet haben!" rief er wuetend. "Warum muessen die so froh sein? Die ganze Provinz leidet unter Missernten und Teuerung, und sie veranstalten Baelle! Was fuer ein Unsinn: lauter Frauenzimmer in alten Fetzen! Merkwuerdig, dass eine fuer tausend Rubel und mehr auf dem Leib traegt, und am Ende zahlen es die Leibeigenen mit ihrer Pacht!" So schimpfte er, doch sein eigentlicher Aerger galt nicht dem Ball, sondern der Tatsache, dass er ploetzlich in ein zweideutiges Licht geraten war. Er fand sofort einen Suendenbock: den lieben Nosdrew, den er natuerlich nach allen Regeln der Kunst verfluchte. Nosdrees gesamter Stammbaum wurde hervorgezogen und saemtliche Vorfahren gruendlich durchgehechelt.

Doch waehrend Tschitschikow, von duesteren Gedanken geplagt, schlaflos in seinem harten Lehnstuhl sass und Nosdrew samt seiner ganzen Familie verwuenschte, waehrend das Kerzenlicht schwaecher wurde und die Dochtkohle laenger, waehrend draussen die pechschwarze Nacht bereits dem fahlen Morgengrauen wich und in der Ferne die ersten Haehne kraehten -- da ging in der anderen Haelfte der Stadt bereits der Vorhang eines Dramas auf, das die bedraengte Lage unseres Helden noch verschlimmern sollte. In den fernen Strassen und Gassen rumpelte ein hoechst seltsames Gefaehrt heran, das weder wie eine Kutsche noch wie ein Planwagen noch wie ein Halbplanwagen aussah, sondern eher wie eine dickbackige, dickbauchige Wassermelone auf Raedern. Darin steckte allerlei: Kissenbezuege und Beutel mit Getreide. Der Laerm der Eisenreifen und rostigen Schrauben weckte den Nachtwaecher. Die Pferde stolperten, da sie nicht beschlagen waren. Das Gefaehrt bog um mehrere Ecken und hielt schliesslich vor dem Haus der Proboschtin. Aus dem Wagen kletterte erst ein Maedchen, dann eine Dame heraus: es war die Gutsbesitzerin Koroboschka. Kaum war unser Held abgereist, hatte die alte Dame Angst bekommen, betrogen worden zu sein. Nach drei schlaflosen Naechten beschloss sie, trotz unbeschlagener Pferde in die Stadt zu fahren und herauszufinden, was tote Seelen wirklich kosteten und ob sie sich nicht einen grossen Baeren hatte aufbinden lassen. Was sich daraus ergab, wird der Leser aus dem Gespraech der beiden Damen sogleich erfahren. Doch dieses Gespraech sei besser im naechsten Kapitel berichtet.

Abschnitt 9

„Das stimmt gar nicht, Anna Grigorjewna! Es ist ganz anders, als Sie sich vorstellen. Denken Sie sich nur, er stand ploetzlich vor ihr, bewaffnet bis an die Zaehne, ein wahrer Rinaldo Rinaldini, und schrie sie an: 'Verkaufen Sie mir die Seelen, die toten!' Korobotschka antwortete natuerlich ganz vernuenftig: 'Ich kann sie Ihnen nicht verkaufen; sie sind doch schon tot.' -- 'Nein,' schrie er, 'sie sind nicht tot. Ob sie tot sind oder nicht, das ist meine Sache,' sagte er, 'sie sind nicht tot, nicht tot!' Er schrie: 'Sie sind nicht tot!' Kurz, er richtete ein furchtbares Durcheinander an. Das ganze Dorf floh, die Kinder schrien, alle laermten, keiner verstand den andern -- mit einem Wort, schrecklich, schrecklich, schrecklich! Sie koennen sich gar nicht vorstellen, Anna Grigorjewna, wie mir zumute war, als ich das alles hoerte. 'Verehrte Gnaeidige,' sagte mir meine Maschka, 'schauen Sie doch in den Spiegel! Sie sind ganz blass geworden!' -- 'Ach was, jetzt Spiegel,' sagte ich, 'ich muss sofort zu Anna Grigorjewna, um es ihr zu erzaehlen!' Sofort liess ich anspannen. Mein Kutscher Andruschka fragte mich, wohin ich fahren wolle, doch ich konnte kein Wort herausbringen und starrte ihn nur bloed an. Er muss sicher geglaubt haben, ich sei verrueckt geworden. Ach, Anna Grigorjewna, wenn Sie nur ahnen koennten, wie aufgeregt ich war!"

„Hm! Sehr merkwuerdig!" sagte die durchweg reizende Dame. „Was sollen denn tote Seelen eigentlich bedeuten? Ich gestehe offen, ich verstehe diese Geschichte ueberhaupt nicht, nicht im Geringsten. Ich hoere jetzt schon zum

Abschnitt 12

dem ersten Kapitel haette aufkommen muessen. Man beschloss ferner, die Leute aufzusuchen, die ihm die toten Seelen verkauft hatten, um einige Dinge zu untersuchen -- zumindest wollte man erfahren, wie das Geschaeft eigentlich abgelaufen war, was die toten Seelen eigentlich bedeuteten und was Tschitschikow dem Gouverneur erklaert hatte. Kurz, es gab viel zu tun. Die Stadt befand sich in gewaltiger Aufregung, und alles brodelte wie ein kochender Topf. Wie in einem Wirbelsturm erhob sich alles, was vorher am Boden gelegen hatte. Es zeigte sich, dass die Stadt keineswegs schlaefrig und ruhig war, wie man gedacht hatte. Der Vorsitzende der Gerichtskammer, der so stolz auf seine Kaltblüetigkeit war, verlor voellig die Fassung. Der Polizeimeister, der sonst alles mit der groessten Ruhe zu loesen pflegte, geriet ausser sich. Der Postmeister, der sonst stets gelassen blieb, ahnte, dass hier etwas Entsetzliches vor sich ging. Sie alle verloren den Kopf, gerieten in Angst und Schrecken, und das ganze Band, das die Gesellschaft zusammenhielt, drohte zu reissen. Man lief hin und her, man versammelte sich, man beratschlagte -- und das Ergebnis war, dass man beschloss, sich auf eine Sitzung zu begeben, die beim Polizeimeister stattfinden sollte, der dem Leser als Vater und Wohltaeter der Stadt bereits bekannt ist.

Abschnitt 26

Fliegst nicht auch du dahin, Russland, gleich einer kuehnen, unerreichbaren Troika? Der Boden staubt unter dir; die Bruecken dröhnen. Alles bleibt hinter dir zurueck, weit hinter dir. Der erstaunte Zuschauer bleibt stehen, wie erschuettert von einem Wunder Gottes. Ist das ein Blitz aus den Wolken? Was bedeutet diese furchterregende Bewegung? Und welche unbegreifliche Kraft wohnt in diesen nie gesehenen Pferden? Ach, ihr Pferde! Ihr wunderbaren Pferde! Wohnt ein Wirbelwind in euren Maehnen? Zittert in jeder Ader ein aufmerksames Ohr? Ihr habt das geliebte, vertraute Lied von oben vernommen und reckt nun einmuetig eure ehernen Bruestungen vor! Kaum beruehren eure Hufe den Boden, ihr streckt euch zu einer Linie, fliegt durch die Luft, rast dahin, als waert ihr von Gott beseelt! ... Russland, wohin jagst du? Gib Antwort! Du schweigst. Wunderbar klingt das Schellengelaute. Die Luft braust und verdichtet sich, als wuerde sie vom Wind zerrissen; alles, was auf Erden lebt und sich regt, wird ueberrannt; alle anderen Laender und Voelker weichen vor dir zurueck, treten beiseite und machen dir den Weg frei.