Difference between revisions of "Jing Shanhai/de/Part 8"

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= Durch Berge und Meere — Teil 8 =
 
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Zhou Bin musste natürlich der Führung berichten und die Medien einladen. Bezirks- und Stadtführung kamen zur Inspektion und lobten Huapo dafür, der Zeit voraus zu sein. Journalisten strömten herbei und berichteten aus verschiedenen Perspektiven: Ergebnisse der Massenlinienerziehung der Partei, ländliche Revitalisierung, ländlicher E-Commerce. Zhou Bin erschien häufig im Fernsehen, voller Tatendrang, erklärte in makellosem Mandarin seine Ideen und die gewaltigen Veränderungen, die der E-Commerce nach Huapo gebracht hatte. Als die Berichterstattung zunahm, erzählte Zhou Bin in einer Führungssitzung, er habe online nach dem Stichwort „Huapo E-Commerce" gesucht – über tausend Ergebnisse.
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Garnelen schieben — das ist das Handwerk, von dem die Fischer hier seit Generationen leben. Weil es mühsam ist und weil es immer weniger Garnelen gibt, will kein Junger mehr; es droht auszusterben. Außerdem: Ich habe die Mondsichelbucht als Badestrand erschlossen und mir den Kopf zerbrochen, weil der Bekanntheitsgrad zu gering ist und zu wenige Touristen kommen — ein Programm daraus zu machen und Werbung dafür zu treiben, wäre eine gute Sache."
  
Eines Tages rief Wan Yufeng Wu Xiaohao an und sagte, sie habe den Parteisekretär im Fernsehen gesehen und fühle sich sehr ungerecht behandelt: Ihre E-Commerce-Servicestelle laufe auf Hochtouren, mehrere junge Frauen würden den ganzen Tag Pakete packen, bis ihre Hände bluteten – aber noch nie sei ein Reporter gekommen, um sie zu interviewen. Die Führung habe es bequem, führe die Reporter nur aufs Festland, wolle nicht übers Meer auf die Insel kommen. Wu Xiaohao sah, dass sie erregt war, und versprach sofort, die Angelegenheit dem Propagandaausschuss-Vorsitzenden weiterzuleiten – wenn Reporter kämen, würden sie auch auf die Insel gebracht. Wu Xiaohao fragte, ob die Kiemenmenschen-Tour noch laufe. Wan Yufeng sagte: „Eingestellt. Sobald die Fangsaison begann, wurde das Wasser kalt, Gangtou und die anderen sind alle aufs Boot gegangen."
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Am nächsten Morgen holte Zhuo Li mit dem Dienstwagen ihrer Behörde zunächst Wu Xiaohao ab, dann nacheinander die anderen; als alle an Bord waren, fuhren sie los. Zhou Bin erläuterte der Runde den Zweck der Reise nach Peking und bat die Amtsleiter, ihr Bestes zu geben und die Sache zum Erfolg zu führen. Der Direktor des Tourismusamts, Xiang, sagte, er wünsche sich nichts sehnlicher als einen Abschluss dieses Projekts, denn ein Wohnmobil-Campingplatz sei absolut erstklassig. Der Direktor des Amts für Meeresfischerei, Zan, scherzte: „Unsere Wohnmobil-Delegationsgruppe sollte eigentlich in einem Wohnmobil nach Peking fahren." Zhuo Li sagte: „Dann kauf doch in Peking eins, auf der Rückfahrt liegen wir drauf." Zan sagte: „So viele Leute — wenn wir nicht reinpassen, stapeln wir uns in zwei Etagen?" Zhuo Li sagte: „Zwei Etagen, meinetwegen." Die Männer lachten. Wu Xiaohao blickte schweigend aus dem Fenster.
  
Mit dem Beginn des Herbstes trat die Massenlinienerziehung der Partei in Huapo in die Phase der Problemaufdeckung und Kritik ein – alle Parteimitglieder und Kader begannen mit ihren Selbstkritik-Materialien. Bei Hinweisen auf Probleme aus der Bevölkerung prüfte die Arbeitsgruppe diese und meldete manche an die Bezirksdisziplinarkommission.
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Doch sie vergaß ihre Pflichten nicht: Unterwegs rief sie Lou Tingting an und sagte, sie seien aufgebrochen und würden am Nachmittag eintreffen. An einer Raststätte aß die Delegation zu Mittag; gegen vier Uhr nachmittags erreichten sie Peking. Je tiefer sie in die Stadt fuhren, desto dichter wurde der Verkehr; erst zwei Stunden später kamen sie im Hotel an.
  
An jenem Vormittag kam ein Wagen der Bezirksdisziplinarkommission mit drei Personen und nahm Cui Haibo mit. Die Website der Bezirksdisziplinarkommission veröffentlichte am Abend eine Meldung: Cui Haibo, Parteimitglied des Parteikomitees der Gemeinde Huapo, wird wegen Verdachts auf schwere Regelverstöße von der Organisation untersucht.
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Es war ein Fünf-Sterne-Hotel im Bezirk Dongcheng, prächtig und glanzvoll. Lou Tingting stand lächelnd in der Lobby und überreichte jedem eine Zimmerkarte. In ihrem Zimmer angekommen, bemerkte Wu Xiaohao das geräumige Bett und die geschmackvolle Einrichtung und dachte: Generaldirektor Gu ist wirklich großzügig — offenbar meint er es ernst mit dem Projekt in Kaipo.
  
Einen Monat später veröffentlichte die Bezirksdisziplinarkommission eine weitere Meldung: Cui Haibo wird wegen Verdachts auf Unterschlagung von Hilfsgeldern für Katastrophenopfer und Sozialleistungen aus der Partei ausgeschlossen und seines Amtes enthoben; wegen Verdachts auf Straftaten wird er der Justiz übergeben.
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Im Bankettsaal staunte Wu Xiaohao noch mehr: Mindestens siebzig oder achtzig Quadratmeter groß, neben dem Esstisch ein Mahjong-Tisch und eine Reihe Palisander-Sessel. Gerade als sie noch verblüfft dastand, deutete Direktor Zan auf die Vitrine an der Wand: Wenn man die Stücke dort verkaufe, reiche das Geld für einige Fischerboote. Zhuo Li klopfte ihm auf die Schulter: „Du mit deinen Booten — drei Sätze, und du bist wieder beim Thema!" Wu Xiaohao betrachtete die Vitrine — wahrhaftig eine Augenweide, Antiquitäten und moderne Kunstwerke, vieles, was sie noch nie gesehen hatte.
  
Als dieses Ergebnis bekannt wurde, diskutierten die Kader von Huapo: Der alte Cui, dieser „Zivilausschuss-Vorsitzende", ist wirklich „fertig".
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Lou Tingting brachte Generaldirektor Gu. Er nahm auf dem Ehrenplatz Platz und blickte selbstgefällig in die Runde. Er ließ einschenken — angeblich ein von ihm acht Jahre lang gehüteter Maotai. Zhuo Li, die neben Wu Xiaohao saß, roch daran und nickte unmerklich.
  
Sun Xiaoyue ging endlich in die Antarktis.
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Generaldirektor Gu erhob das Glas: „Herzlich willkommen in der Hauptstadt — auf den vollen Erfolg unserer Zusammenarbeit!" Nach drei Gläsern prostete Zhou Bin: Im Namen der Kader und Bürger Kaipos freue man sich darauf, dass Generaldirektor Gu am Ufer des Gelben Meers Großes vollbringe. Zhuo Li, schlagfertig wie eh und je, sagte, schon bei ihrer Ankunft in Peking habe sie die tiefe Aufrichtigkeit von Generaldirektor Gu gespürt; das Investitionsbüro von Yucheng werde tatkräftig mitwirken und alle einschlägigen Maßnahmen voll ausschöpfen; sie sei überzeugt, der Wohnmobil-Campingplatz in Yucheng werde Reisende aus aller Welt in Staunen versetzen. Generaldirektor Gu fragte: „Wenn Sie alle einschlägigen Maßnahmen ausschöpfen — wie viel Vergünstigung geben Sie mir dann? Achthundert Mu Strand, Pacht auf siebzig Jahre — kann die Pacht komplett entfallen?"
  
Um diesen Traum zu verwirklichen, brauchte sie zwei Jahre. Eigentlich hatte sie es mühsam geschafft, bei ihrer Einheit Urlaub zu bekommen, zusammen mit den sieben Tagen für den Nationalfeiertag waren es zwei Wochen, geplant für das Frühlingsfest 2014 – doch kurz vor Abreise bekam sie eine schwere Erkältung mit anhaltendem Fieber und musste die Reise absagen. Weil die Reiseagentur festlegte, dass bei Absage aus persönlichen Gründen innerhalb von drei Monaten vor Abreise keine Rückerstattung erfolge, verlor sie siebzigtausend Yuan. Sie gab nicht auf und wollte trotzdem fahren. Zum Glück unterstützte sie der Maler Qu Wenxian, sie beantragte erneut die Visa, wartete sehnsüchtig ein weiteres Jahr und brach endlich am 18. Dezember im Jahr des Schafes auf.
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Wu Xiaohao war bestürzt. Dieser Generaldirektor Gu bewirtete sie hier in Peking auf großem Fuß — und wollte sich in Wirklichkeit einen gewaltigen Vorteil verschaffen! Wenn man ihm die Pacht erließe, was sollte die Gemeinde dann den Bürgern sagen? Sie sah, dass Zhuo Li neben ihr seelenruhig mit ihren rotlackierten Fingernägeln eine Krabbe zerlegte, beugte sich zu ihr und flüsterte: „Das dürfen wir auf keinen Fall leichtfertig zusagen." Zhuo Li sagte: „Kein Problem — am Verhandlungstisch wird nun mal gefeilscht."
  
Sie sah auf dem Boden eine dünne Tonscherbe und erkannte, dass es sich um zerbrochene Chongyuan-Keramik handelte. Diese hochstieligen Becher, die ihre Vorfahren für Zeremonien verwendet hatten, hatte sie im Museum gesehen. In Büchern wurden sie beschrieben als „dünn wie Hongchen-Seide, hell wie ein Spiegel, leicht wie Papier, klangvoll wie Qing-Stein; wenn man sie berührt, scheinen sie nicht da zu sein, schlägt man sie an, erklingen verschiedene Töne“ – wahre Schätze der Urkultur. Sie hatte einst vor ihnen gestanden und sich gefragt: Welch sanfte und stille Seelenverfassung mussten jene Vorfahren besessen haben, die die Töpferscheibe drehten und den Ton formten, um vor viertausend Jahren diese feinsten Werke der irdischen Zivilisation zu schaffen? Doch nun hatten Grabräuber sie entdeckt und in der mondlosen, windigen Nacht des zweiten Tages des neuen Jahres hier gegraben und gewühlt, ohne Rücksicht auf die Zerstörung der Kulturschätze – das war wirklich herzzerreißend, empörend!  Sie rief den Kulturdirektor Xia Weixing an und berichtete von dem Vorfall. Der Direktor der Kulturbehörde war sehr bestürzt und sagte: „Diese Grabräuber sind einfach zu unverschämt! Wir beantragen gerade Mittel zur Umsetzung des ‚Skynet-Projekts' für den Schutz von Kulturgütern, um alle Kulturstätten unter Überwachung zu stellen.“ Wu Xiaohao sagte: „Hmm, das wäre vielleicht besser. Aber ich habe einen Vorschlag: Man sollte so schnell wie möglich Experten zur Ausgrabung der Danxu-Stätte holen, da vermutlich viele archäologische Entdeckungen zu erwarten sind.“ Xia Weixing sagte: „Ist dein Professor nicht Archäologe? Frag ihn doch, ob er Leute herüberbringen kann.“ Wu Xiaohao sagte: „Gut, wenn du die Genehmigung erteilst, werde ich Kontakt mit ihm aufnehmen.“  Ein Polizeiwagen kam vorbei, mehrere Polizisten stiegen aus und untersuchten sofort den Tatort, machten Fotos und nahmen Protokolle auf. Wu Xiaohao machte mit ihrem Handy einige Aufnahmen vom Tatort und schickte sie Professor Fang Zhiming von der Shandong-Universität.  Bald darauf erhielt sie einen Anruf von Professor Fang. Professor Fang sagte, als er die Fotos gesehen und von der Plünderung der Danxu-Stätte erfahren habe, sei er sehr bedrückt gewesen. Wu Xiaohao sagte: „Professor, kommen Sie schnell mit Leuten zum Ausgraben, sonst lassen die Kriminellen die Schätze komplett verschwinden!“ Professor Fang sagte: „Du hast recht, es ist keine Zeit zu verlieren, wir sollten dringend Kräfte zur Ausgrabung organisieren. Allerdings ist dies keine Kleinigkeit und erfordert die Genehmigung des Staatsrats. Ich werde Kollegen konsultieren...“  ---  Am vierten Tag des ersten Monats kehrte Zhen Yueyue nach Yu zurück. In der WeChat-Freundesgruppe wurde angekündigt, dass ein „Antarktis-Reise-Bericht“ stattfinden würde, am Nachmittag des fünften Tages um drei Uhr im Yixing-Teehaus. Wu Xiaohao sah die Nachricht und beschloss teilzunehmen.  Das Yixing-Teehaus lag am Meer. Wu Xiaohao war schon einmal dort gewesen, bevor sie aufs Land ging. Von oben hatte man einen Blick auf den berühmten Großhafen Anwei. Yu Shanshan hatte das Teehaus im Oktober eröffnet. Ihr Hauptgeschäft war Holzimport aus Südostasien; das Teehaus diente nur der Bequemlichkeit für Gäste, nicht dem Gewinn.  Wu Xiaohao rief an und kam dort an. Yu Shanshan kam strahlend heraus, sie trug eine rote Korallenkette und ein Dzi-Perlen-Armband. Sie führte sie in einen großen Raum im zweiten Stock im südostasiatischen Stil. Bereits mehr als zehn Frauen saßen dort, plauderten und knabberten Melonenkerne. Zhen Yueyue bediente gerade einen Laptop und projizierte die Titelfolie einer PowerPoint-Präsentation auf die Leinwand: ein antarktisches Foto mit einer großen Gruppe von Pinguinen, auf blauem Hintergrund die sieben großen Schriftzeichen „Yueyues Antarktis-Reise“. Als sie Wu Xiaohao sah, lächelte sie: „Die Bürgermeisterin ist da, bitte setz dich.“ Wu Xiaohao sagte: „Sei nicht so sarkastisch. Du hast gerade gesagt, die Landfrauen sind gekommen.“  Ein Mädchen in traditioneller chinesischer Kleidung brachte Wu Xiaohao Teegeschirr und schenkte Tee ein. Ma Yun, die daneben saß, nahm eine Handvoll Melonenkerne und legte sie auf den Teller vor ihr: „Schwester Bürgermeisterin, bitte bedien dich.“ Wu Xiaohao sah, dass Ma Yun etwas dicker geworden war und gut aussah, und fragte, wie das Hotelgeschäft laufe. Ma Yun sagte: „Geht so. Auf öffentliche Geschäftsessen kann ich nicht mehr zählen, jetzt setze ich auf die Mittelschicht.“ Wu Xiaohao fragte: „Meinst du, die Mittelschicht geht jetzt öfter essen?“ Ma Yun sagte: „Genau, die Zahl der Wohlhabenden ist wirklich gestiegen. Früher, wer hätte es sich leisten können, Gäste im Restaurant zu bewirten? Jetzt ist es normal geworden, Familien gehen von Zeit zu Zeit ins Restaurant. Mit dieser Gruppe kann ich das Hotel weiterführen.“ Lian Ruru, die gegenübersaß, fragte sie: „Züchtest du nicht Austern? Läuft das gut?“ Ma Yun streichelte ihren kleinen Bauch und lachte: „Sehr gut, langsam wachsen sie...“  Yu Shanshan klatschte plötzlich in die Hände: „Schwestern, bitte Ruhe, lasst unsere Yueyue, die in die Antarktis gereist ist, sprechen!“  Unter dem Applaus der Freundinnen strich sich Zhen Yueyue eine Haarsträhne zurück, setzte sich gerade hin und sagte: „Danke, Schwester Shanshan. Heute will ich es kurz machen und euch von meinen Eindrücken von den Polarregionen berichten. Ich will nicht angeben, aber ich fühle wirklich, dass meine Antarktis-Reise so viel gebracht hat, dass es wie privater Vermögensbesitz wäre, wenn ich es nicht mit euch teile. Bitte schaut euch beim Teetrinken meine PowerPoint-Präsentation an.“  Dann klickte Zhen Yueyue Bild für Bild durch und ließ die Fotos auf dem Bildschirm erscheinen. Bei jedem Bild gab sie Erklärungen ab und teilte ihre Gedanken. Das wunderschöne südamerikanische Patagonien, der tosende Atlantik, die stürmische Westwindpassage, die majestätischen antarktischen Schneeberge, ... Alle schauten und hörten gebannt zu. Als sie von der ersten Begegnung mit der Antarktis sprach, sagte Zhen Yueyue: „Nachdem wir in der Drake-Passage furchterregende Westwinde und höllische Qualen durchgemacht hatten, erblickten wir an jenem Morgen plötzlich Land am Horizont, zusammenhängende hohe Schneeberge, zehntausend Jahre altes blaues Eis – ich fühlte mich auf einmal an einem heiligen Ort, an jungfräulichem, reinem Land. Ein westlicher Gelehrter schrieb ein Buch mit dem Titel ‚Unbekanntes Territorium' und sagte, die Antarktis sei der einzige Fleck auf diesem Planeten, der nicht von Besitzansprüchen, Gesetzen oder Bevölkerungszahlen gefesselt sei – ich stimme völlig zu. Nicht nur rein, sondern auch still, als gäbe es keine Geräusche, nur eine erschütternde Weite, jene Stille, die in den lärmenden Städten unvorstellbar ist. Angesichts dieses reinen Landes, dieser Stille, fühlte ich, wie mein Inneres plötzlich ruhig wurde, friedlich wie Wasser. Ich spürte auch, dass ich einem unglaublich großen Spiegel gegenüberstand, der all meine weltlichen Gedanken, all meine Schwächen, aber auch die armseligen Eitelkeiten der Menschen zeigte...“  Wu Xiaohao war völlig gefesselt von ihrer Erzählung, ein starkes Gefühl der Anteilnahme ließ sie alles miterleben, intensiv fühlen.  Yueyue fuhr bewegt fort: „In der Antarktis war ich oft beim Beobachten so versunken, dass ich an so vieles dachte – an die Menschen, an alle Lebewesen; an die Zeit, an den Raum; an die Erde, an das Universum. Ich ließ die Zeit verschwimmen, verband die Dinge vor mir mit der fernen Vergangenheit, ließ meine Seele einen fernen Ort erreichen – die weit entfernte Vergangenheit. Wirklich, nach einer Antarktis-Reise verändern sich Lebens- und Weltanschauung...“  Wu Xiaohao dachte, dass Yueyue nach ihrer Antarktis-Reise ihre Ausstrahlung weiter verfeinert zu haben schien, als wäre sie eine Philosophin geworden. Sie dachte an Yueyues Worte „Den Träumen folgen, ohne Grenzen“ und fühlte starken Neid. Sie dachte: Ich habe nicht Yueyues Mut und noch weniger ihre Voraussetzungen. Ich kann nur Tag für Tag auf dem Land schuften. Ganz zu schweigen von der Antarktis – ich habe nicht einmal Zeit, inländische Sehenswürdigkeiten zu besuchen.  Yueyue zeigte weitere Fotos und erzählte von ihren Erlebnissen nach den Landgängen: Besuch der chinesischen Polarstation „Große Mauer“, der blauen Hütte, die ein britischer Entdecker hinterlassen hatte, Beobachtung großer Pinguinkolonien, die sich auf Eisschollen drängten, und der Seeleoparden, die auf Eisschollen lagen.  Yueyue erklärte, dass die letzte Aktivität der Antarktis-Reise eine Kreuzfahrt in der Wilhelmina-Bucht war. Dies sei die berühmte Walbucht. Zu ihr gebe es eine übertriebene Behauptung: Früher, als es viele Wale gab, konnte man über die Walrücken auf die andere Seite der Bucht gelangen. Obwohl es jetzt weniger Wale gebe, könne man immer noch einige sehen, meist Buckelwale.  Dabei zeigte sie Walfotos, die sie dort aufgenommen hatte. Auf einem war ein blaugrüner Walrücken zu sehen; auf einem anderen die hoch aufragende Schwanzflosse eines Wals beim Abtauchen.  An dieser Stelle fragte Yueyue: „Schwestern, habt ihr schon mal von einem ‚Walfall' gehört?“  Alle schüttelten den Kopf.  Yueyue sagte: „Ich habe es auch gerade erst erfahren, von einem Experten auf dem Kreuzfahrtschiff. Er sagte, wenn ein Wal im Ozean stirbt, sinkt sein Körper langsam zum Meeresgrund. Dieser Prozess hat einen Namen: Walfall. Im Englischen heißt es ‚Whale Fall'.“  Lian Yuhong sagte: „Wow, wie poetisch...“  Yueyue sagte: „Nicht nur poetisch. Die Poesie des Walfall liegt nicht nur in diesem erhabenen Bild, sondern auch darin, dass es das letzte Geschenk des Wals an das Meer ist. Ein Dichter schrieb: Das Schönste auf der Welt ist ein Walfall. Sein riesiger Körper sinkt langsam hinab und nährt unzählige Meereslebewesen. Nachdem er auf den Meeresgrund gesunken ist, gibt er alle Nährstoffe an alle Lebewesen ab, sogar an einige Bakterien, die Walknochen zersetzen können, und bildet ein Ökosystem. Ende des 20. Jahrhunderts entdeckten Wissenschaftler der University of Hawaii, dass in der Tiefsee des Nordpazifiks mindestens 12.490 Organismen von 43 Walfällen lebten, bis alle Nährstoffe aufgebraucht waren. Dieser Prozess kann hundert Jahre dauern. Nachdem die organischen Stoffe erschöpft sind, werden die mineralisierten Walknochen wie ein Riff und zu einem Versammlungsort für Lebewesen...“  Wu Xiaohao war zutiefst berührt und namenlos bewegt. Ein Wort tauchte in ihrem Kopf auf: einer Region zum Segen gereichen.  In diesem Moment zeigte Yueyue ein Ölgemälde mit dem Titel „Walfall“, ein Werk eines jungen Malers aus Henan. Das Bild war farbenfroh – außer dem toten Wal in Grau waren alle anderen Meereslebewesen in leuchtenden, intensiven Farben gemalt, übertrieben geformt, dicht gedrängt. Wu Xiaohao erkannte, dass der Maler bei der Schöpfung voller Emotion war.  Beim Betrachten wurden ihre Augen feucht. Plötzlich stellte sie sich innerlich die Frage: Kann dein Leben wie ein Walfall einer Region zum Segen gereichen? ---  Nach Ende der Frühjahrsfesttage kam eine Kaderüberprüfungsgruppe nach Meiping. Es wurde eine Versammlung der Kader auf Bezirksebene und darüber hinaus einberufen, bei der alle einen stellvertretenden Abteilungsleiter aus den Kaderstufen auf regulärer Kreisebene nominieren sollten. Wu Xiaohao verstand: Büro-Sekretär Zhou Bin sollte befördert werden. Sie schrieb ohne Zögern seinen Namen auf das Empfehlungsformular. Sie dachte: Obwohl Zhou Bin einige Fehler hat, hat er kein korruptes Verhalten gezeigt und hat auch viel Konkretes für die Massen getan.  Am Nachmittag wurde vor dem Verwaltungsgebäude eine Prüfungsankündigung ausgehängt: Die Organisationsabteilung des Stadtparteikomitees hat beschlossen, Genosse Zhou Bin als Prüfungsobjekt für einen stellvertretenden Abteilungsleiter einzustufen. Die Arbeitsgruppe wartete im kleinen Konferenzraum und ließ den Organisationsausschussvorsitzenden nacheinander die Kader auf Kreisebene zu Einzelgesprächen rufen. Nachdem Wu Xiaohao hereingerufen wurde, sprach sie über viele Vorzüge Zhou Bins, insbesondere betonte sie den Punkt seiner Integrität und Ehrlichkeit. Was Schwächen betraf, erwähnte sie nur leicht einen Punkt: Da er aus dem Schriftstellerbereich komme, habe er einen Hang zum Doktrinarismus.  Nachdem die Prüfungsgruppe gegangen war, gratulierten alle dem Sekretär. Zhou Bin dankte freundlich und sagte, dies sei nur eine Prüfung, noch sei nichts entschieden. Er erfüllte seine Pflichten als Sekretär wie gewohnt, ohne die geringste Veränderung zu zeigen.  Eine Woche später wurde vor dem Verwaltungsgebäude erneut eine Ankündigung des Stadtparteikomitees Anwei ausgehängt über Zhou Bins Ernennung zum Vorsitzenden des ständigen Ausschusses des Qifeng-Berg-Landschaftsgebiets. Die Meiping-Kader diskutierten leise: Der Sekretär hatte also nicht den Posten des Propagandadirektors im Shuangying-Kreis bekommen, sondern war nach Qifeng-Berg gegangen als „Bergtempel-Herr“. Qifeng-Berg lag im Lianshan-Kreis, über fünfzig Kilometer von Yu entfernt – obwohl es eine stellvertretende Abteilungsleiter-Position war, machte es nicht viel Sinn.  Nach Ablauf der fünftägigen Bekanntmachungsfrist kam der Organisationsdirektor des Bezirksparteikomitees und übermittelte die Entscheidung des Stadtparteikomitees über Genosse Zhou Bins Amtsantritt an der neuen Position. Im Namen des Bezirksparteikomitees verkündete er, dass die Arbeit in Meiping vorläufig vom stellvertretenden Parteisekretär und Bürgermeister Ju Chengshou geleitet werden würde.  Zhou Bin hielt eine bewegende Abschiedsrede. Er sagte, er habe sechs Jahre und fünf Monate in Meiping gearbeitet und müsse nun dieses Stück heißer Erde verlassen, für das er tiefe Zuneigung empfinde. Meipings Berge und Gewässer, jeder Grashalm und Baum, machten es ihm schwer loszulassen. Die große Liebe, die ihm die Kader und Massen von Meiping entgegengebracht hatten, würde er sein Leben lang in Erinnerung behalten. Während seiner Rede brach er mehrmals in Tränen aus, und alle applaudierten herzlich.  Ju Chengshou's Erklärung war kraftvoll und entschlossen. Er sagte, er unterstütze entschieden die Entscheidung des Stadt- und Bezirksparteikomitees, bewertete Zhou Bins Leistungen in Meiping hoch und erklärte, dass er während der vorläufigen Leitung der Arbeit in Meiping gemeinsam mit den Genossen daran arbeiten würde, alle Arbeiten voranzutreiben und das Vertrauen der Organisation nicht zu enttäuschen.  Wu Xiaohao war von seiner Rede sowohl bewegt als auch verwirrt. Sie dachte: Wenn er früher immer so harmonisch wie heute gewesen wäre, wie viel Ärger hätte das uns Untergebenen erspart.  Am Abend von Zhou Bins Weggang erhielt Wu Xiaohao einen Anruf von ihm. Er dankte der Bürgermeisterin Xiaohao für ihre große Unterstützung in den vergangenen Jahren; er machte Selbstkritik, dass er sie manchmal kritisiert habe, ohne auf Methodik zu achten, was er jetzt bereue; bei einigen Arbeitsideen habe er von anderen abgeschrieben, wofür er um Verzeihung bitte. Wu Xiaohao war diesmal wirklich bewegt und fand, dass sie in all den Jahren der Zusammenarbeit mit Zhou Bin zum ersten Mal hörte, wie er so aufrichtig sprach. Sie gratulierte Zhou Bin von Herzen zu seiner Beförderung auf die Ebene eines stellvertretenden Abteilungsleiters. Zhou Bin seufzte jedoch: „Ach, ursprünglich hatte ich gehofft, in die Stadt zurückkehren und mich um die Familie kümmern zu können, aber ich bin an einen Ort gegangen, der noch weiter und abgelegener als Meiping ist. Es lässt sich nicht ändern, ich kann nur meine Frau und mein Kind weiter leiden lassen.“ Wu Xiaohao fühlte Mitgefühl und sagte: „Das ist nicht einfach, wirklich nicht einfach.“  Zhou Bin sagte auch: „Die Führungsgruppe von Meiping wird bald angepasst werden. Ich glaube, du wirst weiter aufsteigen und den Menschen von Meiping noch besser dienen können.“ Wu Xiaohao sagte: „Mit meinen begrenzten Fähigkeiten, was für einen großen Dienst kann ich schon leisten? Bitte gib mir weiterhin Ratschläge, Direktor.“ Zhou Bin sagte: „Von Ratschlägen kann keine Rede sein, aber ich muss dir eines sagen: Komm dem alten Ju auf keinen Fall zu nahe, sonst wirst du mit hineingezogen, wenn er eines Tages fällt.“  „Er könnte fallen?“ Wu Xiaohao war sehr überrascht.  ---  „Das ist meine persönliche Einschätzung, keine offizielle Meinung. Aber er hat viele Probleme, und die Organisation sollte sehr gut darüber informiert sein. Xiaohao, erzähl das niemandem, besonders nicht dem alten Ju. Ich wünsche dir alles Gute und eine erfolgreiche Karriere.“ Er legte auf.  Mit dem heißen Handy in der Hand war Wu Xiaohao innerlich aufgewühlt. Sie dachte: Zhou Bin hat mir wichtige Informationen mitgeteilt, das war auch eine freundschaftliche Warnung. Es sieht so aus, als ob die Organisation den alten Ju vorläufig die Arbeit leiten lässt, aber das bedeutet nicht, dass er Sekretär wird. Nicht nur wird er nicht Sekretär, er könnte sogar fallen. Sein Fall hängt sicher mit Shao Pingchuan zusammen. Diese beiden Jugendfreunde, die in der Walbucht aufwuchsen – wer wird am Ende wen zu Fall bringen?  Was Wu Xiaohao nicht erwartet hatte: Nachdem Zhou Bin gegangen war, nahm Ju Chengshou sofort die Haltung des Ersten Mannes an. Bei Versammlungen sprach er mit seinem breiten, quadratischen Gesicht und seinem großen Bartschatten, kraftvoll und entschieden; beim Gehen schritt er erhobenen Hauptes und voller Stolz; bei einigen Gelegenheiten nannten ihn Leute „Sekretär“, und er nahm es ohne Zögern an; einige Kader schmeichelten ihm und priesen ihn, und er nahm es dankbar an und war sichtlich zufrieden.  Als Wu Xiaohao dies sah, war sie sehr besorgt und dachte: Alter Ju, könntest du nicht etwas zurückhaltender sein? Du leitest nur vorläufig die Arbeit, die Position ist noch nicht da, aber die Haltung ist schon vorweggenommen – wie kann das gehen? Wenn du wirklich fällst, wäre das nicht umso peinlicher?  Sie dachte: Zhou Bins persönliche Einschätzung kann ich dem alten Ju nicht mitteilen, aber ich hoffe wirklich von Herzen, dass er sicher und wohlbehalten bleibt.  Eines Tages rief Ju Chengshou Wu Xiaohao in sein Büro, wies ihr freundlich eine vorläufige Aufgabe zu und schaute sie dann an, seine Augen funkelnd: „Xiaohao, arbeite von nun an gut mit mir zusammen – Meiping ist jetzt meine Welt...“  Wu Xiaohao erschrak: „Bürgermeister, das ist nicht richtig. Man kann nicht sagen, Meiping sei jemandes Welt.“  Ju Chengshou klopfte auf den Tisch: „Wenn es nicht meine Welt ist, wessen Welt soll es dann sein?“  Wu Xiaohao war im Herzen tief beunruhigt und verabschiedete sich schnell.  Eines Morgens, als Wu Xiaohao die Treppe im Teeladen hinaufging und gerade die Tür erreicht hatte, hörte sie, wie Sekretär Zhous Fahrer Xiao Jin und der Bürgermeisterfahrer, der alte Zhang stritten. Der alte Zhang sagte: „Gib mir den Schlüssel!“ Xiao Jin sagte: „Ich gebe ihn dir nicht!“ Der alte Zhang sagte: „Sekretär Ju lässt mich dich fragen...“ Xiao Jin sagte: „Wenn er wirklich Sekretär wird, kann er es sagen. Jedenfalls kann ich dir dieses Auto nicht überlassen!“  Wu Xiaohao verstand sofort: Ju Chengshou wollte das Auto des Sekretärs fahren. Das war zu ungeduldig! Sie wollte dem alten Zhang zureden, das Ganze fallen zu lassen. Aber der alte Zhang hörte nicht, seine Augen weiteten sich: „Ich höre auf den Ersten Mann, du zählst nichts...“  Wu Xiaohao schüttelte seufzend den Kopf und dachte an ein Sprichwort der Landbevölkerung: Kleine Götter können kein großes Räucherwerk tragen.  Aber sie wollte dieses peinliche Schauspiel nicht weiter ansehen und ging zur Seite, um Ju Chengshou anzurufen: „Hast du oben das Geschrei gehört? Der alte Zhang will von Xiao Jin den Autoschlüssel, man kann es im ganzen Gebäude hören – das ist nicht gut, auch für dich ist das negativ. Lass ihn aufhören damit, ja?“  Ju Chengshou schwieg einen Moment, sagte „Verstanden“ und legte auf. Als sie nach oben ging und aus dem Fenster schaute, stritten die beiden Fahrer nicht mehr.  --- 
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Zhou Bin sann einen Augenblick nach und wandte sich an den Generaldirektor: „Herr Gu, völliger Pachtverzicht — ist Ihre Forderung nicht etwas zu hoch?" Generaldirektor Gu sagte: „Keineswegs. Bei einigen meiner anderen Projekte war das genau so — Pachtverzicht plus drei Jahre Steuerfreiheit." Zhuo Li sagte: „Das waren Projekte mit hoher Gewinnspanne. Ein Wohnmobil-Campingplatz hat begrenztes Gewinnpotenzial und kann nicht in den Genuss von Steuerbefreiung kommen." Generaldirektor Gu fuhr sie sofort an, den Finger auf sie gerichtet: „Sie sagen, mein Projekt habe begrenztes Gewinnpotenzial — haben Sie dafür Belege? Ich habe noch gar keine Steuerbefreiung gefordert, und Sie füttern mich schon mit einer Abfuhr? Ich möchte mal den stellvertretenden Bezirksleiter fragen, warum er jemanden wie Sie mit der Investitionsanwerbung betraut!" Zhuo Li winkte hastig ab: „Schon gut, schon gut, Herr Gu, entschuldigen Sie — ich nehme das eben Gesagte zurück! Seien Sie versichert: Sobald Sie in Yucheng investieren, werden Sie in jeder Hinsicht zufriedengestellt!"
  
Die Schulnoten ihrer Tochter sanken, und Wu Xiaohao machte sich große Sorgen. Nach Beginn des neuen Semesters schaute sie jeden Abend in die Eltern-WeChat-Gruppe, um die Anweisungen der Klassenlehrerin zu verstehen und den gegenseitigen Austausch der Eltern zu verfolgen, um die Situation zu verstehen. Aber sie äußerte sich selten, weil es nach ihrem Gang aufs Land unbequem war und sie WeChat nicht rechtzeitig lesen konnte. Obwohl sie in der Gruppe „Yu Diandiandian-Mama“ war, war normalerweise Yu Haiyuan der Elternvertreter für Diandian.  Yu Haiyuans WeChat-Name war „Haiyuan“, was Wu Xiaohao jedes Mal übel wurde. Sie hatte schon früh gewusst, dass Yu Yanzhu damals „Das rote Laternenlicht“ gesehen hatte und den männlichen Hauptdarsteller Li Yuyuan verehrte, weshalb er seinem Sohn den Namen „Yu Haiyuan“ gab. Wu Xiaohao dachte: Was für ein Bild hat denn Li Yuyuan? Groß und kraftvoll, mit leuchtenden Augen, die rote Laterne hochhaltend, aufrecht stehend. Und wie wurde Yu Haiyuan später? Keine Augen, keine Figur, keine Bildung, keine Volksnähe. Dass er „Haiyuan“ als WeChat-Namen benutzte, war wirklich eine Schande für das Heldenbild. Als Yu Yanzhu anfangs WeChat benutzte und Wu Xiaohao hinzufügen wollte, hatte sie, als sie diesen WeChat-Namen sah, nicht zugestimmt.  Aber der Elterngruppe konnte sie sich nicht entziehen, also musste sie und Yu Haiyuan in derselben Gruppe sein.  In der Elterngruppe war es sehr lebhaft. Die Dutzenden Mitglieder hatten die unterschiedlichsten Berufe und sehr verschiedene gesellschaftliche Positionen, aber wegen ihrer Kinder waren sie alle von der Klassenlehrerin in die „Klasse 5(2) Grundschule Elterngruppe“ gezogen worden. Die Gruppenleiterin war Frau Xun, eine Grundschullehrerin. Wu Xiaohao hatte sie schon gesehen – eine besonders strenge Frau mittleren Alters. Sie gab in der Klasse Befehle, und auch in der Elterngruppe war es so. „XX-Mama, dein Sohn war heute sehr unruhig, hat sich mit Klassenkameraden geprügelt, du musst ihn streng erziehen!“ XX-Mama entschuldigte sich sofort in der Gruppe und versprach, ihren Sohn zu Hause hart zu bestrafen. „XX-Papa, deine Tochter hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht, lass sie das nachholen.“ XX-Papa sagte: „Okay, okay.“  Wu Xiaohao entdeckte, dass Frau Xun eines Abends in der Gruppe schrieb: „Yu Diandian-Papa, deine Tochter hat heute im Unterricht Musik gehört. Ich habe sie kritisiert, und sie hat mir weiße Augen gezeigt. Was willst du dagegen tun?“ Doch Yu Haiyuan reagierte lange Zeit nicht. „Yu Diandian-Mama“ musste schließlich „aufspringen“ und schreiben: „Lehrerin, Entschuldigung, ich werde Diandian zur Besserung bringen.“  Wu Xiaohao rief Diandian an jenem Abend an und fragte, was sie mache. Diandian sagte, sie höre Musik. Wu Xiaohao wurde wütend: „Du hörst in der Schule, und zu Hause hörst du auch noch?“ Diandian sagte: „Hat die Lehrerin dir getratscht? Ich will eben hören, was ist dabei? Schlimmstenfalls höre ich nur noch zu Hause.“ „Was für Musik hörst du?“ „Gute Lieder.“ „Was für gute Lieder?“ „Luocha Haishi da bu liu da bu liu da bu yuan da bu yuan der Kiemenmenschen...“  Wu Xiaohao verstand nicht. Diandian lachte am Telefon hell auf: „Mama versteht das nicht, was? Ich schicke es dir zum Anhören.“ Sie legte auf und schickte bald eine Audiodatei über QQ. Wu Xiaohao öffnete sie – es war ein Lied „Kiemenmenschen“, gesungen von „Luocha Haishi WWWWW“. Sie war sehr neugierig und dachte: Es gibt sogar ein Lied speziell über Kiemenmenschen? Sie klickte zum Anhören.
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Der Direktor für Meeresfischerei, Zan, sagte: „Herr Gu, als Sie neulich an unserer Küste auf Erkundung waren — haben Sie die tatsächlichen Verhältnisse gesehen? Die Aquakulturanlagen dort — Seegurken, Garnelen, Krabben — bringen jedes Jahr hohe Erträge. Ohne entsprechende Entschädigungen — wie sollen wir die Betreiber überzeugen, abzubauen?" Generaldirektor Gu winkte ab: „Das kümmert mich nicht, das ist Sache Ihrer Lokalregierung. Ich übernehme nur das Grundstück — sauber geräumt."
  
Seit dem Hongmeng von Hongmeng
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Wu Xiaohao kochte innerlich, Flammen schlugen hoch. Doch sie beherrschte sich, trank einen Schluck Tee und fragte: „Herr Gu, darf ich fragen, woher Sie stammen?" — „Aus Hubei." — „Aufgewachsen in der Stadt oder auf dem Land?" — „Auf dem Land." Wu Xiaohao sah ihm direkt in die Augen: „Ich bin ebenfalls auf dem Land geboren. Wissen Sie, dass Land für Bauern das Allerlebensnotwendigste ist? Wenn das seit Generationen vererbte Land einem einfach entschädigungslos weggenommen wird — können Sie sich die Gefühle dieser Menschen vorstellen? Wie sich das auf ihr Leben auswirkt? Am Meer ist es genauso — dieses Land, dieser Strand, daran hängt der Lebensunterhalt jeder einzelnen Familie. Haben Sie daran gedacht?" Generaldirektor Gu reckte das Kinn: „Dann sagen Sie mir — wie viel Pacht soll ich zahlen?" Zhou Bin sagte: „Tausend pro Mu und Jahr — wäre das akzeptabel?" Generaldirektor Gu sagte: „Zu hoch — ich kann höchstens fünfhundert bieten." Der Tourismusdirektor Xiang versuchte zu vermitteln: „Herr Gu, Sie sind eine bekannte Größe der Geschäftswelt und finanziell stark aufgestellt. Für ein Projekt mit glänzender Zukunft werden Sie nicht um jeden Pfennig feilschen. Kommen Sie uns entgegen — achthundert pro Mu, einverstanden?" Generaldirektor Gu sagte: „Achthundert — aber ich kann nur jährlich zahlen." Wu Xiaohao sagte sofort: „Kommt nicht infrage! Magere sechshundertvierzigtausend — was sollen wir damit den Bürgern erklären? Sie müssen die Pacht für alle siebzig Jahre auf einmal begleichen!" Generaldirektor Gu sagte: „Über vierzig Millionen? Das ist ja, als wolltet ihr die Henne schlachten, um an die Eier zu kommen!" Wu Xiaohao entgegnete: „Das Problem ist: Ihre Henne macht keinerlei Anstalten, überhaupt ein Ei zu legen!"
  
träumt es immer
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Generaldirektor Gu schlug plötzlich auf den Tisch: „Sie verleumden mich! Ich werde Ihren stellvertretenden Bezirksleiter fragen, wie er jemanden mit derart mangelnder Qualifikation zur stellvertretenden Bürgermeisterin befördern konnte!"
  
träumt tausend und abertausend
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Wu Xiaohao war am Ende ihrer Geduld und zeigte auf ihn: „Fragen Sie! Fragen Sie sofort! Eher verzichte ich auf das Amt der stellvertretenden Bürgermeisterin, als dass ich diesen goldenen Küstenstreifen kampflos hergebe!"
  
Träume von Korallenriffen
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Angesichts ihrer Härte wurde Generaldirektor Gu plötzlich weich und setzte ein Lächeln auf: „Gut, gut, gut — heute treffe ich auf Yang Paifeng aus den Generälinnen der Yang-Familie! Bürgermeisterin Wu, liebes Schwesterchen, beruhigen Sie sich — Ihre Meinung nehme ich sehr ernst, ich werde sie gründlich bedenken, einverstanden?"
  
träumt von zahllosen Fischen und Lebewesen
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Als er einlenkte, sagte Wu Xiaohao nichts mehr und fuhr sich nur unbewusst über die linke Brust. Dort spürte sie ein dumpfes Ziehen.
  
von unzähligen Sandkörnern
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Zhou Bin sagte: „Herr Gu, finden wir einen Kompromiss — wenn Ihnen die gesamte Pachtsumme für siebzig Jahre auf einmal schwerfällt, zahlen Sie die Hälfte vorab, einverstanden?" Generaldirektor Gu nickte: „Das lässt sich überlegen." Zhou Bin fragte: „Wann unterzeichnen wir den Vertrag?" Generaldirektor Gu sagte: „Der Entwurf ist noch nicht fertig. Frau Lou, arbeiten Sie die Nacht durch und setzen Sie den Vertrag auf — morgen Vormittag kommen wir zur feierlichen Unterzeichnung."
  
Sein Traum
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Am nächsten Morgen beim gemeinsamen Frühstück diskutierten die Anwesenden eingehend den Ablauf der Zeremonie: wie man sich hinsetze, wie man stehe, dass eine junge Hotelangestellte den Vertrag herüberreiche — jedes Detail wurde bedacht. Zhou Bin trug Liu Dalou auf, er solle unbedingt im rechten Moment ein paar historische Fotos machen.
  
formt Atem zu Materie
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Doch als Wu Xiaohao bei Lou Tingting anrief, um zu fragen, wann sie kämen, sagte Lou Tingting, es habe sich etwas geändert: Generaldirektor Gu wolle das Projekt noch einmal eingehend prüfen lassen. Sie sollten erst nach Hause fahren; sobald das Ergebnis vorliege, werde man sich melden.
  
wäscht Körper zu Staub
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Während des Gesprächs hatte Wu Xiaohao die Freisprechfunktion eingeschaltet, damit alle mithören konnten. Danach sagte Zhuo Li: „Dem Tonfall nach zu urteilen, will er nicht mehr mit uns verhandeln." Zhou Bin stocherte mit den Stäbchen in Wu Xiaohaos Richtung: „Das hast alles du verbockt! Gestern hast du dich mit ihm gestritten — hat der noch Lust, in Kaipo zu investieren? Kleine Dinge nicht hinnehmen können bringt große Pläne durcheinander — wie kannst du so unreif sein?"
  
Es träumt Generation um Generation
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Wu Xiaohao sah ihn an, voller unterdrücktem Groll: „Wenn ich mich nicht mit ihm gestritten hätte — hätten wir ihm dann jedes Zugeständnis gemacht und die Küstenbewohner auf die Straße gesetzt?"
  
Träume von heimkehrenden und kreisenden Seevögeln
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Zhou Bin klopfte mit den Stäbchen scharf auf den Teller: „Du willst immer noch nicht einsehen, dass du einen Fehler gemacht hast!"
  
träumt von Scharen von Adlern, die mit dem Monsun über das Meer ziehen
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Zhuo Li sagte: „Hört auf, ihr zwei. Investitionsanwerbung ist nie einfach — mal gelingt es, mal nicht. Eine gebratene Ente, die einem davonfliegt — so etwas habe ich viel zu oft erlebt."
  
träumt von Sternennebeln in jedem Uterus
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Direktor Zan sagte: „Fahren wir. Die Reise nach Peking hat uns immerhin ein gutes Essen eingebracht und eine Nacht im Fünf-Sterne-Hotel."
  
träumt auch von weißen Säugetieren in Gefahr
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Doch als sie ihre Taschen holten und an der Rezeption die Zimmerkarten abgaben, teilte ihnen die Angestellte mit: „Die Wancheng-Gesellschaft hat angewiesen, dass die Zimmerkosten von Ihnen zu begleichen sind." Zhou Bin wurde vor Wut bleich und schimpfte, Generaldirektor Gu sei wirklich ohne Anstand. Zhuo Li hingegen sagte: „Er hat uns ein Essen spendiert und die Zimmer auf unsere Rechnung gesetzt — das ist durchaus üblich." Zhou Bin sagte: „Hätte ich gewusst, dass wir selbst zahlen, hätten wir doch kein Fünf-Sterne-Hotel genommen!" Er fragte Liu Dalou, ob er genug Geld dabeihabe; Liu Dalou verneinte. Zum Glück bot Zhuo Li an, den Rest mit ihrer Karte zu bezahlen; so beglich die Gruppe die Rechnung und verließ missmutig das Hotel.
  
und von allmählich erstarrenden, verstummenden Küstenlinien
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'''9''' (ACHTUNG: ZEILE FEHLT — BITTE IN PDF-DATEI PRÜFEN) Zurück aus Peking berief Zhou Bin eine Sitzung der Führungsriege ein und berichtete über die Investitionsverhandlungen. Er sagte: „Nachdem die Pekinger Wancheng Tourismusentwicklungsgesellschaft ihr Interesse an Investitionen in Kaipo bekundet hat, haben wir die Gelegenheit ergriffen, sofort dem Bezirksleiter Bericht erstattet und kräftige Unterstützung erhalten. Schnelligkeit entscheidet — zusammen mit mehreren zuständigen Bezirksleitern bildeten wir eine Delegationsgruppe und reisten umgehend nach Peking, um über Nacht Verhandlungen mit dem Investor aufzunehmen. Im Geiste beiderseitigen Nutzens analysierten und diskutierten beide Seiten die günstigen Bedingungen und die glänzenden Aussichten eines Wohnmobil-Campingplatzes an der Mondsichelbucht. Selbstverständlich haben wir bei der Landpacht- und Entschädigungsfrage auch unsere Argumente vorgebracht und die Interessen der Bevölkerung entschieden verteidigt. Derzeit prüft die Gegenseite das Projekt weiter — sobald es Neuigkeiten gibt, treiben wir die Sache sofort aktiv voran."
  
Die Stimme war wie Wellen, wie Brandung, und erschütterte Wu Xiaohaos Seele. Beim Hören dieser bewegenden Gesangsstimme erschien vor ihren Augen ein Bild: Im tiefblauen Meerwasser schwammen seltsame Wesen, halb Mensch, halb Fisch, hin und her, ihre Bewegungen manchmal schön, manchmal hässlich, manchmal zivilisiert, manchmal wild.  Plötzlich kam ein besonders großer Kiemenmensch. Er schwamm nicht, sondern ging durchs Wasser, schritt mit erhobenem Haupt voran, stolz und hochmütig. Oh, war das nicht Ju Chengshou?  Ihre Stimmung wurde sofort sehr komplex: Sie mochte es einerseits, lehnte es aber auch ab; sie wollte sich nähern, aber auch fliehen.  Auf dem Rückweg in den Kreis nahm sie kein Taxi und dachte plötzlich daran, dass sie vergessen hatte, die Tochter beim Lernen zu überwachen. Sie machte sich schwere Vorwürfe, riss sich hart an den Haaren, bis es schmerzte.  Sie schickte Diandian eine Nachricht und bat sie, nicht mehr Lieder zu hören, sondern schnell die Hausaufgaben zu machen. Diandian antwortete: „Mama, hörst du nie auf? Dein ‚Prinzesschen‘ sitzt aufrecht und macht gerade Hausaufgaben!“ Als Wu Xiaohao das las, war es wie eine Oase in der Wüste zu finden, wie frohe Botschaft im Schmerz zu hören. Sie schmeichelte schnell und lobte: „Gutes Kind, gutes Kind, Mama gibt dir ein Like!“ Sie schickte das Daumen-hoch-Emoji mehrere Male hintereinander. Nachdem sie es geschickt hatte, fühlte sie sich etwas beruhigt, denn sie wusste, dass Diandian sich angewöhnt hatte, die Hausaufgaben selbstständig zu erledigen – wenn sie einmal anfing, würde sie sie durchziehen, ohne dass Eltern dabei sein mussten.  Sie schaute dann wieder in die Gruppe, wo Eltern sich gegenseitig über die Leiden beim Hausaufgaben-Beaufsichtigen beklagten. Manche schrieben: „An diesem frühlingswarmen Abend steigt mein Blutdruck jedoch in die Höhe.“ Andere schrieben: „Bei mir ist es anders, meine Lungenkapazität steigt – einen ganzen Abend lang schreie ich nur...“ Ein weiterer Elternteil schrieb: „Als mein Sohn in die erste Klasse kam, war mein Herz kerngesund. Bis er in die fünfte Klasse kam, bin ich jedes Mal beim Hausaufgaben-Beaufsichtigen bereit, den Notruf 120 anzurufen.“  Wu Xiaohao schüttelte seufzend den Kopf.  Die meisten Informationen in der Elterngruppe betrafen das Lernen der Kinder, aber es gab auch anderes, wie Witze oder Werbung. Die Gruppenleiterin ermahnte mehrmals streng, nichts Unpassendes zu posten, aber manche Eltern hielten sich nicht daran.  An diesem Tag entdeckte Wu Xiaohao plötzlich in der Gruppe, dass „Ji Xiaotong-Mama“ eine Nachricht gepostet hatte: „Ich möchte eine Brustvergrößerung. Habe einen guten Laden gefunden. Die Besitzerin sagte, eine Brust vergrößern kostet nur zweitausend, und man bekommt eine dritte dazu umsonst. Leider keine vierte. Hat jemand eine Schwester oder Freundin, die Interesse hat, mit mir zusammen hinzugehen?“  Wu Xiaohao fand es lächerlich – Brustvergrößerung mit „eine kaufen, drei geschenkt“. Aber sie fand es auch traurig, weil sie an ihre eigene Brust dachte. Ich denke nicht darüber nach, sie zu vergrößern, sondern nur darüber, wie ich sie erhalten kann. Meine linke Brust schmerzt immer noch, und wenn ich sie abtaste, ist da immer noch ein Knoten. Wird er bösartig werden? Wird meine linke Brust eines Tages entfernt werden müssen?  Bei diesem Gedanken wurde Wu Xiaohao düster und eisig kalt.  Wu Xiaohao wollte wissen, was für eine Frau das war, die andere zur Brustvergrößerung einlud. Sie fügte sie als Freundin hinzu und öffnete deren WeChat-Momente. Wu Xiaohao entdeckte, dass „Ji Xiaotong-Mama“ einen Online-Shop betrieb und täglich ihre Produkte postete, aber auch von Zeit zu Zeit Selfies, offensichtlich mit Beauty-Filtern. Weil „Ji Xiaotong-Mama“ eine Beschränkung eingestellt hatte, konnte sie nur die letzten zehn Tage sehen. Als sie bis zum Ende schaute, weiteten sich Wu Xiaohaos Augen.  Es war ein Paar Schuheinlagen mit zwei Pfingstrosen darauf und den vier Schriftzeichen „Schritt für Schritt emporklettern“. Darüber hatte die Frau geschrieben: „Wow, Schritt für Schritt emporklettern, so glücklich und gesegnet!“  Wu Xiaohao war fassungslos: Das waren die Einlagen, die ihre Mutter für sie gemacht hatte – wie kamen sie zu ihr?  Ihre Mutter war nach Yu gekommen, um sich um Diandian zu kümmern. In ihrer übrigen Zeit machte sie meist Schuheinlagen. Letztes Jahr hatte ihre Mutter eines Tages ein aus Zeitungspapier geschnittenes Einlagenmuster herausgeholt und Wu Xiaohao gebeten, „Schritt für Schritt emporklettern“ darauf zu schreiben. Als sie fragte, wofür, sagte ihre Mutter, sie wolle ein Paar Einlagen für Wu Xiaohao machen. Bei einem weiteren Besuch zu Hause gab ihre Mutter ihr tatsächlich ein Paar wunderschöne, gestickte Einlagen. Ihre Mutter hatte sie sehr sorgfältig gemacht, mit feinen Stichen und durchdachten Farbkombinationen. Wu Xiaohao wusste, dass die vier Zeichen „Schritt für Schritt emporklettern“ die guten Wünsche ihrer Mutter für sie enthielten. Aber da es damals Sommer war, konnte sie die Einlagen nicht benutzen und legte sie in eine Schublade. Als es Winter wurde, wollte sie sie benutzen, sah aber, dass diese Einlagen wie Kunstwerke aussahen, und mochte sie nicht verwenden, also ließ sie sie weiter dort liegen.  Diese Einlagen, die durch und durch ihr gehörten – wie kamen sie zu dieser Frau? Sie machte einen Screenshot, speicherte ihn auf ihrem Handy und fügte dann aktiv Yu Haiyuan als WeChat-Freund hinzu. Yu Haiyuan akzeptierte sofort und schickte ein fröhliches Emoticon. Wu Xiaohao schickte sofort den Screenshot und fragte ihn, was das sollte. Yu Haiyuan spielte dumm und sagte: „Wessen Einlagen sind das? Warum schickst du mir das?“ Wu Xiaohao sprach per Sprachnachricht wütend zu ihm: „Yu Yanzhu, du bist zu unverschämt! Du hast heimlich die Einlagen genommen, die Diandiandians Oma für mich gemacht hat, und sie deiner Geliebten geschenkt...“  Yu Yanzhu sagte: „Du hast dich bestimmt geirrt. Das sind nicht deine. Schau zu Hause nach, deine Einlagen sind bestimmt noch da.“  Wu Xiaohao durchschaute Yu Yanzhus kleine Tricks. Nach einer Weile schaute sie wieder in die Momente von „Ji Xiaotong-Mama“ – der Post mit den Einlagen war weg.  Am Wochenende zu Hause durchsuchte sie die Schublade – das Einlagenpaar lag tatsächlich noch da. Sie war wütend bis zur Weißglut und wollte diese Einlagen wegwerfen, aber dann tat es ihr leid, denn es war die Herzensarbeit ihrer Mutter. Also knallte sie die Schublade heftig zu und ging in Yu Haiyuans Schlafzimmer, um Klartext zu reden: „Ich rede nicht lange drumherum – lass uns scheiden.“ Yu Yanzhu war vorbereitet und sagte kalt: „Traust du dich?“ Er tippte ein paar Mal auf seinem Handy und hielt ihr dann den Bildschirm vors Gesicht. Wu Xiaohao sah die SMS, die Ju Chengshou ihr an jenem Tag in der Walbucht geschickt hatte. Sie sagte: „Natürlich traue ich mich. Was beweist diese SMS denn?“ Yu Yanzhu sprang auf und brüllte wie verrückt: „Was kann sie nicht beweisen? Wenn ich dich bei der Disziplinarkommission anzeige, seid ihr beide erledigt – du und dieser schäbige Bürgermeister!“ Wu Xiaohao wurde so wütend: „Du bist der Schäbige! Du bist der Schäbige...“  Yu Yanzhu stieß sie mit einem Schlag um und warf den Wasserbecher vom Tisch, der klirrend in Scherben zerbrach. Wu Xiaohaos Mutter rief draußen: „Nicht schlagen! Nicht schlagen...“ Diandian schrie draußen weinend: „Yu Yanzhu, hör auf! Wenn du meine Mama noch einmal schlägst, rufe ich die Polizei...“  Yu Yanzhu hielt inne, öffnete die Tür und stürmte wütend die Treppe hinunter.
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Wu Xiaohao war verwirrt: Die Investition war so gut wie geplatzt — warum sagte der Sekretär das nicht offen, sondern redete von „weiterer Prüfung" und erweckte bei allen den Eindruck, es stehe kurz bevor? Sie überlegte und verstand: Der Sekretär wollte sein Gesicht wahren und die wahre Lage nicht preisgeben.
  
Der Bezirk der Stadt Yu lernte von anderen Orten und beschloss, die ländliche Umweltreinigung auszulagern. Nach öffentlicher Ausschreibung übernahmen zwei auswärtige Reinigungsfirmen jeweils den Süden und Norden. Die Firma, die die sieben südlichen Gemeinden übernahm, kam aus Weifang. Sie brachten Transportfahrzeuge, Mülltonnen und anderes Equipment mit, übernahmen die bisherigen Reinigungskräfte und nahmen einige Umstrukturierungen vor. Der Betrieb begann nach dem Frühlingsfest.  Wu Xiaohao wusste, dass dies die ländliche Reinigung professioneller machen und den Charme der Dörfer weiter verbessern würde. Allerdings durfte die Überwachung und Inspektion nicht nachlassen. Deshalb inspizierte sie mehrmals die Dörfer, kommunizierte bei Problemen mit der Firma und ließ sie Korrekturen vornehmen.  Das Management der Reinigungsfirma war beeindruckend. Sie ließen jede Reinigungskraft eine Bewertungskarte bei sich tragen. Die Firma führte unregelmäßig Inspektionen durch, ging durch Straßen und Gassen. Bei Bewertungen war auf einen Blick klar, ob die Reinigungskraft innerhalb eines Radius von hundert Metern anwesend war oder nicht. Sie nutzten auch Internet-of-Things-Technologie: Alle Müllsammelfahrzeuge waren mit Ortungssystemen und Sensoren ausgestattet, und alle Mülltonnen hatten elektronische Nummernschilder. Ob Mülltonnen voll oder leer waren, konnte zeitnah überwacht werden. Dennoch entdeckte Wu Xiaohao ein Problem: Nach der Leerung der Mülltonnen wurde der äußere Schmutz nicht gereinigt, was das Erscheinungsbild beeinträchtigte. Sie teilte dies der Firma mit, die sofort anwies, dass Reinigungskräfte die Außenseite der Mülltonnen sauber halten sollten, und dies in die Bewertung aufnahm.  An diesem Tag inspizierte sie erneut die Dörfer und stellte fest, dass die Müllsammlung überall geordnet war und Straßen und Gassen sauber und ordentlich. Nachdem sie sieben oder acht Dörfer besucht hatte, war es bereits fast Mittag, und sie fuhr mit dem Motorrad zurück zum Essen.  Als sie am Tor des Gemeindeamtsgeländes ankam, sah sie, dass sich drinnen viele Menschen versammelt hatten. Sie dachte: Sind sie zum Petitionieren hier? Aber als sie hineinging, sah sie, dass alle um einen kleinen Lastwagen standen und ein Objekt auf der Ladefläche betrachteten. Das Objekt war zylindrisch, schmutzig-schwarz, etwa zwei Meter lang und über einen Meter im Durchmesser. Sie sah den Sekretär der Walbucht-Gemeinde, Li Yanmi, an der Seite stehen und ging zu ihm, um zu fragen, was das sei. Li Yanmi sagte, es sei anscheinend ein Abschnitt eines Walwirbels, den Fischer mit dem Netz gefangen hätten.  Wu Xiaohaos Herz bewegte sich. Sie trat näher und betrachtete es genau. Es war tatsächlich ein Walwirbel, dessen Oberfläche dicht mit Bohrlöchern übersät war, und einige Algen und Muscheln hafteten daran.  Walfall. Sie erinnerte sich an das, was Zhen Yueyue erzählt hatte. Sie schaute auf diesen Walknochen und dachte: Wer weiß, wie lange er schon auf dem Meeresgrund lag? Nach dem Aussehen zu urteilen, mindestens mehrere Jahrzehnte. Wenn sie an den verstorbenen Wal dachte und an seinen Segen für die zahllosen Meeresbewohner, fühlte Wu Xiaohao einen tiefen Respekt.  Sie fragte Li Yanmi erneut: „Warum habt ihr den Walknochen hierhergebracht?“ Li Yanmi sagte: „Die Fischer haben ihn zurückgebracht und am Pier abgelegt, alle gingen hin zum Schauen. Ich hörte davon und ging auch schauen. Ich fand, das sei eine wichtige Angelegenheit und berichtete dem Bürgermeister davon. Der Bürgermeister ließ ihn hierherbringen. Er ist in die Stadt gefahren und ließ mich hier warten.“  Der Geländewagen des Bürgermeisters fuhr plötzlich in den Hof. Ju Chengshou stieg aus, Li Yanmi eilte sofort nach vorn, um ihm zu berichten. Ju Chengshou ging nach hinten zum Schauen, berührte es und fragte einen alten Mann, der in der Nähe zusah: „Alter, ein großer Fisch kommt aus dem Wasser – ist das ein gutes Omen?“  Der alte Mann lächelte und pflichtete bei: „Ein gutes Omen, ein gutes Omen.“  Ju Chengshou sah Wu Xiaohao an der Seite stehen und sagte zu ihr: „Du und alter Li, kommt beide nach oben, wir besprechen etwas.“  Wu Xiaohao ging zusammen mit Li Yanmi Ju Chengshou nach oben.  Im Bürgermeisterbüro ließ sich Ju Chengshou schwer in seinen Stuhl fallen, strahlend: „Habt ihr es gesehen? Meiping hat mehrere tausend Boote auf See, seit Jahrzehnten haben sie so einen Schatz nicht herausgefischt. Dass er jetzt plötzlich auftaucht – hat das nicht die Bedeutung einer Resonanz zwischen Himmel und Mensch?“  Nach diesen Worten fühlte Wu Xiaohao Unbehagen und saß schweigend auf dem Sofa.  Li Yanmi lächelte verlegen und nickte pflichtbewusst.  Ju Chengshou schaute Wu Xiaohao an und sagte: „Xiaohao, du bist für Kultur und Tourismus zuständig. Ich weise dich jetzt an, eine wichtige Sache zu erledigen.“ Wu Xiaohao fragte: „Was für eine wichtige Sache?“ „Mit diesem aufgetauchten Walknochen als Ausgangspunkt und auf dieser Grundlage den Walknochen-Tempel wiederaufbauen. Hast du vom Walknochen-Tempel gehört?“ Wu Xiaohao nickte: „Schon mal gehört.“ „Dann untersucht ihr zwei das und setzt es um. Nachdem ihr einen Plan habt, berichtet mir.“ Wu Xiaohao sagte: „Sollten wir nicht zuerst die Machbarkeit des Tempelneubaus untersuchen?“ Ju Chengshou runzelte die Stirn: „Noch die Machbarkeit untersuchen? Wenn ich sage, es ist machbar, dann ist es machbar! Der Walknochen-Tempel war eine historische Stätte von Meiping, mit großem kulturellem Wert. Du musst ihn mir unbedingt wiederaufbauen...“ Wu Xiaohao schwieg. Li Yanmi fragte: „Wie sollen wir mit diesem Walknochen umgehen?“ Ju Chengshou sagte: „Ich lasse Liu Dalou Leute finden, die ihn vom Wagen heben und erst mal im Konferenzraum aufbewahren.“  In Meiping gab es früher tatsächlich einen Walknochen-Tempel. Wu Xiaohao hatte bereits entsprechende Materialien gesehen. Die Materialien besagten: Vor dreihundert Jahren strandete ein großer Wal in der Walbucht und starb. Das Fleisch wurde von Krabben und Insekten gefressen, nach wiederholtem Spülen durch die Wellen blieb nur ein Skelett übrig. Das Skelett stand majestätisch da, die Menschen hatten großen Respekt davor und beschlossen, einen Tempel zu bauen – Säulen, Balken, Rahmen, alles aus Walknochen. Nach der Fertigstellung wurde darin eine Drachenkönig-Statue errichtet, und danach kamen ununterbrochen Menschen, um Räucherstäbchen anzuzünden und zu beten. Es heißt, an beiden Seiten des Tempeltors hing ein Spruchpaar, das vom Kangxi-Kaiser persönlich geschrieben wurde: „Jahrhunderte Walknochen als Gebälk, jahrtausendealte Kiemenmenschen dienen dem Erhabenen.“ Das bedeutet, dass die Dachbalken dieses Walknochen-Tempels aus Walknochen gemacht waren und der Sockel der Götterstatue im Tempel aus einer jahrtausendealten Schildkröte.  Es gab eine Legende, warum dieser Walknochen-Tempel später zerstört wurde: Gegen Ende der Qing-Dynastie breitete sich in Meiping eine Seuche aus, und zahllose Menschen starben. In jener Nacht träumte jemand, dass der Drachenkönig ihm sagte, die Walknochen des Tempelbaus könnten die Seuche abwehren – man solle die Knochen nehmen, verbrennen, zu Pulver mahlen, mit kochendem Wasser schlucken, dann würden die Kranken genesen. Einer sagte es zehn, zehn sagten es hundert weiter, die Menschen strömten zum Walknochen-Tempel, um Walknochen zu holen, der Tempel brach zusammen. Schließlich waren alle Walknochen weggenommen, die Seuche hörte auf zu wüten und trat danach nie wieder auf. Für die Verdienste jenes großen Wals waren die Menschen über Generationen unendlich dankbar. Jedes Jahr am dreizehnten Tag des sechsten Mondmonats beinhaltete die Meeresopferzeremonie in der Walbucht auch ein Opfer für jenen großen Wal. Die Menschen flehten, dass die Seele des großen Wals weiterhin die Kiemenmenschen schützen möge.
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Nach dem Sekretär ergriff Bürgermeister He das Wort: „Das Projekt am Xishi-Strand muss meiner Meinung nach mit äußerster Vorsicht angegangen werden. Dort gibt es einen wunderschönen Goldstrand, ausgedehnte Aquakulturflächen, Dutzende Zuchtgewächshäuser und die berühmte Muschel Xishi-Zunge — wenn ein Investor das übernimmt und alles bis zur Unkenntlichkeit umkrempelt …" Der Sekretär unterbrach ihn: „Bis zur Unkenntlichkeit? Es muss heißen: mit neuem Gesicht!" He Chengshou runzelte die Stirn: „Dann habe ich mich eben im Wort vergriffen, zufrieden? Mit neuem Gesicht — das sieht hübsch aus, aber wie viel haben die Bürger von Kaipo tatsächlich davon?" Der Sekretär sagte: „So zu denken, das klingt nach Kleinbauernmentalität." Der Bürgermeister sagte: „Ich war nie Bauer — wie soll ich Kleinbauernmentalität haben?" Der Sekretär sagte: „Du hast jedenfalls kein modernes Bewusstsein." Der Bürgermeister starrte ihn zornig an: „Du mit deinem modernen Bewusstsein — verhandelst hinter dem Rücken des Großteils der Gemeindeführung über ein derart großes Projekt? Gibt es in deinen Augen die Gemeindeverwaltung überhaupt noch?" — „Natürlich! Bürgermeisterin Wu war als Mitglied der Delegationsgruppe dabei — sie vertrat die Gemeinde Kaipo." — „Dann hättest du mir wenigstens ein Wort sagen können — immerhin bin ich noch Bürgermeister!" Bei diesen Worten erhob He Chengshou mit Donnerstimme die Stimme, sein Unterkiefer bewegte sich auf und ab, sodass man darunter die purpurnen Flecken sehen konnte.
  
Die Kalziumablagerungen im Meer nähren alle Lebewesen; dieser Wal, der an der Küste verendete, dessen Knochen zum Gerüst eines Tempels wurden, konnte in Katastrophenzeiten noch den Menschen Schutz bieten. Wu Xiaohaos Herz war erfüllt von Dankbarkeit und Respekt für die Wale, doch der Wiederaufbau des Waltempels erschien ihr fragwürdig. Sie fand, dass der damalige Tempel aus echten Walknochen errichtet worden war; jetzt gab es nur noch ein Stück Wirbelknochen – wie sollte man ihn wieder aufbauen?  In diesem Moment kam Sun Wei zu Wu Xiaohao, um ihr zu berichten. Er hatte die Beamtenprüfung abgeschlossen und wartete nun auf die Bekanntgabe der Ergebnisse. Wu Xiaohao war erfreut: „Das ist gut, dann kannst du dich jetzt wieder wie früher in deine Arbeit stürzen.“ Sie erzählte ihm von der Anweisung der Bürgermeisterin bezüglich des Wiederaufbaus des Waltempels und von den Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Sun Wei sagte: „Was ist daran schwierig? Man könnte 3D-Drucktechnologie verwenden, etwas Walknochenpulver als Rohmaterial nutzen, und jede Art von Knochen lässt sich ausdrucken. Wenn die 3D-Technik zu teuer ist, kann man die Walknochen einfach aus Zement nachbilden.“ Wu Xiaohao entgegnete: „Ist das nicht Betrug?“ Sun Wei erwiderte: „Heutzutage bauen überall Orte touristische Einrichtungen auf, da wagt man jede Art von Fälschung. Was ist falsch daran, wenn wir ein paar Walknochen nachbilden?“  Wu Xiaohao fand Suns Argumentation zwar nicht überzeugend, aber wenn die Bürgermeisterin darauf bestand, blieb wohl keine andere Wahl. Also fuhr sie mit Sun Wei zur Walbucht, um Li Yanmi zu treffen und zu besprechen, wo gebaut werden sollte. Li Yanmi sagte, er habe alte Fischer befragt – der Tempelstandort befinde sich östlich des Fischereihafens, wo vor zwanzig Jahren eine Schiffswerft errichtet worden sei. Wu Xiaohao schlug vor, nach einem anderen Ort zu suchen. Li Yanmi meinte, nördlich des Hafens gebe es einen geeigneten Sandstrand. Die drei fuhren auf Motorrädern nach Norden und kamen dabei am Fischereihafen vorbei. Wu Xiaohao sah in der Ferne am Pier eine Gruppe Menschen, die lautstark stritten. Sie hielt an und fragte: „Was ist da los?“ Li Yanmi antwortete: „Wieder Streit wegen der Fische. Während der Fangsaison gibt es wenig Fisch, und die Leute streiten umso heftiger.“  Der Streit dort verwandelte sich gerade in eine Schlägerei. Zwei Gruppen von Menschen prügelten sich mit Fäusten und zerrten aneinander. Wu Xiaohao sagte: „Sun Wei, ruf die Polizei! Alter Li, komm mit mir!“  Die beiden rannten dorthin. Die Leute prügelten sich immer noch. Wu Xiaohao rief laut: „Aufhören!“ Li Yanmi rief ebenfalls: „Hört auf zu schlagen! Die Bürgermeisterin ist hier!“  Die Leute blickten zu ihnen herüber und ließen voneinander ab. Wu Xiaohao bemerkte, dass Erdaoheizi vom Shenfu-Konzern auch dabei war; seine beiden goldenen Schneidezähne glänzten in der Sonne. Die kräftigen Männer neben ihm sahen müde aus. Ein Mann mittleren Alters kam herüber, die Hand am Hals, aus dem Blut zwischen seinen Fingern hindurchsickerte. Mit bebender Stimme sagte er: „Bürgermeisterin Wu, urteilen Sie selbst! Ich hatte für meinen Fischfang bereits einen Käufer, aber Erdaoheizi besteht darauf, dass ich ihm alles verkaufe! Der Fang ist ohnehin schon gering, und er bietet einen niedrigen Preis – wenn ich ihm verkaufe, mache ich große Verluste! Diese Leute spielen hier am Hafen die Könige – kümmert sich die Regierung darum oder nicht?“  Erdaoheizi grinste kalt: „Du verdammter Kerl, bist du gehirngewaschen worden? Kann sie die Regierung vertreten?“  Wu Xiaohao richtete sich auf: „Sag mal, warum sollte ich nicht die Regierung vertreten können?“  Erdaoheizi deutete in Richtung Küste: „Nur Boss Ju kann die Regierung vertreten!“  Wu Xiaohao sagte: „Ich sage dir ausdrücklich: Die Regierung gehört keinem Einzelnen, die Regierung gehört dem Volk!“  Ein Dienstmotorrad kam mit Knattern herangefahren, die Sirene heulte. Ein junger Polizist stieg ab, nickte der Bürgermeisterin zu und rief dann laut: „Keine Unruhestiftung erlaubt, keine Schlägereien! Habt ihr gehört? Auseinander, zurück an eure Arbeit!“  Erdaoheizi machte Wu Xiaohao eine Verbeugung: „Bürgermeisterin Wu, Entschuldigung!“ Dann bewegten sich er und seine Leute schnell zu einem Geschäftswagen und fuhren davon. Wu Xiaohao fragte den Polizisten: „Das war's? Die Sache ist erledigt?“ Der Polizist sagte: „Die Schlägerei wurde unterbunden, ist das nicht erledigt?“ Wu Xiaohao fragte: „Willst du nicht herausfinden, warum sie sich geprügelt haben? Lässt du diesen Kapitän nicht erklären, was passiert ist?“ Der Polizist schaute Wu Xiaohao an, dann den noch immer blutenden Kapitän, sein Gesicht ausdruckslos: „Na gut, kommen Sie mit aufs Revier und geben eine Aussage zu Protokoll.“ Der Kapitän seufzte: „Was bringt mir ein Protokoll? Wie viele Male habe ich das in den letzten Jahren schon gemacht? Am Ende werde ich doch wieder schikaniert. Ich muss mich um meinen Fisch kümmern.“ Er drückte seinen Hals zu und ging zum Pier, sprang auf sein Boot. Wu Xiaohaos Herz war schwer. Sie blickte auf den geschäftigen Hafen, dann auf die Boote auf dem Meer und dachte: Wann wird dieser Landstrich endlich wirklich sauber sein? 
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Zhou Bin wich keinen Zoll zurück: „Bürgermeister — mag sein. Aber im Parteikomitee bist du stellvertretender Sekretär. Manche Dinge kann ich dich wissen lassen, muss es aber nicht."
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„Mich nicht wissen lassen — nur um dir den Verdienst der Investitionsanwerbung allein auf die Fahne zu schreiben, oder? Keine Sorge, das Verdienst wird dir keiner streitig machen!"
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Zhou Bin lächelte kalt: „Müssen wir so kleinlich sein? Die Sitzung ist hiermit beendet."
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Die gut ein Dutzend Führungskräfte erhoben sich und gingen.
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Wu Xiaohao kehrte in ihr Büro zurück, innerlich aufgewühlt. Nie hätte sie gedacht, dass Sekretär und Bürgermeister in einer Sitzung offen aneinandergeraten würden. Man konnte es dem Bürgermeister kaum verübeln: Bei einer derart großen Sache hatte der Sekretär ihn weder einbezogen noch vorher informiert — das war wirklich nicht in Ordnung. Vor der Abreise nach Peking hatte Wu Xiaohao als Mitglied der Gemeindeführung den Bürgermeister nicht übergehen wollen und ihm eine SMS geschickt: Sie fahre mit dem Sekretär und anderen nach Peking zur Investitionsverhandlung, Thema Wohnmobil-Campingplatz. Der Bürgermeister hatte nur drei Zeichen zurückgeschrieben: „Zur Kenntnis." Aus dem heutigen Streit der beiden ging klar hervor, dass der Sekretär ihm nichts davon erzählt hatte.
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Wu Xiaolei sagte sich: Wenn du es in der Führungssitzung klargestellt hättest, wäre am Xishi-Strand so etwas nicht passiert.
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Der Mann mit den fehlenden Zähnen sagte: „Nicht gebaut? Macht mir nichts vor! Euch Beamten kann man kein Wort glauben."
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Wu Xiaofu suchte den Bürgermeister auf, doch der geriet sofort in Rage: „Der alte Zhou reißt sich mal wieder die Rosinen raus — sogar diesen Vorsitz will er haben! Lass ihn doch machen, ich kümmere mich nicht mehr drum."
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Wu Xiaoji sagte: „Die Arbeit muss hauptsächlich von ihnen gemacht werden." Der Sekretär sagte: „Dann gründen wir eben ein Organisationsbüro — du wirst Leiterin, und alle kommen ins Büro."
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Nach einigem Hin und Her war die Namensliste endlich fertig; sie schickte sie an Direktor Fan und Bürgermeister He, die keine Einwände mehr erhoben.
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Er rief den Chefredakteur der Zeitung an und trug ihm die Sache vor; der Chefredakteur war unkompliziert und stimmte dem Vorschlag zu.
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Fan Weixing sagte: „Xiao Tai, du hast mich heute Nachmittag hergebeten — in Wirklichkeit, damit ich dich in die Stadt mitnehme, oder?"
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Plötzlich fiel ihr ein, dass You Haoliang die ganze letzte Zeit damit beschäftigt gewesen war, bei Einladungen Geschenke zu verteilen, um eine Genehmigung für die Fischaussetzung zu bekommen und daran zu verdienen. Hatte er es geschafft? Und wo? Wenn er es wäre, der die Fische bei meinem Meeresfest aussetzte — die Leute würden das sofort argwöhnisch beäugen und reden. Als sie gegen sechs nach Hause kam, war You Haoliang tatsächlich da und kochte. Als er Wu Xiaohao erblickte, lächelte er verkrampft: „Da bist du ja! Ich mach noch eine Beilage!" Diandian kam aus dem Schlafzimmer, umarmte Wu Xiaohao und sagte: „Mama, Herrn Froschauges musst du ausnahmsweise mal loben — seit seiner Dienstreise geht er abends nicht mehr trinken, kocht drei Mahlzeiten am Tag zu Hause — er benimmt sich fast wie ein Mustergatte!"
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You Haoliang trug das Essen auf und rief die drei Generationen Frauen zum Essen. Kaum hatte Diandian sich gesetzt, biss sie in einen gebackenen kleinen Gelbschwanz, sah den einen an, dann den anderen, fuchtelte mit den Stäbchen und verkündete: „Hiermit stelle ich mein Forschungsergebnis vor: Oma hat Doppellider, Mama hat Doppellider, ich habe Doppellider — wenn ich groß bin und Kinder kriege, haben die bestimmt auch Doppellider!" You Haoliang lachte: „Bestimmt, bestimmt!" — „Und noch etwas", sagte Diandian und sah ihn grinsend an, „Opa hatte keine Pupillen, Papa hat keine Pupillen — aber ich habe Pupillen! Wenn ich groß bin und Kinder kriege, haben die auch bestimmt Pupillen!"
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You Haoliang lachte weiter: „Bestimmt, bestimmt." Wu Xiaohao bemerkte, dass er um jeden Preis gefallen wollte, und fragte, ob sein Versuch, die Fischaussetzung zu bekommen, Erfolg gehabt habe. You Haoliang winkte ab: „Ach, frag nicht. Der Feng-Direktor hat mehrfach bei denen ein Wort eingelegt, und am Tisch hatten sie's auch zugesagt — aber am Ende ist doch nichts draus geworden, sie haben eine andere Zuchtfarm genommen." Wu Xiaohao nickte: „Gut." You Haoliang kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und fixierte sie: „Was heißt ‚gut'? Du freust dich wohl darüber, was? Zwei ganze Monate hab ich mich abgerackert — weißt du, was mich das gekostet hat?" Wu Xiaohao sagte: „Geschieht dir recht. Du wolltest an der Aussetzung teilnehmen — aber wo waren denn deine Fischbrut und Garnelenlarven? Du wolltest bloß den Staat betrügen und der Fischerei schaden." You Haoliang zeigte einen ärgerlichen Ausdruck, ließ es aber dabei bewenden — er legte nur die Stäbchen hin und ging ins Schlafzimmer.
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'''12''' (ACHTUNG: ZEILE FEHLT — BITTE IN PDF-DATEI PRÜFEN) Die Tourismusarbeitskonferenz des Bezirks Yucheng — der Vormittag war der Besichtigung gewidmet. Einige Dutzend Leute stiegen in einen Bus; Direktor Xiang vom Tourismusamt sprach ins Mikrofon: „Die Zeit ist knapp — wir fahren eine Anlage im Berggebiet und eine an der Küste an."
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Der Bus fuhr nach Nordwesten; eine Stunde später erreichten sie den „Ländlichen Gesamtkomplex" der Gemeinde Taoyuan. Die Reiseleiterin erklärte: Hier seien vier Quadratkilometer, sechstausend Mu Bergland und Ackerland — ehemals zwei Dörfer gehörig — vor drei Jahren komplett an die Jinguo-Gruppe verpachtet worden, neunhundert Yuan Pacht pro Mu und Jahr; zwei Drittel der Dorfbewohner arbeiteten hier und verdienten monatlich über zweitausend Yuan.
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Bei der Besichtigung sahen sie: Auf mehreren Hügeln standen ausschließlich Obstbäume; viele Leute kamen mit dem Auto, um selbst Pfirsiche zu pflücken. Am Hang erstreckten sich große Blumenbeete, in denen Blumen um die Wette blühten; zahlreiche junge Paare ließen dort Hochzeitsfotos machen. Am Fuß des Hügels lag ein Stausee mit Angeln, Bootsfahrten und Camping. Und dann gab es noch einen „Bienen-Erlebnispark" mit vielen Bienenstöcken und einem Bienenmuseum, das das Leben der Bienen enthüllte und Honigprodukte zum Verkauf anbot — zahlreiche Eltern brachten ihre Kinder zum Schauen und Spielen her.
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Am meisten staunten die Besucher über einen kleinen Hügel namens „Feenberg-Pfirsichgarten". Die Reiseleiterin erklärte: Die Honigpfirsiche hier wachsen mit Musik, werden mit Sojabohnen gefüttert und mit neuseeländischer Milch getränkt auf; sie haben die EU-Zertifizierung erhalten und kosten dort achtunddreißig Yuan das Stück.
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Keiner wollte es glauben. Sie gingen hinein und lauschten — tatsächlich erklang leise Musik im Obstgarten. In der Düngemittel-Mischanlage waren fünfundzwanzig Kilo schwere Pakete neuseeländischen Milchpulvers hoch an der Wand gestapelt, und auf dem Boden lag eine große Fläche eines Trester-ähnlichen Materials, das säuerlich roch — angeblich eine Mischung aus neuseeländischem Milchpulver, Sojamehl und Sägespänen, die als Dünger unter die Pfirsichbäume gegraben werden sollte. Auf den Export-Verpackungskartons prangte deutlich sichtbar das EU-CE-Prüfsiegel.
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Danach fuhr die Gruppe zum Strand nördlich von Yucheng. Wu Xiaohao sah dort eine große Schautafel mit der roten Aufschrift „Yucheng Wohnmobil-Campingplatz — Entwurfsdarstellung"; der Parteisekretär der Gemeinde Beitai, Fan Lianhe, stand strahlend daneben. Wu Xiaohao war fassungslos und eilte zu Direktor Xiang: „Was ist hier los? Der Wohnmobil-Campingplatz — hier?"
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Dann sagte der Haken: Es sei halb eins. Im Separee des Restaurants Dongfeng Dangzi saßen Hakens Frau und Diandians Oma bereits. Diandian sagte: „Oma, ich bin gerade aus dem Meer gestiegen und hab festgestellt, dass ich schon ein Kiemenmensch geworden bin — zum Atmen brauche ich keinen Mund und keine Nase mehr, guck!" Damit hielt sie sich die Nase zu und presste den Mund zusammen. Die Großmutter sagte: „Wirklich? Diandian ist ein Fisch geworden? Dann müsstest du ja auch Schuppen haben." Und sie tastete Diandian ab. Diandian ließ los und prustete: „Wer erlaubt dir, mich anzufassen? Wenn du mich anfasst, verwandle ich mich wieder in einen Menschen!" Wan Yufeng brachte einen Teller Meeresraupen und erklärte, das heutige Mittagessen gehe auf Xiao Wu, der seine Zweit-Tante und Familie bewirte und die Schwägerin verabschiede. Wu Xiaohao sah Hakens Frau an: „Du fährst heute schon? Bleibst du nicht noch ein paar Tage?" Die Schwägerin schüttelte den Kopf: „Nein — zu Hause warten Alte und Junge, und die Obstbäume müssen gespritzt werden."
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Wan Yufeng sagte lachend zu ihr: „Du hast Xiao Wu hier gesehen, bist satt und betrunken — jetzt kannst du heimfahren." Hakens Frau lächelte verschämt und gab ihr einen Klaps. Wan Yufeng streckte You Haoliang die Hand entgegen: „Das ist wohl Direktor You? Freut mich!" You Haoliang kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und stand auf, um ihr die Hand zu schütteln. Haken stellte sie vor: Das sei Chefin Wan — nicht nur Inhaberin dieses Restaurants, sondern auch der Kiemenmenschen-Tour und Frauenbeauftragte der Kiemeninsel. You Haoliang sagte: „Sehr erfreut." Wan Yufeng sagte: „Danke, Direktor You, für Ihre Unterstützung unserer Bürgermeisterin Wu! Durch Ihre Unterstützung hat sie mehr Zeit und Kraft, um für uns in Kaipo Gutes zu tun!" Wu Xiaohao bremste sie rasch: „Sag so etwas nicht — ich tue nur meine Pflicht, von ‚Gutes tun' kann keine Rede sein. Das ist mir wirklich peinlich!"
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Wan Yufeng fuhr fort: „Direktor You, ich habe gehört, Sie machen in der Stadt große Geschäfte — unterstützen Sie uns doch ein bisschen, damit auch wir Fischer auf der Kiemeninsel groß verdienen!" You Haoliang reckte sofort selbstbewusst die Brust: „Kein Problem! Wenn sich eine Gelegenheit zum großen Geld ergibt, melde ich mich sofort bei Ihnen — damit auf der Kiemeninsel alle das große Umkippen erleben!" Wan Yufengs Miene verfinsterte sich augenblicklich: „Was redest du da?" Sie stand auf und ging erbost hinaus. Wu Xiaohao funkelte You Haoliang an: „Du bist wirklich ohne Feingefühl." Haken zeigte auf ihn: „Schwager, das war wirklich daneben. Fischer meiden dieses Wort, und du sprichst es trotzdem aus!" Diandian fragte: „Welches Wort?" You Haoliang sagte: „Umkippen! Jetzt weiß ich — genau das. Ich habe ‚umkippen' gesagt, und? Kippt deswegen ein Boot um? Lächerlich!"
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Ihre Mutter hatte ihr längst gesagt, sie solle am dreiundzwanzigsten des letzten Monats nach Hause kommen, um „den Herd zu verabschieden". Wu Xiaohao wusste, dass es zu Hause den Brauch gab: „Beamte verabschieden am Dreiundzwanzigsten, das Volk am Vierundzwanzigsten" — das heißt, zum Kleinen Neujahr wird der Küchengott verabschiedet, der zum Himmel aufsteigt, und Beamte tun dies einen Tag früher, weil ihre Küchengötter vornehmer sind und dem Himmelskönig als Erste berichten; die einfachen Leute verabschieden am Vierundzwanzigsten. Wu Xiaohao hatte früher jedes Jahr mit ihren Eltern an diesem Abend in der Küche vor dem Herd gekniet.
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He Chengshou deutete auf das Sofa und bat sie, Platz zu nehmen. Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch, zündete eine Zigarette an, sah Wu Xiaohao an und sagte: „Das Bezirkskomitee hat mich nicht zum Sekretär gemacht — du weißt es?"
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Wu Xiaohao sagte ehrlich: „Heute Mittag hat mir jemand einen Hinweis gegeben."
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He Chengshou blies eine Rauchwolke, starrte aus dem Fenster und sagte zähneknirschend: „Dieser Hund, der alte Lai — was für ein Mistkerl!"
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Wu Xiaohao verstand nicht: „Der alte Lai? Vorsitzender Lai vom Volkskongress? Was ist mit ihm?"
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„Er will Sekretär werden — und hat mich bei der Bezirksdisziplinarkommission namentlich angezeigt!"
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Wu Xiaohao war bestürzt. Nie hätte sie gedacht, dass Lai Chunxiang, der sich sonst nie in den Vordergrund drängte, plötzlich so handeln würde.
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„Er sticht mir das Messer in den Rücken und erledigt mich — und dann hat er, was er will? Der Sekretärsposten ging an jemand anderen!"
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Wu Xiaohao sah He Chengshou an und sagte aufrichtig: „Bürgermeister, du warst eng mit Mu Pingchuan verbunden — das weiß in Kaipo jeder. Seine zahlreichen Vergehen haben dich mit hineingezogen. Du solltest ernsthaft nachdenken."
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He Chengshou sagte: „Ich habe dir gesagt — meine Beziehung zu ihm ist wie ein gebrochener Arm, der trotzdem noch an den Sehnen hängt; in diesem Leben wird das nicht sauber zu trennen sein. Eigentlich bereue ich es auch — ich hätte mich längst entschlossen von ihm trennen müssen. Aber ich bin ein Mann, der Loyalität hochhält; als Jugendfreund, als Bruder konnte ich ihn einfach nicht loslassen, nicht aufgeben, und so bin ich Schritt für Schritt in den Sumpf geraten und habe mich am Ende selbst ruiniert …"
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Wu Xiaohao sagte: „Ruiniert muss es nicht heißen. Wenn du der Organisation deine Probleme schnellstens erklärst, wirst du milde behandelt."
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He Chengshou lachte kalt: „Milde? Wie mild und wie weit?"
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Wu Xiaohao wusste nichts zu erwidern.
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He Chengshou stand auf und ging einmal durchs Zimmer. Wu Xiaohao empfand seine massive Gestalt als bedrückend, wurde unruhig und ging zur Tür.
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He Chengshou deutete auf sie: „Geh nicht — ich bin noch nicht fertig." Wu Xiaohao blieb stehen. He Chengshou trat vor sie, blickte von oben auf sie herab: „Xiaohao, du bist ein guter Kader und eine gute Frau. In altmodischer Sprache: ‚äußerlich anmutig, innerlich klug'. Mach weiter so, halte dich von meinen Fehlern fern — dann fährst du auf der Überholspur, und dir steht eine glänzende Zukunft bevor. Alles Gute!"
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Dabei tippte er ihr mit dem Finger auf die Stirn: „Aber überarbeite dich nicht. Schau — seit du nach Kaipo gekommen bist, hast du hier schon Falten."
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Wu Xiaohao spürte plötzlich, dass sie weinen musste. Sie wagte nicht länger zu bleiben, sagte ein „Danke" und drehte sich zur Tür.
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Zurück in ihrem Büro sah sie auf dem Handy etliche WeChat-Glückwünsche zu ihrer Beförderung; manche hatten sogar die offizielle Bekanntmachung der Personalernennungen des Bezirkskomitees als Screenshot geschickt. Wu Xiaohao dankte jedem einzeln, doch ein dunkler Schatten lastete auf ihrem Herzen.
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In jener Nacht wälzte Wu Xiaohao sich hin und her und konnte lange nicht einschlafen. Um Mitternacht rief plötzlich Chen Xiuping an: „Bürgermeisterin Wu, wissen Sie, wo der alte He hin ist?" Wu Xiaohao sagte: „Nein." — „Er ist nach dem Abendessen spazieren gegangen und bis jetzt nicht zurück." Wu Xiaohao sagte: „Weiß der Fahrer davon? Soll ich den alten Zhang vorbeischicken, damit er sucht?" Chen Xiuping sagte: „Ich sage ihm Bescheid."
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Kurz darauf rief Wu Xiaohao bei Chen Xiuping an und fragte, ob der Bürgermeister gefunden sei. Chen Xiuping schluchzte: „Der alte Zhang ist zum Kai von Qianwan gefahren. Jemand sagt, er sei dort gesehen worden. Aber Zhang sucht und sucht — er findet ihn nicht." Wu Xiaohao sagte: „Ich komme mit Direktor Liu."
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Sie ging zum Parteibüro, berichtete Liu Dalou, und die beiden fuhren mit dem Dienstwagen nach Qianwan. Das Meer lag im Dunkeln, Wellen schlugen gegen die Mole. Einige Leute standen am Kai und spähten ins Wasser, darunter Mu Pingchuan und Erdaohe. Wu Xiaohao sagte zu Liu Dalou: „Ich steige nicht aus — geh du und frag den Mu-Chef, ob es Neuigkeiten gibt."
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Liu Dalou stieg aus, ging zu Mu Pingchuan und sprach ihn an. Nach einer Weile kam er zum Wagen zurück, sichtlich angespannt: „Der Mu-Chef sagt, jemand habe gesehen, wie der Bürgermeister am Kai hin und her ging und dann plötzlich ins Wasser gesprungen ist."
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Wu Xiaohaos Herz krampfte sich zusammen; vor ihrem inneren Auge erschien ein Bild: He Chengshou, der ins Meer springt und kraftvoll davonschwimmt, immer weiter …
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Sie wischte sich die Tränen aus dem Augenwinkel und sagte zu Liu Dalou: „Fahren wir zurück. Melde den Vorfall sofort dem Bezirkskomitee."
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Nachdem sie Liu Dalou bei der Gemeindeverwaltung abgesetzt hatte, fuhr Wu Xiaohao weiter zu He Chengshou nach Hause, um Chen Xiuping die Nachricht zu überbringen. Das Hoftor war offen, im Haus brannte Licht. Im Wohnzimmer saßen einige Wu Xiaohao unbekannte Männer und Frauen, die alle weinten. Chen Xiuping lag mit aufgelöstem Haar in einer Sofaecke und klagte schluchzend:
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„Alter He, ach alter He — wie konntest du mich zurücklassen und ins Meer springen?" Offenbar hatte ihr schon jemand vom Sprung ins Meer erzählt. Wu Xiaohao setzte sich neben sie, nahm ihre Hand und tröstete sie: Es sei dunkel gewesen, der Zeuge habe möglicherweise nicht genau gesehen. Selbst wenn es wirklich der Bürgermeister gewesen sei — er schwimme so gut, vielleicht komme er irgendwo an Land und nach Hause. Chen Xiuping schluchzte: Hoffentlich.
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Wu Xiaohao blieb eine Weile; Chen Xiuping bat sie zu gehen, bei Neuigkeiten werde sie Bescheid sagen. Wu Xiaohao wartete bis zum Morgengrauen — aber es kam kein Ergebnis.
  
 
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Latest revision as of 11:48, 8 April 2026

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Durch Berge und Meere — Teil 8

Garnelen schieben — das ist das Handwerk, von dem die Fischer hier seit Generationen leben. Weil es mühsam ist und weil es immer weniger Garnelen gibt, will kein Junger mehr; es droht auszusterben. Außerdem: Ich habe die Mondsichelbucht als Badestrand erschlossen und mir den Kopf zerbrochen, weil der Bekanntheitsgrad zu gering ist und zu wenige Touristen kommen — ein Programm daraus zu machen und Werbung dafür zu treiben, wäre eine gute Sache."

Am nächsten Morgen holte Zhuo Li mit dem Dienstwagen ihrer Behörde zunächst Wu Xiaohao ab, dann nacheinander die anderen; als alle an Bord waren, fuhren sie los. Zhou Bin erläuterte der Runde den Zweck der Reise nach Peking und bat die Amtsleiter, ihr Bestes zu geben und die Sache zum Erfolg zu führen. Der Direktor des Tourismusamts, Xiang, sagte, er wünsche sich nichts sehnlicher als einen Abschluss dieses Projekts, denn ein Wohnmobil-Campingplatz sei absolut erstklassig. Der Direktor des Amts für Meeresfischerei, Zan, scherzte: „Unsere Wohnmobil-Delegationsgruppe sollte eigentlich in einem Wohnmobil nach Peking fahren." Zhuo Li sagte: „Dann kauf doch in Peking eins, auf der Rückfahrt liegen wir drauf." Zan sagte: „So viele Leute — wenn wir nicht reinpassen, stapeln wir uns in zwei Etagen?" Zhuo Li sagte: „Zwei Etagen, meinetwegen." Die Männer lachten. Wu Xiaohao blickte schweigend aus dem Fenster.

Doch sie vergaß ihre Pflichten nicht: Unterwegs rief sie Lou Tingting an und sagte, sie seien aufgebrochen und würden am Nachmittag eintreffen. An einer Raststätte aß die Delegation zu Mittag; gegen vier Uhr nachmittags erreichten sie Peking. Je tiefer sie in die Stadt fuhren, desto dichter wurde der Verkehr; erst zwei Stunden später kamen sie im Hotel an.

Es war ein Fünf-Sterne-Hotel im Bezirk Dongcheng, prächtig und glanzvoll. Lou Tingting stand lächelnd in der Lobby und überreichte jedem eine Zimmerkarte. In ihrem Zimmer angekommen, bemerkte Wu Xiaohao das geräumige Bett und die geschmackvolle Einrichtung und dachte: Generaldirektor Gu ist wirklich großzügig — offenbar meint er es ernst mit dem Projekt in Kaipo.

Im Bankettsaal staunte Wu Xiaohao noch mehr: Mindestens siebzig oder achtzig Quadratmeter groß, neben dem Esstisch ein Mahjong-Tisch und eine Reihe Palisander-Sessel. Gerade als sie noch verblüfft dastand, deutete Direktor Zan auf die Vitrine an der Wand: Wenn man die Stücke dort verkaufe, reiche das Geld für einige Fischerboote. Zhuo Li klopfte ihm auf die Schulter: „Du mit deinen Booten — drei Sätze, und du bist wieder beim Thema!" Wu Xiaohao betrachtete die Vitrine — wahrhaftig eine Augenweide, Antiquitäten und moderne Kunstwerke, vieles, was sie noch nie gesehen hatte.

Lou Tingting brachte Generaldirektor Gu. Er nahm auf dem Ehrenplatz Platz und blickte selbstgefällig in die Runde. Er ließ einschenken — angeblich ein von ihm acht Jahre lang gehüteter Maotai. Zhuo Li, die neben Wu Xiaohao saß, roch daran und nickte unmerklich.

Generaldirektor Gu erhob das Glas: „Herzlich willkommen in der Hauptstadt — auf den vollen Erfolg unserer Zusammenarbeit!" Nach drei Gläsern prostete Zhou Bin: Im Namen der Kader und Bürger Kaipos freue man sich darauf, dass Generaldirektor Gu am Ufer des Gelben Meers Großes vollbringe. Zhuo Li, schlagfertig wie eh und je, sagte, schon bei ihrer Ankunft in Peking habe sie die tiefe Aufrichtigkeit von Generaldirektor Gu gespürt; das Investitionsbüro von Yucheng werde tatkräftig mitwirken und alle einschlägigen Maßnahmen voll ausschöpfen; sie sei überzeugt, der Wohnmobil-Campingplatz in Yucheng werde Reisende aus aller Welt in Staunen versetzen. Generaldirektor Gu fragte: „Wenn Sie alle einschlägigen Maßnahmen ausschöpfen — wie viel Vergünstigung geben Sie mir dann? Achthundert Mu Strand, Pacht auf siebzig Jahre — kann die Pacht komplett entfallen?"

Wu Xiaohao war bestürzt. Dieser Generaldirektor Gu bewirtete sie hier in Peking auf großem Fuß — und wollte sich in Wirklichkeit einen gewaltigen Vorteil verschaffen! Wenn man ihm die Pacht erließe, was sollte die Gemeinde dann den Bürgern sagen? Sie sah, dass Zhuo Li neben ihr seelenruhig mit ihren rotlackierten Fingernägeln eine Krabbe zerlegte, beugte sich zu ihr und flüsterte: „Das dürfen wir auf keinen Fall leichtfertig zusagen." Zhuo Li sagte: „Kein Problem — am Verhandlungstisch wird nun mal gefeilscht."

Zhou Bin sann einen Augenblick nach und wandte sich an den Generaldirektor: „Herr Gu, völliger Pachtverzicht — ist Ihre Forderung nicht etwas zu hoch?" Generaldirektor Gu sagte: „Keineswegs. Bei einigen meiner anderen Projekte war das genau so — Pachtverzicht plus drei Jahre Steuerfreiheit." Zhuo Li sagte: „Das waren Projekte mit hoher Gewinnspanne. Ein Wohnmobil-Campingplatz hat begrenztes Gewinnpotenzial und kann nicht in den Genuss von Steuerbefreiung kommen." Generaldirektor Gu fuhr sie sofort an, den Finger auf sie gerichtet: „Sie sagen, mein Projekt habe begrenztes Gewinnpotenzial — haben Sie dafür Belege? Ich habe noch gar keine Steuerbefreiung gefordert, und Sie füttern mich schon mit einer Abfuhr? Ich möchte mal den stellvertretenden Bezirksleiter fragen, warum er jemanden wie Sie mit der Investitionsanwerbung betraut!" Zhuo Li winkte hastig ab: „Schon gut, schon gut, Herr Gu, entschuldigen Sie — ich nehme das eben Gesagte zurück! Seien Sie versichert: Sobald Sie in Yucheng investieren, werden Sie in jeder Hinsicht zufriedengestellt!"

Der Direktor für Meeresfischerei, Zan, sagte: „Herr Gu, als Sie neulich an unserer Küste auf Erkundung waren — haben Sie die tatsächlichen Verhältnisse gesehen? Die Aquakulturanlagen dort — Seegurken, Garnelen, Krabben — bringen jedes Jahr hohe Erträge. Ohne entsprechende Entschädigungen — wie sollen wir die Betreiber überzeugen, abzubauen?" Generaldirektor Gu winkte ab: „Das kümmert mich nicht, das ist Sache Ihrer Lokalregierung. Ich übernehme nur das Grundstück — sauber geräumt."

Wu Xiaohao kochte innerlich, Flammen schlugen hoch. Doch sie beherrschte sich, trank einen Schluck Tee und fragte: „Herr Gu, darf ich fragen, woher Sie stammen?" — „Aus Hubei." — „Aufgewachsen in der Stadt oder auf dem Land?" — „Auf dem Land." Wu Xiaohao sah ihm direkt in die Augen: „Ich bin ebenfalls auf dem Land geboren. Wissen Sie, dass Land für Bauern das Allerlebensnotwendigste ist? Wenn das seit Generationen vererbte Land einem einfach entschädigungslos weggenommen wird — können Sie sich die Gefühle dieser Menschen vorstellen? Wie sich das auf ihr Leben auswirkt? Am Meer ist es genauso — dieses Land, dieser Strand, daran hängt der Lebensunterhalt jeder einzelnen Familie. Haben Sie daran gedacht?" Generaldirektor Gu reckte das Kinn: „Dann sagen Sie mir — wie viel Pacht soll ich zahlen?" Zhou Bin sagte: „Tausend pro Mu und Jahr — wäre das akzeptabel?" Generaldirektor Gu sagte: „Zu hoch — ich kann höchstens fünfhundert bieten." Der Tourismusdirektor Xiang versuchte zu vermitteln: „Herr Gu, Sie sind eine bekannte Größe der Geschäftswelt und finanziell stark aufgestellt. Für ein Projekt mit glänzender Zukunft werden Sie nicht um jeden Pfennig feilschen. Kommen Sie uns entgegen — achthundert pro Mu, einverstanden?" Generaldirektor Gu sagte: „Achthundert — aber ich kann nur jährlich zahlen." Wu Xiaohao sagte sofort: „Kommt nicht infrage! Magere sechshundertvierzigtausend — was sollen wir damit den Bürgern erklären? Sie müssen die Pacht für alle siebzig Jahre auf einmal begleichen!" Generaldirektor Gu sagte: „Über vierzig Millionen? Das ist ja, als wolltet ihr die Henne schlachten, um an die Eier zu kommen!" Wu Xiaohao entgegnete: „Das Problem ist: Ihre Henne macht keinerlei Anstalten, überhaupt ein Ei zu legen!"

Generaldirektor Gu schlug plötzlich auf den Tisch: „Sie verleumden mich! Ich werde Ihren stellvertretenden Bezirksleiter fragen, wie er jemanden mit derart mangelnder Qualifikation zur stellvertretenden Bürgermeisterin befördern konnte!"

Wu Xiaohao war am Ende ihrer Geduld und zeigte auf ihn: „Fragen Sie! Fragen Sie sofort! Eher verzichte ich auf das Amt der stellvertretenden Bürgermeisterin, als dass ich diesen goldenen Küstenstreifen kampflos hergebe!"

Angesichts ihrer Härte wurde Generaldirektor Gu plötzlich weich und setzte ein Lächeln auf: „Gut, gut, gut — heute treffe ich auf Yang Paifeng aus den Generälinnen der Yang-Familie! Bürgermeisterin Wu, liebes Schwesterchen, beruhigen Sie sich — Ihre Meinung nehme ich sehr ernst, ich werde sie gründlich bedenken, einverstanden?"

Als er einlenkte, sagte Wu Xiaohao nichts mehr und fuhr sich nur unbewusst über die linke Brust. Dort spürte sie ein dumpfes Ziehen.

Zhou Bin sagte: „Herr Gu, finden wir einen Kompromiss — wenn Ihnen die gesamte Pachtsumme für siebzig Jahre auf einmal schwerfällt, zahlen Sie die Hälfte vorab, einverstanden?" Generaldirektor Gu nickte: „Das lässt sich überlegen." Zhou Bin fragte: „Wann unterzeichnen wir den Vertrag?" Generaldirektor Gu sagte: „Der Entwurf ist noch nicht fertig. Frau Lou, arbeiten Sie die Nacht durch und setzen Sie den Vertrag auf — morgen Vormittag kommen wir zur feierlichen Unterzeichnung."

Am nächsten Morgen beim gemeinsamen Frühstück diskutierten die Anwesenden eingehend den Ablauf der Zeremonie: wie man sich hinsetze, wie man stehe, dass eine junge Hotelangestellte den Vertrag herüberreiche — jedes Detail wurde bedacht. Zhou Bin trug Liu Dalou auf, er solle unbedingt im rechten Moment ein paar historische Fotos machen.

Doch als Wu Xiaohao bei Lou Tingting anrief, um zu fragen, wann sie kämen, sagte Lou Tingting, es habe sich etwas geändert: Generaldirektor Gu wolle das Projekt noch einmal eingehend prüfen lassen. Sie sollten erst nach Hause fahren; sobald das Ergebnis vorliege, werde man sich melden.

Während des Gesprächs hatte Wu Xiaohao die Freisprechfunktion eingeschaltet, damit alle mithören konnten. Danach sagte Zhuo Li: „Dem Tonfall nach zu urteilen, will er nicht mehr mit uns verhandeln." Zhou Bin stocherte mit den Stäbchen in Wu Xiaohaos Richtung: „Das hast alles du verbockt! Gestern hast du dich mit ihm gestritten — hat der noch Lust, in Kaipo zu investieren? Kleine Dinge nicht hinnehmen können bringt große Pläne durcheinander — wie kannst du so unreif sein?"

Wu Xiaohao sah ihn an, voller unterdrücktem Groll: „Wenn ich mich nicht mit ihm gestritten hätte — hätten wir ihm dann jedes Zugeständnis gemacht und die Küstenbewohner auf die Straße gesetzt?"

Zhou Bin klopfte mit den Stäbchen scharf auf den Teller: „Du willst immer noch nicht einsehen, dass du einen Fehler gemacht hast!"

Zhuo Li sagte: „Hört auf, ihr zwei. Investitionsanwerbung ist nie einfach — mal gelingt es, mal nicht. Eine gebratene Ente, die einem davonfliegt — so etwas habe ich viel zu oft erlebt."

Direktor Zan sagte: „Fahren wir. Die Reise nach Peking hat uns immerhin ein gutes Essen eingebracht und eine Nacht im Fünf-Sterne-Hotel."

Doch als sie ihre Taschen holten und an der Rezeption die Zimmerkarten abgaben, teilte ihnen die Angestellte mit: „Die Wancheng-Gesellschaft hat angewiesen, dass die Zimmerkosten von Ihnen zu begleichen sind." Zhou Bin wurde vor Wut bleich und schimpfte, Generaldirektor Gu sei wirklich ohne Anstand. Zhuo Li hingegen sagte: „Er hat uns ein Essen spendiert und die Zimmer auf unsere Rechnung gesetzt — das ist durchaus üblich." Zhou Bin sagte: „Hätte ich gewusst, dass wir selbst zahlen, hätten wir doch kein Fünf-Sterne-Hotel genommen!" Er fragte Liu Dalou, ob er genug Geld dabeihabe; Liu Dalou verneinte. Zum Glück bot Zhuo Li an, den Rest mit ihrer Karte zu bezahlen; so beglich die Gruppe die Rechnung und verließ missmutig das Hotel.

9 (ACHTUNG: ZEILE FEHLT — BITTE IN PDF-DATEI PRÜFEN) Zurück aus Peking berief Zhou Bin eine Sitzung der Führungsriege ein und berichtete über die Investitionsverhandlungen. Er sagte: „Nachdem die Pekinger Wancheng Tourismusentwicklungsgesellschaft ihr Interesse an Investitionen in Kaipo bekundet hat, haben wir die Gelegenheit ergriffen, sofort dem Bezirksleiter Bericht erstattet und kräftige Unterstützung erhalten. Schnelligkeit entscheidet — zusammen mit mehreren zuständigen Bezirksleitern bildeten wir eine Delegationsgruppe und reisten umgehend nach Peking, um über Nacht Verhandlungen mit dem Investor aufzunehmen. Im Geiste beiderseitigen Nutzens analysierten und diskutierten beide Seiten die günstigen Bedingungen und die glänzenden Aussichten eines Wohnmobil-Campingplatzes an der Mondsichelbucht. Selbstverständlich haben wir bei der Landpacht- und Entschädigungsfrage auch unsere Argumente vorgebracht und die Interessen der Bevölkerung entschieden verteidigt. Derzeit prüft die Gegenseite das Projekt weiter — sobald es Neuigkeiten gibt, treiben wir die Sache sofort aktiv voran."

Wu Xiaohao war verwirrt: Die Investition war so gut wie geplatzt — warum sagte der Sekretär das nicht offen, sondern redete von „weiterer Prüfung" und erweckte bei allen den Eindruck, es stehe kurz bevor? Sie überlegte und verstand: Der Sekretär wollte sein Gesicht wahren und die wahre Lage nicht preisgeben.

Nach dem Sekretär ergriff Bürgermeister He das Wort: „Das Projekt am Xishi-Strand muss meiner Meinung nach mit äußerster Vorsicht angegangen werden. Dort gibt es einen wunderschönen Goldstrand, ausgedehnte Aquakulturflächen, Dutzende Zuchtgewächshäuser und die berühmte Muschel Xishi-Zunge — wenn ein Investor das übernimmt und alles bis zur Unkenntlichkeit umkrempelt …" Der Sekretär unterbrach ihn: „Bis zur Unkenntlichkeit? Es muss heißen: mit neuem Gesicht!" He Chengshou runzelte die Stirn: „Dann habe ich mich eben im Wort vergriffen, zufrieden? Mit neuem Gesicht — das sieht hübsch aus, aber wie viel haben die Bürger von Kaipo tatsächlich davon?" Der Sekretär sagte: „So zu denken, das klingt nach Kleinbauernmentalität." Der Bürgermeister sagte: „Ich war nie Bauer — wie soll ich Kleinbauernmentalität haben?" Der Sekretär sagte: „Du hast jedenfalls kein modernes Bewusstsein." Der Bürgermeister starrte ihn zornig an: „Du mit deinem modernen Bewusstsein — verhandelst hinter dem Rücken des Großteils der Gemeindeführung über ein derart großes Projekt? Gibt es in deinen Augen die Gemeindeverwaltung überhaupt noch?" — „Natürlich! Bürgermeisterin Wu war als Mitglied der Delegationsgruppe dabei — sie vertrat die Gemeinde Kaipo." — „Dann hättest du mir wenigstens ein Wort sagen können — immerhin bin ich noch Bürgermeister!" Bei diesen Worten erhob He Chengshou mit Donnerstimme die Stimme, sein Unterkiefer bewegte sich auf und ab, sodass man darunter die purpurnen Flecken sehen konnte.

Zhou Bin wich keinen Zoll zurück: „Bürgermeister — mag sein. Aber im Parteikomitee bist du stellvertretender Sekretär. Manche Dinge kann ich dich wissen lassen, muss es aber nicht."

„Mich nicht wissen lassen — nur um dir den Verdienst der Investitionsanwerbung allein auf die Fahne zu schreiben, oder? Keine Sorge, das Verdienst wird dir keiner streitig machen!"

Zhou Bin lächelte kalt: „Müssen wir so kleinlich sein? Die Sitzung ist hiermit beendet."

Die gut ein Dutzend Führungskräfte erhoben sich und gingen.

Wu Xiaohao kehrte in ihr Büro zurück, innerlich aufgewühlt. Nie hätte sie gedacht, dass Sekretär und Bürgermeister in einer Sitzung offen aneinandergeraten würden. Man konnte es dem Bürgermeister kaum verübeln: Bei einer derart großen Sache hatte der Sekretär ihn weder einbezogen noch vorher informiert — das war wirklich nicht in Ordnung. Vor der Abreise nach Peking hatte Wu Xiaohao als Mitglied der Gemeindeführung den Bürgermeister nicht übergehen wollen und ihm eine SMS geschickt: Sie fahre mit dem Sekretär und anderen nach Peking zur Investitionsverhandlung, Thema Wohnmobil-Campingplatz. Der Bürgermeister hatte nur drei Zeichen zurückgeschrieben: „Zur Kenntnis." Aus dem heutigen Streit der beiden ging klar hervor, dass der Sekretär ihm nichts davon erzählt hatte.

Wu Xiaolei sagte sich: Wenn du es in der Führungssitzung klargestellt hättest, wäre am Xishi-Strand so etwas nicht passiert.

Der Mann mit den fehlenden Zähnen sagte: „Nicht gebaut? Macht mir nichts vor! Euch Beamten kann man kein Wort glauben."

Wu Xiaofu suchte den Bürgermeister auf, doch der geriet sofort in Rage: „Der alte Zhou reißt sich mal wieder die Rosinen raus — sogar diesen Vorsitz will er haben! Lass ihn doch machen, ich kümmere mich nicht mehr drum."

Wu Xiaoji sagte: „Die Arbeit muss hauptsächlich von ihnen gemacht werden." Der Sekretär sagte: „Dann gründen wir eben ein Organisationsbüro — du wirst Leiterin, und alle kommen ins Büro."

Nach einigem Hin und Her war die Namensliste endlich fertig; sie schickte sie an Direktor Fan und Bürgermeister He, die keine Einwände mehr erhoben.

Er rief den Chefredakteur der Zeitung an und trug ihm die Sache vor; der Chefredakteur war unkompliziert und stimmte dem Vorschlag zu.

Fan Weixing sagte: „Xiao Tai, du hast mich heute Nachmittag hergebeten — in Wirklichkeit, damit ich dich in die Stadt mitnehme, oder?"

Plötzlich fiel ihr ein, dass You Haoliang die ganze letzte Zeit damit beschäftigt gewesen war, bei Einladungen Geschenke zu verteilen, um eine Genehmigung für die Fischaussetzung zu bekommen und daran zu verdienen. Hatte er es geschafft? Und wo? Wenn er es wäre, der die Fische bei meinem Meeresfest aussetzte — die Leute würden das sofort argwöhnisch beäugen und reden. Als sie gegen sechs nach Hause kam, war You Haoliang tatsächlich da und kochte. Als er Wu Xiaohao erblickte, lächelte er verkrampft: „Da bist du ja! Ich mach noch eine Beilage!" Diandian kam aus dem Schlafzimmer, umarmte Wu Xiaohao und sagte: „Mama, Herrn Froschauges musst du ausnahmsweise mal loben — seit seiner Dienstreise geht er abends nicht mehr trinken, kocht drei Mahlzeiten am Tag zu Hause — er benimmt sich fast wie ein Mustergatte!"

You Haoliang trug das Essen auf und rief die drei Generationen Frauen zum Essen. Kaum hatte Diandian sich gesetzt, biss sie in einen gebackenen kleinen Gelbschwanz, sah den einen an, dann den anderen, fuchtelte mit den Stäbchen und verkündete: „Hiermit stelle ich mein Forschungsergebnis vor: Oma hat Doppellider, Mama hat Doppellider, ich habe Doppellider — wenn ich groß bin und Kinder kriege, haben die bestimmt auch Doppellider!" You Haoliang lachte: „Bestimmt, bestimmt!" — „Und noch etwas", sagte Diandian und sah ihn grinsend an, „Opa hatte keine Pupillen, Papa hat keine Pupillen — aber ich habe Pupillen! Wenn ich groß bin und Kinder kriege, haben die auch bestimmt Pupillen!"

You Haoliang lachte weiter: „Bestimmt, bestimmt." Wu Xiaohao bemerkte, dass er um jeden Preis gefallen wollte, und fragte, ob sein Versuch, die Fischaussetzung zu bekommen, Erfolg gehabt habe. You Haoliang winkte ab: „Ach, frag nicht. Der Feng-Direktor hat mehrfach bei denen ein Wort eingelegt, und am Tisch hatten sie's auch zugesagt — aber am Ende ist doch nichts draus geworden, sie haben eine andere Zuchtfarm genommen." Wu Xiaohao nickte: „Gut." You Haoliang kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und fixierte sie: „Was heißt ‚gut'? Du freust dich wohl darüber, was? Zwei ganze Monate hab ich mich abgerackert — weißt du, was mich das gekostet hat?" Wu Xiaohao sagte: „Geschieht dir recht. Du wolltest an der Aussetzung teilnehmen — aber wo waren denn deine Fischbrut und Garnelenlarven? Du wolltest bloß den Staat betrügen und der Fischerei schaden." You Haoliang zeigte einen ärgerlichen Ausdruck, ließ es aber dabei bewenden — er legte nur die Stäbchen hin und ging ins Schlafzimmer.

12 (ACHTUNG: ZEILE FEHLT — BITTE IN PDF-DATEI PRÜFEN) Die Tourismusarbeitskonferenz des Bezirks Yucheng — der Vormittag war der Besichtigung gewidmet. Einige Dutzend Leute stiegen in einen Bus; Direktor Xiang vom Tourismusamt sprach ins Mikrofon: „Die Zeit ist knapp — wir fahren eine Anlage im Berggebiet und eine an der Küste an."

Der Bus fuhr nach Nordwesten; eine Stunde später erreichten sie den „Ländlichen Gesamtkomplex" der Gemeinde Taoyuan. Die Reiseleiterin erklärte: Hier seien vier Quadratkilometer, sechstausend Mu Bergland und Ackerland — ehemals zwei Dörfer gehörig — vor drei Jahren komplett an die Jinguo-Gruppe verpachtet worden, neunhundert Yuan Pacht pro Mu und Jahr; zwei Drittel der Dorfbewohner arbeiteten hier und verdienten monatlich über zweitausend Yuan.

Bei der Besichtigung sahen sie: Auf mehreren Hügeln standen ausschließlich Obstbäume; viele Leute kamen mit dem Auto, um selbst Pfirsiche zu pflücken. Am Hang erstreckten sich große Blumenbeete, in denen Blumen um die Wette blühten; zahlreiche junge Paare ließen dort Hochzeitsfotos machen. Am Fuß des Hügels lag ein Stausee mit Angeln, Bootsfahrten und Camping. Und dann gab es noch einen „Bienen-Erlebnispark" mit vielen Bienenstöcken und einem Bienenmuseum, das das Leben der Bienen enthüllte und Honigprodukte zum Verkauf anbot — zahlreiche Eltern brachten ihre Kinder zum Schauen und Spielen her.

Am meisten staunten die Besucher über einen kleinen Hügel namens „Feenberg-Pfirsichgarten". Die Reiseleiterin erklärte: Die Honigpfirsiche hier wachsen mit Musik, werden mit Sojabohnen gefüttert und mit neuseeländischer Milch getränkt auf; sie haben die EU-Zertifizierung erhalten und kosten dort achtunddreißig Yuan das Stück.

Keiner wollte es glauben. Sie gingen hinein und lauschten — tatsächlich erklang leise Musik im Obstgarten. In der Düngemittel-Mischanlage waren fünfundzwanzig Kilo schwere Pakete neuseeländischen Milchpulvers hoch an der Wand gestapelt, und auf dem Boden lag eine große Fläche eines Trester-ähnlichen Materials, das säuerlich roch — angeblich eine Mischung aus neuseeländischem Milchpulver, Sojamehl und Sägespänen, die als Dünger unter die Pfirsichbäume gegraben werden sollte. Auf den Export-Verpackungskartons prangte deutlich sichtbar das EU-CE-Prüfsiegel.

Danach fuhr die Gruppe zum Strand nördlich von Yucheng. Wu Xiaohao sah dort eine große Schautafel mit der roten Aufschrift „Yucheng Wohnmobil-Campingplatz — Entwurfsdarstellung"; der Parteisekretär der Gemeinde Beitai, Fan Lianhe, stand strahlend daneben. Wu Xiaohao war fassungslos und eilte zu Direktor Xiang: „Was ist hier los? Der Wohnmobil-Campingplatz — hier?"

Dann sagte der Haken: Es sei halb eins. Im Separee des Restaurants Dongfeng Dangzi saßen Hakens Frau und Diandians Oma bereits. Diandian sagte: „Oma, ich bin gerade aus dem Meer gestiegen und hab festgestellt, dass ich schon ein Kiemenmensch geworden bin — zum Atmen brauche ich keinen Mund und keine Nase mehr, guck!" Damit hielt sie sich die Nase zu und presste den Mund zusammen. Die Großmutter sagte: „Wirklich? Diandian ist ein Fisch geworden? Dann müsstest du ja auch Schuppen haben." Und sie tastete Diandian ab. Diandian ließ los und prustete: „Wer erlaubt dir, mich anzufassen? Wenn du mich anfasst, verwandle ich mich wieder in einen Menschen!" Wan Yufeng brachte einen Teller Meeresraupen und erklärte, das heutige Mittagessen gehe auf Xiao Wu, der seine Zweit-Tante und Familie bewirte und die Schwägerin verabschiede. Wu Xiaohao sah Hakens Frau an: „Du fährst heute schon? Bleibst du nicht noch ein paar Tage?" Die Schwägerin schüttelte den Kopf: „Nein — zu Hause warten Alte und Junge, und die Obstbäume müssen gespritzt werden."

Wan Yufeng sagte lachend zu ihr: „Du hast Xiao Wu hier gesehen, bist satt und betrunken — jetzt kannst du heimfahren." Hakens Frau lächelte verschämt und gab ihr einen Klaps. Wan Yufeng streckte You Haoliang die Hand entgegen: „Das ist wohl Direktor You? Freut mich!" You Haoliang kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und stand auf, um ihr die Hand zu schütteln. Haken stellte sie vor: Das sei Chefin Wan — nicht nur Inhaberin dieses Restaurants, sondern auch der Kiemenmenschen-Tour und Frauenbeauftragte der Kiemeninsel. You Haoliang sagte: „Sehr erfreut." Wan Yufeng sagte: „Danke, Direktor You, für Ihre Unterstützung unserer Bürgermeisterin Wu! Durch Ihre Unterstützung hat sie mehr Zeit und Kraft, um für uns in Kaipo Gutes zu tun!" Wu Xiaohao bremste sie rasch: „Sag so etwas nicht — ich tue nur meine Pflicht, von ‚Gutes tun' kann keine Rede sein. Das ist mir wirklich peinlich!"

Wan Yufeng fuhr fort: „Direktor You, ich habe gehört, Sie machen in der Stadt große Geschäfte — unterstützen Sie uns doch ein bisschen, damit auch wir Fischer auf der Kiemeninsel groß verdienen!" You Haoliang reckte sofort selbstbewusst die Brust: „Kein Problem! Wenn sich eine Gelegenheit zum großen Geld ergibt, melde ich mich sofort bei Ihnen — damit auf der Kiemeninsel alle das große Umkippen erleben!" Wan Yufengs Miene verfinsterte sich augenblicklich: „Was redest du da?" Sie stand auf und ging erbost hinaus. Wu Xiaohao funkelte You Haoliang an: „Du bist wirklich ohne Feingefühl." Haken zeigte auf ihn: „Schwager, das war wirklich daneben. Fischer meiden dieses Wort, und du sprichst es trotzdem aus!" Diandian fragte: „Welches Wort?" You Haoliang sagte: „Umkippen! Jetzt weiß ich — genau das. Ich habe ‚umkippen' gesagt, und? Kippt deswegen ein Boot um? Lächerlich!"

Ihre Mutter hatte ihr längst gesagt, sie solle am dreiundzwanzigsten des letzten Monats nach Hause kommen, um „den Herd zu verabschieden". Wu Xiaohao wusste, dass es zu Hause den Brauch gab: „Beamte verabschieden am Dreiundzwanzigsten, das Volk am Vierundzwanzigsten" — das heißt, zum Kleinen Neujahr wird der Küchengott verabschiedet, der zum Himmel aufsteigt, und Beamte tun dies einen Tag früher, weil ihre Küchengötter vornehmer sind und dem Himmelskönig als Erste berichten; die einfachen Leute verabschieden am Vierundzwanzigsten. Wu Xiaohao hatte früher jedes Jahr mit ihren Eltern an diesem Abend in der Küche vor dem Herd gekniet.

He Chengshou deutete auf das Sofa und bat sie, Platz zu nehmen. Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch, zündete eine Zigarette an, sah Wu Xiaohao an und sagte: „Das Bezirkskomitee hat mich nicht zum Sekretär gemacht — du weißt es?"

Wu Xiaohao sagte ehrlich: „Heute Mittag hat mir jemand einen Hinweis gegeben."

He Chengshou blies eine Rauchwolke, starrte aus dem Fenster und sagte zähneknirschend: „Dieser Hund, der alte Lai — was für ein Mistkerl!"

Wu Xiaohao verstand nicht: „Der alte Lai? Vorsitzender Lai vom Volkskongress? Was ist mit ihm?"

„Er will Sekretär werden — und hat mich bei der Bezirksdisziplinarkommission namentlich angezeigt!"

Wu Xiaohao war bestürzt. Nie hätte sie gedacht, dass Lai Chunxiang, der sich sonst nie in den Vordergrund drängte, plötzlich so handeln würde.

„Er sticht mir das Messer in den Rücken und erledigt mich — und dann hat er, was er will? Der Sekretärsposten ging an jemand anderen!"

Wu Xiaohao sah He Chengshou an und sagte aufrichtig: „Bürgermeister, du warst eng mit Mu Pingchuan verbunden — das weiß in Kaipo jeder. Seine zahlreichen Vergehen haben dich mit hineingezogen. Du solltest ernsthaft nachdenken."

He Chengshou sagte: „Ich habe dir gesagt — meine Beziehung zu ihm ist wie ein gebrochener Arm, der trotzdem noch an den Sehnen hängt; in diesem Leben wird das nicht sauber zu trennen sein. Eigentlich bereue ich es auch — ich hätte mich längst entschlossen von ihm trennen müssen. Aber ich bin ein Mann, der Loyalität hochhält; als Jugendfreund, als Bruder konnte ich ihn einfach nicht loslassen, nicht aufgeben, und so bin ich Schritt für Schritt in den Sumpf geraten und habe mich am Ende selbst ruiniert …"

Wu Xiaohao sagte: „Ruiniert muss es nicht heißen. Wenn du der Organisation deine Probleme schnellstens erklärst, wirst du milde behandelt."

He Chengshou lachte kalt: „Milde? Wie mild und wie weit?"

Wu Xiaohao wusste nichts zu erwidern.

He Chengshou stand auf und ging einmal durchs Zimmer. Wu Xiaohao empfand seine massive Gestalt als bedrückend, wurde unruhig und ging zur Tür.

He Chengshou deutete auf sie: „Geh nicht — ich bin noch nicht fertig." Wu Xiaohao blieb stehen. He Chengshou trat vor sie, blickte von oben auf sie herab: „Xiaohao, du bist ein guter Kader und eine gute Frau. In altmodischer Sprache: ‚äußerlich anmutig, innerlich klug'. Mach weiter so, halte dich von meinen Fehlern fern — dann fährst du auf der Überholspur, und dir steht eine glänzende Zukunft bevor. Alles Gute!"

Dabei tippte er ihr mit dem Finger auf die Stirn: „Aber überarbeite dich nicht. Schau — seit du nach Kaipo gekommen bist, hast du hier schon Falten."

Wu Xiaohao spürte plötzlich, dass sie weinen musste. Sie wagte nicht länger zu bleiben, sagte ein „Danke" und drehte sich zur Tür.

Zurück in ihrem Büro sah sie auf dem Handy etliche WeChat-Glückwünsche zu ihrer Beförderung; manche hatten sogar die offizielle Bekanntmachung der Personalernennungen des Bezirkskomitees als Screenshot geschickt. Wu Xiaohao dankte jedem einzeln, doch ein dunkler Schatten lastete auf ihrem Herzen.

In jener Nacht wälzte Wu Xiaohao sich hin und her und konnte lange nicht einschlafen. Um Mitternacht rief plötzlich Chen Xiuping an: „Bürgermeisterin Wu, wissen Sie, wo der alte He hin ist?" Wu Xiaohao sagte: „Nein." — „Er ist nach dem Abendessen spazieren gegangen und bis jetzt nicht zurück." Wu Xiaohao sagte: „Weiß der Fahrer davon? Soll ich den alten Zhang vorbeischicken, damit er sucht?" Chen Xiuping sagte: „Ich sage ihm Bescheid."

Kurz darauf rief Wu Xiaohao bei Chen Xiuping an und fragte, ob der Bürgermeister gefunden sei. Chen Xiuping schluchzte: „Der alte Zhang ist zum Kai von Qianwan gefahren. Jemand sagt, er sei dort gesehen worden. Aber Zhang sucht und sucht — er findet ihn nicht." Wu Xiaohao sagte: „Ich komme mit Direktor Liu."

Sie ging zum Parteibüro, berichtete Liu Dalou, und die beiden fuhren mit dem Dienstwagen nach Qianwan. Das Meer lag im Dunkeln, Wellen schlugen gegen die Mole. Einige Leute standen am Kai und spähten ins Wasser, darunter Mu Pingchuan und Erdaohe. Wu Xiaohao sagte zu Liu Dalou: „Ich steige nicht aus — geh du und frag den Mu-Chef, ob es Neuigkeiten gibt."

Liu Dalou stieg aus, ging zu Mu Pingchuan und sprach ihn an. Nach einer Weile kam er zum Wagen zurück, sichtlich angespannt: „Der Mu-Chef sagt, jemand habe gesehen, wie der Bürgermeister am Kai hin und her ging und dann plötzlich ins Wasser gesprungen ist."

Wu Xiaohaos Herz krampfte sich zusammen; vor ihrem inneren Auge erschien ein Bild: He Chengshou, der ins Meer springt und kraftvoll davonschwimmt, immer weiter …

Sie wischte sich die Tränen aus dem Augenwinkel und sagte zu Liu Dalou: „Fahren wir zurück. Melde den Vorfall sofort dem Bezirkskomitee."

Nachdem sie Liu Dalou bei der Gemeindeverwaltung abgesetzt hatte, fuhr Wu Xiaohao weiter zu He Chengshou nach Hause, um Chen Xiuping die Nachricht zu überbringen. Das Hoftor war offen, im Haus brannte Licht. Im Wohnzimmer saßen einige Wu Xiaohao unbekannte Männer und Frauen, die alle weinten. Chen Xiuping lag mit aufgelöstem Haar in einer Sofaecke und klagte schluchzend:

„Alter He, ach alter He — wie konntest du mich zurücklassen und ins Meer springen?" Offenbar hatte ihr schon jemand vom Sprung ins Meer erzählt. Wu Xiaohao setzte sich neben sie, nahm ihre Hand und tröstete sie: Es sei dunkel gewesen, der Zeuge habe möglicherweise nicht genau gesehen. Selbst wenn es wirklich der Bürgermeister gewesen sei — er schwimme so gut, vielleicht komme er irgendwo an Land und nach Hause. Chen Xiuping schluchzte: Hoffentlich.

Wu Xiaohao blieb eine Weile; Chen Xiuping bat sie zu gehen, bei Neuigkeiten werde sie Bescheid sagen. Wu Xiaohao wartete bis zum Morgengrauen — aber es kam kein Ergebnis.