Hao Qiu Zhuan/de-murr/Chapter 11

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Kapitel 11: Ein warmes Herz findet keine Ruhe: Tausend Li eilen, um zu helfen

Aus: Haoh Kjoeh Tschwen, die angenehme Geschichte. Leipzig, 1766

Hinweis: OCR-Digitalisierung. Seitenzahlen als [S. N]. Vergleich mit chinesischem Original und moderner Ubersetzung empfohlen.

Erstes_Kapitel. a) Ju-keh-ssu fah, daß der Obervisitator seine so sehnlich verlangte Heurath mit Schuey- ping-sin nicht mehr unterstüßen wollte, und daß er deswegen einen Befehl ertheilet, sie nicht im geringsten zu belästigen; ek konnte nicht begreifen, was eine so schnelle Veränderung verursachet habe, da er ihn nicht einmal vor sich kommen ließ. Er wandte sich an den Tschi-hien, und erzählte die- sem alles, was der Ngan-yuen gethan hatte. Der Tschi-hien verwunderte sich sehr darüber. „Dieses ist ein Werk der Schuey-ping-sin, sprach er. Sie hat Mittel und Wege gefunden, diesen Mandarin zu schrecken." Der andere machte ihm Einwürfe, daß es nicht möglich seyn könne, daß ein junges unerfahrnes Frauenzimmer, sø ohne Vater oder Rathgeber ist, solches bewerk- stelliget habe. „Sie müssen sie, sprach der Tschis hien, nicht nach andern jungen Frauenspersonen beurtheilen. Denn ob sie gleich noch sehr jung ist, so befigt sie doch ganz besondere Fähigkeiten. Als ich ihr den ersten Befehl überbrachte, machte fie teine Einwendungen dagegen; sondern nahm a) Im Chinesischen ist es das eilfte Kapitel. ihn Hash Kidh Tschwen. ihn sehr gelaffen an. Als ich ihr beym Hinweg, gehen sagte, daß dieses keine Sache von geringen Folgen wäre, und es jetzt zu spat für sie fey, zu, rückzugehen, fogte sie mir, daß sie ihren Entschluß nicht ändern würde, obgleich der Obervisitator von dem seinigen abweichen mögte. Ihre Worte find nun so vollkommen erfüllet, daß man klar abs nehmen kann, daß sie diese Aenderung selbst vers ursachet habe. Sie werden die beste Nachricht davon bey dem Tribunal selbst erhalten, wo diese Sache vorgegangen ist." Ku-keh-ssu befragte die Gerichtsbedienten des Mandarins deswegen allein er erhielt nicht die geringste Nachricht von ihnen. Denn ihr Herr wollte sich nicht schon so- gleich bey seiner Ankunft der Beurtheilung der Stadt aussehen, und hatte daher strengen Befehl gegeben, daß man gegen niemanden etwas von dem jungen Frauenzimmer erwähnen follte, daß vor ihm erschienen war, und daß er ihrentwegen andere Maaßregeln ergriffen habe. Zwanzig Tage waren bereits verflossen, als der Obervisitator b) einen seiner Hausofficanten zum b) Im Chinesischen Ngan: yuen. Magalhaen nennet ihú auch Ngan: tay, und Semedo Tscha-yuen, von dem Tribunal Tu - tscha - yuen, so aus Mandarinen vom dritten und vierten Range bestehet, und dessen Präsident Tieb: ying heißet. Aus diesem Tribunale werden die Ngan-yuen, oder Obervisitatores ernennet, welche alle drey bis vier Jahre in die Provinzen des ganzen Reiches versandt werden. Ihre Würde dauret nur ein Jahr, ´zum Ku-keh-ssu fandte, und ihn zu sich rufen ließ. "Er erschien so gleich vor ihm. Der Man- darin Jahr, und ist sehr fürchterlich. Sie untersuchen das

      • Justiz - Militair- und Finanzwesen einer jeden Provinz.

Selbst der Statthalter muß vor ihrem Richterstuhle er- scheinen. Sie bestrafen die niedern Mandarinen, und können sie auch absehen. Von den höhern senden sie ei- ´nen Bericht nach Hofe, und diese sind - so lange außer al= ter Macht geseket, etwas zu befehlen, bis einé Antwort von Peking einlduft. Vor der Eroberung des Reiches hielten die chinesischen Monarchen in jeglicher Proving heimliche Kundschafter, die dem Kaiser von allem Nach- richt gaben, was die Mandarinen zu schulden kommen ließen. Die tatarischen Kaiser aber fanden, daß diese Spionen oder Laurer ihr Amt dergestalt misbrauchten, das sie ihre Berichte meht nach den Geschenken, dadurch fie fich gewinnen ließen, als nach dem Verdienste derer, die fie beobachten sollten, einrichteten. Sie schaffeten sie daher gar ab, und verpflichteten die Mandarinen, selbst von ihren eigenen Handlungen Berichte abzustatten. Die Mandarinen einer jeden Provinz - werden von zwey Ober- hduptern regieret; das eine davon heißet Fu - yuen, den wir in Europa einen Viceroi, oder Statthalter einer Provinz nennen. Der andere große Mandarin heißet Thong tu, dessen Jurisdiction sich viel weiter erstrecket, da demselben zwo, oft auch drey Provinzen anvertrauet find. Beyde haben den Vorsik in dem höchsten Provin- zialcollegio. Dieses hat wiederum zwey andere Tribu- Hale unter sich. Eines davon heißet gan:tscha - ssee,. oder das Criminatgericht. Es hat einen Präsidenten. aus dem dritten Range der Mandarinen, und statt der Assessoren, zwo Classen der Mandarinen, die man Tao: darin empfieng ihn mit vieler Achtung, und führte ihn in ein inneres Zimmer, Er sagte ihm, daß er vorher nichts von dem gewußt habe, was zwi- schen ihm und Schuey-ping-sin vorgefällen, und daß sein übereilkes Verfahren ihn beynahe in fehr i nennet. Ihre Pflicht ist, dem Kaiser Nachricht vom Zustande der Provinz zu ertheilen, wenn kein vom Hofe ausgesandter Inquisitor, oder oben benannter Ngan= yuen da ist. Dieser Obervisitator kann zwar über Tod b. und Leben richten; er muß aber zuvor sein Endurtheil zuach Hofe senden, und es vom Kaiser bekräftigen lassen. Der Kaiser Nong- tsching gab 1725 Befehl, daß niez mand sollte hingerichtet werden, dessen Acten nicht drey= mal untersuchet worden. Der englische Anmerker zu dieser Geschichte irret sich, wenn er (Book 2. p. 275.) diesen gan-yuen mit dem gan-tscha-ssee für eis nerley hält. Das andere Tribunal des Provinzialcolle- gii heißet Putsching-ssee, und besorget die bürgerlis chen Angelegenheiten der ganzen Provinz. Es hat einen Präsidenten und zween Affeffores, welche insgesammt Mandarinen vom zweyten Range sind. Von diesen find wiederum die Mandarinen der Städte unterschieden, nämlich der Tschi-fu, aus der vierten Classe der Man- darinen, der Tschi- tschu, aus der fünften, und der Tschi- hien, aus der siebenten Classe. Der erfien beyden ihre Beysiter sind vom sechsten und siebenten Range. Der Tschi-hien aber hat zween Beysiker aus der achten und neunten Classe der Mandarinen. Magalhaen, S. 222, 241. Semedo, S. 129. Du halde, 2.Th. S. 35, 36, 162. Lettres édifiantes, recueil 25, S. 143, und 286. Neuere allgemeine Welthistorie, Th. 6. S. 453, 454. Uebers. ཀྱི་ས་ " fehr schlimme Folgen gestürzet båtte. Ku - keh- ssu verwunderte sich darüber, daß ein Mandarin von seinem Range deswegen beunruhiget werden könnte; ja er gab ihm zu verstehen, daß sich ein folches Bezeigen weder für seine Person, noch für fein Amt schicke, da er nachher anders, als zuvor,: gehandelt hatte, und daß er bey seinem zuerst ge- fafseten Entschlusse båtte verharren sollen. Der Mandarin versezte hierauf: „Ich sah Schuey- ping-fin für ein Mädchen an, das nicht viel zu bedeuten habe, und bildete mir nimmermehr ein, daß sie meinen Befehl ändern könnte, und so große Fähigkeit befize. Sie stellte sich, als wenn se meinem Befehle Folge leisten wollte, und sehte indessen eine Bittschrift an den Kaiser auf, den fie durch einen getreuen Bedienten nach Hofe sand- te. Urtheilet selbst von ihrem Verstande.“ ,,Wie ist es möglich, rief Ku-keh-ssu voll Verwun- derung, daß sie sich unterstehen sollte, an den Kaiser eine Bittschrift zu senden? Vielleicht will sie nur hierdurch Sie abschrecken." „Sie fandre fie nicht allein nach Hofe, erwiederte der Manda- rin, sondern sie kam selbst vor meinen Richterstuhl, und zeigte mir eine Abschrift davon.“ „Warum zerrissen Eure Excellen; dieses Papier nicht, und ließen sie bestrafen, sagte der hißige junge Mensch ?“**„Ihre Bittschrift war schon drey Ta- ge vorher weggesandt worden, sprach der Ngan- yuen: würde ich sie bestrafet haben, so weis ich nicht, was ich dem Kaiser hätte antworten können, wenn er mich zur Rechenschaft gefordert haben würde, würde, und sie nach Peking berufen håtte. Denn sie würde sich einen Dolch in die Brust ge- stoßen haben, wenn ich ihr hart begegnet wäre c). Ich mußte sie also höflich, nebst einer Erklärungs nach ihrem Willen von mir lassen. Hierdurch best wog ich sie, ihrem Diener nachzusenden, und ihn zurückkehren zu lassen. Ich konnte nicht eher mit Ihnen sprechen, bis dieser wieder zurück kam. Nun Nirgend werden Criminalprocesse so sorgfältig untersu chet, als in China, wie schon in der vorigen Anmerkung erinnert worden, und es geniesset daselbst der allerelens →deske Mensch den Vorzüg, den man in Europa nur ges wissen vornehmen Personen, als ein besonderes Vorrecht zugestehet. Ist das Verbrechen sehr groß, so pflegt der Kaiser folgendergestalt zu unterschreiben: „So bald ihę „diesen Befehl erhalten, so sollt ihr die Strafe ohne den geringsten, Anstand vollstrecken. « Bey andern Hals- verbrechen lautet die Unterschrift des Kaisers also: „Man verwahre den Uebelthäter im Gefängnisse, und im näch "sten Herbste soll er hingerichtet werden." Oft müssen Criminalsachen fünf bis sechs Tribunale durchgehen, ehe

  • ein Urtheilsspruch erfolget. Der Kaiser muß von allen

denen, so im Gefängnisse sterben, unmittelbar Nachricht bekommen, und er befiehlet oft den vornehmsten Mandas rinen, genaue Untersuchung anzustellen, ob auch die Sub- alternen ihre Pflicht beobachtet, und nicht etwan den Gefangenen verwahrloset haben. Lettres édifiantes et curieufes, T., 11, p. 278. T. 18, p. 436, 437. T. 22, p. 72, 82. Du Halde, 2 Th. S. 155, 156, 162. Neuere allgemeine Welthift. 6 Th. S. 477. Gatterers Hand- buch der Universalhistorie, aten Theils erster Band, S.307, 311. + Nun habe ich endlich ihre Bittschrift in meinen Hånden, so ich Ihnen zeigen will. Hier ist sie. Als Ku-keh-ssu diese gelesen hatte, erstaunete er darüber. Was für eine kühne und verwegene Schrift ist nicht dieses? rief er. Soll es ihr so hingehen? Nein, ich will sie noch nicht gehen laffen. Ich habe noch immer Ihren Beystand nöthig, mächtiger Mandarin!“- Diefer erwie, derte: „Ich werde Ihnen mit Vergnügen dies nen, wo Sie nur befehlen; aber, was diese Heu- rath anbelanget, so werde ich mich nicht mehr in diese Sache mengen, und wenn Sie Ihre Gedan- ken noch immer darauf richten, so werden Sie sich vielleicht noch viele Verdrüßlichlichkeiten auf den Hals laden: denn dieses junge Frauenzimmer ist in ihren Entschließungen unveränderlich." Ku-keh-ssu, der hierauf nichts antworten konnte, nahm seinen Abschied von dem Mandarin, und schien von der Billigkeit deffen, was er ihm gefagt hatte, überzeuget zu seyn. Allein er konns te sein Verlangen nicht måßigen, noch fernere Ver suche, zur Erlangung dieses Frauenzimmers zu wagen. In dieser Absicht ließ er seinen Freund Tschon-ki zu sich rufen, dem er alles erzählte, was sich zugetragen hatte. Als dieser die Bitt schrift der Schuey-ping-sin durchlas, sagte er: „Ihre Bittschrift ist sehr nachdrücklich; jedoch seßt sie in derselben nichts wider Ihre Person und Cha- rakter aus, sondern entschuldiget sich mit der Ab- wesenheit ihres Vaters. Sie führet an, daß es ungerecht wåre, sie bey solchen Umstånden zu ei, u ner ner Heurath zu zwingen. Ich glaube, fle hat hierinn nicht unrecht. Wir müssen nicht mehr auf gewaltsame Mittel denken; sondern andere und wirksamere ergreifen. Sie haben nunmehr eine gute Gelegenheit dazu. Der Mandarin ihr Vater ist verwiesen: Ihr Vater hat bey Hofe viel zu sagen. Wie wäre es, wenn Sie ihm von der ganzen Sache Nachricht geben würden. Sie müf- fen ihn um feire Einwilligung bitten, und zugleich ersuchen, eben dieses bey dem Vater des jungen Frauenzimmers auszuwirken. Da er in Ungna- de ist, wird er es schwerlich abschlagen: giebt er - feine Einwilligung, so haben wir gewonnen, und sie wird sich nicht länger entschuldigen können.“ Ku-keh-ssu war mit diesem Vorschlage zufrie- den. Sie wird sodann, sprach er lächelnd, keis ne Ausflüchte mehr erdenken können. Wenn ich an meinen Vater deswegen schreibe, so wåre es zu weitläuftig, ihm alle Umstånde zu berichten. Ich habe keinen Bedienten, dem ich eine so wichtige Sache auftragen kann: ich wollte wünschen, daß ihr es über euch nehmen mögtet, mit meinem Va ter zu sprechen." „Dieß will ich von Herzen gerne thun,“ sagte sein Freund. Ku-keh - ssu schrieb so gleich an seinen Vater, und gab den Brief dem Tschon-ki. Er ließ ihn mit allen Nothwendig, keiten zu seiner Reise reichlich versehen, und gab ihm einen alten Bedienten zur Aufwartung mit. Zwey- Zweytes Kapitel. Wir wollen uns nun wieder zu dem Tiehs tfchong u wenden, der, nachdem er Schan-tong verließ, nach seinem Hause in der Stadt Tah-ming zurückgekommen war. Die liebenswürdige Schuey-ping-sin war der ein- zige Gegenstand seiner Gedanken. Die Achtung und die Gütigkeit, mit welcher sie ihn aufgenom men hatte, war ihm noch im lebhaftesten Anden- ken. Er folgte ihrem Rath und studierte fleißig. Er suchte sein heftiges und unbiegsames Tempera- ment zu måßigen, und sich durch Gelehrsamkeit be- rühmt zu machen. Als er eines Tages in der Hofzeitung a) las, sah er, daß sein Vater den Kaiser U 2 a) Diese Hofzeitung kommt täglich in Pe-king heraus, und bestehet aus 70 bis 80 Seiten. Sie wird in alle Provinzen des Reichs versendet, und giebt von allen öf fentlichen Angelegenheiten Nachricht. Man lieset zum Erempel die Namen der Mandarinen, so abgesehet, oder befördert worden; ein Verzeichniß aller Criminalsachen, so auf den Ausspruch des Kaisers beruhen; alle Memo- riale, so dem Kaiser überreichet-worden, nebst dessen Aus- sprüchen, u. d. g. Die Lettres édifiantes geben häufige Auszüge dieser Zeitung. Z. B. in der vom 15 Dec. 1727, so der dritte Tag des zweyten Monden ist, finden wir, Memoriale, so am dritten Tage des eilsten Monden bey Hofe einliefen, die aber ganz kurz angezeiget sind: „Me- „morial des Statthalters zu Canton, wegen der zu fül- „lenden Reißmagazine daselbst. “ „Memorial des Ges nerals der chinesischen Truppen in der Provinz Tsche- g ,,Fiang, Haoh Kidh Ischwen. Kaiser um Erlaubniß gebeten habe, fein Amt nie- derlegen zu dürfen, weil feine schwache Gefundheit ihn kiang, worinn er einen gewissen Mandarin anklaget, „daß derselbe von seinen Untergeordneten Geld erpreffet „habe. “Und, so folgen öfters 20 bis 30 Memoriale. Hierauf kommen die Antworten des Kaisers, so er an diesem Tage auf verschiedene Bittschriften gab. Ist die- `ses nicht geschehen, so heißt es: „Diesen Tag hat Seine „Majestät keine Antworten ertheilet. “ Sodann lieset man die Befehle des Kaisers an verschiedene Mandaris nen, und die Aussprüche der Reichscollegien, so dem Kaiser zur Bestätigung übergeben wurden. Endlich fols: gen andere Memoriale großer Mandarinen aus den Pró-- vinzen, Hofneuigkeiten, u. d. g. Diese Zeitung wird in den Provinzen des Reichs in einen Auszug gebracht, den aber der Statthalter allemal durchsehen muß, so wie die zu Pe- king vom Kaiser selbst vor dem Drucke durchgele- fen wird. Diejenigen, so sie besorgen müssen, dürfen nicht das mindeste hinzusehen. Im Jahre 1726 wurden zween Schreiber zum Tode verurtheilet, weil sie Unwahrs beiten in die Zeitung sehen ließen. Würden nicht unsere europäischen Zeitungsschreiber, zumal in Deutschland, the Leben, so bald sie nur zu schreiben anfiengen, verliehren, wenn man so scharf mit ihnen verfahren wollte?' Diese chinesische Reichszeitung lehret die Mandarinen nicht allein ihre Pflicht, sondern sie ist gleichsam ein Regiffer über ihre Aufführung. Denn man lieset in derselben nicht nur die Namen, sondern auch die Stellen, Ver-- richtungen, Abseßungen, u. d. g. der Mandarinen. Wenn 4. E. einer in seinem Bestrafen zu gelinde, oder zu ftren- ge war; wenn er Gefälle untergeschlagen, das Volk un- terdrücket, oder sonst sein Amt nicht recht verwaltet hatte. ihn nicht erlaube, demselben långer vorzustehen. Er erschrack über diese Nachricht nicht wenig, und befahl so gleich seinem Diener, fein Pferd zu fat- teln, und ihm nach Hofe zu folgen. Als er auf dem Wege, und nicht mehr weit von Pe-king war, erblickte er einen Mann auf einem Maul- thiere. Als er ihm in das Gesicht fah, erkannte er ihn für Schuey - yong, den alten und ge- treuen Diener der schönen Schuey - ping - sin. Er erkundigte sich nach der Ursache seiner Reise. Der alte Mann sprang von seinem Maulefel her- ab, und sprach: „Mein Herr, ich sollte Sie we- gen einer sehr wichtigen Sache auffuchen. Tiehz tschong-u fragte ihn mit Verwunderung, was dieses wäre?,,Betrift diese Sache den Vater eu- rer Gebieterinn, oder sie selbst ?" Er fagte ihm, daß es die leßtere beträfe. Die Verwanderung des jungen Menschen wurde noch größer. „Wie! fagte er; was hat dieses zu bedeuten? Vielleicht bat น 3 (6 hatte. Hingegen werden auch manche öffentlich geprie= fen. Es heißt z. B. „dieser Mandarin ist nicht gar nüß- „lich; wenn er sich nicht mehr Mühe giebt, so werde „ich ihn #rafen.“ Oder: „Dieser Mandarin hat seine „Schuldigkeit redlich gethan; er soll daher einen Grad höher befördert seyn." Die Mandarinen lesen diese Zeitung sehr fleißig. Viele machen sich einen Auszug daraus, und Anmerkungen darüber. In den Lettres édifiantes liefet man häufige Auszüge solcher Zeitungen, 3. E. T. 18, p. 434 etc. T. 19, p. 265. T. 22, p. 190. 223. Du Halde, 2 Th. S. 53, 56, 57. Gatterers Handbuch der Universalhist. 2 Th. 1 Band, S. 305,306. "" hat sie Ku-keh-ssu auf das neue beunruhiget ? “ Schuey -yong gab ihm zu erkennen, daß er es errathen habe, und daß seine Gebieterinn zu dem Entschluffe getrieben worden, diefe Bittschrift, so er ihm zeigte, nach Hofe zu senden. Sie gab mir Befehl, sprach er, Sie, mein Herr aufzufu- chen, und läffet Sie bitten, mich zu belehren, wie ich diese Bittschrift überreichen foll." „Diefes wird sehr leicht seyn, antwortete Tich-tschong-u; aber wie hat denn Ku-keh-ssu eure Gebieterinn. so sehr beunruhiget, daß sie sich zu einem solchen Schritt gezwungen fah?" Schuey-yong er- zählte ihm hierauf alles, was sich zugetragen hatte. Tieh tschongu ward hierüber sehr bestürzet. Er fragte, wie der Ngan-yuen, oder Obervist- tator, so dergleichen Ungerechtigkeiten begieng, heiße. Schuey-yong sagte ihm, daß er sich Fung ying nenne. `„Ich kenne ihn, sprach Tieh- tschong-u. Schlaget nicht an die kaiser- liche Trommel b). Ich will selbst die Bittschrift Tschong- b) Der P. Gaubil saat in seiner Beschreibung von Pe king, in den philosophischen Transactionen, daß daselbst im Pavillon vor dem kaiserlichen Pallaßte eine Trommel fen, so Tag und Nacht von Mandarinen und Soldaten bewachet wird. In den alten Zeiten, und vor dem Einfalle der Tartarn, mußten sogleich die Bittschriften dem Kaiser überliefert werden, wenn jemand darauf schlug. Nunmehr ist diese löbliche Gewohnheit abge- schaffet. Du halde, 2 Th. S. 136. Semedo, S. 110. Philofophical Tranfactions, 1758, P. JI. Tschong-schu c) zustellen, der ste sogleich dem Kaiser überreichen wird. Wenn man diese Sa- che sodann untersuchet, so will ich diesem Mandas rin alle Umstände unparteyisch entdecken; da dann der Obervisitator bald abgefeßet werden soll." Er fagte ihm zugleich, daß er zuvor feinen Vater be- suchen, und Siau tan feinem Diener Befehl geben wolle, außen auf ihn zu warten. Schueys yong versprach, ihm nachzufolgen. Tiehatschong-u ritte schnell nach der Woh nung feines Vaters zu. Er fand daselbst sehr vies le Leute, die ihm die Aufwartung machten, wors aus er schloß, daß er seine Stelle noch nicht nie- dergeleget habe. Er stieg sogleich ab, seinen Ack- teen die schuldige Ehrerbietung zu bezeugen, allwo er zu feiner größten Freude vernahm, daß er sich in feiner Meinung nicht betrogen håtte d). Er befahl seinem Diener, außen so lange zu warten, bis Schuey-yong ankäme. Er wartete, bis es Nacht ward, aber vergeblich. Sein Herr glaubte, daß der Diener der Schuey-ping - sin fich verspätet habe, und morgen zu ihm kommen würde. Sobald es Tag war, fandte er ihn aber- U 4 mal e) Dieser Tschong: schu, oder zweyte Kanzler, ist derjenis ge Mandarin, so über alle Bittschriften die Aufsicht hat, und sie dem Kaiser überreichen muß. Beyeri Museum Sinicum, Petropoli, 1730. 8. T. 2. p. 201, 203. d) Dieses war ein öffentliches Merkmaal, wie sehr der Kaiser mit ihm zufrieden gewesen; daher ihm seine Freunde und Clienten ihre Glückwünsche abstatteten. mal aus, sich nach Schuey-yong umzusehen; allein es war eben so vergeblich, als zuvor. Er ließ daher einen tüchtigen Mann von den Gerichts- bedienten feines Vaters zu sich rufen, und trug ihm auf, sich nach Schuey-yong zu erkundigen, und ihn aufzusuchen. Er fragte auch bey dem Tribunal der Bittschriften, ob niemand hier von der Tochter des Mandarins Schuey ku yeh etwas überreichet habe? Er erhielt zur Antwort, daß noch niemand da gewesen sey. Er vermuthe- te, es mögte ihn etwan_ein|Freund feines Herrn aufhalten. Er fandte auch nach dem Thore des kaiserlichen Palastes, wo die Trommel stund; aber auch daselbst war er nicht anzutreffen. Er glaub te endlich, daß er von dem Obervisitator durch ei- nen nachgefandten Bedienten aufgehalten worden, øder wohl gar aus Mattigkeit, wegen der langen Reife, vom Maulthiere herabgefallen, und gestor- ben fey. Am folgenden Morgen mußte Sian- tan wiederum nach ihm fragen; denn sein Herr konnte nicht schlafen, weil er wegen dieses alten Dieners der Schuey-ping- sin sehr beforget war. Er ließ vier bis fünf Tage lang vergeblich nach ihm fuchen. Er war sehr misvergnügt, daß die Bittschrift dem Kaiser noch nicht überliefert wor- den, und stund sehr wegen Schuey-ping- fin in Sorgen. „Diefer Obervisitator, dachte er, ist sehr mächtig, und was kann ein armes verlasse- nes Mädchen mit aller ihrer Scharfsinnigkeit und Freymüthigkeit gegen ihn ausrichten? Sie hat keinen Bater oder Freund, der ihr helfen kann. Die Die Einwohner von Tsi- nan müssen ihrem Ver- folger beypflichten. Wenn ich also ihr nicht zu Hül, fe komme, so ist sie verlassen. Da ich von ihrem Zustande vollkommen unterrichtet bin, so erfor dert es meine Ehre, ihr Beystand zu leisten.“ Er nahm hierauf von feinen Weltern Abschied, und bath fie, ihm zu erlauben, wieder zu feinem Stu- dieren zurückzukehren. Er ließ fein Pferd zurück, und miethete einen Maulesel, um geschwinder und unerkannt reifen zu können, nahm feinen Diener mit sich, und eilte nach der Provinz Schan-tong, dem jungen Frauenzimmer Beystand zu leisten, um welches er desto mehr besorget war, da sich ihr Diener nirgend antreffen ließ. Dieser war schon am Thore der Stadt, als ihn der Bediente des Obervisitators einholte, und ihm sagte, daß die Sache mit seiner Gebieterinn abgethan, und alles beygeleget worden sey; wo- bey er ihm ihren Befehl zeigte, daß er wieder zus rückkommen follte, dem er auch alsobald nach, fam. Tieh-tschong-u, so von allem diesen nichts wußte, feßte eiligst seine Reise fort. Er beschäf. tigte sich schon in Gedanken, was für eine Rache er an dem Mandarin ausüben wollte. Er bez schloß, sogleich nach seinem Gerichtssaal zu gehen, ihn daselbst zur Rede zu sehen, und vor jedermann wegen feiner Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu Schanden zu machen. Als er aber überlegte, wie übel es ihm ausgeleget werden könnte, eine so große Magistratsperson öffentlich so zu beschim. pfen, 象 ​pfen, ob er es gleich verdiente, wurde er bedachte famer. Das Gerücht davon, sagte er bey sich felbst, wird bald der Schuey - ping-fin zu Oh- ren kommen; und diese wird eine sehr schlechte Meinung von meiner Mäßigung bågen, und mich als einen gemeinen tellkühnen Kerl verachten, da fie durch ihr kluges Bezeigen ohne alle Verwirrung die Anschläge des Ku-keh-ssu vereitelte.“ Er faffete daher den Vorsatz, sich zu dem Hause dies ses Frauenzimmers zu verfügen, und nach den beyden Befehlen zu fragen, so sie zum Heurathen zwingen follten. Diese, sprach er, will ich sv= dann nach Hofe zu meinem Väter bringen, und ihn bitten, einen ausführlichen Bericht davon auf- zuseßen: alsdann wollen wir sehen, was der Ober- visitator darauf antworten kann." Mit diesen Entschließungen sehte er seine Reise eilfertig fort, bis er nach wenigen Tagen in der Hauptstadt von Schan-tong anlangte, Drittes Kapitel. obald Tieh-tschong-u in der Stadt Tsi- nan ankam, ließ er seinen Diener in einem Gasthofe zurück, und gieng sogleich nach dem Hau- fe des Mandarins Schuey-ku-yeh, des Va- ters der schönen Schuey - ping-sin. Er fand alles vor dem Thore ruhig, und fah niemand. Er gieng durch die innern Höfe, allwo er an der Mauer den Befehl des Obervisitators las. Er wußte nicht, wie er diefes mit der Nachricht zus fammen (6 fammen reimen sollte, die ihm ihr Bedienter gege- ben hatte. Er muthmassete, daß sie ihn vielleicht durch Geschenke auf ihre Seite gebracht haben müsse; oder daß ihr Vater wiederum in seinen Po- ften gesehet worden sey. Dieses leßtere kam ihm fehr unwahrscheinlich vor, da er nicht das minde- fte davon bey Hofe vernommen hatte. Er wåre gerne weiter fortgegangen, wenn ihn nicht dieses abgehalten hätte, daß man wegen einer so großen Freyheit auf sie beyde einen Verdacht werfen könns te. „Nein, dachte er, da ich kein Unverwandter von ihr bin, so kann ich auch dieses nicht thun. Er wollte schon wieder uinkehren, und sich bey ir gend einem Tribunal der Stadt wegen dieser Sa- che erkundigen, als Schuey - gowin bey ihm vorbey gieng. Dieser wunderte sich über die maaßen, ihn hier zu sehen, weil er zuvor dieses Haus so eilfertig verlassen hatte. Er schloß das her, daß Tieh- tschong-u keiner guten Ursache wegen hier wieder angelanget seyn mögte. Nach beyderseitigen Höflichkeiten fragte ihn Schueys gowin, wie lange er sich in Tsi-nan befinde, und ob er feine Nichte besuchet habe?…………„Ich bin eben angekommen, gab ihm Tieh - tschong - u zur Antwort; wenn ich aber auch schon långer hier wåre, wie follte ich sie sehen können? Was ist denn die Ursache Ihrer Zurückkunft ?“ fragte Schuey-gowin. Er erzählte ihm hierauf, daß er bey Hofe vernommen, der Obervisitator habe durch seine Befehle feine Nichte zu einer Heurath innerhalb einem Monate zwingen wollen, die so Fehr fehr wider ihre Neigung war. „Dieses Verfah ren, feßte er hinzu, ist so außerordentlich, daß ich mich deswegen erkundigen muß, weil es in der Abwesenheit und ohne die Bewilligung ihres Ba- ters geschahe. Ich achtete mich verbunden, ihr diesen Dienst zu leisten, und ließ mich durch die Länge der Reise nicht davon abhalten. Als ich hier ankam, fand ich einen Befehl zu ihrem Be- sten; ich erfreute mich darüber; und da ich sehe, daß die Nachricht, so ich in Pe- king erhielt, falsch ist, so werde ich mich wiederum nach Hofe zurück verfügen.“ Schuey-gowin lächelte. „Wie ist es mög- lich, fragte er, daß Sie sogleich auf erhaltene Nachricht abreiseten, und doch anjeßt sobald sich wieder entfernen wollen, da Sie bloß den Befehl fahen? Da Sie eine so besondere Gütigkeit uns erzeiget haben, so wåre es unbillig, wenn Sie uns so schnell wieder verlassen wollten. Sie müssen - ausruhen, und sich bey uns vert zilen. Ich will indessen meiner Nichte Nachricht von Ihrer großen Bemühung ertheilen. Sie müssen einige Erfris schungen hier genießen.“ „Ich kam nicht hieher, verseßte Tieh-tschong-u, mir ein Verdienst dar- aus zu machen: die Liebe zur Gerechtigkeit war meine einzige Absicht, weil sie meiner Gemüths- neigung gemåß ist. Ich verdiene und verlange deswegen nicht die geringste Danksagung.“ Hier. mit empfahl er sich, und gieng fort, ohne sich um, zusehen. Schuey - gowin verdroß dieses schnelle Weggehen über die maaßen. Er war darauf be- dacht, bacht, sich dafür bey Gelegenheit zu råchen. In → dieser Absicht fandte er ihm einen Bedienten nach, feinen Gasthof zu erfahren, und Nachrichten von ihm einzuholen. Sodann gieng er zu seinem Ei- dame, und gab ihm von der Ankunft des Tieh- tschong-u Nachricht. Ku-keh-ssu erstaunte darüber. „Was! schrie er, dieses fremde Thier foll mir meine Braut entführen? Wir müssen einen Weg ausfindig machen, dieses zu verhindern. Wir müssen entweder eine Klagschrift wider ihn eingeben, oder ihn sonst öffentlich beschimpfen. Wie wäre es, wenn wir dem Ngan-yuen eine Bittschrift überreichen, weil er so heimlich hieher tam? Ich versichere Sie, er wird sich inskünf tige nicht mehr allhier blicken laffen." Schuey- gowin schüttelte den Kopf, und sagte: „Die ses geht nicht an. Er ist der Sohn des Tus tscha-yuen, oder Vorgefeßten der Statthalter; was kann der Obervistator wider ihn vornehmen, da sein Vater ihm zu befehlen hat a)? Ueberlassen Sie mir diese Sache. Ich habe etwas ausge- dacht, wodurch wir ihm eines verfeßen können, ohne ein öffentliches Aufsehen zu verursachen; wo- ben wir ihm zugleich das Maul stopfen können, daß er es nicht wagen darf, sich deswegen zu be Flagen. Tieh- tschong-u spricht sehr frey, und´ überleget nicht, was er redet. Ich hörte feine Ursachen, warum er hier ist. Er giebt vor, daß

ihn Man fehe eine Anmerkung zum 7 Kapitel des zweyten Buches dieser Geschichte. ihn die Liebe zur Gerechtigkeit dazu bewogen has be; allein dieses ist nur ein Vorwand, feine Ab fichten auf meine Nichte zu verbergen. Sie müf- fen einen Bedienten nach seiner Wohnung sendèn, als wenn er von Schuey-ping- sin kåme: die- fer muß ihm sagen, seine Gebieterinn habe ver nommen, daß er diesen Morgen bey ihrem Hause gewesen, weil sie aber von vielen Personen besu- chet würde, und ihn daher nicht bey Tage spre- chen könne, so ließe sie ihn ersuchen, um zehn Uhr des Nachts sich bey der Gartenthüre einzufinden. Er wird dieser Einladung Glauben beymessen, und fonder Zweifel an dem bestimmten Orte erscheinen. Sie müssen nun einige starke Kerls an die Garten- thüre stellen, die ihn, wann er ankommt, anfal- fen, und ihn braun und blau schlagen b). Wie wird er sich nachher unterstehen, deswegen zu kla- gen? Oder, was kann er antworten, wenn man ihn fraget, was er so spat allhier machen wollen ?", Ku-kel - ssu erfreuete sich über diesen Anschlag, `und hielt ihn für sehr gut ausgedacht. „Ja, ja, rief er aus; er soll wissen, daß es noch Leute in der Stadt Tsi-nan gebe, die ihm zu begegnen wiffen." b) Im Chinesischen heißt es, „die ihm die Augen so dic schlagen, wie eine Laterne." Die chinesischen Laternen find öfters vier bis fünf Fuß lang, und sehr breit. Bey Festtagen haben sie Laternen von 20 bis 30 Fuß im Durchschnitte, so, daß man darinn essen, trinken, schla: Le Compte, T. 1. fen, und Besuche annehmen könnte. P. 246. Drittes Buch. missen. Sobald der Bediente des Schueys gowin ihnen Nachricht von dem Fremden übers brachte, befchloffen sie, ihren Anschlag unverzüg- lich in das Werk zu richten. Tieh- tschong -u gieng inzwischen zu dem Tschi-hien, um daselbst von der Veränderung der Befehle des Obeɩvisitators die Ursache zu ver- nehmen. Dieser Mandarin war nicht zu Hause. Er kehrete also wieder nach seinem Gasthofe zu- rück. 'Als er eben hinein gehen wollte, vernahm er jemand hinter ihm, der zu ihm sagte: „Mein Herr, ich habe schon lange auf Sie gewartet, weil ich Ihnen etwas zu hinterbringen habe." Er fab sich um, und erblickte einen jungen Menschen von funfzehn Jahren. Er fragte ihn, wer er wäre? Der Knabe fah um sich berum, ob nie- mand zugegen, und sagte ihm leise, daß ihn Schuey-ping-sin hieher sende. Wie? ant» wortete er, Sie sendet euch zu mir? If Schuen yong wieder bey ihr?" Der junge Mensch versette hierauf, daß seine Gebieterinn Schuey-yong zu ihm gesandt haben würde, wenn sie in ihn ein Vertrauen sehen können. Gut, sprach er, was trift es denn an ?“ Der Knabe sagte ihm, daß seine Gebieterinn vernom men habe, er wåre des Morgens bey ihrem Hause gewesen; sie håtte aber aus Furcht eines üblen Rufes nicht mit ihm sprechen können: „daher hat » sie mich hieher gesandt, Ihnen dafür Dank abzu- statten, weil Sie wegen ihrer eine so lange Reise unternommen haben. Sie läffet bitten, daß

Cif Haoh Kish Tschwen. Sie um zehn Uhr des Nachts vor ihre Garten- thüre kommen mögen, allwo sie etwas geheimes mit Ihnen sprechen will." Tieh - tschong-u entrüstete sich heftig über diese unverschämte Ein- ladung. „Junger Schurke, fagte er zornig, die, fe Worte können nimmermehr von diesem jungen Frauenzimmer herkommen. Es stecket eine Schel- merey darunter verborgen." Er drohte dem Kna- bèn. „Wie kannst du dich unterstehen, mir solche Lügen vorzusagen? Deine Gebieterinn und ich find zwo Personen, welche auf das genaueste den Wegen der Tugend und Ehre folgen; ich kann daher unmöglich glauben, daß diese Bothschaft von ihr komme, und daß ein solcher junger Affe dieses von sich selbst sage. Entdecke mir die Wahrheit, und sage mir, wer dich hieher gesandt hat; so will ich es dir verzeihen: wo nicht, so sollst du vor den Tschi-hien gebracht und scharf bestraft werden.“ Der Knabe gerieth durch diese Drohung in einen solchen Schrecken, daß er bey, nahe umgefallen wäre. Er faffete sich doch end- lich, und läugnete alles frech. Dieses brachte Tieh-tschong-u so in Zorn, daß er ihm ein paar Ohrfeigen gab, und ihn zwang, alles sogleich zu gestehen. Der Junge bekennte auch wirklich, daß ihn Ku-keh - föu hieher gesandt habe, deffen Bedienter er wåre; woben er ihn zugleich um Ver- zeihung bath. Tieh- tschong, u konnte sich des Lachens über diesen thörichten Anschlag nicht ent» balten. „Gehe, sprach er, sage ihnen, daß Tieh-tschong-u eine redliche und rechtschaffene Gefin Gesinnung båge, und daß Schueyping - sin ein Frauenzimmer sey, so ohne alle Veränderung oder Verstellung die Tugend liebt, und deren Seele von allen Lastern so rein ist, als der hellste Stern: sie sollen daher nimmermehr hoffen, in ihren niederträchtigen Absichten und Anschlägen glücklich zu seyn." Dieses befahl er ihm, dem Schuey-gowin, und feinem Herrn zu hinter bringen, worauf er ihn fortgehen ließ. " Ku-keh-ssu wartete nebst Schuey-gowin mit größter Ungedult auf den Jungen. Als er ihn zurückkommen fah, schloß er aus dessen nie- dergeschlagenem Gesichte, daß die Sache nicht nach Wunsch gieng. Ehe ich noch zu reden an- fing, fagte der Knabe, sah ich schon, daß Tieh- tschong-u keine gewöhnliche Person sey. Seine lebhaften Blicke erschreckten mich. Als ich meine Bothschaft ausrichtete, schlug er mich heftig, ehe ich noch ausredete, und würde mich umgebracht haben, wenn ich ihm nicht die Wahrheit gestan- den hätte. Er sagte, diejenigen, so dich hieher gesandt, sind Schelmen, da sie ein so tugendhaf- tes Frauenzimmer, als Schuey-ping-sin ist, fo beschimpfen wollen. Sage ihnen, sie sollen sich vorsehen, daß es nicht gefährlich für sie aus- Laufe." c) Beyde t c) Im Chinesischen heißt es: „sie sollen sich vorschen, wenn sie dem Tiger die Barthaare ausreißen wollen.“

Beyde geriethen in ein tiefes Stillschweigen. Endlich sprach Schuey-gowin zu seinem Eida- me: „Wir müssen noch nicht alle Hofnung aufge ben; ich will doch etwas ausdenken, daß wir ihn in die Falle locken." ,,Er wird zu listig seyn, gab ihm Ku-keh-ssu zur Antwort, als daß er sich fangen läßt. Ich sehe kein Mittel dazu.“ „Laf fen Sie mich nur machen, erwiederte Schuey- gowin: ich will gewiß etwas ersinnen, das uns nicht fehlschlagen kann.“ Ru