Hao Qiu Zhuan/de-murr/Chapter 14
Kapitel 14: Sein Leben aufs Spiel setzen, um einen anderen zu retten: Einen wahren Helden erkennen
Aus: Haoh Kjoeh Tschwen, die angenehme Geschichte. Leipzig, 1766
Hinweis: OCR-Digitalisierung. Seitenzahlen als [S. N]. Vergleich mit chinesischem Original und moderner Ubersetzung empfohlen.
Achtes Kapitel. a) Das Tribunal Saan - fa - sseh feßte einen Tag zur Untersuchung des Verbrechens des Generals Hu-hiao an. Sobald sich die drey Mandarinen an demselben versammlet, und ihre Sige eingenommen hatten, unter welchen auch der vorderste Statthalter Tieh - ying war, wurde dieser unglückselige Feldherr aus dem Gefångnisse vor sie gebracht, und man fieng an, ihm den Pro- ceß zu machen. An eben diesem Tage langte Tieh-tschöng-u in Pe-king an, allwo er seit seiner Zurückkunft ´von Schan -tong nicht mehr gewesen war. So, bald er abgestiegen, fragte er nach seinem Vater, Seine Mutter sagte ihm, daß derselbe wegen ei- ner wichtigen Sache nicht zu Hause sey; daß das Urtheil über einen tapfern Mann, oder Feld- herrn b), gefället werde. „Warum suchet man tapfere Leute umzubringen, da sie doch jezt ben diesen kriegerischen und gefährlichen Zeiten so noth, wendig sind? ^fragte er voll Verwunderung. „Ich will die Untersuchung selbst mit anhdren; vielleicht mögte mein Vater auf die Seite seiner Mitrichter gezogen werden, und wider seine gewöhnliche und ihm angebohrne Redlichkeit und Gerechtigkeit han- deln." a) Im chinesischen Originale ist es das vierzehnte Kapitel. b) Dieses scheinen in der chinesischen Sprache gleichbes deutende Wörter zu seyn, wie sie es auch billig seyn follten. deln." Er gieng sogleich nach dem Gerichtshofe Kong-yah-muen. Er erblickte Hu-hiao schon zum Tode verurtheilet und gebunden. Er warte- te auf die Vollstreckung des Urtheils, vermöge dessen er nach drey Viertelstunden Nachmittage feis nen Kopf verliebren sollte. Tieh a tschong-u drängte sich durch die Menge der Zuschauer hin- durch, die verurtheilte Person näher zu betrachten. Er fah, daß es ein noch sehr junger Mensch war, dessen Ansehen herzhaft war, und dessen Blicke wild, wie ein Tiger, aus seinen Augen stralten. Sein Hals war dick, und doch so lang, als bey einem Kranich, und fein Körper stark und wohl gebauet c). Tich- tschong-u konnte nicht be- Aα 2
greifen, `e) Dionysius Kao, ein Chineser, dessen kurze Beschreis bung von China der englischen Uebersehung von Isbrandt Ides Reisen (London, 1705. 4) angehänget worden, belehret uns, was für Achtung die Chineser gegen die Gestalt ihrer Feldherren tragen. Dieser aufrichtige Mann beschreibet das Bildniß des Quan-in-tschang, so der Mars der Chineser ist, also: „Sein Antlig ist dunkelroth gemalet; denn sie lieben ein rothes Gesicht yan Kriegsleuten: ja die ganze chipesische Nation glaus „bet, daß ein wildes rothes Gesicht Muth_mache, und „Tapferkeit den Soldaten einflöße.“ Isbrandt Ides's Tra- vels, p. 126. Eben so halten sie auch ein solches Gesicht für tüchtig, die Feinde zu schrecken. Martinius vers sichert, daß sie von den ältesten Zeiten her die Gewohnz heit haben, und den Feldherrn (so nämlich in den Průs fungen, die alle drey Jahre gehalten werden, den besten Preis erhalt) bewaffnet über Lebensgröße abmalen lassen.. Dieses greifen, was eine Person, deren Ansehen so viel versprach, verbrochen haben müsse. Er fragte ihn Dieses Gemälde wird den benachbrten Nationen gesandt, sie mit Schrecken zu erfüllen. Man sieht aus Lord Ans sons Reisen, daß diese Gewohnheit noch jest in China fortdauere. Denn als die Engländer vor einer chinesi- schen Feftung vorbeysegelten, erblickten sie einen Solda- ten von ganz außerordentlicher Größe, der auf der Brust- wehr auf und ab gieng. Er hielt eine Streitart in sei- ner Hand, und hatte eine schöne Rüstung an, die aber blos von glänzendem Papiere gemacht war. Derglei chen lächerliche und kindische Pralereyen überzeugten die Engländer noch mehr von der schlechten Kriegsverfassung der Chineser. Es giebt bey ihnen auch Kriegsmandari- nen, und es werden, wie bey den Gelehrten, Prüfungen angestellet, und Kriegsbaccalaurei, Licentiaten, und Dos ctores creiret; so wie es ehemals in Frankreich Ritter der (Hesehe und der Armeen gab, in toga et fago. Die Candidaten müssen ein Thema, so von der Kriegskunst. handelt, ausführen; sodann müssen sie ihre Geschicklich- keit im Schießen, im Reuten, und im Fechten zeigen. - Die Kriegsmandarinen müssen die Soldaten in den Waf- fen üben, und sie mußtern. Ein Soldat in China darf nicht wegen seines Lebens besorget seyn, indem es immer Friede ist, und nur dann und wann in der Tartaren klei- ne Scharmügel vorfallen: fie dienen hauptsächlich zur Besehung der großen Mauer, zur Unterdrückung der Räuber, und Sicherheit der Landstraßen. Man zchlet 18000 Kriegsmandarinen, und 700000 Soldaten. Ein Soldat zu Fuß hat täylich ohngefähr zehn Kreuzer, und eine halbe Maaß Reiß; ein Reuter hat noch einmal so viel. Martinii hist. Sin. p. 405. Anson's Voyage, p. 540. Semedor ihn deswegen, wie es gekommen sey, daß er die Schlacht verlohren habe? Dieser gerieth in Grimm, und sagte sehr ernsthaft: „Ein Mensch fann nur einmal sterben, und es liegt nichts dar an, auf was für eine Art er stirbt. Wie sollte. ich, der ich so stark bin, daß ich zehn Tan d) tra- `gen kann, und achtzehn verschiedene Waffen e) zu führen weis, von jemand überwunden werden? Was habe ich verlohren? Man beschuldiget mich fälschlich. Ich erkläre dieses öffentlich. Weil ich aber sehe, daß ich dennoch sterben soll, so sey es dann also." „Warum sollte man denn ein so außerordentliches Gericht halten, verseßte hierauf Tieh- tschong-u, wenn Sie nicht überwiesen wären, daß Sie den Tod verdienen? Sollten Sie etwas Aa3 Semedo, S. 96 feq. Allgem. neuere Welthistorie, 6 Th. S. 453. Lettres édifiantes, T. 5, p. 156. Du Halde, 2 Th. S. 55, 56. d) Ein Tan (port. Pico, engl. Pecul) bestehet aus hundert. Catti, oder chinesischen Pfunden, welche 125 europäische austragen. Semedo, S. 52. Du Halde, 2 Th. S. 21, Fourmont Gramm. fin. 22, 197. 4 Th. S. 320, 325. p. 321, Peter Osbecks Reise nach Ostindien und China. Rostock, 1765.. 8. S. 501, Dampier, fupplem. p. 132., Uebers. e) In dem chinesischen Schauspiel beym du Halde, sagt die Person, so die Aufsicht über die Erziehung eines juns gen Mandarins hat: „Ich habe ihm die achtzehn ver- schiedenen Arten zu fechten gelehret." (Je lui ai ap- pris les dix-huit manières de fe battre.) Du Halde, 3 Th. S. 420. etwas zu Ihrer Vertheidigung vorbringen können, so muß es jezt geschehen. Hu-hiao feufzete. وو Es ist hohe Zeit." „Wie schlecht und verderbet find doch die jeßigen Zeiten!“ rief er aus. „Gut, sprach Tich tschongu, wenn Sie auch wirk- lich stillschweigen wollen, so will ich Sie doch nur dieses fragen: Wenn Sie auf freyen Fuß gesehet würden, wollten Sie nun wiederum auf den Feind los geben?" „Warum nicht? gab Hu-hiao zur Antwort. Erfordert diefes nicht meine Schul- digkeit? Wenn ich auch tausendmal gegen den Feind ziehen müßte, so würde ich es von Herzen gerne thun." Der junge Mensch sagte hierauf nichts mehr zu ihm. Er erkundigte sich, wie viel Uhr es wäre. Man sagte ihm, daß zehn Uhr vorbey sen. Er drang sodann durch die Menge hindurch, und kam in den Audienzsaal, wo die dren Präsidenten des Tribunals saßen. Er rief fehr laut:,,Heil sen euch, große Mandarins! Ihr send wichtige Staatsminister Seiner Majes stät des Kaisers: es ist daher eure Schuldigkeit, das allgemeine Beste zu befördern. Es ist großer Mangel an tapfern Leuten, und niemand will sich zur Anführung wider die Feinde gebrauchen lassen, ob man schon öffentlich deswegen Verordnungen ergehen ließ. Dero gegenwärtige Art zu handeln zielet nicht zum Wohl, sondern zum Schaden des Reiches ab. Ist dieser Mann der öffentlichen Gerechtigkeit, oder besondern Absichten, aufgeo- pfert worden?" Die drey Mandarinen, so nicht gerne das Todesurtheil über Hu-hiao gefället hatten, hatten, sondern es blos höhern Mandarinen zu Gefallen thaten, sahen és mit Vergnügen, daß jemand zu seiner Vertheidigung erschien: ob sie gleich durch die geringe Ehrerbietung, die man ihnen erzeigte, beleidiget wurden. Der Präsident des Hing-pu, oder peinlichen Tribunals, sah, daß es der Sohn des Präsidenten des Tieh-tscha yuen, oder Obergerichts der Statthalter und Vi- sitatoren, war. Er schlug auf die Tafel, und fagte: Wie unterstehet ihr euch, auf eine so ver- wegene und freche Art hieher zu kommen? Wis- set ihr nicht, daß die Lebensstrafe darauf gesezt ist? Man ergreife und binde ihn. An diesem Orte hat keine Freundschaft statt. Tieha tschong - U rief aus: „Dieß ist keine Gerechtig- teit. Höret mich an, ehe ihr mich gefangen neh men kaffet. Ich frage Eure Excellenzen, warum der Kaiser die Trommel an das Thor seines Pala- fees setzen ließ. Geschieht es nicht deswegen, das mit das Volk Zuflucht zu ihm nehmen könne, wenn Fonst keine Hülfe da wäre?" Sein Vater frag- te ihn, was ihm der Verurtheilte angehe? „Ich kenne ihn nicht, sprach er; da ich aber sehe, daß er ein herzhafter Mann ist, und dem Kaiser gute Diensté leisten kann, fo komme ich zu seinem Bea ften hicher." Was gehet es dich an?" sprach Tich-u-scheh, und befahl, ihn zu binden. Die andern beyden Mandarinen bathen, dieses noch einen Augenblick aufzuschieben, und ließen ihn vor die Tafel des Gerichts kommen. Ihr zeiget eine gute Absicht, und redliche Gesinnungen in euren Aa 4 وو Re
Reder, sprachen sie zu ihm; allein ihr müffet überlegen, daß man diese Dinge nach den Regeln Ader Gerichtsordnung, und nicht so überhaupt, beurtheilen muß. Hu hiao war ein ganzes Jahr im Gefängnisse, und der Mandarin Schuey- ku-yeh eben so lange in dem Exilio; niemand hat bisher ihre Vertheidigung unternehmen wels len. Hu-hiao ist heute verurtheilet worden, und es wäre ungereimt, ihn wieder los chen. Es würde dieses viele Verwirrung verur- zu spre fachen, und uns den Zorn des Kaisers zuziehens Der Mandarin Ku- scho- ssu hat bereits Seiner Majestät Nachricht von dem Todesurtheile gege ben. Wie ist es also möglich, es zu widerru- fen?" Tieh- tschong-u gab ihnen mit einem tiefen Seufzer zur Antwort: „Eure Excellenzen haben in dieser Sache blos nach Ihren Privatab- fichten, und nicht zum Besten Dero Vaterlandes gehandelt. In den vorigen Zeiten hat man håu- fige Beyspiele, daß sich Mandarinen den unge- rechten Urtheilen widerseßten, oder sich doch wes ´nigstens nicht dazu gebrauchen ließen, etwas zu thun, das dem Reiche Schaden brachte, oder wider ihr Gewissen war; ob es auch der Kaiser selbst noch so ernstlich zu thun befahl f), ・ War- " um f) Bey einem so eigennügigen Volke, als die Chineser find, ist es kein Wunder, daß zuweilen Vernunft und Gerechtigkeit schweigen müssen, wenn man nur weis, daß der Kaiser es gerne so haben wolle; und dennoch fin- det man in der chinesischen Reichsgeschichte so vortrefflt= che um erlerneten Sie die Gefeße und deren Ausle- gung, wenn Sie sich nach dem Willen böberer Mandarinen regieren lassen wollen ?" „Send Aa 5 ihe che Beyspiele der Redlichkeit und Standhaftigkeit, sich der Unterdrückung der Tyrannen zu widerseßen, daß sie auch Griechenland und Rom Ehre gemacht hätten. - Es gab chinesische Staatsminister, so dem Kaiser mit fol cher unerschrockenheit Vorstellungen machten, daß sie ih re. Sårge mit nach dem Pallaste führen ließen. Sie fuchten öfters die Leidenschaften ihrer Fürsten auf die feinste Art zu måßigen. Der König von Tsi hatte ein Pferd, das er sehr werth hielt. Durch die Nachläßigkeit eines Stallknechts kam es ums Leben. Der König er griff in der Wuth eine Lanze, und wollte ihn umbringen. Der Mandarin Ren: tse, so eben zugegen war, wendete den Stoß ab, und sagte: „Sire, dieser Mensch sollte fein Leben verliehren, ohne die Größe seines Verbre „chens zu wissen ?" „Gebet es ihm zu erkennen," ver- seste der König. Der Mandarin nahm hierauf die Lan- ze, und hielt sie dem Verbrecher vor Augen. Elender, „sprach er, höre deine Verbrechen. Ersilich verursach- „test du den Tod eines Pferdes, das dir dein Herr so ernst- lich anbefall. Zweytens hast du meinen Fürsten so wü- "thend gemacht, daß er dich mit eigner Hand tödten „wollte. Endlich so hättest du dadurch Gelegenheit ge „geben, daß andere benachbarte Fürsten wissen konnten, „daß mein König wegen des Todes eines Pferdes einen Menschen umbringe; hierdurch wäre sein Ruhm sehr beschimpfet worden. Du hast also den Tod dreyfach „verdienet.“ „lassset ihn gehen, gab der Prinz zur Ant- wort, lasset ihn gehen: ich vergebe ihm seinen Fehler.« Le Compte, T. 2, p. 35. ihr rafend ?“ schrie sein Vater. Ihr höret es ja, daß er sterben muß: das Urtheil ist nun ein- mal gesprochen." Diefe Worte machten Tiehs tschong u sehr bestürzt. > Wollen Sie also, " રદ sagte er, kein Mitleiden mit einem so tapfern Manne haben, wie dieser ist ?“ „Hu - hiao, erwiederte sein Vater, ist nach den Gesetzen zum Tode verurtheilet, und nun liegt an seinem Leben nicht das geringste mehr. Da es nicht in unserer Macht stehet, ihn zu befreyen, was hilft also die Barmherzigkeit und das Mitleiden?" „Es ist dieses keine gemeine Person, wendete fein Sohn Dagegen ein; Sie wissen dessen Vorzüge nicht: unter allen, so die große Mauer g) bewachen,
tommt Zehn Ly g) Im Chinesischen heißt sie Van: Ly tschang_tsching, d. i. die Mauer so zehntausend Ly lang ist. machen eine französische Meile. Dieses große Werk, so unstreitig seines gleichen auf der Welt nicht hat, schlief- set China auf den mitternächtlichen Gränzen ein. Der berühmte Kaiser Tsin schi hoang ließ sie ohngefähr 220 Jahre vor Christi Geburt aufführen, um dadurch China gegen die benachbarteu Tartarn zu bedecken. Als man sie baute, mußte der dritte Mann einer jeden der drey Provinzen Petsche:li, Schan: sï und Schen-st daran arbeiten, so, daß sie in fünf Jahren soll zu stande gebracht worden sein. Sie erstrecket sich durch diese dren große Provinzen, und fängt sich mit einem großen steinernen Bollwerke im öftlichen Meere von Pe-king an. Dieses Bollwerk ist ein großer in der See errichte- ter Pfeiler, dessen Grund auf einer großen Anzahl von ver: komme ihm keiner gleich. Es war sonst ge wöhnlich, wenn Kriegsbediente einen Fehler zu schulden kommen ließen, sie nicht hinzurichten, fondern ihnen Gelegenheit zu verschaffen, densel, ben wieder zu verbessern, und ihrem Baterlande wichtige Dienste zu leisten. Warum sollte es denn diesem Manne nicht erlaübet seyn, fein Ver- brechen auf gleiche Weise zu büssen?" Die bey den Mandarinen billigten dieses. „Allein, wer kann für seine Handlungen Gewährschaft leisten, daß er dadurch einen Pardon verdienet? sagtew fie. „Ich verlange nur, sprach Tich-tschong-u, daß Ihre versenkten und mit großen Steinen und Eisen beladenen Schiffen liegt. Ihre Länge wird auf 1500 französische Meilen gerechnet, welches leicht zu glauben ist, wenn man die vielen nordlichen und südlichen Krümmungen, erwdget, nebst den vielen Auf- und Absteigungen über die dazwischen befindlichen Berge und Thaler. höchste Höhe ist 30 Schuh, und 20, fie am niedrig- ften ist. Sie ist 15 Schuh breit, so, daß 5 bis 6 neben einander reuten können. Die Ströme laufen unter prächtigen in die Mauer gemachten, und bisher noch un- beschädigten Bogen durch, ob sie gleich schon beynahe 2000 Jahr allem Wind und Wetter ausgescht gewesen. Man erzählet in China, daß dem Baumeister unter Le bensstrafe befohlen worden, die Steine so fest zusammen zu haugen, daß kein Nagel dazwischen hineingetrieben werden konnte. Martini Martinii Atlas finenfis, p. 15 feq. Le Compte, T. 1, p. 115. Du Halde, i Th. S. 47 feq. 311. 4 Th. S. 58, 128, und 133. Neuere allgem. Welt- historic, 6 Th. S. 571, 573- I daß er wiederum in feinen vorigen Posten einges setzet werde; ich will meinen Kopf für seine Auf- führung zum Pfande einfeßen." Die beyden Mandarinen überlegten die Sache mit seinem Vater. „Da Dero Sohn, sprachen sie zu ihm, fein Leben zur Sicherheit für die Auffüh, rung des Hu-hiao öffentlich darbietet, so kön nen wir mit Recht eine Bittschrift für ihn auf- feßen, ohne daß man uns parteyisch nennen kann.“ Der Mandarin fand dieses der Billigkeit gemåß,, und gab Befehl, den Gefangenen wiederum ins Gefängniß zu führen. Tieh-tschong-u mußte es schriftlich auffeßen, daß er für Hu hiao Bürge sey. Man legte ihm eine Kette um den Hals, und führte ihn gleichfalls nach dem Gene- ral ins Gefängniß. Die drey Mandarinen statteten Bericht an den Kaiser ab, darinn sie Seiner Majestät zu er- kennen gaben, aus was für Bewegungsgründen fie also handelten. Weil es Krieg war, so gaben Seine Majestät jederzeit baldige Antwort von sich, und ein Mandarin, der etwas anzubringen hatte, erhielt am folgenden Tage sogleich seinen Bescheid, Sie erhielten diesen Befehl: „Da anjeßt tapfere Leute, im Kriege außer balb der Mauer zu dienen, sehr rar sind, und „da sich Tieh - tschong-u, der Sohn des Pråst- ,,denten der Statthalter, als Bärge für das ta- „pfere Bezeigen des Hu-hiao dargestellet hat; fo verschiebe ich hiermit die Vollstreckung des Ur- „theils, und übergebe ihm eben diejenige Stelle, "fo す „fð er zuvor bekleidete. Ich gebe ihm auch ein Schwert, alle Widerspenstigen und Pflichtver- geffenen damit zu tödten. Der Krieg mag seyn, „wo er will, fo foll er zu befehlen haben, da ich ,,ihm zutraue, daß er nirgend sich ohne Noth ent- ferne. Hålt er sich tapfer, und kommt er sieg- reich zurück, so soll ihn meine Gnade erhöhen; „wo nicht, fo foll er desto schårfer bestrafet wer ,,den. „Schuey-ku-yeh, der ihn empfahl, und ,,beystund, nebst Tieh-tschong-u, der sich für ,,ihn verbürget hat, sollen mir Rechenschaft geben „müssen, und eben so, wie Hu-hiao bestrafet ,,werden, wenn er sich nicht als ein rechtschaffener General bezeiget. Er soll also dieses wohl be- „denken, und unverzüglich nach seinem Posten ab, „reisen." " Ein Mandarin überbrachte diesen Befehl dem Hu-hiao, den man nebst Tieh-tschong-u wie- der auf freyen Fuß sehte. Beyde statteten den drey Mandarinen, ihren Richtern, Dank deswe gen ab, und wohnten im Hause des Mandarins Tieh-u-scheh, bis sie alles benöthigte beysam- men hatten, in den Krieg zu ziehen. Nach zween Tagen reißten sie nach ihrem Posten mit einer schönen Begleitung von Soldaten und Bedienten ab h). Sobald sie bey der großen Mauer anka- men, h) Der erste Kriegsmandarin hat einen gleichen Rang mit einem General in Europa, wie er denn auch beynahe eben dieselbigen Verrichtungen hat. Es stehen gewisse Certer, 382 Hash Kidh Tschwen. men, bezeigten ihnen die Offtciere große Ehrerbies tung, da sie sahen, daß Hu-hiao mit des Kai- fers Schwert wieder zurück kam. Nachdem sechs Monate verflossen waren, endigte dieser General durch seine glücklichen Vortheile über die Feinde den Krieg, und der Friede ward wieder hergestel- Jet. Der Kaiser erhöhete ihn noch mehr, und Schuey-ku-yeh wurde wieder in seinen vorigen Posten eingesehet. Seine Majestät lobten auch die Klugheit und Redlichkeit des Tieh- tschong-u, und wollten ihn zu einem Gelehrten vom ersten Range Derter, und vier, zuweilen auch nur zween Mandarinen unter ihm, deren Geschäffte mit dem, was bey uns ein Generallieutenant zu thun hat, genau übereinkommen, welche lettern wiederum vier subalterne Officiers unter fich haben, die man mit den Obersten vergleichen kann. Diese befehlen wieder über einige Hauptleute, unter wel- chen die Lieutenants und Souslieutenants stehen. Ein jeder dieser Mandarinen hat ein seinem Nange gemäßes Gefolge. Ihre Rüstung ist sehr schön, und ihre Zäume und Steigbügel sind von Silber, oder vergoldet. Der Sattel ist sehr reich gestickt. Die Zügelriemen sind von ausgehacktem Atlas zween Finger breit. Von der Brust des Pferdes hängen zween Streifen rothes feines Haar herab, so an vergoldeten oder versilberten Ringen han- gen. Ihr Pferdezeug ist gemeiniglich besser als die Pfer- de selbst, so eben nicht sonderlich Parade machen. Ihr Gefolge reutet theils vor, theils hinter ihnen, ohne ihre Bediente, deren eine große Anzahl iff, und welche`ent- weder in schwarzen Atlas, oder in gefärbte Baumwolle gekleidet sind. Du Halde, 2 Th. S.57, 58. 1383 Range, oder Tsin-tsee machen. 秦 Allein der + junge Mensch verbath sich diese Gnade, deren er sich zuvor durch seine Gelehrsamkeit und Verdienste würdig machen wollte. D Neuntes Kapitel. zer Mandarin Ku-scho-ssu årgerte sich so fehr über diesen unerwarteten Ausgang der Sache, daß er sich schämte öffentlich zu erschei- nen. Er bath um Erlaubniß seine Stelle nieder- legen zu dürfen, und schüßte deswegen seine kränk lichen Umstände vor. Hingegen war Schuey- ku-yeh kaum bey Hofe angelanget, als er zur Würde eines Schang-schu, oder Präsidenten des Oberhofgerichts des Kriegswesens, erhoben ward. Die Mandarinen, so ihm zuvor drohten, als er ihren Vorstellungen, zum Besten Ku-scho- ssu, und feines Sohnes, nicht Gehör gab, be- forgten nunmehr, er mögte es ihnen entgelten laf- sen; allein er versicherte sie, da sie ihm ihre Auf- wartung machten, daß er sich nicht im geringsten darüber beleidiget gefehen, und er es sich felbst zu- zuschreiben gehabt hätte, wenn ihm etwas Unan- genehmes aus dieser Verweigerung wiederfahren wåre. Sobald er dem Kaiser seine Aufwartung gemacht hatte, besuchte er sogleich auch den Mans darin Tieh-u-scheh nebst deffen Sohn, welcher eben abwesend war, weil er auf das Land gieng, daselbst zu studiren. Der Präsident der Start- halter empfieng ihn mit der größten Höflichkeit. »Ich „Ich kam hieher, sprach Schuey-ku-yeh, Dero fo ruhmvollem Sohne meinen Dank für das Glück ´abzustatten, so ich durch seine Klugheit und Muth genieße: nichts würde mir angenehmer seyn, als ihn selbst zu sprechen." „Morgen, versicherte ihn der Mandarin, will ich nach ihm senden, daß er Eurer Excellenz die Aufwartung machen kann.“ Beyde Mandarinen verließen einander mit den zärtlichsten Versicherungen einer ewigen Freund- schaft. So gerne auch der Mandarin Tieh fah, daß fein Sohn den Wissenschaften oblag, so konnte er doch dem Verlangen des Kriegspräsidenten nicht widerstehen. Er ließ also seinem Sobne befch. len, dem Vater der Schuey-ping-sin seine Auf- wartung zu machen. Als ihm der Bediente den Befehl seines Vaters anzeigte, sprach er zu dem felben: „Da uns dieser Mandarin aus Höflich- keit besuchte, und dieses eine bloße Staatsvisite war, so wird es schon genug seyn, wenn mein Vater auch bey ihm Visite macht. Die Zurück- reise nach der Stadt a) würde mein Studiren un, terbres a) Die Städte in China sind einander so dhnlich, daß man leicht von der Hauptstadt dieses großen Reiches auf die übrigen schließen kann. Der Name Pe-king heißt so viel, als der mitternächtliche Hof, zum Unterschied der Stadt Nanking, oder der mittägliche Hof, allwo zus vor die Kaiser bis 1405 refidirten. Die Chineser nennen fie gemeiniglich Schun-tien- fu, oder die Stadt nach dem Willen des Himmels. Sie macht ein langes. Viereck (6 ! terbrechen, weil daselbst die öffentlichen Ceremo- nien mir mehr Zeit wegnehmen, als ich ießo haben mug. Ueber dieses ist mir viele Gesellschaft ver drießlich. Er ließ also seinen Vater demüthig bitten, ihn mit allen Gegenvisiten zu verschonen. Der Diener hinterbrachte es dem Mandarin, der daru- Viereck aus, und wird in zwo Hauptfiddte abgetheilet. Der eine Theil, so den kaiserlichen Palast in sich faffet, heißet Sintsching, die Neustadt; man nennet sie auch die Tartarenstadt. Der andere Theil wird Lao-tsching, øder die chinesische Altstadt, genennet. Der Umfang beyder Städte hält s2 Lys, oder fünf französische Mei- len in sich. Die Mauren sind prächtig und hoch.. Man kann auf die Mauren der neuen Stadt mit einem Pferz de hinaufreuten. Die Thürme sind ein Pfeilschuß weit von einander. Alle Thore, an der Zahl neune, sind mit einem doppelten Pavillon überbauet. Die Straffen sind fast durchgängig nach der Schnur angeleget, eine halbe Deutsche Meile lang, 120 Fuß breit, und duf bendent Seiten mit Kaufmannshäusern beseset. Sie sind mit Triumphbögen, Thürmen, Tempeln, und bedeckten Gången gezieret, und haben sonderbare Namen, z. B. die Strasse der Verwandten des Königes, des weissen Thurms, der ewigen Ruhe, u. s. w. Diese leztere ist wohl vier englische Meilen lang, und 180 Schuh breit. Der Staub auf diesen mit Menschen und Thieren anges füllten Straffen ist sehr beschwerlich. Diese Stadt hat auch eine besondere Jurisdiction, so 26 fich begreift, davon 6 vom zweyten, 20 aber unter vom dritten Range sind. Du Halde, 1 Th. S.132 feq. Le Compte, T.1, p. 84. Martini Martinii Atlas finenfis, p.29. Neue- re allgem. Welthistorie, 6 Th. S. 346. Bb darüber so vergnügt war, daß er allein den Ger genbesuch bey Schuey - ku - yeh`ablegte. Der Mandarin erkundigte sich nach seinem Sohne; der Vater aber schüßte eine Krankheit vor, die feinen Sohn abhielte, seiner Schuldigkeit gemäß, ihm die Aufwartung zu machen. „Dieses heißt klug und vernünftig gehandelt, erwiederte der Manda- rin. Dero Sohn suchet, als ein weiser Jung- ling, alle große und öffentliche Ceremonien zu vermeiden. Ich will zu ihm kommen, und ihu besuchen.“ Nach einigen andern Gesprächen nah- men sie von einander Abschied. Da es der Mandarin Schuey-ku - yeh wohl merkte, daß die angebliche Krankheit eine höfliche Entschuldigung sey, so hielt er dieses für eine Pro- be der guten Einsichten des Tieh-tschong - u, daß er die Einsamkeit und das Studieren liebte. Dieß vermehrte sein Verlangen, ihn zu besuchen, und kennen zu lernen. Er hatte schon bereits ei ne so vortheilhafte Meinung von ihm gehåget, daß er bey sich beschloß, ihn mit seiner Tochter zu verheurathen, auf deren Vermählung er nunmehr bedacht war. Er fandte einen seiner Leute nach dem Dorfe, wo sich Tieh-tschong-u_aufhielt, um sich zu erkundigen, ob er zu Hause sey. bald er dieses erfuhr, so stattete er bey ihm den folgenden Tag einen Besuch ab, wovon er ihm die gewöhnliche Nachricht geben ließ. So Dieses Dorf hieß Si-schan, oder der west- liche Berg, wo sich Tieh-tschong-u aufhielt. Er hatte eben gespeiset, als er Nachricht erhielt, daß daß der Mandarin Schuey-ku-yeh einen Be- such bey ihm abstatten wollte. Dieser Name er- innerte ihn an dessen schöne Tochter Schuey- ping-sin, und verursachte, daß er nach einem tiefen Seufzer den besondern Zufällen nachdach- te, denen die Sterblichen unterworfen sind. „Ich bildete mir nimmermehr ein, fagte er bey sich felbst, etwas beytragen zu können, daß der Va- ter dieses jungen Frauenzimmers wiederum durch mich zu seiner vorigen Würde gelangen sollte, als ich mich zum Bürgen für die Aufführung des Hu- hiao darstellte. Ich war also nicht nur das glückliche Werkzeug, einen tapfern Mann vom Tode zu erretten, sondern ich gab auch Gelegen- heit, einen Mandarin von so großen Verdiensten wiederum zurückzurufen. Ich mögte ihn gerne um seine Tochter ersuchen, wenn ich sie nicht bey dem Gerichte des Tschi-hien zuerst gesehen, und in ihrem Hause gewohnet hätte. Es ist daher leider! unsere Heurath unschicklich, weil sowohl fie als ich der allgemeinen Låsterung, und dem Verdachte einer unerlaubten Bekanntschaft aus, gefeßt wäre." Er überlegte bey sich, wie er diese Schwierigkeit überwinden mögte. Je mehr er nachdachte, desto schwerer schien es ihm, die Heu- rath vollziehen zu können, wenn auch ihr Vater feine Einwilligung geben würde. Als er noch in diesen Gedanken vertiefet war, fab er eine alte Mannsperson in fein Zimmer treten, so die Klei- dung eines Gelehrten vom ersten Range trug. „Hiong, oder Bruder, schrie derselbe, warum Bb 2 þålt Hash Kidh Tschwen. hält es so schwer, Sie zu sehen?" b) " " Fürwahr, mein Herr, fagte der junge Mensch, Sie kennen mich nicht, wenn Sie dieses sagen. Er erzeigte ihm hierauf die gewöhnlichen Ehrenbezeigungen. Als diese vorben waren, faßte ihn der Mandariu bey der Hand, sabe ihn starr an, und sagte: Als ich von Ihnen sprechen hörte, so hågte ich schon für Sie große Hochachtung; vielleicht mög- te diese übel gegründet gewesen seyn: aber anjekt muß ich bekennen, daß Ihre Person meine Hochs achtung noch vermehret. Ich wollte gestern ei- nen Besuch bey Ihnen abstatten, ich traf aber nur Ihren Vater an, der mir sagte, daß Sie die Ein- famkeit liebten dieses ist die Ursache, daß ich ganz geheim Sie allhier besuchen wollte." Tieh- tschong-u gerieth bey diesen Worten in Verwuns derung. b) Wie groß in China die Achtung für einen eingezogenen Studierenden ist, zeiget folgende moralische Erzählung beyin du Halde. Li-pi, so unter der Dynaffic Han lebte, ward einer der Han-lin, oder vornehmsten Ge- lehrten des Hofes. In seinen jüngern Jahren zweifelte er, jemals einen gelehrten Rang erhalten zu können. Als er einst spazieren gieng, und seinem Schicksale nach- dachte, erblickte er ein altes Weib, so einen eisernen Stempfel an einen Schleifstein auf und ab rieb. „War. „um thut ihr dieses ?" fragte Li-pi. „Ich will ihn so lange reiben, gab sie ihm zur Antwort, bis dieser Stem- „pfel so fein und spigig wird, daß ich ihn zum Sticken gebrauchen kann. Der junge Mensch machte die An- wendung auf sich, und studierte so fleißig, daß er die höchsten Ehrenstellen erhielt. derung. „! sagte er, Sie scheinen der Man- darin c) Schuey-ku-yeh zu seyn. Er über- reichte ihm sodann ein Complimentenbillet, und ent- schuldigte sich, daß er ihm nicht die schuldige Ehr- erbietung geleistet habe, weil er ihn nicht kannte. „Ich kam hieher, antwortete der Mandarin, Ih- nen meinen Dank abzustatten, weil Sie die Ursas che meiner Zurückberuffung nach Hofe find: zu gleich wollte ich eine junge Person von fo ungemei= nen Gaben kennen lernen." Er entschuldigte sich nochmals, daß er dem Mandarin nicht eher aufge- wartet habe, und befahl, daß man fogleich An- stalten zu einer Gastung machen sollte. Schuey- kuzych ließ sichs gerne gefällen, da zu bleiben, weil er dadurch Gelegenheit zu angenehmen Unter- redungen mit Tieh - tschongzu erhielt. Ihre Gespräche betrafen die Geschichte, das Alterthum, die Dichtkunst, die Gefeße, und andere Gegen- stånde der Gelehrten. Nach allem diesen fagte der alte Mandarin, daß er noch ein Wort mit ihm sprechen wollte, so ihm nicht unangenehm seyn würde. „Ich bin der Schüler d) und Sohn Eurer Bb 3 ፡
- Im. Chinesischen heißt es Schuey ku yeh Lao-sien-
seng. Diese drey Worte, bedeuten einen Aeltern in der Gelehrsamkeit: fenex antea natus. Die Mandarinen überhaupt werden Lao fung tab, fenes pretiof magnates, genennet. Fourmont Grammat. finica, P. 264. Heberf. d). Die chinesische Sprache übertrifft alle andere an Com plimenten. Z. B. anstatt daß wir fragen: Wie viel haben Haoh Kish Tschwen. Eurer Excellent, erwiederte Tieh-tschong-u; dieselben dürfen nur befehlen." „Ich habe keinen Sohn, sprach der Mandarin, sondern eine einzige Tochter, welche nunmehr Ihr achtzehentes Jahr erreichet hat. Wenn ich nicht parteyisch gegen ste bin, so kann ich sagen, daß ich niemals eine jun- ge Weibsperson von so schönem Gesichte, von so feiner Leibesgestalt, und von solcher Belesenheit gefehen habe. Ich glaube, daß niemand im Stan- de ist, ihr Gesellsch 'ft zu leisten, als Sie. Da ich große Achtung für Sie trage, fo melde ich die- fes deswegen, damit Sie untersuchen können, ob ich die Wahrheit sage, oder nicht: finden Sie, daß dem also ist, so sollen Sie meine Tochter zu Ihrer Frau haben." Tieh-tfchong-u gerieth über diesen unerwarteten Antrag in die größte Ver- wunderung. Er ward so verwirret, daß er keine Antwort geben konnte, fondern eine Zeitlang stumm blieb, und tief feufzete. Schuey-ku-yeh be merkte dieses, und fragte ihn, ob er etwan schon versprochen wäre? Tieh-tschong-u verneine, te dieses. So glauben Sie mir vielleicht nicht;" fagte der Mandarin. „Mein Herr, sprach der junge Mensch, es ist unmöglich, daß ihr eine Manns- oder Weibsperson am Verstande gleich kommt; allein ein ganzes Königreich muß davon unterrichtet werden. Sie haben die Wahrheit ge- رو fpro- haben Sie Söhne? sagt der Chineser - Bi- goei-ling- lahng? Wie viel Personen machen Dero hochgeehrten Söhne aus. Fourmont 1. c. p. 255. Ueberf. sprochen, and Ihr Anerbieten würde jedermann angenehm seyn : aber in meinen jeßigen Umstån- den wäre ich zu tadeln, wenn ich es annähme." Der Mandarin hörte ihn so dunkel sprechen, und sagte: „Sie sind eine Person, so ein großmüthi, ges Herz bat; erklåren Sie mir die Meinung die- fer Worte." Mein Herr, sagte er, wann Sie nach Hause kommen, so werden Sie von allem Erklärung erhalten." Der Mandarin muthmaf- fete, daß dieses eine Neuigkeit betråfe, so ihm wegen seiner langen Abwesenheit vom Hause uns, bekannt sey. Er sprach daher von andern Sachen, und nahm sehr vergnügt Abschied. "" Als er sich entfernet hatte, überlegte er, was für eine gute Partie Tieh-tschong-u für seine Tochter wäre. Er glaubte, in seinen Worten eine heimliche Neigung für sie bemerket zu haben; nur konnte er nicht begreifen, was die Ursache seiner Entschuldigung seyn mögte. „Sollte sie, sprach er bey sich selbst, einen Fehltritt in ihrer Auffüh. rung haben zu Schulden kommen lassen? Allein dieses ist unmöglich : ich weis, daß sie von einer standhaften Tugend ist. Vielleicht hat ihr dieser Ku-keh-ssu aus Rache, daß ich ihm meine Toch- ter abgeschlagen, einen schlimmen Streich gespie- let, oder übel von ihr gesprochen, welches viel- leicht Tieh- tschong-u zu Ohren gekommen ist: jedoch alle diese Einwürfe werden verschwinden, wenn sein Vater diese Heurath genehm hålt.“…Er. faßte daher den Entschluß, von dieser Sache mit dies fem leßtern zu sprechen, weil er darauf beharrete, daß Bb 4 nies • niemand als Tieh-tschong-u seiner Tochter wür- big wäre. Zehntes Kapitel. (chuey - ku- yeh wurde von seinem Freunde benachrichtiget, daß seine Vorschläge dem Vater des Tieh- tschong-u angenehm wåren; er gab daher diesem Mandarin ein prächtiges Gastmahl. Tieh-u-scheh erzählte alles seiner Gemahlinn, als er nach Hause kam. Schehz fu-jin, oder Mylady Scheh, stimmte mit ihm überein, daß ihr Sohn nunmehr in einem Alter sen, da er beurathen sollte, und daß Schuey- ping sin eine Person wäre, die man sehr hoch schåßen müsse. Denn es war ihr nicht unbekannt, wie geschickt sie sich den Anfällen des Ku-keh-ssu entzogen hatte, und daß sie ein wißiges und an- genehmes Frauenzimmer sen. Sie hielt dafür, daß es ein Glück für ihren Sohn seyn würde, sie zur Gemahlinn zu erhalten. Und doch, sprach fie zu ihrem Gemahl, werden Sie feine Einwilli gung nicht erhalten: denn er wird so viele Aus, flüchte machen, als er nur erdenken kann. Da Schuey-ping-sin in einem untadelhaften Rufe stehet, und ihre Vollkommenheiten so glänzend find, so ist es am besten, die Heurath richtig zu machen, und ihm sodann Nachricht davon zu ge ben." Der Mandarin Tieh ließ sich dieses ge= fallen. Er erwählte einen glücklichen Tag, und fendete dem Vater des jungen Frauenzimmers das gewöhn. "" « " "" Sie gewöhnliche Geschenk, so vor der Verheurathung vorhergehet. Sie ließen auch beyde ihrem Sohne Nachricht von der Verbindung geben, die sie zu feinem Besten geschloffen hatten. Er verwun derte sich über die maßen, und begab sich sogleich in die Stadt zu seinen Weltern. Heurathen, sprach er, ist eine She von großer Wichtigkeit, und sollte nicht zu schnell vor sich gehen. haben beyde der allgemeinen Sage Glauben beys gemessen: allein wer weis, ob diefelbe der Wahr- heit gemäß ist? Sein Vater fragte ihn, ob er etwan Schuey-ping-fin für garstig hielte ? ,,Nein! fagte er; ich halte sie für so schön, als das hellefte Waffer." „Vielleicht zweifelst du an ihrem Wiße und Verftande ?“ fragte ihn fein Ba- ter. „Ihr Verstand, verfeßte er, übertrift unser Geschlecht, und in allen ihren Handlungen ist eine folche Bescheidenheit und Regelmäßigkeit, daß es noch die Einbildung übertrift.“ So hat sie viel leicht, fuhr der Mandarin fort, etwas unrechtes zu Schulden kommen lassen?" „Nein, gab Tieh-tschong-u zur Antwort, sie hat niemals einen Fehler begangen. “ Der Mandarin und seine Gemahlinn mußten hierauf herzlich lachen, daß er einigen Anstand nahm, ein junges Frauen- zimmer mit so vielen Vollkommenheiten zu besigen. „Ich würde sie, sprach er, gerne heurathen, wenn ich mir auch dadurch Dero Ungnade zuzdge: denn fie ist niemals aus meinem Gedächtnisse entfernet. Allein ich habe, leider! eine solche Schwierigkeit zu überwinden, daß ich alle Gedanken wegen ihrer Bb5 " bey- beyseite seßen muß. “ Er gab ihnen hierauf von allem ausführliche Nachricht. Er gab ihnen das bey zu erkennen, daß die Befreyung ihres Vaters durch ihn den Verdacht eines unerlaubten Um- ganges mit ihr vermehren würde, und daß ihre Verbeurathung mit dem Verluste ihres guten Na- mens verknüpfet sey. Seit Bater suchte ihn des, wegen zu beruhigen. „Was sich zugetragen hat, sprach er, ~ das kann in ein Licht gefeßet werden. Deine Jugend hindert dich, so gut zu urtheilen, als ich.“ Seine Veltern stellten ihm vor, daß sie bey ihrem Alter sich beglücket sehen würden, wenn diese Heurath vor sich gienge.„Ihr müs- set euch, sprachen ste, nicht durch diese Zweifel abhalten lassen: kehret wieder zu euren Büchern zurück, und verbannet dergleichen Einwendungen aus euren Gedanken. Wir werden nach euch sen den, wenn es Zeit ist. Anicht ist es zu spåt, wenn ihr euch dieser Heurath widerseßen wollet, denn unser geschlossenes Bündniß kann nicht mehr umgestoffen werden." Tieh-tschong-u hielt für råthfam, feinen Aeltern hierinn nicht länger zu widersprechen, nahm von ihnen Abschied, und gieng wiederum an sein Studiren. Schuey-ku-yeh war sehr vergnügt darů- ber, daß er die Heurath zwischen Tieh-tschong-u und seiner Tochter geschlossen hatte, und da er so lange vom Hause abwesend war, trug er großes Verlangen, sie zu sehen. Er bath daher den Kai- fer um Erlaubniß, sein Amt niederzulegen, und Fich sich wegen seines Alters zu entfernen. Der Kais fer, welcher ihm sein bisheriges Unglück verfüffen wollte, willigte nur darein, daß er sich auf ein Jahr vom Hofe entfernen durfte. Er ließ einen Befehl an alle Mandarinen, wo er durchreisete, ergehen, ihn mit allem Bendthigten zu versehen. Er machte sich alsobald reisefertig, und wurde von einem prächtigen Gefolge der vornehmsten Mandarinen aus Pe-king begleitet, unter wel» chen aber der Mandarin Ku schossu_nicht war, weil er sich schämte dabey zu erscheinen. So bald diese Nachricht von dem, was sich zugetragen hatte, nach Tfi-nan-fu tam, fo ließen alle Mandarinen in dieser Stadt, und in den umliegenden Gegenden, die gewöhnlichen Complimentenzettel an ihre Thüren befestigen, und alle Standespersonen machten der Tochter des Mandarin Schuey-ku-yeh deswegen ihre Aufwartung. Sie verrichteten dreymal diese Ehrenbezeigung. Das erstemal wünschten sie ihr Glück, daß ihr Vater wiederum zurück beru- fen worden; sodann wegen der Erhöhung seiner Würde; und endlich wegen der Erlaubniß, sich vom Hofe entfernen zu dürfen, Schuey-ping- fin gab anfänglich diesen Neuigkeiten keinen Glauben: denn sie war schon so oft von Ku- keh-ssu hintergangen worden, daß sie Bedenken trug, sich sehen zu lassen. Als ste aber die Mandarinen oder Magistratspersonen der Stadt erblickte, so glaubte sie diefe angenehme Neuig- " feiten; Hash Kidh Tschwen. mar. „Ich kann dieses nicht "" keiten; nur konnte sie nicht begreifen, wie es zu gieng, daß ihr Vater auf einmal so glücklich Schuey gowin kam auch zu ihr. „Wisset ihr, sprach er, wie euer Vater so schnell wiederum nach Hause zurück kehret, und so hoch erhoben worden ist?" begreifen, versezte sie.“ So wiffet dann, fubr er fort, daß alles dieses durch die Bemühungen des Tieh - tschong-u geschehen fey.“ Sie gab hierauf mit Lachen zur Antwort, daß ihr dieses fabelhaft vorkáme. „Tieh-tschong-u, sprach fie, hat weder eine Stelle, noch Gewalt; er lieget blos feinem Studiren ob, und ist nicht im Stande, etwas solches zu bewerkstelligen." Ihr Dheim versehte: „Es kommt eigentlich vom Ku-keh-ssu her, der feinen Vater bath, mei- nen Bruder um seine Einwilligung, euch zu heu- rathen, zu ersuchen, und deswegen einen Bo- then an ihn sendete. Da er es abschlug, so er neuerte diefer Mandarin eine Anklage wider ihn, und auch wider den von ihm erwählten General Hu-hiao. Er beschuldigte sie beyde, daß sie wichtige Verfehen bey den Kriegsrüstungen håt- ten zu Schulden kommen lassen. Der Kaifer ließ dem General den Proceß machen und er sollte eben hingerichtet werden, als Tieh - tschong-u sich seiner annahm, und für ihn Gewähr leistete. Der General wurde wiederum in feine Stelle ein- gefeget, und erwarb sich in seinem glücklichen Feldzuge so viel Ehre, daß so wohl dieser junge Mensch, als auch sein Vater, Ruhm dadarch er-
- biel. te - A hielten." Schuey ping sin fragte ihren Oheim, von wem er diese Nachricht hätte, und fchien an der Wahrheit derselben zu zweifeln Wie kommt es, sprach Schuey-gowin, daß ihr meinen Worten keinen Glauben beymesset ? Warum sind die Zettel an den Thüren befesti get? Kamen nicht selbst die Mandarinen hie her, euch deswegen Glück zu wünschen? Sie lächelte hierüber, und sagte :^-1, Wenn ‹ dieses wahr ist, so ist Tieh-tschong-u strafbar, da er so unverschämt und kühn vor dem Gerichte San-fa-sseh erschienen. Warum klagen Sie ihn nicht als einen : Uufiviegler an ?“ ^ Jhe Oheim bath sie, nichts mehr davon zu erwåhs nen, und versicherte sie, daß er nunmehr seine Gesinnungen geändert habe. „Ich werde ge- wiß nicht mehr unter diese Bösewichter kom- men, sprach er, die mich so sehr hintergan- gen haben." Sobald er sich entfernet hatte, dachte Schuey - ping - sin dieser Begebenheit nach. Sie, kounté sich nicht genugsam verwundern, daß die Vorsehung. diesem Jünglinge so viele Gelegenheiten an die Hand gab, ihr beyzustehen, und daß alles dieses durch den bloßen Zufall verursachet wurde, da er ihr auf der Straße begegnete, als sie zu dem Tschi-hien gebracht werden sollte. Die Dienste, so er mir geleis stet, sprach sie bey sich selbst, sind groß, noch wichtiger aber diejenigen, so ihm mein Vater au zu danken hat. Seine Tugend und Großmuth fordern von mir die dankbarsten Gesinnungen: wie unglücklich bin ich, daß ich ihm nicht meine Liebe ewig widmen kann!" Schuey-ping-sin erwartete täglich die An- kunft ibres Baters. Endlich kam ein Bedienter, und meldete ihr, daß er nicht mehr weit von This nan entfernet fey. Alle Mandarinen kamen ihm aus der Stadt entgegen, ihm ihre Aufwartung zu machen. Um Mittage langte er in seinem Hause an. Schuey-ping-sin empfieng ihn im großen Saale, und es läßt sich die Freude und Zärtlich- keit nicht beschreiben, mit welcher dieser glückliche Bater seine Tochter umarmte. Haoh Haoh Kidh Tschwen, d. i. die angenehme Geschichte des Haoh Kidh. Aus dem Chinesischen.