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| | = Durch Berge und Meere — Teil 7 = | | = Durch Berge und Meere — Teil 7 = |
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| − | Sie legte sich sofort schlafen. Als der Sekretär anrief, war es bereits sieben Uhr morgens. Der Sekretär sagte, er habe die überarbeitete Version des Berichtsmaterials gelesen und finde es nun in Ordnung. Er bat Wu Xiaohao, am Nachmittag mit ihm zum Bezirksleiter zu gehen. Nach dem Frühstück fuhr Wu Xiaohao mit dem Sekretär in die Stadt. Auch der Leiter des Regierungsbüros, Liu Dalou, kam mit. Im Regierungsgebäude des Bezirks angekommen, gingen sie in den siebten Stock vor das Büro des Bezirksleiters. Zhou Bin klopfte nicht an die Tür, sondern fragte gegenüber beim Sekretär des Bezirksleiters, ob der Bezirksleiter gerade Zeit habe. Der Sekretär sagte: „Bitte warten Sie, der Direktor des Justizamts ist gerade drin.“ Die drei Leute aus Hepo setzten sich zum Warten hin. Wu Xiaohao dachte: Zehn Jahre hatte sie im Büro für Kulturgeschichte der Politischen Konsultativkonferenz im achten Stock gearbeitet und war noch nie im Büro des Bezirksleiters gewesen. Gegenüber war bald ein Geräusch zu hören. Der Sekretär ging hinaus, um nachzusehen, kam zurück und sagte: „Sekretär Zhou, Sie können gehen.“ Die drei gingen dann hinüber. Bezirksleiter Wen wartete bereits an der Tür auf sie und schüttelte jedem die Hand. Zhou Bin stellte Wu Xiaohao und Liu Dalou dem Bezirksleiter vor. Im Raum setzte sich der Bezirksleiter aufs Sofa: „Beeilt euch zu sprechen, ich muss gleich noch auswärtige Gäste empfangen.“ Zhou Bin holte das Manuskript aus seiner Tasche, hob den Kopf und sprach ein paar Sätze, senkte ihn und las ein paar Sätze. Wu Xiaohao bemerkte, dass die Miene des Bezirksleiters immer schlechter wurde. Nach ein paar Minuten hob er plötzlich die Hand zum Stopp: „Ich mag diese Art der Berichterstattung nicht. Sekretär Zhou, wissen Sie nicht, dass die Zentrale beschlossen hat, eine Bildungskampagne zur Massenlinie der Partei durchzuführen und entschlossen die ‚vier Übel' zu bekämpfen? Das erste dieser ‚vier Übel' ist Formalismus. Können Sie nicht ohne Material mit mir sprechen?“ Zhou Bin war sehr verlegen und nickte: „Gut, gut, ich lese das Manuskript nicht mehr vor.“ Doch ohne Manuskript sprach er nicht flüssig, und wenn es um Zahlen ging, musste er den Kopf senken und das Manuskript ansehen. Bezirksleiter Wen sagte: „Vergiss es, sprich nicht mehr. Xiao Wu, Sie sind doch die stellvertretende Bürgermeisterin für Tourismus? Sie sprechen.“ Wu Xiaohao erstarrte einen Moment. Aber sie beruhigte sich schnell und nahm Zhou Bins Worte auf, um über das Projekt zu sprechen. Da sie Recherchen gemacht und das Berichtsmaterial verfasst hatte, trug sie die wichtigen Zahlen klar und deutlich vor. Der Bezirksleiter nickte zufrieden: „Gut, ich habe es verstanden.“ Er sagte, er und General Gu hätten sich nur einmal getroffen – als er im Wirtschafts- und Informationskomitee der Provinz gearbeitet habe, sei er nach Peking zu einem Wirtschaftstreffen gereist und habe ihn dort kennengelernt. „Wenn General Gu in Hepo einen Wohnmobil-Campingplatz machen will, begrüßen wir das. Nach Ihrer Berichterstattung zu urteilen, habt ihr auch die Vorarbeiten für die Projektumsetzung gut gemacht. Im nächsten Schritt lasse ich das Bezirks-Investmentamt, Tourismusamt und Meeresfischereiamt beteiligen, um gemeinsam mit ihnen ausführlich zu sprechen. Wenn es etwa passt, empfange ich sie persönlich und treffe Entscheidungen, wenn nötig.“ Nach dem Verlassen des Büros des Bezirksleiters war Zhou Bin düster und schwieg. Wu Xiaohao sagte: „Sekretär, kann ich heute Nachmittag nicht nach Hepo zurückkehren?“ Zhou Bin kam zu sich: „Gut, ich fahre auch nicht zurück. Morgen früh fahren Sie in meinem Auto, wir fahren zusammen zurück.“
| + | Am Morgen des Neujahrstages ließ Bürodirektor Liu Dalou im Hof eine Weile Feuerwerk und Böller steigen und rief dann Wu Xiaohao an: In der Kantine seien Teigtaschen gemacht worden, die es für die Bereitschaftskräfte umsonst gebe. Wu Xiaohao wusch sich das Gesicht und ging hin. Noch bevor sie die Kantine erreichte, hörte sie drinnen ein lautes Geschrei. Sie trat ein und sah, wie Yuan Xiaoxiao und zwei junge Männer gerade einen alten Mann in zerschlissenen Kleidern und graumeliertem Haar hinausdrängten. Der Alte rief: „Ich will die Teigtaschen der Regierung essen! Ich bekomme kein Sozialgeld, kann mir keine Teigtaschen leisten — wenn nicht hier, wo dann?" |
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| + | Wu Xiaohao sah Liu Dalou danebenstehen und fragte ihn, was los sei. Liu Dalou erklärte, der alte Mann heiße Chang, stamme aus Xishi-Strand und habe es nie geschafft, Sozialhilfe zu bekommen; mehrfach habe er bei der Gemeindeverwaltung vorgesprochen. Wu Xiaohao fragte: „Stünde ihm denn Sozialhilfe zu?" Liu Dalou schüttelte den Kopf: „Keine Ahnung — jedenfalls sagt Amtsleiter Yuan, er erfülle die Voraussetzungen nicht." |
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| − | Als sie nach Hause kam, war Diandian noch nicht aus der Schule, und auch Luo Wan war nicht da. Sie musste sich weiter um offizielle Angelegenheiten kümmern und rief Jiao Tingting von Wancheng Tourism Development Corporation an. Sie sagte, sie habe dem Bezirksleiter bereits Bericht erstattet, er unterstütze es voll und wolle, dass sich beide Seiten träfen. Jiao Tingting sagte: „Gut, gut, ich berichte General Gu, und wir vereinbaren einen Termin.“ Wu Xiaohao saß einen Moment auf dem Sofa, um sich auszuruhen. Sie wollte die jüngste Situation ihrer Tochter verstehen und ging in Diandians Zimmer. Drinnen war es noch so chaotisch wie zuvor – auf dem Tisch lagen Bücher, Snacks, Spielzeug, alles aufgetürmt wie ein Berg. Aber das Buch „Dieser Tag in der Geschichte“ war nicht da. Sie öffnete die Schublade – es war nicht da. Sie schaute unter dem Kissen – auch nicht da. Sie öffnete den Kleiderschrank – es war unter einem Stapel Kleidung versteckt. Hatte sie etwas aufgeschrieben, das andere nicht sehen sollten? Sie nahm das Buch, hörte, dass draußen noch keine Bewegung war, und blätterte hastig durch. Als sie „1. Juni“ fand, entdeckte sie, dass Diandian dies aufgeschrieben hatte: 2013 – Mama wurde von Papa richtig verprügelt Die zornige Handschrift schien die Wut auszudrücken. Wu Xiaohao las von Diandians „richtig verprügelt“, und ihr Herz schmerzte unerträglich. Sie legte das Buch an seinen Platz zurück, schaute mit dem Stift, der auf Diandians Tisch lag, in den Spiegel und sah, dass um ihr rechtes Auge noch ein schwacher Ring war. Sie seufzte tief, das Herz wie von einem Messer geschnitten. Sie ging hinaus und setzte sich traurig aufs Sofa. Nach einer Weile dachte sie: Wenn die Mutter-Tochter-Beziehung Risse bekommen hatte, musste sie sich bemühen, sie zu reparieren. Sie stand auf, ging in die Küche, um nachzusehen – kein Gemüse, keine Lebensmittel. Sie ging schnell zum nahegelegenen Einkaufszentrum, kaufte welche, kam zurück und band sich eine Schürze um, um zu kochen. Die Tür öffnete sich, Diandian rief: „Papa!“ Wu Xiaohao streckte den Kopf aus der Küche: „Diandian ist aus der Schule?“ Diandians Gesicht zeigte Überraschung. Sie warf ihre Schultasche ab, stürzte auf sie zu, umarmte sie und rieb ihr Gesicht an ihren Kleidern: „Mama, ich war in letzter Zeit persönlichkeitsgespalten...“ Wu Xiaohao fragte: „Was ist los?“ Diandian sagte: „Ich hasse dich und vermisse dich gleichzeitig.“ Wu Xiaohao sagte: „Ich bin auch gespalten. Ich will gute Arbeit leisten und mich gleichzeitig um Diandian kümmern.“ Diandian lachte: „Wir sind beide persönlichkeitsgespalten!“ Mutter und Tochter schauten sich an und lachten zusammen. Das Essen war fertig, das Telefon klingelte. Diandian zeigte auf das Telefon: „Bestimmt kommt Froschaugen nicht nach Hause.“ Sie nahm ab. Luo Wan teilte ihr tatsächlich mit, er müsse draußen zum Geschäftsessen und sie solle ihre Hausaufgaben machen. Er komme nach dem Essen zurück. Diandian legte auf und murmelte: „Geldgierig, verbringt Nächte draußen!“ Wu Xiaohao sagte: „Diandian, ich bin selten zu Hause, und dein Papa ist auch so. Ich möchte, dass deine Oma kommt, um sich um dich zu kümmern. Findest du das gut?“ Diandian sagte: „Gut. Ich will jedenfalls nicht nach der Schule nach Hause kommen und die Wände anstarren.“ Wu Xiaohao hörte ihre Tochter diesen Ausdruck benutzen und wusste zuerst, dass es nicht passte, aber bei genauerem Nachdenken war es sehr treffend. Ihr Herz schmerzte wieder. Wu Xiaohao brachte das Essen auf den Tisch und aß mit Diandian. Diandian nahm ein Stück rote Bratrippchen, biss ab, kostete und sagte: „Nicht so gut wie das, was Froschaugen macht.“ Wu Xiaohao sagte: „Ich gebe es zu, meine Kochkünste sind nicht so gut wie seine.“ Diandian sagte: „Ich warte lieber und esse, was er mitbringt.“ Dann legte sie die Stäbchen hin und ging in ihr Zimmer, um Hausaufgaben zu machen. Wu Xiaohao schaute auf die beiden Gerichte, die sie gemacht hatte, dann auf den leeren Platz gegenüber. Ihr Herz war schwer. Sie dachte: Diandian will nicht einmal essen, was ich koche. Kann sie essen, was ihre Oma vom Dorf kocht? Wenn sie es nicht essen kann, welchen Sinn hat es dann noch, die Oma kommen zu lassen? Aber als sie an Diandians Worte „die Wände anstarren“ dachte, fand sie einen Grund, ihre Mutter kommen zu lassen. Als Luo Wan voller Alkoholgeruch nach Hause kam und Diandian die gegrillten Rippchen und gedämpften Brötchen, die er mitgebracht hatte, gegessen und eine Weile ferngesehen hatte und einschlief, sprach sie mit ihm über ihren Plan. Luo Wan war nicht einverstanden. Er zog Augenbrauen und Augen zu einem zusammen: „Du lässt eine alte Frau vom Land kommen und willst Diandian zu einer Dorftochter erziehen?“ Wu Xiaohao sagte: „Dann lass ihre Großmutter kommen.“ Luo Wan schüttelte heftig den Kopf: „Nein, sie muss sich um meinen Vater kümmern. Das Herz-Kreislauf-System meines Vaters ist schon zu siebzig Prozent verstopft.“ „Was machen wir dann? Weißt du, mit welchem Wort Diandian ihr Gefühl beschreibt, wenn sie nach der Schule nach Hause kommt? Die Wände anstarren!“ Luo Wan zeigte auf sie: „Wenn du nicht aufs Land gegangen wärst, würde sie das fühlen? Es ist alles deine Schuld!“ Wu Xiaohao wollte nicht mit ihm streiten und ging ins Arbeitszimmer. Dort gab es ein kleines Bett, normalerweise benutzte es niemand. Sie schlief hier nur, wenn sie mit Luo Wan Streit hatte, allein wütend bis zum Morgen. Am nächsten Morgen ging Wu Xiaohao in die Küche, um zu kochen. Luo Wan kam herein und sagte, er stimme zu, dass Diandians Oma komme. Er könne sich wirklich nicht um Diandian kümmern. Mit der alten Dame zu Hause könne er beruhigter sein. Wu Xiaohao sagte: „Gut, ich sage Diandians Oma Bescheid, und am Wochenende hole ich sie ab.“ Zurück in Hepo rief Wu Xiaohao ihre Mutter an und erzählte davon. Die Mutter zögerte und sagte, sie müsse den alten Herrn fragen. Wu Xiaohao wusste, ihre Mutter hatte ihr Leben lang ihrem Vater gehorcht und wagte nicht, selbst zu entscheiden. Aber die Mutter rief schnell zurück und sagte, der alte Herr habe zugestimmt. Am Wochenende fuhr Wu Xiaohao mit dem Auto zurück in die Stadt, um ihre Mutter abzuholen. Diandian wollte mitkommen, aber Luo Wan hielt sie zurück und sagte, sie müsse an der außerschulischen Trainingsklasse für Kalligraphie teilnehmen und dürfe nicht fehlen. Diandian sagte mit Tränen: „Langweilig, langweilig“, schnappte sich ihre Schultasche und ging. Wu Xiaohao kam zu ihren Eltern nach Hause. Sie hatte nicht erwartet, dass alle drei jüngeren Schwestern da waren. Sie sagte überrascht: „Warum seid ihr auch alle zu Hause?“ Die vierte Schwester, Wu Xiaotian, sagte: „Ich habe gehört, du nimmst uns Mama weg, wir sind gekommen, um sie zu verabschieden. Zweite Schwester, ich mache einen Deal mit dir: Wenn ich ein Kind bekomme, musst du Mama sofort zu mir nach Linyi lassen.“ Wu Xiaohao, die jüngste Schwester, hatte in Linyi studiert und arbeitete dort als Nachhilfelehrerin in einer Trainingseinrichtung. Sie hatte letztes Jahr einen Kollegen geheiratet. Wu Xiaohao sagte: „Gut, sobald dein Bauch dick wird, lasse ich sie frei.“ Die fünfte Schwester, Wu Xiaowen, hatte nach dem Universitätsabschluss als Lehrerin an einer Mittelschule in Pingming gearbeitet. Sie sagte: „Mama passt zuerst auf das Kind der vierten Schwester auf, dann auf meins.“ Wu Xiaohao sagte: „Du hast nicht mal festgelegt, wer dein Ehemann wird, deine Berechnung ist zu weit voraus...“ Nur die dritte Schwester, Wu Xiaolian, sagte nichts. Sie hatte nach der Oberschule keine Universität besucht und als Aushilfe in einem Supermarkt in der Gemeinde gearbeitet. Durch Vermittlung heiratete sie einen Koch. Ihr Sohn war ein Jahr älter als Diandian. Jetzt hatten die beiden einen Spießrestaurant eröffnet. Wu Xiaohao fragte sie: „Warum hast du Zhuangzhuang nicht mitgebracht?“ Wu Xiaolian sagte: „Er hilft seinem Vater beim Spießaufspießen.“ Die älteste Schwester kam auch und trug eine Stofftasche. Wu Xiaohao fragte, was das sei. Die älteste Schwester sagte: „Das Kopfkissen, auf dem Mama schläft, ist abgenutzt. Ich habe ihr ein neues gemacht.“ Sie sagte, das Kissen sei mit Maisblättern gefüllt – nicht zu weich, nicht zu hart, mit einem leichten Duft. Mama mochte es besonders. Wu Xiaohao wusste, die älteste Schwester war geschickt. Jedes Jahr pflanzte sie Mais, band Puppen aus den Blättern und verkaufte sie auf dem Markt. Sie nahm das Kissen, betastete es – die Haptik war wirklich nicht schlecht. Sie hielt es vor ihr Gesicht und roch – nur ein leichter Duft. Sie sagte: „Große Schwester, mach mir auch eins, ich nehme es nach Hepo mit.“ Die älteste Schwester sagte: „Okay, zu Hause gibt es Stoff und Blätter, ich mache es gleich fertig.“ Und ging hinaus. Der Vater kam von draußen zurück, trug ein Päckchen geröstete Kastanien und reichte es der alten Dame: „Iss, gib sie Diandian.“ Wu Xiaohao fragte: „Wo hast du die her?“ Der Vater sagte: „Vom Bagou-Markt gekauft, die Kastanien dort sind duftend.“ Wu Xiaohao dachte: Acht Li weit zum Markt zu gehen, Kastanien für die Enkelin zu kaufen – man sieht die Liebe des Vaters. Aber warum hatte er nicht auch welche für den Enkel Zhuangzhuang gekauft? Sie schaute zur dritten Schwester – die sah tatsächlich verärgert aus. Wu Xiaohao und die Schwestern machten sich alle ans Werk, plauderten und machten Knödel. Als sie gerade fertig waren, kam die älteste Schwester mit einem Kissen zurück. Wu Xiaohao dankte ihr und legte es ins Auto. Die Familie aß rechtzeitig die Knödel. Wu Xiaohao wollte sich auf den Weg machen. Xiaowen schlug vor: „Wir haben noch nie ein Familienfoto gemacht. Heute ist die ganze Familie zum ersten Mal versammelt – lass uns zusammen mit Mama ein Foto machen!“ Die vier Schwestern stimmten alle zu. Xiaowen ging zum Nachbarn und bat ihn um Hilfe. Sie gab ihm ihr Handy und arrangierte dann die Eltern vorne sitzend, die fünf Schwestern stehend dahinter.
| + | Während sie noch sprachen, war drüben eine Schlägerei ausgebrochen. Irgendwer hatte den alten Chang zu Boden gestoßen, und einer der jungen Männer trat auf ihn ein. Der Alte hielt sich den Schritt und brüllte: „Er hat mir die Eier zertreten! Die Eier zertreten!" Yuan Xiaoxiao sagte: „Zertreten, na und? Du bist über sechzig — wozu brauchst du die noch?" Ein paar Schaulustige lachten. |
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| + | Wu Xiaohao eilte herbei und befahl ihnen, aufzuhören. Der alte Chang lag noch stöhnend am Boden. Wu Xiaohao wandte sich an die Köchin hinter der Theke: „Meisterin, bringen Sie mir meine Portion Teigtaschen!" Die Köchin füllte einen Teller, legte Stäbchen darauf und reichte ihn Wu Xiaohao. Wu Xiaohao ging in die Hocke: „Alter Chang, iss." |
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| − | Sun Wei kam voller Begeisterung in Wu Xiaohaos Büro gelaufen und bat sie, das Programm zu begutachten. Er sagte: „‚Auf dem Meer auf Stelzen' ist seit einem halben Monat in Proben, jetzt hat es Gestalt angenommen.“ Wu Xiaohao fragte: „Wo hast du die Darsteller gefunden?“ Sun Wei sagte: „Einige sind Grundschullehrer, einige Tanzlehrer von außerschulischen Trainingsklassen – durchweg ‚kleine Frischfleische', absolut gut aussehend, kann neunzig Prozent der weiblichen Zuschauer umhauen.“ Wu Xiaohao lachte: „Übertreib nicht, schau, ob du mich umhauen kannst.“ Sun Wei brachte sie zum Aktivitätsraum der Kulturstation ganz hinten im Hof. Sieben junge Männer hatten bereits Stelzen an ihren Beinen gebunden und saßen am Bühnenrand und redeten. Sobald Sun Wei hereinkam, rief er: „Aufstehen, willkommen Bürgermeisterin Wu!“ Die sieben jungen Männer standen ordentlich auf ihren Stelzen und klatschten, als sie Wu Xiaohao sahen. Wu Xiaohao winkte ihnen grüßend zu und setzte sich auf einen Zuschauerplatz. Sun Wei sagte: „Vorbereitung zur Aufführung!“ Die jungen Männer gingen klackklack von der Treppe auf die Bühne. Jeder wirkte sehr groß. Sun Wei setzte sich an den Bühnenrand, nahm ein Paar Stelzen und band sie geschickt an. Auch er ging auf die Bühne. Ein Mitarbeiter bediente die Audioanlage und spielte Musik ab. Sun Wei begann mit den sieben jungen Männern die Aufführung. Sie schienen beim Gehen aufs Meer zu schauen, zwinkerten mit den Augen, zeigten fröhliche Gesichter, wackelten hin und her – es hatte sogar etwas Schwules. Je mehr Wu Xiaohao zusah, desto abgestoßener fühlte sie sich, sogar ein Gefühl von Übelkeit. Die „kleinen Frischfleische“ waren aber sehr engagiert. Sie gingen zur Seite der Bühne, nahmen große Netze und begannen „ins Meer zu gehen“. Als würden Wellen kommen, bewegten sie sich vor und zurück. Ihre Bewegungen waren wirklich angsteinflößend und unterschieden sich stark von der realen Szene, die Wu Xiaohao in der Mondsichelbucht gesehen hatte. Später kam das Netzschieben, das Hochkommen, die Freude nach der Ernte. Je mehr Wu Xiaohao zusah, desto mehr wagte sie nicht hinzuschauen – wenn sie weiter schaute, würde sie sich übergeben müssen. Nach der Aufführung kam Sun Wei auf Stelzen von der Bühne, ging direkt zu Wu Xiaohao und bat sie um wertvolle Meinungen. Wu Xiaohao sagte: „Lass die Darsteller gehen, wir beide reden.“ Die Darsteller gingen. Sun Wei band die Stelzen ab und schaute mit seinen großen, schwarzweißen Augen Wu Xiaohao erwartungsvoll an. Wu Xiaohao sagte: „Dein Programm hat mich fast ‚umgebracht'.“ Sun Weis Gesicht zeigte Verlegenheit: „Wieso?“ „Ich meine, ich kann die Gekünstelheit und Falschheit dieses Programms nicht ertragen.“ Sun Wei riss die Augen auf und schaute Wu Xiaohao sprachlos an. Wu Xiaohao sagte: „Ich habe beschlossen, dein Programm zu ‚streichen'.“ Sun Wei öffnete wieder den Mund und drückte Bestürzung aus. Wu Xiaohao erklärte ihm: Obwohl Guo Mos „Hai Qiu Le“ Frauen und einige auffällige Elemente hinzugefügt hatte, bewahrte es noch die grundlegendste kulturelle Substanz. Aber dieses „Auf dem Meer auf Stelzen“ ahmte nur einige Bewegungen des Hochstelzenfischens auf dem Meer nach, brachte aber weder den Mut der Fischer zum Ausdruck noch stellte es die majestätische Szene der Mondsichelbucht dar.
| + | Der alte Chang richtete sich auf, hockte sich auf den Boden, nahm den Teller entgegen und schob sich eine Teigtasche nach der anderen in den Mund. |
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| − | Sun Wei sagte: „Bei der offiziellen Aufführung werden auch Ren Zhiguang, Yu Jing, Yinyang, und Dahai Haiwang dabei sein...“ Wu Xiaohao sagte: „Das geht trotzdem nicht. Das Problem ist: Wenn du eine Gruppe von Amateurmusikern auftreten lässt, kommt einfach nicht die richtige Stimmung auf. Ach, das ist auch mein Fehler – ich habe die Positionierungsfrage nicht gründlich durchdacht, bevor ich dich mit der Inszenierung beauftragt habe. Heute ist mir endlich klar geworden: Die Stelzen auf dem Meer dürfen nicht zu einer Bühnenkunst werden, sie dürfen nicht von ihrer volkstümlichen Basis losgelöst werden.“ Sun Wei fragte: „Was willst du dann machen?“ Wu Xiaohao sagte: „Wir positionieren es als volkstümliche Kultur und lassen die Fischer selbst auftreten, damit der ursprüngliche, authentische Charakter erhalten bleibt. Ich spreche mit Guo Ge darüber, dass sie einen Lehrer zur Anleitung organisiert.“ Sun Wei sagte: „In Ordnung.“ Er zögerte kurz und fuhr dann fort: „Ehrlich gesagt hatte ich einen Hintergedanken bei der Inszenierung dieses Programms. Ich dachte, wenn ich 'Stelzen auf dem Meer' erfolgreich inszeniere und selbst an der Aufführung teilnehme, könnte ich vielleicht in den Bezirk versetzt werden und in die Stadt kommen. Ich bin ja im Moment noch ein Hochschulabsolvent im Dorfdienst. Wenn ich durch die Regie und Inszenierung dieses Programms meine Position verändern könnte, wäre das natürlich großartig.“ Wu Xiaohao sagte: „Ich verstehe deine Gedanken sehr gut. Aber die Erschließung dieser volkstümlichen Kultur und ihre angemessene Präsentation ist ebenfalls dein Verdienst.“ Sun Wei nickte überzeugt: „Danke, Bürgermeisterin Wu. Ich fange noch einmal von vorn an. Wenn der Lehrer aus dem Bezirk kommt, werde ich das Programm ganz nach seinen Anweisungen gestalten.“ Zwei Tage später kam ein Lehrer aus der Stadt Yu. Es war Guan Dacheng, der Vorsitzende des städtischen Tanzverbands – nicht sehr groß, aber muskulös, mit schütterem Haar und stechendem Blick. Er erzählte Wu Xiaohao, dass er bereits an der Küste die Fischer beim Garnelenfang auf Stelzen beobachtet hatte. Er hatte die Idee, dies zu verfeinern und zu einem Kunstwerk zu verarbeiten; einige Tanzelemente hatte er bereits konzipiert, und er hatte sich selbst ein Paar Stelzen anfertigen lassen und zu Hause damit geübt – inzwischen konnte er schon sicher darauf gehen. Er sagte, nachdem er Bürgermeisterin Wus Konzept gehört habe, es als volkstümliche Kultur zu positionieren, sei er sofort einverstanden gewesen und habe beschlossen, die Fischer selbst auftreten zu lassen. Er wusste, dass Guo Ge früher im Fischerdorf gelebt hatte und die Fischer kannte, deshalb sollte sie auch an der Gestaltung des Programms teilnehmen. Wu Xiaohao sagte: „Wunderbar, ich bin sicher, ihr werdet Erfolg haben.“ Vorsitzender Guan sagte, er wolle noch tiefer ins Leben eintauchen und die Stelzen auf dem Meer noch genauer beobachten, um diese volkstümliche Kultur perfekt darzustellen. Wu Xiaohao sagte: „Danke, Vorsitzender Guan. Lassen Sie Sun Wei Sie begleiten, um das alles zu erleben. Der Einfachheit halber lasse ich Direktor Yang vom Jufeng-Konzern eine Unterkunft für Sie arrangieren.“ Wu Xiaohao fragte Guo Ge, ob sie mitkommen wolle. Guo Ge sagte, sie käme mit, könne aber nicht übernachten, weil ihr Kind in der Stadt sei und niemand sich während der Wochenenden um es kümmern würde. Wu Xiaohao rief sofort Direktor Yang an. Direktor Yang sagte: „Kein Problem, sie sollen kommen, ich sorge dafür, dass sie gut untergebracht und verpflegt werden.“ Einen Tag später traf Wu Xiaohao im Regierungsgebäude auf Wang Yuanruan und bemerkte, dass diese blass im Gesicht war und sogar Flecken auf der Haut hatte. Sie fragte, ob sie Morgenübelkeit habe. Wang Yuanruan sagte: „Ja, ich habe mich übergeben müssen, es geht mir sehr schlecht.“ Wu Xiaohao sagte: „Oh je, ich habe Sun Wei und Vorsitzenden Guan zum Erfahrungsaustausch geschickt, ohne zu wissen, dass bei dir diese Situation eingetreten ist. Ich rufe ihn an und sage ihm, dass er abends nach Hause kommen soll, um sich um dich zu kümmern.“ Wang Yuanruan sagte: „Danke, Bürgermeisterin Wu.“ Am Abend war Wu Xiaohao immer noch besorgt und ging zum Supermarkt, um frischen Ingwer für Wang Yuanruan zu kaufen. Sie sagte, nach ihrer damaligen Schwangerschaftserfahrung könne frischer Ingwer das Erbrechen lindern. Sie erklärte Wang Yuanruan genau: Schneide zwei münzgroße Scheiben ab, übergieße sie fünf bis zehn Minuten mit kochendem Wasser, nimm sie heraus und füge dann braunen Zucker hinzu. Wang Yuanruan trank es und sagte nach einer Weile, ihr Magen fühle sich viel besser an und sie müsse sich nicht mehr übergeben. Sun Wei kam zurück und war sehr gerührt, als er sah, dass Wu Xiaohao sich hier um seine Frau kümmerte. Er wollte Tee aufbrühen. Wu Xiaohao sagte: „Nicht nötig, ich gehe gleich. Erzähl mir von den Erfahrungen mit Vorsitzendem Guan.“ Sun Wei sagte, als Vorsitzender des Tanzverbands habe er nach nur zwei Morgenden Beobachtung der Garnelenfänger das Programm fertig konzipiert. Er habe die garnelenfangenden Fischer zur Teilnahme eingeladen – einige hätten zugestimmt, andere nicht. Direktor Yang hatte dann in den Zuchtanlagen einige Garnelenzüchter gefunden, die ebenfalls Erfahrung mit Stelzen und dem Schieben von Garnelennetzen hatten, sodass schließlich zehn Darsteller zusammenkamen. Guan hatte vorgeschlagen, zur Steigerung der Attraktivität einige junge Fischersfrauen die Verarbeitung der Garnelen darstellen zu lassen – beim Schälen, Waschen und Trocknen. Das sah gleich viel besser aus. Wu Xiaohao nickte: „Ich freue mich schon darauf, euer großartiges Programm zu sehen.“ Sun Wei sagte: „Bürgermeisterin Wu, Direktor Yang und ich haben noch etwas Wichtiges besprochen.“ Wu Xiaohao fragte: „Was denn?“ „Wir wollen eine Meeresopferzeremonie veranstalten.“ Er erklärte, dass der 13. des 6. Mondmonats der Geburtstag des Drachenkönigs sei und die Fischer an der Küste an diesem Tag alle dem Drachenkönig opferten, allerdings verstreut und von einzelnen Bootskapitänen organisiert. Nachdem er im Jufeng-Konzern von diesem Brauch erfahren hatte, hatte er mit Direktor Yang darüber gesprochen, im Yuegong eine größere Opferzeremonie zu veranstalten. Direktor Yang hatte zugestimmt und gesagt, er habe vom Drachentempel letztes Jahr fünfhunderttausend Yuan an Meeresfrüchten erhalten, aber der Drachenkönig habe seinen Zorn gezeigt und ein Großprojekt zerstört – dieses Jahr müsse man ordentlich opfern. Wu Xiaohao leuchteten die Augen auf: „Diese Opferzeremonie – warum nennen wir sie nicht einfach 'Walbucht-Meeresopferfest'! Die Fischerei-Kultur der Walbucht ist so reichhaltig, wir sollten diese Aktivität gründlich ausarbeiten. Das von euch einstudierte Programm könnte perfekt bei der Meeresopferzeremonie aufgeführt werden.“ Wu Xiaohao nahm mehrmals Kontakt mit dem Bezirk auf, um das Projekt des Wohnmobilstellplatzes voranzutreiben. Sie fragte, ob ein Termin für ein persönliches Gespräch festgelegt worden sei. Lou Tingting sagte jedes Mal, es sei noch nicht festgelegt, Direktor Gu sei sehr beschäftigt. Zhou Bin konnte nicht länger warten und wollte selbst Direktor Gu anrufen. Wu Xiaohao suchte Direktor Gus Telefonnummer heraus und gab sie ihm. Bald darauf sagte Zhou Bin ihr: „Direktor Gu hat gesagt, wir sollen übermorgen nach Peking kommen. Er bucht uns ein Hotel und lädt uns zum Abendessen ein. Beim Essen reden wir über die Details. Wenn alles klappt, unterschreiben wir nach dem Essen den Vertrag.“ Wu Xiaohao sagte: „Der Parteisekretär hat wirklich Durchsetzungskraft. Ich als einfache Vize-Bürgermeisterin komme da nicht mit.“ Zhou Bin sagte weiter, er habe dies bereits Bezirksleiter Wen gemeldet, und Bezirksleiter Wen habe angeordnet, dass je ein Leiter vom Amt für Investitionsförderung, vom Tourismusamt und vom Amt für Meeres- und Fischereiwirtschaft mitkommen solle. Zhou Bin bat Wu Xiaohao, als Kontaktperson zu fungieren, sie einzeln zu informieren und ihnen die relevanten Materialien zukommen zu lassen. Vom Amt für Investitionsförderung kam die stellvertretende Leiterin Qiao Li, die Wu Xiaohao bereits kannte. Sie bot von sich aus an, einen achtsitzigen Geschäftswagen zu fahren. Wu Xiaohao sagte: „Wunderbar, du ersparst unserer Stadt eine Menge Geld.“ Wu Xiaohao richtete eine WeChat-Gruppe ein mit dem Namen „Investitionsförderungsteam für Wohnmobilstellplatz“, um den Leitern jederzeit Bericht erstatten und Informationen austauschen zu können. Zhou Bin wollte, dass auch Liu Dalou mitkam. Mit dem Fahrer waren es insgesamt sieben Personen. Das Investitionsförderungsteam startete in der Stadt Yu. Zhou Bin und Wu Xiaohao fuhren bereits am Vorabend gemeinsam in die Stadt zurück. Liu Dalou wohnte zwar in Walbucht, fuhr aber später ebenfalls in die Stadt Yu und übernachtete dort im Hotel. Als Wu Xiaohao nach Hause kam, sah sie ihre Mutter allein vor dem Esstisch sitzen und über ein paar Gerichte wachen. Sie rief „Mama“, und ihre Mutter wischte sich mit der Hand die Augenwinkel und sagte mit heiserer Stimme: „Du bist zurück?“ Wu Xiaohao sagte: „Ja, ich bin zurück. Wo ist Diandian?“ Ihre Mutter deutete auf Diandians Schlafzimmer. Wu Xiaohao ging hin und öffnete die Tür. Diandian saß am Schreibtisch und lernte, drehte aber ständig abwesend ihren Stift in der Hand. Sie fragte, warum Diandian nicht esse. Diandian sagte, das Essen von Oma schmecke ihr nicht. Wu Xiaohao runzelte die Stirn: „Wie kann es dir nicht schmecken? Ich bin mit dem Essen deiner Oma aufgewachsen und habe bis heute nicht genug davon bekommen.“ Diandian lächelte verschmitzt: „Wenn es dir so gut schmeckt, dann iss du es. Ich warte jedenfalls darauf, dass Papa mir etwas kocht.“ „Du lässt ihn schon wieder kochen! Das ganze Restaurant-Essen, da sind zu viele Zusatzstoffe drin, das ist ungesund für den Körper.“ Wu Xiaohao zog ihre Tochter auf, nahm sie an der Hand und führte sie nach draußen zum Esstisch. Sie schaute auf das Essen: „Sieh mal, gebratener Luffa mit Fleisch, gebratener Tofu mit Schnittlauch – wie lecker! Iss schnell.“ Sie reichte Diandian die Essstäbchen. Diandian nahm widerwillig ein Stück Tofu und kaute sehr langsam darauf herum. Wu Xiaohao sagte zu ihrer Mutter: „Mama, iss auch du.“ Die Mutter hob ihre Schüssel zum Mund, ihre alten Augen lugten über den Rand und beobachteten Diandian. Wu Xiaohao schlürfte einen Schluck Suppe, aß zwei Bissen Gemüse und bemerkte, dass Diandian immer noch auf diesem einen Stück Tofu herumkaute. Sie wurde wütend: „Kleines Fräulein, ist dein Mund aus Gummi? Aus Stahl? Warum kannst du es nach so langer Zeit nicht runterschlucken?“ Diandian streckte theatralisch den Hals vor und tat so, als würde sie schlucken. Wu Xiaohao kochte innerlich vor Wut und wollte ihr ein paar Ohrfeigen geben, aber aus Rücksicht auf ihre Mutter beherrschte sie sich mit Mühe. Diandian aß pflichtschuldig noch ein paar Bissen, legte dann die Stäbchen weg und ging zurück in ihr Zimmer. Wu Xiaohao rief: „Du hast nur so wenig gegessen?“ Diandian sagte: „Ich bin satt“ und verschwand im Zimmer, wobei sie die Tür hinter sich schloss. Wu Xiaohao atmete tief durch, schaute ihre Mutter an und fragte leise: „Ist Diandian jeden Tag so?“ Ihre Mutter hatte Tränen in den Augen: „Nicht jeden Tag. Wenn ihr Papa zu Hause kocht, isst sie fröhlich. Wenn ihr Papa nicht zu Hause ist und ich für sie koche, schmeckt es ihr zwei von drei Mal nicht. Sie sagt, mein Essen sei nicht gut. Ach, dieses Kind ist so schwer zu versorgen, ich sollte lieber zurück aufs Land gehen.“ Wu Xiaohao sagte schnell: „Mama, geh nicht weg. Wenn du gehst, bin ich nicht beruhigt. Ihr Papa ist ständig draußen beschäftigt, es geht nicht, dass ein Mädchen allein zu Hause ist.“ Ihre Mutter sagte: „Das denke ich mir auch, deshalb halte ich es Tag für Tag aus. Ihr Papa trinkt draußen bis Mitternacht, lässt das Kind allein zu Hause – das geht doch nicht! Xiaocao, du hättest nicht diese Bürgermeisterin werden sollen. Was soll eine Frau mit so einem Amt? Sich um Mann und Kind kümmern reicht doch, ach...“ Wu Xiaohao sagte: „Mama, ich bin diesen Weg nun einmal gegangen. Ein gestarteter Pfeil kehrt nicht zurück. Halt noch ein bisschen durch.“ Ihre Mutter sagte: „Durchhalten, durchhalten – aber wann hört das auf?“ Wu Xiaohao sagte: „Ich rede mal mit Diandian, damit sie nicht mehr so wählerisch beim Essen ist. Und du schau ihrem Papa öfter beim Kochen zu, lern, wie er die Gerichte macht.“ Ihre Mutter nickte: „Na gut.“ Wu Xiaohao aß hastig zu Ende und ging in Diandians Zimmer. Diandian saß da und war verdrießlich. Wu Xiaohao fragte, ob sie ihre Hausaufgaben fertig habe. Diandian sagte: „Ich habe keine Hausaufgaben.“ Wu Xiaohao fragte: „Wie kannst du keine Hausaufgaben haben?“ Diandian antwortete: „Bald sind Prüfungen, der Lehrer hat gesagt, wir sollen selbst wiederholen.“ „Hast du wiederholt?“ „Ich wiederhole gerade.“ „Das sieht mir nicht nach Wiederholen aus. Du bist überhaupt nicht konzentriert.“ Diandian verdrehte die Augen: „Bist du konzentriert?“ Wu Xiaohao erstarrte: „Wie meinst du das, ich sei nicht konzentriert?“ Diandian lächelte kalt und sagte nichts mehr. Wu Xiaohao verstand. Diandian meinte, dass sie selbst als Mutter nicht konzentriert sei. Sie umarmte Diandian und sagte: „Du hast recht, ich bin nicht konzentriert. Ich bin keine gute Mutter.“ Diandian lächelte wieder kalt: „Das habe ich nicht gesagt. Das sagst du selbst.“ Sie schlug ihr Lehrbuch auf und las laut vor: „Xiaoming hat bereits 29 Aufgaben gelöst, 28 hat er noch nicht gelöst. Wie viele Aufgaben hat er insgesamt?“ Wu Xiaohao sah, dass sie so tat, als wolle sie lernen, und sagte nichts mehr. Sie ging hinaus. Ihre Mutter wischte gerade den Boden, stellte jetzt den Wischmopp beiseite, zog sie in die Küche und schloss die Tür: „Xiaocao, ich muss dir etwas sagen.“ „Was denn?“ „Diandians Papa scheint krank zu sein.“ Als Wu Xiaohao das hörte, erschrak sie und fragte ihre Mutter, woher sie wisse, dass You Hailian krank sei. Ihre Mutter erzählte, sie habe gestern im Wohnzimmer gehört, wie Diandians Papa ins Badezimmer ging und lange Zeit nicht herauskam. Als er endlich herauskam, japste und stöhnte er, als hätte er Schmerzen. Die Mutter sagte das mit besorgtem Gesichtsausdruck: „Sag mal, hat er nicht vielleicht eine Geschlechtskrankheit?“ Wu Xiaohao war verblüfft, ging schweigend hinaus ins Hauptschlafzimmer und suchte. Sie fand tatsächlich zwei Packungen Medikamente gegen Gonorrhö in der Schublade. Zornentbrannt griff sie zum Handy und rief You Hailian an. Mit gedämpfter Stimme fragte sie, wo er sei. You Hailian sagte, er sei beim Essen mit Geschäftspartnern. Wu Xiaohao sagte ihm, er solle sofort zur nordöstlichen Ecke des Platzes gegenüber vom Wohnkomplex kommen, sie müsse mit ihm reden. You Hailian fragte: „Was ist denn? So dringend?“ Wu Xiaohao sagte: „Etwas sehr Wichtiges, komm schnell zurück!“ Dann legte sie auf, schnappte sich die Medikamentenschachtel und verließ die Wohnung. Am vereinbarten Treffpunkt wartete sie, aber You Hailian ließ auf sich warten. Auf dem Platz tanzten viele Menschen in Gruppen, die fröhliche Atmosphäre passte perfekt zur milden Abendtemperatur, aber in ihrem Herzen war es eiskalt, erfüllt von Hass auf You Hailian. You Hailians Auto hielt am Rand des Platzes. Er stieg aus und kam eilig herüber, sein Gang wirkte nicht betrunken. Er fragte Wu Xiaohao, was los sei. Wu Xiaohao fragte direkt: „Wo kommst du gerade her? Mit wem warst du beim Essen?“ You Hailian sagte: „Mit Direktor Feng. Und Geschäftspartnern, und ein paar Freunden...“ Wu Xiaohao schimpfte derb: „Lügen! Wo warst du wirklich? Sag die Wahrheit!“ You Hailian schloss die Augen zu schmalen Schlitzen: „Ich habe nichts zu gestehen.“ Wu Xiaohao zog die Medikamentenschachtel aus der Tasche und hielt sie ihm vor die Nase: „Du bist krank und treibst dich immer noch draußen herum?“ You Hailian warf einen Blick auf die Schachtel, setzte sich auf den Rand des Blumenbeets und seufzte tief. Wu Xiaohao hob die Hand und gab ihm zwei Ohrfeigen: „Du bist wirklich Abschaum!“ You Hailian reckte trotzig den Hals: „Du bist auch schuld! Wer ist ständig nicht zu Hause? Ich war frustriert, hatte zu viel getrunken und bin einmal ausgerutscht. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich gleich anstecken würde.“ Wu Xiaohao sagte: „Angesteckt? Hast du an die Folgen gedacht? Du schleppst einen Haufen Viren an und steckst vielleicht Diandian an – willst du uns umbringen?“ You Hailian sagte: „Ich... ich habe auch Angst davor. Gerade war ich gar nicht beim Essen, sondern in der urologischen Klinik am Tropf, weil ich es schnell loswerden will.“ Wu Xiaohao tippte mit dem Finger gegen seinen Kopf: „You Hailian, merk dir das: Ab heute Abend suchst du dir eine andere Bleibe. Komm erst zurück, wenn du vollständig geheilt bist!“ You Hailian nickte: „Okay, okay, ich tue, was du sagst. Aber ich muss noch nach oben, um ein paar Kleider zu holen.“ Wu Xiaohao drehte sich um und ging nach oben, You Hailian folgte ihr. Zu Hause sagte You Hailian zu Diandian, er müsse geschäftlich verreisen und komme erst in ein paar Tagen zurück. Sie solle zu Hause auf Oma hören, Omas Essen essen und gut lernen. Diandian schaute skeptisch zu, wie ihr Papa Kleidung zusammenpackte und ging. Wu Xiaohao fragte Diandian, ob sie hungrig sei. Diandian sagte: „Papa hat mir nichts mitgebracht, natürlich bin ich hungrig.“ Wu Xiaohao ging in die Küche, wärmte das Essen auf, das ihre Mutter gekocht hatte, und brachte es heraus. Diandian setzte sich, sagte kein Wort, aß Congee und Gemüse und aß sogar ein gedämpftes Brötchen. Als sie in ihr Zimmer zurückging, klatschte ihre Oma sich aufs Knie und atmete zufrieden auf. Wu Xiaohao erzählte ihrer Mutter leise, warum You Hailian das Haus verlassen musste. Ihre Mutter nickte wiederholt: „Richtig so, genau richtig.“ In diesem Moment holte ihre Mutter ein blaues Stoffbündel hervor, nahm ein paar Schuheinlagen heraus, zog dann ein Buch hervor, holte daraus Nadel und Faden und begann zu nähen. Das war eine Arbeit, die ihre Mutter oft zu Hause machte: bestickte Schuheinlagen. In all den Jahren hatten die Schuheinlagen, die Wu Xiaohao und ihre Schwestern trugen, alle ihre Mutter angefertigt. Das Buch, abgegriffen und vergilbt, erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie nahm es und schaute hinein – es war ihr Geschichtslehrbuch aus der Oberstufe, Band 1. Darin waren einige Seidenfäden und Schuhvorlagen aufbewahrt. Sie wusste, dass Frauen in ihrer Heimat oft ein solches „Fadenhefte“ hatten, in dem sie bunte Seidenfäden und aus Papier ausgeschnittene Schuhvorlagen in einem Buch aufbewahrten, um sie griffbereit zu haben. Als sie das Fadenheft ihrer Mutter durchblätterte, entdeckte sie neben Fäden und Vorlagen auch einige Bilder von damals populären Stars – die hatte sie selbst vor zwanzig Jahren ins Buch gelegt und inzwischen vergessen. Als sie weiterblätterte zum ersten Kapitel „Die Urgesellschaft“, stieß sie auf diesen Satz: Vor zwei bis drei Millionen Jahren erschienen die Menschen auf der Erde. Engels sagte: Mit dem Menschen beginnt die Geschichte. Als sie das las, erinnerte sie sich daran, wie ihr Geschichtslehrer an der Pingba No. 1 Middle School in der ersten Stunde eine Performance geboten hatte – er war zur Tür zurückgegangen, hatte sich gebückt und war humpelnd vorwärts bewegt, dann aufs Podium gestiegen, sich aufgerichtet und plötzlich gerufen: „Die Menschen sind da! Die Geschichte beginnt!“ Die ganze Klasse hatte geschallt gelacht... Wu Xiaohao dachte: Die Menschen kamen, gingen zwei bis drei Millionen Jahre, aber manche degenerierten wieder zu Bestien. You Hailian war ein Beispiel dafür. Am nächsten Morgen holte Qiao Li mit dem Geschäftswagen der Behörde Wu Xiaohao ab, dann die anderen, einer nach dem anderen, und als alle beisammen waren, fuhren sie los. Zhou Bin erläuterte allen das Ziel der Peking-Reise und bat die Amtsleiter, ihr Können einzusetzen, um das Projekt erfolgreich zu machen. Der stellvertretende Leiter des Tourismus-amts sagte, er hoffe sehr, dass dieses Projekt zustande komme, denn ein Wohnmobilstellplatz sei ein absolut erstklassiges Produkt. Der Leiter des Amts für Meeres- und Fischereiwirtschaft scherzte: „Unsere Investitionsförderungs-gruppe für den Wohnmobilstellplatz sollte in einem Wohnmobil nach Peking fahren.“ Qiao Li sagte: „Also gut, dann kaufst du eins in Peking, und auf der Rückfahrt liegen wir alle drin.“ Der Amtsleiter sagte: „Wenn so viele Leute nicht reinpassen, wie wäre es mit zwei Etagen?“ Qiao Li sagte: „Zwei Etagen eben.“ Die Männer lachten alle. Wu Xiaohao schaute aus dem Fenster und sagte kein Wort. Aber sie vergaß ihre Pflicht nicht. Unterwegs rief sie Lou Tingting an und sagte, sie seien abgefahren und würden nachmittags ankommen. Die Investitionsförderungsgruppe machte an einer Raststätte Mittagspause und erreichte Peking gegen vier Uhr nachmittags. Je weiter sie hineinfuhren, desto dichter wurde der Verkehr. Zwei Stunden später erreichten sie endlich das Hotel. Es war ein Fünf-Sterne-Hotel im Bezirk Dongcheng namens Yanxing. Lou Tingting stand lächelnd in der Lobby und empfing sie, sie gab jedem eine Zimmerkarte. Wu Xiaohao betrat ihr Zimmer und stellte fest, dass sowohl Zimmer als auch Bett groß waren und die Einrichtung geschmackvoll – sie dachte, Direktor Gu sei wirklich großzügig. Es sah so aus, als wolle er das Projekt in Walbucht wirklich umsetzen. Im Bankettsaal war Wu Xiaohao noch erstaunter: Dieser Raum war mindestens siebzig bis achtzig Quadratmeter groß. Neben dem Esstisch gab es auch einen Mahjong-Tisch und einen Kreis von Sitzmöbeln aus Rosenholz. Während sie sich noch wunderte, zeigte Amtsleiter Yang auf das antike Regal an der Wand und sagte: „Wenn man die Ausstellungsstücke dort verkaufen würde, könnte man wahrscheinlich mehrere Boote kaufen.“ Qiao Li klopfte ihm auf die Schulter: „Wirklich, du redest immer nur von deinem Fach. Du kennst dich nur mit Booten aus.“ Wu Xiaohao schaute auf das antike Regal – es war voll mit glänzenden Ausstellungsstücken, Porzellan und modernen Kunstwerken, vieles hatte sie noch nie gesehen. Lou Tingting begleitete Direktor Gu herein. Direktor Gu setzte sich auf den Ehrenplatz, sein Blick war herrisch. Er ließ den Kellner einschenken und behauptete, es sei ein acht Jahre alter Moutai, den er aufbewahrt habe. Qiao Li, die neben Wu Xiaohao saß, schnupperte daran und nickte diskret. Direktor Gu erhob sein Glas zum Toast und sagte: „Herzlich willkommen an alle aus Yuguan, möge unsere Zusammenarbeit ein voller Erfolg werden.“ Nach drei Runden erhob Zhou Bin sein Glas und sagte, er vertrete die Kader und Bürger von Walbucht und hoffe inständig, dass Direktor Gu seine Talente am Gelben Meer entfalten möge. Qiao Li sprach sehr direkt und sagte, sobald sie in Peking angekommen sei, habe sie Direktor Gus aufrichtige Absicht gespürt. Das Amt für Investitionsförderung von Stadt Yu würde aktiv mitarbeiten, alle relevanten Maßnahmen optimal nutzen. Sie sei überzeugt, dass der Wohnmobilstellplatz in Yu nach seiner Fertigstellung allen Wohnmobilbesitzern und Campingfreunden weltweit ein Gefühl von Heimkehr vermitteln werde. Direktor Gu fragte: „Du sagst, du nutzt alle relevanten Maßnahmen optimal – wie viel Ermäßigung kannst du mir gewähren? Zwanzig Prozent Rabatt auf die Strandpacht, ich pachte für siebzig Jahre – kann die Pacht vollständig erlassen werden?“ Bei diesen Worten war Wu Xiaohao äußerst überrascht. Dieser Direktor Gu hatte sie in Peking großartig bewirtet, wollte aber offenbar nur einen Riesenvorteil herausholen. Wenn seine Pacht erlassen würde, wie sollte die Stadt dann den Bürgern gegenüber Rechenschaft ablegen? Sie sah, dass Qiao Li neben ihr gelassen blieb und mit ihren rotlackierten Fingernägeln eine große Krabbe zerlegte. Wu Xiaohao beugte sich zu ihr und flüsterte: „Wir können nicht leichtfertig zustimmen.“ Qiao Li sagte: „Keine Sorge, am Verhandlungstisch wird immer gefeilscht.“ Zhou Bin überlegte einen Moment, schaute Direktor Gu an und sagte: „Direktor Gu, vollständiger Pachterlass – ist diese Bedingung nicht zu hoch?“ Direktor Gu sagte: „Nicht hoch. Bei einigen meiner Projekte gab es völligen Pachterlass. Nicht nur Pachterlass, sondern auch drei Jahre Steuerbefreiung.“ Qiao Li sagte: „Das waren Projekte, die beträchtliche Gewinne abwerfen konnten. Ein Wohnmobilstellplatz hat nicht viel Gewinnspanne, da kann keine Steuerbefreiung gewährt werden.“ Direktor Gu zeigte sofort auf sie: „Du sagst, mein Projekt habe keine große Gewinnspanne – hast du dafür Belege? Ich habe euch noch nicht einmal um Steuerbefreiung gebeten, und du willst mir schon eine Absage erteilen? Ich möchte Bezirksleiter Wen fragen, warum er jemanden wie dich für die Investitionsförderung verantwortlich macht.“ Qiao Li winkte hastig ab: „Gut, gut, Direktor Gu, Entschuldigung, ich nehme meine Worte zurück! Seien Sie versichert, wenn Sie in Stadt Yu investieren, werden Sie in jeder Hinsicht zufrieden sein.“ Amtsleiter Yang vom Amt für Meeres- und Fischereiwirtschaft sagte: „Direktor Gu, als Sie früher zur Erkundung an die Küste von Stadt Yu kamen, haben Sie da die tatsächliche Situation am Strand gesehen? Diese Zuchtanlagen – für Seegurken, Garnelen, Austern – werfen jedes Jahr hohe Erträge ab. Ohne entsprechende Umsiedlungsmaßnahmen, wie können Sie die Leute überzeugen, sie abzureißen?“ Direktor Gu winkte ab: „Das ist nicht meine Sache, das ist Angelegenheit eurer Lokalregierung. Ich übernehme nur das Gelände, das sauber abgerissen wurde.“ Wu Xiaohao war von diesen Worten provoziert, die Wut in ihrem Herzen loderte hoch. Aber sie bemühte sich, ihre Gefühle zu kontrollieren, schluckte einen Schluck Wasser und fragte: „Darf ich fragen, Direktor Gu, wo kommen Sie her?“ Direktor Gu sagte: „Aus Hebei.“ „Stammt Ihre Heimat aus der Stadt oder vom Land?“ „Vom Land.“ Wu Xiaohao schaute ihn ernst an: „Ich bin auch auf dem Land geboren. Wissen Sie, dass Land für Bauern die Lebensgrundlage ist? Dieses Land, das über Generationen weitergegeben wurde – wenn es jemand einfach so kostenlos wegnimmt, wie werden sich die Väter und älteren Brüder fühlen? Wie wird sich das auf ihr Leben auswirken? Am Meer ist es dasselbe. Diese Pachtflächen, diese Strände betreffen den Lebensunterhalt jeder einzelnen Familie. Haben Sie das bedacht?“ Direktor Gus Gesicht verfinsterte sich: „Was schlagt ihr dann vor – wie viel Pacht soll ich zahlen?“ Zhou Bin sagte: „Pro Mu pro Jahr eintausend – wäre das akzeptabel?“ Direktor Gu sagte: „Viel zu viel, ich kann höchstens fünfhundert zahlen.“ Der stellvertretende Leiter des Tourismus-amts versuchte zu vermitteln: „Direktor Gu, Sie sind eine landesweit bekannte Geschäftselite mit beträchtlichem Vermögen. Für ein Projekt mit so glänzenden Aussichten werden Sie nicht kleinlich sein. Erhöhen Sie doch den Preis – achthundert pro Mu, einverstanden?“ Direktor Gu sagte: „Achthundert ist achthundert, aber ich kann nur ein Jahr im Voraus zahlen.“ Wu Xiaohao sagte sofort: „Das geht nicht! Sie geben uns nur lächerliche 640.000, wie sollen wir das den Bürgern erklären? Sie müssen die siebzig Jahre auf einmal zahlen.“ Direktor Gu sagte: „Über vierzig Millionen? Das ist ja Raubbau!“ Wu Xiaohao sagte: „Das Problem ist, dass Sie, dieses Huhn, überhaupt keine Absicht haben, Eier zu legen.“ Direktor Gu schlug plötzlich auf den Tisch: „Sie beleidigen mich! Ich werde Bezirksleiter Wen fragen, wie es sein kann, dass jemand mit so niedriger Qualität wie Sie zur Vize-Bürgermeisterin gewählt wurde.“ Wu Xiaohao wich nicht zurück und zeigte auf ihn: „Fragen Sie, fragen Sie sofort! Selbst wenn ich diese Vize-Bürgermeisterin nicht mehr sein sollte, kann ich diesen goldenen Strand nicht verschenken.“ Durch diesen Ausbruch wurde Direktor Gu merkwürdigerweise weicher und setzte ein Lächeln auf: „Gut, gut, heute bin ich auf die Yang-Familie-Kriegerin Yang Paifeng getroffen. Bürgermeisterin Wu, Schwesterchen Wu, beruhigen Sie sich. Ich nehme Ihre Meinung sehr ernst und werde sie sorgfältig bedenken, einverstanden?“ Als sie sah, dass er nachgab, sagte Wu Xiaohao nichts mehr, rieb sich nur unbewusst die linke Brust. Sie spürte dort einen dumpfen Schmerz. Zhou Bin sagte: „Direktor Gu, lasst uns einen Kompromiss finden. Wenn es Ihnen schwerfällt, die Pacht für siebzig Jahre auf einmal zu zahlen – wie wäre es mit der Hälfte als Anzahlung?“ Direktor Gu nickte: „Darüber kann ich nachdenken.“ Zhou Bin sagte: „Wann unterschreiben wir dann den Vertrag?“ Direktor Gu sagte: „Der ist noch nicht vorbereitet. Direktorin Lou, arbeiten Sie heute Nacht durch und stellen Sie den Vertrag fertig. Morgen vormittag kommen wir hierher und halten mit den Führungskräften aus Stadt Yu eine Unterzeichnungszeremonie ab.“ Beim Frühstück am nächsten Morgen diskutierten alle eifrig, wie die Unterzeichnungszeremonie ablaufen solle – wie beide Seiten sitzen und stehen würden. Man wollte auch die hübschen Kellnerinnen des Hotels bitten, die Verträge zu überreichen. Sogar an solche Details hatte man gedacht. Zhou Bin sagte zu Liu Dalou, er solle die Gelegenheit nutzen und ein paar historische Fotos machen. Als Wu Xiaohao jedoch bei Lou Tingting anrief und fragte, wann sie ungefähr kommen würden, sagte Lou Tingting, die Situation habe sich geändert – Direktor Gu wolle das Projekt von seinem Team noch einmal gründlicher bewerten lassen. Sie bat Wu Xiaohao und die anderen, zurückzukehren und zu warten, bis die Bewertung abgeschlossen sei. Dann würde man sich wieder in Verbindung setzen. Während des Telefonats hatte Wu Xiaohao die Freisprechfunktion aktiviert, sodass alle mithören konnten. Nach dem Gespräch sagte Qiao Li: „Nach diesem Ton zu urteilen, hat er keine Lust mehr, mit uns zu verhandeln.“ Zhou Bin zeigte mit der Teelöffel auf Wu Xiaohao: „Das Unheil liegt in deiner Hand! Du hast gestern mit ihm gestritten – glaubst du, er hat noch Interesse, in Walbucht zu investieren? Wenn man über Kleinigkeiten nicht hinwegsieht, bringt man große Pläne durcheinander. Wie kannst du nur so unreif sein?“ Wu Xiaohao schaute ihn an, voller Kummer: „Wenn ich nicht mit ihm streite, soll ich ihn etwa alle Vorteile herausschlagen und die Küstenbewohner heimatlos machen lassen?“ Zhou Bin schlug mit dem Löffel auf den Teller und es machte „Pling“: „Du siehst deinen Fehler immer noch nicht ein, du beharrst immer noch auf deiner Meinung!“ Qiao Li sagte: „Hört auf zu streiten. Investitionsförderung ist sehr schwierig, es gibt Erfolge und Misserfolge. Die Ente, die uns sicher schien, ist weggeflogen – solche Dinge habe ich schon viel zu oft erlebt.“ Amtsleiter Yang seufzte: „Lasst uns gehen. Immerhin sind wir einmal nach Peking gekommen, haben ein gutes Essen bekommen und in einem Fünf-Sterne-Hotel übernachtet.“ Unerwartet teilte ihnen der Rezeptionist bei der Rückgabe der Zimmerkarten mit: Die Wancheng Company hat mitgeteilt, dass Sie die Zimmerrechnung selbst begleichen müssen. Zhou Bin wurde grün im Gesicht vor Wut und schimpfte, Direktor Gu sei wirklich unmoralisch. Qiao Li beschwichtigte: „Er hat uns ein Essen ausgegeben und lässt uns die Hotelrechnung selbst zahlen – das ist noch im normalen Rahmen.“ Zhou Bin sagte: „Hätten wir gewusst, dass wir selbst zahlen müssen, hätten wir kein Fünf-Sterne-Hotel genommen!“ Er fragte Liu Dalou, ob er genug Geld dabeihabe. Liu Dalou sagte, nicht genug. Zum Glück sagte Qiao Li, wenn es nicht reiche, könne man mit ihrer Karte zahlen. So konnte die Gruppe die Hotelrechnung begleichen und verließ hastig das Hotel. Nach der Rückkehr aus Peking berief Zhou Bin eine Sitzung der Führungsgruppe ein, um die Parteiorganisation über die Investitionsförderung zu informieren. Er sagte: „Seit die Peking Wancheng Tourism Development Company ihre Investitionsabsicht in Walbucht geäußert hat, haben wir die Chance ergriffen und sofort Bezirksleiter Wen Bericht erstattet. Wir erhielten große Unterstützung von der Führung. Mit göttlicher Geschwindigkeit wurde eine Investitionsförderungsgruppe aus Leitern mehrerer relevanter Bezirksämter gebildet. Danach traten wir sofort in Kontakt und begannen über Nacht Verhandlungen mit der Investorenseite. Nach dem Prinzip des gegenseitigen Nutzens analysierten und diskutierten beide Seiten die verschiedenen günstigen Bedingungen für die Errichtung eines Wohnmobilstellplatzes in Yuegong sowie die Aussichten auf Entwicklung. Natürlich vertraten wir bei Fragen der Landpacht und Kompensation energisch unsere Position und bemühten uns, die Interessen der Bürger zu wahren. Gegenwärtig prüft die andere Seite das Projekt weiter. Sobald es Neuigkeiten gibt, werden wir es aktiv vorantreiben.“ Als Wu Xiaohao das hörte, war sie sehr verwirrt: Die Investitionsförderung war im Grunde gescheitert – warum sagte der Parteisekretär das nicht offen, sondern erweckte bei allen den Eindruck, dass etwas Gutes bevorstehe? Nach kurzem Nachdenken verstand sie: Der Sekretär wollte sein Gesicht wahren und der Gruppe nicht die Wahrheit sagen. Nachdem der Sekretär gesprochen hatte, sagte Bürgermeister Ji: „Ich denke, wir sollten sehr vorsichtig sein, was dieses Projekt am Xishi-Strand betrifft. Dort gibt es den goldenen Sandstrand mit Meerespanorama, große Meeresaquakulturen, mehrere Dutzend Zuchthallen und die berühmte Spezialität Xishi-Zunge am Watt. Wenn das den Investoren überlassen wird, wird es völlig entstellt...“ Der Sekretär unterbrach ihn: „Wie kann man das 'entstellt' nennen? Das sollte man 'völlig erneuert' nennen!“ Ji Chengxiu tat zynisch: „Habe ich das falsche Wort verwendet? In Ordnung – 'völlig erneuert' sieht zwar schön aus, aber wie viel Nutzen haben die einfachen Bürger von Walbucht wirklich davon?“ Der Sekretär sagte: „So zu reden zeigt kleinbäuerliches Bewusstsein.“ Der Bürgermeister sagte: „Ich war noch nie ein Bauer, wie kann ich kleinbäuerliches Bewusstsein haben?“ Der Sekretär sagte: „Du hast jedenfalls kein modernes Bewusstsein.“ Der Bürgermeister erwiderte den Blick: „Du hast modernes Bewusstsein und nimmst einfach die meisten Mitglieder der Führungsgruppe von Walbucht mit, um über so ein großes Projekt zu verhandeln? Existiert in deinen Augen die Stadtregierung noch?“ „Warum sollte sie nicht existieren? Vize-Bürgermeisterin Wu in der Investitionsförderungsgruppe vertritt die Regierung von Walbucht.“ „Hättest du es mir nicht wenigstens sagen können? Ich bin immerhin noch der Bürgermeister dieser Stadt!“ Als er das sagte, erhob Ji Chengxiu seine Stimme, sein Unterkieferknochen bewegte sich auf und ab, sodass man die Backenzähne darunter sehen konnte. Zhou Bin wich nicht zurück: „Ein Bürgermeister ist schon etwas, aber im Parteikomitee bist du nur ein stellvertretender Sekretär. Bei manchen Dingen kann ich dich informieren, bei anderen nicht.“ „Du willst mich nicht informieren, weil du dir den Verdienst für die Projektakquise selbst ans Revers heften willst, oder? Keine Sorge, niemand wird es dir wegnehmen.“ Zhou Bin lächelte kalt: „Können wir nicht ein bisschen weniger engstirnig sein? Die heutige Sitzung endet hier. Aufgelöst.“ Die mehr als zehn Mitglieder der Führungsgruppe standen auf und gingen. Wu Xiaohao kehrte in ihr Büro zurück, ihr Herz war in Aufruhr. Sie hatte nicht erwartet, dass der Sekretär und der Bürgermeister in der Sitzung offen aneinandergeraten würden. Kein Wunder, dass der Bürgermeister wütend wurde – bei so einer wichtigen Angelegenheit hatte der Sekretär ihn nicht beteiligt und ihm vorher keine Nachricht zukommen lassen, was wirklich unangemessen war. Kurz vor der Abreise nach Peking hatte Wu Xiaohao, in Anbetracht dessen, dass sie Mitglied der Regierungsführung war, dem Bürgermeister eine SMS geschickt: Sie fahre mit dem Sekretär und anderen nach Peking zur Investitionsförderung, um über das Wohnmobilstellplatz-Projekt zu verhandeln. Der Bürgermeister hatte nur drei Worte geantwortet: „Verstanden.“ Aus dem heutigen Streit war ersichtlich, dass der Sekretär ihm die ganze Zeit nichts davon erzählt hatte. Wu Xiaohao erkannte nun deutlich, wie schwierig es als Vize-Bürgermeisterin war, zwischen Sekretär und Bürgermeister zu stehen. Normalerweise, obwohl die beiden Spitzenkräfte innerlich getrennte Wege gingen, konnten sie äußerlich noch Harmonie bewahren, sodass die Untergebenen sich durchlavieren konnten. Heute war es offen zum Konflikt gekommen – von nun an würde es schwierig werden. Sie dachte, sie sollte den Bürgermeister über das Ergebnis der Verhandlungen informieren, und schickte ihm eine SMS: „Bürgermeister, bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihnen so spät Bericht erstatte. Das Projekt ist im Grunde gescheitert, es wird wahrscheinlich nicht gebaut.“ Der Bürgermeister antwortete wieder mit drei Worten: „Verstanden.“ Am nächsten Tag während der Arbeit erhielt Wu Xiaohao einen Anruf vom Sekretär, der sie bat, sofort in sein Büro zu kommen. Als sie ankam, sah sie, dass Chen Yuzhen, der Parteisekretär der Songtao-Gemeinde, dort saß. Der Sekretär sah besorgt aus und sagte: „Vize-Bürgermeisterin Xiaocao, gehen Sie schnell zum Xishi-Strand, dort ist ein Zwischenfall mit illegalen Baumaßnahmen.“ Wu Xiaohao fragte, was passiert sei. Chen Yuzhen sagte: „Die Bürger haben gehört, dass dort ein großes Projekt gebaut werden soll, und haben über Nacht Hütten errichtet, große Gewächshäuser gebaut und Teiche ausgehoben – alles, um mehr Entschädigung zu bekommen.“ Wu Xiaohao hatte schon gehört, dass so etwas immer passierte, wenn irgendwo ein Projekt geplant wurde. Sie sagte: „Dieses Projekt wird wahrscheinlich nicht gebaut. Und selbst wenn es gebaut wird, bekommen solche, die spontan bauen, keine Entschädigung.“ Chen Yuzhen sagte: „Ich konnte sie nicht überzeugen, sie nicht aufhalten. Sie bauen wie verrückt. Ich musste zur Führung kommen.“ Wu Xiaohao sagte: „Ich fahre sofort mit dir hin.“ Sie wollte gerade gehen, als der Sekretär hinterherrief: „Xiaocao, sag den Bürgern klipp und klar, dass das Projekt nicht gebaut wird.“ Wu Xiaohao dachte: Wenn du das in der Führungssitzung klargestellt hättest, wäre es am Xishi-Strand nicht zu dieser Situation gekommen. Wu Xiaohao stieg auf ihr Motorrad, und sie fuhren hintereinander los. Als sie am Xishi-Strand ankamen, sahen sie tatsächlich viele Menschen Häuser bauen, viele Lastwagen Baumaterial anliefern, viele Bagger und Bulldozer Teiche ausheben. Wu Xiaohao erinnerte sich an das Wort des Bürgermeisters: völlig entstellt. Angesichts dieser Szene war Wu Xiaohao sehr beunruhigt. Sie dachte: Ursprünglich wollten wir ein Projekt akquirieren, aber das Projekt kam nicht zustande, und stattdessen glaubten die Bürger den Gerüchten und bauten blind, was zu Verlusten führte und auch den Strand beschädigte. Wenn ich in Peking nicht auf meiner Meinung beharrt und immer nachgegeben hätte, Direktor Gu hätte bekommen, was er wollte – hätte die Sache dann ein anderes Ende genommen? Ach, einerseits Investitionsförderung, andererseits Wahrung der Bürgerinteressen – wie findet man das Gleichgewicht zwischen beidem? Während Wu Xiaohao dort stand und grübelte, schlug Chen Yuzhen vor, ins Dorf zu gehen und über Lautsprecher zu sprechen. Wu Xiaohao schüttelte sofort den Kopf: „Nein, so weit weg von den Bürgern – egal was du sagst, es verweht im Wind. Wir machen die Arbeit direkt von Angesicht zu Angesicht.“ Sie sah in der Nähe eine Gruppe, die ein Haus baute, ging hin und schaute. Sie verwendeten die billigsten Materialien, die Wände aus hohlen Ziegelsteinen aufgeschichtet. Sie fragte: „Warum baut ihr ein Haus?“ Ein Mann mittleren Alters, dem die Vorderzähne fehlten, lächelte: „Um neben den Garnelenteichen zu wohnen und sie zu bewachen.“ Wu Xiaohao zeigte auf eine kleine Hütte daneben: „Ist da nicht schon eine?“ „Die reicht nicht.“ Wu Xiaohao seufzte: „Onkel, ich weiß, warum du baust. Aber hör auf damit, das Projekt hier wird nicht gebaut.“ Der Mann mit den fehlenden Zähnen sagte: „Nicht gebaut? Verarsch mich nicht. Euch Beamten kann man nicht glauben.“ Wu Xiaohao fühlte einen Stich im Herzen. Was die Kader sagen, glauben die Bürger nicht – das ist eine so ernste, so beängstigende Sache! Wie konnte es dazu kommen? Sie erkannte, dass nur Aufrichtigkeit und Offenheit ihr helfen würden, mit diesen Menschen zu kommunizieren und ihr Vertrauen zu gewinnen. Sie sagte: „Onkel, ich bin vorgestern mit Sekretär Zhou nach Peking gefahren und habe mit dem Chef verhandelt. Ich erzähle dir die wahre Situation.“ Dann erzählte sie dem Mann mit den fehlenden Zähnen von den Bedingungen, die der Chef gestellt hatte, von ihrem eigenen Standpunkt und ihren Ansichten, vom Streit bis zum endgültigen Ergebnis. Der Mann mit den fehlenden Zähnen hörte zu und nickte wiederholt: „Ach so ist das. Sie als Bürgermeisterin sprechen wirklich für die einfachen Leute, ich glaube Ihnen.“ Er rief den Helfern beim Hausbau zu: „Hört auf, hört auf, wir machen der Regierung keine Probleme mehr.“ Wu Xiaohao sagte: „Onkel, kannst du es auch den anderen sagen, damit auch sie aufhören zu bauen?“ „Klar.“ Er ging zu einer anderen Gruppe von Hausbauern hinüber.
| + | Yuan Xiaoxiao deutete auf ihn: „Seht euch an, wie der frisst — pfui!" |
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| − | Wu Xiaohao sah in der Ferne auf dem Feuchtgebiet einen gelben Punkt und eine grüne Fläche – dort bewegte sich ein Bagger im Schilfrohr. Also ging sie auch dorthin. Sie stapfte durch den schwarzen Schlick, näherte sich dem Bagger und redete auf die Leute ein, die Teiche aushoben. Auch sie glaubten Yan Xiaoshis Worten und fuhren den Bagger aus der Gefahrenzone heraus. Wu Xiaohao und Wan Yufeng überredeten eine Gruppe nach der anderen, und jene, die ihrem Rat folgten, überredeten wiederum andere. Gegen elf Uhr hatten die meisten Arbeiter, die im Eilverfahren gebaut hatten, diesen Strandabschnitt verlassen. Nur zwei Gruppen, die Häuser bauten, ließen sich nicht überzeugen. Wu Xiaohao redete sich den Mund fusselig, versuchte es lange, aber es brachte nichts. Sie spürte, wie ihr Unterleib sich spannte, sie dringend auf die Toilette musste, wurde innerlich unruhig und ihre Stimme wurde lauter. Doch egal, wie sehr sie auch redete – die Leute ignorierten sie und ließen die Betonmischer weiter Zement mischen. Wan Yufeng seufzte und sagte zu ihr: „Vergiss es, wenn die bauen wollen, sollen sie bauen. Manche Dickköpfe sind noch nie für Vernunft empfänglich gewesen.“ Wu Xiaohao musste sich geschlagen geben und fragte Wan Yufeng, wo es eine Toilette gebe. Wan Yufeng sagte, im Dorfbüro von Xishi-Strand. Wu Xiaohao nickte, schwang sich auf das Motorrad und folgte Wan Yufeng. Die Wege am Strand waren jedoch holprig. Als sie in eine große Pfütze fuhr und heftig durchgeschüttelt wurde, hielt sie es nicht mehr aus. Sie bremste hastig ab, ohne auf den Weg zu achten, und bog in ein angrenzendes Maisfeld ein. Als sie wieder herauskam, wartete Wan Yufeng vorne auf sie, und hier und da schauten Leute zu ihr herüber. Wu Xiaohao schämte sich und dachte: An diesem Ort, der den Namen Xishi trägt, bin ich zu einer Bäuerin geworden, die sich irgendwo erleichtert – wie peinlich! Sie bemerkte, dass am Rand des Maisfelds eine Reihe Unkraut wuchs, auf dessen Blättern Staub lag, schmutzig und unscheinbar. Sie bückte sich, strich über eines der Gewächse und dachte: Eigentlich bin ich auch nur ein Unkraut vom Feld – heute kehre ich wohl zu meiner wahren Natur zurück und zeige mein wahres Gesicht. Mit diesem Gedanken war ihr Unbehagen etwas gemildert. Nachdem der Zwischenfall am Xishi-Strand erledigt war, widmete Wu Xiaohao sich mit voller Kraft der Organisation des Meeresfestivals. Sun Wei berichtete ihr: Er habe mehrfach mit dem Parteisekretär der Walbucht-Gemeinde Kontakt aufgenommen, ein Organisationskomitee für das Meeresfestival gegründet, und Bürgermeisterin Wu solle den Vorsitz übernehmen. Wu Xiaohao fragte: „Wie kann ich Vorsitzende sein? Das sollte der Parteisekretär oder der Bürgermeister sein.“ Nachdem sie es dem Sekretär berichtet hatte, sagte dieser: „Diese Aufgabe als Vorsitzende muss ich unbedingt übernehmen.“ Wu Xiaohao fragte vorsichtig: „Kommt der Bürgermeister in dieses Komitee? Und welche Position würde er haben?“ Der Sekretär sagte: „Besprich das mit ihm.“ Als Wu Xiaohao es dem Bürgermeister mitteilte, wurde der sofort wütend und sagte: „Der alte Zhou ist gut darin, sich hervorzutun. Wenn er diesen Vorsitz haben will, soll er ihn haben. Lass ihn das machen – ich kümmere mich nicht mehr darum.“ Wu Xiaohao kehrte in ihr Büro zurück, schloss die Tür und rief Qiao Weixing an. Sie klagte, dass es wirklich schwer sei zu arbeiten, wenn die beiden Hauptverantwortlichen sich nicht verstünden. Qiao Weixing sagte: „Xiaohao, du solltest zuerst ehrlich über die Probleme deiner Führung sprechen – dein Ansatz ist nicht gründlich genug durchdacht. Am 13. des 6. Mondmonats beten die Drachenkönigin und andere Gottheiten an, alle Fischer sind aktiv. Ein Meeresfestival zu organisieren ist gut, aber wenn nur die Gemeinde Meipo es durchführt, hat das einfach zu wenig Wirkung. Es sollte gemeinsam vom Bezirkspropagandabüro, dem Bezirksamt für Kultur und Sport sowie der Gemeindeverwaltung von Meipo veranstaltet werden. Ich werde Medien zusammenrufen und für große Werbung sorgen.“ Wu Xiaohao sagte: „Tatsächlich, Senior, Sie haben den weiteren Blick. So bekommt die Veranstaltung mehr Niveau. Dieses Jahr nennen wir es 'Erstes Festival', und wenn wir damit Wirkung erzielen, führen wir es jedes Jahr durch. Aber wenn es gemeinsam veranstaltet wird, muss dann nicht auch die Führung des Organisationskomitees angepasst werden?“ Qiao Weixing sagte: „Natürlich. Der Abteilungsleiter wird Vorsitzender, ich und Zhou Bin werden stellvertretende Vorsitzende.“ Unerwartet wurde Zhou Bin sehr ärgerlich, als sie ihm davon berichtete. Er sagte: „Dieser alte Qiao ist wirklich ein Opportunist! Wir organisieren ein Meeresfestival, und er will sich auch noch einmischen! Glaubt er, nur er kann Medien einladen? Kann ich das etwa nicht? Die Medien haben so viele meiner engen Freunde!“ Wu Xiaohao fragte: „Was sollen wir also tun? Ablehnen?“ Zhou Bin sagte: „Da es nun mal so ist, sieh zu, wie du damit klarkommst.“ Wu Xiaohao dachte: Wenn du willst, dass ich sehe, dann übernehme ich eben die volle Verantwortung. Sie erstellte am Computer eine Liste des Organisationskomitees mit Vorsitzendem, stellvertretenden Vorsitzenden und mehreren Mitgliedern, darunter He Chengshou, Wu Xiaohao, Sun Wei, der Parteisekretär der Walbucht-Gemeinde Li Yanmi und andere. Sie schickte diese Liste an Direktor Qiao, der noch den Leiter der Kulturabteilung des Bezirkspropagandabüros, einen stellvertretenden Direktor des Bezirksamts für Kultur und Sport sowie den Direktor des Bezirkskulturhauses hinzufügte. Wu Xiaohao zeigte die Liste dann dem Sekretär, der sagte: „Du nimmst sogar Kader unterhalb der Kreisebene mit auf – das ist ein völliges Durcheinander!“ Wu Xiaohao sagte: „Die Arbeit wird doch hauptsächlich von ihnen erledigt!“ Der Sekretär sagte: „Gründe zusätzlich ein Komiteebüro, du wirst Direktorin, und pack sie alle ins Komiteebüro.“ Nach einigem Hin und Her war die Liste endlich fertig. Sie schickte sie an Direktor Qiao und Bürgermeister He – beide hatten keine weiteren Einwände. An diesem Tag bat Sun Wei Wu Xiaohao, zur Jufeng-Gruppe zu kommen, um sich „Stelzen auf dem Meer“ anzuschauen. Als Wu Xiaohao den Hof betrat, sah sie eine Gruppe von Männern und Frauen in bunten Kostümen, die gerade im Hof probten. Vorsitzender Guan trug einen Sonnenhut und ging umher, um Anweisungen zu geben. Wu Xiaohao ging zu ihm, um sich zu bedanken, doch Vorsitzender Guan sagte: „Nicht nötig. Wenn schon danken, dann sollten wir uns bei dir bedanken. Ohne deinen Vorschlag gäbe es diese 'Stelzen auf dem Meer' nicht. Ohne 'Stelzen auf dem Meer' würde dem Anluan-Fischerei-Kulturfestival ein Glanzstück fehlen.“ Wu Xiaohao fragte: „Du meinst, die Stadt veranstaltet ein Fischerei-Kulturfestival?“ Vorsitzender Guan sagte: „Ja, am 20. Juli, dem 13. Tag des sechsten Mondmonats. Die 'Anluan Tageszeitung' organisiert es und lädt sogar renommierte Reporter aus dem ganzen Land ein. Beim Kulturfestival sollen Aufführungen stattfinden, das städtische Kunstzentrum soll einige beisteuern, und unser Stück ist gerade fertig geworden.“ Wu Xiaohao erschrak: „Wir wollen das auch machen, auch an diesem Tag! Wenn du dieses Stück in die Stadt bringst, was machen wir dann? Wir haben sowieso schon so wenig Programm!“ Vorsitzender Guan nahm den Sonnenhut ab und kratzte sich am Kopf: „Das ist wirklich ein Problem.“ Sun Wei schlug vor, zuerst in Meipo aufzuführen und dann in die Stadt zu fahren. Vorsitzender Guan sagte, über dreißig Kilometer, das schaffen sie zeitlich nicht. Wu Xiaohao sagte: „Sprich doch mal mit den Zeitungsverantwortlichen, ob sie ihre Veranstaltung vorziehen können. Wenn das Stück anstrengend ist, verschieben wir unsere Veranstaltung nach hinten und warten auf die Darsteller.“ Vorsitzender Guan sagte: „Diese Lösung ist machbar, ich bespreche das mit ihnen.“ Er rief den Zeitungschef an und erklärte die Situation. Der Chef war unkompliziert und stimmte diesem Plan zu. Vorsitzender Guan bat Wu Xiaohao, sich das Stück anzuschauen. Wu Xiaohao sagte: „Muss ich mir ein Stück von dir noch prüfend anschauen? Ich bin hier, um es als Erste zu sehen. Wo ist Geschäftsführer Xin? Ruf ihn auch zum Anschauen.“ Als Geschäftsführer Xin kam, klatschte Vorsitzender Guan in die Hände und rief die Laiendarsteller zusammen. Er schaltete die Tonanlage ein, spielte die Musik ab, sechs Fischer mittleren Alters trugen große Netze und betraten die Bühne auf Stelzen. Sie stellten die Szene des Garnelenfangs originalgetreu dar und zeigten die Beziehung zwischen Mensch und Meer sowohl tiefgründig als auch umfassend. Nachdem sie Erfolg hatten und fröhlich waren, kamen sechs Fischersfrauen mit Körben heraufgelaufen und führten verschiedene Bewegungen der Garnelenverarbeitung vor. Das ganze Stück war erst kraftvoll, dann sanft, spielte zwar nicht auf dem Meer, war aber besser als auf dem Meer. Wu Xiaohao war sehr beeindruckt und klatschte begeistert Beifall. Doch Vorsitzender Guan bemerkte Fehler, besonders bei den Bewegungen der Fischersfrauen – sie waren nicht harmonisch und nicht synchron genug. Er ließ sie mehrmals üben. Nach dem Anschauen gingen sie zum Veranstaltungsort des Meeresfestivals. Vorsitzender Guan zeigte auf den breiten Sandstrand und sagte, die Mondbucht sei sowohl tief als auch weitläufig – wenn die Kapitäne am Strand ihre Gebete sprechen, sei das besonders effektvoll, und „Stelzen auf dem Meer“ hier aufzuführen hätte auch vor Ort Atmosphäre. Sun Wei sagte, er habe bereits mit einem Dutzend Fischerdörfern entlang der Küste gesprochen und organisiere hundert Kapitäne zur Teilnahme an der Opferzeremonie. Wu Xiaohao fragte: „Wer wird Hauptzelebrant?“ Sun Wei sagte: „Das sollen die Führungskräfte entscheiden.“ Wu Xiaohao schaute Geschäftsführer Xin an und sagte: „Diese Veranstaltung verdanken wir vor allem Geschäftsführer Xin – Sie stellen Menschen, Geld und den Veranstaltungsort. Übernehmen Sie doch den Hauptzelebranten?“ Geschäftsführer Xin winkte hastig ab: „Das kann ich nicht. Früher beim Opfer an die Drachenkönige war immer ein hochangesehener Kapitän der Hauptzelebrant. Wir müssen auch so jemanden finden.“ Wu Xiaohao sagte: „Dann beauftragen wir Sie, einen zu finden.“ Geschäftsführer Xin nickte zustimmend. Seit die Affäre mit Qu Haiwan aufgedeckt worden war, konnte Wu Xiaohao fast jede Nacht kaum schlafen. Sie hasste Qu Haiwan, hasste ihn bis ins Mark. Sie vermisste ihre Tochter und telefonierte jeden Tag nach dem Schulbesuch von Diandian mit ihrer Mutter, um zu fragen, wie es Diandian gehe. Die Mutter sagte, das Kind sei jetzt anders als früher – was immer sie koche, das esse sie, abends mache sie nach den Hausaufgaben die Augen zu und schlafe, morgens müsse man sie nicht wecken, sie stehe beim Weckerklingeln auf. Als Wu Xiaohao diese Worte ihrer Mutter hörte, beruhigte sich ihr Herz etwas. Wu Xiaohao fragte noch, ob Diandians Vater nach Hause gekommen sei. Die Mutter sagte nein, aber abends rufe er Diandian an, Diandian spreche mit ihm im Schlafzimmer, manchmal lange. Auch Wu Xiaohao rief Diandian an. Diandian beklagte sich bei ihr: „Papa ist auf Geschäftsreise, und Mama, du kommst auch nicht nach Hause, um mich zu besuchen.“ Wu Xiaohao sagte: „Schätzchen, Mama arbeitet hier. Wenn ich fertig bin, komme ich nach Hause und besuche dich.“ Ein paar Tage später berichtete die Mutter, dass Diandians Vater nach Hause zurückgekehrt sei, offenbar sei alles wieder in Ordnung. Wu Xiaohao schwieg daraufhin. Eines Vormittags brachte die kleine Wu aus dem Büro eine gerade eingegangene Mitteilung – die Bezirksregierung werde morgen eine Sitzung zur Tourismusarbeit abhalten, die Gemeindebürgermeister und die für Tourismus zuständigen stellvertretenden Bürgermeister sollten teilnehmen und Redebeiträge vorbereiten. Oben hatte He Chengshou bereits zwei Zeichen geschrieben: „Kenntnisgenommen“. Auch sie unterschrieb mit diesen beiden Zeichen, und die kleine Wu nahm das Dokument wieder mit. Wu Xiaohao rief den Bürgermeister an und fragte, ob sie einen Redebeitrag vorbereiten solle. Der Bürgermeister sagte: „Nicht nötig, ich sage, was mir einfällt.“ Wu Xiaohao dachte, der Bürgermeister habe eben einen anderen Stil als der Sekretär – wenn der Sekretär an so einer Sitzung teilnähme, würde er sicher verlangen, dass sie einen Redebeitrag schreibe. He Chengshou fragte: „Wie fährst du hin? Morgen früh mit mir zusammen?“ Wu Xiaohao wollte nicht mit ihm gemeinsam fahren und sagte: „Danke, Bürgermeister, ich fahre heute Abend schon los, ich möchte nach Hause und nachsehen.“ Da sie nun gesagt hatte, sie fahre abends, wie sollte sie fahren? Plötzlich kam ihr eine Idee: Sie lässt Direktor Qiao herkommen, um den Veranstaltungsort des Meeresfestivals anzuschauen, begleitet ihn danach und fährt mit seinem Auto zurück in die Stadt. Also rief sie ihn an, sagte, sie planten das Meeresfestival in der Mondbucht abzuhalten, und bat ihn, zur Besichtigung und Anleitung zu kommen. Direktor Qiao stimmte zu und kam am Nachmittag nach Meipo, fuhr mit Wu Xiaohao zur Mondbucht. Als er sah, dass Wu Xiaohao nach der Besichtigung ein großes Bündel auf dem Rücken trug, fragte Qiao Weixing, was sie eingepackt habe. Wu Xiaohao sagte: „Morgen ist eine Sitzung im Bezirk, ich fahre heute Abend in die Stadt zurück und bringe die Bettdecke nach Hause, damit meine Mutter sie wäscht.“ Qiao Weixing sagte: „Xiaohao, der wahre Grund, warum du mich heute Nachmittag herbestellt hast, ist wohl, dass ich dich in die Stadt mitnehme?“ Wu Xiaohao lächelte: „Wer hat gesagt, dass du mein Senior bist? Dich einmal mitzunehmen schadet deinem Glanz nicht.“ Qiao Weixing schaute sich die Mondbucht an und war sehr zufrieden. Er sagte Wu Xiaohao, sie solle sich gut vorbereiten, er werde dann die Führung des Bezirkspropagandabüros einladen sowie Medien, um in Fernsehen und Zeitungen zu kommen und die Mondbucht samt der dortigen Fischereikultur bekannt zu machen. Er hörte, dass die Stadt beim Fischerei-Kulturfestival auch ein Projekt zur Bestandsaufstockung durchführe. Qiao Weixing wollte an diesem Tag auch so etwas machen und sich mit dem Bezirksamt für Meeresangelegenheiten und Fischerei in Verbindung setzen, damit sie es arrangieren. Wu Xiaohao sagte: „Richtig, der Drachenkönig freut sich sicher über so ein Geschenk zu seinem Geburtstag.“ Plötzlich dachte sie daran, dass Qu Haiwan vor einiger Zeit wie verrückt Gäste bewirtet und Geschenke verteilt hatte, um eine Genehmigung für die Bestandsaufstockung zu erhalten und damit Geld zu verdienen. Hatte er Erfolg? Wo sollte er die Fische aussetzen? Wenn Qu Haiwan zur Aussetzung kommt und die Leute das sehen, werden sie misstrauisch und es wird Gerede geben. Als sie zu Hause ankam, war es bereits sechs Uhr nachmittags. Qu Haiwan war überraschenderweise zu Hause und kochte gerade in der Küche. Als er Wu Xiaohao sah, lächelte er unnatürlich: „Du bist zurück? Ich mache noch ein Gericht dazu.“ Diandian kam aus dem Schlafzimmer, umarmte Wu Xiaohao und rief: „Mama, du solltest Qu Haiwan und Papa loben! Seit er von der Geschäftsreise zurück ist, geht er nicht mehr trinken, sondern kocht dreimal am Tag zu Hause. Er ist wie ein vorbildlicher Ehemann!“ Qu Haiwan brachte die Speisen an den Esstisch und bat die drei Generationen von Frauen zum Essen. Nach dem Hinsetzen nahm Diandian einen frittierten kleinen Fisch mit den Stäbchen, schaute diesen und jenen an, schwenkte die Stäbchen und sagte: „Unsere Familie hat ein gemeinsames Merkmal: Oma hat Doppellidfalten, Mama hat Doppellidfalten, ich habe auch Doppellidfalten. Wenn ich groß bin und Kinder bekomme, werden die sicher auch Doppellidfalten haben!“ Qu Haiwan lächelte: „Sicher, ganz sicher.“ „Noch etwas,“ sagte Diandian, während sie aß, „Oma hat keine Augenperlen, Papa hat keine Augenperlen, aber ich habe Augenperlen! Wenn ich groß bin und Kinder bekomme, werden die sicher auch Augenperlen haben!“ Qu Haiwan wiederholte: „Sicher, ganz sicher.“ Wu Xiaohao ärgerte sich über Qu Haiwans ständige Schmeichelei und fragte ihn direkt, ob er damals die Genehmigung zur Bestandsaufstockung bekommen habe. Qu Haiwan winkte ab: „Vergiss es, ist gescheitert. Ich habe den Direktor mehrmals getroffen, die Leute vom Fischereiamt haben beim Essen auch zugestimmt, aber am Ende ist doch nichts daraus geworden – sie haben eine Zuchtfarm von woanders genommen.“ Wu Xiaohao nickte: „Gut.“ Qu Haiwan hielt ein Paar feingliedriger Hühnerbeine mit den Stäbchen ihr entgegen: „Was gut? Freust du dich darüber? Ich habe zwei Monate hart gearbeitet und so viel Geld ausgegeben!“ Wu Xiaohao sagte: „Das hast du verdient. Du wolltest bei der Bestandsaufstockung mitmachen, aber wo sind deine Fische? Wo ist dein Geld? Du wolltest doch nur den Staat und die Fischer betrügen.“ Qu Haiwans Gesicht wurde rot, aber er widersprach nicht, sondern legte nur die Stäbchen hin und ging ins Schlafzimmer. Bei der Tourismus-Arbeitssitzung des Bezirks Yu gab es am Vormittag einen Besichtigungstermin. Dutzende Menschen stiegen in einen Bus, der Direktor des Fremdenverkehrsamtes richtete über Mikrofon das Wort an alle: „Die Zeit ist begrenzt, wir fahren in die Berge, um uns einen Punkt anzuschauen, und ans Meer, um uns zwei Punkte anzuschauen.“ Der Bus fuhr nach Nordwesten, nach einer Stunde erreichte er das „Garten-Integrationsprojekt“ in der Gemeinde Taoyuan. Die Reiseleiterin stellte vor: Die vier Quadratkilometer Bergland und Ackerland hier gehörten ursprünglich zu zwei Dörfern, vor drei Jahren wurden sie vollständig an die Jinwei-Gruppe verpachtet, die jährliche Pacht betrug 1000 Yuan pro Mu, zwei Drittel der Dorfbewohner arbeiteten hier und verdienten monatlich über 2000 Yuan. Bei der Besichtigung sahen alle, dass auf mehreren Bergen nur Pfirsichbäume wuchsen, viele Menschen kamen hierher, um Pfirsiche zu pflücken. An den Berghängen gab es große Gewächshäuser, wo verschiedene Blumen um die Wette blühten, viele junge Paare machten hier Hochzeitsfotos. Am Fuß der Berge lag ein Stausee mit Angeboten zum Angeln, Bootfahren, Zelten und mehr. Es gab auch ein „Bienen-Erlebniszentrum“, in dem viele Bienenstöcke gehalten wurden, sowie ein Wissenschaftsausstellungsgebäude, das das Leben der Bienen erklärte und Bienenprodukte ausstellte – viele Eltern kamen mit ihren Kindern zum Besuch. Was die Besucher am meisten erstaunte, war ein kleiner Hügel namens „Unsterblicher Berg Pfirsichgarten“. Die Reiseleiterin erklärte, dass die Pfirsiche hier mit Musik aufwüchsen, gäriges Futter bekämen und neuseeländische Milch zu trinken bekämen. Sie hätten bereits eine EU-Zertifizierung erhalten, ein Pfirsich koste dort umgerechnet 38 Yuan. Die Besucher glaubten es nicht und gingen hinein, um zu lauschen – tatsächlich erklang sanfte Musik im Pfirsichhain. Im Düngerbereich sahen sie 25-Kilogramm-Säcke mit neuseeländischem Milchpulver, hoch gestapelt an der Wand, auf dem Boden lagen große Haufen sauer riechender Dinge, die angeblich aus neuseeländischem Milchpulver, Sojapulver und Sägespänen zusammengesetzt waren und als Dünger unter die Pfirsichbäume kommen sollten. Die ausgestellten Exportverpackungen trugen tatsächlich das EU-CE-Zertifizierungslogo. Alle waren beeindruckt und sagten, dass sie sich nicht hätten vorstellen können, Pfirsiche so anzubauen, und dass es erstaunlich sei, wie weit sich die ländliche Entwicklung gebracht habe. Nachdem sie diesen Ort verlassen hatten, fuhren die Konferenzteilnehmer zu einem Badestrand nördlich der Stadt Yu. Nachmittags sah Wu Xiaohao dort eine große Ausstellungstafel mit den roten großen Buchstaben „Wohnmobil-Campingplatz der Stadt Yu, Eröffnungsfeier“, und der Parteisekretär der Gemeinde Beihe, Fan Lianhe, stand lächelnd davor. Wu Xiaohao erstarrte und eilte zu Direktor Xiang, um zu fragen: „Was bedeutet das? Wie ist der Wohnmobil-Campingplatz hierher gekommen?“ Direktor Xiang sagte: „Das ist ein Projekt, das Beihe selbst angezogen hat, der Investor kommt aus Shanghai. Euer Projekt in Meipo ist nicht erfolgreich gewesen. Der Bezirksleiter hat entschieden, es hier zu bauen, weil es hier nicht nur einen Sandstrand gibt, sondern auch Kiefernwald und Feuchtgebiete – man kann verschiedene Freizeiteinrichtungen bauen.“ Wu Xiaohao ging sofort zu He Chengshou und berichtete ihm die Situation. He Chengshou sagte: „Macht nichts, wir haben doch unsere einzigartigen Vorzüge.“ Wu Xiaohao fragte: „Wo denn?“ He Chengshou hob das Kinn: „Die Kiemenmenschen-Insel natürlich.“ Wu Xiaohao hob beide Hände: „Richtig, wir entwickeln die Kiemenmenschen-Insel!“ Am Nachmittag versammelten sich alle im Konferenzraum der Bezirksregierung, saßen in zwei Reihen um einen langen Tisch. Bezirksleiter Zhi und stellvertretender Bezirksleiter Xiang saßen den Rednern gegenüber, hörten zu, machten Notizen und stellten zwischendurch Fragen. Als die Gemeinde Meipo an der Reihe war, sagte He Chengshou: „Nach dem Besuch der beiden Standorte heute Vormittag bin ich sehr inspiriert. Bei der Tourismusentwicklung muss man einen guten Startpunkt wählen und mit Überraschungen punkten. Unser Pfund ist die Kiemenmenschen-Insel – die einzige Meeresinsel im Seegebiet von Yu, dort gibt es viel zu gestalten.“ Als er gerade so weit war, zeigte Bezirksleiter Zhi mit dem Finger auf ihn: „Bürgermeister He sagt das ganz richtig. Welche Projekte planst du denn?“ He Chengshou sagte: „Erstens Fischer-Erlebnisse mit Unterkunft und Verpflegung, zweitens Hochseefischen, drittens Fangerleben auf Booten.“ Wu Xiaohao saß hinter He Chengshou und sah, wie er beim Sprechen das Kinn hob und senkte, sodass die Narbe darunter sichtbar wurde. Nachdem He Chengshou diese drei Punkte genannt hatte, machte er eine Pause. Der Bezirksleiter sagte: „Diese drei Punkte sind schon mal möglich, aber von außergewöhnlich sind wir noch weit entfernt.“ He Chengshou lächelte: „Es gibt noch einen vierten Punkt.“ Er schwenkte den Zeigefinger seiner rechten Hand und erzählte von der Legende der Kiemenmenschen, dann von einer Idee: In der Nähe der Kiemenmenschen-Insel ein Tauchtourismus-Projekt zu schaffen, junge Fischer zu Tauchlehrern auszubilden, Touristen mit Tauchausrüstung ins Meer zu bringen, um die Unterwasserwelt zu sehen, von Hand Meeresfrüchte zu fangen, und für junge Leute Unterwasserhochzeiten zu veranstalten. Die Konferenzteilnehmer waren von seinen Ausführungen fasziniert, manche nickten, andere zeigten den Daumen nach oben. Der Bezirksleiter hatte leuchtende Augen, zeigte auf ihn und sagte: „Bürgermeister He, das ist eine gute Idee! Dieses Projekt könnte 'Reise der Kiemenmenschen' heißen.“ Wu Xiaohao konnte nicht anders, als in die Hände zu klatschen: „'Reise der Kiemenmenschen', ein fantastischer Name!“ Sie zeigte auf He Chengshou und sagte: „Unser Bürgermeister ist ein Nachkomme der Kiemenmenschen, unter seinem Kinn wachsen ihm Kiemen, aber er lässt niemanden hinsehen.“ Die Anwesenden wurden auf einmal aufgeregt und richteten ihre Blicke alle auf He Chengshou. He Chengshou drückte jedoch sein Kinn auf die Brust und sagte: „Das stimmt nicht, glaubt bloß nicht, was die stellvertretende Bürgermeisterin Wu euch weismachen will.“ Bezirksleiter Zhi lachte und sagte: „Bei der Tourismusentwicklung muss man manchmal wirklich etwas aufbauschen. Egal ob Bürgermeister He nun Kiemen hat oder nicht, aber die Legende der Kiemenmenschen-Insel ist nutzbar. Du hast eine breite Denkweise und frische Ideen, ich applaudiere dir. Macht euch an die Arbeit und setzt dieses Projekt schnell um.“ He Chengshou versprach es und sagte dann: „Es gibt noch etwas – das Bezirkspropagandabüro, das Bezirksamt für Kultur und Sport sowie unsere Gemeinde veranstalten gemeinsam ein Meeresfestival, am 20. Juli. Wir laden Bezirksleiter Zhi herzlich zur Teilnahme ein.“ Bezirksleiter Zhi sagte: „Ich habe davon gehört. Wenn ich an dem Tag Zeit habe, schaue ich vorbei.“ Am Tag vor dem Meeresfestival teilte das Büro der Bezirksregierung der Gemeinde Meipo mit, dass Bezirksleiter Zhi Qingsheng und das Mitglied des Bezirkskomitees und Leiter der Propagandaabteilung Feng Jianqiang an der Eröffnungszeremonie des Meeresfestivals teilnehmen würden. Zhou Bin berief sofort eine gemeinsame Sitzung der Partei- und Regierungsführung ein und sagte: „Dass der Bezirksleiter und der Abteilungsleiter persönlich am Meeresfestival teilnehmen, zeigt ihre hohe Wertschätzung für die Gemeinde Meipo. Wir müssen uns gut vorbereiten und dürfen nichts dem Zufall überlassen.“ Dann bat er Wu Xiaohao, über die Vorbereitungen zu berichten. Nach dem Bericht sagte er: „Um die Zeremonie noch feierlicher zu gestalten, muss das Programm erheblich angepasst werden. Xiaohao, verfasse schnell einen Opfertext, morgen werde ich ihn verlesen, dann lassen wir die Kapitäne Räucherstäbchen anzünden und sich verbeugen.“ Wu Xiaohao verstand, dass der Sekretär sich vor den Bezirksführern profilieren wollte, aber sie fand einen Opfertext schwierig zu schreiben und sagte: „Solche Texte kann ich vielleicht nicht gut schreiben, außerdem ist die Zeit sehr knapp, nachmittags muss ich zur Mondbucht zur Generalprobe.“ Zhou Bin zeigte auf Sun Wei: „Kleiner Sun, du schreibst.“ Sun Wei sagte: „Sekretär, ich muss nachmittags auch zur Mondbucht.“ Zhou Bin wurde ärgerlich: „Wer hat gesagt, du sollst nachmittags schreiben? Schreib es doch abends! Vor zehn Uhr schickst du es mir per WeChat!“ Sun Wei nickte hastig. Am Nachmittag fuhren Wu Xiaohao und Sun Wei mit dem Motorrad zur Mondbucht. Als alle Darsteller da waren, begann die Generalprobe. Ein Stück nach dem anderen kam auf die Bühne, nach jeder Aufführung wiesen Vorsitzender Guan und Sun Wei auf Probleme hin und ließen sie korrigieren. Geschäftsführer Xin sagte zu Wu Xiaohao, dass der alte Blumentrommelmann, der „Die Ernte erbitten“ spielte, sein Cousin mütterlicherseits sei. Sie probten wieder und wieder, bis endlich alles durchging. Wu Xiaohao und Geschäftsführer Xin schüttelten den Hauptdarstellern die Hand und dankten ihnen. Geschäftsführer Xin hielt die Hand des alten Blumentrommlers und scherzte: „Cousin, in deinem bunten Kostüm habe ich dich fast nicht erkannt.“ Der alte Blumentrommler boxte ihm gegen die Schulter: „Du bist durcheinander und erkennst mich nicht mehr. Hast du vergessen, als du zum Hof deiner Tante kamst, um Weizen zu holen?“ Dabei legte er seinen Arm um die Schulter von Geschäftsführer Xin, grinste und rezitierte einen Spruch: Nach dem dreizehnten Tag des fünften Monats, kam ein Schwager, um Weizen zu holen. Mit zwei Strängen großer Garnelen in der Hand, und zwei Knüppelfischen unterm Arm. Kaum drinnen, rief er nach der Tante, die Augen klebten am Weizenbild hinter der Tür. Wu Xiaohao fragte, was das bedeute. Geschäftsführer Xin sagte: „Das ist eine alte Geschichte, ein Spottvers, mit dem Bergbewohner früher Fischer herabsetzten. Früher ging es den Fischern schlecht, wegen schlechter Verkehrsanbindung konnten sie ihren Fang nicht verkaufen, bekamen kein Getreide im Tausch, oft waren sie hungrig...“ Wu Xiaohao fragte: „Hungrig? Konnten sie nicht die Fische und Garnelen essen?“ Geschäftsführer Xin sagte: „Schon, aber wenn man jeden Tag nur das isst, geht es nicht. Fischer sind letztlich auch Menschen, Allesfresser – nur Fisch zu essen ohne Getreide geht nicht. Als ich klein war, hatte ich oft Hunger. Mit acht Jahren aß unsere siebenköpfige Familie eines Morgens eine Schwimmkrabbe, vor Mittag war ich schon wieder am Verhungern. Warum? Weil Schwimmkrabben im Frühjahr zwar lecker und voller Rogen sind, aber im Sommer so dünn werden, dass nur noch die Schale übrig ist – wir nennen sie 'Knochenkrabbe', da ist kaum Fleisch dran. Bei Fischen ist es genauso, zur Saison sind sie fett, nach einer Weile ist kein Fleisch mehr dran, als würde man Stroh kauen. Deshalb war es für viele Fischer ein Kopfzerbrechen, wie sie an Getreide kommen und ihre Familie satt bekommen konnten. Nach der Weizenernte wollten sie noch mehr an Weizen kommen, daraus Mehl mahlen und der ganzen Familie dieses beste Getreide zu essen geben. Nach der Fangzeit um den dreizehnten des fünften Monats hatten die Fischer Geld verdient und besuchten ihre Verwandten in den Bergen und auf dem Land, um Waren zu tauschen. Die Verwandten verstanden das und gaben ihnen etwas von ihrem neuen Weizen. Damals ging ich mit meinem Vater zur Tante, tauschte Fisch gegen Weizen, mahlte ihn zu Hause, aß einmal Nudeln und ein paar Mal Knödel. Aber manche Verwandte waren nicht so großzügig und erfanden solche Spottverse.“ Wu Xiaohao sagte: „Dieser Vers ist sehr interessant: 'Kaum drinnen, rief er nach der Tante, die Augen klebten am Weizenbild hinter der Tür' – wie lebendig und anschaulich! Was bedeutet 'mit zwei Knüppelfischen unterm Arm'?“ Geschäftsführer Xin sagte: „Knüppelfisch ist eine Fischart mit langen Stacheln und sehr leckerem Fleisch.“ Wu Xiaohao sagte: „Wenn du das nicht erzählt hättest, wüsste ich wirklich nicht, wie schwer es die Fischer hatten, und nichts von dieser Beziehung zwischen Fischern und Bauern.“ Sie wandte sich an Sun Wei: „Als Leiter des Kulturzentrums solltest du solche Volkslieder aufzeichnen, denn sie spiegeln jene Zeit wider.“ Sun Wei sagte: „Stimmt, ich zeichne sie auf.“ Beim Abend in Meipo ermahnte Wu Xiaohao Sun Wei, den Opfertext nicht zu vergessen. Sun Wei sagte: „Vergesse ich nicht, ich zeige ihn dir zuerst, wenn ich fertig bin.“ Um neun Uhr war immer noch nichts von Sun Wei gekommen, Wu Xiaohao war in ihrem Gästezimmer unruhig. Sie dachte, solche Texte seien sehr schwer zu schreiben, man brauche solide Kenntnisse in klassischem Chinesisch – Sun Wei hatte Wirtschaft studiert, konnte er das überhaupt? Was, wenn er es nicht schafft, wie sollte sie das dem Sekretär erklären? Sie dachte sogar an den jungen Sekretär, der sich damals in diesem Gästezimmer erhängt hatte, schaute zum Fenster hinüber und ihr Herz klopfte heftig. Um halb zehn schickte sie Sun Wei eine WeChat-Nachricht und fragte, wie weit er sei. Sun Wei antwortete: „Gerade fertig.“ Dann schickte er den Text. Wu Xiaohao öffnete ihn und sah, dass der etwa dreihundert Zeichen lange Opfertext in Vierzeilern verfasst war, altertümlich und tiefgründig. Sie dachte: Sun Weis Bildung ist wirklich beachtlich. Aber dann dachte sie: Hat der Kerl das nicht abgeschrieben? Sie kopierte einen Absatz und suchte bei Baidu – der Originaltext tauchte tatsächlich auf, Sun Wei hatte nur Ortsnamen und Datum geändert. Sie entdeckte auch, dass es online viele fertige Opfertexte gab, die Versionen waren sich sehr ähnlich. Sie dachte bei sich: Das Internet hat wirklich alles. Allerdings ist es nicht ganz passend, einen anderswo verwendeten Opfertext einfach zu übernehmen – das grenzt an Plagiat. Also nahm sie den Originaltext als Grundlage und änderte Zeichen für Zeichen, um Wiederholungen mit dem Original zu vermeiden. Nervös arbeitete sie bis fast zehn Uhr, dann schickte sie den Text an Sun Wei mit der Bitte, ihn schnell dem Sekretär zu zeigen. Nach einer Weile fragte sie Sun Wei nach der Meinung des Sekretärs. Sun Wei schickte ein witziges Emoji und vier Zeichen: „Keine Einwände.“ Erst da war sie beruhigt. Doch dann rief der Sekretär an und sagte, das Bezirkskomitee habe dringend eine Mitteilung herausgegeben – morgen früh sei eine Führungskräfte-Sitzung, niemand dürfe fehlen, er müsse zur Sitzung, und Wu Xiaohao solle nach den Beschlüssen der Führungssitzung das Meeresfestival gewissenhaft durchführen. Wu Xiaohao erschrak: „Bezirksleiter Zhi und Abteilungsleiter Feng kommen auch nicht?“ Der Sekretär sagte: „Natürlich nicht.“ Wu Xiaohao rief sofort Qiao Weixing an und fragte, ob er morgen noch komme. Qiao Weixing sagte: „Ich wollte es dir gerade sagen – ich muss zur Sitzung und kann nicht kommen. Ich schicke einen stellvertretenden Direktor.“ Wu Xiaohao rief dann den Bürgermeister an, erklärte die Notlage und bat ihn, morgen den Opfertext zu verlesen. He Chengshou sagte jedoch: „Ich lese das nicht vor. Früher beim Meeresopfer der hiesigen Fischer gab es nur Räucherstäbchen anzünden und Verbeugungen, nie dieses literarische Brimborium.“ Wu Xiaohao dachte: Der Bürgermeister hat recht. Beim Meeresopfer ist authentisch am besten – die Fischer versammeln und sie nach den alten Bräuchen verfahren lassen. Am nächsten Tag um acht Uhr gingen sie und Sun Wei zur Mondbucht, um eine letzte Kontrolle der am Vortag aufgebauten Bühne, des Opferaltars und der zugehörigen Ausrüstung durchzuführen – alle Details wurden überprüft. Die Bittgebet-Blaskapelle kam wie vereinbart um neun Uhr und baute ihre Instrumente auf, der Klang trug weit über das Meer. Die Jufeng-Gruppe kam mit über zweihundert Leuten und setzte sich am Strand nieder. Der als Hauptzelebrant dienende Kapitän kam pünktlich in voller Kleidung. Er stand mit seinem frisch rasierten, bläulichen Kinn unter Kiefern und blickte aufs Meer, als würde er sich innerlich vorbereiten. Die anderen Kapitäne kamen nach und nach mit Auto oder Motorrad, brachten über zehn frisch geschlachtete fette Schweine mit. Diese wurden am Strand aufgereiht, mit roten Tüchern und bunten Bändern geschmückt, auf den Schweinegesichtern ein Kreuz eingeritzt, mit Sojasauce bestrichen, daneben zwei große Lauchstangen gelegt – das war nach Shandong-Geschmack, um die Drachenkönige zu erfreuen und auf ihre Gnade zu hoffen. Die Kapitäne hatten auch einen Sack voller Goldpapier mitgebracht, mit dem sie am Strand einen „Goldberg“ stapelten, der nach der Zeremonie verbrannt werden sollte. He Chengshou kam in seinem Dienstwagen. Nach dem Aussteigen streckten manche Kapitäne die Hand aus: „Bürgermeister, gib uns mal eine gute Zigarette.“ He Chengshou zog eine Packung Zhonghua hervor und gab jedem eine. Ein Fischer mittleren Alters mit kaltem Blick in den Augen schaute He Chengshou direkt an: „Bürgermeister, wenn ich dir zwei Stangen Zhonghua schenke, gibst du mir dann für ein Boot mehr Treibstoffzuschuss?“ He Chengshou verfinsterte sich sofort: „Was für ein Schwachsinn! Verpiss dich!“ Dann verließ er die Kapitäne und ging zur Seite. Wu Xiaohao beobachtete diese Szene voller Misstrauen. Sie hatte gehört, dass es bei den von der Regierung in den letzten Jahren an Fischer gezahlten Treibstoffzuschüssen Betrugsfälle gab – manche Boote waren längst verschrottet oder verkauft, manche hatten überhaupt kein Boot, bekamen aber trotzdem durch unlautere Mittel Geld. War der Bürgermeister etwa auch in solche Sachen verwickelt? Gerade da rief Zhou Bin Wu Xiaohao an und sagte, die Sitzung sei zu Ende, und fragte, ob die Veranstaltung schon begonnen habe. Wu Xiaohao sagte nein, sie warteten noch auf Vorsitzenden Guan und die anderen. Der Sekretär sagte: „Gut, warte auch auf mich, ich will unbedingt zurückkommen und den Opfertext verlesen.“ Wu Xiaohao sagte hastig: „Dann lasse ich Sun Wei schnell den Opfertext ausdrucken.“ Der Sekretär sagte jedoch: „Nicht nötig, ich habe ihn auf meinem Handy.“ Wie mit Vorsitzendem Guan verabredet, sollte die Veranstaltung erst offiziell beginnen, nachdem „Stelzen auf dem Meer“ beim städtischen Fischerei-Kulturfestival aufgeführt worden war und er mit den Darstellern herüberkam. Während der Wartezeit sollte die Bittgebet-Blaskapelle weiterspielen. Sie spielten fast zwei Stunden, bis Vorsitzender Guan und die Darsteller von „Stelzen auf dem Meer“ endlich eintrafen. Die Hauptdarstellerin der Blumentrommel sah sie kommen und gab das Stoppsignal – die Trommelklänge verstummten abrupt. Wu Xiaohao lief hinüber: „Nein, ihr müsst weiterspielen, bis Sekretär Zhou kommt.“ Die Hauptdarstellerin stöhnte schmerzerfüllt: „Bitte, nicht mehr, meine Lippen sind gleich tot! Meine Finger sind am Ende!“ Der alte Blumentrommler sagte auch: „Zu anstrengend, lass uns eine rauchen!“ Zwei Lastwagen kamen von der Jufeng-Gruppe, jeder trug einen versiegelten durchsichtigen Wassersack, in dem man kleine Fische schwimmen sehen konnte. Geschäftsführer Xin stieg herunter und sagte, das seien von ihnen gezüchtete Meeräschen und Bastardmakrelen, zusammen hunderttausend Jungfische, die heute ins Meer ausgesetzt würden, damit die Drachenkönige fröhlich Geburtstag feiern könnten. Sekretär Zhou Bin kam endlich. Wu Xiaohao fragte: „Warum endete die Sitzung so früh?“ Zhou Bin sagte: „Die Provinz schickte jemanden, um die beiden Hauptverantwortlichen des Bezirkskomitees und der Bezirksregierung zu prüfen, wir sollten abstimmen, nach der Abstimmung war die Sitzung vorbei.“ Wu Xiaohao fragte: „Werden beide befördert?“ Zhou Bin sagte: „Ja, der Sekretär wird Leiter der Organisationsabteilung in einem anderen Stadtbezirk, der Bezirksleiter übernimmt als Sekretär.“ | + | Wu Xiaohao durchbohrte ihn mit einem zornigen Blick: „Amtsleiter Yuan, heute ist Neujahr. Selbst wenn ein gewöhnlicher Bettler käme, sollten wir ihn anständig behandeln — wie kann man da prügeln und beschimpfen?" |
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| − | Kapitel 4
| + | Yuan Xiaoxiao murmelte: „Der Kerl kennt kein Maß, kommt am Neujahrstag hierher und macht Ärger …" Vor sich hin brummelnd ging er davon. |
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| − | Die Kiemenmenschen-Tour
| + | Der alte Chang aß die halbe Portion, bat die Köchin um eine Plastiktüte, füllte die andere Hälfte hinein und wollte gehen. Wu Xiaohao sagte zu ihm: „Onkel, geh erst einmal nach Hause. Wenn du ein Anliegen hast, dann komm damit, wenn die Verwaltung wieder arbeitet, einverstanden?" |
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| − | 4
| + | Der alte Chang nickte eifrig: „Du bist ein gutes Mädchen, ich höre auf dich." Damit erhob er sich und humpelte schwankend hinaus. Erst jetzt bemerkte Wu Xiaohao, dass er lahm war. Sie überlegte: Xishi-Strand liegt am Meer, vier Kilometer von hier — der Rückweg zu Fuß würde ihm schwerfallen. Also beschloss sie, ihn nach Hause zu fahren und sich bei der Gelegenheit seine Lebensumstände anzusehen. Sie holte ihn ein und stützte ihn beim Gehen. Als sie im Hof bei ihrem Auto ankamen und Wu Xiaohao ihn bat einzusteigen, erschrak er zutiefst: „Wo willst du mich hinbringen? Zur Polizeiwache?" Nachdem Wu Xiaohao ihm erklärt hatte, wohin sie fuhren, verzog er den Mund zu einem Lächeln, wobei ihm Speichel herabrann; ohne sich abzuwischen, kletterte er mit allen Vieren auf die Rückbank. |
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| − | Im Sommer 2014, an einem Samstag, hatte Wu Xiaohao am Vormittag eine Sitzung beendet und wollte gerade mit dem Bus in die Stadt zurückfahren, als sie einen Anruf ihrer Mutter erhielt. Ihre Mutter sagte, Gangtous Frau sei in Yu angekommen und wolle nach Meipo, um sie zu treffen. Wu Xiaohao fragte: „Was will sie von mir?“ Die Mutter sagte: „Gangtou geht nicht mehr fischen, kommt auch nicht nach Hause, seine Frau sagt, er habe eine Affäre, und möchte, dass du das klärst.“ Wu Xiaohao sagte: „Weiß sie denn nicht, dass Gangtou während der Schonzeit arbeitet?“ Die Mutter sagte: „Lass sie selbst mit dir reden.“ Aus dem Telefon kam ein lautes „Zweite Tante“, gefolgt von einem Wutausbruch: „Dieser Kerl, geht nicht mehr fischen und kommt auch nicht nach Hause, den ganzen Tag badet er mit diesen Flittchen. Zweite Tante, kümmerst du dich nicht um ihn?“ Wu Xiaohao verstand nicht: „Neffe-Schwägerin, worauf willst du hinaus? Gangtou ist jetzt Tauchlehrer, er arbeitet.“ „Das glaube ich nicht, dass es solche Arbeit gibt – nur mit einer kleinen Badehose bekleidet mit Frauen ins Wasser steigen. Er kümmert sich nicht darum, schickt mir Fotos mit Frauen, will er mich etwa in den Wahnsinn treiben? Zweite Tante, warte auf mich, ich nehme gleich ein Taxi zu dir, du bringst mich auf diese Insel, ich erwische ihn auf frischer Tat!“ Dann legte sie auf. „Mein Gott!“ Wu Xiaohao seufzte tief und musste die Heimfahrt verschieben. Wu Xiaohao wusste bereits, dass Gangtou wegen der Zwischenfälle mit abgelaufenen Fischsauce-Produkten im letzten Jahr dieses Jahr keinen Kredit mehr bekommen hatte und bei Wan Yufeng arbeiten ging. Wan Yufengs Mann hieß Tong Yongcai, war von klein auf Fischer, hatte sich in ein paar Jahren ein 240-PS-Schleppnetz-Fischerboot zugelegt und dieses Jahr sechs Helfer angeheuert, Gangtou war einer davon. Tong Yongcais Frau Wan Yufeng hatte ein Fisch-Restaurant eröffnet und es nach ihrem eigenen Namen benannt: Dongfeng Haizi Restaurant. Wu Xiaohao dachte, früher auf dem Land auf dem Dorf, wenn eine Frau mit dem Schimpfwort „hun“ (schamlos/wild) belegt wurde, gab es großen Ärger, sogar Todesfälle, aber heutige Frauen verwendeten „hun“ als positiven Begriff – sogar ihre eigene Tochter sagte auf QQ „heute bin ich mit der Mitschülerin soundso in der Stadt rumge’hun‘t“. Sie konnte über diesen Wertewandel nur staunen. Wan Yufeng war nicht nur Inhaberin des Dongfeng Haizi Restaurants, sondern auch Vorstandsvorsitzende der Kiemenmenschen-Tourismus-Entwicklungsgesellschaft. Letztes Jahr hatte Bürgermeister He bei der Bezirkstourismus-Arbeitssitzung dieses Tauchtourismus-Projekt vorgeschlagen, nach der Rückkehr sollte Wu Xiaohao es umsetzen. Wu Xiaohao hatte einen Tauchexperten namens Shao von einer Insel eingeladen, um die Kiemenmenschen-Insel zu besichtigen. Er fand heraus, dass das Wasser östlich der Insel flach und relativ klar war, geeignet für Tauch-Freizeitaktivitäten. Experte Shao machte einen Planungsentwurf: Mit Haischutznetzen ein Meeresgebiet von zehntausend Quadratmetern einzuzäunen und dort Fische, Garnelen und Seegurken auszusetzen, einige künstliche Korallenriffe anzulegen, ein ausrangiertes Schiff und Wasserfahrzeuge zu versenken, Tauchausrüstung zu kaufen und mehrere Tauchlehrer anzustellen. Touristen würden mit Schnellbooten zur Taucherbase gebracht werden. Er rechnete nach: Die Gesamtinvestition würde drei Millionen Yuan betragen. Wu Xiaohao besprach mit den Dorfkadern von Lüyu, ob sie es selbst betreiben oder Investoren anwerben sollten. Parteisekretär Li Dabiao sagte: „Drei Millionen, so eine riesige Summe – wo sollen wir die hernehmen? Bürgermeisterin Wu, werben Sie doch Investoren an.“ Wan Yufeng war dagegen und sagte: „Ein so gutes Projekt Außenstehenden überlassen, die dann das Geld abschöpfen – wären wir da nicht eine Bande von Idioten? Wir gründen ein Unternehmen und mobilisieren alle zu Anteilseignern.“ Daraufhin stimmten auch die Mitglieder des Partei- und Dorfkomitees zu und wählten Wan Yufeng zur Vorstandsvorsitzenden. Wan Yufeng enttäuschte das Vertrauen nicht, fand vierundzwanzig Partner, brachte das Kapital zusammen und registrierte das Unternehmen beim Bezirksindustrieamt. Das Unternehmen engagierte Experten als Berater, die anleiteten und schulten, und schließlich wurde das Projekt im Juni dieses Jahres fertiggestellt und am 1. Juli offiziell eröffnet. Wu Xiaohao hätte nicht erwartet, dass Gangtou einer der acht Tauchlehrer sein würde. Als sie Mitte Juni kam, um den Baufortschritt zu begutachten, traf sie ihn und fragte, warum er nicht nach Hause zurückkehre. Gangtou antwortete: „Zu Hause den ganzen Sommer herumhocken, kein Geld verdienen, nur Geld ausgeben – das ist zu peinlich. Hier verdiene ich sechstausend im Monat.“ Am Eröffnungstag kam eine große Gruppe von Führungskräften der Gemeinde Huapo, und auch ein stellvertretender Direktor des Bezirkstourismusamtes erschien. Auf einem großen Schiff an der Taucherbase hielt die Bürgermeisterin die Zeremonie ab, der Sekretär sprach. Nach der Zeremonie ließ Wan Yufeng die Führungskräfte und Journalisten einmal Kiemenmenschen sein. Als sie sah, dass die Führungskräfte zögerlich dreinblickten, zeigte sie auf die Tauchlehrer und sagte: „Seien Sie unbesorgt – sie sind alle Nachfahren von Kiemenmenschen und führen Sie eins zu eins. Völlig sicher!“ Wu Xiaohao betrachtete den als Nachfahre von Kiemenmenschen bezeichneten Gangtou und musste fast lachen. Der Sekretär, von Wan Yufengs Ermutigung angespornt, reckte den Arm und rief: „Ins Wasser! Das ist unser Projekt, wir müssen es persönlich erleben!“ Die Tauchlehrer gaben ihnen Helme, schulten sie kurz und ließen sie in der Kabine Tauchanzüge anlegen, bevor sie mit ihnen aufs Wasser hinausfuhren. Von den acht Personen waren nur Wu Xiaohao und Wan Yufeng Frauen. Wan Yufeng sagte: „Schaut, unsere Figuren – die Männer sehen aus wie Bürgermeister He, die Frauen wie Bürgermeisterin Wu.“ Alle blickten sie an, was Wu Xiaohao sehr peinlich war. He Chengchou sagte: „Ich gehe zuerst.“ Ohne Helm sprang er geschickt ins Wasser und tauchte kopfüber ein. Ein begleitender Journalist rief aus: „Bürgermeister He!“ Wan Yufeng sagte: „Keine Sorge, er ist auf der Kiemenmenschen-Insel aufgewachsen, ein richtiger Kiemenmensch.“ Die anderen setzten Helme auf und sahen aus wie Riesenbabys, bevor sie vorsichtig am Bootsrand entlang ins Wasser gingen. Nach dem Eintauchen fand Wu Xiaohao das Wasser etwas kalt, gewöhnte sich aber schnell daran. Am Meeresboden angekommen, die Füße im Sand, entdeckte Wu Xiaohao, dass sie wie in einem Traum ging – über ihrem Kopf war es hell, doch die Sonne war nicht zu sehen, ringsum war trübes Wasser, Schatten bewegten sich. Sie wusste, dass das Meer im Norden nicht so sauber war wie im Süden, aber dass man auf der Kiemenmenschen-Insel ein solches Freizeitprojekt aufbauen konnte, sodass die Touristen nicht mehrere tausend Kilometer fahren mussten, um zu tauchen, war bemerkenswert. An jenem Tag war ihr Tauchlehrer ein dünner junger Mann, dessen Rippen deutlich zu zählen waren. Er war sehr aufmerksam und folgte ihr nur, beobachtete jede ihrer Bewegungen genau. Wu Xiaohao fühlte sich unwohl, wollte sich von ihm entfernen, wagte es aber nicht, und bewegte sich nur mit den Händen rudernd vorwärts. Sie sah Fische – lange, kurze, runde, flache – die an ihr vorbeischwammen. Sie sah auch mehrere künstliche Korallenriffe, weiße und rote, die sehr schön aussahen. Gelegentlich kam sie jemandem entgegen; durch die Helme war schwer zu erkennen, wer es war, beide winkten nur. Plötzlich erschien vor ihr ein großer Mann ohne Helm – es war He Chengchou. Er streckte eine Hand aus, schnippte gegen ihr Helmglas und schwamm lachend davon. Seltsam war: Anders als damals auf der Bühne im Amphitheater – damals tat es weh, schmerzte bis ins Herz; diesmal war es ein Erschüttern, ein kribbelndes Gefühl, das sich von Kopf bis Fuß ausbreitete. Sie drehte sich um, doch He Chengchou war bereits außer Sichtweite. Wu Xiaohao berührte ihr Helmglas und dachte: Er trägt keinen Helm, braucht keine Sauerstoffversorgung – er ist wirklich ein Kiemenmensch! „Kiemenmenschen-Tour – besuchen Sie die Heimat der Menschheit.“ Als Wu Xiaohao Lüyu verließ und das große Werbeschild am Pier sah, erschien vor ihrem inneren Auge wieder das Bild von He Chengchou, wie er im Wasser schwamm. Wu Xiaohao rechnete nach – sie war seit drei Wochenenden nicht mehr zu Hause gewesen. Vor zwei Monaten hatte sie mit den Vorbereitungen für das zweite Meeresopferfest begonnen, war völlig überlastet gewesen und hatte es schließlich vor zwei Wochen erfolgreich durchgeführt. Auch Parteisekretär Wen kam; er sagte, letztes Jahr habe er nicht teilnehmen können, dieses Jahr hole er es nach. Nach der Zeremonie bestieg Sekretär Wen in Begleitung der beiden Hauptverantwortlichen und Wu Xiaohao die Kiemenmenschen-Insel, um sich über die Tourismusentwicklung zu informieren. Als er sah, dass Projekte wie die Kiemenmenschen-Tour gut liefen und die Fischer auch während der Schonzeit Arbeit und Einkommen hatten, war er sehr zufrieden und lobte das Parteikomitee und die Regierung der Gemeinde Huapo ausführlich. Besonders das Tauchprojekt, bei dem Fischer als Anteilseigner mobilisiert wurden und eine Tourismusentwicklungsgesellschaft der Kiemenmenschen gegründet hatte, lobte Sekretär Wen sehr. Er sagte, dies sei ein Modell für ländliche Kooperationsorganisationen, und wies an, die tauchkundigen Lehrer zu einem Rettungsteam auszubilden, um für Notfälle gerüstet zu sein. An diesem Samstag fand die Auftaktveranstaltung zur Bildungskampagne der Partei statt. Die Leiterin der vom Bezirkskomitee entsandten Arbeitsgruppe, Xie Xingyu, stellvertretende Direktorin des Bezirksaufsichtsamtes, hielt die Auftaktrede und forderte alle Parteikader der Gemeinde auf, unter dem Motto „Für das Volk, pragmatisch, ehrlich“ und gemäß den Anforderungen „Spiegel vorhalten, Kleidung ordnen, baden, Krankheiten heilen“ entschieden gegen Formalismus, Bürokratismus, Hedonismus und Verschwendungssucht vorzugehen. Sekretär Zhou machte umfassende Arrangements für die Aktivität und verlangte, in einem halben Jahr ernsthaft zu lernen, Probleme zu untersuchen, Kritik zu üben und Reformen umzusetzen. Er verkündete, dass ab dieser Woche jeden Samstag alle Kader einen halben Tag lernen müssten, um sicherzustellen, dass die Aktivität solide durchgeführt würde und keine Farce bliebe. Da sie heute nicht nach Hause konnte, vermisste Wu Xiaohao ihre Tochter sehr. Während sie auf Gangtous Frau wartete, öffnete sie ihren E-Book-Reader, legte sich aufs Bett und schaute mit dem Handy in Diandians QQ-Space, las ihre „Momente“. Sie entdeckte, dass Diandians Momente ursprünglich „Diandian ist nicht nur ein bisschen“ hieß, jetzt aber in „Der Wal, der Bäume weint“ umbenannt war. Ihr Herz zog sich zusammen, sie hatte ein Déjà-vu-Gefühl. Wal, großer Baum, Tränen – diese völlig unzusammenhängenden Bilder waren zusammengefügt, miteinander verwoben und tauchten verschwommen in ihrem Kopf auf. Sie rief zu Hause an. Als Diandian antwortete, fragte sie sofort: „Diandian, warum hast du deinen Momente-Namen geändert?“ Diandian sagte: „Weil ich vorletzte Nacht einen Traum hatte.“ „Was hast du geträumt?“ „Ich träumte von einem Wal, einem Wald und einem Meer. Ich weinte so viel, dass es zum Meer wurde. Als ich aufwachte, dachte ich: Guo Jingming hat 'Cry me a sad river', und ich habe 'Traurigkeit fließt gegen den Strom zum Meer'.“ Wu Xiaohao brach sofort in Tränen aus. Sie kniff sich in die Nase, unterdrückte ihre Gefühle und fragte: „Schatz, warum träumst du so etwas?“ Diandian sagte: „Ich weiß es auch nicht, es war seltsam, als ich aufwachte. Aber meine Tränen flossen weiter, also änderte ich den Namen meiner Momente.“ Wu Xiaohao sagte: „Der Name ist nicht gut, ändere ihn zurück.“ „Nein, ich ändere ihn nicht. Jemand hat gesagt, Träume sind mysteriöse Warnungen.“ Wu Xiaohao legte das Handy weg, lag rücklings auf dem Bett, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, konnte aber die kontinuierlich fließenden Tränen nicht aufhalten. Wal unter dem weinenden Baum. Was bedeutete das nur? Sie fühlte, dass auch bei ihr die Traurigkeit einen Strom bildete, der sich seinen Weg zum Meer bahnte. Als Wu Xiaohao Gangtous Frau zur Insel begleitete, war es schon nach vier Uhr nachmittags. Auf der kleinen Fähre zwischen der Walbucht auf dem Festland und dem Dorf Lüyu auf der Kiemenmenschen-Insel lehnte sich Gangtous Frau über die Reling und erbrach sich heftig, sogar die Galle kam heraus, sie riss den Mund weit auf, ihr ganzer Körper zuckte heftig. Wu Xiaohao stützte sie, massierte ihr den Rücken, wischte ihr die Spucke ab, während ihr eigener Magen sich ebenfalls zusammenzog. Endlich erreichten sie den Pier der Kiemenmenschen-Insel. Wu Xiaohao half ihr hinauf, sie ließ sich sofort auf den Boden sinken und verfluchte Gangtou, sagte, er sei unverantwortlich und habe ihr dieses Leiden zugefügt. Vor dem Anlegen hatte Wu Xiaohao Gangtou angerufen, gesagt, seine Frau sei gekommen, er solle zum Pier kommen. Gangtou sagte, er müsse gerade einen ganzen Tag lang Gäste beim Tauchen begleiten, sie sollten zuerst zum Restaurant Dongfeng Dumplings gehen und warten. Als sie vor dem Restaurant Dongfeng Dumplings ankamen, blieb Gangtous Frau stehen. Wu Xiaohao forderte sie auf hineinzugehen, doch sie flüsterte: „Ich will diese Hure wirklich nicht sehen! Ich habe von Gangtou gehört, dass 'Dongfeng Dumplings' Hure bedeutet. Diese Hure hat sicher meinen Gangtou verführt.“ Wu Xiaohao schubste sie: „Rede keinen Unsinn!“ Wan Yufeng sah die beiden drinnen, kam mit wippenden großen Brüsten herausgelaufen: „Oh, Schwesterchen Bürgermeisterin ist gekommen, schnell herein und setz dich! Wer ist das?“ Wu Xiaohao stellte vor: „Das ist meine Cousine, ihr Mann ist Yan Jianshan, der bei Ihnen arbeitet.“ Wan Yufengs Gesicht nahm einen überraschten Ausdruck an: „Xiaotengs Frau! Herein, herein!“ Gangtous Frau folgte den beiden hinein, starrte mit dicken Lippen und sagte nichts. Wan Yufeng schenkte ihnen heißes Wasser ein und fragte Wu Xiaohao, warum sie plötzlich auf die Insel gekommen sei. Wu Xiaohao deutete auf Gangtous Frau: „Ich begleite sie, sie sagte, Gangtou kommt während der Schonzeit nicht nach Hause, also kam sie ihn besuchen.“ Wan Yufeng lachte Gangtous Frau hämisch an: „Vermisst du ihn?“ Gangtous Frau sagte: „Was nützt es, ihn zu vermissen? Er ist den ganzen Tag mit diesen Huren zusammen, hat mich längst vergessen.“ Wu Xiaohao erklärte Wan Yufeng: „Gangtou ist hier Tauchlehrer, seine Frau macht sich Sorgen.“ Wan Yufeng sah Gangtous Frau von oben herab an: „Sorgen wovor? Will er sich von dir scheiden lassen?“ Gangtous Frau sagte: „Nein.“ Wan Yufeng fragte wieder: „Gibt er dir kein Geld mehr?“ Gangtous Frau sagte: „Nein.“ Wan Yufeng schlug sich auf den Oberschenkel: „Was machst du dir dann Sorgen? Was, wenn dein Mann niemand anderen mag, selbst wenn er mit anderen flirtet? Das ist doch keine Wassermelone, von der man einmal beißt und sie wegwirft.“ Gangtous Frau verdrehte die Augen: „Versuch mal, eine Hure deinen Mann verführen zu lassen!“ Wan Yufeng schien von diesem Satz getroffen, aber sie schluckte einen Schluck Speichel hinunter, winkte zur Küche: „Yongcai! Yongcai! Wasch ein paar Gurken und bring sie her!“ Jemand in der Küche antwortete, man hörte plätscherndes Wasser, und kurz darauf kam ein dicker, stämmiger Mann mit großen Augen und hoher Kochmütze heraus. Er brachte einen Teller mit mehreren Gurken. Wu Xiaohao dachte an Wan Yufengs Vergleich und fühlte sich etwas übel, aber sie bemerkte, dass Tan Yongcai der kleine Finger der linken Hand fehlte. Tan Yongcai lächelte und ging zurück in die Küche. Wan Yufeng hob ihren linken kleinen Finger hoch und sagte zu Gangtous Frau: „Hast du gesehen? Meinem Mann fehlt dieser Finger. Warum? Da steckt eine Geschichte dahinter. Vor fünf Jahren kam er vom Fischen zurück, aß in einem Restaurant in der Walbucht, wurde betrunken und schlief mit einer Kellnerin, suchte sie danach noch mehrmals auf. Unerwarteterweise wollte das Mädchen unbedingt Yongcai heiraten. Yongcai sagte: 'Das geht nicht. Ich habe Frau und Kind, kann mich nicht scheiden lassen. Ich gebe dir zwanzigtausend Yuan, wir trennen uns.' Das Mädchen sagte: 'Ich will kein Geld, ich will den Mann.' Sie ließ Yongcai nicht los. Als Yongcai nicht zustimmte, holte sie ein Messer aus der Küche und sagte: 'Wenn du nicht zustimmst, schneide ich mir einen Finger ab.' Yongcai sagte: 'Würdest du das wirklich? Wen willst du erschrecken?' Das Mädchen schnitt mit einem einzigen Schnitt – klack – ihren kleinen Finger ab. Yongcai hatte auch Mut, sah sich den abgetrennten Finger auf dem Tisch an und sagte: 'Was ist so besonderes daran? Ich gebe dir meinen zurück!' Er nahm das Messer – klack – und hackte sich auch den kleinen Finger der linken Hand ab. Das Mädchen verstand endlich, dass Yongcai ein Herz aus Stein hatte, und belästigte ihn nie wieder.“ Diese Geschichte ließ Wu Xiaohao und Gangtous Frau mit großen Augen dastehen und abwechselnd Wan Yufeng und die Küche anstarren. Wan Yufeng sagte: „Männer schauen immer nach dem, was im Topf ist, während sie das in der Schüssel essen – so sind sie eben. Aber eines ist sicher: Wenn er sich nicht scheiden lassen will, Frau und Kind nicht aufgeben will, ist er ein guter Mann. Sag mir, hätte ich mich von Yongcai scheiden lassen sollen, als er diesen Fehler machte? Hätte ich mich von ihm getrennt, hätte ich heute mein Geschäft? Mein glückliches Leben?“ Dabei nahm sie eine Gurke vom Teller und biss herzhaft hinein – knack. Wu Xiaohao konnte nur lachen und schüttelte wiederholt den Kopf. Eine Gruppe Menschen betrat das Restaurant. Der Anführer rief laut: „Dongfeng Dumplings, wir kommen wieder zu dir, bereite schnell einen Platz vor!“ Wan Yufeng stand schnell auf und begrüßte sie: „Willkommen, willkommen! Wenn ihr hierher kommt, könnt ihr garantiert die Hure spielen! Xiao Sun, kümmere dich schnell um die Gäste!“ Ein junges Mädchen kam durch die Hintertür hereingelaufen und begrüßte lächelnd die Gäste. Wan Yufeng sagte zu Wu Xiaohao: „Bürgermeisterin Wu, dank Ihrer Bemühungen, den Tourismus im Dorf Lüyu zu entwickeln, ist es diesen Sommer hier sehr beliebt – jeden Tag kommen über tausend Menschen auf die Insel. Dutzende von Fischerfamilien-Restaurants, egal ob Essen oder Übernachtung, müssen im Voraus gebucht werden. Die Hälfte der Buchungen läuft über meine Website! Besonders die Kiemenmenschen-Tour – jetzt, wo die Wassertemperatur steigt, kommen noch mehr Leute. Zwei Boote fahren hin und her, und am Pier stehen die Leute Schlange. Ich schätze, dieses Projekt amortisiert sich in zwei Jahren.“ Wu Xiaohao seufzte: „Das ist großartig, aber die Wassertemperatur im Norden ist niedrig, ihr könnt nur drei oder vier Monate im Jahr öffnen, sonst würdet ihr viel mehr verdienen.“ Wan Yufeng sagte: „So ist es eben. Übrigens, ist dein Kind schon zum Spielen hergekommen? Ruf morgen ihren Vater an, bring sie her, ich gebe eurer ganzen Familie freien Eintritt. Bleib heute hier, warte auf sie.“ Wu Xiaohao hatte eigentlich vorgehabt, Gangtous Frau auf die Insel zu bringen und dann zurückzufahren. Aber Wan Yufengs Worte bewegten sie, und sie dachte, dass Diandian Sommerferien hatte und sie keine Zeit hatte, mit ihr zu spielen – ein Tag mit ihr wäre gut. Sie rief Diandian an und fragte, ob sie auf die Kiemenmenschen-Insel kommen wolle. Diandian sagte: „Was für eine Frage? Ich verrotte hier zu Hause.“ Wu Xiaohao ließ Diandian ihrem Vater ausrichten, dass er sie und ihre Großmutter morgen früh mit dem Boot zur Walbucht bringen solle, sie würde auf Lüyu warten. Gangtou kam. Er hatte seine übliche Kleidung an, kam herein und rief seiner Frau mit lauter Stimme zu: „Weib, warum sitzt du nicht ordentlich zu Hause und passt auf die Kinder auf, sondern kommst hierher?“ Seine Frau verdrehte die Augen: „Ich schaue, ob du verdammter Idiot noch gehorsam bist!“ Bei diesen Worten lachten Wan Yufeng und Wu Xiaohao beide. Wan Yufeng lehnte sich auf eine Seite und flüsterte Wu Xiaohao zu: „Gebildete Leute müssen sich beim Treffen begrüßen, diese beiden müssen sich auch 'begrüßen', nur mit anderen Worten.“ Tatsächlich waren die beiden nach ihrer „Begrüßung“ friedlich, saßen sich gegenüber, warfen einander Blicke zu. In diesem Moment kamen noch mehr Gäste zum Essen. Wan Yufeng sagte: „Gangtou, bring deine Frau schnell in deine Unterkunft zum Ausruhen. – Schwesterchen Bürgermeisterin, soll ich dir ein Zimmer geben zum Ausruhen?“ Wu Xiaohao sagte: „Nicht nötig, ich gehe draußen ein bisschen spazieren.“ Gangtou führte seine Frau nach oben, Wu Xiaohao verließ das Restaurant. Die Sonne war noch nicht untergegangen, sie beschloss, der Inselstraße zu folgen. Sie ging ein Stück die abschüssige Krabben-Straße entlang und erreichte die etwa fünf Meter breite, asphaltierte Inselstraße. Als sie das Dorf verließ, war auf der einen Seite ein Berghang, auf der anderen das Meer. Sie blickte zurück – die Gebäude von Lüyu erstreckten sich von der Ebene nach oben, die Schilder der Fischerfamilien-Restaurants dicht an dicht, viele Menschen gingen ein und aus. Sie sah das Restaurant Dongfeng Dumplings und auch die Fensterreihe im zweiten Stock, eines davon war dicht mit Vorhängen verhängt. Sie vermutete, dass hinter dem Vorhang wahrscheinlich die beiden Gangtous waren. Als sie sich ihr jetziges Aussehen vorstellte, beschleunigte sich Wu Xiaohaos Herzschlag, ihr ganzer Körper wurde heiß. Diese Sache war schon lange her. Sie dachte bei sich: Seit sie letztes Jahr entdeckt hatte, dass You Haoliang eine Geschlechtskrankheit hatte, betrachtete sie ihn als Virusträger – sie fühlte sich übel, wenn sie ihn ansah, bekam Kopfschmerzen, wenn sie an ihn dachte. Wenn sie nach Hause kam und You Haoliang sich ihr nähern wollte, lehnte sie ab. You Haoliang wurde wütend: „Ich habe mich doch längst gebessert, und du hältst mich immer noch auf Distanz – das ist unvernünftig! Männer machen eben manchmal Fehler, aber danach ist es doch gut. Ich verrate dir ein Geheimnis: Mein Vater hat in jungen Jahren auch Frauen verführt und hat ein uneheliches Kind, das fünf Jahre jünger ist als ich. Meine Mutter hat es erfahren, hat sich mit ihm gestritten, aber ihn schließlich verziehen und ihm weiterhin treu gedient.“ Wu Xiaohao sagte: „Also ist es bei euch erblich, du bist mir noch widerlicher.“ You Haoliangs ideologische Mobilisierungsarbeit scheiterte, also wurde er gewalttätig, schlug sie mit Fäusten, sodass ihr Gesicht anschwoll und sie nach ihrer Rückkehr nach Huapo keinen Ort hatte, an den sie gehen konnte. Später, wenn You Haoliang sie schlug, hob sie nur die Arme, um ihr Gesicht zu schützen, und ließ ihn die anderen Körperteile misshandeln. Deshalb trug sie selbst im Hochsommer keine Röcke und zeigte niemandem die blauen Flecken an ihren Gliedmaßen. You Haoliang abzulehnen bedeutete nicht, dass sie keine emotionalen Bedürfnisse hatte. Wenn sie in ihrem Freundeskreis sah, wie manche ihre Liebe zeigten und von Zeit zu Zeit innige Fotos mit ihren Ehemännern posteten, war sie wirklich neidisch und eifersüchtig. Unter den Männern, die in ihrem Sichtfeld auftauchten, gab es mehr als einen, den man als „Mann“ bezeichnen konnte. Selbst jener Bergsekretär, der damals in ihrem Zimmer gestorben war, ließ sie in tiefer Nacht Fantasien entwickeln – sie wünschte sich, er würde zu einem sprechenden, sich bewegenden Geist werden und mit ihr eine Geschichte wie aus den „Seltsamen Geschichten aus dem Liaozhai-Studio“ aufführen. Aber sie wartete bis zum Morgengrauen ohne jede Bewegung, musste nur gähnend aufstehen, in ihre Rolle als stellvertretende Bürgermeisterin zurückkehren und tun, was zu tun war. Sie seufzte tief auf, ging weiter, dann wollte sie zurück und stellte sich unter einen Baum am Straßenrand. In diesem Moment stand die Sonne direkt vor ihr, das große Gebiet der Gemeinde Huapo lag in goldenem Glanz. Das „Qingyu-Plateau“ erstreckte sich weit, die Felsenschrift „Der Berg ist schön“ war undeutlich sichtbar, die Gebäude von Huapo drängten sich dicht zusammen, dahinter ragte der Herzsorge-Berg deutlich empor. Am Meer erstreckte sich der lange goldene Strand wie ein großes Pferd – Xishi-Strand und Yueliang-Strand wie zwei lange Flügel, der Walbucht-Fischereihafen wie ein riesiger Körper, der ins Meer ragende Pier wie ein Pferdeschwanz. Nur diese aus Felsen bestehende Bawang-Reling ragte unharmonisch mit ihrer starren Haltung hervor und trotzte dem großen Meer. Die Gemeinde Huapo hatte eine Gesamtfläche von 132 Quadratkilometern, und sie war eine stellvertretende Bürgermeisterin dieser Gemeinde. Wu Xiaohao fühlte in ihrem Herzen ein feierliches und heiliges Gefühl. „Das Land hüten und Verantwortung tragen“, „die Menschen beglücken“ – das waren die beiden Sätze, die Führungskräfte und Lehrer in der Schulung für neu ernannte Kader vor zwei Jahren oft wiederholten. In den fast zwei Jahren seit ihrem Amtsantritt – wie viel davon hatte sie erreicht? Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, fühlte Wu Xiaohao etwas Stolz, aber auch etwas Scham. Das Handy klingelte, He Chengchou rief an: „Xiaogao, du bist auf der Insel?“ „Ja. Bürgermeister, wo sind Sie?“ „Ich bin hinter dir.“ Wu Xiaohao erschrak, drehte sich um und sah He Chengchou vor einem Torhaus stehen und ihr zuwinken. „Komm hoch, das ist mein Familiensitz.“ Wu Xiaohao zögerte kurz, kletterte dann aber mühsam einen steilen Weg hinauf. Das war ein Hof aus Bruchstein, die Haustür nach Süden, das Hoftor nach Westen gerichtet. He Chengchou trug ein blau-weiß gestreiftes Matrosenhemd und dunkelgraue kurze Hosen, was ihn noch stattlicher wirken ließ. Wu Xiaohaos Herz klopfte heftig, außerdem war sie außer Atem vom Anstieg, ihre Stimme zitterte. Sie erzählte He Chengchou, warum sie auf die Insel gekommen war, und fragte ihn dann: „Bürgermeister, sind Sie auch wegen etwas auf der Kiemenmenschen-Insel?“ He Chengchou sagte: „Ja. Ich bin gekommen, um ein Grab abzureißen.“ Wu Xiaohao war sehr überrascht: „Ein Grab abreißen? Wessen Grab?“ „Das meiner Eltern.“ He Chengchou zeigte ihr einige Male sein Handy und ließ Wu Xiaohao ein Foto sehen. Es war eine luxuriöse Grabstätte, ein „Stuhlgrab“ wie im Süden üblich, der Grabhügel von einer halbrunden, niedrigen Mauer umgeben, davor Grabstein und Opfertisch, der Boden mit Granitplatten gepflastert. Wu Xiaohao fragte: „Warum muss es abgerissen werden?“ He Chengchou seufzte beim Anblick des Sonnenuntergangs: „Die Arbeitsgruppe des Bezirkskomitees war hier, hat gestern mit mir gesprochen und die Situation verstanden. Der Leiter verriet mir, dass jemand berichtet hatte, Cai Pingchuan hätte für meine Eltern ein Grab gebaut, was einen schlechten Einfluss habe. Ich erklärte sofort, ich würde es am Wochenende abreißen lassen.“ „Dieses Grab wurde von Boss Cai gebaut?“ „Ja, er hat aus guter Absicht etwas Schlechtes getan und mir große Probleme bereitet. Vor zwei Jahren starb sein Vater, er ließ südliche Handwerker kommen, um das Grab zu bauen, und sagte zu mir, er würde nebenbei die Grabstätte meiner Eltern renovieren. Ich wollte es nicht, aber er baute trotzdem diese Anlage und die Bepflanzung davor, und informierte mich erst, als es fertig war. Als ich kam und sah, war es schon zu spät, also sagte ich nichts mehr. Am Ende wurde jemand neidisch und meldete es der Führung.“ Wu Xiaohao, die gehört hatte, dass dies mit Cai Pingchuan zu tun hatte, sagte vorwurfsvoll: „Warum sind Sie Cai Pingchuan so nahe?“ „Das stimmt nicht. Übrigens, der Hof dort hinten gehört seiner Familie.“ Wu Xiaohao folgte seinem Finger und sah, dass der Hof dort von ähnlicher Größe war wie He Chengchous, nur drei Haupträume hatte, aber renoviert war mit Ziegeln und Dachziegeln, und vor der Tür standen sogar ein Paar steinerne Löwen. Sie fragte, wer dort wohne, He Chengchou sagte, niemand, die Alten kämen gelegentlich zurück, um dort zu übernachten. He Chengchou warf Wu Xiaohao einen Blick zu und sagte, draußen seien Mücken, sie solle hineinkommen. Wu Xiaohao zögerte, ging aber hinein. Sie sah, dass die Küche im Osten des Hofes verschlossen war, und fragte He Chengchou, wie er esse. He Chengchou sagte, er habe sich mit seinem Cousin verabredet, bei ihm zu essen und gemeinsam zu besprechen, wie man morgen Leute finden könne, um das Grab abzureißen. Wu Xiaohao hatte längst gehört, dass He Chengchou ein Einzelkind war, seine beiden Schwestern in der Stadt Yu lebten. Als sie den Raum betrat, kam ihr kühler Wind entgegen – eine Klimaanlage war eingeschaltet. Im Raum standen einige alte Möbel, eine Gruppe von Sofas, an der Wand hingen einige Kalligrafien und Gemälde sowie mehrere Bilderrahmen. Rechts war ein Nebenraum mit einem Doppelbett und Moskitonetz. Wu Xiaohao setzte sich aufs Sofa. He Chengchou nahm eine Thermoskanne, schenkte ihr eine Tasse Wasser ein, setzte sich dann ans andere Ende des Sofas und sah sie mit einem zweideutigen Lächeln an. Wu Xiaohao fühlte sich angespannt, wollte aber nicht sofort gehen, also nahm sie einen Schluck Wasser und lenkte He Chengchous Aufmerksamkeit mit einem Thema ab: „Bürgermeister, können Sie mir von Ihrer Beziehung zu Boss Cai erzählen?“ He Chengchou verlor plötzlich sein Lächeln. Er zündete sich eine Zigarette an, nahm einen Zug und sagte erst dann: „Ich weiß, Sie verstehen unsere Beziehung nicht, heute verrate ich Ihnen alles. Er und ich sind Jugendfreunde, im selben Jahr geboren, beide im Jahr des Affen, ich bin drei Monate älter. Zwei kleine Affen, die aufwuchsen und den ganzen Tag mit nacktem Hintern auf der Insel herumkletterten. Ab etwa zehn Jahren gingen wir aufs Meer, um Fische, Muscheln und Seegurken zu fangen. Aber allmählich fühlten wir, dass diese Insel zu klein war, und sehnten uns sehr nach dem Festland. Wir standen oft vor meinem oder seinem Haus und schauten übers Meer, sahen die Menschen dort, die Autos, den Fischereihafen, die Dörfer – je mehr wir schauten, desto mysteriöser erschien uns das Festland. Deshalb änderte er auch seinen Namen in Cai Pingchuan. Damals musste der auf der Kiemenmenschen-Insel gefangene Fisch an den Staat abgegeben werden, die Fischereikooperative von Huapo richtete auf der Insel eine Annahmestelle ein, und wenn ein Boot voll war, wurde es dorthin gebracht. Eines Jahres stiegen wir heimlich aufs Boot, versteckten uns in der Kabine und fuhren nach Huapo. Wir gingen auf der flachen, breiten Straße und fühlten uns wie im Himmel. Als wir die Fahrzeuge sahen – Autos, Traktoren, Fahrräder – wollten wir alle besteigen, denn auf der Kiemenmenschen-Insel gab es keine flachen Straßen, nicht einmal ein Fahrrad. Als wir die Versorgungsgenossenschaft von Huapo betraten, waren wir überwältigt – so hohe Decken, so viele Regale, so reichhaltige Waren. Wir schauten hierhin und dorthin, konnten uns lange nicht losreißen. Später gingen wir widerstrebend hinaus, ich fragte Cai Pingchuan, ob das Festland gut sei, er sagte, es sei gut. Ich sagte: 'Wenn wir groß sind, kommen wir hierher.' Cai Pingchuan sagte: 'Auf jeden Fall kommen wir! Hierher ziehen, uns niederlassen, erfolgreich werden!'“ Wu Xiaohao sagte an dieser Stelle: „Ich hätte nicht gedacht, dass ihr so einen Festland-Komplex habt.“ He Chengchou sagte: „Wenn man nicht dort aufgewachsen ist, denkt man nicht daran. Wie Sie damals – Sie lernten fleißig, weil Sie das Dorf verlassen und in die Stadt ziehen wollten. Wir wollten aufs Festland, und das war schon gut genug.“ Wu Xiaohao fragte: „Wie seid ihr nach Huapo gekommen?“ He Chengchou antwortete: „Ich kam nach Huapo auf die Mittelschule, dann schaffte ich es aufs Bezirks-Fischereitechnikum, nach dem Abschluss wurde ich der technischen Station des Bezirks zugeteilt. Boss Cai hat keine Mittelschule besucht, er kam mit achtzehn Jahren als Fischhändler hierher und baute sich Schritt für Schritt ein Geschäft auf.“ Wu Xiaohao sagte: „Boss Cai ist in Huapo eine wichtige Figur geworden.“ He Chengchou sagte: „Er hat jetzt ein großes Unternehmen, das auffällt. Weil sein Arbeitsstil etwas rau ist, haben viele Leute etwas gegen ihn.“ Wu Xiaohao sagte: „Er ist nicht rau, sondern tyrannisch. Sie sollten ihn gut kennen.“ He Chengchou sagte: „Ich kenne ihn recht gut. Aber ob rau oder tyrannisch – das liegt an seinen Genen.“ Wu Xiaohao fragte: „Gene? Wessen Gene hat er geerbt?“ He Chengchou antwortete: „Piratengene. Ich habe seit meiner Kindheit von den Erwachsenen gehört, dass die Familien mit dem Namen Hang auf der Kiemenmenschen-Insel Nachfahren von Piraten sind.“ „Wirklich? Ist das wahr?“ Wu Xiaohao war verblüfft. He Chengchou lächelte leicht: „Wahrscheinlich wahr. Es gibt Nachfahren von Kiemenmenschen auf der Insel – das ist eine sehr alte Legende. Es gibt noch eine Legende, dass die Kiemenmenschen-Insel einmal ein Piratenstützpunkt war. Die Alten erzählen, dass die Regierung damals ein Seeverkehrsverbot verhängte, niemandem erlaubte, aufs Meer hinauszufahren, die Küstenbewohner mussten dreißig Li landeinwärts ziehen. Aber einige Leute in Huapo und Cuijia Point konnten keine Feldarbeit und wollten nicht vom Meer wegziehen, also führten sie eine Gruppe Küstenbewohner auf die Kiemenmenschen-Insel und wurden Piraten. Manchmal führte er seine Männer in dunkler Nacht ans Festland, um zu plündern und zu rauben, und kehrte bei Tagesanbruch zur Kiemenmenschen-Insel zurück. Weil er in der Familie der Zweitgeborene war, nannten ihn die Leute 'Der Zweitgeborene, der das Schicksal herausfordert'. Die Regierung kam mehrmals auf die Insel, um sie zu vernichten, traf aber immer ins Leere und wusste nicht, wo die Piraten sich versteckten.“ Als sie das hörte, hob Wu Xiaohao den Kopf, schaute aus dem Westfenster – auf den in der Abendsonne roten Wellen schienen unzählige vergangene Ereignisse oder Legenden zu schweben. He Chengchou lachte: „Boss Cai könnte ein Nachfahre der Piraten sein und hat die Wildheit seiner Vorfahren geerbt.“ Wu Xiaohao fragte: „Heißt er nicht Cai? Er heißt doch nicht Huang.“ He Chengchou sagte: „Angeblich waren die Nachfahren des Zweitgeborenen, der das Schicksal herausfordert, beschämt über die Piratenvergangenheit ihrer Vorfahren und änderten ihren Nachnamen.“ Wu Xiaohao lachte: „Ihr beiden – einer ist Nachfahre von Kiemenmenschen, einer von Piraten, sehr interessant. Aber ihr habt unterschiedliche Herkunft und Charakter, es ist nicht nötig, so eng befreundet zu sein?“ He Chengchou seufzte: „Ich habe mich selbst oft ermahnt, dass ich in Schwierigkeiten gerate, wenn ich weiter mit Boss Cai zusammen bin. Aber er hat mir das Leben gerettet, ich kann doch nicht undankbar sein.“ Er schaute aus dem Fenster, stieß Rauch aus und erzählte weiter: „Mit fünfzehn gingen wir zusammen tauchen, um Seegurken zu sammeln. Ich wurde von einem Stachelrochen getroffen. Es gibt ein altes Sprichwort: Stachelrochen und Schlangenbiss sind gleich giftig. Der Stachelrochen hat einen Schwanzstachel, wenn man davon getroffen wird, schwillt es sofort an, schmerzt und man kann sich kaum bewegen. An jenem Tag wurde ich getroffen, der Schmerz war furchtbar, ich zappelte im Wasser. Pingchuan entdeckte es, schleppte mich schnell ans Ufer und verhinderte, dass ich im Meer starb. Deshalb musste ich helfen, wenn er mich später um einen Gefallen bat.“ Wu Xiaohao sah ihn ernst an und sagte: „Bürgermeister, ich rate Ihnen, sich von Cai Pingchuan fernzuhalten. Falls er weiter Unrecht begeht, können Sie sich nicht davon freimachen.“ He Chengchou nickte: „Xiaogao, danke für Ihre Warnung.“ Wu Xiaohao sah, dass es spät wurde, stand auf und sagte: „Bürgermeister, ich gehe jetzt. Ich übernachte bei Wan Yufeng, morgen kommt mein Kind, wir gehen zusammen tauchen.“ He Chengchou stand ebenfalls auf. Er deutete auf die Bilderrahmen an der Wand: „Willst du nicht sehen, wie ich als junger Mann aussah?“ Wu Xiaohao sagte: „Ja, gerne.“ Sie folgte He Chengchou zu den Rahmen und schaute hinauf. Es gab Schwarz-Weiß- und Farbfotos, Familienfotos und Einzelporträts. Auf dem großen Familienfoto waren drei Generationen mit über zehn Personen. Bevor Wu Xiaohao genau hinsehen konnte, zeigte He Chengchou auf ein Schwarz-Weiß-Foto: „Auf der Insel konnte man nicht einfach fotografieren. Mein erstes Foto war das Abschlussfoto der Mittelschule, hier. Das erste Einzelportrait wurde im Jahr meines Abschlusses am Fischereitechnikum aufgenommen. Schau, dieser dumme Junge.“ Wu Xiaohao schaute genau hin und sah, dass He Chengchou auf dem Foto nur ein halbes Kind war, aber in seinen Augenbrauen lag eine heroische Ausstrahlung. Seine auf die Linse gerichteten Augen durchdrangen über zwanzig Jahre Zeit und fielen auf Wu Xiaohaos Gesicht. Plötzlich legte He Chengchou eine Hand auf ihre Schulter: „Xiaohao, wenn ich dich damals gekannt hätte, wäre das so schön gewesen. Als ich dich das erste Mal auf die Insel kommen sah, fiel mir auf, dass deine Stirn außergewöhnlich ist – wie die Stirn eines Delphins, glatt und glänzend. Ich hatte sofort den Impuls, dagegen zu schnipsen.“ Wu Xiaohao sagte: „Dein Schnipser hat mich fast umgebracht.“ Draußen wurde es allmählich dunkel, im Raum war kein Licht, Wu Xiaohao roch einen seltsamen Geruch, eklig oder wohlriechend ... Sie kam plötzlich zu sich und schob He Chengchou energisch weg: „Sie sollten schnell zu Ihrem Cousin gehen und besprechen, wie Sie morgen das Grab abreißen, damit Sie der Arbeitsgruppe des Bezirkskomitees Bericht erstatten können.“ Damit eilte sie hastig zur Tür hinaus. Als sie zum Restaurant Dongfeng Dumplings kam, sah sie die Halle hell erleuchtet, mehrere Tische mit Gästen beim fröhlichen Essen. Wan Yufeng hinter der Kassentheke hervor und fragte Wu Xiaohao, wo sie gewesen sei. Wu Xiaohao sagte nicht, dass sie bei He Chengchou war, sondern nur, dass sie im Westen der Insel spazieren gegangen sei. Wan Yufeng holte ihr Handy heraus und rief laut: „Xiaoteng, hast du noch nicht genug? Komm schnell runter und iss mit deiner Cousine!“ Sie führte Wu Xiaohao in ein Einzelzimmer, wo der Sekretär und Buchhalter des Dorfes Lüyu saßen. Wan Yufeng sagte: „Ich habe sie gebeten, mit dir zu essen.“ Dann lief sie wieder weg, um sich um die Gäste zu kümmern. Wu Xiaohao dachte, die Regel besagte eigentlich dass He Chengchous Cousin, wenn He Chengchou zum Essen zu ihm ging, den Dorfsekretär hätte einladen sollen, um ihn zu begleiten. Aber Li Dabiao erwähnte dies nicht – wahrscheinlich wollten die Cousins das Abreißen des Grabes besprechen und keine Außenstehenden dabei haben. Gangtou und seine Frau kamen. Wu Xiaohao sah, dass Gangtous Frau strahlte, ein nicht zu unterdrückendes Lächeln im Gesicht hatte. Sie stellte sich vor, was der Grund war, und ihr Gesicht wurde heiß. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben, und hörte zu, wie Li Dabiao mit Gangtou sprach. Der Sekretär fragte, wie heute die Kiemenmenschen-Tour gelaufen sei. Gangtou sagte: „Sehr gut, samstags kommen besonders viele Leute, ich habe persönlich über zehn Gruppen geführt. Gestern sagte der Stationsleiter, wir hätten heute einen neuen Rekord aufgestellt.“ Der Buchhalter sagte: „Auch viele Touristen angeln, ich sah heute Nachmittag das Schiff von Cai Pingchuan voller Menschen.“ Wu Xiaohao seufzte: „Diese Fischerfamilien-Restaurants scheinen heute auch besonders belebt.“ Der Buchhalter sagte: „Das gilt nur für diese Saison. Ab 1. September, wenn die Schonzeit endet, wird es kälter, das Wasser kühler, dann kommen weniger Leute.“ Gangtous Frau warf ein: „Wenn die Schonzeit endet, kommen dort noch mehr Leute.“ Wu Xiaohao verstand nicht und fragte, was sie meinte. Gangtou sagte, ein junger Mann auf seinem Boot habe gerade geheiratet, könne sich nicht von seiner Frau trennen und wolle nicht mehr arbeiten. Auf einem Boot hätten zwei Arbeiter das Gefühl, das Risiko auf See sei zu groß, und seien aufs Festland arbeiten gegangen. Auch mehrere andere Boote hätten Personalmangel und würden Leute suchen. Er habe Leute aus seinem Dorf angerufen und drei überzeugt – wenn im August die Schonzeit ende, würde er nach Hause fahren und sie mitbringen. Gangtous Frau sagte: „Wenn mehr kommen, können sie sich gegenseitig helfen.“ Wu Xiaohao seufzte: „In den letzten Jahren sind immer mehr Bauern Fischer geworden.“ Gangtou sagte: „Und immer weniger Fischer bleiben Fischer.“ Der Buchhalter sagte: „Da hast du absolut recht. Früher waren Fischer über Generationen hinweg Fischer, aber in unserer Generation – sobald es einen anderen Ausweg gibt, lässt niemand seine Kinder aufs Meer gehen. Ich rechne es dir vor: Die Kinder des Sekretärs – einer arbeitet in der Bezirksregierung, einer macht Geschäfte in der Stadt Yu. Wan Yufengs Kinder – einer ist Soldat, einer studiert, keiner kommt zurück. Mein Kind lernte nicht gut, kam nicht auf die Universität und ging mit seinem Onkel auf den Bau. Die anderen Kinder im Dorf gehen entweder weg oder machen auf der Insel Geschäfte, echte Fischer gibt es kaum noch.“
| + | Unterwegs fragte Wu Xiaohao den alten Chang, warum er ausgerechnet am Neujahrstag zur Gemeindeverwaltung gekommen sei, um Ärger zu machen. Der alte Chang sagte: „Weil ich es nicht einsehe! Die Sozialhilfe von oben ist dazu da, den Armen zu helfen. Aber im Dorf kassieren der Vater und die Mutter des Parteisekretärs, und der Schwager des Dorfvorstehers — die sind gar nicht arm! Da gibt es einen, der einen Lastwagen fährt und Fuhren macht, der hat seinem Kind in der Stadt eine Wohnung gekauft — und bekommt trotzdem Sozialhilfe. Warum? Weil er gute Beziehungen zu den Dorfkadern hat! Und einer wie ich — zu alt zum Fischen, zum Arbeiten will mich keiner haben, kein einziger Fen Einkommen — der Sozialhilfe bekommen sollte, bekommt keine. Sag mir, ob ich das einsehen soll!" Wu Xiaohao fragte: „Du hast wirklich keinen einzigen Fen Einkommen? Wer über sechzig ist, bekommt doch jeden Monat sechzig Yuan Altersbeihilfe." Der alte Chang antwortete: „Die bekomme ich nicht." „Warum nicht?" Der alte Chang seufzte: „Ach, wer hat mich denn gezwungen, meinen Hukou abzumelden?" |
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| − | Wu Xiaohao verstand das nicht ganz und fragte nach dem Grund. Li Dabiao sagte: „Dass Menschen leiden und es zu Unfällen kommt, ist eine Sache, aber auf der anderen Seite wird das Meer immer ärmer.“ „Ärmer?“ Wu Xiaohao war von diesem Wort überrascht. Li Dabiao sagte: „Ja, ärmer. Früher beim Fischen sind wir in die Nähe gefahren, haben uns umgeschaut und schon waren die Laderäume voll. Aber jetzt – du fährst mit einem Boot von mehreren hundert PS aufs offene Meer, mehrere Tage und Nächte, ziehst die Netze ein und schaust nach, die Ausbeute ist trotzdem nicht groß.“ Der Buchhalter sagte: „Bei einer Ausfahrt – wenn man die Benzinkosten und Löhne abzieht, verdient man nicht nur nichts, sondern macht sogar Verlust; solche Fälle gibt es häufig.“ Wu Xiaohao fragte: „Wenn der Staat die Schonzeit verlängert und zusätzlich Besatzfische aussetzt, wird es dann nicht besser?“ Li Dabiao sagte: „Etwas besser schon, aber die Situation lässt sich nicht grundlegend umkehren. Die Meeresressourcen werden weiter abnehmen, weil die Fangfähigkeit der Menschen einfach zu stark ist! Wenn ich mit dem Boot aufs Meer fahre und nachts schaue, sind überall Boote und Lichter, fast wie die zehntausend Lichter einer Stadt – wie viele Fische können da überleben?“ Wu Xiaohao fragte besorgt: „Was soll man dann tun?“ Li Dabiao sagte: „Die Obrigkeit sagt ständig, der Ausweg für die Fischerei liegt nur in der Umstellung, man soll mehr Aquakultur betreiben, aber auch die Zuchtindustrie hat viele Schwierigkeiten.“ Wu Xiaohao fragte: „Was züchten die Fischer auf der Kiemenmenschen-Insel jetzt?“ Li Dabiao sagte: „Es gibt Jakobsmuscheln, Miesmuscheln, Austern, Seegurken und so weiter, aber sie sind den natürlichen Bedingungen ausgeliefert und erleiden leicht Schäden. Kommt etwas kaltes Wasser, beeinflusst das ihr Wachstum; kommt ein starker Wind, können die Käfige und Zuchtmuscheln zerstört werden. Letztes Jahr war der Sommer zu heiß, die Wassertemperatur stieg, viele Seegurken starben – sie trieben klumpenweise an der Wasseroberfläche, das tat einem in der Seele weh. Wegen des unsicheren Einkommens ist es schwierig, die Zuchtindustrie weiter zu entwickeln.“ Wan Yufeng brachte ein paar Gläser Schnaps herüber und setzte sich zu ihnen zum Trinken und Plaudern. Sie trank ein großes Glas Weißwein aus und wedelte mit den Stäbchen: „Nach Beginn der Fangsaison wird das Kiemenmenschen-Tour-Projekt vorübergehend eingestellt, es kommen weniger Leute zum Essen und Übernachten ins Restaurant. Ich will hier im Laden ein neues Projekt starten.“ Wu Xiaohao fragte, was für ein neues Projekt. Sie schüttelte ihr dickes Gesicht und sagte: „Ich bin die Ostwind-Tante, ich will die Führung übernehmen beim Shopping der Insel-Frauen!“ Als sie das hörten, lachten alle. Wan Yufeng erklärte: „Jetzt ist doch Online-Shopping angesagt, oder? Manche Frauen wollen die guten Sachen von draußen kaufen – zum Essen und Anziehen –, können aber nicht im Internet bestellen. Ich lasse zwei junge Frauen im Laden das für sie erledigen und kassiere eine kleine Servicegebühr.“ Als Wu Xiaohao das hörte, streckte sie ihr sofort den Daumen entgegen: „Große Schwester Wan, du bist großartig, du bist der Zeit voraus. Aber du musst nicht nur online kaufen, du kannst auch online verkaufen. Du eröffnest einen Kiemenmenschen-Insel-Online-Shop und verkaufst die Spezialitäten der Insel – wie wäre das?“ Li Dabiao sagte: „Richtig, wir stellen unseren getrockneten Tintenfisch, Pferdemakrelen, Jakobsmuscheln, Seegurken und so weiter alle ins Netz.“ Wu Xiaohao sagte: „Du könntest eine E-Commerce-Servicestelle für die Kiemenmenschen-Insel einrichten, kaufen und verkaufen, den Inselbewohnern dienen.“ Wan Yufeng rieb sich aufgeregt die Hände: „Gut, die Idee meiner kleinen Schwester Bürgermeisterin ist gut! Ich lasse ein Schild machen und hänge es an die Restauranttür.“ Ihre Nacht auf der Kiemenmenschen-Insel war schlaflos und unruhig. Vor dem Schlafengehen spielten sich in ihrem Halbschlaf die beeindruckenden Ereignisse des Tages in ihren Erinnerungszellen ab. Wu Xiaohao setzte sich auf und zog den Vorhang am Kopfende zurück. Sie sah den Halbmond hoch über der Meeresoberfläche hängen. Das Handy piepte – He Chengshou hatte eine SMS geschickt: „Obwohl du gegangen bist, scheinst du noch immer in meinen Armen zu sein.“ Also konnte auch der Bürgermeister nicht schlafen. Kann ich antworten? Nein. Sie öffnete das Fenster, ließ die Meeresbrise hereinwehen, damit ihr Kopf klar wurde und ihr Körper sich abkühlte. Um sich abzulenken, nahm sie ihr Handy und schaute Nachrichten, schaute WeChat, schaute die QQ-Nachrichten ihrer Tochter. „Der Wal, der Bäume weint“ – die Momente trugen immer noch diesen Namen. Ihr gerade beruhigtes Herz geriet deswegen wieder in Aufruhr. Sie entdeckte, dass Diandian heute Abend geschrieben hatte: „Freue mich auf den morgigen Sonnenaufgang. Was wird die Kiemenmenschen-Tour mir bringen?“ Wu Xiaohao hinterließ ihr eine Nachricht: „Schatz, ich warte auf der Kiemenmenschen-Insel auf dich, das Meer wird dir eine Überraschung bereiten!“ Am nächsten Tag gegen neun Uhr morgens waren Gangtou und seine Frau noch nicht aufgestanden; Wu Xiaohao ging begleitet von Wan Yufeng zum Pier. Sie wollte eine Fahrkarte kaufen, aber Wan Yufeng ließ es nicht zu: „Bürgermeisterin Wu, du hast dich bei der Gründung der Kiemenmenschen-Tour verdient gemacht – wie können wir dich zahlen lassen? Nein, auf keinen Fall!“ Wu Xiaohao sagte: „Am Eröffnungstag wurde ich schon einmal kostenlos behandelt, diesmal geht das nicht. Ich muss zahlen, sonst gehen wir nicht.“ Wan Yufeng konnte sie nicht überzeugen und musste widerwillig zusehen, wie Wu Xiaohao zum Ticketschalter ging und Fahrkarten kaufte. Um zehn Uhr kam die Fähre. Schon von Weitem sah Wu Xiaohao Diandian zu ihr herüberwinken; sie trug das pfirsichfarbene Kleid, das Wu Xiaohao ihr letztes Jahr gekauft hatte, und fiel vor dem azurblauen Meereshintergrund besonders auf. Wu Xiaohaos Herz jubelte, und sie winkte ihrer Tochter ebenfalls zu. Ihre Tochter schien wieder etwas gewachsen zu sein. Als sie weiter nachdachte, erkannte sie, dass es ihr nur so schien, weil sie so lange vom Kind getrennt gewesen war, und sie bekam ein schlechtes Gewissen. Die Fähre legte an, Diandian sprang als Erste an Land und warf sich Wu Xiaohao in die Arme, fasste mit der Hand unter ihr Kinn und rief: „Kiemenmensch-Mama, Kiemenmensch-Mama, du bist schon länger hier! Lass mich schauen, ob du Fischkiemen bekommen hast.“ Wu Xiaohao lachte: „Bald, bald! Diandian, warte erst mal, lass uns Oma an Land holen.“ Die Mutter wurde von You Luowan gestützt, während sie von Bord ging, dabei behielt sie noch die gebückte Haltung einer Erbrechenden bei und stöhnte: „Oh je, das erste Mal auf See, das ist die Hölle – ich habe sogar meine Gallenblase ausgekotzt.“ Wu Xiaohao rieb ihr den Rücken: „Mama, sei nicht nervös, gleich geht es dir besser.“ Die Mutter schaute sich um: „Wo ist Gangtou? Warum sehe ich Gangtou nicht?“ Wan Yufeng sagte: „Getrennt sein ist besser als frisch vermählt – ich habe ihm heute freigegeben, damit er im Restaurant seine Frau begleitet.“ Die Mutter sagte zu Wu Xiaohao: „Ich fahre nicht mehr mit dem Schiff. Ihr drei geht spielen, ich plaudere mit Gangtou und seiner Frau.“ Wu Xiaohao ließ Wan Yufeng die Mutter zum Restaurant begleiten. Während sie auf das Schnellboot warteten, fotografierte You Luowan mit dem Handy Mutter und Tochter, ein Foto von links, ein Foto von rechts. Diandian sagte: „Gib mir das Handy, ich mache auch eins von euch beiden.“ You Luowan übergab sofort das Handy an Diandian und rannte zu Wu Xiaohao, um neben ihr zu stehen. Diandian hielt das Handy hoch: „Cheese! Eins, zwei, drei!“ You Luowan rief auch „Cheese“, aber Wu Xiaohao nicht. Diandian hielt inne, schaute aufs Handy und runzelte Wu Xiaohao gegenüber die Stirn: „Mama, du machst ein Gesicht wie eingelegte Zwiebeln – sagst du statt Cheese vielleicht „cu“ (also Essig)?“ Diandian wollte noch mehr Fotos machen, aber Wu Xiaohao deutete aufs Meer: „Das Boot kommt, lass uns einsteigen.“ Auf dem Meer war es windstill, Möwen flogen umher. Eine Gruppe von Leuten fuhr mit dem Schnellboot zur Tauchbasis und ging dann auf ein großes Schiff für die Einweisung. Männer und Frauen gingen in separate Kabinen, um Tauchanzüge anzuziehen, dann kamen sie aufs Deck und bekamen Taucherhelme. Ein sonnengebräunter junger Mann erklärte ihnen die wichtigsten Punkte und Vorsichtsmaßnahmen beim Tauchen, danach teilte er sie in Gruppen ein und wies ihnen Tauchlehrer zu. Wu Xiaohaos Familie von drei Personen wurde von einem muskulösen Trainer betreut. Der Mann zeigte auf die Nummer an seinem Helm: „Ich bin Nummer drei und für euch drei verantwortlich.“ Wu Xiaohao war schon einmal hier gewesen und übernahm auch die Rolle von Diandians Trainerin. Sie half Diandian, den Helm zu befestigen, erklärte ihr, worauf sie nach dem Eintauchen achten müsse, nahm dann Diandians Hand und stieg Stufe für Stufe die Schiffsleiter hinab. You Luowan und der Trainer folgten ihnen. Nach dem Eintauchen war Diandian sehr aufgeregt, streckte Arme und Beine und schwamm kräftig. Wu Xiaohao folgte ihr dicht, hielt auch ihre Hand fest und wollte, dass sie langsamer machte. Diandian wollte nicht, schüttelte ihre Hand ab, glitt vorwärts und ahmte die Bewegungen eines Fisches nach. Wu Xiaohao machte es wie Diandian und schwamm parallel zu ihr. Das Sonnenlicht drang ins Wasser ein, verwandelte sich in goldene Blitze, die auf ihren Körpern tanzten und um sie herumwirbelten. Diandian drehte den Kopf und schaute sie an, näherte sich ihr aktiv und zeigte ihre Anhänglichkeit an die Mutter. Diandian war mal oben, mal unten, mal links, mal rechts, stieß immer wieder spielerisch gegen sie und suchte körperlichen Kontakt mit der Mutter. Dieser Kontakt war wunderbar und gab Wu Xiaohao das Gefühl, dass der ganze Ozean unendlich warm wurde. Diandian streckte plötzlich eine Hand aus und winkte zu einer Seite. Wu Xiaohao sah – dort war You Luowan. Sie verstand Diandians Absicht, sie wollte eine Dreier-Verbindung. Sie wollte nicht, sie fand You Luowan zu schmutzig. Heute mit ihm das gleiche Meerwasser zu teilen, war schon eine Art Unreinheit. Sie hielt ihre Tochter fest und wollte nicht, dass das Kind You Luowan näherkam, aber ihre Tochter löste sich aus ihrem Griff, näherte sich dem Vater und schwamm Hand in Hand mit ihm. Wegen der geringen Sichtweite, als wären sie im dichten Nebel, verschwanden Vater und Tochter schnell aus dem Blickfeld. Wu Xiaohaos linke Brust schmerzte plötzlich, der Schmerz ließ sie fast ohnmächtig werden, sie musste aufhören zu paddeln und konnte nicht mehr weiterschwimmen. Ihr Körper schwebte im Meerwasser, sank langsam, sank hinab, bis sie schließlich auf dem Meeresgrund aufsetzte und den Sand berührte. Hier auf dem Meeresgrund wurde das Licht immer schwächer und dunkler, es war sehr ruhig, die Menschenwelt war schon sehr, sehr weit entfernt. Vor ihr erschien ein Schatten, und eine Hand zog sie hoch. Das war Trainer Nummer drei. Der Trainer zog sie an der Hand nach oben, schwamm, immer heller wurde es, dann blendend hell – sie waren an der Wasseroberfläche. Der Trainer schwamm mit ihr weiter zur Bootsseite, nahm ihr den Helm ab und fragte, was los sei. Wu Xiaohao schüttelte den Kopf: nichts. Der Trainer ließ Wu Xiaohao alleine hochsteigen, er selbst tauchte wieder hinunter. Wu Xiaohao ging nicht aufs Boot, sondern lehnte sich an die Leiter, schaute ins Wasser hinab und rief: „Diandian, Diandian.“ Sie rief mehrmals, niemand antwortete, sie konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Die Tränenperlen fielen ins Meer, lautlos und unsichtbar. Ein Klang näherte sich von fern. Wu Xiaohao hob den Kopf – ein Schnellboot fuhr heran, darauf saß eine Gruppe von Touristen, die bereit waren zu tauchen. „Das Romantischste, was ich mir vorstellen kann, ist mit dir gemeinsam alt zu werden...“ Es war ein Paar, das eine Unterwasser-Hochzeit feiern wollte, auf dem Schnellboot lief Musik, Braut und Bräutigam hielten sich eng umschlungen Hand in Hand. Diandian und ihr Vater tauchten aus dem Wasser auf. Wu Xiaohao ergriff sofort Diandians Hand, und sie stiegen aufs Boot und setzten sich. Doch Diandian folgte dem Lied, drehte den Kopf und schaute zu, fragte: „Wie kommen Braut und Bräutigam hierher?“ Wu Xiaohao sagte: „Sie feiern eine Unterwasser-Hochzeit.“ Diandian stand plötzlich auf und sagte, sie wolle wieder hinabtauchen und sehen, wie eine Unterwasser-Hochzeit aussehe. Der Trainer sagte: „Das geht nicht, wir haben unsere Kiemenmenschen-Tour schon beendet, wir müssen zurück.“ Diandian klatschte enttäuscht auf ihren Sitz: „Schade, da habe ich etwas Tolles verpasst!“ Alle nahmen ihre Helme ab, zogen sich um und setzten sich ins Schnellboot. Diandian schaute zurück zu der Stelle, wo sie gerade getaucht waren: „Papa, Mama, wenn ich heirate, will ich auch hier die Hochzeit feiern!“ Alle im Boot lachten. Doch Diandian schämte sich nicht und sagte noch: „Papa, Mama, versprecht ihr es oder nicht?“ Wu Xiaohao und You Luowan sagten wie aus einem Mund: „Versprochen!“ Diandian sang mit zu dem Lied, das von jenem Boot abgespielt wurde: „Du gibst mir einen romantischen Traum, danke, dass ich mit dir das Glück finde...“ Wu Xiaohao stellte sich die Hochzeit ihrer Tochter in einigen Jahren vor, wurde heimlich gerührt, ihre Augen wurden wieder feucht. Als sie am Pier ankamen, wartete Gangtou dort schon und sagte: „Zweite Tante, lass uns essen gehen.“ Wu Xiaohao fragte, wie spät es sei. Gangtou sagte: „Halb eins.“ In einem Einzelzimmer des Ostwind-Tanten-Restaurants saßen bereits Gangtous Frau und Diandians Oma. Diandian sagte: „Oma, ich bin gerade aus dem Meer gekommen und habe entdeckt, dass ich zum Kiemenmenschen geworden bin – zum Atmen brauche ich weder Mund noch Nase mehr, glaubst du mir nicht? Schau!“ Dabei hielt sie sich Nase und Mund zu und zappelte. Die Oma sagte: „Wirklich? Diandian ist ein Fisch geworden? Dann müssen am Körper auch Fischschuppen gewachsen sein, oder?“ Dabei tastete sie an ihr herum. Diandian ließ die Hand los und lachte hell auf: „Wer hat dir erlaubt zu tasten? Durch deine Berührung bin ich wieder zum Menschen geworden!“ Wan Yufeng kam mit einem Teller Austern herein und sagte, das heutige Mittagessen sei von Klein-Gang arrangiert worden, um seine zweite Tante und Familie zu bewirten und seiner Frau zum Abschied Lebewohl zu sagen. Wu Xiaohao schaute Gangtous Frau an: „Du fährst heute schon? Bleibst du nicht noch ein paar Tage?“ Gangtous Frau schüttelte den Kopf: „Nein, zu Hause muss ich mich um die Alten und den Nachwuchs kümmern, und es gibt die Felder, auch die Weißdornfrüchte sollten geerntet werden.“ Wan Yufeng lachte sie an: „Du hast Klein-Xiao hier getroffen, hast dich satt gegessen und getrunken, jetzt kannst du nach Hause gehen!“ Gangtous Frau lachte verlegen und schlug sie leicht mit dem Kinn. Wan Yufeng streckte You Luowan die Hand entgegen: „Das ist wohl Direktor You? Freut mich!“ You Luowan kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und erhob sich, um mit ihr die Hand zu schütteln. Gangtou stellte sie ihm vor – das ist Chefin Wan, nicht nur Inhaberin dieses Restaurants, sondern auch Chefin der Kiemenmenschen-Tour und Frauenvorsitzende der Kiemenmenschen-Insel. You Luowan sagte: „Ich weiß, ich weiß.“ Wan Yufeng sagte: „Danke, Direktor You, für die Unterstützung von Bürgermeisterin Wu. Mit Ihrer Unterstützung hat sie mehr Kraft und mehr Zeit, dem Volk von Meipo Wohl zu bringen!“ Wu Xiaohao stoppte sie eilig: „Sag das nicht so, ich tue nur, was ich tun sollte – wie kann man das als Wohltaten bezeichnen? Du beschämst mich zu Tode!“ Wan Yufeng sagte weiter: „Direktor You, ich habe gehört, Sie machen in der Stadt große Geschäfte. Bitte helfen und unterstützen Sie uns, damit auch wir Fischer auf der Kiemenmenschen-Insel viel Geld verdienen!“ You Luowan bekam sofort Oberwasser, klopfte sich selbstbewusst auf die Brust: „Kein Problem, wenn sich eine Gelegenheit bietet, viel Geld zu verdienen, melde ich mich bei Ihnen, damit die Massen der Kiemenmenschen-Insel eine große Wende erleben!“ Wan Yufeng änderte sofort ihren Ton: „Wie reden Sie denn?“ Sie stand wütend auf und ging weg. Wu Xiaohao warf You Luowan einen strafenden Blick zu: „Du bist einfach ungeschickt.“ Gangtou zeigte auf You Luowan: „Schwager, du machst wirklich Fehler. Fischer verabscheuen dieses Wort – wie konntest du es aussprechen?“ Diandian fragte: „Welches Wort?“ You Luowan war verwirrt: „‚Wende'! Ich weiß es jetzt, ich nehme es zurück. Ich sagte ‚Wende' – was ist daran schlimm?“ „Na, das Boot wendet! Das ist unglückverheißend!“ Wu Xiaohao seufzte: „Und du findest das noch unglückverheißend? Früher hätte Wan Yufeng ein paar Fischer gerufen, um dich ordentlich zu verprügeln!“ Diandian zog ihren Vater am Ohr: „Hast du's gehört? Ein kluger Mensch gibt nach, geh schnell zu Chefin Wan und entschuldige dich!“ You Luowan sagte: „Ich gehe nicht.“ Diandian sagte: „Wenn du nicht gehst, gehe ich! Ich sage es für dich!“ You Luowan erkannte seinen Fehler. Sie rannte nach draußen. Gangtou sagte, Fischer hätten viele Tabus – außer „wenden“ dürfe man auch nicht „umgekehrt“ oder „anhalten“ sagen. Beim Essen dürfe man die Stäbchen nicht auf die Schüssel legen, weil die Stäbchen ein Boot symbolisierten und die Schüssel Riffsteine – Fischer glaubten, dass so platzierte Stäbchen ein Auflaufen auf Riffe bedeuteten. Fischer dürften auf dem Boot nicht auf Gräten spucken oder urinieren, nicht nackt schlafen, denn das würde die Meeresgöttin beleidigen. Wan Yufeng kam mit Diandian an der Hand zurück und sagte, sie sei vorhin nicht böse gewesen, ihr sei nur etwas eingefallen, weswegen sie die Servicekraft schnell beauftragt habe, es zu erledigen. You Luowan war erstaunt über ihre Haltungsänderung, verbeugte sich tief mit gefalteten Händen: „Ich kannte die Tabus der Fischer nicht und habe Sie beleidigt, bitte Chefin Wan, haben Sie Nachsicht.“ Wan Yufeng lachte: „Direktor You, seien Sie nicht so förmlich. Esst in Ruhe, ihr zwei Familien, ich habe noch zu tun.“ Damit ging sie wieder hinaus. Die Servicekraft brachte noch mehr Meeresfrüchte. Diandians Oma erkannte die Meeresfrüchte nicht und fragte, was das sei. Diandian sagte: „Herzmuscheln.“ Dabei nahm sie eine mit den Stäbchen und legte sie vor die Oma, nahm sich noch eine und zeigte der Oma, wie man die Schale öffnete und das Fleisch aß. Die Oma schaute hin und sagte: „Warum sind diese Muscheln so geformt? Wie kleine Kästchen.“ Gangtou sagte: „Großtante, zwischen diesen beiden Schalen liegt ein alter Mann.“ Gangtous Frau warf ihm einen scharfen Blick zu: „Du redest Unsinn!“ Gangtou lachte kehlig und sagte, er habe von den Leuten hier gehört, dass es am Meer früher einen alten Mann gab, dessen Sohn nie auf ihn hörte – sagte er Osten, ging der Sohn nach Westen. Als der alte Mann im Sterben lag, wollte er, dass sein Sohn ihn auf dem Berg begrub, aber er kannte die Eigenart seines Sohnes, also sagte er das Gegenteil und befahl seinem Sohn, ihn ins Meer zu werfen. Als der alte Mann seinen letzten Atemzug tat, dachte sein Sohn: Ich habe mein ganzes Leben nie auf meinen Vater gehört, heute höre ich einmal auf ihn. Also kaufte er einen Sarg, legte die Leiche seines Vaters hinein und warf sie ins Meer. Der Drachenkönig war wütend, ließ den Sarg zu zwei dünnen Schalen werden, mit einem alten Mann in der Mitte, um jene ungehorsamen Söhne zu bestrafen. Diandian betrachtete das Fleisch in der Muschelschale und sagte: „Stimmt, es sieht aus wie ein alter Mann.“ Diandians Oma schaute auf die Herzmuschel vor sich: „Oh je, ich wage nicht mehr zu essen!“ Wu Xiaohao traute sich auch nicht zuzugreifen und nahm mit den Stäbchen ein Stück frittierten Schwertfisch für ihre Mutter. Die Mutter nahm einen Bissen, schaute ihre Tochter an und sagte: „Diandians Oma, ich will mit deiner Schwiegertochter nach Hause gehen.“ Diandian fragte: „Oma, vermisst du Opa?“ Auf Omas altem Gesicht erschien ein Lächeln: „Warum sollte ich ihn vermissen? Ich will zurück und nachschauen, wie viele Weißdornfrüchte der Baum im Hof dieses Jahr getragen hat.“ Wu Xiaohaos Augen wurden sofort rot. Zu Hause stand ein Weißdornbaum, der jedes Jahr viele Früchte trug; wenn sie reif waren, pflückte die Mutter sie und verteilte sie an die fünf Kinder, jeder bekam ein Paket. Doch dieses Jahr war die Mutter über ein halbes Jahr in Yu gewesen und kein einziges Mal nach Hause zurückgekehrt; sie hatte nicht gesehen, wie der Weißdorn Blätter austrieb, nicht gesehen, wie er blühte und Früchte trug. Wu Xiaohao sagte schuldbewusst: „Mama, fahr heim, bleib eine Weile zu Hause und komm dann wieder.“ Nach dem Essen bezahlte Gangtou und brachte die Gruppe zum Schiff. Wu Xiaohao sah am Pier einen Stand mit getrockneten Meeresfrüchten, kaufte mehrere Sorten, teilte sie in zwei Päckchen und bat You Luowan, sie der Mutter zum Essen im Zug mitzugeben. You Luowan verzog das Gesicht und fragte: „Du kommst nicht nach Hause?“ Wu Xiaohao sagte: „Nein, morgen früh ist wieder eine Sitzung.“ Wie üblich fand montags um acht Uhr die Sitzung der Führung von Parteikomitee und Gemeindeverwaltung statt – jeder sollte über die Arbeitssituation der letzten Woche und die in der nächsten Woche zu erledigenden Aufgaben berichten; der Parteisekretär fasste zusammen, fügte seine Meinung hinzu und formte daraus einen Arbeitsbericht, den er dann um neun Uhr in der Vollversammlung aller Kader vortrug. Wu Xiaohao öffnete die Aufnahmefunktion ihres Handys, reflektierte über die Arbeit dieser Woche – Kultur, Tourismus, Sicherheit – und listete die in der nächsten Woche zu erledigenden Arbeiten auf: erstens einen gemeindeweiten Square-Dance-Wettbewerb veranstalten; zweitens die Baufortschritte der Kulturräume in den Dörfern überprüfen; drittens eine „Fotografen-Kiemenmenscheninsel-Tour“ organisieren und die Sitten und Gebräuche der Kiemenmenschen-Insel, besonders das Kiemenmenschen-Tour-Tauchprojekt, durch Fotos weiter publik machen. Außerdem wollte sie dem Parteikomitee und der Gemeindeverwaltung vorschlagen, gemeindeweit flächendeckend E-Commerce-Servicestellen einzurichten, über das Internet zu kaufen und zu verkaufen, damit alle ihre Lebensqualität verbessern und zusätzliches Einkommen erzielen konnten. Wu Xiaohao hatte gerade fertig geschrieben, als Liu Dalou anrief und Wu Xiaohao bat, ihm ihre Redepunkte für morgen zu geben – der Parteisekretär wolle sie sehen. Wu Xiaohao dachte, das gab es früher nicht; die Führungsmitglieder sprachen alle direkt in der Sitzung – lag es daran, dass die Arbeitsgruppe für Massenlinienerziehung hier war? Sie dachte nicht weiter nach und schickte die Redepunkte per WeChat an Liu Dalou. Um zehn Uhr abends ging Wu Xiaohao zum Wasserhahn im Hof, um ihr Gesicht zu waschen und sich auf den Schlaf vorzubereiten, als sie ihr Handy im Zimmer klingeln hörte; sie rannte eilig hinein, um abzuheben. Es war Zhou Bin, sie fragte sofort, welche Anweisungen der Parteisekretär habe. Der Parteisekretär sagte: „Ich habe deine Redepunkte gelesen, sehr gut – du gehst die Arbeit mit offenem Denken an, die Ergebnisse sind offensichtlich.“ Wu Xiaohao sagte: „Danke für die Ermutigung, Parteisekretär.“ Der Parteisekretär fuhr fort: „Dein Vorschlag bezüglich E-Commerce ist ausgezeichnet, aber sprich morgen in der Sitzung nicht darüber – ich übernehme das.“ Wu Xiaohao sagte: „Gut, wenn der Parteisekretär spricht, hat das mehr Gewicht.“ Zhou Bin hielt inne und sagte: „Xiao Wu, die Oberen haben eine Aufgabe erteilt, die dringend umgesetzt werden muss – kannst du das übernehmen?“ Wu Xiaohao fragte: „Was für eine Aufgabe?“ „Integrierte Stadt-Land-Abfallentsorgung. Der Bezirk hat schon eine Sitzung abgehalten und verlangt, dass das ländliche Müllprojekt vor dem 1. Oktober abgeschlossen wird. Die Zeit ist knapp, die Aufgabe schwer – wenn es jemand anders macht, wäre ich unruhig.“ Diese Nachricht hatte Wu Xiaohao bereits aus den Medien erfahren – sie wusste, dass der ländliche Müll nach dem System „Haushalte sammeln, Dörfer abholen, Gemeinde transportiert, Bezirk entsorgt“ behandelt werden sollte. Das war eine sehr gute Sache, sie stimmte mit beiden Händen zu, hatte aber nicht erwartet, dass der Parteisekretär sie damit beauftragen würde. Sie sagte: „Wenn der Parteisekretär mir das zutraut, lehne ich nicht ab. Ich werde mich bemühen, die Aufgabe zur vollen Zufriedenheit zu erfüllen.“ Am nächsten Morgen um acht Uhr kam Wu Xiaohao ins kleine Konferenzzimmer und stellte fest, dass der Bürgermeister und mehrere andere Führungsmitglieder bereits dort saßen und sich unterhielten. Als Wu Xiaohao hereinkam, warf ihr der Bürgermeister einen Blick zu und lächelte: „Xiao Wu, du trägst heute diese Kleidung – so hübsch!“ Wu Xiaohao sagte sofort: „Danke für das Kompliment, Herr Bürgermeister.“ Nachdem sie sich gesetzt hatte, warf sie einen Blick auf ihr kornblumenblaues Leinenhemd, ihr Herz klopfte heftig, ihr Gesicht wurde heiß, also tat sie so als würde sie aufs Handy schauen und senkte den Kopf. Parteisekretär Zhou Bin kam mit den drei Leuten von der Arbeitsgruppe des Bezirkskomitees herein, die Atmosphäre im Konferenzraum wurde wieder angespannt, nur das Brummen der Klimaanlage war zu hören. Bei dieser Sitzung gab es eine Sitzplatzänderung: Früher saß nur der Parteisekretär allein am Kopfende des Tisches, diesmal saßen er und Gruppenleiter Xie zu zweit nebeneinander. Der Parteisekretär sagte: „Achtung, die Sitzung beginnt.“ Er bat Gruppenleiter Xie, Anweisungen zu geben; Gruppenleiter Xie winkte ab: „Wir hören nur zu, macht nur weiter.“ Also ließ der Parteisekretär die Führungsmitglieder nach Rang und Position der Reihe nach sprechen. Man sah, dass alle ernster sprachen als sonst, manche sogar mit einer gewissen Selbstdarstellung. Als der Parteisekretär zum Schluss sprach, war Wu Xiaohao noch erstaunter: Obwohl der Parteisekretär kein Manuskript vor sich hatte, fasste er die Situation der letzten Woche zusammen und ordnete die nächsten Arbeitsschritte an – alles systematisch, kein überflüssiges Wort, man sah, dass er sich sorgfältig vorbereitet hatte. Als er über die gemeindeweite Förderung des ländlichen E-Commerce sprach, war sein Vortrag besonders brillant: Hintergrund der nationalen E-Commerce-Entwicklung, Bedingungen für E-Commerce-Entwicklung in Meipo, konkrete Maßnahmen, langfristige Ziele. Bei den Maßnahmen schlug er vor, ein „1+2+N E-Commerce-System“ aufzubauen: „1“ ist ein E-Commerce-Servicenetzwerk auf zwei Ebenen – Gemeinde und Dorf –, jedes Dorf soll einen Computer bekommen und die Telekommunikationsabteilung soll die Internetleitungen verlegen. „2“ sind die beiden Stützen E-Commerce-Personal und E-Commerce-Industrie – konzentrierte Schulung von E-Commerce-Bedienern, schnelles Erreichen von „ein Dorf, ein Produkt“, jedes Dorf mit einem marktschreierischen Produkt online. „N“ sind N E-Commerce-Modelle, einschließlich Website-Erstellung, Shop-Aufbau, Anbindung an alle Logistik- und Kurierdienste in der Stadt und so weiter. Er betonte abschließend, die Entwicklung des ländlichen E-Commerce als wichtige Aufgabe der Massenlinienerziehung der Partei zu betrachten, sie fest anzupacken und Ergebnisse zu erzielen. Wu Xiaohao konnte nicht umhin zuzuhören. Sie seufzte innerlich: Das ist wirklich das Niveau eines Parteisekretärs. Ich war auf der Kiemenmenschen-Insel, hörte Wan Yufeng davon reden, E-Commerce zu betreiben, bekam Inspiration und dachte nur daran, der Führung einen Vorschlag zu machen, aber ich dachte nicht tiefer oder detaillierter nach. Als dieser Vorschlag beim Parteisekretär ankam, schenkte er ihm höchste Aufmerksamkeit, erledigte die Hausaufgaben gründlich und plante umfassend. Sie glaubte, dass diese Arbeit, wenn sie flächendeckend umgesetzt würde, sicher zu einem Glanzpunkt der Arbeit von Meipo werden würde. Allerdings war die Vorgehensweise des Parteisekretärs, mich gestern Abend zu bitten, nicht zu sprechen, und heute selbst zu sprechen, befremdlich. Wenn ich es vorgebracht hätte und du es dann weiterentwickelt und vervollständigt hättest, hätte das doch auch deine Brillanz gezeigt. Aber sie sah, dass der Gruppenleiter während der Rede des Parteisekretärs wiederholt nickte, und verstand: In dieser großangelegten Lern- und Erziehungsbewegung brauchte der Parteisekretär viele Gelegenheiten, sein Können zu zeigen. Er war als „Luftlandetruppe“ schon seit über vier Jahren in Meipo; es war Zeit, in die Stadt zurückzukehren und befördert zu werden. Als sie genauer hinschaute und seine geschwollenen Augenlider und hängenden Tränensäcke sah – eindeutig hatte er für die Vorbereitung der heutigen Rede eine Nacht durchgemacht –, verstand sie seine Mühe noch besser. Der Parteisekretär sprach auch über die integrierte Stadt-Land-Abfallentsorgung, nannte es eine wichtige Maßnahme des Bezirkskomitees und der Bezirksregierung zum Aufbau schöner Dörfer, die unbedingt umgesetzt werden müsse. Er kündigte die Gründung des Büros für Umwelthygiene der Gemeinde Meipo an, mit Wu Xiaohao als Direktorin; außerdem würden mehrere Leute aus der Gemeindeverwaltung hinzugezogen werden, um durch solide Arbeit alle Dörfer der Gemeinde aufzuwerten und sie sauber und ordentlich zu machen. Jedes einzelne Dorf schön und ordentlich zu machen – Wu Xiaohao wurde zu einer beschäftigten Frau. Der Parteisekretär ordnete in der Vollversammlung die Arbeit zur integrierten Stadt-Land-Abfallentsorgung an und bestimmte die Komitee-Funktionärin Xiao Chen und den Wehrdienstmitarbeiter Xiao Gao zur Unterstützung im Hygienebüro. Wu Xiaohao fuhr mit den beiden jungen Männern täglich in die verschiedenen Dörfer, sprach mit den Dorfsekretären, schaute nach, ob im Dorf Mülltonnen aufgestellt waren und ob jemand für die Straßenreinigung zuständig war. Manche Dörfer setzten es schnell um – auf der Straße stand in regelmäßigen Abständen eine vom Hygienebüro des Bezirks einheitlich gestaltete grüne Mülltonne, die Dorfbewohner warfen ihren Müll dort hinein, der dann vom Hygienewagen der Gemeinde abgeholt und zur dreißig Kilometer entfernten Mülldeponie gebracht wurde. Diese Dörfer stellten ein bis zwei Dorfbewohner als Hygienekräfte an, die täglich die Straßen sauber fegten. Aber in manchen Dörfer blieben es noch beim Alten. Vor den Häusern der Bauern, in Gassen und Wegen, in Flüssen und Gräben – überall lag Abfall, der Müll häufte sich, Fliegen schwirrten umher, zerrissene Plastiktüten flogen herum. Als man die Dorffunktionäre fand, sagten manche, sie würden es sofort erledigen, andere weigerten sich und sagten, seit Alters her lebten die einfachen Leute so, jeder entsorge seinen Müll selbst, vieles werde zu Dünger – warum sollten sie Geld und Kraft aufwenden, um das für sie zu erledigen? Wu Xiaohao musste ihnen geduldig gut zureden, über die Gefahren von Müll sprechen, über die Vorteile der Sauberkeit, über die Bedeutung der Verbesserung des Dorfbilds. Nachdem sie sie endlich überzeugt hatte, weinten manche Dorffunktionäre: Sie seien zu arm – das Dorf habe kein Geld, könne keine Mülltonnen kaufen. Wu Xiaohao glaubte es nicht – ein Dorf konnte nicht einmal Mülltonnen kaufen? Bei genauerer Nachfrage stellte sich heraus, es stimmte wirklich. Manche Dörfer hatten in den 1990er Jahren Kredite aufgenommen, um die „drei Abgaben und fünf Umlagen“ nach oben abzuführen, und hatten bis heute Schulden bei der Bank von mehreren hunderttausend Yuan, selbst die Zinsen konnten sie nicht zurückzahlen. Sie fragte beim Parteisekretär nach, ob die Gemeinde solchen Dörfern nicht Mülltonnen kaufen könne? Der Parteisekretär sagte nein – die Gemeinde habe es schon schwer genug, vier Hygienewagen zu kaufen, wo solle das Geld für Mülltonnen herkommen? Sie sollten selbst eine Lösung finden. Manche Dorffunktionäre fanden eine Lösung: Sie markierten auf der Straße Müllsammelstellen, umzäunten sie mit Ziegeln oder Steinen, damit der Hygienewagen der Gemeinde sie der Reihe nach abholen konnte. Wu Xiaohao fand das nicht standardgerecht genug, hatte aber keine andere Wahl und musste zustimmen. Es war gerade Hochsommer, die Temperaturen lagen meist über fünfunddreißig Grad. Wu Xiaohao und die anderen trotzten der Sonne, atmeten stinkende Luft ein, schwitzten wie unter der Dusche, am Ende rochen sie selbst unerträglich. Die beiden jungen Männer, die sie begleiteten, sagten: „Wir sind auch zu Müll geworden!“ Wu Xiaohao nickte zustimmend. Einmal, als sie auf einer Landstraße unterwegs waren, kam plötzlich Regen auf, Xiao Chen rief laut: „Toll, ein Himmelbad!“ Er zog keine Regenjacke aus dem Auto an, ließ absichtlich den Regen seinen Körper abwaschen. Wu Xiaohao fand diese Methode gut und machte es ihm nach. Blitz und Donner, strömender Regen, die drei Menschen rannten fröhlich. Als sie aus der Regenzone herauskamen, war Wu Xiaohao zwar völlig durchnässt und ihre Kleidung tropfte, aber sie fühlte sich erfrischt und wohl. Nach zwei Monaten war Wu Xiaohao wieder eine „Schuldnerin“, die kein Geld hatte. Es ging um die Löhne der Hygienekräfte. Die Hygienekräfte suchten sich die Dörfer selbst – große Dörfer zwei, kleine Dörfer eine Person. Diese Leute trugen die vom Hygienebüro der Gemeinde ausgegebenen roten Westen, ihre Aufgabe war Straßenreinigung und Mithilfe beim Beladen, wenn der Hygienewagen kam; täglich zwei bis drei Stunden Arbeit, monatlich fünfhundert Yuan Lohn. Dieses Geld sollte erst ausgezahlt werden, wenn von den Dörfern die Hygienegebühren eingezogen worden waren. Der Standard für die Hygienegebühren war vom Bezirk einheitlich festgelegt: Alle mit Wohnsitz im ländlichen Meipo zahlten pro Person und Monat drei Yuan. Ab Juli sollte es für ein halbes Jahr auf einmal eingezogen werden, pro Person achtzehn Yuan. Manche Fischerdörfer am Meer waren wirtschaftlich entwickelt und zahlten aus öffentlichen Mitteln, ohne dass die Dorfbewohner in die Tasche greifen mussten, aber manche armen Bergdörfer hatten das nicht und mussten bei jedem Haushalt einzeln kassieren. Bei armen Haushalten sagte der Haushaltsvorstand, er habe kein Geld; bei manchen auswärts lebenden Haushalten fand man niemanden. Diese Leute waren alle in die Stadt gezogen; rief man sie an, sagten sie: „Das ist ja zum Lachen – wir produzieren keinen Müll im Dorf, warum sollten wir Hygienegebühren zahlen?“ Wenn die Hygienegebühren nicht eingezogen werden konnten, konnten die Löhne der Hygienekräfte nicht ausgezahlt werden. Wu Xiaohao wurde überall, wo sie hinkam, von den Hygienekräften gefragt: „Bürgermeisterin Wu, bei dieser Hitze arbeiten wir so schwer, warum zahlen Sie uns den Lohn nicht?“ Wu Xiaohao musste sie beruhigen – der Lohn werde sicher gezahlt, es sei nur eine Frage der Zeit. Die Zeit verging Tag für Tag, die Löhne wurden Tag für Tag geschuldet. Wu Xiaohao dachte: Wenn es so weitergeht, können die Hygienegebühren auf keinen Fall vollständig eingezogen werden; wie soll ich zum Jahresende diesen täglich arbeitenden Hygienekräften gegenübertreten? Ich bin für diese Sache zuständig und vertrete die Gemeindeverwaltung – wenn ich das so endlos hinauszögere, schadet das nicht dem Bild der Regierung? Sie berichtete dies dem Parteisekretär und schlug vor, die Gemeinde solle dieses Geld nicht mehr einziehen, sondern aus den Gemeindefinanzen bezahlen. Aber der Parteisekretär sagte: „Wer nicht den Haushalt führt, weiß nicht, wie teuer Reis ist. Weißt du, wie viele Stellen Geld brauchen? In dieser Zeit haben wir für die E-Commerce-Servicestellen in den Dörfern Computer angeschafft – das hat schon einen Großteil des verfügbaren Geldes verschlungen.“ Wu Xiaohao dachte, der Parteisekretär habe recht – in so einer Gemeinde bekamen so viele Leute Gehalt, so viele Dinge kosteten Geld, die Hygienegebühren zu erlassen war unmöglich. Aber wenn sie an die „roten Westen“ in den Dörfern dachte, die mit Besen schwitzend die Straßen reinigten und das Dorfbild veränderten, aber keine Bezahlung erhielten, fühlte sie sich sehr unwohl. An diesem Tag kam ein berühmter Wissenschaftler namens Gong Weixing zur Besichtigung der Kulturstätten, Wu Xiaohao musste ihn natürlich begleiten. Nach Besichtigung der Danfei-Tempelruine schauten sie sich die „Hehe-Berg-Ruine“ an. Im Dorf Shiwu lud der Dorfsekretär alte Männer zum Gespräch ein, der Kulturschreiber rief den alten Hua und ein paar andere alte Männer zum Dorfkomitee. Ein alter Mann fragte Wu Xiaohao beim Anblick: „Wann wird der Lohn ausgezahlt?“ Wu Xiaohao erkannte ihn – er war die Hygienekraft dieses Dorfes –, und konnte nur ausweichend antworten: „Bald.“ Der alte Mann kniff die Augen zusammen: „Jeden Tag sagst du ‚bald, bald', aber du zahlst einfach nicht – du bist ein alter Lügner!“ Der berühmte Wissenschaftler verstand nicht, schaute den alten Mann an und dann Wu Xiaohao. Wu Xiaohao schämte sich zu Tode und erklärte dem Wissenschaftler die Situation. Der Wissenschaftler seufzte: „Ich schlage vor, die Beamten eurer Gemeindeverwaltung kommen hierher zur ‚Hehe-Berg-Ruine' und sprechen über ihre Erkenntnisse.“ Wu Xiaohao verbeugte sich mit rotem Gesicht wiederholt vor ihm: „Ich nehme die Kritik des Professors demütig an. Entschuldigung, wir werden diese Angelegenheit so schnell wie möglich lösen.“ Wie lösen? Nach der Rückkehr hatte sie keine Lösung. Nach dem Abendessen beschloss sie, zum Sorgenfreien Berg spazieren zu gehen, um sich zu entspannen. Dort angekommen entdeckte sie, dass Sun Wei und Wang Liuliang mit ihrem halbjährigen Kind auf dem Berggipfel saßen und spielten. Als das Kind gerade geboren worden war, hatte Wu Xiaohao es besucht; jetzt saß es schon auf Sun Weis Schoß und kicherte. Wu Xiaohao nahm es in die Arme. Sie hatte wieder das Gefühl, wie sie vor zehn Jahren ihre Tochter hielt. Sie drückte das Kind in ihren Armen an sich, hob den Kopf und schaute nach Nordosten, dachte: Mein Diandian, mein „Sorgenfreier Berg“, was machst du gerade? Sun Wei nutzte die Gelegenheit, ihr über die Arbeit zu berichten: Nach dem gemeindeweiten Square-Dance-Wettbewerb sei die Resonanz der Massen sehr gut; abends in manchen Dörfern sehe man noch mehr Tanzende, die Tanzbewegungen seien auch standardisierter geworden. Der Bau der Kulturräume in den Dörfern mache ebenfalls gute Fortschritte, bereits sechzig Prozent der Dörfer hätten welche gebaut. Außerdem werde die „Fotografen-Kiemenmenschen-Insel-Tour“ vorbereitet, die Liste der eingeladenen Fotografen sei fertig. Wang Liuliang winkte dem Kind zu: „Zhibao, komm zu deiner Mama.“ Dabei nahm sie das Kind. Sie öffnete ihre Bluse und ließ das Kind trinken, ihre Augen aber waren auf Wu Xiaohaos Gesicht gerichtet: „Schwester Wu, ich habe entdeckt, dass du graue Haare hast. Du bist doch erst sechsunddreißig, oder? Das solltest du nicht haben.“ Wu Xiaohao griff sich in die Haare: „Ich habe es schon bemerkt – wohl von der Arbeit. Die Hygienegebühren der Dörfer müssen beim Finanzamt eingezahlt werden, du solltest wissen, ob wir hier Fortschritte machen.“ Wang Liuliang seufzte: „Ich weiß, eine Kollegin von mir bearbeitet das, sie hat mir gesagt, es ist sehr schwierig, alles einzuziehen.“ Wu Xiaohao raufte sich die Haare: „Was soll ich tun? In den Augen dieser Hygienekräfte bin ich ein alter Lügner...“ Wang Liuliang sagte: „Soweit ich weiß, hat der Bezirk Geld, diese Summe sollte machbar sein.“ Wu Xiaohaos Augen leuchteten auf: „Richtig, im ganzen Bezirk gibt es etwa fünfhunderttausend Landbewohner, insgesamt kostet das nur etwa zehn Millionen. Wenn der Bezirk die städtischen Hygienekosten übernehmen kann, warum nicht diese zehn Millionen für die ländlichen Gebiete? Ich muss das der Führung melden.“ Wang Liuliang nickte: „Ja, das solltest du melden, sonst können wir es überhaupt nicht lösen.“ Sie nahm das Kind hoch, drehte es in ihren Armen um, steckte die andere Brustwarze in den Mund des Kindes und sagte dann mit erhobenen Kopf: „Bürgermeisterin Wu, ich kann dir eine gute Nachricht berichten – die Gemeindezulagen sind bewilligt und werden bald ausgezahlt, ab Januar nachgezahlt.“ Wu Xiaohao sagte: „Großartig, ein paar hundert Yuan mehr im Monat – für Gemeindekader ist das sowohl eine materielle als auch eine geistige Ermutigung. Für mich persönlich wird auch der Druck durch die Hypothek etwas geringer.“ Sun Wei sagte: „Bürgermeisterin Wu, meine Zeit als Dorfstudent läuft bald ab, ich plane, nächstes Jahr die Beamtenprüfung abzulegen und mich direkt für eine Stelle in der Gemeinde Meipo zu bewerben – bitte unterstützen Sie mich.“ Wu Xiaohao sagte: „Ich werde dich auf jeden Fall unterstützen. Als Nächstes gebe ich dir weniger Aufgaben, damit du Zeit zum Lernen hast.“ Wang Liuliang sagte: „Wenn Sun Wei die Prüfung besteht und wir beide hier arbeiten, verdienen wir mehr als Beamte in der Stadt – das ist doch gut.“
| + | Die Geschichte war folgende: Vor mehr als zehn Jahren hatte die Gemeinde jedes Jahr Abgaben erhoben. Der alte Chang war die Last nicht mehr losgeworden und hatte kurzerhand in einem Anfall von Wut einen Verwandten im Nordosten aufgesucht, eine Umzugsgenehmigung besorgt und beim Polizeirevier die Registrierung für sich und seine Frau abgemeldet. Doch er war nie nach Nordosten gegangen und hatte sich auch nirgends sonst angemeldet — die Papiere lagen zu Hause, und von da an musste er keine Abgaben mehr zahlen, was er als Vorteil empfand. Was er nicht im Traum ahnte: In den letzten Jahren waren die Abgaben abgeschafft worden, der Staat zahlte Bauern inzwischen Getreideanbaubeihilfe und Altersrente, und Arztkosten wurden größtenteils erstattet — von alldem konnte er nichts in Anspruch nehmen, von Sozialhilfe ganz zu schweigen. Immer verzweifelter ging er wieder und wieder zum Polizeirevier und bat, seinen Hukou wieder eintragen zu lassen — aber man lehnte ab. |
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| − | Bis zum Sonnenuntergang gingen Wu Xiaohao und Sun Weis Familie vom Amphitheater hinunter und kehrten zu ihren jeweiligen Unterkünften zurück.
| + | Wu Xiaohao fragte: „Hast du Kinder?" |
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| − | In ihrer Kammer kreisten ihre Gedanken noch immer um die Umweltgebühr. Sie überlegte: Welchem Bezirksführer soll ich diese Angelegenheit melden? Nach langem Überlegen beschloss sie, dem Ersten Sekretär des Bezirkskomitees einen Brief zu schreiben. Sie öffnete ihren Computer und begann zu tippen: „Geehrter Parteisekretär Guo: Ich grüße Sie! Ich bin Wu Xiaohao, stellvertretende Bürgermeisterin von Huapo, und möchte Ihnen ein dringendes Problem bei der integrierten Stadt-Land-Abfallentsorgung melden..."
| + | Der alte Chang sagte: „Einen Sohn. Aber vorvorletztes Jahr hat er am Strand Xishi-Zungen gegraben und wurde vom Blitz erschlagen — keine Ahnung, welche Sünde er begangen hat. Übrig blieben seine Frau und eine kleine Tochter; die haben genug mit sich selbst zu tun und kümmern sich nicht um uns alte Leute." |
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| − | Zwei Tage später, an einem Morgen, erhielt Wu Xiaohao einen Anruf von Xie Hongfeng, dem Sekretär des Dorfes Xiejia'ao. Er sagte, die Umweltreinigungskraft ihres Dorfes habe die Arbeit niedergelegt, seit mehreren Tagen habe niemand die Straße gefegt, und der Müll würde nicht mehr abgeholt – das Dorf stinke bereits zum Himmel. Er bat sie dringend, das Problem zu lösen. Wu Xiaohao fragte: „Warum streikt er?" „Weil der Lohn nicht ausgezahlt wird", antwortete Xie Hongfeng. Wu Xiaohao sagte: „Ich melde das gerade der Führung und bemühe mich um eine schnelle Lösung. Sag ihm, er soll erst einmal weiterarbeiten." Xie Hongfeng sagte: „Das habe ich ihm gesagt, aber er hört nicht." Wu Xiaohao sagte: „Wenn er nicht arbeitet, such jemand anderen." Xie Hongfeng sagte: „Ich würde das gerne so machen, aber andere hören, dass der Lohn nicht ausgezahlt wird, und lehnen auch ab." Wu Xiaohao fragte: „Können die Dorfkader das vorübergehend übernehmen, wenn ihr kurzfristig niemanden findet?" Xie Hongfeng zögerte einen Moment und sagte: „Also gut, machen wir es erst einmal so."
| + | Wu Xiaohao wusste längst, dass Xishi-Strand früher Xishi-Zungen-Strand geheißen hatte — weil am dortigen Strand massenhaft eine große Muschel namens „Xishi-Zunge" vorkam. Irgendwann fanden die Leute den Namen zu sperrig und ließen das Wort „Zunge" aus dem Dorfnamen weg. Das Fleisch dieser Muscheln, das sie herausstreckten, war weiß und zart, und irgendein Urahn hatte es „Xishi-Zunge" getauft; die Muscheln wurden sogar zum jährlichen Tribut, den die Beamten des Kreises Yucheng an die Hauptstadt schickten. Allerdings war jener Strand flach und breit und wurde im Sommer regelmäßig von Blitzeinschlägen heimgesucht. |
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| − | Wu Xiaohao kannte Xie Hongfeng – er war ziemlich stur und hatte keine Durchsetzungskraft, aber sein Charakter war in Ordnung. Sie wollte wissen, ob der alte Xie wie von ihr verlangt gehandelt hatte, und fuhr am nächsten Tag nach dem Frühstück mit Xiao Chen dorthin. Kaum waren die beiden mit dem Motorrad ins Dorf gefahren, sahen sie die Hauptstraße völlig verdreckt, überall lag Müll und Abfall. Die Mülltonnen waren übervoll, daneben türmten sich große Haufen, Fliegen summten wild umher. | + | Im Dorf angekommen, fragte Wu Xiaohao den alten Chang, wo er wohne. Er deutete nach vorn: „Da vorne, da vorne." Sie kamen zu einem heruntergekommenen Hof, und der alte Chang sagte: „Hier." Wu Xiaohao stieg aus und trat ein — in der Wohnstube herrschte unbeschreiblicher Dreck und Unordnung, nicht einmal ein Fernseher war da. Auf dem Bett in der Ecke lag eine alte Frau mit eingefallenen Augen — auf den ersten Blick eine Kranke. Der alte Chang stellte die mitgebrachten Teigtaschen neben ihr Kopfkissen, holte Stäbchen und fütterte sie. Wu Xiaohao fragte: „Großmutter, was fehlt Ihnen?" Der alte Chang sagte: Cor pulmonale, seit über zehn Jahren. Wu Xiaohao holte ihr Portemonnaie heraus, sah, dass noch dreihundert Yuan darin waren, zog zweihundert heraus und gab sie dem alten Chang — er solle der Großmutter etwas Kräftigendes kaufen. Der alte Chang schwenkte die beiden Geldscheine vor seiner Frau: „Siehst du? Das ist ein waschechter Kader der Partei!" |
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| − | Xiao Chen zeigte auf eine Wassermelonenschale: „Schau, da sind schon Maden drin." Wu Xiaohao schaute hin und sah tatsächlich Dutzende kleiner Maden herumkriechen und wühlen. Sie wurde wütend, rief Xie Hongfeng an, ließ ihn zur Stelle kommen, zeigte ihm die Situation und fragte streng, warum er nicht selbst ein paar Tage die Reinigungsarbeit übernommen habe und das Dorf so verkommen lasse. Xie Hongfeng verzog das Gesicht und sagte: „Ich wollte ja, aber kaum hatte ich ein paar Mal auf der Straße gefegt, kam der Reinigungsarbeiter und riss mir den Besen weg. Er sagte, er wolle, dass Xiejia'ao zu einem Müllplatz werde, damit die Gemeinde endlich den Lohn auszahle." Als Wu Xiaohao das hörte, kribbelte ihre Kopfhaut vor Ärger.
| + | Auf der Rückfahrt von Xishi-Strand war Wu Xiaohaos Gemüt schwer. Sie erinnerte sich, dass die Provinz bereits eine Anweisung erlassen hatte, in den Dörfern transparente Sozialhilfe einzuführen und Korruption sowie Ungerechtigkeit bei der Vergabe zu unterbinden. Zurück in der Gemeindeverwaltung rief sie sofort den Parteisekretär an und berichtete: wie der alte Chang frühmorgens Ärger gemacht hatte, wie sie ihn nach Hause gefahren und welche Zustände sie vorgefunden hatte. Sie empfahl dringend, dass die Gemeinde das Problem ernsthaft löse. Der Sekretär sagte: „Was du schilderst, ist mir zum Teil bekannt. Transparente Sozialhilfe — das muss schnellstmöglich umgesetzt werden." |
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| − | Ein paar Frauen, die zunächst vor ihren Haustüren gestanden und zugeschaut hatten, kamen nun näher und redeten durcheinander. Eine kleine alte Frau sagte: „Ihr in der Verwaltung seid wirklich kleinlich – nur fünfhundert Yuan im Monat, und dann lasst ihr die Leute auch noch warten. Heutzutage verdient man beim Arbeiten zwei- bis dreihundert am Tag, manche bekommen das Bargeld sofort."Wu Xiaohao erklärte, dass der Lohn auf jeden Fall ausgezahlt werde, es sei nur noch nicht vorbereitet.
| + | Dann fügte der Sekretär hinzu: „Heute hat der alte He Bereitschaft. Fahr nach Hause." Wu Xiaohao sagte: „Gut, sobald er hier ist, fahre ich." |
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| − | Die kleine alte Frau sagte: „Zahlt nicht alles die Regierung? Wenn es nicht vorbereitet ist – wird euer Lohn etwa auch zurückgehalten?"
| + | Sie kramte aus der Schublade eine Instantnudelpackung hervor und goss heißes Wasser darüber. Kaum hatte sie aufgegessen, schob He Chengshou die Tür auf und streckte seine große Gestalt entgegen: „Xiaohao, frohes neues Jahr!" Wu Xiaohao sprang auf und schüttelte ihm die Hand. He Chengshou erblickte den noch dampfenden Nudelbecher und war fassungslos: „Am Neujahrstag isst du Instantnudeln? Ich habe doch angeordnet, dass die Kantine Teigtaschen macht!" Wu Xiaohao sagte: „Die wurden gemacht — ich bin nur nicht dazu gekommen, welche zu essen." Dann erzählte sie die Sache mit dem alten Chang. He Chengshou sagte: „Den kenne ich, er war schon mehrmals hier, um vorzusprechen. Ich habe auch mit Yuan Xiaoxiao geredet, aber der Kerl rührt keinen Finger. Ich rede noch mal mit ihm. Und auch der Hukou vom alten Chang muss geregelt werden — ich spreche mal mit dem Chef der Polizeiwache." |
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| − | Wu Xiaohao wusste nichts zu erwidern. Sie zog Xie Hongfeng an einen unbelebten Ort, holte ihre Geldbörse heraus und sagte: „Ich zahle dem Reinigungsarbeiter hier erst einmal einen Monatslohn aus – kannst du ihn überreden weiterzuarbeiten?" | + | Wu Xiaohao sagte: „Wenn der Bürgermeister sich darum kümmert, bin ich beruhigt." |
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| − | Xiao Chen, der hinter ihr stand, hielt sie sofort zurück: „Bürgermeisterin Wu, das geht nicht. Wenn Sie diesem Dorf zahlen, erfahren die anderen Dörfer sofort davon, und alle kommen zu uns – wer kann das alles bezahlen?"
| + | He Chengshou schwenkte seine große Hand: „Sei ganz unbesorgt, was du ansprichst, erledige ich zuverlässig. Fahr jetzt." |
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| − | Wu Xiaohao dachte, Xiao Chen habe recht, so könne man es wirklich nicht machen. Aber der dreckige Anblick vor ihren Augen war unerträglich. Sie wies Xiao Chen an: „Ruf das Bezirkshygienebüro an, die sollen einen Wagen schicken, wir helfen beim Beladen." | + | '''8''' Wu Xiaohao fuhr in die Kreisstadt Pingchou, um You Haoliang und Diandian abzuholen und nach Yucheng zurückzubringen. Auf der Rückfahrt übernahm You Haoliang das Steuer, Diandian kuschelte sich auf der Rückbank in Wu Xiaohaos Arme und verlangte, dass ihre Mama sie in den Ferien jede Minute begleite. Wu Xiaohao sagte: Ja, jede Minute! |
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| − | Dann betrat Wu Xiaohao ein Haus am Straßenrand, fand im Hof einen Besen, kam damit heraus, stellte sich mitten auf die Straße und begann zu fegen – links, rechts, links, rechts. Xie Hongfeng schaute zu und rief den Umstehenden laut zu: „Seht ihr? Die Bürgermeisterin kommt und fegt für uns die Straße – was steht ihr noch rum? Es gibt ein altes Sprichwort: ‚Jeder fegt den Schnee vor seiner eigenen Tür' – die Straße vor dem eigenen Haus zu fegen, ist das nicht selbstverständlich?" Mit diesen Worten ging er zu einem Haushalt, holte sich einen Besen und machte sich ebenfalls an die Arbeit. Einige Dorfbewohner verließen ihre Häuser und packten mit an – schnell verwandelte sich die Hauptstraße.
| + | Zu Hause angekommen, schaltete Diandian die Spielkonsole ein, drückte Wu Xiaohao einen Controller in die Hand und wollte mit ihr zusammen spielen. Das Spiel hieß „Zombie-Mission" — ein Zombievirus hatte die ganze Stadt befallen, und zu zweit mussten sie eine Spezialeinheit zur Virusbekämpfung bilden, wobei sie allerlei Gefahren überwinden mussten. Wu Xiaohao verstand das Prinzip und spielte mit, doch während des Spiels verwandelten sich die Zombies vor ihren Augen in den Tiger-Banditen, in Erdaohe und die anderen. Weil sie abgelenkt war und auch, weil sie nicht so schnell reagierte wie ein Kind, spielte sie ständig schlecht mit Diandian zusammen. Diandian wurde ungeduldig und schubste sie weg: „Geh, geh, geh! Ich hab's ja gewusst, du bist nicht bei der Sache — dann kämpfe ich eben allein!" |
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| − | Doch plötzlich kam ein alter Mann in roter Weste von irgendwoher angelaufen und brüllte: „Wer hat euch gesagt, dass ihr fegen sollt? Wer? Ich habe mehrere Monate gearbeitet und keinen Pfennig bekommen – wenn ihr jetzt fegt, bekomme ich dann überhaupt noch was?"
| + | Aus der Küche klapperte und schepperte es — You Haoliang bereitete das Abendessen vor. Schon unterwegs hatte er Diandian gefragt, was sie am Abend essen wolle; Diandian hatte gesagt, Papas „Buddhas Freude", und nun hatte er sich ans Werk gemacht. You Haoliang hatte zwar allerlei Fehler, aber dass er seine Tochter über alles liebte und gern kochte — diese beiden Vorzüge musste Wu Xiaohao ihm zugestehen. |
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| − | Wu Xiaohao stand da, den Kopf gesenkt, wusste nicht, wie sie antworten sollte.
| + | Zhen Yueyue schickte eine WeChat-Nachricht: „Schwägerin, endlich mal Neujahr — gönnen wir uns doch einen Abend Luxus mit den Mädels! Getrennte Rechnung, hundert pro Nase. Wenn du Zeit hast, dann morgen Abend um sechs, in Ma Yuns ‚Erster Klasse'." |
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| − | Genau in diesem Moment klingelte ihr Handy – eine Festnetznummer. Der Anrufer sagte: „Ist da Bürgermeisterin Wu Xiaohao? Ich bin Xiao Song, Sekretär von Parteisekretär Guo. Ihr Brief hat den Sekretär erreicht, er hat eine Anweisung gegeben und sofort mit den zuständigen Abteilungen eine Sonderbesprechung abgehalten. Es wurde beschlossen, die Löhne der Reinigungskräfte aus dem Bezirkshaushalt zu finanzieren – innerhalb von zwei Wochen wird das Geld ausgezahlt."
| + | Wu Xiaohao antwortete sofort: „Prima, ich komme. Danke, Schwägerin!" |
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| − | Als Wu Xiaohao das hörte, sagte sie nur „Danke", ihre Stimme erstickt vor Rührung.
| + | Am nächsten Abend erreichte Wu Xiaohao die Erste Klasse im Stadtzentrum und betrat das mit allerhand altem Schiffsholz dekorierte Restaurant. Ma Yun stand in der Lobby, den Kopf wie gewohnt schief geneigt, die Haare zur Seite hängend wie schwarze Bandnudeln. Wu Xiaohao sagte lachend: „Neujahrsgrüße für die reichste Frau Ma — auf dass dein Geschäft dieses Jahr noch besser läuft!" Ma Yun umarmte sie kurz: „Schwesterchen Bürgermeisterin, hör auf, mich zu bemitleiden! Der stehend pinkelnde Ma Yun hat ein Wirtschaftsimperium aufgebaut, die hockend pinkelnde Ma Yun kriegt nicht mal eine ‚Erste Klasse' vernünftig hin." Wu Xiaohao fragte, warum es nicht gut laufe. Ma Yun sagte: „Weil die öffentlichen Bewirtungen eingestellt wurden! Vor ein paar Jahren — was für ein Betrieb hier herrschte, jeden Tag brechend voll! Manche Funktionäre setzten das Menü auf über tausend Yuan pro Person an — ich wurde wahnsinnig, woher die ganzen Delikatessen nehmen? Jetzt ist alles ruiniert: Die Funktionäre melden sich abends am Esstisch ihrer Frauen, und ich sitze allein im leeren Laden und vermisse sie innig!" Wu Xiaohao konnte nicht anders als zu lachen: „Gerade weil du und manche Funktionäre den Amtsstil verdorben habt, hat die Zentrale hart durchgegriffen." Ma Yun sagte: „Na gut, na gut — wenn ich schon kein öffentliches Geld verdienen kann, muss ich eben an das Taschengeld der Mädels ran. Dass ihr heute Abend hier feiert — vielen Dank! Salon Nummer zwei, fast alle sind schon da, geh schnell rein." |
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| − | Die E-Commerce-Dienstleistungen von Huapo erlangten große Bekanntheit. Der Parteisekretär bewilligte die Mittel, stattete jedes Dorf mit einem Computer aus und ließ den Propagandaausschuss-Vorsitzenden Lao Qi eine Schulung veranstalten – der ländliche E-Commerce blühte in der ganzen Gemeinde auf. Neben dem Einkaufsservice für die Dorfbewohner lag der Schwerpunkt auf dem Verkauf von Huapo-Spezialitäten. Köstlichkeiten aus Bergen und Meer wurden online präsentiert, die Zahl der Käufer stieg täglich. Jeden Tag gingen große Mengen an Paketen von Huapo ab, adressiert an alle Ecken des Landes.
| + | Im Separee mit dem Schild „Kapitän Nr. 2" saßen tatsächlich sieben oder acht Frauen, jede prächtig herausgeputzt und eine schöner als die andere. Es war der engste Freundinnenkreis um Zhen Yueyue, die alle in einer WeChat-Gruppe namens „Wind, Blumen, Schnee und Mond" waren. Yueyue saß auf dem Ehrenplatz und deutete auf den leeren Stuhl zu ihrer Rechten: „Xiaohao, setz dich hierhin." Wu Xiaohao sagte: „Das geht doch nicht! Da sind ältere Schwestern — die sollen den Platz haben." Yueyue sagte: „Ältere Schwestern gibt es mehrere, aber Landfrau nur eine — nimm es als Anerkennung. Sitz!" Wu Xiaohao lachte: „Gehorsam geht vor Höflichkeit — die Landfrau setzt sich." |
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| | + | Kaum hatte sie Platz genommen, strich Yueyue ihr über die Haare: „Bevor du aufs Land gegangen bist, haben wir zusammen die Haare gefärbt — färbst du sie über Neujahr nicht mal nach?" Wu Xiaohao sagte: „Keine Zeit. Außerdem — als Landfrau muss ich nicht mehr färben, ich bleibe lieber natürlich." Sie betrachtete Yueyue: diesmal weinrot gefärbt, die Locken noch schöner, alles an ihr wirkte eleganter. Im großen Spiegel an der Wand sah sie sich selbst — am Scheitel hatte sich ein dunkles Tal aufgetan, das die aschblonden Haare zu beiden Seiten drängte; sie sah wirklich aus wie eine Frau vom Land, und ein Anflug von Selbstmitleid stieg in ihr auf. |
| | + | |
| | + | Ma Yun kam herüber, sah, dass alle da waren, und ließ die Speisen auftragen und den Wein einschenken; das Festmahl begann. Zunächst hob Yueyue das Glas auf das Frühlingsfest und trank drei Schlucke. Dann prostete Ma Yun als Vize-Gastgeberin, ebenfalls drei Schlucke. Danach wurde es etwas unordentlich. Eine Runde Frauen, jede wollte reden, aber wenn alle am Tisch über ein Thema sprachen, kamen manche nicht zu Wort und suchten sich eigene Gesprächspartnerinnen — Klatsch und Tratsch, Getuschel allenthalben. |
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| | + | Yueyue konnte es nicht mehr hören, klatschte in die Hände und rief: „He, Mädels — ist das hier ein Salon oder ein Wochenmarkt? Könnten wir uns vielleicht auf ein Thema konzentrieren? Machen wir's so: Jede erzählt der Reihe nach, was sie sich für dieses Jahr vorgenommen hat — ‚ein guter Plan fürs Jahr beginnt im Frühling' und so weiter." |
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| | + | Ihr Vorschlag fand allgemeine Zustimmung. Yueyue beschrieb mit der linken Hand einen Kreis: im Uhrzeigersinn, eine nach der anderen. Auf dem Ehrenplatz rechts saß Wang Min, Mitte vierzig, stellvertretende Filialleiterin einer Bank. Sie sagte: „Mein Plan: meinen Sohn nach England zum Studieren schicken." Die anderen sagten: „Dein Kind geht doch noch in die Mittelstufe — kannst du dich davon trennen?" Wang Min sagte: „Natürlich! Er soll lernen, auf eigenen Beinen zu stehen — davon hängt sein ganzes Leben ab. Ich werde alles tun, um ihm den Weg zu ebnen." |
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| | + | Eine Mittelschullehrerin namens Lian Yuhong sagte, ihr Vorhaben sei, einige Aufsätze zu veröffentlichen und noch dieses Jahr den höheren Rang zu erreichen. Die anderen wünschten ihr, dass es gelinge. |
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| | + | Eine Führungskraft eines Staatsbetriebs namens Zhuge Feng spreizte die Finger und sagte: „Wünscht mir auch Erfolg! Ich will mich von meinem Mann scheiden lassen!" Die anderen fragten: „Dein Mann ist doch prima — Unternehmer, stattliche Erscheinung — warum die Scheidung?" Zhuge Feng sagte: „Er ist schon prima — nur eines stimmt nicht: Er mag meinen Sohn nicht." Alle wussten, dass Zhuge Feng zum zweiten Mal verheiratet war. Dass sie deswegen erneut die Scheidung anstrebte, zeigte, wie sehr sie ihren Sohn liebte. |
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| | + | Eine Versicherungsmanagerin namens Gou Ru kicherte: „Ich habe da einen kleinen Wunsch — am besten wünscht ihr mir, dass er nicht in Erfüllung geht: Ich will mir einen Liebhaber zulegen." Kaum hatte sie ausgesprochen, zeigten bereits mehrere Finger auf sie: „Xiao Gou, bist du wahnsinnig? So etwas denkt und tut man heimlich — du verkündest es vor versammelter Runde!" Gou Ru faltete die Hände: „Bitte beschimpft mich wach! Wenn mich keiner beschimpft, gehe ich vielleicht unter." Yueyue fragte: „Wohin willst du untergehen?" Gou Ru sagte: „In die Arme eines WeChat-Freundes. Er redet so bezaubernd, ist so aufmerksam — verglichen mit meinem Kerl zu Hause ein Unterschied wie Wolke und Dreck." Yueyue warnte: „Sei vorsichtig — wenn die Wolke erst mal herabfällt, wird auch sie zu Schlamm." |
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| | + | Ma Yun erklärte als Nächstes, sie habe dieses Jahr ein Großprojekt vor: Eierstockpflege. Yueyue nickte: „Hm, deine Eierstöcke können wirklich eine Kur vertragen, die letzten Jahre waren hart." Einige Freundinnen kicherten. Ma Yun schlug auf den Tisch: „Denkt ja nicht in die falsche Richtung! Ich empfehle euch allen eine Behandlung. Die Eierstöcke sind der Motor der Frau — Eierstockpflege verlangsamt das Altern, kapiert ihr das?" Sie habe bereits ein Kosmetikinstitut kontaktiert, täglich eine Massage, mit ätherischen Ölen. Yueyue sagte: „Möge dein Motor ewig stark bleiben!" Zhuge Feng sagte: „Mögest du der Kampfjet unter den Hühnern sein!" |
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| | + | Eine schlanke, zierliche Frau namens Lu Chun stand auf und zupfte an ihrem entengelben Rundkragen-Kaschmirpullover: „Findet ihr, dass ich lebendiger aussehe als früher?" Alle sagten: ja. Lu Chun sagte: „Ich hatte schwere Depressionen. Seit ich an einem Kurs für Kleidungstherapie teilnehme, haben sich die Symptome erheblich gebessert; dieses Jahr mache ich weiter." Wu Xiaohao hatte zum ersten Mal davon gehört, dass Kleidung heilende Wirkung haben sollte, und fragte: „In dem Kurs — kauft man da ständig neue Kleidung?" Lu Chun sagte: „Ja, ein paar zehntausend Yuan im Jahr kommt man nicht herum. Aber verglichen mit der seelischen Gesundheit ist das doch ein Klacks." |
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| | + | Dann war Wu Xiaohao an der Reihe. Sie sagte, dieses Jahr wolle sie ihre eigentliche Arbeit gut machen und Sicherheitsunfälle verhindern; außerdem solle das Trommelstück „Jin qiu liang" als Kulturerbe anerkannt werden, und sie wolle einen Professor einladen, die Danxu-Ruine zu begutachten. Lian Yuhong sagte: „Die beiden letzten Punkte haben mit dem Altertum zu tun — inszeniere doch gleich ein Zeitreise-Drama, dann können die Mädels mal Theaterluft schnuppern!" Wu Xiaohao griff den Scherz bereitwillig auf: „Gerne doch! In Kaipo gibt es die Danxu-Ruine — Yueyue spielt die Königin des Danxu-Stammes, und wir stecken uns Vogelfedern ins Haar und werden ihre Hofdamen!" |
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| | + | Doch Yueyue lächelte nur flüchtig: „An einer Rolle als Königin habe ich kein Interesse. Ich will in die Antarktis." Am ganzen Tisch herrschte Staunen. Wang Min sagte: „Was sagst du? Die Antarktis ist doch kein Sonntagsausflug!" Yueyue sagte: „Genau weil man nicht einfach so hinfahren kann, reizt es mich umso mehr. Dieser Gedanke begleitet mich schon lange — allein wenn ich an die Eisberge, Eisschilde, Pinguine und Wale denke, bin ich schon ganz hingerissen." Wu Xiaohao sagte: „Außer Forschungsexpeditionen und Abenteurern kommt doch kein normaler Mensch dorthin." Yueyue sagte: „Es gibt inzwischen Tourismusrouten in die Antarktis, gewöhnliche Reisende können fahren. Ich will mich anmelden — wer kommt mit?" Die Frauen am Tisch sahen sich nur groß an; keine meldete sich. Gou Ru sagte: „Auf keinen Fall — ich will nicht dort sterben und zur Eisskulptur werden." Wu Xiaohao sagte: „Ich würde mich trauen — aber ich bekomme keinen Urlaub." Yueyue sagte: „Gut, ich zwinge euch nicht. Möge jede ihren Plan verwirklichen und das Jahr der Schlange erfüllt und wunderbar gestalten! Prost!" |
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| | + | Nach dem Treffen fand Wu Xiaohao ihr Zuhause stockfinster vor. Sie schaltete das Licht an — keine Spur von Vater und Tochter. Sie rief You Haoliang an. Der sagte, er habe Diandian zum Neujahrsbesuch bei Direktor Dai mitgenommen. Wu Xiaohao wusste, dass Direktor Dai ein Landsmann aus Pingchou war, der früher im Kreis gearbeitet und den You Haolangs Vater befördert hatte. Seit You Haoliang nach Yucheng gezogen war, pflegte er eifrig den Kontakt und besuchte ihn immer wieder in der Hoffnung auf Gefälligkeiten. Direktor Dai hatte zwar wenig Lust, sich mit You Haoliang abzugeben, ließ aber um des alten Chefs willen ein paarmal Bürobedarf bei ihm einkaufen. |
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| | + | Wu Xiaohao sorgte sich, dass es Diandian negativ beeinflussen könnte, wenn sie bei solch banalen Beziehungspflegeritualen dabei war. Andererseits überlegte sie, dass sie selbst ihre Tochter auch nicht zum Treffen mitgenommen hatte und sie ja nicht allein zu Hause lassen konnte. Und so keimte erneut ein Schuldgefühl in ihr auf. |
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| | + | Sie ging in Diandians Schlafzimmer und setzte sich an den kleinen Schreibtisch. An der Wand klebten einige Posterchen — junge Sängerinnen und Sänger, chinesische und koreanische. Auf dem Tisch lag alles durcheinander; sie wollte aufräumen, entdeckte aber auf der Tischplatte einen Aufkleber, auf dem ein Mädchen mit strengem Blick auf sie deutete, daneben acht Zeichen: „Diandians Reich — Anfassen verboten!" Sie lächelte und ließ die Hände sinken. |
| | + | |
| | + | Auf dem Tisch lag ein dickes Buch, „Dieser Tag in der Geschichte", von einem anderen Verlag als das, das sie selbst immer bei sich trug. Bevor sie aufs Land gegangen war, hatte sie einmal mit Diandian eine Buchhandlung besucht; Diandian hatte dieses Buch gesehen und es unbedingt haben wollen. Sie hatte gefragt: „Du magst ‚Dieser Tag in der Geschichte' auch?" Diandian hatte erwidert: „Nur du darfst es mögen, und ich nicht?" |
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| | + | Sie blätterte durch das Buch und fand ein einlaminiertes Lesezeichen. Sie schlug die Seite auf — die Überschrift lautete „9. Februar". |
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| | + | 600 v. Chr. — Geburt von Laozi, dem Begründer des Daoismus |
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| | + | 1234 — Der letzte Kaiser der Jin-Dynastie erhängt sich, das Jin-Reich geht unter |
| | + | |
| | + | 1863 — Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz |
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| | + | 1921 — Der lebende Buddha der Mongolei erklärt die Unabhängigkeit der Äußeren Mongolei |
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| | + | 1928 — Die Kommunistische Internationale gibt der KPCh neue Anweisungen |
| | + | |
| | + | 1947 — Das Massaker vom 29. Februar in Shanghai |
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| | + | 1956 — Das Komitee für Schriftreform veröffentlicht den Entwurf des Pinyin-Systems |
| | + | |
| | + | 1964 — Die Beatles treten erstmals im amerikanischen Fernsehen auf |
| | + | |
| | + | 1969 — Die Boeing 747 mit 500 Passagieren absolviert ihren Erstflug |
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| | + | 1982 — Die Zentrale fordert Maßnahmen zur Familienplanung |
| | + | |
| | + | 1998 — China erzielt Durchbruch bei der Forschung an transgenen Schafen |
| | + | |
| | + | Darunter, im weißen Rand, stand in kindlicher Handschrift: |
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| | + | 2013 — Mama hat Silvester nicht mit Diandian zusammen verbracht |
| | + | |
| | + | Wu Xiaohao zuckte zusammen. Also führte auch Diandian in einem solchen Buch Aufzeichnungen über persönliche Ereignisse — und hielt darin mein Versagen als Mutter fest! Sie starrte auf die Zeile, legte den Kopf auf den Tisch und litt eine ganze Weile. |
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| | + | '''9''' Am siebten Tag, dem ersten Arbeitstag, ging Wu Xiaohao bei Dunkelheit zur Bushaltestelle und bestieg um halb sieben den ersten Bus nach Kaipo. |
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| | + | Sieben Tage Ferien — sie war leibhaftig in Yucheng gewesen, doch mit dem Herzen in Kaipo und immer in Sorge, es könnte etwas passieren. Ihr Handy schaltete sie nie aus, und jeden Tag rief sie einmal im Parteibüro an, um sich zu erkundigen. Glücklicherweise hatte es in der ganzen Feierwoche nur zwei betrunkene Fischergruppen gegeben, die sich geprügelt hatten — ein Fall für die Polizei, kein Sicherheitsvorfall. |
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| | + | Hinter der Stadt fuhr der Bus auf der Küstenstraße nach Süden. Sie blickte hinaus und sah, wie das Morgenrot am Horizont erst schwach, dann kräftiger wurde, die Wolken darüber und die Wellen darunter färbte. Das goldene Band auf dem Wasser erstreckte sich von der Kiemeninsel bis zum Strand und blendete sie. |
| | + | |
| | + | Beim Anblick der Kiemeninsel fiel ihr ein, dass am dritten Tag die Frauenbeauftragte der Kiemeninsel, Wan Yufeng, sie angerufen und gesagt hatte, der Bürgermeister sei auf der Insel und wolle gerade trinken; sie solle doch auch kommen. Wu Xiaohao hatte gedankt und gesagt, sie sei in Yucheng und könne nicht kommen, und ihnen frohe Feiertage gewünscht. Sie stellte sich vor, wie der Bürgermeister mit Li Dazhao und Wan Yufeng zusammensaß und bestimmt wieder maßlos aß und trank. Ob sie auch wieder rohen Tintenfisch aßen? Beim Gedanken an die Tentakel, die sich an ihren Mündern wanden, wurde Wu Xiaohao wieder übel. |
| | + | |
| | + | Kurz vor Kaipo schickte der Leiter des Bezirksamts für Kultur und Sport, Fan Weixing, ihr plötzlich per WeChat ein Foto. Es war die Kulturseite der „Dazhong Ribao" mit mehreren Artikeln; einer davon hieß „Gong und Trommel dröhnen: ‚Jin qiu liang'" und trug die Namen Wu Xiaohao und Guo Mo als Verfasser. Wu Xiaohao freute sich und antwortete: „Danke, dass du es mir sagst, Studienkollege." Fan Weixing sagte: „Dass ihr zwei ‚Jin qiu liang' ausgegraben habt, ist sehr verdienstvoll. Die Aufnahme in die städtische Liste des immateriellen Kulturerbes dürfte kein Problem sein, aber wir müssen es auch wieder lebendig machen — es der heutigen Welt zeigen." Wu Xiaohao sagte: „Das haben wir doch schon — bei der ‚Kaipo-Neujahrsgala' war es die Eröffnungsnummer." Fan Weixing sagte: „Dann schicke ich jemanden, der es ausfeilt — zum Laternenfest soll es in Yucheng aufgeführt werden." Wu Xiaohao sagte: „Prima, schick schnell jemanden!" |
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| | + | Dann leitete sie das Foto an Guo Mo weiter. Guo Mo antwortete sofort: „Danke, Frau Bürgermeisterin — ich bin der Glatzköpfige, der im Mondschein wandelt und mitprofitiert, hehe." |
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| | + | Zurück in der Gemeindeverwaltung spürte Wu Xiaohao die festliche Stimmung: Jeder, dem man begegnete, grüßte lachend: „Frohes neues Jahr!" Kaum hatte sie in ihrem Büro Platz genommen, erschien der Parteisekretär der Gegou-Gemeinde, Zhang Zunliang, mit den sechs Dorfparteisekretären des Gegou-Bezirks zum Neujahrsgruß. Wu Xiaohao bat sie, sich zu setzen. Zhang Zunliang sagte: „Nein, gleich ist Versammlung — wir gehen in den Sitzungssaal." Wu Xiaohao sagte: „Ich komme mit." |
| | + | |
| | + | Wu Xiaohao hatte gehört, dass am ersten Arbeitstag eine gemeinsame Neujahrsversammlung aller Gemeindekader und Dorfparteisekretäre in Kaipo Tradition war. Als über hundert Leute den großen Sitzungssaal füllten, wünschte Parteisekretär Zhou Bin zunächst allen ein frohes neues Jahr und ging dann zur Arbeitsplanung über. Er sagte, dieses Jahr sei das Auftaktjahr zur Umsetzung des Geistes des 18. Parteitags — man müsse „Stabilität wahren, solide beginnen". Was den Auftakt in Kaipo angehe, blickte er auf sein Manuskript und erläuterte Punkt für Punkt, klar und überzeugend. Zum Schluss kam er auf die transparente Sozialhilfe zu sprechen. Er sagte, in manchen Dörfern gebe es bei der Vergabe schwerwiegende Probleme: Regierungsgelder erreichten nicht die bedürftigen Haushalte, sondern landeten bei wohlhabenden Familien und schadeten dem Ansehen der Regierung; das müsse entschieden berichtigt werden. Er beauftragte den Organisationsbeamten Sun Jishan mit der Sache — sämtliche Sozialhilfelisten in den Dörfern seien erneut zu prüfen, und wer die Voraussetzungen nicht erfülle, müsse gestrichen werden. Sun Jishan nickte und stimmte zu. |
| | + | |
| | + | Nach seiner Rede bat der Parteisekretär den Bürgermeister um Ergänzungen. Der Bürgermeister sagte, er stimme dem Sekretär vollkommen zu und hoffe, dass alle die Umsetzung vorantrieben. Er betonte besonders, dass alle vom Staat erlassenen Maßnahmen zur Stärkung der Landwirtschaft und Förderung der Bauern konsequent umgesetzt und der Elan der Bauern und Fischer geschützt und geweckt werden müssten. Gemäß dem Ersten Zentraldokument sei einerseits die ländliche Pachtverhältnis-Stabilität zu wahren, andererseits der geordnete Transfer von Pachtrechten zu lenken — Übertragungen an Großbauern, Familienbetriebe und Genossenschaften seien zu fördern, um vielfältige Formen der Großbewirtschaftung zu entwickeln. In der Fischerei solle man weiterhin Fangbetrieb, Aquakultur und Verarbeitung kräftig ausbauen. Kurz: In Kaipo solle Landwirtschaft und Fischerei gleichermaßen blühen — Doppelernte zu Lande und zur See. |
| | + | |
| | + | Der Disziplinarinspektor, der alte Qin, hob einen Finger und sagte mit ernster Stimme: „Ich möchte nur einen Punkt ansprechen und alle eindringlich erinnern: Nach dem 18. Parteitag hat die Korruptionsbekämpfung eine noch nie dagewesene Schärfe erreicht. Der Generalsekretär hat gerade auf der Plenarsitzung der Zentralen Disziplinarkommission gesagt: ‚Tiger und Fliegen werden gleichermaßen gejagt.' Das heißt: Korrupte Beamte, ob groß oder klein, egal wo — ob in der Hauptstadt, in der Provinzhauptstadt, im Bezirk oder in der Gemeinde — haben kein Versteck mehr. Ich hoffe, alle erkennen die Lage und handeln entsprechend." |
| | + | |
| | + | Wu Xiaohao nickte, dachte aber plötzlich: Eigentlich hätte der Parteisekretär das sagen müssen — warum hatte er kein Wort davon erwähnt? Hatte er Bedenken, hatte er Angst, jemanden zu reizen? |
| | + | |
| | + | Sie schaute zum Bürgermeister hinüber. Er hatte das Kinn fest an den Hals gepresst, sein Gesicht war aschfahl, und seine Augen starrten starr aus dem Fenster. |
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| | + | Als Letzte sprach Wu Xiaohao. Sie sagte: „Vor dem Neujahrsfest gab es eine Explosion — in Yaotuan starben Großvater und Enkel. Ich bin zutiefst betroffen und muss als Führungskraft die Verantwortung übernehmen. In diesem Jahr müssen alle Einheiten und Dörfer der Gemeinde das Thema Sicherheit fest im Griff behalten und garantieren, dass keine Unfälle mehr geschehen. Was den kulturellen Aufbau betrifft, brauchen wir ebenfalls neue Ideen und neue Maßnahmen …" |
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| | + | Gerade als sie so weit war, unterbrach Sekretär Zhou: „Ich möchte Bürgermeisterin Xiaohao ein Lob aussprechen." Er tippte ein paarmal auf sein Handy und hielt es dem Saal entgegen: „Das ist die heutige Digitalausgabe der ‚Dazhong Ribao' — darin steht ein Artikel von Bürgermeisterin Xiaohao. Sie hat unser Schlagwerk ‚Jin qiu liang' über die Grenzen hinaus bekannt gemacht." |
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| | + | Alle Augen im Saal richteten sich auf Wu Xiaohao. Sie beeilte sich zu sagen: „Das habe ich zusammen mit Stationsleiter Guo Mo geschrieben." Guo Mo, der in einer Ecke des Saals saß, sagte mit rotem Gesicht: „Das hat alles Bürgermeisterin Wu geschrieben — sie hat mich nur mit auf den Artikel gesetzt." |
| | + | |
| | + | Sekretär Zhou fuchtelte mit einer Hand: „Ich sage immer: Ein Kader muss nicht nur handeln, sondern auch schreiben können. Ein Artikel in der Parteizeitung der Provinz — die Wirkung ist unermesslich. Bürgermeisterin Xiaohao hat ein gutes Vorbild gegeben. Ich verkünde hiermit: Gemäß unserer Prämienordnung erhalten die Autoren fünftausend Yuan!" |
| | + | |
| | + | Es gab etwas Applaus, aber nicht gerade begeistert. Wu Xiaohao kannte die Einstellung mancher Kader — sie teilten nicht die Ansicht des Sekretärs, man müsse „nicht nur handeln, sondern auch schreiben können". Sie stand sofort auf: „Guo Mo und ich haben den Artikel geschrieben, um möglichst viele Menschen auf dieses Volksmusikstück aufmerksam zu machen, das geschützt und weitergegeben werden muss — an eine Prämie haben wir dabei nicht gedacht. Wenn das Parteikomitee unbedingt prämieren will — Guo Mo, dann verwenden wir das Geld für die Ausrüstung der Trommelgruppe, denn Direktor Fan vom Bezirksamt für Kultur und Sport hat gesagt, wir sollen als Nächstes in der Stadt auftreten." |
| | + | |
| | + | Guo Mo stimmte sofort zu: „Ja, einverstanden!" |
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| | + | Fahui war frühzeitig kahl geworden und hatte sich den Kopf ganz rasiert; zusammen mit dem an einen Mönchsnamen erinnernden Namen nannte Zhen Yueyue ihn einfach „den Mönch". Seit sie das tat, machten es ihr die Freundinnen nach. Fahui rieb sich den kahlen Kopf: „Heute bin ich als Chauffeur für die Kuratorin gekommen — und nebenbei, um Material zu sammeln." |
| | + | |
| | + | Da fiel ihr ein, wie das Ding hieß: ein „Jade-Xuanji" — sie hatte ihn während ihres Studiums bei einer Ausstellung archäologischer Funde an der Fakultät gesehen. Verblüfft fragte sie: „Guo Mo, wo hast du das her?" Guo Mo sagte errötend: „Im Dorf Danxu aufgelesen." |
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Durch Berge und Meere — Teil 7
Am Morgen des Neujahrstages ließ Bürodirektor Liu Dalou im Hof eine Weile Feuerwerk und Böller steigen und rief dann Wu Xiaohao an: In der Kantine seien Teigtaschen gemacht worden, die es für die Bereitschaftskräfte umsonst gebe. Wu Xiaohao wusch sich das Gesicht und ging hin. Noch bevor sie die Kantine erreichte, hörte sie drinnen ein lautes Geschrei. Sie trat ein und sah, wie Yuan Xiaoxiao und zwei junge Männer gerade einen alten Mann in zerschlissenen Kleidern und graumeliertem Haar hinausdrängten. Der Alte rief: „Ich will die Teigtaschen der Regierung essen! Ich bekomme kein Sozialgeld, kann mir keine Teigtaschen leisten — wenn nicht hier, wo dann?"
Wu Xiaohao sah Liu Dalou danebenstehen und fragte ihn, was los sei. Liu Dalou erklärte, der alte Mann heiße Chang, stamme aus Xishi-Strand und habe es nie geschafft, Sozialhilfe zu bekommen; mehrfach habe er bei der Gemeindeverwaltung vorgesprochen. Wu Xiaohao fragte: „Stünde ihm denn Sozialhilfe zu?" Liu Dalou schüttelte den Kopf: „Keine Ahnung — jedenfalls sagt Amtsleiter Yuan, er erfülle die Voraussetzungen nicht."
Während sie noch sprachen, war drüben eine Schlägerei ausgebrochen. Irgendwer hatte den alten Chang zu Boden gestoßen, und einer der jungen Männer trat auf ihn ein. Der Alte hielt sich den Schritt und brüllte: „Er hat mir die Eier zertreten! Die Eier zertreten!" Yuan Xiaoxiao sagte: „Zertreten, na und? Du bist über sechzig — wozu brauchst du die noch?" Ein paar Schaulustige lachten.
Wu Xiaohao eilte herbei und befahl ihnen, aufzuhören. Der alte Chang lag noch stöhnend am Boden. Wu Xiaohao wandte sich an die Köchin hinter der Theke: „Meisterin, bringen Sie mir meine Portion Teigtaschen!" Die Köchin füllte einen Teller, legte Stäbchen darauf und reichte ihn Wu Xiaohao. Wu Xiaohao ging in die Hocke: „Alter Chang, iss."
Der alte Chang richtete sich auf, hockte sich auf den Boden, nahm den Teller entgegen und schob sich eine Teigtasche nach der anderen in den Mund.
Yuan Xiaoxiao deutete auf ihn: „Seht euch an, wie der frisst — pfui!"
Wu Xiaohao durchbohrte ihn mit einem zornigen Blick: „Amtsleiter Yuan, heute ist Neujahr. Selbst wenn ein gewöhnlicher Bettler käme, sollten wir ihn anständig behandeln — wie kann man da prügeln und beschimpfen?"
Yuan Xiaoxiao murmelte: „Der Kerl kennt kein Maß, kommt am Neujahrstag hierher und macht Ärger …" Vor sich hin brummelnd ging er davon.
Der alte Chang aß die halbe Portion, bat die Köchin um eine Plastiktüte, füllte die andere Hälfte hinein und wollte gehen. Wu Xiaohao sagte zu ihm: „Onkel, geh erst einmal nach Hause. Wenn du ein Anliegen hast, dann komm damit, wenn die Verwaltung wieder arbeitet, einverstanden?"
Der alte Chang nickte eifrig: „Du bist ein gutes Mädchen, ich höre auf dich." Damit erhob er sich und humpelte schwankend hinaus. Erst jetzt bemerkte Wu Xiaohao, dass er lahm war. Sie überlegte: Xishi-Strand liegt am Meer, vier Kilometer von hier — der Rückweg zu Fuß würde ihm schwerfallen. Also beschloss sie, ihn nach Hause zu fahren und sich bei der Gelegenheit seine Lebensumstände anzusehen. Sie holte ihn ein und stützte ihn beim Gehen. Als sie im Hof bei ihrem Auto ankamen und Wu Xiaohao ihn bat einzusteigen, erschrak er zutiefst: „Wo willst du mich hinbringen? Zur Polizeiwache?" Nachdem Wu Xiaohao ihm erklärt hatte, wohin sie fuhren, verzog er den Mund zu einem Lächeln, wobei ihm Speichel herabrann; ohne sich abzuwischen, kletterte er mit allen Vieren auf die Rückbank.
Unterwegs fragte Wu Xiaohao den alten Chang, warum er ausgerechnet am Neujahrstag zur Gemeindeverwaltung gekommen sei, um Ärger zu machen. Der alte Chang sagte: „Weil ich es nicht einsehe! Die Sozialhilfe von oben ist dazu da, den Armen zu helfen. Aber im Dorf kassieren der Vater und die Mutter des Parteisekretärs, und der Schwager des Dorfvorstehers — die sind gar nicht arm! Da gibt es einen, der einen Lastwagen fährt und Fuhren macht, der hat seinem Kind in der Stadt eine Wohnung gekauft — und bekommt trotzdem Sozialhilfe. Warum? Weil er gute Beziehungen zu den Dorfkadern hat! Und einer wie ich — zu alt zum Fischen, zum Arbeiten will mich keiner haben, kein einziger Fen Einkommen — der Sozialhilfe bekommen sollte, bekommt keine. Sag mir, ob ich das einsehen soll!" Wu Xiaohao fragte: „Du hast wirklich keinen einzigen Fen Einkommen? Wer über sechzig ist, bekommt doch jeden Monat sechzig Yuan Altersbeihilfe." Der alte Chang antwortete: „Die bekomme ich nicht." „Warum nicht?" Der alte Chang seufzte: „Ach, wer hat mich denn gezwungen, meinen Hukou abzumelden?"
Die Geschichte war folgende: Vor mehr als zehn Jahren hatte die Gemeinde jedes Jahr Abgaben erhoben. Der alte Chang war die Last nicht mehr losgeworden und hatte kurzerhand in einem Anfall von Wut einen Verwandten im Nordosten aufgesucht, eine Umzugsgenehmigung besorgt und beim Polizeirevier die Registrierung für sich und seine Frau abgemeldet. Doch er war nie nach Nordosten gegangen und hatte sich auch nirgends sonst angemeldet — die Papiere lagen zu Hause, und von da an musste er keine Abgaben mehr zahlen, was er als Vorteil empfand. Was er nicht im Traum ahnte: In den letzten Jahren waren die Abgaben abgeschafft worden, der Staat zahlte Bauern inzwischen Getreideanbaubeihilfe und Altersrente, und Arztkosten wurden größtenteils erstattet — von alldem konnte er nichts in Anspruch nehmen, von Sozialhilfe ganz zu schweigen. Immer verzweifelter ging er wieder und wieder zum Polizeirevier und bat, seinen Hukou wieder eintragen zu lassen — aber man lehnte ab.
Wu Xiaohao fragte: „Hast du Kinder?"
Der alte Chang sagte: „Einen Sohn. Aber vorvorletztes Jahr hat er am Strand Xishi-Zungen gegraben und wurde vom Blitz erschlagen — keine Ahnung, welche Sünde er begangen hat. Übrig blieben seine Frau und eine kleine Tochter; die haben genug mit sich selbst zu tun und kümmern sich nicht um uns alte Leute."
Wu Xiaohao wusste längst, dass Xishi-Strand früher Xishi-Zungen-Strand geheißen hatte — weil am dortigen Strand massenhaft eine große Muschel namens „Xishi-Zunge" vorkam. Irgendwann fanden die Leute den Namen zu sperrig und ließen das Wort „Zunge" aus dem Dorfnamen weg. Das Fleisch dieser Muscheln, das sie herausstreckten, war weiß und zart, und irgendein Urahn hatte es „Xishi-Zunge" getauft; die Muscheln wurden sogar zum jährlichen Tribut, den die Beamten des Kreises Yucheng an die Hauptstadt schickten. Allerdings war jener Strand flach und breit und wurde im Sommer regelmäßig von Blitzeinschlägen heimgesucht.
Im Dorf angekommen, fragte Wu Xiaohao den alten Chang, wo er wohne. Er deutete nach vorn: „Da vorne, da vorne." Sie kamen zu einem heruntergekommenen Hof, und der alte Chang sagte: „Hier." Wu Xiaohao stieg aus und trat ein — in der Wohnstube herrschte unbeschreiblicher Dreck und Unordnung, nicht einmal ein Fernseher war da. Auf dem Bett in der Ecke lag eine alte Frau mit eingefallenen Augen — auf den ersten Blick eine Kranke. Der alte Chang stellte die mitgebrachten Teigtaschen neben ihr Kopfkissen, holte Stäbchen und fütterte sie. Wu Xiaohao fragte: „Großmutter, was fehlt Ihnen?" Der alte Chang sagte: Cor pulmonale, seit über zehn Jahren. Wu Xiaohao holte ihr Portemonnaie heraus, sah, dass noch dreihundert Yuan darin waren, zog zweihundert heraus und gab sie dem alten Chang — er solle der Großmutter etwas Kräftigendes kaufen. Der alte Chang schwenkte die beiden Geldscheine vor seiner Frau: „Siehst du? Das ist ein waschechter Kader der Partei!"
Auf der Rückfahrt von Xishi-Strand war Wu Xiaohaos Gemüt schwer. Sie erinnerte sich, dass die Provinz bereits eine Anweisung erlassen hatte, in den Dörfern transparente Sozialhilfe einzuführen und Korruption sowie Ungerechtigkeit bei der Vergabe zu unterbinden. Zurück in der Gemeindeverwaltung rief sie sofort den Parteisekretär an und berichtete: wie der alte Chang frühmorgens Ärger gemacht hatte, wie sie ihn nach Hause gefahren und welche Zustände sie vorgefunden hatte. Sie empfahl dringend, dass die Gemeinde das Problem ernsthaft löse. Der Sekretär sagte: „Was du schilderst, ist mir zum Teil bekannt. Transparente Sozialhilfe — das muss schnellstmöglich umgesetzt werden."
Dann fügte der Sekretär hinzu: „Heute hat der alte He Bereitschaft. Fahr nach Hause." Wu Xiaohao sagte: „Gut, sobald er hier ist, fahre ich."
Sie kramte aus der Schublade eine Instantnudelpackung hervor und goss heißes Wasser darüber. Kaum hatte sie aufgegessen, schob He Chengshou die Tür auf und streckte seine große Gestalt entgegen: „Xiaohao, frohes neues Jahr!" Wu Xiaohao sprang auf und schüttelte ihm die Hand. He Chengshou erblickte den noch dampfenden Nudelbecher und war fassungslos: „Am Neujahrstag isst du Instantnudeln? Ich habe doch angeordnet, dass die Kantine Teigtaschen macht!" Wu Xiaohao sagte: „Die wurden gemacht — ich bin nur nicht dazu gekommen, welche zu essen." Dann erzählte sie die Sache mit dem alten Chang. He Chengshou sagte: „Den kenne ich, er war schon mehrmals hier, um vorzusprechen. Ich habe auch mit Yuan Xiaoxiao geredet, aber der Kerl rührt keinen Finger. Ich rede noch mal mit ihm. Und auch der Hukou vom alten Chang muss geregelt werden — ich spreche mal mit dem Chef der Polizeiwache."
Wu Xiaohao sagte: „Wenn der Bürgermeister sich darum kümmert, bin ich beruhigt."
He Chengshou schwenkte seine große Hand: „Sei ganz unbesorgt, was du ansprichst, erledige ich zuverlässig. Fahr jetzt."
8 Wu Xiaohao fuhr in die Kreisstadt Pingchou, um You Haoliang und Diandian abzuholen und nach Yucheng zurückzubringen. Auf der Rückfahrt übernahm You Haoliang das Steuer, Diandian kuschelte sich auf der Rückbank in Wu Xiaohaos Arme und verlangte, dass ihre Mama sie in den Ferien jede Minute begleite. Wu Xiaohao sagte: Ja, jede Minute!
Zu Hause angekommen, schaltete Diandian die Spielkonsole ein, drückte Wu Xiaohao einen Controller in die Hand und wollte mit ihr zusammen spielen. Das Spiel hieß „Zombie-Mission" — ein Zombievirus hatte die ganze Stadt befallen, und zu zweit mussten sie eine Spezialeinheit zur Virusbekämpfung bilden, wobei sie allerlei Gefahren überwinden mussten. Wu Xiaohao verstand das Prinzip und spielte mit, doch während des Spiels verwandelten sich die Zombies vor ihren Augen in den Tiger-Banditen, in Erdaohe und die anderen. Weil sie abgelenkt war und auch, weil sie nicht so schnell reagierte wie ein Kind, spielte sie ständig schlecht mit Diandian zusammen. Diandian wurde ungeduldig und schubste sie weg: „Geh, geh, geh! Ich hab's ja gewusst, du bist nicht bei der Sache — dann kämpfe ich eben allein!"
Aus der Küche klapperte und schepperte es — You Haoliang bereitete das Abendessen vor. Schon unterwegs hatte er Diandian gefragt, was sie am Abend essen wolle; Diandian hatte gesagt, Papas „Buddhas Freude", und nun hatte er sich ans Werk gemacht. You Haoliang hatte zwar allerlei Fehler, aber dass er seine Tochter über alles liebte und gern kochte — diese beiden Vorzüge musste Wu Xiaohao ihm zugestehen.
Zhen Yueyue schickte eine WeChat-Nachricht: „Schwägerin, endlich mal Neujahr — gönnen wir uns doch einen Abend Luxus mit den Mädels! Getrennte Rechnung, hundert pro Nase. Wenn du Zeit hast, dann morgen Abend um sechs, in Ma Yuns ‚Erster Klasse'."
Wu Xiaohao antwortete sofort: „Prima, ich komme. Danke, Schwägerin!"
Am nächsten Abend erreichte Wu Xiaohao die Erste Klasse im Stadtzentrum und betrat das mit allerhand altem Schiffsholz dekorierte Restaurant. Ma Yun stand in der Lobby, den Kopf wie gewohnt schief geneigt, die Haare zur Seite hängend wie schwarze Bandnudeln. Wu Xiaohao sagte lachend: „Neujahrsgrüße für die reichste Frau Ma — auf dass dein Geschäft dieses Jahr noch besser läuft!" Ma Yun umarmte sie kurz: „Schwesterchen Bürgermeisterin, hör auf, mich zu bemitleiden! Der stehend pinkelnde Ma Yun hat ein Wirtschaftsimperium aufgebaut, die hockend pinkelnde Ma Yun kriegt nicht mal eine ‚Erste Klasse' vernünftig hin." Wu Xiaohao fragte, warum es nicht gut laufe. Ma Yun sagte: „Weil die öffentlichen Bewirtungen eingestellt wurden! Vor ein paar Jahren — was für ein Betrieb hier herrschte, jeden Tag brechend voll! Manche Funktionäre setzten das Menü auf über tausend Yuan pro Person an — ich wurde wahnsinnig, woher die ganzen Delikatessen nehmen? Jetzt ist alles ruiniert: Die Funktionäre melden sich abends am Esstisch ihrer Frauen, und ich sitze allein im leeren Laden und vermisse sie innig!" Wu Xiaohao konnte nicht anders als zu lachen: „Gerade weil du und manche Funktionäre den Amtsstil verdorben habt, hat die Zentrale hart durchgegriffen." Ma Yun sagte: „Na gut, na gut — wenn ich schon kein öffentliches Geld verdienen kann, muss ich eben an das Taschengeld der Mädels ran. Dass ihr heute Abend hier feiert — vielen Dank! Salon Nummer zwei, fast alle sind schon da, geh schnell rein."
Im Separee mit dem Schild „Kapitän Nr. 2" saßen tatsächlich sieben oder acht Frauen, jede prächtig herausgeputzt und eine schöner als die andere. Es war der engste Freundinnenkreis um Zhen Yueyue, die alle in einer WeChat-Gruppe namens „Wind, Blumen, Schnee und Mond" waren. Yueyue saß auf dem Ehrenplatz und deutete auf den leeren Stuhl zu ihrer Rechten: „Xiaohao, setz dich hierhin." Wu Xiaohao sagte: „Das geht doch nicht! Da sind ältere Schwestern — die sollen den Platz haben." Yueyue sagte: „Ältere Schwestern gibt es mehrere, aber Landfrau nur eine — nimm es als Anerkennung. Sitz!" Wu Xiaohao lachte: „Gehorsam geht vor Höflichkeit — die Landfrau setzt sich."
Kaum hatte sie Platz genommen, strich Yueyue ihr über die Haare: „Bevor du aufs Land gegangen bist, haben wir zusammen die Haare gefärbt — färbst du sie über Neujahr nicht mal nach?" Wu Xiaohao sagte: „Keine Zeit. Außerdem — als Landfrau muss ich nicht mehr färben, ich bleibe lieber natürlich." Sie betrachtete Yueyue: diesmal weinrot gefärbt, die Locken noch schöner, alles an ihr wirkte eleganter. Im großen Spiegel an der Wand sah sie sich selbst — am Scheitel hatte sich ein dunkles Tal aufgetan, das die aschblonden Haare zu beiden Seiten drängte; sie sah wirklich aus wie eine Frau vom Land, und ein Anflug von Selbstmitleid stieg in ihr auf.
Ma Yun kam herüber, sah, dass alle da waren, und ließ die Speisen auftragen und den Wein einschenken; das Festmahl begann. Zunächst hob Yueyue das Glas auf das Frühlingsfest und trank drei Schlucke. Dann prostete Ma Yun als Vize-Gastgeberin, ebenfalls drei Schlucke. Danach wurde es etwas unordentlich. Eine Runde Frauen, jede wollte reden, aber wenn alle am Tisch über ein Thema sprachen, kamen manche nicht zu Wort und suchten sich eigene Gesprächspartnerinnen — Klatsch und Tratsch, Getuschel allenthalben.
Yueyue konnte es nicht mehr hören, klatschte in die Hände und rief: „He, Mädels — ist das hier ein Salon oder ein Wochenmarkt? Könnten wir uns vielleicht auf ein Thema konzentrieren? Machen wir's so: Jede erzählt der Reihe nach, was sie sich für dieses Jahr vorgenommen hat — ‚ein guter Plan fürs Jahr beginnt im Frühling' und so weiter."
Ihr Vorschlag fand allgemeine Zustimmung. Yueyue beschrieb mit der linken Hand einen Kreis: im Uhrzeigersinn, eine nach der anderen. Auf dem Ehrenplatz rechts saß Wang Min, Mitte vierzig, stellvertretende Filialleiterin einer Bank. Sie sagte: „Mein Plan: meinen Sohn nach England zum Studieren schicken." Die anderen sagten: „Dein Kind geht doch noch in die Mittelstufe — kannst du dich davon trennen?" Wang Min sagte: „Natürlich! Er soll lernen, auf eigenen Beinen zu stehen — davon hängt sein ganzes Leben ab. Ich werde alles tun, um ihm den Weg zu ebnen."
Eine Mittelschullehrerin namens Lian Yuhong sagte, ihr Vorhaben sei, einige Aufsätze zu veröffentlichen und noch dieses Jahr den höheren Rang zu erreichen. Die anderen wünschten ihr, dass es gelinge.
Eine Führungskraft eines Staatsbetriebs namens Zhuge Feng spreizte die Finger und sagte: „Wünscht mir auch Erfolg! Ich will mich von meinem Mann scheiden lassen!" Die anderen fragten: „Dein Mann ist doch prima — Unternehmer, stattliche Erscheinung — warum die Scheidung?" Zhuge Feng sagte: „Er ist schon prima — nur eines stimmt nicht: Er mag meinen Sohn nicht." Alle wussten, dass Zhuge Feng zum zweiten Mal verheiratet war. Dass sie deswegen erneut die Scheidung anstrebte, zeigte, wie sehr sie ihren Sohn liebte.
Eine Versicherungsmanagerin namens Gou Ru kicherte: „Ich habe da einen kleinen Wunsch — am besten wünscht ihr mir, dass er nicht in Erfüllung geht: Ich will mir einen Liebhaber zulegen." Kaum hatte sie ausgesprochen, zeigten bereits mehrere Finger auf sie: „Xiao Gou, bist du wahnsinnig? So etwas denkt und tut man heimlich — du verkündest es vor versammelter Runde!" Gou Ru faltete die Hände: „Bitte beschimpft mich wach! Wenn mich keiner beschimpft, gehe ich vielleicht unter." Yueyue fragte: „Wohin willst du untergehen?" Gou Ru sagte: „In die Arme eines WeChat-Freundes. Er redet so bezaubernd, ist so aufmerksam — verglichen mit meinem Kerl zu Hause ein Unterschied wie Wolke und Dreck." Yueyue warnte: „Sei vorsichtig — wenn die Wolke erst mal herabfällt, wird auch sie zu Schlamm."
Ma Yun erklärte als Nächstes, sie habe dieses Jahr ein Großprojekt vor: Eierstockpflege. Yueyue nickte: „Hm, deine Eierstöcke können wirklich eine Kur vertragen, die letzten Jahre waren hart." Einige Freundinnen kicherten. Ma Yun schlug auf den Tisch: „Denkt ja nicht in die falsche Richtung! Ich empfehle euch allen eine Behandlung. Die Eierstöcke sind der Motor der Frau — Eierstockpflege verlangsamt das Altern, kapiert ihr das?" Sie habe bereits ein Kosmetikinstitut kontaktiert, täglich eine Massage, mit ätherischen Ölen. Yueyue sagte: „Möge dein Motor ewig stark bleiben!" Zhuge Feng sagte: „Mögest du der Kampfjet unter den Hühnern sein!"
Eine schlanke, zierliche Frau namens Lu Chun stand auf und zupfte an ihrem entengelben Rundkragen-Kaschmirpullover: „Findet ihr, dass ich lebendiger aussehe als früher?" Alle sagten: ja. Lu Chun sagte: „Ich hatte schwere Depressionen. Seit ich an einem Kurs für Kleidungstherapie teilnehme, haben sich die Symptome erheblich gebessert; dieses Jahr mache ich weiter." Wu Xiaohao hatte zum ersten Mal davon gehört, dass Kleidung heilende Wirkung haben sollte, und fragte: „In dem Kurs — kauft man da ständig neue Kleidung?" Lu Chun sagte: „Ja, ein paar zehntausend Yuan im Jahr kommt man nicht herum. Aber verglichen mit der seelischen Gesundheit ist das doch ein Klacks."
Dann war Wu Xiaohao an der Reihe. Sie sagte, dieses Jahr wolle sie ihre eigentliche Arbeit gut machen und Sicherheitsunfälle verhindern; außerdem solle das Trommelstück „Jin qiu liang" als Kulturerbe anerkannt werden, und sie wolle einen Professor einladen, die Danxu-Ruine zu begutachten. Lian Yuhong sagte: „Die beiden letzten Punkte haben mit dem Altertum zu tun — inszeniere doch gleich ein Zeitreise-Drama, dann können die Mädels mal Theaterluft schnuppern!" Wu Xiaohao griff den Scherz bereitwillig auf: „Gerne doch! In Kaipo gibt es die Danxu-Ruine — Yueyue spielt die Königin des Danxu-Stammes, und wir stecken uns Vogelfedern ins Haar und werden ihre Hofdamen!"
Doch Yueyue lächelte nur flüchtig: „An einer Rolle als Königin habe ich kein Interesse. Ich will in die Antarktis." Am ganzen Tisch herrschte Staunen. Wang Min sagte: „Was sagst du? Die Antarktis ist doch kein Sonntagsausflug!" Yueyue sagte: „Genau weil man nicht einfach so hinfahren kann, reizt es mich umso mehr. Dieser Gedanke begleitet mich schon lange — allein wenn ich an die Eisberge, Eisschilde, Pinguine und Wale denke, bin ich schon ganz hingerissen." Wu Xiaohao sagte: „Außer Forschungsexpeditionen und Abenteurern kommt doch kein normaler Mensch dorthin." Yueyue sagte: „Es gibt inzwischen Tourismusrouten in die Antarktis, gewöhnliche Reisende können fahren. Ich will mich anmelden — wer kommt mit?" Die Frauen am Tisch sahen sich nur groß an; keine meldete sich. Gou Ru sagte: „Auf keinen Fall — ich will nicht dort sterben und zur Eisskulptur werden." Wu Xiaohao sagte: „Ich würde mich trauen — aber ich bekomme keinen Urlaub." Yueyue sagte: „Gut, ich zwinge euch nicht. Möge jede ihren Plan verwirklichen und das Jahr der Schlange erfüllt und wunderbar gestalten! Prost!"
Nach dem Treffen fand Wu Xiaohao ihr Zuhause stockfinster vor. Sie schaltete das Licht an — keine Spur von Vater und Tochter. Sie rief You Haoliang an. Der sagte, er habe Diandian zum Neujahrsbesuch bei Direktor Dai mitgenommen. Wu Xiaohao wusste, dass Direktor Dai ein Landsmann aus Pingchou war, der früher im Kreis gearbeitet und den You Haolangs Vater befördert hatte. Seit You Haoliang nach Yucheng gezogen war, pflegte er eifrig den Kontakt und besuchte ihn immer wieder in der Hoffnung auf Gefälligkeiten. Direktor Dai hatte zwar wenig Lust, sich mit You Haoliang abzugeben, ließ aber um des alten Chefs willen ein paarmal Bürobedarf bei ihm einkaufen.
Wu Xiaohao sorgte sich, dass es Diandian negativ beeinflussen könnte, wenn sie bei solch banalen Beziehungspflegeritualen dabei war. Andererseits überlegte sie, dass sie selbst ihre Tochter auch nicht zum Treffen mitgenommen hatte und sie ja nicht allein zu Hause lassen konnte. Und so keimte erneut ein Schuldgefühl in ihr auf.
Sie ging in Diandians Schlafzimmer und setzte sich an den kleinen Schreibtisch. An der Wand klebten einige Posterchen — junge Sängerinnen und Sänger, chinesische und koreanische. Auf dem Tisch lag alles durcheinander; sie wollte aufräumen, entdeckte aber auf der Tischplatte einen Aufkleber, auf dem ein Mädchen mit strengem Blick auf sie deutete, daneben acht Zeichen: „Diandians Reich — Anfassen verboten!" Sie lächelte und ließ die Hände sinken.
Auf dem Tisch lag ein dickes Buch, „Dieser Tag in der Geschichte", von einem anderen Verlag als das, das sie selbst immer bei sich trug. Bevor sie aufs Land gegangen war, hatte sie einmal mit Diandian eine Buchhandlung besucht; Diandian hatte dieses Buch gesehen und es unbedingt haben wollen. Sie hatte gefragt: „Du magst ‚Dieser Tag in der Geschichte' auch?" Diandian hatte erwidert: „Nur du darfst es mögen, und ich nicht?"
Sie blätterte durch das Buch und fand ein einlaminiertes Lesezeichen. Sie schlug die Seite auf — die Überschrift lautete „9. Februar".
600 v. Chr. — Geburt von Laozi, dem Begründer des Daoismus
1234 — Der letzte Kaiser der Jin-Dynastie erhängt sich, das Jin-Reich geht unter
1863 — Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz
1921 — Der lebende Buddha der Mongolei erklärt die Unabhängigkeit der Äußeren Mongolei
1928 — Die Kommunistische Internationale gibt der KPCh neue Anweisungen
1947 — Das Massaker vom 29. Februar in Shanghai
1956 — Das Komitee für Schriftreform veröffentlicht den Entwurf des Pinyin-Systems
1964 — Die Beatles treten erstmals im amerikanischen Fernsehen auf
1969 — Die Boeing 747 mit 500 Passagieren absolviert ihren Erstflug
1982 — Die Zentrale fordert Maßnahmen zur Familienplanung
1998 — China erzielt Durchbruch bei der Forschung an transgenen Schafen
Darunter, im weißen Rand, stand in kindlicher Handschrift:
2013 — Mama hat Silvester nicht mit Diandian zusammen verbracht
Wu Xiaohao zuckte zusammen. Also führte auch Diandian in einem solchen Buch Aufzeichnungen über persönliche Ereignisse — und hielt darin mein Versagen als Mutter fest! Sie starrte auf die Zeile, legte den Kopf auf den Tisch und litt eine ganze Weile.
9 Am siebten Tag, dem ersten Arbeitstag, ging Wu Xiaohao bei Dunkelheit zur Bushaltestelle und bestieg um halb sieben den ersten Bus nach Kaipo.
Sieben Tage Ferien — sie war leibhaftig in Yucheng gewesen, doch mit dem Herzen in Kaipo und immer in Sorge, es könnte etwas passieren. Ihr Handy schaltete sie nie aus, und jeden Tag rief sie einmal im Parteibüro an, um sich zu erkundigen. Glücklicherweise hatte es in der ganzen Feierwoche nur zwei betrunkene Fischergruppen gegeben, die sich geprügelt hatten — ein Fall für die Polizei, kein Sicherheitsvorfall.
Hinter der Stadt fuhr der Bus auf der Küstenstraße nach Süden. Sie blickte hinaus und sah, wie das Morgenrot am Horizont erst schwach, dann kräftiger wurde, die Wolken darüber und die Wellen darunter färbte. Das goldene Band auf dem Wasser erstreckte sich von der Kiemeninsel bis zum Strand und blendete sie.
Beim Anblick der Kiemeninsel fiel ihr ein, dass am dritten Tag die Frauenbeauftragte der Kiemeninsel, Wan Yufeng, sie angerufen und gesagt hatte, der Bürgermeister sei auf der Insel und wolle gerade trinken; sie solle doch auch kommen. Wu Xiaohao hatte gedankt und gesagt, sie sei in Yucheng und könne nicht kommen, und ihnen frohe Feiertage gewünscht. Sie stellte sich vor, wie der Bürgermeister mit Li Dazhao und Wan Yufeng zusammensaß und bestimmt wieder maßlos aß und trank. Ob sie auch wieder rohen Tintenfisch aßen? Beim Gedanken an die Tentakel, die sich an ihren Mündern wanden, wurde Wu Xiaohao wieder übel.
Kurz vor Kaipo schickte der Leiter des Bezirksamts für Kultur und Sport, Fan Weixing, ihr plötzlich per WeChat ein Foto. Es war die Kulturseite der „Dazhong Ribao" mit mehreren Artikeln; einer davon hieß „Gong und Trommel dröhnen: ‚Jin qiu liang'" und trug die Namen Wu Xiaohao und Guo Mo als Verfasser. Wu Xiaohao freute sich und antwortete: „Danke, dass du es mir sagst, Studienkollege." Fan Weixing sagte: „Dass ihr zwei ‚Jin qiu liang' ausgegraben habt, ist sehr verdienstvoll. Die Aufnahme in die städtische Liste des immateriellen Kulturerbes dürfte kein Problem sein, aber wir müssen es auch wieder lebendig machen — es der heutigen Welt zeigen." Wu Xiaohao sagte: „Das haben wir doch schon — bei der ‚Kaipo-Neujahrsgala' war es die Eröffnungsnummer." Fan Weixing sagte: „Dann schicke ich jemanden, der es ausfeilt — zum Laternenfest soll es in Yucheng aufgeführt werden." Wu Xiaohao sagte: „Prima, schick schnell jemanden!"
Dann leitete sie das Foto an Guo Mo weiter. Guo Mo antwortete sofort: „Danke, Frau Bürgermeisterin — ich bin der Glatzköpfige, der im Mondschein wandelt und mitprofitiert, hehe."
Zurück in der Gemeindeverwaltung spürte Wu Xiaohao die festliche Stimmung: Jeder, dem man begegnete, grüßte lachend: „Frohes neues Jahr!" Kaum hatte sie in ihrem Büro Platz genommen, erschien der Parteisekretär der Gegou-Gemeinde, Zhang Zunliang, mit den sechs Dorfparteisekretären des Gegou-Bezirks zum Neujahrsgruß. Wu Xiaohao bat sie, sich zu setzen. Zhang Zunliang sagte: „Nein, gleich ist Versammlung — wir gehen in den Sitzungssaal." Wu Xiaohao sagte: „Ich komme mit."
Wu Xiaohao hatte gehört, dass am ersten Arbeitstag eine gemeinsame Neujahrsversammlung aller Gemeindekader und Dorfparteisekretäre in Kaipo Tradition war. Als über hundert Leute den großen Sitzungssaal füllten, wünschte Parteisekretär Zhou Bin zunächst allen ein frohes neues Jahr und ging dann zur Arbeitsplanung über. Er sagte, dieses Jahr sei das Auftaktjahr zur Umsetzung des Geistes des 18. Parteitags — man müsse „Stabilität wahren, solide beginnen". Was den Auftakt in Kaipo angehe, blickte er auf sein Manuskript und erläuterte Punkt für Punkt, klar und überzeugend. Zum Schluss kam er auf die transparente Sozialhilfe zu sprechen. Er sagte, in manchen Dörfern gebe es bei der Vergabe schwerwiegende Probleme: Regierungsgelder erreichten nicht die bedürftigen Haushalte, sondern landeten bei wohlhabenden Familien und schadeten dem Ansehen der Regierung; das müsse entschieden berichtigt werden. Er beauftragte den Organisationsbeamten Sun Jishan mit der Sache — sämtliche Sozialhilfelisten in den Dörfern seien erneut zu prüfen, und wer die Voraussetzungen nicht erfülle, müsse gestrichen werden. Sun Jishan nickte und stimmte zu.
Nach seiner Rede bat der Parteisekretär den Bürgermeister um Ergänzungen. Der Bürgermeister sagte, er stimme dem Sekretär vollkommen zu und hoffe, dass alle die Umsetzung vorantrieben. Er betonte besonders, dass alle vom Staat erlassenen Maßnahmen zur Stärkung der Landwirtschaft und Förderung der Bauern konsequent umgesetzt und der Elan der Bauern und Fischer geschützt und geweckt werden müssten. Gemäß dem Ersten Zentraldokument sei einerseits die ländliche Pachtverhältnis-Stabilität zu wahren, andererseits der geordnete Transfer von Pachtrechten zu lenken — Übertragungen an Großbauern, Familienbetriebe und Genossenschaften seien zu fördern, um vielfältige Formen der Großbewirtschaftung zu entwickeln. In der Fischerei solle man weiterhin Fangbetrieb, Aquakultur und Verarbeitung kräftig ausbauen. Kurz: In Kaipo solle Landwirtschaft und Fischerei gleichermaßen blühen — Doppelernte zu Lande und zur See.
Der Disziplinarinspektor, der alte Qin, hob einen Finger und sagte mit ernster Stimme: „Ich möchte nur einen Punkt ansprechen und alle eindringlich erinnern: Nach dem 18. Parteitag hat die Korruptionsbekämpfung eine noch nie dagewesene Schärfe erreicht. Der Generalsekretär hat gerade auf der Plenarsitzung der Zentralen Disziplinarkommission gesagt: ‚Tiger und Fliegen werden gleichermaßen gejagt.' Das heißt: Korrupte Beamte, ob groß oder klein, egal wo — ob in der Hauptstadt, in der Provinzhauptstadt, im Bezirk oder in der Gemeinde — haben kein Versteck mehr. Ich hoffe, alle erkennen die Lage und handeln entsprechend."
Wu Xiaohao nickte, dachte aber plötzlich: Eigentlich hätte der Parteisekretär das sagen müssen — warum hatte er kein Wort davon erwähnt? Hatte er Bedenken, hatte er Angst, jemanden zu reizen?
Sie schaute zum Bürgermeister hinüber. Er hatte das Kinn fest an den Hals gepresst, sein Gesicht war aschfahl, und seine Augen starrten starr aus dem Fenster.
Als Letzte sprach Wu Xiaohao. Sie sagte: „Vor dem Neujahrsfest gab es eine Explosion — in Yaotuan starben Großvater und Enkel. Ich bin zutiefst betroffen und muss als Führungskraft die Verantwortung übernehmen. In diesem Jahr müssen alle Einheiten und Dörfer der Gemeinde das Thema Sicherheit fest im Griff behalten und garantieren, dass keine Unfälle mehr geschehen. Was den kulturellen Aufbau betrifft, brauchen wir ebenfalls neue Ideen und neue Maßnahmen …"
Gerade als sie so weit war, unterbrach Sekretär Zhou: „Ich möchte Bürgermeisterin Xiaohao ein Lob aussprechen." Er tippte ein paarmal auf sein Handy und hielt es dem Saal entgegen: „Das ist die heutige Digitalausgabe der ‚Dazhong Ribao' — darin steht ein Artikel von Bürgermeisterin Xiaohao. Sie hat unser Schlagwerk ‚Jin qiu liang' über die Grenzen hinaus bekannt gemacht."
Alle Augen im Saal richteten sich auf Wu Xiaohao. Sie beeilte sich zu sagen: „Das habe ich zusammen mit Stationsleiter Guo Mo geschrieben." Guo Mo, der in einer Ecke des Saals saß, sagte mit rotem Gesicht: „Das hat alles Bürgermeisterin Wu geschrieben — sie hat mich nur mit auf den Artikel gesetzt."
Sekretär Zhou fuchtelte mit einer Hand: „Ich sage immer: Ein Kader muss nicht nur handeln, sondern auch schreiben können. Ein Artikel in der Parteizeitung der Provinz — die Wirkung ist unermesslich. Bürgermeisterin Xiaohao hat ein gutes Vorbild gegeben. Ich verkünde hiermit: Gemäß unserer Prämienordnung erhalten die Autoren fünftausend Yuan!"
Es gab etwas Applaus, aber nicht gerade begeistert. Wu Xiaohao kannte die Einstellung mancher Kader — sie teilten nicht die Ansicht des Sekretärs, man müsse „nicht nur handeln, sondern auch schreiben können". Sie stand sofort auf: „Guo Mo und ich haben den Artikel geschrieben, um möglichst viele Menschen auf dieses Volksmusikstück aufmerksam zu machen, das geschützt und weitergegeben werden muss — an eine Prämie haben wir dabei nicht gedacht. Wenn das Parteikomitee unbedingt prämieren will — Guo Mo, dann verwenden wir das Geld für die Ausrüstung der Trommelgruppe, denn Direktor Fan vom Bezirksamt für Kultur und Sport hat gesagt, wir sollen als Nächstes in der Stadt auftreten."
Guo Mo stimmte sofort zu: „Ja, einverstanden!"
Fahui war frühzeitig kahl geworden und hatte sich den Kopf ganz rasiert; zusammen mit dem an einen Mönchsnamen erinnernden Namen nannte Zhen Yueyue ihn einfach „den Mönch". Seit sie das tat, machten es ihr die Freundinnen nach. Fahui rieb sich den kahlen Kopf: „Heute bin ich als Chauffeur für die Kuratorin gekommen — und nebenbei, um Material zu sammeln."
Da fiel ihr ein, wie das Ding hieß: ein „Jade-Xuanji" — sie hatte ihn während ihres Studiums bei einer Ausstellung archäologischer Funde an der Fakultät gesehen. Verblüfft fragte sie: „Guo Mo, wo hast du das her?" Guo Mo sagte errötend: „Im Dorf Danxu aufgelesen."