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| − | = Kapitel 15: Die Frucht der Weisheit =
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| − | Obwohl der Herbst in dieser Küstenstadt später Einzug hielt, richteten sich die Jahreszeiten nicht nach Befindlichkeiten: Die Blätter fielen, und man wusste, es war Herbst. Die alte Akazie im Hof des kleinen Hauses, die im Sommer noch dichten Schatten gespendet hatte, stand nun kahl, ihre nackten Äste wiegten sich vor dem weiten Himmel.
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| − | Nach dem Frühstück war es trüb und grau. Liu Baogui saß auf der Steinstufe im Hof und spürte kaum, dass es regnete. Doch ab und zu fielen Tropfen vom Dach des kleinen Hauses auf seinen Scheitel.
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| − | Xu Zhentong kam den Hang herauf. Liu Baogui sah ihn kommen und grüßte. Xu Zhentong setzte sich neben ihn und bedeutete ihm, nicht aufzustehen.
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| − | „Nächsten Monat müssen wir alle raus", sagte Xu Zhentong mit einem Anflug von Wehmut.
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| − | „Ja. Hast du schon eine Unterkunft?"
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| − | „Schon, aber sehr weit weg."
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| − | „Das soll bei allen so sein. Die alte Frau Qi zieht nach Hongqi-Zhen."
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| − | Diesmal war es ernst: Die Stadt plante eine „Flaniermeile der besonderen Art", und die kleinen Villen der Nanshan-Straße sollten erhalten, renoviert und gewerblich genutzt werden. Die Nachbarn am Hangfuß waren bereits ausgezogen; Frist für Liu Baoguis Haus war Ende nächsten Monats. Liu Baogui dachte: Auch wenn er das Haus verlassen muss -- es wird nicht abgerissen. Das Gerüst bleibt stehen, und er kann es jederzeit besuchen.
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| − | Xu Zhentong fragte, warum Liu Baogui heute Morgen nicht beim Frühsport gewesen sei. Liu Baogui erzählte: Er sei vor fünf Uhr aufgewacht, habe bis sechs warten wollen, sei aber wieder eingeschlafen und habe einen seltsamen Traum gehabt. Darin war er noch jung und voller Kraft, schwang einen Eisenhammer. Das Gefühl war herrlich -- tief atmen, schweißen. Dann träumte er von seiner Frau Fang Guiqin, die noch jung war, in einer blauen Jacke, mit dickem Bauch -- vielleicht schwanger mit Yuejin oder Shiqing. Sie stand im Pappelwäldchen hinter der Werkstatt und winkte ihm zu, als bringe sie ihm das Essen. Er legte den Hammer nieder und ging auf sie zu, doch sosehr er sich anstrengte, er kam nie bei ihr an ... Xu Zhentong sagte: „Wer tagsüber denkt, träumt nachts davon. Du hängst wohl auch am kleinen Haus."
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| − | Liu Baogui sagte: „Vielleicht."
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| − | Im Handumdrehen hatte Liu Baogui 40 Jahre in diesem Haus gelebt. Vier Kinder waren hier geboren und aufgewachsen, der älteste Sohn Yuejin hatte hier geheiratet, Fang Guiqin war hier gestorben ... Aus dem kräftigen jungen Mann war ein Greis geworden. Die beiden dunklen, feuchten Zimmer hatten einst eine ganze Großfamilie beherbergt. Dieses kleine Haus war ein Zeuge, der im Wandel der Sterne und Jahre still über die Familie gewacht und durch diesen Tunnel der Zeit Bekanntes und Unbekanntes miteinander verbunden hatte.
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| − | Natürlich hatte das Haus in all den Jahren Stürme erlebt, und seine Bewohner hatten alle Süßen und Bitternisse des Lebens gekostet. Vielleicht war das Leben so -- gerade weil man all das durchlebt hatte, trat sein Sinn zutage.
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| − | „Onkel!" rief jemand. Liu Baogui drehte sich um -- Er Mihu stand im Durchgang zum Haus, hinter ihm fünf, sechs Leute: Verwandte aus Shanding-Dorf.
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| − | „Was macht ihr denn hier?"
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| − | Er Mihu stotterte: „Wir wollen uns erkundigen ..." Noch bevor er ausreden konnte, drängte sich Xiumei vor: „Was erkundigen! Sag es geradeheraus! Onkel, wir wollen unser Geld zurück!"
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| − | „Geld zurück? Welches Geld?"
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| − | „Die Sandgrube ist beschlagnahmt worden! Unser ganzes Geld steckt da drin -- unser Blut und Schweiß!"
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| − | „Die Sandgrube beschlagnahmt? Seit wann?"
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| − | Er Mihu erstarrte: „Seit ... einem halben Monat. Sie wussten das nicht?"
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| − | „Achtzehn Tage", sagte Xiumei. „Xiao Gezi ist seit einem halben Monat verhaftet."
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| − | „Xiao Gezi ... verhaftet? Von wem?"
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| − | „Von der Polizei! Illegale Kapitalbeschaffung ist eine Straftat."
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| − | Liu Baogui sackte zu Boden, riss die Augen auf und brüllte: „So etwas Schwerwiegendes, und niemand sagt mir Bescheid?"
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| − | Dann lag er steif am Boden. Er Mihu und Xiumei erschraken und versuchten, ihn aufzurichten. Die alte Frau Qi kam auf den Lärm heraus, schob die beiden beiseite und erklärte, Liu Baogui habe ein Herzleiden und dürfe sich nicht aufregen. Sie schickte Xu Zhentong zum Notruf und holte eilig das Nitroglycerin -- ihre „Herzrettungspillen" -- aus dem Haus.
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| − | Liu Baogui wurde in die Notaufnahme gebracht und stabilisiert. Yuejin, Meizi und Shiqing eilten getrennt ins Krankenhaus. Die alte Frau Qi, Xu Zhentong, Er Mihu und Xiumei waren bereits da. Yuejin sprach mit dem Arzt, als Shiqing angelaufen kam und beim Anblick von Meizi in Tränen ausbrach. Meizi sagte: „Dank Tante Qi und Lehrer Xu! Wenn niemand in der Nähe gewesen wäre, hätte Vater es nicht geschafft." Shiqing weinte noch heftiger: „Wozu haben wir Kinder? In der Not ist keins da."
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| − | Meizi sagte: „Ein Glück im Unglück."
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| − | Yuejin kam vom Arzt, mit finsterer Miene: „Hört auf zu heulen. Er muss auf die Intensivstation. Reden wir über die Kaution."
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| − | Meizi fragte nach der Summe. Yuejin: „Zwanzigtausend. Erst mal. OP-Kosten nicht eingerechnet."
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| − | „Wie viel?" Shiqing riss die Augen auf.
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| − | „Zwanzigtausend. Und das ist nur die erste Rate."
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| − | Meizi sagte: „Das Problem ist, wir haben das Geld nicht. Meins steckt bei Xiao Gezi."
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| − | Shiqing sagte: „Mir geht es genauso. Nicht mal tausend Yuan bar."
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| − | Yuejin sagte: „Schaut mich nicht an. Bei mir ist auch nichts."
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| − | Die alte Frau Qi und Xu Zhentong wollten nicht stören und verabschiedeten sich. Meizi suchte Er Mihu und Xiumei -- spurlos verschwunden.
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| − | Meizi sagte: „Dann so: Jeder kratzt zusammen, was geht. Ich bitte Dalin um zehntausend, ihr beiden um zusammen zehntausend."
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| − | Shiqing sagte: „Bleibt wohl nichts anderes. Nach der Entlassung rechnen wir ab. Ohne Xiao Gezi, nach alter Regel: Bruder zahlt die Hälfte, Meizi und ich die andere."
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| − | Yuejin wurde bleich: „Warum ich allein die Hälfte? Das Verhältnis ist ja ungeheuerlich!"
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| − | Shiqing sagte: „Du bist der Sohn, wir die Töchter -- so war es immer. Wenn ich Geld hätte, würde ich alles allein zahlen. Du bist der Älteste -- wo ist deine Großzügigkeit?"
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| − | Yuejin wurde rot: „Fang nicht vom Großzügigsein an! Wer kann schon reden. Es geht nicht ums Geld! Nicht ums Geld -- und letztes Mal bei Vaters OP, wie viel hast du bezahlt?"
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| − | „Du bist der Älteste, das ist deine Pflicht!"
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| − | „Und der Älteste soll daran sterben? Was habe ich denn mehr bekommen?"
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| − | Meizi sagte: „Was soll das? Vater ist noch nicht einmal aufgenommen, er ist noch in Gefahr, und ihr streitet euch ums Geld! Schämt ihr euch nicht?"
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| − | Shiqing verstummte, Yuejin wandte sich ab.
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| − | Meizi sagte: „Los jetzt, jeder beschafft seinen Teil. Heute Nachmittag muss Vater aufgenommen werden."
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| − | Yuejin fühlte sich ungerecht behandelt und ging zum Rauchen ins Treppenhaus. Eine Krankenschwester erwischte ihn: „Wer hat Ihnen erlaubt, hier zu rauchen?"
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| − | Ein Wort gab das andere; Yuejin versuchte, den Beweis zu vernichten, bestritt alles und wurde trotzig. Die Schwester packte ihn am Arm, er riss sich los und schleuderte sie dabei zu Boden; sie schlug mit dem Kopf gegen das Geländer.
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| − | Shiqing hatte den Lärm gehört und sagte zu Meizi: „Hoffentlich ist das nicht unser Bruder. Wo wir doch das Krankenhauspersonal brauchen!" Meizi eilte hin und fand die Schwester mit einer Eiskompresse auf der Stirn. Sie entschuldigte sich tief: „Es tut mir unendlich leid."
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| − | „Wer sind Sie?"
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| − | „Die Schwester des Mannes, der Sie verärgert hat."
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| − | „Verärgert? Er hat mich verletzt!"
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| − | Meizi versuchte alles: Sie erwähnte eine Freundschaft mit dem Chefarzt -- das machte es schlimmer. Dann erwähnte sie eine Schulfreundin, eine Krankenschwester namens Yang Nini.
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| − | Die Schwester hielt inne: „Wie sagten Sie?"
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| − | „Yang Nini, Krankenschwester bei Ihnen ..."
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| − | „Ihr Name?"
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| − | „Liu Hongmei. Grundschule Lokomotive."
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| − | Die Schwester musterte sie: „Liu Hongmei? Ich bin Yang Nini!"
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| − | Meizi wurde feuerrot: „Zwanzig Jahre! Man erkennt sich gar nicht wieder. Wir waren doch im selben Team!"
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| − | „Stimmt, ich musste wegen Krankheit aufhören."
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| − | „Kurz danach auch ich."
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| − | Yang Nini musste lachen, wurde dann wieder ernst.
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| − | „Hätte nie gedacht, dass wir uns so wiedersehen."
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| − | Meizi lobte und schmeichelte, bis Yang Nini lächelte. Dann kamen Er Mihu und Xiumei zurück -- mit einer Wassermelone.
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| − | Er Mihu sagte: „Wir haben es besprochen. Geld können wir nicht geben -- alles steckt in der Sandgrube. Aber wir können abwechselnd pflegen."
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| − | Shiqing sagte: „Pflege nicht nötig, Angehörige dürfen nicht auf die Intensivstation."
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| − | Xiumei sagte: „Hätten wir gewusst, was passiert, wären wir nicht gekommen. Dass der Onkel krank wurde -- das hat uns erschreckt."
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| − | Meizi sagte: „Lassen wir das. Vaters Zusammenbruch ist nicht eure Schuld. Es war die Nachricht von Xiao Gezi. Genau deshalb haben wir es ihm verheimlicht."
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| − | Yuejin schnaubte: „Wie, nicht ihre Schuld? Ohne deren Aufruhr wäre der Großvater nicht so schnell zusammengebrochen." Meizi warf ihm einen Blick zu: „Bruder, gib Ruhe. Xiao Gezis Sache steht im Raum -- was man am Ersten verbirgt, kommt am Fünfzehnten heraus."
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| − | Er Mihu und Xiumei zogen beschämt ab. Yuejin murmelte: „Nichts als Pech mit denen."
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| − | Yang Nini kam und sagte zu Meizi: „Ich habe einen Platz in der Kardiologie organisiert." Meizis Augen wurden groß: „Keine Intensivstation mehr?" -- „Nein", sagte Yang Nini.
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| − | Meizi zerrte Yuejin herbei: „Los, entschuldige dich!"
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| − | Yuejin ohrfeigte sich selbst, zweimal, und stammelte: „Ich war blind. Bitte verzeihen Sie." Yang Nini wurde ärgerlich-amüsiert und sagte: „Kommt mit, ich bringe euch zur Station."
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| − | Meizi sagte: „Aber wir haben noch keine Kaution bezahlt."
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| − | „Doch. Gerade eben."
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| − | „Bezahlt?"
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| − | Yuejin und Shiqing schoben Liu Baoguis Bett hinter Yang Nini her. Meizi rannte zur Kasse. Die Kaution war tatsächlich beglichen. Meizi fragte: „Für Liu Baogui?"
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| − | „Ja. Können Sie die Quittung nicht selbst überprüfen?"
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| − | Meizi stand wie versteinert in der Kassenhalle. Dann hörte sie jemanden rufen und erkannte am Aufzug die alte Frau Qi und Xu Zhentong.
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| − | Die alte Frau Qi drückte ihr die Quittung in die Hand. Meizis Augen wurden sofort feucht.
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| − | „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll!"
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| − | „Was soll's. Wer hat nicht mal Pech im Leben."
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| − | „Jahrzehntelange Nachbarn, wie eine Familie", sagte Xu Zhentong.
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| − | Meizi erzählte Yuejin und Shiqing von der Hilfe. Yuejin schlug sich auf den Schenkel: „Himmlisch! Ein wahrer Segen!" Shiqing sagte: „Besser ein guter Nachbar als ein ferner Verwandter!" Meizi sagte: „Das Haus wird bald abgerissen, die Nachbarn gehen auseinander -- und in diesem Moment tun Tante Qi und Lehrer Xu das für uns. Wir dürfen diese Freundschaft niemals vergessen."
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| − | Meizi wurde still und erinnerte sich, wie Liu Baogui einst Xu Zhentong Geld geliehen hatte und die alte Frau Qi es an die Presse gebracht hatte -- Liu Baogui bekam nur einen leeren Ruhm dafür. Shiqing hatte ihn damals gescholten: Geld ins Wasser geworfen, nur ein Plätschern gehört. Doch nun zeigte sich: Die Jahreszeiten drehen sich, und auch Gut und Böse haben ihren Kreislauf.
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| − | Shiqing stieß Meizi an: „Schau, Vater will etwas sagen."
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| − | Yuejin und Meizi beugten sich über ihn. Liu Baogui bewegte die Lippen, brachte aber keinen Ton heraus. Meizi beugte sich an sein Ohr: „Was möchten Sie sagen?"
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| − | Liu Baogui hob mühsam eine Hand und deutete. Meizi verstand und sagte lächelnd: „Er ist wach ... Er will nach Hause!"
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| − | Meizis lang aufgestaute Tränen strömten hervor.
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| − | Am nächsten Vormittag hatte Meizi die Kaution und OP-Kosten zusammen. Am Nachmittag fuhr sie ins kleine Haus, um Liu Baoguis Personalausweis und Versichertenkarte zu holen, und brachte das Geld für die alte Frau Qi und Xu Zhentong mit.
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| − | Vor dem Haus hängte die alte Frau Qi gerade Bettdecken auf. Bei dem feuchten Wetter waren sie schwer; die alte Frau mühte sich. Meizi half, und die Decke hing im Nu.
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| − | „Ich höre, dein Vater ist außer Gefahr?"
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| − | Meizi nickte.
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| − | „Wann ist die OP?"
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| − | „Morgen Vormittag."
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| − | „Geht es nicht konservativ?"
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| − | Meizi erklärte die neue Stent-Technologie -- bioresorbierbar, löst sich in drei bis vier Monaten auf.
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| − | „Ich meine, ob er es in seinem Alter aushält."
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| − | „Seien Sie beruhigt, die Konsultation war positiv."
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| − | „Na, dann ist gut."
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| − | Meizi reichte das Geld. Die alte Frau Qi wehrte ab: „Behalte es, ihr braucht es jetzt."
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| − | „Das Geld ist zusammen. Wir danken Ihnen und Lehrer Xu aus ganzem Herzen."
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| − | „Unter Nachbarn sagt man so etwas nicht!"
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| − | Nach einigem Hin und Her legte Meizi das Geld an die Schwelle der alten Frau Qi.
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| − | Die OP verlief nicht ganz so glatt wie erhofft -- Gefäßkomplikationen traten auf --, doch letztlich wurde die Krise gemeistert. Als Liu Baogui wieder zu Kräften kam und essen konnte, atmeten alle auf.
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| − | Auf Shiqings Drängen lud Yuejin die Familie zum Essen ein. Es kamen nur Shiqing und Meizi. Yuejin bestellte geräucherte Pfannkuchen. Meizi sagte: „So viel Aufhebens, und dann dieses Niveau." Shiqing sagte: „Immerhin! Dem Geizhals eine Feder auszurupfen ist nicht leicht."
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| − | Die drei sprachen über Liu Baogui und Xiao Gezi. Liu Baoguis Unterbringung war schnell geklärt: vorübergehend bei Meizi, bis die Ersatzwohnung fertig sei. Xiao Gezis Schulden waren ein anderes Kaliber. Er saß in Untersuchungshaft, die Grube war geschlossen; wann abgewickelt, wie viel zurückgezahlt, ob die Darlehen überhaupt einbezogen würden -- alles ungewiss.
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| − | „Wie konnte der Hongkonger das vorhersehen? Ein Jahr vorher ausgestiegen!" sagte Shiqing.
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| − | Meizi sagte: „Es gab wohl keine Vorzeichen. Herr Wu ist einfach ein schlauer Fuchs."
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| − | Shiqing sagte: „Xiao Gezi ist dagegen ein Tölpel."
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| − | „Kein Tölpel -- ein Tiger. Tollkühn!" sagte Yuejin.
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| − | Meizi kannte die Geschichte: Nach der Übernahme lief die Grube anderthalb Jahre, dann kam die Umweltprüfung. Zhao Liming verkaufte mit Verlust und verschwand. Xiao Gezi hingegen expandierte trotzig, wurde von der Provinzbehörde entdeckt und versiegelt. Trotzdem grub er heimlich weiter, bis er geschnappt wurde. Da war seine Finanzierung längst zusammengebrochen, und die Ermittler deckten zusätzlich illegale Kapitalbeschaffung auf. Mehrere Anklagepunkte -- Xiao Gezi saß fest.
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| − | Zusammengerechnet war das Loch in der Familie gewaltig: Shiqing über 400.000, Yuejin 200.000, Meizi über 300.000. Für einfache Familien astronomische Summen. Yuejin hatte wenigstens mit Sufen darüber gesprochen; Shiqing und Meizi hatten heimlich gezahlt. Wenn Hongwei und Dalin es erfuhren, wurde alles nur schlimmer.
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| − | Die drei schimpften vereint auf Xiao Gezi -- ein Schuldengeist, ein geborener Unglücksrabe. Und sie klagten die Eltern an: zu nachsichtig mit dem Jüngsten.
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| − | Shiqing fragte: „Was ist aus Ma Yan geworden? Sie hatte alles in Xiao Gezis Geschäfte gesteckt -- mehrere Hunderttausend. Wo ist das ganze Geld geblieben?"
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| − | Meizi sagte: „Mir auch ein Rätsel. Die Grubenbücher waren transparent, und nach anderthalb Jahren war das Kapital zurück. Wo sind die Darlehen hin?"
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| − | Yuejin sagte: „Ich habe es euch immer gesagt: Er ist vom Teufel besessen."
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| − | Shiqing sagte: „Wenn du so hellsichtig bist, warum hast du ihm dann 200.000 geliehen?" Yuejin schwieg, dann sagte er: „Xiao Gezi ist ein Unheil. Er hat die ganze Familie ruiniert, und sogar die Verwandten aus Shanding-Dorf -- zehn-, zwanzigtausend hier und dort, in Summe hunderttausend. Das ganze Dorf ist ausgeräumt."
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| − | Shiqing sagte: „Vater hat sein ganzes Leben den Verwandten geholfen. All das Ansehen hat Xiao Gezi zerstört."
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| − | „Wenn Vater nach Xiao Gezi fragt, müssen wir uns abstimmen", sagte Shiqing.
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| − | „Abstimmen? Er weiß doch Bescheid, deshalb ist er zusammengebrochen", sagte Yuejin.
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| − | „Was kommt, kommt", sagte Meizi.
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| − | Shiqing seufzte: „Ob es Xiao Gezi drinnen wohl gut geht?"
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| − | „Du hast noch Mitleid? Ich könnte ihn umbringen", sagte Yuejin.
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| − | Nach der Entlassung zog Liu Baogui vorübergehend bei Meizi ein. Das war aufreibend: strenge Diät, tägliches Kochen, abends todmüde -- und nachts wieder wach. Liu Baogui war unzufrieden und nörgelte. Morgens wollte er Tofu-Würze, und Meizi schnitt ein Stück in drei Teile und erlaubte ihm nur eines. Liu Baogui schimpfte, sie sei strenger als der Arzt. Seine schlechte Laune hing damit zusammen, dass er erfahren hatte, was passiert war. Kaum konnte er laufen, ging er hinunter.
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| − | Liu Baogui sagte zu Meizi, die ihm wie ein Schatten folgte: „Ich brauche dich nicht."
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| − | „Ich verstehe dich nicht."
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| − | Liu Baogui sagte lauter: „Geh deiner Arbeit nach."
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| − | Meizi lachte: „Seien Sie nicht undankbar! Wer pflegt Sie denn den ganzen Tag?"
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| − | Liu Baogui ging zurück ins kleine Haus und saß kurz herum. Dann war er verschwunden. Meizi suchte und fand ihn vor der Wohnung der alten Frau Qi. Die beiden plauderten: Wenn die alte Frau Qi etwas Lustiges erzählte, kicherte sie allein, während Liu Baogui ernst blieb; wenn er etwas Lustiges erzählte, lachte er allein, sie nicht. Und doch wirkten beide zufrieden.
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| − | Abends war Liu Baogui wieder weg. Meizi spähte durch Xu Zhentongs Türspalt: Die beiden spielten Schach. Liu Baogui hatte offenbar verloren, schnappte sich einen Stein, stand auf und wollte gehen. An der Tür prallte er mit Meizi zusammen.
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| − | Auf dem Heimweg schaute Liu Baogui sich noch einmal um, sah, dass Xu Zhentong nicht folgte, und sagte erleichtert: „Xu Zhentong wollte mich schlagen."
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| − | „Sie schlagen?"
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| − | „Ja! Aber so leicht kriegt er mich nicht."
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| − | Meizi verstand erst drinnen: Liu Baogui hielt einen Schachstein -- den „General" -- in der verschwitzten Hand.
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| − | In jener Nacht blieben sie im kleinen Haus. Es regnete, Liu Baogui stand auf und lief hin und her, murmelte vor sich hin. Meizi fand es unheimlich; als sie nachsah, schlief er wieder. Kaum war sie draußen, schrie er: „Yuejins Mutter, schnell, Eimer und Schüsseln!" Meizi dachte: Vater träumt wieder davon, wie es damals durchs Dach regnete.
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| − | Später zog Liu Baogui in die Ersatzwohnung -- weit weg, am anderen Ende der Bucht, aber komfortabel: drei Zimmer, Küche, Bad. Xiao Gezi wurde zu elf Jahren verurteilt. Meizi besuchte ihn im Gefängnis und traf dort Ma Yan. Ma Yan sagte kein Wort, nur ein stilles Lächeln im Vorbeigehen.
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| − | In jenem Jahr hatte Meizi einen Autounfall. Zuvor hatte sie bei Lehrer Qiaos Universität angerufen -- seit Jahren kein Kontakt mehr. Eine Frau am Telefon sagte, Lehrer Qiao sei „nicht mehr da". Meizi erschrak: „Gestorben?" -- „Nein, er ist nicht mehr bei uns." -- „Versetzt?" -- „Ich bin nicht sicher ... Er soll nach Tibet gegangen sein." -- „In welche Einrichtung?" -- „In ein Kloster, heißt es. Welches, weiß niemand." -- „Ein Kloster? Ist er Mönch geworden?" -- „Genaueres weiß ich nicht."
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| − | Der Unfall geschah am selben Nachmittag. Dalin rief an, er müsse zu einem Geburtstagsfest eines Kollegen und solle seine Frau mitbringen. Obwohl genug Zeit war, fuhr Dalin zu schnell. Meizi ermahnte ihn fünf-, sechsmal. Nach dem Baiyun-Tunnel kollidierte das Auto mit einem Lkw. Meizi verlor das Bewusstsein.
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| − | Sie erwachte im Krankenhaus: drei gebrochene Rippen. Nach Dalin fragte sie -- keine Antwort.
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| − | Meizi fuhr im Rollstuhl zu Dalins Beerdigung. Ihre letzten Worte zueinander waren banale Ermahnungen im Auto gewesen.
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| − | Meizi blieb im Kindergarten. Zufällig wurde die Stelle der Buchhalterin frei; die Arbeit war ruhig. Sie machte ihren Master in Anglistik und widmete sich ganz Xuefang. Sie erzählte der Tochter ständig ihre Lebensgeschichte als Motivation, doch die eigenwillige Xuefang wurde mit 15 rebellisch und trieb Meizi in eine Depression. Meizi wurde immer empfindlicher, hatte wiederholt Visionen: Sie sei ein schöner Vogel mit sauberem, schillerndem Gefieder, der durch den Himmel flog, todmüde, auf der Suche nach einem festen Ast zum Ausruhen -- doch fand keinen.
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| − | Sagt man nicht, das Leben habe zwei Seiten wie eine Münze? Kann man die Zeit umdrehen und von vorn beginnen?
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| − | Die Schimmelkrise und die Xitang-Probleme versanken in der Vergangenheit. Im Prozess der Lösung gewann Xuefang an Erfahrung und Willenskraft. Im zweiten Frühsommer zeigten die „Pinhong"-Äpfel in Xitang erste Ergebnisse. Nach der natürlichen Fruchtfallperiode verloren die Jungäpfel ihren Flaum; an manchen bildete sich schon der holzige Stiel. Nach dem Schorfbefall-Debakel des Vorjahres ging Xuefang noch behutsamer vor: sorgfältiges Ausdünnen, baumgerechte Ertragsplanung, liebevolle Pflege jedes einzelnen Baums -- wie eine Mutter ihr Kind.
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| − | Endlich hatte Xuefang Liu Baogui überredet, den Xitang-Garten zu besichtigen.
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| − | Frühmorgens brachen sie auf. Xuefang ließ Liu Baogui auf der Rückbank Platz nehmen und legte ihm persönlich den Sicherheitsgurt an. Er fragte, ob man hinten auch angeschnallt sein müsse. Xuefang sagte ja -- eine Gewohnheit aus dem Auslandsstudium.
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| − | Liu Baogui brummte: „Zum ersten Mal angeschnallt auf dem Rücksitz."
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| − | Außerhalb der Stadt begann es leicht zu regnen. Xuefang sagte, laut Wetterbericht solle es heute nicht regnen. Liu Baogui meinte, das werde nicht lange dauern, nachmittags scheine die Sonne. Xuefang sorgte sich um die Zufahrt zum Xitang-Garten.
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| − | Gegen elf Uhr bog Xuefang von der Nationalstraße auf die Kreisstraße ab. Sie fuhr langsam. Kaum zehn Minuten später sah sie etwas Dunkles auf sich zurasen; noch bevor sie reagieren konnte, explodierte der Airbag in ihrem Gesicht. Ihre Brille flog weg; ihr war schwindelig und sie bekam kaum Luft. Sofort drehte sie sich um zu Liu Baogui. Er lehnte im Sitz und blinzelte sie an.
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| − | „Alles in Ordnung?"
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| − | „Ja."
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| − | Xuefang drückte gegen die Tür -- sie klemmte. Sie kletterte auf den Beifahrersitz, kämpfte sich an den aufgeblähten Airbags vorbei und schaffte es nach draußen. Was sie sah, verschlug ihr den Atem.
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| − | Es war ein schwerer Unfall. Ihr Wagen war frontal mit einem vollbeladenen Lkw kollidiert. Die Motorhaube war zerbeult, die Stoßstange lag im Graben. Der Lkw sah noch schlimmer aus: Führerhaus und Ladefläche getrennt, die Kabine kopfüber im Reisfeld. Xuefang konnte kaum glauben, dass sie noch lebte -- sie kam sich vor wie ein Geist, der seinen Körper verlassen hatte. Sie kniff sich ins Gesicht und spürte den Schmerz. Um ganz sicherzugehen, rannte sie mitten auf die Straße; wenn sie ein Geist wäre, müsste sie durchsichtig sein.
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| − | Ein Auto hielt. Der Fahrer rief: „Brauchen Sie Hilfe?"
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| − | „Ja!" flüsterte Xuefang.
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| − | Sie rannte zum Wagen zurück und sah staunend: Liu Baogui war bereits ausgestiegen und deutete zum Lkw. Xuefangs Tränen schossen hervor.
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| − | Der Lkw-Fahrer war eingeklemmt, offenbar schwer verletzt. Die Vorderachse rauchte, und aus der Kabine spielte noch Musik -- die koreanische Version eines fröhlichen Popsongs.
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| − | In jener Nacht ließ Xuefang eine Frage nicht los: Bei diesem schweren Unfall war ihr kleiner Wagen weniger beschädigt als der riesige Lkw; sie und Liu Baogui hatten nur leichte Verletzungen, während der Lkw-Fahrer sein Leben verlor. Beschützte sie eine unsichtbare Kraft? Später dachte sie: Wenn es so etwas gab, dann war es ihr noch unvollendetes Werk -- der Newton-Apfelgarten und die neue Sorte warteten auf sie.
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| − | Bis drei Uhr morgens konnte Xuefang nicht schlafen. Sie blätterte ziellos durch ihren Laptop und stieß auf ihre alten Notizen -- undatiert, fragmentarisch, manche ohne Anfang oder Ende, manche aus fernen Jahren:
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| − | Jeder Mensch hat seinen eigenen Garten Eden. Die verbotene Frucht in der Restaurantküche nach Ladenschluss.
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| − | Kalte Straßen in der Morgendämmerung. Hand in Hand mit Chenglei.
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| − | Dieser Eintrag, vermutete Xuefang, stammte aus dem zweiten Winter ihres Auslandsstudiums.
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| − | Seit Newtons Apfel und ein Blatt ein Regenbogen-Logo wurden, ist der Apfel als Symbol des Baums der Erkenntnis weiter gefestigt.
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| − | Die Leiche neben einem „vergifteten Apfel" war der Codeknacker und Computerpionier Alan Turing -- ob der angebissene Apfel derselbe war, in den Schneewittchen gebissen hatte?
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| − | „Besitzt tiefe Wiesen, Glück und Schönheit, überall Obstgärten" -- so beschrieben die alten Kelten ihr Paradies. Die Wikinger hingegen glaubten, selbst die mächtigen männlichen Götter brauchten die Äpfel der Göttin Idun, um Alter und Tod fernzuhalten.
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| − | Es gibt eine alte Apfelsorte namens „Blüte von Kent", die beim Reifen von Grün über Orange zu Rot wechselt.
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| − | Cox' erster „Orange Pippin"-Baum wurde 1911 vom Sturm umgeworfen.
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| − | Und dann: Apfelfäule und Schorf.
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| − | Jener erstaunliche Baum schaffte es 2013 in die Nachrichten, weil auf ihm 250 verschiedene Apfelsorten wuchsen, alle aufgepfropft auf seine gastfreundlichen Äste -- er gehörte dem großartigen Paul Barnett.
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| − | Shakespeare soll eine alte, gerippte Apfelsorte namens „Costard" genossen haben.
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| − | Die alte Methode, Tomaten nachreifen zu lassen: einen Apfel in eine Tüte Tomaten legen, weil Äpfel das Pflanzenhormon Ethylen freisetzen.
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| − | Englands beliebtester Apfel ist die „Gala" aus Neuseeland -- sehr süß.
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| − | Stammzellen eines seltenen Schweizer Apfels werden heute zur Stimulierung des menschlichen Hautwachstums und zur Faltenreduktion verwendet. Forscher ergründen zudem das Geheimnis, wie Äpfel bestimmten Krebsarten und Gefäßerkrankungen vorbeugen und dem Altern trotzen.
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| − | Red Delicious und Bananenäpfel haben einen Zuckergehalt von etwa 12 Grad; die Xitang-Äpfel könnten 18 Grad erreichen.
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| − | Im September: Tüten abnehmen zur Ausfärbung. Vorher einmal wässern, um Rissbildung und Schrumpfen zu vermeiden.
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| − | Der Apfel ist die einzige Frucht, die nicht im Gewächshaus gezogen wird -- er empfängt ganz natürlich Sonne, Regen und Wind.
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| − | Nicht vergessen: rechtzeitig die geografische Herkunftsbezeichnung beantragen.
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| − | Wer faul ist, den bestraft die Erde; wo es süß ist, kommen die Vögel. Bei Dauerregen leiden Äpfel innerlich; bei starkem Herbstwind rollen Köpfe.
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| − | Das Ideal des Lebens oder das ideale Leben?
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| − | Wenn ich vom Apfelwein koste, rieche ich Blütenduft, spüre Sommertau und Herbstfrost; der Geschmack kommt aus dem Garten am Berggipfel, aus dem himmelblauen Sommer.
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| − | Im Obstgarten sehe ich die Bäume Mittagsschlaf halten und gähnen; wenn sie mich sehen, wecken sie sich gegenseitig, strecken die Zweige und flüstern.
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| − | Die Erinnerung meiner Mutter an das Aufteilen eines Apfels in der Kindheit hat sich in meine Gene eingepflanzt. Ich denke nie bewusst daran, und doch rieche ich manchmal den Duft vergilbter Fotografien.
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| − | 1953 stellten Watson und Crick das DNA-Doppelhelixmodell vor und eröffneten das Zeitalter der Molekularbiologie. Jene wissenschaftliche Welle verpasste China, weshalb die Grundlagenforschung in den Lebenswissenschaften zurückliegt. Man sehe sich die Herkunft der Apfelsorten auf dem Markt an -- Guoguang und Red Delicious aus Amerika, Fuji aus Japan, Granny Smith aus Australien, Gala aus Neuseeland ... Ich will mit Biowissenschaft Chinas Gartenbau revolutionieren und aufholen!
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| − | Möge Xitangs „Pinhong" der berauschende Apfel des Paradieses sein.
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| − | Der Apfelbaum ist der Baum des Lebens, der Apfelbaum ist der Baum der Erkenntnis -- ich will dem Apfel Bedeutung geben.
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| − | Wann und warum sie diese Notizen geschrieben hatte, konnte Xuefang nicht mehr im Einzelnen erinnern, noch, was ihre eigenen Gedanken und was Zitate waren. Doch eines war klar: Ihre Leidenschaft für den Apfelanbau war kein plötzlicher Einfall -- der Wunsch reichte viel weiter zurück.
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| − | Xuefang wollte die Fragmente spontan an Chenglei schicken. Sie öffnete seinen WeChat-Chat, zögerte -- und beließ es beim Gedanken.
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| − | Nach dem Unfall hatte Xuefang außer Hautabschürfungen keine ernsten Verletzungen. Auch Liu Baogui war glimpflich davongekommen: nur ein Steißbeinbruch. Der Arzt sagte, das Steißbein sei ein rudimentärer Knochen ohne tragende Funktion und müsse nicht operiert werden. Allerdings: zwei Wochen absolute Bettruhe, möglichst auf der Seite liegen, nicht flach auf dem Rücken, nicht sitzen, und erst nach etwa einem Monat aufstehen.
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| − | Am Wochenende kamen alle nach Hause: Yuejin, Shiqing, Meizi, Xiao Gezi -- offiziell, um Liu Baogui zu besuchen, zugleich ein seltenes Familientreffen. Liu Baogui fragte sofort nach Xuefang. Meizi sagte, sie sei wohl auf Dienstreise.
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| − | Liu Baogui sagte: „Beschäftigt sein ist gut. Besser als nichts tun wie ich alter Nutzloser."
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| − | Meizi rief heimlich Xuefang an. „Sag nicht, dass ich dich angerufen habe. Sag, du wolltest selbst kommen."
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| − | Xuefang brachte einen großen Blumenkorb mit und stellte ihn ans Bett. Liu Baogui sagte streng: „Solches Zeug ist unnütz und kostet nur Geld." Xuefang sagte lachend: „Diese Blumen sind mein Lächeln. Wenn ich nicht da bin, schaust du sie an, und es ist, als sähen wir uns."
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| − | Liu Baogui bat Xuefang, ihm aufzuhelfen -- er wolle herumgehen. Xuefang sagte: „Gerade erst zwei Wochen vorbei, noch nicht erlaubt." Liu Baogui: „Ich bin längst wieder fit, ich kenne meinen Körper." Widerstrebend holte Xuefang den Klapprollstuhl und schob ihn ins Wohnzimmer.
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| − | Yuejin und Shiqing stritten über Stammzelltherapie und verstummten, als Liu Baogui erschien. Meizi sagte: „Ein bisschen Bewegung ja, aber nicht zu lange."
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| − | Xuefang wusste, dass Yuejin und Shiqing sich ständig über Gesundheitsphilosophien zankten. Yuejin verglich sich seit der Pension mit Gleichaltrigen: Wer war krank, wer „gegangen"? Er sah sich zunehmend als Lebenssieger. Shiqing hingegen investierte in Nahrungsergänzungsmittel und Training, wurde aber paradoxerweise von einer Krankheit nach der anderen geplagt.
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| − | Xuefang wollte Xiao Gezi eigentlich nicht begegnen, doch da er schon da war, blieb ihr nichts anderes übrig. Sie grüßte ihn am Fenster. Er nickte und rauchte mit gerunzelter Stirn weiter.
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| − | „Kannst du nicht endlich aufhören zu rauchen?" schimpfte Meizi.
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| − | „Gleich, gleich fertig."
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| − | Doch kaum war die eine Zigarette aus, steckte er sich die nächste an.
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| − | „Hast du nicht gerade gesagt, Schluss? Hältst du nicht dein Wort?"
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| − | Xiao Gezi riss sich los: „Lass mich! Du bist du, ich bin ich. So bin ich eben, mein ganzes Leben!"
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| − | Yuejin, der vom Streiten durstig war, griff nach einem Apfel.
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| − | Meizi sagte: „Du bist wirklich seltsam -- die guten Äpfel lässt du liegen und nimmst den mit der Druckstelle."
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| − | Yuejin sagte: „Gewohnheit. Haben wir im Winter nicht immer zuerst die angeschlagenen gegessen?"
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| − | Shiqing sagte: „Siehst du? Dein Gesundheitsbewusstsein ist mangelhaft!"
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| − | Meizi sagte: „Früher war das tatsächlich so. Jede Familie aß zuerst die schlechten Äpfel -- am Ende hatte man den ganzen Winter nur schlechte gegessen. Andere aßen erst die guten und hatten den ganzen Winter gute Äpfel."
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| − | „Stimmt. Man sortierte die schlechten raus, konnte sie nicht wegwerfen und aß sie", sagte Yuejin zu Shiqing: „Willst du behaupten, du hast das nie so gemacht?"
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| − | Shiqing blinzelte und schwieg.
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| − | „Als Kinder waren wir froh, überhaupt Äpfel zu haben. Manchmal gab es nicht einmal schlechte."
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| − | Meizi schaute auf die Narbe an ihrem Zeigefinger und sagte: „Eine Frage: Als wir klein waren und Mama einen Apfel unter uns vieren aufteilte -- wer hat mir aus Versehen in den Finger geschnitten? Ich meine: aus Versehen, keine Anklage."
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| − | Shiqing schaute Yuejin an, Yuejin schaute Shiqing an.
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| − | „Was guckst du?"
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| − | „Woher weißt du, dass ich dich angucke, wenn du mich nicht anguckst?"
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| − | Xuefang fand das komisch und sagte ablenkend: „Ihr habt bestimmt noch nie einen orangefarbenen Apfel gegessen -- vielleicht nicht einmal gesehen."
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| − | „Einen orangefarbenen Apfel? Nie gehört. Wie eine Orange?" fragte Shiqing.
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| − | „Ja. In meinem Garten gibt es welche. Wenn sie reif sind, bringe ich euch welche mit."
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| − | Yuejin sagte: „Wenn es geht, einen Setzling für meinen Garten."
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| − | Meizi fragte: „Du hast einen Garten?"
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| − | „Sein ‚Garten' ist die Dachterrasse", sagte Shiqing spöttisch.
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| − | „Zu wissen, dass alles ein Spiel ist, und trotzdem ernsthaft mitzuspielen", murmelte Xiao Gezi.
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| − | „Was ist ein Spiel? Meine Pflanzen sind alle echt!" sagte Yuejin.
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| − | „Man kann nicht in der Illusion leben und nicht in der Wahrheit", murmelte Xiao Gezi weiter.
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| − | „Wo denn dann? Auf dem Mars?" sagte Yuejin.
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| − | „In der Hoffnung", sagte Meizi.
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| − | Xuefang sagte: „Dass Onkel einen Garten hat, ist doch nichts Besonderes. Garten heißt nicht gleich Park -- auch ein Bonsai ist eine Landschaft. Und heute gibt es Dörfer in der Stadt und Städte im Dorf. Mein Haus in Shanding-Dorf steht einer Stadtwohnung in nichts nach -- modernste Einrichtung. Tatsächlich hat sich die Gesellschaft unmerklich verändert."
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| − | „Und zwar gewaltig", ergänzte Meizi.
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| − | Shiqing sagte: „Stimmt. Erinnert ihr euch an den Streit ums kleine Haus? Damals waren Wohnungen knapp. Jetzt gibt es genug, und keiner reißt sich mehr darum." Sie schielte zu Yuejin. Der sagte absichtlich: „Ich erinnere mich an gar nichts. Dass du dich so genau erinnerst, zeigt, wer damals am meisten gestritten hat." Shiqing wurde sauer: „Du Heuchler! Wenn du Streit willst -- heute nehme ich kein Blatt vor den Mund!" Meizi stellte sich dazwischen: „Was soll das? In eurem Alter! Schämt euch!"
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| − | Xuefang schlichtete: „Mama hat mir die ganze Geschichte erzählt. Das war doch normal -- wer will nicht ein Dach über dem Kopf? Wie Apfelbäume im Garten: Jeder will seine Wurzeln schlagen."
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| − | Meizi schubste Xuefang: „Halt dich raus! Das hat mit Apfelbäumen nichts zu tun."
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| − | Xuefang sagte: „Doch, es ist dasselbe. Tante und Onkel, und du und Lao Jiu -- alle wollten in der Stadt Fuß fassen, Wurzeln schlagen, deshalb habt ihr gekämpft."
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| − | Meizi warf ein: „Und du? Schlägst du Wurzeln in Shanding-Dorf?"
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| − | „Ob Stadt oder Dorf ist egal. Es kommt aufs Herz an -- wo das Herz Wurzeln schlägt, das zählt."
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| − | Meizi brauchte einen Moment. Sie schaute zu Shiqing und Yuejin -- die schauten ebenso verdutzt. Nur Xiao Gezi lächelte geheimnisvoll.
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| − | Nach dem Essen schlich Liu Baogui zu Xuefang und fragte schüchtern: „Kannst du mich in den Zoo mitnehmen?"
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| − | „Klar, kein Problem."
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| − | „Sag niemandem davon."
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| − | „Versprochen. Unser kleines Geheimnis."
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| − | „Am besten gleich."
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| − | „Erst wenn Sie gesund sind."
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| − | „Ich bin gesund."
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| − | Unter Liu Baoguis Drängen gingen sie schließlich zu dritt: Xuefang, Meizi, Liu Baogui. Draußen in der Sonne kniff Liu Baogui die Augen zusammen und rief begeistert: „Die Sonne scheint!"
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| − | Im Waldpark erkannte Liu Baogui den Baiyun-Berg wieder. Einst unscheinbar, dann hatte ein Geologe namens Li Siguang dort eine seltene Lotus-Geomorphologie entdeckt. In seiner Jugend hatte Liu Baogui dort Akazienblüten gepflückt. Jetzt war alles unkenntlich verändert. Sie fuhren mit der Parkbahn, sahen Tiger, Hirsche, Pandas. Doch bald war Liu Baoguis Begeisterung erloschen: „Komm, fahren wir zurück."
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| − | Auf dem Heimweg bestand Liu Baogui auf der Shengli-Straße. Meizi sagte, das sei ein Umweg. Liu Baogui beharrte. Xuefang fuhr dennoch Richtung Flughafen.
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| − | Liu Baogui klopfte ans Fenster: „Halt! Ich will aussteigen!"
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| − | Xuefang hielt, sah Meizi ratlos an. Dann sagte sie: „Ich verstehe."
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| − | Sie fuhr zur Nanshan-Straße.
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| − | Das kleine Haus Nr. 57 war ein Restaurant geworden. Die Akazie davor war verschwunden, der Vorplatz ein Parkplatz. Liu Baogui saß im Rollstuhl und starrte eine Weile. Dann bemerkte er ein vertrautes Wäldchen am Hang -- die Bäume standen noch wie früher. Er deutete dorthin; Xuefang schob ihn hin.
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| − | Im Wäldchen lag ein bitter-würziger Duft. Xuefang dachte an die Xitang-Salzwiesen, die einst nach Verwesung und Neugeburt gerochen hatten. Jetzt war dort alles grün und lebendig.
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| − | Xuefang sagte: „Großvater, in ein paar Jahren kaufe ich unser altes Haus zurück."
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| − | „Wozu?"
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| − | „Ich baue ein Apfelmuseum."
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| − | „Apfelmuseum? Wozu?"
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| − | Meizi sagte: „Weil deine Enkelin die besten Äpfel der Welt gezüchtet hat!"
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| − | Xuefang machte Meizi eine Grimasse: „Danke für die guten Worte, Mama!"
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| − | Vor Liu Baoguis Wohnung erwartete sie eine Gruppe aus Shanding-Dorf -- acht, neun Leute, darunter Shijun und Taozu. Liu Baogui war nervös und blieb im Auto.
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| − | Xuefang fragte Shijun: „Wie habt ihr diese Adresse gefunden?" Shijun sagte: „Wir haben gehört, du hattest einen Unfall und wärst im Krankenhaus." Xuefang lachte: „Nicht ich -- mein Großvater war eine Zeitlang im Krankenhaus, aber es geht ihm wieder gut."
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| − | Taozu sagte: „Dass es dir gut geht -- darüber sind wir alle froh."
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| − | „Warum so viele?"
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| − | Shijun sagte: „Das sind nur die Abgeordneten. Alle wollten kommen."
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| − | Taozu flüsterte: „Als wir von deinem Unfall hörten, haben alle zusammengelegt."
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| − | „Nein, nein, ich kann kein Geld von euch annehmen! Außerdem bin ich wohlauf."
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| − | Taozu lachte: „Es war ein Missverständnis. Im Dorf kursieren verschiedene Versionen, eine schlimmer als die andere."
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| − | Shijun sagte: „Das sind keine bösen Zungen! Jemand wie Xuefang -- wie könnte ihr etwas zustoßen?"
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| − | „Ich bin wirklich gerührt. Danke an alle", sagte Xuefang mit feuchten Augen.
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| − | Shijun sagte: „Wenn es dir gut geht, komm morgen zurück nach Shanding-Dorf. Übermorgen reisen die Studenten-Freiwilligen ab."
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| − | „Die von Chenglei organisierten?"
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| − | „Genau, die für die Nachhilfe der zurückgebliebenen Kinder. Ich möchte zusammen mit dir die Ehrenbürger-Urkunden verleihen."
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| − | Xuefang sagte: „Auf jeden Fall!"
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| − | Xuefang half Liu Baogui aus dem Auto. Er fragte: „Besuch aus Shanding-Dorf?"
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| − | „Ja."
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| − | „Weswegen?"
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| − | „Nichts Besonderes."
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| − | „Ich finde es schön, dass sich noch jemand kümmert. In diesen Zeiten ist das nicht selbstverständlich."
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| − | „Sie haben alles gehört?"
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| − | „Meine Beine mögen schwach sein, aber meine Ohren funktionieren noch."
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| − | Aus gesundheitlichen Gründen schaffte es Liu Baogui letztlich nicht, noch einmal nach Shanding-Dorf zu fahren und Xuefangs Apfelbäume in Xitang zu sehen. Doch das Einzige, was er vor seinem Tod aß, war ein Apfel von Xuefangs neuer Sorte „Pinhong". Mit Tränen in den Augen sagte er: „Es gibt also wirklich so einen köstlichen Apfel auf der Welt!"
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