Hao Qiu Zhuan/de-murr/Chapter 18
Kapitel 18: Wenn die makellose Jade bestätigt wird, findet die Sittenlehre ihr gutes Gegenstück
Aus: Haoh Kjoeh Tschwen, die angenehme Geschichte. Leipzig, 1766
Hinweis: OCR-Digitalisierung. Seitenzahlen als [S. N]. Vergleich mit chinesischem Original und moderner Ubersetzung empfohlen.
Neuntes Kapitel. 18 am folgenden Morgen alle Mandarinen nebst A18 dem jungen Paare im Palaste waren, seßte sich der Kaiser auf seinen Thron. Sobald sie neunmal vor ihm niedergefallen, befahl er, daß Tieh- tschong-u nåher kommen sollte. Er ge- horchte, und da der Kaiser einen so angenehmen und schönen Jüngling erblickte, sagte er: „Send ihr t t d ihr derjenige, der die Thüren des Tah - quay aufbrach, und den alten Han-yuen nebst féi- ner Frau und Tochter befrente? Seyd ihr der Beschüßer des Generals Hu-hiao? Tieha tschong-u bejahte beydes. „Diese zwo rühmli> chen Handlungen, seßte der Kaiser hinzu, verdie- nen großes Lob. Ihr müffet vielen Muth best- hen. Es ist sehr außerordentlich, daß ihr in eu- rer Krankheit fünf Tage und Nächte unter einem Dache bey Schuey-ping-sin wohntet, und eu- re Keuschheit unbefleckt erhieltet. Von den aller- åltesten Zeiten bis jego weiß man kein Beyspiel ei- nes so tugendhaften Bezeigens. Ist dem also?" Auch dieses bejahete Tieh-tschong-u. „Man kann zuweilen noch einen aufrichtigen und billigen Mann finden, sprach der Kaiser; aber es wird schwer seyn, eures gleichen anzutreffen. Ihr meldetet in eurem Memoriale, daß eure Heurath zweymal vor sich gieng: Wie kam dieses ?“ ,,Als man mich in meiner Krankheit in das Haus des jungen Frauenzimmers brachte, aut- wortete Tieh-tschong-u, wurden viele nach- theilige Reden über uns geführet. Und dieses ist die Ursache unserer gedoppelten Verheurathung. Denn als unfere Aeltern diefelbe geschlossen hat- ten, so würde unsere Tugend doch noch immer zweifelhaft geblieben seyn, wenn wir sogleich eins ander beygewohnet hätten. Eben deswegen wohn- ten wir bisher in abgesonderten Zimmern. Da Eure Majestät unsee Tugend in Zweifel gezogen haben, so waren wir wie die Sonne unter den Wolken Wolken verborgen: nun aber, da wir in Eurer Majestät Gegenwart find, so flehen wir, daß die Wahrheit an das Licht gebracht, und die Sonne aus der Dunkelheit befreyet werden möge." Der Kaiser hörte ihm sehr aufmerksam zu. „Eurem Vorgeben nach, sagte er, ist also Schuey-ping- fin noch eine Jungfrau." Er ließ sie gleichfalls vor sich kommen. Sie schien ihm so schön, als ein Engel, zu seyn. Der vorige Tschi-hien eurer Stadt, sprach er zu ihr, berichtete mich, daß ihr euch mit großer Klugheit dreymal aus den Hånden Ku-keh-ssu befreyet habet. Ist die- fem also?" Schuey-ping-sin antwortete dem Kaiser: „Ich bin ein armes schwaches Mädchen. Ku-keh-fsu wußte, daß mein Vater in die Tar- tarey verwiesen war; er suchte mich daher mit Gewalt zu beurathen. Weil ich mich zu schwach fah,' seiner Macht zu widerstehen, so wurde ich gezwungen, mich mit Lift aus seinen Hånden zu befreyen. Der Kaiser lachte. „Da ihr euch für Ku-keh-ssu furchtet, sagte er, wie kam es denn, daß ihr es wagtet, einen jungen Fremden in euer Haus aufzunehmen, und daselbst zu ver- pflegen? Mußtet ihr nicht fürchten, daß die Leu- te übel von euch sprechen würden?" Als ich mich verbunden zu seyn glaubte, antwortete sie, so große Wohlthaten zu erwiedern, so achtete ich keine übeln Nachreden. Der Kaiser konnte sich des Lachens nicht enthalten. „Warum beher- berget ihr denn Tich-tschong-u, fragte er sie, ohne euch um die Vorwürfe und Tadel der Welt zu tet die ne Da ne den En. if ich " zu bekümmern; da ihr euch doch anjeßt in beson- dern Zimmern aufhaltet, ob ihr schon nach dem Willen eurer Aeltern verheurathet send?" Sie antwortete: „Weil ich wußte, daß der Tadel der Leute sogleich aufhören werde, wenn wir ein- ander nicht mehr sehen würden, so machte ich mir nichts daraus. Allein da durch eine ordentliche" Heurath eine wichtigere Verbindung zwischen uns statt haben sollte, saben wir uns in Gefahr, durch unsere ganze Lebenszeit einen bösen Namen zu ha ben. Eure Majestät ließen mich hieher rufen,' und ich erscheine mit großer Schüchternheit und mit Zittern vor Dero Thron." Der Kaiser wur- de von der klugen Bescheidenheit, und von dem schüchtern Wesen, mit dem sie ihre Sache verthei digte, so eingenommen, daß er zu ihr sagte: „Junges Frauenzimmer, wenn ihr euch beständig so rein und unschuldig, wie vorher, erhalten habt, so glaube ich nicht, daß man von den ältesten Zei- ten an, bis hieher, ein solches Paar antreffen werde. Ihr insonderheit verdienet durch alle Thei- le der Welt d) als eine Heilige gerühmet zu wer- den. Vier Verschnittene sollen euch zu der Kai- ferinn e) bringen, und diese soll durch vier ihrer Damen d) Oben, S. 54. g) e) Da in China die Vielweiberen erlaubt ist, so hat der Kaiser gemeiniglich eine ziemliche Anzahl Weiber. Unter denselben heisset nur eine eigentlich die Kaiserinn, oder die auserwählte Gemahlinn, die allein Erlaubniß hat, mit ihm an der Tafel zu sigen. Unter den nächstfolgen den Damen untersuchen lassen, ob ihr noch eine wahre Jungfrau feyd, oder nicht." = Sogleich den werden neun zum zweyten, und dreykig zum dritten Range gerechnet, alle zusammen aber werden, Weiber, oder Gemahlinnen genennet. Auf diese folgen die soge- nannten Königinnen, die aber in der That mehr nichts als Beyschläferinnen sind, die in besonders unterschie- denen Zimmern wohnen, es sey denn, daß es dem Kai- fer einfiele, eine darunter auszusuchen, und sie in den innern Hof bringen zu lassen. Ueberhaupt genießen die- jenigen die größte Hochachtung, die ihm die meisten Kin- der gebähren, sonderlich aber die Mutter des ersten Sohnes; ob sie wohl alle dem Nange nach geringer sind, als die eigentliche Gemahlinn, und dieser, wenn sie an der Tafel sigt, aufwarten müssen. Als der Kaiser Rong tiching im Jahr 1725 eine tartarische Prinzessinu zur Kaiserinn erklärte, wurde es lange zuvor in der Reichszeitung bekannt gemacht. Der P. Contancin beschreibet die Feyerlichkeiten, mit welchen Vormittags die Mandarinen dem Kaiser, und Nachmittags die Das men der Kaiserinn ihre unterthänige Glückwünsche ab- statteten. Das Li-pu ordnete auch an, daß der zwey- ten Gemahlinn des Kaisers, so Quei - fei odeè die kdst- liche Gemahlinn genennet wird, auch eben diese Ehren- bezeigung erwiesen würde; allein der Kaiser schrieb mit dem rothen Pinsel (d. i. mit eigner Hand) unter die Vérordnung des Oberhofgerichtes Li-pu, daß dieses unterbleiben sollte. 4 Th. S. 191. 6 Th. S. 463, 596. Semedo, S. 113. Du Halde, 2 Th. S. 142, 146. Allgem. Welthist. der neuern Zeiten, Magalhaens, G. 290, 308. feq. Lettres édif. recueil 19, p. 273. feq. ric ind ea Sogleich kamen vier Verschnittene, und brach, ten sie zur Kaiserinn. Sie wurde zwoen ihrer (6 Damen übergeben, die sie nach dem Befehle des Kaisers untersuchen mußten. Sie sagten der Kaiserinn: „Wir haben Eurer Majestät Befeh- len nachgelebet, und erklären Schuey-ping-sin für eine unbefleckte Jungfrau. Die Kaisering ließ ihr Thee bringen, und dem Kaiser Nachricht ertheilen. Seine Majestät hörten dieses mit grof- fem Vergnügen. Sie sagten es den Mandarinen, und fügten noch hinzu: Ob gleich Schuey-ping- fin zweymal, auf ausdrücklichen Befehl ihres Vas ters, mit Tieh- tschong- u verbeurathet wurde, und dieser zuvor fünf Tage und Nächte in ihrem Hause war, so blieb sie doch rein und keusch. Die- ses ist unlåugbar erwiesen. Ich bin glücklich, ein so schäßbares Kleinod in meinem Reiche zu haben. Diese Begebenheit ist so merkwürdig, daß sie meis nen Mandarinen zu einer Lehre, und meinen Un- terthanen zu einem Beyspiele dienen soll. Håtte ich diese Sache nicht selbst untersuchet, so würden so seltene Verdienste in Schande vergraben worden, und wie ein Edelgestein, in Koth gefallen seyn. g)' Alle Mandarinen gaben Seiner Majeståt vollkom- menen Beyfall. (c Der Kaifer ließ den Mandarin Ku-scho-ssu vor sich kommen. Ihr feyd ein Staatsminister, sprach er zu ihm, und einer der vordersten Reichs- räthe; warum gabet ihr eurem Sohne keinen Ver- weis ? g) Portug. Como huna pedra preziosa caida no efterco? weis? Er wollte die Tochter eines Mandarins dreymal entführen, und machte sich mehrerer Verbrechen schuldig, welche ihr ihn nicht nur forts feßen ließet, sondern ihn noch dazu in denselben hülfliche Hand leistetet. Dieses kann nicht verzie- hen werden." Ku- schossu fiel in größter Angst und Bestürzung auf die Knie. ,,Tieh- tschong-u und Schuey-ping-sin, sagte er, find noch junge Personen. Da fie beyde in eis nem Hause wohnten, so mußte ich das årgste von ihnen denken. Ich hoffe, daß mir Eure Maje- ståt Vergebung werden angedeihen lassen.“. So, dann wurde Wang-yo herbeygerufen. „Ihr feyd der Censor des Reichs, fieng der Kaiser an; warum untersuchtet ihr diese Sache nicht besser, ehe ihr sie an mich gelangen ließet? Es war eine große Ungerechtigkeit, dieselbe falsch und nachthei- lig vorzustellen, da die Ehre so vieler Personen darunter litte. Wäre ich mit eurem Berichte zu- frieden gewesen, und hätte ich nicht selbst Unter- suchungen anstellen lassen, so würde die Wahrheit unter Vorwurf und Schande vergraben liegen, Als der Mandarin diese gerechten und ftrengen Worte hörte, gerieth er in Schrecken und Ver- wirrung. Er warf sich vor dem Kaiser, nieder, und schrie: „Ich verdiene gestrafet zu werden, und unterwerfe mich dem Gutdünken Eurer Ma- jeståt." bracht. "6 Wey-phey wurde auch vor den Kaiser ges Weil ihr, da ihr erst vor kurzem eine gelehrte Würde erlanget habt, sprach Seine Majestät tel N an Ter en the Majeståt zu ihm, und noch nicht lange euer Amt bekleidet, so große Achtung für die Gerechtigkeit blicken ließet, daß ihr den Reizungen einer so reis chen Bestechung widerstanden: weil ihr auch das Werkzeug der Befreyung Schuey-ping- sin aus ihren Verdrießlichkeiten, und der Wiederherstel- lung ihres guten Namens seyd; so verdienet ihr für so viele Sorgfalt und Bemühungen höher be. fördert zu werden. Hierauf ließen Seine Majeståt folgendes End- urtheil abfaffen: Jch, der Kaiser, sende diesen meinen Befehl an alle meine Mandarinen durch das ganze Reich. Es hat sich ein so seltenes Beyspiel grof- ser Verdienste eräuget, daß sie verdienen, in allen meinen Provinzen bekannt, bewundert, und allen Personen beyderley Geschlechtes, als ein Muster der Tugend und Redlichkeit, vor Augen geleget zu werden. Schuey - ping - sin ist eine Jungfrau von großer Tugend und Standhaftigkeit. Durch jene widerstund sie dreymal den heftigsten Angriffen wider ihre Ehre und Keuschheit; und durch diese belohnete sie die Diemifertigs keit ihres Wohlthäters, ob sie schon in Ge- fahr war, an ihrem guten Namen dadurch Schaden zu leiden. Denn sie ließ eine Mannsperson, einen Fremden, in ihr Haus bringen, ihm in seiner Krankheit beysteyen zu zu können, da sie doch eine verlassene Wayse war. Diese Tugenden und glänzenden Vor- züge lagen verborgen, und wurden von der Welt verachtet, bis ich, der Kaiser, sie so rein und untadelhaft fand, daß sie in allen Theilen meines Reiches verdienen, gerüh- met zu werden. = Tieb tschong u ist ein vortrefflicher junger Mensch, der mit großer Tugend, Ge- rechtigkeit und Tapferkeit begabet ist. Er war so herzhaft, in den Palast eines der vor- nehmsten Minister zu gehen, und die Thüren aufzubrechen, damit er einen alten Mann, nebst dessen Frau und Tochter, in Freyheit sehen konnte. Er war auch der Beschüßer des Generals Hu-hiao, da er sich für def- fen rühmliche Aufführung als Bürge dar stellte. Er errettete Schuey-ping-sin, als man sie entführen wollte. Er wurde zwey- mal mit ihr verheurathet, und blieb doch nebst ihr rein und keusch, und zwar zu eben der Zeit, da man ihm wegen seiner Auffüh- rung Vorwürfe machte. Alles dieses war unbekannt, bis ich, der Kaiser, es selbst un- tersuchte, und die Wahrheit erfuhr. Er ist würdig, durch das ganze Königreich gepries fen zu werden, und höhere Ehrenstellen zu bekleiden. Er verdienet, Schuey-ping-sin zur Frau zu haben, und sie ist auch eines sol- chen Mannes würdig, da beyde so ausneh- mende Tugenden besigen. Ich, der Kaiser, bin ren B HW bin außerordentlich mit ihnen zufrieden, und billige alles, was sie gethan haben, aufs höchste. Ich erhebe demnach besagten Tieh- tschong u zu dem Range eines Ta - hio- sse h), oder Mandarins von geprüfter Få- higkeit, und ernenne ihn noch über dieses zu einem Ro- lao, oder Staatsminister. Schuey-ping-fin ertheile ich den Titel Fu- jin i). Ich selbst will die Mittelsperson zwischen ihnen seyn. Zu diesem Ende vereh re ich ihnen hundert Pfund Gold, und hune dert Stücke Silber und Seidenstoffe k). Ferner h) Der Ani-yuen, oder innere Hof, bestehet aus den drey erßten Ordnungen der Mandarinen, so des Kaisers geheimen Rath ausmachen. Die ersten heissen die eis gentlichen Ro - lao, oder Staatsråthe, die andern Tas hio-fee, oder gelehrte Mandarinen. Aus diesen werz den die Statthalter- der Provinzen, und die Präsidenten der vornehmsten Reichsgerichte erwählet. Die von der dritten Gattung heissen Tschong - tschu - ko, d. i. die Schule der Mandarinen, oder die Secretäre des Kaiz sers. Du Halde, 2 Th. S. 30. i) Oben, S. 23, und 87. m) Der englische Herausgeber überseht dieser Wort durch dutchefs. Su heißt eine verheurathete Frau, oder die es gewesen, und jin, eine Person. Man könnte es am besten durch Reichsdame übersehen. Im du halde werden verschiedene Ehrene benennungen der Frauenspersonen angeführet, z. B. Hiaofu, nei, u. f. f. 2. Th. S. 677. Ueberf. k) Im Portugiesischen heißt es: Cem panos de ouro, con peffarios de plata e de todas maneiras. Peffa HD rios Ferner soll ein jedes von ihnen aus meinen Kleiderkammern zehn Kleider, und zu einem jeden Kleide eine Müze bekommen 1). "Mei- ne Musik soll sie begleiten; alles, was sie zum Gepränge ihrer Vermählung haben müssen, soll ihnen aus meinem eigenen Pa- laste gereichet werden; die Braut foll mit kaiserlichem Prachte in das Haus ihres Bräu- tigams getragen werden, und alle Staats- rathe, Mandarinen, und Hofbediente sollen fie begleiten. Ich, der Kaiser, befehle die- ses, zum Beyspiele und zur Aufmunterung der Rechtschaffenen und Tugendhaften. Ich erhebe die Mandarinen Schuey-ku- yeh und Tich-ying drey Stufen höher m), als eine Belohnung der guten Erziehung ih- rer Kinder. Der Tschi-hien Wey, phey soll noch drey Jahre diesen Posten bekleiden; nach die- rios heissen allerhand Arten von seidenen Zeugen. Der englische Ueberseßer wußte dieses nicht, und ließ allhier einen Raum leer. Die Chineser haben sehr viele Sei- Den- und Wollenmanufacturen. Du Halde, 2 Th. S. 241. feq, Allgem. Welthist. der neuern Zeiten, 6 Th. S. 529 und 531. Ueberf. 1) Der P. Pareunin nennet diese kaiserliche Mügen bon- nets de Zibeline. Lettres édifiantes, Rec. 19, p. 212, Ueberf. m) Die Mandarinen werden gemeiniglich entweder etliche Stufen erniedriget, oder erhöhet, und dieses müssen fie beym Anfange ihrer Befehle, die sie öffentlich anschla= gen t en DiB g dieser Zeit aber soll er, wegen seiner großen Redlichkeit, höher befördert werden. Der Pao Tschi-bien, welcher einen so billigen und wahrhaften Bericht von dieser Sache abstattete, foll hiermit eine Stufe höher befördert seyn. Der Mandarin Ku-scho-ssu, der seis nem Sohne eine so schlimme Erziehung gab, und die Ehre so würdiger Personen antastete, håtte den Tod verdienet.. Weil er mir aber schon lange Zeit gedienet hat, so soll er vor das oberste Criminalgericht n) gebracht, da- HH.2 Felbst gen lassen, allemal melden, damit das Volk Nachricht davon habe. Wenn jemand um zehn Grade gestiegen ist, so kann er einer der allervordesten Staatsminister / werden; wenn er aber um zehu Grade erniedriget wors den, so stehet er in Gefahr, seine Bedienung zu verlies ren. Es ist eine vortreffliche Staatsmarime in China, daß die höchsten Mandarinen der Strafe nicht entgehen können, und der Kaiser hält sie so hart, als seine ges ringsten Unterthanen. Als der P. le Compte in China war, hatten sich drey Ko-lao bestechen lassen. Der Kaiser erfuhr es, und entsegte sie sogleich aller ihrer Würden. „Ich weis nicht, schreibt er, wo die zween andern hinkamen, aber der dritte, so ein alter und „geschickter Mann war, wurde zu einem Soldaten gez „macht, der vor den Thoren des Palaßtes Wache halten „mußte. Ich sah ihn eines Tages in dieser Erniedri- „gung; allein man erwies ihm doch eben die Ehren- „bezeigung, als wenn er noch seine vorige Würden be- „kleidet hätte." Du Halde, 2 Th. S. 34, 35. feq. Le Compte, T. 2, p. 6. n) Sing-pu, Oben, S. 57. Anm. selbst seiner Würde entseget werden, und fun zig Streiche bekommen o). - Der Censor Wang yo, so mir eine fälschliche Anklage überreichte, soll um drey. Stufen erniedriget werden, und eine Geld- Strafe erlegen, die so viel ausmacht, als er in drey Jahren Besoldung hatte. Der junge Ru-keh-ssu, welcher drey- mal Schuey, ping-fin mit Gewalt entfüh ren wollte, und Tieh-tschong -u Gift bey- bringen ließ, hat sich eines erschrecklichen Verbrechens schuldig gemacht; ob schon die se Uebelthat nicht vollbracht wurde. Er soll daher dem Tschi-fu seiner Stadt übergeben, mit hundert Stockschlägen abgestrafet, und nachher zwanzig Meilen von seinem Geburts- orte auf Lebenszeit verbannet werden. Ich p), der Kaiser, spreche über einem jeden dieses Urtheil, wie es seine Thaten verdienen. Alle, so rechtschaffen handeln, sollen belohnet, und alle Bösen sollen bestra- fet werden. Dieses Endurtheil soll man durch das ganze Reich bekannt machen. Zehn- o) Mit dem Pan-tsee. Oben, S. 261, h). Hundert solche Streiche sind öfters tödtlich. Du Halde, 2 Th. S. 157, 158. P) Im Chinesischen Tschin. Dieses Wort gebrauchet nur der Kaiser allein, wenn er von sich redet. Yo el Rey. Fourmont, S. 63. Man sehe den Versuch einer chi- nesischen Grammatik im Anhange. Uebers. te Zehntes Kapitel. Die Kaiferinn erwieß Schuey - ping - sin gro- Be Gnadenbezeugungen, und ließ sie mit rei- chen Geschenken von sich. Vier Verschnittene mußten sie zu dem Kaiser begleiten. Seine Maje- ståt sprachen auf das gnådigste zu ihr: „Die Ge- schichte hat kein Beyspiel aufzuweisen, daß je- mals ein so junges Frauenzimmer so standhaft, so rein, und so vollkommen gewesen sey. Ich habe euch nun eure Ehre wieder zuwege gebracht, um welche man euch bringen wollte, und eure Tugend ist durch mein ganzes Reich bekannt gemacht wor den. Nunmehr könnet ihr einander mit Ehre und Ruhm heurathen; ich wünsche euch beyden Glück und langes Leben, damit ihr zahlreiche Nachkom- menschaft erhaltet, welche alle so tugendhaft, als ihr, und so beglückt, als ich es wünsche, seyn mögen. “ Tieh-tschong-u, Schuey - ping-sin, und alle Mandarinen sagten dem Monarchen Dank, und entferneten sich. Das neuvermählte Paar begab sich in ihr Haus, in prächtigster Begleitung der vornehmsten Mandarinen. Alle Straßen, wo fie hindurchzogen, erschalleten mit Zurufen und Freudenbezeigungen des Volks. Schuey ping fin gelangete also endlich, nach so vielen Hindernissen, zum größten Ruhme. Dieses gab zu folgenden Versen Gelegenheit : Rosen, wenn sie nicht offen sind, geben keinen Geruchs Diamanten, wenn sie nicht geschliffen werden, geben keinen Glanz; HH 3 In In großer Rålte wachsen manche Früchte, so ei nen Geruch von sich geben a). Als das junge Paar in diesem prächtigen Auf- zuge nach Hause kam, wurde eine große Tafel mitten in den Saal gesetzt, und alles auf das herrlichste erter chtet. Sodann neigten die Brauts- Leute ihre Köpfe zur Erden, und machten die ges wöhnlichen Verbeugungen, ihre Danksagung ge= gen den Kaiser und die Kaiserinn zu bezeigen. Eben dieses beobachteten sie auch gegen ihre Ael, tern, und die Anwesenden, so sie hieher begleite ten. Alle wurden hierauf mit großem Prachte bewirthet. Nach der Tafel beobachtete Tieh tschong-u nebst seiner liebenswürdigen Braut die gewöhnli- chen Gebräuche. Die Mandarinen nahmen fo- dann Abschied, und hinterbrachten dem Kaiser, daß die Heurathsceremonien vollzogen, und vom neuvermählten Paare Seiner Majeståt der unter- thänigste Dank abgestattet worden fen. Ku-scho-ssu stund feine eigene Strafe stand- haft aus. Als er aber auch seinen Sohn bestra- fen fah, gerieth er in unaussprechliche Betrübniß, so wie auch der Cenfor Wang yo. Auf a) Es scheinet, der portugiesische Ueberseher habe hier den Nachsah ausgelassen, z. E. Also verursacher das Uns glück, daß man durch die Tugend hervorstrale. Seine Worte lauten also: As rofas naon eftaon apertas, naon daon cheros ; As pedras preciozas naon faon molidas, naon tem lux; Tempo de grande frio fas nacer fulas (fpecie de fula) mui huna que tem cheroza. Auf solche Weise erhielte ein jeder seine Be- strafung, worüber Tieh-tschong-u diese Verse verfertigte: Der Bösewicht fündiger, ohne zu bedenken, wie es am Ende ablaufen mögre? Allein wann die Zeit kommt, so wird keiner entrinnen, sondern alle werden nach ihren Thaten gerichtet. Bessere dich, durch dieses Beyspiel, das du Febst: Entschließe dich, o Mensch, Gutes zu thun, so wird dich Ruhm und Ehre begleiten b). Dieses Paar lebte viele Jahre fehr glücklich, und liebten einander auf das zärtlichste. Tich- tfchong-u überhäufte seine schöne Gemahlinn mit Lobeserhebungen, wegen ihrer Tugend und großen Vorzüge. Er dankte ihr für ihre vorigen Wohlthaten, weil er diefen die hohe Würde zus ´schrieb, zu welcher er sich nunmehr erhoben fah. Schuey-ping-sin war eben so verschwenderisch in dem Lobe ihres Gemahls. Sie dankte ihm tausendmal für die vielen Gefälligkeiten, die er ihr erwiesen, und sie versicherte ihn, daß sie alles zeit seine Schuldnerinn bleibe; daß sie unwürdig sey, seine Gemahlinn zu heiffen, und daß sie ihm mit Demuth und Gehorfam, als ihrem Eheherrn, so lange sie leben würde, auf das zärtlichste dienen wollte. Beyde machten folgende Verse auf einander: HH.4 O mao home mal fas, naon atenta o fim como va: Chegando o tempo naon efcapara, conforme obra b) fe achara.. Converte te do exemplo do que ve: Das Proponha, home, de bem fazer, a boa fama è glo. ria ha de ter. Das neuvermählte Paar kommt mit großem Prachte und Freudengeschrey nach Hause: Damit ihre rühmlichen Handlungen durch ihr Bey- spiel ausgebreitet würden, Welche bisher in ihrem Herzen unerkannt verborgen lagen. un kam dieser Zeitpunkt, da sie durch die ganze Welt c) ausgebreitet worden sind,d) Sie lebten beyde in größter Einigkeit und reinesten Tugend. Tieh-tschong-u diente dem Kaiser auf das getreueste, und erfüllte feine Pflichten, als Ko-lao, oder Staatsminister, so pünktlich, daß er von jedermann geliebet und bewundert ward. Tieh-tschong-u und Schuey ping - sin dienen zu einem verehrungswürdigen Beyspiel der .. Tugend und Redlichkeit. Ihr Ruhm müsse ewig ausgebreitet werden! Haoh Kidh Tschwen, oder die angenehme Geschichte des Haoh Kjöh, hat ein Ende. e) So heißet China. Oben, S. 54. g). Uebers. d) Os dous cazados vem a cafa par todo caminho com grando lux e cheiro: Por bom obra e exemplo que fe eftende Dentro de coraçaon que home naon intende ; Ja chegou o tempo, que por todo mundo se estende. Aus diesen Worten sollte man billig vermuthen, daß diese Geschichte sich wirklich zugetragen habe. Man hat den Schluß des chinesischen Verfassers genau bey- behalten, dessen Name dem englischen Herausgeber uns bekannt war. Uebers.