Lu Xun Complete Works/de/Feizao

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Seife

肥皂 (Soap)

von Lu Xun (鲁迅, 1881-1936)

Uebersetzt aus dem Chinesischen.


Abschnitt 1

[Die Nase -- Russland: Gogol]

[I]

Am fuenfundzwanzigsten Maerz ereignete sich in Petersburg ein ausserordentlich merkwuerdiges Vorkommnis. Der Barbier Iwan Jakowlewitsch, wohnhaft in der Himmelfahrtsstrasse (sein Familienname ist verloren gegangen, und selbst auf seinem Firmenschild war ausser einem mit Seife eingeschmierten Herrn und den Worten „Auch Aderlassen" nichts zu sehen) -- kurz und gut, der Barbier Iwan Jakowlewitsch, wohnhaft in der Himmelfahrtsstrasse, erwachte recht frueh und roch sogleich frisch gebackenes Brot. Als er sich im Bett ein wenig aufrichtete, sah er seine Frau, die wie eine vornehme Dame wirkte und besonders gern Kaffee trank, gerade das fertig gebackene Brot aus dem Ofen nehmen.

„Heute, Praskowja Ossipowna, moechte ich keinen Kaffee," sagte Iwan Jakowlewitsch, „lieber ein Stueck warmes Brot mit Zwiebeln." (In Wirklichkeit wollte Iwan Jakowlewitsch beides haben, Kaffee und Brot, doch er wusste, dass es ausgeschlossen war, beides gleichzeitig zu verlangen, denn Praskowja Ossipowna hasste solche Unmanier.) „Soll der Dummkopf ruhig nur Brot essen, mir ist es recht," dachte seine Frau, „dann bleibt fuer mich eine Portion Kaffee mehr." Und sie warf ein Brot auf den Tisch.

Iwan Jakowlewitsch zog ueber sein Unterhemd den Frack, setzte sich an den Tisch, streute Salz, bereitete zwei Zwiebeln vor, nahm das Messer und begann mit aeusserst wichtiger Miene das Brot zu schneiden. Als er es in zwei Haelften geteilt hatte und hineinschaute, erschrak er: etwas Weisses war darin zu sehen. Iwan Jakowlewitsch bohrte vorsichtig mit dem Messer hinein und tastete mit dem Finger: „Ganz hart!" sagte er. „Was ist das nur?"

Er steckte den Finger hinein und zog heraus -- eine Nase!...

Iwan Jakowlewitsch zog unwillkuerlich die Hand zurueck, rieb sich die Augen und tastete noch einmal: eine Nase, tatsaechlich eine Nase! Und diese Nase schien ihm sogar irgendwie bekannt vorzukommen. In Iwans Gesicht malte sich Entsetzen. Doch dieses Entsetzen war nichts im Vergleich zu der Wut, die seine Gattin zeigte.

„Wo hast du diese Nase abgeschnitten, du Taugenichts?" schrie sie zornig. „Du Lump, du Saeufer! Ich zeige dich bei der Polizei an! So ein Dummkopf! Ich habe schon von drei Kunden gehoert, dass du beim Rasieren immer so an der Nase ziehst, dass sie fast abgeht!"

Doch Iwan Jakowlewitsch war fast atemlos; denn er hatte bereits erkannt, dass dies niemand anderes Nase war als die des Kollegienassessors Kowaljow, der jeden Mittwoch und Sonntag zum Rasieren kam.

„Warte, Praskowja Ossipowna! Ich wickle sie in ein Tuch und lege sie in die Ecke; so bleibt sie eine Weile liegen, und spaeter werfe ich sie weg."

„Nein! Was, eine abgeschnittene Nase soll in meiner Wohnung liegen, das dulde ich nicht! ... So ein Taugenichts! Er kann nur den Riemen am Rasiermesser abziehen, aber was er tun sollte, das macht er nicht gleich. Du Faulpelz! Du Nichtsnutz! Glaubst du, ich werde fuer dich zur Polizei gehen? Bitte! Du Faulpelz, du Dummkopf! Schaff sie raus! Wohin du willst! Aber ich will sie nicht riechen muessen!"

Iwan Jakowlewitsch stand da wie zerschlagen. Er dachte und dachte -- aber wusste nicht, was er denken sollte. „Wie kann so etwas nur geschehen?" sagte er schliesslich, sich hinter den Ohren kratzend. „Ob ich gestern Abend betrunken nach Hause gekommen bin, weiss ich auch nicht mehr recht. Aber so wie es aussieht, kann das doch alles nicht wahr sein. Erstens: Brot wird gut durchgebacken, eine Nase dagegen ueberhaupt nicht. Das verstehe ich nicht!" Iwan Jakowlewitsch verstummte. Der Gedanke, die Polizei koenne die Nase bei ihm finden und ihn vor Gericht stellen, machte ihn halb wahnsinnig. Vor seinen Augen blitzte bereits der rote Kragen mit den Silberstickereien auf, und ein Schwert glaenzte -- er zitterte am ganzen Leib. Er holte Hose und Stiefel hervor, verkleidete sich moeglichst unscheinbar und ging, begleitet vom Gezeter seiner lieben Gattin, mit der in ein Tuch gewickelten Nase auf die Strasse.

Eigentlich wollte er sie unter den Eckstein eines Haustors stecken oder sie irgendwo auf der Strasse fallen lassen und dann in eine Seitengasse abbiegen. Doch das Pech wollte es, dass er im entscheidenden Moment stets einen Bekannten traf, der ihn fragte: „Wohin des Wegs, Iwan Jakowlewitsch?" oder „Zu wem so frueh zum Rasieren?" -- sodass er keine Gelegenheit fand. Einmal hatte er sie bereits sehr geschickt fallen lassen, doch ein Wachposten in der Ferne deutete mit seinem Stock auf ihn und rief: „Heb das auf! Du hast etwas verloren!" -- sodass Iwan Jakowlewitsch nichts anderes uebrig blieb, als die Nase wieder aufzuheben und in die Tasche zu stecken. Inzwischen oeffneten die Laeden, immer mehr Passanten kamen, und er verlor alle Hoffnung.

Er beschloss, zur Isaaksbruecke zu laufen. Vielleicht konnte er sie irgendwie in die Newa werfen? -- Doch dass wir bis jetzt nichts ueber unseren Iwan Jakowlewitsch berichtet haben, der manche achtbare Eigenschaft besitzt, ist ein Fehler des Autors.

Wie alle ordentlichen russischen Handwerker war Iwan Jakowlewitsch ein fuerchterlicher Saeufer; obwohl er taeglich andere Gesichter rasierte, blieb seines stets unrasiert. Sein Frack (er trug niemals einen Gehrock) war voller Flecken: urspruenglich schwarz, war er ueberall graeulich-gelb geworden; der steife Kragen glaenzte, und von den Knoepfen fehlten drei, nur die Fadenstummel waren noch da. Dennoch war Iwan Jakowlewitsch ein grosser Spoetter. Wenn zum Beispiel der Kollegienassessor Kowaljow beim Rasieren wie ueblich sagte: „Deine Haende, Iwan Jakowlewitsch, riechen immer so faulig!" -- dann antwortete Iwan Jakowlewitsch: „Warum sollten sie denn faulig riechen?" -- „Das weiss ich nicht, Freund, aber sie stinken gewaltig," erwiderte der Kollegienassessor. Iwan Jakowlewitsch nahm eine Prise Schnupftabak und bestrich dann Wangen, Oberlippe, hinter den Ohren, unter dem Kinn -- kurz und gut, wo es gerade traf -- alles mit Seife, als seine Antwort.

Abschnitt 11

Beschreibung seiner selbst von Gide. Japan: Ishikawa Takeshi

Im dritten Band der franzoesischen Ausgabe der „Gesammelten Werke von Gide" findet sich ein kurzer Aufsatz mit dem Titel „Portraet des Verfassers." Das Datum ist unbekannt; vielleicht stammt er aus der Zeit um 1901. Da er noch ein wenig interessant ist, sei er hier vollstaendig wiedergegeben.

Der hier erwaehnte Vallotton ist ein beruehmter franzoesischer Graphiker. Ueber ihn hat, soweit ich mich erinnere, auch Kuriyagawa Hakuson geschrieben. Im „Buch der Masken", einer Essaysammlung des Dichters Gourmont ueber Schriftsteller, hat er Portraets vieler franzoesischer Autoren geschaffen.

Nach den Worten von Martin Chauffier, dem Herausgeber der „Gesammelten Werke", scheint dieses Portraet in der Serie „Beschreibung seiner selbst" erschienen zu sein, die als Fortsetzungswerk in der Zeitung „Le Cri de Paris" veroeffentlicht wurde, zusammen mit einem Aufsatz von Gide. Das Portraet wurde spaeter in das „Buch der Masken" aufgenommen.

Als Vallotton diesen Holzschnitt anfertigte, hatte er Gide noch nie gesehen; er arbeitete nur nach einer Fotografie, die unter Palmen in Biskra (Afrika) aufgenommen worden war. Als die beiden sich kurz darauf zum ersten Mal trafen, rief Vallotton aus: „Nach meinem Holzschnitt haette man Sie wohl kaum erkannt!"

Dass Gide den Sueden liebte (Italien und Afrika) und dass seine zahlreichen Reisen dorthin viele seiner Meisterwerke hervorbrachten, ist allgemein bekannt. Die Kritiker fuehren dies auf das Blut seiner vaeterlichen Linie zurueck, die aus der Gegend von Uzes in Suedfrankreich stammte.

(Uebersetzt von Luo Wen aus „Bunka Shudan", Band 2, Nr. 8.)

(Veroeffentlicht in „Yiwen" [Uebersetzungen], Band 1, Nr. 2, 16. Oktober 1934.)

Abschnitt 17

Das kurze Stueck „Die Doerferin" trug urspruenglich den Titel „Die bulgarische Frau" und wurde aus der von Frau Szatanska (Marya Jonas von Szatanska) uebersetzten Anthologie in der „Reklam Universalbibliothek", Nummer fuenftausendneunundfuenfzig, neu uebersetzt. Die Anthologie traegt den Titel „Die bulgarische Frau und andere Erzaehlungen"; dies ist die erste Geschichte und schildert den Typus der Doerferin seines Landes: aberglaeubisch, eigensinnig, aber kraeftig und mutig; sowie ihre Vorstellung von der Revolution, fuer die Nation, fuer den Glauben. Daher passt der Originaltitel besser. Die jetzige Aenderung zu einem „vertrauten" statt „glaubwuerdigen" Titel ist eigentlich kein gutes Vorbild; nachdem ich die Uebersetzung fertiggestellt hatte, ueberlegte ich und fand, dass ich zuvor uebertrieben klug gewesen war. Der Originalautor schlug am Schluss mit „guten Taten" gegen das Beten -- das war wohl als Hinweis fuer seine einheimischen Leser gedacht.

Ich denke, es bedarf keiner weiteren Erklaerung meinerseits, dass Bulgarien zu jener Zeit unter tuerkischer Unterdrueckung stand. Diese Erzaehlung ist zwar schlicht, aber sehr klar geschrieben, und die Orte und Personen darin sind real. Obwohl bereits sechzig Jahre vergangen sind, bin ich ueberzeugt, dass sie immer noch sehr anruehrend ist.

(Veroeffentlicht in der Abschlussnummer von „Yiwen" [Uebersetzungen], 16. September 1935.)