Hao Qiu Zhuan/de-murr/Chapter 10

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Kapitel 10: Geheuchelte Ernsthaftigkeit vor dem Provinzinspektor: Den Spieß umdrehen

Aus: Haoh Kjoeh Tschwen, die angenehme Geschichte. Leipzig, 1766

Hinweis: OCR-Digitalisierung. Seitenzahlen als [S. N]. Vergleich mit chinesischem Original und moderner Ubersetzung empfohlen.

Neuntes Kapitel. a) chuey-gowin trug das Papier mit den Ver sen zu seiner Nichte. „Ich habe.nachgefra get, weil ihr mich darum ersuchtet, sprach er, S 2 1) Im Chinesischen ist es das sehnte. und und ich finde, daß alles wahr ist. Es ist ein gar- ftiger und häßlicher Handel. Ihr gabet mir keis nen Glauben, als ich euch zuvor sagte, dieser Fremde sey ein Betrüger und Bösewicht. Nun- mehr habe ich euch einen überzeugenden Beweis hieher gebracht. Ihr werdet nicht allein finden, daß er ein Betrüger ist; sondern auch, daß er verursachet hat, Anmerkungen über uns zu ma» chen." Sie fragte ihn, was er damit sagen woll te? Er gab ihr zur Antwort: Als ich zu dem Tschi-hien gieng, sah ich einen Haufen Leute beysammen, so ein Papier ablasen. Die Menge, war so groß, daß ich nicht nahe hinzu kommen konnte. Man sagte mir, daß noch mehrere aus, gestreuet wåren. Ich fand auch wirklich ein fol- ches Papier, das ich euch hier mitgebracht habe." Das junge Frauenzimmer hatte es kaum gelesen, als sie herzlich lachte, und zu ihrem Oheime sprach: Kong, hoh, oder viel Glück!" Er wollte die Ursache dieses Wunsches wissen. Sie gab ihm zur Antwort: „Ich wünsche Ihnen viel Glück dazu, weil Sie auf einmal anjeßt Verse machen und schreiben können, da Sie zuvor weder lesen 'noch schreiben konnten.". Ihr wisset mein Un vermögen wohl, Nichte, erwiederte Schuey- gowin, etwas folches zu thun. Ich glaube, ihr ›wollet scherzen. „Es ist wahr, sagte sie; Kus Feby ssu, und nicht Sie, hat diese Verse ge- macht. Sie rühren von ihm her.“ „Ach! ver- setzte Schuey gowin, er kann eben so wenig schreiben, als ich.“ „Wenn er auch nicht schrei- "< ben " ben kann, antwortete die Dame, so weis er doch feine Zunge zu gebrauchen. Es ist seine Erfin sung. Wie könnet ihr also fprechen? sagte ihr Oheim. Er ist ja kein Feind von Tieh tschong-u; warum sollte er ihn denn mishan- deln?“ „Glauben Sie denn, erwiederte sie, daß `ich die Gesinnungen ihres Tochtermanns nicht weis? Er allein ist der Urheber von diesen Ver- fen. Niemand, als er allein, weis etwas von dem Fremden. So schön sie aber auch seyn md- gen; so ist doch Ihre Nichte so einfältig, daß sie nicht die Schönheiten derselben, ja nicht einmal ihre Meinung einsehen kann. Wie kann sie denn durch dieselben gerühret werden? Sie hätten besser gethan, wenn Sie Ihre Zeit nicht mit einer sols chen Kleinigkeit verderbet håtten.“ Schuey-gowin war so verwirret, daß er nichts darauf antworten konnte. Endlich sprach er: „Nichte, ich muß euch noch etwas fagen. Glaubet ja nicht, daß Ku-keh-ssu jemals euch vergeffen wird. Er wartet nur auf die Bekräfti- gung einer höhern Obrigkeit, als die Mandarinen dieser Stadt sind. Gestern kam die Nachricht hier an, daß ein Ngan-yuen oder Obervisita- tor, hieher fømmen werde. Er heißet Fungs ying, und war ein Untergebener des Ku- scho- fsu, des Vaters eures Liebhabers. Er wird ihn, fo bald er ankommt, bitten, sein Ansehen zur Verheurathung mit euch anzuwenden, die er in eurem eigenen Haufe vollziehen will. Wie wollet ihr euch dabey verhalten, da euer Vater nicht bey S 3 euch euch ist, und ich eine Privatperson bin?" „Oheim, gab sie ihm zur Antwort, dieser Man- barin kommt im Namen des Kaisers, und wird dessen Befehlen gemåß handeln. Er kommt dess wegen, damit er alles untersuche, was nicht recht ist. Er würde die Gränzen feines Amtes über- schreiten, wenn er hieher kåme, jemand Gewalt,, thätigkeiten zu erweisen. Heurathen ist eine Pri- vatsache, und gehet seine Verrichtungen gar nicht Sollte er auch wirklich in diese Sache ge= flochten werden, wie Sie drohen, so kann es ge- schehen, daß er zu Ende des Jahres feiner Würde entsetzet wird. Er wird als ein vernünftiger Mann die Gefeße des Kaisers nicht überschreiten; follte er es aber thun, so haben wir uns doch nicht zu fürchten. an. (6 Ihr fprechet sehr hoch, erwiederte ihr Oheim. Shr würdet euch vielleicht fürchten, wenn ihr vor den Obervisitator kommen müßtet, und er nur ein paar Worte språche.“ „Ich würde mich fürch- ten, fagte sie, wenn es mit Recht geschähe: denn ein jeder Verbrecher fürchtet sich; aber ein Un- schuldiger bleibet unerschrocken. Ich würde mich vor dem Kaiser selbst nicht fürchten, wenn es auf den Verlust meiner eigenen Person ankäme." Mir könnet ihr immerhin dieses sagen, antwor rete Schuey-gowin; alle andere Leute aber wür den darüber lachen. Was ich euch sage, das kommt von freundschaftlichem Herzen, und damit ihr sagen müffet, daß ich euch gewarnet habe." „Es ist ein altes Sprüchwort, versezte Schuey- ping-fin: ping-fin: Ein jeder Mensch hat seinen eigenen Verstand, sein Gedächtniß und seinen Willen, die ihn regieren. Wenn Sie dieses nicht begreifen, so giebt es noch ein anderes Eprüchwort: Ein jeder weis seine eigene Last, es sey Hunger, Kälte, øder Hiße. Seyn Sie also, mein Herr, wenn es Ihnen beliebet, um Ihre eigene Sachen befor- set. Ihre Nichte weiß schon selbst, was recht- mäßig, billig und vernünftig ist. Bekümmern Sie sich nichts darum, was ich thue, es mag glücklich oder unglücklich, gut oder bds auss schlagen." Diese Worte schienen ihm so scharf zu seyn, als die Schneiden der Schwerter, so eine eiserné Stange entzweyhauen. Er wurde sehr verdrüß, lich, stund auf, und sagte: „Alles, was ich euch gesagt habe, kommt aus guter Neigung. Ein Bauer weis auch ein Arzneýmittel. Es stehet beŋ euch, mich anzuhören, oder nicht.“ Hier mit gieng er fort, und beschloß, den Ku-keh - ssu anzutreiben, die Sache mit dem größten Eifer zu unternehmen. Nach zween Monaten langte der Mandarin an. Ku-keh-ssu reisete ihm zwo Stunden weit entgegen, und überhäufte ihn mit Geschenken und Gastereyen. Der Obervisitator erkannte fich für feinen Schuldner, und bath ihn, ihm eine Gele genheit an die Hand zu geben, wodurch er ihm seis- ne Dankbarkeit bezeugen könnte. Ku-keh-ssu Ⓒ 4 sprach sprach hierauf zu dem Mandarin: Sie bekleiden eine hohe Stelle. che" " „Mein Herr, Wie darf ich mich unterfangen, mir eine Gefälligkeit auszubit- ten ?" Betrachten Sie mich nicht so, versette der Ngan-yuen; sehen Sie mich vielmehr als Ihren vertrauten Freund an, mit dem Sie frey reden können." „Sie erzeigen mir große Ehre, antwortete Ku-keh-ssu. Ich habe etwas auf meinem Herzen, das meine Wohlfahrt betrifft. Könnte ich doch Ihren Beystand in dieser Sa Der Mandarin ersuchte ihn, ihm alles zu eröffnen. „Mein Vater, sprach er, ist in einem öffentlichen Amte, welches ihm alle Zeit wegnimmt, so, daß er gar nicht an seine häusli- chen Angelegenheiten denken kann. Dieses ist die Ursache, daß ich noch nicht verheurathet bin." ,,Wie, erwiederte der Mandarin, haben Sie noch niemals Heurathsvorschläge gethan?“ „Ja, cs ift dieses geschehen, sagte Ku keh ssu; aber dgs Frauenzimmer hat mir einen Korb gegeben; ich bittte Sie daher inständig, in dieser Sache mir mit Ihrem Ansehen behülflich zu seyn. (6 Der Obervisitator lachte sehr, als er ihn so sprechen hörte. „Das ist etwas sonderbares, sprach er. Ihr Vater ist ein Staatsminister. Sie sind ein junger Mensch von Ansehen. kann Ihnen seine Tochter abschlagen?" die Tochter des Schuey-ku-yeh, des Manda. rins bey dem Kriegsoberhofgerichte." " Wer Es ist Ist nicht, ihr Vater, fragte der Ngan-yuen, in die Tar- tarey farey verwiesen worden b)? Wer besorget sein. Hauswesen? Vielleicht will ihre Mutter nicht einwilligen ?“ „Ihre Mutter ist schon lange lein ist in ihrem Hause, sich meinem Antrage." todt, gab Ku-keh-ssu zur Antwort. Sie al rin. und sie allein widerseket „Wie kann sie, als ein junges Mädchen, dieses thun ? sagte der Manda- Vielleicht weis fie gar nichts davon?" Sie weiß es nur gar zu wohl, sagte der junge Mensch; allein sie wußte so viele Kunstgriffe, daß ich niemals meinen Endzweck erreichen konnte. „Warum wandten Sie sich nicht an den Tschi-fu, und Tschi-hien?“ · „Ich that auch dieses, sprach Ku-keh-ssu; sie achtete aber ihre Macht sehr gering, und erzeigte ihnen schlechte Achtung. Ich nehme nun zu Ihnen meine Zuflucht, und bitte: Sie, diese Sache zu meinem Vergnügen zu stande zu bringen. Ich werde Zeitlebens dafür dankbar seyn.",,Es ist etwas sehr löbliches, Heurathen zu stiften, erwiederte der Mandarin. Ich sehe bey dieser Sache nichts übels, und ich will mich bemühen, Ihnen zu dienen. Wer war die Mit- telsperson zuvor? Vielleicht gab man ihr das An erbieten der Heurath nicht deutlich genug zu ver stehen?" Ku-keh-ssu versicherte ihu, daß der Pao Tschi-hien selbst das Brautgeschenke in ihr Haus S5 b) Im Chinesischen heißt es: Pien-tsing, d. i. außerhalb China, oder, außer der Mauer. Die Tartarey ist das gewöhnliche Land der Verwiesenen. Lettres édifiantes, T. 17. p. 114. Ogilby, Vol. 2, p.2 und 7. Haus überbracht habe, welches in ihres Vaters Abwesenheit ihr Oheim empfieng; und daß jeder mann dieses wiffe. „Wenn sich die Sache also verhält, fagte der Mandarin, so will ich morgen einen Befehl ergehen lassen, der Sie berechtiget, fie nach Ihrem Hause zu führen, und daselbst die Heurath zu vollziehen.“ „Wenn ich voran gehe, so wird sie nicht in die Sänfte steigen wollen, sprach Ku-keh-ssu; soudern zu entrinnen suchen. Ich bitte mir daher aus, daß ich mich nach ihrem Hause verfügen, und daselbst die Heurath vollzie hen darf." Der Obervisitator willigte sogleich darein, und Ku-keh-ssu nahin vom Mandarin sehr vergnügt Abschied. Ebe noch zween Tage verflossen waren, sands te der Mandarin folgenden Befchl an den Tschis hien. „Ich, der Ngan-yuen, oder Obervisitator, zeige hiermit an, daß die Zeit einer Vermählung nicht hintangefeßet werden muß; indem die Ehe ,,bas erste Bündniß in der Welt war. Da nun Ku-keh-ssu, der Sohn des Ku-scho - ssu, ,,der Tochter des Schuey-ku-yeh Heurathsvor- ,,fchläge gethan, und Geschenke übersandt hat, „welches unter eurer Vermittelung, als Tschiz „hien, geschehen ist; da ihr selbst das Hochzeitz geschenk überbrachtet, und billig ist, daß die Heu- ,,rath nun vollzogen werde: so befehle und bevoll ,,mächtige ich den besagten Ku-keh-ssu, in ihres ,,Vaters Abwesenheit sich nach ihrem Hause zu „verfügen, und sie daselbst als seine Braut zu heu- rathen, rathen: so ist es gut und löblich. Und ihr, der „Tschi-hien, send hiermit erinnert, die Vollzie- „bung dieses Befehls nicht långer, als einen Mo- „nat, aufzufchieben, bey Strafe scharfer Ahn- ,,dung, wenn ihr diesem nicht nachlebet." Der Pao Tschi-hien hatte kaum diesen Bes fehl des Mandarins gelesen, als er deutlich sah, daß Ku-keh-ssu Schuld daran sey. Er glaub te sich die Rache dieses jungen Menschen zuzuzie. hen, wenn er dem Ngan-yuen die ganze Sache umständlich entdecken würde. Hingegen hatte er zu befürchten, zur Rechenschaft gezogen zu tver den, wenn die Wahrheit entdecket seyn würde. Er beschloß daher, dem Mandarin von allem, was er wußte, folgende Nachricht zu übersenden. ,,Zu Beantwortung des Befehls Eurer Excel- lenz c) berichte, daß ich wirklich die Person war, „so die Heurath stiften sollte. Die andern Pers fonen waren Ku-keh-ssu und Schuey-gowin. „Das junge Frauenzimmer hatte nicht die gering, „ste Neigùng dazu; daher die Sache noch jezt „zweifelhaft und ungewiß ist. Gestern erhielt ich einen Befehl, die Heurath vollziehen zu sehen, „dem ich auch nachkommen werde. Nur weiß ich „dieses, daß das das junge Frauenzimmer noch ,,immer einen Abscheu davor hat. Ich habe bar ha ber Eurer Excellenz diese Nachricht geben wollen, „die ich nicht übel aufzunehmen bitte. Denn es kann c) Im Chinesischen heißt es: gan: Thaj. Thaj heißt so viel als Ercellenz. Hash Kidh Tschwen. „kann sich leicht eine Schwierigkeit eråugen, welche „in Erwägung gezogen zu werden verdienet. Ins „zwischen soll der Befehl pünktlich vollzogen wer- „den. < Als der Obervisitator diese Zeilen las, wurde er über den Tschi hien sehr zornig. War! fprach er, bin ich in diesem mächtigen Posten, wo ich so gar über Leben und Tod zu gebieten habe, und follte in einer solchen Kleinigkeit, wie die Ver- beurathung eines einfältigen Mädchens, einer Tochter eines Verwiesenen ist, nicht durchdringen können? Es würde mir und meiner Würde zur Schande gereichen, wenn ich ihren schwachen Gründen, und nichtsbedeutenden Einwürfen nach, gebe."Er fandte hierauf zum zweytenmale fol- genden Befehl an den Tschi-hien. „Da Schuey-ping-sin nicht in die Heu- rath willigte, wie kam es denn, daß ihr euch zur Mittelsperson gebrauchen ließet? Ihr schei- „net mich nur beunruhigen zu wollen. Ihr feyd „hierbey erinnert, euch noch einmal zu ihr zu ver- fügen, und ihr zu sagen, daß sie Ku-keh-ssu „ohne fernern Anstand heurathen müsse. Wenn sie sich weigert, fo laffet fie vor mich bringen." Der Tschi-hien erhielt diefen zweyten Befehl, und da er nun keine Ausflucht mehr fah, gieng er zuerst zum Ku-keh-fsu, und gab ihm Nach- richt, daß er in einem Monate verheurathet wer- den follte. Er antwortete sehr freudig. „O ja! von ganzem Herzen.“. Sodann begab er sich in das Haus der Schuey-ping-sin. Er ließ ihr durch Sie er durch einen Diener wissen, daß er auf Befehl des Ngan-yuen mit ihr_sprechen müsse. rieth sogleich die Ursache, und befahl das Gitters werk d) in dem großen Saale zu befestigen. So bald dieses geschehen, trat sie hinein. Sie ließ hierauf den Tschi-hien befragen, was für einen Befehl er ihr zu überbringen habe. Er antwor tete: „Es betrift Jhre Vermählung mit Kus keh-ssu. Sils ich anfangs in dieser Sache die Mittelsperson abgab, bezeugten Sie so große Ab> neigung, daß er sich eine geraume Zeit ruhig hielt. Dieser große Mandarin aber, der ein Untergebes ner seines Vaters war, ließ sich von ihm überre den, sein Ansehen zur Vollziehung der Heurath anzuwenden. Gestern erhielt ich einen Befehl, es beyden Theilen anzuzeigen, daß innerhalb einem Monate die Heurath vollzogen werden muß. Eben habe ich dem Ku-keh-ssu dieses angezeiget; und nun bin ich auch hieher gekommen, es Ihnen kund zu machen, damit Sie sich darnach richten köns men.“ Das Frauenzimmer erklärte sich hierauf also: „Ich verachte eine so wichtige Sache, als die Ehe ist, im geringsten nicht. Mein Vater ist nicht zu Hause, und verwiesen, daher kann ich feine Einwilligung nicht erhalten. Dieses bitte ich dem Mandarin zu hinterbringen." Hier ist der zweyte Befehl, sagte der Tschi-hien, den ich deswegen erhielt. Ich seßte den ersten bey Seite, und beantwortete ihn mit Gründen. Nachher ers bielt " d) Man sehe den Anfang des vierten" Kapitele dieses Buches. bielt ich einen ernstlichen Verweis deshalben, nebst diesem neuen Befehe, der sehr deutlich ist. Ich kann in dieser Sache weiter nichts thun, und habe Ihnen, wie es meine Pflicht erfordert, Nachricht davon ertheilet.“ Sie bath sich aus, diesen ge- messenen Befehl selbst zu lesen." Er rief seinem Schreiber, der ihrem Bedienten beyde Befehle einhändigte. Als sie selbige gelesen, sprach sie zum Tschi, hien: „Ich fürchtete blos den Zorn meines Vaters, da ich mich bisher dieser Heurath widerseßte. Sagen Sie dem Obervisitator, er mögte geruhen, mir diese beyden Befehle in den Hånden zu lassen, damit ich allemal zeigen kann, daß es auf das Geheiß Seiner Excellenz geschehen fey.„Der Tschi-hien überließ ihr selbige, und versicherte sie, daß der Mandarin ihr gerne die Mittel an die Hand geben würde, ihre Heurath rechtfertigen zu können. „Wie kommt es doch, dachte der Tschi - hien, als er sie verlassen hatte, daß sie Ku-keh - ssu fo geschwind ihre Hand reichen will! Er gab fo gleich dem Ngan-yuen davon Nachricht. Die- fer lachte, und bezeigte sich sehr vergnügt darüber. ,,Warum beschriebet ihr sie mir gestern als ein verschlagenes Mådchen, so ganz und gar nicht in diese Heurath willigen wollte? Ihr sehet nun, wie gehorsam sie ist. Laffet sie die zrween Befehle behalten; fie können ihr zu ihrer Rechtfertigung dienen." Der Tschi-hien sagte ihr dieses also bald. Sie müssen nun bey Ihren Entschlufse beharren, sprach er. Sie haben jetzt nicht mit " bebar. Ku-keh-ssu allein, sondern auch mit dem Ngan-yuen zu thun. Loffen Sie ihr Haus in Ordnung bringen. So bald der Bräutigam ei- nen glücklichen Tag bestimmen wird, so wer- de ich Ihnen wieder meine Aufwartung machen. Schuey-ping-sin verfeßte: „Da dieses der Wille feiner Excellenz ist, so werde ich nicht un gehorsam seyn, und mein Wort nicht bre chen; vielleicht wird er es selbst thun." ,,Wie! sagte der Tschi-hien; follte ein so großer Mann seine Entschlüsse åndern können? Nein. Das kann nicht geschehen. Sie können sich auf seinen festen Entschluß verlassen.“ Er gab hierauf dem Ku-keh-ssu Nachricht, sich einen glücklichen Hochzeittag zu erwählen. Dieser glaubte, daß die Einwilligung des Frauenzimmers ihr von Hers gen gienge, und eilte voller Freuden, Anstalten zu seiner Hochzeit zu machen. Zehntes Kapitel. er Obervisitator der Provinz vergnügte sich sehr über die Einwilligung der Schuey pings sin, und ließ nun die Thüren feines Pallastes öf- nen, die Gerechtigkeit zu handhaben, und Gericht zu halten. Am ersten Gerichts- oder Audienzta- ge wurden ihm bey funfzig Bittschriften überge ben, die er alle annahm, und in einigen, Tagen zu beantworten versprach. Es war schon jeder mann abgetreten, außer eine junge-Weibsperson nicht, die auf ihren Knien liegen blieb. Die Ge- richtsbedienten hießen sie fortgeben; allein sie ftund " stund auf, und gieng noch näher zum Throne des

  • Mandarins. „Ich bin die Tochter eines Verur,

Eben deswegen gieng ich theilten, sprach sie. -nicht hinweg, weil ich nicht vor der Gerechtigkeit -Aichen wollte. Ich kam heute hieher, in dem Auf diese Entschluffe mein Leben zu endiger. Weise werde ich weder den Befehlen Eurer Excel- Lenz zuwider handeln, noch auch meine eigene Ehre beflecken. Sodann wollte sie sich einen Dolch in die Brust stoßen. Der Mandarin fragte sie, wer sie wäre, und warum sie dieses thun wolle? „Wenn ihr mißhandelt worden seyd, so will ich Ich bin die euch beystehen,“ seßte er hinzu. Tochter des Mandarins Schuey-ku-yeh, sprach fie, der ein Landesverwiesener ist. Ich wohne allein als ein armes hülfloses Mädchen in meinem Hause, und lebe nach den Gefeßen der Tugend and Sittsamkeit, wie alle junge Mädchen thun follen. Da ich so unschuldig lebte, und mir nichts Böses vermuthete, wurde ich von einem jun gen Menschen, der Ku-keh-ssu heißet, verrå- therischer Weise verfolget. Ich habe bisher alle Er ließ seit einigen feine Fallstricke vermieden. Tagen nach, mich zu verfolgen. Vor kurzen kam ein Mandarin allhier an, der sehr mächtig ist, und ´der ein Schüler feines Vaters war. Diefem über- gab Ku-keh-ssu eine Bittschrift, und brachte es so weit bey ihm, daß er sogleich mir befahl, ihn wider alle Vernunft und Gesetze zu heurathen. Denn es hat weder väterliche oder mütterliche Ein- willigung, noch eine Mittelsperson dabey statt ge- Habt. Ich habe zween Befehle erhalten, denen ich ich mich als ein armes hülfloses Mädchen nicht widersehen durfte. Ich war in dem tödtlichsten Schrecken, als ich sie las. Da ich mir nicht an- ders zu helfen wußte, so sendete ich meinen Be dienten nach Pe-king mit einer Bittschrift ab, an die Trommel des kaiserlichen Palastes zu schla- gen. Er ist schon vor drey Tagen abgereiset. Ich glaube nicht, daß Sie dieses Verfahren mir ver geben können. Ich kam daher in der Entschließung vor diesen Richterstuhl, mein Leben in Ihrer Ge- genwart zu endigen.“ Sobald sie diese Worte gesagt hatte, machte sie nochmals einen Versuch, sich mit ihrem Dolche zu erstechen. 66. Der Obervisitator achtete alles das nicht, was ste vom Ku-keh-ssu fagte. Als er aber ver nahm, daß sie einen Bedienten nach Pe-king ge- fandt habe, und sö fest auf ihrem Entschlusse, sich umzubringen, beharre, gerieth er in große Unrus He. Er bath sie, sich zu måßigen, und sagte: ,,Wie Fonnte ich das wissen, was ihr mir sagtet? Ich wußte vorher nichts von der wahren Beschaf fenheit dieser Sache. Ihr habet rechtmäßige Urs fachen. Berubiget euch. Ich will euch Recht verschaffen. Ich muß dabey noch bemerken, daß ihr fagtet, weder die Einwilligung der Aeltern, noch Mittelspersonen hätten hierbey statt gehabt; allein dieses leßtere verhält sich nicht also.“/„Der Pao Tschi-hien, erwiederte die junge Dame, war eine hochzeitliche Mittelsperson; aber nicht. wegen meiner, sondern wegen der Tochter meines Oheims, welche auch wirklich Ku-keh-ssu heu- £ rathete, rathete, und nach Hause führte."

Warum übers gabet ihr mir denn aber keine Bittschrift? Ich würde sodann gewiß den leßtern Befehl nicht ers theilet haben. Warum waret ihr so schnell mit eurer Absendung nach Pe-king?". „Ich würde nimmermehr folche Maaßregeln ergriffen haben, erwiederte fie, wenn Ihr letterer Befehl nicht, so, strenge gewesen wäre. Ich sahe daraus, wie sehr. Sie mein Feind eingenommen habe. Wenn ich in der Dunkelheit mein Leben geendiget, und kei-, ne Bittschrift nach Pe-king gefandt hätte, fo, würde alles verborgen geblieben seyn, - und meine Aufführung wäre nicht an den Tag gekommen.“ Er fagte ihr, daß er dieses Unrecht, so man ihr erwiesen, gar bald håtte åndern können; und sie daher gar nicht Urfache gehabt habe, die Sache. vor den Kaiser gelangen zu lassen. „Da dieses eine Sache von keiner Wichtigkeit ist, fette er hin- zu, so kann ich nicht begreifen, wie eine Bittschrift ohne Vergrößerung oder üble Zufäße habe aufge- feßet werden können; dieses wird für euch nicht gut seyn, wenn man sie liefet.“. Sie gab ihm zur Antwort. „Warum sollte ich nicht die loutere Wahrheit darinn gefagt haben?“. Sie zog sodann ein Papier aus ihrem Bufen, und überreichte es ihm, als eine getreue Abschrift dessen, was sie nach Pe-king überfandt hatte. Er las es, und fand, daß es eine kurze Erzählung von der Unge- rechtigkeit in sich hielt, die man ihr erwiesen, und daß sie Seiner kaiserlichen Majeståt berichtete, daß sie ihr Leben geendiget habe, ehe noch dieses Schrei Schreiben angelanget fey; sie habe deswegen ih ren Diener abgeschickt, ihm zu Füssen zu fallen; fie würde auch im Grabe für die Gerechtigkeit dankbar seyn, die Seiner Majestät ihrem Schat- ten erzeigten. Das bloße Durchlesen diefer Abschrift preßte dem Mandarin einen kalten Schweiß aus, und machte ihn zittern. Er wollte sie anfangs ernst lich ausschelten, daß sie einen unüberlegten Schritt gethan. Weil er aber befürchtete, dieses mögte fie zu Ausschweifungen treiben, suchte er sie durch fanfte Worte zu beruhigen, „Ich wußte gar nichts von dieser Sache, als ich hieher kam, sprach er zu ihr. Ku-keh-ssu og mich dazu. Ich glaubte eine gute Handlung zu thun, wenn ich eine Heurath beförderte, und es geschahe die- ses aus Freundschaft und Gefälligkeit, daß ich mich derselben annahm. Ich sehe mich nun be. trogen. Man hat mir weiß gemacht, alles wäre mit Wissen Ihres Vaters, und durch Vermitte lung eines Brautführers geschehen. Nun, Frauen- zimmer, gehen Sie nach Hause. Leben Sie ru hig und vergnügt. Denken Sie nicht mehr an die Streiche, die man Ihnen spielte. Ich will einen Befehl ergehen lassen, daß Ihnen niemand im geringsten mehr wegen Ihrer Verheurathung beschwerlich seyn darf. Sie werden hingegen die Gefälligkeit für mich haben, und einen Bothen absenden, der Ihre Bittschrift wieder zurück brin ge." Sie versicherte den Mandarin, daß ein fols cher Befehl alles wäre, was sie erwarte, oder T 2

ver Hach Kidh Tschwen. verlange. 66. „Aber wie soll ich, fügte sie hinzu, meinen Diener wieder zurückrufen, der schon vor drey Tagen abgereiset ist? Ich will dieses thun, fagte der Ngan-yuen; wenn Sie mir nur eine Beschreibung seiner Person und Kleidung ge- ben wollen." Er fendete sogleich einige seiner Leute mit einer Nachricht von der Person, die sie fuchten, ab, und befahl ihnen, Tag und Nacht `mit aller möglichsten Eilfertigkeit zu reisen, bis sie den Diener des Frauenzimmers eingeholet und thre Bittschrift wieder zurückgebracht hätten. Sie nahm hierauf Abschied vom Mandarin, der sie in feiner Sänfte nach Hause tragen ließ. ↑ Hier wol- len wir sie gegenwärtig) lassen, und uns wieder zum Tschi-hien, Schuch-gowin und Ku-keh- ssu wenden, welche alle nicht das mindeste von dem wußten, was sich jetzt zugetragen hatte. Dieser lettere war voll Freude. Er machte Anstalten zum Hochzeittage, und gab sich alle Mühe, einen glücklichen Tag zu erwählen, dent er feinem Schwiegervater fagte. Dieser hiuter, brachte ihn seiner Nichte, und stattete ihr feinen Glückwunsch ab. Schuey-ping-sin lachte dar über, und sagte:" ,,Was meinen Sie mit ei nem guten Tage, und mit ihrem Glückwunsche ? Verstehen Sie diese, oder die andere Welt darun- ter a)?" Schuey gowin verfeßte: „Nich- te! ihr könnet wohl mit mir, aber nicht mit dem Ngan-yuen deswegen scherzen. Wisset ihr nicht, a) Im Chinesischen Bin-scheh - lay: scheh. dag daß er, als ein mächtiger Mandarin, mit eben folcher Macht versehen ist, als der Kaiser selbst ? Er hat über Leben und Tod zu richten.“ „Wie follte ich einen Scherz aus etwas machen, fagte sie, das von Ihnen, als meinem Vater, herrüh, ret. Der Obervisitator ist nun nicht mehr der- jenige, der er gestern war. Er ist ganz umge wandt." Sie hatte kaum dieses gesagt, als ein Bedien- ter ihr sagte, daß der Ngan-yuen cinen Befehl bieher gesandt habe. „Dieses wird sonder Zwei- fel zur Beschleunigung der Heurath dienen follen, fprach Schuey - gowin. Lasset mich doch sehen, - was es betrifft.“………. Er gieng sodann in den großen Saal, und fragte die Gerichtsbedienten des Man- darins, ob nicht dieser Befehl zur Beschleunigung der Hochzeit dienen sollte? Sie sagten ihm, daß er sich in seiner Meinung betrüge. Unser Herr, der Ngan-yuen, kam vor kurzen an, und wuß, te nicht, was es für eine Beschaffenheit mit dem jungen Frauenzimmer habe. Er glaubte, ihr Vater wisse darum, und es wåre alles nach der gehörigen · Ordnung geschehen; allein gestern wurde er eines beffern belehret; er giebt also hier diefen Befehl, und verbietet jedermann, sie im ges ringsten wegen einer Heurath zu belästigen, die wider ihre Neigung ist." Schuey-gowin wåre beynahe vor Schrecken gestorben. Er konnte kein Wort sprechen. Er nahm das Papier, und gab es seiner Nichte. „Hier, fagte er, ist ein Mandat vom Obervisita- £ 3 for. tor. Ich weis nicht, was es in sich bålt." Sie öffnete es, und las, was folget. ,,Da der Mandarin Schuey-ku- yeh b) in „ein entfernetes Land verwiesen worden, und eine „einzige Tochter zu Hause hinterlassen hat, welche ,,noch kein Brautgeschenke erhalten, und in seiner Abwesenheit ledig und allein das Haus ihres Va- „ters beforget, auch so lebet, wie es die Pflicht „einer jungen Weibsperson erfordert; so erinnere und befehle ich dem Tschi-fu, und dem Tschis „hien dieser Stadt, alle mögliche Sorgfalt zu tra „gen, daß sie im geringsten nicht belåstiget werde, „und daß sich niemand unterstehen soll, sie durch unerlaubte Wege zum Heurathen zu bewegen. So bald jemand diesem Befehle zuwider handelt, „machet es mir zu wiffen, und ich will sodann dié Uebertreter desselben mit der åußersten Schårfe bestrafen." AlG b) Im Chinesischen heißt er der Ping-pu Schuey sche lang, d. i. Schuey, Beyfiter des Tribunals der Wafs fen." Eben so werden im Originale dieser Geschichte alle Mandarinen entweder mit den Titeln ihrer Würde, nebst ihren Namen, oder mit der beygefesten Benens nung Laoyih angeführet. 3. B. der Schuey scher lang; der Tieh-tu-yuen; der Fung-ngan - yuen, To der oben gemeldete Obervisitator ist; Schuey lao-yih, Tich - lao - yih, u. s. w. Besserer Deutlichkeit wegen Hat der englische Herausgeber überall ihre eigenen Na- men beybehalten, dem man auch im Deutschen gefolget ift. Uebers. Als sie diese Zeilen gelesen hatte, sprach sie lächelnd zu ihrem Oheime: „Warum geschiehet dieses? Affen kann man erschrecken, aber nicht vernünftige Menschen. Indessen bin ich ihm sehr verbunden; da dieses ein Kennzeichen seiner guten Gesinnung gegen mich ist.“ Sie befahl sodann ihren Leuten, zween Taels Silber in ein rothes Papier einzuwickeln, für die Gerichtsbedienten, und fünf Maz c) für den Diener des vornehm ften derselben. Sie gab es ihrem Oheime, der es ihnen im Namen seiner Nichte zustellte. Als er wieder zu ihr kam, sagte er: „Ihr habt_euch nicht geirret, da ihr fagtet, diefer Mandarin wür- - de seine Gesinnungen åndern. Nunmehr ist es gefchehen. Aber wie kommt es doch, daß er jezt einen solchen Befehl giebt, da er zuvor so sehr auf die Vollziehung der Heurath drang? Ich kann die- ses nicht begreifen.“ Seine Nichte erwiedertez „Wo ist die Schwierigkeit bey dieser Sache? Als er ankam, hielt er mich für ein armes einfältiges Mädchen, und glaubte, es wäre nichts an mir ge Legen. Er sah bloß auf Ku-keh-ssu. Da er aber jezt beffer von der Sache unterrichtet ist, und fiehet, daß er in Gefahr seyn würde, seine Bedie nung zu verliehren; so hat er ganz andere Maas, regeln genommen. ,,Euer Vater, verseßte hier- auf Schuey - gowin, ist nicht bey euch, euch zu schüßen. Wie soll er sich denn wegen eurer fürch- £ 4 ten?" c) Zween Taels machen ohngefähr sieben Gulden, und fünf Maz einen Reichsthaler. 296 Hach Kidh Tschwen. Zweyts Buch. ? ten?" Sie lächelte. „Oheim, sprach sie, Sie müssen nicht weiter fragen. In etlichen Tagen werden Sie es besser wissen." "" Er gieng sodann von ihr, und dachte diesem nach, was er gefehen und gehöret hatte. Es blieb ihm alles ein Råthsel. Er gab Ku-keh-ssu Nachricht davon, der es nicht glauben wollte. Meinen Sie, ich würde Sie beligen? sagte Schuey-gowin. War ich nicht selbst bey ihr? Gab ich nicht selbst den Leuten des Mandarins die Geschenke in ihrem Namen? Erkundigen Sie sich felbst bey dem Ngan-yuen um die Beschaffen. heit der Sache." Ku-keh-ssu ließ so gleich feine Sänfte bringen, und sich hintragen. Dieser Mandarin hatte ihn bisher mit aller Höflichkeit empfangen, und ihn vor sich gelassen, wenn er auch die wichtigsten Geschäffte unter Hån den hatte. Jeht aber ließ er sich entschuldigen, weil ihn die überhäuften Bittschriften hinderten, mit ihm zu sprechen. Am folgenden Morgen wollte ihm Ku-keh- ssu nochmals aufwarten ; er erhielt aber eben eine solche Antwort, als gestern. Und so gieng es ihm vier bis fünf Tage hinter einander. Er erhielt immerzu einerley Entschul- digung. Ku-keh-ssu wurde endlich zornig dar über. Ich will an meinen Vater schreiben, fag. te er, und ihm berichten, wie verächtlich man mir begegnet."