Lu Xun Complete Works/de/Shuxin
shuxin
Kapitel 3: Barbicane führt einen Fackelzug durch die Städte — Das Observatorium sendet ein Schreiben über astronomische Fragen
Es wird erzählt, dass der Vorsitzende inmitten der Zuhörer saß und mit aufgerissenen Augen ihr wildes Geschrei beobachtete. Als er wieder sprechen wollte und sich erhob, kümmerte sich die Menge längst nicht mehr um ihn. Einige versuchten, mit der Glocke die Massen zu beruhigen; doch die Rufe der Menge übertönten das Glockengeläut um ein Vielfaches. Im Gegenteil: Sie stürmten herbei, umringten den Vorsitzenden und überhäuften ihn mit Lob und Bewunderung. Gemäß amerikanischem Brauch formierten sich die Vereinsmitglieder in Reihen, entzündeten Kiefernfackeln und zogen durch sämtliche Straßen der Stadt. Die in Maryland lebenden Ausländer stimmten einstimmig in das Lob ein — als sei nach Washington Barbicane der Größte. Dazu spielte das Wetter mit: ein makellos blauer Himmel, funkelnde Sterne und ein strahlender Vollmond, dessen Licht den Vorsitzenden besonders deutlich beleuchtete.
Bis Mitternacht herrschte reges Treiben. Das gesamte Stadtvolk war in Aufruhr — Gelehrte, Großhändler, Studenten, bis hinunter zu Kutschern und Lastträgern — alle priesen dieses epochale Unternehmen. Der Vorsitzende wurde inmitten der Menge wie ein Stehaufmännchen umhergewirbelt. Erst gegen zwei Uhr morgens legte sich die Aufregung.
Am nächsten Tag mehrten sich die Diskussionen. Die Amerikaner sind von Natur aus entschlossen. Napoleon hatte einst gesagt: „Weil im Wörterbuch ‚unmöglich‘ steht, lassen sich die Menschen täuschen — in Wahrheit gibt es nichts Unmögliches!“ Fünfhundert Zeitungen griffen zur Feder. Gelehrte Gesellschaften aus Boston, Albany, New York, Philadelphia und Washington sandten Glückwunschschreiben. Der Ruhm des Vorsitzenden stieg wie die aufgehende Sonne.
Nach seiner Heimkehr konnte der Vorsitzende weder essen noch schlafen. Er sandte einen Brief an das Observatorium von Cambridge in Massachusetts. Die Antwort enthielt fünf Leitsätze zu astronomischen Fragen: zur Möglichkeit, ein Geschoss zum Mond zu senden; zur genauen Mond-Erde-Entfernung (größte: 247.552 Meilen, geringste: 218.657 Meilen); zur Flugzeit (97 Stunden 13 Minuten 20 Sekunden vor Mondankunft); zur günstigsten Mondposition (4. Dezember nächsten Jahres, Perigäum und Zenitdurchgang zugleich); und zur Zielrichtung (zwischen Äquator und 28. Breitengrad, Winkel von 64 Grad). Nach dem Lesen waren alle Zweifel wie Eis in der Sonne geschmolzen.
Über das Spiel — Verfasst für die Zeitschrift der Nationalen Kunstausstellung
Seit der ersten Nummer der Zeitschrift „Schaffen“ wird Schillers „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ in Übersetzung veröffentlicht, was mich anregte, Gedanken zum Problem des Spiels darzulegen. Wenn wir uns ins praktische Leben stürzen, sind wir von materieller und geistiger Seite eingeschränkt. Doch in uns gibt es einen Überschuss an Lebenskraft, mit der wir nach einem vollkommeneren, harmonischeren Bereich streben — einem Bereich, in dem Sinnlichkeit und Vernunft in Einklang stehen. Dies ist das Spiel. Die Kunst entspringt diesem Spieltrieb. Diesen Zustand nennt man „schöne Seele“.
Spencer erklärte Schillers Spieltheorie wissenschaftlicher: Sobald ein Überschuss an Kraft vorhanden ist, will man diese nach außen entladen — das Spiel. Professor Groos von der Universität Basel lieferte eine neuere Erklärung: Das Spiel entsteht nicht als Nachhall wirklicher Tätigkeit, sondern als Vorbereitung darauf. Mensch und Tier spielen nicht, weil sie jung sind, sondern sie sind jung, weil sie spielen. Beide Theorien müssen gemeinsam herangezogen werden, um die wahre Bedeutung der Kunst als Spiel zu erklären.
Bei dem, was man Beruf, Arbeit, praktisches Leben und dergleichen nennt, haben wir darüber hinaus noch ein Leben, das aus dem Überschuss an Lebenskraft geführt wird. Verglichen mit Alten und Erwachsenen besitzen Jugendliche und Kinder eine weitaus lebendigere und sprühendere Vitalität; je reicher diese Vitalität, desto größer der Kraftüberschuss. Wenn wir diesen Überschuss nutzen wollen, um ein freieres, harmonischeres, schöneres und besseres Leben als das gegenwärtige zu schaffen, so ist dies ein Aufwärtsstreben und zugleich Fortschritt. Nicht nur die Kunst — alles geistige Leben ist in dieser Bedeutung ein ernsthaftes Spiel.
Zwischen Arbeit und Spiel besteht von Natur aus kein wesentlicher Unterschied. Ob man malt oder Klavier spielt — je nach Umständen und Einstellung des Ausführenden wird es entweder zum Spiel oder zur Berufsarbeit. Schweißtreibende Gartenarbeit ist für den Gärtner Arbeit, für den reichen Rentier aber ein vorzügliches Spiel.
Der Unterschied zwischen Arbeit und Spiel liegt, wie Schiller sagt, lediglich darin, dass bei ersterer Neigung und Pflicht nicht recht in Einklang stehen, während bei letzterem beide angemessen übereinstimmen. Anders ausgedrückt: Bei der Arbeit schafft man nicht aus einem inneren Bedürfnis heraus, beim Spiel hingegen tut man es für sich selbst, um die eigene Lebenskraft zu betätigen und daraus Befriedigung zu schöpfen.
Selbst in der Urzeit gab es zwischen beruflicher Arbeit und spielerischem Schaffen keine derart strenge Unterscheidung. Alle konnten aus innerer Antriebskraft heraus freudig tätig sein. Wenn sie vor dem Altar knieten und das Ritual vollzogen, führten sie das sogenannte „Götterspiel“ auf: Sie musizierten, tanzten mit Masken und brachten schöne Gesänge dar.
Kurzum: Spiel ist eine Tätigkeit, die aus dem reinen, unverfälschten inneren Bedürfnis hervorgeht; es übersteigt alle Zwänge, die von Geld, Pflicht, Moral und anderen gesellschaftlichen Bindungen herrühren, und schafft ein Leben des reinen Selbst. Schiller sagt im fünfzehnten seiner Briefe: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Meiner Meinung nach gibt es nichts auf der Welt, das eine ernstere Angelegenheit wäre als das sogenannte Spiel.
Seit dem Beginn der Menschheit hat die Kunst eine wesentliche Funktion im sozialen Leben erfüllt. Die religiösen Zeremonien der Urzeit, die Kriegstänze, die Lieder der Gemeinschaft — all dies war zugleich Spiel und Vorbereitung. Die Kunst war nie ein bloßer Luxus, sondern eine Notwendigkeit des menschlichen Daseins. Die Verbindung zwischen der Theorie des Kraftüberschusses und der Vorbereitungstheorie liegt gerade darin: Das Spiel befriedigt die innere Kraft und bereitet zugleich auf das Leben vor. Kunst als die höchste Form des Spiels vereint beide Aspekte.
Weil jedoch der Humor aus der „rationalen Flucht“ vor dem Kummer geboren wird, treibt er die Menschen oft dazu, die Welt kalt zu verspotten. Sich über alles Empörende nicht aufrichtig zu erzürnen, sondern stattdessen mit einer Zigarette im Mundwinkel nur zu spotten — das ist leicht genug. In den Worten John Stuart Mills findet sich der Satz: „Despotische Herrschaft macht die Menschen zu Zynikern.“ Das kommt daher, dass unter despotischer Herrschaft aufrichtige und feinfühlige Menschen vor Zorn zugrunde gehen. Der Aufrichtige wird als Märtyrer getötet. Der Unaufrichtige flüchtet in den Humor und lebt kalt lächelnd weiter.
Darum ist der Humor wie Feuer, wie Wasser: Richtig angewandt, kann er das Leben bereichern und die Welt beglücken; doch im Übermaß verbrennt er Häuser und hemmt den Fortschritt der Gesellschaft.
Was den Humor davor bewahrt, in kalte Ironie abzugleiten, ist vor allem die aufrichtige Sympathie. Sympathie ist der Grundstein aller Dinge. Anatole France sagte, der Grundstein des Genies sei Sympathie; auch Tolstoi betrachtete die Sympathie als wesentliche Voraussetzung wahren Genies.
Humor darf reichlich vorhanden sein; nur an Sympathie darf es nicht mangeln. Das Leben als Kinderspiel zu behandeln und lächelnd den Tag zu verbringen, ist kalte Ironie. Die Würde des Lebens tief zu empfinden, die tiefe Menschenliebe nicht zu verlieren und dabei zu lächeln — das ist Humor.
Was sich gewöhnlich „Humor“ nennt, ist oft nur die Maske der Feigheit und Gleichgültigkeit. Wahrer Humor aber setzt Mut voraus: den Mut, das Leiden der Welt zu sehen, und die Kraft, es dennoch mit einem Lächeln zu tragen. Darin liegt die Größe des Humoristen.
Wenn die Satire mit dem Schwert des Zorns schlägt, dann streichelt der Humor mit der Hand des Mitleids. Beide sind notwendig, doch der Humor ist schwieriger zu erreichen, weil er zweierlei verlangt: die Schärfe des Verstandes und die Wärme des Herzens.
Über die Karikatur lässt sich Ähnliches sagen. Die Karikatur ist der gezeichnete Humor, die bildliche Satire. Sie übertreibt, um die Wahrheit sichtbar zu machen. Große Karikaturisten wie Daumier und Hogarth waren zugleich große Humanisten, die durch Übertreibung auf das Leid der Welt hinwiesen.
Die künstlerische Ausdrucksform der Karikatur ist in der Geschichte der Kunst weit verbreitet. Von den Höhlenmalereien der Steinzeit bis zu den politischen Karikaturen der Gegenwart zieht sich ein Faden des humorvollen Kommentars zur menschlichen Existenz. In der modernen Literatur hat der Humor eine besondere Bedeutung erlangt. Von Mark Twain über Tschechow bis zu Lu Xun selbst: Die großen Humoristen der Weltliteratur sind zugleich die schärfsten Beobachter der menschlichen Schwächen und die warmherzigsten Verteidiger der menschlichen Würde.
Am 29. März dieses Jahres, dem sechzigsten Geburtstag des revolutionären Literaten Maxim Gorki und dem fünfunddreißigsten Jahrestag seines literarischen Schaffens, wurden in ganz Russland von diesem Tag an eine Woche lang festliche Feiern abgehalten, die ein beispielloses Ausmaß erreichten. Zuvor hatte man Vertreter aus allen Bereichen zusammengebracht und ein Festkomitee gegründet. Der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare, Rykow, erklärte im Namen des Rates Gorkis große Verdienste um die Arbeiterklasse und den Sowjetbund und verkündete dem gesamten Volk die Bedeutung dieser Feier.
Eine ganze Epoche der russischen Literatur ist untrennbar mit dem Namen Gorki verbunden; seine Kunst spiegelt die große gesellschaftliche Bedeutung jener Zeit wider. Als Gorki auf der literarischen Bühne erschien, befand sich Russland im wirtschaftlichen Umbruch: Die kapitalistischen Kräfte besiegten das feudale System, und die Arbeiterklasse betrat erstmals die Bühne der Gesellschaftsgeschichte. Von da an ertönte Gorkis feuergleicher revolutionärer Ruf in einer Zeit sich stürmisch ausbreitender revolutionärer Bewegung; selbst in der Reaktionszeit verstummte er nie.
Gorki ist der einzige Literat, der sich als revolutionärer Schriftsteller im vorrevolutionären Russland Weltruhm erwarb. Andere begabte Künstler wie Andrejew, Kuprin und Tschiribow standen zwar mit der revolutionären Bewegung in Verbindung — doch wo sind sie jetzt? Sie leben im Ausland, verfluchen den Erfolg der Revolution und verschwenden ihr Leben im Exil. Allein Gorki blieb der Revolution treu.
Gorkis besondere Leistung besteht in der Förderung junger, aus der Arbeiterklasse stammender Schriftsteller. Er hat unzähligen Autodidakten den Weg in die Literatur geebnet. Seine Bedeutung für die Entwicklung der sowjetischen Literatur kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er war nicht nur ein großer Künstler, sondern auch ein großer Organisator und Förderer des literarischen Lebens.
Gorkis Werk ist geprägt von einer tiefen Verbundenheit mit dem einfachen Volk. Seine Erzählungen schildern stets das Leben derer, die am Rande der Gesellschaft stehen. Er gab den Stimmlosen eine Stimme und den Vergessenen ein Gesicht.
Gorki selbst bezeugte, dass er zwischen 1906 und 1910 über vierhundert Manuskripte von autodidaktischen Schriftstellern gelesen hatte. „Die Mehrzahl dieser Manuskripte“ — so der Verfasser von „Tschelkasch“ — „stammt von Menschen, die erst ein wenig von Literatur verstehen. Diese Manuskripte werden vermutlich nie gedruckt werden; doch in ihnen ist die Seele lebendiger Menschen eingeprägt, die Stimme des Volkes klingt unmittelbar darin.“
„Fast jedes Mal“ — so schrieb Gorki — „wenn der Postbote die grauen Hefte bringt, die auf Zwei-Kopeken-Papier mit ungeübter Hand vollgeschrieben sind, liegt ein Brief dabei. Darin bitten unbekannte und kaum bekannte Menschen mich, ihre Werke ‚einmal anzusehen‘ und zu antworten: ‚Habe ich Talent? Habe ich das Recht, die Aufmerksamkeit der Menschen auf mich zu ziehen?‘ Ihr Herz wird von Freude und Kummer zugleich gepresst, und in ihrem Inneren brennt große Hoffnung.“
An anderer Stelle sagte Gorki: „Ich bin fest überzeugt, dass die Arbeiterklasse fähig sein wird, ihre eigene Kunst zu schaffen — unter großen Mühen und mit großen Opfern — ebenso wie sie einst ihre eigene Tageszeitung gegründet hat. Diese Überzeugung ist aus der Beobachtung der Bemühungen von Hunderten von Arbeitern, Handwerkern und Bauern gewachsen, die versuchen, ihre eigene Lebensanschauung auf das Papier zu bringen.“
Zahlreiche bekannte Schriftsteller des modernen Russland verdanken ihre literarische Laufbahn Gorki — das wird von jedermann offen bestätigt. Nach der Statistik der Zentralen Stadtbibliothek von Leningrad waren unter den zweitausendsiebenhundert Autoren der Bibliotheksbestände nur siebenhundert, die überhaupt Leser fanden; die übrigen zweitausend blieben völlig unbeachtet. Von jenen siebenhundert wurden täglich nur achtunddreißig Autoren gelesen. Unter diesen achtunddreißig stand Gorki stets an erster Stelle.
Gorkis Einfluss erstreckte sich weit über Russland hinaus. In China, Japan, der Türkei, Indien und vielen anderen Ländern wurden seine Werke übersetzt und begeistert aufgenommen. Sein Roman „Die Mutter“ wurde zu einem der einflussreichsten Romane der proletarischen Weltliteratur. Gorki bewies, dass große Literatur nicht dem Elfenbeinturm entstammen muss, sondern aus dem Leben des Volkes erwachsen kann.
So war Garschin einer, der dem Kummer und Schmerz anderer Menschen sein Mitgefühl schenkte und den daraus in ihm selbst entstandenen Schmerz in seinen Kurzgeschichten beschrieb. Deshalb hört man in seinen einfachen und knappen Erzählungen den Aufschrei eines leidenschaftlichen Menschen, der die Herzen aufwühlt.
Der Held seiner Erzählung „Die rote Blume“ war er selbst. Im Wahnsinn pflückte er im Hof der Anstalt jene rote Blume, in der sich alles Böse der Welt vereinigte.
Derjenige, der die Qualen eines Soldaten, der vier Tage auf dem Schlachtfeld lag, als eigene Qualen erlebte, war ebenfalls er.
In einem Brief an Afanassjew schrieb er, dass er jedes Wort mit einem Tropfen Blut schuf.
Eine verständige Frau schilderte Pawlowski einmal die Umstände, unter denen Garschin das Leben der Prostituierten beschrieb; es war folgendermaßen:
Garschin gehörte zu den zarteren und empfindsameren Naturen der russischen Literatur. Sein Schicksal war tragisch: Er wurde vom Mitgefühl mit dem Leid anderer verzehrt. Während andere Schriftsteller das Elend beobachten und beschreiben konnten, ohne selbst daran zugrunde zu gehen, war Garschin unfähig, eine Distanz zu wahren. Er empfand das Leid seiner Figuren als sein eigenes.
Diese Eigenschaft machte ihn zu einem der authentischsten Schriftsteller Russlands, zugleich aber auch zu einem der verletzlichsten. Sein kurzes Leben und sein tragisches Ende — er starb jung durch Selbstmord — sind das Zeugnis eines Menschen, der an seinem eigenen Mitgefühl zerbrach.
Garschins literarisches Werk ist nicht umfangreich, doch jede seiner Erzählungen ist ein Meisterwerk der Verdichtung. Er schrieb nicht viel, aber was er schrieb, war von einer Intensität, die in der russischen Literatur ihresgleichen sucht. Turgenew erkannte sein Talent sofort und förderte ihn; Tschechow bewunderte seine Prosa.
Die Bedeutung Garschins liegt weniger in seinem literarischen Einfluss als in dem Beispiel, das er gab: das Beispiel eines Schriftstellers, der sein Werk mit seinem ganzen Leben bezahlte. Er verkörperte jene Tradition der russischen Intelligenz, die das Leiden anderer als eigene moralische Verpflichtung empfindet — eine Tradition, die von Belinski über Nekrassow bis zu Garschin reicht und die auch heute noch die große russische Literatur kennzeichnet.
Doch außer Stachelski wusste niemand von Lewinsons Schwanken. In der Abteilung wusste wohl niemand, dass auch Lewinson schwanken konnte. Er teilte seine Gedanken und Gefühle keinem anderen Menschen mit, sondern antwortete stets nur mit dem fertigen „Ja“ und „Nein“. Deshalb erschien er allen — mit Ausnahme derer, die seinen wahren Wert kannten, wie Tubejew, Stachelski und Gontscharenko — als ein besonders korrekter Mensch. Alle Partisanen, vor allem der junge Baklanow, der den Kommandeur in allem nachahmen wollte, bis hin zum äußeren Auftreten, dachten im Großen und Ganzen so: „Ich natürlich bin ein gewöhnlicher Mensch, aber Lewinson — der ist anders.“
Seit Lewinson zum Kommandeur gewählt worden war, konnte ihm niemand eine andere Stellung zudenken — alle hatten das Gefühl, dass nur er die Abteilung kommandieren könne, und dass dies sein wichtigstes Merkmal sei. Hätte Lewinson erzählt, wie er als Kind seinem Vater beim Altwarenhandel geholfen hatte und wie sein Vater bis zu seinem Tod davon träumte, reich zu werden, dabei aber Mäuse fürchtete und eine mittelmäßige Geige spielte, dann hätte wohl jeder geglaubt, dies sei nur ein passender Scherz. Doch Lewinson erzählte solche Dinge nie. Nicht weil er ein verschlossener Mensch war, sondern weil er wusste, dass alle ihn für einen besonderen Menschen hielten, obwohl er selbst seine eigenen Schwächen sehr gut kannte.
In einer feuchten Nacht Anfang August kam ein reitender Eilbote zur Abteilung. Es war ein Bote des alten Sowejkow-Kowtun, des Stabschefs der Partisanenabteilungen. Der alte Sowejkow-Kowtun schrieb, dass das Dorf Janutschinogebiete, wo die Hauptkräfte der Partisanen zusammengezogen waren, von japanischen Truppen angegriffen worden sei; dass im verzweifelten Kampf bei Istwotka über hundert Menschen am Sterben seien; dass er selbst neun Kugeln abbekommen habe und sich in einer Winterhütte eines Jägers verstecke; und dass auch sein eigenes Leben wohl nicht mehr lange dauern werde.
Das Gerücht der Niederlage breitete sich mit unheimlicher Geschwindigkeit entlang der Täler aus. Doch der Eilbote überholte es noch. Da spürten die Boten instinktiv, dass dies der furchtbarste Kurier seit Beginn der Bewegung war. Die Unruhe der Menschen teilte sich auch den Pferden mit. Die struppigen Partisanenpferde zeigten die Zähne und galoppierten entlang der düsteren, nassen Dorfwege von einem Dorf zum nächsten — das Schmutzwasser spritzte unter den Hufen auf.
Lewinson traf den Eilboten um halb eins in der Nacht. Eine halbe Stunde später war die kleine Reiterabteilung unter dem Hirten Medjeriza schon über das Dorf Krilowka hinausgeritten und breitete sich fächerförmig in drei Richtungen entlang der verborgenen Pfade von Sichote-Alin aus — und sandte unruhige Nachrichten an die Abteilungen im Kampfgebiet Swagen.
Dann streckte er seine müden Glieder, gähnte und ging in den Hinterhof. Im Stall stampften die Pferde und kauten frisches Gras. Der Nachtwächter schlief unter der Zeltplane und hielt sein Gewehr fest umklammert. Lewinson dachte: „Wenn die anderen Posten auch so schlafen, was dann?“ Er stand eine Weile, überwand mühsam seinen eigenen Schlaf, führte einen Hengst aus dem Stall, legte ihm das Geschirr an. Der Wachposten war immer noch nicht aufgewacht. „Schau einer an, dieser Hundesohn“ — dachte Lewinson. Er nahm aufmerksam dessen Mütze, versteckte sie im Heu, schwang sich in den Sattel und ritt los, um die Wachen zu überprüfen.
Er ritt entlang des Gebüschs zum Tor. „Wer da?“ fragte der Posten barsch und klickte mit dem Verschluss. „Kamerad…“ „Lewinson?… Warum reitest du in der Nacht herum?“ „Nur so, kann nicht schlafen“ — antwortete Lewinson kurz.
Er ritt hinaus auf das Feld, in die feuchte Dunkelheit. Der Herbstwind blies kalt. Die Sterne flimmerten fern und gleichgültig über dem schlafenden Land. Das Gras rauschte leise unter den Hufen des Pferdes.
Lewinson überprüfte die Posten einen nach dem anderen. Manche waren wach und aufmerksam, andere dösten, wieder andere schliefen fest. Er weckte die Schlafenden nicht, sondern merkte sich ihre Gesichter, um sie am nächsten Tag zur Rechenschaft zu ziehen.
Als er zum Lager zurückkehrte, war es fast drei Uhr morgens. Die Nacht war still und friedlich, als gäbe es keinen Krieg, keine Gefahr, keinen Tod. Doch Lewinson wusste es besser. Er wusste, dass der Feind in der Nähe war, dass die Lage sich jeden Augenblick ändern konnte. Er band sein Pferd an, ging in seine Hütte und legte sich hin, ohne sich auszuziehen. So schlief er ein — halb wachend, wie ein Wolf, bereit, beim leisesten Geräusch aufzuspringen.