Lu Xun Complete Works/de/Yao
| Medizin | |
|---|---|
| Autor | Lu Xun (鲁迅) |
| Titel | Medizin |
| Originaltitel | 药 |
| Sammlung | Aufruf zu den Waffen (呐喊) |
| Erstveröffentlichung | 1919 |
| Übersetzung | Claude / Martin Woesler |
I
In der zweiten Hälfte einer Herbstnacht war der Mond untergegangen, die Sonne noch nicht aufgegangen; nur ein Streifen dunkelblauer Himmel war übrig geblieben. Außer den Nachttieren schlief alles. Der alte Shuan von der Familie Hua setzte sich plötzlich auf, zündete ein Streichholz an, entzündete die fettbeschmierte Lampe, und die beiden Räume des Teehauses füllten sich mit fahlem Licht.
„Vater von Xiao Shuan, du gehst jetzt?" fragte eine alte Frauenstimme. Aus dem kleinen Hinterzimmer kam ein Hustenanfall.
„Hm." Der alte Shuan lauschte, antwortete und knöpfte sein Hemd zu. Er streckte die Hand aus: „Gib es mir."
Frau Hua kramte eine Weile unter dem Kopfkissen und zog ein Päckchen Silbermünzen hervor, das sie dem alten Shuan gab. Er nahm es, steckte es zitternd in die Tasche und drückte von außen noch zweimal darauf. Dann zündete er die Laterne an, blies die Lampe aus und ging in das Hinterzimmer. Dort raschelte und wisperte es, dann folgte ein Hustenanfall. Der alte Shuan wartete, bis es ruhig wurde, und rief leise: „Xiao Shuan… steh nicht auf. Der Laden? Den richtet deine Mutter her."
Als der alte Shuan hörte, dass sein Sohn nichts mehr sagte, nahm er an, er schlafe beruhigt ein. Er trat aus der Tür auf die Straße. Die Straße lag schwarz und leer da, nur ein grauweißer Weg war deutlich erkennbar. Das Laternenlicht beleuchtete seine beiden Füße, die sich einer vor den andern setzten. Manchmal begegnete er ein paar Hunden, doch keiner bellte. Die Luft war viel kälter als drinnen; der alte Shuan aber fühlte sich erfrischt, als wäre er plötzlich wieder jung geworden, mit übernatürlichen Kräften begabt und der Fähigkeit, einem Menschen das Leben zu schenken. Seine Schritte waren ungewöhnlich weit und kraftvoll, und der Weg wurde immer deutlicher, der Himmel immer heller.
Ganz auf seinen Weg konzentriert, erschrak der alte Shuan plötzlich: In der Ferne sah er eine T-förmige Kreuzung, die sich unvermeidlich vor ihm erstreckte. Er trat ein paar Schritte zurück, fand einen Laden mit geschlossener Tür, schlüpfte unter das Vordach und lehnte sich an die Tür. Geraume Zeit verging; er begann am Leib zu frieren.
„Hm, der Alte."
„Der scheint sich ja zu freuen…"
Der alte Shuan erschrak abermals. Als er die Augen aufschlug, waren einige Leute an ihm vorübergegangen. Einer drehte sich noch um und blickte ihn an; seine Züge waren nicht recht erkennbar, aber sein Blick glich dem eines ausgehungerten Menschen beim Anblick von Nahrung — ein Aufblitzen von Gier in den Augen. Der alte Shuan sah auf seine Laterne: Sie war erloschen. Er tastete nach der Tasche: Das Harte war noch da. Dann blickte er nach beiden Seiten: Er sah allerlei seltsame Gestalten, zu zweit und zu dritt, die wie Geister umherwanderten; sah er genauer hin, konnte er aber nichts weiter Ungewöhnliches erkennen.
Bald darauf erschienen einige Soldaten; die großen weißen Kreise vorn und hinten auf ihren Uniformen waren auch aus der Ferne sichtbar, und die Vorübergehenden ließen die dunkelroten Paspeln an ihren Waffenröcken erkennen. — Ein Trampeln von Schritten, und im Handumdrehen drängte ein dichter Menschenhaufen vorbei. Die verstreuten Grüppchen ballten sich plötzlich zusammen und hasteten wie eine Welle vorwärts; am Eingang der T-Kreuzung blieben sie jäh stehen und formten einen Halbkreis.
Auch der alte Shuan schaute hinüber, sah aber nur eine Menge Rücken; die Hälse waren alle lang gereckt, als wären es viele Enten, von einer unsichtbaren Hand an den Kehlen gepackt und in die Höhe gehoben. Eine Weile Stille, dann schien ein Geräusch ertönt zu sein, die Menge geriet wieder in Bewegung, wich mit einem Raunen zurück und zerstreute sich bis dorthin, wo der alte Shuan stand — ihn beinahe umwerfend.
„He! Geld in die eine Hand, Ware in die andere!" Ein ganz in Schwarz gekleideter Mann stand vor dem alten Shuan, sein Blick schneidend wie zwei Messer, so dass der alte Shuan auf die Hälfte zusammenschrumpfte. Der Mann streckte ihm eine große Hand entgegen; in der anderen hielt er ein knallrotes Brötchen, von dem das Rot noch tropfenweise herunterlief.
Der alte Shuan griff hastig nach den Silbermünzen und wollte sie ihm zitternd reichen, wagte aber nicht, den Gegenstand entgegenzunehmen. Der Mann wurde ungeduldig und schrie: „Wovor hast du Angst! Warum nimmst du es nicht!" Der alte Shuan zögerte noch; da riss der Schwarze die Laterne an sich, zerrte die Papierhülle ab, wickelte das Brötchen ein, drückte es dem alten Shuan in die Hand, schnappte sich die Silbermünzen, befühlte sie kurz, drehte sich um und ging. Er brummte: „Alter Kauz…"
„Für wen ist die Medizin?" Dem alten Shuan schien es, als habe ihn jemand gefragt, doch er gab keine Antwort. Seine ganze Aufmerksamkeit galt nur dem Päckchen; er hielt es wie ein einziges Kind nach zehn Generationen ohne Erben — alles andere war ihm gleichgültig. Er wollte nun das neue Leben aus diesem Päckchen in sein Haus verpflanzen und vieles Glück ernten. Auch die Sonne ging auf; vor ihm lag eine breite Straße, die schnurgerade zu seinem Haus führte. Hinter ihm beleuchtete sie auf dem zerschlissenen Schild am Eingang der T-Kreuzung die vier verblassten goldenen Zeichen „Alter □ Pavillon □".
II
Als der alte Shuan nach Hause kam, war der Laden bereits sauber hergerichtet; Reihe um Reihe standen die Teetische da, blank und glänzend. Aber es war kein Gast da — nur der kleine Shuan saß an einem Tisch in der hinteren Reihe und aß. Dicke Schweißtropfen rollten ihm von der Stirn, die gefütterte Jacke klebte am Rücken, und die beiden Schulterblätter ragten hoch heraus und zeichneten ein erhabenes Schriftzeichen „Acht". Beim Anblick seines Sohnes konnte der alte Shuan nicht umhin, die eben noch gelöste Stirn wieder zu runzeln. Seine Frau kam eilig aus der Küche, mit weit aufgerissenen Augen und leicht zitternden Lippen.
„Hast du es bekommen?"
„Ja."
Beide gingen zusammen in die Küche und berieten sich eine Weile. Dann ging Frau Hua hinaus und kam kurz darauf mit einem alten Lotusblatt zurück, das sie auf den Tisch breitete. Der alte Shuan öffnete die Laternenhülle und wickelte das rote Brötchen in das Lotusblatt um. Der kleine Shuan hatte zu Ende gegessen; seine Mutter sagte hastig:
„Kleiner Shuan — bleib sitzen, komm nicht hierher."
Während sie das Herdfeuer richtete, schob der alte Shuan ein smaragdgrünes Päckchen und eine rotweißlich kaputte Laterne zusammen in den Ofen. Als eine Flamme in Rot und Schwarz aufflackerte, verbreitete sich im ganzen Laden ein seltsamer Duft.
„Mmm, wie das duftet! Was für Gebäck esst ihr denn?" Das war der bucklige Fünfte Junge, der jeden Tag im Teehaus zubrachte, stets als Erster kam und als Letzter ging. Er schlüpfte gerade an den Tisch in der Ecke zur Straße und setzte sich fragend hin — doch niemand antwortete. „Gebratener Reisbrei?" Noch immer keine Antwort. Der alte Shuan kam eilig heraus und schenkte ihm Tee ein.
„Kleiner Shuan, komm herein!" Frau Hua rief den kleinen Shuan ins Hinterzimmer, wo ein Hocker bereitstand. Er setzte sich. Seine Mutter brachte einen Teller mit etwas rundem, pechschwarzem Zeug und sagte leise:
„Iss das — und du wirst gesund."
Der kleine Shuan nahm das schwarze Ding, betrachtete es eine Weile — als hielte er sein eigenes Leben in Händen — und empfand etwas unsagbar Seltsames. Sehr vorsichtig brach er es auseinander; aus der verkohlten Kruste stieg ein weißer Dampf empor, und als er sich verzogen hatte, lagen da zwei Hälften eines weißen Weizenbrötchens. Wenig später war alles in seinem Magen verschwunden, ohne dass er sich an irgendeinen Geschmack erinnern konnte; vor ihm lag nur noch ein leerer Teller. Neben ihm stand auf der einen Seite sein Vater, auf der anderen seine Mutter; beider Blicke schienen in seinen Körper etwas hineinpressen und zugleich etwas herausholen zu wollen. Er konnte nicht anders — sein Herz begann zu klopfen, er presste die Hände auf die Brust, und wieder kam ein Hustenanfall.
„Schlaf ein wenig — dann wird's besser."
Der kleine Shuan tat, wie seine Mutter sagte, und schlief hustend ein. Frau Hua wartete, bis sein Atem ruhig geworden war, und deckte ihn behutsam mit der vielfach geflickten Steppdecke zu.
IV
Das Gelände vor dem Westtor, dicht an der Stadtmauer, war eine Gemeindebrache. In der Mitte schlängelte sich ein ausgetretener Pfad, von den Sohlen der Abkürzer geschaffen, der aber zur natürlichen Grenze geworden war. Links des Pfades lagen die Hingerichteten und im Gefängnis Gestorbenen begraben, rechts die Armengräber. Beide Seiten waren schon Schicht um Schicht belegt und glichen den aufgetürmten Brötchen bei einer Geburtstagsfeier in einem reichen Hause.
Das Qingming-Fest dieses Jahres war ungewöhnlich kalt; die Weiden hatten gerade erst halbreis-große Knospen getrieben. Kurz nach Tagesanbruch kniete Frau Hua schon vor einem frischen Grab auf der rechten Seite, hatte vier Schälchen Speisen und eine Schale Reis aufgestellt und eine Weile geweint. Nachdem sie Papiergeld verbrannt hatte, saß sie reglos auf der Erde, als wartete sie auf etwas — doch sie hätte nicht sagen können, worauf. Eine leichte Brise strich auf und bewegte ihr kurzes Haar, das deutlich weißer geworden war als im Vorjahr.
Auf dem kleinen Pfad kam eine weitere Frau: ebenfalls mit halbweißem Haar, in zerlumpten Kleidern; sie trug einen abgenutzten, rot lackierten Rundkorb, an dem eine Kette Papiergeld hing, und machte alle drei Schritte eine Pause. Als sie Frau Hua am Boden sitzen sah, zögerte sie; auf dem leichenblassen Gesicht zeigte sich etwas wie Scham. Doch schließlich nahm sie allen Mut zusammen, ging zu einem Grab auf der linken Seite und stellte den Korb ab.
Dieses Grab lag mit dem des kleinen Shuan in einer Reihe, nur durch den schmalen Pfad getrennt. Frau Hua beobachtete, wie die Frau vier Schälchen Speisen und eine Schale Reis aufstellte, stehend weinte und dann Papiergeld verbrannte. Insgeheim dachte sie: „In diesem Grab liegt wohl auch ein Sohn." Die alte Frau blickte sich um, plötzlich begannen ihre Hände und Füße zu zittern, sie taumelte einige Schritte zurück und starrte mit aufgerissenen Augen.
Frau Hua fürchtete, sie könnte vor Kummer den Verstand verlieren; unwillkürlich stand sie auf, trat über den Pfad und sagte leise zu ihr: „Liebe Frau, grämen Sie sich nicht — gehen wir lieber nach Hause."
Die Frau nickte, die Augen noch immer nach oben gerichtet, und stammelte leise: „Sieh dir das an — was ist das?"
Frau Hua folgte ihrem Finger und blickte auf das Grab vor ihr: Das Gras auf dem Hügel war noch nicht ganz zusammengewachsen, und nackte gelbe Erdflecken zeigten sich — ein hässlicher Anblick. Doch als sie genauer hinsah, erschrak auch sie: Deutlich erkennbar war ein Kranz aus roten und weißen Blumen rings um die spitze Kuppe des Grabhügels.
Ihre Augen waren beide seit Jahren weitsichtig, doch die roten und weißen Blüten konnten sie klar erkennen. Es waren nicht viele, in einem ordentlichen Kreis angeordnet, nicht besonders frisch, aber regelmäßig. Frau Hua schaute hastig auf das Grab ihres Sohnes und die anderen Gräber — dort blühten nur einige kälteunempfindliche, blassgrüne Blümchen, verstreut; da fühlte sie plötzlich ein Gefühl der Leere und des Mangels, das sie nicht ergründen wollte. Die alte Frau ging noch einige Schritte näher, schaute genau hin und murmelte vor sich hin: „Die haben keine Wurzeln, sind nicht von selbst gewachsen. — Wer kommt denn hierher? Kinder würden hier nicht spielen; — Verwandte kommen schon lange nicht mehr. — Was hat das zu bedeuten?" Sie überlegte hin und her, dann strömten ihr plötzlich wieder die Tränen über die Wangen, und sie rief laut:
„Yu'er, sie haben dir Unrecht getan, aber du kannst es nicht vergessen, es schmerzt dich zu sehr. Hast du heute eigens ein Zeichen gesetzt, damit ich es weiß?" Sie blickte sich um und sah nur eine Krähe auf einem kahlen Baum. Sie fuhr fort: „Ich verstehe. — Yu'er, die Ärmsten haben dich betrogen, aber sie werden eines Tages ihre Strafe bekommen — der Himmel weiß es. Schließ deine Augen und ruhe in Frieden. — Wenn du wirklich hier bist und meine Worte hörst — dann lass diese Krähe auf deinen Grabhügel fliegen, damit ich es sehe."
Der Wind hatte längst aufgehört; das dürre Gras stand kerzengerade, wie Kupferdraht. Ein zitternder Laut bebte in der Luft, wurde immer dünner, dünner, bis er verschwand — und ringsum herrschte Totenstille. Die beiden Frauen standen im dürren Gras und blickten zur Krähe hinauf. Die Krähe stand auf den schnurgeraden Ästen, den Kopf eingezogen, unbeweglich wie aus Eisen gegossen.
Viel Zeit verging; nach und nach kamen immer mehr Grabbesucher, einige Alte und Junge, die zwischen den Erdhügeln umhergingen.
Frau Hua fühlte sich, ohne zu wissen warum, als hätte sie eine schwere Last abgelegt, und dachte ans Aufbrechen. Sie sagte ermutigend: „Gehen wir nach Hause."
Die alte Frau seufzte, packte lustlos ihre Speisen ein, zögerte noch einen Moment und ging dann langsam davon. Vor sich hin murmelnd: „Was hat das nur zu bedeuten?…"
Sie waren noch keine zwanzig, dreißig Schritte gegangen, als hinter ihnen plötzlich ein lauter Schrei ertönte — „Krah!". Beide fuhren zusammen und drehten sich um: Die Krähe hatte die Flügel gespreizt, stieß sich ab und flog pfeilschnell in den fernen Himmel davon.
(April 1919.)