Xue Mo Desert Daughters/de/Chapter 5

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Ihr Herz raste. Seltsames Herz – eben noch kurz vor dem Stillstand, und jetzt hämmerte es wie ein Poltergeist. …

Waren die Schritte hinter ihr etwa auch von einem Poltergeist? In der alten Mühle im Dorf gab es einen Poltergeist, der jede Nacht von Mitternacht bis zum Hahnenschrei den Boden stampfte. Yinger vergaß sogar den Durst. Ihre Kopfhaut prickelte. … Das Stampfen kam näher. Sie hörte sogar Atemgeräusche – schwer und rau, als trüge der Geist riesige Eisenketten und Haken. Yinger hätte fast geschrien, fürchtete aber, der eigene Schrei könnte sie zu Tode erschrecken.

Das schwere Atmen war direkt hinter ihr. Yinger spürte, wie der Geist seine Klauen ausstreckte. Er würde den Hals packen – das hatte Mutter schon erzählt, als sie klein war: Geister packen einen. … Mutter sagte immer: „Kopfschmerz, Fieber, Bauchweh, Verstopfung, Herzstechen – der Geist hat dich gepackt.“ … Heiße Atemstöße wehten ihr tatsächlich in den Nacken. Ihr Herz verhärtete sich: Wovor Angst haben? Es ist doch nur der Tod! Und selbst im Tod – ich will sehen, wie ein Geist aussieht! Sie tastete nach der Taschenlampe, wirbelte herum.

Ein gewaltiger schwarzer Schatten stand in bizarrer Form vor ihr.

Sie schaltete die Taschenlampe ein und schrie auf.

24

In jener furchtbaren Wüstennacht entdeckte Yinger, dass das Wesen im Lichtkegel ein Kamel war.

Yinger rüttelte Lanlan wach und schrie: Kamel – Kamel! Lanlan sprang auf. Das Kamel schnaubte noch. Eine unglaubliche Freude! Alle hatten gedacht, es sei davongelaufen, und nun war es von selbst zurückgekommen. Lanlan taumelte zum Kamel, löste das Seil und nahm den Plastikbehälter ab. Ein Glück – noch über die Hälfte voll Wasser.

Yinger rief: Wasser – Wasser! In diesem Moment gab es kein kühleres Wort.

Lanlan schraubte den Deckel auf, reichte ihn Yinger und sagte: Trink nicht zu viel, nur wenig. Sonst platzt der Magen.

Yinger trank genüsslich einen Schluck und schluckte in kleinen, bedächtigen Zügen. Sie hatte erwartet, dass die Kehle Kühle empfangen würde.

Doch das Gefühl war wie glühende Kohle. Sie dachte: Die Speiseröhre musste aufgerissen sein. Nachdem sie mühsam zwei Schlucke hinuntergewürgt hatte, war sie noch durstiger.

Lanlan riss ihr den Behälter weg und ließ sie nicht weiter trinken. Im Dorf gab es Menschen, die nach extremem Durst beim hastigen Trinken gestorben waren. Der Magen war wohl faustgroß geschrumpft.

Lanlan nippte einen winzigen Schluck, nahm die Taschenlampe und leuchtete das Kamel ab. Vieles fehlte: Der Mehlsack war aufgerissen, das Mehl verschüttet. Der Leder-Wasserschlauch hatte ein Loch, das Wasser war natürlich weg. Zum Glück war der Plastikbehälter heil geblieben und hatte ihnen etwas Lebensflüssigkeit bewahrt. Das Tuch mit den Fladenbroten war noch da, zwei trockene Brote darin. Ursprünglich waren es ein Dutzend gewesen – die meisten mussten beim Holpern in den Sand gefallen sein.

Immerhin war die Decke noch am Tragegestell festgebunden, die Segeltuchtasche war heil, die Stahlkugeln darin, ein Päckchen Schießpulver, eine Rolle dünnes Seil. Natürlich hätte Yinger sich gewünscht, der Lederschlauch wäre heil – dann hätte sie endlich richtig trinken können. Doch sie wusste: Solches Wunschdenken brachte nur Kummer, und ließ es.

Die Kamelzügel waren abgetreten worden; nur noch ein Meter war übrig. Lanlan nahm das dünne Seil, faltete es mehrfach und knotete es an den Zügel. Beide waren überglücklich über das wiedergefundene Kamel. Der alte Laoshun hatte gesagt, Kamele hätten einen ausgezeichneten Geruchssinn – gegen den Wind könnten sie einen bestimmten Geruch in zehn Li Entfernung wahrnehmen; wenn es wollte, konnte es seine Besitzer natürlich finden. Es schien gut gefressen zu haben, war kaum abgemagert.

Die Gedanken des Kamels nach seiner Flucht blieben ein Rätsel: Warum es geflohen war – Angst vor den Schakalen, Angst vor der Hitze und so weiter – ließ sich leicht erklären. Warum es zurückkam – weil es die zwei Frauen nicht im Stich lassen konnte und so weiter – ebenfalls. Nur welchen Seelenkampf es durchlitten hatte, wusste niemand. Dessen Heftigkeit stand dem Kampf mit den Schakalen wohl in nichts nach.

Mit dem Kamelzügel in der Hand fühlten sich beide sicher. Yinger hatte ein schlechtes Gewissen: Das Tier hatte sich mühsam aus Menschenhand befreit, einen inneren Kampf durchlitten und war zurückgekommen – und das Erste, was die Menschen ihm gaben, war ein Zügel.

Das hieß, die Menschen vertrauten ihm nicht. Yinger dachte: Es musste traurig sein. Im Schein der Taschenlampe sah sie in seinen Augen die gewohnte Sanftheit und Fügsamkeit – weder Scham über seine Flucht noch Freude über seine Rückkehr; nur die ihm eigene Gelassenheit.

Mit etwas Wasser kauten sie ein paar Bissen Brot, und der Magen wurde noch hungriger. Doch hungrig hin oder her – niemand wagte, mehr zu essen. Niemand wollte sich zu Tode essen. Verhungern war schlimm, aber Überessen ebenso.

Mit dem Kamel hatten beide wieder einen Halt. Die Erschöpfung nutzte die Gelegenheit und überflutete sie. Lanlan ließ das Kamel niederknien. An seinen Körper gelehnt, dösten sie eine Weile. Es war nur kurz, aber der ruhigste Schlaf, den sie je gehabt hatten.

Beim Aufwachen war es helllichter Tag. Sie kauten ein paar Bissen Brot und gewannen etwas Kraft. Lanlan sagte: Da sie nun das Kamel hatten, sollten sie nicht mehr nach Osten gehen, sondern wieder nach Norden – dort lag der Salzsee, und solange die Richtung stimmte, würden sie ihn finden. Im Osten müssten sie ohnehin nach Norden abbiegen, das kostete Zeit. … Natürlich ahnte sie nicht, dass diese Entscheidung sie in die grenzenlose Wüste schleudern würde. Das Schwert des Todes begann erneut über ihren Köpfen zu schweben.

Im Osten zeigte sich ein rötlicher Saum. Der Kontrast zwischen dem Dunkel der Sandmulde und dem hellen Osten glich einem kontrastreichen Holzschnitt. Sandwellen wogten in die Ferne, wo sie zu Sandbergen anschwollen. Die nahen Muster glichen Wasserwellen, so fein, dass man sie nicht zertreten mochte.

Der Wüstenwind war kühl, Yinger fröstelte. Die himmelblaue Bluse hielt einigen Wind ab. Lanlans Gesicht war bläulich, voller Gänsehaut. Vor Erschöpfung hatten sie die Decke auf dem Tragegestell nicht gelöst; kaum eingeschlafen, hatte die morgendliche Wüstenkälte sie geweckt. Immerhin – die Kühle nutzen und früh aufbrechen. Yinger dachte: In dieser Wüste ging es wirklich nicht mit rechten Dingen zu – morgens eine Tiefkühltruhe, mittags eine Eselssonnenbucht.

Die beiden saßen wieder auf dem Kamelhöcker. Der Kamelrücken war breit und warm – sie hatten das Gefühl, nach einem Schiffbruch wieder ein Boot bestiegen zu haben.

Kamele waren wunderbar – mit ihnen hatte das Herz einen Halt.

Der Kamelrücken wölbte sich sanft, langsam und selbstsicher. Die Sandkämme schwankten. Auch die Sonne, die sich aus der Erdspalte schob, schwankte, wirkte schwer, als trüge auch sie eine Last. Das Sonnenlicht strich über Yingers Gesicht und schenkte etwas Wärme. Sie fühlte sich wieder lebendig. Wie gnadenlos die Sonne in einigen Stunden auch sein mochte – mit dem Kamel hatte sie festen Boden unter den Füßen. Der Nachtmarsch hatte Fußsohlen und Beine wie aufgeschnitten brennen lassen. Am ganzen Körper tat alles weh. Ohne das Kamel hätte sie keinen einzigen Schritt mehr getan. Die Kraft ihres schmächtigen Körpers hätte sie unmöglich ans andere Ufer des Sandmeeres getragen. Doch das Kamel konnte es. Es war ein mächtiges, besonnenes Tier, das stets wie ein Philosoph sinnierte.

Auch ohne ein einziges Wort strömte die Kraft, die von ihm ausging, bis in Yingers tiefste Seele.

Beim Betreten der Wüste hatte sie an seinem Kopfschütteln und Ohrenwerfen erkannt, dass auch Kamele die Wüste fürchteten. Jedes Mal, wenn der alte Laoshun in die Wüste aufbrach, musste er mit der Peitsche büschelweise Fell vom Kamelrücken schlagen – manchmal traf die Peitsche sogar den empfindlichsten Nasenrücken –, um es gefügig zu machen. Die Kamele wussten: Einmal in der Wüste, wurde ihr Rücken nicht leer sein – Menschen oder Waren. Lasten tragen war ihr Schicksal, wie Warten das Schicksal von Yinger war. Kein Lebewesen auf Erden litt freiwillig. Deshalb empfand Yinger tiefen Respekt für dieses Kamel, das geflohen und doch zurückgekehrt war. Sie dachte: Wärst du nicht wiedergekommen, könntest du jetzt in einer Sandmulde liegen und wiederkäuen, Sandhirse knabbern oder zarte Gräser fressen – wie frei! Stattdessen trugst du nun zwei Frauen, denen es ebenso übel erging, erneut ins Ungewisse des Lebens.

Wie sollte ich dich nicht achten, Kamel, dachte sie.

Lanlan versuchte, den Weg zu erkennen. Den Weg zum Salzsee kannte sie, doch die Schakale hatten ihr „Wissen“ zerschlagen. Angesichts der immer höher anschwellenden Sandwellen fühlte sie sich erneut von der Fremde verschlungen. Dieses Gefühl kannte sie – immer wieder wurde sie unfreiwillig mit gewaltiger Fremdheit konfrontiert. Vom Mädchendasein bis heute hatte sie diese Fremdheit wieder und wieder erfahren, bewältigt, ertragen – und doch lag vor ihr immer noch endlose Fremdheit. Die Welt wurde ihr täglich fremder und ließ sie ratlos zurück.

Yinger fragte: Hast du den Weg erkannt?

Lanlan sagte: Mir schwirrt der Kopf. Jetzt heißt es wie der Gecko unter der Peitsche: einfach durchhalten. … Gehen wir erst mal. Wenn die Richtung stimmt, erkennen wir vielleicht unterwegs etwas wieder.

Nach einer Weile stieg die Sonne höher. Die Hitze kehrte zurück. Das Wasser im Behälter musste gespart werden – niemand wusste, wo die nächste Quelle war. Es war ihr Lebenswasser, und obwohl beide vor Durst fast vergingen, brachten sie es kaum übers Herz, davon zu trinken. Nur wenn der Durst die Augenbewegung lähmte, nippten sie einen winzigen Schluck. Lanlan sagte: Wer Wasser spart, darf nie zu viel auf einmal trinken – zu viel Wasser im Körper wird zu Urin. Jeder Schluck sollte zum Lebenselixier werden. Das erforderte Disziplin.

Nach gut zwei Stunden stiegen die beiden ab, denn das Kamel war völlig erschöpft. Es blies weißen Schaum und keuchte wie ein Blasebalg. Lanlan sagte: Lassen wir es rasten. Sie suchten eine Stelle mit Riedgras und nahmen das Tragegestell ab.

Zu ihrem Entsetzen entdeckte Lanlan, dass der Kamelrücken faulig war. Ein Gestank schlug ihr entgegen. Das Tragegestell hatte die Haut aufgerieben.

Wenn ein Kamel galoppierte, schwankte das Gestell und konnte den Rücken leicht wund scheuern. Die Wunde war furchtbar. Yinger empfand tiefes Bedauern bei dem Gedanken, dass sie auf der offenen Wunde des Tieres so weit geritten waren.

Lanlan holte Salz aus der Segeltuchtasche, löste etwas Salzwasser an und wusch dem Kamel die Wunde. Sie sagte: Du hättest doch was sagen sollen! Hätten wir gewusst, dass du verletzt bist, wären wir nie aufgesessen! Das Kamel schnaubte, als wollte es sagen: Macht nichts, das ist doch nicht der Rede wert.

Die Sonne stieg höher, die Hitze ergoss sich herab. Lanlan sagte: Machen wir es wie vorher – bei Hitze in eine feuchte Grube, nachts weitergehen. Wenn wir sparsam mit dem Wasser umgehen, schaffen wir es zum Salzsee. Yinger wusste, dass sie sich selbst tröstete.

Ohne die Schakale hätten sie auf dem alten Weg problemlos den Salzsee erreicht. Jetzt, nach dem planlosen Hin und Her zwischen Ost und Nord, war alles ungewiss. Doch Yinger sagte nichts – in der Ausweglosigkeit durfte man nur Mut machen, nie entmutigen. Also sagte sie: Genau, der Himmel versperrt nie alle Wege. Mit dem Kamel ist alles möglich.

Lanlan griff plötzlich in die Segeltuchtasche, als fiele ihr etwas ein, zog ein kleines Notizbuch hervor und reichte es Yinger. Sie sagte: Hier, das habe ich zu Hause gefunden. Lingguan scheint es vor seiner Abreise geschrieben zu haben. Ich wollte es dir geben, fürchtete aber, es würde dich traurig machen, und habe gezögert. Aber das Kamel ist zurückgekommen – vielleicht ist auch das Fügung.

Yingers Herz klopfte heftig, und sie nahm es entgegen.

25

Den Inhalt dieses kleinen Notizbuchs habe ich später in „Wüstenopfer“ aufgenommen: An jenem Tag befühlte der Schwager die Schwellung an seiner Rippe, ohne ihr Bedeutung beizumessen. Er hielt sie für einen gewöhnlichen Knoten; nachdem ein heftiger Schmerz abklang, vergaß er sie. Beim Essen am nächsten Tag schmerzte die Stelle jedoch wieder dumpf. „Seltsam – was ist das für ein Knoten, der da wehtut?“

„Morgens früh mit nüchternem Speichel einreiben“, sagte Vater. „Jeder Knoten fürchtet nüchternen Speichel.“

Der Bruder sagte: „Es ist kein Knoten auf der Haut – er scheint tief im Fleisch zu sitzen. Und er tut ordentlich weh – stoßweise.“

Mutter erschrak innerlich und sagte: „Was man am meisten fürchtet, davon bekommt man am meisten. Die alte Krankheit noch nicht auskuriert, und schon eine neue.“

Der Bruder lachte: „Ist dasselbe. Ich vermute, es ist dieser Knoten, der die Schmerzen macht. Kein Wunder – wenn im Bauch ein Knoten wächst, wie soll das nicht wehtun? Neulich, als die Beule am Hals eiterte, hat das mich auch ganz schwindelig gemacht.“

Mutter sog die Luft ein und sagte nach einer langen Pause: „Wie – der Knoten sitzt im Bauch?“

Der Bruder sagte: „Ich vermute, ja. Wer weiß – jedenfalls an der Stelle, die immer schmerzt, unter den Rippen. Hätte ich gewusst, dass ein Knoten wächst, hätte ich die Medizin nicht genommen. Eiter soll eitern – abgelassen, und gut ist. Geld umsonst ausgegeben, und Schmerzen hab ich trotzdem.“

Mutter bat den Bruder, das Hemd auszuziehen. Er zeigte auf die rechte Seite. Mutter drückte ein paar Mal, Vater auch. Der Bruder verzog das Gesicht und sog zischend die Luft ein.

„Wann ist das gewachsen?“, fragte Mutter.

Der Bruder sagte: „Erst letzte Nacht ertastet. Wahrscheinlich fast reif. Man sagt, Eiter tut beim Reifen weh. Die paar Tage beim Pflügen und Säen – das hat mich fertiggemacht.“

Mutter sagte: „Es ist nicht reif. Reifer Eiter wäre weich. Es fühlt sich noch hart an. Aber wenn er reif ist und abgelassen wird, ist sofort alles besser.“

Lingguan ging hinüber, drückte auf die Stelle an der Rippe des Bruders – in seinem Herzen blitzte etwas auf, doch er zwang sich, kein böses Urteil zu fällen, und sagte nur: „Ob Eiter oder nicht – ein Arzt muss draufschauen.“

Der Bruder ächzte: „Wieder Geld zum Fenster raus.“

Lingguan sagte: „Wieso zum Fenster raus? Was nötig ist, muss sein. Morgen bringe ich dich in die Stadt.“

„In die Stadt?“, rief der Bruder. „Nein, nein – Busfahrt, Essen, das kostet alles. Vergiss es, lass den Dorfarzt schauen.“

Vater sprach sein Machtwort: „Die Stümper vom Dorf, die verdorbene Yamswurzeln gegessen haben – was können die schon? Wenn man Geld ausgibt, dann richtig. Ab in die Stadt!“ Der Bruder schwieg.

Am nächsten Morgen machten sich Lingguan und der Bruder reisefertig und fuhren mit dem Bus in die Stadt.

Die Sonne stand schon hoch. Die Stadtsonne war anders – eher ein Auswurf von Staub und Lärm, der die ganze Welt und den ganzen Kopf mit Dreck und Geschrei füllte. Große und kleine Wagen rasten wie aufgescheuchte Esel. Auch die Radfahrer waren verrückt – einer klebte am Hintern des anderen, im Wetteifer. Die Fußgänger glichen einem Ameisenhaufen in Aufruhr – du stößt mir an die Brust, ich ramme deinen Hintern, Köpfe nickend und Hüften schwingend, bis dem Bruder der Kopf schwirrte. Beim Überqueren der Straße konnte er minutenlang auf der Stelle treten.

Lingguan witzelte: „Pass auf, dass dir die Augäpfel nicht rausfallen und zerschellen.“

Der Schwager errötete: „Du hast ja auch ein paar Jahre in der Stadt studiert … Warum rasen die alle so?“

„Zur Arbeit.“ – „Hehe, als gält es, ein Feuer zu löschen – könnten sie nicht langsamer fahren?“

„Wer zu spät kommt, bekommt Lohnabzug.“

„Könnten sie nicht früher losfahren?“

„Stadtleute haben nicht unseren Luxus, bis zum Sonnenbrand auf dem Hintern zu schlafen. Die müssen Kinder zur Schule bringen, dann zur Arbeit – manche schaffen nicht mal ein Frühstück.“

„Die armen Stadtmenschen.“

Lingguan lachte: „Die finden dich bemitleidenswert.“

Die beiden kamen im Bezirkskrankenhaus an. Bei jener Untersuchung sagte der Arzt, der Schwager habe einen Leber-Echinokokkus. Er müsse operiert werden – das koste drei- bis viertausend Yuan.

„Um Himmels willen!“, rief der Schwager erschrocken. „Sie übertreiben ja. Wenn man mich verkauft, was bringt das ein?“ Der Arzt lachte: „Es geht nicht ums Handeln. Ich schätze so viel. Vielleicht weniger. Vielleicht auch mehr – wenn eine Bluttransfusion nötig ist.“

Der Bruder wurde aschfahl, blickte mich an und sagte: „Gehen wir, gehen wir. Hier hält man es nicht aus. Kaum drinnen, fühlt es sich an wie ein Traum. Noch länger, und ich werde verrückt.“ Lingguan lächelte und fragte den Arzt: „Soll ich ein Rezept mitnehmen?“ Der Arzt sagte: „Nicht nötig. Bei dieser Krankheit helfen keine Medikamente.“ Lingguan führte den verstörten Bruder aus dem Krankenhaus.

„Es ist aus … es ist aus …“, murmelte der Bruder, kaum dass sie draußen waren.

Lingguan sagte: „Was denn? Das ist doch keine schwere Krankheit … Anfangs bin ich auch in kalten Schweiß ausgebrochen. Wäre es wirklich Leberkrebs, könnte kein Gott helfen. Zum Glück ist es nur Echinokokkose.“

Der Bruder sagte: „Krebs wäre besser – dann stirbst du wenigstens. Aber jetzt … sag mal … so viel Geld … woher nehmen?“

Lingguan tröstete: „Was machst du dir so viele Sorgen? Du hast die Krankheit nicht absichtlich bekommen. Was sein muss, muss sein. Wozu sich grämen? Grämen bringt kein Geld.“

Der Bruder blieb stehen, setzte sich auf ein Straßengeländer, machte ein Leichengesicht und schwieg lange. Endlich sagte er: „Am liebsten würde ich mich vor ein Auto werfen. Ein Ende mit Schrecken. Damit Vater und Mutter sich keine Sorgen mehr machen … Besser tot.“

Egal, wie Lingguan ihn tröstete – der Schwager blieb aschfahl und murmelte abwechselnd „Um Himmels willen“ und „Herrje, drei- bis viertausend“, ohne aufzuhören.

26

Yinger wusste: Die Tage vor der Operation waren die qualvollsten im Leben des Schwagers.

Erstens hatte er erfahren, dass jeder Tag vierzig bis fünfzig Yuan kostete. Das war sein Todesurteil. Er verabscheute die Ärzte, weil sie ständig Infusionen verordneten. Das war in seinen Augen rausgeworfenes Geld. Wenn Medikamente und Spritzen den Wurm in der Leber nicht beseitigen konnten, brauchte man diese sinnlosen Ausgaben nicht. In seinen Augen war jede Infusion gleichbedeutend damit, den Eltern das Blut auszusaugen.

Zweitens wurde der Operationstermin immer wieder verschoben. Die Ärzte sagten stets: Noch ein paar Tage Beobachtung. Beobachtung? Was gab es da zu beobachten? Drei Ultraschalluntersuchungen, Röntgen, Leberfunktionstests, EKG – lauter Dinge, die der Schwager für reine Geldschneiderei hielt. Seine Krankheit saß in der Leber – der Knoten wuchs von Tag zu Tag – nicht in Kopf oder Brust. Wozu diese Untersuchungen? Wenn man schon abzockte, dann doch nicht einen armen Mann.

Die Diagnose war im Wesentlichen bestätigt: Echinokokkose der Leber. Im selben Zimmer lag ein Patient mit derselben Krankheit, ein Drainageschlauch in der Flanke, das andere Ende in einer Flasche mit rötlicher Flüssigkeit. Der Mann ging stets gebückt, mit zusammengebissenen Zähnen, die Flasche tragend. Angeblich bekam man die entsprechende Krankheit, wenn man die Flüssigkeit berührte. Sein Erscheinen glich dem eines Pestbringers.

Der Bruder dachte daran, dass auch er bald so aussehen würde, und es machte ihn elend. Doch gleichzeitig hoffte er, möglichst schnell so weit zu sein. Jeder weitere Tag kostete viel Geld.

„Pass bloß auf, dass du nicht die Flüssigkeit in der Flasche berührst“, sagte der Bruder lachend zu mir. Das war das einzige Thema, bei dem er sich fröhlich geben konnte.

„Hast du Angst?“, fragte Lingguan.

„Wie der Gecko unter der Peitsche – Angst hin oder her, man muss es aushalten.“ Der Bruder gab sich betont locker, verfiel aber sofort wieder in Trübsinn.

Der Geruch im Krankenzimmer war dem Bruder unerträglich. Nach der Infusion zog er mich stets nach draußen. Doch kaum auf der Straße, dachte er an das leere, bezahlte Bett und wollte zurück, um sich, verdammt nochmal, richtig auszupennen.

Lingguan sagte: „Lass uns lieber noch etwas spazieren. Im Krankenzimmer hocken macht auch Gesunde krank. Und nach der Operation kannst du nicht mehr spazieren.“

Der Bruder seufzte: „Wie lange noch? Herrgott, Dutzende Yuan pro Tag – allein daran zu denken macht einem Angst. Früher oder später kommt das Messer. Geld für nichts verbrennen! Sprich mal mit deinem Freund – geht es nicht früher?“

„Hundertmal gesagt, hilft nichts. Das ist Vorschrift – jeder muss ein paar Tage beobachtet werden. Außerdem sind Echinokokkose-Operationen samstags angesetzt. Diese Tage geht nichts, in ein paar Tagen bitte ich nochmal.“

An der Großen Kreuzung sagte der Bruder, er wolle ein Foto machen lassen. Er sagte: „Ich habe noch nie ein richtiges Foto von mir. Eins machen – vielleicht braucht man es irgendwann.“

Lingguan sah den Bruder aufmerksam an. Der Bruder lächelte. Ich sagte: „Foto ist gut, aber denk nicht an dumme Sachen.“

Lingguan sagte: „Denke ich nicht.“ Doch Sorge stand ihm ins Gesicht geschrieben. Vielleicht fürchtete der Bruder, man verheimlichte ihm etwas – er zwang sich ein Lächeln ab und betrat das Fotostudio. Er sagte: „Ein Einzelbild. Vielleicht braucht man es mal.“ Dabei blickte er unauffällig zu mir; als er sah, dass Lingguan keine besondere Reaktion zeigte, atmete er erleichtert auf. Lingguan wusste: Der Schwager bereitete sein Begräbnisfoto vor. In seinem Herzen stach es.

Die Krebsdiagnose wurde erst bei der Operation bestätigt. Es war der 21. Tag nach der Einlieferung. Der Knoten an der Rippe war so regelmäßig und glatt, weil er von einer Kapsel umhüllt war. Die Nachricht traf Lingguan wie ein Schlag – seine Kopfhaut prickelte, die Zunge wurde schlagartig trocken. Wie ein Schlafwandler taumelte er zum Flur und lehnte sich an die Wand. Schwäche überflutete ihn wie Wasser; im Kopf war nur Dröhnen und ein einziger Gedanke: Was wird Mama sagen, wenn sie es erfährt? Beim Gedanken an Mutters von Leid und Falten gezeichnetes Gesicht krampfte sich Lingguans Herz zusammen.

Plötzlich stieg ein Gedanke auf: Er hoffte, der Schwager möge sofort sterben. Lingguan wusste, dass Leberkrebs der König aller Krebsarten war. Im Dorf hatte jemand diese Krankheit gehabt. Das Brüllen wie ein Stier hatte monatelang wie eine Säge an den Herzen der Dorfbewohner gerissen.

Besser sofort sterben als diese Qualen erleiden. Und Lingguan mochte sich nicht ausmalen, wie der Bruder reagieren würde, wenn er seine Diagnose erführe – diese Verzweiflung war schlimmer als der Tod.

Alles war wie ein Albtraum – wie sehr er sich wünschte, es wäre nur einer.

Die Tür des Operationssaals öffnete sich.

Der Bruder lag mit nacktem Oberkörper auf der Trage. Er war bereits wach – tiefe Augenhöhlen, erschreckend gelbliches Gesicht, kein Tropfen Farbe auf den Lippen. In nur ein, zwei Stunden hatte sich ein Mensch derart verändert. Lingguan rief innerlich: „Guter Bruder, guter Bruder – weißt du von deiner Krankheit?“

Lingguan stöhnte.

Vater stürzte vor.

Der Arzt winkte ab: „Zurück, zurück!“ Vater wich einige Schritte zurück.

„Zurück, zurück!“ Der Arzt wurde zornig. Sie schoben die Trage in den Aufzug. Lingguan und der alte Laoshun eilten die Treppe hinab.

Im Krankenzimmer stöhnte der Bruder: „Keine Narkose, und dann schneiden – das Messer zum ersten Mal, au, dieser Schmerz …“ – „Habt ihr dem Narkosearzt etwas geschenkt?“, fragte der Zimmernachbar.

„Dem soll man auch noch schenken?“, fragte Lingguan.

„Natürlich! Kein Wunder … kein Wunder …“ Der Mann schüttelte den Kopf und seufzte.

Lingguan blickte auf die Bandage und den Schlauch, der aus dem Bauch des Bruders ragte, dann auf das wachsgelbe Gesicht – sein Herz verkrampfte sich. Hätte er die Diagnose vorher gekannt, hätte er dem Bruder diesen Schnitt erspart. Doch Lingguan wusste: Selbst wenn er es gewusst hätte, wäre der Schnitt nötig gewesen. Nur so konnten die Angehörigen sich beruhigen, sich fügen. Lingguan erschauderte bei dem Gedanken an den sieben Zoll langen Schnitt ohne Narkose.

Das Stöhnen des Bruders war wie eine Säge auf meinem Herzen. Beim Anblick des gelbhageren, schweißbedeckten Gesichts tat Lingguans Herz wieder und wieder weh.

„Weiß er von seiner Diagnose?“ Lingguan betrachtete den Bruder aufmerksam, konnte aber nichts erkennen. Vielleicht wusste er es noch nicht. Aber bald würde er bemerken, dass der Knoten im Bauch nicht verschwunden war. Bei dem Gedanken schnürte sich mein Herz zusammen. „Wenn doch nur …“, stieg wieder jener Gedanke auf: „Wenn er doch auf dem Operationstisch gestorben wäre – unwissentlich.“

Nachts breitete Lingguan die Matratze auf dem geliehenen Feldbett aus und legte die Decke in die Mitte; er und Vater saßen und lagen an den beiden Enden. Die Luft im Krankenzimmer war unerträglich, doch am schlimmsten war das Stöhnen des Bruders. Jeder Nerv schien davon zerrissen. Es dauerte nicht lang, und er fühlte sich am Rand des Nervenzusammenbruchs. Er ging auf den Flur, setzte sich auf die Heizung, öffnete das Fenster und ließ den kühlen Nachtwind sein taubes Hirn umspülen.

Auch der alte Laoshun hielt es im Krankenzimmer offenbar nicht aus; ab und zu kam er auf den Gang und rauchte ein paar Züge seiner Trockenblatt-Pfeife. Rauchen war hier streng verboten, aber in der tiefen Nacht konnte er heimlich ein paar Züge nehmen. Er wusste, dass der beißende Rauch Husten auslösen und die Wunde erschüttern würde, also schloss er die Zimmertür und öffnete das Gangfenster, damit der kalte Wind den Gestank verwehte.

Vater war abgemagert. Lingguan betrachtete selten Vaters Gesicht. Vater sah immer gleich aus – bräunlich-gelb, voller Falten, ein paar Barthaare, die keine Würde verliehen. Vaters Gesicht war gewöhnlich – so gewöhnlich, dass man ihn in einer Menge kaum erkannte. Immer hager, immer leidgeprüft. Die gesunde Hautfarbe war verschwunden und einem trockenen Schwarzgrau gewichen.

„Arm sein ist erträglich – nur krank darf keiner werden“, seufzte Vater nach ein paar Zügen.

27

In „Wüstenopfer“ beschrieb ich Lingguans Schmerz –

Die Narbe heilte tatsächlich gut; das neue Fleisch lag wie eine rote Schlange auf dem Schnitt. Der Bruder schien die Erklärung zu glauben und sagte: „Stimmt, längst überfällig. Noch ein Tag hier, und ich werde verrückt.“ Um seinen Wunsch nach Entlassung zu zeigen, lächelte er – doch vor Schmerzen war sein Lächeln bestenfalls ein Mundverziehen.

Der Bruder fragte nie nach seiner Diagnose. Außer Stöhnen sprach er kaum. Nur eines sagte er Lingguan: Zur Entlassung wolle er neue Kleidung tragen. Sein Grund: Er wolle „ordentlich und sauber“ aus dem Krankenhaus gehen. Lingguan hatte bereits heimlich Sterbegewänder besorgt – Stoffschuhe, Hosen, Unterwäsche – und überlegte gerade, wie er eine Oberbekleidung rechtfertigen sollte. Der Wunsch des Bruders kam ihm entgegen. Lingguan fragte sich, ob der Bruder seine Diagnose kannte und ihn absichtlich die Sterbekleider besorgen ließ.

Der Bruder zog die neuen Kleider an – jene, die er selbst gewünscht hatte. Tiefe Augenhöhlen, hervorstehende Wangenknochen, Haut und Knochen. Nur wo der Tumor saß, wölbte es sich unnatürlich, wie ein Basketball. Das Gesicht war besonders gelb, die dicht gesäten Flecken noch auffälliger. Das blaue Neukleid ließ seinen Körper „ordentlich“ erscheinen, betonte aber umso mehr das Gesicht eines Todkranken.

Mengzi holte eine Rikscha. Lingguan ging, Dolantin zu holen. Die Krankenschwester hatte versprochen, bei der Entlassung zwei Schachteln auszugeben. Doch diesmal war die Oberschwester kühl, der Grund überzeugend: Die Abrechnung sei abgeschlossen.

Lingguan war wütend. Die Oberschwester lächelte kalt: „Was denn? Selbst wenn ich könnte – ich würde nicht! Vorschrift: Dieses Medikament darf nur im Krankenhaus verabreicht werden.“

„Wirklich? Ich wünsche Ihnen ein langes Leben“, sagte Lingguan eisig. Kaum draußen, liefen die Tränen. Was für eine Welt – die Menschen waren keine Menschen mehr. Wo war das bisschen Mitgefühl, das Menschen haben sollten? Die Krankheit des Bruders war für die Familie eine Katastrophe. Doch in den Augen der Ärzte war er nichts als ein Krankheitsbeispiel und ein zahlender Kunde.

Nichts weiter.

Ein gewaltiges Problem lastete plötzlich auf mir: Woher genügend Dolantin beschaffen? Der Wortbruch der Oberschwester verschärfte die Lage. Schmerzen waren schlimmer als der Tod. Und die Kontrolle von Dolantin war strenger denn je.

Lingguans Kopf dröhnte. Das Leben des Bruders zu retten war aussichtslos – ihm Schmerzen zu lindern, war das Einzige, was er noch tun konnte.

Lingguan murmelte: „Sei unbesorgt, guter Bruder. Ich werde Dolantin besorgen, damit du weniger leiden musst.“

Mengzi kam in den Flur. Lingguan wischte sofort die Tränen weg. Die erzwungene Entlassung musste vor ihm geheim bleiben. Mengzi war ein Hitzkopf, der bei der geringsten Provokation explodierte. Und bei einem Streit litt letztlich der Bruder. Beim letzten Mal hatte Lingguan versucht, es vor Vater geheim zu halten – vergeblich. Und am Tag, als die Leute aus dem Dorf kamen, um Getreide zu holen, erfuhr auch Mutter davon. Nun ja – was sich nicht verheimlichen ließ, ließ sich eben nicht verheimlichen. Nur waren Vater und Mutter in diesen Tagen rapide gealtert und abgemagert. Lingguan wahrscheinlich auch, aber er scheute den Spiegel. Bei dem Gedanken, dass dieser Körper letztlich vergehen und zu Erde werden würde, verlor er jedes Interesse. Dick oder dünn, hell oder dunkel – alles gleich, egal. Nur Mengzi schien noch nicht begriffen zu haben, was geschah. Auch gut.

Lingguan und Mengzi halfen dem Bruder beim Packen und verließen das Krankenhaus. Die chirurgische Abteilung, die behauptet hatte, die Rechnung sei beglichen, hatte die Belege nicht an die Buchhaltung weitergeleitet. Auch dort war der Ton kühl: „Kommen Sie in ein paar Tagen wieder.“

Alles war kühl. Weiße Wände. Ausdruckslose Gesichter. Bäumchen, deren Blätter Insekten kahl gefressen hatten. Harter Boden, der unter den Füßen brannte. … Leb wohl, verfluchter Ort – dieser Ort voller Tod und Grausamkeit, dieser Ort mit dem ekelhaften, übelkeitserregenden Gestank. Möge man in diesem Leben nie wieder hierher zurückkehren müssen.

Der Wind wehte ins Gesicht. Die Motorradrikscha rollte langsam dahin. Der Bruder hielt mit einer Hand die Rippe, mit der anderen die Stange. Die Sonne strahlte. Lingguan wusste nicht, was der Bruder in diesem Moment empfand. War er gefasst? Oder betäubt? Aber er wusste: Dies war sein letztes Mal auf den Straßen von Liangzhou. Lingguans Herz tat Schlag um Schlag weh.

Die Motorradrikscha rollte langsam durch die Welt des Kommens und Gehens. Ringsum Lärm. Autos kreischten. Straßenverkäufer riefen heiser. Motorradfahrer lockten Kunden heran. … Alles war ihnen ganz nah und doch unendlich fern. Als hätte die Welt sie verstoßen. Alle Menschen wirkten fröhlich – und auf dieser einsamen Rikscha war der Bruder zum Tode verurteilt.

Wie im Traum. Mengzis Ermahnung „Langsamer, langsamer“ wie im Traum. Das vom Holpern schmerzverzerrte Gesicht des Bruders wie im Traum. Das Sonnenlicht übertrieben und verschwommen. Lingguan befand sich in einer Traumwelt. Nur der Schmerz im Herzen war klar – so klar, dass er sich ins Innerste brannte.

„Ich möchte den Konfuzius-Tempel besuchen“, sagte der Bruder. „Ich war noch nie dort.“

Den Konfuzius-Tempel besuchen? Lingguan sah den Bruder aufmerksam an. Der sah aus wie immer – schmerzverzerrt und fahlgelb.

Was bedeutete das? Warum der Konfuzius-Tempel? Wusste er vielleicht doch Bescheid? Und wenn ja – warum war er so gefasst?

Warum fragte er nie, was genau seine Krankheit war? Lingguan betrachtete den Bruder; der blickte nicht zurück, sein Blick ging über die Straße, die Pupillen ein tiefer Brunnen. Klammerte er sich blind an das Leben? Oder blickte er gelassen darüber hinaus? Nicht zu erkennen. Krankheit und Krankenhaus hatten ihn zum Philosophen gemacht.

„Was gibt’s da schon zu sehen?“, sagte Mengzi.

„Ein bisschen Zerstreuung“, sagte der Bruder leichthin. „So viele Tage eingesperrt – das Herz ist ganz mürbe.“

„Dann eben hin.“ Lingguan wies den Rikschafahrer zum Konfuzius-Tempel. Warum hatte er ausgerechnet den Konfuzius-Tempel gewählt? Er, der kaum

lesen konnte, hatte ausgerechnet den Konfuzius-Tempel gewählt. Nie dagewesen war natürlich ein Grund, aber er war auch nie anderswo gewesen: am Glocken- und Trommelturm, am Haizang-Tempel … Warum der Konfuzius-Tempel? Bereute er es vielleicht insgeheim, nie richtig gelernt zu haben?

Mengzi blieb draußen und bewachte das Gepäck. Lingguan begleitete den Bruder in den Tempel. Der Konfuzius-Tempel war beeindruckend. Schon das bronzene Fliegende Pferd am Eingang betrachtete der Bruder lange. Lingguan hörte sein kaum wahrnehmbares Seufzen. Die Kiefern und Zypressen leuchteten grün. Der Bruder betrachtete das Grün eine Weile, ging dann in den Kalligrafie- und Gemäldesaal und verweilte vor jedem einzelnen Werk. Er schaute sehr aufmerksam.

Lingguan stellte fest: Er schaute wirklich, kaute jedes Werk, mit einer unverhohlenen Gier, den Mund halb offen, als sähe er eine Zirkusvorstellung.

„Wirklich lebensecht“, murmelte er vor einem Figurenporträt aus der späten Qing-Zeit. Dann schluckte er zwei Schmerztabletten und ging langsam weiter.

Sie betraten einen Ausstellungsraum nach dem anderen. Lingguan erklärte nichts, der Schwager fragte nichts – er schaute nur, still und aufmerksam. Hier war die Geschichte der Menschheit ausgestellt, die Geschichte von Liangzhou. Doch in seinen Augen, das wusste Lingguan, waren es allesamt Kuriositäten: Holzfiguren, Holzpferde und -wagen, rostige Schwerter, Steinäxte, Porzellanvasen, Rüstungen wie Bettgestelle, bemalte Stoffe, Buddhastatuen … Alles war gut, alles war wunderbar. Vor einigen riesigen Bronzefiguren stand der Bruder sehr lange. Lingguan vermutete, er hielt sie irrtümlich für Buddhastatuen und betete.

„Gehen wir“, sagte der Bruder.

Zu Hause lachte der Bruder – ein echtes Lachen. Doch es war wie eine Sternschnuppe.

Mutter stürzte aus der Küche, sah den Bruder, lachte, doch gleichzeitig liefen die Tränen. „Gut! Gut!“, sagte sie unablässig. Ob sie die Entlassung meinte oder die Genesung, war unklar.

Drinnen faltete Mutter eine Decke doppelt, legte sie auf den Kang, holte eine weitere als Rückenstütze an die Wand. Vater und Lingguan halfen dem Bruder hinauf. Lingguan erwartete, Mutter würde fragen: „Ist er geheilt?“ Doch sie fragte nichts. Sie blickte nur den Bruder an, die Tränen strömten wie Quellwasser – sie kam mit dem Wischen nicht nach.

Die Tage nach der Entlassung waren in Lingguans Erinnerung wie ein Albtraum – alles geisterhaft und furchtbar.

In jener Zeit sah ich keine Sonne. Alles war grau. Mutter weinte ständig – bei der Hausarbeit flossen die Tränen. Nur vor dem Schwager lächelte sie. Lingguans größte Angst war dieses Lächeln. Wenn Mutter lächelte, kreisten die Tränen in ihren Augenwinkeln, und bei der kleinsten Unachtsamkeit rollten sie die Wangen hinab. Dann wischte Mutter hastig die Tränen weg und ersetzte sie durch ein breiteres, noch hässlicheres Lächeln. Zum Glück blickte der Schwager niemanden an. Er lag stets mit geschlossenen Augen da; wenn er sie öffnete, wandte er das Gesicht zur Wand. Bei extremem Schmerz stöhnte er ein paar Mal, und Lingguan injizierte eine Ampulle Schmerzmittel. Dann schloss der Schwager die Augen wieder – oder starrte die Wand an.

Lingguan wusste, dem Bruder blieben nur noch Dutzende Tage – oder wenige Tage, falls die vom Arzt vorhergesagte große Blutung einträte. Alles verlor seinen Sinn. Alles würde wie eine Seifenblase mit dem Tod zerplatzen. Im Strom des Lebens waren Tage oder Wochen nur ein Augenblick. In der Geschichte der Menschheit war ein ganzes Leben nur eine Blase, die rasch entstand und rasch zerplatzte. Angesichts des unvermeidlichen Endes machte es kaum einen Unterschied, ob es Jahrzehnte oder Tage dauerte.

Der Bruder war zum Tode verurteilt. Und alle Menschen waren zu lebenslänglich auf Bewährung verurteilt – nur dass diese Bewährung nie zur Begnadigung führte.

So war es.

Lingguan dachte an die Schlägerei des Bruders mit Maodan. Hätte der Bruder gewusst, dass sein Leben bald enden würde, hätte er gewiss nicht zugeschlagen. Vor dem ewigen Thema Tod waren alle Fehden Seifenblasen. Wenn alle Menschen klar erkannten, dass der Tod nicht fern war, wären sie gelassener und würden niemals um flüchtige Vorteile streiten, niemals vergänglichem Ruhm nachjagen. Alles war vergänglich; nur der Tod war die wahre Ewigkeit.

Außer den Injektionen für den Bruder bestand sein Leben darin, überall nach Dolantin zu suchen. In dieser Zeit kannte Lingguans Freude nur einen einzigen Anlass: eine Ampulle Dolantin aufzutreiben. Ansonsten: Taubheit und Verzweiflung.

Eine Nacht stöhnte der Bruder besonders heftig. Lingguan kam ein furchtbarer Gedanke: Da das Ende unabänderlich war, sollte der Bruder nicht länger leiden müssen. Schmerzbefreiung wäre die größte Barmherzigkeit. Noch furchtbarer: Was, wenn die Schmerztabletten nicht mehr wirkten und die wenigen Dolantin-Ampullen aufgebraucht waren? Ein schreckliches Dilemma. Lingguan suchte seinen Studienfreund auf und bettelte einen ganzen Nachmittag. Schließlich verriet ihm der Freund: Im äußersten Notfall mehrere Ampullen Dolantin auf einmal injizieren.

Mehr als einmal dachte Lingguan: Beende das alles – beende diesen furchtbaren Albtraum. Für den Bruder, für die Eltern, für alle. Doch gleich darauf verfluchte er sich, kein Mensch zu sein.

Außer Stöhnen und gelegentlichen Erklärungen an die Mutter – die Schwellung an der Rippe komme von einer Entzündung der inneren Narbe – schwieg der Bruder. Wie im Krankenhaus sprach er nie über seine Krankheit, fragte nie nach. Laut Arzt wusste er nicht Bescheid, da er „ohnmächtig“ gewesen war. Doch ich zweifelte stets daran. Der Bruder zeigte nicht die Gereiztheit, das Hadern und die gelegentliche Hysterie, die Krebspatienten eigen waren. Er war durchgehend ruhig – zumindest äußerlich.

Die Injektionen gingen weiter – gegen Schmerzen und zum „Abschwellen“. Jeder wusste, dass „Abschwellen“ Unsinn war, doch man musste den Anschein wahren. Nur an zwei Tagen ließ Lingguan die nutzlosen Entzündungsspritzen weg und gab stattdessen Schmerz- und Abschwellmittel auf einmal. Als der Bruder es bemerkte, sagte er sehr laut: „Ihr belügt mich alle.“ Danach sprach er tagelang kein Wort.

Geld floss wie Wasser ab. Vater verkaufte schweren Herzens sein geliebtes schwarzes Maultier. Lingguan kaufte Sterbewäsche für den Bruder – neue Unterwäsche, Vlies-Unterhosen, Schuhe, Socken – und übergab alles der Mutter. Beim Anblick dieser „Sterbekleider“, die eigentlich alten Menschen vorbehalten waren, brach die Mutter in Tränen aus, als könne sie nicht glauben, dass ihr Sohn sterben würde, und erst diese Dinge erinnerten sie daran. Unter Tränen legte sie alles an den saubersten, sichersten Platz. Es war die beste Kleidung, die ihr Sohn je besessen hatte. Sie wollte nicht, dass irgendjemand sie beschmutzte.

Die ganze Familie war erschöpft. Vater lehnte sich an die Wand und schlief sofort ein. Er war schwach und abgezehrt.

Mutter war abgemagert und schwankte im Wind. Mengzi ging es etwas besser, war aber wie ausgewechselt – auffallend ruhig. Yinger hatte das Krankenzimmer nie betreten. Das war Mutters ausdrückliche Anweisung, denn Yinger war schwanger. Mutter fürchtete, die Schwangere könnte den Sohn „abstoßen“. Lingguan erkannte: Mutter hoffte noch immer.

Die Dorfbewohner kamen, um den Bruder zu besuchen, alle mit Geschenken: Zucker und Konserven. Das war in der ganzen Krankheitszeit der größte Trost für die Eltern. Es bewies: Sie hatten sich noch Ansehen bewahrt. Jeder tröstete aufrichtig die Mutter. Vor jedem weinte sie. Ihre tränenverschleierten Augen blickten hilfesuchend umher, und immer wieder fragte sie: „Was soll ich nur tun? Ach –“ Sie wirkte wie ein hilfloses kleines Mädchen. Ausnahmslos trösteten sie alle: „Keine Sorge, der Himmel hat Augen. Ein so guter Mensch wie der Schwager wird bestimmt gesund, bestimmt.“ Dann atmete Mutter auf, als hätte sie eine Garantie des Himmels erhalten.

Für den Bruder waren die Besuche quälend, als schäme er sich, so vielen Menschen Umstände zu machen. Jedes Mal kämpfte er sich hoch, lehnte sich an die Decke und rang schwer nach Luft. Der Tumor wurde immer größer – von der rechten Rippe fraß er sich zur Herzgegend, zur linken Rippe, zum Unterbauch. Der gesamte Bauch war steinhart. Das wurde sein Schambereich. Jedes Mal, wenn er sich aufsetzte, bedeckte er den Bauch mit einer Decke oder Kleidung. Bei seinem schweren Atmen hielt es kein Besucher länger als ein paar Minuten aus. Niemand wollte den Kranken quälen. Sie sagten ein paar tröstende Worte, verabschiedeten sich, gingen in die Küche, trösteten die Mutter, hörten ihr unablässiges Weinen und Klagen: „Was soll ich nur tun?“, trösteten noch mit ein paar Worten und verabschiedeten sich dann.

Am meisten schien der Bruder sich über Maodans Besuch zu freuen. Früher hatten die beiden sich geprügelt. Jetzt zeigte er ein Lächeln.

Es war ein aufrichtiges Lächeln. Lächelnd winkte er Maodan heran und ergriff seine Hand, ohne ein Wort. Maodan lächelte ebenfalls verlegen. Keiner sagte etwas. Doch Lingguan wusste: Sie hatten sich versöhnt. Eine echte Versöhnung. Er sah, wie der Bruder tief aufatmete. Dann wirkte er erschöpft über alle Maßen, schloss die Augen. Eine Träne rollte aus dem Augenwinkel, über die Wange, zum Mundwinkel. Der Bruder streckte die Zunge raus und leckte sie weg.

Es war die einzige Träne, die Lingguan nach der Entlassung des Bruders sah.

28

Wer stirbt, isst nicht mehr – und nimmt die halbe Habe mit. Nach dem Tod des Bruders war das Haus spürbar leer. Alles verlor sein Gesicht und wirkte grau und erbärmlich. Mutter schluchzte, Yinger wischte sich die Tränen – beide unterdrückt, um keinen Laut zu machen. Doch dieses stille Weinen war qualvoller als lautes Heulen. Lingguan konnte nicht glauben, dass der Bruder einfach gegangen war. Im Haus meinte er ständig, der Bruder würde zur Tür hereinkommen. Draußen glaubte er, er käme gleich heraus. Sang ein Vogel, orakelte er, der Himmel schicke einen Boten mit der Nachricht: „Der Schwager lebt noch – er ist aus dem Grabhügel geklettert.“ Wenn er auf der gelben Anhöhe südlich des Dorfes saß, erwartete er stets, Mutter käme lächelnd und riefe: „Dein Bruder lebt wieder.“

Doch es war immer nur Einbildung.

Was blieb, war der Schatten des Bruders, der vor seinen Augen hin und her schwankte.

Träume hatte er oft.

Im Traum wusste Lingguan, dass der Bruder tot war, und staunte über sein Lebendigsein. Stets stürzte er freudig auf ihn zu. Doch der Bruder wandte sich finster ab, fahl, wortlos, ohne Lächeln, die Stirn gerunzelt. Lingguan war sehr traurig. Im Traum lebte der Bruder immerhin. Lebendig war gut. Selbst wenn er Lingguan ein Messer in die Brust stieße – Hauptsache, er lebte.

Am schlimmsten war das Aufwachen. Denn jeder vertraute Gegenstand stach ins Auge, war ein Ort, den man nicht berühren durfte – alles erinnerte an eine Wirklichkeit, die er nicht akzeptieren konnte.

Viele Tage wich Lingguan dieser Wirklichkeit aus. Er kämpfte dagegen an, daran zu denken. Es war der gelbe Dorn im Herzen – schon eine unbeabsichtigte Berührung löste einen herzzerreißenden Schmerz aus. Beim Gedanken an das gütige Lächeln des Bruders, wenn er Mehl in die Stadt brachte, an seine Knochenarbeit, um Lingguans Studium zu finanzieren, an all die alltäglichen Szenen, die er längst vergessen hatte und die ihm jetzt ständig das Herz zerrissen – da war es, als träfe ihn ein Keulenschlag. Reglos starrte er vor sich hin, raufte sich die Haare und verfluchte sich mit zusammengebissenen Zähnen.

„Ich bin kein Mensch. Ich bin ein Vieh. … Nein, schlimmer als Vieh. Ein Lamm kniet beim Saugen, eine Krähe dankt ihrer Mutter … Und du – was hast du getan? Der älteste Bruder ist wie ein Vater, seine Güte wiegt wie ein Berg. Und du … schlimmer als ein Tier.“

Im Kopf war alles mit Wolle vollgestopft – wirr, prall, kurz vor dem Wahnsinn. Die Kehle trocken, die Ohren dröhnend. Bei dem Gedanken an Mentou, der ihm sogar im Traum finster auswich, zuckte sein Herz. Er drohte zu ersticken.

„Kein Wunder, dass er mir ausweicht … kein Wunder sein finsterer Blick … kein Wunder, dass er bis zum Tod kaum ein Wort sprach. Er wusste es bestimmt, bestimmt. Auf einem kahlen Kopf sieht man die Läuse. Sie … war schon hochschwanger. Mutter ließ sie nicht an sein Bett – aus Angst, die Schwangere ‚stoße’ ihn ab. Kein Wunder … Lingguan, du Vieh!“

Dann fiel ihm ein, wie er und Yinger, während der Bruder schwer krank war, in der Sandmulde … Er hätte am liebsten im Erdboden versinken wollen. „Ha! Du lachst noch? Du liebst noch? Du singst noch? Du … schlimmer als ein Schwein, als ein Hund. Denk nach – was bist du für ein Ding? Wie kannst du es wagen, auf dieser Welt zu leben? Warum … warum stirbst du nicht?“