Difference between revisions of "Xue Mo Desert Daughters/de/Chapter 11"

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search
(Improved German translation: terminology, naturalness, Buddhist terms)
(Precise improvements: Suoyang (锁阳) fix, Sole (卤水), Buddhist terms, literary register)
 
Line 137: Line 137:
 
Die Schwägerinnen dampften das übrige Mehl zu Broten, formten sie walnussgroß und rösteten sie in Öl. Dazu pflückten und salzten sie wilden Sandlauch. Der Lauch war etwas alt, doch auch alter Sandlauch war Sandlauch – wenn der Mund schon ganz fade war, würde man ölgeröstete Brötchen mit Sandlauch ganz besonders genießen.
 
Die Schwägerinnen dampften das übrige Mehl zu Broten, formten sie walnussgroß und rösteten sie in Öl. Dazu pflückten und salzten sie wilden Sandlauch. Der Lauch war etwas alt, doch auch alter Sandlauch war Sandlauch – wenn der Mund schon ganz fade war, würde man ölgeröstete Brötchen mit Sandlauch ganz besonders genießen.
  
Lanlan gab die Wolldecken und das Kochgeschirr an Schwester Wu zurück, die sie dem Vorsteher übergeben sollte. Schwester Wu wurde verlegen und gab ihnen drei Fasersäcke Salz mit. Da am Salzsee die Regel galt, dass die mongolischen Hirten der Umgebung Salz – ob für sich selbst oder die Kamele – nie bezahlen mussten, nahm Lanlan das Salz an. Sie holten beim Hirten das Kamel ab und zahlten ihm eine Aufwandsentschädigung. Nach einigen Dutzend Tagen Mast stand der Höcker wieder aufrecht. Doch Yinger fand das Kamel irgendwie seltsam – sie konnte nicht sagen warum, hatte aber dieses Gefühl.
+
Lanlan gab die Wolldecken und das Kochgeschirr an Schwester Wu zurück, die sie dem Vorsteher übergeben sollte. Schwester Wu wurde verlegen und gab ihnen drei Gewebesäcke Salz mit. Da am Salzsee die Regel galt, dass die mongolischen Hirten der Umgebung Salz – ob für sich selbst oder die Kamele – nie bezahlen mussten, nahm Lanlan das Salz an. Sie holten beim Hirten das Kamel ab und zahlten ihm eine Aufwandsentschädigung. Nach einigen Dutzend Tagen Mast stand der Höcker wieder aufrecht. Doch Yinger fand das Kamel irgendwie seltsam – sie konnte nicht sagen warum, hatte aber dieses Gefühl.
  
 
Da Daniu den Lederschlauch mitgenommen hatte, kaufte Lanlan im Laden der Betriebszentrale einen Plastikkanister für Wasser.
 
Da Daniu den Lederschlauch mitgenommen hatte, kaufte Lanlan im Laden der Betriebszentrale einen Plastikkanister für Wasser.

Latest revision as of 12:26, 8 April 2026

Language: ZH · DE · ZH-DE · ← Book

Sansan sagte: Am besten enthüllst du die Sache, dann bist du sicherer.

Daniu sagte: Wenn man an dem Faden zieht, kommt eine ganze Kette zum Vorschein. Ich überlege auch gerade, was ich tun soll. – Dann sagte er zu Yinger: Überleg es dir auch gut, Xinjiang ist wirklich ein guter Ort.

Yinger dachte: Ich darf ihm keine falschen Hoffnungen mehr machen. Also sagte sie: Und wenn ich sterbe – ich werde niemals mit dir gehen. In dieser Sache bin ich entschlossen. Dräng mich nicht.

Daniu seufzte: Ich beneide die Bergräuber. Wäre ich ein Bergräuberhäuptling, würde ich dich als meine Bergfestungsbraut rauben.

Dabei nahm er den Wasserschlauch aus Leder von der Wand, den Yinger und Lanlan aufgehängt hatten – Lanlan hatte die Öffnung mit einer dünnen Hanfschnur zugebunden –, füllte ihn mit Wasser und nahm ein paar Brote mit. Vor der Tür warf er Yinger einen langen, harten Blick zu und lächelte schmerzlich.

In dieser Nacht schliefen die drei Frauen schlecht. Vor allem Yinger lag die ganze Nacht wach. Sie bereute, Daniu gegenüber nicht schon früher deutlicher gewesen zu sein. Zwar hatte sie es klar genug ausgedrückt, aber sie wusste: In der Liebe belügt man sich selbst. Sie wusste auch, dass Daniu nun ruiniert war. Wie es weitergehen sollte, war ungewiss. Wenn die Uniformierten ihn erwischten, war nicht sicher, ob er lebend zurückkäme. … Je mehr sie darüber nachdachte, desto ängstlicher wurde sie. Sie bereute zutiefst, Daniu damals nicht scharf genug gesagt zu haben, er solle nicht für sie vorsprechen. Aber die Dinge waren nun einmal so, und kein Bedauern konnte Danius Schicksal ändern. Nach langem Nachdenken beschloss sie, gleich am nächsten Morgen zum Vorsteher zu gehen und für Daniu zu bitten. Sie dachte: Jedes Herz ist aus Fleisch, und drei gute Worte wärmen das Herz. Sie dachte: Wenn es Daniu helfen kann, sage ich auch ein paar gute Worte mehr.

52

Dem Vorsteher fehlten die Schneidezähne, was ihn wesentlich älter aussehen ließ. Aber Yinger wusste: Schneidezähne sind keine große Sache – heute fehlten sie, morgen setzte man Goldzähne ein, und er würde noch imposanter aussehen. Wichtig war das Gesicht. Der Vorsteher legte größten Wert auf sein Gesicht. Von einem Wanderarbeiter verprügelt zu werden war eine Schmach. Auch seine Rivalen würden die Sache ausschlachten. Der Rang des Vorstehers war nicht hoch, aber es war ein lukrativer Posten. Das natürliche Salz – wie viel davon anfiel, ließ sich nicht genau festlegen, dehnbar wie ein Gummiband. Und in dieser Dehnbarkeit rollte das Geld.

So redeten alle Wanderarbeiter.

Yinger betrachtete den Vorsteher. Zum ersten Mal sah sie ihn richtig an. Sie stellte fest, dass sie bei jedem Menschen eine Art fremdartige Seltsamkeit empfand – nur Lingguan war die Ausnahme. … Der Vorsteher war ebenso seltsam, und zwar auf eine Art, die sie nicht akzeptieren konnte. Sie vermutete, das sei eine Art Macke – aber dagegen gab es kein Mittel.

Yinger senkte die Augen und sagte zum Vorsteher: Ich bitte um Gnade für Daniu.

Der Vorsteher sagte knapp: In Ordnung. Yinger hatte erwartet, er würde Gründe für eine Ablehnung vorbringen, und blickte ihn erstaunt an.

Der Vorsteher sah sie mit glänzenden Augen an: Wer die Glocke aufgehängt hat, muss sie auch abnehmen. Jemand hat für dich gebeten, jetzt bittest du für jemanden. Das ist Gleiches mit Gleichem.

Danke, sagte Yinger.

Der Vorsteher sagte: Aber bei einer Sache musst du einwilligen.

Welche Sache?

Was wohl für eine Sache?

Der Vorsteher sah sie mit glänzenden Augen an und sagte: Vielleicht war ich zu voreilig. Wie wäre es so: Wenn du mich noch nicht kennst, heiraten wir erst einmal nicht. Wir probieren es eine Weile, und wenn es passt, heiraten wir. Oder wir heiraten auch nicht.

Als Yinger das „probieren“ hörte, drehte sich ihr der Magen um. Sie verstand natürlich, was das „Probieren“ bedeutete. Sie spürte eine Hand, die ihr die Kehle zudrückte, und konnte kaum atmen. Mühsam sagte sie: Nein. Das kommt nicht infrage.

Der Vorsteher verließ seinen Schreibtisch und kam auf sie zu. Yinger fürchtete, er könnte handgreiflich werden, und wich zur Tür zurück. Ein Fuß drinnen, ein Fuß draußen – sie dachte: Falls er handgreiflich wird, halte ich mich am Türrahmen fest und schreie.

Der Vorsteher durchschaute ihre Gedanken, lächelte und sagte: Dann muss ich wohl das Gesetz walten lassen. Stell dir vor, bei so vielen Wanderarbeitern – wenn du schlägst und ich schlage, wie viele Zähne soll ich mir denn ausschlagen lassen?

Yinger fühlte ein Hämmern wie eine Klangschale in ihrem Kopf. Mühsam sagte sie: Ich habe mein Bestes getan. Nur … drücken Sie ihn auch nicht zu sehr. Lassen Sie ihm einen Ausweg.

Der Vorsteher lachte laut. Yinger spürte eine gewaltige Welle in ihrem Kopf. Sie fürchtete sogar, ohnmächtig zu werden, und trat schnell aus der Tür. Sie sah, dass viele Wanderarbeiter sie anstarrten. Auch sie wussten sicher, weshalb Yinger hier war. Sie fühlte sich ihnen gegenüber schuldig. Sie dachte: Ich bin wirklich nutzlos.

Sie ging zu ihrer Unterkunft. Der Weg war nicht lang, doch Yinger kam es vor wie eine Ewigkeit. Die Klangschale in ihrem Kopf hämmerte weiter. Sie dachte: Ich habe mein Bestes getan.

Sie ekelte sich ein wenig vor Männern. Warum waren sie alle so?

Am nächsten Morgen in der Frühe hörte man plötzlich jemanden rufen: Schnell her, es gibt einen Toten!

Yinger und Lanlan liefen hinaus und sahen eine große Menschenmenge, die sich um ein Becken scharte und lärmte. Sansan stürzte außer sich hin. Bald stieß sie entsetzliches Wehklagen aus. Auch Baozi weinte laut.

Danius Leichnam trieb in der Salzlauge. Keine Verletzung war sichtbar. Die tiefgrüne Lauge umrahmte seine leeren Augen. Yinger summte es im Kopf, wie in einem Albtraum. Alles Sichtbare war unwirklich. Die Wanderarbeiter starrten mit leblosen Augen. Gelegentlich war ein Raunen zu hören, so langgezogen und hohl wie ein Lufthauch durch eine Ritze.

Das Becken lag nicht weit von Yingers Unterkunft. Yinger entdeckte am Beckenrand Spuren eines Kampfes. Es sah nicht nach einer Schlägerei aus, aber es gab deutliche Anzeichen eines Ringens. Sie dachte: War er versehentlich ins Salzbecken gefallen? Doch sie wusste auch, dass selbst ein tatsächlicher Sturz ins Becken niemanden ertränken konnte. Yinger spürte, wie eine unsichtbare große Hand ihr Herz knetete.

Die Polizei kam. Die Wanderarbeiter wichen stumm zurück. Die Polizei ließ die Arbeiter Daniu herausziehen. Ein Gerichtsmediziner begann mit der Leichenschau.

Er ließ die Arbeiter Danius Kleidung ausziehen. Yinger und die anderen hielten sich fern.

Sansan weinte nicht mehr. Lanlan war leichenblass und hielt Sansans Arm. Yinger spürte ein Drücken auf der Brust. Sie fand Danius Tod seltsam. Jeder würde ihn seltsam finden, dachte sie, aber keiner sagte es. Sie dachte: Daniu war ein Grobian mit gutem Herzen – hätte er sich wirklich wegen eines ausgeschlagenen Zahns das Leben genommen? Wer wusste das schon.

Sansan schüttelte sich in Schauern, einer nach dem anderen. Es sah aus, als fröre sie, erinnerte aber auch an einen Schluckauf, den man bekommt, wenn man zu hastig und zu viel gegessen hat. Yinger erkannte: Sansan hatte Daniu aufrichtig geliebt. Sansan war zwar nicht hübsch, aber kräftig und von einer pulsierenden Lebendigkeit. Yinger dachte: Daniu, du hast wirklich kein Glück gehabt. Doch als sie daran dachte, dass auch er sie aufrichtig geliebt hatte, durchzuckte ein Stich ihr Herz. Früher, wenn sie an Danius Zudringlichkeit dachte, hatte sie es nicht ertragen können – sie empfand sein Klammern als Entweihung. Jetzt aber berührte es sie. Denn schließlich war es aufrichtig gewesen.

Der Schmerz im Herzen verwandelte sich in Wärme. Die Wärme wogte eine Weile, dann strömte ein heftiges Gefühl zur Nase hoch. Eine Tränenspur rollte die Nasenfurche hinab.

Alles verschwamm, als hätte ein dichter Schleier der Illusion es aufgelöst. Das Gefühl eines Albtraums wurde immer deutlicher, das Drücken auf der Brust ebenfalls. Yinger hielt Sansan in den Armen und weinte still. Sansan aber war erstarrt, ihre Augen tief eingesunken und leer. Von Wind und Sonne war Sansans Haut sehr trocken, ihr Gesicht voller Sommersprossen. Sansan sparte am Gemüse, gab aber viel Geld für Creme gegen Sommersprossen aus. Yinger wusste: Die beste Creme konnte nicht viel ausrichten, denn die Sprossen kamen von Melanineinlagerungen. Solange Sansan unter der sengenden Sonne arbeitete, konnte sie auf keine gute Haut hoffen.

In der Ferne schien der Gerichtsmediziner die Leiche zu sezieren. Ein weißer Schimmer leuchtete zwischen den Menschenschatten hervor. Yinger wagte nicht, dorthin zu blicken, doch unwillkürlich dachte sie an die grauen Schwielen und die weit aufklaffenden Wunden an Danius Beinen.

Baozi kam herüber. Er wischte sich die Tränen ab und hockte sich neben Sansan.

Schluchzend sagte er: Am Körper von Daniu seien keine Verletzungsspuren, nur sein Hemd sei merkwürdig zerrissen – völlig zerfetzt.

Es sehe aus, als hätte ein Ungeheuer im Wasser an der Kleidung gezerrt und ihn hinuntergezogen. Baozi wischte sich die Tränen und sagte: Danius Lungen und Magen seien voller Salzlauge gewesen, als sei er ertrunken. Aber das Seltsame sei: Selbst wenn man sich umbringen wollte, würde einen die Salzlauge nicht untergehen lassen. Baozi sagte, nachdem Daniu ins Wasser gefallen war, müsse eine äußere Kraft ihn unter Wasser gedrückt haben. Sicher. Er sagte, auch der Vorsteher wische sich die Tränen. Der Vorsteher habe gesagt, er habe der Polizeiwache schon Bescheid gesagt, dass sie die Sache fallenlasse. Er sagte: Es war doch nur ein Zahn. … Wer hätte gedacht, dass er sterben würde?

Baozi sagte: Wenn Daniu sich wirklich hätte umbringen wollen, wäre das natürlich auch gegangen – zum Beispiel hätte er vor dem Sprung ein Stück Salzkruste an sich gepresst, dann wäre er nicht aufgetrieben. Wenn jemand stirbt, öffnen sich die Hände, und erst dann trägt die Sole den Körper an die Oberfläche. Baozi sagte, der Dichter Qu Yuan habe sich damals mit einem Stein beschwert in den Fluss gestürzt.

Yinger hatte keine Lust zu reden.

Baozi sagte noch: Durch Danius Tod sei alles andere nebensächlich – aber seine Schwester könne nun nicht mehr studieren. Baozi sagte, nur dank Danius ochsengleicher Plackerei habe seine Schwester die Universität besuchen können.

53

Daniu sollte verbrannt werden.

Die Wanderarbeiter kamen alle, um ihn zu verabschieden. Auch Danius Eltern waren da. Sie heulten wie Stiere. Beide waren sehr ausgemergelt – wie vom Wind getrocknete Auberginen. Kaum vorstellbar, dass diese zwei dürren alten Leute einen bullengleichen Sohn hervorgebracht hatten. Der alte Mann heulte langgezogen, Tränen tropften in seinen Bart. Die alte Frau stöhnte langgezogen und schlug dabei mit dem Kopf gegen die Salzkruste. Als man den Betrieb um sie geschickt hatte, sagte man nur, Daniu sei krank. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass ihr bullenstarker Sohn bereits tot unter einem roten Samttuch lag. Aus Angst, sie könnten zusammenbrechen, ließen die Arbeiter sie nicht an Daniu heran. Das war richtig – hätte die ausgemergelte alte Frau ihren aufgeschnittenen Sohn gesehen, wäre sie wohl vor Herzschmerz gestorben. Doch das Ergebnis der Obduktion war klar: Im Mageninhalt kein Gift, am Körper keine auffälligen Verletzungen. Zwar gab es einige Kratzer, aber keine tödlichen. Es stand fest, dass er ertrunken war, und der Gerichtsmediziner neigte zu Selbstmord. Doch angeblich hatte die Polizeiwache noch eine abweichende Meinung.

Über den Grund des Selbstmords gab es viele Theorien: Erstens, Daniu habe Angst vor Prügel durch die Polizei gehabt; zweitens, Daniu habe gewusst, dass er den Salzsee als Verdienstquelle verloren hatte, sei verzweifelt und habe sich getötet; drittens, Daniu habe Yingers Liebe nicht erhalten und das Leben als sinnlos empfunden. Wegen der dritten Theorie befragte die Polizei Yinger. Yinger erzählte der Polizei, was Daniu in jener Nacht gesagt hatte. Die Polizei befragte auch Sansan.

Die Wanderarbeiter sammelten reichlich Brennholz und Kuhdung und hoben den in rotes Samttuch gehüllten Daniu auf den Scheiterhaufen. Ein Trucker zapfte einen halben Eimer Benzin aus seinem Tank. Danius Mutter warf sich wie eine Glucke schützend hin und her. Sie wollte ihren Sohn ein letztes Mal sehen, doch die Arbeiter ließen sie nicht an die Leiche heran. Der Vater war pragmatischer: Er klammerte sich an den Vorsteher und umfasste immer wieder dessen Beine. Das war der wirksamste Trick der Bauern gegenüber Amtspersonen. Der Vorsteher sagte: Dein Sohn hat Selbstmord begangen – warum sollten wir Blutgeld zahlen? Doch der Alte ließ nicht locker und klammerte sich weiter an die Beine. Schließlich ließ der Vorsteher den Kassierer dem Alten zehntausend Yuan geben – nicht „Blutgeld“ genannt, sondern als „Unterstützung für die Familie“. Angeblich war der Alte nach Erhalt des Geldes erst recht davon überzeugt, dass der Vorsteher ein schlechtes Gewissen hatte – warum sonst so viel Geld?

Eigentlich wollte der Alte den Leichnam seines Sohnes nicht verbrennen lassen. Er wollte noch mehr Geld herausschlagen. Er fürchtete, ohne Leiche beim nächsten Mal weniger überzeugend auftreten zu können. Aber der Leichnam begann zu verwesen, und die Arbeiter flehten den Alten an – der Gestank lasse sie nicht mehr essen. Da wurde der Alte weich.

Das Benzin wurde auf das rote Samttuch gegossen, das Daniu umhüllte. Beißender Geruch breitete sich aus. Danius Mutter wälzte sich schreiend am Boden und heulte gellend.

Sansan und die anderen schluchzten mit. Das Drücken in Yingers Brust wurde stärker. Alles wurde zu einem zähflüssigen Traum, verblasste zu Schatten. Jemand hielt eine Fackel, die im Wind zischte. Langsam näherte sie sich dem Holz unter dem roten Samttuch. Das Holz wartete schon ungeduldig – noch bevor die Fackel es berührte, loderte bereits eine helle Flamme auf. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus, wild und hemmungslos wie ein Wirbelwind, und verschlang im Nu das Samttuch.

Die Flammen knisterten fröhlich. Sie waren eine Schar jauchzender Krähen. Stück für Stück fraßen sie das Samttuch, nagten die Kleidung ab und verbrannten die weiße Haut zu Schwarz. Besonders die Schwielen und Wunden an Danius Beinen schienen ihnen zu schmecken. Sie leckten und brannten; die Schwielen versuchten hartnäckig, ihre ursprüngliche Farbe zu behaupten, doch das Feuer nagte hartnäckig. Allmählich wurde die graue Haut weiß und dann scheckig.

Das Feuer überflutete den Himmel. Überall Knistern. Danius Mutter riss den Mund auf und warf sich auf den Boden. Auch sein Vater riss den Mund auf – er schien zu weinen und zugleich über die Feuerbeständigkeit seines Sohnes zu staunen. … Ja, Daniu brannte langsam. Normale Menschen hatten viel Fett, Daniu aber bestand aus sehnigen Muskeln. Ersteres förderte die Verbrennung; Letzteres brauchte die Kraft des Holzes, um die letzte Wandlung zu vollziehen.

Auf der Haut breiteten sich graue Flecken aus, eine Flüssigkeit trat hervor, doch das Feuer verdampfte sie sofort.

Riesige Flammen. Der Rauch nahm ab. Das Benzin hatte seine Aufgabe erfüllt. Den Rest besorgten Holz und Kuhdung. Daniu schien verlegen – er zuckte ein paarmal im Feuer und erschreckte die Arbeiter. Einer rief: Keine Angst, das sind nur die Sehnen, die sich zusammenziehen. Nach diesem Ruf wurde Daniu sofort friedlich – als hätte man einem Zauberer den Trick verraten. Er zeigte eine ruhige Gelassenheit. Als wolle er seinen Fehler wiedergutmachen, begann sein Körper, neuen Brennstoff freizusetzen. Die Flüssigkeit war schaumig und sickerte Tropfen für Tropfen aus den sich ausbreitenden grauen Ringen – erst wie ein Dunst, allmählich verdichtend. Der „Tropfen“ wurde immer größer und rann schließlich den schwärzlichen Körper hinab, wo er im Feuer einen hellen Schimmer erzeugte.

Durch Danius Mitwirkung wurde das Feuer sehr rein und sauber. Die Flammen waren nicht mehr wild, sondern erreichten eine reife Vollkommenheit. Das Fleisch wurde zu harter Haut und klebte an den Knochen – ein Zeichen, dass das Feuer alles Wasser aus Danius Körper vertrieben hatte. Nur das Fett behielt noch flüssige Gestalt; Knochen und Fleisch erstarrten im Feuer. Die Arbeiter standen mit halb geöffnetem Mund da, ihre Augen glänzten wie Porzellan.

Das Weinen von Danius Mutter drang durch das Feuer. Ihr Weinen glich keiner Totenklage – es war eher ein schrilles Heulen, das unwillkürliche Heulen nach unerträglichem Schmerz. Auch Danius Vater stieß laute Klagerufe aus, doch er schien frei zwischen Trauer und Berechnung wechseln zu können. Nach einer Weile alterstränenreichen Weinens schielte er zum Vorsteher hinüber. Der Vorsteher hatte ein graues Gesicht – vielleicht Trauer, vielleicht Gereiztheit. Das trockene Holz war aufgebraucht, nur noch Glut blieb; der Kuhdung verströmte weiterhin sein eigenes Flammenlicht. Danius Körper schrumpfte zusammen.

Nach der Vorschrift für Feuerbestattungen hätte jemand mit einer Eisennadel die schwarze Masse durchstoßen sollen, damit alles gründlich verbrannte. Doch niemand tat es, und so wurde Daniu nur zu einem schwarzen Klumpen.

Ein Scheiterhaufen aus Holz und Kuhdung war anders als ein professioneller Krematoriumsofen. Als das Feuer erlosch, hatte sich Daniu noch nicht vollständig in Knochen verwandelt. Angeblich wollte seine Mutter den Sohn nach Hause tragen, doch der Vater war dagegen. Er wollte Daniu in der Sandwüste begraben, um zu Hause kein Aufsehen zu erregen.

Wäre Daniu vollständig zu sauberen Knochen verbrannt, hätte die Mutter wohl den Alten überstimmt und den Sohn heimgetragen. Doch das Holzfeuer half dem Alten. Die Hitze hatte das Fleisch nicht vollständig verbrannt – nur in eine glasurartige Masse verwandelt. So fügte sich Danius Mutter und ließ die Arbeiter Daniu in einer Sandmulde nördlich des Salzsees begraben.

Am Tag nach der Beerdigung bereiteten Yinger und die anderen nach örtlichem Brauch Suppenreis zu und brachten ihn zu Danius Grab. Sie stellten fest, dass die Sanddüne, unter der Daniu begraben war, verschwunden war. Daniu lag längst freigelegt da, und das an den Knochen klebende Fleisch war von irgendeinem Tier restlos abgenagt.

Die Knochen waren zwar vom Rauch geschwärzt, doch die Bissspuren hatten saubere weiße Linien hineingenagt.

Weinend sammelten Yinger und die anderen die über den Boden verstreuten Knochen ein und begruben sie im gelben Sand.

54

Lanlan und Yinger dämmten noch ein paar Tage Sand, dann fielen sie fast auseinander. Da sie nicht mogeln wollten, war das, was sie in drei Tagen schafften, weniger als andere an einem Tag. Lanlan sagte: Bei diesem Tempo bleibt nach Abzug der Verpflegung kaum etwas übrig.

Offenbar war auch hier kein Ort zum Bleiben. Am besten den Lohn kassieren und nach Hause gehen.

Wegen Danius Tod ging es Yinger schlecht. Sie bemerkte, dass viele auf sie zeigten und tuschelten. Sie spürte einen enormen Druck. Zusammen mit der schweren Arbeit wollte sie keinen Tag länger bleiben. Endlich kam der Abrechnungstag, sie holten ihren Lohn und bereiteten die Heimreise vor.

Die Schwägerinnen dampften das übrige Mehl zu Broten, formten sie walnussgroß und rösteten sie in Öl. Dazu pflückten und salzten sie wilden Sandlauch. Der Lauch war etwas alt, doch auch alter Sandlauch war Sandlauch – wenn der Mund schon ganz fade war, würde man ölgeröstete Brötchen mit Sandlauch ganz besonders genießen.

Lanlan gab die Wolldecken und das Kochgeschirr an Schwester Wu zurück, die sie dem Vorsteher übergeben sollte. Schwester Wu wurde verlegen und gab ihnen drei Gewebesäcke Salz mit. Da am Salzsee die Regel galt, dass die mongolischen Hirten der Umgebung Salz – ob für sich selbst oder die Kamele – nie bezahlen mussten, nahm Lanlan das Salz an. Sie holten beim Hirten das Kamel ab und zahlten ihm eine Aufwandsentschädigung. Nach einigen Dutzend Tagen Mast stand der Höcker wieder aufrecht. Doch Yinger fand das Kamel irgendwie seltsam – sie konnte nicht sagen warum, hatte aber dieses Gefühl.

Da Daniu den Lederschlauch mitgenommen hatte, kaufte Lanlan im Laden der Betriebszentrale einen Plastikkanister für Wasser.

Beladen mit Salzsäcken konnte das Kamel keine Reiter mehr tragen. Yinger sagte: Nicht reiten, gut, dafür sind Beine da – zum Gehen. Lanlan sagte: Solange die Schakale uns nicht wieder in die Irre treiben, werden wir uns nicht verlaufen – schnurstracks raus hier.

Beim Wort „Schakale“ wurden Yingers Beine weich. Das war ihre Schwäche: Einmal von etwas erschreckt, wurden bei der nächsten Erwähnung die Beine unwillkürlich weich. Doch sie zeigte ihre Angst nicht. Sie wusste, auch Lanlan hatte Angst, aber jetzt durfte man nur Mut machen, nicht entmutigen. Wenn beide sagten, sie hätten Angst, würde die eingebildete Angst einen umbringen.

Lanlan überprüfte: Noch die Hälfte des Schießpulvers und etwas Eisenschrot übrig. Auch sie fürchtete die Schakale, doch es gab keine Wahl – entweder quer durch die Wüste oder einen riesigen Umweg. Auf dem direkten Weg durch die Wüste brauchten sie bei guter Orientierung drei bis vier Tage. Der Umweg war unabsehbar – mindestens zwanzig Tage. Lanlan sagte: Nehmen wir die Abkürzung der Vorfahren. Yinger dachte: Stimmt, in der Wüste waren ihnen immerhin keine bösen Menschen begegnet.

Beim Kauf des Plastikkanisters kaufte Lanlan auch Petroleum und Batterien. Das Petroleum war für die Sturmlaterne. Beim letzten Schakalangriff war das Glas der Laterne zerbrochen, aber zum Glück gab es im Laden Ersatzgläser. Sie kaufte auch Fahrradkugeln als Munitionsersatz für den Notfall und Feuerwerkskörper. Zum Abschrecken wilder Tiere waren Böller wirksamer als Schüsse.

Die geliehenen Kochtöpfe und Geschirr hatten sie zurückgegeben und wollten sich nicht erneut welche anschaffen. Lanlan sagte: Neues Kochgeschirr koste Geld und belaste das Kamel zusätzlich. Yinger sagte: Gut, sind doch nur ein paar Tage. Solange wir Wasser und Brot haben, kommen wir durch.

Als alles vorbereitet war, brachen die beiden auf. Yingers Herz war leer. Sie erinnerte sich, wie sie bei der Suche nach dem Salzsee in der Sandwüste überwältigende Hoffnung gehegt hatte – drängender noch als eine betende alte Frau, die sich das Reine Land ersehnt. Doch manches durfte man nicht aus der Nähe betrachten. Was sie für einen Weg gehalten hatte, eine Chance, das Schicksal zu wenden, stellte sich als nicht besser als zu Hause heraus. Sie verstand: Es sei denn, sie änderte sich selbst. Sonst würde sie nicht einmal solch schwere Arbeit wie Sanddämmen lange durchhalten. Heutzutage waren dreibeinige Esel schwer zu finden, aber zweibeinge Arbeitswillige gab es mehr als Ameisen. Wenn man den Vorsteher verärgerte, konnte man sich an die Seite setzen und vertrocknen.

Doch die „Veränderung“, die der Vorsteher erhoffte, wäre Yinger lieber gestorben als einzugehen. Man sagte: Wird eine Frau schlecht, hat sie Geld – doch wenn man tatsächlich schlecht wird, ist man dann noch ein Mensch? Yinger dachte: Was den Menschen zum Menschen macht, ist eine Grenze. Überschreitet man sie, zählt man nicht mehr als Mensch. Egal wie andere dachten – eher stürbe sie, als das zu werden, was der Vorsteher sich erhoffte.

Es half nichts.

„Gehen wir.“

Die beiden verließen den Salzsee und betraten das Salzödland. Die Kamelhufe knirschten in der aufgeworfenen Salzkruste.

Wolken von trockenem weißem Staub stoben auf. Trockenheit und Durst schlugen ihnen entgegen – die durchlebte Durst-Erfahrung hatte sich offenbar in ihre Seele eingeprägt. Yinger fühlte sich sehr erschöpft. Auf dem Hinweg hatte es noch Vorfreude gegeben; auf dem Rückweg war nur die Müdigkeit eines Menschen, der Stürme durchlebt hat. Yinger dachte: Es ist Zeit zu gehen. Vielleicht war ihre Verbindung zum Salzsee nur diese kurze, oberflächliche Bekanntschaft. War das Band durchtrennt, gab es nichts mehr, das sie hielt. Sie erkannte: Der Mensch ist das einsamste Wesen. Vieles muss man allein bewältigen – andere können nicht helfen. Schmerz wie Einsamkeit muss man selbst ertragen. Mit jedem Schritt wurde der Salzsee zu einem weißlich schimmernden Punkt. Beim Anblick der in die Ferne wogenden Sandwellen fühlte Yinger sich erneut ins Ungewisse geschleudert.

Jetzt erst bekam sie ein wenig Sehnsucht nach dem Salzsee. Zwar waren die Menschen dort sehr unterschiedlich – aber immerhin Artgenossen.

Unwillkürlich dachte sie an Daniu, und zuerst durchströmte sie eine warme Welle, dann kam der Schmerz. Wie man es auch drehte: Danius „eiserne Schwelle“ hatte mit ihr zu tun. Hätte er nicht für sie vorgesprochen, hätte es keinen Streit mit dem Vorsteher gegeben. Ohne Streit wäre er jetzt noch der Arbeitsheld. Doch vieles im Leben war schwer zu sagen. Oft war der Charakter das Schicksal – solange Daniu sein Bullennaturell nicht änderte, hätte er früher oder später seinen Stierkopf durchgesetzt. Bei dem Gedanken an Daniu fand Yinger ihr „nichts, das mich hält“ nicht ganz passend – es hatte einen Beigeschmack von dem, was ihre Mutter „treulos“ nannte. Als Kind hatte ihre Mutter sie oft so gescholten, weil sie stets in ihrer eigenen Welt versunken war; sie liebte das Alleinsein und das eigene Nachdenken. Was in Mutters Augen höchst wichtig war, nahm sie leicht – und Mutter schalt sie „treulose Seele“. Bei dem Gedanken an die Mutter fiel Yinger jene Regennacht wieder ein. Ihr Herz fühlte sich gestochen an. Sie schüttelte den Kopf und dachte: Nicht mehr daran denken, an gar nichts mehr denken.

Auf dieser Welt gibt es keine vergebliche Mühe, wirklich. Das Erdtragen war zwar hart, hatte aber die Beine trainiert. Sie erinnerte sich: Als sie anfing, schmerzten die Waden wie unter Messerstichen. Fünf, sechs Tage später wurde der Schmerz dumpf. Jetzt, in der Sandwüste, waren die Beine viel flinker.

Das Kamel dagegen hatte es schwer. Für eine lange Reise war die Last zu schwer. Doch für drei bis fünf Tage hielt es hundert Jin mehr aus. Um die Kräfte des Kamels zu schonen, wählte Lanlan sanfte Hänge, doch das Tier schnaubte weißen Schaum und keuchte pausenlos.

Die Hitze hielt sich in Grenzen – erstens war es bereits Spätherbst, zweitens verdeckten dichte Wolken die Sonne. Beim Aufbruch vom Salzsee waren die Wolken noch nicht so dick gewesen. Hätte es schon solche schwarzen Wolken gegeben, hätten sie ein paar Tage gewartet. Denn in solchen Wolken konnte sich münzgroßer Regen verbergen. Wenn der Regen sich nicht zurückhielt und herunterprasselte, wäre das sehr lästig. Aber der Wüstenhimmel glich einem Kindergesicht – möglicherweise pustete der Wüstenwind die Wolkenfetzen gleich hinter den nächsten Berg. Niemand nahm sie sich zu Herzen.

Die Schritte waren nicht schwer, doch die Herzen waren es. Der in der Hoffnung strahlend helle Weg war wieder dunkel geworden. Lanlan sagte: Falls es nach der Rückkehr gar nicht mehr gehe, werde sie eben wieder zum Salzsee kommen. Yinger sagte: Und was dann?

Sich zu Tode schuften für ein paar Blut-und-Schweiß-Groschen und dabei gewissenlose Dinge tun. Yinger fragte Lanlan: Willst du gewissenlos werden? Lanlan schwieg.

Yinger fuhr fort: Und selbst wenn du dauerhaft am Salzsee arbeiten könntest, was dann? – Diese Frage ließ Lanlan verstummen. Sie erkannte: Wenn man immer weiter fragte, war auch die Arbeit am Salzsee sinnlos – im besten Fall tauschte man Tag für Tag seine schwindende Jugend gegen ein bisschen Lebensunterhalt. Fragte man noch weiter, verlor alles seinen Sinn. Egal wie weit man fragte – am Ende, wenn der Körper verschwand, war alles bedeutungslos. Lanlan sagte: So betrachtet ist die spirituelle Praxis doch das Vernünftigste. Yinger lachte: Wenn du es mit „vernünftig“ bewertest, was ist dann der Sinn der Praxis?

Lanlan lachte und sagte: Ich denke, nach der Rückkehr werde ich wieder praktizieren.

Yinger stellte fest: Verglichen mit vielen Dingen der Realität hatte Lanlans spirituelle Praxis doch etwas für sich. Wie auch immer – die sogenannten Verdienste gingen nicht mit dem Körper verloren. Yinger überlegte: Hatten die allerersten Praktizierenden vielleicht, nachdem sie die Vergeblichkeit der Realität erkannt hatten, die „Praxis“ als eine Weise erdacht, in der Langeweile „Nicht-Langeweile“ zu finden?

Doch Yinger sagte trotzdem: Manche Wege muss man gehen, egal ob sie einen Sinn haben oder nicht.

55

Die Schwägerinnen sprachen nicht mehr und hingen ihren eigenen Gedanken nach.

Lanlan fand sich sehr glücklich: Wie auch immer, sie konnte in der Vajravarahi-Höhle praktizieren, und ihre Eltern würden sie nicht hungern lassen. Notfalls half sie bei der Feldarbeit – die Familie würde ihr einen Platz am Tisch nicht verweigern. Aber Yinger? Am Salzsee konnte sie den Vorsteher ablehnen, Daniu ablehnen – doch konnte sie ihre Mutter ablehnen? Wenn die Familie immer wieder versuchte, sie aus dem Hause Chen zurückzuholen, und immer wieder Ärger machte – was die Mutter tun würde, war unabsehbar. Lanlan seufzte und fühlte sich schuldig, Yinger belastet zu haben – doch es gab keinen Ausweg. Die Sache mit Yindi spukte noch immer in ihrem Kopf, und die Peitsche, die einen wie Vieh umklammerte, die Fäuste, die Tritte …

Und natürlich die Schwiegermutter. Wenn sie daran dachte, dass die Schwiegermutter Yingers Mutter war, fand Lanlan es kaum fassbar. Sie fragte sich: Würde Yinger im Alter auch so werden wie ihre Mutter? Bei dem Gedanken fühlte sie, dass sie Yinger verunglimpfte, und schüttelte heftig den Kopf. Sie glaubte nicht, dass eine so gutherzige Yinger sich zum Schlechten wenden konnte. Menschen waren eben unterschiedlich. Warum? Wegen ihrer Entscheidungen. Lanlan konnte sich kaum vorstellen, dass die Yinger, die den Vorsteher eisern abgewiesen hatte, eines Tages zu einer so pragmatischen Frau wie Yingers Mutter werden würde.

Lanlan stellte fest: Ohne den Druck des Überlebens wurden ihre Gedanken lebendig. Kaum setzte ein Gedanke ein, erwachten viele längst unterdrückte Erinnerungen. Unter allen Erinnerungen war der Tod ihrer Tochter Yindi die herzzerreißendste. Jetzt schien er so fern – als hätte er nie stattgefunden. Doch er hatte stattgefunden. Das artigste, liebevollste, verständigste Kind, Yindi, war nicht mehr. Bei dem Gedanken an ihre Tochter, die Baifu in der Wüste erfrieren ließ, zitterte Lanlans Herz.

56

Neben der toten Yindi dachte Lanlan auch an den Tag, an dem sie Huaqiu wiederbegegnet war.

An jenem Tag war Lanlan wieder geschlagen worden.

Baifu hatte die Rinderpeitsche geschwungen und sie wie einen Esel gedroschen. Rote und violette Striemen bedeckten ihren ganzen Körper. Als er zum Spielen ging, schleppte sich Lanlan zum Elternhaus zurück.

Kaum durchs Tor, sah Lanlan, dass der Hof voller Hühnerkot war. Sie griff zum Besen und begann zu kehren. Beim Fegen schmerzten Arme und Beine bis ins Mark. Ohne hinzusehen wusste sie: Diese Stellen waren blau angelaufen. Immer das Gleiche. Seit dem Tod ihrer Tochter Yindi war sie wie mit Schießpulver geladen, und die Prügel waren besonders häufig geworden. Die Scheidungsbemühungen brachten außer zusätzlichen Schlägen keinen greifbaren Fortschritt.

Sie wusste: Scheidung war eine gewaltige Angelegenheit. Entweder einigten sich beide Seiten oder das Gericht entschied. Ersteres war aussichtslos, also blieb nur das Gericht. Doch beim Gedanken ans Gericht wurde Lanlan immer kleinmütig – es schien ein furchteinflößender Ort. Tagelang zögerte sie, bis sie sich endlich ein Herz fasste – als Baifu sie wieder schlug, ging sie zum Elternhaus. Diesmal, dachte sie, und wenn ich sterbe, gehe ich nicht zurück. … Was soll das Gericht schon machen – schlimmstenfalls schleppt man mich hin.

Nach dem Hofkehren ging sie Wasser holen. Das war ihre Aufgabe als Mädchen gewesen. Jedes Mal, wenn sie bei den Eltern wohnte, erledigte sie ihre frühere Hausarbeit. Nicht nur, um die Mutter zu entlasten, sondern auch, weil bei der Arbeit ein längst vermisstes Gefühl in ihr aufstieg – ein Gefühl, das nur ein junges Mädchen kennt, durchwoben von Unschuld, Reinheit, Fantasie und Leidenschaft. Sie dachte: Mädchen sein war doch das Schönste.

Lanlan nahm die Wassereimer und trat auf den sandigen Dorfweg. Sie fand, das Dorf hatte sich verändert – es wirkte alt, hässlich, mit einer Seltsamkeit, die sie früher nie bemerkt hatte. Auf dem Weg lag zwar viel Sand, aber er klebte nicht. Das gefiel Lanlan am meisten. Nicht wie bei den Schwiegereltern, wo der Boden einem bei jeder Gelegenheit an Körper und Kleidung klebte und sich nicht abklopfen ließ.

Die Luft war klar wie Wasser – frisch und kühl. Ein Atemzug, und die inneren Organe waren blitzsauber. Seit vielen Tagen fühlte Lanlan zum ersten Mal Frische. Nicht nur wegen der Luft, sondern weil dies ihre Heimat war. Dorf, Häuser, Pfade, Bäume, selbst Vogelgesang hatten sich in ihr Leben eingeflochten und unauslöschliche Spuren im Herzen hinterlassen.

Der Stausee lag nördlich des Dorfes am trockenen Kanal. Ein einziges Mal Wasser ablassen reichte für einen Monat für Mensch und Tier. Seit ihrer Heirat hatte Lanlan sich an das Stauseewasser nicht mehr gewöhnt. Es schmeckte weich und erdig. Und es wirkte schmutzig. Im Winter ging es noch; im Sommer war es die Welt der Frösche. Nach Einbruch der Dunkelheit sangen die Frösche im Staubecken einen großen Chor, der einen nicht schlafen ließ.

Lanlan hatte nicht damit gerechnet, dass Huaqiu am Stausee auf sie warten würde. Ihr Munde wurde schlagartig trocken. Huaqiu stützte mit einer Hand den Eimer, hielt in der anderen die Schöpfkelle und sah sie mit jenem vertrauten Blick an. „Tja, kaum geheiratet, und auch das Herz ist mit verheiratet. Stimmt’s? Das Herz einer Frau – wie eine Wolke am Himmel.“ sagte er.

Lanlan stellte die Eimer ab und betrachtete Huaqiu. In ihren Augen lag eine Sogkraft, als wolle sie ihn in die tiefste Tiefe ihrer Seele ziehen. Die Jahre der Trennung waren wie mehrere Leben. Sie wollte in diesem Augenblick des Blickkontakts die alte Schuld einfordern. Die Zeit blieb stehen. Sonne, gelber Sand, Dorf … – alles zog sich leise aus der Welt zurück; nur die Herzen schlugen aufeinander ein. Einst waren sie Kindheitsfreunde gewesen, unzertrennlich. Ohne Trennung gab es natürlich keine herzzerreißende Sehnsucht. Jetzt, nach Jahren des Leidens, wie ein Wüstenwanderer, der eine klare Quelle findet, wurde sie vom Glückstaumel erfasst.

Die Sonne stieg höher. Das Staubeckenwasser verlor sein Blaugrün und wurde wieder zu einem Tümpel trüben Stillwassers. Alles Hässliche lag bloß: Treibende Strohhalme, eingesunkene Hufabdrücke, hin und her schwimmende Kaulquappen. All das nahm Lanlan nicht wahr.

Das Glück durchströmte sie, als hätte sie mit einem Satz alles Unglück übersprungen und wäre wieder in der Vergangenheit. Das Gefühl der Mädchenzeit erwachte: Das Herz schlug wild, die Wangen brannten, und da war dieses geheimnisvolle Schwindelgefühl.

Nicht weit entfernt kam Beizhus Frau Fengxiang zum Stausee.

„Heute Nacht, am üblichen Ort.“ flüsterte Huaqiu. Lanlan machte ein verwirrtes „Mhm“ und griff zur Schöpfkelle.

Huaqiu füllte seine Eimer, nahm die Tragstange, hängte die Haken in die Eimergriffe und trug die Eimer davon.

57

Der Mond ging auf.

Lanlan beruhigte ihren Herzschlag und ging zum Großen Sandfluss. Alles verschwamm – die niedrigen Häuser, die abblätternden Wände, der Staub überall – alles ging in der Mondnacht auf. Lanlan mochte den Mond. Als Mädchen hatte sie oft unter dem Dattelbaum vor der Tür den Mond betrachtet.

Damals war der Mond heller als heute, runder als heute, und am weiten Himmel jagte er die Wolken. Der Mond war schnell – er tauchte in eine Wolke ein, dann in die nächste, wie ein Weberschiffchen. Lanlan dachte: Am schönsten wäre es, der Mond zu sein – so frei, nach Lust und Laune am Himmel. Erst als Erwachsene erfuhr sie, dass auch der Mond angebunden war – ein unsichtbares Seil hielt ihn fest, wie die Mutter am Herd kreiste, wie der Esel auf dem Mühlpfad, Runde um Runde, seit unzähligen Jahren. – Und trotzdem beneidete sie den Mond. Später, nach der Heirat, im Alltagstrubel, vergaß sie den Mond.

In Lanlans Erinnerung waren Mond und Huaqiu stets verbunden. Sie breiteten einen Mantel auf der Sanddüne aus, legten sich nebeneinander und schauten den Mond an. Das Mondlicht sickerte mit den Liebesworten ins Herz. Im Frühling kam der Duft der Dattelblüten dazu. Dieser herzerwärmende Duft, zusammen mit dem Mondlicht und den Liebesworten, schenkte Lanlan viele Erinnerungen. Später dachte sie: Ihr Glück hatte sie wohl damals verprasst. Glück war wie Geld – wer sparsam damit umging, hatte länger etwas davon.

Damals sang Lanlan gern ein Lied. Den Text hatte sie nach langer Pause größtenteils vergessen, aber die wichtigsten Zeilen noch im Kopf:

„Du führst mich vorbei am hellen Dorftor-Hund,
 du führst mich aus achtzehn Jahren Gram,
 du führst mich die lange Nacht hindurch,
 du führst mich zum Licht der Morgensonne …“

Das Lied schien wie auf Lanlans Erlebnisse geschrieben. Damals, sobald die Eltern eingeschlafen waren, schob sie leise das Hoftor auf und ging zum Großen Sandfluss. Immer hörte sie den alten Berghund von Onkel Meng dumpf wie Donner bellen. Der Hund war schlau – bei der geringsten Regung streckte er den Hals und bellte gen Himmel. Dann fürchtete sich Lanlan nicht mehr vor Gespenstern. Der für andere unheimliche Waldweg war von Wärme durchströmt. Diese Wärme hielt an – bis zur Nacht bevor ihre Mutter von ihr verlangte, eine Tauschheirat einzugehen.

Bei dem Gedanken an die Tauschheirat seufzte Lanlan. Daran zu denken war bedrückend – lieber an den Großen Sandfluss denken.

Damals führte der Große Sandfluss noch Wasser, hatte Gras und klare Kiesel. Die Kiesel – wenn man sie herausholte und in die Sonne legte – zeigten allerlei Muster. Lanlan hatte viele gesammelt und sich in der Freizeit an ihnen erfreut. Neben den Kieseln war auch das Wasser herrlich – klar und frisch, ohne ein Stäubchen Trübe. Angeblich war es Schmelzwasser des Qilian-Gebirges, das durch endlose Zeiträume geflossen kam, eine Biegung formte, die ein ganzes Dorf ernährte, und dann nach Norden weiterschlängelte, ohne dass man wusste, wohin. Entlang des Flussufers wogte der Sand in sanften Wellen, stieg immer höher und wurde schließlich zum Sandmeer.

Am Flussufer gab es viele Steilwände. Diese Wände waren uralt – niemand wusste, aus welcher Zeit. Angeblich war hier einst Land gewesen; das Schmelzwasser des Qilian hatte Erde weggewaschen und Sand fortgespült, bis Senken entstanden. Gelegentlich, nach tagelangen Güssen, wenn die Sturzflut tobte, fraß das brüllende Wasser die Senken immer tiefer aus. So wurden die Ufer zu Steilwänden.

Die Steilwände waren lang – so lang wie der Fluss. Und hoch – so hoch wie die Senken tief waren. Später versiegte der Fluss, und nur der Name blieb. Tiere nutzten die Gelegenheit, buddelten Höhlen, polsterten Nester und pflanzten sich fort – um ihre Existenzgeschichte so weit wie möglich auszudehnen.

In früheren Jahren, als der Große Sandfluss noch Wasser, Gras, Weidenbüsche, Schilf, Wassergras und Algenfäden führte, war er ein grüner Drache. Dieser grüne Drache wand sich in der Sandwüste und verwandelte diese allmählich in eine grüne Welt, die man „Magang“ nannte.

Damals war das Schilf hoch und die Weidenbüsche dicht. In Eisgras und anderem konnte man sich verstecken. Wenn Lanlan mit ihren Spielkameraden herumtollte und die Blase sie drückte, hockte sie sich hin und war erleichtert. In der Schule, als sie

„Unter dem weiten, weiten Himmel,

über der endlosen Steppe,

wenn der Wind das Gras beugt,

sieht man Rinder und Schafe“

lernte, musste sie heimlich lachen. Sie dachte: Was der Wind im Gras enthüllte, war in Wirklichkeit die pinkelnde Lanlan. … Und dann die Algenfäden, die Schwertlilien! Schwertlilien blühten blau, ganz hübsch. Lanlan konnte aus den Schwertlilienblättern allerlei Tiere flechten – Schmetterlinge, Heuschrecken –, die wie lebendig aussahen. Das hohe Schilf, die dichten Weidenbüsche, das Eisgras mit seinen kleinen Sägezähnen, das die Hände aufschnitt, und dann Tamarisken und Schwarzdorn … – sie machten den Großen Sandfluss zu einer eigenen Welt. Hasen, Springmäuse, Füchse, Wölfe … – alle lebten darin, jeder auf seine Art.

Am liebsten spielte Lanlan im Großen Sandfluss im Wasser. Am meisten mochte sie die „Himmelsquelle“. Diese Quelle lag tief im Dickicht.

Die Mutter verbot ihr hinzugehen – dort gebe es Wölfe –, doch Lanlan ging trotzdem in der flimmernden Mittagshitze hin. In der Mittagsglut waren die Geister aktiv, doch die Wölfe und Füchse schliefen. Lanlan fürchtete keine Wölfe, nur die Geister der Nacht. Die Mittagsgeister existierten nur in Mutters Mund, und die fand sie nicht beängstigend. In der Mädchenzeit übte die „Himmelsquelle“ stets eine große Anziehungskraft auf sie aus. Man sagte, diese Quelle sei mit der himmlischen Quelle verbunden – wer davon trinke, werde klug, schön und bekomme helle Haut. So sagten alle.

Ob Lanlans helle Haut vom Trinken jenes Wassers kam, wusste sie nicht – jedenfalls hatte sie damals viel davon getrunken. … Später wurde das Eisgras zu Seilwerk verarbeitet, die Weidenbüsche zu Baumaterial, das Schilf zu Asche verbrannt, die Füchse flohen in die Sandwüste, die Wölfe zogen ins Magang-Gebiet – und übrig blieb nur das ausgetrocknete Flussbett mit seinen Steilwänden.

Doch die schöne „Himmelsquelle“ wogte weiter in Lanlans Träumen. … Feiner, samtiger Sand trieb mit den Kreisen des Quellwassers hinaus, breitete sich in Ringen aus und bildete am Quellenrand wunderschöne Muster. Diese Muster glichen einem Kaleidoskop – bald wie Wind, bald wie Wolken. Nach einer Weile des Betrachtens wurde auch Lanlan zu feinen Linien. Erst dann beugte sie sich hinab, vergrub ihr Gesicht im Quellwasser und wusch mit der Frische allen Kummer aus Leib und Seele. Erst später erfuhr Lanlan, dass diese „Himmelsquelle“ die feste Tränke einer „Fuchsfee“ gewesen war. Jeden Morgen kam ein weißer Fuchs gemächlich durch den Morgentau, um dort zu trinken. Eines Tages legten Baifu und sein Vater an der „Himmelsquelle“ eine Falle aus. Die Fuchsfee geriet hinein und brach sich ein Bein. Mitsamt der Falle schleppte sie sich zu Baifu, wurde aber mit einem Knüppelschlag totgeschlagen. Später, als ihre Tochter Yindi geboren wurde, sagte die Schamanin, das Kind sei die rachedurstende Fuchsfee. Baifu setzte es in der Wüste aus, wo es zu einem Eiszapfen erfror … Ein Albtraum.

Lanlan schauderte.

Das Einzige, was sich kaum verändert hatte, war der Dattelwald. Diese Wüstendatteln waren nicht so empfindlich wie andere Bäume – mit tief reichenden Wurzeln, kleinen Blättern und sparsamem Wasserhaushalt überlebten sie. In frühen Jahren hatte Lanlan mit den Wüstendatteln den Hunger ihrer Kindheit gestillt. Damals kamen sie und Huaqiu und die anderen oft hierher – Schweinefutter sammeln, Datteln schlagen, Kuhdung auflesen. Die Mutter hatte ihnen Aufgaben zugeteilt; wer sie nicht erfüllte, bekam die Schuhsohle auf den Hintern. Beim Dattelschlagen kam es auf scharfe Augen und flinke Hände an: Einer kletterte auf den Baum, schlug mit einem Stock zu, und die anderen Kinder stürzten sich auf die Beute. Bei Datteln war Mutter nachsichtig – viel oder wenig, sie fragte kaum nach. Beim Kuhdung verstand sie keinen Spaß. Kuhdung – was war das? Brennstoff. Ohne ihn kochte kein Wasser und wurde kein Essen warm. Darum prügelten sich die Kinder ständig um Kuhdung. Später wurde eine Regel festgelegt: Wer ihn entdeckt, dem gehört er. So rief der scharfäugige Huaqiu: „Das schwarze Bullenvieh hebt den Schwanz! – Den hab ich für Lanlan erspäht!“ Und Lanlan stürzte hin und schaufelte den Kuhdung in den Korb.

Schon als kleines Kind hatte sich Huaqiu an Lanlan geheftet. War das etwa Schicksal? Doch wenn es Schicksal war – warum waren sie am Ende ohne Schicksal?

Der Große Sandfluss war anders als andere Flüsse: Das Flussbett lag tief, die Sandhügel ragten hoch, und dazu die wiegenden Baumschatten und der süße Dattelblütenduft – bei dem Gedanken wurde einem warm ums Herz. Nach Mutters Worten war dieser Fluss sauber. Tags wie nachts – er wirkte immer lebhaft, nie so unheimlich kühl wie der Bianwan-Fluss, der selbst in der flimmernden Mittagshitze düster wirkte. Mutter sagte: „Der Große Sandfluss ist gut – keine Geister, sauber.“ Lanlan dachte: Im Fluss keine Geister, dafür im Herzen – und lächelte verschmitzt.

Sie war am Treffpunkt angekommen. Sie klatschte in die Hände – das war das geheime Zeichen.

Doch keine Antwort. Dieser Huaqiu kam wieder zu spät. Lanlan lehnte sich an den Dattelbaum und schaute zum Himmel. Der Mond war groß, die Sterne spärlich, die Milchstraße war undeutlich zu erkennen. Büschel von Sternen bildeten einen großen Strom, der sich quer über den Himmel zog, in der gleichen Richtung wie der Große Sandfluss. Auf der einen Seite der Kuhhirte, auf der anderen die Weberin – wie Lanlan und Huaqiu. Aber die hatten es gut: Einmal im Jahr, am siebten Tag des siebten Monats, trafen sie sich auf der Elsternbrücke. Seit tausend Jahren – wirklich beneidenswert. Lanlan dachte: Die Königinmutter war gar nicht böse – sie hatte die Weberin nicht zur Heirat gezwungen. Und die Weberin hatte es auch gut – sie brauchte keine Tauschheirat.

Die hatten es doch besser – immerhin waren sie Götter. Lanlan seufzte.

Sie erinnerte sich: In der Nacht vor der Tauschheirat hatte sie ihr Herz verhärtet und war nicht zu Huaqius Verabredung erschienen. Besser, sich nicht zu sehen – bei einem Treffen würden die Tränen ihr Herz aufweichen. Vater und Mutter litten, der Bruder auch – für sie musste sie Huaqiu opfern. Doch die Tränen füllten ihren Brustkorb und suchten bei jeder Gelegenheit einen Ausweg. Natürlich: Vor den Eltern lächelte sie überzeugend.

Wirklich wie ein Traum.

Jahre vergingen, und sie erwachte nicht mehr aus dem Traum. In diesem Traum heiratete sie, wurde Schwiegertochter, bekam ein Kind, zankte sich mit der Schwiegermutter, wurde vom Mann wie ein Esel gedroschen. Diese Lanlan war längst nicht mehr Lanlan – sie war vom kristallklaren Mädchen zur trüben Bauersfrau geworden.

Sie war wie in einem Traum, doch in diesem Traum hatte es sich für sie ausgeträumt. Das traumlose Leben zeigte seine ganze Hässlichkeit, die Realität zerriss alles. … Im Film „Die Brücke von Waterloo“ heißt es, der Krieg habe alles zerrissen. Hier brauchte es keinen Krieg – oder besser gesagt: Von Geburt an war man in den Krieg geworfen. Das Leben entblößte seine scharfen Zähne, biss zwei-, dreimal zu und riss alles angeborene Mädchenhafte heraus, biss, bis man überall verwundet und entblößt war.

Nur in gelegentlichen Momenten der Benommenheit erinnerte sie sich: Sie war einst ein Mädchen gewesen, hatte Träume gehabt, und in den Träumen gab es rosarote Geschichten. Aber alles war zu einem vergilbten, von Unglückswasser durchtränkten Bild geworden. Huaqiu, der Dattelwald – alles war wie ein Mondhof weit zurückgewichen und roch nach alten Geschichten. Lanlan suchte stets nach Gründen, sich mit dem Schicksal abzufinden.

Erst in dieser Nacht, in der sie sich nicht mehr fügen wollte, erwachten viele Gefühle wie Schlangen aus dem Winterschlaf.

Sie klatschte noch einmal: Klatsch-klatsch – klatsch – klatsch-klatsch.

Huaqiu hätte antworten sollen: Klatsch – klatsch-klatsch – klatsch.

Keine Antwort – nur Hundegebell. Gerade wollte Lanlan sich verstecken, als Huaqiu hinter einem Baum hervortrat. „Du Teufel!“ rief Lanlan fröhlich. Sie warf sich ihm entgegen, und Huaqiu umarmte sie. Lanlan mochte seine Umarmungen und seine Küsse – beide voller Leidenschaft, beide männlich, beide mit Huaqius eigenem Wahnsinn. Ihr Herz wurde zum scheuen Reh und sprang wild. Dieses Gefühl war selten. Nach der Heirat war alles abgestumpft. Das Herz hatte eine Kruste aus Schmutz angesetzt. Alles war von dichter Trübe – und hatte den Traum, den sie von Geburt an besaß, erstickt.

Ohne Traum wurden die Tage nicht gelebt, sondern durchlitten – wie das Brauen bitterer Medizin, im bitteren Wasser kochend, in der Tinktur weichend, von der Lebensglut geröstet, bis nichts mehr vom ursprünglichen Gesicht übrig war. Sie war wie an den Mühlpfad gebunden – außer dem Kreisen auf der vorbestimmten Bahn, außer dem eintönigen, zähneknirschenden Reiben der Steine gab es keine andere Farbe. Wenn die handdicken Mühlsteine dünn geworden waren, war die Jugend dahin – schwarze Haare durch weißes Haar ersetzt, rosige Frische von Falten bedeckt, Zartheit vom Sandwind weggeblasen, Romantik von der Armut verschlungen. Eine Stimme rief ständig im Herzen: „Füge dich deinem Schicksal!“

Lanlan wurde warm ums Herz, und Tränen strömten ihr übers Gesicht. Seit Jahren wollte sie ständig weinen, sich an Huaqius Schulter lehnen und sich die Seele aus dem Leib weinen. Im Herzen staute sich ständig etwas Bedrückendes – erzählte man es dem Vater, seufzte er; klagte man es der Mutter, weinte sie; sprach man mit Fremden, fehlte die Stimmung, und es brachte nur Ärger. Im Dorf sah man ständig, wie eine Schwiegermutter vor einer anderen Tür stand und jene „Hexe“ beschimpfte, die ihre Schwiegertochter verderbe. Diese Szene wiederholte sich ständig, und so legte sich eine Haut ums Herz – lieber ließ man es unter der Haut verfaulen, als es ans Licht zu bringen. Doch die angestauten Gefühle verdichteten sich immer mehr, und manche weinten am Grab der Eltern. Lanlan hatte nicht dieses Glück – sie sehnte sich nach Huaqius Schulter. Huaqiu sagte: „Wein dich aus. Danach wird’s dem Herzen leichter.“

Lanlan wischte sich die Tränen ab. Sie dachte: Ein seltenes Treffen – lieber lachen. Doch das Drücken im Herzen blieb, und mit einem langen Seufzer sagte sie: „Dieses Leben, ich halte es nicht mehr aus.“ Huaqiu sagte: „Wenn du es nicht aushältst, lass dich scheiden.“ „Und dann?“ „Heiratest wieder.“

Lanlan seufzte. Die Worte waren nüchtern, doch Lanlan empfand sie als leer. Ständig schien ein Nebel vor ihren Augen zu hängen, klebrig wie Leim, durch den sie nicht hindurchbrechen konnte. So kniff sie die Augen zu, schaute den Himmel an, den Mond, dachte an die Träume ihrer Mädchenzeit. In Huaqius Armen über all dies nachzudenken war das größte Vergnügen. Mit geschlossenen Augen genoss sie still den Wind, das Mondlicht, den Herzschlag, das süße Schwindelgefühl – und war berauscht.

Lanlan sagte: „Wenn man nur nicht erwachsen würde – sorglos, in Träumen lebend. Kaum wird man erwachsen, zeigt sich alles Hässliche, als wäre man betrogen worden.“

Huaqiu sagte: „Allen geht es so. Meine Mitschülerinnen – als Mädchen geschmückt wie Blumenzweige, in jedem Aufsatz nur ‚Jugend’ und ‚Ideale’. Nach der Heirat – was sind Ideale? Schweinedung! Ich sehe sie immer mit dem Schweinefuttereimer, der Rührkelle, ‚Ho-ho’ rufend. Das bisschen Bildung ist längst im Schweinedunggestank eingelegt. Ach, es hat keinen Sinn, darüber zu reden. So ist das Leben – wie willst du es? Augen zu, Zähne zusammenbeißen, und das war ein ganzes Leben. Zu viel nachdenken macht nur alt.“

Lanlan seufzte. Wer wollte dem widersprechen? Jedes Mal beim Blick in den Spiegel trauerte sie: Die rosige Frische der Jugend war verschwunden, ersetzt durch fahles Gelb. An den Augenwinkeln zeigten sich erste Fältchen. Nicht abfinden! Sie hatte noch gar nicht richtig gelebt, und die Jugend war schon fort. Und der Ehemann – jene Rolle, von der sie als Mädchen so oft geträumt hatte – war … war … so ein Ding. Mit allem – konnte sie sich nicht abfinden. Wirklich nicht!

„Jedenfalls – diesmal bin ich entschlossen. Ob es blutige Köpfe gibt oder nicht – ich nehme es hin.“ Lanlan biss die Zähne zusammen.

„Genau. Man lebt nur ein paar Jahrzehnte. Im Handumdrehen ist man alt. Wenn man sich nicht ein paarmal aufbäumt, stirbt man als unschuldig Verurteilter.“

Tau fiel. Kühle Feuchtigkeit sickerte in die Kleidung. Die beiden hielten sich umschlungen, versunken in der Liebenden eigenen Zauber. Das Dorf verschwamm in der fernen Nacht. Alles löste sich auf. Trauer wurde zu einem dünnen Faden, der in der poetischen Nachtluft schwebte und zu einem anderen Genuss wurde. Alles war voller Poesie. Der Mond, der Wind, die mit dem Wind herabsinkende Kühle, der Herzschlag und der Schweiß auf den Handflächen.

„Wenn es immer so sein könnte.“ flüsterte Lanlan. „Kein Wind, kein Regen, keine Sonne … nur dieser Große Sandfluss, die Dattelbäume … der Mond … und du.“ Huaqiu lachte: „Und ein Sack Erdäpfel – wenn wir hungrig werden, rösten wir sie.“ Lanlan sagte: „Auch ohne Erdäpfel. Verhungern – dann werden wir Geister. Geister zu sein ist gut – wie der Wind. Kommen, wann man will, gehen, wann man will – wie der Wind. Menschsein ist langweilig. Das Herz ist immer leer, ohne Halt, ohne Hoffnung. Leben ist nur Zeitvertreib. Manchmal, wenn man darüber nachdenkt, ist es erschreckend. Was ist der Unterschied zum Warten auf den Tod?“

Die Nacht war kühl – erfrischend, nicht frostig. Ein leichter Wind wehte. Es war der sanfte Wind aus der großen Wüste, mit dem eigenen Duft der Wüste – weich, leicht … Eher als Wind war es Nachtluft. Ja, es war eine unterirdisch strömende Kraft, die in Lanlans Herzen wogte. Sie wollte so gern weinen.

Huaqiu streichelte sanft Lanlans Gesicht. Lanlan weinte. Sie wollte keinen Laut von sich geben – sie fürchtete, das Weinen würde die Stille und den Zauber stören. Leise wischte sie die Tränen ab und lehnte sich an Huaqius Brust. Sie hörte seinen kräftigen Herzschlag. Alles wie im Traum.

Das Dorf verschwamm in der fernen Nacht. Alles löste sich auf. Trauer wurde zu einem dünnen Faden, der in der poetischen Nachtluft schwebte und zu einem anderen Genuss wurde.

„Ich sollte zurückgehen.“ Kaum war der Gedanke aufgetaucht, durchstach er Lanlans Herz. Schöne Augenblicke waren immer so kurz. Wie sehr wünschte sie, dieser Moment möge ewig dauern – doch die Eltern warteten. Ihre faltigen, rindenartigen Gesichter blitzten ständig auf. Ein paar Blitze, und ihr Blut wurde kalt.

„Gehen wir zurück.“ sagte sie.

„Zurück? Reden wir die ganze Nacht, ja?“ Kaum hatte Huaqiu es ausgesprochen, spürte Lanlan eine überwältigende Versuchung. Eine Nacht … eine ganze Nacht. Ihr Herz schlug wieder wild. Beinahe hätte sie zugestimmt.

Huaqiu umfasste ihre Taille und küsste sie. Seine Küsse waren leidenschaftlich – so leidenschaftlich, dass Lanlan der Atem stockte. Die heranrollende Lebenswelle konnte jede Verteidigung niederreißen. Sie brachte es nicht über sich, dem ein Ende zu setzen.

Lanlan schob die Hände weg, die an ihrem Hosenbund tasteten, und seufzte: „Das geht nicht. Seit der letzten Fehlgeburt hört die Blutung nicht auf.“

„Du lügst.“

„Warum sollte ich lügen? Medikamente habe ich genug genommen, aber nichts hilft.“

Huaqiu ließ los. Lanlan spürte seine Enttäuschung und sagte: „Sei nicht so. Wir sehen uns so selten – lass uns reden.“ Huaqiu schwieg. Lanlan sagte: „Am Anfang hab ich noch im Traum mit dir geredet. Später bist du auch aus meinen Träumen verschwunden. Ich hatte so viel zu sagen. Aber kaum sehen wir uns, ist alles vergessen.“

Huaqiu sagte: „Wenn man nicht furzen kann, was soll man dann reden? … Ich sollte gehen. Meine Frau wollte nicht, dass ich komme. Sie sucht mich wahrscheinlich schon überall.“

Lanlan wollte fragen: „Wärst du geblieben, wenn ich nicht krank wäre?“ Doch plötzlich verlor sie jede Lust am Gespräch. Sie bereute das heutige Treffen ein wenig. Sie erkannte: Huaqiu hatte sich verändert.