Lu Xun Complete Works/de/Fengbo

From China Studies Wiki
< Lu Xun Complete Works
Revision as of 08:24, 27 March 2026 by Maintenance script (talk | contribs)
(diff) ← Older revision | Latest revision (diff) | Newer revision → (diff)
Jump to navigation Jump to search

Der Sturm

风波 (Lu Xun (鲁迅), übersetzt ins Deutsche)

Aus der Sammlung Aufruf zu den Waffen (呐喊, 1922)


Der Sturm

Auf dem Lehmplatz am Flussufer zog die Sonne allmählich ihre durchdringend gelben Strahlen ein. Die Blätter des Talgbaums am Platzrand, dicht am Fluss, schienen in ihrer Dürre gerade aufzuatmen, und ein paar buntbeinige Mücken summten und tanzten darunter. In den Schornsteinen der flusswärts gelegenen Bauernhäuser wurde der Kochrauch immer spärlicher; Frauen und Kinder besprenkelten den Lehmplatz vor der eigenen Haustür mit Wasser und stellten kleine Tische und niedrige Hocker hinaus. Man wusste: Es war Abendessenszeit.

Alte und Männer saßen auf den niedrigen Hockern, fächelten sich mit großen Bananenblattfächern Luft zu und plauderten; die Kinder rannten wie der Wind oder hockten unter dem Talgbaum und spielten mit Steinen um die Wette. Die Frauen trugen pechschwarzen gedämpften Trockenkohl und maisgelben Reis auf, der dampfend heiß qualmte. Auf dem Fluss glitt ein Vergnügungsboot gebildeter Herren vorbei, und ein Literat, von diesem Anblick ergriffen, geriet in dichterische Begeisterung und rief: »Ohne Gram und ohne Sorgen — wahrhaftig, ein ländliches Idyll!«

Doch die Worte des Literaten stimmten nicht ganz mit den Tatsachen überein, denn er hatte die Worte der Alten Neunpfund nicht gehört. Die Alte Neunpfund war in diesem Augenblick nämlich in großer Wut und schlug mit einem kaputten Bananenblattfächer gegen die Hockerbeine:

»Neunundsiebzig Jahre bin ich nun alt geworden, alt genug, ich will dieses Niedergangsgesicht nicht mehr mit ansehen — da ist's besser zu sterben. Gleich wird gegessen, und die futtert noch geröstete Bohnen, frisst die ganze Familie arm!«

Ihre Ururenkelin Sechspfund kam mit einer Handvoll Bohnen von gegenüber gelaufen, und als sie die Lage sah, rannte sie schnurstracks zum Flussufer, versteckte sich hinter dem Talgbaum, streckte ihr Köpfchen mit den Doppelzöpfchen hervor und rief laut: »Die alte Unsterbbare!«

Die Alte Neunpfund war zwar hochbetagt, aber noch nicht ganz schwerhörig; dennoch hatte sie die Worte des Kindes nicht gehört und sprach unbeirrt weiter vor sich hin: »Wirklich, eine Generation ist schlechter als die andere!«

In diesem Dorf herrschte eine etwas eigentümliche Sitte: Wenn eine Frau ein Kind bekam, wog man es gern auf der Waage und nahm das Gewicht in Pfund als Rufnamen. Seit die Alte Neunpfund ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert hatte, war sie nach und nach zur ewigen Nörglerin geworden und behauptete gern, zu ihrer Zeit sei es nicht so heiß gewesen und die Bohnen nicht so hart; kurz und gut, die heutigen Zeiten seien nicht mehr in Ordnung. Zumal Sechspfund drei Pfund weniger wog als ihre Ururgroßmutter und ein Pfund weniger als ihr Vater Siebenpfund — ein wahrlich unwiderleglicher Beweis. Darum sagte sie noch einmal mit Nachdruck: »Wirklich, eine Generation ist schlechter als die andere!«

Ihre Schwiegertochter, die Siebenpfund-Schwägerin, trug gerade den Reiskorb zum Tisch; sie knallte den Korb auf die Tischplatte und sagte erbost: »Sie reden schon wieder so, Großmutter. Sechspfund hat bei der Geburt sechs Pfund fünf Unzen gewogen! Und Eure Waage ist doch eine Privatwaage, eine schwere Waage, eine Achtzehn-Unzen-Waage; mit dem Standardmaß von sechzehn hätte unsere Sechspfund über sieben Pfund gewogen. Ich möchte meinen, auch der Urgroßvater und der Großvater haben nicht glatt neun Pfund und acht Pfund gewogen — die Waage hatte vielleicht nur vierzehn Unzen …«

»Eine Generation ist schlechter als die andere!«

Noch ehe die Siebenpfund-Schwägerin etwas erwidern konnte, sah sie plötzlich Siebenpfund aus der kleinen Gasse biegen; sogleich wandte sie sich ihm zu und schrie ihn an: »Du Leichnam, warum kommst du erst jetzt nach Hause? Wo bist du rumgestorben! Die Leute warten auf dich zum Essen!«

Siebenpfund lebte zwar auf dem Land, hatte aber schon früh einige Anzeichen von Aufstieg erkennen lassen. Seit dem Großvater hatten drei Generationen keinen Pflugstiel mehr angefasst; er half wie üblich beim Staken eines Fährboots, einmal am Tag, morgens von Luzhen in die Stadt, abends wieder zurück nach Luzhen, und wusste deshalb allerlei Neuigkeiten: etwa, dass an diesem oder jenem Ort der Donnergott einen Tausendfüßler-Geist erschlagen habe; oder dass dort ein Mädchen einen Nachtalb geboren habe und dergleichen. Unter den Dörflern war er in der Tat bereits eine Persönlichkeit von Rang. Doch bei Tisch im Sommer kein Licht anzuzünden, das war Bauernsitte, an der er festhielt; darum war es schon sträflich, so spät nach Hause zu kommen.

Siebenpfund, in der einen Hand die über sechs Fuß lange Pfeife aus Xiangfei-Bambus mit elfenbeinernem Mundstück und kupferweißem Kopf, kam gesenkten Hauptes langsam daher und setzte sich auf den niedrigen Hocker. Sechspfund nutzte die Gelegenheit, schlüpfte heraus und setzte sich neben ihn, rief ihn Papa. Siebenpfund gab keine Antwort.

»Eine Generation ist schlechter als die andere!«, sagte die Alte Neunpfund.

Siebenpfund hob langsam den Kopf, seufzte und sagte: »Der Kaiser hat den Drachenthron bestiegen.«

Die Siebenpfund-Schwägerin erstarrte einen Augenblick; dann hatte sie plötzlich eine Erleuchtung: »Das ist ja wunderbar! Dann kommt doch sicher wieder eine kaiserliche Generalamnestie!«

Siebenpfund seufzte abermals. »Ich habe keinen Zopf.«

»Braucht der Kaiser denn Zöpfe?«

»Der Kaiser braucht Zöpfe.«

»Woher weißt du das?«, fragte die Siebenpfund-Schwägerin etwas beunruhigt und drängend.

»Die Leute in der Xianheng-Schenke sagen alle, er braucht welche.«

Die Siebenpfund-Schwägerin spürte nun instinktiv, dass die Lage nicht gut aussah, denn die Xianheng-Schenke war ein Ort, an dem die Nachrichten schnell liefen. Als ihr Blick auf Siebenpfunds kahlen Kopf fiel, konnte sie ihren Zorn nicht zurückhalten — sie grollte ihm, war wütend auf ihn und machte ihm Vorwürfe. Dann überkam sie plötzlich Verzweiflung; sie schöpfte eine Schale Reis, schob sie Siebenpfund hin und sagte: »Iss lieber schnell dein Essen! Ob dir vom Jammern ein Zopf nachwächst?«

Die Sonne hatte ihr letztes Licht eingezogen; über der Wasserfläche stieg unmerklich Kühle auf. Auf dem Lehmplatz klapperte überall Geschirr, und auf dem Rücken eines jeden traten wieder Schweißperlen hervor. Die Siebenpfund-Schwägerin hatte drei Schalen Reis aufgegessen und hob zufällig den Kopf, da begann ihr Herz heftig zu pochen. Durch die Talgbaumblätter sah sie den kleinen und dicken Herrn Zhao, den Siebenten, über den Einbalken-Steg herankommen — und er trug ein langes Gewand aus saphirblauem Bambusleinenstoff.

Herr Zhao der Siebente war der Besitzer des Maoyuan-Wirtshauses im Nachbardorf und zugleich die einzige herausragende Persönlichkeit und der einzige Gelehrte im Umkreis von dreißig Li. Weil er gelehrt war, hing ihm auch ein Geruch von kaiserlicher Nostalgie an. Er besaß mehr als zehn Bände der von Jin Shengtan kommentierten »Drei Reiche« und saß oft da und las sie Zeichen für Zeichen. Er konnte nicht nur die Namen der fünf Tigergeneräle aufsagen, sondern wusste sogar, dass Huang Zhongs Höflichkeitsname Hansheng und Ma Chaos Höflichkeitsname Mengqi lautete. Nach der Revolution hatte er seinen Zopf auf dem Scheitel aufgerollt, wie ein Taoist; er seufzte oft und sagte, wäre Zhao Zilong noch am Leben, hätte es nie so weit kommen können. Die Siebenpfund-Schwägerin hatte scharfe Augen und sah sofort, dass der Herr Zhao der Siebente heute kein Taoist mehr war, sondern eine glatt rasierte Kopfhaut und eine schwarze Haarfläche zur Schau trug. Damit wusste sie: Der Kaiser musste den Drachenthron bestiegen haben, man brauchte unbedingt einen Zopf, und Siebenpfund schwebte in äußerster Gefahr. Denn dieses Bambusleinen-Gewand des Herrn Zhao trug er bei Weitem nicht oft; in drei Jahren hatte er es nur zweimal getragen: einmal als sein Erzfeind, der pockennarbige Ah Si, krank darniederlag, und einmal als der Herr Lu, der sein Wirtshaus demoliert hatte, gestorben war. Jetzt war es das dritte Mal — und das konnte nur bedeuten, dass er etwas zu feiern und seine Feinde etwas zu beklagen hatten.

Die Siebenpfund-Schwägerin erinnerte sich: Vor zwei Jahren hatte der betrunkene Siebenpfund den Herrn Zhao den Siebenten als »niedriges Geschöpf« beschimpft, und so spürte sie augenblicklich Siebenpfunds Gefährdung, und ihr Herz begann wild zu klopfen.

Herr Zhao der Siebente kam heran. Die Essenden standen einer nach dem anderen auf und wiesen mit den Stäbchen auf ihre Reisschalen: »Siebenter Herr, bitte speist doch bei uns!« Der Siebente nickte im Gehen: »Danke, danke«, ging aber geradewegs an Siebenpfunds Tisch. Die Siebenpfunds begrüßten ihn eilig, und der Herr lächelte: »Danke, danke«, während er ihre Speisen eingehend musterte.

»Köstlich duftender Trockenkohl — habt ihr Wind davon bekommen?«, fragte Herr Zhao der Siebente, der hinter Siebenpfund und vor der Siebenpfund-Schwägerin stand.

»Der Kaiser hat den Drachenthron bestiegen«, sagte Siebenpfund.

Die Siebenpfund-Schwägerin blickte dem Siebenten ins Gesicht und sagte mit gezwungenem Lächeln: »Der Kaiser hat also den Drachenthron bestiegen — wann wird die kaiserliche Generalamnestie erlassen?«

»Generalamnestie? — Früher oder später wird es schon eine Amnestie geben.« Hier wurde die Stimme und Miene des Herrn Zhao plötzlich streng. »Aber wo ist der Zopf deines Siebenpfund, der Zopf? Das ist eine ernst zu nehmende Angelegenheit. Ihr wisst doch: Zur Zeit der Langhaarigen hieß es — wer sein Haar behält, verliert den Kopf, wer den Kopf behält, verliert das Haar …«

Siebenpfund und seine Frau konnten nicht lesen und verstanden die Feinheiten dieser Klassiker nicht recht; da aber der gelehrte Siebente es so sagte, musste die Sache natürlich äußerst schwerwiegend und unabwendbar sein, und so war es ihnen, als sei ein Todesurteil über sie gesprochen — es summte in ihren Ohren, und sie brachten kein Wort mehr heraus.

»Eine Generation ist schlechter als die andere —«, sagte die Alte Neunpfund, die sich ohnehin gerade ereiferte, und nutzte die Gelegenheit, sich an Herrn Zhao zu wenden: »Die heutigen Langhaarigen schneiden einem bloß den Zopf ab, weder Mönch noch Taoist. Waren die Langhaarigen von früher etwa so? Neunundsiebzig Jahre bin ich alt geworden, alt genug. Die Langhaarigen von damals — die wickelten sich ganze Bahnen roten Satin um den Kopf, lang herunterhängend, immer weiter, bis zu den Fersen; die Fürsten trugen gelben Satin, lang herunterhängend, gelber Satin; roter Satin, gelber Satin — alt genug bin ich, neunundsiebzig Jahre.«

Die Siebenpfund-Schwägerin stand auf und murmelte vor sich hin: »Was soll nur werden? So eine Schar von Alt und Jung, alle auf ihn angewiesen …«

Herr Zhao der Siebente schüttelte den Kopf: »Da ist nichts zu machen. Keinen Zopf zu haben — welche Strafe darauf steht, das steht im Buch, schwarz auf weiß, Punkt für Punkt. Dabei spielt es keine Rolle, wen er zu Hause hat.«

Als die Siebenpfund-Schwägerin hörte, dass es im Buch stand, war es endgültig aus mit jeder Hoffnung. In ihrer Verzweiflung wandte sich ihr Zorn plötzlich wieder gegen Siebenpfund. Sie richtete die Essstäbchen auf seine Nasenspitze und sagte: »Dieser Leichnam ist selber schuld! Als die Revolution ausbrach, habe ich ihm gesagt: Fahr nicht mehr mit dem Boot, geh nicht in die Stadt. Aber er musste ja unbedingt in die Stadt, sich in die Stadt wälzen, und kaum war er dort, haben sie ihm den Zopf abgeschnitten. Vorher war's ein seidenglänzender, pechschwarzer Zopf, und jetzt sieht er aus wie ein halber Mönch, ein halber Taoist. Dieser Sträfling ist selber schuld — aber dass er uns mit hineinzieht, das ist unerhört! Dieser lebendige Leichnam von einem Sträfling …«

Die Dörfler hatten den Herrn Zhao ins Dorf kommen sehen, aßen hastig auf und versammelten sich um Siebenpfunds Tisch. Siebenpfund wusste, dass er eine Persönlichkeit war und es sich nicht ziemte, von seiner Frau vor versammelter Menge so beschimpft zu werden; er hob den Kopf und sagte langsam:

»Du hast heute leicht reden; damals hast du …«

»Du lebendiger Leichnam von einem Sträfling …«

Unter den Zuschauern war die Achteinser-Schwägerin die Gutherrigste; sie hielt ihren zweijährigen nachgeborenen Sohn im Arm und stand neben der Siebenpfund-Schwägerin, um das Schauspiel zu verfolgen. Nun tat es ihr leid, und sie versuchte eilig zu schlichten: »Schwägerin Siebenpfund, lass gut sein. Der Mensch ist kein Unsterblicher, wer kann schon die Zukunft wissen? Du selbst hast damals auch gesagt, ohne Zopf sei doch nichts Schlimmes dabei. Außerdem hat der hohe Herr im Amtssitz ja noch gar keinen Erlass herausgegeben …«

Die Siebenpfund-Schwägerin hatte noch gar nicht ausgehört, da waren ihre Ohren schon knallrot. Sie drehte die Essstäbchen um, richtete sie auf die Nase der Achteinser-Schwägerin und rief: »Ach du meine Güte, was ist denn das für ein Gerede! Achteinser-Schwägerin, ich halte mich für einen vernünftigen Menschen, würde ich so einen hirnverbrannten Unsinn von mir geben? Damals habe ich drei volle Tage lang geweint, das hat jeder gesehen; sogar die kleine Sechspfund hat geweint …« Sechspfund hatte gerade eine große Schale Reis aufgegessen, hielt die leere Schale hoch und streckte die Hand aus, um schreiend nachzuverlangen. Die Siebenpfund-Schwägerin war ohnehin schlecht gelaunt; sie stach mit den Essstäbchen mitten zwischen Sechspfunds Doppelzöpfchen und brüllte: »Wer hat dich nach deiner Meinung gefragt! Du kleines Hurenwittwenstück!«

Platsch — die leere Schale fiel Sechspfund aus der Hand, traf unglücklicherweise auf eine Ziegelkante und bekam sofort einen großen Sprung. Siebenpfund sprang auf, hob die zerbrochene Schale auf, prüfte sie von beiden Seiten und rief: »Zum Teufel!« — und schlug Sechspfund mit einer Ohrfeige zu Boden. Sechspfund lag am Boden und heulte; die Alte Neunpfund nahm sie an der Hand und sagte dabei unaufhörlich »eine Generation ist schlechter als die andere«, und so gingen die beiden davon.

Auch die Achteinser-Schwägerin wurde zornig und rief laut: »Siebenpfund-Schwägerin, du schlägst im Zorn auf andere ein …«

Herr Zhao der Siebente hatte die ganze Zeit lächelnd zugeschaut; doch seit die Achteinser-Schwägerin gesagt hatte, »der hohe Herr im Amtssitz hat noch keinen Erlass herausgegeben«, war er etwas ärgerlich geworden. Er war bereits um den Tisch herumgegangen und sagte nun: »›Im Zorn auf andere einschlagen‹ — was soll das schon heißen! Die Soldaten werden bald da sein. Wisst ihr denn, wer diesmal als Leibgarde des Throns dient? Der Generalissimus Zhang! Generalissimus Zhang ist ein Nachkomme von Zhang Yide aus dem Lande Yan, und mit seinem achtzehn Fuß langen Schlangenspeer hat er die Tapferkeit von zehntausend Mann. Wer könnte ihm standhalten?« Er ballte beide Fäuste, als hielte er einen unsichtbaren Speer, und stürzte ein paar Schritte auf die Achteinser-Schwägerin zu: »Könntest du ihm standhalten?!«

Die Achteinser-Schwägerin zitterte vor Wut, das Kind im Arm; als sie plötzlich sah, wie Herr Zhao mit ölglänzendem Schweiß im Gesicht und aufgerissenen Augen auf sie zukam, bekam sie große Angst, brachte ihren Satz nicht zu Ende und machte sich davon. Herr Zhao folgte ihr ein Stück; die Umstehenden schalten die Achteinser-Schwägerin wegen ihrer Einmischung und machten gleichzeitig Platz. Einige, die ihren Zopf einst abgeschnitten und dann wieder hatten nachwachsen lassen, versteckten sich rasch hinter der Menge, aus Angst, er könnte sie sehen. Herr Zhao schaute nicht genauer hin, ging durch die Menge hindurch, schwenkte plötzlich hinter den Talgbaum und rief: »Könntest du ihm standhalten?!« Er stieg auf den Einbalken-Steg und ging erhobenen Hauptes davon.

Die Dörfler standen da und starrten, rechneten bei sich und fanden alle, dass sie dem Zhang Yide tatsächlich nicht standhalten könnten; folglich beschlossen sie, dass Siebenpfund wohl ums Leben kommen werde. Da Siebenpfund das kaiserliche Gesetz gebrochen hatte, erinnerten sie sich, wie er sonst beim Erzählen der Stadtnachrichten mit der langen Pfeife im Mund so hochmütig dreinblickte, und empfanden sogar eine gewisse Genugtuung über seine Gesetzesübertretung. Sie schienen auch etwas dazu sagen zu wollen, fanden aber nichts Rechtes zu sagen. In einem brummenden Durcheinander von Stimmen stürzten die Mücken an den nackten Oberkörpern vorbei unter den Talgbaum, um dort ihren Markt zu halten; die Leute zerstreuten sich allmählich, gingen nach Hause und legten sich schlafen. Die Siebenpfund-Schwägerin brummelte vor sich hin, räumte das Geschirr, den Tisch und die Hocker ins Haus und schloss die Tür zum Schlafen.

Siebenpfund trug die zerbrochene Schale ins Haus und setzte sich auf die Türschwelle zum Rauchen; aber er war so bekümmert, dass er das Rauchen vergaß, und das Feuer im Kopf der über sechs Fuß langen Xiangfei-Bambuspfeife mit elfenbeinernem Mundstück erlosch allmählich. Im Innern fühlte er, dass die Lage äußerst gefährlich schien, und wollte sich etwas ausdenken, einen Plan ersinnen, aber alles blieb äußerst verschwommen und ließ sich nicht zu einem Ganzen fügen: »Zopf, was ist mit dem Zopf? Achtzehn-Fuß-Schlangenspeer. Eine Generation ist schlechter als die andere! Kaiser auf dem Drachenthron. Die zerbrochene Schale muss in der Stadt geflickt werden. Wer kann ihm standhalten? Im Buch steht es schwarz auf weiß. Zum Teufel! …«

Am nächsten Morgen fuhr Siebenpfund wie gewohnt mit dem Fährboot von Luzhen in die Stadt und kehrte abends nach Luzhen zurück, wieder mit der über sechs Fuß langen Xiangfei-Bambuspfeife und einer Reisschale. Beim Abendessen sagte er zur Alten Neunpfund, die Schale sei in der Stadt geflickt worden; weil der Sprung so groß war, habe es sechzehn Kupfernieten gebraucht, drei Kupfermünzen das Stück, insgesamt achtundvierzig kleine Kupfermünzen.

Die Alte Neunpfund sagte sehr missvergnügt: »Eine Generation ist schlechter als die andere; alt genug bin ich. Drei Kupfermünzen für eine Niete; waren die Nieten von damals etwa so? Die Nieten von damals waren … neunundsiebzig Jahre bin ich alt geworden —«

Von da an fuhr Siebenpfund wie gehabt täglich in die Stadt, aber die Stimmung zu Hause war bedrückt; die Dorfleute gingen ihm größtenteils aus dem Weg und kamen nicht mehr, um seine Neuigkeiten aus der Stadt zu hören. Auch die Siebenpfund-Schwägerin war unfreundlich zu ihm und nannte ihn häufig »Sträfling«.

Nach gut zehn Tagen kam Siebenpfund aus der Stadt nach Hause und sah, dass seine Frau ausgesprochen fröhlich war. Sie fragte ihn: »Hast du in der Stadt etwas gehört?«

»Nichts gehört.«

»Sitzt der Kaiser noch auf dem Drachenthron?«

»Die Leute haben nichts gesagt.«

»Hat auch in der Xianheng-Schenke niemand etwas gesagt?«

»Auch da hat niemand etwas gesagt.«

»Dann sitzt der Kaiser bestimmt nicht mehr auf dem Drachenthron. Ich bin heute am Laden des Herrn Zhao vorbeigegangen und habe gesehen, wie er wieder dasaß und in seinen Büchern las, den Zopf wieder oben aufgerollt, ohne langes Gewand.«

»…………«

»Meinst du nicht auch, er sitzt nicht mehr auf dem Thron?«

»Ich denke, er sitzt nicht mehr.«

In der Folgezeit erwiesen die Siebenpfund-Schwägerin und die Dorfleute Siebenpfund längst wieder die gebührende Achtung und Behandlung. Als der Sommer kam, aßen sie wie eh und je auf dem Lehmplatz vor der eigenen Haustür zu Abend; wer sie sah, grüßte mit einem fröhlichen Lächeln. Die Alte Neunpfund hatte längst ihren achtzigsten Geburtstag gefeiert, war noch immer unzufrieden und bei bester Gesundheit. Sechspfunds Doppelzöpfe hatten sich in einen einzigen dicken Zopf verwandelt; obwohl man ihr erst kürzlich die Füße gebunden hatte, konnte sie der Siebenpfund-Schwägerin doch bei der Arbeit helfen und humpelte mit der Reisschale, die achtzehn Kupfernieten trug, über den Lehmplatz hin und her.

Oktober 1920.


Zurück zur Übersicht