Difference between revisions of "Lu Xun Complete Works/de/Mingtian"
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= Morgen = | = Morgen = | ||
| + | '''(明天)''' | ||
| − | ''' | + | Aus der Sammlung '''Aufruf zu den Waffen''' (《呐喝》) |
| − | + | '''Autor:''' Lu Xun (鲁迅) | |
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| − | + | Das Städtchen Lu war von jeher ein stiller Ort mit einigen alten Sitten: Noch vor der ersten Nachtwache schlossen alle die Türen und gingen schlafen. In tiefer Nacht gab es nur zwei Häuser, die noch wach waren: das eine war die Xianheng-Schenke, wo einige Zechkumpane an der Theke saßen und sich fröhlich betranken; das andere war gleich nebenan das Haus der Witwe Shan Si, die, seit sie vor zwei Jahren ihren Mann verloren hatte, allein auf ihre eigenen Hände angewiesen war, um Baumwollgarn zu spinnen und sich und ihren dreijährigen Sohn zu ernähren — deshalb ging sie ebenfalls spät schlafen. | |
| − | + | In diesen Tagen war tatsächlich kein Spinnrad mehr zu hören gewesen. Aber da in tiefer Nacht nur zwei Häuser wach waren, hörten naturgemäß nur der alte Gong und seine Kumpane, ob es bei der Witwe Shan Si Geräusche gab oder nicht. | |
| − | Der | + | Der alte Gong hatte gerade Prügel bezogen, trank aber, als wäre es ihm ein Vergnügen, einen großen Schluck Wein und begann summend ein Liedchen zu singen. |
| − | + | Zu dieser Stunde saß die Witwe Shan Si mit ihrem Bao'er im Arm am Bettrand, das Spinnrad stand still auf dem Boden. Im trüben Lampenlicht schimmerte Bao'ers Gesicht rötlich mit einem Hauch von Blau. Sie rechnete in Gedanken: Orakellose hatte sie schon gezogen, Gelübde hatte sie schon abgelegt, Hausmittel hatte sie schon verabreicht — wenn das alles nichts half, was sollte sie tun? Es blieb nur, den Doktor He Xiaoxian aufzusuchen. Aber vielleicht war es bei Bao'er tagsüber leichter und nachts schwerer; wenn morgen die Sonne aufging, würde das Fieber wohl sinken und das Keuchen sich legen — so war es bei Kranken ja oft. | |
| − | + | Die Witwe Shan Si war eine einfache Frau und verstand nicht, wie furchtbar dieses Wort „aber“ sein konnte: Gewiss hatte es schon manches Unheil zum Guten gewendet, doch ebenso hatte es manches Gute zunichtegemacht. Die Sommernächte waren kurz; kaum hatte der alte Gong sein Lied zu Ende gesummt, da wurde es im Osten schon hell, und bald drang silberweißes Morgenlicht durch die Fensterritzen. | |
| − | + | Die Witwe Shan Si wartete auf den Morgen, doch ihr fiel das nicht so leicht wie anderen — sie empfand es als quälend langsam; jeder Atemzug Bao'ers schien ihr länger als ein Jahr. Nun war es tatsächlich hell geworden; das Tageslicht überwand das Lampenlicht — und sie sah, dass Bao'ers Nasenflügel bereits auf und ab flatterten. | |
| − | + | Die Witwe Shan Si erkannte, dass es schlecht stand, und stieß leise ein „Ach!“ aus. In Gedanken überlegte sie: Was tun? Es gab nur einen Weg — den Doktor He Xiaoxian aufzusuchen. So einfältig sie war, sie konnte sich entscheiden. Sie stand auf, holte aus der Holztruhe die dreizehn kleinen Silbermünzen und hundertachtzig Kupferstücke heraus, die sie Tag für Tag zusammengespart hatte, steckte alles in ihre Tasche, schloss die Tür ab und rannte mit Bao'er im Arm geradewegs zum Hause He. | |
| − | + | Es war noch früh am Morgen, doch bei He saßen schon vier Patienten. Sie kramte vier Jiao heraus, kaufte eine Nummernmarke, und als fünftes kam Bao'er an die Reihe. He Xiaoxian spreizte zwei Finger zum Pulsfühlen; seine Fingernägel waren gut vier Zoll lang. Die Witwe Shan Si staunte insgeheim und dachte: Bao'er müsste wohl zu retten sein. Doch vor Sorge konnte sie sich nicht zurückhalten und fragte schüchtern: | |
| − | + | „Herr Doktor — was für eine Krankheit hat mein Bao'er?“ | |
| − | + | „Sein mittlerer Erwärmer ist blockiert.“ | |
| − | + | „Ist es schlimm? Er...“ | |
| − | + | „Nehmen Sie erst einmal zwei Dosen ein.“ | |
| − | + | „Er kann nicht mehr atmen, seine Nasenflügel flattern!“ | |
| − | + | „Das ist Feuer, das Metall bezwingt...“ | |
| − | + | He Xiaoxian sprach seinen Satz nur halb zu Ende und schloss dann die Augen; die Witwe Shan Si traute sich nicht weiter zu fragen. Ein Mann von über dreißig, der He Xiaoxian gegenübersaß, hatte inzwischen ein Rezept fertig geschrieben und deutete auf einige Zeichen in der Ecke des Papiers: | |
| − | + | „Die erste Arznei, die ‘Bao-Ying-Huo-Ming-Pille’, gibt es nur im altehrwürdigen Laden ‘Jishi’ der Familie Jia!“ | |
| − | + | Die Witwe Shan Si nahm das Rezept entgegen und überlegte im Gehen. So einfach sie war, sie wusste doch, dass das Haus He, der Laden Jishi und ihr eigenes Haus ein Dreieck bildeten; es war natürlich am günstigsten, die Arznei zu kaufen und dann nach Hause zu gehen. Also lief sie geradewegs zum Laden Jishi. Der Gehilfe hob ebenfalls seine langen Fingernägel, betrachtete langsam das Rezept und verpackte langsam die Medizin. Die Witwe Shan Si wartete mit Bao'er im Arm; da hob Bao'er plötzlich sein Händchen und riss kräftig an einer Strähne ihres zerzausten Haares — eine Geste, die es nie zuvor gegeben hatte. Die Witwe Shan Si erstarrte vor Angst. | |
| − | + | Die Sonne war längst aufgegangen. Die Witwe Shan Si trug das Kind und das Arzneipäckchen, und je weiter sie ging, desto schwerer wurde beides; das Kind zappelte unablässig, und der Weg schien immer länger. Schließlich blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf die Türschwelle eines Herrenhauses am Wegrand zu setzen und ein wenig auszuruhen. Die Kleidung kühlte allmählich auf der Haut — da erst merkte sie, dass sie in Schweiß gebadet war; Bao'er hingegen schien eingeschlafen zu sein. Sie erhob sich wieder und ging langsam weiter, konnte sich aber kaum noch aufrecht halten, als sie plötzlich eine Stimme neben ihrem Ohr hörte: | |
| − | + | „Witwe Shan Si, ich trage dir das Kind!“ — Es klang wie die Stimme von Lanpi Awu. | |
| − | + | Sie blickte auf, und tatsächlich war es Lanpi Awu, der ihr mit verschlafenen Augen nachging. | |
| − | + | Obwohl die Witwe Shan Si in diesem Augenblick sich nichts sehnlicher wünschte als einen himmlischen Helfer, so wollte sie doch nicht, dass es ausgerechnet Awu war. Aber Awu hatte etwas Ritterliches an sich und bestand immer darauf zu helfen; so lehnte sie eine Weile ab und gab schließlich nach. Er streckte die Arme aus, griff zwischen ihre Brust und das Kind hindurch und nahm es ihr ab. Die Witwe Shan Si spürte einen heißen Streifen auf der Brust, der ihr im Nu ins Gesicht und bis hinter die Ohren schoss. | |
| − | + | Sie gingen nebeneinander mit gut zwei Fuß Abstand. Awu sagte dies und das, doch die Witwe Shan Si antwortete kaum. Nach kurzem Weg gab Awu ihr das Kind zurück und sagte, er habe sich gestern mit Freunden zum Essen verabredet; die Witwe Shan Si nahm das Kind wieder. Zum Glück war es nicht mehr weit bis nach Hause; sie sah schon von weitem Frau Wang Jiu gegenüber am Straßenrand sitzen, die ihr zurief: | |
| − | + | „Witwe Shan Si, was ist mit dem Kind? — Warst du beim Doktor?“ | |
| − | Sie | + | „Ja, ich war dort. — Frau Wang Jiu, Sie sind erfahren und haben viel gesehen; wären Sie so freundlich, einmal nachzuschauen, wie es steht...“ |
| − | + | „Hm...“ | |
| − | + | „Wie steht es...?“ | |
| − | + | „Hm...“ Frau Wang Jiu betrachtete das Kind eine Weile, nickte zweimal und schüttelte zweimal den Kopf. | |
| − | + | Erst am Nachmittag hatte Bao'er die Arznei eingenommen. Die Witwe Shan Si beobachtete aufmerksam seinen Zustand, der sich etwas beruhigt zu haben schien. Am späteren Nachmittag öffnete er plötzlich die Augen, rief einmal „Mama!“ und schloss die Augen wieder, als schliefe er ein. Nach einem kurzen Schlummer traten auf seiner Stirn und Nasenspitze Schweißperlen hervor; die Witwe Shan Si berührte sie leicht — sie klebten wie Leim an der Hand. Hastig griff sie nach seiner Brust und konnte ein Schluchzen nicht mehr unterdrücken. | |
| − | + | Bao'ers Atem ging von gleichmäßig zu gar nicht mehr, und die Stimme der Witwe Shan Si wandelte sich vom Schluchzen zum Wehklagen. Nun versammelten sich Grüppchen: drinnen waren Frau Wang Jiu, Lanpi Awu und andere; draußen der Wirt der Xianheng-Schenke und der rotnasige alte Gong. Frau Wang Jiu übernahm das Kommando: Sie verbrannte eine Schnur Papiergeld und verpfändete zwei Bänke und fünf Kleidungsstücke, um für die Witwe Shan Si zwei silberne Dollarmünzen zu borgen und den Helfern eine Mahlzeit zu bereiten. | |
| − | + | Die erste Frage war der Sarg. Die Witwe Shan Si besass noch ein Paar silberne Ohrringe und eine vergoldete Silbernadel; beides übergab sie dem Wirt der Xianheng-Schenke und bat ihn, als Bürge aufzutreten, um halb bar, halb auf Kredit einen Sarg zu kaufen. Lanpi Awu streckte ebenfalls die Hand aus und wollte sich freiwillig melden; doch Frau Wang Jiu ließ ihn nicht, erlaubte ihm nur, morgen beim Tragen des Sarges zu helfen. Awu schimpfte „altes Biest“ und stand schmollend mit vorgeschobenem Kinn da. Der Wirt ging also selbst; am Abend kam er zurück und sagte, der Sarg müsse erst angefertigt werden und werde erst in der zweiten Nachthälfte fertig. | |
| − | + | Als der Wirt zurückkam, hatten die Helfer längst gegessen; und da in Lu noch einige alte Sitten herrschten, gingen noch vor der ersten Nachtwache alle nach Hause zum Schlafen. Nur Awu lehnte noch an der Theke der Xianheng-Schenke und trank, und der alte Gong summte vor sich hin. | |
| − | + | Jetzt saß die Witwe Shan Si weinend am Bettrand; Bao'er lag auf dem Bett, das Spinnrad stand still auf dem Boden. Nach langer Zeit versiegten ihre Tränen. Sie riss die Augen weit auf, sah sich um und fand alles sonderbar: All dies konnte doch unmöglich wahr sein. Sie dachte bei sich: Es ist nur ein Traum, das alles ist bloß ein Traum. Morgen, wenn sie aufwacht, liegt sie wohlbehalten im Bett, und Bao'er schläft friedlich neben ihr. Und er wacht auch auf, ruft „Mama“ und springt quietschvergnügt davon zum Spielen. | |
| − | + | Das Singen des alten Gong war längst verstummt, auch in der Xianheng-Schenke war das Licht gelöscht. Die Witwe Shan Si starrte mit offenen Augen und wollte an nichts von alledem glauben. — Der Hahn krähte; der Osten wurde allmählich hell, und silberweißes Morgenlicht drang durch die Fensterritzen. | |
| − | + | Das Silberweiß der Dämmerung wich allmählich einem Rosarot, dann fiel das Sonnenlicht auf den Dachfirst. Die Witwe Shan Si starrte mit offenen Augen, reglos dasitzend; als sie ein Klopfen an der Tür hörte, fuhr sie erschrocken zusammen und lief hinaus, um zu öffnen. Draußen stand ein Unbekannter, der etwas auf dem Rücken trug; hinter ihm stand Frau Wang Jiu. | |
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Ach — sie hatten den Sarg gebracht. | Ach — sie hatten den Sarg gebracht. | ||
| − | + | Erst am Nachmittag wurde der Sargdeckel aufgelegt: Denn die Witwe Shan Si weinte und schaute, weinte und schaute, und wollte sich partout nicht dazu durchringen, ihn schließen zu lassen. Zum Glück verlor Frau Wang Jiu schließlich die Geduld, lief wütend herzu, zerrte sie beiseite, und dann wurde der Deckel im Handumdrehen aufgesetzt. | |
| − | Doch die | + | Doch die Witwe Shan Si hatte für ihren Bao'er wirklich alles getan, was sie konnte; es gab nichts mehr, was fehlte. Tags zuvor hatte sie eine Schnur Papiergeld verbrannt, am Vormittag neunundvierzig Rollen des „Großen Mitleidsgebets“; bei der Aufbahrung hatte sie ihm die allerneuesten Kleider angezogen, und seine Lieblingssachen — eine Tonfigur, zwei kleine Holzschüsselchen, zwei Glasfläschchen — waren alle neben sein Kopfkissen gelegt worden. Als Frau Wang Jiu an den Fingern abzählend alles genau überdachte, fiel auch ihr am Ende kein Mangel mehr ein. |
| − | + | An diesem Tag war Lanpi Awu tatsächlich den ganzen Tag nicht erschienen; der Wirt der Xianheng-Schenke heuerte also für die Witwe Shan Si zwei Sargträger an, zweihundertundzehn große Kupfermünzen pro Mann, um den Sarg zum Armenfriedhof zu tragen. Frau Wang Jiu kochte noch Reis, und jeder, der Hand angelegt oder ein Wort gesagt hatte, aß mit. Die Sonne neigte sich allmählich zum Untergang; und die Gesättigten ließen unmerklich erkennen, dass sie nach Hause wollten — und so gingen sie schließlich alle heim. | |
| − | + | Der Witwe Shan Si war sehr schwindelig; nach einer Weile Ruhe fühlte sie sich tatsächlich etwas gefasster. Doch dann überkam sie ein seltsames Gefühl: Ihr war etwas begegnet, das sie in ihrem ganzen Leben nie erlebt hatte, etwas, das es gar nicht geben konnte — und das doch eingetreten war. Je mehr sie darüber nachdachte, desto fremder wurde es, und sie bemerkte noch etwas Seltsames — dieses Haus war auf einmal viel zu still. | |
| − | Sie stand auf und zündete die Lampe an | + | Sie stand auf und zündete die Lampe an — das machte die Stille nur deutlicher. Benommen ging sie zur Tür und schloss sie, kam zurück und setzte sich an den Bettrand; das Spinnrad stand still auf dem Boden. Sie sammelte ihre Gedanken und blickte sich um, doch sie konnte weder sitzen noch stehen: Das Haus war nicht nur zu still, es war auch zu groß, und die Dinge waren zu leer. Das zu große Haus umschloss sie von allen Seiten, die zu leeren Dinge drückten von allen Seiten auf sie, sodass sie kaum atmen konnte. |
| − | Nun wusste sie, dass ihr Bao'er wirklich | + | Nun wusste sie, dass ihr Bao'er wirklich tot war. Sie wollte dieses Haus nicht mehr sehen, löschte die Lampe und legte sich hin. Weinend und grübelnd zugleich dachte sie an die Zeit, als sie Baumwolle spann und Bao'er neben ihr saß und Fenchelbohnen aß, sie mit seinen kleinen schwarzen Augen anstarrte, einen Moment nachdachte und dann sagte: „Mama! Papa hat Wantan verkauft; wenn ich groß bin, verkaufe ich auch Wantan und verdiene ganz, ganz viel Geld — und alles gebe ich dir.“ Damals schien wirklich jeder Zoll des gesponnenen Garns Bedeutung zu haben, jeder Zoll lebendig zu sein. Aber jetzt? An die Gegenwart hatte die Witwe Shan Si wirklich keinen Gedanken. — Ich habe es ja schon gesagt: Sie war eine einfache Frau. Was hätte sie auch denken sollen? Sie empfand nur, dass dieses Haus zu still, zu groß, zu leer war. |
| − | Doch | + | Doch so einfältig die Witwe Shan Si war, sie wusste, dass die Toten nicht wiederkehren, und dass sie ihren Bao'er wirklich nie mehr sehen würde. Mit einem Seufzer murmelte sie vor sich hin: „Bao'er, du solltest doch noch hier sein; dann lass mich dich wenigstens im Traum sehen.“ Sie schloss die Augen und wollte schnell einschlafen, um ihrem Bao'er zu begegnen; ihr mühsames Atmen durchdrang die Stille, die Weite und die Leere, und sie hörte es deutlich selbst. |
| − | Endlich | + | Endlich dämmerte die Witwe Shan Si in den Schlaf hinüber; das ganze Haus war still. Da war auch das Liedchen des rotnasigen alten Gong längst verklungen; taumelnd war er aus der Xianheng-Schenke gestolpert, hob nun aber noch einmal die Stimme und sang: |
| − | + | „Oh, mein Liebster! — Du Ärmster, — ganz allein...“ | |
| − | + | Lanpi Awu griff dem alten Gong an die Schulter, und die beiden torkelten lachend und aneinander drängend davon. | |
| − | Die | + | Die Witwe Shan Si schlief längst; der alte Gong und die anderen waren gegangen; die Xianheng-Schenke hatte geschlossen. Nun lag das Städtchen Lu vollkommen in Stille da. Nur die dunkle Nacht mühte sich, zum Morgen zu werden, und hastete doch weiter durch diese Stille; und ein paar Hunde wimmerten im Verborgenen. |
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Latest revision as of 08:40, 27 March 2026
Morgen
(明天)
Aus der Sammlung Aufruf zu den Waffen (《呐喝》)
Autor: Lu Xun (鲁迅)
Das Städtchen Lu war von jeher ein stiller Ort mit einigen alten Sitten: Noch vor der ersten Nachtwache schlossen alle die Türen und gingen schlafen. In tiefer Nacht gab es nur zwei Häuser, die noch wach waren: das eine war die Xianheng-Schenke, wo einige Zechkumpane an der Theke saßen und sich fröhlich betranken; das andere war gleich nebenan das Haus der Witwe Shan Si, die, seit sie vor zwei Jahren ihren Mann verloren hatte, allein auf ihre eigenen Hände angewiesen war, um Baumwollgarn zu spinnen und sich und ihren dreijährigen Sohn zu ernähren — deshalb ging sie ebenfalls spät schlafen.
In diesen Tagen war tatsächlich kein Spinnrad mehr zu hören gewesen. Aber da in tiefer Nacht nur zwei Häuser wach waren, hörten naturgemäß nur der alte Gong und seine Kumpane, ob es bei der Witwe Shan Si Geräusche gab oder nicht.
Der alte Gong hatte gerade Prügel bezogen, trank aber, als wäre es ihm ein Vergnügen, einen großen Schluck Wein und begann summend ein Liedchen zu singen.
Zu dieser Stunde saß die Witwe Shan Si mit ihrem Bao'er im Arm am Bettrand, das Spinnrad stand still auf dem Boden. Im trüben Lampenlicht schimmerte Bao'ers Gesicht rötlich mit einem Hauch von Blau. Sie rechnete in Gedanken: Orakellose hatte sie schon gezogen, Gelübde hatte sie schon abgelegt, Hausmittel hatte sie schon verabreicht — wenn das alles nichts half, was sollte sie tun? Es blieb nur, den Doktor He Xiaoxian aufzusuchen. Aber vielleicht war es bei Bao'er tagsüber leichter und nachts schwerer; wenn morgen die Sonne aufging, würde das Fieber wohl sinken und das Keuchen sich legen — so war es bei Kranken ja oft.
Die Witwe Shan Si war eine einfache Frau und verstand nicht, wie furchtbar dieses Wort „aber“ sein konnte: Gewiss hatte es schon manches Unheil zum Guten gewendet, doch ebenso hatte es manches Gute zunichtegemacht. Die Sommernächte waren kurz; kaum hatte der alte Gong sein Lied zu Ende gesummt, da wurde es im Osten schon hell, und bald drang silberweißes Morgenlicht durch die Fensterritzen.
Die Witwe Shan Si wartete auf den Morgen, doch ihr fiel das nicht so leicht wie anderen — sie empfand es als quälend langsam; jeder Atemzug Bao'ers schien ihr länger als ein Jahr. Nun war es tatsächlich hell geworden; das Tageslicht überwand das Lampenlicht — und sie sah, dass Bao'ers Nasenflügel bereits auf und ab flatterten.
Die Witwe Shan Si erkannte, dass es schlecht stand, und stieß leise ein „Ach!“ aus. In Gedanken überlegte sie: Was tun? Es gab nur einen Weg — den Doktor He Xiaoxian aufzusuchen. So einfältig sie war, sie konnte sich entscheiden. Sie stand auf, holte aus der Holztruhe die dreizehn kleinen Silbermünzen und hundertachtzig Kupferstücke heraus, die sie Tag für Tag zusammengespart hatte, steckte alles in ihre Tasche, schloss die Tür ab und rannte mit Bao'er im Arm geradewegs zum Hause He.
Es war noch früh am Morgen, doch bei He saßen schon vier Patienten. Sie kramte vier Jiao heraus, kaufte eine Nummernmarke, und als fünftes kam Bao'er an die Reihe. He Xiaoxian spreizte zwei Finger zum Pulsfühlen; seine Fingernägel waren gut vier Zoll lang. Die Witwe Shan Si staunte insgeheim und dachte: Bao'er müsste wohl zu retten sein. Doch vor Sorge konnte sie sich nicht zurückhalten und fragte schüchtern:
„Herr Doktor — was für eine Krankheit hat mein Bao'er?“
„Sein mittlerer Erwärmer ist blockiert.“
„Ist es schlimm? Er...“
„Nehmen Sie erst einmal zwei Dosen ein.“
„Er kann nicht mehr atmen, seine Nasenflügel flattern!“
„Das ist Feuer, das Metall bezwingt...“
He Xiaoxian sprach seinen Satz nur halb zu Ende und schloss dann die Augen; die Witwe Shan Si traute sich nicht weiter zu fragen. Ein Mann von über dreißig, der He Xiaoxian gegenübersaß, hatte inzwischen ein Rezept fertig geschrieben und deutete auf einige Zeichen in der Ecke des Papiers:
„Die erste Arznei, die ‘Bao-Ying-Huo-Ming-Pille’, gibt es nur im altehrwürdigen Laden ‘Jishi’ der Familie Jia!“
Die Witwe Shan Si nahm das Rezept entgegen und überlegte im Gehen. So einfach sie war, sie wusste doch, dass das Haus He, der Laden Jishi und ihr eigenes Haus ein Dreieck bildeten; es war natürlich am günstigsten, die Arznei zu kaufen und dann nach Hause zu gehen. Also lief sie geradewegs zum Laden Jishi. Der Gehilfe hob ebenfalls seine langen Fingernägel, betrachtete langsam das Rezept und verpackte langsam die Medizin. Die Witwe Shan Si wartete mit Bao'er im Arm; da hob Bao'er plötzlich sein Händchen und riss kräftig an einer Strähne ihres zerzausten Haares — eine Geste, die es nie zuvor gegeben hatte. Die Witwe Shan Si erstarrte vor Angst.
Die Sonne war längst aufgegangen. Die Witwe Shan Si trug das Kind und das Arzneipäckchen, und je weiter sie ging, desto schwerer wurde beides; das Kind zappelte unablässig, und der Weg schien immer länger. Schließlich blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf die Türschwelle eines Herrenhauses am Wegrand zu setzen und ein wenig auszuruhen. Die Kleidung kühlte allmählich auf der Haut — da erst merkte sie, dass sie in Schweiß gebadet war; Bao'er hingegen schien eingeschlafen zu sein. Sie erhob sich wieder und ging langsam weiter, konnte sich aber kaum noch aufrecht halten, als sie plötzlich eine Stimme neben ihrem Ohr hörte:
„Witwe Shan Si, ich trage dir das Kind!“ — Es klang wie die Stimme von Lanpi Awu.
Sie blickte auf, und tatsächlich war es Lanpi Awu, der ihr mit verschlafenen Augen nachging.
Obwohl die Witwe Shan Si in diesem Augenblick sich nichts sehnlicher wünschte als einen himmlischen Helfer, so wollte sie doch nicht, dass es ausgerechnet Awu war. Aber Awu hatte etwas Ritterliches an sich und bestand immer darauf zu helfen; so lehnte sie eine Weile ab und gab schließlich nach. Er streckte die Arme aus, griff zwischen ihre Brust und das Kind hindurch und nahm es ihr ab. Die Witwe Shan Si spürte einen heißen Streifen auf der Brust, der ihr im Nu ins Gesicht und bis hinter die Ohren schoss.
Sie gingen nebeneinander mit gut zwei Fuß Abstand. Awu sagte dies und das, doch die Witwe Shan Si antwortete kaum. Nach kurzem Weg gab Awu ihr das Kind zurück und sagte, er habe sich gestern mit Freunden zum Essen verabredet; die Witwe Shan Si nahm das Kind wieder. Zum Glück war es nicht mehr weit bis nach Hause; sie sah schon von weitem Frau Wang Jiu gegenüber am Straßenrand sitzen, die ihr zurief:
„Witwe Shan Si, was ist mit dem Kind? — Warst du beim Doktor?“
„Ja, ich war dort. — Frau Wang Jiu, Sie sind erfahren und haben viel gesehen; wären Sie so freundlich, einmal nachzuschauen, wie es steht...“
„Hm...“
„Wie steht es...?“
„Hm...“ Frau Wang Jiu betrachtete das Kind eine Weile, nickte zweimal und schüttelte zweimal den Kopf.
Erst am Nachmittag hatte Bao'er die Arznei eingenommen. Die Witwe Shan Si beobachtete aufmerksam seinen Zustand, der sich etwas beruhigt zu haben schien. Am späteren Nachmittag öffnete er plötzlich die Augen, rief einmal „Mama!“ und schloss die Augen wieder, als schliefe er ein. Nach einem kurzen Schlummer traten auf seiner Stirn und Nasenspitze Schweißperlen hervor; die Witwe Shan Si berührte sie leicht — sie klebten wie Leim an der Hand. Hastig griff sie nach seiner Brust und konnte ein Schluchzen nicht mehr unterdrücken.
Bao'ers Atem ging von gleichmäßig zu gar nicht mehr, und die Stimme der Witwe Shan Si wandelte sich vom Schluchzen zum Wehklagen. Nun versammelten sich Grüppchen: drinnen waren Frau Wang Jiu, Lanpi Awu und andere; draußen der Wirt der Xianheng-Schenke und der rotnasige alte Gong. Frau Wang Jiu übernahm das Kommando: Sie verbrannte eine Schnur Papiergeld und verpfändete zwei Bänke und fünf Kleidungsstücke, um für die Witwe Shan Si zwei silberne Dollarmünzen zu borgen und den Helfern eine Mahlzeit zu bereiten.
Die erste Frage war der Sarg. Die Witwe Shan Si besass noch ein Paar silberne Ohrringe und eine vergoldete Silbernadel; beides übergab sie dem Wirt der Xianheng-Schenke und bat ihn, als Bürge aufzutreten, um halb bar, halb auf Kredit einen Sarg zu kaufen. Lanpi Awu streckte ebenfalls die Hand aus und wollte sich freiwillig melden; doch Frau Wang Jiu ließ ihn nicht, erlaubte ihm nur, morgen beim Tragen des Sarges zu helfen. Awu schimpfte „altes Biest“ und stand schmollend mit vorgeschobenem Kinn da. Der Wirt ging also selbst; am Abend kam er zurück und sagte, der Sarg müsse erst angefertigt werden und werde erst in der zweiten Nachthälfte fertig.
Als der Wirt zurückkam, hatten die Helfer längst gegessen; und da in Lu noch einige alte Sitten herrschten, gingen noch vor der ersten Nachtwache alle nach Hause zum Schlafen. Nur Awu lehnte noch an der Theke der Xianheng-Schenke und trank, und der alte Gong summte vor sich hin.
Jetzt saß die Witwe Shan Si weinend am Bettrand; Bao'er lag auf dem Bett, das Spinnrad stand still auf dem Boden. Nach langer Zeit versiegten ihre Tränen. Sie riss die Augen weit auf, sah sich um und fand alles sonderbar: All dies konnte doch unmöglich wahr sein. Sie dachte bei sich: Es ist nur ein Traum, das alles ist bloß ein Traum. Morgen, wenn sie aufwacht, liegt sie wohlbehalten im Bett, und Bao'er schläft friedlich neben ihr. Und er wacht auch auf, ruft „Mama“ und springt quietschvergnügt davon zum Spielen.
Das Singen des alten Gong war längst verstummt, auch in der Xianheng-Schenke war das Licht gelöscht. Die Witwe Shan Si starrte mit offenen Augen und wollte an nichts von alledem glauben. — Der Hahn krähte; der Osten wurde allmählich hell, und silberweißes Morgenlicht drang durch die Fensterritzen.
Das Silberweiß der Dämmerung wich allmählich einem Rosarot, dann fiel das Sonnenlicht auf den Dachfirst. Die Witwe Shan Si starrte mit offenen Augen, reglos dasitzend; als sie ein Klopfen an der Tür hörte, fuhr sie erschrocken zusammen und lief hinaus, um zu öffnen. Draußen stand ein Unbekannter, der etwas auf dem Rücken trug; hinter ihm stand Frau Wang Jiu.
Ach — sie hatten den Sarg gebracht.
Erst am Nachmittag wurde der Sargdeckel aufgelegt: Denn die Witwe Shan Si weinte und schaute, weinte und schaute, und wollte sich partout nicht dazu durchringen, ihn schließen zu lassen. Zum Glück verlor Frau Wang Jiu schließlich die Geduld, lief wütend herzu, zerrte sie beiseite, und dann wurde der Deckel im Handumdrehen aufgesetzt.
Doch die Witwe Shan Si hatte für ihren Bao'er wirklich alles getan, was sie konnte; es gab nichts mehr, was fehlte. Tags zuvor hatte sie eine Schnur Papiergeld verbrannt, am Vormittag neunundvierzig Rollen des „Großen Mitleidsgebets“; bei der Aufbahrung hatte sie ihm die allerneuesten Kleider angezogen, und seine Lieblingssachen — eine Tonfigur, zwei kleine Holzschüsselchen, zwei Glasfläschchen — waren alle neben sein Kopfkissen gelegt worden. Als Frau Wang Jiu an den Fingern abzählend alles genau überdachte, fiel auch ihr am Ende kein Mangel mehr ein.
An diesem Tag war Lanpi Awu tatsächlich den ganzen Tag nicht erschienen; der Wirt der Xianheng-Schenke heuerte also für die Witwe Shan Si zwei Sargträger an, zweihundertundzehn große Kupfermünzen pro Mann, um den Sarg zum Armenfriedhof zu tragen. Frau Wang Jiu kochte noch Reis, und jeder, der Hand angelegt oder ein Wort gesagt hatte, aß mit. Die Sonne neigte sich allmählich zum Untergang; und die Gesättigten ließen unmerklich erkennen, dass sie nach Hause wollten — und so gingen sie schließlich alle heim.
Der Witwe Shan Si war sehr schwindelig; nach einer Weile Ruhe fühlte sie sich tatsächlich etwas gefasster. Doch dann überkam sie ein seltsames Gefühl: Ihr war etwas begegnet, das sie in ihrem ganzen Leben nie erlebt hatte, etwas, das es gar nicht geben konnte — und das doch eingetreten war. Je mehr sie darüber nachdachte, desto fremder wurde es, und sie bemerkte noch etwas Seltsames — dieses Haus war auf einmal viel zu still.
Sie stand auf und zündete die Lampe an — das machte die Stille nur deutlicher. Benommen ging sie zur Tür und schloss sie, kam zurück und setzte sich an den Bettrand; das Spinnrad stand still auf dem Boden. Sie sammelte ihre Gedanken und blickte sich um, doch sie konnte weder sitzen noch stehen: Das Haus war nicht nur zu still, es war auch zu groß, und die Dinge waren zu leer. Das zu große Haus umschloss sie von allen Seiten, die zu leeren Dinge drückten von allen Seiten auf sie, sodass sie kaum atmen konnte.
Nun wusste sie, dass ihr Bao'er wirklich tot war. Sie wollte dieses Haus nicht mehr sehen, löschte die Lampe und legte sich hin. Weinend und grübelnd zugleich dachte sie an die Zeit, als sie Baumwolle spann und Bao'er neben ihr saß und Fenchelbohnen aß, sie mit seinen kleinen schwarzen Augen anstarrte, einen Moment nachdachte und dann sagte: „Mama! Papa hat Wantan verkauft; wenn ich groß bin, verkaufe ich auch Wantan und verdiene ganz, ganz viel Geld — und alles gebe ich dir.“ Damals schien wirklich jeder Zoll des gesponnenen Garns Bedeutung zu haben, jeder Zoll lebendig zu sein. Aber jetzt? An die Gegenwart hatte die Witwe Shan Si wirklich keinen Gedanken. — Ich habe es ja schon gesagt: Sie war eine einfache Frau. Was hätte sie auch denken sollen? Sie empfand nur, dass dieses Haus zu still, zu groß, zu leer war.
Doch so einfältig die Witwe Shan Si war, sie wusste, dass die Toten nicht wiederkehren, und dass sie ihren Bao'er wirklich nie mehr sehen würde. Mit einem Seufzer murmelte sie vor sich hin: „Bao'er, du solltest doch noch hier sein; dann lass mich dich wenigstens im Traum sehen.“ Sie schloss die Augen und wollte schnell einschlafen, um ihrem Bao'er zu begegnen; ihr mühsames Atmen durchdrang die Stille, die Weite und die Leere, und sie hörte es deutlich selbst.
Endlich dämmerte die Witwe Shan Si in den Schlaf hinüber; das ganze Haus war still. Da war auch das Liedchen des rotnasigen alten Gong längst verklungen; taumelnd war er aus der Xianheng-Schenke gestolpert, hob nun aber noch einmal die Stimme und sang:
„Oh, mein Liebster! — Du Ärmster, — ganz allein...“
Lanpi Awu griff dem alten Gong an die Schulter, und die beiden torkelten lachend und aneinander drängend davon.
Die Witwe Shan Si schlief längst; der alte Gong und die anderen waren gegangen; die Xianheng-Schenke hatte geschlossen. Nun lag das Städtchen Lu vollkommen in Stille da. Nur die dunkle Nacht mühte sich, zum Morgen zu werden, und hastete doch weiter durch diese Stille; und ein paar Hunde wimmerten im Verborgenen.