Difference between revisions of "Lu Xun Complete Works/de/Mingtian"

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'''(明天)'''
  
'''明天''' (Lu Xun (鲁迅), übersetzt ins Deutsche)
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Aus der Sammlung '''Aufruf zu den Waffen''' (《呐喝》)
  
Aus der Sammlung ''Aufruf zu den Waffen'' (呐喊, 1922)
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'''Autor:''' Lu Xun (鲁迅)
  
 
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Morgen
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Das Städtchen Lu war von jeher ein stiller Ort mit einigen alten Sitten: Noch vor der ersten Nachtwache schlossen alle die Türen und gingen schlafen. In tiefer Nacht gab es nur zwei Häuser, die noch wach waren: das eine war die Xianheng-Schenke, wo einige Zechkumpane an der Theke saßen und sich fröhlich betranken; das andere war gleich nebenan das Haus der Witwe Shan Si, die, seit sie vor zwei Jahren ihren Mann verloren hatte, allein auf ihre eigenen Hände angewiesen war, um Baumwollgarn zu spinnen und sich und ihren dreijährigen Sohn zu ernähren — deshalb ging sie ebenfalls spät schlafen.
  
»Kein Laut zu hören — was ist mit dem Kleinen?«
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In diesen Tagen war tatsächlich kein Spinnrad mehr zu hören gewesen. Aber da in tiefer Nacht nur zwei Häuser wach waren, hörten naturgemäß nur der alte Gong und seine Kumpane, ob es bei der Witwe Shan Si Geräusche gab oder nicht.
  
Der Rotnasige Laogong hielt eine Schale gelben Reiswein in der Hand und nickte dabei mit dem Kinn zur Nachbarwand hinüber. Der Blauhäutige Ah Wu stellte seine Weinschale ab und schlug ihm mit aller Kraft auf den Rücken, wobei er undeutlich schrie:
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Der alte Gong hatte gerade Prügel bezogen, trank aber, als wäre es ihm ein Vergnügen, einen großen Schluck Wein und begann summend ein Liedchen zu singen.
  
»Du … du du denkst schon wieder an solche Sachen …«
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Zu dieser Stunde saß die Witwe Shan Si mit ihrem Bao'er im Arm am Bettrand, das Spinnrad stand still auf dem Boden. Im trüben Lampenlicht schimmerte Bao'ers Gesicht rötlich mit einem Hauch von Blau. Sie rechnete in Gedanken: Orakellose hatte sie schon gezogen, Gelübde hatte sie schon abgelegt, Hausmittel hatte sie schon verabreicht — wenn das alles nichts half, was sollte sie tun? Es blieb nur, den Doktor He Xiaoxian aufzusuchen. Aber vielleicht war es bei Bao'er tagsüber leichter und nachts schwerer; wenn morgen die Sonne aufging, würde das Fieber wohl sinken und das Keuchen sich legen — so war es bei Kranken ja oft.
  
Luzhen war nämlich ein abgelegener Ort, in dem noch ein Stück alter Sitte fortlebte: Noch vor der ersten Nachtwache schloss jedermann die Tür und ging schlafen. Nur zwei Häuser wachten tief in der Nacht: das eine war die Xianheng-Schenke, wo ein paar Zechbrüder um den Ladentisch herum vergnügt aßen und tranken; das andere gehörte der Nachbarin, der Vierten Schwägerin Shan, die, seit sie vor zwei Jahren Witwe geworden war, allein von der Arbeit ihrer eigenen Hände leben musste, Baumwollgarn spinnend, um sich und ihren dreijährigen Sohn zu ernähren, und darum auch spät schlafen ging.
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Die Witwe Shan Si war eine einfache Frau und verstand nicht, wie furchtbar dieses Wort „aber“ sein konnte: Gewiss hatte es schon manches Unheil zum Guten gewendet, doch ebenso hatte es manches Gute zunichtegemacht. Die Sommernächte waren kurz; kaum hatte der alte Gong sein Lied zu Ende gesummt, da wurde es im Osten schon hell, und bald drang silberweißes Morgenlicht durch die Fensterritzen.
  
In den letzten Tagen war tatsächlich kein Spinngeräusch mehr zu hören gewesen. Da aber in der Tiefe der Nacht nur diese zwei Häuser wachten, hörten natürlich nur die Laogongs, ob bei der Vierten Schwägerin Shan ein Laut war — und ebenso, ob keiner war.
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Die Witwe Shan Si wartete auf den Morgen, doch ihr fiel das nicht so leicht wie anderen — sie empfand es als quälend langsam; jeder Atemzug Bao'ers schien ihr länger als ein Jahr. Nun war es tatsächlich hell geworden; das Tageslicht überwand das Lampenlicht — und sie sah, dass Bao'ers Nasenflügel bereits auf und ab flatterten.
  
Laogong rieb sich den Schlag, als sei ihm wohl davon, trank einen tiefen Schluck Wein und brummte ein Liedchen vor sich hin.
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Die Witwe Shan Si erkannte, dass es schlecht stand, und stieß leise ein „Ach!“ aus. In Gedanken überlegte sie: Was tun? Es gab nur einen Weg — den Doktor He Xiaoxian aufzusuchen. So einfältig sie war, sie konnte sich entscheiden. Sie stand auf, holte aus der Holztruhe die dreizehn kleinen Silbermünzen und hundertachtzig Kupferstücke heraus, die sie Tag für Tag zusammengespart hatte, steckte alles in ihre Tasche, schloss die Tür ab und rannte mit Bao'er im Arm geradewegs zum Hause He.
  
Zu dieser Stunde hielt die Vierte Schwägerin Shan ihren Bao'er im Arm und saß auf der Bettkante; das Spinnrad stand still auf dem Boden. Das trübe Lampenlicht fiel auf Bao'ers Gesicht, das in seinem Rot einen bläulichen Schimmer trug. Die Vierte Schwägerin Shan überlegte bei sich: Um ein Orakel hatte sie schon gebeten, ein Gelübde schon abgelegt, ein Hausmittel schon ausprobiert — wenn auch das keine Wirkung zeigte, was dann? Dann blieb nur noch der Gang zum Meister He. Aber vielleicht wurde Bao'ers Zustand tagsüber leichter und nachts nur schwerer; wenn erst morgen die Sonne aufginge, würde das Fieber sinken und das Keuchen sich legen — so etwas kam bei Kranken ja häufig vor.
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Es war noch früh am Morgen, doch bei He saßen schon vier Patienten. Sie kramte vier Jiao heraus, kaufte eine Nummernmarke, und als fünftes kam Bao'er an die Reihe. He Xiaoxian spreizte zwei Finger zum Pulsfühlen; seine Fingernägel waren gut vier Zoll lang. Die Witwe Shan Si staunte insgeheim und dachte: Bao'er müsste wohl zu retten sein. Doch vor Sorge konnte sie sich nicht zurückhalten und fragte schüchtern:
  
Die Vierte Schwägerin Shan war eine schlichte Frau und verstand nicht, wie furchtbar dieses Wörtchen »aber« sein konnte: Manch Schlimmes wurde durch ein »Aber« zwar zum Guten gewendet, doch manch Gutes auch durch ein »Aber« zunichtegemacht. Die Sommernacht war kurz; kaum hatten die Laogongs ihr Lied zu Ende gebrummt, da wurde es im Osten schon hell, und bald darauf sickerte silberweißes Morgenlicht durch die Fensterritzen.
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„Herr Doktor — was für eine Krankheit hat mein Bao'er?“
  
Die Vierte Schwägerin Shan wartete auf den Tag, doch anders als andere fand sie das Warten unerträglich langsam — jeder Atemzug Bao'ers schien länger als ein Jahr zu dauern. Nun endlich war es hell geworden; das Tageslicht überwältigte den Lampenschein — und sie sah, dass Bao'ers Nasenflügel sich bereits auf und zu bewegten.
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„Sein mittlerer Erwärmer ist blockiert.
  
Die Vierte Schwägerin Shan wusste, dass das nichts Gutes verhieß, und rief leise »O weh!« Sie überlegte: Was tun? Es blieb nur der eine Weg — zum Meister He. Obwohl sie eine schlichte Frau war, besaß sie doch Entschlusskraft. Sie stand auf, holte aus der Holztruhe die dreizehn kleinen Silbermünzen und hundertachtzig Kupferstücke, die sie sich Tag für Tag vom Munde abgespart hatte, steckte alles in die Jackentasche, schloss die Tür ab und lief mit Bao'er im Arm schnurstracks zum Haus der Hes.
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„Ist es schlimm? Er...
  
Es war noch früh, doch bei den Hes saßen bereits vier Patienten. Sie zog vier Silberjiao hervor, kaufte eine Nummernmarke, und als fünfte kam Bao'er an die Reihe. Meister He spreizte zwei Finger, um den Puls zu fühlen; seine Fingernägel waren gut vier Zoll lang. Die Vierte Schwägerin Shan staunte insgeheim und dachte bei sich: So sollte Bao'er doch noch zu retten sein. Aber die Angst ließ sie nicht los, und sie konnte sich nicht beherrschen zu fragen; stockend sagte sie:
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„Nehmen Sie erst einmal zwei Dosen ein.
  
»Herr Doktor — was für eine Krankheit hat mein Bao'er?«
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„Er kann nicht mehr atmen, seine Nasenflügel flattern!“
  
»Sein mittlerer Wärmeherd ist blockiert.«
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„Das ist Feuer, das Metall bezwingt...“
  
»Ist es schlimm? Er …«
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He Xiaoxian sprach seinen Satz nur halb zu Ende und schloss dann die Augen; die Witwe Shan Si traute sich nicht weiter zu fragen. Ein Mann von über dreißig, der He Xiaoxian gegenübersaß, hatte inzwischen ein Rezept fertig geschrieben und deutete auf einige Zeichen in der Ecke des Papiers:
  
»Erst einmal zwei Dosen einnehmen.«
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„Die erste Arznei, die ‘Bao-Ying-Huo-Ming-Pille’, gibt es nur im altehrwürdigen Laden ‘Jishi’ der Familie Jia!“
  
»Er bekommt keine Luft mehr, die Nasenflügel flattern schon.«
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Die Witwe Shan Si nahm das Rezept entgegen und überlegte im Gehen. So einfach sie war, sie wusste doch, dass das Haus He, der Laden Jishi und ihr eigenes Haus ein Dreieck bildeten; es war natürlich am günstigsten, die Arznei zu kaufen und dann nach Hause zu gehen. Also lief sie geradewegs zum Laden Jishi. Der Gehilfe hob ebenfalls seine langen Fingernägel, betrachtete langsam das Rezept und verpackte langsam die Medizin. Die Witwe Shan Si wartete mit Bao'er im Arm; da hob Bao'er plötzlich sein Händchen und riss kräftig an einer Strähne ihres zerzausten Haares — eine Geste, die es nie zuvor gegeben hatte. Die Witwe Shan Si erstarrte vor Angst.
  
»Das ist Feuer, das Metall unterdrückt …«
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Die Sonne war längst aufgegangen. Die Witwe Shan Si trug das Kind und das Arzneipäckchen, und je weiter sie ging, desto schwerer wurde beides; das Kind zappelte unablässig, und der Weg schien immer länger. Schließlich blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf die Türschwelle eines Herrenhauses am Wegrand zu setzen und ein wenig auszuruhen. Die Kleidung kühlte allmählich auf der Haut — da erst merkte sie, dass sie in Schweiß gebadet war; Bao'er hingegen schien eingeschlafen zu sein. Sie erhob sich wieder und ging langsam weiter, konnte sich aber kaum noch aufrecht halten, als sie plötzlich eine Stimme neben ihrem Ohr hörte:
  
Meister He sprach den Satz nur halb zu Ende und schloss dann die Augen. Die Vierte Schwägerin Shan wagte nicht weiter zu fragen. Ein etwa dreißigjähriger Mann, der Meister He gegenübersaß, hatte unterdessen ein Rezept fertig geschrieben und deutete auf einige Zeichen in der Ecke des Blatts:
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„Witwe Shan Si, ich trage dir das Kind!“ — Es klang wie die Stimme von Lanpi Awu.
  
»Die erste Zutat, die ›Wunderpille zum Schutz des Säuglings‹, gibt es nur im altehrwürdigen Laden Jishi der Familie Jia!«
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Sie blickte auf, und tatsächlich war es Lanpi Awu, der ihr mit verschlafenen Augen nachging.
  
Die Vierte Schwägerin Shan nahm das Rezept entgegen, und während sie ging, überlegte sie. Obwohl sie eine schlichte Frau war, wusste sie doch, dass das Haus der Hes, der Laden Jishi und ihr eigenes Heim ein Dreieck bildeten; es wäre am günstigsten, erst die Arznei zu kaufen und dann nach Hause zu gehen. Also lief sie geradewegs zum Laden Jishi. Auch der Ladengehilfe betrachtete mit hochgebogenen langen Fingernägeln bedächtig das Rezept und packte bedächtig die Arznei zusammen. Die Vierte Schwägerin Shan wartete mit Bao'er im Arm; da hob Bao'er plötzlich sein Händchen und zerrte mit aller Kraft an einer losen Strähne ihres Haares — etwas, das er noch nie getan hatte. Die Vierte Schwägerin Shan erstarrte vor Angst.
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Obwohl die Witwe Shan Si in diesem Augenblick sich nichts sehnlicher wünschte als einen himmlischen Helfer, so wollte sie doch nicht, dass es ausgerechnet Awu war. Aber Awu hatte etwas Ritterliches an sich und bestand immer darauf zu helfen; so lehnte sie eine Weile ab und gab schließlich nach. Er streckte die Arme aus, griff zwischen ihre Brust und das Kind hindurch und nahm es ihr ab. Die Witwe Shan Si spürte einen heißen Streifen auf der Brust, der ihr im Nu ins Gesicht und bis hinter die Ohren schoss.
  
Die Sonne war längst aufgegangen. Die Vierte Schwägerin Shan trug das Kind im Arm und das Arzneipäckchen bei sich; je weiter sie ging, desto schwerer schien ihr alles zu werden. Das Kind wand sich unaufhörlich, und der Weg kam ihr immer länger vor. Schließlich konnte sie nicht anders und setzte sich auf die Schwelle eines vornehmen Hauses am Wegesrand, um ein wenig auszuruhen. Ihre Kleider begannen kühl an der Haut zu kleben, und da erst merkte sie, dass sie am ganzen Leib in Schweiß gebadet war; Bao'er jedoch schien eingeschlafen zu sein. Als sie sich wieder erhob und langsam weiterging, konnte sie sich dennoch kaum aufrecht halten, da hörte sie plötzlich jemanden sagen:
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Sie gingen nebeneinander mit gut zwei Fuß Abstand. Awu sagte dies und das, doch die Witwe Shan Si antwortete kaum. Nach kurzem Weg gab Awu ihr das Kind zurück und sagte, er habe sich gestern mit Freunden zum Essen verabredet; die Witwe Shan Si nahm das Kind wieder. Zum Glück war es nicht mehr weit bis nach Hause; sie sah schon von weitem Frau Wang Jiu gegenüber am Straßenrand sitzen, die ihr zurief:
  
»Vierte Schwägerin Shan, ich trage dir den Kleinen!« Es klang wie die Stimme des Blauhäutigen Ah Wu.
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„Witwe Shan Si, was ist mit dem Kind? — Warst du beim Doktor?“
  
Sie blickte auf — und es war tatsächlich der Blauhäutige Ah Wu, der ihr mit verschlafenen Augen folgte.
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„Ja, ich war dort. — Frau Wang Jiu, Sie sind erfahren und haben viel gesehen; wären Sie so freundlich, einmal nachzuschauen, wie es steht...
  
Die Vierte Schwägerin Shan hätte sich zu diesem Zeitpunkt zwar gewünscht, ein Himmelskrieger möge ihr beistehen, doch Ah Wu wollte sie nicht. Aber Ah Wu hatte etwas Ritterliches an sich und bestand unbedingt auf seiner Hilfe, und so gab sie nach kurzem Sträuben nach. Er streckte seinen Arm aus, schob ihn zwischen der Brust der Vierten Schwägerin Shan und dem Kind hindurch und nahm ihr das Kind ab. Die Vierte Schwägerin Shan spürte sogleich eine heiße Spur auf ihrer Brust, und im Nu breitete sich die Hitze bis ins Gesicht und hinter die Ohren aus.
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„Hm...
  
Die beiden gingen in einem Abstand von gut zweieinhalb Fuß nebeneinander her. Ah Wu redete allerlei, aber die Vierte Schwägerin Shan antwortete größtenteils nicht. Bald darauf gab Ah Wu das Kind zurück, weil die Stunde herangekommen sei, zu der er gestern mit Freunden zum Essen verabredet war; die Vierte Schwägerin Shan nahm das Kind entgegen. Zum Glück war es nicht mehr weit bis nach Hause, und sie sah schon von weitem die Alte Wang, die Neunte, am Straßenrand gegenüber sitzen und ihr zurufen:
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„Wie steht es...?“
  
»Vierte Schwägerin Shan, was ist mit dem Kind? — Warst du beim Doktor?«
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„Hm...“ Frau Wang Jiu betrachtete das Kind eine Weile, nickte zweimal und schüttelte zweimal den Kopf.
  
»Ja, ich war beim Doktor. — Alte Wang, du bist schon bei Jahren und hast viel gesehen; wärst du so gut, mit deinem kundigen Auge einen Blick darauf zu werfen, ob …«
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Erst am Nachmittag hatte Bao'er die Arznei eingenommen. Die Witwe Shan Si beobachtete aufmerksam seinen Zustand, der sich etwas beruhigt zu haben schien. Am späteren Nachmittag öffnete er plötzlich die Augen, rief einmal „Mama!“ und schloss die Augen wieder, als schliefe er ein. Nach einem kurzen Schlummer traten auf seiner Stirn und Nasenspitze Schweißperlen hervor; die Witwe Shan Si berührte sie leicht — sie klebten wie Leim an der Hand. Hastig griff sie nach seiner Brust und konnte ein Schluchzen nicht mehr unterdrücken.
  
»Hm …«
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Bao'ers Atem ging von gleichmäßig zu gar nicht mehr, und die Stimme der Witwe Shan Si wandelte sich vom Schluchzen zum Wehklagen. Nun versammelten sich Grüppchen: drinnen waren Frau Wang Jiu, Lanpi Awu und andere; draußen der Wirt der Xianheng-Schenke und der rotnasige alte Gong. Frau Wang Jiu übernahm das Kommando: Sie verbrannte eine Schnur Papiergeld und verpfändete zwei Bänke und fünf Kleidungsstücke, um für die Witwe Shan Si zwei silberne Dollarmünzen zu borgen und den Helfern eine Mahlzeit zu bereiten.
  
»Was meinst du …?«
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Die erste Frage war der Sarg. Die Witwe Shan Si besass noch ein Paar silberne Ohrringe und eine vergoldete Silbernadel; beides übergab sie dem Wirt der Xianheng-Schenke und bat ihn, als Bürge aufzutreten, um halb bar, halb auf Kredit einen Sarg zu kaufen. Lanpi Awu streckte ebenfalls die Hand aus und wollte sich freiwillig melden; doch Frau Wang Jiu ließ ihn nicht, erlaubte ihm nur, morgen beim Tragen des Sarges zu helfen. Awu schimpfte „altes Biest“ und stand schmollend mit vorgeschobenem Kinn da. Der Wirt ging also selbst; am Abend kam er zurück und sagte, der Sarg müsse erst angefertigt werden und werde erst in der zweiten Nachthälfte fertig.
  
»Hm …« Die Alte Wang musterte das Kind eine Weile, nickte zweimal und schüttelte zweimal den Kopf.
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Als der Wirt zurückkam, hatten die Helfer längst gegessen; und da in Lu noch einige alte Sitten herrschten, gingen noch vor der ersten Nachtwache alle nach Hause zum Schlafen. Nur Awu lehnte noch an der Theke der Xianheng-Schenke und trank, und der alte Gong summte vor sich hin.
  
Als Bao'er die Arznei eingenommen hatte, war es schon Nachmittag. Die Vierte Schwägerin Shan beobachtete ihn aufmerksam — er schien sich ein wenig beruhigt zu haben. Doch am späteren Nachmittag schlug er plötzlich die Augen auf, rief »Mama!« und schloss die Augen wieder, als wäre er eingeschlafen. Er schlief eine Weile; dann traten auf seiner Stirn und der Nasenspitze Schweißperlen hervor. Die Vierte Schwägerin Shan berührte sie sacht — sie klebten wie Leim an den Fingern. Hastig griff sie nach seiner Brust und konnte ein Schluchzen nicht mehr unterdrücken.
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Jetzt saß die Witwe Shan Si weinend am Bettrand; Bao'er lag auf dem Bett, das Spinnrad stand still auf dem Boden. Nach langer Zeit versiegten ihre Tränen. Sie riss die Augen weit auf, sah sich um und fand alles sonderbar: All dies konnte doch unmöglich wahr sein. Sie dachte bei sich: Es ist nur ein Traum, das alles ist bloß ein Traum. Morgen, wenn sie aufwacht, liegt sie wohlbehalten im Bett, und Bao'er schläft friedlich neben ihr. Und er wacht auch auf, ruft „Mama“ und springt quietschvergnügt davon zum Spielen.
  
Bao'ers Atem wurde ruhiger und ruhiger, bis er erlosch; die Stimme der Vierten Schwägerin Shan stieg vom Schluchzen zum lauten Wehklagen. Da sammelten sich Grüppchen von Menschen: drinnen die Alte Wang, die Neunte, der Blauhäutige Ah Wu und ihresgleichen; draußen der Wirt der Xianheng-Schenke und der Rotnasige Laogong mit seinesgleichen. Die Alte Wang übernahm das Kommando und ließ eine Schnur Papiergeld verbrennen. Dann setzte sie zwei Holzbänke und fünf Kleidungsstücke als Pfand und borgte für die Vierte Schwägerin Shan zwei Silberdollar, um den Helfern eine Mahlzeit zuzubereiten.
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Das Singen des alten Gong war längst verstummt, auch in der Xianheng-Schenke war das Licht gelöscht. Die Witwe Shan Si starrte mit offenen Augen und wollte an nichts von alledem glauben. — Der Hahn krähte; der Osten wurde allmählich hell, und silberweißes Morgenlicht drang durch die Fensterritzen.
  
Die erste Frage war der Sarg. Die Vierte Schwägerin Shan besaß noch ein Paar silberne Ohrringe und eine vergoldete Silbernadel; beides übergab sie dem Wirt der Xianheng-Schenke und bat ihn, als Bürge aufzutreten, um einen Sarg halb bar und halb auf Kredit zu kaufen. Der Blauhäutige Ah Wu streckte ebenfalls die Hand aus und bot sich eifrig an; die Alte Wang ließ es jedoch nicht zu und wies ihm lediglich den Dienst zu, am nächsten Tag den Sarg zu tragen. Ah Wu fluchte »altes Vieh«, schob die Lippen vor und stand misslaunig herum. Der Wirt ging also selbst; abends kam er zurück und berichtete, der Sarg müsse eigens angefertigt werden und werde erst in der zweiten Nachthälfte fertig.
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Das Silberweiß der Dämmerung wich allmählich einem Rosarot, dann fiel das Sonnenlicht auf den Dachfirst. Die Witwe Shan Si starrte mit offenen Augen, reglos dasitzend; als sie ein Klopfen an der Tür hörte, fuhr sie erschrocken zusammen und lief hinaus, um zu öffnen. Draußen stand ein Unbekannter, der etwas auf dem Rücken trug; hinter ihm stand Frau Wang Jiu.
 
 
Als der Wirt zurückkam, hatten die Helfer längst gegessen; da in Luzhen noch ein Stück alter Sitte fortlebte, gingen sie vor der ersten Nachtwache alle nach Hause schlafen. Nur Ah Wu lehnte noch an der Theke der Xianheng-Schenke und trank Wein, und Laogong brummte sein Lied.
 
 
 
Zu dieser Stunde saß die Vierte Schwägerin Shan weinend auf der Bettkante; Bao'er lag auf dem Bett, und das Spinnrad stand still auf dem Boden. Lange Zeit flossen ihre Tränen, bis sie erschöpft waren. Sie riss die Augen weit auf, sah sich nach allen Seiten um und fand alles seltsam: Nichts von dem, was geschehen war, hätte geschehen dürfen. Sie rechnete bei sich: Das war sicher nur ein Traum gewesen, all das nichts als ein Traum. Morgen würde sie aufwachen und friedlich in ihrem Bett liegen, Bao'er neben ihr, auch er friedlich schlafend. Und er würde auch aufwachen, »Mama!« rufen und wie ein junger Drache davonspringen und spielen.
 
 
 
Laogongs Gesang war längst verstummt, und auch in der Xianheng-Schenke war das Licht erloschen. Die Vierte Schwägerin Shan starrte mit weit offenen Augen und weigerte sich zu glauben, was geschehen war. — Dann krähte der Hahn; der Osten wurde allmählich blass, und durch die Fensterritzen drang silberweißes Morgenlicht.
 
 
 
Das silberweiße Morgenrot wurde allmählich rosig, und das Sonnenlicht fiel auf den Dachfirst. Die Vierte Schwägerin Shan starrte mit offenen Augen und saß wie betäubt; erst als ein Klopfen an der Tür ertönte, fuhr sie zusammen und lief hinaus, um zu öffnen. Draußen stand ein Fremder mit einem Gegenstand auf dem Rücken; dahinter die Alte Wang.
 
  
 
Ach — sie hatten den Sarg gebracht.
 
Ach — sie hatten den Sarg gebracht.
  
Am Nachmittag erst konnte der Sargdeckel geschlossen werden: Denn die Vierte Schwägerin Shan weinte eine Runde, schaute eine Runde und wollte sich schlechterdings nicht damit abfinden, dass der Deckel geschlossen wurde; glücklicherweise verlor die Alte Wang die Geduld, stürmte wütend herbei, zerrte sie beiseite, und mit vereinten Kräften wurde der Deckel endlich aufgesetzt.
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Erst am Nachmittag wurde der Sargdeckel aufgelegt: Denn die Witwe Shan Si weinte und schaute, weinte und schaute, und wollte sich partout nicht dazu durchringen, ihn schließen zu lassen. Zum Glück verlor Frau Wang Jiu schließlich die Geduld, lief wütend herzu, zerrte sie beiseite, und dann wurde der Deckel im Handumdrehen aufgesetzt.
  
Doch die Vierte Schwägerin Shan hatte ihrem Bao'er wahrhaftig alles getan, was in ihrer Macht stand, und nichts war versäumt. Gestern hatte sie eine Schnur Papiergeld verbrannt, heute Morgen neunundvierzig Rollen des »Großen Mitleids-Dharani«; beim Einsargen zog sie ihm die allerneusten Kleider an, und sein liebstes Spielzeug — eine Tonfigur, zwei kleine Holzschälchen und zwei Glasfläschchen — legte sie ihm neben das Kopfkissen. Hinterher rechnete die Alte Wang an den Fingern nach und nach, konnte aber auch nicht das Geringste finden, was noch fehlte.
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Doch die Witwe Shan Si hatte für ihren Bao'er wirklich alles getan, was sie konnte; es gab nichts mehr, was fehlte. Tags zuvor hatte sie eine Schnur Papiergeld verbrannt, am Vormittag neunundvierzig Rollen des „Großen Mitleidsgebets“; bei der Aufbahrung hatte sie ihm die allerneuesten Kleider angezogen, und seine Lieblingssachen — eine Tonfigur, zwei kleine Holzschüsselchen, zwei Glasfläschchen — waren alle neben sein Kopfkissen gelegt worden. Als Frau Wang Jiu an den Fingern abzählend alles genau überdachte, fiel auch ihr am Ende kein Mangel mehr ein.
  
Den ganzen Tag über ließ sich der Blauhäutige Ah Wu nicht blicken. Der Wirt der Xianheng-Schenke besorgte deshalb für die Vierte Schwägerin Shan zwei Träger, jeder für zweihundertzehn große Kupfermünzen, die den Sarg zum Armenfriedhof trugen. Die Alte Wang half ihr noch Reis kochen; jeder, der mit Hand oder Wort geholfen hatte, bekam sein Essen. Die Sonne nahm allmählich die Farbe des Untergangs an; die Gesättigten zeigten unmerklich ebenfalls eine Stimmung des Aufbruchs — und so gingen sie schließlich alle nach Hause.
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An diesem Tag war Lanpi Awu tatsächlich den ganzen Tag nicht erschienen; der Wirt der Xianheng-Schenke heuerte also für die Witwe Shan Si zwei Sargträger an, zweihundertundzehn große Kupfermünzen pro Mann, um den Sarg zum Armenfriedhof zu tragen. Frau Wang Jiu kochte noch Reis, und jeder, der Hand angelegt oder ein Wort gesagt hatte, aß mit. Die Sonne neigte sich allmählich zum Untergang; und die Gesättigten ließen unmerklich erkennen, dass sie nach Hause wollten — und so gingen sie schließlich alle heim.
  
Die Vierte Schwägerin Shan fühlte sich schwindlig; sie ruhte sich ein Weilchen aus und kam ein wenig zur Ruhe. Doch sogleich befiel sie ein Gefühl der Fremdheit: Etwas war geschehen, das in ihrem ganzen Leben nie hätte geschehen dürfen, das es gar nicht geben konnte — und doch war es geschehen. Je mehr sie darüber nachdachte, desto unbegreiflicher wurde es, und dann empfand sie noch etwas anderes, das seltsam war das Haus war auf einmal viel zu still.
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Der Witwe Shan Si war sehr schwindelig; nach einer Weile Ruhe fühlte sie sich tatsächlich etwas gefasster. Doch dann überkam sie ein seltsames Gefühl: Ihr war etwas begegnet, das sie in ihrem ganzen Leben nie erlebt hatte, etwas, das es gar nicht geben konnte — und das doch eingetreten war. Je mehr sie darüber nachdachte, desto fremder wurde es, und sie bemerkte noch etwas Seltsames dieses Haus war auf einmal viel zu still.
  
Sie stand auf und zündete die Lampe an; das Haus schien nur noch stiller. Benommen ging sie hin und schloss die Tür, setzte sich wieder auf die Bettkante; das Spinnrad stand still auf dem Boden. Sie versuchte sich zu sammeln, blickte nach allen Seiten und fühlte sich noch unbehaglicher: Das Haus war nicht nur zu still, sondern auch zu groß, und die Dinge darin zu leer. Das zu große Haus umschloss sie von allen Seiten, die zu leeren Dinge drückten von allen Seiten auf sie, so dass sie kaum atmen konnte.
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Sie stand auf und zündete die Lampe an das machte die Stille nur deutlicher. Benommen ging sie zur Tür und schloss sie, kam zurück und setzte sich an den Bettrand; das Spinnrad stand still auf dem Boden. Sie sammelte ihre Gedanken und blickte sich um, doch sie konnte weder sitzen noch stehen: Das Haus war nicht nur zu still, es war auch zu groß, und die Dinge waren zu leer. Das zu große Haus umschloss sie von allen Seiten, die zu leeren Dinge drückten von allen Seiten auf sie, sodass sie kaum atmen konnte.
  
Nun wusste sie, dass ihr Bao'er wirklich gestorben war. Sie wollte dieses Haus nicht mehr sehen, blies die Lampe aus und legte sich hin. Weinend dachte sie zurück: wie sie am Spinnrad gesessen und Bao'er neben ihr Fenchelkerne gegessen hatte; wie er mit seinen kleinen schwarzen Augen einen Augenblick lang nachgedacht und dann gesagt hatte: »Mama! Papa hat Wantan verkauft wenn ich groß bin, verkaufe ich auch Wantan, ganz viel Geld verdiene ich — und gebe dir alles.« Damals, ja damals hatte selbst das gesponnene Garn, Zoll für Zoll, Sinn und Leben gehabt. Aber jetzt? Was jetzt sein sollte, davon hatte die Vierte Schwägerin Shan keine Vorstellung. — Ich habe es ja schon gesagt: Sie war eine schlichte Frau. Was hätte sie auch denken können? Sie empfand nur, dass das Haus zu still war, zu groß und zu leer.
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Nun wusste sie, dass ihr Bao'er wirklich tot war. Sie wollte dieses Haus nicht mehr sehen, löschte die Lampe und legte sich hin. Weinend und grübelnd zugleich dachte sie an die Zeit, als sie Baumwolle spann und Bao'er neben ihr saß und Fenchelbohnen aß, sie mit seinen kleinen schwarzen Augen anstarrte, einen Moment nachdachte und dann sagte: „Mama! Papa hat Wantan verkauft; wenn ich groß bin, verkaufe ich auch Wantan und verdiene ganz, ganz viel Geld — und alles gebe ich dir.Damals schien wirklich jeder Zoll des gesponnenen Garns Bedeutung zu haben, jeder Zoll lebendig zu sein. Aber jetzt? An die Gegenwart hatte die Witwe Shan Si wirklich keinen Gedanken. — Ich habe es ja schon gesagt: Sie war eine einfache Frau. Was hätte sie auch denken sollen? Sie empfand nur, dass dieses Haus zu still, zu groß, zu leer war.
  
Doch obwohl die Vierte Schwägerin Shan schlicht war, wusste sie doch, dass die Toten nicht wiederkehren, und dass sie ihren Bao'er wahrhaftig nie mehr sehen würde. Sie seufzte und murmelte vor sich hin: »Bao'er, du solltest doch noch hier sein; erscheine mir wenigstens im Traum.« Dann schloss sie die Augen und wollte rasch einschlafen, um Bao'er wiederzusehen; doch ihr mühsames Atmen hallte durch die Stille, die Weite und die Leere, und sie hörte es nur allzu deutlich.
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Doch so einfältig die Witwe Shan Si war, sie wusste, dass die Toten nicht wiederkehren, und dass sie ihren Bao'er wirklich nie mehr sehen würde. Mit einem Seufzer murmelte sie vor sich hin: „Bao'er, du solltest doch noch hier sein; dann lass mich dich wenigstens im Traum sehen.“ Sie schloss die Augen und wollte schnell einschlafen, um ihrem Bao'er zu begegnen; ihr mühsames Atmen durchdrang die Stille, die Weite und die Leere, und sie hörte es deutlich selbst.
  
Endlich glitt die Vierte Schwägerin Shan in einen dämmrigen Schlummer, und es wurde ganz still im Haus. Der Rotnasige Laogong hatte sein Liedchen längst zu Ende gesungen; torkelnd kam er aus der Xianheng-Schenke und hob seine Stimme zu einem schrillen Gesang:
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Endlich dämmerte die Witwe Shan Si in den Schlaf hinüber; das ganze Haus war still. Da war auch das Liedchen des rotnasigen alten Gong längst verklungen; taumelnd war er aus der Xianheng-Schenke gestolpert, hob nun aber noch einmal die Stimme und sang:
  
»Ach mein Herzblatt! — Du Ärmste so einsam und allein …«
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„Oh, mein Liebster! — Du Ärmster, ganz allein...“
  
Der Blauhäutige Ah Wu packte Laogong an der Schulter, und die beiden wankten lachend und sich aneinander drängend davon.
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Lanpi Awu griff dem alten Gong an die Schulter, und die beiden torkelten lachend und aneinander drängend davon.
  
Die Vierte Schwägerin Shan schlief längst; die Laogongs waren gegangen, die Xianheng hatte ihre Türen geschlossen. Luzhen lag nun ganz in Stille. Nur die dunkle Nacht mühte sich ab, morgen zu werden, und rannte doch immerfort durch diese Stille hin; und einige Hunde, in der Finsternis verborgen, heulten dumpf vor sich hin.
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Die Witwe Shan Si schlief längst; der alte Gong und die anderen waren gegangen; die Xianheng-Schenke hatte geschlossen. Nun lag das Städtchen Lu vollkommen in Stille da. Nur die dunkle Nacht mühte sich, zum Morgen zu werden, und hastete doch weiter durch diese Stille; und ein paar Hunde wimmerten im Verborgenen.
  
 
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Latest revision as of 08:40, 27 March 2026

Morgen

(明天)

Aus der Sammlung Aufruf zu den Waffen (《呐喝》)

Autor: Lu Xun (鲁迅)


Das Städtchen Lu war von jeher ein stiller Ort mit einigen alten Sitten: Noch vor der ersten Nachtwache schlossen alle die Türen und gingen schlafen. In tiefer Nacht gab es nur zwei Häuser, die noch wach waren: das eine war die Xianheng-Schenke, wo einige Zechkumpane an der Theke saßen und sich fröhlich betranken; das andere war gleich nebenan das Haus der Witwe Shan Si, die, seit sie vor zwei Jahren ihren Mann verloren hatte, allein auf ihre eigenen Hände angewiesen war, um Baumwollgarn zu spinnen und sich und ihren dreijährigen Sohn zu ernähren — deshalb ging sie ebenfalls spät schlafen.

In diesen Tagen war tatsächlich kein Spinnrad mehr zu hören gewesen. Aber da in tiefer Nacht nur zwei Häuser wach waren, hörten naturgemäß nur der alte Gong und seine Kumpane, ob es bei der Witwe Shan Si Geräusche gab oder nicht.

Der alte Gong hatte gerade Prügel bezogen, trank aber, als wäre es ihm ein Vergnügen, einen großen Schluck Wein und begann summend ein Liedchen zu singen.

Zu dieser Stunde saß die Witwe Shan Si mit ihrem Bao'er im Arm am Bettrand, das Spinnrad stand still auf dem Boden. Im trüben Lampenlicht schimmerte Bao'ers Gesicht rötlich mit einem Hauch von Blau. Sie rechnete in Gedanken: Orakellose hatte sie schon gezogen, Gelübde hatte sie schon abgelegt, Hausmittel hatte sie schon verabreicht — wenn das alles nichts half, was sollte sie tun? Es blieb nur, den Doktor He Xiaoxian aufzusuchen. Aber vielleicht war es bei Bao'er tagsüber leichter und nachts schwerer; wenn morgen die Sonne aufging, würde das Fieber wohl sinken und das Keuchen sich legen — so war es bei Kranken ja oft.

Die Witwe Shan Si war eine einfache Frau und verstand nicht, wie furchtbar dieses Wort „aber“ sein konnte: Gewiss hatte es schon manches Unheil zum Guten gewendet, doch ebenso hatte es manches Gute zunichtegemacht. Die Sommernächte waren kurz; kaum hatte der alte Gong sein Lied zu Ende gesummt, da wurde es im Osten schon hell, und bald drang silberweißes Morgenlicht durch die Fensterritzen.

Die Witwe Shan Si wartete auf den Morgen, doch ihr fiel das nicht so leicht wie anderen — sie empfand es als quälend langsam; jeder Atemzug Bao'ers schien ihr länger als ein Jahr. Nun war es tatsächlich hell geworden; das Tageslicht überwand das Lampenlicht — und sie sah, dass Bao'ers Nasenflügel bereits auf und ab flatterten.

Die Witwe Shan Si erkannte, dass es schlecht stand, und stieß leise ein „Ach!“ aus. In Gedanken überlegte sie: Was tun? Es gab nur einen Weg — den Doktor He Xiaoxian aufzusuchen. So einfältig sie war, sie konnte sich entscheiden. Sie stand auf, holte aus der Holztruhe die dreizehn kleinen Silbermünzen und hundertachtzig Kupferstücke heraus, die sie Tag für Tag zusammengespart hatte, steckte alles in ihre Tasche, schloss die Tür ab und rannte mit Bao'er im Arm geradewegs zum Hause He.

Es war noch früh am Morgen, doch bei He saßen schon vier Patienten. Sie kramte vier Jiao heraus, kaufte eine Nummernmarke, und als fünftes kam Bao'er an die Reihe. He Xiaoxian spreizte zwei Finger zum Pulsfühlen; seine Fingernägel waren gut vier Zoll lang. Die Witwe Shan Si staunte insgeheim und dachte: Bao'er müsste wohl zu retten sein. Doch vor Sorge konnte sie sich nicht zurückhalten und fragte schüchtern:

„Herr Doktor — was für eine Krankheit hat mein Bao'er?“

„Sein mittlerer Erwärmer ist blockiert.“

„Ist es schlimm? Er...“

„Nehmen Sie erst einmal zwei Dosen ein.“

„Er kann nicht mehr atmen, seine Nasenflügel flattern!“

„Das ist Feuer, das Metall bezwingt...“

He Xiaoxian sprach seinen Satz nur halb zu Ende und schloss dann die Augen; die Witwe Shan Si traute sich nicht weiter zu fragen. Ein Mann von über dreißig, der He Xiaoxian gegenübersaß, hatte inzwischen ein Rezept fertig geschrieben und deutete auf einige Zeichen in der Ecke des Papiers:

„Die erste Arznei, die ‘Bao-Ying-Huo-Ming-Pille’, gibt es nur im altehrwürdigen Laden ‘Jishi’ der Familie Jia!“

Die Witwe Shan Si nahm das Rezept entgegen und überlegte im Gehen. So einfach sie war, sie wusste doch, dass das Haus He, der Laden Jishi und ihr eigenes Haus ein Dreieck bildeten; es war natürlich am günstigsten, die Arznei zu kaufen und dann nach Hause zu gehen. Also lief sie geradewegs zum Laden Jishi. Der Gehilfe hob ebenfalls seine langen Fingernägel, betrachtete langsam das Rezept und verpackte langsam die Medizin. Die Witwe Shan Si wartete mit Bao'er im Arm; da hob Bao'er plötzlich sein Händchen und riss kräftig an einer Strähne ihres zerzausten Haares — eine Geste, die es nie zuvor gegeben hatte. Die Witwe Shan Si erstarrte vor Angst.

Die Sonne war längst aufgegangen. Die Witwe Shan Si trug das Kind und das Arzneipäckchen, und je weiter sie ging, desto schwerer wurde beides; das Kind zappelte unablässig, und der Weg schien immer länger. Schließlich blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf die Türschwelle eines Herrenhauses am Wegrand zu setzen und ein wenig auszuruhen. Die Kleidung kühlte allmählich auf der Haut — da erst merkte sie, dass sie in Schweiß gebadet war; Bao'er hingegen schien eingeschlafen zu sein. Sie erhob sich wieder und ging langsam weiter, konnte sich aber kaum noch aufrecht halten, als sie plötzlich eine Stimme neben ihrem Ohr hörte:

„Witwe Shan Si, ich trage dir das Kind!“ — Es klang wie die Stimme von Lanpi Awu.

Sie blickte auf, und tatsächlich war es Lanpi Awu, der ihr mit verschlafenen Augen nachging.

Obwohl die Witwe Shan Si in diesem Augenblick sich nichts sehnlicher wünschte als einen himmlischen Helfer, so wollte sie doch nicht, dass es ausgerechnet Awu war. Aber Awu hatte etwas Ritterliches an sich und bestand immer darauf zu helfen; so lehnte sie eine Weile ab und gab schließlich nach. Er streckte die Arme aus, griff zwischen ihre Brust und das Kind hindurch und nahm es ihr ab. Die Witwe Shan Si spürte einen heißen Streifen auf der Brust, der ihr im Nu ins Gesicht und bis hinter die Ohren schoss.

Sie gingen nebeneinander mit gut zwei Fuß Abstand. Awu sagte dies und das, doch die Witwe Shan Si antwortete kaum. Nach kurzem Weg gab Awu ihr das Kind zurück und sagte, er habe sich gestern mit Freunden zum Essen verabredet; die Witwe Shan Si nahm das Kind wieder. Zum Glück war es nicht mehr weit bis nach Hause; sie sah schon von weitem Frau Wang Jiu gegenüber am Straßenrand sitzen, die ihr zurief:

„Witwe Shan Si, was ist mit dem Kind? — Warst du beim Doktor?“

„Ja, ich war dort. — Frau Wang Jiu, Sie sind erfahren und haben viel gesehen; wären Sie so freundlich, einmal nachzuschauen, wie es steht...“

„Hm...“

„Wie steht es...?“

„Hm...“ Frau Wang Jiu betrachtete das Kind eine Weile, nickte zweimal und schüttelte zweimal den Kopf.

Erst am Nachmittag hatte Bao'er die Arznei eingenommen. Die Witwe Shan Si beobachtete aufmerksam seinen Zustand, der sich etwas beruhigt zu haben schien. Am späteren Nachmittag öffnete er plötzlich die Augen, rief einmal „Mama!“ und schloss die Augen wieder, als schliefe er ein. Nach einem kurzen Schlummer traten auf seiner Stirn und Nasenspitze Schweißperlen hervor; die Witwe Shan Si berührte sie leicht — sie klebten wie Leim an der Hand. Hastig griff sie nach seiner Brust und konnte ein Schluchzen nicht mehr unterdrücken.

Bao'ers Atem ging von gleichmäßig zu gar nicht mehr, und die Stimme der Witwe Shan Si wandelte sich vom Schluchzen zum Wehklagen. Nun versammelten sich Grüppchen: drinnen waren Frau Wang Jiu, Lanpi Awu und andere; draußen der Wirt der Xianheng-Schenke und der rotnasige alte Gong. Frau Wang Jiu übernahm das Kommando: Sie verbrannte eine Schnur Papiergeld und verpfändete zwei Bänke und fünf Kleidungsstücke, um für die Witwe Shan Si zwei silberne Dollarmünzen zu borgen und den Helfern eine Mahlzeit zu bereiten.

Die erste Frage war der Sarg. Die Witwe Shan Si besass noch ein Paar silberne Ohrringe und eine vergoldete Silbernadel; beides übergab sie dem Wirt der Xianheng-Schenke und bat ihn, als Bürge aufzutreten, um halb bar, halb auf Kredit einen Sarg zu kaufen. Lanpi Awu streckte ebenfalls die Hand aus und wollte sich freiwillig melden; doch Frau Wang Jiu ließ ihn nicht, erlaubte ihm nur, morgen beim Tragen des Sarges zu helfen. Awu schimpfte „altes Biest“ und stand schmollend mit vorgeschobenem Kinn da. Der Wirt ging also selbst; am Abend kam er zurück und sagte, der Sarg müsse erst angefertigt werden und werde erst in der zweiten Nachthälfte fertig.

Als der Wirt zurückkam, hatten die Helfer längst gegessen; und da in Lu noch einige alte Sitten herrschten, gingen noch vor der ersten Nachtwache alle nach Hause zum Schlafen. Nur Awu lehnte noch an der Theke der Xianheng-Schenke und trank, und der alte Gong summte vor sich hin.

Jetzt saß die Witwe Shan Si weinend am Bettrand; Bao'er lag auf dem Bett, das Spinnrad stand still auf dem Boden. Nach langer Zeit versiegten ihre Tränen. Sie riss die Augen weit auf, sah sich um und fand alles sonderbar: All dies konnte doch unmöglich wahr sein. Sie dachte bei sich: Es ist nur ein Traum, das alles ist bloß ein Traum. Morgen, wenn sie aufwacht, liegt sie wohlbehalten im Bett, und Bao'er schläft friedlich neben ihr. Und er wacht auch auf, ruft „Mama“ und springt quietschvergnügt davon zum Spielen.

Das Singen des alten Gong war längst verstummt, auch in der Xianheng-Schenke war das Licht gelöscht. Die Witwe Shan Si starrte mit offenen Augen und wollte an nichts von alledem glauben. — Der Hahn krähte; der Osten wurde allmählich hell, und silberweißes Morgenlicht drang durch die Fensterritzen.

Das Silberweiß der Dämmerung wich allmählich einem Rosarot, dann fiel das Sonnenlicht auf den Dachfirst. Die Witwe Shan Si starrte mit offenen Augen, reglos dasitzend; als sie ein Klopfen an der Tür hörte, fuhr sie erschrocken zusammen und lief hinaus, um zu öffnen. Draußen stand ein Unbekannter, der etwas auf dem Rücken trug; hinter ihm stand Frau Wang Jiu.

Ach — sie hatten den Sarg gebracht.

Erst am Nachmittag wurde der Sargdeckel aufgelegt: Denn die Witwe Shan Si weinte und schaute, weinte und schaute, und wollte sich partout nicht dazu durchringen, ihn schließen zu lassen. Zum Glück verlor Frau Wang Jiu schließlich die Geduld, lief wütend herzu, zerrte sie beiseite, und dann wurde der Deckel im Handumdrehen aufgesetzt.

Doch die Witwe Shan Si hatte für ihren Bao'er wirklich alles getan, was sie konnte; es gab nichts mehr, was fehlte. Tags zuvor hatte sie eine Schnur Papiergeld verbrannt, am Vormittag neunundvierzig Rollen des „Großen Mitleidsgebets“; bei der Aufbahrung hatte sie ihm die allerneuesten Kleider angezogen, und seine Lieblingssachen — eine Tonfigur, zwei kleine Holzschüsselchen, zwei Glasfläschchen — waren alle neben sein Kopfkissen gelegt worden. Als Frau Wang Jiu an den Fingern abzählend alles genau überdachte, fiel auch ihr am Ende kein Mangel mehr ein.

An diesem Tag war Lanpi Awu tatsächlich den ganzen Tag nicht erschienen; der Wirt der Xianheng-Schenke heuerte also für die Witwe Shan Si zwei Sargträger an, zweihundertundzehn große Kupfermünzen pro Mann, um den Sarg zum Armenfriedhof zu tragen. Frau Wang Jiu kochte noch Reis, und jeder, der Hand angelegt oder ein Wort gesagt hatte, aß mit. Die Sonne neigte sich allmählich zum Untergang; und die Gesättigten ließen unmerklich erkennen, dass sie nach Hause wollten — und so gingen sie schließlich alle heim.

Der Witwe Shan Si war sehr schwindelig; nach einer Weile Ruhe fühlte sie sich tatsächlich etwas gefasster. Doch dann überkam sie ein seltsames Gefühl: Ihr war etwas begegnet, das sie in ihrem ganzen Leben nie erlebt hatte, etwas, das es gar nicht geben konnte — und das doch eingetreten war. Je mehr sie darüber nachdachte, desto fremder wurde es, und sie bemerkte noch etwas Seltsames — dieses Haus war auf einmal viel zu still.

Sie stand auf und zündete die Lampe an — das machte die Stille nur deutlicher. Benommen ging sie zur Tür und schloss sie, kam zurück und setzte sich an den Bettrand; das Spinnrad stand still auf dem Boden. Sie sammelte ihre Gedanken und blickte sich um, doch sie konnte weder sitzen noch stehen: Das Haus war nicht nur zu still, es war auch zu groß, und die Dinge waren zu leer. Das zu große Haus umschloss sie von allen Seiten, die zu leeren Dinge drückten von allen Seiten auf sie, sodass sie kaum atmen konnte.

Nun wusste sie, dass ihr Bao'er wirklich tot war. Sie wollte dieses Haus nicht mehr sehen, löschte die Lampe und legte sich hin. Weinend und grübelnd zugleich dachte sie an die Zeit, als sie Baumwolle spann und Bao'er neben ihr saß und Fenchelbohnen aß, sie mit seinen kleinen schwarzen Augen anstarrte, einen Moment nachdachte und dann sagte: „Mama! Papa hat Wantan verkauft; wenn ich groß bin, verkaufe ich auch Wantan und verdiene ganz, ganz viel Geld — und alles gebe ich dir.“ Damals schien wirklich jeder Zoll des gesponnenen Garns Bedeutung zu haben, jeder Zoll lebendig zu sein. Aber jetzt? An die Gegenwart hatte die Witwe Shan Si wirklich keinen Gedanken. — Ich habe es ja schon gesagt: Sie war eine einfache Frau. Was hätte sie auch denken sollen? Sie empfand nur, dass dieses Haus zu still, zu groß, zu leer war.

Doch so einfältig die Witwe Shan Si war, sie wusste, dass die Toten nicht wiederkehren, und dass sie ihren Bao'er wirklich nie mehr sehen würde. Mit einem Seufzer murmelte sie vor sich hin: „Bao'er, du solltest doch noch hier sein; dann lass mich dich wenigstens im Traum sehen.“ Sie schloss die Augen und wollte schnell einschlafen, um ihrem Bao'er zu begegnen; ihr mühsames Atmen durchdrang die Stille, die Weite und die Leere, und sie hörte es deutlich selbst.

Endlich dämmerte die Witwe Shan Si in den Schlaf hinüber; das ganze Haus war still. Da war auch das Liedchen des rotnasigen alten Gong längst verklungen; taumelnd war er aus der Xianheng-Schenke gestolpert, hob nun aber noch einmal die Stimme und sang:

„Oh, mein Liebster! — Du Ärmster, — ganz allein...“

Lanpi Awu griff dem alten Gong an die Schulter, und die beiden torkelten lachend und aneinander drängend davon.

Die Witwe Shan Si schlief längst; der alte Gong und die anderen waren gegangen; die Xianheng-Schenke hatte geschlossen. Nun lag das Städtchen Lu vollkommen in Stille da. Nur die dunkle Nacht mühte sich, zum Morgen zu werden, und hastete doch weiter durch diese Stille; und ein paar Hunde wimmerten im Verborgenen.


Deutsch: Lu Xun Complete Works