Difference between revisions of "Xue Mo Desert Daughters/de/Chapter 7"
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Das Zimmer wurde plötzlich taghell. Ein Donnerschlag. Das Staubpapier an der Decke raschelte. Yingers Herz aber blieb starr. | Das Zimmer wurde plötzlich taghell. Ein Donnerschlag. Das Staubpapier an der Decke raschelte. Yingers Herz aber blieb starr. | ||
| − | Yinger dachte: Krach nur. Am besten zersprengst du diesen Körper, dieses Herz, diese Welt. Sie hatte einmal einen Kugelblitz gesehen, der rollend dahinkam, nach Schwefel roch und alles verbrannte, was er berührte. In jenem Jahr, als der Tempel der Vajravarahi gebaut wurde, hatten die Dorfleute Getreide und Geld gespendet, und Datou hatte etwas davon unterschlagen. In der Nacht kam der rollende Blitz, drang ins Haus ein, drehte sich einmal und setzte das Staubpapier an der Decke in Brand. Datou war panisch und hielt die blutige Unterhose einer menstruierenden Frau hoch – nur so rettete er sein Leben. Yinger hatte kein Geld unterschlagen, aber etwas Kostbareres als Geld und Leben begehrt – also lass krachen. Krach, zerspreng den Körper zu Staub, zerspreng auch das Herz zu Pulver, lass diese Yinger verschwinden, aufgelöst in der Leere, aufgelöst in der Dunkelheit. Oder nirgends aufgelöst, einfach spurlos verschwunden. | + | Yinger dachte: Krach nur. Am besten zersprengst du diesen Körper, dieses Herz, diese Welt. Sie hatte einmal einen Kugelblitz gesehen, der rollend dahinkam, nach Schwefel roch und alles verbrannte, was er berührte. In jenem Jahr, als der Tempel der Vajravarahi (金刚亥母) gebaut wurde, hatten die Dorfleute Getreide und Geld gespendet, und Datou hatte etwas davon unterschlagen. In der Nacht kam der rollende Blitz, drang ins Haus ein, drehte sich einmal und setzte das Staubpapier an der Decke in Brand. Datou war panisch und hielt die blutige Unterhose einer menstruierenden Frau hoch – nur so rettete er sein Leben. Yinger hatte kein Geld unterschlagen, aber etwas Kostbareres als Geld und Leben begehrt – also lass krachen. Krach, zerspreng den Körper zu Staub, zerspreng auch das Herz zu Pulver, lass diese Yinger verschwinden, aufgelöst in der Leere, aufgelöst in der Dunkelheit. Oder nirgends aufgelöst, einfach spurlos verschwunden. |
Das Fingerhakeln nebenan war laut, alle schrien aus voller Kehle. Der Vater war nach wie vor überschäumend begeistert, Xu Pockennarbe streckte die Zunge heraus – nach ein paar Gläsern zu viel machte er immer dieses Gesicht. Die Mutter plauderte und lachte wieder, als wäre nichts geschehen. Lacht nur. Ich warte auf den Donnerschlag. Schlag zu! Schlag zu! Warum bist du wieder still geworden? | Das Fingerhakeln nebenan war laut, alle schrien aus voller Kehle. Der Vater war nach wie vor überschäumend begeistert, Xu Pockennarbe streckte die Zunge heraus – nach ein paar Gläsern zu viel machte er immer dieses Gesicht. Die Mutter plauderte und lachte wieder, als wäre nichts geschehen. Lacht nur. Ich warte auf den Donnerschlag. Schlag zu! Schlag zu! Warum bist du wieder still geworden? | ||
Latest revision as of 13:06, 8 April 2026
Yinger weinte wieder lautlos.
Seit der „Trennung vom Geliebten“ war das Kind Yingers Ein und Alles geworden. Wenn sie das Kind ansah, erinnerte sie sich an jenes berauschende Glück. Zwar folgte auf die Erinnerung am Ende stets die Leere. Doch während des Erinnerns gab es immer diese Hitze, diesen Taumel, dieses Gefühl, von Wellen des Glücks durchströmt zu werden – lange erinnert, lange durchströmt. Natürlich, wenn man aus der Erinnerung auftauchte und in die Wirklichkeit zurückkehrte, war diese Leere kaum zu ertragen. Immer wollte sie diesen lebendigen Körper umarmen, berauscht toben … Erinnerst du dich? Wie hieß es im Lied?
„Auf die Welt gekommen, um zu toben –
bald wild, bald still,
bis uns das Alter holt.“
Das Alter, weißt du? Ich bin alt geworden. Wenn du zurückkommst, bin ich vielleicht schon eine alte Frau. Bei dem Gedanken wurde ihr übel, würgend, sie wollte sich übergeben, konnte aber nichts herausbringen. Wenn man das Herz herauswürgen könnte, wie schön. Menschen ohne Herz haben es gut – wie diese Frauen, die Gelbholz pflücken, lachen sie nicht gerade?
Dieses Leben – ist es nun Leid oder Freude? Anscheinend nicht nur Freude und nicht nur Leid. Die Sehnsucht ist Leid, doch wenn dieser Schicksalsgefährte herfliegen und mich umarmen würde, würde ich vor Freude sterben. Yinger lächelte heimlich. Sobald sie an den Schicksalsgefährten dachte, wurde ihre Stimmung gleich besser. Der Bruder ist die wundersame Heilpille, die Schwester die kranke Patientin, die das Mittel braucht. So war es wirklich. Dieses Volkslied durchschaute jedes Herz.
„Yinger, komm her!“ rief eine Frau von Weitem.
Das war ihre Freundin aus Mädchentagen, Xiangxiang. Sie ging hinüber. Die Frauen hielten inne und schauten Yinger an. „Du bist aber dünn geworden“, sagte Xiangxiang. „Früher warst du wirklich wie eine Fee – rot wo rot sein soll, weiß wo weiß sein soll, ein Hauch, und es schimmerte wie aus dem Wasser.“ „Ich bin alt geworden“, lächelte Yinger matt.
„Alt? In dem Alter! Du bist doch noch so jung.“ Die Frauen lachten alle.
Xiangxiang betrachtete Yinger aufmerksam und sagte: „Nimm alles nicht so schwer. Wenn es Zeit ist weiterzugehen, muss man weitergehen.“
Dieses „Weitergehen“ war die höfliche Dorfbezeichnung für „Wiederheirat einer Witwe“. In diesen Tagen fragten die Leute ständig: „Gehst du weiter?“ Dann sagte sie: „Daran denke ich noch nicht.“ Dann rieten sie: „Wenn es Zeit ist weiterzugehen, muss man weitergehen.“ Für die Menschen in Liangzhou war das Leben wie eine Wanderung: Als Mädchen ging man mit den Eltern; als Ehefrau begleitete man den Mann; wenn der Mann starb, ging man weiter, suchte sich einen neuen Begleiter.
„Ich habe gehört, Xu Pockennarbe vermittelt dir Zhao San. Der Zhao San hat aber viel Geld. Angeblich hat er auch am Weißen-Tiger-Pass eine Goldmine eröffnet, die auch ganz gut läuft“, sagte eine rotgesichtige Frau.
„Das wäre unter deiner Würde, hör nicht auf ihn“, lachte Xiangxiang. „Wer einen Gelehrten heiratet, wird Herrin; wer einen Metzger heiratet, dreht Därme. Mit Zhao San wäre die Fee wirklich verschwendet.“
Die rotgesichtige Frau sagte: „Frauen – welche wurde nicht entwürdigt? Das schönste Mädchen wird auch nur als Matratze benutzt … Aber Zhao San hat Angestellte. Wenn du wirklich hingehst, musst du nicht unbedingt Därme drehen. Sobald du reinkommst, bist du die Herrin.“
Xiangxiang sagte: „Ich hab gehört, dieser Zhao San ist ein richtiger Säufer. Ein bisschen Fusel, und schon schlägt er Frau und Geister. Die Vorige hat er davongeprügelt.“ „Ich hab gehört, sie konnte keine Kinder bekommen“, sagte eine andere. „Zhao San war so niedergeschlagen, dass er zu trinken anfing. Früher trank er nicht, aber er spielte gern. Jeden Neujahrsmonat ging er mit einem Bündel Geld von Ort zu Ort und spielte. Aber er konnte auch aufhören – gewonnen, das Bündel. Verloren, auch das Bündel.“
„Hört, hört“, lachte Xiangxiang. „Metzger, Säufer und Spieler – die Fee wäre wirklich verschwendet.
Ist es schon abgemacht? Falls ja, blast die Kerze aus! Die Männer auf der Welt sind ja nicht erfroren, wo findet man denn keinen? Wenn du schon weitergehen willst, dann such dir wenigstens einen Guten. Gutes Wesen, gutes Aussehen, guter Besitz, und gebildet dazu – das erst wäre Yingers würdig.“
Die rotgesichtige Frau warf Xiangxiang einen bösen Blick zu: „Red doch Gutes. Lieber zehn Tempel einreißen als eine Ehe zerbrechen.“ Xiangxiang streckte die Zunge heraus und fragte: „Ist es abgemacht?“
„Ach wo“, lachte Yinger. Diese Xiangxiang war gutmütig und geradeheraus, ohne jede Hinterlist – wenn sie redete, war es wie ein Stock im Ärmel, schnurstracks rein und raus. In der Schulzeit hatten sie oft unter einer Decke gelegen und kleine Geheimnisse geflüstert. Später hatte Xiangxiang sich von einem Taugenichts ein Kind machen lassen und musste ihn dann heiraten.
„Dann lass es“, sagte Xiangxiang. „Du bist ja noch jung, warte auf einen Guten.“
„Was heißt schon gut?“, sagte die rotgesichtige Frau. „Männer sind alle gleich. Lieber praktisch denken. Sonst geht es uns wie – auf dem Feld schuften und dann noch in den Sandgruben. Zhao San dagegen – wenn der sich ein Haar ausreißt, ist es dicker als unsere Taille. Ich hab gehört, die Frauen, die Zhao San heiraten wollen, rennen ihm die Tür ein. Das wäre eine praktische Ehe.“
Yinger sagte: „Hört auf, mich zu quälen. Bei seinem Aussehen wird mir schon beim Hinsehen übel. Schon wenn ihr ihn erwähnt, dreht sich mir der Magen um.“
Die Rotgesichtigen sagten nichts mehr und pflückten nur weiter die Strauchsamen. Pflücken, in den Sack werfen. Ein eigentümlicher Duft des Gelbholzes hing in der Luft. Xiangxiang aber fragte: „Hast du vielleicht schon jemanden? Wenn man jemanden im Herzen hat, wird einem von anderen natürlich übel.“
„Ach wo“, lachte Yinger. In ihrem Herzen aber dachte sie: „Natürlich, und es ist sogar ein Gelehrter.“ Sie sagte: „Pflückt weiter, ich gehe zurück.“
Nach dem Plaudern fühlte sich Yinger etwas leichter. Aus Angst, sie könnten wieder Zhao San erwähnen, ließ sie die Frauen stehen und schlug einen Seitenweg ein.
Hier gab es viel Gelbholz, auf den Sanddünen überall. Auch Mauselöcher gab es viele. Als Yinger die Sandböschung betrat, geriet der Sand in Bewegung – bei genauerem Hinsehen sah sie eine Schar Mäuse hin und her huschen. Yinger beachtete sie nicht, kniff die Augen zusammen und blickte zu den majestätisch aufragenden Sandkämmen in der Ferne.
Die Sonne war nicht heiß, der Wind blies angenehm kühl. Yinger überquerte die von Mauselöchern übersäte Sandböschung und erstieg den Gipfel eines Sandbergs. Hier gab es wenig Gesträuch, keine Mauselöcher, und es war ganz sauber. Yinger setzte sich, blinzelte und ließ ihre Gedanken mit dem Blick in die Ferne schweifen.
Am Horizont standen ein paar Wolken, sehr weiß. Der Himmel war auch sehr blau. Es war das typische klare Herbstwetter. Bei solchem Wetter sollte gute Laune selbstverständlich sein, Trübsinn wirkte fehl am Platz. Yinger belebte absichtlich ihr Herz, schaute zum Himmel, zur Wüste, zu den arbeitenden Frauen.
Die vertraute Umgebung weckte in Yinger vertraute Gefühle. Wenn jetzt Lingguan mit ihr zusammen plaudern und Strauchsamen pflücken würde, wäre dieses herrliche Wetter nicht verschwendet. Wenn es so wäre – dann sollen „Ideale“ zum Teufel gehen, die „Zukunft“ zum Teufel gehen, das Schönste war das Jetzt. Ein Blick zurück, ein verkniffenes Lächeln, und tausend Worte wären darin aufgelöst. Nur dieses stille Einvernehmen verschmölze dich und mich und Himmel und Erde.
Lingguan, weißt du? Das Schönste auf der Welt sind nicht hohe Häuser, nicht Macht und Einfluss, sondern das stille Einvernehmen zwischen Herzen, diese Wärme, diese Ruhe. Dein Wissen hat dir geschadet, dein Streben hat dich verblendet. Du hast aufgegeben, was am kostbarsten war, und jagst Illusionen nach, die vergänglich und nichtig sind. Lohnt sich das? Lingguan – einen lebendigen Körper umarmt, ein lebendiges Herz, auf dem Sand liegend, Sterne und Mond betrachtend, ein ganzes Leben lang – wie schön. Oder an einem verschneiten Tag, beim Blubbern des Lammfleischtopfs auf dem Herd, du in der Decke eingehüllt lesend, ich an dich gelehnt strickend. Das kluge Kind baut auf dem Kang Bauklötze. Wie schön – warum rennst du weg? Schicksalsgefährte.
Schau, wie groß dieser Himmel, wie weit dieses Land – und sie können dein ruheloses Herz nicht fassen? Du rennst und rennst, errennst dir eine große Karriere, erreichst die ersehnte Zukunft – und dann? Kannst du diese reine Liebe besitzen? Kannst du diese stille Schönheit betrachten? Kannst du dieses rein natürliche Familienglück genießen? Wenn ja, brauchst du nicht zu rennen – streck die Hand aus, und du kannst es greifen. Wenn nein, welchen Sinn hat dein Rennen? Lingguan, das Lesen hat dir geschadet. Und natürlich auch mir. Schau diese Frauen, die nicht lesen können – wie gut sie leben, eine Handvoll pflückend, ein Lachen ausstoßend, wie fröhlich. Ich bereue es wirklich, lesen gelernt zu haben. Wozu dient Bildung? Wirklich um Unwissenheit zu vertreiben? Doch was nützt es, die Unwissenheit zu vertreiben? Man wird nur noch elender. Besser, man lässt die Unwissenheit das Denken trüben und lebt sorglos und fröhlich ein ganzes Leben lang.
Augen geschlossen, Verstand getrübt, dann ist alles gut. Wer hat uns denn die Augen öffnen lassen? Einmal geöffnet, lassen sie sich nie wieder schließen.
Yinger ließ ihre Gedanken dahinfliegen. Zwar hatte sie vieles von der Seele geredet, doch zugleich neue Tränen herbeigezerrt, und das Herz wurde wieder schwer. Sie wusste, dass man an so einem klaren Herbsttag besser frohgemut wäre, doch das Herz wollte schwer sein, und Yinger konnte nichts dagegen tun.
Also lieber laut losweinen.
Und so weinte sie.
33
Kaum durch die Haustür, erzählte die Mutter ihr von Xu Pockennarbes Worten. Yinger reagierte abweisend: „Mama, wenn ich dir das Essen wegesse, gehe ich eben fort. Ich kann nicht glauben, dass in dieser großen weiten Welt für mich keine Schüssel Reis übrig ist.“
Die Mutter sagte: „Wie kannst du so reden? Was man auch sagt, du bist ein Stück Fleisch von deiner Mutter. Wenn sich deine Mutter nicht um deine Sachen kümmert, wer dann?“
Yinger sagte: „Diese überflüssige Sorge kannst du dir sparen. Ich bin erwachsen und habe auch einen eigenen Kopf. Lass mich meine Sachen einmal selbst regeln, ja?“
„Was kannst du schon regeln? Du wirst von anderen verkauft und merkst es nicht mal. Die Chens haben offensichtlich böse Absichten: Seine Tochter noch einmal verkaufen. Meine Tochter soll er umsonst ausnehmen.“
Yinger runzelte die Stirn: „Mama, hör doch mal auf. Kaum komme ich rein, höre ich dich entweder über den schimpfen oder über jenen.“
Yingers Mutter wurde ganz aufgelöst, öffnete und schloss den Mund ein paarmal, doch in ihren Augen stiegen Tränen auf: „Du auch? Der Alte schimpft, der Junge schimpft, und jetzt auch noch du. Ich stehe vor Tagesanbruch auf und arbeite bis Mitternacht, wofür? Doch nur für euch Kinder! Und jetzt darf ich nicht mal mehr ein Wort sagen?“
Yinger war tränenüberströmt, konnte aber kein Wort herausbringen. Sie stürzte in die kleine Kammer und weinte hemmungslos.
Die Stimme der Mutter drang weiter herein: „Keine Sorge, deine alte Mutter lebt auch nicht mehr lange. Die Narbe im Bauch schmerzt schon lange. Womöglich ist es dieselbe Krankheit wie bei deinem toten Mann.“
Der Vater sagte: „Hör auf, hör auf, kannst du mal aufhören? Die Kleine ist schon so fertig, und du redest immer weiter.“
„Wem geht es denn gut? Schön, du alter Schuft, spiel du den Guten und bring die Tochter zurück an die Tür der Chens. Aber die Schwiegertochter für den Jungen besorgst dann du.“
„Gut, gut … die Antiquitäten …“
Patsch! Der Alte hatte seinen Satz noch nicht beendet, da hatte er schon eine Ladung Spucke im Gesicht.
„Schäm dich vor deinen Ahnen! Große Geschäfte, kleine Geschäfte, damit prahlst du seit Jahrzehnten, als hättest du den Größenwahn. Aber nie hast du auch nur einen Pfennig herangeschafft, dafür das Schweinegeld, Bohnengeld und Saatgutgeld deiner Frau restlos verprasst. Und du hast die Stirn, wieder von Antiquitäten zu reden? Ich denke, du solltest lieber auf den Hintern fallen, dass dir der Erdgott das Hinterteil verstopft und du endlich aufhörst zu faseln …“
Der Alte lief rot an, den Mund halb offen, den Finger auf die Frau gerichtet, doch dann entwich ihm plötzlich die Luft: „Du altes Weib, seit einem halben Leben giftige Reden … Treib es nicht zu weit. Gold und Silber kann man erkennen, aber Fleischnarben nicht. Wenn ich eines Tages zu Geld käme …“ „Dann frisst die Alte dich rund auf und scheißt dich flach wieder aus!“, höhnte Yingers Mutter. „Die Alte durchschaut dich von vorn bis hinten. Große Sprüche und heiße Luft – da bist du ein Meister. Aber wenn es drauf ankommt, reichst du nicht mal an die Zehen der Alten heran.“ „Gut … gut …“ Der Vater zog den Kopf ein, machte ein finsteres Gesicht, ganz nach dem Motto: Ein guter Mann streitet nicht mit Frauen.
Yingers Mutter hatte auch keine Lust, den Ertrinkenden noch zu schlagen. Sie warf dem Alten einen Blick zu, schnaubte und wandte sich der kleinen Kammer zu: „Der Xu Pocken – der Gevatter meint es doch gut. Das Kind gehört dir. Natürlich musst du es holen. Wenn du es im Stich lässt, wer zieht es dann auf?
Die zwei alten Gespenster haben schon den Sand bis zum Hals stehen, wer weiß, wann sie den Löffel abgeben. Der Mengzi ist ein geborener Tollkopf, der nicht mal auf sich selbst aufpassen kann, den ganzen Tag Ärger macht – wer weiß, ob er nicht eines Tages Ärger kriegt, entweder im Gefängnis landet oder Kugeln frisst. Von Lingguan fehlt jede Spur. Nicht zu sehen im Leben, nicht zu finden im Tod. Nicht mal seine eigenen Eltern können auf sein warmes Essen hoffen – kann das Kind auf ihn zählen? Das kleine Unglück wird früher oder später heiraten. Dein Kind – wenn du es nicht aufziehst, wer dann?
Selbst wenn die Mengzis guten Herzens wären und Mentou zuliebe das Kind aufzögen – würde die Frau des Mannes das wollen? Sie ist ja keine ‚Mitgebrachte’ und kein ‚angehängtes Gepäck’, ihr wurde nicht vor der eigenen Haustür ein Kind gemacht – warum sollte sie eine Mutter sein, bevor sie überhaupt geheiratet hat? Lieber einen Ulmenschössling pflegen als einen Neffen. Du kannst doch nicht erwarten, dass jemand anderes dein Kind aufzieht. Absurd. Selbst ein leiblicher Vater – heiratet er neu, wird mit der Stiefmutter auch der Vater zum Stiefvater. Erst recht, wenn es nicht das eigene Kind ist. Ich glaube nicht, dass Mengzi oder Lingguan wegen des Kindes mit ihrer Frau streiten würden.“
Yinger saß da wie versteinert. Anfangs hatte sie die Worte der Mutter noch abgelehnt. Allmählich aber trafen sie ins Herz. Sie musste zugeben, dass die Mutter die Wahrheit sprach. Im Dorf nannte man ein nicht leibliches Kind „angenommenes Leid“. Und die „angenommenen Leiden“ hatten es schlecht, das sah man überall. Man sagte: Die Sonne hinter Wolken und die Finger einer Stiefmutter – das sind die grausamsten Dinge.
Yinger kannte das Liangzhou-Volkslied „Der Bruder mahnt die Schwester“. Die Schwester erträgt die Schikanen der Schwiegermutter nicht mehr und will sich umbringen. Der Bruder mahnt sie. Vieles sagt er, doch einen Vers vergaß Yinger nie: „Wenn der Himmel einen Wirbelwind schickt, hat das Kindchen ohne Mama es bitter.“ Dieser Wirbelwind im Winter, der überall herumtobt – wohin man sich auch kauert, man entkommt dem Wind nicht. In dünner Kleidung kann man nur die Arme verschränken und in einer Mauerecke zittern. Bei dieser Vorstellung schauderte Yinger jedes Mal.
Die Stimme der Mutter erklang wieder: „Lieber ein kurzer Schmerz als ein langer. Einmal die Zähne zusammengebissen, und alles ist gelöst. Das Gesetz steht da schwarz auf weiß. Eine Mutter zieht ihr Kind auf – das versteht sich von selbst. Wenn du dich vor Wolf und Tiger fürchtest, leidet am Ende das Kind.
Außerdem hast du nur ein Herz, und das lässt sich nicht in acht Stücke teilen. Wenn du auch ziehst und ich auch zerre, hier ein Stück, da ein Stück – vor lauter Sorgen wirst du zu einem Äffchen. Ich sage: ein Wort – wenn du einverstanden bist, lass sie die Sache vor Gericht klären. Wem das Gericht das Kind zuspricht, dem gehört es.“
Da merkte Yinger, dass die Mutter sie auf einen falschen Weg geführt hatte. Die Mutter hatte hin und her gerührt, bis Yingers Herz ganz trüb geworden war.
Es schien, als hätte sie die Pläne der Mutter bereits akzeptiert. Strittig war nur noch das Kind.
Mühsam befreite sich Yinger aus der von der Mutter geschaffenen Atmosphäre. … Warum dachte sie ständig daran, das Kind zu verlassen? Als Witwe konnte man auch leben. Sie war eine verheiratete Tochter, verschüttetes Wasser. In den Augen der Dorfleute war auch das Witwendasein selbstverständlich. Nur – wenn Lanlan nicht zurückkam, würde die Mutter sie nicht gehen lassen. So war das bei Tauschehen. Ein Seil, zwei Heuschrecken – keine konnte allein herumspringen. Aber Lanlan war Lanlan und sie war sie selbst. Schlimmstenfalls ging sie zurück zum Schwiegervater und ließ den Haushalt teilen. Selbst als Ochse und Pferd das Geld für eine neue Braut für Baifu verdienen und sich damit freikaufen. Doch wie naiv war dieser Gedanke. Eine ganze Familie schuftete ein Jahr auf dem Feld und bekam kaum Geld zusammen. Der Brautpreis – schon beim Gedanken daran wurde ihr schwindelig. Offenbar war sie wirklich zum Papierdrachen geworden – die Mutter hielt den Faden, und das Seil war das Geld.
Aber Yinger konnte der Mutter keinen Vorwurf machen. Es war offensichtlich: Wenn Lanlan nicht kam, musste Baifu neu heiraten, und das kostete einen riesigen Brautpreis.
Baifu war schließlich schon einmal verheiratet gewesen. Wenn die Braut den Mann nicht attraktiv fand, wollte sie eben Geld. Gab die Mutter sie nicht auch an Zhao San, weil sie auf Geld aus war?
Die Mutter hatte eine laute Stimme. Nach ein paar Sätzen war Yingers Kopf wie vernebelt. Seit sie im Elternhaus war, schallte die Stimme der Mutter unentwegt. Die sich bewegenden Lippen blitzten ständig in ihrem Kopf auf. Immer wieder wurde ihr Kopf ganz benebelt. War er erst benebelt, verschwamm alles. Was aber nicht verschwamm, war das Spannen der Brüste. Jedes Spannen zerrte das Weinen des Kindes hervor. Dieses Weinen, jeder Schrei lauter als der vorige, jeder Schrei durchdringender, bis Yingers Tränen kamen.
Sie wischte die Tränen fort und seufzte. Ständig fühlte sie sich, als wäre ein Seil kreuz und quer um ihr Herz geschnürt, das ihr keinen Moment
Ruhe ließ. Doch ein Gedanke wurde immer deutlicher: Sie wollte nicht von „Lingguans Frau“ zur „Frau des Metzgers“ werden.
Ein ausgebüxter Vogel kehrt irgendwann ins Nest zurück. Sie wartete.
Dann heirate eben Mengzi. Wenn Lanlan zurückkäme, gut. Wenn nicht, sollte die Schwiegerfamilie etwas Geld beisteuern und Baifu eine neue Frau beschaffen.
Dieses Geld wäre ein Darlehen von der Schwiegerfamilie. Künftig würde sie es als Esel und Pferd abarbeiten. Sie dachte, wenn sie es erklärte, würde Mengzi bestimmt einwilligen.
Sie beschloss, die Mutter zu überzeugen. Wenn die Mutter nicht einwilligte, würde sie in den Hungerstreik treten und mit dem Tod drohen.
34
Am Nachmittag begann der Wind wild zu heulen. Sand wirbelte in Wölkchen durch die Luft. Man sagte, er wehe bis zum Pazifik, man sagte, irgendwann werde er den Pazifik auffüllen, man sagte, die Vereinten Nationen seien besorgt und hätten China viel Geld gegeben, eigens zur Wüstenbekämpfung. Es gab noch viele „man sagte“, aber Yinger kümmerte sich nicht darum. Nur wenn sie den Wind sah, dachte sie an den „Wirbelwind“ aus dem Liangzhou-Volkslied. Das Kind zitterte im Wind. Die Augen groß, der Hals dünn, wie der „kleine Radieschenkopf“ aus dem Fernsehen. Seltsam. Das Kind konnte noch nicht laufen – wie konnte es im Wind hin und her hüpfen? Die Beine dünn wie Schilfstängel, der Körper schwankend, eine lange Reihe krummer Fußspuren im Sand. Yingers Blick verschwamm. Sie dachte an ein Foto – der zweijährige Lingguan lutschte am Finger, sein kleines Glied entblößt. … In ihrem Herzen wogte wieder etwas Warmes. Doch dieses Gefühl war kurz, wogte kaum ein paar Wellen und verebbte.
Nicht mehr an den Geliebten denken. Dachte Yinger.
Sie nahm es sich vor, doch das Herz gehorchte nicht. Eine berauschende Szene nach der anderen tauchte auf. Yinger lag auf dem Kang, das Gesicht zur Wand, mal süß benommen, mal traurig, mal lächelnd, mal die Zähne zusammenbeißend.
Bei einer Gelegenheit sprach Yinger ihren Plan aus. Die Mutter geriet sofort in Rage. Wenn die Mutter in Rage geriet, bekam sie ein langes Gesicht, zog die Brauen hoch, und jedes Wort, das ihr über die Lippen kam, war ein Schlag. In diesem Moment zweifelte Yinger daran, ob sie wirklich das leibliche Kind der Mutter war oder ein „angenommenes Leid“. Die Worte der Mutter waren hässlich – sie behauptete steif und fest, Yinger habe mit Mengzi bereits „das getan“, und beschimpfte sie: „Die Alte und den Jungen willst du dir einverleiben.“ Yinger war fassungslos, aber sie schimpfte nicht zurück. Die Mutter war schließlich die Mutter. Auf der Welt gibt es keine schuldigen Eltern. Willst du schimpfen – dann schimpf ein paar Worte. Willst du schlagen – dann schlag ein paar Mal. Wer hat dich zur Mutter gemacht? Nur die Augen gehorchten nicht – die Tränen strömten unaufhörlich.
Der Mund dagegen gehorchte. Sobald das Schluchzen aus der Brust aufstieg, schluckte der Mund es hinunter. Yinger saß mit versteinertem Gesicht da und weinte, ab und zu ein unterdrücktes Schlucken, mit dem sie das Stöhnen herunterwürgte.
Dann zog Yinger die Decke über den Kopf, das Gesicht zur Wand, und trat in den Hungerstreik. Dieses Mittel setzte Yinger selten ein. Als Kind, als die Mutter sie nicht mehr zur Schule gehen lassen wollte – „Mädchen sind geborene Fremdhunde, da ist jeder Pfennig verschwendet“ –, hatte sie dieses Mittel schon einmal angewandt. Damals gab die Mutter nach. Diesmal war sie fest entschlossen: Wenn die Mutter wirklich nicht nachgab, würde sie verhungern. In ihrem jetzigen Zustand war der Tod eher eine Erlösung.
Der Wind draußen vor dem Fenster. Ein Stück Plastikfolie über dem Fenster blähte sich ständig auf. Früher war hier Glas gewesen. Später, als die Mutter mit dem Vater stritt, hatte sie den Spiegel des großen Schranks und die Fensterscheiben allesamt zertrümmert. Zertrümmert war zertrümmert.
Plastikfolie drüber, ging auch. Nur bei Wind wurde die Plastikfolie verrückt und blähte sich knatternd auf und ab.
Auch gut – so übertönte sie wenigstens den Wind.
Die Mutter kam herein. Und noch jemand. Am schleimigen Räuspern der Kehle erkannte sie Xu Pockennarbe. Ihm gegenüber empfand Yinger tiefe Abscheu. Immer glotzte er sie mit seinen diebischen Augen an. Einmal beim Wassereinschenken hatte er ihre Hand gekniffen, als wäre jede verwitwete Frau in seinen Augen ein ausgehungertes Stück Vieh. Ehrlich gesagt – Yinger hatte auch Verlangen, besonders in tiefer Nacht, wenn sie an die Szenen mit Lingguan dachte; dann sehnte sie sich danach, noch einmal mit Lingguan zu „toben“. Aber dieser Jemand war nur Lingguan. Frauen sind seltsam – wenn das Herz erst einmal einem Menschen gehört, gibt es für keinen anderen mehr Platz. Doch wenn das Schicksal sie zwänge, Mengzi zu akzeptieren, würde sie ihn akzeptieren müssen. So sind Frauen.
Eine Hand legte sich auf ihre Stirn. Am Gefühl erkannte sie – es war Xu Pockennarbes Hand. Die Hand der Mutter war rau wie eine Säge. Xu Pockennarbes Hand war weich, die typische Hand eines Müßiggängers, der keine körperliche Arbeit verrichtete. Yinger ekelte sich. Am liebsten hätte sie auf den Boden gespuckt und gesagt: „Was für ein hergelaufener Geist?“ Doch sie konnte nicht so unhöflich sein. Sie streckte nur den Arm aus und schob kräftig weg, um mit der Stärke ihre innere Ablehnung zu zeigen.
„Kein Fieber?“, fragte Xu Pockennarbe schleimig.
Man muss sagen, Xu Pockennarbe war auch eine Persönlichkeit. Ohne solche Menschen wäre vieles im Dorf umständlich. Wenn zum Beispiel die Tochter groß war und man den Sohn von Zhang Wu ins Auge gefasst hatte – man konnte nicht selbst fragen. Wenn man fragte und es klappte, schön. Wenn nicht, verlor man das Gesicht, und der Wert der Tochter sank – die Leute hätten Klatschstoff: „Oh, das Mädchen hat sich angeboten, und der wollte sie nicht!“ Andere Burschen würden sagen: „Oh, die – wenn selbst Zhang Wus Sohn sie nicht will, soll ich sie wollen?“
Mit Xu Pockennarbe konnte man die Sache auf Umwegen klären – er schlug dem einen dies vor, dem anderen das, tastete die Stimmung ab, lobte die Tochter oder fand einen Weg, Zhang Wu selbst fragen zu lassen. So wurde es umgedreht, und plötzlich bat Zhang Wu die Brautseite. Erst dann ließ Xu Pockennarbe durchblicken: „In Ordnung, Gevatter. Ich erkundige mich. Wenn es klappt, ist es das Glück deines Jungen.“ Aber das Ärgerliche an Xu Pockennarbe war, dass er von sich auf andere schloss: Er fand Zhao San gut und meinte, Yinger müsste ihn auch gut finden. Er dachte, eine Witwe sei ausgehungert, also musste Yinger auch nach einem Mann gieren. Er hielt es für eine gute Sache und setzte alle Mittel ein, um die Verbindung zu stiften.
Er hörte die Mutter sagen: „Wer sagt, sie hat kein Fieber? Sie könnte die Herrin eines Metzgermeisters werden und will sich lieber in dieses Drecksloch stürzen. Was ist an dem Mengzi-Tölpel so gut? Der Bengel treibt es schon mit der Frau von Shuangfu – hinter vorgehaltener Hand. Wenn du den heiratest, wird das kein gutes Ende nehmen.“
Wenn die Mutter redete, traf sie immer den wunden Punkt. An Mengzi störte Yinger genau das am meisten. Früher, als es sie nichts anging und sie an die Sache dachte, war es ein Witz. Aber jetzt, bei dem Gedanken, ihn zu heiraten, fühlte sie sich immer unwohl.
Yinger strebte seit ihrer Kindheit nach Vollkommenheit. War etwas beschädigt, wollte sie es lieber gar nicht. Aber war Zhao San etwa vollkommen?
Und sie selbst? War sie in den Augen anderer nicht auch beschädigt? Die Mutter sagte immer: „Zu jedem kaputten Gong gibt es einen kaputten Schlegel.“ Dann sei sie eben dieser kaputte Schlegel.
Xu Pockennarbe sagte: „Das mit dem Mengzi ist doch nichts Besonderes. Ein guter Mann pflückt hundert Blumen. Die Frage ist, kommt Lanlan zurück? Wenn ja, gehst du hin, keine Frage. Wenn nicht – die Regeln stehen fest. Dein Bruder kann doch nicht ewig Junggeselle bleiben. Man kann nicht nur an sich selbst denken … Lanlan hat verlauten lassen: Eher lässt sie sich den Wölfen zum Fraß vorwerfen, als je wieder einen Fuß in das Haus der Bais zu setzen.“ Xu Pockennarbes Worte trafen auch ins Schwarze. „Selbst. Wenn. Sie. Kommt. Will. Ich. Sie. Nicht“, sagte Yingers Mutter Wort für Wort.
Yinger wollte sagen: „Und die Männer ohne Schwestern, sind die alle Junggesellen? Ein Kerl von fünf Fuß kann sich doch selbst das Geld für eine Braut verdienen, statt seine Schwester zu tauschen – schämt er sich nicht?“ Doch sie schluckte nur. Diese Worte zu sagen war nutzlos, besser, sie ungesagt zu lassen.
„Kinder großziehen bringt nichts“, sagte Yingers Mutter. „Die Familienplanung ist doch besser. Je mehr man gebiert, desto mehr Sorgen, desto mehr Schweiß, man schuftet wie ein Esel, und keines ist einem treu ergeben. Alle haben einen Bauch zum Essen, aber keinen Kopf zum Denken. Nur ich altes Gespenst – wenn ich eines Tages die Beine von mir strecke, werdet ihr deswegen auch nicht verhungern.“
Yinger wollte sagen: „Die ohne Mutter und Vater sind auch nicht verhungert. Warum gönnst du dir nicht etwas Ruhe und lässt die Kinder einmal nach ihrem eigenen Kopf leben?“ Da sie wusste, dass auch diese Worte nutzlos wären, schluckte sie sie hinunter.
Xu Pockennarbe sagte: „Manche Dinge kann man nicht den Kindern überlassen. Welche Eltern wollen nicht das Beste für ihre Kinder? Immerhin haben sie ein paar Mittherbstfeste mehr erlebt. Was sie nicht erfahren haben, haben sie gesehen; was sie nicht gesehen haben, haben sie gehört; was sie nicht gehört haben, haben sie sich ausgedacht – ein paar alte Erfahrungen gibt es schon.“
Yinger lachte innerlich bitter: „Alte Erfahrungen gibt es reichlich – aber warum wird das Leben immer enger? Warum kann man sich nicht mal eine Schwiegertochter leisten und muss die Tochter immer wieder tauschen?“ Doch sie seufzte nur. Diese Worte begrub man besser im Herzen.
Es war die reine Wahrheit, doch die Mutter würde meinen, sie wolle ihr widersprechen, und sich nur noch mehr aufregen.
„Genau“, sagte die Mutter zufrieden. „Diese Zeiten sprechen aus meinem Mund. Ich sage ja, die Welt wird immer schlechter, das Leben immer schwerer. Warum? Die Menschenherzen sind verdorben. Seht nur – wenn die Herzen verdorben sind, verdirbt auch der Himmel. Schwarze Stürme, gelbe Stürme, Sand und Steine fliegen … Man hört, die Wölfe haben sich auch erhoben, in Shawan haben sie die Schweine geholt, den Schafen das Blut ausgesaugt …
Die Zukunft wird noch bitterer.“
Yinger dachte: „Und dein Herz? Ist es gut oder böse? Du sagst, wenn die Menschenherzen böse werden, verdirbt der Himmel.
Warum bist du dann nicht gütiger?“ Doch bei weiterem Nachdenken fiel es ihr schwer, die Mutter nach Gut und Böse zu beurteilen. Die Gedanken und Taten der Mutter schienen – aus Sicht des Sohnes – gut zu sein. Ehrlich betrachtet hatte die Mutter ihre eigenen Nöte. Die Tochter musste schließlich heiraten. Der Sohn durfte kein Junggeselle bleiben. Die Familie war bettelarm. Was das Feld einbrachte, reichte gerade für einen vollen Bauch. Die Mutter kämpfte ums Überleben. In der Schule hatte Yinger „Rikschakuli Xiangzi“ gelesen und den Vater der kleinen Fuzi am meisten gehasst. Der Alte beschimpfte Fuzi mit bösen Worten, weil sie nicht ihren eigenen Körper einsetzte, um die Familie zu ernähren. Jetzt erst verstand Yinger ihn. Sie glaubte: Hätten die Eltern einen anderen Ausweg gefunden, würden sie sie nicht so bedrängen. Als Kind hatte die Mutter sie am meisten verwöhnt, auch der Vater, und nie ließ man sie zu sehr leiden.
In diesen Tagen ging der Vater besonders eifrig aus dem Haus, und die Nachrichten, die er mitbrachte, waren stets aufregend und zugleich nebulös. Yinger wusste: Der Vater versuchte, sie zu trösten. Was er nicht aussprach, war: „Warte, bis der Vater einen guten Antiquitätenhandel macht, dann kannst du tun, was du willst.
Was ist schon dieser Zhao San?“ Der Vater magerte schnell ab, sein Gesicht war spitz und hager geworden. Vor zehn Jahren hatte er eine Rechnung aufgestellt und war zu dem Schluss gekommen: „Ackerbau ist umsonst, die Mühe umsonst, bestenfalls reicht es für einen vollen Bauch.“ Seither setzte er seine Hoffnung auf Veränderung nicht mehr auf das Land. Das große Geschäft war sein Traum. Ohne ihn hätte der Vater keinen Grund mehr zu leben. Deshalb ließ er sich unermüdlich hereinlegen und plante begeistert, malte sich seine Zukunft schöner aus als das „Reine Land des Westens“.
Yinger schossen die Tränen hervor.
Schon lange wollte sie laut für den Vater weinen.
35
Xu Pockennarbe und die Mutter redeten abwechselnd auf sie ein, eine ganze Weile, wie mit einem Stock auf kaltes Wasser schlagend – ohne große Wirkung – und gingen dann hinaus.
Im Zimmer wurde es plötzlich still.
Yinger hatte einige Mahlzeiten ausgelassen und war etwas hungrig. Doch wenn das Spiel einmal begonnen hatte, musste es weitergehen. Dies war der letzte Tritt des „Esels von Guizhou“ – wenn er die Mutter nicht einschüchterte, blieb ihr nur noch, sich ihrem Schicksal zu fügen. Also machte sie sich immer wieder Mut.
Eigentlich zum Lachen. Als sie zum ersten Mal von der Möglichkeit mit Mengzi gehört hatte, fand sie es lächerlich und unter ihrer Würde. Jetzt war es ein Luxus des Schicksals geworden, den sie nur durch Hungerstreik vielleicht erreichen konnte. Wirklich zum Lachen. Wie unbeständig die Welt doch war.
… Sie wusste, dass auch die Zukunft unbeständig sein würde, doch sie wollte trotzdem jedes Leid ertragen, um jenes reine Land im Herzen zu bewahren und auf seine Rückkehr zu warten. Zurück – und dann? Das überlegte sie nicht. Sie wollte einfach diesen Prozess durchleben. Im Leben ist der Prozess wichtiger als das Ergebnis. Das Leben ist ein Prozess. Die Liebe ist ein Prozess. Alles ist Prozess. Denn alle Ergebnisse laufen auf eines hinaus: den Tod. Alles ist vergänglich, ewig ist nur der Tod. Dann will ich diesen Prozess bewahren und jene Ewigkeit empfangen.
Die Tränen quollen wieder hervor. Lass sie fließen – Tränen fließen lassen können ist auch ein Glück. Zu fürchten ist, dass bald nicht einmal mehr die Stimmung zum Weinen bleibt. Dann gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Leben und Tod. Solange noch Tränen fließen, lasst sie reichlich fließen.
Nach einer Weile des Weinens spürte sie Harndrang. Yinger stand auf. Ihr war etwas schwindelig. Sie fuhr sich mit den Fingern durchs wirre Haar und nahm den Spiegel. Im Spiegel erschien ein gelblich blasses Gesicht ohne Farbe und ein Paar feuerroter Augen. Yinger nahm das Handtuch und wischte sorgfältig. Sie wollte nicht, dass die Dorffrauen ihre Traurigkeit bemerkten. Einst war sie die „Blumenfee“ gewesen. Jetzt war ein gerupfter Phönix weniger als ein Huhn. Sie wusste, dass dies eine allbekannte Tatsache war, doch sie bemühte sich trotzdem, ihr Gesicht frischer wirken zu lassen. Auch wenn die Frische die Erschöpfung nicht verbergen konnte – dann eben nicht. Ein wenig Frische war besser als keine.
Vom Kang herunter, Schuhe an, Jacke an, hinaus. Im Hof wirbelten Papierfetzen umher. Der Himmel war noch gelb und trüb. Die Bäume schwankten wild im Wind. Yingers Körper war etwas schwach. Sie stützte sich an der Mauer und schlurfte Schritt für Schritt hinaus. Als sie an der Ecke vorbeikam, hörte Yinger ein merkwürdiges Geräusch. Es klang wie das Keuchen von Xu Pockennarbe. Die Stimme der Mutter war leise, aber deutlich zu verstehen: „Keine Sorge, die kommen nicht. Die zwei verfluchten Nichtsnutze kommen vor Einbruch der Dunkelheit nicht ins Haus.“ Was danach kam an Geräuschen und Gesprächsfetzen, verursachte Yinger Übelkeit. Ihr wurden die Beine weich, der Körper sackte zusammen, und sie fiel vor der Tür hin. Die Tür wurde von Yingers hilflosen Händen angestoßen. Drinnen wurde es sofort still. Ihr Kopf dröhnte, sie kämpfte sich hoch, ging aus dem Hoftor und klopfte erst dann den Staub von sich.
Der Wind war stark. Böe um Böe peitschte heran, stach in die Augen und raubte den Atem. Yinger drehte sich vom Wind weg und rang nach Luft. Sie dachte: „Wie kann sie das tun?“ Beim Gedanken an das erbärmliche Bild des Vaters begann sie, die Mutter zu hassen.
Nachdem sie sich erleichtert hatte, stand Yinger eine Weile still im Wind. Der Sturm im Herzen übertönte den Sturm draußen. Die wild schaukelnden Zweige schaukelten auch ins Herz hinein, alles war wirr. Am fernen Himmel wälzten sich gelbe Wolken. Dieser Wind würde so bald nicht aufhören. Der arme Sand, vom Wind getrieben, wirbelte ziellos umher. Doch irgendwann würde der Wind sich legen und der Sand zur Ruhe kommen – aber wann würden ihr eigenes Herz und ihr Körper Ruhe finden?
Es dauerte eine ganze Weile, bis Yingers fieberheiße Wangen sich normalisierten. Sie hatte Angst, der Mutter zu begegnen. Im Alltag hatte sie immer mit eisernem Mund geprahlt, wie anständig sie sei. Heute hatte die Mutter offensichtlich Xu Pockennarbe bestochen, damit er sich voll und ganz für die „gute Sache“ einsetzte. Bei ihrem Temperament konnte die Mutter das widerliche Pockengesicht unmöglich attraktiv finden, und doch … Yinger ekelte sich wirklich für sie.
Der Sturz eben musste die beiden erschreckt haben. Wie sie ihnen nun gegenübertreten sollte, war ein Problem.
Sie hielt sich mehrmals zurück, doch ein Würgen überkam sie, und sie würgte trocken, brachte aber nur Speichel hervor.
„Yinger –“
Sie drehte sich um und sah den Vater mit verschränkten Armen im Wind herankommen. Der Sandsturm hinter ihm peitschte seinen Rücken und ließ
seinen Körper um die Hälfte kleiner wirken. Die paar gelben Bartstoppeln wurden vom Wind malträtiert und tanzten frech in seinem Gesicht. Ein Tropfen grüner Rotz hing an seiner Nasenspitze. Ein Strohseil war um seine Taille gebunden. So sah er aus – ganz und gar wie ein Bettler.
Yinger wollte weinen.
Der Vater aber lachte: „Mein Mädchen, mein Geschäft ist zu neun Zehnteln abgeschlossen. Wenn es klappt, gebe ich der alten Hexe zehntausend, damit sie aufhört, mein Mädchen zu bedrängen. Meine Yinger, schön wie ein Gemälde – wann hast du je solches Unrecht erlitten? Mädchen, du heiratest niemanden. Wenn das Geschäft steht, ernähre ich dich als alte Jungfer.“
Yinger schossen die Tränen in die Augen. Sie wandte sich ab und blinzelte heftig. Die Tränen wehten in den Wind, wohin, wusste niemand.
Der Vater war immer so. „Zu neun Zehnteln abgeschlossen“ – sein ganzes Leben lang. Doch das Herz des Vaters verstand Yinger. Der Vater konnte sie auch verstehen. Yinger spürte ein Brennen in der Nase. Beinahe hätte sie eingewilligt, Zhao San zu heiraten. Sich selbst verkaufen, damit der Vater, der sein ganzes Leben lang gestolpert war, ein paar ruhige Tage hätte.
„Komm, gehen wir rein. Der Wind ist scharf. Wenn das Gesicht nass ist, reißt der Wind die Haut auf.“ Der Vater streckte die Hand aus und wischte die Tränen von Yingers Wangen.
Da erst fiel Yinger wieder das Geräusch ein. Wenn der Vater darauf stieße – wie schmerzhaft. Der Vater war zu bedauern. Die Mutter war zu bedauern. Sie selbst auch. Sie seufzte leise. Der Vater redete ihr wieder zu: „Warum so sorgenvoll? Mädchen, ein lebender Mensch wird sich doch nicht von einer vollen Blase umbringen lassen! Der Himmel lässt keinen Aufrichtigen im Stich. Ich glaube nicht, dass andere das große Geschäft machen können und ich nicht mal ein geröstetes Korn aufsammle. Nur ein einziges. Nur eins. Heh – das reicht für ein ganzes Leben, mein Mädchen. Komm, komm, gehen wir rein.“
Erst als Yinger die unverkennbar laute Stimme der Mutter von fern hörte, folgte sie dem Vater ins Haus. Die Mutter klapperte in der Küche mit Töpfen und Schüsseln und redete belangloses Zeug, laut. Yinger verstand die Botschaft der Mutter: „Eure Alte hat vorhin nichts getan, die Alte kocht doch.“ Yinger blickte in das vom Wind blau verfärbte Gesicht des Vaters, und ihre Nase brannte.
Ins Zimmer, auf den Kang, wieder hingelegt. Der Vater schwärmte in seiner typischen Art vom „zu neun Zehnteln abgeschlossenen“ großen Geschäft: „Heh, das ist ein Katzenauge. Von welcher Seite man auch schaut, dieses Katzenauge dreht sich immer zu dir. Heh, nachts leuchtet es sogar.
Man sagt, als der Gutsherr damals nach Taiwan floh, schenkte er es seiner Leibdienerin. Jahrzehntelang wurde es aufbewahrt. Rate mal, wie? Das kommt dir nicht mal im Traum. Die haben es in den Herdstein eingemauert. Den Herd benutzte man jahrzehntelang, und das Katzenauge war jahrzehntelang darin versteckt. Die wollen vierhunderttausend, nicht viel. Ich habe ihnen den Käufer vermittelt. Ausgemacht ist: Beide Seiten geben mir dreißigtausend als Dank. Wenn die sechzigtausend erst mal da sind, mein Mädchen – dann isst du das Feinste, trinkst das Schärfste, trägst Rot und behängst dich mit Grün, ganz wie du willst. Der alten Hexe gebe ich zehntausend, damit sie den Mund hält und aufhört, wie ein hergelaufener Geist an dir herumzunörgeln. Auch zwanzigtausend wären in Ordnung. Ich nehme mir zwanzigtausend und eröffne am Weißen-Tiger-Pass auch eine Mine – wer weiß, vielleicht grabe ich einen Goldklumpen aus. Die restlichen zwanzigtausend, Mädchen, die gebe ich dir, gib sie aus, wie du willst. Willst du nicht weitergehen, dann lebst du eben allein. Kein Ärger. Essen, wenn du willst, schlafen, wenn du willst, das Kind großziehen, es wird Prüfungsbester – vielleicht wirst du noch eine Adelige, mit Festkrone und Prachtgewand, wie prächtig.“
Yinger lachte. Dachte: Nicht zu weit voraus träumen. Einfach warten, bis der Geliebte kommt, ein Blick genügt. Doch dann fiel ihr das Geräusch ein, und ihr Herz verdüsterte sich – der Vater tat ihr so leid.
„Wieder ein großes Geschäft?“ Die Stimme von Xu Pockennarbe.
Eine Welle der Übelkeit. Yinger fasste sich an die Kehle. Genau dieses widerliche Pockengesicht hatte vorhin … Sie versuchte, nicht daran zu denken, hörte aber den Vater fröhlich grüßen: „Ach, Gevatter Xu, welcher Wind hat dich hergeweht?“
„Der Nordwestwind. Der Nordwestwind“, antwortete Xu Pockennarbe ebenso fröhlich.
Yinger dachte: Lacht er den Vater heimlich aus? Dieses Subjekt – als wäre nie etwas geschehen, schamlos bis zum Letzten. Sie wollte sehen, welch unverschämtes Licht aus den Schlitzaugen in dem Pockengesicht strahlte, fürchtete aber, die Übelkeit nicht unterdrücken zu können.
Sie dachte: „Die Mutter ekelt sich nicht einmal …“
Der Vater schwärmte wieder fröhlich vom Katzenauge. Xu Pockennarbe stimmte fröhlich ein. Nach ein paar Schmeicheleien wusste der Vater nicht mehr, wo oben und unten war. Seine Geschichten wurden immer maßloser. Seinen Spitznamen „Großmaul“ hatte er sich genau so verdient.
Die Mutter brachte das fertige Essen ins Arbeitszimmer. Yinger aß immer noch nicht. Ihr Magen brannte vor Hunger, doch sie biss die Zähne zusammen. Sie wusste: Diese letzte Würde war alles, was ihr blieb. Verlor sie die, hatte sie nicht einmal mehr ein Mitspracherecht.
Der Vater versuchte immer noch, Yinger mit dem „großen Geschäft“ zu überreden. Die Mutter verspottete ihn bissig, doch seine Begeisterung ließ nicht nach. Yinger weinte.
36
Abends wurde wieder getrunken. Xu Pockennarbe war ein typischer Säufer – beim Anblick von Schnaps vergaß er alles.
Yingers Magen brannte wie Feuer. Seltsam – der Magen war längst leer, warum brannte er trotzdem? Egal. Den Hunger ignorieren, dann konnte er ihr auch nichts anhaben. Nur das Fingerhakeln beim Trinkspiel war unerträglich laut. Besonders Xu Pockennarbes schleimige, undeutliche Stimme, die wie eine Feder im Hals kratzte. Die Pockennarben in seinem Gesicht leuchteten bestimmt auch, rot und glänzend.
Immer das Gleiche. Der Vater prahlte weiterhin maßlos vom großen Geschäft. Baifu lallte mit schwerer Zunge zusammenhangloses Zeug.
Natürlich – in seinen Augen war Zhao San großartig: Fleisch zu essen, Schnaps zu trinken, Geld auszugeben, hundertmal besser als Mengzi.
Die Mutter nähte nachdenklich an einer Schuhsohle und sagte kaum ein Wort. Das war ungewöhnlich und bewies, dass sie wusste, Yinger hatte ihre Schande entdeckt. Sie wagte nicht, Yinger in die Augen zu sehen. Yinger sah auch nicht zu ihr hin. Als die Langeweile unerträglich wurde, kämpfte sie sich vom Kang und ging in die kleine Kammer, in der früher Lanlan gewohnt hatte.
Die Beine weich, die Schritte schwankend. Die seelische Qual und der Hungerstreik hatten sie völlig geschwächt. Sie kämpfte sich auf den Kang, zog die Decke heran, und kaum lag sie, keuchte sie schon. Yinger starrte mit weit offenen Augen in die Dunkelheit. Ab und zu zerriss ein Blitz die Nacht. Dann folgte ein herzzerreißender Donnerschlag, dann das Prasseln des Regens. Der Regen füllte Himmel und Erde und auch ihr Herz. Yinger ließ das Prasseln ihr Herz füllen – damit keine anderen Gefühle sich einschleichen konnten. Der Wind wurde stärker, heulte ab und zu auf wie Wolfsgeheul. Yinger ließ den Verstand verschwimmen, ließ den Wind heulen.
Wo war der Geliebte in diesem Moment? Würde er im Regen krank werden? Dieser Gedanke sprang plötzlich wieder hoch. Unheilbar. Der Geliebte war wie ein Ball im Wasser geworden – drückte man ihn unter, tauchte er bei der kleinsten Unachtsamkeit wieder auf. Dann tauch eben auf.
Dann denke ich an dich, denke an dein Gesicht, Geliebter, denke an die Zeit mit dir – doch in meinem Kopf spielst du Verstecken.
Wo ist dein Gesicht? Dein Liebreiz? Deine Lebendigkeit? Wo hast du dich versteckt? Warum bleibt mein Kopf leer, so sehr ich auch suche? Stattdessen wird dieses Dröhnen im Kopf immer lauter. Geliebter, versteck dich nicht. Willst du mir nicht einmal diesen kleinen Luxus gönnen? Dann verschwinde ganz. Lass mein Herz sterben. Stirb, du Hundeherz.
Das Zimmer wurde plötzlich taghell. Ein Donnerschlag. Das Staubpapier an der Decke raschelte. Yingers Herz aber blieb starr.
Yinger dachte: Krach nur. Am besten zersprengst du diesen Körper, dieses Herz, diese Welt. Sie hatte einmal einen Kugelblitz gesehen, der rollend dahinkam, nach Schwefel roch und alles verbrannte, was er berührte. In jenem Jahr, als der Tempel der Vajravarahi (金刚亥母) gebaut wurde, hatten die Dorfleute Getreide und Geld gespendet, und Datou hatte etwas davon unterschlagen. In der Nacht kam der rollende Blitz, drang ins Haus ein, drehte sich einmal und setzte das Staubpapier an der Decke in Brand. Datou war panisch und hielt die blutige Unterhose einer menstruierenden Frau hoch – nur so rettete er sein Leben. Yinger hatte kein Geld unterschlagen, aber etwas Kostbareres als Geld und Leben begehrt – also lass krachen. Krach, zerspreng den Körper zu Staub, zerspreng auch das Herz zu Pulver, lass diese Yinger verschwinden, aufgelöst in der Leere, aufgelöst in der Dunkelheit. Oder nirgends aufgelöst, einfach spurlos verschwunden.
Das Fingerhakeln nebenan war laut, alle schrien aus voller Kehle. Der Vater war nach wie vor überschäumend begeistert, Xu Pockennarbe streckte die Zunge heraus – nach ein paar Gläsern zu viel machte er immer dieses Gesicht. Die Mutter plauderte und lachte wieder, als wäre nichts geschehen. Lacht nur. Ich warte auf den Donnerschlag. Schlag zu! Schlag zu! Warum bist du wieder still geworden?
Das Regenrauschen wurde zusammen mit dem wolfsähnlichen Wind noch heftiger. Draußen musste der Boden bereits unter Wasser stehen. Himmel und Erde waren eins geworden, alles vom Wasser verschlungen. Wasser war gut – es konnte alles ertränken. Hieß es nicht im Volkslied: „Die Tränenblumen haben das Herz ertränkt“? Ertränkt ist gut. Doch wirklich ertränkt war es nicht, nur eingeweicht. Das Herz war salzig, dumpf, schwer – noch schlimmer, als wäre es wirklich ertränkt.
Ein paar helle Lacher der Mutter drangen herüber und überlagerten Wind und Regen. Yinger runzelte die Stirn und dachte an das Gesicht des Vaters, das aussah wie die Rinde eines Oleasters, und ihr wurde schwer ums Herz. Was hatte der Vater von seinem Leben? Sein ganzes Leben lang hereingelegt, ohne je Reue zu empfinden. Auch gut – Träume zu haben ist etwas. Nicht wie die Mutter, die ständig über Gott und die Welt klagte, immer wie ein Dampfkessel. Denn sie hatte keine Träume mehr. Ohne Träume litt man beim Leben. Yinger war wie der Vater – sie wusste, dass alles, worauf sie hoffte, vom Schicksal gestellte „Fallen“ waren, doch sie wollte trotzdem hineintappen. Träume waren besser als keine. Doch selbst diesen armseligen Traum störte die Wirklichkeit ständig und ließ sie ihn nicht zu Ende träumen.
Wenn der Traum in Stücke gerissen wird, zerbricht auch das Herz.
Die Schwärze drückte schwer herab. Schwarzer Regen prasselte gnadenlos. Früher gab es in dem schwarzen Herzen noch ein paar Lichtpunkte. Jetzt waren auch die verschwunden, wahrscheinlich vom Herzen schwarz gefärbt.
Der Mund war sehr trocken. Ein Schluck Wasser wäre gut. Doch Yinger war im Hungerstreik. Das Wasser musste natürlich auch gestrichen werden. Yinger wollte sich nicht selbst belügen – wenn sie sogar sich selbst belog, gab es wirklich keinen Grund mehr zu leben. Hungerstreik hieß: aufrichtig hungern, auch das Wasser streichen. Schlimmstenfalls starb man. Der Tod war wirklich nicht furchtbar. Bei dem Gedanken an das künftige Leben erschauderte sie hingegen.
Geliebter, du hast dich einfach umgedreht und bist gegangen, sauber verschwunden, und hast mir eine riesige Leere hinterlassen. Was für eine Einsamkeit.
Ich weiß, du warst bedrückt, beklommen, doch die Beklemmung, der du entflohen bist, hat nun mein Herz besetzt. Nur ist sie noch mächtiger geworden. Im Herzen einer schwachen Frau treiben sie ihr Unwesen. Sodass mir nicht einmal mehr nach jenem Volkslied zumute ist. Erinnerst du dich? Es war dieses:
„Zerbrochen die Stange aus hartem Holz,
das klare Wasser fiel zu Boden;
schwarz hat es meinen Leib gefärbt –
du aber gehst auf breitem Wege.“
Das „breitem Wege“ war eigentlich „trockenem Wege“, doch ich habe es zu „breitem Weg“ geändert. Das ist mein Segenswunsch.
Ich glaube, dein Weg wird immer breiter werden, während ich keinen Weg mehr habe. Das verschüttete klare Wasser hat meinen Körper schwarz gefärbt und auch mein Herz. Hör: Dieses Regenrauschen – das ist das verschüttete klare Wasser. Geliebter, es hat sogar den Himmel schwarz gefärbt. Du blinder Himmel – so sehr du mit dem Blitz auch ritzen magst, am Ende bist du doch von der Schwärze durchdrungen. Geliebter, Geliebter aus dem vorigen Leben, Geliebter in diesem Leben, Geliebter im nächsten Leben.
Die Blitze wurden immer seltener und hörten allmählich auf zu toben. Der Wind aber blieb, immer noch stark. Die Nacht wurde seltsam schwer und drückte die Trinkrufe nieder, das Lachen nieder, auch Yingers Augenlider nieder.
Yinger versank in dichter Schwärze.
37
Irgendwann wurde die Schwärze noch schwerer und begann, windend an Yinger zu zerren. Yinger erwachte. Auf ihrem Körper war eine Hand, die wild griff. Dichter Alkoholdunst schlug ihr entgegen. Das Keuchen war begleitet von einem Rasseln. Das war das typische Keuchen eines chronischen Bronchitis-Patienten. Es war Xu Pockennarbe.
„Mama –!“ schrie Yinger schrill.
„Was schreist du?“, flüsterte Xu Pockennarbe gepresst. „Die schlafen alle. Hier – das ist Geld, kauf dir ein Kopftuch.“ Yinger spürte eine Papierrolle in ihrer Hand. Eine Welle der Übelkeit, sie warf sie auf den Boden.
„Verschwinde!“ schimpfte sie. Dieser Pockennarbe wagte es tatsächlich. Yingers Kräfte versagten. Sie wollte sich aufrichten und ihm eine kräftige Ohrfeige geben – doch sie hatte den Willen, nicht die Kraft.
„Verschwinde, du altes Vieh!“ Das war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie jemanden beschimpfte.
„Halt still, halt still. Nur einen Moment. Nur einen kurzen Moment“, keuchte Xu Pockennarbe. „Ich glaube nicht, dass Baumwolle kein Feuer fängt.“ Er warf sich auf Yinger und zerrte an ihren Kleidern.
„Papa –!“ schrie Yinger schrill, mit Weinen in der Stimme. Sie hörte nebenan eine Bewegung – erst eine Männerstimme, dann eine Frauenstimme – doch dann wurde es wieder still.
„Bruder –!“ schluchzte sie. Ihre Stimme übertönte Wind und Regen, doch sie durchdrang nicht die Stille nebenan.
„Die wissen Bescheid. Wovor hast du Angst? Wenn man die Möhre rauszieht, bleibt das Loch. Du bist doch keine Jungfrau mehr. Morgen kaufe ich dir eine Hose, einverstanden? Guter Stoff. Ich halte mein Wort. Wenn ich lüge, soll mir ein Furunkel am Rücken wachsen.“ Er drückte Yingers Hände auf den Rücken, presste sie unter ihren Körper und begann, die Knöpfe zu öffnen.
Yinger weinte. Eine Hand lag bereits auf ihrer Brust, ihre eigenen Hände waren unter dem Körper eingeklemmt. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, sich einmal aufzubäumen. Die andere Hand begann, ihren Hosenbund zu lösen.
„Waah –!“ Plötzlich brach ein Schrei aus Yinger hervor. Dieser Laut klang nicht menschlich, und selbst die Hand erstarrte.