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| − | = Kapitel 13: Der Geschmack der Äpfel =
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| − | Liu Baogui war nach Shanding-Dorf gezogen, und zwar nicht allein, sondern mit Bianbian und seinem ganzen Hausstand. Als er ankam, bezog er zunächst das Nachbarhaus bei Xiao Gezi. Sobald Xuefang davon erfuhr, lief sie sofort hinüber, um ihn abzuholen.
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| − | Liu Baogui sagte: „Mir geht es gut bei deinem Onkel, das ist praktisch." Xuefang erwiderte: „Sie meinen also, der jüngste Sohn gehört zur Familie, aber die Enkelin ist eine Fremde, der Sohn steht einem eben näher."
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| − | Liu Baogui sagte: „Das habe ich nicht gemeint."
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| − | „Wenn Sie das nicht gemeint haben, dann kommen Sie mit zu mir."
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| − | Liu Baogui zögerte und sagte: „Bei dir ist alles so schick eingerichtet, da fühle ich mich nicht wohl." Xuefang sagte, was es da nicht Wohlfühlendes gäbe, heutzutage seien doch alle Stadtwohnungen so eingerichtet. Dann fing Xuefang an zu schmeicheln und sagte in befehlendem Ton zu Liu Baogui: „Kommen Sie nun oder nicht?"
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| − | Liu Baogui blieb nichts anderes übrig, als mit Xuefang in die „Pinhong-Residenz" umzuziehen.
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| − | Xuefang führte Liu Baogui herum und erklärte ihm: Die Duschkabine habe keine Türschwelle, hauptsächlich damit man nicht stolpere; die Badewanne sei höhenverstellbar; die Brause habe eine Sitzvorrichtung; der Badezimmerboden sei rutsch- und sturzsicher. Xuefang erklärte und demonstrierte alles zugleich. „Und dann diese Toilette hier -- der Sitz hat Haltegriffe, man muss sich nur leicht bücken, um sich hinzusetzen, und beim Aufstehen haben beide Hände Halt. Haben Sie es nicht bemerkt? Die ganze Einrichtung wurde speziell für Sie entworfen."
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| − | „Meine Beine sind noch flink genug, ich brauche das alles nicht."
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| − | „Das nennt man Vorsorge."
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| − | „Hat so eine Einrichtung nicht viel extra gekostet?"
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| − | „Nicht viel."
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| − | „Du hättest das nicht tun sollen ..."
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| − | „Warum nicht?"
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| − | „Woher konntest du wissen, dass ich herkomme? Selbst jetzt habe ich noch nicht zugesagt."
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| − | Während des ganzen Gesprächs hatte Xuefang mit keinem Wort erwähnt, dass das Haus für Liu Baogui eingerichtet worden war, noch hatte sie erklärt, warum sie ausgerechnet dieses alte Anwesen gekauft hatte -- das Geburtshaus von Liu Baogui. Liu Baogui war nicht dumm; er konnte Xuefangs liebevolle Absicht sehr wohl erkennen.
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| − | Liu Baogui lenkte absichtlich vom Thema ab und sagte zu Xuefang: „So ein altes, baufälliges Haus zu kaufen -- ist das nicht hinausgeworfenes Geld?" Xuefang sagte: „Mit Geld kann man sich kein Glück kaufen, Hauptsache, es fühlt sich im Herzen richtig an." -- „Gibt es eine Eigentumsurkunde? Auf wessen Namen steht sie?" fragte Liu Baogui. Xuefang sagte, es gebe keine Eigentumsurkunde, aber einen Mietvertrag.
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| − | „Ein gemietetes Haus? Und da steckst du Geld in die Renovierung?"
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| − | Xuefang erklärte, ländliche Grundstücke könnten nicht einfach so gehandelt werden, aber eine langfristige Miete unterscheide sich praktisch nicht von einem Kauf. Liu Baogui überlegte und sagte: „Das Haus gehört zu meiner Familie, ich bin hier geboren, eigentlich sollte auch mir ein Anteil zustehen." Xuefang sagte: „Klar, dann verlegen Sie doch Ihren Wohnsitz zurück hierher, melden sich als Landbevölkerung an -- dann wäre das wirklich eine Rückkehr zu den Wurzeln."
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| − | Liu Baogui verdrehte die Augen und sagte nichts.
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| − | Bianbian kam angelaufen, sprang vor Xuefang hin und her und hinterließ schwarzgraue Pfotenabdrücke auf ihrem weißen Kleid.
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| − | Liu Baogui sagte: „Eigentlich hatte ich gar nicht vor, nach Shanding-Dorf zu kommen -- es war wegen Bianbian. Die Stadtverwaltung hat jemanden geschickt, der mir sagte, Bianbian sei ein Großhund und dürfe in der Stadt nicht gehalten werden. Bianbian zu dir zurückzubringen, das konnte ich nicht übers Herz bringen, also bin ich mit ihm hergekommen, um es ein paar Tage auszuprobieren."
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| − | Xuefang lachte und sagte: „Wunderbar, hier muss Bianbian nicht angebunden sein und kann frei überall herumrennen."
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| − | Doch unerwarteterweise verschwand Bianbian, kaum dass er seine Freiheit erlangt hatte. Man suchte rund ums Haus, doch von Bianbian fehlte jede Spur. Xuefang mobilisierte die Dorfnachbarn, ebenfalls ohne Ergebnis. Dass Bianbian verschwunden war, versetzte Liu Baogui in große Aufregung; zwei Nächte schlief er schlecht. Liu Baogui bat Xiao Gezi, sich etwas einfallen zu lassen. Xiao Gezi mochte eigentlich keine Hunde, doch auf Liu Baoguis Drängen fuhr er mit seinem dreirädrigen Motorrad zwei Runden um den ganzen Berghügel -- ebenfalls ohne Erfolg.
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| − | Xuefang sagte zu Liu Baogui: „Sie haben dem Onkel wirklich viel zugemutet. Ich weiß, dass er Hunde ziemlich verabscheut."
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| − | Liu Baogui sagte: „Er mag keine Hunde, aber Hundefleisch isst er gern."
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| − | Xuefang zuckte innerlich zusammen.
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| − | Gerade als alle vor Sorge fast die Hoffnung aufgegeben hatten, kehrte Bianbian am Morgen des dritten Tages von selbst zurück -- und brachte obendrein zwei Bergziegen mit. Alle waren verblüfft, denn in Shanding-Dorf hielt niemand Bergziegen. Woher hatte Bianbian die Ziegen getrieben? Noch erstaunlicher fand Xuefang, dass Bianbian bei ihr aufgewachsen war, dann in die Stadt gezogen und nie Gelegenheit gehabt hatte, mit Bergziegen in Kontakt zu kommen, geschweige denn dafür ausgebildet worden wäre -- hatte sich etwa die Border-Collie-Hälfte seiner Gene gemeldet?
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| − | Liu Baogui schalt Bianbian liebevoll und sagte dann zu Xuefang: „Lass deinen Onkel sofort den Besitzer der Ziegen ausfindig machen, bevor das noch großen Ärger gibt."
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| − | Xuefang murmelte vor sich hin: „Gene sind wirklich unglaublich mächtig, man kann sie nicht einfach nach Belieben verändern."
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| − | „Was murmelst du da?"
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| − | „Nichts", sagte Xuefang.
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| − | Am fünften Tag, den Liu Baogui in der Pinhong-Residenz verbrachte, kam der erste Schnee des Frühwinters. Schneeflocken wirbelten herab, doch es war kein starker Fall, der Schnee bedeckte die Erde gerade so eben.
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| − | Shijun kam mit dem Auto vorbei und holte aus dem Kofferraum einen Sack, in dem sich etwas bewegte. Shijun sagte: „Ich bringe dem Urgroßvater eine Gans. Bei uns ist es Brauch: An Schneetagen gibt es Gans aus dem Eisentopf."
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| − | Xuefang schaute etwas ratlos auf die Gans im Sack. Shijun sagte, wenn sie nicht wisse, wie man sie zubereite, komme er später vorbei und helfe. Xuefang sagte, das Problem sei vor allem, dass sie nicht wisse, wie man eine Gans schlachte ... „Macht nichts, mir ist gerade etwas eingefallen." Xuefang dachte an Xiao Gezi.
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| − | Shijun sagte: „Soll ich sie wieder mitnehmen und sie fertig geschmort bringen? Der kleine Nachteil wäre, dass ein eingepacktes Gericht nicht dieselbe Atmosphäre hat und auch geschmacklich leidet." Xuefang sagte: „Gleich kommt mein Onkel zurück, der kann das."
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| − | Xiao Gezi kam nach Hause und hatte die Gans im Handumdrehen geschlachtet. Doch dann stand auch er ratlos da -- er wusste nicht, wie man das Gefieder rupfte.
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| − | Xuefang saß daneben und suchte im Internet nach der Zubereitungsweise für geschmorte Gans. Sie erklärte Xiao Gezi: Das Geheimnis bestehe darin, die Gans zuerst mit Kandiszucker bei mittlerer Hitze anzubraten, dann Frühlingszwiebeln, Ingwerstücke, Sternanis, Reiswein und weitere Gewürze hinzuzugeben; beim Schmoren müsse man regelmäßig umrühren, damit nichts am Topfboden anbrenne; nach einer Stunde gebe man gewaschenes Sauerkraut hinzu, gieße heißes Wasser auf, salze, bringe alles bei starker Hitze zum Kochen und lasse es dann bei kleiner Flamme weich schmoren.
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| − | Xiao Gezi sagte: „Schmoren kann ich, aber rupfen konnte ich noch nie."
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| − | Xiao Gezi rief Yaohua an und bat sie, zum Helfen herüberzukommen.
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| − | Mittags ging Xuefang Liu Baogui zum Essen holen. Er stand im Gemüsegarten am östlichen Hausende. Xuefang rief ihn zweimal, bevor er sich umwandte. Liu Baogui sagte: „Früher gab es hinter dem Haus einen kleinen Fluss, der das ganze Jahr über Wasser führte. Gänse und Enten schnatterten darin herum, und ich habe im Gras nach verlorenen Eiern gesucht."
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| − | Xuefang sagte: „Dieser Fluss hat seinen Lauf geändert."
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| − | Liu Baogui fragte: „Wohin?"
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| − | Xuefang sagte: „Das weiß ich auch nicht."
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| − | Liu Baogui sagte: „Er hat seinen Lauf nicht geändert, er ist verschwunden. Der kleine Fluss ist versiegt, und ich bin alt geworden."
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| − | Xuefang lachte und sagte: „Großvater, Sie sind doch nicht alt! Heutzutage gibt es dank des wissenschaftlichen Fortschritts jede Menge Menschen über hundert, das ist überhaupt nichts Besonderes mehr."
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| − | Liu Baogui sann eine Weile nach und fragte: „Kann der kleine Fluss wiederkommen?"
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| − | „Ja, ganz bestimmt", sagte Xuefang.
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| − | Beim Essen kam Taozu vorbei, zog Xuefang nach draußen und fragte: „Lao Yan will ein Festessen ausrichten, hat er dir davon erzählt?" Xuefang nickte und sagte, Lao Yan habe es beiläufig erwähnt, aber der Termin stehe wohl noch nicht fest. Taozu sagte, doch, er sei festgelegt: übermorgen. „Warum will Lao Yan denn ein Festessen geben?" fragte Xuefang.
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| − | Taozu sagte: „Ja eben, warum? Das ist zum Lachen -- vor ein paar Tagen hat er sich in der Gemeindeklinik ein Grützbalg entfernen lassen, und jetzt will er ein ‚Genesungsbankett' veranstalten."
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| − | „Er hat sich ein Grützbalg entfernen lassen? Davon wusste ich gar nichts."
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| − | „Keine große Sache, vormittags rausgeschnitten, nachmittags konnte er schon wieder arbeiten."
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| − | „Im Obstgarten hat er mir nie etwas von einem Grützbalg erzählt."
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| − | „Er sagt, er hatte eins am Hintern, schon seit Jahren, so groß wie ein Hühnerei."
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| − | „Wegen eines Grützbalgs ein Festessen -- das ist wirklich zum Schreien."
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| − | Taozu sagte: „Eben! Er sucht einfach eine Gelegenheit, um Geschenkgeld einzusammeln." Xuefang sagte: „Ich verstehe, Lao Yan hat wahrscheinlich schon lange kein Festessen mehr gegeben; immer nur Geld für anderer Leute Feiern rauszurücken ist ja auch keine Dauerlösung, also will er die Bilanz mal in die andere Richtung ausgleichen, oder?" Taozu sagte: „Sieh dir den Schlaumeier an, mit seinem verkniffenen Gesicht -- aber sein Abakus im Kopf klappert wie verrückt."
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| − | Taozu riet Xuefang, nicht zu Lao Yans Festessen zu gehen. Xuefang fragte warum. Taozu sagte, Lao Yan habe sie diesmal nicht mit der „Komplettversorgung" beauftragt. Xuefang verstand: Sie solle nicht gehen, weil er Taozu als Cateringservice übergangen hatte. Xuefang sagte, wenn er sie nicht beauftrage, dann eben nicht, bei so vielen Aufträgen von anderen Leuten komme es auf einen mehr oder weniger nicht an. Taozu sagte, wenn andere sie nicht beauftragten, störe sie das nicht. Aber sie behandle Lao Yan normalerweise gut, die beiden Familien stünden sich nahe -- und woran zeige sich eine enge Beziehung? Daran, dass man füreinander da sei. In schwierigen Zeiten komme er zu ihr, aber wenn es etwas Schönes gebe, vergesse er sie -- sei das etwa anständig?
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| − | „Soll ich mal mit ihm reden?"
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| − | „Nicht nötig, ich habe ihn schon selbst darauf angesprochen."
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| − | „Ihm die Meinung gesagt?"
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| − | „Und weißt du, was er gesagt hat? Er hat allen Ernstes behauptet, mein Essen schmecke nicht!" Bei diesen Worten brach Taozu in Tränen aus.
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| − | Xuefang tröstete Taozu: Schon gut, schon gut, über Geschmack lasse sich bekanntlich nicht streiten, ob es schmecke oder nicht, entscheide nicht Lao Yan allein, und ein Festessen mehr oder weniger mache für sie keinen Unterschied.
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| − | „Wie, keinen Unterschied? Diesen Monat ist das Geld für die Nachhilfe meines Kindes noch nicht bezahlt!"
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| − | Xuefang sagte: „Ich hätte nicht gedacht, dass auch du knapp bei Kasse bist. Wie wäre es, wenn du ab und zu in den Xitang-Obstgarten kommst und mithilfst? Zwar wird dort hauptsächlich mit Großgeräten gearbeitet, aber es gibt auch Kleinigkeiten zu tun. Ich bezahle dich tageweise."
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| − | Taozu sagte: „Geld ist das eine, aber hauptsächlich bin ich wütend. Dass er mich übergangen hat, war schon schlimm genug, und dann behauptet er auch noch, mein Essen schmecke nicht! Das ruiniert doch meinen Ruf! So eine hübsche Frau wie ich -- wie kann mein Essen da nicht schmecken? Allein mein Anblick ist doch schon ein Augenschmaus!"
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| − | Xuefang musste laut lachen. Insgeheim dachte sie: Wer hätte gedacht, dass auch Taozu ein solches Selbstvertrauen besitzt!
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| − | Taozu hob den Kopf, die Tränen hingen noch an ihren unteren Wimpern, und fragte Xuefang ganz ernsthaft: „Stimmt das etwa nicht?"
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| − | Xuefang fuhr zurück in die Stadt zu Meizi. Meizi war gerade dabei, Apfelessig herzustellen.
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| − | „Wie kommt es, dass du da bist?"
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| − | „Bin ich nicht willkommen?"
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| − | „Doch, aber du hättest dich ankündigen sollen."
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| − | „Muss ich mich ankündigen, wenn ich nach Hause komme?"
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| − | „War das nicht deine eigene Regel? Man müsse Grenzen wahren."
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| − | Xuefang sagte grinsend: „Stimmt, Mama, du hast dich sehr verändert. So können wir viel leichter miteinander reden."
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| − | Meizi sagte: „Schmeichle mir nicht, ich habe mich überhaupt nicht verändert."
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| − | „Ach nein?" sagte Xuefang. „In letzter Zeit hast du mir gegenüber kaum noch deine Standardsprüche losgelassen."
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| − | „Ich habe Standardsprüche?"
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| − | „Und ob! So was wie ‚Ich meine es doch nur gut mit dir', ‚Ich spreche aus Erfahrung', ‚Wer nicht auf die Alten hört, dem steht das Unglück bevor' ..."
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| − | „Ist das jetzt ein Lob oder ein Seitenhieb?"
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| − | Xuefang lachte, ging zu Meizi und klopfte ihr freundschaftlich auf den Rücken: „Mama hat wirklich geschickte Hände. Komm, zeig mir, wie man Apfelessig macht."
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| − | Meizi musterte Xuefang, befand, dass kein Spott gemeint war, und reichte ihr das Glasgefäß: „Hier, halt das."
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| − | Xuefang nahm es entgegen.
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| − | „Halt es gut fest!"
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| − | Meizi erklärte Xuefang: Vor der Herstellung müsse man die Äpfel mit Salz abreiben, um Schmutz und Fruchtwachs von der Schale zu entfernen, dann die Schale an der Luft trocknen lassen, die Äpfel entkernen und in dünne Scheiben schneiden. Dann lege man sie schichtweise in das zuvor mit kochendem Wasser ausgespülte Glasgefäß, immer abwechselnd eine Schicht Apfelscheiben und eine Schicht Kandiszucker, bis zum Rand, den restlichen Zucker obendrauf. Dann gieße man Reisessig darüber, bis die Apfelscheiben bedeckt seien. Zum Schluss den Deckel aufsetzen, die Öffnung mit Frischhaltefolie umwickeln und bei Zimmertemperatur mindestens drei Monate stehen lassen, bis alle Äpfel gelbbraun und schrumpelig seien und im Essig schwämmen und der Essig selbst klar und goldgelb werde. Vor dem Trinken müsse man ihn zweimal durch mehrere Lagen Gaze filtern. Xuefang hörte zu und runzelte leicht die Stirn; diese winzige Regung entging Meizi nicht. Meizi sagte: „Was ist, findest du, dass ich zu viel rede?"
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| − | Xuefang schüttelte den Kopf. Tatsächlich war es nicht Meizis Erklärung, die sie störte, sondern die Musik im Wohnzimmer -- es lief eines von Meizis Lieblingsliedern. Auch andere Lieder, die Meizi mochte, gefielen Xuefang nicht. Xuefangs Abneigung rührte nicht etwa von einer kulturellen Generationenkluft zwischen Mutter und Tochter her, sondern von ihrem Widerwillen gegen den Inhalt der Liedtexte. Texte über Demütigung und Opferbereitschaft in der Liebe -- Xuefang fand das alles Ausdruck einer unterwürfigen Jammermentalität.
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| − | Xuefang sagte: „Mama, ich habe dir ein Parfüm mitgebracht. Es duftet nach Äpfeln."
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| − | „Es gibt Parfüm mit Apfelduft?"
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| − | „Ja, ich habe es extra sorgfältig ausgesucht." Dieser Duft war dezent, frisch und süß-knackig wie ein Apfel, als befände man sich mitten im Obstgarten, und man sah die Äpfel im Lichtschein schaukeln.
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| − | „Woher willst du wissen, dass ich Apfelduft mag?"
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| − | „Letztes Mal, als du zum Pflücken im Obstgarten warst, hast du gesagt, Äpfel riechen wunderbar."
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| − | Meizi schwieg. Sie hätte nicht gedacht, dass Xuefang sich an eine so beiläufig hingeworfene Bemerkung erinnerte.
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| − | Xuefang erklärte, die Hauptbestandteile des Apfelaromas seien Ester, Aldehyde, Alkohole und Terpene; bisher seien über 350 flüchtige Aromaverbindungen nachgewiesen worden, die Mehrzahl davon Ester, ein kleinerer Teil Alkohole und Aldehyde.
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| − | Meizi sagte: „Ich habe gehört, es gibt ein Giftgas, das nach Äpfeln riecht -- ist das ein Ester oder ein Alkohol?" Xuefang sagte, damit habe sie sich nicht beschäftigt. Meizi sagte, angeblich röchen die Atemgase von Diabetikern mit Ketoazidose nach faulen Äpfeln.
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| − | „Mama, du weißt wirklich eine Menge."
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| − | „Apfelduft mag ich schon, aber wenn du mich nach meinem absoluten Lieblingsduft fragst -- das wäre immer noch der von Rosen."
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| − | „Dann bringe ich dir nächstes Mal ein Rosenparfüm mit."
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| − | „Wirf das Geld nicht zum Fenster hinaus ... Sag mal, wie viel Geld hast du bis jetzt insgesamt in den Obstgarten gesteckt?"
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| − | „Über zwei Millionen."
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| − | „Wie viel?"
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| − | „Über zwei Millionen."
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| − | „Ich habe gehört, ein Obstgarten von tausend Mu kostet keine neunhunderttausend -- wo verschwindest du das ganze Geld?"
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| − | „Das kann man nicht vergleichen, ich investiere in einen modernen Obstgarten."
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| − | „Bei so einer riesigen Investition -- kann man das mit dem Verkauf von Äpfeln wieder reinholen?"
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| − | „Man muss langfristig denken."
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| − | „Wenn es schiefgeht, ist das ein gewaltiges Loch."
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| − | „Ein Verlust wäre auch nichts Ungewöhnliches."
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| − | „Red mir nicht nach dem Mund. Wenn es wirklich schiefgeht, reicht unser ganzes Hab und Gut nicht, um das auszugleichen."
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| − | Xuefang sagte: „Mach dir keine Sorgen, ich werde dich nicht in den Ruin treiben."
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| − | „Ich sage dir, selbst wenn die Göttin Nüwa persönlich käme, könnte sie ein so großes Loch nicht stopfen."
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| − | Shijun hatte Xuefang mehrfach gebeten, den Newton-Apfelgarten in der Stadt besichtigen zu dürfen. Erst als die Erde gefroren und die Obstbäume in den Winterschlaf gefallen waren, konnte sein Wunsch erfüllt werden. Fernüberwachung war Shijun nicht fremd; seit er Dorfvorsteher war, hatte er an einem digitalen Dorf gearbeitet und ein erstes Monitoring für Waldbrandschutz, Hochwasserschutz an Stauseen und Verkehrssicherheit aufgebaut. Doch dass solche Technik bis in die konkrete Obstproduktion hineinreichte, hatte er noch nie gesehen.
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| − | Zu dieser Jahreszeit ruhte der Newton-Apfelgarten in Shanding-Dorf, doch die digitalen Geräte arbeiteten weiter. Xuefang schaltete den großen Bildschirm ein: Über tausend Mu Obstgarten waren auf einen Blick zu überblicken. Zuerst fielen die zusammengestellten Maschinen ins Auge -- Allradmäher, Raupenfräsen, Kleinfräsen, Sprühmaschinen und andere Kleingeräte. Na und? Bloß eine Überwachungsanlage, dachte Shijun. Doch im Handumdrehen erschienen allerlei Daten: Bodentemperatur 2 °C, Luftfeuchtigkeit 45 %, Windstärke 3, dazu aktuelle Windrichtung, Windgeschwindigkeit, Lichtintensität und mehr. Xuefang erklärte Shijun, dass man während der Vegetationsperiode mithilfe von landwirtschaftlichen Messstationen, einem Mikrowetter-Onlinemonitoring, einem Bodenfeuchte-System und einem Schädlingsüberwachungssystem eine digitale Plattform aufbauen könne, die Datenerfassung, Anbauberatung, Schädlingsbekämpfung und intelligente Steuerung in einem vereinige. Xuefang sagte: „Früher verließ man sich auf Erfahrung, heute auf Daten. Im vergangenen Jahr konnten wir Wasser, Dünger und Pflanzenschutzmittel um über 40 Prozent einsparen und pro Mu die Kosten um über 1500 Yuan senken."
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| − | Shijun staunte Bauklötze. Noch mehr beeindruckte ihn Xuefangs Demonstration des Blockchain-Systems. Durch die Verbindung von Internet der Dinge und Blockchain, erklärte Xuefang, könne man die Transformation zur intelligenten Landwirtschaft vorantreiben. IoT-Sensoren sammelten wichtige Daten wie Bodentemperatur und -feuchtigkeit, pH-Wert und Wasserstand, Informationen über Pestizide und Düngemittel, berechneten den benötigten Wasser- und Düngerbedarf samt Kosten und planten den Arbeitskräfteeinsatz zu bestimmten Zeitpunkten. Jeder Baum habe einen „Personalausweis", der nicht kopiert werden könne -- bei Demontage werde er zerstört. Jede auf der Blockchain erfasste Transaktion trage einen Zeitstempel und werde von mehreren Teilnehmern verifiziert, was das Fälschungsrisiko senke. Mit der Blockchain-Technologie könne man für den Agrarhandel Kryptowährungen nutzen, was die Transaktionskosten deutlich reduziere.
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| − | Shijun berichtete, in Shanding-Dorf gebe es 18 bäuerliche Kooperativen, zumeist kleine Obstgärten, mit einer Verarbeitungsquote von weniger als 10 Prozent. Jede Familie dünge anders, bewässere anders, und der Geschmack der Äpfel variiere von Hof zu Hof -- an Skaleneffekte oder Markenbildung sei so nicht zu denken. Zudem seien die Hälfte der vorhandenen Bäume in den 1990er Jahren gepflanzt worden: traditionelle Bewirtschaftung, hoher Arbeitsaufwand, niedrige Erträge, wenig Einkommen -- pro Mu und Jahr weniger als 4000 Yuan Reinerlös. Und die alte Generation der Obstbauern sei mittlerweile zu alt und zu schwach, während Nachwuchs fehle. „Die Obstbäume für die Bauern pflegen und die Bauern im Alter versorgen" -- das sei ein Problem, das ihn umtreibe und quäle. Er überlege, noch vor dem Frühjahr eine Anteilsreform für die Dorfobstgärten durchzuführen und die Bauern zu motivieren, mit ihren Landnutzungsrechten in die Kooperative einzutreten. Xuefang sagte: „Du könntest das Modell ‚Leitbetrieb plus Kooperative plus Bauernhaushalte plus Digitalisierung' einführen. Ich habe vorab kalkuliert: Das neue Modell kann die Arbeitseffizienz verzehnfachen, Wasser, Dünger und Pflanzenschutzmittel um über 20 Prozent senken, den Anteil an Premiumobst auf 80 Prozent steigern und Ferndiagnose, Fernsteuerung und Frühwarnung bei Katastrophen ermöglichen." Shijun rief: „Das ist genau das, wovon ich Tag und Nacht träume! Dann lass bitte den Newton-Garten den Leitbetrieb übernehmen!"
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| − | Xuefang sagte: „Meine Hauptenergie fließt gerade in die Xitang-Salzwiesen. Vor dem Winter werden Wurzelechte Apfelbäume gepflanzt, je zwei bis drei früh-, mittel- und spätreifende Sorten. In der optimalen Zone vor allem spätreifende, in der geeigneten oder akzeptablen Zone vor allem früh- und mittelreifende. Das Unternehmen befindet sich mitten in der Umstrukturierung; ich fürchte, ich werde der Leitbetrieb-Rolle nicht gerecht."
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| − | „Was pflanzt du in Xitang?" fragte Shijun.
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| − | Xuefang sagte: „Frühreifend: Gala-Varianten wie Buckeye und Schneck sowie unsere eigene Neuzüchtung ‚Pinhong'. Mittelreifend: Herzapfel und Zhongqiu-Wang. Spätreifend: Ruixiang-Rot und Velas Gold."
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| − | „So viele hochwertige Sorten! Meiner Meinung nach wären die die erste Wahl für die Erneuerung der kleinen Dorfobstgärten."
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| − | „Wenn etwas schiefgeht, können wir die Verantwortung nicht tragen. Ich will nicht den gleichen Fehler machen wie mein Onkel", sagte Xuefang.
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| − | Shijun sagte: „Du vergisst, dass ich auch noch da bin. Ich werde nichts Unbesonnenes tun. Hab keine Bedenken -- wenn es wirklich losgeht, entscheidet der Dorfausschuss gemeinsam."
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| − | Xuefang zögerte und sagte: „Wie wäre es so: Gib mir ein Jahr Zeit. Wenn die Verpflanzung der Xitang-Äpfel gelingt, führen wir nächsten Herbst das neue Organisationsmodell ein." Shijun sagte: „Wunderbar! Wenn alle sich engagieren und mitmachen und wir stetig vorankommen, dann kann die ländliche Erneuerung wirklich gelingen."
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| − | In diesem Moment klingelte Xuefangs Telefon. Sie schaute auf das Display -- es war Taozu aus Shanding-Dorf.
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| − | Taozu sagte, es sei etwas Schlimmes passiert ... Xuefang eilte nach draußen, um das Gespräch anzunehmen.
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| − | „Was ist los, Schwester Taozu?"
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| − | „Bianbian ist verschwunden."
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| − | „Seit wann?"
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| − | „Gerade war der Urgroßvater bei mir, er sagt, gestern Abend hat er Bianbian schon nicht mehr gesehen. Er dachte, der Hund käme nachts von selbst zurück. Heute Morgen war er immer noch nicht da. Der Urgroßvater hat überall gesucht, den ganzen Vormittag."
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| − | „Wohin kann er gelaufen sein?"
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| − | „Eben bin ich am Krämerladen vorbeigekommen. Ich habe den Geruch von Fleisch gerochen, das in einem großen Eisentopf schmort. Ich habe Yaohua und den Onkel dort beim Kochen gesehen. Ich vermute ..."
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| − | Xuefang wurde augenblicklich weich in den Knien.
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| − | Xiao Gezi bereitete Xuefang schon seit Langem Kummer. Andere Dinge konnte sie noch bekämpfen, Kompromisse eingehen oder dulden -- aber wenn Xiao Gezi in ihrer Abwesenheit Bianbian geschlachtet und gegessen hätte, dann wäre das endgültig eine Grenzüberschreitung.
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| − | Xuefang rief Xiao Gezi an und fragte, was er gerade mache. Xiao Gezi sagte, er sei gerade beim Essen.
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| − | „Hundefleisch, nehme ich an?" sagte Xuefang.
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| − | „Ja, woher weißt du das?"
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| − | „Ist es ... Bianbian?"
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| − | „Ja."
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| − | „Liu Weige, ich teile dir hiermit offiziell mit: Du bist gefeuert!"
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| − | „Warte ..." Xiao Gezi sagte noch etwas, doch Xuefang hörte gar nicht mehr hin.
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| − | Xuefang kauerte sich auf den Boden und weinte in ihr Telefon.
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| − | Nach seiner Entlassung aus dem Apfelgarten verließ Xiao Gezi Shanding-Dorf nicht. Gelegentlich wohnte er im großen Hof neben der Pinhong-Residenz, häufiger jedoch am Xishaner Staudamm. Dort hatte er drei Containerhäuser aufgestellt und mit Solaranlagen ausgestattet. Er fischte, säte Gras und erklärte, er wolle die Stellen, an denen einst Sand abgebaut worden war, komplett mit Grün bedecken.
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| − | An einem milden Winternachmittag ging Liu Baogui mit Xiao Gezi zum Xishaner Staudamm. Als die Rede auf Xuefangs Kündigung kam, beklagte sich Xiao Gezi bitter. Xuefang habe ihm Unrecht getan, ohne ihm zuzuhören. An jenem Tag habe er tatsächlich Bianbians Fleisch gegessen, doch Bianbians Tod habe nichts mit ihm zu tun gehabt. Bianbian sei von einem vorbeifahrenden Lastwagen überfahren worden. Als Xiao Gezi ihn gefunden habe, sei der Kadaver noch warm gewesen. Er habe es für Verschwendung gehalten, ihn einfach zu begraben, und habe ihn daher zum Laden geschleppt, gehäutet, ausgenommen und geschmort.
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| − | „Hast du das Xuefang nicht gesagt?" fragte Liu Baogui.
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| − | „Ich habe es ihr erklärt, aber sie wollte nicht zuhören."
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| − | „Wie, nicht zuhören?"
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| − | Xiao Gezi sagte, Xuefang habe zwar eingesehen, dass die Strafe etwas hart gewesen sei, halte aber daran fest, dass er sich schuldig gemacht habe. Xuefang sage, auch wenn er Bianbian nicht getötet habe, hätte er ihn begraben sollen, anstatt ihn zu essen. „Was ist das für eine Logik?"
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| − | Liu Baogui überlegte und sagte: „Da kann ich dir auch nicht weiterhelfen."
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| − | Xuefang fuhr zum Xishaner Staudamm, um Liu Baogui zu suchen. Neben einem der Containerhäuser traf sie auf Ma Yan, die gerade Bettdecken zum Lüften aufhängte. Ma Yan sah Xuefang lächelnd an, um ihre Augenwinkel lag ein Netz feiner Falten. Ma Yan sagte zu Xuefang: „Äpfel gehören zur Familie der Rosengewächse, Gattung Malus, sind laubabwerfende Bäume und enthalten Apfelsäure, Karotin, Ascorbinsäure, Eisen, Zink, Kalzium und andere für den Menschen lebensnotwendige Stoffe ..."
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| − | Xuefang fragte Ma Yan, woher sie das alles wisse.
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| − | Ma Yan sagte: „Dein Onkel murmelt das jeden Tag vor sich hin. Inzwischen kann sogar ich es auswendig."
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| − | Xuefang fand Liu Baogui nicht; er war bereits in seine Stadtwohnung zurückgekehrt.
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| − | Tage, an denen nur Geld ausgegeben, aber nichts verdient wird, können nicht ewig währen. Drei Monate später spürte Xiao Gezi ganz real die Krise des schwindenden Vermögens. Meizi teilte ihm mit, dass die Geschäftsstelle im nächsten Monat keine Gehälter mehr würde zahlen können.
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| − | Xiao Gezi schickte ein Fax mit einer Geldanforderung an den Hongkonger Boss Wu, doch Herr Wu ließ lange auf sich warten und ließ lediglich durch Zhao Liming die Meinung des Vorstands übermitteln: Die Geschäftsstelle solle den Verwaltungsrichtlinien entsprechend arbeiten und sich mit ganzer Kraft dem lokalen Geschäft widmen. In guten Zeiten hatte Xiao Gezi gegenüber Zhao Liming stets ein feines Misstrauen gehegt, aus Furcht, jener könnte ihm den Rang ablaufen -- immerhin wurde das operative Geschäft ganz von Zhao Liming betrieben. Aus Zhao Limings Perspektive war er ohnehin nur nebenberuflich tätig; außer bei geschäftlicher Zusammenarbeit mischte er sich nie in die Führung der Geschäftsstelle ein und kam dort so gut wie nie vorbei. Nun, da Xiao Gezi in Schwierigkeiten steckte, blieb ihm nichts anderes übrig, als Zhao Liming kleinlaut zu umschmeicheln. Zhao Liming blieb sich treu und sagte: „Eine Geschäftsstelle soll der Entwicklungsstrategie der Zentrale dienen. Die Einnahmen aus dem Kerngeschäft müssen selbstverständlich die laufenden Kosten decken; wenn zusätzlich neue Geschäftsfelder erschlossen werden, sind das Mehreinnahmen."
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| − | Xiao Gezi seufzte und sagte: „Theoretisch stimmt das alles, aber die Realität sieht anders aus. Herr Wu hat die Geschäftsstelle bei uns eröffnet, hauptsächlich um einen Fuß in der Tür zu haben. Ich verstehe seine Absicht: Er gibt uns das Firmenschild, wir machen Geschäfte, und er kassiert seinen Anteil."
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| − | „Dann hättest du das von Anfang an klar mit ihm besprechen sollen."
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| − | „Wir haben darüber geredet. Ich dachte damals, erst einmal sein Investment sichern, die Geschäftsstelle aufbauen, und wenn es dann Schwierigkeiten gibt -- wird er ja wohl nicht tatenlos zusehen, wie der Laden untergeht?"
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| − | „Ach, diese Taktik ist längst überholt. Gegenüber einem Kapitalisten funktioniert sie schon gar nicht."
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| − | „Deshalb können wir uns auch nicht allein auf ihn verlassen, oder?"
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| − | „In der Geschäftswelt gibt es kein kostenloses Mittagessen. Man muss auf sich selbst bauen."
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| − | Xiao Gezi verbeugte sich mehrfach vor Zhao Liming: „Danke, Bruder Zhao. Früher hast du mich gefördert, und auch künftig bitte ich um deine Unterstützung. Sei unbesorgt, ich habe absolutes Vertrauen, die Geschäftsstelle zum Blühen zu bringen."
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| − | An jenem Nachmittag hielt Xiao Gezi in der Geschäftsstelle eine Besprechung ab. Sein Redestil erinnerte etwas an die Ansprachen von Funktionären im Fernsehen. Meizi saß daneben und runzelte die Stirn. Lin Xun und Fangfang taten aufmerksam, schauten aber in Wahrheit nur dem Schauspiel zu.
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| − | Xiao Gezi sagte: „Gegenwärtig liegt die Zukunft und das Schicksal unserer Firma in den Händen aller Anwesenden. Wir müssen hart arbeiten, noch härter arbeiten, die gegenwärtige Krise überwinden und mit hervorragenden Ergebnissen der Herausforderung begegnen."
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| − | Dann schielte er zu Meizi. Meizi schielte zurück.
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| − | „Habe ich irgendwo etwas Falsches gesagt?"
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| − | „Alles richtig", sagte Meizi.
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| − | „Und ihr beiden?" fragte Xiao Gezi Lin Xun und Fangfang.
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| − | Beide sagten: „Gut gesprochen, gut gesprochen."
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| − | „Warum klatscht ihr dann nicht?"
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| − | Lin Xun klatschte eilig, Fangfang folgte.
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| − | „Also gut, sagt alle eure Meinung."
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| − | Fangfang schlug vor, man könne Kleidung aus Hongkong importieren und stufenweise an Einzelhändler vertreiben -- das bringe schnelles Geld und binde auch das Mutterunternehmen ein. Xiao Gezi fand das einleuchtend, fürchtete aber das Risiko großer Warenmengen. Mit dem Kleiderhandel hatte er durchaus Erfahrung; er hatte einst auf der Straße damit gehandelt, und die Gewinne waren bei Weitem nicht so rosig gewesen wie erhofft.
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| − | Lin Xun hingegen meinte, man solle ins Aktien- und Termingeschäft einsteigen, ein Drittel des Geschäftsvolumens darauf verwenden -- das liege im vertretbaren Risikobereich. Aktien und Termingeschäfte brächten schnelles Geld und könnten als dynamisches Gegengewicht dienen. Xiao Gezi fand den Gedanken aufregend und meinte, man solle ihn in Betracht ziehen, sorgte sich aber um das nötige Startkapital.
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| − | Meizi äußerte sich nicht. Von Geschäften verstand sie wenig, und vor allem wollte sie nicht, dass Xiao Gezi ihr vorwarf, ihre Kompetenzen zu überschreiten.
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| − | Xiao Gezi hatte ja durchaus Erfahrung aus dem Geschäftsleben, er wusste, wie schwer Geldverdienen war -- doch in diesem schicken Büro hatte er die heißesten Träume. Am Ende der Besprechung schrieb er in sein Notizbuch: Import/Export 1 Million, Kleidung 500.000, Aktien 500.000, Sonstiges 500.000. Allein beim Anblick der Zahlen fühlte er sich prächtig und verkündete vor Feierabend gut gelaunt: „Heute war äußerst ertragreich, ein denkwürdiger Tag. Ich lade euch alle zum Essen ein."
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| − | Gerade als sie aufbrechen wollten, erhielt Meizi einen Anruf vom Empfangsmanager.
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| − | „Ma Yan", flüsterte Meizi und deutete auf den Hörer. „Ma Yan wartet unten in der Lobby auf dich."
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| − | Xiao Gezi winkte ungeduldig ab: „Sag ihr, ich bin nach Hongkong geflogen."
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| − | Meizi wollte nicht für Xiao Gezi lügen, sagte gar nichts und legte einfach auf.
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| − | Xiao Gezi war aus der Stimmung gebracht und verschob das Abendessen von „heute" auf „ein andermal".
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| − | Am nächsten Morgen erschien Xiao Gezi übernächtigt im Büro, trug aber eine auffallend bunte Krawatte und rief erneut zur Besprechung. Die am Vortag besprochenen Projekte benötigten allesamt Kapital, und genau daran mangelte es am meisten. Ohne Kapital war alles leeres Gerede, waren es Luftschlösser. Xiao Gezi bat daher um Ideen, wie man ohne oder mit wenig Geld Geld verdienen könne.
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| − | Das Besprechungsformat war dasselbe. Xiao Gezi notierte erneut: Ausländische Joint-Venture-Einnahmen 500.000, Auslandsreise-Beratung 600.000, Arbeitsvermittlungs-Provision 200.000, Teilnahme an Großveranstaltungen der Stadt 300.000.
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| − | Geschäfte brauchen Kunden -- woher sollten die kommen? Xiao Gezis erster Gedanke war Werbung. In den ersten Tagen nach Erscheinen der Anzeige klingelten tatsächlich viele Telefone, doch echte Geschäftsinteressenten waren in den ersten beiden Tagen rar.
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| − | Eines Tages brachte Lin Xun einen Kunden mit. Der Mann war zwar schlicht gekleidet, hatte aber den Blick eines Menschen, der sich über alle erhaben fühlt. Er stellte sich vor: „Mein Name ist Zhen. Den Gerichtspräsidenten Zhen kennen Sie? Das ist mein älterer Bruder. Den Zollchef Zhen kennen Sie? Mein zweiter Bruder. Und den Vorsitzenden Zhen von der Außenwirtschaftskommission? Mein dritter Bruder. Nennen Sie mich einfach Chef Zhen."
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| − | Einen so gut vernetzten Auftraggeber hatte Xiao Gezi noch nie erlebt; eilig schenkte er Tee ein und bot einen Platz an.
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| − | Der Mann setzte sich, ließ den Blick durch den Raum schweifen, runzelte die Stirn und fragte: „Wie steht es um die Stärke Ihres Unternehmens?"
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| − | Xiao Gezi ließ sich nicht lumpen: „Wir sind ein multinationaler Konzern mit Hauptsitz in Hongkong und Niederlassungen auf der ganzen Welt. Was meinen Sie, wie es um unsere Stärke steht?" Der Mann sagte: „Dann bin ich ja beruhigt." Daraufhin zog Chef Zhen aus einer abgewetzten Aktentasche mehrere Baupläne: „Das hier ist die Wohnsiedlung an der Bihai-Bucht. Kein Geld mehr, soll verkauft werden. Sechshundert pro Quadratmeter -- beim Bau hat es noch über 1200 gekostet, aber zu viele Gläubiger, da muss man eben bluten."
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| − | „Und das hier." Bevor Xiao Gezi auf das erste Angebot reagieren konnte, zog Chef Zhen einen weiteren Plan hervor und ratterte los: „Das Sanierungsprojekt Mondbucht. Ebenfalls aus Geldmangel stillgelegt. Wenn Sie zehn Millionen Yuan einlegen -- natürlich auf ein Bankkonto, kein Risiko, die Zinsen gibt es wie vereinbart. Und das Sanierungsbüro Mondbucht gibt Ihnen zusätzlich zwei Millionen, also 20 Prozent Vermittlungsgebühr. Natürlich ist in diesen 20 Prozent auch mein Anteil enthalten."
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| − | Xiao Gezi war begeistert. Ein solcher Glückstreffer! „Ich habe einfach ein gutes Schicksal!" dachte er. Schon als Kind hatte ihm ein Wahrsager prophezeit, er habe ein gutes Los, in der Not wende sich stets das Blatt. Xiao Gezi beschloss, diesen großen Fisch an der Angel zu halten, und wies Lin Xun sofort an, ein Restaurant zu reservieren -- er wolle Chef Zhen gebührend bewirten.
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| − | Xiao Gezi lud Chef Zhen in ein halbwegs gehobenes Restaurant ein. Dieser schien mit der Wahl nicht ganz zufrieden und bemerkte: „Im Lihua, 22. Stock, schmeckt es besser."
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| − | Xiao Gezi wagte nicht, nachlässig zu sein, und blieb unterwürfig höflich.
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| − | Beim Essen sagte Chef Zhen, er tanze selten, aber bei guter Laune sei er nicht abgeneigt. Xiao Gezi gab Lin Xun sofort ein Zeichen, Chef Zhen zum Tanz zu begleiten. Dieser lehnte erst ab, ließ sich dann aber überreden.
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| − | Nach dem ersten Tanz stießen sie an, und sie besprachen die Gewinnbeteiligung. Chef Zhen bestand auf 50 Prozent und darauf, dass Xiao Gezi vorab etwas Bargeld als Zeichen guten Willens zahle. Xiao Gezi erwiderte, sie seien ein ordentlich registriertes Unternehmen, mehr als 15 Prozent Provision könnten sie nicht geben, und erklärte ausführlich die hohen Betriebskosten und die strengen Firmenregeln.
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| − | Chef Zhen sagte: „Lieber Herr Liu, nach allem, was Sie gesagt haben, und da wir ja Freunde sind -- 30 Prozent, weniger geht nicht. Ganz ehrlich: Die Xingxing-Gruppe hat mir 30 Prozent geboten, und ich habe sie nicht mal eines Blickes gewürdigt."
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| − | Xiao Gezi spürte Verhandlungsspielraum und flüsterte Lin Xun zu: „Schnell, tanz noch mal mit Chef Zhen."
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| − | Während Lin Xun mit Chef Zhen tanzte, wurden dessen Bewegungen zunehmend übergriffig. Nach dem Tanz hatte Lin Xun ein finsteres Gesicht. Chef Zhen hingegen war bestens aufgelegt, erhob sein Glas, trank es in einem Zug leer und sagte: „An deinem Trinkverhalten sehe ich, dass du ein ehrlicher Kerl bist. Also gut: 25 Prozent, weniger brauchen Sie gar nicht erst vorzuschlagen."
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| − | Xiao Gezi freute sich insgeheim, ließ sich aber nichts anmerken: „Mir sind die Hände gebunden, die Firmenregeln sind zu starr." Dabei gab er Lin Xun ein Zeichen.
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| − | Lin Xun saß auf ihrem Stuhl und fächelte sich unwillig mit einem Taschentuch Luft zu. Widerstrebend stand sie auf, schenkte nach, und als sie an Xiao Gezi vorbeikam, flüsterte sie ihm ins Ohr: „Dieser Chef Zhen ist ziemlich aufdringlich."
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| − | Xiao Gezi hielt ihr die Hand ans Ohr: „Das gehört zum Auftrag. Es gibt eine Prämie. Solange ich dabei bin, kann er sich nichts erlauben."
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| − | „Was für Verschwörungen heckt ihr da aus?" fragte Chef Zhen.
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| − | „Nichts weiter", sagte Xiao Gezi grinsend. „Ich habe mit Fräulein Lin besprochen, ob Sie nicht noch ein Gläschen mehr trinken könnten. Fräulein Lin möchte Sie in Schutz nehmen. Chef Zhen hat wirklich Charme!"
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| − | Chef Zhen lachte dröhnend, seine Augen schienen Hände bekommen zu haben, die über Lin Xuns Gesicht wanderten: „Kein Problem! Meine Kapazität: anderthalb Flaschen Schnaps, Bier unbegrenzt."
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| − | Auf Xiao Gezis wiederholtes Drängen hin tanzte Lin Xun weiter mit Chef Zhen, ein Stück nach dem anderen. Chef Zhen triefte vor Schweiß; nach dem Schwitzen trank er noch mehr. Xiao Gezi merkte, dass er Chef Zhen nicht gewachsen war; der Alkohol tropfte ihm zur Hälfte aus den Mundwinkeln.
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| − | Chef Zhen nahm die Siegerpose ein, hob das Glas und sagte: „Du bist mein Mann! Also: 20 Prozent. Ich schenke dir noch mal 5 Prozent -- und 5 Prozent sind keine Kleinigkeit!"
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| − | Xiao Gezis Zunge war schon schwer. Er schwenkte sein Glas und gab den Großkotz: „Ein paar Hunderttausend -- als ob mich das jucken würde." -- „Genau, genau!" rief Chef Zhen. „Was ist Geld? Papier! Ein ganzer Kerl lässt sich nicht von Geld fesseln! Komm, trinken wir weiter!" Xiao Gezi sagte: „Trinken wir, einfach trinken!"
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| − | Die Gläser klirrten, und sie leerten sie in einem Zug.
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| − | „Noch eine Flasche, würde ich sagen", meinte Chef Zhen.
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| − | „Nein!" sagte Xiao Gezi mit glasigen Augen. „Zwei Flaschen! Jeder eine. Wer nicht mittrinkt, ist ein Feigling."
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| − | Lin Xun sagte: „Ich finde, ihr seid beide betrunken. Jetzt bestimme ich: Es bleibt bei dem, was noch in der Flasche ist. Schluss."
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| − | Xiao Gezi lag mit dem Kopf auf dem Tisch und brabbelte vor sich hin, Speichel lief ihm aus dem Mund.
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| − | Chef Zhen sagte zu Lin Xun: „Hab ich doch gesagt, der hält nichts aus. Siehst du, er ist betrunken ... betrunken. Lass ihn sich kurz ausruhen, dann ... dann geht's." Und er zog Lin Xun weiter auf die Tanzfläche.
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| − | Xiao Gezi lag mit dem Kopf auf dem Tisch, Chef Zhen und Lin Xun tanzten daneben, ganz ungestört. Als sie müde waren, setzten sie sich aufs Sofa. Chef Zhen begann unbeholfen, Lin Xun Avancen zu machen. Lin Xun lächelte nur, ohne zu reagieren. Chef Zhens Mut wuchs, sie schoben und schubsten sich, und es gab allerlei Geräusche.
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| − | Das Geschubse und Geschmatze weckten Xiao Gezi. Mit schwerer Zunge rief er nach Lin Xun. Lin Xun kam sofort herüber.
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| − | Xiao Gezi sagte: „Noch eine Flasche!"
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| − | Chef Zhen sagte: „Lass gut sein, du bist betrunken."
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| − | „Ich bin nicht betrunken, du bist betrunken!" Xiao Gezi hob benommen den Kopf und starrte Chef Zhen mit starrem Blick an: „Nur 15 Prozent, mehr geht nicht ..." Chef Zhens Augen wurden groß: „Kein Deal ist kein Deal! Noch einmal: Unter 20 Prozent läuft nichts!" Xiao Gezi sagte: „Dann eben nicht."
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| − | Xiao Gezi stand schwankend auf und torkelte zur Tür. Dort drehte er sich um, kam zurück und deutete Lin Xun an: „Vergiss beim Bezahlen nicht, Chef Zhen zwei Stangen Zigaretten mitzugeben. Kein Geschäft, aber die Freundschaft bleibt."
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| − | Chef Zhen schien von Xiao Gezis Großzügigkeit beeindruckt, biss die Zähne zusammen und sagte: „Na gut, dir zuliebe -- 15 Prozent!" Xiao Gezi lobte Chef Zhens Großherzigkeit und kehrte zurück, um den „Abschluss-Drink" zu nehmen. Danach lag er endgültig auf dem Tisch.
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| − | Lin Xun brachte Chef Zhen hinaus und war über eine halbe Stunde weg. Als sie zurückkam, traute sie ihren Augen nicht -- Xiao Gezi saß seelenruhig auf dem Sofa und aß Wassermelone.
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| − | Lin Xun fragte: „Warst du nicht betrunken?"
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| − | Xiao Gezi brummte: „Geschäfte verhandeln -- verdammt anstrengend!"
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| − | Am nächsten Tag erschien Xiao Gezi erst gegen zehn im Büro und erzählte Meizi begeistert vom gestrigen Coup. Meizi hörte gelassen zu und sagte dann nachdenklich: „Ich habe noch nie gehört, dass es am Gericht einen Präsidenten Zhen gibt."
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| − | „Das muss echt sein! Meine Erfahrung im Entlarven von Fälschungen reicht locker. Ausgeschlossen, dass ..." -- „Absolut ausgeschlossen", sagte Xiao Gezi.
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| − | Meizi griff zum Telefon, rief bei der Gerichtskanzlei an und fragte nach dem Präsidenten Zhen. Die Antwort: Es gebe keinen Präsidenten namens Zhen, weder einen echten noch einen falschen. Auch beim Zoll: kein Zollchef Zhen.
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| − | „Die Außenwirtschaftskommission brauchen wir wohl nicht mehr anzurufen", sagte Meizi.
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| − | Erst jetzt wurde Xiao Gezi kreidebleich. Hastig suchte er Chef Zhens Visitenkarte und wählte die aufgedruckte Nummer. Am anderen Ende sagte jemand, es gebe hier niemanden namens Zhen.
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| − | „Sind Sie nicht die Honglou Handels-GmbH?"
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| − | „Sie haben sich verwählt. Hier ist das Postamt."
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| − | Diesmal war Xiao Gezi wirklich baff. Er saß eine Weile da, dann stieg die Wut in ihm hoch, und er piepste Lin Xun dreimal an.
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| − | Lin Xun kam verschlafen herein und fragte: „Wer piepst mich dauernd an?"
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| − | „Ich!" rief Xiao Gezi aus dem Nebenzimmer.
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| − | Meizi empfing gerade einen durch die Anzeige gewonnenen Kunden und besprach mit ihm eine Patentübertragung. Als sie Lin Xun in der Pose einer Heldin hereinkommen sah, warf sie ihr einen missbilligenden Blick zu.
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| − | „Woher kennst du diesen Chef Zhen?" fragte Xiao Gezi.
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| − | Lin Xun sagte ausweichend: „Was fragst du so viel?"
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| − | „Was ich frage?" Xiao Gezi wurde wütend. „Er ist ein Betrüger!"
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| − | „Betrüger?"
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| − | „Ich habe gerade ermittelt."
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| − | Lin Xun erkannte an Xiao Gezis Blick, was los war, senkte den Kopf und begann leise zu schluchzen: „Ich kenne ihn auch nicht. Er ist auf die Anzeige hin zu uns gekommen."
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| − | Xiao Gezi schnaubte: „Hast du nicht gesagt, er sei dein Kunde?"
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| − | Lin Xun weinte nun laut und hemmungslos, tief gekränkt.
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| − | In diesem Moment drang von draußen Meizis Stimme herein, sie stritt mit dem anderen Kunden. Der brüllte: „Sie haben vielleicht Nerven, mein Patent anzuzweifeln! Mein Patent wurde mir vom UN-Generalsekretär Boutros-Ghali persönlich verliehen! Gestern Abend habe ich noch mit dem russischen Präsidenten Jelzin telefoniert, um die Produktentwicklung zu besprechen ..."
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| − | „Sie haben ein Problem!" sagte Meizi.
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| − | Xiao Gezi stürzte aus dem Nebenzimmer und brüllte: „Verschwinden Sie! Wenn nicht, mache ich Sie fertig!"
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| − | Doch der Mann zeigte nicht die geringste Furcht, lachte laut und rief: „Der Adler fürchtet keinen Sturm, die Kiefer keinen Frost!"
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| − | Xiao Gezi verzerrte das ganze Gesicht -- er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Insgeheim fluchte er: Was für ein Pech! Wieso melden sich alle Betrüger und Verrückten dieser Welt ausgerechnet bei mir?
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| − | Die Akazien vor dem Haus hingen wieder voll weißer Blütenknospen, und man roch bereits ihren zarten Duft. An diesem Morgen ging Liu Baogui wieder in den Botanischen Garten in der Nähe, wo die Pfirsichbäume in voller Blüte standen, um Qigong zu üben. Außer Qigong fand er nichts, womit er sich die Einsamkeit hätte vertreiben können. In dieser Hinsicht beneidete er Xu Zhentong sehr. Lehrer Xu war kaum jünger als er, hatte aber viel zu tun: Vertretungsunterricht, Kalligraphie, Bambus- und Orchideenmalerei. Liu Baogui konnte nichts dergleichen. Sein ganzes Leben hatte er in der Fabrik verbracht -- Drehen, Fräsen, Bohren, Hobeln, ja sogar Schweißen beherrschte er; auf sein handwerkliches Können konnte er stolz sein. Doch im Alter fehlte ihm die Kraft. Wenn er noch einmal von vorn anfangen könnte, würde er sich irgendein Hobby suchen, nicht um damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern einfach um das Leben zu bereichern.
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| − | Auf dem Heimweg kam Liu Baogui am Markt vorbei. Da er wusste, dass die Kinder ihn heute besuchen würden, kaufte er Rippchen, Kartoffeln, grüne Bohnen, ein Stück Tofu und einen frischen Rochen. Vor dem kleinen Haus angekommen, sah er, dass alle Fenster weit offen standen -- er wusste, es war schon jemand da.
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| − | Nicht nur Yuejin und Sufen waren gekommen, sondern auch Shiqing. Shiqing nahm Liu Baogui die Einkäufe ab und sagte: „Sagen Sie mir einfach, was Sie brauchen, ich besorge es. Dass Sie nicht zu Hause waren, hat uns Sorgen gemacht." Liu Baogui sagte: „Ich war im Botanischen Garten zum Qigong und habe auf dem Rückweg eingekauft." Yuejin sagte etwas vorwurfsvoll: „Du weißt doch, dass Qigong Schwindel ist, warum machst du das noch? Richtig verrückt!" Liu Baogui wurde ärgerlich: „Ich mache, was ich will, dafür brauche ich nicht deine Erlaubnis."
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| − | Sufen merkte, dass der Schwiegervater gereizt war, und lenkte schnell ab: „Schon gut, Vater ist wieder da, alles in Ordnung. Dass Vater Qigong übt, ist doch gut. Man hört, der Lehrer Xu nebenan hat damit sogar seinen Krebs besiegt. Vielleicht hilft es ja auch gegen Vaters Asthma und sein Herz, und wir sparen uns den Ärger mit der Medikamentenkostenerstattung."
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| − | Yuejin hörte die Spitze heraus und sagte: „Nicht dass ich streiten will, aber unsere Fabrik hat nie gesagt, sie erstatte keine Medikamentenkosten."
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| − | Sufen schmollte: „Gesagt haben sie es nicht, aber sie verschleppen und schulden es endlos. Du hast gut reden -- beim nächsten Mal gehst du selbst hin. Ich habe keine Lust mehr, mir das Eselgesicht vom Finanzchef anzusehen."
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| − | Shiqing mischte sich ein: „Es ist schon spät, lasst Vater sich ausruhen und fangt an zu kochen."
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| − | Yuejin zog eine Schnute und schmollte still vor sich hin.
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| − | Shiqing sagte: „Bruder, du schmorst den Fisch, das kannst du gut." Dann schaute sie sich Liu Baoguis Einkäufe an und fuhr fort: „Schwägerin macht Kartoffeln mit grünen Bohnen und Rippchen, das schmeckt bei ihr immer fantastisch!"
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| − | Yuejin sagte kühl: „Du kannst prima Anweisungen geben. Der macht das, die macht jenes -- und was machst du?"
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| − | Sufen stieß Yuejin leise an: „Shiqing hat doch eingekauft."
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| − | Shiqing sagte laut: „Gleich koche ich den Reis. Ihr macht die Beilagen, ich den Reis -- geht das in Ordnung?"
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| − | Meizi und Xiao Gezi kamen wie auf die Minute pünktlich; als sie eintraten, war das Essen fertig.
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| − | „Am Geruch aufgetaucht?" sagte Yuejin.
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| − | Xiao Gezi sagte: „Genau, Bruder kocht so gut, ich habe es schon unten am Hang gerochen."
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| − | Meizi schaute sich um und fragte: „Warum sind heute keine Kinder da?" Sufen verzog den Mund: „Die Kinder sind groß, die lassen sich nichts mehr sagen. Guoguo ist mit Schulfreunden unterwegs." Shiqing sagte: „Lili ist mit der Großmutter beim Malunterricht." -- „Und der Schwager? Bei so einem vollen Tisch, ruf ihn doch dazu." Shiqing sagte: „Er muss arbeiten und Geld verdienen." -- „Du bist ein richtiger Sklaventreiber! Arbeit hin oder her, essen muss man trotzdem", sagte Meizi. -- „Essen kann man überall. Die Fahrerei hierher kostet hin und zurück mindestens hundert Yuan an entgangenem Verdienst. Erstattst du das?" Xiao Gezi sagte: „Ruf den Schwager ruhig zurück, den Verlust übernehme ich." Shiqing sagte: „Ach herrje, ich vergaß, wir haben ja einen großen Chef in der Familie ... Ich würde sagen, mit dem Geld zahlst du besser erst mal unsere Schulden zurück." Xiao Gezi zog den Schwanz ein und brummte: „Man beißt die Hand, die einen füttert."
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| − | Beim Essen tauschte man Neuigkeiten aus. Sufen fragte Meizi: „Was macht Dalins Versetzung?" Meizi sagte: „Ein Hin und Her. Erst hieß es, vor dem Frühlingsfest, dann im März, Mitte April wurde er schließlich ans Land abgeordnet. Ich dachte, damit bliebe er -- aber nach dem 1. Mai fehlten auf dem Hochseeschiff Leute, und man holte ihn zurück. Dalins Schicksal, sage ich dir, bringt mich noch um!"
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| − | Sufen sagte: „Wenigstens helfen dir die Schwiegereltern mit dem Kind. Allein arbeiten und gleichzeitig ein Kind versorgen -- das ist furchtbar, das kenne ich." Meizi sagte: „Die Schwiegereltern helfen schon, aber es gibt auch Probleme. Meine Schwiegermutter ist grob gestrickt und kümmert sich nachlässig. Sag ich was, gibt es Streit; sag ich nichts, kann ich's nicht mit ansehen. Gestern Abend kam ich nach Hause und Xuehuas Po war feuerrot -- die Schwiegermutter hatte stundenlang die Windel nicht gewechselt!"
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| − | „Wenn Dalin früher ans Land zurückkäme, könnte er dir helfen."
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| − | Meizi seufzte: „Je größer die Hoffnung, desto größer die Enttäuschung. Auf ihn verlasse ich mich nicht mehr. In letzter Zeit denke ich daran, eine Wohnung zu mieten. Nächsten Monat kommt Xuehua in die Ganztagsbetreuung, dann ziehe ich aus."
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| − | „Hast du schon wieder Streit mit der Schwiegermutter?" fragte Liu Baogui.
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| − | Meizi sagte: „Nicht ich streite, wir können einfach nicht zusammenleben. Sie findet mich nicht gut genug, ich finde sie nicht gut genug -- nichts passt."
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| − | „Zum Klatschen braucht man zwei Hände, du hast bestimmt auch deine Macken", sagte Liu Baogui.
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| − | „Zugegeben, ich habe Macken. Deshalb will ich ja ausziehen."
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| − | Liu Baogui sagte: „Du hast eine fertige Wohnung und willst extra eine mieten -- das ist ja Geldverschwendung!"
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| − | Sufen zog Meizi am Ärmel, sie solle nicht weiter mit Liu Baogui diskutieren.
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| − | Shiqing fragte: „Du willst wirklich eine Wohnung mieten?"
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| − | „Ich denke schon eine ganze Weile darüber nach."
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| − | „Ich habe eine Wohnung in der Baiyun-Neusiedlung, nicht weit von deiner Arbeit."
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| − | „Seit wann hast du schon wieder eine neue Wohnung?"
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| − | „Letzten Monat gekauft, gerade fertig hergerichtet. Eigentlich wollte ich sie diesen Monat vermieten."
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| − | „Zeig sie mir."
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| − | „Altbau, etwas klein."
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| − | „Ich brauche nicht viel Platz."
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| − | „Wenn sie dir gefällt -- die Miete mache ich dir günstiger."
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| − | „Keine Vorzugsbehandlung. Unter Geschwistern sauber abrechnen."
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| − | Sufen wechselte das Thema zu Yuejin. In der Fabrik gehe das Gerücht um, dass ein Teil der Werkstätten nach Tieling verlegt und ein anderer Teil umstrukturiert werde. Yuejins Abteilung solle komplett umziehen. Yuejin sagte: „Nicht, dass ich streiten will, aber es sind nur Gerüchte. Man sollte sie nicht zu ernst nehmen." Sufen sagte: „Die meisten Gerüchte werden am Ende wahr." Yuejin sagte: „Wie oft habe ich dir gesagt, glaub keinen Gerüchten! Wenn wirklich verlegt wird, gibt die Fabrik eine offizielle Mitteilung heraus."
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| − | | |
| − | „Mir egal", sagte Sufen. „Jedenfalls stimme ich nicht zu, dass du woanders hingehst."
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| − | „Und wenn die Fabrik es anordnet?"
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| − | „Dann gehst du allein. Guoguo und ich bleiben hier."
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| − | Yuejin sagte gequält: „Wer sich nicht fügt, wird entlassen."
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| − | „Na und? Meinst du, wir verhungern, wenn du was anderes machst?" Sufen schielte zu Xiao Gezi. „Wir haben doch einen Firmenchef in der Familie. Wieso findest du nichts für ihn, Weige?"
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| − | Xiao Gezi war gerade dabei, an einer Rippe zu nagen, und verschluckte sich.
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| − | „Warum sagst du nichts, wenn die Schwägerin dich anspricht?"
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| − | „Bruder hat zu viel Stolz, der würde nie für mich arbeiten."
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| − | „Was für Stolz! Wenn man nichts zu essen hat, macht Stolz einen auch nicht satt!"
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| − | „So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Bruder versteht es wie kein anderer zu sparen."
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| − | Sufen sagte: „Sparen bringt nichts. Man muss verdienen. Wir haben unser ganzes Leben gespart, und das reicht nicht für ein einziges Geschäft von anderen. Wenn ich's mir recht überlege, hat Shiqing den richtigen Instinkt: Gespartes sofort in Immobilien stecken."
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| − | | |
| − | Xiao Gezi sagte: „Zum Wohnen reicht es doch. Mehr macht einen zum Sklaven der Immobilien."
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| − | Meizi sagte: „Was redest du da? Wenn man viele Wohnungen besitzt und das Sklaverei sein soll, dann wäre ich gern so eine Sklavin."
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| − | „Na eben!" sagte Xiao Gezi. „Wohnungen muss man doch verwalten! Formalitäten, Nebenkosten, Wasser, Strom, Kredite -- den ganzen Tag für Wohnungen schuften, wenn das keine Immobiliensklaverei ist, was dann?"
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| − | | |
| − | Shiqing sagte: „Ehrlich gesagt ist es gar nicht so kompliziert. Ich arbeite zwar bei der Bank, habe aber keine Ahnung von Geldanlage. Die ganzen Anlageweisheiten predige ich anderen. Unter uns: Wenn ich das Geld nicht in Wohnungen stecke, verspielt Hongwei es früher oder später."
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| − | Alle erstarrten. Mehrere Augenpaare richteten sich auf Shiqing.
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| − | Shiqing sagte: „Ich will es nicht länger verbergen. Seit Hongwei Taxi fährt, raucht er, trinkt -- und jetzt spielt er auch noch."
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| − | „Schwager spielt? Was ... spielt er?" fragte Xiao Gezi.
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| − | Meizi sagte: „Mahjong? Dafür hat er doch gar keine Zeit!"
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| − | Shiqing sagte: „Mahjong nicht. Anfangs hat er gelegentlich im Billardsalon um kleine Beträge gespielt. Aber seit letztem Winter wettet er auf Fußballspiele -- mit hohem Einsatz. Lange habe ich nichts gemerkt, ich dachte, er arbeite nachts hart, und kochte ihm um Mitternacht noch Eier ... Als ich es bemerkte, war es zu spät."
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| − | Liu Baogui sagte ernst: „Spielen darf nicht sein, das kann zum Ruin führen."
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| − | Yuejin sagte: „Ich habe Hongwei immer für einen guten Kerl gehalten -- ehrlich, kein Raucher, kein Trinker. Ich habe ihn allen als Ausnahmeerscheinung gepriesen. Wie konnte er sich so schnell verändern?"
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| − | „Stille Wasser gründen tief. Wenn ein Braver kippt, dann richtig", sagte Shiqing.
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| − | „Das Geld in Wohnungen zu stecken war richtig! Kein Geld mehr -- dann kann er auch nicht spielen!" sagte Sufen.
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| − | Shiqing sagte: „Das Geld zu Hause kann ich bewachen, aber wenn er sich draußen Schulden macht, bin ich machtlos."
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| − | „Was tun? Lasst uns jeder einzeln auf Hongwei einreden", sagte Yuejin.
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| − | Xiao Gezi sagte: „Einreden hilft? Träum weiter! Lasst es sein. Wenn er es irgendwann zu weit treibt, kümmern sich andere um seine Erziehung."
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| − | „Was meinst du damit?" fragte Shiqing.
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| − | „Wenn er mit dem Gesetz in Konflikt gerät, kommt er schon zur Besinnung."
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| − | Liu Baogui sagte: „Halt den Mund. Wenn es so weit ist, ist es zu spät."
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| − | In diesem Moment klopfte es an der Tür. Meizi öffnete -- es war Ma Yan.
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| − | Meizi erschrak, stellte sich sofort in den Türrahmen und zog hinter ihrem Rücken die Tür zu.
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| − | „Ich suche Xiao Gezi", sagte Ma Yan.
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| − | „Brauchst du ihn für etwas?"
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| − | Ma Yan lächelte und sagte: „Ich habe eine gute Nachricht für ihn. Ich bekomme ein Kind von ihm."
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| − | Meizi dröhnte der Kopf. Aus Angst, Liu Baogui und die anderen könnten es hören, zerrte sie Ma Yan sofort zur Akazie vor dem Haus.
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| − | „Was soll das?" Ma Yan riss sich los. Meizi schaute sich um, in der Furcht, jemand aus dem Haus könnte sie sehen -- vor allem die alte Frau Qi. „Du ..." Meizi fragte Ma Yan nervös: „Was du gerade gesagt hast -- ist das wahr?"
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| − | Ma Yan lachte: „Man kann vieles erfinden, aber doch nicht so etwas!"
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| − | Meizi spürte, wie ihr Körper leicht zitterte. Sie versuchte, sich zu beruhigen, und fragte: „Seit wann?"
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| − | „Gestern. Ich war gestern beim Arzt, der Urintest war positiv."
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| − | „Das meine ich nicht", sagte Meizi. „Seit wann seid ihr beiden zusammen?"
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| − | „Den genauen Tag weiß ich auch nicht mehr. Jedenfalls ist es die Frucht der Liebe zwischen mir und Xiao Gezi."
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| − | Ma Yans Stimme wurde laut. Meizi versuchte erschrocken, ihr den Mund zuzuhalten.
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| − | In diesem Moment kam die alte Frau Qi den Hang herauf. Meizi fror zusammen -- wirklich, wen man am wenigsten sehen will, den trifft man am ehesten.
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| − | | |
| − | Die alte Frau Qi hatte gute Augen: Noch bevor sie oben war, erkannte sie Meizi und Ma Yan. „Oh, Meizi ist da? Mit wem sprichst du denn? Ach, das ist doch die Tochter vom alten Ma!"
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| − | „Tante Qi, ich bin's, Ma Yan." Ma Yan streckte den Kopf vor und sprach kokett. Meizi stand daneben wie auf frischer Tat ertappt, hochrot im Gesicht.
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| − | „Wie kommt ihr beiden zusammen?" fragte die alte Frau Qi.
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| − | „Ach, nichts weiter", sagte Meizi. „Wir besprechen eine Firmenangelegenheit."
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| − | „Firma?" Die alte Frau Qi trat näher und musterte die beiden argwöhnisch. „Ihr seid in derselben Firma? Meizi, du bist doch wohl nicht zu dem taiwanesischen Geschäftsmann gegangen?"
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| − | Ma Yan schien die Anspielung zu verstehen und wollte schon etwas sagen, doch Meizi kam ihr zuvor: „Nein, nein, eine ganz andere Firma. Wir müssen jetzt dringend los."
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| − | Ma Yan blickte Meizi verwundert an, doch die zog sie bereits den Hang hinab. Unten auf der Querstraße drehte Meizi sich um -- die alte Frau Qi stand oben und schaute ihnen nach.
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| − | Meizi zerrte Ma Yan in ein Taxi. Im Auto war Ma Yan schon verärgert, schmollte und fragte: „Was soll das? Wir benehmen uns ja wie Diebe."
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| − | Meizi war etwas klarer im Kopf geworden und fragte zurück: „Du wolltest doch Xiao Gezi sprechen -- warum hast du ihn nicht in der Firma gesucht?"
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| − | „Er war nicht in der Firma."
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| − | „Du warst in der Firma?"
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| − | „Sieh mich nicht so erschrocken an. Ich habe ihn in der Firma nicht angetroffen und bin deshalb zu ihm nach Hause gekommen."
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| − | Meizi verstand: Ma Yan war keineswegs so naiv, wie sie tat. Ihr Auftritt am kleinen Haus war wohl kalkuliert gewesen. Zugleich wurde Meizi klar, dass ihr eigenes panisches Verhalten Ma Yans Strategie nur bestätigt hatte. Meizi versuchte, die Initiative zu ergreifen, und sagte zu der lächelnden Ma Yan: „Ich habe früher im Haus gehört, du hättest einen Freund, einen taiwanesischen Geschäftsmann."
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| − | „Du wunderst dich, warum ich jetzt mit Xiao Gezi zusammen bin, stimmt's?" Ma Yan lächelte verschmitzt.
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| − | Meizi starrte sie an und schwieg.
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| − | „Das mit dem anderen ist längst vorbei. Jetzt habe ich nur Xiao Gezi."
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| − | Um Ma Yan zu besänftigen, führte Meizi sie in ein kleines Restaurant gegenüber dem Internationalen Hotel. Nachdem sie Ma Yan versorgt hatte, ging sie zur Theke und rief Xiao Gezi an.
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| − | „Wie konntest du einfach verschwinden? Zu Hause wird auf dich gewartet, der Abwasch!"
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| − | Meizi sagte hastig: „Es ist etwas Gravierendes passiert."
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| − | Xiao Gezi fragte: „Wo bist du?"
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| − | „Egal wo ich bin! Sag mir: Was läuft zwischen dir und Ma Yan?"
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| − | „Was soll sein?" Xiao Gezi klang völlig gleichgültig.
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| − | „Was soll sein?" Meizi senkte die Stimme. „Ma Yan ist bis zu uns nach Hause gekommen und sagt, sie sei schwanger von dir ..."
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| − | „Schwanger, na und?"
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| − | Meizi war einen Moment sprachlos, fasste sich und rief: „Komm sofort her!"
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| − | „Befiehl mir nicht herum", sagte Xiao Gezi unwirsch.
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| − | „Ich befehle dir!"
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| − | „Du nervst!"
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| − | Meizi hätte heulen mögen. Nach einer Weile griff sie doch wieder zum Hörer. Sie erklärte Xiao Gezi, dass Ma Yan bereits am Haus gewesen sei -- hätte sie nicht abgefangen, wäre die ganze Familie in Aufruhr geraten und das kleine Haus hätte wochenlang geredet. „Xiao Gezi, wie viel Unheil hast du in den letzten zwei Jahren angerichtet? Beim letzten Mal hätte Vater wegen dir fast ... Er hat einen Stent bekommen, du hast ihn völlig fertiggemacht! Wenn du so weitermachst, passiert ihm noch etwas! Bitte, deine Schwester fleht dich an, ich bin mit Ma Yan im Restaurant gegenüber dem Internationalen Hotel."
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| − | Meizi legte auf, holte tief Luft, hob den Kopf -- und sah Ma Yan neben sich sitzen. Vermutlich, dachte sie, hat sie jedes Wort mitgehört.
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| − | Ma Yan lächelte geheimnisvoll und sagte: „Danke, Schwester. Du hast ein gutes Herz."
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| − | Xiao Gezi stürmte ins Restaurant. Meizi fing ihn an der Tür ab und zog ihn in den Separee-Raum. Kaum drin, schimpfte er Ma Yan lautstark aus. Meizi fand, ihre Anwesenheit mache alles nur schlimmer, und zog sich zurück.
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| − | Draußen wagte sie nicht wegzugehen und postierte sich vor der Tür wie ein Wachposten. Aus dem Separee drangen abgehackte Schimpftiraden, und Meizi ging nervös hin und her.
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| − | Nach etwa 40 Minuten kam Ma Yan mit roten Augen heraus, ging an Meizi vorbei, als sähe sie sie nicht, und rannte aus dem Lokal. Xiao Gezi folgte, noch immer wutschnaubend. Er beachtete Meizi nicht und marschierte davon. Meizi rannte ihm hinterher und fragte; erst da sagte er zähneknirschend: „Verdammt, mich reinlegen? Ich bin nicht so dumm wie der Taiwaner! Wer weiß, ob sie wirklich schwanger ist? Ich spiel' nicht den ‚Kamelzieher Xiangzi'!"
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| − | „Will sie dich heiraten?" fragte Meizi.
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| − | „Weiß der Teufel! Wahrscheinlich will sie mir nur Geld aus der Tasche ziehen. Da hat sie sich den Falschen ausgesucht. Ich habe ihr gesagt, sie soll das Kind bekommen -- dann sehen wir weiter!"
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| − | Die Unannehmlichkeiten in Liu Baoguis Haus konnten die Festfreude nicht trüben, die das jährliche Akazienfest in der Stadt verbreitete. Doch für die einfachen Bürger unterschied sich das Empfinden von dem der Touristen aus nah und fern; für sie war es einfach der alltägliche Duft und die Erinnerungen, die die Akazienblüte in ihrem gewöhnlichen Leben wachrief.
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| − | Als die Akazienblüten herabfielen, wurde Xuehua in die Ganztagsbetreuung gegeben, und Meizi zog in ihre neue Wohnung in der Baiyun-Neusiedlung.
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| − | Lehrer Qiao war der erste Besucher in Meizis neuer Wohnung und brachte ihr ein kostbares Geschenk mit -- eine Geige.
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| − | Meizis Zimmer war schlicht, aber sehr ordentlich eingerichtet; in der Luft lag ein zarter Duft, der Lehrer Qiao an den frischen Geruch abgebrochener Tamarisken am Flussufer seiner Kindheit erinnerte. Meizi sagte, das sei der Duft der Akazienblüten.
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| − | | |
| − | Lehrer Qiao sagte, die Geige sei gebraucht, aber ein gutes Instrument von nobler Herkunft. Durch wie viele Hände sie vor ihm gegangen sei, wisse er nicht, aber am Klang könne man erkennen, dass alle Besitzer sie sorgsam behandelt hätten.
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| − | Meizi sagte stockend: „Es tut mir sehr leid, ich muss dich enttäuschen. Seit Monaten habe ich mein Instrument nicht angerührt; seit meine Tochter geboren wurde, kein einziges Mal mehr geübt."
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| − | Lehrer Qiao sagte: „Ich verstehe das."
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| − | Meizi sagte: „Nicht weil ich keine Zeit hatte, sondern weil mich die veränderten Lebensumstände beeinflusst haben. Du hältst mich hoffentlich nicht für wankelmütig? Verachtest mich nicht deshalb?" Lehrer Qiao sagte: „Aber nein. Musik ist eine tief in der Seele verankerte Erinnerung. Vielleicht denkst du eines Tages ganz unvermittelt daran und suchst nach einer Geige, um ein Stück zu spielen."
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| − | „Aber dieses Geschenk ist zu kostbar, ich kann es nicht annehmen."
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| − | | |
| − | „Es ist gebraucht, nicht so kostbar."
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| − | | |
| − | Meizi fiel auf, dass sie Lehrer Qiao noch keinen Stuhl angeboten hatte, und schob schnell einen heran. Lehrer Qiao bemerkte, dass es nur einen einzigen Stuhl gab, und schaute fragend zu Meizi. Meizi sagte: „Kein Problem, ich kann mich aufs Bett setzen."
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| − | Sie wollte ihm Wasser einschenken, fand aber keine Tasse. Also spülte sie ihren eigenen Thermobecher aus und goss ihm ein.
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| − | „Ich bin gerade erst eingezogen, es ist noch nicht alles da. Wenn es dir nichts ausmacht, nimm bitte vorlieb."
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| − | Lehrer Qiao lächelte: „Es ist mir eine Ehre."
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| − | Auf Meizis Schreibtisch lagen einige Bücher und Manuskriptseiten, auf denen etwas auf Englisch stand.
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| − | „Darf ich?" fragte er, während er die Seiten schon in der Hand hielt.
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| − | Meizi zog die Mundwinkel hoch: „Du schaust ja schon."
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| − | Auf dem Papier standen englische Übersetzungen aus dem Shijing, dem Buch der Lieder.
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| − | „Das Guofeng, Weifeng, ‚Wie breit ist der Gelbe Fluss' -- hast du das übersetzt?"
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| − | „Übungsarbeit, einfach so hingeschrieben."
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| − | „Warum Altchinesisch? Das ist ungeheuer schwierig."
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| − | Meizi sagte, darüber habe sie nicht viel nachgedacht. Vielleicht, weil sie als Kind Nachbar Xu das Jianjia-Gedicht hatte rezitieren hören -- „Dicht steht das Schilf am Wasser; als weißer Reif liegt der Tau ..." Seitdem habe sie sich für das Buch der Lieder begeistert. In der Mittelschule habe sie das Shijing selbst übersetzen wollen; als eine Mitschülerin davon erfuhr, sei sie gründlich ausgelacht worden. An der Fachschule für Erzieherinnen habe sie wenig Fremdsprachen gehabt, und dann sei das Leben dazwischengekommen. „Jetzt, wo ich im Handelshaus arbeite und wieder Fremdsprachen lerne, habe ich den alten Wunsch wieder aufgegriffen."
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| − | Lehrer Qiao blätterte durch die Seiten: „Wie viele hast du übersetzt?"
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| − | „Ungefähr zwanzig."
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| − | „Beeindruckend!" sagte Lehrer Qiao.
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| − | | |
| − | „He, nicht spotten! Ich habe doch gesagt, es sind Sprachübungen."
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| − | „Und schon so gut? Ich erinnere mich, bei unserem ersten Treffen hast du mich um Hilfe gebeten, das Herkunftsland einer Handtasche zu übersetzen."
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| − | „Hör auf!" Meizi wurde schlagartig rot.
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| − | | |
| − | Lehrer Qiao schaute Meizi in die Augen, Meizi schaute in seine. Keiner sprach ein Wort, doch beide sahen deutlich die Hilflosigkeit und Traurigkeit in den Pupillen des anderen, und die Feuchtigkeit in ihren Augen nahm Tropfen um Tropfen zu. Lehrer Qiao schien wie aus einem Traum zu erwachen und sagte: „Ach ja, ich bin heute noch aus einem anderen wichtigen Grund gekommen."
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| − | Meizi sah ihn verwundert an.
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| − | Lehrer Qiao erzählte, eine Universität im Südwesten wolle ihn abwerben und ihm ausnahmsweise eine ordentliche Professur anbieten. „Natürlich geht es mir nicht primär um den Titel, sondern darum, dass das dortige Forschungsklima und Bildungsumfeld vielleicht besser zu mir passen."
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| − | | |
| − | „Du willst wirklich gehen?"
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| − | Lehrer Qiao nickte.
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| − | „Wann?"
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| − | „Wenn alles glattgeht, innerhalb eines Monats."
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| − | „So schnell? Davon hast du nie etwas gesagt."
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| − | „Wir haben uns ja nicht gesehen ..."
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| − | Meizi nickte und sagte lächelnd: „Gut. Wenn es dir nützt, wenn es ... Das Leben ist nicht leicht, natürlich soll man das Beste wählen."
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| − | | |
| − | In Xiao Gezis Wahrnehmung lernte oder arbeitete Meizi im Büro, ohne je eine Minute zu vergeuden. Heute war es merkwürdig: Meizi strickte einen Pullover.
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| − | Xiao Gezi sagte nichts und ging ins Nebenzimmer. Kaum hatte er sich hingesetzt, rief Meizi ihn.
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| − | „Was gibt's?" Xiao Gezi war etwas zerstreut.
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| − | Meizi lehnte am Türrahmen und fragte: „Wie groß ist dein Taillenumfang?"
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| − | „Wozu willst du den wissen? Strickst du mir eine Wollunterhose?"
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| − | | |
| − | „Sag schon, wie viel?"
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| − | „Keine Ahnung."
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| − | „Steh auf, ich messe nach."
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| − | Was Meizi in der Hand hielt, war kein Maßband, sondern ein Wollfaden.
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| − | „Wer trägt heutzutage noch Wollhosen? Ich will keine."
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| − | „Bildet dir nichts ein, hab ich gesagt, sie sind für dich?"
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| − | „Dann also für Dalin. Stimmt, auf dem Meer ist es windig, da kann man Wollhosen gebrauchen ... Moment, Schwagers Taillenumfang kennst du doch?"
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| − | Meizi schlug ihm auf die Hand: „Halt still! Wer weiß, ob sich sein Umfang verändert hat."
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| − | „Wie lange hast du ihn nicht gesehen?"
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| − | „Über drei Monate."
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| − | „So lange nicht gesehen, und mein Maß soll reichen?"
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| − | „Habe ich gesagt, sie sind für ihn?"
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| − | „Dann für den Großvater? Dann miss doch bei ihm."
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| − | „Schon gut, kümmere dich nicht darum."
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| − | Meizi strickte drei Tage und drei Nächte lang. An jenem Nachmittag lief sie in der prallen Sonne zur Universität und wartete vor dem Lehrgebäude auf Lehrer Qiao. Sie brachte ihm die handgestrickte Wollhose mit und fünftausend Yuan -- für die Geige. Die Geige war ein Geschenk; er würde das Geld wohl nicht annehmen. Die Wollhose aber müsste er doch annehmen, in jeder Masche steckte ihre Zuneigung. Eigentlich widersprachen sich Geld und Wollhose -- wer ein Geschenk annimmt, nimmt kein Geld. Doch in Wahrheit wünschte sich Meizi nichts von alledem: Sie wünschte sich, dass Lehrer Qiao bliebe. Aber mit welchem Recht konnte sie ihn zum Bleiben bitten? Selbst der bloße Gedanke kam ihr egoistisch vor.
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| − | | |
| − | Sie wartete fast zwei Stunden. Lehrer Qiao kam heraus, ständig umringt von Studenten, darunter zwei hübsche Studentinnen. Mehrmals wollte Meizi auf ihn zugehen, doch plötzlich fehlte ihr der Mut, und sie sah ihm hilflos nach, bis er aus ihrem Blickfeld verschwand.
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| − | Am Abend ging Meizi einsam die Fenglin-Straße hinab im Schein der Abendsonne. Ohne nachzudenken betrat sie ein Café namens „Violett" und bestellte einen kolumbianischen schwarzen Kaffee.
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| − | | |
| − | Es war ein kleines, stimmungsvolles Lokal: bescheidene Fassade, doch innen von rustikaler Eleganz. An der linken Wand hing ein verwitterter Schild aus dem 18. Jahrhundert mit zwei Lanzen; an der rechten Wand ein liebliches Landschaftsgemälde. In der Mitte standen fünf, sechs versetzt angeordnete Tischchen. Die Gäste unterhielten sich bei leiser Klaviermusik -- nichts von dem Lärm gewöhnlicher Lokale.
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| − | | |
| − | Meizi saß am Fenster und nippte an dem bitteren Kaffee. Sie erinnerte sich verschwommen, schon einmal mit Lehrer Qiao hier gewesen zu sein, ebenfalls am Fenster. An jenem Tag war das Licht draußen unbeschreiblich warm gewesen, und ein altes Ehepaar war mit einem Blindenhund vorbeigegangen. Meizi rückte das Kissen im Rücken zurecht; es war, als hätte das Sofa noch den Geruch von Lehrer Qiao bewahrt. War das eine Einbildung? Wenn sie wirklich schon einmal hier gewesen waren -- besuchte sie dann einen alten Ort oder träumte einen alten Traum nach? Meizi kam sich vor wie ein verwundetes Tier, das nach dem Kampf einen Ort sucht, um seine Wunden zu lecken. Von klein auf hatte sie sich nie geschlagen gegeben, ihr Herz war voller Ideale und Ambitionen; bei keiner Schwierigkeit hätte sie je aufgegeben. Doch diesmal fühlte sie sich wirklich kraftlos, ihr ganzer Körper war erschlafft, und ein mächtiger, schmerzender Strom durchflutete sie, der keinen Ausweg fand. Sie wollte nur noch hemmungslos, von ganzem Herzen weinen.
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| − | „Was für ein bitterer Kaffee!" Meizi leerte die Tasse in einem Zug.
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| − | | |
| − | Anders als Meizis Kummer steckte Xiao Gezi in einer handfesten Krise. Sieben Monate ohne Einnahmen hatten Herrn Wus Geduld erschöpft; drei Monate Gehaltsrückstände hatten auch die Mitarbeiter zum „Aufstand" getrieben.
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| − | Die Erste, die ihm die Stirn bot, war Fangfang.
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| − | Fangfang schlenderte erst um zwei Uhr nachmittags ins Büro. Xiao Gezi herrschte sie an: „Das hier ist eine ausländische Firma, kein Kinderspiel! Kommen und Gehen, wie es einem passt!"
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| − | Früher hätte Fangfang bei seinem Wutausbruch gezittert. Heute aber war sie erstaunlich ruhig. Sie ging zu ihrem Platz, setzte sich gelassen, warf Xiao Gezi einen verächtlichen Blick zu und sagte langsam: „Ich denke genau umgekehrt. Mir kommt es immer mehr so vor, als spielten wir hier bloß Firma. Ausländisches Unternehmen -- wem wollen Sie etwas vormachen?"
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| − | „Was hast du gesagt? Sag das noch mal!" Xiao Gezi war völlig überrumpelt.
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| − | „Ich habe mich klar ausgedrückt."
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| − | Xiao Gezi explodierte: „Du hast wohl keine Angst, dass ich dich feuere?"
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| − | „Moment", sagte Fangfang. „Um das klarzustellen: Nicht Sie feuern mich -- ich feuere Sie. Und bevor ich das tue, zahlen Sie bitte mein ausstehendes Gehalt."
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| − | „Du wagst es, Gehalt zu fordern? Fast ein ganzes Jahr hast du hier herumgesessen -- was hast du an Wertschöpfung gebracht? Ich sollte eher von dir Geld zurückfordern."
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| − | „Verwechseln Sie da nicht etwas? Ich bin Angestellte, ich erledige die Arbeit, die Sie mir zuweisen. Die Unternehmensentwicklung geht mich nichts an -- ob Sie Verlust oder Gewinn machen, ist Ihre Sache."
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| − | Xiao Gezi hätte nie gedacht, dass Fangfang so forsch auftreten und so schlagfertig sein konnte. In seiner Hilflosigkeit griff er auf seine bewährte Straßenkämpfer-Manier zurück und brüllte: „Willst du Ärger? Verschwinde, oder ich mach dich fertig!"
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| − | Fangfang war offensichtlich vorbereitet und sagte lächelnd: „Damit schüchtern Sie niemanden ein. Ich sage Ihnen Folgendes: Wenn ich mein Gehalt nicht innerhalb von zehn Tagen bekomme, zeige ich Sie beim Amt für ausländische Unternehmen an und verklage Sie vor Gericht. Wenn Ihnen eine Schließung nichts ausmacht -- bitte."
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| − | Xiao Gezi war baff. Er merkte, dass er in der schwächeren Position war, und konnte nur noch heiser „Verschwinden!" brüllen.
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| − | „Sind Sie nicht müde?" Fangfang warf ihm einen spöttischen Blick zu und begann, ihre längst gepackten Sachen zusammenzunehmen.
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| − | Beim Hinausgehen sagte Fangfang etwas auf Englisch, das Xiao Gezi nur halb verstand. An der Tür sagte sie schließlich auf Chinesisch: „Sie sind ein lächerlicher Clown."
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| − | Xiao Gezi schimpfte hinter ihr her. Doch es nützte nichts -- vor ihm war nur die schwere Eisentür. Erschöpft vom Schimpfen schenkte er sich Tee ein, trank einen Schluck und spuckte ihn sofort aus -- zu heiß. Er grübelte über Fangfangs letzten Satz nach. Ein lächerlicher Clown? Der Schmerz war gering, die Beleidigung gewaltig.
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| − | Die Zweite war Lin Xun. Als Xiao Gezi sie sah, kochte die Wut schon wieder hoch.
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| − | „Was grinst du so? Welches Glück macht dich so fröhlich?"
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| − | Lin Xun wurde ernst: „Wenn mir nicht einmal das Lachen erlaubt ist, wozu dann noch leben?"
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| − | „Was soll das heißen?"
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| − | „Verstehen Sie es wirklich nicht?"
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| − | „Was soll ich verstehen?"
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| − | Lin Xun lächelte: „Was glauben Sie?"
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| − | Xiao Gezi rang um Beherrschung, stand auf und fragte: „Wo warst du?"
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| − | „Geschäfte machen."
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| − | „Was für Geschäfte?"
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| − | „Was wohl? Die, die Sie mir aufgetragen haben."
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| − | „Tag für Tag seht ihr angeblich nach Geschäften -- seit Monaten kein einziger Abschluss!"
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| − | „He!" Lin Xun nahm ihm das Wort ab. „Das dürfen Sie nicht mir anlasten! Sie sind der Chef, Sie entscheiden."
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| − | „Ich habe gesagt, ihr sollt sterben -- warum seid ihr nicht gestorben?"
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| − | „Ha, diese Befugnis haben Sie nun wirklich nicht."
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| − | „Aber feuern kann ich dich wohl?"
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| − | Offensichtlich hatten Lin Xun und Fangfang sich abgesprochen. Lin Xun blickte auf Fangfangs leeren Schreibtisch und verstand sofort. „Fangfang war also schon bei Ihnen. Umso besser", sagte sie. „Dann können wir offen reden. Meine Forderungen sind dieselben wie Fangfangs."
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| − | Xiao Gezis Kopf drohte zu platzen: „Dann sage ich dir dasselbe wie Fangfang: Verschwinde!"
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| − | Lin Xun sagte: „So leicht kommen Sie nicht davon. Ich bin nicht so handzahm wie Fangfang. Zusätzlich zu Fangfangs Bedingungen will ich eine Sonderentschädigung."
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| − | Xiao Gezi lachte kalt: „Was für eine Entschädigung?"
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| − | „Sie wissen genau, was ich meine. Um der angeblichen Firmeninteressen willen haben Sie mich zwielichtigen Typen zum Fraß vorgeworfen. Ich empfinde tiefe Schande. Eigentlich ist keine Entschädigung der Welt genug, aber es ist, wie es ist. Ich rate Ihnen, es sich gut zu überlegen."
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| − | Xiao Gezi war außer sich. Er griff nach der Thermoskanne auf dem Tisch und stürmte auf Lin Xun zu. Gerade als er ausholen wollte, riss Meizi die Tür auf. Sie sah, was sich abspielte, warf sich instinktiv auf ihn und umklammerte ihn. „Was tust du!" schrie sie.
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| − | „Ich bringe sie um!" Xiao Gezi tobte umso wilder, weil Meizi ihn festhielt.
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| − | Lin Xun rührte sich nicht von der Stelle.
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| − | Meizi rief Lin Xun zu: „Lauf doch! Geh!"
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| − | „Ich gehe nicht. Ich will sehen, ob er ein Held ist oder ein Feigling."
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| − | Meizi brach der Schweiß aus. Sie kannte Xiao Gezis Temperament: Wenn er wirklich die Beherrschung verlor, wurde er zu einem wilden Löwen.
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| − | Am Ende war Meizi ihm kräftemäßig nicht gewachsen. Die Thermoskanne flog auf Lin Xun zu. Lin Xun wich aus. Meizi schrie: „Lin Xun, ich flehe dich an, geh jetzt! Egal wie groß das Problem ist, wir lösen es später!"
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| − | Lin Xun sah ein, dass Xiao Gezi jede Kontrolle verloren hatte, und ging zur Tür. Dort deutete sie mit dem Finger auf ihn: „Liu, wenn Sie das nicht in Ordnung bringen, werden Sie noch weinen!"
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| − | Xiao Gezi griff nach einem Wasserglas und warf es ihr nach -- es zerschellte an der Wand neben der Tür.
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| − | Xiao Gezi saß mit hochrotem Kopf auf dem Sofa und keuchte schwer. Meizi stand eine Weile vor ihm, überlegte und goss ihm dann ein Glas Wasser ein. „Was war das denn? Alles auf den Kopf gestellt!"
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| − | Xiao Gezi holte tief Luft und knurrte: „Das ist eine Meuterei! Kaum bin ich ein paar Tage weg, putschen die!"
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| − | Meizi sagte: „Wer glaubst du, dass du bist? Ein Kaiser? Putsch -- was für ein Putsch?"
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| − | „Was sonst? Aufstand!"
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| − | Meizi setzte sich ihm gegenüber und sagte ruhig: „Eigentlich trifft uns eine Mitschuld. Seit Monaten kein Gehalt -- die müssen doch was denken. Wir an ihrer Stelle doch auch."
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| − | Xiao Gezi beruhigte sich etwas und fragte: „Schwester, du feuerst mich aber nicht auch, oder?"
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| − | Meizi lächelte bitter: „Ich bin deine Schwester. Wohin sollte ich dich denn feuern? Egal was kommt -- du bleibst mein Bruder."
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| − | Xiao Gezi war auch bedrückt: „Es tut mir leid, Schwester. Lass uns gemeinsam durchhalten. Ich bin sicher, es kommt eine Wende."
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| − | | |
| − | Auch Zhao Liming war am Ende seiner Kräfte und verabredete sich für den nächsten Tag. Meizi war bei dem Gespräch anwesend. Sie schenkte Tee ein und goss Wasser nach, scheinbar unbeteiligt, doch in Wahrheit hörte sie jedes Wort. Zhao Liming sagte, auch er stecke in einer passiven Lage; wenn die Geschäftsstelle nicht überlebe, verliere er Herrn Wus Vertrauen und könne keine Aufträge mehr halten. Der einzige Ausweg seien neue Wachstumsquellen. Xiao Gezi sagte: „Tag und Nacht zerbreche ich mir den Kopf danach!" Zhao Liming sagte: „Wer den Wald nicht sieht vor lauter Bäumen, muss aus der Situation heraustreten." Xiao Gezi flehte: „Bruder Zhao, wir sitzen im selben Boot. Wenn es sinkt, sinken wir zusammen. Du kannst mich doch nicht ertrinken lassen!" Zhao Liming sagte: „Soweit ich weiß, hat auch Herr Wu wegen der asiatischen Wirtschaftskrise Probleme und denkt an den Übergang in die produzierende Industrie. Das ist eine Chance -- vielleicht unsere einzige." Xiao Gezi wurde aufgeregt: „Welche Chance? Red nicht um den heißen Brei!" Zhao Liming sagte: „Wir könnten Herrn Wu helfen, ein Joint Venture zu gründen. Die Geschäftsstelle behalten wir dem Namen nach, die Hauptenergie stecken wir in das Gemeinschaftsunternehmen." -- „Ein Unternehmen, großartig! Etwas Handfestes! Aber was für eins? Eine Textilfabrik?" Zhao Liming schüttelte den Kopf: „Wenn schon, dann etwas, das sonst keiner macht. Sich ins Gedränge zu stürzen bringt nichts." Xiao Gezi dachte nach: „Du hast schon eine Idee?" -- „Nur eine grobe. Ich war früher in der Kommune Lumingshan als Landarbeiter, ich kenne die Ressourcen dort. Ist dein Großvater nicht aus Shanding-Dorf in Lumingshan?"
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| − | „Shanding-Dorf ist das Heimatdorf meines Großvaters."
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| − | „Dort verläuft ein ehemaliges Flussbett, der Sand ist reichlich und von ausgezeichneter Qualität. Du weißt, überall wird gebaut, der Sandbedarf ist riesig. Eine Sandgrube wäre ein Goldgrube -- fast ohne Kosten."
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| − | „Ja, ja, ja!" Xiao Gezi schlug sich an die Stirn. „Sand kostet fast nichts, man braucht nur ein paar Bagger und Lkw. Was für eine brillante Idee!"
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| − | „Ich glaube, die Idee wird Herrn Wu interessieren."
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| − | „Dann los, schnell!"
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| − | „Eile mit Weile. Erst planen, dann Schritt für Schritt."
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| − | Xiao Gezi war Feuer und Flamme, hob den Daumen und bewunderte Zhao Liming grenzenlos: „Du bist mein Boss! Ich folge dir blind -- nein, du zeigst mir, wohin, und ich schlage zu!"
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| − | Zhao Liming sagte: „Wir entscheiden alles gemeinsam."
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| − | Xiao Gezi sagte zu Meizi: „Reservier ein gutes Restaurant. Heute Mittag feiere ich mit Bruder Zhao."
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| − | Zhao Liming sagte: „Erst arbeiten. Gefeiert wird, wenn das Unternehmen steht."
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| − | Nachdem Zhao Liming gegangen war, saß Xiao Gezi lange in der Lobby, als hätten sich endlich die Wolken über seinem Kopf gelichtet und die Sonne schiene. Plötzlich dachte er an Ma Yan. Seit ihrem letzten Streit hatte er sie nicht mehr gesehen.
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| − | Xiao Gezi fuhr zum roten Haus gegenüber dem Park -- dem Blumenladen „Vergissmeinnicht". Als er ausstieg, sah er, dass das Schild gewechselt hatte: „Herzschlag-Bar".
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| − | Er öffnete die Tür, und es schlug ihm ein pudriger Duft entgegen, vermischt mit Kellergeruch.
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| − | „Willkommen!" Eine Frau mittleren Alters begrüßte ihn lächelnd.
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| − | „Ich suche jemanden", sagte Xiao Gezi.
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| − | „Wen?"
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| − | „Die frühere Besitzerin, Ma Yan, die den Blumenladen hatte."
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| − | „Sie ist nicht mehr hier."
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| − | „Nicht mehr hier? Was ist passiert?"
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| − | „Ich meine, sie arbeitet hier nicht mehr. Sie hat an mich übergeben."
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| − | „Es lief doch gut, warum hat sie aufgehört?"
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| − | Die Frau verzog den Mund: „Tja, ein schlechter Mann ..."
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| − | Xiao Gezi grinste: „Gibt es heutzutage überhaupt noch gute Männer?"
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| − | Die Frau musterte ihn: „In welcher Beziehung stehen Sie zu ihr?"
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| − | „Schulfreunde. Grundschule."
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| − | Die Frau schien beruhigt und sagte empört: „Angeblich ein Chef irgendeiner Hongkong-Firma. Hat Ma Yan geschwängert und sie dann sitzen lassen."
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| − | Xiao Gezi erstarrte: „Das gibt es?"
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| − | „Und ob! Ma Yan musste zur Abtreibung und wurde krank davon."
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| − | „Wo ist Ma Yan jetzt?"
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| − | „Vor einer Weile soll sie in Shanghai in Behandlung gewesen sein. Inzwischen ist sie vielleicht zu Hause."
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| − | „Können Sie mir ihre Adresse geben?"
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| − | Die Frau wurde misstrauisch: „Wenn Sie ihr Schulfreund sind, warum kennen Sie ihre Adresse nicht?"
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| − | „Grundschule, ist schon ewig her. Wenn ich die wüsste, würde ich nicht Sie fragen, oder?"
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| − | Die Frau weigerte sich standhaft. „Ma Yan hat mir aufgetragen, sie nicht einfach so weiterzugeben."
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| − | Xiao Gezi bat flehentlich: „Bitte, es ist wirklich wichtig."
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| − | „Was wollen Sie denn von ihr?"
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| − | „Ich schulde ihr Geld." Xiao Gezi erfand schnell einen Grund.
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| − | „Es gibt noch Leute, die freiwillig Schulden zurückzahlen?"
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| − | Die Frau fand Xiao Gezi plötzlich sympathisch -- so eine Mühe auf sich nehmen, um Schulden zu begleichen? Solche Menschen waren selten.
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| − | Draußen rief Xiao Gezi sofort bei Ma Yan an -- niemand ging ran.
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| − | Zhao Liming fuhr mit Xiao Gezi und Meizi dreimal nach Lumingshan. Der Name klang schön, doch es gab weder Hirsche noch Wald -- die Berge waren kahl, ein typisches Armengebiet. Meizi übernahm fast die gesamte Arbeit der Geschäftsstelle: Behörden nach Vorschriften befragen, Genehmigungen einholen, und gleichzeitig mit Herrn Wu in Hongkong korrespondieren -- Gutachten, Investitionspläne, Kosten-Nutzen-Analysen, Betriebsbewertungen. Anfangs war Herr Wu interessiert, dann änderte er seine Meinung: zu niedrige Technologie, zu hohes Wettbewerbsrisiko. Per Fax kam die Vorstandsentscheidung in vier Zeichen: Vorläufig nicht in Betracht.
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| − | Meizi fand Xiao Gezi und Zhao Liming auf dem Staudamm. Es war windig, das Gras wogte wie Meereswellen. Xiao Gezi war fassungslos: „Einen Monat Arbeit, und dann das?" Zhao Liming sagte: „Ich kenne Herrn Wu ein wenig. Er glaubt nur, was er mit eigenen Augen sieht; aufgrund von Papierberichten entscheidet er so gut wie nie."
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| − | „Er als großer Boss erledigt alles selbst?"
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| − | „Das ist sein Stil -- und seine Klugheit."
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| − | Meizi fragte: „Gibt es keinen anderen Weg?"
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| − | Zhao Liming sagte: „Es sei denn, er kommt persönlich und schaut sich alles an."
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| − | Meizi sagte: „Du meinst, wir müssen Herrn Wu einladen, damit er sich das ehemalige Flussbett in Shanding-Dorf ansieht -- dann erst entscheidet er sich?"
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| − | „Ob er sich entscheidet, kann ich nicht garantieren, aber versuchen sollten wir es."
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| − | Meizi sagte: „Ich fürchte, das wird schwierig. ‚Vorläufig nicht in Betracht' war ein Vorstandsbeschluss."
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| − | Zhao Liming lächelte: „Herr Wu hat eine Eigenart: Was er tun will, ist seine Meinung; was er nicht tun will, ist die Meinung des Vorstands."
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| − | „Dann laden wir ihn ein", sagte Xiao Gezi.
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| − | „Wie denn? Der Vorstand hat gerade entschieden, und wir laden ihn ein -- kommt er da?" sagte Meizi.
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| − | Zhao Liming sagte: „Nächsten Monat gibt es einen Textilhandel. Wenn er dafür kommt, nehmen wir ihn bei der Gelegenheit mit."
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| − | Xiao Gezi sagte: „Eins verstehe ich nicht: Wenn das Sandgeschäft so lukrativ ist, warum machen wir es nicht einfach selbst?"
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| − | Meizi sagte: „Leicht gesagt! Hast du das nötige Kapital? Überall gibt es Geschäftsmöglichkeiten, aber das Problem ist immer das Geld."
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| − | Zhao Liming lächelte: „Eine Sandgrube braucht mindestens acht bis neun Millionen."
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| − | Meizi knuffte Xiao Gezi: „Von acht oder neun Millionen ganz zu schweigen -- selbst für achtzig- oder neunzigtausend müssten wir alles zusammenkratzen."
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| − | Zhao Liming sagte: „Deshalb brauchen wir einen ausländischen Partner. Die Investition ist der Hauptgrund, aber nicht der einzige: Steuervergünstigungen -- drei Jahre Steuerfreiheit, danach Halbierung. Und die unsichtbaren Vorteile: Mit dem Schild eines Joint Ventures hat man es bei Behörden leichter, und die kleinen Beamten, die sonst die Hand aufhalten, lassen einen in Ruhe."
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| − | „Hast du verstanden?" fragte Meizi Xiao Gezi.
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| − | Xiao Gezi sagte: „Was nützt es, wenn ich es verstehe? Herr Wu muss es verstehen."
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| − | Zhao Liming blickte zum Himmel und murmelte: „Wolken im Westen -- es wird Regen geben."
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| − | Meizi hatte ihn nicht verstanden: „Was sagst du?"
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| − | Zhao Liming winkte ab: „Es gibt gleich Regen, wir müssen los."
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| − | Sie gingen den Damm hinab. Der Wind zerzauste Meizis Haar; sie strich es zurück, doch es fiel sofort wieder herunter.
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| − | Xiao Gezi sagte zu Zhao Liming: „Die Verwandten des Großvaters leben alle in Shanding-Dorf. Mittags essen wir dort, bei der geschmorten Gans." Meizi sagte: „Besser nicht." Xiao Gezi sagte: „Warum nicht? Früher haben wir ihnen oft genug geholfen." Meizi sagte: „Einmal dort aufgetaucht, und sie kommen zehnmal zu uns." Xiao Gezi sagte: „Auch wenn wir sie nicht besuchen, lassen sie uns nicht in Ruhe." Zhao Liming lachte und sagte: „Ich verstehe Meizi. Auch meine Schwiegereltern haben Verwandte in Lumingshan, aber bei all den Besuchen hier habe ich keinen einzigen davon getroffen." Meizi sagte: „Ehrlich gesagt sind es Vaters Verwandte, nicht unsere. Beim letzten Mal in Shanding-Dorf wollte Vater niemanden sehen; wir haben in der kleinen Pension in Lumingshan übernachtet."
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| − | Xiao Gezi sagte: „Ich bestehe darauf! Heute essen wir bei Er Mihu. Wenn es keine Gans gibt, dann wenigstens Huhn mit Pilzen."
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| − | Meizi seufzte: „In welcher Lage sind wir, und du denkst ans Essen."
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| − | „Der Mensch lebt vom Essen", sagte Xiao Gezi.
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| − | Eine Woche nach der Rückkehr aus Shanding-Dorf grübelte Xiao Gezi trübsinnig vor sich hin -- da kam plötzlich ein Anruf von Herrn Wu. Herr Wu sei im Lihua-Hotel und wolle Xiao Gezi und Zhao Liming zum Mittagessen treffen.
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| − | Xiao Gezi war verblüfft: „Wann sind Sie angekommen? Warum haben Sie mir nichts gesagt?"
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| − | „Jetzt sage ich es dir doch", erwiderte Herr Wu.
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| − | „Einladen müssten wir Sie!"
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| − | „Geschenkt."
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| − | Xiao Gezi, Meizi und Zhao Liming trafen Herrn Wu im Hotel-Separee. Herr Wu war bester Laune und sagte sofort: „Die Sandgrube ist ein gutes Projekt. Ich habe den Vorstand überzeugt. Investiert wird." Xiao Gezi war wie vom Donner gerührt -- eine Hundertachtzig-Grad-Wende. Er schaute Zhao Liming an; der war ebenso verdutzt.
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| − | Herr Wu sagte: „Gestern war ich in Shanding-Dorf. Der Sand dort ist hervorragend, unerschöpflich. Ich habe die Gesetze studiert: Solange das Flussbett nicht beschädigt wird, sollte die Genehmigung kein Problem sein."
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| − | Xiao Gezi verstand: Herr Wu hatte die Gegend bereits selbst besichtigt.
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| − | Xiao Gezi schmeichelte sofort: brillante Entscheidung, das perfekte Timing, eine Goldgrube. Herr Wu fasste Xiao Gezi und Zhao Liming herzlich an den Händen: „Reden wir beim Essen weiter."
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| − | Er winkte Meizi: „Fräulein Mei, setzen Sie sich neben mich."
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| − | Meizi zögerte. Xiao Gezi schubste sie: „Herr Wu bittet dich!"
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| − | Sie setzte sich zu seiner Rechten. Zhao Liming nahm gegenüber Platz; Xiao Gezi saß links.
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| − | Herr Wu sagte: „Ihr habt hart gearbeitet. Heute belohne ich euch."
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| − | Meizi konnte es nicht ausstehen, wenn Xiao Gezi sich aufblähte, und warf ihm einen strafenden Blick zu. Herr Wu lächelte: „Herr Liu, ich beneide Sie um eine so schöne, freundliche und fähige Schwester." Beide erstarrten und schauten zu Zhao Liming, der unschuldig dreinblickte: Eure Verwandtschaft habe nicht er verraten.
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| − | Herr Wu erklärte: „Sie sind Leiter, sie stellvertretende Leiterin, aber ich bitte Fräulein Mei auf den Ehrenplatz -- erstens als einzige Dame, Ladies first. Und zweitens: Ihr Bericht für das Sandgruben-Projekt war ausgezeichnet, präzise, fast fehlerfrei."
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| − | Das Essen war opulent -- Herr Wu hatte noch nie so aufgetischt. Beim Essen bot er an, die Geschäftsstelle beizubehalten und die Sandgrube voll zu finanzieren. Xiao Gezi und Zhao Liming sollten die chinesische Leitung übernehmen; die Zentrale werde jemanden für Finanzen und Management entsenden. Er lud auch Meizi ins Führungsteam ein. Meizi schilderte ihre familiäre Situation: Ihr Mann sei ständig auf See, das Kind klein. Herr Wu bot an, eine Vollzeitnanny zu bezahlen. Meizi sagte, für ein Kind sei niemand ein Ersatz für die Mutter. Sie werde aber bis zur Inbetriebnahme der Sandgrube unterstützend mitarbeiten.
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| − | „Schade, wirklich schade", sagte Herr Wu.
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| − | Das Mittagessen dauerte bis vier Uhr nachmittags. Bei guter Stimmung wurde reichlich getrunken. Meizi trank zwei Gläser; aus Angst, in Tränen auszubrechen, schlich sie sich unter einem Vorwand davon. Die drei Männer hingen bereits Arm in Arm und lallten.
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| − | | |
| − | Als Herr Wu von der Toilette zurückkam, torkelte er zum Glasschrank, öffnete ihn und nahm ein Glas heraus. Xiao Gezi sagte: „Auf dem Tisch stehen Gläser."
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| − | „Ich weiß."
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| − | Zhao Liming erklärte leise: „Herr Wu sammelt Gläser als Hobby."
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| − | Herr Wu sagte: „Was für ein Hobby! Ich gehe ständig essen, die verdienen genug an mir. Ein Glas mitzunehmen ist doch wohl erlaubt." Und steckte es in die Tasche.
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| − | Zhao Liming flüsterte Xiao Gezi zu, Herr Wu habe zu Hause eine Vitrine voller Gläser -- wenn nicht tausend, dann sieben- oder achthundert.
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| − | Xiao Gezi war verblüfft: Ein Multimillionär, der ein Glas mitgehen ließ!
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| − | Die Formalitäten für die Sandgrube gingen zügig voran. Xiao Gezi war wie aufgezogen. Die Einzelfirma wurde in ein Joint Venture umgewandelt: Der Gemeinde Lumingshan wurden 15 Prozent Anteile übertragen -- ein Geschenk von Herrn Wu, die Gemeinde investierte nichts.
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| − | | |
| − | Zwei Monate später begann die Produktion. Fünf vollbeladene Sandlaster, mit roten Seidenschleifen geschmückt, standen in Reih und Glied auf dem beflaggten Gelände. Zur festgelegten Stunde fuhren sie unter Böllerlärm vom Sandplatz, hinaus aus dem alten Flussbett.
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| − | Die Kosten des Sandabbaus waren verschwindend gering; vom ersten Tag an verdiente man Geld, nicht wie Wasser, sondern wie ein Strom. Xiao Gezi atmete auf -- endlich konnte er seinen Direktorsposten genießen.
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| − | Doch ein unerwarteter Sturm zog auf: Die Transportroute wurde gesperrt. Ein Streckenabschnitt von der Grube zur Kreisstadt war von dem lokalen „Bauernunternehmer" Li Weidong gebaut worden. Li Weidong erklärte, die Straße sei für die Dorfbewohner gebaut, nicht für Schwerlaster. Xiao Gezi ging zu ihm -- Li Weidong wollte nur Zhao Liming sprechen.
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| − | An einem regnerischen Herbsttag kehrte Zhao Liming niedergeschlagen zur Sandgruben-Baracke zurück.
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| − | „Und?" fragte Xiao Gezi.
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| − | „Der Kerl ist ein Räuber!" fluchte Zhao Liming.
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| − | „Was will er? Wegezoll?"
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| − | „Nein. Anteile."
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| − | „Anteile? Wie viel?"
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| − | „Vierzig Prozent."
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| − | „Wie ... wie viel?"
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| − | „Vierzig, keinen Prozentpunkt weniger."
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| − | „Das ist Irrsinn! Für 40 Prozent könnte man die ganze Straße bauen."
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| − | „Es sind über zehn Kilometer. Abgesehen davon: Ob eine Genehmigung zu bekommen ist, sei dahingestellt, und die Zeit können wir uns nicht leisten."
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| − | „Reden wir mit der Gemeindeverwaltung."
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| − | „War ich schon. Li Weidong ist ein Gauner, er beruft sich auf seine alte Vereinbarung mit der Gemeinde."
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| − | „Dieser Li Weidong ist hinterhältig -- er hat gewartet, bis wir investiert hatten, und dann zugeschlagen. Ich höre, er ist der lokale Unterweltboss. Na gut, dann schicke ich meine Leute!"
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| − | „Wir sind ein legales Unternehmen, keine Schlägertruppe. Außerdem könnten wir gegen ihn verlieren -- sein Revier."
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| − | Xiao Gezi sog die Luft ein. Die Gottesanbeterin fängt die Zikade, und der Spatz lauert dahinter. Wie viele Fallen mochten noch auf sie warten?
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| − | Xiao Gezi fragte: „Du und Li Weidong -- ihr kennt euch schon länger?" Zhao Liming seufzte: „Eine lange Geschichte."
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| − | Auch Zhao Liming war ein alter Bewohner des kleinen Hauses. Liu Baogui sagte über ihn: „Der Junge hatte es schwer." Die alte Frau Qi sagte: „Der Junge ist zäh." Zhao Limings Vater war Arbeitskollege von Liu Baogui gewesen; als Zhao Liming acht war, starb sein Vater bei einem Arbeitsunfall, und er zog mit der Mutter zu ihrem neuen Mann. Noch vor dem Mittelschulabschluss wurde er aufs Land verschickt. Als Kind war Zhao Liming sanft und zurückhaltend, nie in Schlägereien verwickelt. Auch in der Jugendgruppe war er ein Einzelgänger. Um die Einsamkeit zu lindern, kaufte er von seinen Ersparnissen zehn Küken -- einen Hahn und neun Hennen. Er hegte und pflegte sie, und schließlich begannen sie zu legen. Nach der Feldarbeit freute er sich an seinen Hühnern und rechnete sich aus, dass er von dem Eiergeld seiner Mutter ein neues Oberteil kaufen könnte.
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| − | Doch Li Weidong machte diesem Traum ein Ende. Li Weidong war aus dem Nachbardorf, ein ehemaliger Schulkamerad, zwei Jahre älter. Schon in der Schule ein Tyrann, fuhr er auch auf dem Land fort, Schwächere zu schikanieren und zu stehlen. Eines Morgens zählte Zhao Liming seine Hühner und stellte fest, dass eines fehlte. Er vermutete ein Wiesel. Zwei Tage später verschwand ein weiteres. Dann noch eins, und noch eins -- bald war die Hälfte weg, manche am helllichten Tag. Zhao Liming meldete sich krank und lauerte dem „Wiesel" auf.
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| − | Nach drei Tagen hörte er Hühnergeschrei im Hof, sah durchs Fenster einen großen Kerl, der flink ein Huhn am Hals packte, den Kopf umdrehte und es in den Rucksack steckte. Zhao Liming brüllte: „Halt!" und sprang durchs Fenster. Li Weidong rannte nicht, sondern grinste: „Ich weiß, es sind deine Hühner. Aber ich feiere meinen Zwanzigsten! Betrachte es als Geburtstagsgeschenk." Zhao Liming warnte ihn. Li Weidong lachte: „Du willst mir drohen? Warte nur ab!"
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| − | Natürlich kam er wieder, dreister denn je. Zhao Liming grübelte eine Nacht lang. Am nächsten Tag schlachtete er drei der vier verbliebenen Hühner, kochte einen riesigen Topf mit Kartoffeln und lud die Jugendgruppe zum Festmahl ein. Anfangs trauten sie sich nicht; dann aßen sie gierig -- sie hatten lange kein Fleisch gesehen.
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| − | Am nächsten Morgen ließ Zhao Liming das letzte Huhn frei und saß auf der Türschwelle, starrte es an. Gegen Mittag erschien Li Weidong, suchte den Hof ab: „Wieso nur noch eins?" Zhao Liming antwortete nicht. Li Weidong fing das Huhn, packte es am Hals. Zhao Liming stellte sich ihm in den Weg. „Aus dem Weg, du Köter!" Zhao Liming zückte blitzschnell eine Sichel und hieb zu. Li Weidong wich aus, wurde aber an der Schulter getroffen; Blut spritzte. Zhao Liming holte ein zweites Mal aus. Li Weidong presste die Hand auf die Wunde und rannte davon.
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| − | Li Weidong lag sieben Tage im Kreiskrankenhaus, Zhao Liming sieben Tage in Arrest. Am selben Tag entlassen, trafen sie sich auf der Straße von Lumingshan, funkelten sich an, bereit zum Kampf. Doch die Kräfteverhältnisse waren klar: Li Weidong, der lokale Tyrann, hatte nur zwei Kumpane. Zhao Liming wurde von der ganzen Jugendgruppe und zwei Dorfmilizionären empfangen wie ein Held. Li Weidong wagte nicht, anzugreifen, rief aber: „Zhao Liming, das zahle ich dir heim! Zehn Jahre warte ich, wenn es sein muss!"
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| − | Im Herbst wurde Zhao Liming zum Gruppenleiter gewählt, dann zum Produktionsbrigadeleiter. Er bewirtschaftete Brachland, pflanzte Mais und Gemüse, züchtete Hühner und Schweine. Als die Rückkehrer-Welle kam, war er der Letzte, der ging, weil er in der Zwischenzeit geheiratet hatte.
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| − | Zhao Liming lächelte bitter: „Wer hätte gedacht, dass wir uns nach all den Jahren wiedertreffen. Nicht die Berge, sondern die Menschen kreuzen sich wieder."
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| − | Xiao Gezi tröstete ihn: „Wir schaffen das. Wo ein Berg ist, gibt es einen Weg; wo ein Fluss ist, eine Brücke."
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| − | Am nächsten Morgen schärfte Xiao Gezi in der Gemeinschaftsküche ein Küchenmesser. Die alte Frau Qi fragte, wozu. „Ach, Großvater hat mich schon lange darum gebeten. Ich war nur zu beschäftigt." Die alte Frau Qi sagte, Liu Baogui mache sich Sorgen wegen des Sandtransports. Xiao Gezi beruhigte sie und bat sie, dem Großvater auszurichten, er solle sich keine unnötigen Sorgen machen.
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| − | Xiao Gezi und Zhao Liming fuhren mit dem von Herrn Wu entsandten „Beauftragten" zu Li Weidong. Meizi wollte mit, Xiao Gezi lehnte ab. Die „Weidong Immobilien GmbH" residierte im „Weidong-Hochhaus" -- in Wahrheit ein dreistöckiges Backsteingebäude. Man wurde am Eingang aufgehalten; eine junge Frau namens Sekretärin Jin führte sie in den Konferenzraum und erklärte, Herr Li empfange gerade eine wichtige Persönlichkeit. Sie prahlte mit Fotos an der Wand und der Firmenmilliarden-Geschichte. Dann hieß sie warten. Während des Wartens erschien Meizi.
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| − | Xiao Gezi nahm sie beiseite und schalt sie. Meizi sagte, sie habe ein ungutes Gefühl.
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| − | „Wir sind zum Verhandeln hier. Was soll schon passieren?"
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| − | „Ich weiß auch nicht, ich habe nur ein schlechtes Vorgefühl."
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| − | „Sei unbesorgt."
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| − | „Das kann ich nicht. Ich kenne dein Temperament."
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| − | „Kümmer dich um deinen Kram."
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| − | „Du hast dem Großvater von der Sandgrube erzählt? Jetzt macht er sich auch noch Sorgen!"
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| − | „Er hat mich ausgefragt, und ich kann nicht lügen."
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| − | „Du bringst mich noch um!"
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| − | „Stört es dich, dass ich dabei bin? Keine Sorge, wenn alles erledigt ist, gehe ich."
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| − | „Das meine ich doch nicht!"
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| − | „Ich kenne meine Grenzen."
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| − | „Es geht mir darum, dass eine Frau sich nicht in Männerangelegenheiten einmischen sollte."
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| − | „Bei anderen mische ich mich nicht ein. Aber du bist mein Bruder."
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| − | Sekretärin Jin kam erneut und sagte, Herr Li bitte die Gäste zu sich nach Hause. Xiao Gezi meinte, sie seien geschäftlich da. Sekretärin Jin lächelte: Herr Li betrachte Herrn Zhao als alten Freund. Zhao Liming sagte: Na gut, wenn wir schon hier sind.
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| − | Xiao Gezis Auto folgte dem BMW in ein Villenviertel. Das Haus war von Bäumen beschattet, wirkte aber protzig -- Xiao Gezi störte besonders der Stacheldraht auf der Mauer.
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| − | Ein Hupen, und das Tor öffnete sich automatisch. Im Hof stand ein Mann in Designerkleidung, hinter ihm sechs, sieben Muskelprotze. Li Weidong begrüßte alle herzlich, ließ sich vorstellen und sagte: „Willkommen, herein."
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| − | Im Wohnzimmer sagte Li Weidong zu Zhao Liming: „Zwei Berge treffen sich nie, zwei Menschen immer." Zhao Liming antwortete höflich: „Wer drei Tage nicht gesehen wurde, den soll man mit neuen Augen betrachten." Li Weidong: „Ach wo, fünfzehn Jahre bescheidenes Wirtschaften, der Schneeball ist langsam gewachsen."
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| − | Serviert wurden Kaffee, Litschi, Mango und Honigmelone. Li Weidong bot Meizi das Sofa an: „Setzen Sie sich, Sie sind doch zu Hause!"
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| − | Von oben kam Sekretärin Jin herab -- diesmal im Abendkleid. Li Weidong stellte vor: „Das ist meine Frau." Und zu Xiao Gezi: „Das ist der Freund von Zhao Liming, Direktor Liu." Jin Ping lächelte und stellte sich vor.
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| − | Li Weidong sagte: „Zwanzig Jahre, und jetzt bist du auf meinem Terrain! Erinnerst du dich an mein Versprechen von damals?"
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| − | Zhao Liming sagte: „Rache, zehn Jahre nicht zu spät. Gut, schlag zu -- aber lass meine Firma in Ruhe."
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| − | Li Weidong lachte: „Glaubst du wirklich, ich bin so kleinlich? Hätte ich keinen Weitblick, wäre ich nicht, wo ich bin. Schau dich an, schau mich an -- wie sollte ich mich da rächen?"
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| − | Xiao Gezi sagte: „Ein Mann wie Li Weidong wird sich wegen ein paar Hühnern von damals sicher nicht nachtragen." Li Weidong: „Richtig. Wegen der Hühner sage ich nichts." Xiao Gezi kam zum Geschäft: „Können Sie die Schranke öffnen? Über das Geld reden wir in Ruhe. Herr Wus Vertreter ist extra angereist."
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| − | „Herr Wu sollte persönlich kommen."
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| − | „Ich bin der chinesische Geschäftsführer."
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| − | „Gut, dann Klartext. Unterschreiben Sie die Anteilsübertragung, dann wird die Straße frei."
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| − | Zhao Liming sagte: „Wer würde so eine Übertragung unterschreiben? Das ist Raub!"
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| − | Li Weidong sagte: „Ich rede mit dem Chef, nicht mit dir. Halt dich raus."
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| − | Xiao Gezi sagte: „Auch Zhao hat Stimmrecht."
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| − | Li Weidong lächelte: „Ich kenne eure wahren Verhältnisse. Also: offene Worte. Die Anteile stehen nicht zur Diskussion. Diesen Monat nicht unterschrieben, nächsten Monat steigt der Preis."
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| − | Xiao Gezi sagte: „Herr Li, Sie sagten doch, die alten Hühner seien vergessen."
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| − | „Die Hühner schon." Li Weidong öffnete sein Hemd und zeigte die Narbe an der Schulter. „Aber das hier ist eine alte Rechnung. Was sind die wohl wert in Anteilen?"
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| − | Xiao Gezi stand auf: „Herr Li ..."
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| − | „Wer bist du? Du hast kein Rederecht!"
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| − | Zhao Liming stand auf: „Gut, dann gib mir auch einen Hieb."
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| − | Plötzlich ein Schrei von Sekretärin Jin -- Xiao Gezi hatte hinter seinem Rücken ein Küchenmesser gezückt, das blank in der Luft blitzte.
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| − | Sieben, acht junge Männer stürmten herein. Li Weidong lachte: „Was, in meinem Haus ein Blutbad anrichten?"
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| − | Xiao Gezi sagte: „Ich habe es nicht auf euch abgesehen. Ich bin für Bruder Zhao gekommen, um die Schuld zu begleichen."
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| − | Im selben Moment schlug er sich das Messer in den eigenen Arm. Meizi und Zhao Liming warfen sich auf ihn; Blut tränkte sein Hemd. Meizi presste auf die Wunde; Blut quoll zwischen ihren Fingern hervor.
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| − | Li Weidong nickte und sagte zu Xiao Gezi: „Nicht schlecht. Du hast Mumm."
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| − | Sekretärin Jin schrie: „Schafft sie raus! Ich will kein schmutziges Blut in meinem Haus!"
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| − | Die Schläger schoben sie hinaus. Am Auto fiel auf, dass der „Beauftragte" fehlte. Meizi half Xiao Gezi ins Auto; der zitternde „Beauftragte" wurde erst danach herausgeschoben.
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