Lu Xun Complete Works/de/duanwujie
Drachenbootfest
端午节 von/by/par Lu Xun (鲁迅)
[Drachenbootfest]
Fang Xuanchuo hatte in letzter Zeit eine Vorliebe fuer den Ausdruck "fast gleich" entwickelt, der beinahe zu seiner Redensart geworden war; und er sagte es nicht nur, es hatte sich tatsaechlich in seinem Kopf festgesetzt. Anfangs hatte er "alles dasselbe" gesagt, doch spaeter hielt er das wohl fuer nicht bedacht genug und aenderte es in "fast gleich" -- bis zum heutigen Tag.
Seit er diesen banalen Sinnspruch entdeckt hatte, war zwar mancherlei neue Bitternis daraus entstanden, zugleich aber hatte er auch viel neuen Trost daraus geschoepft. Wenn er zum Beispiel sah, wie Aeltere die Jugend unterdrueckten, hatte er sich frueher empoert, doch nun dachte er um: Wenn diese Jugendlichen einmal selbst Kinder und Enkel haben, werden sie vermutlich ebenso auftreten -- und es gab nichts mehr, worueber man sich aufregen musste. Oder wenn er sah, wie ein Soldat einen Rikschafahrer schlug, hatte er sich frueher auch empoert, doch nun dachte er um: Wenn dieser Rikschafahrer Soldat waere und jener Soldat eine Rikscha zoege, wuerde vermutlich genauso gehandhabt -- und er nahm es nicht mehr zu Herzen. Wenn er so dachte, argwoehnte er zuweilen auch, dass er nur deshalb, weil ihm der Mut fehlte, gegen die schlechte Gesellschaft zu kaempfen, sich selbst eine Fluchtroute erfunden hatte, die einem "Mangel an Unterscheidungssinn" nahekam und besser korrigiert werden sollte. Dennoch wuchs diese Ansicht in seinem Kopf nur immer weiter.
Als er seine "Fast-gleich-Theorie" zum ersten Mal oeffentlich vortrug, geschah dies im Hoersaal der Shoushan-Musterschule in Peking. Dabei kam die Rede auf historische Angelegenheiten, auf "die Alten und die Heutigen stehen einander nicht fern", auf die "aehnliche Natur" aller Menschen, und schliesslich zu Studenten und Beamten, wobei er sich zu folgender Rede verstiege:
"Heutzutage ist es in Mode, Beamte zu beschimpfen, und die Studenten schimpfen am heftigsten. Aber Beamte sind keine eigene Rasse -- sie kommen aus dem Volk. Es gibt schon jetzt nicht wenige Beamte, die Studenten waren, und worin unterscheiden sie sich von alten Beamten? 'In derselben Lage wuerde jeder ebenso handeln' -- in Denken, Reden und Handeln gibt es keinen grossen Unterschied ... Und selbst die vielen Unternehmungen studentischer Organisationen -- sind nicht auch die meisten davon schon in Skandale verwickelt und grossteils in Rauch aufgegangen? Fast gleich. Und das Bedenkliche an Chinas Zukunft liegt gerade darin. ..."
Von den gut zwanzig Zuhoerern wurden einige nachdenklich, einige wuetend, einige laechelten -- wohl weil sie es fuer seine Selbstverteidigung hielten, denn Fang Xuanchuo war nebenbei auch Beamter.
In Wirklichkeit lagen sie alle falsch. Dies war lediglich eine neue Art der Unzufriedenheit seinerseits; eine brave, leere Rede. Er hielt sich fuer jemanden, der sich nicht regte, ueberaus fuegsam. Solange seine Stellung nicht in Gefahr war, oeffnete er nicht den Mund; das Lehrergehalt war seit einem halben Jahr rueckstaendig, aber solange er sein Beamtengehalt bekam, oeffnete er nicht den Mund. Als sich die Lehrer zusammentaten, fand er insgeheim, sie laermten zu viel; erst als Kollegen sie allzu sehr verspotteten, empfand er leise Bitternis -- doch dann dachte er um: Das lag vielleicht daran, dass er gerade knapp bei Kasse war.
Obwohl auch er knapp bei Kasse war, trat er nie der Lehrervereinigung bei. Als alle den Streik beschlossen, ging auch er nicht mehr zum Unterricht. Erst als die Regierung sagte: "Nur wer unterrichtet, bekommt Geld", begann er sie dafuer zu hassen; und erst als ein Paedagoge sagte: "Ein Lehrer mit Buechern in der einen und Geld in der anderen Hand ist nicht vornehm" -- erst da beschwerte er sich bei seiner Frau.
"Du, warum gibt es nur zwei Gerichte?" fragte er beim Abendessen.
Sie hatte keine moderne Erziehung genossen, keinen Rufnamen. Nach alter Sitte haette man "Frau" sagen koennen, aber er wollte nicht altmodisch sein und erfand ein "Du". Sie hatte nicht einmal ein "Du" fuer ihn.
"Aber das Zehntel von letztem Monat ist aufgebraucht ... Und den Reis von gestern konnten wir nur mit Muehe auf Kredit bekommen."
"Siehst du, und dann heisst es, Lehrer, die Gehalt wollen, seien vulgaer. Solche Leute wissen nicht einmal, dass Menschen essen muessen und Reis Geld kostet ..."
"Genau. Ohne Geld kein Reis, ohne Reis kein Kochen ..."
Beide Wangen blaehten sich, dann wandte er den Kopf weg -- Diskussion beendet.
Als die Lehrer vor dem Xinhua-Tor zusammengeschlagen wurden, wurde tatsaechlich etwas Gehalt ausbezahlt. Fang Xuanchuo kassierte muehelos, zahlte einige Schulden zurueck, aber es fehlte noch viel -- auch die Beamtengehaelter waren rueckstaendig. Da begannen sogar unbestechliche Beamte einzusehen, dass man sein Gehalt einfordern musste. Als alle den Streik fortsetzten, hielt er sich gewissenhaft an den Beschluss.
Doch die Regierung zahlte erneut, und die Schule oeffnete. Allerdings hatte der Studentenverband geschrieben: "Wenn die Lehrer nicht unterrichten, sollen keine Gehaelter gezahlt werden." Fang Xuanchuo erinnerte sich an den frueheren Regierungsspruch, das Bild von "fast gleich" huschte vor seinen Augen vorbei -- und so trug er es im Hoersaal vor.
Demnach koennte die "Fast-gleich-Theorie" als eigennuetzige Unzufriedenheit gelten, aber nicht nur als Beamten-Apologie. Doch wenn er das Schicksal Chinas heranzog, hielt er sich unversehens fuer einen sorgenvollen Patrioten: Die Menschen leiden stets am Mangel an Selbsterkenntnis.
Doch neue "fast gleich"-Ereignisse traten ein: Die Regierung ignorierte schliesslich auch die Beamten, schob Zahlungen auf, bis selbst jene braven Beamten, die Lehrer verachtet hatten, zu Gehaltseinfoderern wurden. Nur in einigen Zeitungen erschienen spottende Artikel. Fang...