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(Ergänzung deutscher Sinologen aus Qingdao-Konferenz 2026) |
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Bochums Fakultät für Ostasienwissenschaften hat sich weit über ihren ursprünglichen Schwerpunkt hinaus entwickelt. Christine Moll-Murata hält den Lehrstuhl für Geschichte Chinas mit einem besonderen Schwerpunkt auf Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Handwerk und Industrialisierung. Christian Schwermann, der als geschäftsführender Direktor fungiert, hält die Professur für Sprachen und Literaturen Chinas (seit 2016) mit Spezialisierung auf Grammatik und Rhetorik des klassischen Chinesisch. Jörn-Carsten Gottwald hält den Lehrstuhl für Politik Ostasiens und arbeitet zur politischen Ökonomie Chinas, während Sebastian Bersick den Lehrstuhl für Internationale Politische Ökonomie Ostasiens innehat mit Forschung zu EU-China-Beziehungen und globaler Governance. | Bochums Fakultät für Ostasienwissenschaften hat sich weit über ihren ursprünglichen Schwerpunkt hinaus entwickelt. Christine Moll-Murata hält den Lehrstuhl für Geschichte Chinas mit einem besonderen Schwerpunkt auf Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Handwerk und Industrialisierung. Christian Schwermann, der als geschäftsführender Direktor fungiert, hält die Professur für Sprachen und Literaturen Chinas (seit 2016) mit Spezialisierung auf Grammatik und Rhetorik des klassischen Chinesisch. Jörn-Carsten Gottwald hält den Lehrstuhl für Politik Ostasiens und arbeitet zur politischen Ökonomie Chinas, während Sebastian Bersick den Lehrstuhl für Internationale Politische Ökonomie Ostasiens innehat mit Forschung zu EU-China-Beziehungen und globaler Governance. | ||
| − | Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat sich als wichtiges Zentrum etabliert. Michael Lackner, der als Seniorprofessor weiterhin aktiv ist, gründete das Internationale Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung (IKGF), das bedeutende DFG-Förderung für das Studium des Ost-West-Wissenstransfers eingeworben hat. Marc André Matten hat seit 2009 eine Professur für Neuere chinesische Geschichte mit Schwerpunkt auf politischer Geistesgeschichte und Nationalismus inne. Andrea Bréard hält eine Alexander-von-Humboldt-Professur für Sinologie mit Schwerpunkt auf Ideen- und Kulturgeschichte Chinas — sie fungiert auch als Vizepräsidentin für Lehre der FAU — und bringt Expertise in der Geschichte der Mathematik in China mit. Michael Höckelmann bekleidet den Lehrstuhl für Staat und Gesellschaft Chinas. | + | Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat sich als wichtiges Zentrum etabliert. Michael Lackner, der als Seniorprofessor weiterhin aktiv ist, gründete das Internationale Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung (IKGF), das bedeutende DFG-Förderung für das Studium des Ost-West-Wissenstransfers eingeworben hat. Marc André Matten hat seit 2009 eine Professur für Neuere chinesische Geschichte mit Schwerpunkt auf politischer Geistesgeschichte und Nationalismus inne. Andrea Bréard hält eine Alexander-von-Humboldt-Professur für Sinologie mit Schwerpunkt auf Ideen- und Kulturgeschichte Chinas — sie fungiert auch als Vizepräsidentin für Lehre der FAU — und bringt Expertise in der Geschichte der Mathematik in China mit. Michael Höckelmann bekleidet den Lehrstuhl für Staat und Gesellschaft Chinas. Yan Xu-Lackner (徐艳), außerordentliche Professorin und Leiterin des Konfuzius-Instituts an der FAU Erlangen-Nürnberg — das mehrfach als weltweit vorbildliches Konfuzius-Institut ausgezeichnet wurde —, forscht zur Geschichte des Fremdsprachenunterrichts, zum Verhältnis von Sprache und Politik, interkultureller Kommunikation und Kulturpolitik. Marco Pouget (马熠辉), Postdoktorand an den Universitäten Erlangen und München, repräsentiert die nächste Generation Erlanger Sinologen; seine Dissertation zu Zheng Xuans Kommentaren zum ''Liji'' wurde von Michael Lackner betreut. |
Frankfurts sinologische Tradition umfasst neben Amelung Zhiyi Yang, die 2025 auf eine Professur für Sinologie berufen wurde mit Schwerpunkt vormoderne chinesische Lyrik, Ästhetik und Erinnerungsstudien, und Dorothea Wippermann, die seit 2001 den Lehrstuhl für chinesische Sprache und Kultur hält und zur angewandten Linguistik und transkulturellen Studien arbeitet. | Frankfurts sinologische Tradition umfasst neben Amelung Zhiyi Yang, die 2025 auf eine Professur für Sinologie berufen wurde mit Schwerpunkt vormoderne chinesische Lyrik, Ästhetik und Erinnerungsstudien, und Dorothea Wippermann, die seit 2001 den Lehrstuhl für chinesische Sprache und Kultur hält und zur angewandten Linguistik und transkulturellen Studien arbeitet. | ||
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Auch andere Fachhochschulen richteten Professuren ein: Die Hochschule Bremen betreibt ein China-Zentrum mit BA-Programmen in Internationalem Maschinenbau mit Schwerpunkt China (MAWIC) und Angewandten Wirtschaftssprachen (AWS, gegründet 1988); das Ostasieninstitut der Hochschule Ludwigshafen (gegründet 1989) bietet einen BSc in International Business Management East Asia an; die HTWG Konstanz führt BA-Programme in Asienstudien und Management mit China-Track und beherbergt das BMBF-geförderte China-Kompetenzzentrum Bodensee (ChiKoBo), geleitet von Gabriele Thelen, das 24 Fachhochschulen in Baden-Württemberg vernetzt; die Hochschule Osnabrück gründete 2013 ein Hochschulzentrum China (HZC), das ein China-Kompetenz-Zertifikat und kooperative Studiengänge mit chinesischen Partneruniversitäten anbietet; und die FH Dortmund betreibt DoCoChi, das Dortmunder Kompetenzzentrum China, mit Schwerpunkt auf transnationaler Bildung und dualen Bachelorstudiengängen. Diese Institutionen werden durch den Verbund der Chinazentren (VCdH) koordiniert, der 2019 gegründet wurde und Chinazentren im deutschen Hochschulsystem vernetzt, um Chinakompetenz in Forschung und Lehre zu fördern. | Auch andere Fachhochschulen richteten Professuren ein: Die Hochschule Bremen betreibt ein China-Zentrum mit BA-Programmen in Internationalem Maschinenbau mit Schwerpunkt China (MAWIC) und Angewandten Wirtschaftssprachen (AWS, gegründet 1988); das Ostasieninstitut der Hochschule Ludwigshafen (gegründet 1989) bietet einen BSc in International Business Management East Asia an; die HTWG Konstanz führt BA-Programme in Asienstudien und Management mit China-Track und beherbergt das BMBF-geförderte China-Kompetenzzentrum Bodensee (ChiKoBo), geleitet von Gabriele Thelen, das 24 Fachhochschulen in Baden-Württemberg vernetzt; die Hochschule Osnabrück gründete 2013 ein Hochschulzentrum China (HZC), das ein China-Kompetenz-Zertifikat und kooperative Studiengänge mit chinesischen Partneruniversitäten anbietet; und die FH Dortmund betreibt DoCoChi, das Dortmunder Kompetenzzentrum China, mit Schwerpunkt auf transnationaler Bildung und dualen Bachelorstudiengängen. Diese Institutionen werden durch den Verbund der Chinazentren (VCdH) koordiniert, der 2019 gegründet wurde und Chinazentren im deutschen Hochschulsystem vernetzt, um Chinakompetenz in Forschung und Lehre zu fördern. | ||
| − | Mehrere Gelehrte haben den Charakter der zeitgenössischen deutschen Sinologie über die bereits besprochenen Gründergestalten hinaus geprägt. Wolfgang Kubin (geb. 1945, Celle) war der produktivste und provokativste deutsche Sinologe der Post-Franke-Ära. Seine zehnbändige ''Geschichte der chinesischen Literatur'' (2002–2014), die ambitionierteste Literaturgeschichte Chinas in einer westlichen Sprache, rief sowohl Bewunderung als auch Kontroversen hervor.<ref>Zu Prüfungsinhalten siehe ebd.; der Britannica-Artikel „chu nom".</ref> Heiner Roetz (geb. 1950), Professor in Bochum, ist der führende deutsche Gelehrte der chinesischen Philosophie, dessen ''Die chinesische Ethik der Achsenzeit'' (1992; englisch: ''Confucian Ethics of the Axial Age'', 1993) der Tendenz entgegentrat, die Universalität ethischen Denkens zu leugnen, indem er die ausgefeilten argumentativen Strukturen im klassischen chinesischen Denken nachwies. Mechthild Leutner (geb. 1949) an der Freien Universität Berlin ist die bedeutendste Gelehrte der modernen chinesischen Sozialgeschichte und der deutsch-chinesischen Beziehungen. Hans van Ess (geb. 1962) in München hat die Münchner Tradition der historischen Sinologie mit wichtigen Arbeiten zur han-zeitlichen Geistesgeschichte und zum ''Shiji'' fortgesetzt. Helwig Schmidt-Glintzer (geb. 1948), der die Leitung der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel mit einer sinologischen Professur in Göttingen verband, verkörpert die deutsche Tradition, die Sinologie in eine breitere humanistische Gelehrsamkeit einzubetten. Hartmut Walravens (geb. 1944), der in Berlin ansässige Bibliograph und Sinologiehistoriker an der Staatsbibliothek zu Berlin, hat Jahrzehnte damit verbracht, die Geschichte der ostasienwissenschaftlichen Studien in Deutschland und darüber hinaus zu dokumentieren. Max Jakob Fölster, ein in Hamburg ausgebildeter Sinologe mit Spezialisierung auf han-zeitliche Manuskriptstudien, die Geschichte chinesischer Büchersammlungen und die Geschichte der deutschen Sinologie, hat als Vertreter der Max-Weber-Stiftung in Peking gedient und damit zum fortlaufenden institutionellen Rahmen des deutsch-chinesischen akademischen Austauschs beigetragen. Michael Knüppel (geb. 1967), ausgebildet in Turkologie und Altaistik in Göttingen und Hamburg, hat die Geschichte der orientalistischen und sinologischen Forschung in Göttingen dokumentiert — einschließlich der bemerkenswerten kriegsbedingten Präsenz Ji Xianlins am Göttinger sinologischen Seminar — und hatte 2018–2025 eine Professur am Arctic Studies Center der Universität Liaocheng in China inne. Felix Clausberg, | + | Mehrere Gelehrte haben den Charakter der zeitgenössischen deutschen Sinologie über die bereits besprochenen Gründergestalten hinaus geprägt. Wolfgang Kubin (geb. 1945, Celle) war der produktivste und provokativste deutsche Sinologe der Post-Franke-Ära. Seine zehnbändige ''Geschichte der chinesischen Literatur'' (2002–2014), die ambitionierteste Literaturgeschichte Chinas in einer westlichen Sprache, rief sowohl Bewunderung als auch Kontroversen hervor.<ref>Zu Prüfungsinhalten siehe ebd.; der Britannica-Artikel „chu nom".</ref> Heiner Roetz (geb. 1950), Professor in Bochum, ist der führende deutsche Gelehrte der chinesischen Philosophie, dessen ''Die chinesische Ethik der Achsenzeit'' (1992; englisch: ''Confucian Ethics of the Axial Age'', 1993) der Tendenz entgegentrat, die Universalität ethischen Denkens zu leugnen, indem er die ausgefeilten argumentativen Strukturen im klassischen chinesischen Denken nachwies. Mechthild Leutner (geb. 1949) an der Freien Universität Berlin ist die bedeutendste Gelehrte der modernen chinesischen Sozialgeschichte und der deutsch-chinesischen Beziehungen. Hans van Ess (geb. 1962) in München hat die Münchner Tradition der historischen Sinologie mit wichtigen Arbeiten zur han-zeitlichen Geistesgeschichte und zum ''Shiji'' fortgesetzt. Helwig Schmidt-Glintzer (geb. 1948), der die Leitung der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel mit einer sinologischen Professur in Göttingen verband, verkörpert die deutsche Tradition, die Sinologie in eine breitere humanistische Gelehrsamkeit einzubetten. Hartmut Walravens (geb. 1944), der in Berlin ansässige Bibliograph und Sinologiehistoriker an der Staatsbibliothek zu Berlin, hat Jahrzehnte damit verbracht, die Geschichte der ostasienwissenschaftlichen Studien in Deutschland und darüber hinaus zu dokumentieren. Max Jakob Fölster, ein in Hamburg ausgebildeter Sinologe mit Spezialisierung auf han-zeitliche Manuskriptstudien, die Geschichte chinesischer Büchersammlungen und die Geschichte der deutschen Sinologie, hat als Vertreter der Max-Weber-Stiftung in Peking gedient und damit zum fortlaufenden institutionellen Rahmen des deutsch-chinesischen akademischen Austauschs beigetragen. Michael Knüppel (geb. 1967), ausgebildet in Turkologie und Altaistik in Göttingen und Hamburg, hat die Geschichte der orientalistischen und sinologischen Forschung in Göttingen dokumentiert — einschließlich der bemerkenswerten kriegsbedingten Präsenz Ji Xianlins am Göttinger sinologischen Seminar — und hatte 2018–2025 eine Professur am Arctic Studies Center der Universität Liaocheng in China inne. Felix Clausberg (柯斐烈), derzeit außerordentlicher Professor an der Universität Peking, repräsentiert die aufstrebende Generation deutscher Sinologen; ausgebildet bei dem renommierten Medizinhistoriker Paul U. Unschuld (文树德), verbindet seine Forschung klassische chinesische Philosophie mit Wissenschaftsgeschichte. Dennis Schilling (谢林德), der Positionen an den Universitäten Marburg und München innehatte, bevor er an die Renmin-Universität Peking wechselte, steht in der Tradition der deutschen philosophischen Sinologie im Ausland, mit Forschung zum ''Yijing'', ''Zhuangzi'' und zur modernen Rezeption buddhistischer Philosophie. Thomas Zimmer (司马涛), Distinguished Professor an der Tongji-Universität Shanghai, hat sich auf chinesische Literatur und die geistige Welt chinesischer Schriftsteller spezialisiert; sein Werk ''Der chinesische Roman der ausgehenden Kaiserzeit'' untersucht die spätkaiserliche Romantradition. Leopold Leeb (雷立柏), ein aus Österreich stammender Gelehrter, der seit den 1990er Jahren an der Renmin-Universität lehrt, nimmt eine einzigartige Position an der Schnittstelle europäischer klassischer Sprachen und chinesischer Kulturgeschichte ein, mit Pionierarbeit zur Verbreitung des Lateinischen in China und zur Geschichte des Christentums im chinesischen Kontext — seine Forschung zu 250 deutschen Ordensschwestern, die zwischen 1905 und 1955 in der Provinz Shandong tätig waren, hat neue Perspektiven auf die kulturellen Dimensionen der Missionstätigkeit in China eröffnet. Anno Dederichs, ehemals am China-Zentrum der Universität Tübingen und jetzt außerordentlicher Professor an der Sun-Yat-sen-Universität, arbeitet zu zeitgenössischer chinesischer Soziologie und Wirtschaftsforschung und repräsentiert den wachsenden Trend, dass deutsche Sinologen feste Positionen an chinesischen Universitäten einnehmen. |
Die deutsche sinologische Landschaft zeichnet sich auch durch eine reiche Tradition spezialisierter Zeitschriften und Buchreihen aus. Wolfgang Kubins Zeitschrift ''minima sinica: Zeitschrift zum chinesischen Geist'', 1989 gegründet und zusammen mit Li Xuetao herausgegeben, hat als Forum für die literarische und philosophische Auseinandersetzung mit der chinesischen Kultur gedient und spiegelt die Betonung der Bonner Schule auf hermeneutische und vergleichende Ansätze wider. Richard Wilhelms Zeitschrift ''Sinica'', ursprünglich bis 1943 aus Frankfurt erschienen, wurde später als Buchreihe wiederbelebt: Martin Woesler hat die Reihe ''Sinica'' — ursprünglich von Wilhelm begründet — sowie ''Scripta Sinica'' und seit 2024 die Reihe ''Bibliotheca Sinica'' beim LIT Verlag herausgegeben. Woesler gibt auch mehrere periodische Publikationen heraus: das ''Mitteilungsblatt der Deutschen China-Gesellschaft'' (gegründet 1957, auf Deutsch), das ''European Journal of Sinology'' und ''European Journal of Chinese Studies'' (beide auf Englisch) sowie die Zeitschrift 汉学 (''Hanxue'', auf Chinesisch), die zusammen eine mehrsprachige Infrastruktur für sinologische Publikationen bilden, die im deutschsprachigen Raum einzigartig ist. | Die deutsche sinologische Landschaft zeichnet sich auch durch eine reiche Tradition spezialisierter Zeitschriften und Buchreihen aus. Wolfgang Kubins Zeitschrift ''minima sinica: Zeitschrift zum chinesischen Geist'', 1989 gegründet und zusammen mit Li Xuetao herausgegeben, hat als Forum für die literarische und philosophische Auseinandersetzung mit der chinesischen Kultur gedient und spiegelt die Betonung der Bonner Schule auf hermeneutische und vergleichende Ansätze wider. Richard Wilhelms Zeitschrift ''Sinica'', ursprünglich bis 1943 aus Frankfurt erschienen, wurde später als Buchreihe wiederbelebt: Martin Woesler hat die Reihe ''Sinica'' — ursprünglich von Wilhelm begründet — sowie ''Scripta Sinica'' und seit 2024 die Reihe ''Bibliotheca Sinica'' beim LIT Verlag herausgegeben. Woesler gibt auch mehrere periodische Publikationen heraus: das ''Mitteilungsblatt der Deutschen China-Gesellschaft'' (gegründet 1957, auf Deutsch), das ''European Journal of Sinology'' und ''European Journal of Chinese Studies'' (beide auf Englisch) sowie die Zeitschrift 汉学 (''Hanxue'', auf Chinesisch), die zusammen eine mehrsprachige Infrastruktur für sinologische Publikationen bilden, die im deutschsprachigen Raum einzigartig ist. | ||
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Kapitel 7: Deutschland — Von Leibniz zu den zeitgenössischen Chinawissenschaften
1. Einleitung
Unter den nationalen Traditionen der Sinologie, die in diesem Band behandelt werden, nimmt der deutsche Fall eine singuläre Stellung ein. Deutschland kam spät zur institutionellen Erforschung Chinas — die erste ordentliche Professur wurde erst 1909 eingerichtet — doch die intellektuelle Auseinandersetzung deutscher Denker mit der chinesischen Zivilisation reicht drei Jahrhunderte weiter zurück, bis zur Korrespondenz zwischen Gottfried Wilhelm Leibniz und jesuitischen Missionaren in den 1690er Jahren. Diese zeitliche Kluft zwischen philosophischer Faszination und akademischer Professionalisierung ist nicht bloß eine Kuriosität der Disziplingeschichte; sie definiert den wesentlichen Charakter der deutschen Sinologie. Mehr als in jedem anderen westlichen Land wurde das Studium Chinas in Deutschland durch die Anziehungskraft der Philosophie, durch die Traditionen der Geisteswissenschaft (der Humanwissenschaften in ihrer spezifisch deutschen Ausprägung) und durch die schmerzhaften Brüche der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt.
Die Geschichte der deutschen Sinologie lässt sich als eine Abfolge von vier großen Phasen erzählen. Zunächst gab es die „vorsinologische" Epoche (siebzehntes und achtzehntes Jahrhundert), in der Missionare, polyglotte Gelehrte und Aufklärungsphilosophen ein idealisiertes Bild Chinas konstruierten, das als Spiegel europäischer Selbstreflexion diente. Zweitens kam das langsame Entstehen professioneller Expertise im neunzehnten Jahrhundert, als Orientalisten, Linguisten und Philologen das Fundament für eine spezialisierte Disziplin legten. Drittens erlebte das frühe zwanzigste Jahrhundert die rasche Institutionalisierung der Sinologie an deutschen Universitäten — Hamburg, Berlin, Leipzig, Frankfurt — nur um das gesamte Gebäude durch den Nationalsozialismus, den Krieg und die erzwungene Emigration einer ganzen Gelehrtengeneration zu zerstören. Und viertens sah die Nachkriegszeit den Wiederaufbau, die Teilung zwischen ost- und westdeutschen Traditionen, die revolutionären Umwälzungen von 1968 und die allmähliche Transformation der klassischen Sinologie in die modernen Chinawissenschaften (China Studies) — ein Prozess, der umstritten und unabgeschlossen bleibt.
In all diesen Phasen hat sich die deutsche Sinologie durch bestimmte wiederkehrende Merkmale ausgezeichnet: eine starke philologische Orientierung, verwurzelt in der Tradition der klassischen Gelehrsamkeit des Landes; eine anhaltende Tendenz zu ambitionierten, groß angelegten Synthesewerken — mehrbändige Geschichten, Philosophien, monumentale Übersetzungen; und eine strukturelle Fragmentierung, die durch das föderale System Deutschlands bedingt ist, in dem jedes Land seine eigenen Universitätsberufungen kontrolliert. Diese Stärken und Schwächen prägen das Fach bis heute.
2. Frühe deutsche Begegnungen mit China (siebzehntes–achtzehntes Jahrhundert)
Obwohl franziskanische Mönche aus deutschsprachigen Ländern bereits im vierzehnten Jahrhundert in der Hauptstadt der Yuan-Dynastie Khanbaliq gepredigt haben sollen, kam der erste bedeutende Einfluss auf das deutsche Geistesleben durch das gedruckte Wort. Eine mittelhochdeutsche Übersetzung von Marco Polos Reisebericht erschien im vierzehnten Jahrhundert, gefolgt von einer gedruckten Ausgabe 1477, die deutschen Lesern ihren ersten nachhaltigen Eindruck einer riesigen und kultivierten chinesischen Zivilisation vermittelte.[1] Die entscheidenden Vermittler waren jedoch die Jesuitenmissionare des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts. Die Historia de las cosas más notables, ritos y costumbres del gran Reyno de la China (1585) des Augustiners Juan González de Mendoza — der erste europäische Bericht, der sich speziell der chinesischen Geschichte widmete — erschien 1589 in deutscher Übersetzung und wurde, in den Worten Zhang Xipings, „ein Bestseller unter den Intellektuellen der Aufklärung", der den Boden für die kommende Chinoiserie-Begeisterung bereitete.[2]
Unter den deutschstämmigen Jesuiten, die in China wirkten, erzielte Johann Adam Schall von Bell (1592–1666) aus Köln die bemerkenswerteste Karriere. Seine astronomische Expertise und seine Beherrschung des Chinesischen brachten ihm die Leitung des Kaiserlichen Astronomischen Büros (Qintianjian) unter den letzten Ming- und frühen Qing-Dynastien ein — eine Position, die Jesuiten bis zum späten achtzehnten Jahrhundert innehaben sollten. Schall von Bells lateinischer Bericht über die China-Mission, posthum 1665 in Wien veröffentlicht und 1834 von Mannsegg ins Deutsche übersetzt, wurde zusammen mit Martino Martinis De bello tartarico (1654) zur Pflichtlektüre für jeden westlichen Gelehrten, der den Übergang von der Ming- zur Qing-Dynastie verstehen wollte.[3] Andere deutsche Jesuiten, wie der Bayer Ignaz Kögler (Dai Jinxian, 1680–1746), leisteten wichtige Beiträge zur Astronomie und Kalendergestaltung in Peking, obwohl ihr Einfluss auf die Sinologie im eigentlichen Sinne begrenzt blieb.
Das einflussreichste frühe deutsche Werk über China wurde von einem Mann verfasst, der nie chinesischen Boden betreten hat. Athanasius Kircher (1602–1680), geboren in Geisa bei Fulda, war der Inbegriff des barocken Universalgelehrten — zugleich Pionier der modernen Wissenschaft und Kompilator enzyklopädischer Phantasien. Gezwungen, Deutschland während der schwedischen Invasion von 1632 zu verlassen, verbrachte er den Rest seiner Karriere in Rom, wo er Professuren für Mathematik, Physik und orientalische Sprachen innehatte. Sein China Monumentis qua Sacris qua Profanis… Illustrata (Amsterdam, 1667), schlicht als China Illustrata bekannt, stützte sich auf seine umfangreiche Korrespondenz mit Jesuiten im Feld, darunter sein ehemaliger Schüler Martino Martini und andere Missionare wie Michael Boym und Johann Grueber. Das Werk behandelte China aus sechs Perspektiven: die bei Xi'an entdeckte Nestorianische Stele; europäische Reisen in China und Asien; die drei chinesischen Religionen (Konfuzianismus, Buddhismus, Daoismus); Natur- und Kulturwunder; architektonische Meisterwerke (Tempel, Brücken, die Große Mauer); und — erstmals in einer westlichen Publikation — eine systematische Darstellung verschiedener Typen chinesischer Schriftzeichen.[4] Üppig illustriert mit über hundert Kupferstichen, sprach China Illustrata Gelehrte und allgemeine Leser gleichermaßen an und wurde rasch in mehrere europäische Sprachen übersetzt. Es war ohne Zweifel einer der wichtigsten Katalysatoren für das Chinoiserie-Fieber, das Ende des siebzehnten und Anfang des achtzehnten Jahrhunderts über Europa hinwegfegte.
Die überragende Gestalt dieser frühen Periode ist Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716). Leibniz' Beschäftigung mit China war nicht antiquarischer Natur; sie war philosophisch, theologisch und letztlich politisch. Sein Interesse wurde 1687 geweckt, genau in dem Jahr, als Philippe Couplets lateinische Übersetzung der konfuzianischen Vier Bücher — Confucius Sinarum Philosophus — in Paris veröffentlicht wurde. Bei der Lektüre dieses Werkes gelangte Leibniz zu der Überzeugung, dass China der Verwirklichung des Ideals des „rationalisierten Staates" nahe gekommen war. Seiner Ansicht nach existierte reife menschliche Zivilisation an den beiden Enden der eurasischen Landmasse: China zeichnete sich durch praktische Technologie, empirische Beobachtung und das aus, was er „natürliche Theologie" nannte (d.h. konfuzianische Ethik), während Europa in theoretischer Wissenschaft und geoffenbarter Religion hervorragte. Die beiden waren komplementär, und gegenseitiger Austausch konnte nur beiden nützen. 1697 veröffentlichte Leibniz Novissima Sinica („Neueste Nachrichten aus China"), eine Sammlung von fünf Briefen jesuitischer Missionare in China, eingeleitet durch seinen eigenen bemerkenswerten Essay an „den Leser". Er ging so weit vorzuschlagen, dass China Missionare nach Europa senden solle, um die Christenheit vor ihrem moralischen Verfall zu retten — eine radikale Umkehrung der konventionellen Missionsanordnung.[5] Leibniz' Beschäftigung mit China währte ein Leben lang. Er korrespondierte ausgiebig mit Missionaren, spekulierte über Zusammenhänge zwischen den Yijing-Hexagrammen und seinem eigenen Binärzahlensystem und argumentierte wiederholt für die Gleichwertigkeit der chinesischen und der europäischen Zivilisation. Sein Einfluss auf das nachfolgende deutsche Denken über China — von Christian Wolff bis zum jungen Hegel — war immens.
Leibniz war nicht allein in seiner Faszination für das chinesische Schriftsystem. Andreas Müller (1630–1694), vom Kurfürsten von Brandenburg beauftragt, Bücher und Berichte über China zu sammeln, katalogisierte über dreihundert chinesische Bände, die über die Niederländische Ostindien-Kompanie erworben worden waren. Müller behauptete, einen „Schlüssel" (clavis sinica) entdeckt zu haben, der es ermögliche, das chinesische Schriftsystem in kurzer Zeit zu meistern, weigerte sich aber hartnäckig, ihn preiszugeben. Schließlich verbrannte er seine Papiere, zum großen Bedauern von Leibniz, der ihm 1679 mit vierzehn spezifischen Fragen zu chinesischen Schriftzeichen geschrieben hatte.[6] Müllers Nachfolger als Bibliothekar der chinesischen Sammlung des Kurfürsten wurde Christian Mentzel (1622–1701), der ebenfalls die Entdeckung einer geheimen Methode zum Erlernen des Chinesischen ankündigte, aber greifbarere Ergebnisse vorzuweisen hatte, darunter ein Sylloge minutiarum lexici latino-sinico-characteristici (Nürnberg, 1685) — ein kleines lateinisch-chinesisches Wörterbuch, das hauptsächlich auf Mei Yingzuos Zihui (1615) basierte — und eine 145-seitige Kurtze chinesische Chronologia (Berlin, 1696). Als Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften unterhielt Mentzel eine umfangreiche Korrespondenz mit an Ostasien interessierten Gelehrten und trug erheblich zur Verbreitung des Wissens über China in deutschen intellektuellen Kreisen bei.
Die philosophische Rezeption Chinas in Deutschland erreichte 1721 einen dramatischen Krisenpunkt, als der Philosoph Christian Wolff (1679–1754) an der Universität Halle eine öffentliche Vorlesung hielt: „Oratio de Sinarum philosophia practica" („Über die praktische Philosophie der Chinesen"). Gestützt auf Leibniz' Ideen und jesuitische Berichte argumentierte Wolff, dass die Chinesen ein hohes Maß an moralischer Tugend allein durch die Vernunft erreicht hätten, ohne die Hilfe göttlicher Offenbarung — eine Position, die im Wesentlichen deistisch war. Die theologische Fakultät in Halle, beherrscht vom Pietisten August Hermann Francke, denunzierte Wolffs Vorlesung als atheistisch. König Friedrich Wilhelm I. von Preußen erließ ein Dekret, das Wolff unter Androhung des Erhängens innerhalb von achtundvierzig Stunden aus Halle verbannte. Wolff floh an die Universität Marburg, wo er seine Karriere fortsetzte, und wurde schließlich unter Friedrich dem Großen 1740 rehabilitiert. Die Affäre von Halle demonstrierte sowohl das explosive Potenzial des chinesischen Beispiels in den europäischen Geistesdebatten als auch die Risiken, die damit verbunden waren, die leibnizianische Position zu weit zu treiben.[7]
Zwei große französische Jesuitenkompilationen erreichten deutsche Leser in Übersetzung und übten enormen Einfluss aus. Jean-Baptiste Du Haldes Description géographique, historique, chronologique, politique et physique de l'Empire de la Chine et de la Tartarie chinoise (Den Haag, 1736) wurde zwischen 1747 und 1756 ins Deutsche übersetzt. Die deutsche Ausgabe enthielt zusätzliches Material, das im Original nicht zu finden war, darunter Dokumente zum Ritenstreit, einen Bericht des Jesuiten-Figuristen Joachim Bouvet über die China-Mission, Abschnitte über chinesische Literatur und Geographie sowie Engelbert Kaempfers Geschichte Japans. Ihre Kupferstiche wurden weithin reproduziert und wurden für mehrere Jahrzehnte zur wichtigsten visuellen Quelle, durch die gebildete Deutsche China begegneten. Noch einflussreicher war die deutsche Übersetzung der Lettres édifiantes et curieuses. Der deutsche Jesuit Joseph Stöcklein übersetzte und veröffentlichte sie als Der neue Welt-Bott mit allerhand Nachrichten der Missionarien Soc. Jesu (Augsburg, 1728–1761) in vierzig Bänden. Da die jesuitischen Korrespondenten jede Ebene der chinesischen Gesellschaft durchdrungen hatten, bot die Sammlung einen beispiellos umfassenden Bericht über das chinesische Leben — Politik, Wirtschaft, Kultur, Religion, Ethik, Sitten und Naturprodukte. Ihre Wirkung auf das Verständnis der deutschen Geisteswelt von China war, wie Zhang Xiping bemerkte, „unermesslich".[8]
Der Jesuit Florian Joseph Bahr (Wei Jijin, 1706–1771) aus Oberschlesien, sprachbegabt, beherrschte nach seiner Ankunft in China rasch sowohl Mandschurisch als auch Chinesisch. Seine Briefe wurden als Allerneueste chinesische Merkwürdigkeiten (Augsburg, 1758) veröffentlicht. Sein wichtigster sinologischer Beitrag war ein deutsch-chinesisches Vokabular, das 1748 in Peking zusammengestellt wurde, offenbar der deutsche Teil eines mehrsprachigen Wörterbuches, das von in Peking ansässigen Jesuiten unter kaiserlicher Schirmherrschaft kompiliert wurde. Dieses Manuskript, 1937 vom deutschen Sinologen Walter Fuchs in einer Pekinger Bibliothek wiederentdeckt, enthielt etwa 2.200 deutsche Wörter mit ihren in chinesischen Schriftzeichen wiedergegebenen Aussprachen. Zu den frühesten deutschstämmigen Gelehrten, die sich ernsthaft mit der chinesischen Sprache als akademischem Gegenstand befassten, gehörte Theophilus Siegfried Bayer (1694–1738), geboren in Königsberg in Ostpreußen. Nachdem er eine akademische Stelle an der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg gefunden hatte, galt Bayer — zusammen mit dem französischen Gelehrten Étienne Fourmont — als einer der größten Sinologen im Europa des achtzehnten Jahrhunderts. Sein Museum Sinicum (St. Petersburg, 1730) war ein Handbuch der chinesischen Sprache, das auch die mandschurische Grammatik behandelte und den Grundstein für die späteren deutschen und russischen Leistungen in der Mandschuristik legte.
Hatte das siebzehnte Jahrhundert ein idealisiertes Bild Chinas hervorgebracht — rational, gut regiert, ethisch kultiviert —, so erlebten das späte achtzehnte und das frühe neunzehnte Jahrhundert eine dramatische Umkehrung. Johann Gottfried Herder (1744–1803) stellte die chinesische Zivilisation als statisch und stagnierend dar, unfähig zu der dynamischen historischen Entwicklung, die den Westen charakterisierte. Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) systematisierte dieses Urteil und wies China der ersten und primitivsten Stufe der Weltgeschichte zu, einer Stufe der „substantiellen Freiheit", in der das Individuum noch nicht als selbstbewusstes Subjekt hervorgetreten war. Für Hegel war chinesische Geschichte im Wesentlichen die Abwesenheit von Geschichte: ewige Wiederholung ohne dialektischen Fortschritt. Diese philosophische Abwertung hatte tiefgreifende Konsequenzen für die sich herausbildende Disziplin der Sinologie. Sie lieferte eine intellektuelle Rechtfertigung für die Marginalisierung der Chinastudien innerhalb des deutschen Universitätssystems: Wenn die chinesische Zivilisation eine niedrigere Stufe menschlicher Entwicklung darstellte, so das Argument, warum sollten dann deutsche Universitäten knappe Ressourcen für ihre Erforschung aufwenden? Die Spannung zwischen der leibnizianischen Tradition — die chinesische und europäische Zivilisationen als gleichwertig und komplementär behandelte — und der hegelianischen Tradition — die China einem teleologischen Schema westlichen Fortschritts unterordnete — sollte das gesamte neunzehnte Jahrhundert und darüber hinaus bestehen bleiben. Gelehrte wie Heinrich Plath, die auf dem intrinsischen Wert der chinesischen Zivilisation bestanden, fanden sich vom dominierenden intellektuellen Strom marginalisiert.
Das deutsche literarische Engagement mit China erreichte seinen berühmtesten Ausdruck in Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), der in seinen späteren Jahren chinesische Romane in Übersetzung las und von ihnen tief beeindruckt war. Sein Konzept der Weltliteratur, erstmals 1827 formuliert, war teilweise von seiner Begegnung mit chinesischer Dichtung und Erzählliteratur inspiriert. Obwohl Goethes Kenntnis Chinas unvermeidlich durch Übersetzungen und Sekundärquellen vermittelt war, markierte seine Offenheit gegenüber chinesischer Literatur als Kunst von universaler Bedeutung — und nicht als bloße ethnographische Kuriosität — einen Wendepunkt in den deutschen kulturellen Einstellungen.[9]
Wie Zhang Xiping beobachtet hat, teilt diese gesamte Epoche mehrere definierende Merkmale. Die Beschäftigung mit China wurde nicht von sinologischem Interesse im modernen Sinne getrieben, sondern von philosophischen, theologischen und politischen Agenden — Leibniz suchte Bestätigung für seine Vision universaler Vernunft, Wolff suchte Munition für seinen Deismus, Missionare wollten ihre Evangelisierungsmission vorantreiben. Die Schriften waren selektiv und griffen jene Aspekte der chinesischen Zivilisation auf, die europäischen Zwecken dienten. Die lexikographische Tradition spiegelte eine echte Faszination für das Schriftsystem wider, diente aber auch praktischen Bedürfnissen. Und die gelehrten Amateure, so brillant sie auch waren, verfügten nicht über die systematische sprachliche Ausbildung und den Zugang zu Primärquellen, die die professionelle Sinologie kennzeichnen sollten. Der Grundstein war gelegt, aber die Disziplin selbst war noch nicht entstanden.[10]
3. Die Begründung der akademischen Sinologie (neunzehntes Jahrhundert)
Das neunzehnte Jahrhundert war in Deutschland eine Periode langsamer Reifung. Im Vergleich zu Frankreich, das 1814 den ersten Universitätslehrstuhl für Chinesisch am Collège de France unter Jean-Pierre Abel-Rémusat einrichtete, hinkte Deutschland hinterher. Bis zur Gründung des Seminars für Orientalische Sprachen in Berlin 1887 gab es keine dauerhafte institutionelle Basis für den Unterricht des Chinesischen an einer deutschen Universität. Die meisten deutschen Sinologen dieser Periode waren Autodidakten im Chinesischen, hatten zunächst in anderen Fächern studiert (klassische Philologie, Theologie, orientalische Sprachen) und konnten nicht allein von der Sinologie leben.[11]
Der erste deutsche Sinologe von internationalem Rang war Heinrich Julius Klaproth (1783–1835), der sich Chinesisch und Mandschurisch autodidaktisch beibrachte, an der Universität Dresden studierte und 1804 der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg beitrat. Nach einer erfolgreichen Mission nach China 1805–1806 und Forschungen im Kaukasus wurde er zum Geheimrat und Akademiker befördert. 1815 zog Klaproth nach Paris, wo er neben Abel-Rémusat einer der beiden führenden Sinologen Europas wurde. 1822 gründete er gemeinsam mit Abel-Rémusat in Paris die Société Asiatique und half 1825, das Journal Asiatique ins Leben zu rufen. Er veröffentlichte Kataloge der chinesischen und mandschurischen Bestände sowohl der St. Petersburger als auch der Berliner königlichen Bibliotheken. Am bemerkenswertesten war, dass Klaproth in seiner Asia Polyglotta (Paris, 1823) vorschlug, dass Chinesisch, Tibetisch und Birmanisch zur selben Sprachfamilie gehörten — eine Hypothese, die seinerzeit belächelt, aber anderthalb Jahrhunderte später bestätigt wurde, als die sinotibetische Sprachfamilie ein etabliertes Konzept der vergleichenden Linguistik wurde.[12] Alexander von Humboldt versuchte Berichten zufolge, eine Professur für „ostasiatische Sprachen" für Klaproth an der Universität Berlin zu sichern, doch Klaproth lehnte ab, unwillig, das gelehrte Umfeld von Paris zu verlassen.
Das Wachstum der Sinologie hing entscheidend vom Zugang zu chinesischen Büchern ab, die im frühen neunzehnten Jahrhundert in Europa äußerst schwer zu beschaffen waren. Karl Friedrich Neumann (1793–1870), ursprünglich im Armenischen ausgebildet und dann Schüler Abel-Rémusats, leistete einen entscheidenden Beitrag zu dieser Infrastruktur. 1829 segelte er nach Kanton, wo er eine Bibliothek von über sechstausend chinesischen Büchern zusammenstellte — eine außerordentliche Leistung. Etwa 3.500 Bände gingen an die Bayerische Staatsbibliothek in München, der Rest nach Berlin. Neumanns Auswahl, als ausgebildeter Sinologe, konzentrierte sich auf die Grundlagentexte der chinesischen Geschichte, Philosophie, Religion und Lexikographie und versorgte München mit der Kernsammlung, die später eine bedeutende sinologische Tradition stützen sollte.[13] Neumann selbst, zum Professor für „Staats- und Völkerkunde, chinesische und armenische Sprachen" in München ernannt, veröffentlichte eine Geschichte Ostasiens vom Ersten Opiumkrieg bis zum Vertrag von Peking (1861), bemerkenswert durch ihre Aufmerksamkeit für innerasiatische Beziehungen, anstatt jedes Land isoliert zu behandeln.
Heinrich Plath (1802–1874), ein klassischer Philologe, der sich Chinesisch selbst beigebracht hatte, bekleidete nie einen Universitätslehrstuhl für Sinologie, doch seine Gelehrsamkeit übertraf die vieler, die einen solchen innehatten. An der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München verfasste er eine bemerkenswerte Reihe von Monographien: Die Religion und der Cultus der alten Chinesen (1862–1864), Nahrung, Kleidung und Wohnung der alten Chinesen (1868) und Die Beschäftigung der alten Chinesen (1869). Gestützt auf die chinesischen Texte, die Neumann nach München gebracht hatte, argumentierte Plath — gegen den vorherrschenden Konsens —, dass die chinesische Religion keinerlei Merkmale der Primitivität aufweise und ein System darstelle, das dem Christentum vollkommen vergleichbar sei. Er bestand ferner, in der Tradition von Leibniz, darauf, dass die chinesische Zivilisation dieselben hohen ethischen Standards besitze wie die europäische Kultur, und stellte damit direkt die Annahme christlicher moralischer Überlegenheit in Frage. Herbert Franke nannte Plath später „die wissenschaftlich bedeutendste" Gestalt der deutschen Sinologie Mitte des neunzehnten Jahrhunderts.[14] Plath kämpfte auch gegen die vorherrschende historiographische Sicht auf China als „stagnierendes Reich" und argumentierte, dass die chinesische Geschichte in die Weltgeschichte einbezogen werden müsse. Sein Eintreten für eine multiaxiale historische Erzählung — bemerkenswert für seine Zeit — blieb weitgehend ungehört, bis der Leipziger Gelehrte August Conrady sein Werk Jahrzehnte später wiederentdeckte.
Wilhelm Schott (1802–1889) verfolgte eine andere Laufbahn. Ursprünglich Theologe, dessen Interessen sich zu ost- und zentralasiatischen Sprachen hin verschoben, wurde er 1838 Privatdozent an der Universität Berlin und 1841 in die Preußische Akademie der Wissenschaften gewählt. Seine Veröffentlichungen umfassten Entwurf einer Beschreibung der chinesischen Literatur (1854), Chinesische Sprachlehre (1857) und Studien zu den Sprachen der Jurchen, Tataren und Khitan. Schotts besonderer Beitrag bestand darin, das Chinesische in den breiteren Kontext asiatischer — insbesondere zentralasiatischer — Sprachen und Kulturen einzuordnen, statt es isoliert zu betrachten.[15]
Die größte linguistische Leistung der deutschen Sinologie des neunzehnten Jahrhunderts war die Chinesische Grammatik (Grammatik der chinesischen Schriftsprache, oder unter ihrem chinesischen Titel Hanwen jingwei, 1881) des Leipziger Linguisten Georg von der Gabelentz. Frühere westliche Grammatiker hatten das Chinesische unbewusst in die Form der lateinischen Syntax gezwängt; Gabelentz war der Erste, der das Chinesische nach seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten behandelte und seinen besonderen typologischen Charakter als isolierende Sprache hervorhob. Das Werk wurde zum Standardnachschlagewerk für mehrere Generationen von Sinologen, die klassisches Chinesisch studierten. 1878 ernannte das sächsische Kultusministerium Gabelentz zum außerordentlichen Professor für orientalische Sprachen in Leipzig — die erste eigenständige sinologische Lehrstelle an einer deutschen Universität, wenn auch zunächst bescheiden.[16] Gabelentz lehrte auch am neu gegründeten Seminar für Orientalische Sprachen in Berlin, wo er Kurse über ostasiatische Sprachen anbot.
Die Gründung des Seminars für Orientalische Sprachen (SOS) an der Universität Berlin 1887 war der bedeutendste institutionelle Schritt des neunzehnten Jahrhunderts. Seine Einrichtung wurde durch praktische und nicht durch wissenschaftliche Motive angetrieben. Einer oft wiederholten Anekdote zufolge erklärte Reichskanzler Otto von Bismarck, frustriert über den Mangel an Dolmetschern bei einem Treffen mit dem chinesischen Botschafter 1883, dass mehr junge deutsche Beamte ausgebildet werden müssten, um mit den großen asiatischen Mächten zu kommunizieren. Die Initiative kam formal von Gabelentz' Schüler Wilhelm Grube (1855–1908), der im Dezember 1884 einen Vorschlag beim Kultusministerium einreichte, und 1887 richtete ein kaiserlicher Erlass das SOS ein. In seinem ersten Semester (1887–1888) bot das Seminar Unterricht in sechs Sprachen an: Chinesisch, Japanisch, Hindi, Arabisch, Persisch und Suaheli. Chinesisch wurde von Carl Arendt (1887–1902), einem ehemaligen Diplomaten in Peking, unterrichtet, gefolgt von Alfred Forke (1903–1914). Unter den frühen Studenten befanden sich mehrere, die zu Giganten der nächsten Generation werden sollten: Otto Franke, Erich Haenisch und Franz Kuhn, der gefeierte Übersetzer chinesischer Romane. Das SOS veröffentlichte auch eine eigene Zeitschrift, die Mitteilungen des Seminars für Orientalische Sprachen, die ab 1898 als erste deutschsprachige Zeitschrift diente, die sich teilweise der Sinologie widmete, und in achtunddreißig Jahren fünfundachtzig Bände umfasste.[17] Das SOS war ausdrücklich auf praktische Ausbildung ausgerichtet — sein Zweck war die Ausbildung von Diplomaten, Konsularbeamten und Kaufleuten, nicht von Gelehrten. Doch seine bloße Existenz anerkannte, dass Deutschland ausgebildete Expertise im Chinesischen benötigte, und bereitete den Boden für die akademische Institutionalisierung, die folgen sollte.
Die bemerkenswertesten deutschen Sinologen des neunzehnten Jahrhunderts verfolgten ihre Karrieren oft außerhalb Deutschlands. Wilhelm Grube, der in St. Petersburg geborene Spezialist für Jurchen-Schriften und chinesische Literatur, war Direktor der ostasiatischen Abteilung des Berliner Ethnologischen Museums. Seine Geschichte der chinesischen Literatur (1902) war die erste Literaturgeschichte Chinas durch einen ausgebildeten Fachmann und blieb ein halbes Jahrhundert lang das deutschsprachige Standardwerk. Seine Pekinger Volkskunde (1901), teilweise basierend auf Feldforschung in Peking 1897–1899, wird noch heute in Studien zur Pekinger Volkskultur zitiert, und seine bahnbrechende Studie Sprache und Schrift der Jučen (1896) begründete das Feld der Jurchen-Linguistik.[18] Friedrich Hirth (1845–1927) trat nach dem Studium der klassischen Philologie in Berlin 1870 in den Chinesischen Seezolldienst ein und diente siebenundzwanzig Jahre. Seine Veröffentlichungen etablierten ihn als führende Autorität für chinesisch-westliche Kulturkontakte. 1902 wurde er zum ersten Professor für chinesische Sprache und Literatur an der Columbia University ernannt, wo er der Tradition zufolge dem Prüfungsausschuss für Hu Shis Doktordissertation angehörte.[19] Berthold Laufer (1874–1934), in Köln geboren, leitete Expeditionen nach Ostasien für das American Museum of Natural History und ließ sich dauerhaft in den Vereinigten Staaten nieder. Sein außerordentliches Spektrum — das chinesische Keramik, Jade, sino-iranische Beziehungen und die Geschichte der Kulturpflanzen umfasste — zog Vergleiche mit Paul Pelliot nach sich. Laufers Abwanderung und die von Hirth vor ihm nahmen den weit verheerenderen Braindrain vorweg, der sich unter dem Nationalsozialismus ereignen sollte.
Das neunzehnte Jahrhundert brachte auch eine besondere Kategorie deutscher Sinologen hervor: protestantische Missionare, deren gelehrte Leistungen die der universitären Akademiker erreichten oder übertrafen. Karl Friedrich August Gützlaff (1803–1851) veröffentlichte eine umfangreiche Geschichte des chinesischen Reiches (deutsche Ausgabe 1847). Obwohl sein Werk durch seine kolonialen Verstrickungen beeinträchtigt war — er diente als Dolmetscher während der Opiumkriegsverhandlungen und lieferte den Briten militärische Aufklärung —, führte es eine europäische Periodisierung der chinesischen Geschichte ein, die die spätere westliche Historiographie beeinflusste. Ernst Faber (Hua Zhian, 1839–1899), ein Basler Missionstheologe, der Jahrzehnte in China verbrachte, schuf Werke von weit größerer wissenschaftlicher Tiefe, darunter ein Lehrbegriff des Confucius (Hongkong, 1872), der ihm den Respekt selbst des notorisch kritischen Gu Hongming einbrachte; der kanadische Missionar MacGillivray nannte ihn „den profundesten Sinologen des neunzehnten Jahrhunderts".[20] Ernst Johann Eitel (1838–1908), ursprünglich der Basler Mission zugehörig und später Hongkonger Regierungsbeamter, war Mitherausgeber eines Chinese-English Dictionary in the Cantonese Dialect (Hongkong, 1877) mit Friedrich Wilhelm Lobscheid, das eine wichtige Quelle für die Erforschung des Kantonesischen im neunzehnten Jahrhundert bleibt.
Jede Darstellung des deutschen Engagements mit China im neunzehnten Jahrhundert muss Ferdinand von Richthofen (1833–1905) berücksichtigen, den Geologen und Geographen, dessen acht Forschungsreisen durch China das monumentale Werk China: Ergebnisse eigener Reisen und darauf gegründeter Studien (Berlin, 1877ff.) hervorbrachten. Richthofens Werk lieferte der deutschen Regierung und der Geschäftswelt geographische Beschreibungen und Karten, die alles bisherige Wissen weit übertrafen. Seine Briefe an die britische Handelskammer in Shanghai 1870–1872 hatten bereits die Bucht von Jiaozhou als wünschenswerten Marinehafen identifiziert — eine Empfehlung, die sich in Deutschlands Besetzung der Bucht 1897 erfüllte. Richthofens Sicht auf China war die einer niedergehenden Zivilisation, die sich der aufsteigenden Macht des Westens gegenübersah. Er sah keinen Bedarf, die sinologische Forschung in Deutschland auszuweiten, und argumentierte, dass Fragen der Kultur, Geschichte und Religion passé seien; was zähle, sei „die Bereitstellung konkreter Empfehlungen für die wirtschaftliche und koloniale Entwicklung des Deutschen Reiches in China".[21] Seine Haltung illustriert die enge Verbindung zwischen deutscher Sinologie und dem imperialen Projekt.
4. Die Achse Hamburg–Berlin: Institutionalisierung (1900–1930)
Der entscheidende Durchbruch kam im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts. 1905 verabschiedete die Deutsche Kolonialgesellschaft eine Resolution, die die Einrichtung sinologischer Lehrstühle an deutschen Universitäten forderte. 1909 schuf die deutsche Regierung einen Lehrstuhl am Hamburgischen Kolonialinstitut — dem Vorläufer der Universität Hamburg. Otto Franke (1863–1946) wurde als erster Inhaber berufen und damit zum ersten professionellen Sinologie-Professor in der deutschen Geschichte. Das Hamburgische Kolonialinstitut war 1908 mit der doppelten Mission gegründet worden, Kolonialbeamte und Kaufleute auszubilden, aber auch einen „wissenschaftlicheren" Zugang zu den Völkern unter deutscher Kolonialherrschaft zu fördern. Wie Wolfgang Kubin angemerkt hat, lässt sich die Verbindung zwischen deutscher Sinologie und Imperialismus nicht leugnen, obwohl die Beziehung stets komplexer war, als es das Schlagwort der 1968er-Generation vom „ewigen Kolonialinstitut" nahelegte.[22]
Franke lehnte trotz seiner Tätigkeit in einer Handelsstadt einen utilitaristischen Ansatz entschieden ab. Er bestand darauf, dass die neue Abteilung der „Erforschung der chinesischen Sprache und Kultur als Ganzes" gewidmet sein solle, und nannte sie Seminar für Sprache und Kultur Chinas — ein Name, den sie bis heute trägt. Im Bruch mit der bisherigen Betonung des klassischen Chinesisch und alter Texte plädierte Franke dafür, mit dem modernen gesprochenen Chinesisch zu beginnen und von dort zur Erforschung der traditionellen Kultur vorzudringen.[23] Lehrstühle folgten in rascher Abfolge: Berlin (1912), wo der niederländische Gelehrte J.J.M. de Groot zum ersten Professor ernannt wurde; Leipzig (1922) unter August Conrady; und Frankfurt (1925) unter Richard Wilhelm. Göttingen und Bonn richteten ab 1920 sinologische Abteilungen innerhalb ihrer orientalistischen Institute ein. Anfang der 1930er Jahre hatte Deutschland eine akademische Infrastruktur für Chinastudien aufgebaut, die diejenige jeder anderen europäischen Nation erreichte oder übertraf.[24]
Frankes Magnum Opus war die fünfbändige Geschichte des Chinesischen Reiches (Berlin: de Gruyter, 1930–1952), eine Geschichte des chinesischen Reiches von der Antike bis 1368. Mit dem Zizhi Tongjian als seinem primären Rahmenwerk stellte Franke die konfuzianische Ideologie und das Konzept des tianxia in den Mittelpunkt seiner Erzählung und schuf im Wesentlichen eine politisch-intellektuelle Geschichte Chinas. Gegen die vorherrschende deutsche Geschichtstradition von Herder über Hegel und Ranke bestand Franke darauf, dass China eine dynamische, lebendige Zivilisation sei, deren kultureller Einfluss den gesamten Verlauf der ost- und zentralasiatischen Geschichte geprägt habe. Die französische Sinologin Marianne Bastid nannte dieses Werk „einen Meilenstein in der europäischen Erforschung der chinesischen Geschichte".[25]
Alfred Forke (1867–1944), ausgebildeter Jurist und dann dreizehn Jahre lang (1890–1903) als Dolmetscher in China tätig, war der produktivste Sinologe seiner Generation. Seine dreibändige Geschichte der chinesischen Philosophie (1927–1938) bleibt mit nahezu zweitausend Seiten ein unverzichtbares Nachschlagewerk. Forkes Methode bestand darin, umfangreiche übersetzte Passagen aus chinesischen Originaltexten in seinen analytischen Rahmen einzubetten und den Lesern direkten Zugang zu den Primärquellen zu geben. Seine deutsche Übersetzung von Wang Chongs Lunheng (1906–1911) brachte ihm den Prix Stanislas Julien ein, und seine Übersetzung des Mozi von 1922 (Me Ti des Sozialethikers und seiner Schüler philosophische Werke) hatte ein unerwartetes literarisches Nachleben: Sie wurde zur Hauptquelle für Bertolt Brechts Me-ti: Buch der Wendungen.[26]
Keine Gestalt in der Geschichte der deutschen Sinologie hat eine breitere kulturelle Wirkung gehabt als Richard Wilhelm (1873–1930). In Stuttgart geboren und als evangelischer Theologe ausgebildet, wurde Wilhelm 1899 in die deutsche Kolonie Qingdao entsandt, wo er sich weniger der Missionstätigkeit als dem Studium der chinesischen Klassiker widmete und mit dem Qing-loyalistischen Gelehrten Lao Naixuan am Yijing und anderen konfuzianischen und daoistischen Texten arbeitete. In den folgenden Jahrzehnten übersetzte er ein atemberaubendes Spektrum kanonischer Werke ins Deutsche: das Lunyu, Mengzi, Daxue, Zhongyong, Kongzi jiayu, Liji, Yijing, Lüshi Chunqiu, Daodejing, Liezi und Zhuangzi sowie weitere. Wilhelms Übersetzungen erschienen im Eugen Diederichs Verlag in Leipzig und erzielten eine außerordentliche Resonanz in der deutschsprachigen Welt. Da sie in der Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs erschienen, als europäische Intellektuelle die absolute Überlegenheit westlicher Werte in Frage stellten, fanden seine Wiedergaben chinesischer Weisheit ein empfängliches Publikum. Hermann Hesse schrieb nach der Lektüre des Daodejing: „Der chinesische Philosoph Laozi, Europa zweitausend Jahre lang unbekannt, ist in den letzten fünfzehn Jahren in alle europäischen Sprachen übersetzt worden, und sein Daodejing ist ein Modebuch geworden." Carl Gustav Jung verfasste das Vorwort zur englischen Ausgabe des Yijing von 1951, das in den 1970er Jahren zu einem Kultbuch der amerikanischen Gegenkultur wurde.[27] 1921 wurde Wilhelm zum Wissenschaftsattaché an der deutschen Gesandtschaft in Peking ernannt, wo er Kontakte zu den führenden Persönlichkeiten der Neuen Kulturbewegung knüpfte, darunter Cai Yuanpei und Hu Shi. Nach seiner Rückkehr nach Frankfurt 1925 gründete er das China-Institut, begründete die Zeitschrift Chinesische Blätter (später in Sinica umbenannt) und arbeitete unermüdlich daran, die chinesische Kultur dem deutschen Publikum nahezubringen. Professionelle Sinologen waren gegenüber Wilhelm nicht immer wohlwollend. Sie warfen ihm vor, seine Übersetzungen opferten bisweilen Genauigkeit zugunsten der Lesbarkeit, und seine sprachliche Beherrschung des Chinesischen sei nicht fehlerfrei. Otto Franke wies auf spezifische Übersetzungsfehler hin. Doch kein anderer Sinologe — weder vor noch nach ihm — hat einen vergleichbaren Einfluss auf die breitere Kultur ausgeübt.[28]
August Conrady (1864–1925), zunächst in der Indologie ausgebildet, bevor er sich der chinesischen Sprache und Geschichte zuwandte, entwickelte einen eigenständigen Ansatz, beeinflusst vom Historiker Karl Lamprecht. Er bestand darauf, die chinesische Zivilisation nicht isoliert zu betrachten, sondern im breiteren Rahmen der Weltgeschichte, unter Anwendung von Methoden der allgemeinen Ethnologie, Anthropologie und historischen Soziologie. Conradys Beiträge zur sinotibetischen Linguistik waren bahnbrechend: Er argumentierte, dass die „indochinesische" Sprachfamilie einen sino-thailändischen und einen tibeto-birmanischen Zweig umfasse — eine Klassifikation, die den modernen wissenschaftlichen Konsens vorwegnahm. Zu seinen Schülern zählte Lin Yutang, der 1923 unter seiner Betreuung eine Doktorarbeit über altchinesische Phonologie verfasste.[29]
Die Berufung des niederländischen Gelehrten Jan Jacob Maria de Groot auf den neuen Lehrstuhl für Sinologie in Berlin 1912 brachte eine der herausragendsten — und umstrittensten — Persönlichkeiten in der Geschichte des Faches nach Deutschland. De Groot hatte während zweier längerer Aufenthalte in Xiamen Hokkien gelernt, wobei er auch die akribische Feldforschung über Volksreligion durchführte, die in seinem Magnum Opus mündete: dem sechsbändigen Religious System of China (Leiden: Brill, 1892–1910), einem Werk von unübertroffener ethnographischer Reichhaltigkeit, das bis heute unverzichtbar ist. Sein Wechsel nach Berlin war zum Teil durch seine Frustration mit dem niederländischen Universitätssystem motiviert: Nach siebenunddreißig Dienstjahren hatte er keinen Pensionsanspruch. Er wurde, wie Kubin bemerkt, „deutscher als die Deutschen" und umarmte den deutschen Nationalismus so weit, dass er 1914 sein eigenes Geld für die deutsche Kriegsanstrengung spendete.[30]
Unter den frühen Studenten des SOS war Franz Kuhn, der zum bedeutendsten Übersetzer chinesischer Erzählliteratur ins Deutsche werden sollte und viele der großen chinesischen Romane in elegantes Deutsch übertrug, darunter das Jinpingmei, Haoqiu zhuan, Yesou puyan und Werke von Pu Songling. Ferdinand Lessing (1882–1961), im Rheinland geboren, spezialisierte sich auf mongolische Sprachen, tibetischen Buddhismus und chinesische Kunst und verfasste ein Mongolian-English Dictionary (1960), das ein Standardnachschlagewerk blieb. Nach seiner Emigration in die Vereinigten Staaten lehrte er in Berkeley und trug zur Übertragung deutscher sinologischer Expertise nach Amerika bei.
Die institutionelle Konsolidierung der deutschen Sinologie in dieser Periode wurde von der Gründung mehrerer wichtiger Zeitschriften begleitet. Artibus Asiae (1925, Zürich) war der ostasiatischen Kunstgeschichte gewidmet. Die Ostasiatische Zeitschrift (1912, Berlin) war das Organ der Deutschen Gesellschaft für Ostasiatische Kunst. Asia Major (1924–1935, Leipzig) war die bedeutendste rein sinologische Zeitschrift, 1949 in London wiederbelebt. Sinica (Frankfurt) war das Organ von Wilhelms China-Institut, das bis 1943 erschien. In Peking gründete der Steyler Missionar und Sinologe Heinrich Stenz 1935 an der Katholischen Fu-Jen-Universität die Monumenta Serica, eine Zeitschrift, die Beiträge vieler späterer Koryphäen anzog — Wolfram Eberhard, Robert van Gulik, Wolfgang Franke — und bis heute erscheint.[31]
5. Zerstörung und Diaspora (1933–1945)
Der Aufstieg des Nationalsozialismus verwüstete die deutsche Sinologie. Als Hitler 1933 an die Macht kam, war die professionelle Sinologie in Deutschland kaum zwanzig Jahre alt. Das gesamte Land besaß nur vier sinologische Professuren: Hamburg (seit 1909), Berlin (seit 1912), Leipzig (seit 1922) und Frankfurt (seit 1925). Das Fach war klein, und der Verlust auch nur weniger Gelehrter war katastrophal.
Der verheerendste Schlag war die erzwungene Emigration einer ganzen Generation. Wie der Princeton-Sinologe Martin Kern dokumentiert hat, verließ eine große Zahl junger und etablierter deutscher Sinologen und ostasiatischer Kunsthistoriker das Land, die meisten in Richtung Vereinigte Staaten.[32] Gustav Haloun (1898–1951), der von 1931 bis 1938 als Lektor und dann als außerordentlicher Professor in Göttingen gewirkt hatte, wurde aufgrund seiner „negativen Einstellung gegenüber der NSDAP" ein ordentlicher Lehrstuhl verweigert. Er nahm 1938 einen Ruf an die Universität Cambridge an, wo er bis zu seinem frühen Tod 1951 blieb. Unter Halouns Leitung hatte Göttingen kurzzeitig eine ernstzunehmende sinologische Forschungsbibliothek besessen — eine Sammlung, die in den Wirren des Krieges verloren ging. Ein bemerkenswertes Detail aus der Göttinger Geschichte, dokumentiert von Michael Knüppel, ist, dass der junge Ji Xianlin (1911–2009) — der später zu einem der berühmtesten chinesischen Gelehrten für Sanskrit und vergleichende Kulturwissenschaft werden sollte — von 1937 bis 1945 als chinesischer Sprachlektor am Göttinger sinologischen Seminar diente, nachdem er durch den Ausbruch des Krieges in Deutschland gestrandet war.[33]
Wolfram Eberhard (1909–1989), Spezialist für chinesische Folklore und Sozialgeschichte, zog zunächst nach Ankara und dann an die University of California, Berkeley. Sein umfangreiches Oeuvre — darunter A History of China (1950), Guilt and Sin in Traditional China (1967) und zahlreiche Studien zu chinesischen Volksmärchen — verkörperte die deutsche Tradition, philologische Strenge mit breiter kultureller Analyse zu verbinden. Erwin Reifler (1903–1965), der in Berlin studiert hatte, emigrierte in die Vereinigten Staaten, wo er an der University of Washington an chinesischer Linguistik arbeitete. Die Beiträge der Emigranten zu ihren Gastländern waren enorm — doch keiner von ihnen wurde jemals nach Deutschland zurückberufen. Wie Kern angemerkt hat, veränderte dieser einseitige Transfer dauerhaft das internationale Gleichgewicht der sinologischen Forschung und verschob den Schwerpunkt vom deutschsprachigen Europa in die anglophone Welt.
Der Krieg selbst verschlimmerte den Schaden. Die sinologische Bibliothek der Berliner Universität — über Jahrzehnte zu einer der bedeutendsten Sammlungen Europas aufgebaut — wurde bei den Bombardements zerstört. Wilhelm Grubes gesamte Privatbibliothek, die er dem Ostasiatischen Institut in Leipzig gestiftet hatte, ging ebenfalls verloren. Wichtige Zeitschriften stellten ihr Erscheinen ein: Asia Major 1935, Sinica 1943. Der Tod von Otto Franke (1946) und Alfred Forke (1944) markierte das Ende einer Ära. 1945 lag die deutsche Sinologie in Trümmern.
6. Nachkriegswiederaufbau (1945–1970er Jahre)
Der Wiederaufbau der deutschen Sinologie nach 1945 vollzog sich quälend langsam. Wie Richard Wilhelms Sohn Hellmut Wilhelm (1905–1990), damals Professor an der University of Washington, 1949 beobachtete, „ist das Tempo der Erholung der deutschen sinologischen Forschung im Vergleich zur allgemeinen Wiederbelebung des deutschen akademischen Lebens noch bemerkenswert langsam". Der Hauptgrund war ein schlichter Mangel an qualifiziertem Personal.[34]
In den Nachkriegsjahrzehnten organisierte sich die deutsche Sinologie um drei Zentren, jedes mit einem eigenen intellektuellen Profil. Hamburg unter Wolfgang Franke (1912–2007) setzte die von seinem Vater Otto begründete Tradition fort. Der jüngere Franke, der dreizehn Jahre in China verbracht hatte (1937–1950), konzentrierte sich auf die Ming- und Qing-Geschichte, die Auslandschinesen und die moderne chinesische Geistesgeschichte. Seine Introduction to the Sources of Ming History (1948, auf Englisch) exemplifizierte die gleichzeitige Aufmerksamkeit der Hamburger Schule für chinesisch- und westlichsprachige Quellen.[35] München unter Herbert Franke (1914–2011; nicht verwandt mit den Hamburger Frankes) wurde zur süddeutschen Hochburg der deutschen Sinologie. Herbert Franke, der über Doktortitel in Philosophie (Sinologie) und Rechtswissenschaft verfügte, machte die Geschichte der Song- und Yuan-Dynastie zu seinem Spezialgebiet. Ab 1966 wurde er von Wolfgang Bauer (1930–1997) unterstützt, dessen Magnum Opus China und die Hoffnung auf Glück (1971; englisch: China and the Search for Happiness, 1976) eine weitgespannte Geistesgeschichte des chinesischen utopischen Denkens von der Antike bis zum zwanzigsten Jahrhundert war. Gemeinsam machten Franke und Bauer München zu einem Zentrum für das Studium chinesischer Geschichte, Kunst, Philosophie und Literatur.[36] Leipzig in der Deutschen Demokratischen Republik erbte die Tradition von Conrady und seinem Schwiegersohn Eduard Erkes (1891–1958). Der markanteste Anspruch der Leipziger Schule war Erkes' Beharren — erstmals 1919 formuliert —, dass das antike China keine Sklavenhaltergesellschaft im europäischen Sinne gekannt habe, was der orthodoxen marxistischen Periodisierung widersprach, die sowohl die Sowjetunion als auch die Kommunistische Partei Chinas vertrat. Selbst unter den Zwängen der DDR-Ideologie hielt Erkes an dieser Position fest und argumentierte, dass Marx' Schema historischer Stufen nicht universell angewendet werden könne.[37] Nach Erkes' Tod 1958 blieb sein Leipziger Lehrstuhl fünfundzwanzig Jahre lang unbesetzt.
Die Entwicklung der Sinologie in der Deutschen Demokratischen Republik folgte einer besonderen Laufbahn, die durch die politische Beziehung zwischen Ost-Berlin und Peking geprägt war. In den 1950er Jahren war die Volksrepublik China der wichtigste Verbündete der DDR, und eine große Zahl ostdeutscher Studenten wurde zum Sprachstudium nach China geschickt — darunter Mechthild Leutner, Helmut Martin, Brunhild Staiger und andere, die später bedeutend werden sollten. Der sino-sowjetische Bruch der frühen 1960er Jahre hatte jedoch verheerende Konsequenzen. Nach 1963 sank die Nachfrage nach Sinologen in der DDR drastisch, die Studentenzahlen wurden dramatisch reduziert, und die Leipziger Abteilung wurde faktisch geschlossen. Die DDR brachte eine einzigartige Institution hervor: die vertrauliche Zeitschrift Aktuelle China-Information (1971–1989), veröffentlicht mit dem Vermerk „vertraulich — nur für den Dienstgebrauch". In über achtzig Ausgaben enthielt sie mehr Artikel über China als alle anderen DDR-Publikationen zusammen, doch die meisten ostdeutschen Sinologen hatten keinen Zugang zu ihr.[38]
Ab den 1960er Jahren wuchs die Zahl der sinologischen Professuren in Westdeutschland stetig. 1967 gab es dreizehn Professoren für Chinastudien an elf Institutionen. Ein entscheidendes Experiment der Umstrukturierung wurde 1964 an der neu gegründeten Ruhr-Universität Bochum gestartet, wo ein Institut für Ostasienwissenschaften nach dem Vorbild der amerikanischen „Area Studies" eingerichtet wurde. Anders als traditionelle Sinologieabteilungen brachte das Bochumer Institut Spezialisten für chinesische Sprache und Literatur, Geschichte, Philosophie, Religion, Kunst, Recht, Wirtschaft und Soziologie unter einem institutionellen Dach zusammen — ein bewusster Bruch mit dem Lehrstuhl-System, in dem die persönlichen Interessen des Professors die Forschungsagenda einer gesamten Abteilung bestimmten.
7. Die 1968er-Generation und die Transformation der Sinologie
Die Studentenproteste von 1968, die die westdeutschen Universitäten erschütterten, hatten eine besonders intensive Auswirkung auf die Sinologie. Die Bewegung bediente sich frei der Ikonographie der chinesischen Kulturrevolution: Demonstranten marschierten unter roten Fahnen, trugen Porträts von Mao Zedong und schwenkten das „Kleine Rote Buch". In München skandierten Demonstranten: „Wir sind Mao Zedongs Schüler, wir wollen nichts als Chaos."
Die Studenten forderten, dass die Sinologieabteilungen — die sich bis dahin fast ausschließlich antiken und klassischen Themen gewidmet hatten — ihre Aufmerksamkeit auf das zeitgenössische China richten sollten. 1967 arbeitete nur einer der dreizehn Sinologieprofessoren in Westdeutschland zu Gegenwartsfragen. Die Studenten forderten Unterricht im modernen gesprochenen Chinesisch und bestanden darauf, das hierarchische Lehrstuhl-System durch studentisch geführte Seminare und Arbeitsgruppen zu ersetzen. An der Freien Universität Berlin besetzten Studenten das Ostasiatische Institut und legten seinen Lehrbetrieb lahm. Tilemann Grimms kritisches Buch Mao intern (1974), herausgegeben vom Bochumer Sinologen Helmut Martin, provozierte Vorwürfe linksextremer Studentenorganisationen, es sei „eine chinafeindliche Publikation". Unterdessen konstruierten andere Gelehrte — namentlich Joachim Schickel, dessen Große Mauer, Große Methode (1968) ein idealisiertes Bild Chinas als Antithese der kapitalistischen westlichen Gesellschaft entwarf — die utopischen Phantasien der Studentenbewegung, während sie sorgfältig alle empirischen Belege für die chinesische Realität ausblendeten.[39] Die Münchner Abteilung unter Herbert Franke und Wolfgang Bauer überstanden den Sturm mit größerer Gelassenheit, obwohl sich das Lehrangebot verschob, um der studentischen Nachfrage gerecht zu werden.
Das bleibende Vermächtnis von 1968 war die Beschleunigung einer bereits im Gange befindlichen Transformation: die Verschiebung von der klassischen Sinologie — der philologischen Erforschung chinesischer Texte in der deutschen orientalistischen Tradition — zu den Chinawissenschaften (China Studies), einem breiteren, stärker interdisziplinären Unternehmen, das sozialwissenschaftliche Methoden einbezog und sich auf das moderne und zeitgenössische China konzentrierte. Dies war nicht bloß eine Generationenrebellion. Bereits in den späten 1950er Jahren hatten der Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft eine Ausweitung der Forschung zum zeitgenössischen China gefordert. Die Studentenbewegung verlieh Forderungen politische Dringlichkeit, die das akademische Establishment im Prinzip bereits anerkannt hatte. Die Debatte zwischen klassischer Sinologie und modernen Chinawissenschaften wurde nie vollständig beigelegt. Herbert Frankes Definition des Faches von 1953 — „die Erforschung Chinas, seiner Geschichte und Kultur auf der Grundlage chinesischsprachiger Texte, betrieben mit philologischen und kritischen Methoden" — genießt nach wie vor Respekt bei jenen, die darauf bestehen, dass die Beherrschung des klassischen Chinesisch und tiefe Vertrautheit mit der Texttradition Voraussetzungen für seriöse Wissenschaft sind. Kritiker erwidern, dass diese Definition eine selbstbezügliche philologische Praxis privilegiert gegenüber der Auseinandersetzung mit den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Realitäten des zeitgenössischen China.
8. Gegenwärtige deutsche Sinologie: Wichtige Zentren und Persönlichkeiten
Die deutsche Wiedervereinigung 1990 brachte die ostdeutsche sinologische Tradition — oder was von ihr übrig war — wieder in Kontakt mit dem westlichen Mainstream. Heute werden Sinologie und Chinastudien an mehr als einem Dutzend deutscher Universitäten gelehrt. Berlin — sowohl die Freie Universität als auch die Humboldt-Universität — unterhält Abteilungen für Chinastudien, und zusammen bilden sie das größte Zentrum für Chinastudien in Deutschland. Hamburgs Seminar für Sprache und Kultur Chinas, unter seinem ursprünglichen Namen seit 1909, bleibt eine der ehrwürdigsten Institutionen der europäischen Sinologie. München ist weiterhin ein bedeutendes Zentrum für historische und philologische Sinologie. Heidelbergs Centre for Asian and Transcultural Studies (CATS) verkörpert das neuere, stärker interdisziplinäre Modell mit besonderen Stärken in der Wissenschaftsgeschichte und Geistesgeschichte; Rudolf Wagner (1941–2019), dessen Werk vom Taiping Tianguo bis zur chinesischen Presse und zu Enzyklopädien reichte, machte Heidelberg zu einem bedeutenden Zentrum originärer sinologischer Forschung. Die Göttinger Sinologie hat dramatische Schwankungen erlebt: 1925 gegründet, wäre sie 2004 beinahe untergegangen, als die Philosophische Fakultät für die Schließung sowohl der Sinologie als auch der Japanologie stimmte. Rettung kam durch Stiftungsmittel regionaler Unternehmen, und die Abteilung verfügt heute über fünfzehn feste Stellen.[40] Die Bonner Schule, verbunden mit Rolf Trauzettel (1930–2019) und später Wolfgang Kubin (geb. 1945), entwickelte einen eigenständigen Ansatz, der europäische Philosophie, Theologie und Literaturtheorie zur Interpretation der chinesischen Kultur heranzog.[41] Münster hat einen Schwerpunkt in klassischer Philologie und Han-zeitlichen Studien beibehalten. Tübingen ist bekannt für das chinesische Recht und das Werk Harro von Sengers über die Strategeme. Das Bochumer Modell von 1964 besteht fort, obwohl die Abteilung 1999 durch den Suizid ihres langjährigen Direktors Helmut Martin erschüttert wurde. Martin war eine überragende Gestalt der deutschen Nachkriegssinologie: Sein Schwerpunkt auf der zeitgenössischen chinesischen Literatur generierte mehrere hundert Veröffentlichungen, und er gründete das Landesspracheninstitut Nordrhein-Westfalen sowie das Richard-Wilhelm-Übersetzungszentrum an der Ruhr-Universität Bochum 1993 — eines von nur drei Übersetzungszentren für chinesische Literatur weltweit. Er gab auch die Buchreihe Chinathemen beim Universitätsverlag Brockmeyer und später eine Reihe beim Projekt Verlag Münster heraus und machte so zeitgenössische chinesische Literatur- und Kulturtexte dem deutschen Leser zugänglich. Martin war maßgeblich an der institutionellen Entwicklung des Faches jenseits der Universität beteiligt: Er war Mitgründer und ab 1995 Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Chinastudien (DVCS), des Berufsverbands deutschsprachiger Chinawissenschaftler, der im März 1990 an der Humboldt-Universität zu Berlin gegründet worden war. Frankfurt, der historische Sitz von Richard Wilhelms China-Institut, hat seine sinologische Tradition unter Iwo Amelung (geb. 1962) fortgesetzt, der seit 2007 den Lehrstuhl an der Goethe-Universität innehat, mit einem besonderen Schwerpunkt auf der Wissenschaftsgeschichte im modernen China und der Rezeption westlichen Wissens in der späten Qing-Zeit. Unter den neueren Berufungen wurde Juliane Noth, eine Spezialistin für ostasiatische Kunstgeschichte mit Schwerpunkt auf moderner chinesischer Malerei, zur Professorin an der Freien Universität Berlin ernannt. Die FU Berlin ist mit fünf oder mehr Professuren zu Deutschlands größtem sinologischen Institut geworden: Genia Kostka hält den Lehrstuhl für chinesische Politik mit Forschungsschwerpunkten in digitaler Transformation, Umweltpolitik und lokaler Governance in China; Sabrina Habich-Sobiegalla wurde auf eine Professur für Chinastudien berufen mit Schwerpunkt ländliche Entwicklung und Staat-Gesellschaft-Beziehungen; Christian Meyer hält eine Heisenberg-Professur (seit 2018) zur Kultur und Geschichte Chinas mit Schwerpunkt Religionen, einschließlich Neokonfuzianismus und Christentum in China; Andreas Guder hält eine Stiftungsprofessur (seit 2019) für die Didaktik des Chinesischen sowie Sprache und Literatur Chinas; und Klaus Mühlhahn, der im Mai 2025 nach seiner Tätigkeit als Präsident der Zeppelin Universität (2020–2025) an die FU zurückkehrte, bringt Expertise in moderner chinesischer Geschichte, Strafrecht und deutsch-chinesischen Beziehungen mit. An der Humboldt-Universität zu Berlin hält Henning Klöter seit 2015 die Professur für Moderne Sprachen und Literaturen Chinas mit Forschungsschwerpunkten in Soziolinguistik und Taiwanstudien, während Sarah Eaton seit 2019 eine Professur für Transregionale Chinastudien innehat mit Schwerpunkt politische Ökonomie Chinas und Digitalisierung.
Hamburgs Abteilung umfasst neben ihrer langen Tradition heute Kai Vogelsang, der seit 2008 eine Professur für Sinologie innehat mit Schwerpunkt chinesische Geschichte und klassisches Chinesisch; Julia Schneider, die im Oktober 2024 Barend ter Haar nachfolgte mit Expertise in chinesischer Geschichte vom zwölften bis zum zwanzigsten Jahrhundert; und Thomas Fröhlich, der zur chinesischen Geistesgeschichte und politischen Philosophie arbeitet.
Heidelberg zählt heute fünf aktive Sinologieprofessuren und ist damit neben Berlin eines der größten sinologischen Zentren Deutschlands: Barbara Mittler (seit 2003) arbeitet zu chinesischer Kunst, Musik, Literatur und Kulturgeschichte; Gotelind Müller-Saini (seit 2004) ist spezialisiert auf chinesisch-japanischen Kulturaustausch und Kulturtransferprozesse; Joachim Kurtz (seit 2009) fokussiert auf chinesische Geistesgeschichte und Wissenstransfer; Enno Giele (seit 2012), der als Institutsdirektor fungiert, ist Spezialist für das klassische China und Manuskriptstudien; und Anja Senz (seit 2014) arbeitet zum zeitgenössischen China einschließlich seiner Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
An der Universität Bonn leitet Ralph Kauz jenseits der Trauzettel-Kubin-Tradition die Sinologieabteilung mit Forschung zur chinesischen Seefahrtsgeschichte und zu chinesisch-iranischen Beziehungen, während Li Wen eine Professur für klassische chinesische Philologie und Phonologie innehat.
Bochums Fakultät für Ostasienwissenschaften hat sich weit über ihren ursprünglichen Schwerpunkt hinaus entwickelt. Christine Moll-Murata hält den Lehrstuhl für Geschichte Chinas mit einem besonderen Schwerpunkt auf Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Handwerk und Industrialisierung. Christian Schwermann, der als geschäftsführender Direktor fungiert, hält die Professur für Sprachen und Literaturen Chinas (seit 2016) mit Spezialisierung auf Grammatik und Rhetorik des klassischen Chinesisch. Jörn-Carsten Gottwald hält den Lehrstuhl für Politik Ostasiens und arbeitet zur politischen Ökonomie Chinas, während Sebastian Bersick den Lehrstuhl für Internationale Politische Ökonomie Ostasiens innehat mit Forschung zu EU-China-Beziehungen und globaler Governance.
Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat sich als wichtiges Zentrum etabliert. Michael Lackner, der als Seniorprofessor weiterhin aktiv ist, gründete das Internationale Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung (IKGF), das bedeutende DFG-Förderung für das Studium des Ost-West-Wissenstransfers eingeworben hat. Marc André Matten hat seit 2009 eine Professur für Neuere chinesische Geschichte mit Schwerpunkt auf politischer Geistesgeschichte und Nationalismus inne. Andrea Bréard hält eine Alexander-von-Humboldt-Professur für Sinologie mit Schwerpunkt auf Ideen- und Kulturgeschichte Chinas — sie fungiert auch als Vizepräsidentin für Lehre der FAU — und bringt Expertise in der Geschichte der Mathematik in China mit. Michael Höckelmann bekleidet den Lehrstuhl für Staat und Gesellschaft Chinas. Yan Xu-Lackner (徐艳), außerordentliche Professorin und Leiterin des Konfuzius-Instituts an der FAU Erlangen-Nürnberg — das mehrfach als weltweit vorbildliches Konfuzius-Institut ausgezeichnet wurde —, forscht zur Geschichte des Fremdsprachenunterrichts, zum Verhältnis von Sprache und Politik, interkultureller Kommunikation und Kulturpolitik. Marco Pouget (马熠辉), Postdoktorand an den Universitäten Erlangen und München, repräsentiert die nächste Generation Erlanger Sinologen; seine Dissertation zu Zheng Xuans Kommentaren zum Liji wurde von Michael Lackner betreut.
Frankfurts sinologische Tradition umfasst neben Amelung Zhiyi Yang, die 2025 auf eine Professur für Sinologie berufen wurde mit Schwerpunkt vormoderne chinesische Lyrik, Ästhetik und Erinnerungsstudien, und Dorothea Wippermann, die seit 2001 den Lehrstuhl für chinesische Sprache und Kultur hält und zur angewandten Linguistik und transkulturellen Studien arbeitet.
Freiburgs Institut für Sinologie, als eigenständiges Institut von Nicola Spakowski gegründet, wird von zwei Lehrstühlen getragen: Spakowski selbst (seit 2010), die zur modernen chinesischen Geschichte und Gegenwartsgesellschaft arbeitet, und Daniel Leese (seit 2012), Spezialist für den Maoismus und sein Nachwirken in der politischen Geschichte der Volksrepublik.
Die Göttinger Sinologie, die ihre Beinahe-Schließung überlebt hat, wird nun von Axel Schneider (seit 2009) geleitet, der auf moderne chinesische Geistesgeschichte und Historiographie spezialisiert ist, und Dominic Sachsenmaier (seit 2015), der eine globalgeschichtliche Perspektive auf das Studium des modernen China und transnationaler Verflechtungen einbringt.
Die Universität zu Köln hat eine bedeutende Präsenz in den Chinastudien entwickelt. Stefan Kramer hält seit 2014 die Professur für chinesische Kultur mit Forschung zu Medientheorie, Ästhetik und Kulturwissenschaften. Felix Wemheuer (seit 2014) ist einer der führenden Wissenschaftler zu Maoismus und Hungerpolitik, während Björn Ahl seit 2012 die Professur für chinesische Rechtskultur hält und damit Robert Heuser nachfolgt.
Am Ostasiatischen Institut der Universität Leipzig hält Philip Clart den Lehrstuhl für Sinologie mit Schwerpunkt auf chinesischer Religionsgeschichte, Volksreligion und Daoismus, während Elisabeth Kaske auf die Geschichte des modernen China und Institutionengeschichte spezialisiert ist.
Münchens Tradition wird weiter gestärkt durch Armin Selbitschka, der zu früher chinesischer Geschichte, materieller Kultur und Archäologie arbeitet, und Max Oidtmann, der seit 2022 einen Lehrstuhl für chinesische und zentralasiatische Geschichte innehat mit Expertise zur Qing-Dynastie, Tibet und Rechtsgeschichte.
Münsters Institut für Sinologie und Ostasienkunde wird nun von Kerstin Storm geleitet, die klassische Sinologie mit moderner Chinaforschung verbindet.
Tübingen hat über von Sengers Vermächtnis in der Rechtswissenschaft hinaus ein breiteres Profil entwickelt. Gunter Schubert hält seit 2003 die Professur für Greater China Studies und gründete das European Research Center on Contemporary Taiwan (ERCCT) mit Schwerpunkt auf den grenzübergreifenden Beziehungen und lokaler Governance. Achim Mittag (seit 2005) arbeitet zur chinesischen Geistes- und Kulturgeschichte und Historiographie, während Huang Fei den Lehrstuhl für Geschichte und Gesellschaft Chinas hält mit Spezialisierung auf Umweltgeschichte und materieller Kultur vom sechzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert.
Die Sinologieabteilung der Universität Trier wird von Christian Soffel (seit 2012) geleitet, der auf die Kultur- und Geistesgeschichte Chinas spezialisiert ist mit besonderer Aufmerksamkeit für den Konfuzianismus und Zhu-Xi-Studien. An der Universität Würzburg hält Roland Altenburger (seit 2012) einen Lehrstuhl für Kulturgeschichte Ostasiens mit Schwerpunkt chinesische Literatur; Björn Alpermann (seit 2013) hält den Lehrstuhl für Contemporary China Studies und arbeitet zu chinesischer Politik und sozialer Schichtung; und Doris Fischer hält die Professur für China Business and Economics mit Forschung zur chinesischen Wirtschaft und Innovationspolitik.
Die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz hat an ihrem Campus Germersheim (Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft) eine eigene übersetzungswissenschaftliche Dimension zur deutschen Sinologie beigetragen. Peter Kupfer hielt eine Professur für chinesische Sprach- und Kulturwissenschaft mit Schwerpunkt Übersetzungstheorie und -praxis. Hans Peter Hoffmann, der seit 2014/2015 eine Professur für Sinologie in Germersheim innehat und die chinesische Abteilung leitet, verbindet literarische Übersetzung — darunter Werke des Nobelpreisträgers Gao Xingjian, Bei Daos und Liao Yiwus — mit akademischer Übersetzungspädagogik. Ulrich Kautz, der als außerordentlicher Professor in Germersheim wirkte, ist sowohl als produktiver Übersetzer zeitgenössischer chinesischer Prosa (darunter Werke von Yu Hua, Yan Lianke und Deng Youmei) als auch als Übersetzungstheoretiker bekannt, dessen Handbücher zur chinesisch-deutschen Übersetzungsdidaktik zu Standardwerken geworden sind.
Die deutschsprachige sinologische Tradition erstreckt sich über Deutschland hinaus. An der Universität Wien, dem größten sinologischen Zentrum Österreichs, leitet Rossella Ferrari die Sinologieabteilung mit Forschung zu moderner und zeitgenössischer chinesischer Literatur und Kultur; Christian Göbel hält eine Professur für Sinologie mit Schwerpunkt auf der Politik des modernen China und digitaler Governance; Agnes Schick-Chen ist Assoziierte Professorin für Sinologie mit Spezialisierung auf chinesische Rechtskultur; und Heinz Christoph Steinhardt hält eine Tenure-Track-Professur zu Staat und Gesellschaft des modernen China mit Schwerpunkt politische Soziologie und Zivilgesellschaft.
In der Schweiz beherbergt das Asien-Orient-Institut der Universität Zürich eine sinologische Tradition unter Wolfgang Behr, der seit 2008 die Professur für Traditionelles China innehat mit Forschung zur historischen Linguistik und Paläographie; Jean Christopher Mittelstädt wurde 2025 als Assoziierter Professor für Sinologie mit Schwerpunkt auf dem modernen China berufen. An der Universität Genf hält Nicolas Zufferey seit 2002 den Lehrstuhl für Sinologie mit Spezialisierung auf antike chinesische Philosophie und Konfuzianismus, während Laure Zhang (Zhang Ning) seit 2011 die Professur für modernes und zeitgenössisches China bekleidet.
Jenseits des traditionellen Universitätssystems richtete die Hochschule für Angewandte Sprachen (heute Internationale Hochschule SDI München) 2007 eine Abteilung für chinesische Sprache mit einer eigenen Professur ein — die von ihrer Gründung 2007 bis 2014 von Martin Woesler gehalten wurde —, die BA-Programme in chinesischer Übersetzung und Wirtschaftskommunikation sowie ein MA-Programm in Multilingualer Kommunikation und Moderation anbot, ein Modell, das die forschungsorientierte universitäre Tradition durch eine anwendungsbezogenere Ausrichtung ergänzte. Die Professur wurde später von Lingqi Meng (ab 2017) übernommen, die derzeit die chinesische Abteilung leitet und den BA-Studiengang Modernes China verantwortet, neben Rebecca Ehrenwirth, die eine Professur für chinesisch-deutsche Übersetzung hält.
Auch andere Fachhochschulen richteten Professuren ein: Die Hochschule Bremen betreibt ein China-Zentrum mit BA-Programmen in Internationalem Maschinenbau mit Schwerpunkt China (MAWIC) und Angewandten Wirtschaftssprachen (AWS, gegründet 1988); das Ostasieninstitut der Hochschule Ludwigshafen (gegründet 1989) bietet einen BSc in International Business Management East Asia an; die HTWG Konstanz führt BA-Programme in Asienstudien und Management mit China-Track und beherbergt das BMBF-geförderte China-Kompetenzzentrum Bodensee (ChiKoBo), geleitet von Gabriele Thelen, das 24 Fachhochschulen in Baden-Württemberg vernetzt; die Hochschule Osnabrück gründete 2013 ein Hochschulzentrum China (HZC), das ein China-Kompetenz-Zertifikat und kooperative Studiengänge mit chinesischen Partneruniversitäten anbietet; und die FH Dortmund betreibt DoCoChi, das Dortmunder Kompetenzzentrum China, mit Schwerpunkt auf transnationaler Bildung und dualen Bachelorstudiengängen. Diese Institutionen werden durch den Verbund der Chinazentren (VCdH) koordiniert, der 2019 gegründet wurde und Chinazentren im deutschen Hochschulsystem vernetzt, um Chinakompetenz in Forschung und Lehre zu fördern.
Mehrere Gelehrte haben den Charakter der zeitgenössischen deutschen Sinologie über die bereits besprochenen Gründergestalten hinaus geprägt. Wolfgang Kubin (geb. 1945, Celle) war der produktivste und provokativste deutsche Sinologe der Post-Franke-Ära. Seine zehnbändige Geschichte der chinesischen Literatur (2002–2014), die ambitionierteste Literaturgeschichte Chinas in einer westlichen Sprache, rief sowohl Bewunderung als auch Kontroversen hervor.[42] Heiner Roetz (geb. 1950), Professor in Bochum, ist der führende deutsche Gelehrte der chinesischen Philosophie, dessen Die chinesische Ethik der Achsenzeit (1992; englisch: Confucian Ethics of the Axial Age, 1993) der Tendenz entgegentrat, die Universalität ethischen Denkens zu leugnen, indem er die ausgefeilten argumentativen Strukturen im klassischen chinesischen Denken nachwies. Mechthild Leutner (geb. 1949) an der Freien Universität Berlin ist die bedeutendste Gelehrte der modernen chinesischen Sozialgeschichte und der deutsch-chinesischen Beziehungen. Hans van Ess (geb. 1962) in München hat die Münchner Tradition der historischen Sinologie mit wichtigen Arbeiten zur han-zeitlichen Geistesgeschichte und zum Shiji fortgesetzt. Helwig Schmidt-Glintzer (geb. 1948), der die Leitung der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel mit einer sinologischen Professur in Göttingen verband, verkörpert die deutsche Tradition, die Sinologie in eine breitere humanistische Gelehrsamkeit einzubetten. Hartmut Walravens (geb. 1944), der in Berlin ansässige Bibliograph und Sinologiehistoriker an der Staatsbibliothek zu Berlin, hat Jahrzehnte damit verbracht, die Geschichte der ostasienwissenschaftlichen Studien in Deutschland und darüber hinaus zu dokumentieren. Max Jakob Fölster, ein in Hamburg ausgebildeter Sinologe mit Spezialisierung auf han-zeitliche Manuskriptstudien, die Geschichte chinesischer Büchersammlungen und die Geschichte der deutschen Sinologie, hat als Vertreter der Max-Weber-Stiftung in Peking gedient und damit zum fortlaufenden institutionellen Rahmen des deutsch-chinesischen akademischen Austauschs beigetragen. Michael Knüppel (geb. 1967), ausgebildet in Turkologie und Altaistik in Göttingen und Hamburg, hat die Geschichte der orientalistischen und sinologischen Forschung in Göttingen dokumentiert — einschließlich der bemerkenswerten kriegsbedingten Präsenz Ji Xianlins am Göttinger sinologischen Seminar — und hatte 2018–2025 eine Professur am Arctic Studies Center der Universität Liaocheng in China inne. Felix Clausberg (柯斐烈), derzeit außerordentlicher Professor an der Universität Peking, repräsentiert die aufstrebende Generation deutscher Sinologen; ausgebildet bei dem renommierten Medizinhistoriker Paul U. Unschuld (文树德), verbindet seine Forschung klassische chinesische Philosophie mit Wissenschaftsgeschichte. Dennis Schilling (谢林德), der Positionen an den Universitäten Marburg und München innehatte, bevor er an die Renmin-Universität Peking wechselte, steht in der Tradition der deutschen philosophischen Sinologie im Ausland, mit Forschung zum Yijing, Zhuangzi und zur modernen Rezeption buddhistischer Philosophie. Thomas Zimmer (司马涛), Distinguished Professor an der Tongji-Universität Shanghai, hat sich auf chinesische Literatur und die geistige Welt chinesischer Schriftsteller spezialisiert; sein Werk Der chinesische Roman der ausgehenden Kaiserzeit untersucht die spätkaiserliche Romantradition. Leopold Leeb (雷立柏), ein aus Österreich stammender Gelehrter, der seit den 1990er Jahren an der Renmin-Universität lehrt, nimmt eine einzigartige Position an der Schnittstelle europäischer klassischer Sprachen und chinesischer Kulturgeschichte ein, mit Pionierarbeit zur Verbreitung des Lateinischen in China und zur Geschichte des Christentums im chinesischen Kontext — seine Forschung zu 250 deutschen Ordensschwestern, die zwischen 1905 und 1955 in der Provinz Shandong tätig waren, hat neue Perspektiven auf die kulturellen Dimensionen der Missionstätigkeit in China eröffnet. Anno Dederichs, ehemals am China-Zentrum der Universität Tübingen und jetzt außerordentlicher Professor an der Sun-Yat-sen-Universität, arbeitet zu zeitgenössischer chinesischer Soziologie und Wirtschaftsforschung und repräsentiert den wachsenden Trend, dass deutsche Sinologen feste Positionen an chinesischen Universitäten einnehmen.
Die deutsche sinologische Landschaft zeichnet sich auch durch eine reiche Tradition spezialisierter Zeitschriften und Buchreihen aus. Wolfgang Kubins Zeitschrift minima sinica: Zeitschrift zum chinesischen Geist, 1989 gegründet und zusammen mit Li Xuetao herausgegeben, hat als Forum für die literarische und philosophische Auseinandersetzung mit der chinesischen Kultur gedient und spiegelt die Betonung der Bonner Schule auf hermeneutische und vergleichende Ansätze wider. Richard Wilhelms Zeitschrift Sinica, ursprünglich bis 1943 aus Frankfurt erschienen, wurde später als Buchreihe wiederbelebt: Martin Woesler hat die Reihe Sinica — ursprünglich von Wilhelm begründet — sowie Scripta Sinica und seit 2024 die Reihe Bibliotheca Sinica beim LIT Verlag herausgegeben. Woesler gibt auch mehrere periodische Publikationen heraus: das Mitteilungsblatt der Deutschen China-Gesellschaft (gegründet 1957, auf Deutsch), das European Journal of Sinology und European Journal of Chinese Studies (beide auf Englisch) sowie die Zeitschrift 汉学 (Hanxue, auf Chinesisch), die zusammen eine mehrsprachige Infrastruktur für sinologische Publikationen bilden, die im deutschsprachigen Raum einzigartig ist.
Die organisatorische Landschaft der deutschen Sinologie wird von mehreren Berufsverbänden mit unterschiedlichen Profilen geprägt. Die Deutsche Vereinigung für Chinastudien (DVCS), mitbegründet von Helmut Martin und von ihm ab 1995 bis zu seinem Tod 1999 geleitet, bleibt der primäre Berufsverband akademischer Sinologen. Die Deutsche China-Gesellschaft, 1957 zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses und der Freundschaft zwischen Deutschen und Chinesen gegründet, wurde fast zwei Jahrzehnte lang vom Philosophen Gregor Paul (geb. 1947) geleitet, der von 1997 bis 2016 als Präsident fungierte. Paul, Spezialist für chinesische und vergleichende Philosophie am Karlsruher Institut für Technologie, brachte eine dezidiert philosophische Orientierung in die Aktivitäten der Gesellschaft ein und organisierte Konferenzen und Publikationen zu interkultureller Ethik und der Universalität logischen Denkens im chinesischen Denken. Seit 2016 wird die Deutsche China-Gesellschaft von Martin Woesler geleitet, der seit 2016 auch als Präsident der World Association for Chinese Studies (WACS) fungiert, eines 2016 gegründeten internationalen Gelehrtennetzwerks mit Vertretung aus über achtundvierzig Ländern. Die WACS organisiert jährliche Konferenzen an wechselnden Standorten weltweit — die zehnte Konferenz ist für August 2026 an der University of Hong Kong, School of Chinese, geplant — mit mehr als 300 Vorträgen als Plattform für sinologischen Austausch, der westliche und asiatische Gelehrtentraditionen verbindet. Dem Vorstand der Deutschen China-Gesellschaft gehören Thomas Weyrauch (geb. 1954) an, ein Jurist und Autor von Werken zur chinesischen Politikgeschichte, den Menschenrechten und der Republik China auf Taiwan; Cord Eberspächer, ein Historiker der deutsch-chinesischen Beziehungen, der 2020–2022 eine Professur für vergleichende chinesische und europäische Geschichte an der Hunan Normal University innehatte; und Michael Knüppel. Ole Döring (geb. 1965), ein Philosoph und Sinologe, der seit 2020 eine Professur an der Hunan Normal University hält, hat eigenständige Beiträge zur chinesischen Bioethik und interkulturellen Philosophie geleistet und Anerkennung chinesischer Institutionen für seine Arbeit zur Ethik in der Medizin erhalten.
Ein bemerkenswertes Merkmal der letzten Jahrzehnte war die Internationalisierung deutscher sinologischer Karrieren. Martin Woeslers Laufbahn illustriert dieses Muster: Während seiner Professur an der Hochschule für Angewandte Sprachen in München (2007–2014) war er als Visiting Scholar am Department of East Asian Languages and Civilizations der Harvard University tätig (2010–2011, auf Einladung von David Der-wei Wang), als Associate Professor für Chinese Studies und Gründungskoordinator des Chinese-Studies-Programms an der Utah Valley University (2011–2013), als Professor für Sinologie und vergleichende Kultur an der Università Roma Tre (2014–2015) und als Professor für Literatur und Kommunikation in China an der Universität Witten/Herdecke (2015–2020). In seinem letzten Jahr dort nahm er 2019 eine Distinguished Professorship für Sinologie, Übersetzungswissenschaft und Vergleichende Literatur an der Hunan Normal University an, wo er das International Centre for Chinese Studies und das EU-Jean-Monnet-Exzellenzforschungszentrum gründet und leitet sowie Doktoranden betreut. Die Karrieren von Eberspächer und Döring an der Hunan Normal University spiegeln einen breiteren Trend wider, in dem deutsche Sinologen, konfrontiert mit den strukturellen Beschränkungen des deutschen Universitätssystems, Positionen an chinesischen Institutionen gefunden haben — eine Umkehrung des Braindrain, der die deutsche Sinologie in den 1930er und 1940er Jahren dezimierte, und eine Entwicklung, die neue Fragen nach dem Verhältnis zwischen westlichen sinologischen Traditionen und chinesischen akademischen Strukturen aufwirft.
8.1 Übersetzung chinesischer Literatur ins Deutsche
Die Übersetzung chinesischer Literatur ins Deutsche bildet eine der charakteristischsten und produktivsten Dimensionen der deutschen sinologischen Tradition. Vom frühen zwanzigsten Jahrhundert bis in die Gegenwart haben deutschsprachige Übersetzer ein Gesamtwerk geschaffen, das in seiner Bandbreite und seinem Anspruch nur von der englisch- und französischsprachigen Tradition erreicht wird.
Die Gründerfigur dieser Tradition ist Richard Wilhelm (1873–1930), der fünfundzwanzig Jahre in China verbrachte — zunächst als Missionar in Qingdao, dann als Gelehrter und Lehrer in Peking —, bevor er 1924 nach Deutschland zurückkehrte, um die erste Professur für chinesische Philosophie an der Universität Frankfurt zu übernehmen und das China-Institut zu gründen. Seine Übersetzungen des Yijing (Buch der Wandlungen, 1924), des Daodejing (1911), des Zhuangzi (1912), des Lunyu (1910) und zahlreicher anderer klassischer Texte sind ein Jahrhundert später noch im Druck und wurden aus dem Deutschen in viele andere Sprachen übersetzt. Seine Zusammenarbeit mit dem chinesischen Gelehrten Lao Naixuan (劳乃宣, 1843–1921) und die intellektuelle Partnerschaft mit C.G. Jung, der die Einleitung zur Yijing-Übersetzung schrieb, machten Wilhelm zum wichtigsten Vermittler chinesischer Philosophie in der deutschsprachigen Welt.
Franz Kuhn (1884–1961), ein Jurist, der zur Sinologie überwechselte, vollbrachte für die chinesische Erzählliteratur, was Wilhelm für die Philosophie geleistet hatte. Seine Übersetzung des Jin Ping Mei (1930) wurde ein internationaler Bestseller, und seine Wiedergaben des Hongloumeng (Traum der Roten Kammer, 1932), des Shuihuzhuan (1934) und anderer Romane machten die großen Werke der chinesischen Erzählprosa erstmals einem breiten deutschen Publikum zugänglich. Obwohl seine Fassungen gekürzte Adaptionen und keine vollständigen philologischen Übersetzungen waren, prägten sie über Jahrzehnte das Bild des deutschen Publikums von chinesischer Literatur. Seine Übersetzung des Rouputuan (Die Gebetsmatte des Fleisches) von Li Yu wurde 1959 in der Schweiz beschlagnahmt, die Druckplatten samt Illustrationen vernichtet; sie erschien posthum 1964 in Deutschland.
Alfred Forke (1867–1944), der als Konsulardolmetscher in Peking diente, bevor er Professuren in Berlin und Hamburg innehatte (wo er Otto Franke nachfolgte), legte die einzige vollständige westlichsprachige Übersetzung von Wang Chongs Lun Heng (論衡) vor — allerdings, bemerkenswerterweise, auf Englisch und nicht auf Deutsch (zwei Bände, 1907 und 1911). Seine dreibändige Geschichte der chinesischen Philosophie (1927, 1934, 1938) blieb hingegen über Jahrzehnte die umfassendste deutschsprachige Behandlung des Themas.
Erwin von Zach (1872–1942), ein österreichischer Diplomat und unabhängiger Gelehrter, schuf die nach wie vor einzigen vollständigen westlichsprachigen Übersetzungen der gesammelten Gedichte von Li Bai, Du Fu und Han Yu sowie großer Teile der Wen Xuan (文选)-Anthologie. Seine Übersetzungen, bemerkenswert durch ihre philologische Präzision und Treue zum Original, wurden durch seinen Tod bei einem japanischen Torpedoangriff auf ein niederländisches Schiff im Indischen Ozean 1942 unterbrochen. Vincenz Hundhausen (1878–1955), der eine Professur an der Universität Peking innehatte und über dreißig Jahre in China verbrachte, verfolgte einen anderen Ansatz: Seine Nachdichtungen von über 120 chinesischen Gedichten und philosophischen Texten zielten auf poetische Wirkung statt auf wissenschaftliche Genauigkeit und wurden später in Hartmut Walravens' umfassender Bibliographie dokumentiert.
In der Nachkriegszeit setzte Ernst Schwarz (1916–2003), ein österreichischer Sinologe an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin, die Tradition Wilhelms mit weit verbreiteten Übersetzungen von Konfuzius, Laozi und Tao Yuanming fort und erreichte durch erschwingliche Taschenbuchausgaben ein großes Publikum. Günther Debon (1921–2005), der von 1968 bis 1986 den Sinologielehrstuhl in Heidelberg innehatte, gilt neben Günter Eich als der feinste deutsche Übersetzer klassischer chinesischer Dichtung; seine Reclam-Ausgabe des Daodejing wird als Meisterwerk der Übersetzungskunst betrachtet. Debon bildete eine bemerkenswerte Schülergeneration aus, darunter Lutz Bieg, Volker Klöpsch, Roderich Ptak und Lothar Ledderose.
Die zeitgenössische Übersetzergeneration zeichnet sich durch größeren philologischen Anspruch und breiteres literarisches Spektrum aus. Wolfgang Kubins sechsbändige Ausgabe der Gesamtwerke Lu Xuns repräsentiert die umfassendste deutschsprachige Auseinandersetzung mit Chinas wichtigstem modernem Autor. Sein Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung (2013), verliehen von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, würdigte sein Lebenswerk als Übersetzer. Rainer Schwarz (1940–2020), ein in Berlin ansässiger freiberuflicher Übersetzer aus der DDR-Sinologietradition, schuf nach Kuhns Übersetzung eines Drittels des Hongloumeng zusammen mit Martin Woesler die erste vollständige deutsche Übersetzung des Hongloumeng (Traum der Roten Kammer) von Cao Xueqin, erschienen in drei Bänden 2006/2007. Rainer Schwarz verbrachte 10 Jahre mit einer Rohübersetzung der ersten 80 Kapitel, Martin Woesler widmete 17 Jahre der Übersetzung, arbeitete Schwarz' Kapitel in eine druckreife Form um und vollendete die Übersetzung mit den Kapiteln 81–120 (2009). Später veröffentlichte er eine chinesisch-deutsche zweisprachige Ausgabe beim Verlag für Fremdsprachige Literatur in Peking (2016), womit das Hongloumeng zum ersten der vier großen klassischen chinesischen Romane wurde, der in einer vollständigen deutschen Übersetzung vorlag. Woesler hat auch die erste vollständige deutsche Übersetzung des Haoqiuzhuan (好逑传) erstellt (nach gekürzten Übersetzungen von Murr und Kuhn) und arbeitet derzeit an einem Lu-Xun-Übersetzungsprojekt.
Eva Lüdi Kong (geb. 1968), eine Schweizer Sinologin, die fünfundzwanzig Jahre in China lebte, schuf die erste vollständige deutsche Übersetzung des Xiyouji (Die Reise nach Westen, Reclam, 2016), ein monumentales Unterfangen von etwa siebzehn Jahren, das 2017 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung ausgezeichnet wurde. Rainald Simon (geb. 1951), ein in Frankfurt ausgebildeter Sinologe, hat meisterhafte Reclam-Ausgaben des Daodejing, des Yijing und des Shijing beigesteuert und 2023 die erste vollständige deutsche Übersetzung des Shuihuzhuan (Die Räuber vom Liangshan-Moor) bei Suhrkamp/Insel veröffentlicht — womit das Sanguo yanyi (Die Geschichte der Drei Reiche) als einziger der vier großen klassischen Romane noch auf eine vollständige deutsche Wiedergabe wartet.
Peter Weber-Schäfer (1935–2019), der den Lehrstuhl für Politikwissenschaft in Bochum innehatte, verband seine akademische Arbeit mit literarischer Übersetzung, darunter Werke von Mo Yan. Volker Klöpsch (geb. 1948), ein Schüler Debons, hat die gesamten Dreihundert Gedichte der Tang-Zeit (唐诗三百首) und Sunzis Kunst des Krieges übersetzt und zusammen mit Eva Müller das Lexikon der chinesischen Literatur (C.H. Beck, 2004) herausgegeben — das wichtigste deutschsprachige Nachschlagewerk zur chinesischen Literatur. Lutz Bieg (geb. 1943), der von 1989 bis 2008 die Professur für chinesische Literatur und Philosophie in Köln innehatte, legte die umfassende Bibliographie chinesischer Literatur in deutscher Sprache (De Gruyter Saur, 2012) vor, ein unverzichtbares Arbeitsinstrument für jeden, der zur deutschen Rezeption chinesischer Literatur forscht.
Unter den im einundzwanzigsten Jahrhundert aktiven Übersetzern ist Marc Hermann, ein in Bonn ansässiger Sinologe und ehemaliger DAAD-Lektor an der Tongji-Universität Shanghai, einer der produktivsten und vielseitigsten Übersetzer zeitgenössischer chinesischer Prosa geworden. Er übersetzt Werke von Liu Cixin (dessen Science-Fiction weltweiten Erfolg erzielt hat), Alai, Bi Feiyu, Su Tong, Yan Lianke und vielen anderen. Karin Betz (geb. 1968), die 2020/21 die August-von-Schlegel-Gastprofessur für Poetik des Übersetzens an der Freien Universität Berlin innehatte, hat den Nobelpreisträger Mo Yan, Liao Yiwu, Liu Cixin, Can Xue und Jin Yong übersetzt und 2024 den Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis erhalten. Susanne Hornfeck (geb. 1956), eine in München ausgebildete Sinologin und ehemalige DAAD-Lektorin an der National Taiwan University, hat über sechzig Titel aus dem Chinesischen und Englischen übersetzt, darunter Werke von Eileen Chang, Qiu Xiaolong und Ai Weiwei. Karin Hasselblatt (geb. 1963) hat Werke von Xiao Hong, Wang Anyi und Mo Yan übersetzt. Michael Kahn-Ackermann (geb. 1946), Gründungsdirektor des Goethe-Instituts in Peking (1988), übersetzte Fang Fangs Wuhan Diary (2020), das während der COVID-19-Pandemie internationale Aufmerksamkeit erregte; er hat auch Werke von Zhao Tingyang und Liu Zhenyun übersetzt.
Der Germersheimer Campus der Universität Mainz (Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft) hat durch seine institutionelle Verbindung von Übersetzungspraxis und Übersetzungstheorie einen eigenständigen Beitrag zu dieser Tradition geleistet. Neben Hoffmann und Kautz (oben besprochen) hielt Peter Kupfer dort eine Professur für chinesische Sprach- und Kulturwissenschaft und festigte damit Germersheims Stellung als eines der wichtigsten Ausbildungszentren für chinesisch-deutsche Übersetzer im deutschsprachigen Raum.
Diese Übersetzungstradition, die sich über mehr als ein Jahrhundert erstreckt, hat dem deutschsprachigen Leser einen Zugang zu einer Breite und Tiefe chinesischer Literatur- und Philosophiewerke eröffnet, die in keiner anderen kontinentaleuropäischen Sprache ihresgleichen hat — ein Vermächtnis, das sowohl die philologischen Ambitionen der deutschen Sinologie als auch das breitere kulturelle Interesse an China widerspiegelt, das die deutsche Geistestradition seit Leibniz prägt.
9. Die Debatte Sinologie vs. Chinawissenschaften
Die Spannung zwischen klassischer Sinologie und modernen Chinawissenschaften bleibt die zentrale strukturelle Frage, vor der das Fach in Deutschland steht. Verfechter der klassischen Sinologie bestehen darauf, dass die Fähigkeit, vormoderne chinesische Texte zu lesen — nicht nur klassisches Chinesisch, sondern auch buddhistisches Chinesisch, Literatursprache verschiedener Perioden und dokumentarisches Chinesisch — das unersetzliche Fundament jeder ernsthaften Beschäftigung mit der chinesischen Zivilisation ist. Ohne diese Kompetenz seien Gelehrte zur Oberflächlichkeit verurteilt, abhängig von Übersetzungen und Sekundärliteratur. Verfechter der Chinawissenschaften erwidern, dass die überwiegende Mehrheit der Forschungsfragen zum zeitgenössischen China keine Kompetenz im klassischen Chinesisch erfordere und dass das Beharren darauf als Zugangsschranke fungiere, die Gelehrte mit relevanter Expertise in Politikwissenschaft, Soziologie oder Wirtschaftswissenschaften ausschließe.
Die deutsche Sinologie erwuchs aus demselben geistigen Boden, der die klassische Philologie, die vergleichende Linguistik und die Geisteswissenschaften hervorgebracht hatte. Das amerikanische „Area Studies"-Modell war dagegen ein Produkt des Kalten Krieges, das darauf abzielte, politisch verwertbares Wissen über fremde Regionen zu produzieren. Viele deutsche Sinologen wehren sich gegen das, was sie als Instrumentalisierung der Wissenschaft im Dienste politischer und wirtschaftlicher Interessen betrachten, auch wenn sie die Notwendigkeit eines stärkeren Engagements mit den zeitgenössischen Realitäten anerkennen. Richard Wilhelms Vermächtnis wirft eine weitere Frage auf: Sollte die Sinologie primär eine akademische Disziplin sein, die Wissenschaft für Wissenschaftler produziert, oder sollte sie auch als Brücke zwischen den Kulturen dienen und die chinesische Zivilisation dem gebildeten allgemeinen Publikum zugänglich machen?
10. Aktuelle Lage und Herausforderungen
Die deutsche Sinologie steht heute vor mehreren strukturellen Herausforderungen. Das föderale System bedeutet, dass es keine nationale Strategie für Chinastudien gibt; jedes Land trifft seine eigenen Entscheidungen über Universitätsfinanzierung und Fakultätsberufungen, und die Koordination zwischen den Institutionen bleibt ad hoc. Die wiederkehrende Bedrohung durch Budgetkürzungen — exemplifiziert durch die Beinahe-Schließung der Göttinger Abteilung 2004 — hält kleinere Programme in einem Zustand permanenter Unsicherheit. Zhang Xiping bemerkte bei seiner Bestandsaufnahme des Faches, dass zwischen 1945 und den frühen 2000er Jahren nur vier chinesische Staatsangehörige ordentliche Professuren in deutschen Sinologieabteilungen innehatten (von insgesamt über hundert Positionen) — ein Verhältnis, das sich verbessert hat, aber weit unter dem Anteil liegt, der an amerikanischen und britischen Universitäten zu finden ist.[43]
Das explosive Wachstum der chinesischen Wirtschaftsmacht seit den 1990er Jahren hat enormes Interesse an chinesischer Sprache und Kultur geweckt, was zu einer erheblichen Ausweitung der Studierendenzahlen und zur Schaffung neuer Programme und Stellen geführt hat. Außeruniversitäre Forschungsinstitutionen wie das Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin, gegründet 2013, haben dem Feld eine politikorientierte Dimension hinzugefügt. Doch dieser „China-Boom" war für die Sinologie kein ungemischter Segen. Die Betonung praktischer Sprachkenntnisse und zeitgenössischer Expertise hat die Erforschung des klassischen Chinesisch und der vormodernen Geschichte weiter marginalisiert. Programme, die einst mehrere Jahre klassisches Chinesisch erforderten, bieten es nur noch als Wahlfach an, und die tiefe philologische Ausbildung, die einst das Markenzeichen der deutschen Sinologie war, wird zunehmend selten. Das Risiko, wie Herbert Franke vor Jahrzehnten warnte, besteht darin, dass die Sinologie genau die Kompetenz verlieren könnte, die sie vom Journalismus und der Politikanalyse unterscheidet: die Fähigkeit, chinesische Quellen — aus allen historischen Perioden — im Original zu lesen. Gleichzeitig hat die Zahl der deutschen Studierenden, die sich für die Sinologie entscheiden, mit dem geopolitischen Stimmungswandel geschwankt. Deutschland war auch ein wichtiger Schauplatz der globalen Kontroverse um Konfuzius-Institute, wobei mehrere deutsche Universitäten ihre Konfuzius-Institute wegen Bedenken hinsichtlich der akademischen Freiheit geschlossen oder umstrukturiert haben. Die Verschlechterung der EU-China-Beziehungen seit den späten 2010er Jahren hat neue Drucksituationen für deutsche Sinologen geschaffen, da Wissenschaftler, die kooperative Beziehungen zu chinesischen Kollegen pflegen, mit Vorwürfen der Naivität konfrontiert werden, während diejenigen, die kritische Positionen einnehmen, Gefahr laufen, den Zugang zu Archiven, Feldforschungsorten und wissenschaftlichem Austausch zu verlieren.
11. Schlussbetrachtung
Die Geschichte der deutschen Sinologie ist eine Geschichte außerordentlichen intellektuellen Ehrgeizes und verheerender historischer Brüche. Von Leibniz' Traum eurasischer Komplementarität zu den monumentalen Übersetzungsprojekten Richard Wilhelms, von der bahnbrechenden institutionellen Arbeit Otto Frankes zum Wiederaufbau der Nachkriegszeit durch Herbert Franke und Wolfgang Franke, von den ideologischen Verzerrungen der DDR zum revolutionären Aufruhr von 1968 — an jeder Wegbiegung wurde das Studium Chinas in Deutschland von Kräften geprägt, die weit größer waren als die Disziplin selbst.
Was an der deutschen Tradition nach wie vor unverwechselbar ist — selbst jetzt, da sie zunehmend mit internationalen (und insbesondere anglophonen) Normen konvergiert — ist ein gewisser Ernst in der Begegnung zwischen europäischer und chinesischer Zivilisation. Wo die französische Tradition die elegante Textauslegung betont hat und die amerikanische Tradition die sozialwissenschaftliche Analyse, hat die deutsche Tradition charakteristischerweise danach gestrebt, die „großen Fragen" zu stellen: Was ist das Wesen des chinesischen Denkens? Wie verhält sich die chinesische Zivilisation zum Westen? Was kann jede Seite von der anderen lernen? Dies waren Leibniz' Fragen im Jahr 1697, und sie werden — in etwas anderer Form — noch heute in deutschen Seminarräumen gestellt.
Die Herausforderung der kommenden Jahrzehnte wird es sein, die philologische Tiefe und den philosophischen Anspruch aufrechtzuerhalten, die die deutsche Sinologie in ihren besten Momenten ausgezeichnet haben, und sich zugleich an eine Welt anzupassen, in der China nicht mehr Gegenstand ferner gelehrter Betrachtung ist, sondern eine machtvolle und mitunter bedrohliche Präsenz im Alltag. Ob das Fach dieses Gleichgewicht halten kann — zwischen Wissenschaft und politischer Relevanz, zwischen klassischer Sinologie und modernen Chinawissenschaften, zwischen Bewunderung für die chinesische Zivilisation und nüchternem Engagement mit dem chinesischen Staat —, wird über die Zukunft einer Tradition entscheiden, die trotz all ihrer Brüche eine der reichsten in der Geschichte der westlichen humanistischen Gelehrsamkeit bleibt.
Bibliographie
Primärquellen und zeitgenössische Berichte
- Franke, Otto. Geschichte des Chinesischen Reiches. 5 Bde. Berlin: de Gruyter, 1930–1952.
- Franke, Otto. Erinnerungen aus zwei Welten: Randglossen zur eigenen Lebensgeschichte. Berlin: de Gruyter, 1954.
- Forke, Alfred. Geschichte der alten chinesischen Philosophie. Hamburg: de Gruyter, 1927.
- Forke, Alfred. Geschichte der mittelalterlichen chinesischen Philosophie. Hamburg: de Gruyter, 1934.
- Forke, Alfred. Geschichte der neueren chinesischen Philosophie. Hamburg: de Gruyter, 1938.
- Gabelentz, Georg von der. Chinesische Grammatik, mit Ausschluss des niedern Stils und der heutigen Umgangssprache. Leipzig: T.O. Weigel, 1881.
- De Groot, J.J.M. The Religious System of China. 6 Bde. Leiden: Brill, 1892–1910.
- De Groot, J.J.M. Universismus: Die Grundlage der Religion und Ethik, des Staatswesens und der Wissenschaften Chinas. Berlin: Reimer, 1918.
- Kircher, Athanasius. China Monumentis qua Sacris qua Profanis… Illustrata. Amsterdam, 1667.
- Leibniz, Gottfried Wilhelm. Novissima Sinica. Hannover, 1697. Deutsche Ausgabe: Novissima Sinica: Das Neueste von China, hrsg. und übers. von Heinz-Günther Nesselrath und Hermann Apelt. Hamburg: Meiner, 2010.
- Wilhelm, Richard. I Ging: Das Buch der Wandlungen. Jena: Eugen Diederichs, 1924.
Sekundärliteratur zur Geschichte der deutschen Sinologie
- Franke, Herbert. Sinologie. Bern: A. Francke, 1953.
- Franke, Wolfgang. China und das Abendland. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1962.
- Knüppel, Michael. „Sinology in Göttingen – A Very Brief Overview." Unveröffentlichtes Manuskript, ca. 2024.
- Kubin, Wolfgang. Mein Bild in deinem Auge: Exkurse zur chinesischen Literatur und Sinologie. Freiburg: Projekt Verlag, 2011. [Kapitel zu Hans Stumpfeldt, De Groot und dem Hamburger Kolonialinstitut.]
- Kubin, Wolfgang, Hrsg. Geschichte der chinesischen Literatur. 10 Bde. München: Saur, 2002–2014.
- Li Xuetao 李雪涛. Ri'erman xueshu puxi zhong de hanxue: Deguo hanxue zhi yanjiu 日耳曼学术谱系中的汉学——德国汉学之研究. Peking: Waiyu jiaoxue yu yanjiu chubanshe, 2008.
- Martin, Helmut, Christiane Hammer, Zhang Xiping und Li Xuetao, Hrsg. Deguo hanxue: lishi, fazhan, renwu yu shijiao 德国汉学:历史、发展、人物与视角 [Deutsche Sinologie: Geschichte, Entwicklung, Persönlichkeiten und Perspektiven]. Zhengzhou: Daxiang chubanshe, 2005.
- Schütte, Hans-Wilm. Die Geschichte der deutschen Asienforschung. Mitteilungen des Instituts für Asienkunde. Hamburg, 2002.
- Walravens, Hartmut. China illustrata: Das europäische Chinaverständnis im Spiegel des 16. bis 18. Jahrhunderts. Weinheim: Acta Humaniora, VCH, 1987.
- Werblowsky, R.J. Zwi. The Beaten Track of Science: The Life and Work of J.J.M. de Groot. Hrsg. von Hartmut Walravens. Asien- und Afrika-Studien 10 der Humboldt-Universität zu Berlin. Wiesbaden: Harrassowitz, 2002.
- Zhang Xiping 张西平. „Deguo hanxue de fazhan" 德国汉学的发展 [Die Entwicklung der deutschen Sinologie]. Vorlesung 6 in Ouzhou hanxue shi 欧洲汉学史 [Geschichte der europäischen Sinologie]. Peking: Beijing Foreign Studies University, ca. 2010.
- Wang Zuwang 王祖望. „Deguo pian" 德国篇 [Abschnitt Deutschland]. In Huang Changzhu et al., Hrsg., Ouzhou Zhongguo xue 欧洲中国学, 446–651. Peking: Shehui kexue wenxian chubanshe, 2005.
Anmerkungen
Einzelnachweise
- ↑ David B. Honey, Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology (New Haven: American Oriental Society, 2001), Vorwort, xxii.
- ↑ Honey, Incense at the Altar, Vorwort, x.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, „Einführung in die Studien zur westlichen Sinologie", S. 165–168.
- ↑ Peter K. Bol, „The China Historical GIS", Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020).
- ↑ Hilde De Weerdt, „MARKUS: Text Analysis and Reading Platform", in Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020); siehe auch den Digital-Humanities-Führer der University of Chicago Library.
- ↑ Tu Hsiu-chih, „DocuSky, A Personal Digital Humanities Platform for Scholars", Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020).
- ↑ Peter K. Bol und Wen-chin Chang, „The China Biographical Database", in Digital Humanities and East Asian Studies (Leiden: Brill, 2020).
- ↑ Zur deutschen Übersetzung der Lettres édifiantes siehe Zhang Xiping, Vorlesung 6, Abschnitt 1; Stöcklein, Der neue Welt-Bott (Augsburg, 1728–1761).
- ↑ Siehe Kapitel 22 (Übersetzung) dieses Bandes zu den Herausforderungen der KI-Übersetzung.
- ↑ „WenyanGPT: A Large Language Model for Classical Chinese Tasks", arXiv-Preprint (2025).
- ↑ „Benchmarking LLMs for Translating Classical Chinese Poetry: Evaluating Adequacy, Fluency, and Elegance", Proceedings of EMNLP (2025).
- ↑ „A Multi Agent Classical Chinese Translation Method Based on Large Language Models", Scientific Reports 15 (2025).
- ↑ Siehe z.B. Mark Edward Lewis und Curie Viragh, „Computational Stylistics and Chinese Literature", Journal of Chinese Literature and Culture 9, Nr. 1 (2022).
- ↑ Hilde De Weerdt, Information, Territory, and Networks: The Crisis and Maintenance of Empire in Song China (Cambridge: Harvard University Asia Center, 2015).
- ↑ China-Princeton Digital Humanities Workshop 2025 (chinesedh2025.eas.princeton.edu).
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 54–60.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 96–97, nach Li Xueqin.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 102–113.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 114–117.
- ↑ „The World Conference on China Studies: CCP's Global Academic Rebranding Campaign", Bitter Winter (2024).
- ↑ Honey, Incense at the Altar, Vorwort, xxii.
- ↑ „Academic Freedom and China", AAUP-Bericht (2024); Sinology vs. the Disciplines, Then & Now, China Heritage (2019).
- ↑ „They Don't Understand the Fear We Have: How China's Long Reach of Repression Undermines Academic Freedom at Australia's Universities", Human Rights Watch (2021).
- ↑ Kubin, Hanxue yanjiu xin shiye, Kap. 7, S. 100–111.
- ↑ Thomas Michael, „Heidegger's Legacy for Comparative Philosophy and the Laozi", International Journal of China Studies 11, Nr. 2 (2020): 299.
- ↑ Steven Burik, The End of Comparative Philosophy and the Task of Comparative Thinking: Heidegger, Derrida, and Daoism (Albany: SUNY Press, 2009).
- ↑ David L. Hall und Roger T. Ames, Thinking Through Confucius (Albany: SUNY Press, 1987), Vorwort.
- ↑ François Jullien, Detour and Access: Strategies of Meaning in China and Greece (New York: Zone Books, 2000); vgl. „China as Method: Methodological Implications of François Jullien's Philosophical Detour through China", Contemporary French and Francophone Studies 28, Nr. 1 (2024).
- ↑ Wolfgang Kubin, Hanxue yanjiu xin shiye (Guilin: Guangxi shifan daxue chubanshe, 2013), Kap. 11, S. 194–195.
- ↑ Bryan W. Van Norden, Taking Back Philosophy: A Multicultural Manifesto (New York: Columbia University Press, 2017).
- ↑ Carine Defoort, „Is There Such a Thing as Chinese Philosophy? Arguments of an Implicit Debate", Philosophy East and West 51, Nr. 3 (2001): 393–413.
- ↑ Zum koreanischen Buchdruck und zur Textüberlieferung siehe die UNESCO-Memory-of-the-World-Eintragung für das Jikji (ältester erhaltener Druck mit beweglichen Metalllettern, 1377); zur Goryeo Tripitaka siehe die UNESCO-Welterbe-Eintragung.
- ↑ Carine Defoort, „'Chinese Philosophy' at European Universities: A Threefold Utopia", Dao 16, Nr. 1 (2017): 55–72.
- ↑ Zur Kolonialzeit siehe „Kangaku and the State: Colonial Collaboration between Korean and Japanese Traditional Sinologists", Sungkyun Journal of East Asian Studies 24, Nr. 2 (2024).
- ↑ Zum „kolonialen Zusammenwirken" siehe ebd.
- ↑ Zur Nachkriegs-Sinologie in Korea siehe „Two Millennia of Sinology: The Korean Reception, Curation, and Reinvention of Cultural Knowledge from China", Journal of Chinese History (Cambridge University Press).
- ↑ Ebd.
- ↑ „Two Millennia of Sinology", Journal of Chinese History.
- ↑ Zur chinesischen Periode siehe Keith Weller Taylor, The Birth of Vietnam (Berkeley: University of California Press, 1983).
- ↑ Zur Verwendung des klassischen Chinesisch im unabhängigen Vietnam siehe den Wikipedia-Artikel „History of writing in Vietnam"; Alexander Woodside, Vietnam and the Chinese Model (Cambridge, MA: Harvard University Press, 1971).
- ↑ Zum vietnamesischen Prüfungssystem siehe den Wikipedia-Artikel „Confucian court examination system in Vietnam"; zum Literaturtempel siehe die UNESCO-Memory-of-the-World-Eintragung.
- ↑ Zu Prüfungsinhalten siehe ebd.; der Britannica-Artikel „chu nom".
- ↑ Zu den sozialen Auswirkungen der Prüfungen siehe „Persistent legacy of the 1075–1919 Vietnamese imperial examinations", MPRA Paper 100860 (2020).