Xue Mo Desert Daughters/de/Chapter 2
Nachdem sie eine Weile gesaugt hatte und glaubte, dass etwaiges Gift längst ausgesaugt sein müsse, hörte Yinger auf. Sie dachte, sie sollte noch nachsehen, ob weitere Schlangen im Zelt waren. So warf sie die Decken nach draußen und durchsuchte das Zelt gründlich. Weitere Schlangen fand sie nicht, doch sie sah einige Käfer, die panisch umherliefen.
Nach einer Weile des Suchens beruhigte sich Yinger etwas, sorgte sich aber weiter, ob die Schlange giftig gewesen war. Sie fragte Lanlan, ob ihr Arm taub werde. Lanlan sagte: Ich bin nur müde, ich spüre keine Taubheit. Dafür fand Yinger, dass ihre eigene Zunge taub war.
Lanlan sagte: Das ist meine Schuld. Vater hat vor der Abreise viel Tabakschmutz ausgestochert, den habe ich in eine Plastiktüte getan und vergessen, ihn herauszunehmen.
Lanlan holte den Tabakschmutz heraus und ließ ihn seinen beißenden Geruch verströmen. Vater hatte gesagt, Schlangen und Ungeziefer hätten feine Nasen – ein Hauch von Tabakschmutz, und sie würden weit fliehen. Trotz alledem kamen die Schwägerinnen nicht zur Ruhe. Sie gingen gemeinsam hinaus, führten die Kamele zu einer grasreichen Stelle und banden sie an, breiteten dann das Bettzeug neu aus – doch keine von beiden hatte Lust zu schlafen. Erst als das Licht des Ostens in die Lagerstatt fiel, dösten sie ein wenig.
Der Morgen in der großen Wüste war wunderschön.
8
In „Wüstenopfer" hatte ich den Wüstenmorgen durch Lingguans Augen beschrieben.
Der damalige Lingguan pflegte Yinger diese Szenerie zu schildern –
Ungefähr zur fünften Nachtwache wurde Lingguan von der Feuchtigkeit geweckt.
Das Erste, was er sah, waren die Sterne. Die Sterne der Wüste schienen anders als anderswo, von starker Plastizität, hingen scheinbar tief, einsam schwebend, wie aufgehängte Laternen, die man mit einer Leiter hätte pflücken können. Nachdem er eine Weile in den Nachthimmel geblickt hatte, kam es Lingguan vor, als wäre sein Bettzeug ein magischer fliegender Teppich geworden, der ihn schwebend mitten zwischen die Sterne trug. Er spürte eine seltsame Frische. Eine durchsichtige Frische. Ohne Benommenheit, ohne wirre Gedanken, von innen bis außen kristallklar. Jeder Atemzug war wie eine kühle Flüssigkeit, die seine Eingeweide und jede Zelle durchspülte. Wie wunderbar. Fast hätte er laut aufgeschrien.
… Zwei Silhouetten entfernten sich allmählich. Die ältere leichtfüßig, die jüngere kräftig – die beiden Schatten stiegen auf den Sandgrat und verharrten, als überlegten sie, welche Richtung sie einschlagen sollten. Dieser Augenblick wurde zur schönsten Landschaft in Lingguans Augen. Der grauweiß schimmernde Himmel, die dunklen Sandhügel, zwei Jäger mit geschulterten Gewehren – ein Scherenschnitt von unvergleichlicher Schönheit. Außer innerem Erbeben fand Lingguan beim besten Willen keine Worte, um dieses Bild zu beschreiben. Vor der Natur wirkt jede Sprache blass.
Dann sah Lingguan das Kamel. Es lag in der Sandmulde, den Kopf erhoben, reglos, als wäre auch es berauscht vom Wüstenmorgen. Er fand, das Kamel sei das schönste Totem der Wüste – so friedlich, so gelassen, ohne Groll, ohne Zorn, ohne Klage, ohne Streit. Gewöhnlich bemerkte man kaum seine Anwesenheit. Wenn es hungrig war, fraß es still ein paar Bissen.
Wenn es müde war, legte es sich still nieder. Die Menschen vergaßen es beinahe, doch es hatte sich keinen Augenblick von den Menschen entfernt.
Beim Anblick des Kamels spürte Lingguan, wie sich sein Herz plötzlich weitete.
Er zog sich an und stieg auf den höchsten Sandgrat.
Im Osten begann es zu röten. Zuerst ein Hauch von zartem Rot, so blass wie die Schamröte auf dem Gesicht eines Mädchens, kaum wahrnehmbar. Allmählich schien der Himmel wie Rouge durch Reispapier hindurch rasch einen Schimmer von Rosenrot auszubreiten – wie verdunstender Dampf dehnte es sich aus, wurde von zart zu kräftig und entfaltete im Osten ein Feld der Pracht.
Ein Sonnenrand tauchte aus dem Sandmeer auf. – Es war wirklich ein „Meer". Lingguan sah deutlich wogende Wellen, hörte deutlich die eine Welle übersteigende Brandung. War jene gleißende Fläche nicht die im Sonnenlicht spiegelnde Wasseroberfläche?
Was für ein blendendes Weiß! Sieh nur, der aus dem Sandmeer auftauchende Sonnenrand zog Streifen von Morgenrot mit sich, die zum Horizont schossen. War es etwa das Blut, das Mutter Morgenröte bei der Geburt der Sonne vergoss? So prächtig, so strahlend.
Die Sonne stieg rasch empor, stampfte sich Huf um Huf heraus, und nach wenigen Tritten ragte schon mehr als die Hälfte ihres Hauptes hervor. Kein blendendes Licht, nur reines Weiß. Lingguan fühlte sich in dieses Weiß verschmolzen. Die Wüste erwachte, alles erwachte. Der Morgennebel lichtete sich. Alles badete in berauschenden Sonnenstrahlen. Die Sandhügel wechselten zwischen hell und dunkel – die Sonnenseite trug einen goldenen Schleier, die Schattenmulden blieben noch finster. Das Sonnenlicht weckte die Wüste. Alles schlug nach einer Nacht des Schlafes die Augen auf und sandte der Sonne ein strahlendes Lächeln.
Dies war die schönste Stunde des Wüstentages. Keine Kälte, keine Gluthitze, kein Durst, keine Rastlosigkeit – nur Schönheit, nur Kraft, nur das Pulsieren des Lebens. Ja, das Pulsieren des Lebens.
Jene weiße Kugel sprang aus dem Sandmeer, schnellte auf den Wellenkamm. Was für ein atemberaubender Sprung! Lingguan hätte beinahe aufgeschrien. In seiner Brust wogte Leidenschaft. Die Erhabenheit und Weite der Wüste drangen in seine Augen. Sandgrat um Sandgrat wand sich wie gelbe Drachen zum Horizont und brüllte himmelstürmende Lebenskraft heraus. Der gewaltige Grat unter seinen Füßen aber ruhte still, betrachtete die sich zum Horizont windenden Drachen, als sammle er Gefühle, als speichere er Kraft, bereit zu einem welterschütternden Sprung … Lingguan lachte. Lebendig – alles war lebendig geworden! Wer sagte, dies sei ein Meer des Todes? Dies war Kraft, war Feuer, war stiller Aufschrei, war erstarrter Tatendrang, war lautloses Brausen.
Erneut brandete eine Woge der Leidenschaft heran. Lingguan hob die Arme und ballte die Fäuste, er wollte springen, wollte brüllen – und brüllte: „Hey–hoo!—"
Der Ruf trug weit in die Tiefe der Wüste und hallte Welle um Welle zurück. Die Sandmulde hallte wider von „Hoo"– „Hoo"–
Echos.
An einem anderen Wüstenmorgen fühlte Yinger, dass auch sie Lingguans Herz begriffen hatte.
Glücklich lächelte sie.
9
Als das Sonnenlicht ins Zelt fiel, erwachte Yinger erst. Der Kopf schmerzte etwas, im Mund war nichts Auffälliges. Lanlans Arm, der unter der Decke hervorlugte, war stark geschwollen, doch die Haut hatte sich nicht schwarz verfärbt – Yinger war beruhigt.
Sie trat aus dem Zelt, und als sie den teetassendicken Schlangenkadaver erblickte, zog sich ihr Herz zusammen. Zum Glück war sie aufgewacht. Sie hatte gehört, dass früher beim Sandhirseernten einer Frau eine Schlange in den Unterleib gekrochen war. Der Schlangenkadaver lag im Sand, um ihn herum schwarzes Blut. Sie bewunderte Lanlan – hätte sie selbst diesen Mut gehabt? Selbst wenn sie den Mut gefunden hätte, die Schlange zu packen, wäre ihr Körper wohl kraftlos zusammengesackt.
Die Kamele lagen in der Sandmulde und käuten wieder; ringsum war noch Gras – die Kamele hatten sich sattgefressen. In der Mulde gab es viele Löcher, ob Mauselöcher oder Schlangenlöcher, wusste man nicht. Beim Lagern in der Nacht war es schon dunkel gewesen, man konnte die Umgebung nicht erkennen. Sie nahm sich vor, künftig früher ein Lager aufzuschlagen und einen besseren Platz zu wählen, am besten weit weg von solchen Löchern.
Lanlan erwachte. Sie rieb sich den Arm.
Yinger fragte: Ist dein Arm taub?
Lanlan sagte: Hab keine Angst, die Schlange hatte vielleicht ein wenig Gift, aber nicht viel, es ist nicht schlimm. Bei einer starken Vergiftung würde es das Gehirn beeinträchtigen. Yinger sagte: Da hast du wohl recht. Doch der glänzend geschwollene Arm ließ Yinger noch immer scharf die Luft einziehen.
Lanlan sammelte trockenes Reisig, entfachte ein Feuer und fand ein langes Holzstück, spießte die Schlange auf und hielt sie übers Feuer. Yinger wusste, dass sie das Schlangenfleisch braten wollte, und ihr wurde übel. Sie sagte: Iss du, wenn du willst, ich esse das nicht. Lanlan lachte: Das ist eine Gabe, die der Gelbdrachen-Herr (黄龙爷) dir geschenkt hat – wenn du nicht isst, wird er böse. Yinger schüttelte trotzdem den Kopf.
Lanlan redete nicht weiter auf sie ein und legte nur Holz ins Feuer nach. Die Flammen umtanzten die Schlange, das Fleisch zischte. Yinger roch einen Hauch von Duft. Als sie daran dachte, dass dieses duftende Ding in ihre Hose gekrochen war, schauderte sie dennoch. Lanlan sagte: Schlangenfleisch duftet, aber schlecht zubereitet stinkt es fischig. Der Trick sei, das Fleisch nicht mit Eisen in Berührung kommen zu lassen. Beim Kochen nehme man am besten ein Bambusmesser. Doch am besten schmecke es geröstet. Yinger blickte auf Lanlans glänzend geschwollenen Arm und sagte: Na gut, sie hat dich gebissen – da darfst du dich ruhig stärken.
Lanlan riss die schwarze Haut ab, warf sie ins Feuer und sagte: Das opfern wir dem Gelbdrachen-Herrn. Dann riss sie ein Stück Schlangenfleisch ab und reichte es Yinger. Yinger sagte: Ich will nicht. Lanlan lachte: Bereue es nur nicht! Damit streute sie etwas Salz auf das Fleischstück, legte den Kopf in den Nacken, öffnete übertrieben den Mund und ließ das Schlangenfleisch hineingleiten. An Lanlans Miene erkannte Yinger, dass das Fleisch wirklich gut schmeckte.
Lanlan sagte: Du solltest wirklich etwas essen. Genau betrachtet sind viele Gewohnheiten der Menschen eigentlich Macken. Nimm deinen Sauberkeitsfimmel – egal wie sehr du dich reinigst, bestrafst du nicht letztlich nur dich selbst? Wir können die Welt nicht ändern, aber zumindest uns selbst.
Diese Worte rührten Yinger. Sie dachte: Stimmt ja – habe ich mich in den letzten Tagen nicht sehr verändert? Manches hatte sie selbst verändert, zu manchen Änderungen hatte das Leben sie gezwungen. Ob sie wollte oder nicht, sie wandelte sich unmerklich. Sie sagte: Gib mir ein bisschen zum Probieren. Lanlan riss jedoch ein großes Stück ab. Beim ersten Bissen merkte Yinger, dass es anders schmeckte als alles Fleisch, das sie je gegessen hatte – doch das Fremde war noch im erträglichen Bereich. Nach ein paar Stücken entdeckte sie einen seltsam köstlichen Geschmack. Die Schwägerinnen nahmen etwas Fladenbrot dazu, und mit dem Schlangenfleisch aßen sie sich tatsächlich angenehm satt.
Nach dem Aufbruch ritten beide auf Kamelen. Das Kamelreiten war keine leichte Sache. Erfahrene Reiter pressen ihr Steißbein nicht direkt gegen das Rückgrat des Kamels, sondern verlagern es zur Seite. Yinger hatte keine Erfahrung und ritt steif geradeaus. Gegen Mittag brannte und schmerzte ihr Steißbein wie Feuer. Lanlan nahm die Decke von ihrem eigenen Kamel und legte sie Yinger unter den Hintern, wobei sie ihr einige Kniffe beibrachte. Als Yinger immer noch die Stirn runzelte, tröstete Lanlan: Macht nichts, am Anfang geht es jedem so, in ein paar Tagen wird es besser. Und fügte hinzu: Sei nicht undankbar – wenn wir erst Salz geladen haben, musst du erst schauen, ob das Kamel noch die Kraft hat, dich zu tragen. Yinger dachte: Stimmt, ich muss mich abhärten. Sie ging eine Weile, ritt eine Weile – der Hintern war zwar erträglicher, doch die Waden schmerzten nun wie von Messern geschnitten.
10
Um die Mittagszeit begegneten die Schwägerinnen zwei alten Hirten. Sie trieben eine Schafherde, die die Sonne matt und kraftlos gemacht hatte.
Der eine fragte: He! Seid ihr etwa Fuchsgeister? Lanlan lachte: Gibt es denn wirklich Fuchsgeister? Der alte Mann sagte: Aber ja, letztes Mal sahen wir unter der Grenzmauer eine rotgekleidete Frau, die sich kämmte. Wir schwangen die Peitsche, sie schrie auf – der erste Schrei kam noch von der Mauer, der zweite schon aus zehn Li Entfernung. Wenn das kein Fuchsgeist war, was dann?
Lanlan lachte: Ich wünschte, wir wären Fuchsgeister, aber die Fuchsgeister wollen uns nicht – also bleibt uns nur, Schwertmeisterinnen zu sein.
Sie klopfte auf Messer und Gewehr. Der Alte lachte: Wenn man nur einen Feuerhaken braucht, um Schwertmeisterin zu sein, dann wäre die Sandwüste ein Schwertmeisternest …
Aber seid vorsichtig, dieses Jahr ist das Jahr der Schakale – in einem Dickicht wimmelt es nur so von ihnen, wie ausgestreute Hanfsamen.
Passt auf, dass sie euren Kamelen nicht die Eingeweide herausreißen. Obwohl Yinger noch nie einen Schakal gesehen hatte, lief ihr ein Schauer über den Rücken. In ihrer Vorstellung waren es äußerst hinterlistige Tiere, weit schlimmer als Wölfe. Yinger wagte sich nicht auszumalen, wie es sich anfühlen würde, wenn ein Schakal einem die Eingeweide herausriss.
Lanlan aber klopfte auf das Gewehr und sagte: Schakale sind auch nur aus Fleisch und Blut, wovor soll man sich fürchten? Der alte Mann sagte kleinlaut: Mit Gewehr natürlich gut. Doch der andere sagte: Am meisten fürchten muss man sich gar nicht vor Schakalen. So hübsch wie ihr zwei seid, habt ihr keine Angst, dass jemand auf böse Gedanken kommt? Diese Viehhirten sind noch wilder als ihr Vieh, seid lieber vorsichtig. Der andere sagte: Stimmt, jahrein, jahraus sehen die kein weibliches Wesen – da ist nicht auszuschließen, dass jemand auf dumme Gedanken kommt. Der erste fügte hinzu: Selbst wenn der Verstand es nicht will, der Körper wird es wollen. Die, die dann bestraft werden, begreifen erst hinterher, was sie getan haben. Yinger verstand, dass die alten Männer die Wahrheit sprachen, und ihr Herz hämmerte wild.
Lanlan aber sagte: Keine Angst, ich habe schon so manchen Strauchdieb besiegt – nach ein paar Runden kann ich ihnen die Lichter ausblasen.
Lanlan sprach in der Fachsprache – „die Lampe auspusten" meinte, dem Gegner die Augen auszustechen. Das sagte Meister Meng Ba (孟八爷) immer. Yinger fand es komisch, ihr war aber weiterhin mulmig zumute.
Der alte Mann lachte: Wenn die junge Herrin solche Fähigkeiten hat, was schwatzen wir noch? Man hörte den anderen leise sagen: Wer sich traut, in die Sandwüste zu gehen, hat wohl wirklich etwas drauf. Die beiden murmelten und gingen davon.
Yinger sagte: Was sie sagen, hat durchaus seine Berechtigung. Lanlan seufzte: Wenn es einen anderen Ausweg gäbe, wer würde schon freiwillig in die Sandwüste gehen? Aber es sind friedliche Zeiten, ich glaube nicht, dass sie sich alles erlauben. Trotz dieser Worte hielten die beiden an, besorgten sich Rußkohle und schwärzten sich die Gesichter. An Lanlans Gesicht erkannte Yinger ihre eigene Hässlichkeit und fand es zum Lachen, doch plötzlich wurde ihr traurig zumute. Sie dachte: Du Halunke, sieh nur, was du aus mir gemacht hast.
Wegen solcher Befürchtungen hatten sie bei der Reise in die Sandwüste keine auffällige Kleidung mitgenommen, sondern nur robuste, schmutzunempfindliche Sachen. Allein von der Farbe her fielen sie nicht auf. Gegen die Sonne trugen beide Strohhüte und Kopftücher. Die Farbe der Tücher war wie die der Kleidung schlicht. Auf ein paar Dutzend Meter Entfernung konnte man nicht mehr erkennen, ob sie Männer oder Frauen waren. Lanlan sagte: Von nun an, sobald wir jemanden sehen, halten wir Abstand, damit niemand merkt, dass wir Frauen sind. Yinger entgegnete: Aber die Leute am Salzsee sind doch nicht blind. Lanlan sagte: Am Salzsee sind viele Menschen – wo viele Wölfe beisammen sind, stehlen sie kein Schaf, da passiert nichts. Trotz dieser Worte blieben beide unsicher, gingen eine ganze Weile, und keine wollte reden.
Um sich Mut zu machen, lud Lanlan Schwarzpulver ins Gewehr, traute sich aber aus Angst vor einer Fehlzündung nicht, die Zündkapsel einzusetzen. Sie trug das Gewehr auf dem Rücken.
Yinger nahm das tibetische Messer. Nun hatten sie wirklich etwas mehr Mut.
Nachdem sie eine weitere himmelhohe Sanddüne überquert hatten, befanden sie sich im „zweiten Graben". Wüstenpflanzen wurden allmählich häufiger. Unterwegs lagen etliche Kamelskelette – bei deren Anblick warfen die Kamele jedes Mal den Kopf und schlackerten mit den Ohren. Offenbar fürchteten auch sie den Tod wie die Menschen. Beim Anblick der Skelette erschrak auch Yinger innerlich. Manche Gebeine lagen schon wer weiß wie viele Jahre in der Wüste, ihre Farbe war grau geworden. Andere waren frisch verendet, an den Knochen hing noch Fleisch. Man hörte, dass in den letzten Jahren die Wölfe in der Sandwüste ihr Unwesen trieben.
Yinger fürchtete sich sehr vor Wölfen und auch vor Schakalen. Besonders vor Letzteren graute ihr stets. Unter „Schakal, Wolf, Tiger und Leopard" stand der Schakal an erster Stelle – das hatte wohl seinen Grund. Sie stellte sich immer vor, wie es wäre, wenn man als Kamel von einem Schakal die Eingeweide herausgerissen bekäme – welch ein Schmerz das sein musste. So drängte sich ihr dieses grauenhafte Bild immer wieder auf. Sie glaubte sogar, das Zucken der Gedärme spüren zu können.
Beim Gedanken an die Schrecken der Schakale wollte Yinger umkehren. Lanlan sagte: Genauer betrachtet sind wir weniger zum Salzschleppen hier, sondern eher, um einen Weg zu erkunden. Es gibt zwar viele Wege auf der Welt, manche wollen wir nicht gehen, manche sind nicht für uns geeignet – wir müssen einen Weg finden, den wir selbst gehen können. Yinger schwieg.
Die Schwägerinnen stiegen von den Kamelen, führten sie zu einem Grasbüschel und ließen sie hastig ein paar Bissen fressen. Dann nahmen sie die Wasserbeutel ab und aßen bei etwas Wasser ein paar trockene Fladenbrote. Wegen der Hitze hatten die Brote schon Schimmelflecken bekommen. Um zu verhindern, dass sie schwarzen Schimmel ansetzten, teilte Lanlan sie in zwei Portionen und wickelte sie in Gaze. So konnte der Wüstenwind frei durch die Gaze wehen und die Feuchtigkeit forttragen.
Die Sonne stand noch hoch, sie konnten noch ein Stück gehen, und die beiden brachen wieder auf. Nach der üblichen Routenplanung sollten sie in der nächsten Nacht in einem Gestrüppgebiet nächtigen. Doch wegen der Schlange in der vergangenen Nacht hatte Yinger noch Angst. Sie schlug vor, nicht im Gestrüpp zu übernachten – dort sei es feucht und voller Schlangen. Am besten wählten sie eine relativ trockene Sandmulde; solange es dort Sandstroh gäbe, wäre alles in Ordnung. Sie könnten weniger trinken und den Kamelen etwas Wasser abgeben, um den Verlust durch fehlendes Wassergras auszugleichen.
Eigentlich sollte man in der Sandwüste zuerst für die Kamele sorgen. Hat man Kamele, hat man alles. Ohne Kamele war man wirklich verloren. Doch Lanlan konnte Yinger verstehen. Wem einmal eine Schlange in die Hose gekrochen war, dem ging es so. Sie sagte: Auch gut, wir marschieren einfach so weit wir kommen, solange es Sandstroh gibt. In der Sandwüste zahlt man kein Logis – einen Tag früher oder später macht keinen großen Unterschied.
11
Es sah ganz danach aus, dass dies das Jahr der Schakale war. Kaum eine Li nach dem Dickicht erblickten sie ein totes Kamel.
Es lag auf dem Sandgrat, offensichtlich frisch verendet – dem Anschein nach waren seine Eingeweide tatsächlich herausgerissen worden. Die Blutlache im Sand stach grell ins Auge. Dieser grässliche Anblick machte Yinger mehr Angst als die Schlange im Bettzeug. Sie umklammerte das Messer.
Lanlan aber stieg vom Kamel und rief: Gott des Reichtums, du bringst uns Geld! Als sie Yingers fragenden Blick sah, erklärte Lanlan: Weißt du, wie viel ein Kamelfell wert ist? Ohne Yingers Antwort abzuwarten, sagte Lanlan: Letztes Mal hat unsere Kuhhaut über dreihundert Yuan gebracht, und das war nur ein Kälbchen. Schau, das Kamel ist zwar tot, aber das Fell ist kaum beschädigt. Yinger sagte: Egal wie wertvoll, es gehört dir nicht. Lanlan sagte: Es ist ein herrenloses Kamel. Vater sagte, vor Jahren seien viele Kamele aus den Kamelfarmen entlaufen, sie hätten in der Wüste Nachwuchs gezeugt … und seien längst verwildert. Meister Meng Ba hatte einmal eins eingefangen, aber es ließ sich nicht zähmen, es biss und trat, also ließ er es wieder frei. Dann zeigte sie auf die Nüstern des toten Kamels: Bei einem Hauskamel mit Besitzer wären hier längst keine Haare mehr.
Yinger warf einen Blick auf das tote Kamel. Es war sehr mager, sein Höcker lag schlaff im Sand, wie die Brust einer alten Frau.
In seinen Nüstern war kein Holzring, und es gab keine Spuren eines Halfters. Selbst wenn es kein echtes Wildkamel war, hatte es viele Jahre in der Wüste gelebt. Da hatte Lanlan wohl recht.
Man hörte immer, in der Wüste gebe es wilde Kamele, und Wildkamele seien geschützte Tiere. Doch manche sagten, in der Tengger-Wüste gebe es keine echten Wildkamele. Die herrenlosen Kamele dort seien aus Farmen entlaufene Hauskamele, keine Wildkamele im strengen Sinne. Aber ob Haus- oder Wildkamel – solange es herrenlos war, war das Abhäuten kein Diebstahl.
Lanlan sagte noch: Dieses Kamel war krank und konnte nicht schnell genug laufen, deshalb haben ihm die Raubtiere die Eingeweide herausgerissen. Aber schau, das Fell ist nicht zerrissen. Wenn wir es nicht häuten, wird es über Nacht von den Raubtieren in Fetzen gerissen. Der Himmel schenkt dir ein Kamelfell – ob du es willst oder nicht, ist deine Sache. Ich denke, es ist bestimmt mehr wert als ein Kuhfell, oder?
Yinger überlegte und sagte: Gut.
Lanlan band die Kamele an einem Sandstrauch fest und sagte: Die Kamele sollen erst fressen, ich häute das Fell. Wenn man es am Salzsee will, verkaufen wir es. Wenn nicht, schleppen wir es zurück und verkaufen es an den Gerber. Dann nahm sie Yinger das tibetische Messer ab. Yinger fand das lange Messer zum Häuten zu unhandlich und zog ein kleines Messer aus der Tasche. Es war ein Bao'an-Gürtelmesser (保安腰刀), das Mentou gekauft hatte – sehr scharf.
Yinger dachte: Der Himmel hat wohl auch Mitleid mit uns. Wenn wir das Fell verkaufen, ist es so gut, als hätten wir Salz transportiert. Sie dachte: Gut, wenn von allen Seiten etwas Geld zusammenkommt, geht es schneller. Dann dachte sie: Mama, dräng mich in Zukunft nicht mehr, sieh doch, ich beschaffe dir gerade Geld. Bei diesem Gedanken stiegen ihr wieder Tränen in die Augen. Yinger hob den Kopf und ließ die Tränen zurückfließen.
Ein Kamel zu häuten war nicht einfach – gewöhnlich brauchte man mehrere kräftige Männer. Die Schwierigkeit lag nicht im Häuten selbst, sondern darin, das tote Kamel umzudrehen. Lanlan sagte: Macht nichts, wir brauchen kein Fleisch, wenn es so weit ist, lassen wir die zwei Kamele beim Ziehen helfen – zwei lebende Kamele werden doch wohl ein totes wenden können. Yinger lachte: Wenn man dich so reden hört, klingst du wie ein Berufsschlachter. Bei dem Wort „Berufsschlachter" dachte sie an Zhao San, den Schlachter, mit dem ihre Mutter sie unbedingt verheiraten wollte, und runzelte unwillkürlich die Stirn.
Lanlan krempelte die Ärmel hoch, wedelte mit der Hand und verscheuchte die Fliegen. Auf dem toten Kamel saßen zwar nicht viele Fliegen, aber sie waren groß, fast so groß wie Bienen. Am auffälligsten waren ihre grünen Köpfe, die wie Leuchtpulver grünlich schimmerten.
Yinger roch einen blutigen Geruch und ihr wurde übel, doch sie dachte: Na gut, halt es aus. Für die Würde eines lebenden Menschen muss man eben einen Preis zahlen. Sie erinnerte sich, wie reinlich sie früher gewesen war – sie hatte nicht einmal den Schweißgeruch ihres Mannes ertragen können, und nun musste sie den Blutgestank eines Kamelkadavers aushalten. Sie dachte: Das Leben ist der beste Arzt, es heilt all deine Macken …
Sieh an, ohne es zu bemerken, betrachtete sie ihren früheren Sauberkeitsfimmel bereits als Macke. Das Leben war wirklich mächtig.
Lanlan runzelte die Stirn und suchte den besten Winkel zum Häuten. Ihr Anblick rührte Yinger. In einem solchen Leben eine Schwester zu haben, die mit einem durch Sturm und Wellen ging, war wirklich ein Glück im Unglück.
Lanlan sagte: Fangen wir mit der Bauchdecke an. Sie stach mit dem Messer in die weiche Stelle. Yinger fürchtete, dass bei einem Schnitt stinkender Dung herausspritzen könnte, und hielt sich die Nase zu. Zum Glück stiegen nach dem Eindringen des Messers nur ein paar Gasblasen auf.
Yinger war etwas übel. Am liebsten hätte sie zum Himmel geschaut, doch das kam ihr gegenüber Lanlan unfair vor. Lanlan zog mit gerunzelter Stirn das Messer.
Es war wirklich ein gutes Messer – wie ein Kahn, der die Wasseroberfläche durchschnitt, öffnete sich ein Schlitz in der Bauchdecke des toten Kamels.
Plötzlich ein schriller Schrei. Bevor Yinger reagieren konnte, schoss aus der aufgeschnittenen Bauchdecke eine schwarze Kugel heraus. Lanlan wich aus, stolperte über ein Hinterbein des Kamels und fiel in den Sand. Das schwarze Ding drehte sich in der Luft und stürzte sich auf die am Boden liegende Lanlan.
Yinger schrie: Stich mit dem Messer! Lanlan stieß einen gellenden Schrei aus und stach nach dem Ungeheuer. Yinger griff nach dem Feuergewehr und riss es an sich, war aber völlig hilflos. Sie konnte nicht schießen, und selbst wenn – das heraussprühende Feuer hätte Lanlan verletzt. Das Ungeheuer war zwar nicht groß, etwa so groß wie eine Wildkatze, aber ungeheuer flink. Lanlan hieb wild mit dem Messer, traf das Tier zwar nicht, schützte aber ihre lebenswichtigen Stellen.
Schlag mit dem Gewehrkolben! rief Lanlan.
Obwohl Yinger sich vor dem Ungeheuer fürchtete, sah sie Lanlan in höchster Gefahr, überwand ihre Angst, holte mit dem Gewehrkolben aus und schlug zu.
Das Ungeheuer wurde hoch in die Luft geschleudert, stieß einen schrillen Schrei aus und blieb nach der Landung nur mit gefletschten Zähnen und gekrümmtem Rücken stehen, wagte aber keinen Angriff mehr. Lanlan nutzte die Gelegenheit, rollte sich herum, riss Yinger das Gewehr aus der Hand und lud die Zündkapsel – doch bevor sie den Abzug drücken konnte, war das Ungeheuer mit einem gellenden Schrei verschwunden. Genau wie der alte Mann gesagt hatte: Der erste Schrei noch am Ohr, der zweite schon in einer fernen Sandmulde.
Lanlan sackte zu Boden. Schakale, sagte sie.
Kaum hatte sie ausgesprochen, schossen noch mehrere schwarze Kugeln aus der Schnittwunde. Im Handumdrehen waren sie auf weit entfernten Sanddünen.
Yinger riss die Augen auf. Ihr Kopf war leer. Wenn sie alle auf einmal angegriffen hätten, wären sie verloren gewesen!
Lanlan war bleich geworden und keuchte: Zum Glück haben wir das Gewehr mitgebracht – sie haben das Schießpulver gerochen … Wer hätte gedacht, dass sie durch den After des Kamels in den Bauch gekrochen waren und sich an Herz und Lunge gütlich taten.
Lanlan richtete sich auf, zielte mit dem Gewehr auf die Schnittstelle und rief ein paar Mal – doch nichts rührte sich. Yinger sagte: Lass es, häute es nicht mehr. Was, wenn da drinnen noch Schakale sind? Lanlan sagte: Geh, hol einen Stock und stochere hinein. Wenn noch welche drin sind, kriegen sie erst mal einen Schuss. Lanlan hielt den Finger am Abzug, in höchster Alarmbereitschaft. Yinger zog einen Stock vom Tragegestell, steckte ihn in den Kamelbauch – nach ein paar Stößen musste sie sich würgend übergeben.
Keine mehr, sagte Lanlan. Ihr Gesicht war kreidebleich, Schweiß stand ihr auf der Stirn. Der Schrecken eben hatte all ihre Kraft aufgezehrt. Als sie Yingers besorgten Blick sah, lächelte sie und sagte: Eigentlich wäre ein Schuss in den Bauch sicherer gewesen, aber bei zu vielen Löchern im Fell will der Gerber es vielleicht nicht.
Yinger rief entsetzt: Du willst weiterhäuten? Wenn noch ein Schakal drin ist, riskierst du dein Leben!
Lanlan lachte: Eben hat er mich kalt erwischt. Wenn jetzt einer rauskommt, bekommt er erst ein Messer.
Obwohl sie sich gelassen gab, stand ihr die Nachangst ins Gesicht geschrieben. Yinger dachte: Hätte ein Schakal sie an der Kehle gepackt, wäre sie längst tot. Sie sagte: Lass es, wir brauchen dieses Fell nicht. Gerade als sie sprach, sah sie, dass Lanlans Schulter schon blutrot war. Yinger stürzte hin. Lanlan sagte: Nicht schlimm, eine Kralle des Schakals hat mich gestreift … Wäre ich nicht hingefallen, wäre ich jetzt schon auf dem Weg ins Jenseits.
Yinger sah, dass die Wunde nicht tief war und auch nicht stark blutete. Sie verbrannte etwas Kamelhaar und streute es darauf. Vor Nachangst brach sie in Tränen aus.
Lanlan aber sagte: Was weinst du? Mit Tränen erkauft man keine Freiheit. Sie trank ein paar Schluck Wasser, stand langsam auf und sagte: Komm, häuten wir weiter. Wir dürfen den Schrecken nicht umsonst durchlitten haben. Hab keine Angst, Schakale sind zwar bösartig, aber nur etwa so groß wie Wildkatzen. Wenn wirklich noch einer drin ist – erschieße ich ihn, sobald er rauskommt.
Lanlan richtete das Gewehr auf die Schnittstelle und wies Yinger an, mit dem Stock die Gedärme herauszuziehen. Nach ein paar Versuchen wurde Yinger wieder übel. Lanlan gab Yinger das Gewehr und wies sie an, auf die Schnittstelle zu zielen: Wenn etwas Schwarzes herauskriecht, drück den Abzug. Dann steckte sie den Stock in den Kamelbauch. Sie wollte eigentlich die Eingeweide mit dem Stock heraushebeln – so hätte sich kein Schakal mehr verstecken können. Doch als sie sah, dass Yinger sich unablässig würgte, warf sie den Stock weg und häutete weiter, wobei sie die Schnittstelle wachsam im Auge behielt.
Kamelfell war viel dicker als Kuhleder und schwer abzuziehen. Zum Glück war das Bao'an-Messer scharf, und Lanlan kümmerte sich nicht darum, ob Fleisch am Fell blieb – sie häutete einfach drauflos. Nach einer Weile zeigte sich von innen keine Bewegung mehr. Yinger beruhigte sich und kam trotz ihres Ekelgefühls zu Hilfe. Eine zog, die andere schnitt – nach einer Weile banden sie ein Seil an die Beine des toten Kamels und knoteten es an das Tragegestell der lebenden Kamele, die das tote Kamel mühelos umdrehten. Die beiden arbeiteten eine Stunde, bis das Fell endlich abgelöst war.
Die Abenddämmerung war hereingebrochen, die Sonne blickte ihnen anerkennend von der westlichen Düne zu. Lanlan wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ihr Körper war schweißdurchnässt, der Rücken triefend nass. Yinger hatte weniger körperliche Arbeit geleistet, doch die ständige Anspannung hatte auch ihr reichlich Schweiß abgerungen. Sie wischte Lanlan das Gesicht ab. Sie erkannte, dass sie Lanlan früher nie wirklich gekannt hatte. Zumindest in diesem Moment war Lanlan die Person, die sie am meisten bewunderte. Sie spürte, dass Lanlan etwas Großartiges an sich hatte. Sie dachte: Mein Bruder hat wirklich kein Glück – nicht einmal so eine wunderbare Person konnte er halten.
Das Kamelfell war sehr schwer; auch mit aller Kraft konnte Yinger es nicht heben. Lanlan verschnaufte eine Weile und kam dann. Die beiden wollten das Fell auf das Tragegestell legen, doch nach mehreren Versuchen gelang es nicht. Lanlan sagte: Unsere Kräfte sind für heute erschöpft, gehen wir nicht weiter. Suchen wir einen sauberen Platz und erholen uns über Nacht. Sie wählte eine Mulde mit Sandsträuchern, führte erst die Kamele hin, lud das Gepäck ab und ließ die Kamele Sandstroh fressen. Dann schleppten die Schwägerinnen gemeinsam, mit vielen Pausen, das Kamelfell in die Sandmulde. Lanlan sagte: Wir sind beide erschöpft, kochen wir nicht, essen wir einfach Fladenbrot. Yinger sagte: Ruh dich aus, ich mache eine Schüssel gezupfte Nudelflecken. In der Mulde lag viel Brennholz, Yinger sammelte einen Haufen.
Gerade beim Kochen hörten sie plötzlich aus der Nähe ein schrilles Kreischen.
Lanlan rief erschrocken: Schakale!
12
Irgendwann waren auf den Sanddünen zahlreiche verschwommene schwarze Punkte aufgetaucht. Manche rannten zum toten Kamel, andere verharrten reglos auf den Dünen. Yinger wusste, es waren Schakale. Vor Schreck wurde ihre Zunge trocken, hilfesuchend blickte sie Lanlan an. Lanlan hielt das Gewehr und beobachtete eine Weile, dann sagte sie: Keine Sorge, sie kommen wegen des Fraßplatzes. So ein großer Kamelkörper reicht für sie – sie werden nicht riskieren, Menschen anzugreifen. Yinger wusste, dass sie sie nur beruhigen wollte. Am liebsten hätte sie gesagt: Vielleicht sind wir in ihren Augen ja der Fraßplatz. Taubheit kroch durch ihren Körper, ihre Beine wurden auf einmal weich.
Die Kamele blickten zu den fernen Dünen, wie im Angesicht eines mächtigen Feindes. Sie schnaubten heftig und stießen ab und zu ein dröhnendes Brüllen aus.
Yinger verstand, dass sie den Gegner bedrohten. Man sagte, Wölfe fürchteten den Blick der Kamele – ob Schakale das auch taten, hatte sie nie gehört. Doch die Reaktion der Kamele rührte sie. Sie dachte: Zumindest stehen die Kamele mir bei. Das war schon viel wert. In den vergangenen Jahren hatte sie solchen Beistand selten erlebt. Auf dieser Welt gab es viele, die dem Gefallenen noch einen Stoß versetzten, viele, die bei Vorteil die Treue vergaßen, viele, die vom gegenüberliegenden Ufer das Feuer beobachteten – doch Beistand war stets rar. Manchmal konnte selbst ein einziges tröstendes Wort für einen am Rand der Verzweiflung Stehenden die größte Hilfe sein.
Ihr Kamelbulle schnaubte eine Weile und blickte zurück zu Yinger, als wollte er sagen: Hab keine Angst, ich bin da. Dieser Blick rührte sie sehr. Yinger dachte: Gut, selbst wenn ich heute den Schakalen zum Opfer falle, wäre ich zumindest kein einsamer Geist. Bei diesem Gedanken war sie gar nicht mehr so verängstigt. Sie sagte zu Lanlan: Hab auch du keine Angst, selbst wenn sie es auf uns abgesehen haben – was soll's.
Fällt der Kopf, bleibt nur eine schüsselgroße Narbe. Lanlan lachte, legte das Gewehr ab und sagte: Stimmt, wenn man genau nachdenkt, gibt es wirklich nichts zu fürchten. Was ist schon gut am Leben? Nur – von dieser Horde Schakale verschlungen zu werden, das wäre doch zu ärgerlich.
Yinger sagte: Wenn man es wirklich durchschaut hat, ist es egal, wer einen verschlingt. Du findest die Schakale bösartig, aber ihre Jungen halten ihre Eltern für gut. Egal, wenn wir schon sterben müssen, dann wenigstens mit vollem Bauch. Damit stellte sie den Topf auf, goss Wasser hinein, entfachte das Feuer und begann den Teig zu kneten.
Lanlan raffte sich auf und hackte alles Buschwerk in der Nähe ab. Sobald das Geräusch der Axt auf Holz ertönte, gerieten die Schakale in Aufruhr und tobten eine ganze Weile. Yinger dachte: Offenbar fürchten auch sie sich vor Menschen.
Nach dem Essen entfachte Lanlan ein Feuer. Sie hatte viel Holz gesammelt, schätzungsweise genug für eine Nacht. Die beiden stellten kein Zelt auf und breiteten nur ihre Decken neben dem Feuer aus. Aus Angst, die Schakale könnten den Kamelen die Eingeweide herausreißen, wagte Lanlan nicht, die Kamele im Gebüsch fressen zu lassen. Sie ließ sie sich neben dem Feuer niederlegen, die Köpfe nach außen, die Hinterteile zum Feuer. So müssten die Schakale, selbst wenn sie die Eingeweide herausreißen wollten, erst in die Nähe des Feuers kommen. Die Kamele verstanden Lanlans Absicht und legten sich brav hin. Yinger brachte ihnen Reisig zum Fressen.
Lanlan breitete das Kamelfell aus, die Haarseite nach oben, auf dem Sand – so würde der trockene Sand über Nacht etwas Feuchtigkeit aufsaugen und das Fell leichter machen. Am Salzsee würden sie etwas Salz daraufstreuen, um Insektenfraß zu verhindern.
Kurz nach Einbruch der Nacht drangen vom toten Kamel Welle um Welle Reiß- und Beißgeräusche herüber. Das Kreischen der Schakale war dumpf und voller Groll, hallte weit in den Nachthimmel und brandete Welle um Welle zurück – schauerlich. Die Kamele spitzten immer wieder die Ohren und stießen Schnaublaute aus. Kamele sind die geduldigsten Tiere – sie spitzen selten die Ohren. Dass sie es jetzt taten, zeigte, wie sehr sie die Bestien fürchteten. Yinger behauptete zwar, keine Angst vor dem Tod zu haben, doch beim Gedanken an das Aussehen der Schakale schauderte ihr Herz Welle um Welle.
Das Reißen und Beißen drüben wurde immer heftiger – die Schakale stritten immer erbitterter um die Nahrung, was auch hieß, dass das Kamelfleisch ihre Gier nicht mehr befriedigte. Yinger hatte große Angst. Sie wusste: Wenn das Kamelfleisch den unersättlichen Appetit der Schakale stillen konnte, waren sie halbwegs sicher. Wenn aber die Meute zu groß war für das Fleisch und sie den Kadaver abgenagt hatten, würden die Schakale an sie denken. Plötzlich dachte Yinger an das Dorf, an die Mutter. In diesem Moment erschien das Dorf so fern und verschwommen, als läge es in einem anderen Leben. Auch die Mutter lächelte sie warmherzig an. Sie dachte: Hätte sie damals gewusst, dass es so weit kommen würde, hätte sie der Mutter nicht widersprochen. Doch als sie daran dachte, dass die Mutter sie an den Schlachter verheiraten wollte, war es immer noch unerträglich. Sie dachte: Du Schicksalsgefährte, ich warte auf dich – ein Vogel, der das Nest verlassen hat, kehrt irgendwann zurück, ich warte auf dich. Wenn sie genug Geld verdient hätte, um dem Bruder eine neue Frau zu beschaffen, würde die Mutter sie nicht mehr drängen.
Lanlan holte den Schießpulverbeutel und die Eisenschrotkugeln hervor und legte sie etwas entfernt vom Feuer. Yinger warf sparsam Holz ins Feuer. Sie dachte: Man sagt, Wölfe fürchten Feuer – ob Schakale das auch tun? Wenn nicht, wäre ihre Überlebenschance gering. Yinger wusste: Wenn die Schakale geschlossen angriffen, würde nicht einmal ein schweres Maschinengewehr sie aufhalten, geschweige denn ein kleines Feuergewehr.
Das Reißen und Beißen beim toten Kamel wurde immer dichter und verwandelte sich allmählich in eine regelrechte Schlacht. Schmerzensschreie, Gebrüll, Drohlaute, Gekreisch stürzten auf sie ein, dazwischen langezogene Heultöne – Yinger vermutete Wolfsgeheul. Ihre Kopfhaut prickelte. Lanlan sagte: Die Schakale streiten mit den Wölfen um das Futter. So viele Schakale – sie werden die Wölfe auffressen. Das wirre Geschrei wurde immer lauter, breitete sich explosionsartig aus, und sogar die Sterne schienen zu zittern und verschwanden allmählich. Die vielen Geräusche vereinten sich zu einem gewaltigen Wirbelsturm, der durch die Sandmulde heulte, mal hierhin, mal dorthin rollend. Plötzlich zerbiss ein dumpfes Reißen das Heulen, das Heulen wurde schwächer, bis es vom Reißen verschluckt wurde. Ein anderes Heulen aber brach aus der Umklammerung aus und floh in die Ferne. Yinger glaubte zu sehen, wie die Horde zahnfletschender Tiere höhnisch hinterherhetzte.
Lanlan drückte Yingers Hand. Yinger lachte und drückte zurück. Beide Hände waren schweißnass. Yinger flüsterte: Was tun wir? Sollen wir aufbrechen? Lanlan sagte: Dafür ist es zu spät, so schnell deine Beine auch sind, du kannst den Schakalen nicht davonlaufen …
Erst mal so viel Holz wie möglich sammeln und bis zum Morgengrauen durchhalten. Sie wies Yinger an, mit der Taschenlampe zu leuchten, während sie selbst das Buschmesser schwang und in der Sandmulde alles Gebüsch abschlug, ob trocken oder nass. Lanlan gab den Kamelen etwas nasses Reisig und warf auch ein paar Zweige ins Feuer. Sofort ertönte ein Zischen.
Die Schakale auf den Dünen waren alle zum Fressen gelaufen, und auch die Kamele beruhigten sich. Das Reißen am Fraßplatz wurde noch wilder. Schakale hatten keinen festen Fraßplatz – wo ein Tier verendete, dort war ihr Fraßplatz. Oder besser: Wo sie ein Tier ins Auge gefasst hatten, dort wurde ihr Fraßplatz. Sie hatten auch kein festes Lager. Nur in der Paarungszeit mochten die trächtigen Weibchen sich ein paar Monate an einem Ort aufhalten. Sobald die Jungen groß genug waren, wurden sie wieder zum Wüstenwind, der dorthin wehte, wo es Fressen gab. Schakale kannten keinen Revierbegriff. Anders als Wölfe und Leoparden, die ihr Revier mit Urin markierten – nein, das brauchten sie nicht. Sie stritten nie um Reviere, denn überall war ihr Revier. Sie waren allgegenwärtig. Wo immer es Leben gab, tauchten sie kreischend auf und zerrissen, was sie zerreißen wollten. In der Wüste waren sie ein Albtraum, den man nicht abschütteln konnte.
Lanlan kümmerte sich gewissenhaft um das Feuer – es durfte weder erlöschen noch zu hoch auflodern. Das Feuer war neben dem Gewehr an ihrer Seite die einzige seelische Stütze in dieser Welt. Beim Aufbruch in die Sandwüste hatte der alte Laoshun ihnen in die Taschen Benzinfeuerzeuge, Gasfeuerzeuge und Streichhölzer gesteckt. In der Wüste bedeutete Feuer Hoffnung. Laoshun hatte sie an verschiedenen Stellen verteilt.
Erst jetzt verstand Lanlan die Absicht ihres Vaters – er hatte befürchtet, sie könnten etwas davon verlieren oder aufbrauchen. Sie erinnerte sich, dass sie ihn damals für töricht gehalten hatte.
Lanlan stellte die Tragegestelle neben das Feuer. Nur das Schießpulver lag etwas weiter entfernt, alles andere zog sie heran. Das frisch abgezogene Kamelfell lag nicht weit entfernt auf dem Sand, und hin und wieder trug der Wind einen Gestank herüber. Lanlan dachte: Hätten sie nicht das Fell abgezogen, wären sie jetzt schon weit weg. Sie dachte: Vieles war schwer zu sagen – man wusste nie, ob hinter dem Schnäppchen nicht ein Verlust lauerte. Vielleicht wollte der Himmel ihnen sagen, dass man nicht gierig sein dürfe – sobald die Gier erwacht, ist das Unheil nicht mehr fern … Am besten nicht mehr daran denken. Was geschehen war, brauchte man nicht zu bereuen – Reue änderte nichts.
Kommt Glück, ist es kein Unglück; kommt Unglück, lässt es sich nicht vermeiden. Selbst wenn sie jetzt weit weg wären – wer wüsste, ob sie nicht einem Wolfsrudel begegneten? So war Lanlan: Mochte das Unglück noch so groß sein, sie fand immer einen Weg, darüber hinwegzusehen. Manchmal glaubte sie, sie habe das vom Vater geerbt. Vater sagte immer: „Was der Himmel gibt, kann auch ich ertragen." Allmählich fand sie, dass es wirklich so war. Die Vorfahren hatten wohl recht, wenn sie beim Lernen auf Prägung durch Vorbild Wert legten.
Lanlan legte das Gewehr etwas weiter vom Feuer weg, damit die Flammen nicht die Zündkapseln entzündeten. Sie sagte zu Yinger: Im Moment kümmern sie sich nicht um uns. Schlaf ein wenig. Wenn sie nicht satt werden, kommen sie vielleicht auf dumme Gedanken – dann hast du keine Zeit mehr zu dösen. Yinger sagte: Schlaf lieber du, du hast den halben Tag Fell abgezogen, du bist bestimmt am Ende. Lanlan sagte: Auch gut, pass gut auf, lass das Feuer nicht ausgehen, spar mit dem Holz. Ich habe eine Zündkapsel eingesetzt, sei vorsichtig. Damit lehnte sich Lanlan an ein Tragegestell und war nach kurzer Zeit leise am Schnarchen. Yinger dachte: Was für ein großes Herz – in solcher Lage einschlafen zu können! Dann dachte sie: Stimmt, was gibt es schon festzuhalten? Schlimmstenfalls stirbt man – was soll man fürchten? Doch wenn sie wirklich in den Mäulern der Schakale stürbe – damit war sie doch nicht ganz einverstanden.
Yinger legte Holz nach, das Feuer wurde etwas größer. Sie hatte das Gefühl, alle Wechselfälle des Lebens durchlebt zu haben, als hätte sie Hunderte von Jahren gelebt. Sie dachte: Selbst wenn sie heute Nacht stürbe, wäre es kein vorzeitiger Tod – zumindest fühlte es sich so an. Manchmal dachte sie: Der Mensch ist zum Leiden geboren. Wenn man sterben würde, ohne etwas erlebt zu haben, wäre es nicht, als wäre man gar nicht auf der Welt gewesen? Nun gut. Sie lachte bitter.
Das Beißen drüben wurde leiser, ertönte aber immer wieder – dort gab es noch Futter. Sie fand es seltsam: Das tote Kamel war zwar groß, aber so vielen Schakalmäulern nicht gewachsen. Offenbar stritten nicht nur Wölfe um das Futter, vielleicht gerieten die Schakale auch untereinander in Streit. Obwohl sie die Schakale für dumm hielt, war es gerade diese Dummheit, die ihr Zeit zum Nachdenken gab. Wären sie klüger, hätte man sie und Lanlan längst gefressen. Doch sie mochte auch nicht mehr nachdenken – wozu auch? Das Schicksal ließ sich nicht durch Gedanken ändern. Manchmal machte das Nachdenken einen nur unglücklich.
Andererseits war manches Nachdenken nötig. Zum Beispiel: Hätte sie damals nicht den Gedanken gefasst, Lingguan zu verführen, hätte sie nicht gehandelt; ohne Handeln gäbe es keine Geschichte; und ohne die Geschichte – hätte sie sich dann genauso gewehrt, als die Mutter sie an den Schlachter Zhao San verheiraten wollte? Hätte sie sich noch einmal gefügt, von Mentous Frau zur Schlachtersgattin degradiert? Wahrscheinlich ja. Am Anfang hatte sie doch auch Mentou geheiratet. Also hatte der Gedanke, Lingguan zu verführen, ihr vielleicht eine andere Lebensbahn eröffnet. Offenbar konnte eine Schicksalswende manchmal mit einem „Gedanken" beginnen. Sie dachte auch: Im Dorf gab es etliche Witwen, die nach dem Tod ihrer Männer bald wieder geheiratet hatten und im Arm eines anderen Mannes wieder fröhlich lachten. In ihren Herzen gab es gewiss auch solche Gedanken. Diese Gedanken führten zu Handlungen.
Und diese Handlungen formten ihr Schicksal.
Genug damit. Yinger schürte das Feuer, blies hinein und ließ die nassen Zweige Flammen fangen. Yinger mochte nasse Zweige, mochte ihr Zischen. Es war wie Vogelgesang – auch eine der schönsten Melodien der Natur. Yinger dachte: Wenn die Schakale nicht ihr Leben bedrohen würden, wäre ihr Reißen nicht auch Musik? Sie lauschte aufmerksam, und hinter der äußeren Wildheit hörte sie einen sanften Ton. Fütterte da eine Schakalmutter ihre Jungen? Bei diesem Gedanken dachte sie an Panpan, und vor ihrem inneren Auge erschien Panpans niedliches Gesichtchen.
Das Kind war das genaue Ebenbild Lingguans – die großen, wild umherrollenden Augen, die markante Nase, die Fingerabdrücke, sogar das Gähnen nach dem Aufwachen – Stirn runzelnd, Gesicht zusammenknautschend, alles Fleisch im Gesicht zusammenschiebend, als litte es unsägliche Qual, ein langgezogenes „Ahhh—" – das ließ Yinger stets minutenlang wie gebannt erstarren. Von all den heimlichen Treffen war ihr am unvergesslichsten sein Gähnen nach dem Erwachen. In jenen seltenen Nächten, die sie ganz zusammen verbringen konnten, wollte Yinger nie einschlafen, aus Angst, mit geschlossenen Augen breche schon der Morgen an. Schlaf hätte das Glück des Beisammenseins gestohlen – also hielt sie die Augen offen. Im schwachen Mondlicht, das durch den Vorhang fiel, betrachtete sie Lingguans schlafendes, schönes Gesicht, sah das Beben seiner Nasenflügel, das Heben und Senken seiner Brust, und ein wundersamer Rhythmus durchströmte ihr Herz. Manchmal verlängerte sie die Lampenschnur, wickelte die Glühbirne in ein Kopfkissentuch und beleuchtete mit dem fahlen Licht Lingguans Gesicht. So konnte sie eine ganze Nacht in wunderbaren Gefühlen baden. Vor der Morgendämmerung erklang dann die Blumenmelodie:
„Zur vierten Wache sinkt der Mond nach Westen,
vom Balken kräht der Hahn im Stall.
Erwache, Liebster, aus den Träumen –
die Stunde ruft, nun musst du gehn."
Dann weckte sie Lingguan und knabberte sanft an seinem Ohrläppchen. Lingguan war wie dieses Kind – schmerzverzerrt schob er ein Gesicht voller Falten zusammen und gähnte übertrieben: Ahhh— Ahhh—
Yinger lachte mit zusammengekniffenen Lippen. Dieses hilflose Wecken Lingguans war die unvergesslichste Szene für sie.
Der wache Lingguan umarmte sie dann, ganz fest, so fest, dass ihre Brust platt wurde, und murmelte: „Eins, zwei, drei, vier, fünf – Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser – schnell aufstehen, wer nicht aufsteht, ist ein Esel." Nach dem Spruch warf er heldenhaft die Decke zurück, stand auf, sank dann wieder in ihren Schoß und murmelte: „Nicht aufstehen heißt nicht aufstehen, dann bin ich eben ein Esel."
All dies lebte lebendig in Yingers Herz.
Yinger konnte es kaum glauben, wie sie die Monate nach Lingguans Fortgang überstanden hatte. Es war ein Albtraum gewesen, ein endloser Albtraum, hellwach und doch unfähig, ihm zu entkommen. Sie war den ganzen Tag benommen, den ganzen Tag dumpf. Immer wieder peitschte die Geißel der Vernunft auf sie nieder. Ihr Geist war am Rande des Zusammenbruchs. Alles im Zimmer erinnerte sie daran, dass hier einst ein lebendiger Leib gewesen war. Sie hatte ihn besessen, ganz und gar. Dann war er fortgegangen, an einen sehr fernen Ort. So fern, dass er jenseits des Herzens lag. Und jenseits des Herzens – das war der fernste Ort der Welt.
In der Nacht, als er fortging, war Lingguan wie ein Schatten ins Zimmer gehuscht. Damals füllte der tote Mentou das ganze Zimmer und auch das ganze Herz. In der Dunkelheit waren überall Mentous Augen. Yinger konnte die vielen traurigen, hilflosen Augenpaare sehen.
Lingguan konnte sie natürlich auch sehen. Beide erstarrten. Nach langer Zeit sagte Lingguan: Ich möchte hinausgehen, die Welt draußen sehen. Seine Stimme war hölzern, kalt. Yinger konnte nichts sagen. Wäre sie nicht schwanger gewesen, hätte auch sie die Welt draußen sehen wollen. Abgesehen von dem handbreiten „Draußen" im Fernseher hatte sie auch ein „Draußen" in ihrem Herzen. Das „Draußen" im Herzen war größer als das wirkliche Draußen und auch schöner. Lingguan ging es wohl ebenso. Yinger wusste auch: Wenn man das wirkliche Draußen gesehen hat, verschwindet vielleicht das „Draußen" im Herzen. Doch im Laufe eines Lebens sollte man das wirkliche Draußen einmal gesehen haben.
Und so ging Lingguan fort.
Yinger fühlte, als hätte sie ihn begleitet. Sie stand auf einer hohen Sanddüne und blickte auf Lingguans sich entfernende Silhouette. Dichte Gefühle breiteten sich aus, überfluteten den Himmel, die Erde, das Herz. Das Herz war voll dichter Flüssigkeit, die sie erschütterte, einmal und noch einmal, stürmisch und heftig. Dann brachen die Schleusen des Herzens –
Er geht und geht — immer weiter fort —
Die Tränen — die Blumen überfluten alles —
Die Tränen — die Blumen ertränken das Herz —
Ach ja, ach hei yo —
Die Tränen — die Blumen ertränken das Herz —
Er geht und geht — immer weiter fort —
Das Fladenbrot im Beutel wird leichter —
Die Sorgen — im Herzen werden schwerer —
Ach ja, ach hei yo —
Die Sorgen — im Herzen werden schwerer —
Die Tränen — die Blumen ertränken das Herz —
In Yingers Empfinden war es, als hätte Lingguan die Sandschlucht in ihrem Gesang verlassen. Nicht weit entfernt wurde ein junger Mann von ihrem Gesang berauscht – und von da an für sein ganzes Leben. Auf dem Weg nach Paris wurde er bis nach Westchina verzaubert. Dieser Mann hieß Wang Luobin (王洛宾). Diese Geschichte hatte Yinger unzählige Male in ihrem Herzen nachhallen lassen; sie schwebte stets vor ihrem inneren Auge und war längst zum Totem geworden.
Doch die wahre Geschichte war: Yinger hatte Lingguan nicht begleitet. Sie war durch das glückliche Gähnen des Kindes ins Leben zurückgekehrt. Dieses Gähnen war die Taste des Glücks, die Yinger stets berauschte – doch zugleich das Seil, das die Wunde aufriss und sie an eine Wirklichkeit erinnerte, der sie sich stellen musste. In einem Wechsel von Berauschung und schneidendem Schmerz wurde das Kind einen Monat alt. Und Yinger wurde wieder zu Yinger.
Sie arbeitete weiterhin leichtfüßig, lachte leichtfüßig, nahm leichtfüßig das Kind in den Arm und sang ihm jene „Blumenlieder" (花儿), ebenso hingebungsvoll wie einst für Lingguan.
In Yingers Empfinden lachte das Kind, und aus dem sanft bewegten Mündchen kamen zwei Worte: Himmelsklang. Das kleine Gesicht verschwamm zu Lingguan. Beim Umziehen des Kindes, als sie die zarte Haut berührte, schmolz Yingers Herz.
Sie kitzelte ihn wieder und wieder, bis der kleine „Lingguan" wie ein nacktes Mäuschen kichernd lachte. Yinger lachte mit zusammengekniffenen Lippen und dachte: „Wie seltsam – dieser hübsche junge Mann war einmal so ein nacktes Mäuschen."
In den Tagen nach Mentous Tod waren es das Lachen des Kindes, sein Weinen, seine Windeln, die die riesige Leere im Haus und im Herzen füllten.
Yinger dachte: Der Himmel hat auch Augen. Was er dir auf der einen Seite nimmt, gibt er dir auf der anderen zurück.
Wenn die Schwägerin Lanlan zu Besuch kam, neckte sie Yinger ständig. Sobald sie das Kind sah, riss sie übertrieben die Augen auf, betrachtete es eingehend, blickte dann genauso übertrieben Yinger an, bis Yinger rot wurde, und fragte dann: „Ich finde, das Kind sieht jemandem ähnlich, nicht wahr?"
Yinger knuffte sie: „Wem denn? Hör auf zu tratschen." „Glaubst du nicht? Ich nehm ihn mit und lass die Dorfleute urteilen." Lanlan nahm das Kind und tat, als wolle sie zur Tür hinaus. Da zog Yinger Lanlan am Ohr: „Ich werd dir Tratschen beibringen!" Sie nahm ihr das Kind weg, legte es aufs Bett und kitzelte Lanlan, bis diese nach Luft rang.
„Du denkst dir auch was! Ich finde, er sieht aus wie ein Filmstar." Sagte Lanlan nach dem Lachen.
Scherz blieb Scherz, niemand sprach die Sache offen an. Yinger dachte: Man darf es erraten, aber nicht laut aussprechen.
Im Dorf gab es auch öffentlich kein Gerede. Im Verborgenen – wer wusste das schon. Öffentliche Worte, heimliche Fürze – darum kümmerte sich niemand. Aber das Kind war allseits beliebt; jeder Besucher wollte es auf den Arm nehmen und seine zarten Wangen abküssen, und alle Sehnsucht nach Mentou wurde auf das Kind übertragen. Die Schwiegermutter strahlte vor Freude.
13
Das Reißen und Beißen verstummte allmählich.
Eine gewaltige Stille rollte heran. Yinger glaubte sogar, den Druck körperlich zu spüren, und meinte, in der Dunkelheit grüne Augen zu sehen. Sie hatte nie Gelegenheit gehabt, die Augen eines Schakals genau zu betrachten, aber sie kannte die Augen der Dorftollwuthunde. Die Schakale blickten einen wohl ähnlich an wie Tollwuthunde? Nur dass Tollwuthunde rote Augen hatten und Schakale grüne. Doch ob rot oder grün – in beiden musste Gier stecken, musste Grausamkeit stecken. Sie konnte sich gierige Blicke vorstellen – zum Beispiel den Blick, mit dem Xu Mazi sie ansah. Bei dem Gedanken würgte sie trocken und schüttelte heftig den Kopf — Wie sah Grausamkeit aus? Das konnte sie sich wirklich nicht vorstellen. Sie erinnerte sich, dass die Mutter sie einmal in einem Moment der Enttäuschung „grausam" angeblickt hatte. Doch sie wusste nicht, ob das Wort „grausam" den mütterlichen Blick richtig beschrieb. Ansonsten fand sie, so sehr sie auch nachdachte, in ihrem Leben keine „Grausamkeit". So konnten in der umliegenden Nacht Schakalaugen nur als eine Mischung aus Xu Mazis Blick und dem Blick tollwütiger Hunde erscheinen.
Yinger würgte angewidert. Lieber hätte sie ringsum Tollwuthundeaugen als noch einmal Xu Mazi vor sich zu sehen.
Plötzlich brüllten die Kamele wild auf. Yinger erschrak. Das bedeutete, die Kamele hatten eine nahende Gefahr bemerkt.
Sie stieß Lanlan an und schaltete die Taschenlampe ein. Der Lichtstrahl schoss zu den fernen Dünen – dort wimmelte es dicht gedrängt von grünen Lichtern. Die grünen Lichter, von starker Präsenz, schwankten wie Irrlichter hin und her. Yinger fröstelte, warf eine Handvoll trockenes Holz ins Feuer, blies ein paarmal – die Flammen schossen hoch. Lanlan flüsterte: Keine Angst, sie fürchten das Feuer.
Sie griff nach dem Gewehr, den Lauf himmelwärts. Yinger sagte: Sollen wir einen Schuss abfeuern, um sie einzuschüchtern? Lanlan sagte: Nicht übereilen – solange sie uns nicht zu nahe kommen, provozieren wir sie nicht. Im Moment fürchten beide Seiten einander. Wenn sie sich an die Schüsse gewöhnen, wäre das schlimm. Dann holte sie die Petroleumlampe und zündete sie an.
Um einen Überfall der Schakale zu verhindern, drehte Lanlan die Schlafstätte und die Tragegestelle um – statt mit dem Gesicht zu den Kamelen lagen sie nun mit dem Rücken zu ihnen. Kamele konnten nachts sehen. Durch diese Änderung hatten sie zwei zusätzliche Augenpaare zur Überwachung der Schakale – sie brauchten sich nicht mehr um den Rücken zu kümmern und konnten sich ganz nach vorn konzentrieren.
Lanlan bereute, nicht noch mehr Holz gehackt zu haben. Wie groß das Feuer sein musste, um die Schakale abzuschrecken, dafür fehlte ihr die Erfahrung. Sie dachte: Wenn sie sich nicht vor dem Feuerschein fürchteten und Schritt für Schritt näherrückten, müsste das Feuer größer werden. Dieses bisschen Holz reichte womöglich nicht bis zum Morgengrauen.
Die Schakale waren totenstill, gaben keinen Laut von sich. Auch sie beobachteten zweifellos den Gegner. Mit etwas im Magen hatten sie es natürlich nicht eilig. Auch die Kamele kauten nicht mehr und spuckten nicht mehr. Außer dem Knistern des Feuers war kein Geräusch zu hören. Yinger fühlte, als würde die Stille zu zwei Mauern, die sich auf sie zupressten. Ein seltsames Gefühl.
Früher hatte sie die Stille gemocht und den Lärm verachtet, doch sie hätte nie gedacht, dass die Stille so hemmungslos gegen das Herz prallen konnte. Ihr Herz hämmerte wild und dröhnte in der Brust. Auch die Sandmulde schien voller Herzschläge, und allmählich vernahm sie viele Herzen: Lanlans, der Kamele, der Schakale. Lanlans Herzschlag klang wie Trommelschläge, der der Kamele wie langsam rollende Steine, der der Schakale wie Kiesel in einer Rostpfanne – zum Zähneknirschen. Allmählich wurde das Zähneknirschen lauter, und in ihren Nerven schienen zehntausend Sägeblätter zu rattern. Sie biss die Zähne zusammen, schüttelte den Kopf, hielt schmerzgepeinigt den Atem an, doch das Knirschen hörte nicht auf – offenbar mahlten die Schakale mit den Zähnen. Laoshun hatte erzählt, er habe einmal Abertausende Mäuse die Zähne wetzen sehen – ein Geräusch, das einen in den Wahnsinn treiben konnte. Yinger dachte: Das Zähneknirschen der Schakale war nicht besser als das von zehntausend Mäusen. Doch seltsamerweise wurde auch ihr eigener Herzschlag immer lauter. Sie fürchtete, ihr Herz würde es nicht aushalten.
Lanlan warf trockenes Holz ins Feuer. Es wurde etwas heller, doch selbst das hellste Feuer beleuchtete nur zehn, zwölf Meter. Darüber hinaus war nichts zu erkennen. Im Gegenteil – der nahe Feuerschein verwischte die fernen Dünen. Yinger dachte: Wenn die Schakale sich lautlos heranschlichen und plötzlich angriffen, könnten sie unmöglich reagieren. Sie schaltete die Taschenlampe ein. Als der starke Lichtstrahl hinausschoss, gerieten die schwarzen Punkte auf der Düne in Panik – offenbar hielten sie das Taschenlampenlicht für etwas wie einen Blitz. Man sagte, alle Tiere fürchteten Donner und Blitz, denn in der Wüste gab es immer wieder vom Blitz erschlagene Tiere.
Nicht nur gewöhnliche Tiere – selbst manche seltenen Geistertiere, die Magie besaßen, fürchteten den Blitz. Sie mochten den Mond anbeten, die Jungfräulichkeit von Mädchen stehlen oder die Lebenskraft von Knaben aufsaugen, mochten tausend Jahre lang Weisheit angehäuft haben – ein Blitz, und sie waren nur noch ein Häufchen Asche. Natürlich fürchteten die Schakale diesen blitzartigen Lichtstrahl.