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| − | = Kapitel 5: Der Goldene Apfel =
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| − | Als Xuefang in einem Bürogebäude in der Stadt Räumlichkeiten gefunden und das Schild „Newtons Apfelgarten" aufgehängt hatte, kam Chenglei vorbei.
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| − | Chenglei betrachtete das Schild am Eingang und sagte, das Kinn reibend: „Ihr habt es also wirklich ‚Newtons Apfelgarten' genannt. Ich dachte, du wolltest ‚Goldener Apfel'." Xuefang sagte: „Den Gedanken hatte ich anfangs auch, aber dann habe ich recherchiert und fand die Bedeutung von ‚Goldener Apfel' nicht besonders günstig."
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| − | „Warum nicht günstig? ‚Goldener Apfel' klingt doch gut."
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| − | „Sieht gut aus, aber man kann nicht reinbeißen."
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| − | Chenglei lachte und fügte hinzu: „Wahrscheinlich ist er auch giftig – im Altertum gab es eine Todesart namens ‚Gold schlucken'."
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| − | Xuefang sagte: „Daran habe ich gar nicht gedacht, sondern an die Verwicklungen und den Ärger dahinter. Du kennst doch diese altgriechische Sage … Bei der Hochzeit des Göttervaters Zeus mit der Himmelsgöttin Hera schenkte ihnen die Erdgöttin Gaia einen Apfelbaum, der goldene Äpfel trug. Gaia legte einen goldenen Apfel hin, auf dem stand: ‚Für die schönste Göttin', und ging. Athene, Aphrodite und Hera – alle drei hielten sich für die Schönste und stritten um den Apfel. Den Rest kennst du ja – wegen dieses goldenen Apfels brach Streit aus, der zum Trojanischen Krieg führte." Chenglei sagte: „Der goldene Apfel steht auch für die Liebe. Im alten Griechenland war es angeblich wie in China das Zuwerfen eines bestickten Balls – man warf jemandem einen Apfel zu, um seine Zuneigung auszudrücken." Xuefang sagte: „Du meinst also, die Liebe an sich stiftet leicht Unfrieden und Streit?" Chenglei sagte: „Das habe ich nicht gesagt." Xuefang sagte: „Ich habe es gesagt. Und es stimmt auch – Liebe ist manchmal der Krieg zwischen Mann und Frau."
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| − | An jenem Tag sagte Xuefang zu Chenglei: „Die Firma braucht zwei Assistenten – die Aufgabe übertrage ich dir." Chenglei sagte: „Ich habe noch nie jemanden eingestellt, ich tauge nicht als Prüfer – mach das lieber selbst." Xuefang sagte: „Bilde dir nicht ein, du könntest dich aus allem heraushalten." Chenglei sagte: „Immerhin bist du die Geschäftsführerin." Xuefang sagte: „Ich habe auch noch nie Bewerbungsgespräche geführt. Lies dir die Regeln und Anleitungen durch." Chenglei sagte: „Was, wenn Prüfer und Bewerber dasselbe Lehrbuch mit denselben Musterfragen benutzen?"
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| − | „Durchaus möglich", sagte Xuefang, „aber du kannst ja trotzdem urteilen."
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| − | „Na gut", sagte Chenglei.
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| − | Am Tag der Vorstellungsgespräche fuhr Xuefang zur „Newtons Apfelplantagen-Genossenschaft". Tatsächlich waren „Newtons Apfelgarten" und die „Newtons Apfelplantagen-Genossenschaft" ein und dieselbe Firma – erstere hatte ihren Sitz im Bürogebäude in der Stadt, letztere im Bergdorf am Gipfel des Hirschruf-Berges.
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| − | Es gab keinen Ansturm von Bewerbern: Insgesamt hatten sich sieben Personen gemeldet, von denen vier wegen Alter oder Qualifikation ausgeschieden waren. Nur drei wurden zum Gespräch eingeladen. Vor den Gesprächen hatte Chenglei tatsächlich die „Musterlösungen" studiert. Eine Frage lautete: Wie hoch ist Ihr Wunschgehalt? Wenn man direkt eine Summe nannte, war das falsch. Wer klug verhandelte, fragte zurück: Wie ist die Gehaltsstruktur Ihres Unternehmens? Könnten Sie mir etwas über Boni, Sozialleistungen und Gehaltsentwicklung erzählen? Die zweite Frage: Ihr Charakter scheint nicht zu unserer Stelle zu passen. Wenn man antwortete „Ich kann mich nach und nach anpassen", war das falsch – man sollte seine charakterlichen Stärken hervorheben. Die dritte Frage: Ihre frühere Arbeitsstelle (oder Praktikumsstelle) war gut – warum haben Sie gekündigt? Wenn man die alte Stelle schlecht redete, war das falsch. Richtig war: Mir geht es darum, bei Ihnen eine größere Plattform zu finden, auf der ich persönlich und das Unternehmen gemeinsam wachsen können.
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| − | Zur vereinbarten Zeit erschienen nur zwei der drei Bewerber, beide Frauen.
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| − | Die erste Bewerberin hieß Guan Zixuan – vom Namen her hätte man sie kaum mit ihrer Erscheinung in Verbindung gebracht. Guan Zixuan war ein pummeliges Mädchen; ihre Kleidung passte nicht zu ihrer Figur, ihr Auftreten nicht zu ihrer Frisur – das graublaue Kleid zusammen mit ihrem „Oma-Grau" wirkte etwas komisch. „Sind Sie Berufsanfängerin?", fragte Chenglei. Guan Zixuan nickte und fragte dann: „Sieht man mir das nicht an?" Chenglei wandte rasch den Kopf zur Seite und unterdrückte ein Lachen.
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| − | Nachdem er sich gesammelt hatte, begann das eigentliche Gespräch. Chenglei sagte: „Gut, erste Frage: Wie hoch ist Ihr Wunschgehalt?"
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| − | „In Ihrer Stellenanzeige steht doch 3.500 plus Sozialversicherung."
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| − | „Können Sie damit leben?"
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| − | „Ja, sonst hätte ich mich nicht beworben."
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| − | Die Antwort entsprach nicht der Musterlösung. Chenglei nahm seinen Bleistift und setzte ein kleines „X" in die entsprechende Spalte.
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| − | „Gut, zweite Frage: Ihr Charakter scheint nicht zu unserer Stelle zu passen."
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| − | Guan Zixuan sagte: „Sie kennen mich gerade erst – woher wollen Sie meinen Charakter kennen? Sie sind ja hellsichtig!"
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| − | „Frage ich Sie, oder fragen Sie mich?"
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| − | „Dann sage ich Ihnen: Ich finde, ich passe zu dieser Stelle."
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| − | Chenglei drehte den Bleistift zweimal in den Fingern und setzte wieder ein kleines „X" ein.
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| − | „Dritte Frage: Ich sehe, Sie haben ein Praktikum absolviert. Wie bewerten Sie Ihre frühere … also Ihre Praktikumsstelle?"
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| − | „Da gibt es nicht viel zu bewerten, ich war nur Praktikantin."
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| − | Chenglei setzte abermals ein „X".
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| − | „Noch etwas: Wie stehen Sie zum Thema Überstunden?", fragte Chenglei.
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| − | Guan Zixuan sagte: „Ich mache keine Überstunden. Falls doch, muss das Unternehmen mir einen Überstundenzuschlag zahlen."
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| − | Die zweite Bewerberin hieß Jiang Yixin. Chenglei dachte bei sich, die Nullerjahre-Generation hatte wirklich kunstvolle Namen – die Eltern hatten sich beim Namensgeben offenbar viel Mühe gegeben. Immerhin machten Jiang Yixins Erscheinung und Auftreten einen passablen Eindruck.
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| − | „Bitte beantworten Sie meine erste Frage: Haben Sie Gehaltsvorstellungen?", kam Chenglei direkt zur Sache.
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| − | „Natürlich, jeder wünscht sich möglichst viel Gehalt. Aber ich bin der Meinung, Gehalt und Leistung sollten zueinander passen."
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| − | Chenglei setzte ein kleines „y" in die entsprechende Spalte.
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| − | „Zweite Frage: Glauben Sie, dass Ihr Charakter zur ausgeschriebenen Stelle passt?"
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| − | „Natürlich muss sich die Persönlichkeit an die Stelle anpassen, nicht umgekehrt."
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| − | Chenglei setzte ein „y" ein.
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| − | „Dritte Frage: Sie haben im Ausland studiert und bereits gearbeitet. Ihre frühere Stelle war gut – warum wechseln Sie zu uns?"
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| − | „Vor meiner Bewerbung habe ich mich informiert. Ich habe gehört, dass die Newtons Apfelplantagen-Gesellschaft von Absolventen gegründet wurde, die im Ausland studiert haben. Ich bin von den Zukunftsaussichten des Unternehmens überzeugt …"
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| − | Chenglei setzte wieder ein „y" ein.
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| − | Chenglei fuhr zum Bergdorf, um Xuefang zu treffen. Xuefang fragte, wie die Bewerbungsgespräche gelaufen seien. Chenglei sagte, er habe zwei Personen interviewt und eine ausgewählt; sie fange nächsten Montag an.
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| − | Xuefang lachte: „So schnell?"
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| − | Chenglei sagte: „Was gibt es da zu trödeln?"
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| − | Chengeis Wahl war auf Guan Zixuan gefallen. Nach Punkten hätte die andere Bewerberin, Jiang Yixin, vorne gelegen – vielleicht gerade deshalb fand Chenglei Guan Zixuan authentischer.
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| − | Xuefang sagte: „Bei einer neuen Mitarbeiterin musst du das Einführungsgespräch führen – erkläre ihr unsere Vorstellungen." Chenglei sagte: „Am Montag bin ich in Hangzhou, mach das lieber du – du setzt sie ja ein." Xuefang sagte: „Du machst also nur den Anfang?" Chenglei sagte: „Auch wenn ich nicht an deiner Seite bin – wenn es nötig ist, werde ich rechtzeitig da sein."
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| − | Meizi tauchte im Bergdorf auf – zu Xuefangs Überraschung. Meizi war zuerst zum alten Haus gegangen; sie hatte Xuefang auf der Renovierungsbaustelle erwartet, traf aber nur die geschäftigen Handwerker an. Im alten Haus begegnete sie der Streunerhündin Yuanyuan, die Meizi gar nicht freundlich empfing und sie ununterbrochen anbellte.
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| − | Auf Hinweis der Dorfbewohner fand Meizi den Obstgarten am Fuß des Mühlsteinbergs. Es war die Jahreszeit, in der die Äpfel eingetütet werden, und schon von Weitem sah Meizi sieben, acht Leute eifrig zwischen den Bäumen arbeiten – Xuefang mittendrin, in ihrer komischen Aufmachung: grober Arbeitsanzug, Kopftuch, Sonnenbrille, bunt gestreifte Handschuhe. Im Obstgarten traf Meizi auch Xiumei und ihre Tochter Taozi.
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| − | Meizi musterte Xuefang und sagte: „Hätte nicht gedacht, dass du wirklich im Obstgarten arbeiten kannst."
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| − | Xuefang sagte: „Unterschätze mich nicht! Denkst du, ich bin aus Papier? Im Ausland habe ich Essen ausgeliefert, Geschirr gespült, Müll rausgebracht – welche Drecksarbeit habe ich nicht gemacht?" Meizi sagte: „Stimmt, das hatte ich vergessen. Aber Obstbäume pflegen erfordert Fachkenntnisse." Xuefang sagte: „Wir haben hier einen Fachtechniker zur Anleitung. Ich muss nur alle Arbeitsschritte kennenlernen."
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| − | Das Eintüten der Äpfel hatte seine eigenen Regeln: Zuerst wurde eine helle Plastikfolientüte übergestülpt, dann eine Kraftpapiertüte darüber. Im Herbst, wenn die Früchte Farbe annehmen, wird zunächst die Papiertüte entfernt; die durchsichtige Folientüte lässt das Licht durch, und nach etwa einer Woche Sonneneinstrahlung färben sich die Äpfel – gelb, was gelb sein soll, rot, was rot sein soll.
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| − | Xiumei erklärte Meizi, das Eintüten schütze wirksam gegen verschiedene Schädlinge, fördere den Ertrag und vermeide zudem Pestizidrückstände, sodass pestizidfreie Äpfel produziert werden könnten. Außerdem hätten eingetütete Äpfel keinen Fruchtrost und seien glatt und schön. Meizi versuchte sich selbst an zwei Äpfeln und stellte fest, dass nichts so einfach war, wie es aussah. Die Fruchttüten bestanden aus Tütenöffnung, Drahtbügel, Tütenkörper und Belüftungsöffnung. Beim Überstülpen kam es auf die richtige Technik an: Die Frucht musste mittig in der Tüte sitzen, noch nicht vollständig enthaarte Früchte durften nicht eingetütet werden, keine Blätter durften mit hinein, und der Verschluss musste dicht sein, damit weder Regen noch Pestizide oder Schädlinge eindringen konnten. Die heutigen Tüten waren sehr praktisch: Die Folientüten hatten einen Drahtbügel zum Festdrehen, die Papiertüten einen Klebeverschluss zum Zusammenfalten. Die einheimischen Obstbauern bevorzugten allerdings die alte Methode: feuchte Maiskolbenblätter in Streifen reißen und damit die Folientüten festbinden. Xiumei sagte, das sei die beste Methode.
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| − | Xuefang flüsterte Meizi jedoch zu, wenn die Baumbestände erst einmal verbessert seien, wolle sie auf das Eintüten verzichten. Meizi fragte warum. Xuefang sagte, die Eintüt-Technik stamme aus den 1970er-Jahren aus Japan; inzwischen werde dort kaum noch eingetütet. Das Eintüten habe zwar viele Vorteile, vor allem ein schönes Aussehen, doch ihr gehe es nicht nur ums „Hübschaussehen", sondern auch um natürlichen, guten „Geschmack".
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| − | Meizi sagte: „Davon verstehe ich zu wenig."
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| − | Meizi sagte Xuefang ernsthaft, sie wolle ihr helfen. Xuefang lehnte sofort ab – sie war dagegen, dass Meizi hierher käme. „Bin ich dir lästig?", fragte Meizi. Xuefang sagte: „Du hast deinen eigenen Lebensrhythmus, wir sollten uns nicht in die Quere kommen." Meizi sagte: „Vom Obstgarten verstehe ich nichts, da kann ich nicht mitreden. Aber bei der Renovierung des alten Hauses – da wäre es doch nicht schlecht, wenn jemand ein Auge darauf hätte." Xuefang sagte: „Nicht nötig, die Renovierung ist ein Komplettpaket. Wenn irgendwo etwas nicht stimmt, nehme ich die Vertragsbedingungen als Grundlage."
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| − | Meizi sagte: „Renovierungen sind das Komplizierteste. Manches sieht man, manches nicht. Als wir damals unser Haus renoviert haben, habe ich die Handwerker zwei Monate lang überwacht – sobald ich nicht hinschaute, hat der Maurer in den Zement gepinkelt. Das war wirklich ekelhaft!"
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| − | Xuefang lachte: „Hast du sie vielleicht zu sehr bedrängt und auf die Nerven gegangen?"
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| − | „Was ist falsch daran, Anforderungen zu stellen? Ich bezahle sie schließlich", sagte Meizi.
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| − | Xuefang sagte: „Bei deiner Renovierung damals war alles Handarbeit. Meine jetzige Renovierung ist eine Komplettsanierung nach Maß, hochgradig automatisiert, vieles vorgefertigt – man setzt es nur noch zusammen."
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| − | „Willst du damit sagen, ich bin zu nichts nütze?", fragte Meizi mit versteinerter Miene.
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| − | „So meine ich das nicht. Es braucht einfach keine zusätzliche Person. Die Baustelle hat Überwachungskameras – ich kann den Fortschritt auf dem Handy verfolgen. Und nach jeder Phase gibt es eine Abnahme: Wenn die Qualität nicht stimmt, geht es nicht weiter. Wenn die Materialien nicht umweltgerecht und sicher sind, muss ich nicht zahlen und kann die Renovierungsfirma sogar wegen Vertragsbruch bestrafen."
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| − | „Du willst also sagen, ich bin überflüssig?"
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| − | „Das habe ich nicht gesagt! Mama, kümmere dich einfach um deine eigenen Dinge, um meine brauchst du dir keine Sorgen zu machen … Wenn das Haus fertig ist, lade ich dich und Großvater ein, hier zu wohnen."
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| − | Shijun hatte gehört, dass Meizi da war, und rannte zum Obstgarten, um sie zu begrüßen. Er bestand darauf, „Tante Meizi" zum Essen einzuladen. Meizi konnte nicht ablehnen und folgte Shijun in ein bäuerliches Gasthaus.
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| − | Auch Xuefang, Xiumei und Taozi waren dabei. Als alle saßen, erkundigte sich Meizi nach dem Zweiten Wirrkopf. Shijun erklärte, der Zweite Wirrkopf leide an den Folgen eines Hirninfarkts und könne sich nur schwer bewegen. Meizi versprach, ihn bei Gelegenheit zu besuchen, und steckte Shijun 200 Yuan zu, damit er dem Zweiten Wirrkopf etwas Gutes zu essen kaufe. Die beiden stritten sich höflich darüber; Xuefang, die daneben saß, war von ihrer Herzlichkeit etwas befremdet.
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| − | Bald darauf wurden vier bäuerliche Gerichte aufgetragen. Shijun sagte, nach dem Brauch im Bergdorf könne man bei vier Gerichten das Essen eröffnen. Er wollte Meizi Wein einschenken, doch sie lehnte ab – sie habe lange keinen Alkohol mehr getrunken und nehme gerade chinesische Medizin ein. Xuefang und Taozi mussten nachmittags weiterarbeiten und verzichteten ebenfalls. Shijun ließ es gelten und bestellte eine Kanne Tee als Weinersatz. Dann stand er feierlich auf und hielt eine Tischrede: „Verehrte Tante, sowie Zweite Tante, Schwester Xuefang, Schwester Taozi – es ist mir eine große Ehre, Sie alle heute zu einem bescheidenen Essen einladen zu dürfen. Erlauben Sie mir, im Namen der drei Dorfgruppen des Bergdorfs, der 125 Haushalte und 520 Einwohner, Tante Meizi meinen allertiefsten Dank auszusprechen!"
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| − | Xiumei warf von der Seite ein: „520 Leute im Bergdorf? 200 wäre realistischer." Taozi sagte: „Shijun meint die gemeldete Einwohnerzahl." Meizi winkte verlegen ab: „Wofür denn danken? Ich habe doch gar nichts getan." Shijun sagte: „Aber sicher! Ohne Sie – wer hätte ein so großartiges Mädchen wie Xuefang großgezogen? Sie ahnen gar nicht, was Xuefangs Kommen für uns bedeutet. Der Druck auf mich ist enorm – die Wiederbelebung des ländlichen Raums braucht Qualitätssprünge. Jedes Dorf wetteifert um Talente und Technologie, besonders um ‚Shuanggui'-Leute. Und mit Xuefang allein haben wir beides."
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| − | „Was sind ‚Shuanggui'?", fragte Taozi.
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| − | „‚Haigui' – Rückkehrer aus dem Ausland – und ‚Chenggui' – Rückkehrer aus der Stadt. Zusammen ‚Shuanggui' – ‚die zweifach Zurückgekehrten'."
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| − | „Zählt ‚Chenggui' auch etwas? Eigentlich bin ich auch eine ‚Stadtrückkehrerin'."
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| − | „Du hast nur eine Wohnung in der Kreisstadt gekauft, aber nicht in der Stadt gearbeitet. ‚Chenggui' meint Leute mit besonderen Fähigkeiten …"
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| − | „Du solltest es dir lieber nicht mit mir verscherzen – sonst gibt es keine guten Äpfel für dich."
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| − | Shijun wandte sich an Meizi: „Manche scherzen, unser Dorf habe ‚alle drei Produktionssektoren': ‚Primär' – Äpfel anbauen, ‚Sekundär' – Äpfel pflücken, sortieren und verpacken, ‚Tertiär' – Äpfel verkaufen. In Wahrheit liegt das Bergdorf weit von der Stadt entfernt, hat eine dünne wirtschaftliche Basis, und der Aufbau der Dorfwirtschaft ist eine große Herausforderung. Jetzt ist es besser – Xuefang bringt nicht nur Investitionen, sondern auch brandneue Technologie. Nur mit den Flügeln der Technologie kann die Landwirtschaft modernisiert werden!"
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| − | Meizi lachte: „Shijun, du bist ein wahrer Redner – ganz der Vater."
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| − | Xiumei ergänzte: „Shijun ist seinem Vater weit voraus – gebildet, bescheiden, bodenständig, ohne die Hintergedanken des Zweiten Wirrkopfs."
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| − | Taozi sagte: „Shijun ist jetzt eine Größe – Parteisekretär und Vorsitzender des Dorfkomitees in Personalunion, die unangefochtene Nummer eins im Bergdorf."
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| − | Shijun sagte: „Schwester Taozi, höre auf, deinen Bruder aufzuziehen. Wenn du mich wirklich unterstützen willst, dann bring wie Schwester Xuefang etwas Handfestes für die wirtschaftliche Entwicklung des Dorfs."
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| − | Taozi sagte: „Das hängt von deinem Verhalten ab. Nicht einmal den Ehrentitel ‚Stadtrückkehrerin' willst du mir geben – überleg mal, warum."
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| − | Meizi fiel etwas ein und fragte Shijun: „Ich habe gehört, du hattest eine erfolgreiche Hausverwaltungsfirma in der Stadt. Warum bist du nicht dort geblieben? Für einen jungen Mann wie dich, der aufs Dorf zurückkehrt, braucht man schon Idealismus." Shijun sagte: „Tante, setzen Sie mir keinen hohen Hut auf. Einerseits hat die Partei mich gebraucht – vor den Wahlen hat mich das Gemeinde-Parteikomitee mehrfach angesprochen. Andererseits ist das Landleben heute ein ganz anderes als früher: Die Politik ist gut, die Möglichkeiten sind groß, und ich arbeite mit Elan."
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| − | „Sieh an, Shijun hat nicht nur Redetalent, sondern auch politisches Bewusstsein", sagte Meizi und warf Xuefang einen Blick zu.
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| − | Xuefang senkte den Blick und rollte sich ein Eiersauce-Wildkräuter-Pfannküchlein.
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| − | „Shijun ist wohl der jüngste Dorfparteisekretär im Landkreis?", fragte Meizi.
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| − | „Wo denn – der jüngste Dorfvorsteher in unserem Kreis ist ein Nullerjahre-Jahrgang. Neunziger wie ich gibt es gleich sieben."
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| − | „Wunderbar", sagte Meizi. „Wo junge Leute sind, da ist Hoffnung."
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| − | Shijun sagte: „Reden wir nicht immer über mich. Sprechen wir lieber über Schwester Xuefang – sie ist unsere wahre Hoffnung. Tante, Sie werden es kaum glauben, aber in weniger als einem Monat hat Xuefang die Bodenqualitätsanalyse, die Umweltverträglichkeitsprüfung und vieles mehr abgeschlossen, und die Modernisierung der Obstgartenanlage rückt nach und nach an. Mir sind die Augen aufgegangen!"
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| − | Meizi wandte sich an Xuefang: „Hast du das alles allein gemacht?"
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| − | „Bin ich etwa Sun Wukong mit drei Köpfen und sechs Armen? Die Arbeit wird von allen geleistet – ich koordiniere nur. Übrigens muss ich eines klarstellen: Ich bin keine große Chefin. Newtons Apfelgarten ist eine Gemeinschaftsinvestition meiner Kommilitonen. Mein eigener Anteil ist minimal, geradezu vernachlässigbar. Zwar bin ich als Geschäftsführerin eingetragen, aber in Wahrheit bin ich nur eine hochbezahlte Angestellte."
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| − | Shijun sagte: „In gewisser Hinsicht sind wir doch alle Angestellte. Aber genug geredet – essen wir!"
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| − | Xuefang fuhr zurück in die Stadt, auf der Rückbank vier Welpen. Die Welpen waren jetzt einen Monat alt; sie musste sie impfen und entwurmen lassen und die Adoption organisieren. In ein paar Tagen konnten die Kleinen entwöhnt werden und festes Futter fressen.
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| − | Zurück im Bürogebäude, betrachtete Xuefang das Schild „Newtons Apfelgarten" und versank in Gedanken. Sie erinnerte sich an einen trägen Nachmittag in der elften Klasse, als sie in ihr Heft geschrieben hatte: Newtons große wissenschaftliche Revolution begann mit einem fallenden Apfel. Xuefang konnte sich nicht erinnern, Chenglei jemals davon erzählt zu haben. Wie war er auf diesen Firmennamen gekommen? Doch – sie erinnerte sich: Einmal hatte Chenglei ihr aus heiterem Himmel erzählt, er habe gerade in den Nachrichten gelesen, dass Newtons Apfelbaum umgefallen sei – Newtons Apfelbaum war umgefallen! Offensichtlich war die Nachricht zu dem Zeitpunkt, als Chenglei sie sah, längst veraltet. Doch für jemanden, der es noch nicht wusste, war der Moment des Erfahrens eben doch eine Neuigkeit.
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| − | Meizi rief Xuefang an und erwähnte Yang Guifei und deren Tochter Ruoying. Meizi sagte, Yang Guifei sei ihre Grundschulfreundin; deren Tochter Ruoying sei ebenfalls aus dem Ausland zurückgekehrt, mit einem Master in Betriebswirtschaft.
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| − | „Tante Yang interessiert sich sehr für euren Newtons Apfelgarten. Ruoying macht gerade gar nichts – Tante Yang möchte, dass Ruoying es bei euch versucht."
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| − | Xuefang sagte: „Mama, du hast dich aber schnell umgestellt – ich komme kaum hinterher."
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| − | Meizi sagte: „Ob ich mich umstelle oder nicht, ist unwichtig. Hauptsache, euch geht es gut."
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| − | In Wahrheit hatte Meizi Xuefangs Entscheidung nach dem Besuch im Bergdorf keineswegs grundsätzlich gebilligt. Sie war weiterhin überzeugt, dass mit Äpfeln kein großes Geld zu verdienen war, und dass Xuefangs großspurige, kostspielige Investitionen am Ende zum Bankrott führen würden. Sie wusste, dass sie Xuefang nicht umstimmen konnte – Xuefang war im Eifer des Gefechts und würde erst einlenken, wenn sie den Sarg sähe. Dann würde sie wissen, wie hart das Unternehmertum und das Leben waren.
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| − | Als Meizi Yang Guifei davon erzählte, sagte diese: „Na, dann schicken wir Ruoying auch hin – soll die harte Wirklichkeit auch sie erziehen. Wenn Xuefang, wie du sagst, Luftschlösser baut und meine nutzlose Tochter dazukommt, können sie zusammen in denselben Topf verderben."
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| − | Meizi lachte: „Wunderbar – mögen sie so schnell wie möglich verderben, dann wissen sie, dass es Zeit ist umzukehren."
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| − | Yang Guifei sagte: „Die Frage ist, ob Xuefang Ruoying akzeptiert."
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| − | „Wer will, der kann", sagte Meizi bestimmt.
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| − | Seit Xu Hongwei Taxi fuhr, ging Shiqing bei Besuchen im Elternhaus grundsätzlich nicht mehr in die Küche kochen. Wenn sie diesmal die Küche betrat, dann nicht um zu helfen, sondern um ein Wort unter vier Augen mit Meizi zu wechseln.
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| − | Shiqing trat an Meizi heran: „Hast du Xiao Gezi in letzter Zeit nach der Ummeldung gefragt?"
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| − | „Ich habe ihn nicht gefragt, aber er hat es beiläufig erwähnt – es laufe gut."
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| − | „Mir hat er gar nichts gesagt. Ich weiß nicht, was er mit ‚läuft gut' meint."
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| − | „Behördengänge brauchen eben Zeit – gib ihm etwas Spielraum."
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| − | „Er hat uns beiden doch den Mund vollgenommen: In zehn bis fünfzehn Tagen sei alles erledigt. Jetzt sind schon über zehn Tage rum, und kein Lebenszeichen … Du glaubst doch nicht, dass er unser Geld nimmt und nichts tut?"
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| − | „Heute kommt er nach Hause."
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| − | Meizi schnitt gerade Gurken. Als sie beim Stielende ankam, steckte sie sich den Rest in den Mund und kaute. Shiqing sah es, prustete los und lachte – sie erinnerte sich, dass ihre Mutter Fang Guiqin beim Gurkenschneiden immer genauso den Rest in den Mund gesteckt hatte. „Gib mir auch ein Stück", sagte Shiqing. Meizi reichte ihr eine ganze Gurke.
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| − | „Ich will keine ganze – nur so ein Endstück."
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| − | Meizi lachte, schnitt ein Stück ab und reichte es ihr: „Die Gewächshausgurken sind wässrig und haben nicht mehr den Geschmack von früher."
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| − | Shiqing nahm das Stück und kaute: „Stimmt es, dass du dich mit Dalin gestritten hast?"
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| − | „Du weißt es also auch?"
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| − | „Du bist schon seit Tagen hier – wie sollte ich es nicht wissen?"
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| − | „Es war kein Streit – wir haben uns geprügelt."
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| − | „Warum?"
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| − | „Weil er krankhaft eifersüchtig ist. Er glaubt, ich hätte eine Affäre, während er auf See ist."
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| − | „Wegen dem einen?"
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| − | Meizi dachte, Shiqing meine den Dicken Cui, und schüttelte resigniert den Kopf: „Was meinst du?"
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| − | „Wegen Herrn Qiao?"
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| − | Meizi erstarrte. Das Messer kam herunter, und sie schnitt sich versehentlich den Fingernagel ab. Hastig steckte sie den Finger in den Mund und saugte daran.
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| − | „Alles in Ordnung?"
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| − | „Ja … wer erzählt denn so einen Unsinn?"
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| − | In Meizis Vorstellung wusste niemand von ihrer Beziehung zu Herrn Qiao; es war eine reine Lehrer-Schüler-Beziehung – sie lernte nur Geige bei ihm. Niemand wusste davon, sie hatte es auch niemandem erzählt, nur einmal beiläufig Liu Baogui gegenüber erwähnt. Hatte Liu Baogui es Shiqing erzählt? Meizis harsches „Unsinn" verriet, wie aufgewühlt sie war. Vor Liu Baogui hätte sie so ein Wort nicht benutzt – das wäre respektlos gewesen. Doch dass jemand ihre Beziehung zu Herrn Qiao in Frage stellte, traf einen empfindlichen Nerv und löste eine heftige Abwehrreaktion aus.
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| − | Shiqing schien sich nicht dafür zu interessieren, wer der Verdächtige war. Ihr ging es darum, ob Meizi im Konflikt mit Dalin die Oberhand behalten konnte. Shiqing flüsterte Meizi ins Ohr: „Ich habe einen Ratschlag für dich."
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| − | Shiqings Rat lautete: „Drei Neins und ein Muss". Die drei Neins: kein Nachgeben, keine Initiative ergreifen, nicht leichtfertig verzeihen. Das eine Muss: Dalin muss persönlich kommen und um Verzeihung bitten, eine schriftliche Erklärung abgeben und dreimal vor der Tür stehen wie bei „Drei Besuche in der Strohhütte". Wenn man ihn jetzt nicht zur Räson bringe, werde es in Zukunft wie auf Glatteis im Winter – man verliere jede Kontrolle.
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| − | Meizi sagte: „Ihm leichtfertig verzeihen werde ich bestimmt nicht. Das Problem ist nur: So viele Tage sind vergangen, und er hat sich noch nicht entschuldigt!"
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| − | „Nur Geduld, du musst ruhig bleiben."
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| − | Shiqing fuhr fort, ihre Erfahrungen zu teilen: Gegen eifersüchtige Männer gebe es noch eine Methode – Gift mit Gift bekämpfen.
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| − | „Wie soll das gehen?"
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| − | „Er ist doch misstrauisch? Dann spiel ihm in die Hände: Pflege ganz offen Umgang mit Männern, schaffe sogar Anlässe zum Argwohn, wo es gar keine gibt. Soll er doch ermitteln – wenn er nichts findet, wird er schon abkühlen. Da kann er sich ein Bein ausreißen!"
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| − | „Das liegt mir nicht."
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| − | „Ich kann es dir beibringen – wenn du Ideen hast, sag mir Bescheid."
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| − | „Da lob ich mir meine große Schwester."
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| − | „Aber Voraussetzung ist: Du darfst wirklich nichts am Laufen haben … Sag mal, du und dieser Herr Qiao, ihr habt nicht …"
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| − | „Was redest du da!"
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| − | Shiqing sah Meizis ernste Miene und schluckte die Frage hinunter.
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| − | Meizi sagte: „Dieses Haus sollte wirklich abgerissen werden. Sieh dir das Fensterholz in der Küche an, schon völlig verrottet. Ich erinnere mich, dass der Rahmen schon verfaulte, als ich klein war."
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| − | Shiqing sagte: „Allerdings. Die Heizung war eh schlecht, und die Fenster gingen nicht richtig zu. In den kältesten Wintertagen war morgens das Wasser eingefroren."
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| − | „Stimmt, ich erinnere mich, dass sogar die Frühlingszwiebeln in der Küche Eiszapfen hatten."
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| − | Während sie sprachen, kam die alte Frau Qi in die Gemeinschaftsküche, um Tofu zu dämpfen – weichen Tofu, den sie morgens gekauft hatte und der mittags zur Sicherheit nochmal gedämpft wurde. Die alte Frau Qi hatte ihre eigene Spezialität: Sie gab immer etwas leicht ranzige Sojabohnenpaste dazu und ein paar Tropfen Sojaöl. Wenn der Deckel abging, duftete die ganze Küche nach Bohnenpaste. Dann streute sie noch Frühlingszwiebelringe und gehackten Koriander darüber – so esse sie es schon seit ihrer Jugend, sagte sie.
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| − | „Bei euch ist immer was los", sagte die alte Frau Qi.
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| − | Die alte Frau Qi war kinderlos. Man sagte, in jüngeren Jahren sei sie einmal schwanger gewesen, habe das Kind aber unter den damaligen schwierigen Umständen verloren. Später starb ihr Mann, und sie wurde zur einsamen alten Frau.
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| − | Meizi lächelte die alte Frau Qi an und wechselte das Thema: „Tante, Ihr gedämpfter Tofu riecht wirklich herrlich."
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| − | Shiqing wandte sich ab und konnte über Meizis geheucheltes Lob nicht anders als schmunzeln.
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| − | Die alte Frau Qi freute sich ebenso über das Kompliment und sagte begeistert: „Wenn man obendrauf noch ein paar getrocknete Krabben streut, schmeckt es noch besser."
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| − | Meizi sagte: „Wenn ich Zeit habe, probiere ich das auch mal."
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| − | „Ach übrigens", sagte die alte Frau Qi, „heute Vormittag hat der Bezirkspolizist nach einem gewissen Liu Weicao gefragt. Ich habe ewig überlegt, bis mir klar wurde, dass er euren Liu Weige meint."
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| − | „Was will er von dem?"
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| − | | |
| − | „Irgendwas wegen einer Anmeldung."
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| − | Meizi und Shiqing mussten lachen. Shiqing sagte: „Bestimmt war der Name falsch geschrieben. Auf der Liste des Hygiene-Ausschusses stand schon mal ‚Liu Weicao' statt ‚Liu Weige'. Seitdem hat Xiao Gezi den Spitznamen ‚Kleines Gras'."
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| − | Auch die alte Frau Qi lachte: „Das erklärt einiges – ich habe mich schon gewundert, warum manche ihn ‚Kleines Gras' nennen. Jetzt weiß ich Bescheid."
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| − | Die alte Frau Qi ging mit ihrem dampfenden, nach Bohnenpaste duftenden Tofu zum Essen in ihr Zimmer. Als Shiqing ihr nachblickte, flüsterte sie Meizi zu: „Anscheinend hat Xiao Gezi uns doch nicht belogen – er kümmert sich wirklich um die Ummeldung."
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| − | | |
| − | Xiao Gezi kam erst zurück, als das Essen fast fertig war. Er schaute zuerst in seinem Zimmer vorbei, und als er hörte, dass Meizi und Shiqing in der Küche waren, gesellte er sich dazu.
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| − | Shiqing begrüßte ihn lachend: „Kleines Gras, bist du wieder da?"
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| − | Xiao Gezi blinzelte und lächelte halb.
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| − | „Ich höre, die Ummeldung ist im Gange?", sagte Meizi.
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| − | | |
| − | „Allerdings", sagte Xiao Gezi, „aber es gibt eine Komplikation."
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| − | | |
| − | Shiqing erstarrte: „Eine Komplikation? Was für eine?"
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| − | „Wenn es keine Komplikation gäbe, wäre es längst erledigt." Xiao Gezi blickte zur Tür der alten Frau Qi und flüsterte: „Die alte Hexe ist schuld. Mein Freund hatte es mit dem Bezirkspolizisten schon geregelt – wir brauchten nur eine Bestätigung von einer Nachbarin."
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| − | „Was für eine Bestätigung?", fragte Shiqing.
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| − | „Dass ihr beiden hier wohnt."
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| − | „Verstehe", sagte Meizi. „Die Tante hat die Bestätigung nicht ausgestellt."
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| − | Shiqing sagte: „Dann reden wir nochmal mit ihr. Notfalls machen wir ihr ein kleines Geschenk."
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| − | Meizi sagte: „Zwecklos. Alle im Haus wissen, die Tante ist ein Sturkopf – da ist nichts zu machen."
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| − | „Was jetzt?", fragte Shiqing aufgeregt.
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| − | „Dem Schachspieler fällt immer ein Zug ein. Ich habe einen Plan."
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| − | Shiqing sagte: „Spann mich nicht auf die Folter – raus mit deinem Plan."
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| − | Xiao Gezi sagte: „Wir locken den Tiger vom Berg: Wenn die alte Frau Qi nicht im Haus ist, lassen wir jemand anderen die Bestätigung unterschreiben."
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| − | „Wen könnten wir denn fragen?", sagte Meizi stirnrunzelnd.
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| − | Xiao Gezi sagte selbstsicher: „Den Dicken Cui."
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| − | „Auf keinen Fall!"
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| − | „Der würde sofort zusagen, ich müsste nur ein Wort sagen."
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| − | „Ich meine, wir dürfen ihn nicht fragen!", sagte Meizi laut.
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| − | Die alte Frau Qi steckte den Kopf heraus. Xiao Gezi winkte ab: „Nichts passiert."
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| − | Die alte Frau Qi kam mit ihrem Tablett heraus und stellte die Schüsseln ins Spülbecken. Sie wusch nicht gleich ab, sondern drehte sich um und lächelte die drei an – als wolle sie sagen: „Ich störe nicht, macht nur weiter."
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| − | Als sich die Tür der alten Frau Qi geschlossen hatte, wurden Meizis Augen wieder groß. Leise, aber äußerst scharf sagte sie: „Wenn du den Dicken Cui fragst, ist es zwischen uns vorbei. Lieber verzichte ich auf die Ummeldung, als den Dicken Cui einzuschalten."
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| − | | |
| − | Xiao Gezi lachte und flüsterte: „Ich habe nur Spaß gemacht – warum gleich so böse?"
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| − | „Solche Scherze verbitte ich mir!"
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| − | Xiao Gezi sah, dass Meizi wirklich verärgert war, und sagte zu Shiqing: „Natürlich würde ich nicht den Dicken Cui fragen. Es gibt doch genug andere Nachbarn. Ich habe längst alles durchdacht – wir nehmen den alten Ma von oben. Habt ihr etwas dagegen?"
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| − | Da kam Schwägerin Sufen herein. „Das Kind lässt mich endlich in Ruhe – kann ich irgendwo helfen?"
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| − | Schwägerinnen und Schwägerinnen – ein heikles Verhältnis. Shiqing und Meizi tauschten einen Blick und sagten fast gleichzeitig: „Nicht nötig."
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| − | Sie sahen sich an, Shiqing hielt den Mund, und Meizi sagte: „Schwägerin, ruh dich aus – wir schaffen das allein." „Stimmt, zu wenig Platz hier", fügte Shiqing hinzu.
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| − | In Wahrheit wollte Sufen nur ein höfliches Angebot machen, um den Schwägerinnen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wenn man sie nicht brauchte – umso besser.
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| − | „Nächstes Mal kochst du, Schwägerin – ich esse gern dein Essen", sagte Xiao Gezi.
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| − | Sufen sagte: „Einverstanden. Warum hast du heute deine Freundin nicht mitgebracht?"
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| − | „Ihr mögt sie doch nicht."
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| − | „Ach komm", sagte Sufen, „eher mag sie uns nicht, oder?"
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| − | „Ich habe ihr gesagt, sie soll nicht kommen."
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| − | „Das glaube ich nicht – hast du denn solche Macht über sie?"
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| − | „Aber sicher: Ich sage Eins, sie wagt nicht Zwei zu sagen. Ich sage Ost, sie traut sich nicht nach West."
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| − | „Wirklich? Ich höre, deine Freundin heißt Duoduo – eine frische Blume, gesteckt in …"
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| − | „Kuhmist!", vervollständigte Xiao Gezi. „Kuhmist ist gut – Kuhmist hat Nährstoffe."
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| − | Meizi verzog den Mund: „Frische Blume? Eher Gras am Wegesrand."
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| − | Xiao Gezis Miene verfinsterte sich: „Zweite Schwester, was soll das?"
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| − | Sufen merkte, dass sie das Feuer zwischen Geschwistern geschürt hatte, und suchte das Weite: „Macht mal weiter – ich glaube, ich höre Guoguo rufen."
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| − | Als das Essen auf dem Tisch stand, kam Yuejin angehetzt.
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| − | Yuejin ließ sich neben Shiqing fallen: „Wo ist das Kind?"
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| − | „Lili ist bei seiner Großmutter."
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| − | „Und Hongwei?"
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| − | „Der muss Taxi fahren und Geld verdienen."
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| − | Yuejin hörte den spitzen Ton, klopfte Shiqing versöhnlich auf den Rücken: „Ich komme zum fertigen Essen – Entschuldigung für die Mühe."
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| − | Meizi sah kurz auf – eigentlich hatte sie die ganze Arbeit gehabt.
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| − | „Au!", rief Shiqing plötzlich, und alle Blicke richteten sich auf sie. Sie trug ein Seidenkleid, und Yuejins raue Hand hatte einen Faden gezogen – der Faden war lang.
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| − | Yuejin entschuldigte sich verlegen. Xiao Gezi hingegen freute sich diebisch und tanzte vor Vergnügen. Meizi verpasste ihm einen Klaps und flüsterte: „Was gibt es da zu lachen? Schadenfreude!"
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| − | Beim Essen kam das Gespräch auf Tante Baozhens Operation. Shiqing sagte: „Die Tante ist wirklich zu bedauern, wir sollten alle helfen." Yuejin, der ewige „Quertreiber", wollte gerade seinen Senf dazugeben, als Sufen einfiel: „Ja, als ich die Tante sah, lief es mir kalt den Rücken runter." Da Sufen so sprach, schluckte Yuejin seinen Einwand hinunter, und als er Liu Baoguis strengen Blick bemerkte, senkte er den Kopf: „Ich kann mit anpacken."
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| − | Meizi sagte: „Im Moment geht es der Tante gut. Morgen Vormittag ist die Operation, der Arzt sagt, es sollte keine Probleme geben."
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| − | Shiqing sagte: „Ich finde, der Zweite Wirrkopf ist gar kein Wirrkopf. Dass er die Tante einfach bei uns abliefert – vollendete Tatsachen schafft –, ist ziemlich clever."
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| − | Liu Baogui sagte: „Er war schon immer clever. Als Kind wollte er immer nur schlafen, war den ganzen Tag verschlafen – deshalb hat deine Tante ihn ‚Zweiter Wirrkopf' getauft."
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| − | „In Wahrheit ist der Zweite Wirrkopf ziemlich gerissen", sagte Meizi. „Übrigens: Er will seine Schulden mit Schweinen zurückzahlen – allerdings auf Termin, erst zum Jahresende. Schwester, willst du ein Schwein?"
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| − | „Nein, nein – bei uns kann niemand schlachten."
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| − | „Es wird dir schon kein lebendiges Schwein angeliefert – du sagst ihm einfach, er soll es schlachten und dir das Fleisch bringen."
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| − | „Hm, ich bespreche das mit Hongwei."
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| − | Yuejin bemerkte Meizis Blick und beeilte sich zu sagen: „Guck mich nicht so an – wir können kein ganzes Schwein essen."
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| − | „Tu es als Armenhilfe."
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| − | „Die Hälfte vielleicht – ein halbes Schwein reicht für den Winter."
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| − | „Was denkt ihr euch eigentlich?", mischte sich Xiao Gezi ein. „Das ist ein Scheck auf die Zukunft – ob der eingelöst wird, steht in den Sternen."
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| − | Liu Baogui mochte Xiao Gezis Gerede nicht hören: „Kannst du nicht auch mal positiv denken?"
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| − | Xiao Gezi sagte: „Wenn zum Jahresende der Zweite Wirrkopf sagt, die Schweine hätten die Seuche gekriegt und seien verendet – was dann? Ihm ein neues Schwein kaufen lassen?"
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| − | „Halt deinen Schnabel – immer diese Unkenrufe!"
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| − | „Was der Zweite Wirrkopf da vorschlägt, ist doch ohnehin …"
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| − | „Wurde dir nicht gerade gesagt, du sollst den Mund halten? Und ‚Zweiter Wirrkopf' – ist das ein Name für ihn? Er ist immerhin dein Cousin!"
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| − | Die erste Hälfte des Mittagessens war noch einigermaßen harmonisch verlaufen. Doch als Yuejin zwischendurch auf die Toilette ging und Sufen ihm folgte, änderte sich sein Verhalten nach der Rückkehr.
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| − | | |
| − | Kurz darauf fragte Yuejin Shiqing: „Bist du dabei, deinen Wohnsitz umzumelden?"
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| − | Shiqing stutzte, sah Xiao Gezi an, dann Meizi.
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| − | „Du glaubst doch nicht, das ist so leicht. Spar dir die Mühe."
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| − | „Das ist meine Sache. Es gibt ein Sprichwort: Dem Willen kann man keinen Preis geben."
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| − | „Selbst wenn es klappt – lohnt sich das? Die Umsiedlung dauert drei bis fünf Jahre, und wo soll euer Lili in den Kindergarten gehen? Heutzutage richtet sich selbst der Kindergartenplatz nach dem Wohnsitz."
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| − | „Daran hindert mich mein fester Wille."
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| − | | |
| − | Yuejins Miene verdüsterte sich. Er murmelte: „Willst du das absichtlich hintertreiben?"
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| − | Shiqing und Meizi wechselten einen Blick. Shiqing sagte lachend: „Du machst dir doch nur Sorgen um mich, oder? Na – jetzt zeigst du dein wahres Gesicht!"
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| − | Sufen verteidigte Yuejin: „Shiqing, hör auf, deinen ehrlichen Bruder zu schikanieren. Was heißt ‚wahres Gesicht'? Das ist doch verletzend!"
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| − | „Ich kämpfe in meinem eigenen Elternhaus um mein Recht, und das soll verletzend sein? Merkwürdig …"
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| − | | |
| − | „Es ist doch offensichtlich, dass du deinen Wohnsitz hierher verlegen willst. Auf dem kleinen Raum drei Haushalte? Wer soll das glauben?", sagte Yuejin.
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| − | | |
| − | „Ich sage dir ganz klar: Ich konkurriere nicht mit dir und nehme dir auch nichts weg. Wenn hier jemand profitiert, dann auf Kosten des Staates."
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| − | „Klingt nett, aber am Ende, wenn wegen zu vieler Haushalte die Umsiedlung nicht genehmigt wird – dann habe ich keinen Schaden?"
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| − | „Du denkst immer nur an dich."
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| − | | |
| − | „Ich bin der älteste Sohn dieses Hauses."
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| − | | |
| − | „Ältester Sohn, und? Heutzutage gilt Gleichberechtigung – mein Recht ist gleich deinem! Und der älteste Sohn sollte eigentlich den Jüngeren nachgeben, oder?"
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| − | | |
| − | Liu Baogui wurde ärgerlich und klopfte mit den Essstäbchen auf den Tisch: „Könnt ihr nicht endlich aufhören? Selbst beim Essen stopft das euren Mund nicht!"
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| − | | |
| − | Shiqing sagte: „Dann sage ich dir offen: Nicht nur ich – auch Hongmeis Wohnsitz wird hierher verlegt."
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| − | | |
| − | Meizi hatte sich eigentlich heraushalten wollen, doch nun kam sie nicht mehr drumherum.
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| − | | |
| − | „Hongmei? Die braucht das nicht", sagte Yuejin.
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| − | Meizi sagte leise: „Ich bin einverstanden, meinen Wohnsitz hierher zu verlegen."
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| − | „Einverstanden – was soll das heißen? Hat dich jemand gezwungen?"
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| − | | |
| − | „Niemand hat mich gezwungen. Ich will es."
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| − | Liu Baogui sagte: „Ihr meldet alle euren Wohnsitz hierher um – habt ihr den Haushaltsvorstand gefragt?"
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| − | Xiao Gezi sagte: „Papa, das geht Sie nichts an. Sie sind Ihr eigener Haushaltsvorstand. Die Meldebücher von Bruder und Schwester sind eigenständig."
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| − | „Das Haus steht auf meinen Namen", sagte Liu Baogui.
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| − | Yuejin schien etwas begriffen zu haben. Er stand auf und zeigte auf Xiao Gezi: „Jetzt ist mir alles klar – du steckst wieder dahinter!"
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| − | „Ich handle offen und ehrlich, ich stecke nie hinter irgendwas."
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| − | „Als ob!", murmelte Sufen.
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| − | | |
| − | „Gut, dann sage ich es offen: Die Ummeldungen meiner Schwestern habe ich in die Wege geleitet. Ist daran etwas falsch?"
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| − | | |
| − | Yuejin wurde rot vor Wut, die Adern an seinem Hals traten hervor, und er schimpfte, wild gestikulierend: „Du Schwachkopf!"
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| − | | |
| − | „Du bist der Schwachkopf!"
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| − | | |
| − | „Dir wächst wohl Fußpilz am Kopf?"
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| − | | |
| − | „Am Kopf wächst nur Fußpilz bei Leuten, die egoistisch und selbstsüchtig sind!"
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| − | Peng – Liu Baogui schlug mit der Faust auf den Tisch: „Ihr zwei – raus! Raus mit euch! Wenn ihr euch prügeln wollt, dann draußen!"
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| − | Meizi stand auf und hielt Xiao Gezi fest. Sufen blieb sitzen und hielt Yuejin zurück.
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| − | Meizi zog Xiao Gezi zur Haustür und erinnerte sich, wie sie als Kinder um einen einzigen Apfel gerauft hatten. Damals war Xiao Gezi noch klein – Yuejin konnte ihn mit einem Schubs umwerfen. Jetzt war es anders: Xiao Gezi war drei, vier Zentimeter größer als Yuejin.
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| − | | |
| − | Shiqing kam hinterher.
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| − | | |
| − | „Alle gegen einen!", sagte Shiqing.
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| − | | |
| − | Es hatte zwei Tage lang geregnet. Meizi begleitete Liu Baogui vom Krankenhaus zurück und sah Dalin unter dem Vordach des kleinen Hauses stehen.
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| − | | |
| − | Tante Baozhens Operation war einigermaßen gut verlaufen, und Liu Baoguis schweres Herz wurde endlich leichter. Doch beim Anblick von Dalin legte sich seine Stirn wieder in Falten. „Dalin, wie lange bist du schon da?"
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| − | | |
| − | „Schon eine Weile", sagte Dalin.
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| − | Liu Baogui ergriff Dalins Hand: „Komm, schnell rein."
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| − | Meizi blieb an der Tür stehen, ohne sich zu rühren.
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| − | „Schließ auf!", drängte Liu Baogui.
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| − | Meizi ging vor Liu Baogui und Dalin her, um die Tür aufzuschließen. Als sie an Dalin vorbeiging, trafen sich ihre Blicke. Wahrscheinlich war er gekommen, um sie nach Hause zu holen; doch seinen Augen nach zu urteilen fehlte es an echter Reue – es wirkte halbherzig und erzwungen.
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| − | Liu Baogui und Dalin gingen hinein, Meizi stand noch immer an der Tür.
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| − | „Bist du gekommen, um dich zu entschuldigen?", fragte Meizi von draußen.
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| − | Dalin sagte drinnen: „Ich bin gekommen, um dich nach Hause zu holen."
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| − | „Nur weil du kommst, gehe ich mit?"
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| − | „Steh da doch nicht rum – komm rein und rede", sagte Liu Baogui.
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| − | Meizi blieb stehen und sagte zu Dalin: „Solange das Problem nicht gelöst ist, gehe ich nicht zurück."
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| − | „Welches Problem willst du lösen?", fragte Dalin harsch.
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| − | „Du weißt es genau."
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| − | | |
| − | „Wenn ich es wüsste, würde ich nicht fragen."
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| − | | |
| − | Liu Baogui zog Dalin auf einen Stuhl – einen der einzigen zwei Stühle im Haus. Eigentlich wollte Liu Baogui die beiden allein reden lassen und Platz machen. Doch als er Dalin gesetzt und sich nach Meizi umgedreht hatte, war sie verschwunden.
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| − | | |
| − | In dem Moment, als Liu Baogui Dalin den Stuhl zurechtrückte, hatte Meizi sich bereits aus dem Staub gemacht. Beim Umdrehen hatte sie am Treppenabsatz des zweiten Stocks einen Schatten huschen sehen – sie konnte das Gesicht nicht erkennen, wusste aber sofort: Das war die Frau des Dicken Cui.
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| − | | |
| − | Liu Baogui eilte zur Haustür und sah Meizis Gestalt in der Ferne verschwinden. Er rief mehrmals, doch Meizi drehte sich nicht einmal um – als liefe sie davon. Liu Baogui seufzte und kehrte allein zurück.
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| − | | |
| − | Im Zimmer waren nur noch Liu Baogui und Dalin. Liu Baogui wurde ungewollt zur Hauptfigur dieses Dramas. Meist redete Dalin, und Liu Baogui hörte zu; wenn er selbst sprach, waren es nur ein paar tröstende Worte.
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| − | | |
| − | Dalin wusste: Solange er da war, würde Meizi nicht zurückkommen. Vor seinem Aufbruch sagte er zu Liu Baogui, in ein paar Tagen gehe er wieder auf See. Er hoffe, Meizi komme morgen nach Hause – spätestens übermorgen.
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| − | | |
| − | Liu Baogui versprach, mit Meizi zu reden.
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| − | | |
| − | Es wurde völlig dunkel, das Essen auf dem Tisch war längst kalt, und Meizi war noch nicht zurück. Liu Baogui lief ruhelos hin und her, mal drinnen, mal draußen. Um neun Uhr abends hörte er endlich ein Klopfen. Er dachte, Meizi sei zurück, und kümmerte sich nicht darum. Es klopfte ein zweites und drittes Mal, bis er brummig sagte: „Die Tür ist offen!"
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| − | | |
| − | Doch herein kam die alte Frau Qi. Sie musterte Liu Baogui und fragte: „Alles in Ordnung bei Ihnen?"
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| − | | |
| − | „Ja, alles gut." Liu Baogui stand auf. „Kann ich etwas für Sie tun?"
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| − | | |
| − | „Ich wollte nur fragen, ob Herr Xu Zhentong diese Woche mit dem Toilettenputz tauschen kann."
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| − | | |
| − | Liu Baogui winkte ab: „Kein großes Ding – sagen Sie einfach Bescheid."
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| − | | |
| − | „Dann ist es abgemacht." Die alte Frau Qi ging hinaus und traf an der Tür auf Meizi. „Ihrem Vater geht es nicht gut", sagte sie.
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| − | | |
| − | „Heute Nachmittag war er noch in Ordnung … Ist das alte Herzleiden wieder aufgeflackert?"
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| − | „Heute Abend war er mehrmals auf der Toilette. Ich vermute, er hat sich den Magen verdorben."
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| − | | |
| − | „Danke, Tante."
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| − | Meizi trat ein. Liu Baogui warf ihr einen Blick zu und wandte den Kopf ab.
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| − | „Haben Sie Ihre Medizin genommen?", fragte Meizi.
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| − | | |
| − | Liu Baogui brummte.
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| − | „Sollen wir ins Krankenhaus?"
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| − | Liu Baogui sagte ärgerlich: „Ich bin nicht krank – krank bist du."
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| − | | |
| − | Meizi zog sich in ihr Zimmer zurück, geknickt. Sofort folgte Liu Baogui ihr – als hätte Dalin ihn einer Gehirnwäsche unterzogen, vertrat er fast vollständig Dalins Standpunkt und gab auch Dalins Argumente wieder. Schließlich sagte Liu Baogui: „Dalin ist nach Hause gekommen und hat eingestanden, dass er falsch lag. Zwischen Eheleuten sollte man nicht alles auf die Goldwaage legen."
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| − | | |
| − | „Nein – einmal, zweimal, aber nicht endlos. Wenn er sich vorher mit mir gestritten hat, habe ich niemandem davon erzählt, weil ich nicht ausgelacht werden wollte. Kaum zeigte er Reue, habe ich ihm verziehen. Aber statt sich zu bessern, wurde er immer schlimmer – jetzt wird er sogar handgreiflich. Wenn ich ihn nicht gründlich zur Räson bringe, weiß keiner, was als Nächstes passiert."
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| − | „Was genau musst du tun, damit du zurückgehst?"
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| − | „Mindestens drei Besuche."
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| − | „Drei Besuche? Bist du Zhuge Liang, der ‚Drei Besuche in der Strohhütte' verlangt?"
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| − | „Und er muss eine schriftliche Erklärung abgeben."
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| − | „Was soll das zwischen Eheleuten?"
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| − | Meizi sagte: „Ohne klare Absprache geht es nicht. Und die Erklärung muss in Kopie bei seiner Mutter hinterlegt werden."
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| − | „Das geht zu weit! Man richtet keinen Gefallenen hin!"
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| − | „Kein Nachgeben!"
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| − | „Hongmei, man soll die Dinge nicht auf die Spitze treiben."
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| − | „Ich treibe auf die Spitze? Oder er und seine Mutter? Hören Sie bitte nicht nur eine Seite … Genug jetzt, Papa, machen Sie sich nicht so viele Sorgen."
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| − | „Ich habe immer geglaubt, bei dir müsste ich mir am wenigsten Sorgen machen. Ich habe dich überschätzt – und mich gleich dazu."
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| − | „Schon gut, seien Sie unbesorgt – ich kriege das in den Griff."
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| − | „Dass ich unbesorgt bin, wäre gelogen!"
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| − | „Lassen wir das. Wie geht es Ihnen wirklich – ist der Magen in Ordnung?"
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| − | „Hör auf, dich um mich zu sorgen, als wäre es dir ernst. Wenn du mich nicht aufregen würdest, wäre das schon kindliche Pflicht genug."
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| − | Im Morgengrauen war Meizi schon auf und setzte Hirsegrütze mit roten Bohnen auf. Der Grünkern brauchte lange; selbst wenn man ihn über Nacht einweichte, kochte er am nächsten Morgen noch eine Weile. Meizi wusste: Liu Baogui liebte Grünkerngrütze zu eingelegtem Rettich. Wenn noch ein Salzei dazukam, war es die Deluxe-Version.
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| − | Als der Topf kochte, ging Meizi zurück ins Zimmer und löste Übungsaufgaben – drei Probeklausuren, bis es dämmerte.
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| − | All die Jahre hatte Meizi unermüdlich gelernt. Die Erzieherinnenfachschule war nur eine Berufsschule; Meizi empfand ihre Bildung als unzureichend. Nach dem Abschluss hatte sie sich an der Fernuniversität für Chinesisch eingeschrieben und nach zweieinhalb Jahren berufsbegleitendem Studium das Fachhochschuldiplom erworben. Damals herrschte ein regelrechtes „Diplom-Fieber" in der Gesellschaft. Nach dem Fachhochschuldiplom reichte ihr das wieder nicht, und sie begann ein Bachelorstudium im Selbststudium. Lernen war zu einem unentbehrlichen Bestandteil ihres Alltags geworden. Andere junge Frauen trugen Kosmetik in der Handtasche – Meizi konnte auf Kosmetik verzichten, aber auf Bücher und Stifte niemals.
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| − | Liu Baogui stand auf. Schon durch die Zimmertür roch er den Duft der Grütze und wusste: Meizi hatte sie in aller Frühe gekocht. Leise schob er die Tür einen Spalt auf – Meizi saß noch über ihren Probeklausuren. Liu Baogui schätzte ihre Lernbereitschaft, also schloss er die Tür behutsam wieder und ging auf Zehenspitzen in die Küche.
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| − | Meizi hatte durchaus bemerkt, dass Liu Baogui die Tür geöffnet hatte – sie wollte nur die letzte Aufgabe zu Ende bringen.
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| − | Beim Frühstück rief die Inhaberin des Tante-Emma-Ladens unten: „Liu Hongmei, Telefon für dich – dein Mann!"
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| − | In der Dalian-Umgangssprache war „Mann" ein Sammelbegriff für Partner – ob Freund vor der Hochzeit, Ehemann nach der Hochzeit oder Lebensgefährte im Alter.
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| − | Das Erdgeschossfenster stand offen; Liu Baogui und Meizi hatten es beide gehört. Meizi rührte sich nicht. Liu Baogui antwortete stellvertretend und sagte dann zu Meizi: „Den Anruf solltest du schon annehmen."
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| − | Meizi schwieg und aß weiter.
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| − | „Geh schon – was zögerst du?"
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| − | „Ich gehe nicht."
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| − | Liu Baogui legte seufzend die Stäbchen ab und ging selbst.
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| − | Fünfzehn Minuten später kam er zurück und berichtete Meizi: Dalin gehe übermorgen wieder auf See, für zwei Monate. „Wenn ihr das Problem vor seiner Abreise nicht löst, wird es kompliziert."
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| − | Meizi sagte: „Du hast wohl Angst, ich bleibe ewig hier. Keine Sorge – wenn ich dir lästig bin, miete ich mir etwas."
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| − | „Hongmei, wann hast du gelernt, so spitzzüngig zu sein? Finde ich dich etwa lästig? Ich mache mir Sorgen um eure Ehe."
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| − | „Dass Dalin jetzt den Druck der Abreise benutzt – das ist ein übler Trick. Nein, darauf lasse ich mich nicht ein."
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| − | „Was – du willst dich wirklich von ihm trennen?"
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| − | „Das hängt von ihm ab. Wenn er meine Bedingungen nicht erfüllt – von mir aus!"
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| − | „Meinst du das wirklich ernst? Oder ist es nur die Wut?"
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| − | „Vor der Scheidung habe ich keine Angst. Dreibeinige Kröten sind selten, zweibeinge Menschen gibt es genug. Und allein leben ist auch nicht schlecht."
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| − | „Ich verstehe wirklich nicht, wie ihr jungen Leute Scheidung so leichtfertig nehmen könnt. Selbst wenn du nicht an dich denkst – denk wenigstens an das Kind in deinem Bauch."
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| − | „Natürlich denke ich an das Kind. Wenn es in eine schlechte Familie hineingeboren wird, ist es besser, ich ziehe es allein groß."
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| − | „Meizi, diesmal bitte ich dich: Geh erst zurück, und die Probleme löst ihr nach und nach. Einverstanden?"
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| − | Meizi erstarrte – in all den Jahren war Liu Baogui noch nie so demütig mit seinen Kindern umgegangen.
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| − | Liu Baogui sagte: „Dalin wartet auf meine Antwort. Wenn du einverstanden bist zurückzugehen, kommt er dich abholen und entschuldigt sich persönlich."
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| − | Meizi senkte weiter den Kopf und schwieg.
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| − | Am frühen Morgen hatte es dichten Nebel gegeben, milchig weiß, der sich in der Nanshan-Straße staute. Erst gegen neun Uhr lichtete er sich. Meizi wanderte zwischen den Akazienbäumen vor dem kleinen Haus hin und her, in Gedanken versunken. Sie hatte gesagt, Dalin müsse dreimal kommen. Wenn sie heute einwilligte und Dalin sie abholte, wäre das einschließlich heute höchstens das zweite Mal; übermorgen fuhr er ab – unmöglich, drei Besuche zu schaffen. Andererseits: Wenn sie nicht zurückging und Dalin für mindestens zwei Monate auf See war, steckte sie in der Klemme – zurückgehen war unmöglich, nicht zurückgehen auch. Zwei Monate getrennt wohnen als verheiratete Frau? Meizi überlegte hin und her und fand einen Kompromiss: Wenn sie Dalins Rückkehr akzeptierte, musste eine Bedingung erfüllt sein – seine schriftliche Erklärung brauchte die Unterschrift seiner Mutter. Das war ihrer Meinung nach keine Zusatzbedingung; der fehlende dritte Besuch konnte durch die Bürgschaft der Schwiegermutter ersetzt werden. So blieb sie ihren „Prinzipien" treu.
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| − | Meizi war überzeugt, klar gedacht zu haben. Sie wollte Liu Baogui Bescheid sagen, damit er Dalin zurückrief. Wenn Dalin nicht einverstanden war – ihr konnte man keinen Vorwurf machen, und auch Liu Baogui konnte sie nicht weiter bedrängen.
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| − | „Hongmei, du bist schon seit Tagen zu Hause – ist alles in Ordnung?" Der Dicke Cui stand plötzlich hinter ihr. Meizi warf ihm einen Blick zu und ignorierte ihn.
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| − | Der Dicke Cui trat näher: „Wenn du Schwierigkeiten hast, wende dich an deinen Bruder – ich bin immer für dich da."
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| − | Meizi wollte weitergehen, um dem Dicken Cui zu entkommen, doch sein breiter Körper versperrte ihr den Weg. In diesem Moment sah sie Xiao Gezi an der Weggabelung – er kam gerade nach Hause.
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| − | „Xiao Gezi!", rief Meizi.
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| − | Xiao Gezi, zehn Meter entfernt, blieb stehen und spähte in ihre Richtung.
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| − | | |
| − | Der Dicke Cui hörte Meizis Ruf und wich zur Seite. Fast gleichzeitig stürmte die Frau des Dicken Cui aus dem Hauseingang.
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| − | Während der Dicke Cui unten mit Meizi gesprochen hatte, hatte seine Frau offenbar vom zweiten Stock aus alles beobachtet. Dann war sie die Treppe heruntergerannt – so hastig, dass sie einen Schuh auf der Treppe verloren hatte.
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| − | „Du Schamlose!", schrie die Frau des Dicken Cui, als sie auf Meizi zustürzte. Meizi konnte nicht ausweichen und wurde am Kragen gepackt. Meizi stieß sie weg.
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| − | „Du bist schamlos! Wie kannst du mich beleidigen!"
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| − | „Füchsin! Meinen Mann verführen!"
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| − | | |
| − | „Frag deinen eigenen Mann – habe ich ihn verführt?"
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| − | | |
| − | Der Dicke Cui stand wie versteinert daneben, ein unbeteiligter Zuschauer, und sagte kein Wort.
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| − | „Ich habe euch auf frischer Tat ertappt!"
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| − | „Du lügst! Du Dreckschleuder!"
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| − | „Dreck auf dreckige Leute wie dich – kleine geile Füchsin!"
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| − | Xiao Gezi kam dazu, stellte sich neben Meizi und zeigte auf die Frau: „Wenn du deinen eigenen Mann nicht im Zaum halten kannst, komm nicht hierher und mach Theater!"
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| − | „Geht dich nichts an – hau ab!"
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| − | „Meine Schwester beleidigt man nicht!"
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| − | „Schau dich an, du Wicht – aus welchem Loch bist du gekrochen?"
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| − | „Du bist besser? Deine Augenlider hängen dir bis zu den Fersen – das ist ja widerlich!"
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| − | „Und du? Wie ein zu früh geborener Erhänkter!"
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| − | „Immer noch besser als du – bei dir würden selbst die Geister auf dem Friedhof sich übergeben!"
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| − | Der Dicke Cui wollte vermitteln, doch seine Frau schubste ihn beiseite.
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| − | Xiao Gezi zog Meizi weg, aber die Frau des Dicken Cui versperrte ihnen den Weg.
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| − | „Ohne Erklärung kommst du mir nicht davon!", schrie sie.
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| − | „Halt endlich den Mund", sagte der Dicke Cui – sein einziger Satz.
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| − | „Halt du deine Klappe! Sogar im Schlaf brüllst du ihren Namen – wenn die nicht dahintersteckt, was dann?"
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| − | Meizi wollte sich nicht weiter auf sie einlassen und bahnte sich den Weg nach draußen. Xiao Gezi schirmte sie mit seinem Körper ab. Doch die Frau des Dicken Cui packte von hinten Meizis Haare.
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| − | „Laufen? Vergiss es!"
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| − | Meizi, an den Haaren gerissen, packte ihrerseits die Haare der Angreiferin, und die beiden rauften sich. Der Dicke Cui und Xiao Gezi versuchten, sie zu trennen. Xiao Gezis Arm wurde von den spitzen Fingernägeln der Frau aufgekratzt. Vor Wut trat er sie gegen das Bein – sie fiel auf den Rücken und wäre beinahe an einem Baum hängen geblieben.
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| − | Der Lärm lockte die Nachbarn heraus: die alte Frau Qi und Xu Zhentong aus dem Erdgeschoss, den alten Ma aus dem zweiten Stock. Als Liu Baogui vor die Tür kam, war die Auseinandersetzung bereits vorbei.
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| − | Xiao Gezi zog Meizi ins Haus. Die Frau des Dicken Cui lag unter dem Baum und wollte nicht aufstehen. Die alte Frau Qi und Xu Zhentong redeten eine Weile auf sie ein, bis sie sich endlich aufsetzte. Der Dicke Cui stützte sie und fuhr mit ihr zum Krankenhaus.
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| − | Liu Baogui stand am Hauseingang und seufzte – diesmal war die Blamage wirklich groß.
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| − | Am Abend lag über dem kleinen Haus ein Geruchsgemisch: der salzig-fischige Geruch vom Hafen, der Gestank getrockneter Fische auf dem Balkon, der Duft gebratener Degenfische aus der Küche im zweiten Stock und gelegentlich eine Welle verfaulter Kanalisationsluft. Jedes Viertel hat seinen eigenen Geruch, jede Stadt den ihren – Gerüche, die sich ins Gedächtnis eingraben und Zeit und Raum in intime Scheiben schneiden. Wenn man ihnen einen Namen gäbe, dann „das Messer der Gerüche".
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| − | Meizi saß vor dem Schminktisch. Im Spiegel sah sie ihre rotgeschwollenen Augen und einen kleinen Kratzer im Gesicht, kaum fingernagel groß. Sie klebte ein Pflaster darüber, das nicht ganz glatt saß und in der Mitte leicht aufwölbte.
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| − | Liu Baogui stand hinter ihr. Nach langem Schweigen fragte er: „Wegen Dalin …"
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| − | „Rufen Sie nicht zurück."
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| − | „Wenn ihr euch vor seiner Abreise nicht seht – wie soll es dann weitergehen?"
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| − | „Das sehen wir dann."
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| − | Liu Baogui betrachtete Meizi im Spiegel und verstand wohl, was sie dachte. „Trotzdem", sagte er, „sollte man ihm antworten."
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| − | „Dann sagen Sie ihm einfach, Sie hätten mich nicht gesehen."
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| − | „Lügen liegt mir nicht."
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| − | „Das ist auch keine böswillige Lüge. Außerdem – wollen Sie behaupten, Sie hätten in Ihrem ganzen Leben nie gelogen? Damals, als Sie sich mit Mama gestritten haben, haben Sie mich gebeten, für Sie zu lügen."
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| − | Liu Baogui ging hinunter zum Tante-Emma-Laden, um Dalin anzurufen. Xiao Gezi kam auch gerade von der Polizeistation zurück.
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| − | Xiao Gezi berichtete Meizi: Die Frau des Dicken Cui habe Anzeige erstattet; er sei zur Befragung auf die Wache geholt worden.
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| − | „Weißt du was? Die behauptet doch tatsächlich, ich hätte sie verletzt – Körperverletzung!"
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| − | „Körperverletzung? Das ist übertrieben."
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| − | „Eben! Das war Notwehr."
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| − | „Was sagt die Polizei?"
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| − | „Die erkennen meine Notwehr nicht an."
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| − | „Was dann?"
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| − | „Sie sagen, es sei Ruhestörung, beide Seiten tragen Schuld."
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| − | „Hat sie selbst angefangen? Welche Schuld haben wir? Hast du nicht widersprochen?"
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| − | „Natürlich habe ich widersprochen."
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| − | „Und was hat die Polizei dann gesagt?"
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| − | „Sie wollen erst alles gründlich untersuchen."
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| − | „Gut – Recht ist auf unserer Seite."
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| − | Die Frau des Dicken Cui war im Krankenhaus; drei Tage, dann wurde sie entlassen. Außer ein paar Kratzern war nichts Ernstes festgestellt worden. Doch sie klagte über Kopfschmerzen und bestand auf einem stationären Aufenthalt. Kopfschmerzen – jeder wusste: Die Ursache von Kopfschmerzen ist am schwersten zu finden.
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| − | „Und der Dicke Cui? War er auch bei der Polizei?"
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| − | Xiao Gezi sagte: „Der war wohl schon dort, und anscheinend hat er fair ausgesagt – den Hergang objektiv geschildert. Er weiß, dass seine Frau im Unrecht war. Außerdem weiß er: Mit mir legt man sich besser nicht an – ich habe Freunde, die er kennt."
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| − | Liu Baogui kam zurück und sagte zu Meizi: „Ich habe es mir überlegt und Dalin nicht angerufen. Wenn er heute herkommt und dich so sieht, bekommt er den falschen Eindruck. Lieber rufe ich morgen an."
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| − | Meizi hob den Kopf und warf Liu Baogui einen dankbaren Blick zu.
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| − | Tante Baozhens Operation war einigermaßen gut verlaufen; doch am dritten Tag nach der OP traten Komplikationen auf: kalte Hände und Füße, Atemnot, undeutliche Sprache, abwechselnd wach und benommen. Der Arzt maß den Blutdruck – viel zu niedrig: systolisch 70, diastolisch 40. Als der Zweite Wirrkopf hörte, niedriger Blutdruck könne lebensgefährlich sein, geriet er in Panik und rief Meizi an, mit tränenerstickter Stimme: „Meine Mutter liegt im Sterben!"
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| − | Offensichtlich hatte der Zweite Wirrkopf „lebensgefährlich" mit „Sterbebett" verwechselt.
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| − | Liu Baogui geriet ebenfalls in Aufregung; gemeinsam mit Meizi eilte er ins Krankenhaus.
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| − | Als sie ankamen, waren Xu Hongwei und Shiqing bereits da; ein Kardiologe untersuchte gerade die Tante.
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| − | Shiqing sagte zu Meizi: „Das Herz ist bestimmt betroffen. Bei einer Kollegin von mir hat zu niedriger Blutdruck auch zum Herzversagen geführt – sie starb kurz nach der Pensionierung, ohne einen einzigen Tag Rente genossen zu haben."
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| − | Meizi sagte: „Papas Herz ist auch nicht gut – ob das eine Erbkrankheit ist?"
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| − | „Wenn ja, sollten wir uns auch untersuchen lassen – am besten jährlich."
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| − | „Jetzt mache ich mir erst recht Sorgen um Papa."
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| − | Nach gründlicher Untersuchung stellte sich heraus, dass die Tante kein schwerwiegendes Herzproblem hatte. Nach intravenöser Gabe von Dopamin und Noradrenalin stieg der Blutdruck rasch.
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| − | Der Arzt diagnostizierte eine neuronal vermittelte Hypotonie. Meizi verstand den Fachbegriff nicht; Liu Baogui und der Zweite Wirrkopf erst recht nicht. Shiqing aber gab sich fachkundig: „Das ist eine vegetative Dystonie – nicht weiter schlimm. Der Arzt sagt, die Signalübertragung zwischen Herz und Gehirn ist gestört, das kann medikamentös behandelt werden."
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| − | „Schon auf dem Weg habe ich geahnt, dass der Tante nichts Ernstes fehlt. Hongwei, habe ich das nicht gesagt?"
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| − | Xu Hongwei nickte.
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| − | „Oder nicht?"
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| − | „Doch."
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| − | Niemand machte dem Zweiten Wirrkopf Vorwürfe. Es war ein Fehlalarm gewesen, und das allein war Grund genug zur Erleichterung. Auf dem Krankenhausflur besprachen sie die Abrechnung. Shiqing, die schnell rechnete, präsentierte die Aufteilung auf die vier Geschwister. Bei Shiqing und Meizi gab es keine Einwände, bei Xiao Gezi vermutlich auch nicht – das Problem war Yuejin.
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| − | „Schwägerin hat doch zugestimmt", sagte Meizi.
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| − | Shiqing sagte: „Damals schon, aber nach dem Streit neulich – wer weiß, ob der Große Bruder nicht einen Rückzieher macht."
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| − | Meizi sagte: „Er hat sich mit dir und Xiao Gezi gestritten, nicht mit der Tante. Das sollte kein Problem sein."
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| − | „Du kennst unseren Bruder."
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| − | Liu Baogui sagte: „Um Yuejin kümmere ich mich. Ist ja nicht die Welt – das bringt seine Familie nicht um."
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| − | Shiqing sagte: „Umgebracht wird davon keiner, aber Geld liegt auch nicht auf der Straße – das ist sauer Verdientes."
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| − | Liu Baogui räusperte sich demonstrativ – der Zweite Wirrkopf stand direkt hinter ihm.
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| − | Shiqing drehte sich um und sagte zum Zweiten Wirrkopf: „Oh! Du bist noch da? Falls ich etwas Unpassendes gesagt habe – bitte entschuldige."
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| − | Der Zweite Wirrkopf wusste, dass Shiqings Ahnungslosigkeit gespielt war – die Worte waren für seine Ohren bestimmt. Doch was konnte er tun? Arm und darum demütig, blieb ihm nur, sich unterwürfig zu bedanken: sämtliche Dankesfloskeln von ewiger Dankbarkeit und unvergesslicher Gnade.
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| − | Xu Hongwei fuhr sie nach Hause. Der Beifahrersitz galt als Ehrenplatz – natürlich für Liu Baogui. Shiqing und Meizi saßen hinten.
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| − | Shiqing fragte Meizi: „Hat Dalin dich besucht?"
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| − | „Ja."
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| − | „Wie oft?"
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| − | „Einmal."
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| − | „Nicht wieder?"
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| − | „Er ist heute abgefahren."
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| − | „Abgefahren? Wohin?"
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| − | „Auf See."
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| − | „Auf See? Wie lange?"
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| − | „Mindestens zwei Monate."
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| − | „Zwei …" Shiqing stockte, und ihr fiel offenbar etwas ein; hastig wandte sie den Kopf ab.
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| − | Den Rest der Fahrt schwieg sie, in Gedanken versunken wie ein kleines Mädchen, das etwas angestellt hat, und blinzelte vor sich hin.
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| − | Dalin hatte tatsächlich noch einmal nach Meizi gesucht – bei ihrer Arbeitsstelle und im kleinen Haus. Dass sie sich verpassten, lag nicht daran, dass Meizi sich absichtlich versteckt hatte. Sie wusste schlicht nicht, dass er sie gesucht hatte – es war reines Pech.
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| − | Die Frau des Dicken Cui wurde nach drei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen. Zurück im kleinen Haus, suchte sie weder Meizi noch machte sie bei Liu Baogui Ärger – sie wartete wohl auf das Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen und wollte den Rechtsweg gehen.
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| − | Da weder die Frau des Dicken Cui nach unten kam noch Meizi und Xiao Gezi nach oben gingen, herrschte Waffenstillstand.
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| − | Eines Morgens hatte Liu Baogui auf dem Markt eine Tüte Kirschen gekauft. Meizi dachte, sie seien für sie beide, und als sie am Vormittag mit ihren Übungsaufgaben fertig war, wollte sie welche waschen und essen. In der Küche suchte sie vergeblich – die Kirschen waren verschwunden.
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| − | Dann hörte sie draußen ein merkwürdiges Geräusch.
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| − | Liu Baogui hatte die Kirschen nämlich für die Frau des Dicken Cui gekauft. Er war der Meinung: Friede nährt, und obwohl es nur Nachbarn waren, lebte man unter einem Dach – im Grunde wie eine Großfamilie. Egal wer recht hatte: Konflikte verschärfen war falsch. Die Frau war im Krankenhaus gewesen – ein kleines Obstgeschenk als freundliche Geste konnte nicht schaden.
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| − | Das Problem war: Die Frau des Dicken Cui sah das anders.
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| − | Anfangs war sie noch guter Laune und summte sogar ein Lied. Als Liu Baogui klopfte, rief sie: „Die Tür ist auf – kommen Sie rein!"
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| − | Liu Baogui schob vorsichtig die Tür auf, die Kirschen voraus, er selbst dahinter.
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| − | Die Frau des Dicken Cui erkannte Liu Baogui, und ihre Miene verdüsterte sich: „Was wollen Sie hier?"
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| − | Liu Baogui hob die Tüte: „Ich … ich wollte nach Ihnen sehen."
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| − | „Wenn der Fuchs dem Huhn gratuliert, ist was faul! Lassen Sie den Unsinn!"
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| − | „So dürfen Sie das nicht …"
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| − | | |
| − | Die Frau des Dicken Cui stemmte die Hände in die Hüften: „Wie denn sonst? Ich sage Ihnen klipp und klar: Glauben Sie nicht, mit kleinen Geschenken kommen Sie davon!"
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| − | | |
| − | Liu Baogui stand zwischen Tür und Angel: „Ich meine es doch aufrichtig …"
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| − | | |
| − | „Und ich sage Ihnen ganz deutlich: Das ist noch nicht vorbei! Früher oder später mache ich dieses kleine Flittchen fertig!"
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| − | | |
| − | Liu Baogui konnte nicht bleiben, ließ die Tüte stehen und ging die Treppe hinunter.
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| − | | |
| − | „Warten Sie …"
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| − | | |
| − | Liu Baogui machte sich davon, polternd die Stufen hinab.
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| − | Die Frau des Dicken Cui warf ihm die Tüte hinterher – die blieb am Kabelgewirr im Treppenhaus hängen, und die Kirschen regneten wie ein Blumenregen über Flur und Erdgeschoss.
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| − | | |
| − | Meizi spähte durchs Türspalt. Sie hatte alles mitbekommen, ging aber nicht hinaus – sie wollte keinen neuen Streit.
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| − | | |
| − | Liu Baogui kam wütend herein.
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| − | „Warum gibst du dich mit der Schreckschraube ab!"
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| − | „Ich wollte nur Frieden stiften."
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| − | „Solche Leute kennen kein Gut und Böse! Die werden nur dreister. Dass du hingehst, denkt die doch, wir hätten Angst."
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| − | „Genug gequatscht – für wen mache ich das denn?"
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| − | Mittags kochte Meizi in der Gemeinschaftsküche Nudeln. Von oben hörte man Geschrei – erst dumpfes Schimpfen, dann Krachen und Poltern, immer lauter, als würde das Dach abgehoben.
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| − | | |
| − | Die alte Frau Qi kam aus ihrem Zimmer und horchte.
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| − | „Der Dicke Cui und seine Frau prügeln sich wieder – die sind süchtig danach, einmal im Monat groß, alle zwei Wochen klein", sagte die alte Frau Qi.
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| − | Meizi sagte nichts. Sie fand zwei übersehene Kirschen in den Ritzen der Gewürzdose, rieb sie an der Hose ab und steckte sie in den Mund. Nach zwei Bissen – sauer genug, um Zahnschmerzen zu kriegen.
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| − | Rumms – als wäre jemand die Treppe heruntergestürzt.
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| − | Meizi wich hastig in die Ecke zurück, aus Angst, in die Schusslinie zu geraten.
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| − | „Mörder!", schrie die Frau des Dicken Cui.
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| − | | |
| − | Die alte Frau Qi eilte zur gestürzten Frau, prallte aber mit dem herunterstürmenden Dicken Cui zusammen. Inzwischen hatte sich seine Frau aufgerappelt. Als sie das Küchenmesser in seiner Hand sah, rannte sie schreiend aus dem Haus.
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| − | Die alte Frau Qi stellte sich dem wildblickenden Dicken Cui in den Weg: „Was haben Sie vor?"
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| − | Der Dicke Cui keuchte: „Ich bringe diese … um!"
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| − | Die alte Frau Qi sagte: „Wenn du kämpfen willst, geh an die Front – auf die Ehefrau einschlagen ist keine Kunst!"
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| − | „Mischen Sie sich nicht ein!"
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| − | „Und ob ich mich einmische – ich lasse nicht zu, dass Sie vor meinen Augen zum Verbrecher werden!"
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| − | Der Dicke Cui sah die alte Frau Qi an und schwieg.
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| − | Inzwischen waren fast alle Nachbarn herausgekommen. Der Dicke Cui warf einen feindseligen Blick in die Runde und stapfte wütend die Treppe hinauf.
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| − | Die alte Frau Qi sagte: „Macht euch keine Sorgen – in drei Tagen ist seine Frau garantiert wieder da … Ständig dieses Mordtheater – seit Jahren geht das so, das Haus ist ihr Schlachtfeld." Im Gegenlicht des hinteren Fensters konnte man deutlich ihre sich bewegenden Lippen sehen.
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| − | Der alte Ma sagte: „Das kommt alles vom Geld – zu viel davon. Was macht man damit? Sich zum Spaß prügeln."
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| − | Während die Nachbarn diskutierten, schlich Meizi zurück in die Wohnung.
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| − | | |
| − | Der Dicke Cui war ein Urgestein des Hauses und Meizis echter Kindheitsfreund – Grundschule und Mittelschule hatten sie gemeinsam besucht. Dann starb sein Vater bei einem Arbeitsunfall, und er ging ohne Oberschulabschluss auf die Straße. Meizi erinnerte sich, wie sie als Mittelschülerin den Dicken Cui auf der Straße in eine Schlägerei verwickelt sah: Blutüberströmt, einen halben Ziegelstein in der Hand, jagte er drei, vier Gleichaltrige. Als er sie nicht erwischte, setzte er sich auf den Bordstein und wischte sich das Blut ab. Meizi wurde von Mitgefühl gepackt, ging zögernd hin und reichte ihm ihr Taschentuch. Der Dicke Cui sah sie dankbar an – mit einem Gesicht voller Scham. Daraus entwickelte sich seine hartnäckige, schamlose Verfolgung. Später verdiente er mit dem Meeresfrüchtehandel Geld, hörte mit dem Straßenleben auf, heiratete und eröffnete erst ein Restaurant, dann ein Autoersatzteilgeschäft. Die Nachbarn sagten hinter vorgehaltener Hand: „Unsaubere Leute machen das große Geld" – aber immerhin hatte man jetzt mehr Respekt vor ihm. Meizi wusste: Es war nicht geschäftlicher Scharfsinn, sondern Bedenkenlosigkeit. Wenn andere noch debattierten oder zögerten, hatte der Dicke Cui bereits kassiert.
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| − | Meizi war froh, dass sie dem hartnäckigen Werben des Dicken Cui standgehalten hatte. Wenn sie damals einen Moment lang schwach geworden wäre – hätte sie am Ende das gleiche Schicksal wie seine Frau erlitten?
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| − | Am Nachmittag kam Xiao Gezi hastig herein: „Gab es wieder Prügel?"
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| − | Liu Baogui sagte: „Der Dicke Cui und seine Frau."
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| − | „Was kümmert mich das – wo ist meine Zweite Schwester? Ist ihr was passiert?"
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| − | „Ging sie nichts an", sagte Liu Baogui leise. „Du solltest allerdings wirklich ein Auge auf deine Schwester haben – sie darf sich weder prügeln noch aufregen."
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| − | „Ist sie krank?"
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| − | „Sie ist schwanger."
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| − | „Schwanger?"
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| − | Xiao Gezi stand mit offenem Mund da, und seine Augen rollten.
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| − | Er ging zu Meizi ins Zimmer und fragte sie geradeheraus nach der Schwangerschaft.
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| − | Meizi sagte: „Was geht dich das an?"
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| − | Xiao Gezi grinste: „Ich sorge mich doch nur um meine große Schwester."
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| − | „Hast du den Laborbefund?", fragte er.
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| − | „Welchen Laborbefund?"
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| − | „Die Schwangerschaftsbestätigung. Zeig mal."
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| − | „Wozu brauchst du die?"
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| − | „Könnte nützlich sein – bei der Ummeldung vielleicht. Sicher ist sicher."
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| − | Meizi nahm ihre Handtasche und wühlte darin: Quittungen vom Selbststudium, Wasser- und Stromrechnungen, die Quittung für ihren Pieper … Der Krankenhausbefund steckte zwischen den Belegen.
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| − | „Ich wusste es – meine Schwester ist gründlich und hebt alles auf." Xiao Gezi hielt den Befund ins Licht. „Im dritten Monat."
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| − | „Verlier ihn mir bloß nicht."
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| − | „Keine Sorge – ich kopiere ihn nur und bringe ihn zurück."
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| − | „Wie läuft es mit dir und Xiao Duo?", fragte Meizi.
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| − | „Gut – wir verstehen uns bestens."
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| − | „Verstehen? Du bist doch kein Kind mehr! Wenn du sie magst, bring sie beim nächsten Familientreffen mit – dann hat Papa auch mal einen Grund zur Freude. In letzter Zeit gab es für ihn nicht eine frohe Nachricht."
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| − | „Er, sich freuen? Von wegen."
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| − | „Nach außen mag Papa dich geringschätzen, aber im Herzen bist du der, den er am meisten liebt."
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