Difference between revisions of "苹果红了/DE/Kapitel 9"

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= Kapitel 9: Der angebissene Apfel =
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Kaum war Xuefang in ihre Stadtwohnung zurückgekehrt, kam Ruoying zu Besuch. Ruoying entschuldigte sich: Am Tag der Eröffnung hätte sie nicht vorzeitig gehen sollen – unter Freunden sollte man beieinanderstehen, wenn es Probleme gibt. Xuefang sagte, es sei nicht schlimm – niemand habe vorhersehen können, was passieren würde. In Wahrheit hatte der Lohnstreit dem Newton-Apfelgarten keinen substanziellen Schaden zugefügt – er hatte nur die Stimmung verdorben und Xuefang vor allem das Gesicht geraubt.
 
 
 
Ruoying war der Meinung, Rückschläge beim Gründen seien normal – im Gegenteil, ohne Rückschläge wäre es unnormal. Was sie selbst betraf, kümmerte sie das sogenannte Geschäft wenig. Was sie beschäftigte, war die Liebe.
 
 
 
Ruoying erzählte Xuefang von ihrem „Zweitages-Trip aus dem Single-Dasein" mit Zhizhu Daxia. Sie sagte, sie habe versucht, die Liebe zu genießen, ohne die Beziehung kompliziert zu machen. Xuefang sagte: Oberflächlich betrachtet genießt du die Liebe, aber in Wahrheit hast du Angst vor ihr.
 
 
 
„Ich? Angst vor Liebe?"
 
 
 
„Ja – warum sonst fliehst du?"
 
 
 
„Ich fliehe, weil ich wohl das Gefühl habe, dass ich nicht mehr fähig bin zu lieben."
 
 
 
„Du – und nicht fähig? Verglichen mit dir sollte ich wohl zum Arzt gehen."
 
 
 
„Erzähl mir von dir und Chenglei – was ist da eigentlich los?"
 
 
 
Xuefang überlegte kurz und begann: „Wir beide scheinen einen Schritt aufeinander zugehen zu wollen, haben aber Angst, zu nah zu kommen – wie Igel. Ja, ein bisschen wie Igel, die sich aneinanderkuscheln wollen, um sich zu wärmen, aber fürchten, den anderen zu verletzen."
 
 
 
„Hast du Chenglei das gesagt?"
 
 
 
„Das brauche ich nicht zu sagen. Wir verstehen uns ohne Worte – ein Blick, eine Geste genügt."
 
 
 
„Das ist schlecht – ihr seid in der Ermüdungsphase angekommen."
 
 
 
„Ermüdungsphase?"
 
 
 
„Jetzt verstehe ich – du bist diejenige, die flieht und Angst hat."
 
 
 
„Angst? So fühle ich mich nicht."
 
 
 
„Ich kann nicht genau sagen, wo euer Problem liegt. Aber ich weiß: Diese Krankheit lässt sich schlecht heilen."
 
 
 
„Sie muss auch nicht geheilt werden. Es ist gut so, wie es ist. Er ist nur mein bester Kumpel. Er kann sich eine Freundin suchen, und ich kann mir einen Freund suchen."
 
 
 
„Willst du gerade einen Freund?"
 
 
 
„Im Moment habe ich dafür keinen Kopf. Ich will nur gute Äpfel anbauen."
 
 
 
Ein Sonnenstrahl zwängte sich durch die Wolken, fiel durch die Jalousie der Küche und landete genau auf einem angebissenen Apfel auf dem Esstisch. Xuefang sagte, der Apfel liege dort seit über zehn Tagen und sei noch nicht verfault.
 
 
 
Ruoying sagte: „Gewachst, oder zu viel Konservierungsmittel?"
 
 
 
Xuefang sagte: „Beides möglich. Aber ich habe auch gehört, dass es Äpfel gibt, die von Natur aus nicht leicht verderben."
 
 
 
„Das kann nicht sein – natürliche Produkte verderben immer leicht", sagte Ruoying. „Meine Mutter kauft am liebsten Gemüse mit welken Blättern und Wurmlöchern – sie sagt, dann seien keine Pestizide dran. Und Karotten kauft sie nur mit Erde dran, weil sie dann angeblich nicht chemisch gewaschen wurden."
 
 
 
„Eines Tages möchte ich natürliche Äpfel züchten, die nicht leicht verderben."
 
 
 
Ruoying sagte: „Mal eine Frage: Warum ist das Logo von Apple ein angebissener Apfel?"
 
 
 
„Sag du es mir."
 
 
 
„Ich frage dich."
 
 
 
„Wahrscheinlich hat es mit einem Wissenschaftler zu tun."
 
 
 
Ruoying erzählte: Das allererste Apple-Logo stamme von 1976, entworfen von Mitgründer Ron Wayne – es zeigte den einsamen Newton unter einem Apfelbaum, lesend und sinnierend, umrahmt von einem Vers des Dichters William Wordsworth. Später, unter Steve Jobs, sei das englische Wort für „beißen" – bite, dessen Vergangenheitsform bit ist – auf das Bit der Computerwelt bezogen worden. Apple war ursprünglich eine Computerfirma, daher wurde aus „Apple" ein „Apple Bite" – der angebissene Apfel. Xuefang sagte, sie kenne eine andere Geschichte: Im 20. Jahrhundert habe ein Mathegenie mit einem vergifteten Apfel seinem Leben ein Ende gesetzt – Alan Turing. Mit vierundzwanzig Jahren legte er die theoretischen Grundlagen der Informatik, mit achtunddreißig wurde er zum Begründer der Theorie der Künstlichen Intelligenz. Doch dann wurde seine Homosexualität entdeckt, und die britische Regierung verfolgte ihn. 1954 beging Turing Suizid – neben ihm lag ein angebissener Apfel. Die Rechtsmedizin stellte eine Zyanidvergiftung fest. Erst 2013 begnadigte die britische Königin Alan Turing offiziell.
 
 
 
„Der angebissene Apfel hat vielleicht tatsächlich einen Zusammenhang."
 
 
 
„Und warum heißt die Firma ‚Apple'?"
 
 
 
„Angeblich kam Jobs gerade von einer Apfelfarm zurück und aß zu der Zeit nur Obst – und so war der Name ‚Apple Computer Company' geboren."
 
 
 
Xuefang lachte: „Siehst du – unterschätze unsere Äpfel nicht."
 
 
 
Am Sonntag besuchten Xuefang und Shuitung Liu Baogui, ohne Meizi Bescheid zu sagen. Neben allerlei Leckereien hatte Xuefang ein besonderes Geschenk dabei: Bianbian, inzwischen genesen, samt einem großen Vorrat Hundefutter und Hundezubehör. Sie wollte ihn Liu Baogui als Begleithund schenken.
 
 
 
Liu Baogui freute sich sehr über Xuefangs Besuch und über das Geschenk.
 
 
 
Xuefang erklärte, dass das tägliche Gassi-Gehen gleichzeitig ein Beintraining sei.
 
 
 
„Herr Liu, auch wenn Sie ein ‚Post-Neunziger' sind – also nach neunzig geboren –, noch nicht wirklich alt, ein bisschen Bewegung schadet nicht."
 
 
 
Liu Baogui sagte: „Du meinst, er führt mich Gassi, nicht ich ihn."
 
 
 
Xuefang hielt sich den Mund zu und lachte: „Manchmal führt der Mensch den Hund, manchmal der Hund den Menschen."
 
 
 
„Hauptsache, es geht ihm gut, Opa", sagte Shuitung.
 
 
 
„Wie heißt er?"
 
 
 
„Bianbian."
 
 
 
„Bianbian? Seltsamer Name."
 
 
 
Xuefang erklärte: Bianbian sei eine Border-Collie-Mischung und sehe aus wie ein Border Collie.
 
 
 
„Was ist ein Border Collie?"
 
 
 
„Kurzform für Border Collie – ursprünglich aus dem Grenzgebiet zwischen Schottland und England … also ein britischer Hütehund. Intelligent, hübsch, gehorsam, eifrig und behutsam."
 
 
 
„Border Collies werden bei Hundeintelligenz-Rankings oft auf Platz eins geführt. In der Hundeszene gibt es ein Sprichwort: Hunde sind Hunde, Border Collies sind Border Collies", ergänzte Shuitung.
 
 
 
Liu Baogui sagte: „Es gibt so viele chinesische Hunde – warum einen Engländer halten?"
 
 
 
„Bianbian ist kein Engländer. Er ist ein Zhonghua-Tianquan-Hund – ein in China heimisch gewordener Engländer."
 
 
 
„Hat der Hund ‚Papiere'?", fragte Liu Baogui.
 
 
 
„Beeindruckend – Sie wissen, dass man in der Stadt einen Hundeschein braucht!"
 
 
 
„Was denkst du denn? Ich weiß nicht nur das, ich sehe auch, dass der Hund ein größeres Exemplar ist."
 
 
 
„Wie haben Sie das erkannt?", fragte Shuitung.
 
 
 
„An den Beinen und Pfoten."
 
 
 
„Bianbian ist kein Großhund – höchstens mittelgroß."
 
 
 
„Aber er wird noch groß."
 
 
 
„Herr Liu hat den Durchblick!", lobte Xuefang laut.
 
 
 
Liu Baogui sagte: „Ehrlich gesagt – als Kind hatte ich einen Hund. Ein schwarzer, langhaariger Vieraugen-Hund. Leider wurde er, kaum dass er ausgewachsen war, geschlachtet und gegessen."
 
 
 
„Haben Sie davon ein Trauma?"
 
 
 
„Was für ein Trauma – das ist fast achtzig Jahre her."
 
 
 
Xuefang holte Unterlagen aus ihrer Tasche: „Gut, dass ich vorbereitet war – hier ist der Hundeschein, und das sind die Impfunterlagen. Herr Liu, wenn Sie mit dem Hund rausgehen, halten Sie ihn bitte immer an der Leine. Zivilisiertes Hundehalten: Hund an die Leine."
 
 
 
„Keine Sorge – als Kind habe ich sogar Hunde abgerichtet."
 
 
 
„Was haben Sie ihnen beigebracht?"
 
 
 
„Sitz, Stopp, Fass!"
 
 
 
Xuefang lachte: „Das ist alles?"
 
 
 
Ein Drittel des Apfelgartens am Berggipfeldorf bestand aus Frühapfeln. Die früheste Sorte war der Meisha-Apfel, gefolgt von Gala und Shansha, dann Hongwangjiang. Die Dorfbauern hatten noch mehr Sorten: Liaofu, Laodu, Zaohuang, Zaoshenchi, Huangniang und andere. Die frühen Sorten wurden nach und nach geerntet, und Xuefang wollte den Livestream-Verkauf ausprobieren.
 
 
 
Als sie die Idee in der Firmengruppe vorstellte, war die Resonanz verhalten. Zhizhu Daxia fragte: „Verkaufen wir nicht über die Blockchain?" Xuefang sagte: „Schon, aber jede Plattform braucht eine Anlaufzeit. Außerdem gibt es im Garten noch viele alte Sorten und einige aussortierte – die müssen nach und nach erneuert werden." Chenglei war nicht dagegen, fand aber den Markt übersättigt und das Potenzial für Premium-Äpfel begrenzt. Xuefang sagte, die Frühäpfel fielen gerade vom Baum, und Livestream-Verkauf könne verhindern, dass reife Äpfel unverkauft blieben, neue Vertriebswege erschließen und den Dorfbauern beim Verkauf helfen. In der Gruppe sammelte sie nur Meinungen – die Entscheidung lag bei Xuefang selbst.
 
 
 
Xuefang sprach mit dem Dorfkomitee. Shijun hielt es für eine innovative Idee und eine gute Sache für die Bauern. „Ich hatte das auch mal überlegt", sagte Shijun, „aber von den Bauern selbst konnte man das kaum erwarten – keine Erfahrung, und die Paketdienste kommen nicht hierher."
 
 
 
„Dass wir abgelegen sind, kann sogar ein Vorteil sein."
 
 
 
„Ein Vorteil?"
 
 
 
„Wasser und Boden sind nicht verschmutzt."
 
 
 
„Leider kennt niemand uns in unserer Bergeinsamkeit."
 
 
 
„Für die Technik können wir ein Livestream-Team engagieren. Um Telekommunikation und Paketdienste kümmere ich mich."
 
 
 
„Was soll ich tun?"
 
 
 
„Wir brauchen die volle Unterstützung des Dorfkomitees – Strom- und Wasserversorgung, am besten einen kostenlosen Veranstaltungsort."
 
 
 
Shijun fragte, wie lange es dauere. Xuefang sagte: Für die Frühsorten etwa einen Monat, für die mittelspäten anderthalb Monate. Shijun überlegte: „Mir fällt ein guter Ort ein – wie wäre es mit der Dorfschule?"
 
 
 
„Hervorragend, und groß genug."
 
 
 
Die Dorfschule war seit Jahren geschlossen. Es gab Mindestanforderungen: Selbst für einen einzigen Schüler musste es dreizehn Lehrkräfte geben. Doch über Jahre hinweg hatte die Schule nur fünf, sechs Schüler gehabt und war schließlich mit der zentralen Grundschule in Lushui zusammengelegt worden.
 
 
 
Shijun sagte, auch wenn die Schule leerstehe, brauche man für die Nutzung wohl eine Genehmigung, da sie nicht dem Dorfkomitee gehöre.
 
 
 
„Wie lange dauert die Genehmigung? Die Zeit drängt!", sagte Xuefang.
 
 
 
Shijun sagte: „Fangt schon mal an – um die Genehmigung kümmere ich mich."
 
 
 
Xuefang beauftragte Ruoying und Shuitung mit der Ausschreibung für E-Commerce-Partner. Binnen drei Tagen war die Rekrutierung abgeschlossen. Die Äpfel der Dorfbauern waren hauptsächlich mittlere Reifezeit-Sorten wie Huangjin und Guoguang.
 
 
 
Im September wurden die Äpfel nach und nach geerntet. Als die E-Commerce-Händler eintrafen, hatte Shijun die Genehmigung immer noch nicht. In seiner Aufregung sagte er: „Schon allein fürs Gebäude wäre die kostenlose Nutzung sinnvoll – ein leeres Haus braucht Menschen, die ihm Leben einhauchen, sonst verfällt und zerbricht es."
 
 
 
„Wenn der Kreis die kostenlose Nutzung nicht genehmigt, übernehme ich die Kosten selbst", erklärte Shijun entschieden.
 
 
 
So zogen die E-Commerce-Teams in die Dorfschule ein: Livestream-Verkauf, Versand vor Ort. Innerhalb von zwei Wochen waren sämtliche Äpfel des Newton-Gartens und der kleinen Privatgärten restlos verkauft.
 
 
 
Eines Nachts träumte Meizi, die Äpfel im Garten verrotteten massenhaft auf dem Feld. Am nächsten Morgen rang sie mit sich, rief dann aber doch Xuefang an. Xuefang sagte ihr, die Frühäpfel seien alle verkauft. „Alle verkauft? Ohne Verlust?"
 
 
 
„Ich habe noch nicht abgerechnet, aber Verlust wohl nicht."
 
 
 
Xuefang erzählte Meizi, sie hätten nicht nur die eigenen Äpfel verkauft, sondern auch den Dorfbauern geholfen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren war die erste Ernte in nur zwei Wochen komplett abgesetzt.
 
 
 
„Wie hast du das gemacht?"
 
 
 
„Livestream-Verkauf."
 
 
 
„Ich weiß, was das ist, aber ich habe dich nie streamen sehen."
 
 
 
„Ich muss nicht selbst streamen – ich organisiere und plane nur."
 
 
 
„Du hast also die Dorfbewohner zum Wohlstand geführt?"
 
 
 
„Diesen Verdienst kann ich mir nicht zuschreiben", sagte Xuefang. „Ihre Äpfel waren ihren Preis immer schon wert."
 
 
 
Als die erste Gruppe E-Commerce-Händler abzog, kam die Kreisgenehmigung – zusammen mit Pressevertretern. Als die Gemeindeführung und die Kreisreporter im Berggipfeldorf eintrafen, war die Schule bereits leer. Die Reporter bedauerten, keine Vor-Ort-Bilder machen zu können, und wollten Xuefang interviewen, doch Xuefang bestand darauf, dass sie das Dorfkomitee und die Bauern befragten.
 
 
 
Das Dorfkomitee schmückte den Interviewplatz mit Fähnchen und Obstkörben. Shijun hatte Angst, sein Interview-Skript nicht auswendig zu können, und ließ sich einen Spickzettel auf A4-Papier drucken: Die Äpfel des Berggipfeldorfes entsprächen den nationalen Sicherheitsstandards, die Bodenqualität erfülle die Norm GB 15618-2018, die Luftqualität GB 3095-2012, die Bewässerungsqualität GB 5084-2021; die Produktqualität entspreche GB/T 10651-2008, der Pflanzenschutz GB/T 33311-2016 und Ernte sowie Lagerung NY/T 983-2015 … Shijun und die Bauern lobten den Livestream-Verkauf in höchsten Tönen, und das Ganze wirkte wie ein feierliches Dorffest.
 
 
 
Der Newton-Apfelgarten bestand hauptsächlich aus Fuji, Gala und Goldkrone, wobei Fuji den größten Anteil hatte. Die Fuji-Ernte begann erst Mitte Oktober. Nach dem Entfernen der Tüten stellten die Arbeiter jedoch fest, dass manche Früchte dunkle bis purpurrote Flecken aufwiesen. Einige wenige zeigten runde, leicht eingesunkene Verfärbungen um die Lentizellen, und einzelne waren schwammartig eingetrocknet. Liu Laoyan erklärte Xuefang: Das sei die „Stippe" – eine ernste Krankheit, der größte Killer reifender Äpfel, die direkt die Jahresernte beeinflusste.
 
 
 
Shuitung holte einen Techniker vom Forschungsinstitut für Landwirtschaft. Der Techniker diagnostizierte Kalziummangel – zu viel Stickstoff, zu wenig Kalzium. Übermäßige Stickstoffdüngung oder falscher Düngezeitpunkt und saurer Boden mit niedrigem Kalziumgehalt seien die Hauptursachen. Liu Laoyan sagte, sie hätten jedes Jahr Kalzium zugeführt, und trotzdem komme die Stippe jedes Jahr wieder.
 
 
 
Irgendwann hatte sich Er Mihu humpelnd dazugesellt.
 
 
 
Liu Laoyan sagte, dieses Jahr habe man auf Biodünger umgestellt und seit dem Fruchtansatz monatlich nachgedüngt – Kalziummangel sollte es eigentlich nicht geben. Der Techniker sagte, man müsse den pH-Wert des Bodens verbessern und zusätzlich Magnesium und Bor zuführen.
 
 
 
Er Mihu mischte sich ein: Das Problem dieses Gartens mit der Stippe liege nicht am Kalzium. Letztes Jahr habe ihm schon jemand gesagt, es sei Kalziummangel, und in allen Uni-Arbeiten stehe das so. Kalziummangel sei ein Faktor, aber eben nur einer. Nährstoffversorgung des Baumes, Unterlagesorte, Alter, Wuchskraft, Schnittmethode und Fruchtlast spielten alle eine Rolle – man dürfe sich nicht blind auf einen Faktor versteifen. Das eigentliche Problem dieses Gartens sei der Schnitt.
 
 
 
Er Mihu führte Xuefang in die Nordostecke und deutete auf die Bäume: „Sieh dir diese gut fünfzehn Bäume an – hat ein einziger die Krankheit?"
 
 
 
Xuefang prüfte sie und stellte fest: Tatsächlich, kein einziger kranker Apfel.
 
 
 
Er Mihu sagte, dieses Stück habe er beschnitten. Im übrigen Garten hätten die Bäume zu viele Äste; die Kronen überlappten sich, und Luft und Licht kämen nicht durch. Man müsse zu tiefe, zu dichte, parallele und überlappende Äste heraussägen. „Hast du bemerkt, dass kräftig wachsende Bäume stärker befallen sind als schwache? Das liegt daran, dass bei Überwuchs die Äste zu üppig werden. Man sollte möglichst mehrjährige dicke Äste entfernen und einjährige Triebe belassen – das bremst den Wuchs."
 
 
 
Xuefang sagte: „Wer hätte gedacht, dass Onkel so etwas draufhat – davon habe ich nie gehört."
 
 
 
Er Mihu sagte mit gewissem Stolz: „Nicht geprahlt – beim Obstbau im Berggipfeldorf bin ich die Nummer zwei, und niemand wagt, sich Nummer eins zu nennen." Liu Laoyan sagte daneben: „Hör nicht auf Er Mihus Prahlerei – so viel besser als ich ist er auch nicht."
 
 
 
Er Mihu sagte: „Bist du nun besser oder nicht?"
 
 
 
„Wenn besser, dann nur ein kleines bisschen."
 
 
 
„Eben – aber dieses kleine Bisschen bringt mancher sein ganzes Leben lang nicht zusammen."
 
 
 
Xuefang sagte: „Onkel, ich möchte dich als technischen Berater für den Garten engagieren." Er Mihu sagte: „Ich bin ein halber Invalide, da will ich euch nicht zur Last fallen." Xuefang sagte: „Sie müssen nicht jeden Tag kommen – Beratung reicht, einen Tag Arbeit, einen Tag Bezahlung, sofort abgerechnet." Seit Xuefang den Garten übernommen hatte, bezahlte sie alle Helfer tagesgenau – außer den Festangestellten Xiao Gezi und Liu Laoyan stand niemand auf einer Schuldnerliste.
 
 
 
Er Mihu sagte nicht sofort zu, zeigte aber zwischen den Bäumen auf dies und jenes: Man müsse Unkraut entlang der Kronenprojektion rechtzeitig jäten, besonders hochwachsende Pflanzen wie Ambrosie, Amarant, Melde und Chrysanthemengewächse. Zwischen den Reihen solle man Unkrautvlies auslegen und zur Fruchtfärbung Reflektorfolie. Wer zwischen den Bäumen Gras pflanzen wolle, könne Fingerhirse, Glattborsten oder Fuchsschwanz nehmen. Für Biodünger solle man am Kronenrand einen Düngegraben in Reihenrichtung ausheben, zwei Spaten lang, den Dünger mit der Erde vermischen und wieder auffüllen.
 
 
 
Er Mihu lehrte Xuefang sogar die richtige Pflücktechnik: Mit einer Hand den Ast festhalten, mit der anderen den Apfel sanft drehen und von unten stützen, bis sich der Stiel vom Fruchtzweig löst. Die gepflückten Äpfel müsse man behutsam ablegen, nicht schütten – angestoßene Äpfel hielten sich schlecht.
 
 
 
Xiao Gezi kam angeschlendert und sagte geheimnisvoll: „Ich habe eine gute Idee."
 
 
 
„Was für eine?"
 
 
 
Er blickte sich um: „Sag ich dir allein."
 
 
 
Xuefang ging mit ihm zur Seite. Xiao Gezi flüsterte: „Im Berggipfeldorf gibt es eine verlassene Höhle, in der man Äpfel lagern kann."
 
 
 
„Äpfel in einer Höhle lagern?"
 
 
 
„Genau – kühl im Sommer, warm im Winter. Ein natürliches Kühlhaus, das eine Menge Lagerkosten spart."
 
 
 
Liu Baoguis Geburtstag fiel auf den siebzehnten Tag des achten Mondmonats. Meizi sprach Xiao Gezi darauf an und schlug eine Feier vor. Xiao Gezi sagte, der Alte werde sechsundsechzig – Sechs auf Sechs, große Harmonie, da müsse man etwas veranstalten. Meizi sagte: „Sollen wir zwei das organisieren?" Xiao Gezi sagte: „Schon, aber unter den Söhnen hat der große Bruder Vorrang, unter den Töchtern die große Schwester. Wenn wir das machen, wirkt es übergriffig – und Kritik ist vorprogrammiert." Meizi sagte: „Die große Schwester und der große Bruder haben sich neulich gestritten, da befürchte ich, dass die sich nicht einigen." Xiao Gezi sagte: „Ihr Streit hat doch nichts mit Vaters Geburtstag zu tun." Meizi sagte: „Gut, ich spreche mit beiden getrennt und hole ihre Meinung ein. Wenn sie kein Interesse haben, organisieren wir es eben selbst." Xiao Gezi fragte schmunzelnd: „Seit wann interessierst du dich für solche Sachen? Früher warst du da nicht sonderlich engagiert." Meizi sagte: „In den letzten Monaten war Vater die ganze Zeit schlecht drauf. Nachdem er in der Zeitung und im Fernsehen war, hat es sich etwas gebessert. Ich dachte, zu seinem Geburtstag könnten wir es fröhlich gestalten. Ich sehe doch, dass er eigentlich den Trubel genießt – Familie um sich, Kinder und Enkel, das Gefühl, wichtig zu sein."
 
 
 
„Schwester", sagte Xiao Gezi, „noch eine Frage."
 
 
 
„Frag."
 
 
 
„Die Sache mit der Zeitung – hast du damit was zu tun?"
 
 
 
„Warum fragst du?"
 
 
 
„Nur so."
 
 
 
„Vater war früher an Trubel gewöhnt, und dann wurde er plötzlich vergessen. Dazu die ganzen Sorgen mit uns Kindern in den letzten Monaten – ich hatte Angst, er wird depressiv. Also wollte ich ihm eine Ablenkung verschaffen … Natürlich brauchte es etwas Berichtenswertes. Als ich von Yingzi hörte, habe ich unter dem Namen ‚Qi Tong' einen Artikel ans Abendblatt geschickt."
 
 
 
„Ich hab's mir gedacht – es hat mit dir zu tun."
 
 
 
„Woher wusstest du das?"
 
 
 
„An dem Abend, als Vater allein trank, bist du reingekommen und hast die Flaschen eingesammelt. Dabei hast du extra auf die Urkunden an der Wand geschaut. Als Zeitung und Fernsehen berichtet haben, war mein erster Verdacht: du."
 
 
 
„Ach Brüderchen, wie klug du bist – wenn du deine Energie für vernünftige Dinge einsetzen würdest, was könnte aus dir werden!"
 
 
 
„Wer sagt, dass ich das nicht tue?"
 
 
 
„Na gut, ich nehme alles zurück. Ich hatte nicht erwartet, dass nach dem Zeitungsartikel auch noch das Fernsehen kommt, und schon gar nicht, dass die Berichterstattung so eine Welle auslöst – die Nachbarschaft organisiert eine Spendenaktion, die Bezirksregierung vermittelt ein Krankenhaus, und Yingzis Sache wird tatsächlich gelöst."
 
 
 
„Vaters Altersgeld ging auch drauf."
 
 
 
„Das war kein Altersgeld, das war sein Geheimfonds. Für die Altersversorgung hat er Rente und Krankenversicherung."
 
 
 
„Dass wir Blumen pflanzen wollten und ein Baum daraus wurde, ist für uns ‚Die beabsichtigte Blume blühte nicht, der achtlos gesteckte Weidenzweig wurzelte'. Für die Familie Xu allerdings genau umgekehrt."
 
 
 
„Hör auf mit dem Wortgefecht! Ich sage dir noch was Ernstes: Zu Vaters Geburtstag musst du unbedingt Xiao Duo mitbringen."
 
 
 
„Geht nicht."
 
 
 
„Warum? Ihr seid so lange zusammen, und du hast sie kein einziges Mal nach Hause gebracht."
 
 
 
„Xiao Duo war … schon mal da."
 
 
 
„Wirklich?"
 
 
 
„Kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, habe ich sie mitgebracht. Sie hat von draußen geschaut und gedacht, wir hätten eine tolle Villa – in ihrer Vorstellung lebte ein Modellarbeiter auf Ministerialebene in einem Herrschaftshaus. Aber als sie reinkam und nur zwei schäbige alte Zimmer sah, hatte sie genug. Seitdem habe ich sie mehrfach eingeladen, aber sie findet immer Ausreden."
 
 
 
„Auch gut – eine, die nur aufs Geld schaut und nach Reichtum giert, brauchen wir gar nicht!"
 
 
 
„Es ist nicht nur Xiao Duo – die Mädchen in dieser Stadt haben von Natur aus ein Überlegenheitsgefühl. In den letzten Jahren sind so viele ins Ausland gegangen! In unserer Gegend allein bestimmt ein Dutzend oder zwanzig."
 
 
 
„Die Mädchen hier sind groß, schlank und haben weiße Haut – wahrscheinlich wegen der Meeresfrüchte und der Äpfel."
 
 
 
„Aber Auswärtige sagen: Die Mädchen aus Dalian sind hübsch, aber sobald sie den Mund aufmachen, riecht alles nach Muscheln."
 
 
 
„Was ist daran schlimm? Die große Schwester und ich sind auch Dalian-Mädchen."
 
 
 
„Das sage nicht ich – das sagen die Auswärtigen."
 
 
 
Zu Meizis Überraschung hatte Liu Baogui keine Einwände gegen die Geburtstagsfeier. Er war einverstanden – unter der Bedingung, dass niemand eingeladen wird und kein Langlebigkeitssegen stattfindet. Auch Yuejin und Shiqing waren enthusiastisch dabei, besonders Yuejin, der ungewöhnliche Initiative zeigte: „Am Geburtstag nehme ich mir frei und komme nachmittags zum Kochen." Meizi sagte: „Wir könnten auch ins Restaurant gehen, das spart Arbeit." Yuejin sagte: „Der Alte geht ungern ins Restaurant – zu teuer und nicht unbedingt lecker. Du bestellst den Kuchen, ums Essen kümmere ich mich." Als Meizi mit Shiqing sprach, sagte die: „Du bestellst den Kuchen, ich lasse Hongwei vom Meeresfrüchte-Spezialitätenladen bestellen." Meizi berichtete, dass Yuejin zu Hause kochen wolle und alles übernehme. Shiqing schwieg einen Moment und sagte dann: „Seltene Großzügigkeit von dem Geizhals – gut, lassen wir ihn mal bluten."
 
 
 
Am Nachmittag kam Meizi mit dem Kuchen nach Hause. Schon im Treppenhaus roch es nach geschmortem Fleisch – Yuejin war wie versprochen da. In der Gemeinschaftsküche stand Yuejin am Herd und filetierte Fisch, während Sufen am Boden kauerte und Gemüse putzte. Meizi begrüßte sie freundlich: „Ihr seid ja schon früh da!"
 
 
 
Sufen sagte: „Dein Bruder wollte das Huhn zeitig aufsetzen, damit die Krallen weich werden."
 
 
 
Meizi dachte sofort an Er Mihus Huhn: „Hast du es geschlachtet?"
 
 
 
„Wie sollte ich?"
 
 
 
Sufen sagte: „Geschlachtet hat es euer Vater, zubereitet haben wir es. Geschmortes Huhn mit ordentlich Glasnudeln."
 
 
 
Meizi stellte den Kuchen auf den Schrank und ging zurück in die Küche, um Yuejin zu helfen.
 
 
 
Beim Schürzebinden kam auch Xiao Gezi und stellte eine Plastiktüte mit Meeresfrüchten auf die Arbeitsfläche: „Alles frisch, noch lebend." Yuejin warf einen schrägen Blick darauf: „Hast du Meizi nicht gesagt, dass ich mich um alles kümmere? Jetzt haben wir doppelt eingekauft."
 
 
 
Xiao Gezi lehnte sich mit einem Bein über dem anderen an die Theke und bohrte in der Nase: „Doppelt? Nicht unbedingt … Hast du auch Abalone?"
 
 
 
Yuejin warf ihm einen Blick zu und schwieg.
 
 
 
Meizi holte eine Schüssel, schüttete Xiao Gezis Meeresfrüchte hinein: frische Abalone, Schnecken und Garnelen.
 
 
 
Xiao Gezi sagte: „Na also – kein Duplikat, oder?"
 
 
 
Meizi holte noch eine Schüssel und fragte Yuejin: „Was hast du alles?"
 
 
 
„Fisch, Heuschreckenkrebse, Muscheln, Schnecken … die Schnecken sind doppelt, oder?"
 
 
 
Meizi schüttete auch Yuejins Einkauf in eine Schüssel: „Die Schnecken sind nicht viel mehr, passt schon."
 
 
 
Meizi putzte die Meeresfrüchte. Xiao Gezi stand daneben. Yuejin sagte: „Wenn du nichts zu tun hast, geh Vater Gesellschaft leisten – steh hier nicht im Weg."
 
 
 
Xiao Gezi ignorierte ihn. Er griff sich eine Karotte von der Theke und kaute knirschend darauf herum.
 
 
 
„Die Feier hat noch gar nicht angefangen, und du isst schon? Soll ich dir eine Schale Erdnüsse und ein Bier hinstellen?"
 
 
 
Xiao Gezi funkelte Yuejin an, drehte sich um und ging. Kurz darauf war er wieder da und setzte sich neben Meizi, um beim Gemüseputzen zuzusehen. Yuejin schwenkte die Schöpfkelle, drehte sich um und hätte beinahe heißes Wasser über Xiao Gezi gegossen. „Aus dem Weg!", rief er laut.
 
 
 
Xiao Gezi stand nicht auf, sondern rutschte mitsamt dem Hocker ein Stück.
 
 
 
„Was bist du faul! Klebt dein Hintern fest?"
 
 
 
Xiao Gezi gab Meizi einen verschwörerischen Blick: Der spielt sich auf, weil er ausnahmsweise mal den Chef gibt.
 
 
 
Vor dem Essen kamen Xu Hongwei, Shiqing und Lili. Xu Hongwei schleppte kistenweise ein: Milch, Bier, zwei Kisten Äpfel und eine riesige Wassermelone.
 
 
 
Xiao Gezi flüsterte Meizi zu: „Sieht nach viel aus, aber nichts Wertvolles – wie man so sagt: Popcorn schenken, mit Herz statt Geld."
 
 
 
Meizi sagte: „Halt den Mund – hat die große Schwester jemals wenig mitgebracht?"
 
 
 
Das Essen war aufgetragen. Meizi und Shiqing trugen die Schüsseln herein – und sahen Guoguo und Lili am Kuchen. Meizi erstarrte. Die Kinder erstarrten ebenfalls, ihre Gesichter mit Sahne verschmiert wie Gruselmasken.
 
 
 
„Wer hat euch erlaubt, Kuchen zu essen?", rief Shiqing.
 
 
 
Liu Baogui sagte: „Ich habe ihnen welchen gegeben."
 
 
 
„Vater! Wie verwöhnen Sie die Kinder!"
 
 
 
„Kinder darf man verwöhnen."
 
 
 
Die Feier begann harmonisch: Alle sangen „Happy Birthday", bliesen Kerzen aus, jeder stieß an und sagte ein paar nette Worte. Dann brachte Xu Hongwei die Abriss-Richtlinien ins Gespräch, und die Stimmung kippte.
 
 
 
Xu Hongwei sagte, die neue Regelung teile Wohnungen nicht mehr nach Haushaltsmeldung zu – alle Ummeldungen seien umsonst gewesen.
 
 
 
Shiqing sah Yuejin an, Yuejin Meizi, Meizi Xiao Gezi. „Woher weißt du das?", fragte Yuejin.
 
 
 
Xu Hongwei: „Das ist kein Geheimnis mehr."
 
 
 
„Wieso weiß ich nichts davon?"
 
 
 
Shiqing: „Am Schwarzen Brett der Straßenverwaltung hängt ein Aushang."
 
 
 
„Welches Schwarze Brett?"
 
 
 
„An der Ecke Nanshan-Straße."
 
 
 
„Darum standen da so viele Leute – ich bin aber nicht neugierig und habe nicht geschaut."
 
 
 
Meizi sagte.
 
 
 
„Was steht in der neuen Regelung?", fragte Sufen.
 
 
 
„Nicht nach Haushaltsmeldung, sondern nach tatsächlicher Wohnfläche. In unserem Fall – zwei Zimmer mit zusammen fünfunddreißig Quadratmetern – bekommen wir eine Rücksiedlungswohnung von gut siebzig Quadratmetern."
 
 
 
„Wie rechnet sich das?"
 
 
 
„Irgendein Koeffizient – kompliziert. Im Groben etwa das Doppelte der jetzigen Fläche, im besten Fall eine Zweiraumwohnung."
 
 
 
Yuejin sagte empört: „Das ist doch ungerecht – früher wurde nach Haushalten zugeteilt."
 
 
 
„Kann man nichts machen – staatliche Vorschrift."
 
 
 
„Hat niemand Einspruch erhoben?"
 
 
 
„Weiß ich nicht."
 
 
 
„Wenn es offiziell verkündet ist, gilt es", sagte Shiqing.
 
 
 
Meizi seufzte: „Den ganzen Aufwand mit den Ummeldungen – alles umsonst."
 
 
 
Yuejin fragte Shiqing und Meizi: „Habt ihr die Ummeldung tatsächlich durchgezogen?"
 
 
 
Meizi sagte: „Ja."
 
 
 
Shiqing schwieg.
 
 
 
Yuejin fühlte sich betrogen und atmete schwer.
 
 
 
Meizi sagte: „Umsonst gemeldet – am Ende war alles für die Katz."
 
 
 
Xiao Gezi sah Shiqing an: „Planung hinkt der Realität hinterher – da kann keiner was machen."
 
 
 
Alle diskutierten wild durcheinander über den Abriss. Liu Baogui legte die Stäbchen nieder und stand auf. Yuejin fragte, wohin er gehe. Liu Baogui sagte, er sei satt. „Bleiben Sie noch einen Moment." Yuejin hielt ihn kurz fest und sagte dann zu Sufen: „Nimm die Kinder und geh ein bisschen nach draußen." Sufen verstand und ging mit Guoguo und Lili hinaus.
 
 
 
Yuejin sagte: „Vater ist da, Shiqing, Hongmei, Xiao Gezi – und Hongwei. Lasst uns gleich über die Wohnungsfrage reden, damit es später keine Streitereien gibt." Alle Blicke richteten sich auf Yuejin. Xu Hongwei stand auf, sagte, er wolle kurz rauchen, und verließ den Tisch.
 
 
 
Nur noch Liu Baogui und seine vier Kinder im Raum.
 
 
 
Yuejin sagte: „Was die Wohnungsaufteilung betrifft – jeder hat seine Vorstellungen, und das finde ich normal. Wenn man mehr Wohnungen bekommen könnte, wäre das natürlich schön. Aber wenn laut neuer Regelung nur eine Zweiraumwohnung drin ist, schlage ich vor, sie auf meinen Namen eintragen zu lassen – für Vater zum Wohnen …"
 
 
 
„Moment – warum auf deinen Namen?", unterbrach Xiao Gezi.
 
 
 
„Ich bin der Älteste."
 
 
 
„In welchem Gesetz steht, dass die Elternwohnung dem Ältesten gehört?", fragte Shiqing.
 
 
 
„In welchem Gesetz steht, dass sie es nicht darf?", konterte Yuejin. „So war es schon immer."
 
 
 
Xiao Gezi sagte: „Von dieser Tradition habe ich noch nie gehört. Auf dem Land wird das Haus zu gleichen Teilen unter den Söhnen aufgeteilt."
 
 
 
„Was meinen Beitrag angeht – ich habe als Erster gearbeitet, mein ganzes Gehalt nach Hause gebracht und euch durchs Studium finanziert … Man muss ein Gewissen haben."
 
 
 
Shiqing sagte: „Bist nur du der Einzige, der was beigetragen hat? Meizi und ich denn nicht? Sollen wir abrechnen?"
 
 
 
„Der will alles für sich allein – was denkst du dir dabei, großer Bruder?", sagte Xiao Gezi.
 
 
 
„Mein Vorschlag: Eintragung auf Vaters Namen, und falls die Wohnung einmal verkauft wird, erben alle vier zu gleichen Teilen", sagte Shiqing.
 
 
 
Meizi sagte: „Ich steige aus. Ohne mich."
 
 
 
Shiqing hielt Meizis Arm fest: „Wie kannst du aussteigen?"
 
 
 
„Eine Zweiraumwohnung – das ist doch kein Goldberg. Was gibt es da zu streiten?"
 
 
 
„Es geht nicht um Geld, es geht ums Prinzip, um Gerechtigkeit."
 
 
 
„Dann streite ich eben auch nicht. Wer will, soll streiten."
 
 
 
„Hongmei, du warst doch immer auf meiner Seite."
 
 
 
Meizi zögerte.
 
 
 
Yuejin verlor die Beherrschung, schlug auf den Tisch und fuhr Shiqing an: „Du machst mir absichtlich das Leben schwer, oder? Eine verheiratete Frau, die sich in Familienangelegenheiten einmischt – hast du keinen Anstand?"
 
 
 
Shiqing schlug ebenfalls auf den Tisch: „Wer hat keinen Anstand? Du! Willst den Familienbesitz allein verschlingen – dein Fell reicht für Schuhsohlen!"
 
 
 
„Du hast keinen Anstand!"
 
 
 
„Du! Nur du!"
 
 
 
Klatsch! Liu Baogui schlug auf den Tisch.
 
 
 
Liu Baogui sagte: „Ich bin noch nicht tot, und ihr verteilt schon das Erbe? Ist das ein Geburtstagsfest oder eine Totenwache?"
 
 
 
Totenstille.
 
 
 
Liu Baogui sagte: „Die Wohnung ist noch nicht mal gebaut, ich bin noch nicht tot, und ihr streitet und prügelt euch schon? Schämt ihr euch nicht? Ich sage euch eins: Falls wir eine Rücksiedlungswohnung bekommen, steht sie auf meinen Namen, solange ich lebe. Was danach damit passiert, könnt ihr nach meinem Tod besprechen."
 
 
 
Yuejin wollte noch etwas sagen, doch Liu Baogui gebot ihm mit einer Handbewegung Schweigen.
 
 
 
Liu Baogui sagte: „Und das auch nur, wenn ihr euch benehmt. Wenn ihr nochmal so einen Aufstand macht wie heute, gebe ich euch gar keine Chance. Bevor ich sterbe, verschenke ich die Wohnung."
 
 
 
Die vier Geschwister schwiegen.
 
 
 
Da erschien Frau Qi in der Tür und winkte Meizi.
 
 
 
Liu Baogui sagte: „Frau Qi, kommen Sie rein."
 
 
 
Frau Qi sagte: „Nein danke – draußen ist jemand für Hongmei da!"
 
 
 
Alle schauten zum Fenster. Xiao Gezi rannte zum Fenster, drehte sich um und sagte: „Schwester – deine Schwiegermutter!"
 
 
 
Shiqing gab Meizi einen Schubs: „Jetzt aber schnell – bitte sie rein."
 
 
 
„Ich gehe nicht."
 
 
 
„Das ist die beste Gelegenheit, sich elegant zurückzuziehen", sagte Shiqing.
 
 
 
Meizi sagte zu Xiao Gezi: „Geh raus und sag ihr, ich bin nicht da."
 
 
 
Liu Baogui stand auf: „Die Schwiegermutter kommt persönlich – ich gehe sie holen." An der Tür drehte er sich um zu Meizi: „Die alte Frau macht sich die Mühe, dich zu bitten – was willst du noch? Sei nicht unverschämt!"
 
 
 
Dass die Schwiegermutter persönlich kam, gab Meizi endlich eine Treppe zum Absteigen. Sie ging mit ihr nach Hause.
 
 
 
Zwei Wochen später kehrte Dalin vom Meer zurück. Die beiden gerieten noch zweimal aneinander, doch schließlich legten sie den Streit bei und versöhnten sich. An der Versöhnung hatte Dalins Kompromissbereitschaft großen Anteil. Er erkannte, dass der Hauptgrund für ihre Konflikte die Fernbeziehung war, und teilte mit, er habe bei der Firma einen Versetzungsantrag gestellt – an Land, damit er mehr Zeit mit Meizi verbringen und sich nach der Geburt des Kindes besser um beide kümmern könne. Außerdem unterstützte er Meizis Geigenspiel. Da er wusste, wie sehr sie sich eine Geige wünschte, gab er ihr eintausend Yuan.
 
 
 
Damals kostete eine Geige mindestens zweitausend Yuan, teure Modelle über zehntausend. Tausend Yuan reichten nur für eine halbe Geige. Aber immerhin – besser als nichts. Meizi dachte: Wenn sie ein wenig sparte, konnte sie bis zum Jahresende eine eigene Geige besitzen. Allein der Gedanke machte sie glücklich.
 
 
 
Nach der Regenzeit kam Meizi summend nach Hause und wurde von Xiao Gezi ins Hinterzimmer gerufen.
 
 
 
Xiao Gezi sagte geheimnisvoll: „Schwester, da ist eine Möglichkeit, reich zu werden – bist du dabei?"
 
 
 
Meizi sagte: „Von dir kann doch nichts Gutes kommen!"
 
 
 
„Ich meine es ernst."
 
 
 
„Ich auch. Wann gibst du mir das Geld für die Aktien zurück?"
 
 
 
„Ich warte doch auf den Börsengang."
 
 
 
„Wann?"
 
 
 
„Müsste bald sein … Spätestens Jahresende gibt's ein Ergebnis."
 
 
 
„Ich will nicht bis Jahresende warten. Gib mir wenigstens das Kapital zurück – auf Gewinne verzichte ich."
 
 
 
„Aber … das Kapital steckt alles in Aktien."
 
 
 
„Noch nicht mal das! Leere Versprechen."
 
 
 
„Keine leeren – langfristige Wechsel, mit satten Gewinnen."
 
 
 
„Wie langfristig? Mein kleiner Haushalt reicht nicht für solche Horizonte."
 
 
 
Xiao Gezi sagte: „Diesmal ist es ganz anders – reines Bargeld. In nicht mal zwei Wochen habe ich schon viertausend verdient."
 
 
 
„Zeig mal!"
 
 
 
Tatsächlich zog Xiao Gezi einen Batzen Hundert-Yuan-Scheine hervor. Meizis Augen wurden groß, und sie fragte sofort, was dahinterstecke. Xiao Gezi sagte, es sei Direktvertrieb. „Weißt du, wie Kaufhäuser Geld verdienen? Es gibt Großhandel und Einzelhandel – ich verdiene an der Marge dazwischen. Verstanden?" Meizi sagte: „Nein." – „Bist du wirklich so begriffsstutzig? Also: Stell dir vor, ich bin der Hersteller und verkaufe direkt an den Endkunden – dann fällt die ganze Zwischenmarge weg. Die spare ich – und verdiene."
 
 
 
„Du hast ein Kaufhaus?"
 
 
 
„Ich brauche keins – ich bin das Kaufhaus."
 
 
 
Meizi sagte: „Nach deiner Logik müssten alle Geschäfte der Welt pleite gehen."
 
 
 
Xiao Gezi machte eine hilflose Geste: „Du bist echt unmöglich!"
 
 
 
Xiao Gezi erklärte ausführlich, wie Direktvertrieb funktionierte: Am eigenen Beispiel erzählte er wortreich, wie er einen israelischen Diamantring für sechstausend Yuan gekauft und weiterempfohlen hatte. Für jeden neuen Kunden bekam er eine Provision, und wenn diese Kunden wiederum Kunden anwarben – wie Henne und Ei –, wuchs das Netzwerk exponentiell. Inzwischen hatte er zwei Kunden und damit ein festes „Gehalt".
 
 
 
„Stell dir vor: Je mehr Kunden, desto mehr festes Einkommen, und es wächst ständig. Irgendwann liegst du zu Hause und wartest, dass einem das Geld in den Schoß fällt!" Xiao Gezis Augen leuchteten.
 
 
 
Meizi sagte: „Nicht dass am Ende kein Geldregen kommt und man stattdessen in eine Grube fällt."
 
 
 
„Schwester, du warst doch immer die Kluge – was ist diesmal los?"
 
 
 
Meizi lachte: „Ich verstehe schon – wenn du mich anwirbst, werde ich dein ‚Unterkunde'."
 
 
 
Xiao Gezi sagte: „Egal, wessen Unterkunde du wirst – es ist doch immer eine Ebene tiefer. Bei mir zu sein ist doch sogar besser – alles in der Familie."
 
 
 
„Und wie werde ich kein Unterkunde?"
 
 
 
„Das geht nicht. In diesem Netzwerk bist du der Unterkunde von jemandem, und jemand anderes ist deiner. Man kann nie sagen, wer wessen Unterkunde ist – je mehr, desto besser."
 
 
 
Meizi blinzelte nachdenklich.
 
 
 
„Komm." Xiao Gezi zog sie am Arm.
 
 
 
„Wohin?"
 
 
 
„Ich lade dich zum Grillen ein."
 
 
 
Xiao Gezi zerrte Meizi den Hügel hinunter zum Kinderpark, wo sie in einer verqualmten Bretterbude Lammspieße aßen.
 
 
 
„Nach deiner Theorie muss man also gar nicht mehr arbeiten – einfach zu Hause sitzen? Das ist doch leistungsloser Gewinn!"
 
 
 
„Was ist daran falsch? Das ist Geldverdienen mit Köpfchen. Neidisch? Dann sitz doch auch zu Hause!"
 
 
 
„Das kann ich nicht."
 
 
 
„Ich helfe dir!"
 
 
 
„Du? Lass mal."
 
 
 
„Jetzt oder nie – wer wagt, gewinnt."
 
 
 
Meizi überlegte: „Mir kommt das zu einfach vor."
 
 
 
Das Grillen war äußerst aufschlussreich. Obwohl Xiao Gezi schweißgebadet und Meizis Zähne schwarz vom Kohlestaub waren, konnte er sie nicht überzeugen. Doch etwas in Meizi war aufgewacht.
 
 
 
Meizi ging zum Üben in die Schule. Auf dem Flur wartete sie auf Lehrer Qiao, und als er kam, waren die Neonröhren zur Hälfte ausgeschaltet. Meizi erzählte ihm, dass Dalin zurück war und sie sich versöhnt hatten. Lehrer Qiao sagte: Gut, wenn Dalin sich versetzen lässt, gibt es vielleicht weniger Konflikte. Meizi dachte insgeheim: Vielleicht würde es mit Dalin in der Nähe sogar mehr Konflikte geben. Sie ahnte, dass ihr Problem nicht das einer „Brücke" über die Distanz war, sondern dass sie die „Landschaften an beiden Ufern" verschieden betrachteten – sie liebte Lila, Dalin liebte Grau. Das war der eigentliche Kern. Die Brücke stand, aber keiner wollte hinübergehen. Doch gegenüber Lehrer Qiao sagte sie nur: Hoffen wir das Beste. Meizi sprach auch den Direktvertrieb an und bat um seine Meinung. Lehrer Qiao sagte, er verstehe nichts von Geschäft, aber generell sei es besser, sich nicht auf Unbekanntes einzulassen.
 
 
 
Gerade als Meizi schwankte und fast aufgeben wollte, rief Xiao Gezi an: „Du kannst mir ruhig misstrauen, aber vertrau dir selbst. Geh morgen selbst hin und schau es dir an."
 
 
 
Meizi brauchte dringend Geld und wollte die Geige so schnell wie möglich kaufen. Also ging sie zu dem Ort, wo Xiao Gezi Direktvertrieb betrieb. Es waren nur ein paar Flachbauten, und am Straßenrand standen kleine Grüppchen aufgeregter Leute mit leuchtenden Augen und geheimnisvollem Getue – sie erinnerten Meizi an Spieler in alten Filmen, die auf den großen Gewinn warteten. Kaum hatte sie zwei Runden gedreht, sprachen sie sieben, acht Leute an und versuchten, sie anzuwerben.
 
 
 
Am Nachmittag hielt ein kleiner, glänzend frisierter Mann mit Hongkong-Akzent einen Vortrag. Er war redegewandt und brachte Meizi zum Kribbeln – als hätte sie den Stein der Weisen aus dem Märchen entdeckt, und über ihrem Kopf kreisten die Geldscheine. Den ganzen Nachmittag brodelte ihr Blut.
 
 
 
Bald darauf trat Meizi dem Direktvertrieb bei – als Xiao Gezis Unterkunde.
 
 
 
Meizis Einstieg hatte „Vorbildwirkung", bedeutete aber nicht, dass Yuejin und Shiqing sofort folgten. Xiao Gezi hatte zweimal mit Shiqing gesprochen und Meizi als Zeugin vorgeschickt. Meizi sagte: „Einen israelischen Diamantring für neuntausend Yuan bekommst du für fünftausend. Nicht nur günstig – der Clou ist das Geschäftsmodell. Ich habe im Kindergarten zwei Unterkunden geworben und Ende des Monats schon sechshundert Yuan Provision bekommen – und das bei nur zwei! Mit der Zeit werben die ihre eigenen Unterkunden an, und die wieder ihre … In spätestens zwei Monaten ist das Kapital drin, und danach …" Shiqing war angetan. Zu Hause erzählte sie Xu Hongwei davon, doch der schüttelte den Kopf wie eine Rassel – er verdiente als Taxifahrer jeden Yuan mühsam und wusste, wie hart das Geldverdienen war. Die willensstarke Shiqing war unzufrieden: „Meine Entscheidung steht. Ich sage es dir, nicht um deine Zustimmung zu holen." Xu Hongwei lenkte sofort ein und führte vergangene Moden an: Kaltwassertrinken als Allheilmittel, Kombucha-Pilz, die Orchideen-Blase … Shiqing wollte nichts davon hören. Da Xiao Gezi wusste, dass Yuejin ihm zutiefst misstraute – was Xiao Gezi ablehnte, befürwortete Yuejin, und umgekehrt –, sagte er zu Shiqing und Meizi: „Sagt dem großen Bruder nichts, ich will ihn gar nicht dabeihaben." Seltsamerweise sickerte das zu Yuejin durch, und er wurde unsicher. Das allgemeine Geschäftsfieber war zwar abgeklungen, doch der Traum vom Reichtum nicht. Sufen, die an „Sehen ist Glauben" glaubte, sah, dass Meizi tatsächlich Geld bekam, und ging hinter Yuejins Rücken zu Xiao Gezi: „Ich handle ohne sein Wissen – sag ihm nichts."
 
 
 
So wurden in kurzer Zeit alle außer Liu Baogui zu Xiao Gezis „Unterkunden". In weniger als einem Monat kassierte Xiao Gezi über dreitausend Yuan Provision.
 
 
 
Später entdeckte Yuejin Sufens Diamantring, zwang sie zur Rückgabe – was fünf Prozent Gebühren kostete.
 
 
 
Xiao Gezis Direktvertriebserfolg sprach sich im ganzen Wohnblock herum. Sogar der alte Ma vom Stockwerk darüber klopfte an.
 
 
 
„Zum dritten Mal – Xiao Gezi hat keinen festen Zeitplan", sagte Liu Baogui.
 
 
 
„Kein Problem", sagte der alte Ma freundlich. „Sagen Sie ihm, ich suche ihn."
 
 
 
Liu Baogui blickte ihm nur nach – er hielt wenig von dem Mann. Ein ehemaliger Heizer, der ein bisschen was von Sanitärtechnik verstand. Sein eigentliches Talent war seine Wendigkeit: Alle sagten, er sei ein Speichellecker, der dem Chef hinterherlief und sich durch Denunziation und Geschenke schließlich vom Heizungskeller „freigestellt" hatte. Dafür rannte er für den Chef bei Renovierungen und Installationen hin und her. Den Nachbarn im Wohnblock half er nur widerwillig. Einmal war die Toilettenspülung kaputt – er bestand darauf, dass Frau Qi pro Haushalt einen Yuan einsammelte, bevor er Hand anlegte. Für Liu Baoguis selbstgebaute Heizung hatte er sich fünfmal bitten lassen und erst angefangen, nachdem Meizi ihm eine Schachtel getrockneter Seegurken brachte.
 
 
 
Liu Baogui verachtete den alten Ma, doch der lebte unbeschwert weiter – besonders seit seine Tochter Ma Yan einen guten Fang gemacht hatte. Ma Yan war ein unbeschwertes Mädchen, etwas naiv. Nach der Berufsschule arbeitete sie als Kellnerin in einem Luxushotel und wurde von einem taiwanesischen Stammgast, Herrn Ruan, umworben – erst mit teuren Kleidern und Kosmetik, dann, so hieß es, mit einem Heiratsantrag.
 
 
 
Seitdem veränderte sich auch der alte Ma – sein Lächeln sah anders aus, und er sprach plötzlich in taiwanesischem Slang.
 
 
 
Frau Qi sagte zu Liu Baogui: Schauen Sie sich den alten Ma an – auf einmal der große Herr!
 
 
 
Xiao Gezi sah das anders: Was existiert, hat seine Berechtigung.
 
 
 
Als er hörte, dass der alte Ma ihn suchte, rannte Xiao Gezi nach oben und klopfte – doch der alte Ma war nicht da.
 
 
 
Abends kam Ma Yan in einem weißen Kleid nach Hause, Model-Gang. Xiao Gezi eilte ihr entgegen.
 
 
 
Im Pseudo-Taiwanesisch rief er: „Wow, Ma Yan, du siehst super aus!"
 
 
 
Ma Yan legte den Kopf schief und antwortete ebenfalls taiwanesisch: „Lass das!"
 
 
 
„Dein Kleid ist wunderschön!"
 
 
 
Xiao Gezi griff nach dem Stoff, Ma Yan wich aus – doch er hinterließ einen Fingerabdruck.
 
 
 
„Nervig!", Ma Yan stampfte mit dem Fuß auf, und ihr Dalian-Dialekt kam zurück.
 
 
 
Xiao Gezi merkte, dass Schmeichelei nicht zog, und begann, ihr wortreich von seinem Direktvertrieb zu erzählen.
 
 
 
„Dein Vater sucht mich schon seit Tagen."
 
 
 
„Verkaufen? Bei uns im Hotel kommen ständig Leute zum Verkaufen."
 
 
 
„Nicht verkaufen – Direktvertrieb."
 
 
 
„Direktvertrieb? Was denn?"
 
 
 
„Israelische Diamantringe."
 
 
 
Ma Yan lächelte geheimnisvoll und ging weiter. Xiao Gezi blieb hartnäckig dran.
 
 
 
Zu Hause öffnete Ma Yan ein elegantes Schmuckkästchen und hielt es Xiao Gezi beiläufig unter die Nase. Darin funkelte und glitzerte es – Xiao Gezi staunte.
 
 
 
Ma Yan sagte: „Spar dir die Mühe."
 
 
 
Danach gab Xiao Gezi den Versuch auf, den alten Ma anzuwerben, und wich ihm aus. Je mehr er auswich, desto neugieriger wurde der alte Ma. Eines Abends stellte er Xiao Gezi. Xiao Gezi sagte: „Ich weiß, du willst mitmachen, aber ich habe kein Kontingent mehr." Der alte Ma war verblüfft – für Direktvertrieb brauchte man ein Kontingent? Xiao Gezi sagte: „Die Firma hat zwar keine Begrenzung, aber ich habe mir selbst eine gesetzt – und die ist für diesen Monat erfüllt." Der alte Ma sagte: „Dann mach für deinen Onkel Ma eine Ausnahme." Xiao Gezi tat, als sei es ihm unangenehm: „Eine Ausnahme könnte ich schon machen – aber wenn Ma Yan dagegen ist?" Der alte Ma sagte: „Ich bin ihr Vater, sie hat mir nichts zu sagen." Xiao Gezi sagte: „Mir hat sie aber sehr wohl was zu sagen." Der alte Ma sagte: „Einfach nicht erzählen." Xiao Gezi zögerte und stimmte schließlich widerwillig zu.
 
 
 
Neben dem alten Ma hatte Xiao Gezi auch Cui Pangzi im Visier, doch der war zum Einkauf in den Süden gefahren und nicht zurückgekommen. Im Wohnblock ging das Gerücht um, Cui Pangzis Frau habe eine Vermisstenanzeige erstattet, weil er nach drei Wochen immer noch nicht zurück war.
 
 
 
Eines Tages klopfte Xiao Gezi wieder bei Cui Pangzi, und Frau Qi sah ihn aus dem Erdgeschoss.
 
 
 
Frau Qi kniff die Augen zusammen: „Ich weiß, wo Cui Pangzi ist."
 
 
 
„Wo?"
 
 
 
„Bestimmt im Ausland … Der tut nur so, als wäre er geschäftlich unterwegs. Wahrscheinlich hat er sein Geld längst ins Ausland geschafft und lebt dort in Saus und Braus."
 
 
 
„Woher wissen Sie das?"
 
 
 
„Ach, die kleinen Tricks der Jungen … Ich rieche am Hintern eines Schafes, wie viele Köttel es macht."
 
 
 
„Aber warum sollte er heimlich ausreisen?"
 
 
 
Frau Qi deutete mit dem Kinn nach oben.
 
 
 
Xiao Gezi hielt sich den Mund zu und lachte.
 
 
 
Frau Qi blieb ernst: „Geld ist ein Messer, das ohne Blut tötet."
 
 
 
Ermutigt durch den alten Ma, ließ Xiao Gezi keinen Nachbarn im Wohnblock aus. Er sah es sogar als Wohltat – natürlich war er selbst der größte Profiteur.
 
 
 
Er nutzte die Gelegenheit, um auch Frau Qi anzuwerben: ein bisschen Geld für die Altersvorsorge. Als er merkte, dass sie nachdenklich wurde, folgte er ihr in die Wohnung und redete endlos auf sie ein. Schließlich sagte Frau Qi: „Klingt gut, aber ich habe nicht so viel Geld."
 
 
 
„Dann leih dir welches – in ein paar Monaten ist es wieder drin."
 
 
 
Frau Qi sagte: „Mein ganzes Geld habe ich Xu Zhentong geliehen – da gibt es nichts mehr zu leihen."
 
 
 
Eines Abends traf Xiao Gezi Cui Pangzis Frau vor dem Wohnblock. Sie war modisch gekleidet und verströmte starkes Parfüm. Xiao Gezi dachte: Die weiß bestimmt, wo Cui Pangzi ist – sonst wäre sie nicht so unbekümmert.
 
 
 
„Hallo Schwägerin – ist Cui Pangzi lange nicht da gewesen? Ist er verreist?"
 
 
 
„Er kauft im Süden Autoteile ein."
 
 
 
„Wann kommt er zurück?"
 
 
 
„Weiß ich nicht … Suchst du ihn?"
 
 
 
„Ich habe ein gutes Geschäft und wollte es ihm vorschlagen."
 
 
 
„Wenn es so gut wäre, hättest du es längst selbst gemacht."
 
 
 
„Wir sind doch zusammen aufgewachsen – da lässt man den Nachbarn nicht außen vor."
 
 
 
„Was für ein Geschäft?"
 
 
 
Xiao Gezi erzählte begeistert vom Direktvertrieb.
 
 
 
„Ich habe davon gehört – man verdient schnell. Warten wir, bis er zurück ist."
 
 
 
Xiao Gezi sagte: „Wer weiß, wann das ist – je früher, desto besser, Zeit ist Geld."
 
 
 
Cui Pangzis Frau sagte: „Aber ich habe auch nicht genug Geld."
 
 
 
„Wie viel fehlt?"
 
 
 
„Vielleicht ein-, zweitausend."
 
 
 
„Bei eurem großen Geschäft – im Laden zusammenkratzen reicht bestimmt."
 
 
 
„Ich schaue morgen mal im Laden nach."
 
 
 
Xiao Gezi freute sich und fragte nach der Marke ihrer Kleidung. Cui Pangzis Frau sagte: „Weiß ich nicht – alles in ausländischen Buchstaben." Xiao Gezi sagte: „Schwägerin, du siehst aus wie eine feine Dame."
 
 
 
Cui Pangzis Frau lächelte kurz und ging nach oben. Auf der zweiten Etage drehte sie sich nochmals um: „Hast du morgen Vormittag Zeit? Nimm mich mit zu dem Laden, wo ihr die Sachen verkauft."
 
 
 
Nicht nur Xiao Gezi – auch Meizi, die auf den Geschmack gekommen war, warb überall Leute an. Im Übungsraum erzählte sie Lehrer Qiao begeistert vom Direktvertrieb. Lehrer Qiao fragte: „Hast du dort eingekauft?" – „Ja." Er lächelte erstarrt. Meizi erzählte ihm von ihren Unterkunden und der Monatsprovision.
 
 
 
„Du hast wirklich Geld bekommen?"
 
 
 
„Ja."
 
 
 
„Aber das Geld steckt jetzt im Ring, nicht in der Geige?"
 
 
 
„Gerade weil ich die Geige so schnell wie möglich will, mache ich das alles."
 
 
 
„Kann ich irgendwie helfen?"
 
 
 
„Nicht mir helfen – dir selbst. In ein paar Monaten ist das Kapital drin, und danach sitzt du da und wartest aufs Geld – mehr als dein Gehalt."
 
 
 
Lehrer Qiao sah Meizis todernsten Gesichtsausdruck und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Meizi blickte auf und fand, dass Lehrer Qiao sehr weiße Zähne hatte.
 
 
 
In jener Zeit schleppte Xiao Gezi Meizi bei jeder Gelegenheit zum Netzwerken: Herr Zhang hier, Frau Wang dort, Herr Li, Herr Zhao – lauter „Bosse". Überall wimmelte es von „Geschäftsleuten": „Wirf einen Stein in die Menge – neun von zehn sind Bosse, der zehnte ist stellvertretender Geschäftsführer." Ob echt oder falsch, groß oder klein, sei dahingestellt. Bei den Geschäftsessen war für Meizi das Schlimmste der Alkohol. Ihr Arzt hatte ihr verboten, in der Schwangerschaft zu trinken, und daran hielt sie eisern fest. Xiao Gezi ließ sie Wasser statt Wein trinken.
 
 
 
An einem Freitagabend bestellte Xiao Gezi Meizi zu einem Abendessen – mit einem Hongkonger und einem Taiwaner. Meizi sagte, sie fühle sich unwohl. Xiao Gezi bestand darauf, und am Ende ging sie mit.
 
 
 
Das Bankett fand im „Manjianhong" statt, einem ehemaligen Kulturhaus – hohe Decken, großer Saal, Bühne mit Livemusik. Neben dem Taiwaner Herrn Lin, dem Hongkonger Herrn Pan und dem Geschäftsmann Herrn An mit seiner Sekretärin dachten zunächst alle, Meizi sei Xiao Gezis Freundin. Xiao Gezi stellte sie als „Assistentin, Fräulein Mei" vor. Herr Lin fand den Namen „wunderschön", Herr Pan starrte Meizi an. Anfangs verlief alles gesittet, doch als die Musik lauter wurde, die Stimmung stieg und die Gläser kreisten, wurde Meizi zum Trinken gedrängt. Herr Pan entdeckte, dass Meizi Wasser trank, und schüttete ihr Schnaps ein. Xiao Gezi sprang ein und trank für sie. Doch Herr Pan ließ nicht locker und zwang Meizi zum Anstoßen. Meizi nahm einen Schluck, behielt ihn aber im Mund, ohne zu schlucken. Herr Pan bemerkte es und forderte sie auf, den Mund zu öffnen. Schließlich musste sie schlucken und verschluckte sich hustend. Die Männer lachten.
 
 
 
Meizi saß gekränkt da, und langsam traten ihr Tränen in die Augen. Die anderen tranken weiter, immer lauter. Irgendwann verschwanden Herr Lin und Herr Pan. Herr Lin fand sich unter dem Tisch, aber Herr Pan war weg. Xiao Gezi suchte ihn in der Toilette – vergebens. Plötzlich stand der rotwangige Herr Pan auf der Bühne. Hinter einem ausländischen Sänger machte er lächerliche Striptease-Bewegungen mit seinem Gürtel. Das Publikum tobte.
 
 
 
Meizi verließ still das Spektakel und kam um neun Uhr abends im Wohnblock an. Liu Baogui war überrascht: „Was ist schon wieder passiert?"
 
 
 
„Nichts."
 
 
 
„Warum so spät?"
 
 
 
„War mit Xiao Gezi bei einer Veranstaltung."
 
 
 
„Wo ist er?"
 
 
 
„Noch im Hotel – der kommt wohl nicht mehr."
 
 
 
Aus dem Hinterzimmer trat eine fremde Frau.
 
 
 
Meizi sah Liu Baogui an.
 
 
 
Liu Baogui sagte: „Deine Cousine – erkennst du sie nicht?"
 
 
 
„Cousine?"
 
 
 
„Vom Onkel zweiten Grades – Xiumei."
 
 
 
„Hongmei? Erkennst du mich nicht?", begrüßte Xiumei sie herzlich. „Ich bin Xiumei – als Kinder haben wir zusammen auf einem Esel geritten, und du hast dir vor Angst in die Hose gemacht."
 
 
 
Meizi konnte sich nicht erinnern, in die Hose gemacht zu haben – falls doch, war es vor dem sechsten Lebensjahr gewesen.
 
 
 
Cousine Xiumei kam vom Berggipfeldorf und hatte einen Korb Äpfel mitgebracht. Sie war wegen eines Arztbesuchs in der Stadt. Immerhin hatte sie nicht eigenmächtig Liu Baoguis Bruder gleich mitgebracht. Sie erzählte, ihr Vater könne kaum noch laufen, und sein Urin enthalte Blut. Die Familie habe beschlossen, dass er in ein richtiges Stadtkrankenhaus müsse – und dafür brauchte man Liu Baogui.
 
 
 
Als Xiumei kurz im Hinterzimmer war, flüsterte Meizi Liu Baogui zu: „Hört das denn nie auf?"
 
 
 
Liu Baogui seufzte: „Was soll man machen mit dieser Verwandtschaft?"
 
 
 
Xiumei kam zurück und drückte Meizi einen Guoguang-Apfel in die Hand.
 
 
 
„Heutzutage pflanzen alle Fuji – Guoguang ist selten geworden … Hier, der stammt von dem Baum, den deine Tante damals bei ihrem Besuch gepflanzt hat."
 
 
 
Meizi nahm den Apfel und drehte ihn in der Hand.
 
 
 
Liu Baogui fragte: „Wie kommst du heute Abend nach Hause?"
 
 
 
Meizi dachte: Vater will mich loswerden.
 
 
 
Meizi sagte: „Keine Sorge – ich rufe gleich Dalin an, er soll mich abholen."
 
 
 
 
 
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