Difference between revisions of "Xue Mo Desert Daughters/de/Chapter 9"
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Sie kroch zur toten Krähe. Sie war viel kleiner als ein ausgewachsenes Huhn. Im Flug, mit ausgebreiteten Flügeln, sah sie durchaus nach einem Raubvogel aus. Am Boden schrumpfte sie zu einem Küken. Ein paar Blutstropfen zeichneten sich im Sand ab. Yinger dachte: Dieses Blut könnte vielleicht das Leben ein wenig verlängern. Normalerweise war sie schreckhaft, doch jetzt trieben Benommenheit und Stumpfheit sie dazu, den schwarzen Vogel zu packen. Rational wollte sie der Krähe den Kopf abreißen und etwas Blut schlürfen. Sie begann sogar damit. Sie zerrte mit aller Kraft, brachte den Hals aber nicht ab. Dann stellte sie sich ihren blutbefleckten Mund vor, und ihr wurde übel. Sie würgte ein paarmal, brachte aber nichts heraus. Doch das wahnsinnige Wogen von Magen und Speiseröhre vertrieb schlagartig die Benommenheit. Sie dachte: Lieber sterben als dieses Zeug essen. | Sie kroch zur toten Krähe. Sie war viel kleiner als ein ausgewachsenes Huhn. Im Flug, mit ausgebreiteten Flügeln, sah sie durchaus nach einem Raubvogel aus. Am Boden schrumpfte sie zu einem Küken. Ein paar Blutstropfen zeichneten sich im Sand ab. Yinger dachte: Dieses Blut könnte vielleicht das Leben ein wenig verlängern. Normalerweise war sie schreckhaft, doch jetzt trieben Benommenheit und Stumpfheit sie dazu, den schwarzen Vogel zu packen. Rational wollte sie der Krähe den Kopf abreißen und etwas Blut schlürfen. Sie begann sogar damit. Sie zerrte mit aller Kraft, brachte den Hals aber nicht ab. Dann stellte sie sich ihren blutbefleckten Mund vor, und ihr wurde übel. Sie würgte ein paarmal, brachte aber nichts heraus. Doch das wahnsinnige Wogen von Magen und Speiseröhre vertrieb schlagartig die Benommenheit. Sie dachte: Lieber sterben als dieses Zeug essen. | ||
| − | Sie schleuderte die Krähe weit fort. Ein schwarzer Schatten beschrieb einen kurzen Bogen und | + | Sie schleuderte die Krähe weit fort. Ein schwarzer Schatten beschrieb einen kurzen Bogen und kollerte in die Sandmulde. |
Eher verdursten als trinken. Dachte sie. Sie wollte kein blutsaugendes Monster wie im Film werden. | Eher verdursten als trinken. Dachte sie. Sie wollte kein blutsaugendes Monster wie im Film werden. | ||
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„Schnell! Iss das hier!“ Lanlans Stimme klang freudig erregt. | „Schnell! Iss das hier!“ Lanlans Stimme klang freudig erregt. | ||
| − | Endlich sah sie Lanlan. In der Hand hielt sie einen schwarzen Stab. Als Yinger sich nicht rührte, schabte Lanlan mit dem Peitschenstock die schwarze Haut ab, und darunter kam weißes Fleisch zum Vorschein. Yinger kannte es. Im Winter, wenn die Dorfleute Schafe schlachteten, kochten sie es mit dem Lammfleisch zusammen. Wie hieß es noch gleich? Richtig – | + | Endlich sah sie Lanlan. In der Hand hielt sie einen schwarzen Stab. Als Yinger sich nicht rührte, schabte Lanlan mit dem Peitschenstock die schwarze Haut ab, und darunter kam weißes Fleisch zum Vorschein. Yinger kannte es. Im Winter, wenn die Dorfleute Schafe schlachteten, kochten sie es mit dem Lammfleisch zusammen. Wie hieß es noch gleich? Richtig – Suoyang (Cynomorium, eine Wüstenpflanze). |
| − | Lanlan schnitt ein Stück ab und steckte es Yinger in den Mund. Yinger kaute leicht, und süßer Saft breitete sich im Mund aus. Sie hatte nur getrocknete | + | Lanlan schnitt ein Stück ab und steckte es Yinger in den Mund. Yinger kaute leicht, und süßer Saft breitete sich im Mund aus. Sie hatte nur getrocknete Suoyang-Knollen gesehen – sie hätte nicht gedacht, dass sie so saftig sein konnte. |
| − | Lanlan gab Yinger die geschälte | + | Lanlan gab Yinger die geschälte Suoyang-Knolle und sagte, sie solle viel essen. Dann zog sie aus ihrem Kopftuch eine weitere – |
Yinger entdeckte staunend, dass das Kopftuch voller schwarzer Stäbe war. | Yinger entdeckte staunend, dass das Kopftuch voller schwarzer Stäbe war. | ||
| − | Lanlan kaute etwas | + | Lanlan kaute etwas Suoyang-Knolle und gab es dem Kamel. Das Kamel atmete schwer und streckte die schwarze Zunge aus, um den Saft mühsam in seinem Maul umzuwälzen. |
| − | Für Yinger war diese | + | Für Yinger war diese Suoyang das Beste, was sie je gegessen hatte. Bei jedem leichten Biss quoll Saft zwischen den Zähnen hervor und ergoss sich in die gierigen Geschmacksknospen. Die Knospen feierten ein rauschendes Fest. Wie ausgehungerte Spatzenjunge beim Anblick des Wurms, den die Mutter brachte, rissen sie die Schnäbel auf und kreischten ohrenbetäubend. Der süße, duftende Saft der Suoyang weckte die verlorene Erinnerung des Magens, der wie wild zu arbeiten begann. |
| − | Auch das Kamel verschlang die schwarzen Stäbe und kaute schmatzend, weißer Saft lief aus den Mundwinkeln. Yinger fand das jammerschade. Lanlan war bester Stimmung und sagte zu Yinger: Iss diese fertig auf. Wenn du dich etwas erholt hast, gehen wir zusammen graben – in jener Sandmulde gibt es haufenweise | + | Auch das Kamel verschlang die schwarzen Stäbe und kaute schmatzend, weißer Saft lief aus den Mundwinkeln. Yinger fand das jammerschade. Lanlan war bester Stimmung und sagte zu Yinger: Iss diese fertig auf. Wenn du dich etwas erholt hast, gehen wir zusammen graben – in jener Sandmulde gibt es haufenweise Suoyang-Knollen. |
| − | Nach einer | + | Nach einer Suoyang-Knolle ließ Lanlan Yinger nicht mehr essen. Sie versuchte, das Kamel hochzuziehen. Es kämpfte sich auf und torkelte. Es fraß alle Suoyang-Knollen, die Lanlan gebracht hatte. Die Suoyang-Knolle stillte Hunger und Durst und nährte zugleich – sobald sie im Magen war, kehrte dem Kamel das Leben zurück, das schon in der Luft geschwebt hatte. Yingers Kopf pochte noch leise, doch die Benommenheit war gewichen. Lanlan sagte: Gut so. Nicht zu viel auf einmal. Später mehr. |
| − | Die beiden führten das Kamel zur Sandmulde. Sie war nicht weit – nur um die Sandzunge herum. Der Boden war dort eine Mischung aus Sand und Erde, und die | + | Die beiden führten das Kamel zur Sandmulde. Sie war nicht weit – nur um die Sandzunge herum. Der Boden war dort eine Mischung aus Sand und Erde, und die Suoyang-Knollen hatten sich dort angesiedelt. Lanlan suchte eine Rissstelle, stampfte auf, und es klang hohl. Lanlan sagte: Hier drunter – alles voller Suoyang-Knollen. Was ihr vorhin gegessen habt, kam aus einer einzigen Grube. Yinger sah, dass es überall Risse gab, ähnlich wie wenn Kartoffeln die Erdoberfläche aufbrechen. Manche Suoyang-Knollen ragten sogar schon aus dem Boden. Yinger seufzte: Der Himmel lässt keinen Weg ohne Ausweg. |
Lanlan sagte: Es war die Vajravarahi, die uns gerettet hat – glaubst du das? Als ich um die Sandzunge kam, kniete ich in der Mulde und betete. | Lanlan sagte: Es war die Vajravarahi, die uns gerettet hat – glaubst du das? Als ich um die Sandzunge kam, kniete ich in der Mulde und betete. | ||
| − | Ich sagte: Yogini, wenn ich lebend aus dieser Wüste komme, werde ich den Tempel wiederaufbauen und ein neues Bildnis errichten. Nach einer Weile des Betens sah ich in der Ferne eine rote Gestalt. Ich dachte, es sei ein Hirte, und ging darauf zu. Hier angekommen, entdeckte ich die | + | Ich sagte: Yogini, wenn ich lebend aus dieser Wüste komme, werde ich den Tempel wiederaufbauen und ein neues Bildnis errichten. Nach einer Weile des Betens sah ich in der Ferne eine rote Gestalt. Ich dachte, es sei ein Hirte, und ging darauf zu. Hier angekommen, entdeckte ich die Suoyang-Knollen. … Wenn wir zurück sind, sammle ich Spenden für den Bau des Vajravarahi-Tempels. Ich darf die Yogini nicht belügen, nicht wahr? Lanlan sprach sehr ernst. Yinger dachte: Vielleicht hast du dich versehen? Dann fand sie den Gedanken respektlos – wenn die Yogini wirklich den Weg gewiesen hatte und sie so dachte, würde die Yogini traurig sein. Also sagte sie: Dann danken wir der Yogini. Lanlan grub eine Rissstelle auf – drinnen war alles voller Suoyang-Knollen. Die Suoyang-Pflanze (Cynomorium) war eine fleischige Parasitenpflanze, geformt wie ein Eselshoden, bis zu einem Fuß lang, schwarzrot, meist an Stellen wo Sand und Erde sich mischten. Man sagte, sie stärke die Nieren. Suoyang-Knollen wuchsen in Nestern – ein großes Nest wog mindestens einige Dutzend Pfund. Man brauchte nur den Sand aufzugraben, und schon lag ein Haufen da. Lanlan kratzte mit dem Peitschenstock etwas Sand weg und warf sie dem Kamel vor. Das Kamel brüllte begeistert, alle Schwäche war verflogen. |
| − | Die beiden nahmen den Packsattel ab und gruben auf der Schattenseite einer Düne eine Grube. Nach einigen | + | Die beiden nahmen den Packsattel ab und gruben auf der Schattenseite einer Düne eine Grube. Nach einigen Suoyang-Knollen banden sie das Kamel an, krochen in die Grube und schliefen. Sie schliefen, aßen, schliefen, und mit so vielen nahrhaften Suoyang-Knollen waren sie nach einigen Schlafphasen wieder bei Kräften. |
Am nächsten Morgen entdeckte Yinger Muscheln in der Kieswüste. Offenbar hatte es hier einmal viel Wasser gegeben. Vielleicht war diese Wüste einst ein Meer gewesen. Selbst das Meer wurde zur Wüste – wie zerbrechlich war da ein Menschenleben. Wirklich – vielleicht waren sie und Lingguan im nächsten Augenblick alt. Selbst wenn du eine glänzende Karriereleiter emporklettertest – welchen Sinn hätte das dann? Sie grollte Lingguan wieder ein wenig. | Am nächsten Morgen entdeckte Yinger Muscheln in der Kieswüste. Offenbar hatte es hier einmal viel Wasser gegeben. Vielleicht war diese Wüste einst ein Meer gewesen. Selbst das Meer wurde zur Wüste – wie zerbrechlich war da ein Menschenleben. Wirklich – vielleicht waren sie und Lingguan im nächsten Augenblick alt. Selbst wenn du eine glänzende Karriereleiter emporklettertest – welchen Sinn hätte das dann? Sie grollte Lingguan wieder ein wenig. | ||
| − | Grollen hin oder her – sie grub trotzdem reichlich | + | Grollen hin oder her – sie grub trotzdem reichlich Suoyang-Knollen. Lieber selbst zu Fuß gehen und das Kamel mit Suoyang-Knollen beladen. Dann zogen sie weiter in die Richtung, die sie für richtig hielten … |
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Lanlan trat vor und fragte einen Arbeiter: Gibt es Wasser? Der Mann brachte einen Eimer und sagte: Noch halb voll. Wenn ihr es braucht, nehmt es. Yinger musste lachen, als sie hörte, dass er den Eimer „Stahlkäfig“ nannte. | Lanlan trat vor und fragte einen Arbeiter: Gibt es Wasser? Der Mann brachte einen Eimer und sagte: Noch halb voll. Wenn ihr es braucht, nehmt es. Yinger musste lachen, als sie hörte, dass er den Eimer „Stahlkäfig“ nannte. | ||
| − | Das Kamel stieß beim Anblick des Wassers einen langen Schrei aus. Lanlan holte die Flasche heraus, tauchte sie in den Eimer, die Öffnung gluckerte eine ganze Weile, bis die Flasche voll war, und reichte sie Yinger. Yinger wusste zwar, dass das Kamelmaul den Flaschenhals berührt hatte, trank aber trotzdem im Stehen. Das Wasser war etwas warm, aber es war echtes Wasser. Die | + | Das Kamel stieß beim Anblick des Wassers einen langen Schrei aus. Lanlan holte die Flasche heraus, tauchte sie in den Eimer, die Öffnung gluckerte eine ganze Weile, bis die Flasche voll war, und reichte sie Yinger. Yinger wusste zwar, dass das Kamelmaul den Flaschenhals berührt hatte, trank aber trotzdem im Stehen. Das Wasser war etwas warm, aber es war echtes Wasser. Die Suoyang-Knolle hatte zwar auch den Durst gelöscht, war aber nicht so befriedigend wie Wasser. Yinger trank die Flasche in einem Zug leer und reichte sie Lanlan. Lanlan trank ebenfalls eine Flasche. Sie wollte auch dem Kamel eine füllen, doch der Arbeiter reichte ihm gleich den ganzen Eimer. Das Kamel steckte den Kopf hinein und schlürfte in einem Zug alles leer. |
Lanlan war verlegen. Der Mann sagte: Macht nichts. Wasser gibt es hier genug. … Seid ihr zum Salzschleppen gekommen oder zum Arbeiten? | Lanlan war verlegen. Der Mann sagte: Macht nichts. Wasser gibt es hier genug. … Seid ihr zum Salzschleppen gekommen oder zum Arbeiten? | ||
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Die Hütte war klein, ohne richtige Betten, nur eine Reihe Eisenbahnschwellen als Unterlage. Lanlan hatte noch zwei Decken gehabt, eine war zerrissen und mit Öl getränkt als Brandgeschoss benutzt worden. Die Zudecke lag auf dem Kamel, das die Schakale getötet hatten. Jetzt war nur noch eine Unterlage übrig. Die Schwellen waren uneben, die Decke dünn – das Schlafen würde unbequem sein. Aber unterwegs konnte man sich keinen Luxus leisten. Um das Gesicht zu wahren bei der Heimkehr, würden sie Dreck fressen und Gift trinken, Schwein und Hund spielen – alles war akzeptabel. | Die Hütte war klein, ohne richtige Betten, nur eine Reihe Eisenbahnschwellen als Unterlage. Lanlan hatte noch zwei Decken gehabt, eine war zerrissen und mit Öl getränkt als Brandgeschoss benutzt worden. Die Zudecke lag auf dem Kamel, das die Schakale getötet hatten. Jetzt war nur noch eine Unterlage übrig. Die Schwellen waren uneben, die Decke dünn – das Schlafen würde unbequem sein. Aber unterwegs konnte man sich keinen Luxus leisten. Um das Gesicht zu wahren bei der Heimkehr, würden sie Dreck fressen und Gift trinken, Schwein und Hund spielen – alles war akzeptabel. | ||
| − | Die Mitbewohnerin hieß Sansan. Sie war groß, kräftig und sehr herzlich. In dieser Sandwüste kamen selten Frauen von auswärts – endlich eine Gefährtin, und sie behandelte sie wie Verwandte, die zu Besuch kamen. Sansan kochte eine Mahlzeit Weißnudeln – einfach Nudeln in kochendem Wasser mit einer Prise Salz, ohne Gemüse. Gemüse war hier das Rarste. Angeblich kam ab und zu ein Lastwagen mit Gemüse zum Lager, acht Li entfernt, aber man musste anstehen. Die Arbeiter hatten keine Zeit zum Anstehen. Die Weißnudeln schmeckten trotzdem herrlich. Die | + | Die Mitbewohnerin hieß Sansan. Sie war groß, kräftig und sehr herzlich. In dieser Sandwüste kamen selten Frauen von auswärts – endlich eine Gefährtin, und sie behandelte sie wie Verwandte, die zu Besuch kamen. Sansan kochte eine Mahlzeit Weißnudeln – einfach Nudeln in kochendem Wasser mit einer Prise Salz, ohne Gemüse. Gemüse war hier das Rarste. Angeblich kam ab und zu ein Lastwagen mit Gemüse zum Lager, acht Li entfernt, aber man musste anstehen. Die Arbeiter hatten keine Zeit zum Anstehen. Die Weißnudeln schmeckten trotzdem herrlich. Die Suoyang-Knollen hatten ihre zusammengeschrumpften Mägen wieder geöffnet, und beide aßen, bis ihnen der Schweiß lief. Es war überaus befriedigend. |
Nach dem Essen besorgte Sansan Gras für das Kamel und band es vor der Tür an. Sie sagte: Schlaft euch richtig aus. Hier stiehlt keiner Kamele. Hier kommen nur Salzlastwagen; Diebe verirren sich nicht hierher. | Nach dem Essen besorgte Sansan Gras für das Kamel und band es vor der Tür an. Sie sagte: Schlaft euch richtig aus. Hier stiehlt keiner Kamele. Hier kommen nur Salzlastwagen; Diebe verirren sich nicht hierher. | ||
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Als Sansan nicht nachkam, bat sie Lanlan um Hilfe. Lanlan konnte gut nähen, aber nicht Blutrisse. Ein Arbeiter lachte und nahm selbst Nadel und Faden, stach übertrieben durch die Hornhaut und zerrte den klaffenden Riss grob zusammen. Er wollte zwar komisch wirken, doch die Schweißperlen auf seiner Stirn verrieten seinen Schmerz. | Als Sansan nicht nachkam, bat sie Lanlan um Hilfe. Lanlan konnte gut nähen, aber nicht Blutrisse. Ein Arbeiter lachte und nahm selbst Nadel und Faden, stach übertrieben durch die Hornhaut und zerrte den klaffenden Riss grob zusammen. Er wollte zwar komisch wirken, doch die Schweißperlen auf seiner Stirn verrieten seinen Schmerz. | ||
| − | Nach dem Nähen gingen die Arbeiter lachend davon. Sansan zündete eine | + | Nach dem Nähen gingen die Arbeiter lachend davon. Sansan zündete eine Sturmlaterne an. Hier gab es keine Elektrizität. |
Sansan sagte: Der Generator trieb nur die Seilwinde an. Im Lager, acht Li entfernt, gab es angeblich Elektrizität, aber nur bis zehn Uhr abends. | Sansan sagte: Der Generator trieb nur die Seilwinde an. Im Lager, acht Li entfernt, gab es angeblich Elektrizität, aber nur bis zehn Uhr abends. | ||
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Nachdem sie eine Weile gespült hatte, ließ der Schmerz bei Yinger etwas nach. Sie nahm das Handtuch ab, trocknete ihr Gesicht, sagte dem Mann ein Dankeschön und wollte gehen. Der Mann hielt sie auf und fragte, woher sie komme und wer in ihrer Familie sei. Yinger wollte eigentlich nicht antworten, dachte aber, es sei vielleicht die Regel am Salzsee, und antwortete auf alles. | Nachdem sie eine Weile gespült hatte, ließ der Schmerz bei Yinger etwas nach. Sie nahm das Handtuch ab, trocknete ihr Gesicht, sagte dem Mann ein Dankeschön und wollte gehen. Der Mann hielt sie auf und fragte, woher sie komme und wer in ihrer Familie sei. Yinger wollte eigentlich nicht antworten, dachte aber, es sei vielleicht die Regel am Salzsee, und antwortete auf alles. | ||
| − | Nachdem sie eine Weile gearbeitet hatte, erkannte Yinger, dass auch das Pflanzenrestesammeln keine leichte Arbeit war. Erstens die Anspannung – die Salzströmung schwemmte ständig Pflanzenreste heran, und man musste die Augen die ganze Zeit offen halten; bei der geringsten Unachtsamkeit wurden die Pflanzenreste vom Salz verschüttet. Zweitens die Rückenschmerzen – vom ständigen Bücken tat der Rücken schon nach kurzer Zeit höllisch weh. Vom langen Kamelreiten war der Rücken ohnehin nicht in bester Verfassung, und jetzt wurde der Rückenschmerz wie ein Wirbelsturm, der sie ständig umzuwerfen drohte. Drittens spritzte die Salzlauge einem ständig in die Augen, die davon immerzu tränten. Die Brille war eigentlich dazu da, die Salzlauge abzuhalten. Aber die | + | Nachdem sie eine Weile gearbeitet hatte, erkannte Yinger, dass auch das Pflanzenrestesammeln keine leichte Arbeit war. Erstens die Anspannung – die Salzströmung schwemmte ständig Pflanzenreste heran, und man musste die Augen die ganze Zeit offen halten; bei der geringsten Unachtsamkeit wurden die Pflanzenreste vom Salz verschüttet. Zweitens die Rückenschmerzen – vom ständigen Bücken tat der Rücken schon nach kurzer Zeit höllisch weh. Vom langen Kamelreiten war der Rücken ohnehin nicht in bester Verfassung, und jetzt wurde der Rückenschmerz wie ein Wirbelsturm, der sie ständig umzuwerfen drohte. Drittens spritzte die Salzlauge einem ständig in die Augen, die davon immerzu tränten. Die Brille war eigentlich dazu da, die Salzlauge abzuhalten. Aber die Sole war wie ein Dieb – man konnte sich einfach nicht genug davor schützen. Sobald man auf den Salzrücken stieg, um Pflanzenreste zu sammeln, konnte jederzeit die Sole mit der Salzströmung einem ins Gesicht klatschen. Yinger hatte Erfahrung gesammelt: Sobald sie etwas Ungewöhnliches bemerkte, schloss sie zuerst die Augen. Ihr Körper wurde zwar durchnässt, aber die Augen entgingen dem direkten Aufprall der Salzlauge. Doch die allgegenwärtige Lauge sickerte trotzdem ein wenig ein und brannte in den Augäpfeln wie Feuer. |
Yinger wurde schwindelig, und sie dachte: Und das soll noch die leichteste Arbeit sein. Als sie an die weit aufgerissenen Wunden an den Beinen der Wanderarbeiter dachte, glaubte sie es sofort. Sie dachte: Es gibt kein kostenloses Mittagessen auf der Welt. Wer Geld verdienen will, muss eben leiden. | Yinger wurde schwindelig, und sie dachte: Und das soll noch die leichteste Arbeit sein. Als sie an die weit aufgerissenen Wunden an den Beinen der Wanderarbeiter dachte, glaubte sie es sofort. Sie dachte: Es gibt kein kostenloses Mittagessen auf der Welt. Wer Geld verdienen will, muss eben leiden. | ||
| − | Mit dem höher steigenden Sonnenball wurde der Salzrücken zum Dampfkessel. Der Geruch der Salzlauge breitete sich aus, fischig und stechend, mit einem Hauch von Meeresgeruch. Yinger dachte, dieser Salzsee war vielleicht wirklich ein abgestorbenes Meer. Sie erinnerte sich, dass sie an dem Ort, wo sie die | + | Mit dem höher steigenden Sonnenball wurde der Salzrücken zum Dampfkessel. Der Geruch der Salzlauge breitete sich aus, fischig und stechend, mit einem Hauch von Meeresgeruch. Yinger dachte, dieser Salzsee war vielleicht wirklich ein abgestorbenes Meer. Sie erinnerte sich, dass sie an dem Ort, wo sie die Suoyang-Knollen ausgegraben hatten, Muscheln gefunden hatte. Etwas wie warmes Wasser wogte in ihrem Herzen. Sie erinnerte sich, dass Lingguan ihr versprochen hatte, sie ans Meer mitzunehmen. Sie hatte das Meer nur im Fernsehen gesehen. Sie mochte dieses den Horizont überspannende Blau sehr. In ihrer Vorstellung sollte das Meer sehr kühl sein, mit einer sanften Brise, die kitzelig übers Gesicht strich. Es war nicht so heiß wie der Salzsee und nicht so stickig. |
Aber Yinger dachte: Auch wenn diese Arbeit schwer auszuhalten ist – ich tue einfach so, als wäre es das Meer, an das du mich mitnimmst. Geht das? | Aber Yinger dachte: Auch wenn diese Arbeit schwer auszuhalten ist – ich tue einfach so, als wäre es das Meer, an das du mich mitnimmst. Geht das? | ||
Latest revision as of 12:26, 8 April 2026
Die anderen Krähen schrien auf und flogen auf eine nahe Düne.
Die Krähe in der Sandmulde zuckte ein paarmal und lag still.
Yinger kam es vor wie ein Traum. Was für ein Zufall. Früher hatte sie zwar auch die Peitsche geschwungen, aber ihr Geschick reichte gerade aus, die Peitschenschnur nicht um sich selbst zu wickeln. Die Trefferwahrscheinlichkeit entsprach der eines blinden Esels, der auf einen Heuhaufen stieß, oder eines Blinden, dem ein Bratapfel in den Mund fiel. Und doch hatte sie getroffen.
Sie kroch zur toten Krähe. Sie war viel kleiner als ein ausgewachsenes Huhn. Im Flug, mit ausgebreiteten Flügeln, sah sie durchaus nach einem Raubvogel aus. Am Boden schrumpfte sie zu einem Küken. Ein paar Blutstropfen zeichneten sich im Sand ab. Yinger dachte: Dieses Blut könnte vielleicht das Leben ein wenig verlängern. Normalerweise war sie schreckhaft, doch jetzt trieben Benommenheit und Stumpfheit sie dazu, den schwarzen Vogel zu packen. Rational wollte sie der Krähe den Kopf abreißen und etwas Blut schlürfen. Sie begann sogar damit. Sie zerrte mit aller Kraft, brachte den Hals aber nicht ab. Dann stellte sie sich ihren blutbefleckten Mund vor, und ihr wurde übel. Sie würgte ein paarmal, brachte aber nichts heraus. Doch das wahnsinnige Wogen von Magen und Speiseröhre vertrieb schlagartig die Benommenheit. Sie dachte: Lieber sterben als dieses Zeug essen.
Sie schleuderte die Krähe weit fort. Ein schwarzer Schatten beschrieb einen kurzen Bogen und kollerte in die Sandmulde.
Eher verdursten als trinken. Dachte sie. Sie wollte kein blutsaugendes Monster wie im Film werden.
Sie dachte: Lieber sterben als so wie ein blutsaugendes Monster weiterleben.
Sie verschnaufte, blinzelte und blickte zu den Krähen in der Ferne. Die blickten zurück. Beide hatten nun Angst voreinander. Yinger fürchtete, sie könnten gemeinsam angreifen und ihr die Augen auspicken. Dann würde sie nach einem Stich höllischen Schmerzes in die Nacht stürzen.
Sie wollte sagen: Was habt ihr es so eilig? Das gedörrte Brot liegt noch auf dem Teller! Bei dem Gedanken, dass sie das auch einmal zu Mengzi gesagt hatte, kam ihr das wie eine ferne Vergangenheit vor. Hätte sie ihn damals angenommen – wäre ihr dabei genauso übel geworden wie beim Krähenblut? Sie wusste es nicht.
Mensch und Vögel belauerten einander. Das Kamel war über allem erhaben. Obwohl es die aufregende Szene gesehen hatte, zeigte es keine Überraschung.
Nach allem, was es auf dieser Reise erlebt hatte, gab es natürlich nichts mehr, das es überraschen konnte.
Yinger hatte sich bereits als Tote betrachtet. Es war nur eine Frage der Zeit – etwas früher, etwas später, und sie würde Fleisch in Krähenschnäbeln sein. In jener Nacht, als die Schakale kamen, hatte sie sich noch geweigert, ihnen zum Fraß zu dienen. Jetzt war dieser Gedanke längst verflogen. Egal. Wer einen fraß, war gleich. Sie wollte nur nicht, dass sie zubeißen, solange sie noch lebte.
Sie dachte: Bald. Ihr müsst nicht mehr lange warten. Sie bemerkte, dass ihre Seele schon schwebte. Die Benommenheit verschlang die Klarheit in Wellen. Wenn die Klarheit ganz verschwunden war, würde die Seele gehen. Wohin? Vielleicht zu Lingguan? Man sagte, nach dem Tod besitze die Seele allerlei übernatürliche Fähigkeiten – Himmelsaugen, Himmelsohren – und könne im Nu überall erscheinen. Auch gut. Doch wie sie fürchtete, dass der ersehnte Salzsee sie enttäuschen würde, so fürchtete sie, dass Lingguan sie abstoßen könnte.
Am meisten fürchtete sie, ihre Seele würde Lingguan antreffen, während er gerade mit einem Friseurmädchen herumtollte. Sie wusste nicht, warum sie ausgerechnet an Friseurmädchen dachte und nicht an andere Frauen. Keine Ahnung. Davor fürchtete sie sich am meisten. Wenn es so käme, wäre die Seele untröstlich. Ob Seelen weinen konnten, wusste sie nicht, aber sicher konnten sie schluchzen. Denn wenn eine Dorffrau sich nach erlittenem Unrecht erhängt hatte, erscholl ihr Weinen in der tiefen Nacht, und viele konnten es hören. Ob sie auch so weinen würde? Sie wusste es nicht. Wenn sie lebend schon nicht Herr über sich war, wie konnte sie nach dem Tod etwas garantieren?
Nicht mehr an ihn denken. Friseurmädchen eben. Nichts zu machen. Er hatte sein eigenes Herz.
Bei dem Gedanken wurde ihr Herz kalt. Auch gut, dachte sie. Lieber zu Lebzeiten erfahren, was für ein Mensch du bist – dann muss ich nach dem Tod nicht mit verzerrtem Gesicht weinen. Es war reines Hirngespinst, und doch hielt sie es für wahr. Alle Hoffnung erstarb. Sie dachte: Krähen, fliegt lieber schnell her.
Die Krähen krächzten ungeduldig, doch keine wagte den zweiten Versuch mit der Peitsche. Das Kamel atmete noch wie ein Blasebalg. Durch sein halb geöffnetes Maul sah Yinger die schwarze, lederartige Zunge und wusste: Auch sein Ende war nah. Auch gut, dachte sie, ein Gefährte. So wäre sie kein einsamer Geist. Auf Lanlan konnte sie nicht zählen – Lanlan strebte in das Buddha-Land der Vajravarahi; ihr letzter Gedanke beim Sterben würde ihre Seele dorthin schicken. Yinger konnte nicht mitkommen, denn sie zweifelte stets an jenem Buddha-Land. Zweifel war der größte Feind der Übung. Zum Glück gab es das Kamel. Das Kamel kannte das Buddha-Land sicher nicht – und das war gut so. Wüsste es davon und hätte es fest daran geglaubt und gelobt, dorthin zu gehen, dann wäre sie – die Lingguan nicht mit einem Friseurmädchen sehen wollte – tatsächlich ein einsamer wandernder Geist.
Yinger sagte: Kamel, geh langsam.
Doch ihre Stimme versagte. Das Netz der Benommenheit war dicht und zäh und fest und hüllte sie bereits ein. Die Luft füllte sich mit etwas wie wirren Fäden, die sich in Mund, Ohren, Augen drängten … Das Krächzen der Krähen verstummte. Benommen sah sie die großen Vögel heranfliegen, der Flügelschlag wob ebenfalls ein Netz. Mehrere Netze gleichzeitig hüllten sie ein.
Dichte Nacht senkte sich herab.
41
Von weit her drang eine Stimme, die an das Seelenrufen der Großmutter in der Kindheit erinnerte. Damals, wenn sie benommen und verwirrt war, sagte die Großmutter, ihre Seele sei verloren gegangen, und rief sie zurück.
Die Stimme der Großmutter kam erst aus der Ferne:
„Yinger, oh – wo du in der Ferne erschrakst, komm hierher in die Nähe!“
Jemand antwortete: „Ich komme!“
„Yinger, oh – wo du in der Höhe erschrakst, komm hierher in die Tiefe –“
„Ich komme!“
„Yinger, oh – wo du in der Hitze erschrakst, komm hierher in die Kühle –“
„Ich komme!“
„Yinger, oh – wo du im Hunger erschrakst, komm hierher in die Sattheit –“
„Ich komme!“
„Yinger, oh – drei Seelen und sieben Geister, kehrt zurück in den Leib –“
„Ich komme!“
Die Großmutter rief noch viele solcher Formeln. Sie rief von einem entfernten Ort bis in die Küche hinein, nahm dann eine in roten Stoff gehüllte Porzellanschale mit Mehl und drückte sie nacheinander auf Yingers Brustbein, Rücken, beide Schultern und andere Stellen. Nach einer Weile des Drückens erschien in der Schale eine Mulde. Die Großmutter sagte: Schau, der Verlust war groß! Dann füllte sie Mehl nach, rief erneut und drückte erneut, bis das Mehl in der Schale vollkommen eben war – dann war das Seelenrufen abgeschlossen.
Damals antwortete meist die Mutter. Die Großmutter ließ Baifu nie antworten, denn er war zu frech: Statt „Ich komme!“ sagte er „Ich komme nicht!“ Das bedeutete, das Seelenrufen war gescheitert, und man musste einen neuen Glückstag wählen.
Die Stimme der Großmutter war wie Grünreissuppe – lang, süß und weich – und drang bis in Yingers Herz. Später starb die Großmutter, und niemand rief mehr ihre Seele.
Jetzt erschien diese gedehnte Stimme wieder. Benommen fühlte Yinger sich geborgen. Sie dachte, sie sei gestorben.
Man sagte, nur nach dem Tod könne man toten Verwandten begegnen. Auch gut, dachte sie, ich sehe die Großmutter wieder. Die Großmutter war am liebsten zu ihr gewesen. Ihr Schoß war der wärmste Hafen. Als Kind hielt die Großmutter sie immer im Arm und rief: „Mein Schätzchen!“ Dann küsste sie Yinger laut schmatzend. Die Großmutter war wie eine alte Zauberin – immer hatte sie wundersame Dinge bei sich: Bonbons, Erdnüsse, und sie konnte unzählige Geistergeschichten erzählen, die Yinger nach dem Lichtausmachen zum Schreien brachten, sodass sie sich in den Schoß der Großmutter verkroch.
Yinger spürte, wie die gedehnte Stimme sie wie ein Seidenfaden einwickelte und Stück für Stück heranzog, wie ein Drachenfaden – der Sturm des Lebens wollte sie in einen bodenlosen Abgrund reißen, doch der rufende Faden hielt sie fest. Zoll für Zoll glitt sie heran, näherte sich langsam der Ruferin. Allmählich erkannte sie: Die Stimme hatte sich verändert und klang wie die von Lanlan.
Sie kämpfte, die Augen zu öffnen. Die Augäpfel waren trocken wie ein verrosteter Riegel, der sich dreht. Sie drückte und drückte, bis ein Lichtstrahl in die Lider platschte. Geblendet konnte sie zunächst nichts erkennen.
„Schnell! Iss das hier!“ Lanlans Stimme klang freudig erregt.
Endlich sah sie Lanlan. In der Hand hielt sie einen schwarzen Stab. Als Yinger sich nicht rührte, schabte Lanlan mit dem Peitschenstock die schwarze Haut ab, und darunter kam weißes Fleisch zum Vorschein. Yinger kannte es. Im Winter, wenn die Dorfleute Schafe schlachteten, kochten sie es mit dem Lammfleisch zusammen. Wie hieß es noch gleich? Richtig – Suoyang (Cynomorium, eine Wüstenpflanze).
Lanlan schnitt ein Stück ab und steckte es Yinger in den Mund. Yinger kaute leicht, und süßer Saft breitete sich im Mund aus. Sie hatte nur getrocknete Suoyang-Knollen gesehen – sie hätte nicht gedacht, dass sie so saftig sein konnte.
Lanlan gab Yinger die geschälte Suoyang-Knolle und sagte, sie solle viel essen. Dann zog sie aus ihrem Kopftuch eine weitere –
Yinger entdeckte staunend, dass das Kopftuch voller schwarzer Stäbe war.
Lanlan kaute etwas Suoyang-Knolle und gab es dem Kamel. Das Kamel atmete schwer und streckte die schwarze Zunge aus, um den Saft mühsam in seinem Maul umzuwälzen.
Für Yinger war diese Suoyang das Beste, was sie je gegessen hatte. Bei jedem leichten Biss quoll Saft zwischen den Zähnen hervor und ergoss sich in die gierigen Geschmacksknospen. Die Knospen feierten ein rauschendes Fest. Wie ausgehungerte Spatzenjunge beim Anblick des Wurms, den die Mutter brachte, rissen sie die Schnäbel auf und kreischten ohrenbetäubend. Der süße, duftende Saft der Suoyang weckte die verlorene Erinnerung des Magens, der wie wild zu arbeiten begann.
Auch das Kamel verschlang die schwarzen Stäbe und kaute schmatzend, weißer Saft lief aus den Mundwinkeln. Yinger fand das jammerschade. Lanlan war bester Stimmung und sagte zu Yinger: Iss diese fertig auf. Wenn du dich etwas erholt hast, gehen wir zusammen graben – in jener Sandmulde gibt es haufenweise Suoyang-Knollen.
Nach einer Suoyang-Knolle ließ Lanlan Yinger nicht mehr essen. Sie versuchte, das Kamel hochzuziehen. Es kämpfte sich auf und torkelte. Es fraß alle Suoyang-Knollen, die Lanlan gebracht hatte. Die Suoyang-Knolle stillte Hunger und Durst und nährte zugleich – sobald sie im Magen war, kehrte dem Kamel das Leben zurück, das schon in der Luft geschwebt hatte. Yingers Kopf pochte noch leise, doch die Benommenheit war gewichen. Lanlan sagte: Gut so. Nicht zu viel auf einmal. Später mehr.
Die beiden führten das Kamel zur Sandmulde. Sie war nicht weit – nur um die Sandzunge herum. Der Boden war dort eine Mischung aus Sand und Erde, und die Suoyang-Knollen hatten sich dort angesiedelt. Lanlan suchte eine Rissstelle, stampfte auf, und es klang hohl. Lanlan sagte: Hier drunter – alles voller Suoyang-Knollen. Was ihr vorhin gegessen habt, kam aus einer einzigen Grube. Yinger sah, dass es überall Risse gab, ähnlich wie wenn Kartoffeln die Erdoberfläche aufbrechen. Manche Suoyang-Knollen ragten sogar schon aus dem Boden. Yinger seufzte: Der Himmel lässt keinen Weg ohne Ausweg.
Lanlan sagte: Es war die Vajravarahi, die uns gerettet hat – glaubst du das? Als ich um die Sandzunge kam, kniete ich in der Mulde und betete.
Ich sagte: Yogini, wenn ich lebend aus dieser Wüste komme, werde ich den Tempel wiederaufbauen und ein neues Bildnis errichten. Nach einer Weile des Betens sah ich in der Ferne eine rote Gestalt. Ich dachte, es sei ein Hirte, und ging darauf zu. Hier angekommen, entdeckte ich die Suoyang-Knollen. … Wenn wir zurück sind, sammle ich Spenden für den Bau des Vajravarahi-Tempels. Ich darf die Yogini nicht belügen, nicht wahr? Lanlan sprach sehr ernst. Yinger dachte: Vielleicht hast du dich versehen? Dann fand sie den Gedanken respektlos – wenn die Yogini wirklich den Weg gewiesen hatte und sie so dachte, würde die Yogini traurig sein. Also sagte sie: Dann danken wir der Yogini. Lanlan grub eine Rissstelle auf – drinnen war alles voller Suoyang-Knollen. Die Suoyang-Pflanze (Cynomorium) war eine fleischige Parasitenpflanze, geformt wie ein Eselshoden, bis zu einem Fuß lang, schwarzrot, meist an Stellen wo Sand und Erde sich mischten. Man sagte, sie stärke die Nieren. Suoyang-Knollen wuchsen in Nestern – ein großes Nest wog mindestens einige Dutzend Pfund. Man brauchte nur den Sand aufzugraben, und schon lag ein Haufen da. Lanlan kratzte mit dem Peitschenstock etwas Sand weg und warf sie dem Kamel vor. Das Kamel brüllte begeistert, alle Schwäche war verflogen.
Die beiden nahmen den Packsattel ab und gruben auf der Schattenseite einer Düne eine Grube. Nach einigen Suoyang-Knollen banden sie das Kamel an, krochen in die Grube und schliefen. Sie schliefen, aßen, schliefen, und mit so vielen nahrhaften Suoyang-Knollen waren sie nach einigen Schlafphasen wieder bei Kräften.
Am nächsten Morgen entdeckte Yinger Muscheln in der Kieswüste. Offenbar hatte es hier einmal viel Wasser gegeben. Vielleicht war diese Wüste einst ein Meer gewesen. Selbst das Meer wurde zur Wüste – wie zerbrechlich war da ein Menschenleben. Wirklich – vielleicht waren sie und Lingguan im nächsten Augenblick alt. Selbst wenn du eine glänzende Karriereleiter emporklettertest – welchen Sinn hätte das dann? Sie grollte Lingguan wieder ein wenig.
Grollen hin oder her – sie grub trotzdem reichlich Suoyang-Knollen. Lieber selbst zu Fuß gehen und das Kamel mit Suoyang-Knollen beladen. Dann zogen sie weiter in die Richtung, die sie für richtig hielten …
42
Yinger und Lanlan erblickten endlich eine Fläche von blendendem Weiß.
Nach Tagen im gelben Sand stach das Weiß in die Augen. Näher kommend sahen sie: Es war Salzboden. Hier wuchs wirklich kein Halm mehr. Das Salz hatte die Erdoberfläche hoch aufgetrieben; beim Darauftreten war es weich. Die Luft war etwas feuchter und trug einen Hauch von Meeressalz.
Lanlan sagte freudig: Gleich sind wir am Salzsee. Sie sagte, am Rand von Salzseen sehe es immer so aus.
Auch das Kamel brüllte freudig. Der Klang hatte die festliche Note einer Suona-Trompete.
Eigentlich hätte auch Yinger froh sein sollen, doch stattdessen empfand sie eine seltsame Ruhe. Sie fürchtete, dass die Suche wieder in Enttäuschung endete.
Weiter vorn sahen sie hohe Salzberge. Lanlan erklärte: Das waren „Salzschlangen“. Das Salz war aus dem Salzsee geschöpft worden. Die Sonne schien auf die Salzschlangen und warf viele Lichtreflexe. Yinger fühlte sich wie in einem Traum. Überall blendendes Weiß, wie ein Kristallpalast. Das Kamel brüllte begeistert.
Auf den Salzschlangen waren Menschen – von Weitem ameisengroß. Etwas weiter, und Yinger sah den Salzsee. Es waren wirklich Becken – etwa zwei Meter breit, die Länge variierte, die meisten über hundert Meter lang. Das Wasser war tiefgrün. Die Arbeiter hielten Eisenkellen hoch und schöpften Salz; die Kellen hatten Löcher, durch die das Wasser in vielen Strahlen ablief. Zwischen den Becken waren lange Streifen freier Fläche; das geschöpfte Salz wurde dort in regelmäßigen Trapezformen aufgehäuft.
Die Arbeiter trugen nur kurze Hosen. Yinger fand es auffällig, aber sie waren immerhin „Menschen“. Seit Langem keine „Menschen“ mehr gesehen – ein unbeschreibliches Gefühl stieg in ihr auf.
Lanlan trat vor und fragte einen Arbeiter: Gibt es Wasser? Der Mann brachte einen Eimer und sagte: Noch halb voll. Wenn ihr es braucht, nehmt es. Yinger musste lachen, als sie hörte, dass er den Eimer „Stahlkäfig“ nannte.
Das Kamel stieß beim Anblick des Wassers einen langen Schrei aus. Lanlan holte die Flasche heraus, tauchte sie in den Eimer, die Öffnung gluckerte eine ganze Weile, bis die Flasche voll war, und reichte sie Yinger. Yinger wusste zwar, dass das Kamelmaul den Flaschenhals berührt hatte, trank aber trotzdem im Stehen. Das Wasser war etwas warm, aber es war echtes Wasser. Die Suoyang-Knolle hatte zwar auch den Durst gelöscht, war aber nicht so befriedigend wie Wasser. Yinger trank die Flasche in einem Zug leer und reichte sie Lanlan. Lanlan trank ebenfalls eine Flasche. Sie wollte auch dem Kamel eine füllen, doch der Arbeiter reichte ihm gleich den ganzen Eimer. Das Kamel steckte den Kopf hinein und schlürfte in einem Zug alles leer.
Lanlan war verlegen. Der Mann sagte: Macht nichts. Wasser gibt es hier genug. … Seid ihr zum Salzschleppen gekommen oder zum Arbeiten?
Lanlan horchte auf und tastete sich vor: Arbeiten? Das können wir doch gar nicht, eure Arbeit. Der Mann sagte: Ihr habt eure eigene – Salzsäcke nähen, Pflanzenreste auflesen. Es fehlt gerade an Leuten. Lanlan schaute Yinger an. Yinger sagte: Uns ist ein Kamel gestorben, der Verlust ist groß. Wenn wir etwas verdienen können, natürlich gern – Salz transportieren ist doch auch nur zum Geldverdienen. Lanlan sagte: Gut, wir probieren es ein paar Tage. Wenn wir durchhalten, bleiben wir. Der Mann sagte: Ich bringe euch zum Chef.
Der Chef war ein alter Mann. Er sagte: In Ordnung, bleibt erst mal und versucht es ein paar Tage.
Anfangs hatte Yinger gedacht, hier gäbe es keine Frauen, und war besorgt. Doch es gab viele – sonnengebräunt mit schwarzrotem Gesicht, wohnend in den Lehmhütten am Salzsee. Der Chef sagte: Ihr wohnt bei denen.
Die beiden führten das Kamel zur Lehmhütte, sattelten ab und stellten fest, dass der Kamelrücken wieder aufgescheuert war. Die Wunde stank entsetzlich. Lanlan holte Salzlake und wusch die Wunde.
Die Hütte war klein, ohne richtige Betten, nur eine Reihe Eisenbahnschwellen als Unterlage. Lanlan hatte noch zwei Decken gehabt, eine war zerrissen und mit Öl getränkt als Brandgeschoss benutzt worden. Die Zudecke lag auf dem Kamel, das die Schakale getötet hatten. Jetzt war nur noch eine Unterlage übrig. Die Schwellen waren uneben, die Decke dünn – das Schlafen würde unbequem sein. Aber unterwegs konnte man sich keinen Luxus leisten. Um das Gesicht zu wahren bei der Heimkehr, würden sie Dreck fressen und Gift trinken, Schwein und Hund spielen – alles war akzeptabel.
Die Mitbewohnerin hieß Sansan. Sie war groß, kräftig und sehr herzlich. In dieser Sandwüste kamen selten Frauen von auswärts – endlich eine Gefährtin, und sie behandelte sie wie Verwandte, die zu Besuch kamen. Sansan kochte eine Mahlzeit Weißnudeln – einfach Nudeln in kochendem Wasser mit einer Prise Salz, ohne Gemüse. Gemüse war hier das Rarste. Angeblich kam ab und zu ein Lastwagen mit Gemüse zum Lager, acht Li entfernt, aber man musste anstehen. Die Arbeiter hatten keine Zeit zum Anstehen. Die Weißnudeln schmeckten trotzdem herrlich. Die Suoyang-Knollen hatten ihre zusammengeschrumpften Mägen wieder geöffnet, und beide aßen, bis ihnen der Schweiß lief. Es war überaus befriedigend.
Nach dem Essen besorgte Sansan Gras für das Kamel und band es vor der Tür an. Sie sagte: Schlaft euch richtig aus. Hier stiehlt keiner Kamele. Hier kommen nur Salzlastwagen; Diebe verirren sich nicht hierher.
Lanlan und Yinger schliefen herrlich.
Am Abend kamen ein paar Arbeiter zu Sansan, damit sie die aufgeplatzten Blutrisse an ihren Beinen nähte.
Lanlan und Yinger entdeckten entsetzt, dass die Oberschenkel der Arbeiter eine panzerartige Hornhaut hatten, wie die Schwielen am Ochsenhals – dick, grauweiss und aufgerissen in blutige Spalten. Die Spalten waren tief, leuchtend rot, wie Kindermünder – sie bluteten zwar nicht, waren aber furchterregend.
Sansan erklärte die Ursache der Blutrisse: Eine Kelle Salz wog dreißig Pfund. Mit bloßer Armkraft war es mühsam, sie aus dem Becken zu heben. Die Arbeiter benutzten den Kellenstiel als Hebel mit dem Oberschenkel als Drehpunkt. Mit der Zeit bildete sich eine dicke Hornhaut, mehrere Kupfermünzen dick. Bei Bewegung riss die harte Haut zu Blutspalten auf, die immer größer wurden. Zum Glück drang ständig Salzlake ein – das verursachte zwar Schmerzen, verhinderte aber Infektionen.
Sansan fädelte Nadel und Faden ein und nähte die Blutrisse.
Yinger sog scharf die Luft ein. Sie hatte nicht erwartet, dass sie im Salzsee, diesem Ort wie ein heiliger Tempel in ihrem Herzen, als Erstes diesen grausigen Anblick sehen würde. Bleich geworden, blickte sie weg. Doch die Blutrisse umringten sie, bleckten grinsend ihre Zähne und lachten schaurig. Es war wie ein Albtraum. In der Wüste, wenn sie an den Salzsee dachte, war er ein kühler Traum gewesen. Kaum angekommen, ließen ihr die Blutrisse den Magen umdrehen.
Als Sansan nicht nachkam, bat sie Lanlan um Hilfe. Lanlan konnte gut nähen, aber nicht Blutrisse. Ein Arbeiter lachte und nahm selbst Nadel und Faden, stach übertrieben durch die Hornhaut und zerrte den klaffenden Riss grob zusammen. Er wollte zwar komisch wirken, doch die Schweißperlen auf seiner Stirn verrieten seinen Schmerz.
Nach dem Nähen gingen die Arbeiter lachend davon. Sansan zündete eine Sturmlaterne an. Hier gab es keine Elektrizität.
Sansan sagte: Der Generator trieb nur die Seilwinde an. Im Lager, acht Li entfernt, gab es angeblich Elektrizität, aber nur bis zehn Uhr abends.
Sansan sagte: Der Mann, der ihnen Wasser gegeben hatte, hieß Daniu – der Vorarbeiter. Er war der stärkste Arbeiter und schaffte zehn Tonnen Salz am Tag. Die Mehlration für die Arbeiter betrug zehn Pfund pro Tag. Nur die Mahlzeiten aus zehn Pfund Mehl lieferten genug Kalorien für einen Arbeitstag.
Yinger hörte mit offenem Mund zu.
Gerade als sie sprachen, kam Daniu und sagte, der Chef habe angeordnet, sie sollten morgen Pflanzenreste auflesen. Für jeden Eimer gab es einen Yuan, Abrechnung am Monatsende. Außerdem bekamen sie Arbeitskleidung aus Segeltuch und Sonnenbrillen. Sansan sagte: Pflanzenreste auflesen ist die leichteste Arbeit am Salzsee. Ihr habt Glück – gerade waren ein paar Arbeiterinnen abgesprungen, sonst wäre die Stelle gar nicht zu haben.
Vor dem Schlafengehen holte Lanlan Weizenstroh für das Kamel. Auf den nahen Dünen wuchsen zwar Saxaulbäume, aber die waren von Menschen gepflanzt, eigens zur Sandfixierung, und durften nicht verfüttert werden. Da genug Wasser vorhanden war, fraß das Kamel das trockene Stroh mit Genuss.
Nachts erzählte Sansan: Dieser Salzsee war einst die Mitgift eines mongolischen Fürsten für seine Tochter, mit einer jahrhundertealten Geschichte. Sie sagte: Das war wirklich die beste Mitgift der Welt, wie ein Schatz, der nie leer wurde. Das Salz – kaum eine Schicht abgeschöpft, wuchs die nächste nach. Unerschöpflich.
Yinger dachte: Auch eine Frau – warum hatte jene so viel Glück?
Dann dachte sie: Was nützte alles Glück? Die Prinzessin hatte den Schatz, war aber trotzdem zu einem Haufen Knochen geworden.
Am nächsten Morgen aßen die beiden etwas gedörrtes Brot und stiegen auf die Salzschlange. Das dort aufgehäufte Salz war altes Salz mit großen Kristallen, aus frisch geöffneten Becken geschöpft und unbestimmt lange in der Lake gereift. Nach der Ernte des alten Salzes wuchs in wenigen Jahren neues Salz nach, dessen Kristalle kleiner waren. Altes Salz schmeckte besser und war teurer.
Die Pflanzenrestesammlerinennen waren meist Frauen, alle in Segeltuch gekleidet, alle mit Kopftuch und Sonnenbrille. Daniu wies Yinger und Lanlan an, es ebenso zu machen.
Die Seilwinde beförderte Salz und Pflanzenreste zusammen hinauf auf die Salzschlange. Sand war schwarz – sobald schwarze Flecken im weißen Salz auftauchten, musste Yinger sie schnell aufsammeln und in den Eimer werfen. Das Dröhnen der Seilwinde war ohrenbetäubend und hämmerte in den Kopf. Yingers Schädel brummte. Sie hasste Lärm. Bei zu viel Lärm hatte sie das Gefühl, verrückt zu werden. Doch wenn das Salz wie Wasser herabfloss, vergaß sie den Lärm. Die Pflanzenreste rollten die Salzschlange herab. Unablässig sammelte sie. Sie fühlte sich vom Lärm durchtränkt.
Gerade beim Sammeln explodierte ein Schrei neben ihrem Ohr: He! Bist du blind?
Yinger drehte sich um und sah einen Mann, der sie böse anstarrte. Er zeigte auf ein paar Sandbrocken oben auf der Salzschlange, die nicht heruntergerutscht waren. Yinger war die Sonnenbrille nicht gewohnt und hatte nicht bemerkt, dass manche Pflanzenreste oben hängen blieben. Sie nahm die Brille ab, lächelte dem Mann entschuldigend zu und stieg hinauf, um sie aufzusammeln. Doch gerade strömte Salz mit Salzlake herab. Kaum hatte Yinger sich aufgerichtet, stieß sie ein gewaltiger Schub um. Auch in die Augen stachen tausend Nadeln. Sie presste die Hände auf die Augen und rollte den Salzhang hinunter.
Der Mann schimpfte: Warum nimmst du die Brille ab? … Nicht schlimm, wenn Salzlake in die Augen kommt, tut es zwar weh, aber schadet nicht. Er rief einen Arbeiter, der Yinger beim Sammeln vertreten sollte, und schickte Yinger zum Süßwassereimer, um sich die Augen auszuspülen.
Nachdem sie eine Weile gespült hatte, ließ der Schmerz bei Yinger etwas nach. Sie nahm das Handtuch ab, trocknete ihr Gesicht, sagte dem Mann ein Dankeschön und wollte gehen. Der Mann hielt sie auf und fragte, woher sie komme und wer in ihrer Familie sei. Yinger wollte eigentlich nicht antworten, dachte aber, es sei vielleicht die Regel am Salzsee, und antwortete auf alles.
Nachdem sie eine Weile gearbeitet hatte, erkannte Yinger, dass auch das Pflanzenrestesammeln keine leichte Arbeit war. Erstens die Anspannung – die Salzströmung schwemmte ständig Pflanzenreste heran, und man musste die Augen die ganze Zeit offen halten; bei der geringsten Unachtsamkeit wurden die Pflanzenreste vom Salz verschüttet. Zweitens die Rückenschmerzen – vom ständigen Bücken tat der Rücken schon nach kurzer Zeit höllisch weh. Vom langen Kamelreiten war der Rücken ohnehin nicht in bester Verfassung, und jetzt wurde der Rückenschmerz wie ein Wirbelsturm, der sie ständig umzuwerfen drohte. Drittens spritzte die Salzlauge einem ständig in die Augen, die davon immerzu tränten. Die Brille war eigentlich dazu da, die Salzlauge abzuhalten. Aber die Sole war wie ein Dieb – man konnte sich einfach nicht genug davor schützen. Sobald man auf den Salzrücken stieg, um Pflanzenreste zu sammeln, konnte jederzeit die Sole mit der Salzströmung einem ins Gesicht klatschen. Yinger hatte Erfahrung gesammelt: Sobald sie etwas Ungewöhnliches bemerkte, schloss sie zuerst die Augen. Ihr Körper wurde zwar durchnässt, aber die Augen entgingen dem direkten Aufprall der Salzlauge. Doch die allgegenwärtige Lauge sickerte trotzdem ein wenig ein und brannte in den Augäpfeln wie Feuer.
Yinger wurde schwindelig, und sie dachte: Und das soll noch die leichteste Arbeit sein. Als sie an die weit aufgerissenen Wunden an den Beinen der Wanderarbeiter dachte, glaubte sie es sofort. Sie dachte: Es gibt kein kostenloses Mittagessen auf der Welt. Wer Geld verdienen will, muss eben leiden.
Mit dem höher steigenden Sonnenball wurde der Salzrücken zum Dampfkessel. Der Geruch der Salzlauge breitete sich aus, fischig und stechend, mit einem Hauch von Meeresgeruch. Yinger dachte, dieser Salzsee war vielleicht wirklich ein abgestorbenes Meer. Sie erinnerte sich, dass sie an dem Ort, wo sie die Suoyang-Knollen ausgegraben hatten, Muscheln gefunden hatte. Etwas wie warmes Wasser wogte in ihrem Herzen. Sie erinnerte sich, dass Lingguan ihr versprochen hatte, sie ans Meer mitzunehmen. Sie hatte das Meer nur im Fernsehen gesehen. Sie mochte dieses den Horizont überspannende Blau sehr. In ihrer Vorstellung sollte das Meer sehr kühl sein, mit einer sanften Brise, die kitzelig übers Gesicht strich. Es war nicht so heiß wie der Salzsee und nicht so stickig.
Aber Yinger dachte: Auch wenn diese Arbeit schwer auszuhalten ist – ich tue einfach so, als wäre es das Meer, an das du mich mitnimmst. Geht das?
Der Mann brüllte wieder: Bist du eingeschlafen?
Yinger raffte sich auf und entdeckte, dass die Seilwinde wieder viele Pflanzenreste heranbefördert hatte. Wie schwarze Pockennarben auf einem weißen Gesicht waren sie über den Salzhaufen verstreut. Sie sammelte eilig ein.
43
In „Weißer-Tiger-Pass“ werden Yingers und Lanlans Erlebnisse am Salzsee festgehalten.
Es war eine einzigartige Erfahrung.
Yinger stellte fest, dass ihre Kleidung nach jeder Schicht zu einer Rüstung wurde. Die Salzlauge bespritzte die Kleidung, die Sonne verdunstete die Feuchtigkeit, und die Kleider wurden bretthart. Eine weiße Salzschicht bedeckte die ursprünglichen Farben, und das Gehen wurde sehr mühsam.
Im nassen Zustand war es unerträglich – ob es Schweiß war oder Salzlauge, jedenfalls war alles klebrig. Das Wasser sickerte unter der Oberbekleidung heraus. Im trockenen Zustand war es ebenfalls unerträglich – nachdem Wind und Sonne die Feuchtigkeit verdunstet hatten, rieb die rüstungsartige Unterwäsche die Brustwarzen wund.
Endlich war es Mittag, und die Frauen gingen alle in die aus Schilfmatten errichtete Umkleidekabine. Beim Ausziehen der Arbeitskleidung stellte Yinger fest, dass sie tatsächlich zu Rüstungen geworden waren. Egal ob Hosen oder Hemden – sobald man sie auf den Boden stellte, standen sie von alleine. Die Arbeiterinnen zogen sich um, nahmen die Rüstungen und tauchten sie in den Süßwassereimer – ohne jedes Schrubben löste sich das Salz aus den Kleidern ins Wasser. Sie hängten die Arbeitskleidung in die Sonne und begannen zu kochen.
Yinger und Lanlan hatten ihre Wechselkleidung bei den Schakalen verloren und besaßen nur das, was sie am Leib trugen. Sie hatten auch keine Erfahrung und hatten bei der Arbeit ihre eigene Kleidung nicht gegen Arbeitskleidung gewechselt. So waren alle ihre Sachen zu Rüstungen geworden. Sie konnten nur erst die Arbeitskleidung waschen und in ihren bei jeder Bewegung knisternden Kleidern kochen.
Sansan flüsterte Yinger zu: „Was wollte der alte Totjunge von dir?“
Yinger verstand nicht: Was für ein alter Totjunge?
Na, der Vorsteher! Der Mann, der dich aufgehalten hat.
Yinger musste lachen: Der lebt doch putzmunter, wieso nennst du ihn alten Totjungen?
Wir nennen ihn alle heimlich so. – Sansan hielt sich den Mund zu und kicherte.
Sansan erklärte Yinger, dass er ein mittlerer Vorsteher war. Zwar nicht der oberste Chef, der einem noch reicheren, den gesamten Salzsee-Betrieb leitenden Boss unterstellt war, aber er hatte dennoch große Macht.
Sansan sagte, die Frauen nannten ihn heimlich den alten Totjungen, weil er auf „dieses Eine“ scharf sei. Welches Eine? Na, eben …
Sansan hielt sich kichernd den Mund zu: Was denn sonst? Er bestellt ständig Arbeiterinnen zum „Gespräch“. Dabei ist er völlig im Recht – seine Frau ist gestorben. … Weißt du, was das größte Glück eines Mannes ist? Beförderung, Reichtum und der Tod der Ehefrau – der alte Totjunge hat alles auf einmal. Der ist natürlich ein begehrtes Brötchen geworden. Natürlich sucht er ganz offiziell nach einer Frau.
Gerade als sie so sprachen, kam der Mann herein und warf Yinger und Lanlan zwei halbneue Kleidungsstücke hin. Yinger dachte: Dieser Mann ist wirklich nicht einfach … Woher wusste er, dass wir keine Wechselkleidung haben?
Der Mann blickte Sansan an, und Sansan streckte erschrocken die Zunge heraus.
Nachdem er gegangen war, wagte Sansan kaum zu atmen. Nach einer Weile flüsterte sie Yinger zu: Hat er gehört, was ich gesagt habe? Yinger beruhigte sie: Wohl kaum. Lanlan aber sagte: Na und, wenn er es gehört hat? Wenn es so eselsmäßig hart zugeht, kann man überall Geld verdienen. Sansan fragte zurück: Und warum bist du dann hergekommen? – Damit hatte sie Lanlan zum Schweigen gebracht.
Lanlan hatte dieselbe Antwort gegeben wie bei Daniu und dem Boss.
Sansan sagte: Natürlich ist es für Frauen leicht, Geld zu verdienen – wenn man bereit ist, schlecht zu werden. Wenn man aber nicht schlecht werden will, muss man den Esel spielen. Hier sieht man wenigstens jeden Tag ein paar Geldscheine fürs Eselspielen. An manchen Orten schuftet man umsonst, und der schwarze Subunternehmer steckt sich alles ein.
Yinger vermutete, dass die Kleidung, die der Mann gebracht hatte, seiner verstorbenen Frau gehört hatte, und ekelte sich etwas. Lanlan hatte jedoch bereits einen Satz angezogen. Als sie Yingers Zögern sah, sagte sie: Zieh um. Man sammelt das Holz auf dem Berg, auf dem man steht. Zieh dich um, ich wasch es. Yinger zog also die zur Panzerung gewordene Unterwäsche aus und ging mit Lanlan zum Wascheimer, wusch alles und hängte es auf.
Yinger zog die zur Panzerung gewordene Unterwäsche aus und ging mit Lanlan zum Wascheimer, wusch alles und hängte es auf.
Sansan spähte zur Tür hinaus und flüsterte dann: Unterschätz den alten Totjungen nicht, der hat viel Geld. Er hat jede Menge Wege, an Geld zu kommen. Zum Beispiel hat er mit den Salzlaster-Fahrern abgemacht: Er lädt sechs Tonnen, rechnet aber nur vier ab, und das Geld für die übrigen zwei Tonnen teilt er mit dem Fahrer. Yinger fragte: Woher weißt du so was? Sansan verzog den Mund: Wie soll man denn Feuer in Papier einwickeln? Das ist längst ein offenes Geheimnis. Der Salzsee gehört ja nicht ihm selbst, also kümmert sich niemand um so einen Furz. Heutzutage – wer die Fähigkeiten hat, der greift zu.
Yinger und die anderen hatten das Essen fertig und wollten gerade essen, als der „alte Totjunge“ wieder kam. Er blickte Yinger an, warf ein paar Päckchen eingelegtes Gemüse hin, sagte kein Wort und ging wieder. Sansan blickte Yinger an und wollte etwas sagen, tat es aber nicht.
Es war zwar wieder nur abgekochte Nudeln, aber da sie hungrig waren und nun eingelegtes Gemüse dazu hatten, schmeckte es köstlich. Yinger aß, bis ihr der Schweiß von der Stirn lief. Es war die sättigendste Mahlzeit seit vielen Tagen.
Am Nachmittag, als Feierabend war, kam jemand, um die von den Frauen gesammelten Pflanzenreste abzumessen. Yinger hatte am wenigsten – nur zwölf Eimer. Lanlan fünfzehn Eimer. Die Fleißigste hatte über zwanzig Eimer gesammelt. Yinger rechnete: Wenn die Seilwinde allen ungefähr gleich viele Sandreste lieferte, dann hatte sie im Vergleich zu Lanlan drei Eimer übersehen. Sie fühlte sich schuldig. Wer auch immer dieses Salz kaufte, würde wohl etwas betrogen werden.
Nachts, als sie auf den Bahnschwellen schlief, zuckte das Fleisch an Yingers Oberschenkel. Sie hatte ein seltsames Angstgefühl. Für die Dorfbewohner – neben den körperlichen Auswirkungen – bedeutete Muskelzucken stets, dass etwas passieren würde.
Was würde diesmal wohl geschehen?
44
Mehrere Tage lang hatte sie Pflanzenreste gesammelt, und zusammengerechnet hatten die beiden schon über hundert Yuan verdient. Am Salzsee wurde monatlich abgerechnet. Zwar hatten sie das Geld noch nicht erhalten, aber nach Sansans Worten wurde hier ausbezahlt, was man verdient hatte, ohne willkürliche Abzüge. Sie sagte: Trotzdem können es nicht viele Leute hier aushalten. Selbst Wölfe finden es hier zu trostlos zum Kacken. Viele bleiben höchstens einen Monat, kassieren den Monatslohn und verschwinden. – Für die fest angestellten Salzarbeiter waren die Bedingungen allerdings recht gut. Früher betrug die Zuteilung für Schwerstarbeiter dreihundert Pfund Mischgetreide im Monat. Später kam ein hoher Beamter und ließ im Getreidelager alles Mischgetreide gegen Feinmehl tauschen; regelmäßig gab es sogar Fleisch. Wanderarbeiter erhielten natürlich keine Verpflegung – sie trugen ihre Nahrung selbst bei sich.
Jeden Abend kam Daniu in die Unterkunft von Yinger und den anderen, entweder damit Sansan die wieder aufgerissenen Wunden an seinen Beinen nähte oder einfach um zu plaudern. Er blickte ständig verstohlen zu Yinger und sagte, sie sei hübscher als ein Gemälde. Am Salzsee gab es zwar Frauen, aber ihre Gesichter waren von Wind und Sonne gegerbt kuhfladen-farben geworden – eine so frische Schönheit wie Yinger hatte man hier noch nie gesehen. Von Lanlan ganz zu schweigen – selbst sie war hier eine Seltenheit. Aber neben Yinger kam Lanlan schlecht weg; eigentlich war auch sie eine hübsche Frau, doch neben Yinger wirkte sie gewöhnlich. Lanlan störte das nicht im Geringsten. Nach dem Wunderabenteuer in der Wüste hatte sie die Vajravarahi wieder aufgenommen und begonnen, deren Mantra zu rezitieren. Sie übte mit einem Herzen voller Dankbarkeit. Sie dachte: Mein Leben verdanke ich der Vajravarahi. Wenn ich nicht praktiziere, bin ich der Dakini gegenüber undankbar.
Neben dem Mantra-Rezitieren dachte Lanlan ständig an zu Hause. Aus Sorge, die Eltern könnten sich ängstigen, bat Lanlan den Vorsteher, beim Dorfladen anzurufen und ihrem Vater ausrichten zu lassen, es gehe ihnen gut, sie arbeiteten am Salzsee, und die Eltern sollten sich keine Sorgen machen. Sie erkannte, dass die Eltern ein widersprüchliches Ganzes waren: Wenn man zusammen war, sagten und taten sie ständig dumme Dinge. Kaum war man weg, dachte Lanlan an ihre guten Seiten und spürte, dass sie ein ganzes Leben lang gelitten hatten, ohne je ein paar ruhige Tage gehabt zu haben – und fühlte sich sehr schuldig.
Eltern waren wie die Heimat – eine Existenz, deren Wärme man erst in der Ferne spürte.
Daniu war der Arbeitsheld des Salzsees. Sein Gesicht war zwar mager, aber sein Körper bestand nur aus sehnigen Muskeln. Wenn er sich anstrengte, schwollen die Beinmuskeln an, ein Strang neben dem anderen. Sein Makel war, dass die Sonne seine Haut braun gebrannt hatte und seine Oberschenkel voller Schwielen und Wunden waren. Aber alle Salzarbeiter sahen so aus, und nach ein paar Tagen hatte sich Yinger daran gewöhnt.
Daniu erzählte ständig Geschichten, meist über die fest angestellten Salzarbeiter. In Danius Augen waren die Angestellten Wesen aus einer anderen Welt, immer unbegreiflich. Zum Beispiel erzählte er, wie Mutter und Tochter gleichzeitig in denselben Angestellten verliebt waren und einen großen Skandal ausgelöst hatten. Für Yinger klang das wie Geschichten von einem anderen Stern.
Daniu sprach auch über den „alten Totjungen“, nannte ihn aber nicht so, sondern „den Direktor“. In seinen Augen war der Direktor ein überirdisches Wesen. Der Direktor hatte ihn zum Untervorsteher gemacht. Man sollte diese Position nicht unterschätzen. Vorher war er nur ein einfacher Salzarbeiter gewesen; als Untervorsteher hatte er plötzlich Verbindung zur Macht. Allein dadurch stieg Danius Rang unter den Wanderarbeitern. Wenn jemand ein Anliegen hatte, konnte er beim Vorsteher ein Wort einlegen.
Neben dem Zugang zum Vorsteher genoss Daniu noch weitere Vorteile. Nachdem er zum Vorbild erklärt worden war, der zehn Tonnen Salz am Tag förderte, drückte der Vermesser auch gelegentlich ein Auge zu. Nachdem die Arbeiter das Salz herausgeholt hatten, formten sie es am Beckenrand zu Trapezen, und die Betriebsleitung schickte jemanden, der die Kubikmeter vermaß. Manchmal, wenn die Angestellten faul waren, ließen sie Daniu vermessen und prüften nur gelegentlich nach.
Dadurch hatte Daniu quasi erhebliche Macht bekommen. Wen er bevorzugte, der profitierte ein wenig. Daniu musste natürlich dafür sorgen –
Er war zufrieden. Er klopfte sich vor Yinger auf die Brust und sagte: Wenn du ein Problem hast, komm zu mir. Er gebärdete sich, als könnte er Himmel und Erde verschlingen.
Yinger fand das sehr komisch.
45
Im Betrieb sollte ein Film gezeigt werden. Die Nachricht fegte wie ein Wind über den Salzsee. Die Frauen aßen hastig, zogen ihre schönsten Kleider an. Yinger wollte eigentlich nicht gehen, aber Lanlan sagte: Komm mit, egal ob Film oder nicht, lass uns etwas Erfreuliches ansehen. Die beiden gaben dem Kamel etwas Weizenstroh und Wasser und folgten den anderen zur Betriebszentrale.
Der Weg zur Zentrale war mit Pflanzenresten gepflastert. Am Wegesrand gab es allerlei Wüstenpflanzen wie Saxaul und anderes. Unterwegs tänzelte Daniu vor und hinter ihnen her und überschlug sich vor Galanterie. Yinger ignorierte ihn einfach. Die Wanderarbeiter tuschelten immer wieder und brachen in wildes Gelächter aus. Yinger runzelte die Stirn und blieb mit Lanlan zurück. Daniu beschimpfte die Arbeiter, die lachend davonstürmten.
Daniu sagte: Nehmt es ihnen nicht übel, die sind halt so. Drei Tage ohne Frauenanblick, und dann halten sie ein Wildschwein für eine Schönheit. Lanlan sagte: Was soll das heißen? Sind wir etwa Wildschweine? Daniu wurde nervös und erklärte hastig: Nein, nein, ich meine, hier gibt es wenige Frauen, und so hübsche wie euch erst recht nicht. … Denen gingen natürlich die Augen über. Lanlan lachte: Wollen die uns etwa auffressen? Daniu sagte: Keine Sorge, solange ich da bin, wagen die nichts.
Lanlan kniff Yinger heimlich und kicherte hinter vorgehaltener Hand: Hör mal, er will unser Blumenwächter sein.
Die Betriebszentrale war nicht groß, nur ein paar lange Reihen flacher Häuser. Es gab zwar ein Gebäude, das „Kino“ hieß, aber drinnen standen keine Stühle. Die Angestellten brachten eigene Hocker mit; die Wanderarbeiter mussten am Rand stehen und drängten sich absichtlich an die Frauen. Yinger zog Lanlan von ihnen weg. Daniu drängte sich ebenfalls aus der Arbeitermenge und gesellte sich zu ihnen.
Der „alte Totjunge“ kam auch, mit zwei niedrigen Stühlen, die er Lanlan und Yinger reichte. Yinger bemerkte, dass Daniu dem Vorsteher gegenüber ein schmeichlerisches Lächeln zeigte, ihm aber feindlich nachblickte, sobald dieser sich umdrehte. Als er weit genug weg war, flüsterte Daniu: Passt auf euch auf, der hat euch im Visier. Das ist ein Lustmolch, der ständig unter dem Vorwand der Partnersuche mit Frauen schläft. Eine nach der anderen, und am Ende lässt er sie alle fallen.
Lanlan spottete: Wenn du es draufhast, mach’s ihm doch nach.
Daniu schnaubte wütend: Die Frauen von heute sind alle „geldverrückt“ geworden, keine einzige taugt was!
Damit hatte er auch Lanlan und die anderen beleidigt. Lanlan warf ihm einen bösen Blick zu, nahm Yinger am Arm und setzte sich weiter vorn hin.
Der Film begann. Es ging um eine Gruppe Häftlinge. Yinger fand die Szenen anstößig und mochte nicht hinschauen. Sie blickte sich um und stellte fest, dass recht viele Zuschauer da waren. In der Menge der Wanderarbeiter gab es immer wieder Bewegung, und man hörte Frauen schimpfen.
So entwickelte sie eine gewisse Sympathie für den Vorsteher. Sie dachte: Wie auch immer – er hatte ihr freundlicherweise die Stühle gebracht, wodurch sie diesem vulgären Gedränge entgangen war.
In der Pause beim Filmrollenwechsel sah sie, wie auch Daniu sich mit einem Holzklotz hineindrängelte. Die Leute stießen ihn an. Er entschuldigte sich, drängte aber weiter.
Als der Film weiterging, verdeckte Danius Kopf die halbe Leinwand und erntete Schimpftiraden. Er duckte sich schnell. Yinger verstand, dass er sich zu ihr drängen wollte, und ärgerte sich. Frauen genossen zwar Aufmerksamkeit, aber es kam darauf an, von wem. Wenn jemand, den man nicht mochte, sich ständig anschmiegte, war das sehr lästig.
Daniu trotzte den Beschimpfungen und erreichte ihren Platz. Lanlan rückte zur Seite und machte Platz, damit Daniu seinen Holzklotz abstellen konnte. Er atmete erleichtert auf, als hätte er eine Heldentat vollbracht. Yinger runzelte die Stirn und spürte, dass viele Leute auf ihren Rücken zeigten. Sie fühlte sich, als könne sie sich nicht reinwaschen. Unter den Wanderarbeitern gab es sicher heimliche Affären, aber damit wollte sie nichts zu tun haben. Sie fand, dass man als Mensch etwas bewahren müsse, sonst wäre man nicht besser als ein Tier.
Danius Atem ging schwer. Yinger mochte dieses Geräusch nicht, weil es sie ständig daran erinnerte, dass die Luft, die sie gerade einatmete, auch seine ausgeatmete Luft enthielt. Sie ekelte sich ein wenig. Sie wusste, dass dieser Reinlichkeitswahn eigentlich ein Tick war, aber es half nichts – so war sie von klein auf gewesen. Einen Becher, den jemand anderes benutzt hatte, hätte sie nicht angerührt, und wenn sie verdurstet wäre. Bettwäsche, Kleidung – genauso. Allerdings gab es eine Ausnahme: An Lingguans Sachen hatte sie sich nie gestört. … Doch das Leben hatte bereits begonnen, sie zu erziehen. Trug sie nicht schon die Kleidung, die der Vorsteher gebracht hatte? Benutzte sie nicht die Eisenschüssel des Salzsees?
Plötzlich spürte sie, wie etwas über ihren Handrücken strich. Sie dachte, jemand habe sie versehentlich berührt, und beachtete es nicht. Doch das Streicheln wurde immer dreister, und Yinger spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Sie verstand die Ursache. Sie rückte zur Seite, um den Fingerspitzen auszuweichen. Doch kaum zeigte sie eine Reaktion, griff die Hand entschlossen nach ihrem Handrücken. Sie zerrte ein paarmal, doch der andere griff nur noch fester zu. Yinger war wütend. Sie funkelte Daniu zornig an und sah auf seinem Gesicht einen gierigen Ausdruck. Sie wollte ihn anschreien, fürchtete aber, ihn bloßzustellen. Weil sie weder schimpfen konnte noch sich losriss, wurde Daniu immer dreister. Er schob einen Finger in ihre Handfläche – Yinger verstand die Bedeutung und schämte sich zutiefst. Jetzt war sie wirklich wütend. Sie zerrte heftig, aber egal wie viel Kraft sie aufbrachte, die Hand lockerte sich kein bisschen. Sie fühlte sich hilflos, und Tränen schossen ihr in die Augen.
Der Finger wurde immer geschäftiger, und die Hand, die ihren Handrücken hielt, war schweißnass. Sie schüttelte heftig, konnte sich aber nicht befreien, und stand abrupt auf. Ihr Kopf verdeckte die Leinwand und erntete Rufe. Sie spürte, wie Peitschen über ihr Gesicht zu knallen schienen, und sagte: Ich muss kurz raus. Als sie aufstand, wurde die Hand bloßgelegt, und erst da war sie befreit.
Um Daniu loszuwerden, stand sie auf, bückte sich und drängte sich aus der Menge. Kaum draußen, schossen ihr wieder die Tränen hervor. Sie dachte an jene Nacht, als der Pockennarben-Xu sie bedrängt hatte, und fand diese Situation genauso widerlich. Sie dachte: Wenn ich zurückkomme, gehe ich nie wieder nach draußen. Die Welt da draußen ist weder wunderbar noch hat man eine Wahl. Aber dann dachte sie: War nicht auch zu Hause bei den Eltern jemand, der sie drangsalierte? Bei den Schwiegereltern jemand, der sie mit dem Schürhakenstiel schlug? Sie dachte: Es gibt in dieser Welt wirklich keinen Ort, an dem sie in Frieden leben könnte.
Als sie sah, dass einige Leute sie anstarrten, tat sie so, als müsste sie zur Toilette, und ging hinaus. Eigentlich hatte sie kaum Harndrang, doch draußen angekommen, drückte es plötzlich doch. Sie schaute sich um, entdeckte endlich eine abgelegene Stelle und ging darauf zu. Noch bevor sie dort ankam, schlossen sich zwei große Hände um sie. Sie hörte Danius heftiges Keuchen.
Lass los! fuhr Yinger ihn an.
Daniu keuchte: Schwesterchen, du bringst mich noch um vor Sehnsucht. Hab Erbarmen mit mir, lass mich einmal das Licht der Welt sehen.
Yinger zerrte ein paarmal, kam aber nicht los. Aus Angst, die an die Salzschaufel gewöhnten Hände könnten Gewalt anwenden, sagte sie versöhnlich: Was du zu sagen hast, sag es mit losgelassenen Händen.
Daniu ließ los und versuchte, Yinger zu umarmen. Yinger wich aus und sagte: Sag, was du zu sagen hast – was soll das Anfassen?
Daniu sagte: Ich bin fest entschlossen, dich gut zu behandeln. Wirklich. Wenn ich lüge, soll im Grab meiner Vorfahren ein alter Eselhengst begraben sein. Glaubst du mir? Glaubst du mir?
Yinger sagte: In solchen Dingen kann man nichts erzwingen. Ich habe schon jemanden im Herzen.
Daniu sagte: Wenn nicht als richtige Frau, dann wenigstens als meine heimliche Geliebte. Yinger schluchzte: Wie kannst du so etwas sagen?
Daniu schwieg und stürzte sich unvermittelt auf sie, hob Yinger hoch und trug sie in die Dunkelheit. Yinger zerrte, konnte sich aber nicht aus dem eisernen Griff befreien. Sie schrie ein paarmal, doch niemand antwortete. Danius Keuchen verschluckte ihren Himmel. Sie zerrte und sagte dabei: Wenn du so weitermachst, bringe ich mich vor deinen Augen um.
Daniu keuchte: Frauen sind alle so. Am Anfang wehren sie sich, aber nachher klammerst du dich fester an mich als an alles andere.
Yinger wollte in seinen Arm beißen, doch so oft sie den Mund hinreckte, wurde sie von seiner Hand abgewehrt. Sie weinte laut auf.
Ein dunkler Schatten trat aus dem Kinoeingang und rief: „Daniu! Daniu!“
Daniu ließ Yinger hastig los und verschwand in der Nacht.
Yinger erkannte die Stimme des Vorstehers und wischte sich die Tränen ab. Sie wagte nicht mehr, sich zu erleichtern, und ging ins Helle.
Der Mann fragte: War das Daniu?
Yinger antwortete nicht.
Sie wusste, dass auch dieser Mann ein Auge auf sie geworfen hatte.