Lu Xun Complete Works/de/baiguang
Das weisse Licht
白光 von/by/par Lu Xun (鲁迅)
[Weisses Licht]
Als Chen Shicheng die Ergebnisliste der Kreisexamen durchgesehen hatte und nach Hause zurueckkehrte, war es bereits Nachmittag. Er war eigentlich sehr frueh hingegangen. Sobald er die Liste erblickte, suchte er zuerst nach dem Schriftzeichen Chen. Auch an Chen-Zeichen fehlte es nicht; sie schienen geradezu um die Wette in seine Augen zu springen, doch die darauf folgenden Zeichen waren nie die beiden Zeichen Shi und Cheng. So durchsuchte er von neuem sorgfaeltig die runden Kreise der zwoelf Listenboegen. Die Zuschauer waren laengst alle gegangen, und Chen Shicheng hatte seinen Namen auf der Liste am Ende nicht gefunden; er stand nur allein vor der Schirmmauer des Pruefungshofs.
Obwohl ein kuehler Wind leise sein graumeliertes kurzes Haar bewegte, schien die Sonne des Fruehwinters noch recht mild auf ihn herab. Aber es war, als habe ihn die Sonne so schwindlig gemacht, dass sein Gesicht immer grauer wurde, und aus seinen mueden, rotgeschwollenen Augen brach ein seltsames Funkeln. Zu diesem Zeitpunkt sah er eigentlich schon laengst nicht mehr die Pruefungsliste an der Wand, sondern erblickte nur noch viele schwarze Kreise, die vor seinen Augen hin und her trieben.
Als Xiucai bestanden, zur Provinzhauptstadt zur naechsten Pruefung, einen Sieg nach dem anderen errungen, ... die Herren wuerden sich mit allen Mitteln um eine Verschwagerung bemuehen, alle Menschen wuerden ihn ehrfuerchtig anblicken wie eine Gottheit und zutiefst ihre fruehere Leichtfertigkeit und Torheit bereuen, ... die fremden Familien, die in seinem verfallenen Anwesen zur Miete wohnten, hinausjagen -- nein, er brauchte sie gar nicht hinauszujagen, sie wuerden von selbst gehen -- das Haus ganz neu, am Tor Fahnenmasten und Ehrentafeln, ... wer vornehm sein wollte, konnte ein Beamter in der Hauptstadt werden, andernfalls war es besser, sich um einen Posten in der Provinz zu bemuehen. ... Seine im Alltag sorgfaeltig ausgearbeitete Zukunft war zu diesem Zeitpunkt wieder wie ein feucht gewordener Zuckerturm in einem Augenblick zusammengestuerzt und hatte nur noch einen Haufen Scherben hinterlassen. Unwillkuerlich drehte er seinen aufgeloest wirkenden Koerper und ging benommen den Heimweg.
Kaum war er an seiner Zimmertuer angelangt, setzten sieben Schueler gleichzeitig ihre Kehlen ein und begannen schrill Texte aufzusagen. Er erschrak heftig; neben seinem Ohr schien eine Klangschale angeschlagen worden zu sein, und er sah nur sieben Koepfe mit kleinen Zoepfen vor seinen Augen hin und her wackeln, bis das ganze Zimmer davon wackelte, und auch die schwarzen Kreise huepften dazwischen mit. Er setzte sich, und sie brachten ihm ihre Abendaufgaben; auf allen Gesichtern zeigten sich Ausdruecke der Geringschaetzung.
"Geht nach Hause." Er zoegerte einen Moment und sagte dann klaglich.
Sie packten hastig ihre Schulsachen zusammen, klemmten sie unter den Arm und liefen im Nu davon.
Chen Shicheng sah immer noch viele kleine Koepfe zusammen mit schwarzen Kreisen vor seinen Augen tanzen, manchmal ungeordnet, manchmal auch in seltsamen Formationen, doch allmaehlich wurden sie weniger und verschwammen.
"Wieder einmal ist es vorbei!"
Er erschrak heftig und sprang auf. Die Worte waren deutlich neben seinem Ohr gewesen; als er sich umdrehte, war aber niemand da. Es war, als hoere er summend eine Klangschale anschlagen, und sein eigener Mund sagte:
"Wieder einmal ist es vorbei!"
Er hob ploetzlich eine Hand und zaehlte an den Fingern: elf, dreizehn Mal, mit diesem Jahr zusammen sechzehn Mal -- nicht ein einziger Pruefer hatte etwas von Literatur verstanden, Augen ohne Pupillen, das war auch ein erbaermlicher Umstand -- und er konnte nicht umhin, vergnuegt zu kichern. Doch dann wurde er zornig, zog hastig seine reingeschriebenen Aufsaetze und Pruefungsgedichte unter dem Tuch der Buechertasche hervor und ging damit nach draussen. Kaum war er an der Tuer, sah er, dass alles vor seinen Augen hell strahlte, sogar eine Schar Huehner lachte ihn gerade aus, und er konnte nicht verhindern, dass sein Herz wild zu klopfen begann; er musste sich wieder ins Innere zurueckziehen.
Er setzte sich wieder hin; sein Blick funkelte besonders. Er blickte auf viele Dinge, aber alles war sehr verschwommen -- es war die wie ein eingestuerzter Zuckerturm daliegende Zukunft vor ihm, und diese Zukunft dehnte sich nur immer weiter aus und versperrte ihm alle Wege.
In den anderen Haeusern war der Kochrauch laengst verflogen, das Geschirr schon abgewaschen, aber Chen Shicheng ging immer noch nicht ans Kochen. Die hier wohnenden fremden Familien kannten die alte Regel: In Jahren, in denen Kreisexamen stattfanden, war es ratsam, bei solchen Blicken, wie sie nach Bekanntgabe der Ergebnisse zu sehen waren, fruehzeitig die Tueren zu schliessen und sich nicht einzumischen. Zuerst verstummten die Menschenstimmen, dann erloschen nach und nach die Lichter, und nur der Mond erschien langsam am kalten Nachthimmel.
Der Himmel war so blaugruen wie ein Meer, mit einigen leichten Wolken, die sich hin und her wiegten, als habe jemand einen Kreidestift in einem Pinselbecher ausgewaschen. Der Mond goss sein kaltes Licht auf Chen Shicheng herab. Anfaenglich glich er nur einem frisch polierten Eisenspiegel, doch dieser Spiegel durchleuchtete auf geheimnisvolle Weise Chen Shengs ganzen Koerper und warf auf ihm den Schatten des eisernen Mondes.
Er wanderte immer noch im Hof vor seinem Zimmer umher; seine Augen waren nun recht klar, und ringsum herrschte Stille. Doch diese Stille wurde ploetzlich grundlos aufgestoert; an seinem Ohr hoerte er deutlich eine hastige, leise Stimme sagen:
"Links abbiegen, rechts abbiegen..."
Er horchte erschrocken auf; doch die Stimme wiederholte sich lauter:
"Rechts abbiegen!"
Er erinnerte sich. Dieser Hof war der Hof, in dem er, als sein Heim noch nicht so herabgekommen war, in Sommernaechten allabendlich mit seiner Grossmutter die Kuehle genossen hatte. Damals war er kaum mehr als zehn Jahre alt, lag auf einer Bambusliege, und seine Grossmutter sass daneben und erzaehlte ihm unterhaltsame Geschichten. Sie sagte, sie habe von ihrer eigenen Grossmutter gehoert, dass die Vorfahren der Familie Chen ungeheuer reich gewesen seien; dieses Haus stehe auf dem alten Grundstueck der Ahnen, die unzaehlige Silberbarren vergraben haetten -- ein glueckliches Kind werde sie gewiss eines Tages finden, aber bis jetzt seien sie noch nicht aufgetaucht. Was den Ort angehe, so sei er in einem Raetselspruch verborgen:
"Links abbiegen, rechts abbiegen, vorwaerts gehen, rueckwaerts gehen, Gold und Silber messen, nicht mit dem Scheffel."
Ueber dieses Raetsel hatte Chen Shicheng auch in gewoehnlichen Zeiten oft insgeheim nachgegruebelt, aber leider: gerade wenn er glaubte, einer Loesung nahe zu sein, merkte er sogleich, dass sie doch nicht stimmte. Einmal war er sich sicher gewesen, dass es unter dem an die Familie Tang vermieteten Haus sein musste, aber er hatte nie den Mut aufgebracht, dort nachzugraben; nach einiger Zeit erschien ihm auch das wieder ganz unaehnlich. Was die alten Grabungsspuren in seinem eigenen Zimmer betraf, so waren das alles Handlungen aus den verwirrten Zustaenden nach frueheren Pruefungsniederlagen gewesen; wenn er sie spaeter selbst erblickte, empfand er noch immer Scham und Verlegenheit.
Doch heute huellte das eiserne Licht Chen Shicheng ein und ueberredete ihn sanft. Wenn er einmal kurz zoegerte, lieferte es ihm ernsthafte Beweise und fugte duesteren Druck hinzu, so dass er nicht anders konnte, als seinen Blick wieder auf sein eigenes Zimmer zu richten.
Das weisse Licht erhob sich wie ein weisser runder Faecher, hin und her schwankend, in seinem Zimmer.
"Also ist es doch hier!"
Das sagte er und eilte wie ein Loewe ins Zimmer, aber als er hineintrat, war vom weissen Licht keine Spur mehr zu sehen; nur ein odes altes Zimmer und einige zerbrochene Schreibtische waren in der Daemmerung versunken. Verdutzt stand er da und schaute nochmals genau hin, aber das weisse Licht erschien nun deutlich wieder, diesmal noch breiter, weisser als Schwefelflammen, feiner als Morgennebel, und zwar unter einem Schreibtisch an der Ostwand.
Chen Shicheng stuerzte wie ein Loewe hinter die Tuer, streckte die Hand aus, um nach der Hacke zu tasten, und stiess dabei an einen schwarzen Schatten.
Das Tongsu yanyi von den Reisen des Eunuchen Sanbao in die westlichen Meere umfasst ebenfalls hundert Kapitel und ist mit "zusammengestellt vom Herrn aus Ernanli" gekennzeichnet. Es traegt ein Vorwort von Luo Maodeng aus dem Herbst des Jahres Dingyou der Wanli-Aera (1597); Luo ist auch der Verfasser. Das Buch schildert, wie der Eunuch Zheng He und Wang Jinghong waehrend der Yongle-Aera neununddreissig fremde Laender unterwarfen und zur Tributzahlung veranlassten. Ueber Zheng He heisst es in der Mingshi (Kapitel 304, "Biographien der Eunuchen"): "Er stammte aus Yunnan und war der, den die Welt als den Eunuchen Sanbao kennt. Im dritten Jahr der Yongle-Aera wurde He zusammen mit seinen Gefaehrten Wang Jinghong und anderen entsandt, um die westlichen Meere zu befahren. Mit ueber siebenundzwanzigtausendachthundert Soldaten und Offizieren, reichlich Gold und Seide und grossen Schiffen ... fuhren sie von Suzhou am Liujia-Fluss nach Fujian und setzten von der Wuhu-Bucht in Fujian Segel. Zuerst erreichten sie Champa und besuchten der Reihe nach alle Laender, verkuendeten die Erlasse des Kaisers und machten ihren Herrschern Geschenke; wer sich nicht unterwarf, wurde mit Waffengewalt eingeschuechtert. Bei sieben Missionen bereiste er ueber dreissig Laender, die erbeuteten namenlosen Schaetze waren unzaehlbar, doch auch Chinas Ausgaben waren gewaltig." Da Zheng He in der Ming-Dynastie hoechst beruehmt war und das Volk gern von ihm sprach, waehrend nach der Jiajing-Aera die Piratenplage grassierte, das Volk die gegenwaertige Schwaeche beklagte und zugleich in alten Geschichten befangen war, dachte man nicht an Generaele, sondern an Palasteunuchen, und aus vulgaeren Ueberlieferungen entstand dieses Werk. Im Vorwort heisst es daher: "Wenn heute im Osten die Dinge draengen, wie steht es dann mit dem Westen? Wenn wir es dem Westen nicht gleichtun koennen, wie koennten wir die Herren Wang und Zheng vor uns treten lassen?" Das Buch allerdings schwelgt in Wundern und Absurditaeten, was kaum zum leidenschaftlichen Ton des Vorworts passt. Die Kapitel eins bis sieben handeln von der Geburt des aelteren Moenches Bifeng, seinem Eintritt ins Kloster und der Daemonenbesiegung; Kapitel acht bis vierzehn von Bifengs magischem Wettstreit mit dem Himmelsmeister Zhang; ab Kapitel fuenfzehn von Zheng Hes Westfeldzug mit Unterstuetzung des Himmelsmeisters und Bifengs, der Vernichtung von Ungeheuern, dem Tribut der Voelker und Zheng Hes Tempelbau. Die Schlachtbeschreibungen sind aus der Reise nach dem Westen und der Fengshen yanyi zusammengestohlen, der Stil ist unbeholfen und weitschweifig, doch enthaelt das Werk einige volkstuemlicke Geschichten wie "Fuenf Geister stuermen den Richter" und "Fuenf Ratten stuermen die oestliche Hauptstadt", die hier ihren Niederschlag finden - das ist durchaus seine Staerke. Die Geschichte der fuenf Ratten scheint dem Motiv des Doppelgaengerkampfes in der Reise nach dem Westen nachempfunden; die Geschichte der fuenf Geister berichtet davon, wie die Gefallenen fremder Voelker nach den Kaempfen gegen die Ming im Jenseits vor Gericht gestellt wurden, meist harte Strafen erhielten, woraufhin sie randalierten und auf den Richter einschlugen. Ihr Wortwechsel lautet folgendermassen:
... Die fuenf Geister sagten: "Selbst wenn es kein Bestechung-und-Recht-Verkaufen war, so war es doch nachlassige Untersuchung." Der Koenig Yama sagte: "Wer hat nachlassig untersucht? Sprich, ich hoere." Da sagte der Erste, Jiang Laoxing: "Ich war ein Generalkommandant im Lande Jinlianxiang. Ich habe die Familie vergessen fuer das Vaterland - das ist die Pflicht eines Untertanen. Warum sagt man, ich solle zur Abteilung fuer Boesewichter-Bestrafung geschickt werden? Demnach haette ich mich also zu Unrecht fuer das Vaterland eingesetzt?" Der Richter Cui sagte: "Wenn das Land keine grosse Not erlitt, wie kann man es Einsatz fuers Vaterland nennen?" Jiang Laoxing sagte: "Die Suedleute kamen mit tausend Schiffen, tausend Feldherren und Millionen von Soldaten - eine aeusserst prekare Lage -, und da sagt man, das Land habe keine grosse Not erlitten?" Der Richter Cui sagte: "Die Suedleute haben niemals ein Koenigreich zerstoert oder Land verschlungen oder Schaetze geraubt - wieso also prekare Lage?" Jiang Laoxing sagte: "Wenn das Land nicht in Gefahr war, warum haette ich dann endlos getoetet?" Der Richter sagte: "Die Suedleute kamen bloss mit einem Unterwerfungsbrief, das haette genuegt. Wann haben sie je jemanden bedraengt? Ihr wart es, die eigensinnig kaempftet - ist das nicht endloses Toeten?" Yao Haigan sagte: "Da irrt Ihr, Richter! In unserem Jawaland wurden fuenfhundert Fischaugensoldaten in zwei Stuecke gehauen und dreitausend Fusssoldaten zu einem Brei gekocht - war das etwa auch unser eigensinniger Kampf?" Der Richter sagte: "Das habt ihr euch alles selbst zuzuschreiben." Der Rundaeugige Timur sagte: "Uns wurde jeder einzeln in vier Stuecke gespalten - war das auch unser eigensinniger Kampf?" Der Richter sagte: "Auch das habt ihr euch selbst zuzuschreiben." Der Dritte Prinz Panlong sagte: "Ich hob das Schwert und schnitt mir selbst die Kehle durch - war das nicht ihre Bedrohung?" Der Richter sagte: "Auch das habt ihr euch selbst zuzuschreiben." Baili Yan sagte: "Wir wurden zu Asche verbrannt - war das nicht ihre Bedrohung?" Der Richter sagte: "Auch das habt ihr euch selbst zuzuschreiben." Die fuenf Geister schrien alle zugleich: "Was heisst hier 'selbst zuzuschreiben'? Seit alters gilt: 'Wer mordet, bezahlt mit dem Leben; wer Schulden hat, bezahlt mit Geld.' Sie haben uns grundlos getoetet, und du sprichst ihnen das Recht zu?" Der Richter sagte: "Hier wird das Recht unparteiisch angewendet - wieso 'zugesprochen'?" Die fuenf Geister sagten: "Wenn unparteiisch, warum urteilst du nicht, dass sie uns das Leben erstatten?" Der Richter sagte: "Sie schulden euch nichts!" Die fuenf Geister sagten: "Allein die Worte 'schulden nichts' beweisen die Parteilichkeit." Da die fuenf Geister zahlreich und laut waren, schrien sie durcheinander, ein Wirrwarr. Als der Richter sah, dass sie heftig kamen, blieb ihm nichts uebrig, als aufzustehen und zu donnern: "Halt! Wer wagt es, hier Unsinn zu reden! Ich parteiisch? Ist dieser Pinsel etwa ein parteiischer Pinsel?" Die fuenf Geister stuermten gemeinsam vor, rissen ihm den Pinsel aus der Hand und sagten: "Ein eiserner Pinsel ist unparteiisch. Aber dein Pinsel aus Spinnwebfaeden hat zwischen allen Zinkenzwischenraeumen Parteilichkeit (Faden/Privatinteresse)* - und du wagst zu behaupten, er sei unparteiisch?" ... Kapitel 90: "Fuenf Geister stuermen den Richter im Palast der Geisterstrahlung"
Das Xiyou Bu umfasst sechzehn Kapitel; im Vorwort des Holzfaellers vom Tianmu-Berg heisst es, Nanqian sei der Verfasser. Nanqian war der Moenchsname von Dong Shuo aus Wucheng nach seinem Eintritt ins Kloster. Shuo, mit dem Beinamen Ruoyu, wurde im Jahr Gengshen der Wanli-Aera (1620) geboren und war von frueh an klug. Er wollte zuerst die Yuanjue-Sutra rezitieren, bevor er die Vier Buecher und die Fuenf Klassiker las; mit zehn Jahren verfasste er Aufsaetze, mit dreizehn bestand er die Kreispruefung, und als er die Raeubereien in der Zentralebene sah, gab er alle Ambitionen auf. Nach dem Untergang der Ming liess er sich im Kloster Lingyan die Haare scheren, nahm den Namen Nanqian an, das Kennzeichen Yuehan. Ueber dreissig Jahre betrat er keine Stadt, pflegte nur Umgang mit Fischern und Holzfaellern; die Welt schaetzte ihn als ehrwuerdigen Meister des Buddhismus. Das Xiyou Bu erzaehlt, wie der Affenkoenig Sun Wukong nach der Episode "Dreimaliges Borgen des Bananenblattfaechers" beim Betteln von einem Makrelengeist verlockt in einen Traum eintritt, den er fuer den Ersten Kaiser Qin Shihuang zu nutzen sucht, um die Bergvertreibungsglocke auszuleihen und den Flammenberg zu vertreiben. Dazwischen betritt er den Pavillon der Zehntausend Spiegel und geraet in grosse Verwirrung -- er sieht die Vergangenheit oder sucht die Zukunft, verwandelt sich bald in eine Schoenheit, bald in den Hoellenrichter, bis der Herr der Leere ihn ruft und er den Traum verlaesst. Der Makrelengeist war zugleich mit Wukong geboren, lebte in der "Abteilung der Illusionen" und nannte sich "Blaugruene Welt"; alle Szenerien waren seine Schoepfungen, in Wahrheit aber nichtexistent - sie waren die "Emotionen des Pilgers". Daher: "Um den Grossen Weg zu begreifen, muss man zuerst die Wurzel der Emotionen durchbrechen; um die Wurzel der Emotionen zu durchbrechen, muss man zuerst in die Emotionen hineingehen; innerhalb der Emotionen die Leere der Emotionswurzel erkennen und dann aus den Emotionen heraustreten und die Wirklichkeit der Dao-Wurzel erkennen" (Fragen und Antworten am Anfang des Buches). Der Makrelengeist, die Blaugruene Welt, der Kleine Mondkoenig - all das meint die Emotionen. Manche deuten die Ausdruecke "General der Bambusstreifung" und "umgekehrter Kalender" als versteckte Anspielungen nach dem Dynastiewechsel, doch das ganze Buch zielt eher auf eine Satire der spaeten Ming-Sitten ab als auf den Schmerz um den Verlust des Staates. Es entstand vermutlich noch vor dem Untergang der Ming, enthaelt daher nur Sorgen um die Grenzlage und dringt nicht in die Tiefen des Buddhismus ein; sein Hauptaugenmerk entspricht dem Zeitgeist und besagt, der Pilger habe drei Meister: erstens den Patriarchen, zweitens den Moench Tripitaka, drittens den Koenig Mu (Yue Fei): "drei Lehren vereint in einer Person"
Kapitel vierunddachtzig
Das Tongsu yanyi von den Reisen des Eunuchen Sanbao in die westlichen Meere umfasst ebenfalls hundert Kapitel und ist mit "zusammengestellt vom Herrn aus Ernanli" gekennzeichnet. Es traegt ein Vorwort von Luo Maodeng aus dem Herbst des Jahres Dingyou der Wanli-Aera (1597); Luo ist auch der Verfasser. Das Buch schildert, wie der Eunuch Zheng He und Wang Jinghong waehrend der Yongle-Aera neununddreissig fremde Laender unterwarfen und zur Tributzahlung veranlassten. Ueber Zheng He heisst es in der Mingshi (Kapitel 304, "Biographien der Eunuchen"): "Er stammte aus Yunnan und war der, den die Welt als den Eunuchen Sanbao kennt. Im dritten Jahr der Yongle-Aera wurde He zusammen mit seinen Gefaehrten Wang Jinghong und anderen entsandt, um die westlichen Meere zu befahren. Mit ueber siebenundzwanzigtausendachthundert Soldaten und Offizieren, reichlich Gold und Seide und grossen Schiffen ... fuhren sie von Suzhou am Liujia-Fluss nach Fujian und setzten von der Wuhu-Bucht in Fujian Segel. Zuerst erreichten sie Champa und besuchten der Reihe nach alle Laender, verkuendeten die Erlasse des Kaisers und machten ihren Herrschern Geschenke; wer sich nicht unterwarf, wurde mit Waffengewalt eingeschuechtert. Bei sieben Missionen bereiste er ueber dreissig Laender, die erbeuteten namenlosen Schaetze waren unzaehlbar, doch auch Chinas Ausgaben waren gewaltig." Da Zheng He in der Ming-Dynastie hoechst beruehmt war und das Volk gern von ihm sprach, waehrend nach der Jiajing-Aera die Piratenplage grassierte, das Volk die gegenwaertige Schwaeche beklagte und zugleich in alten Geschichten befangen war, dachte man nicht an Generaele, sondern an Palasteunuchen, und aus vulgaeren Ueberlieferungen entstand dieses Werk. Im Vorwort heisst es daher: "Wenn heute im Osten die Dinge draengen, wie steht es dann mit dem Westen? Wenn wir es dem Westen nicht gleichtun koennen, wie koennten wir die Herren Wang und Zheng vor uns treten lassen?" Das Buch allerdings schwelgt in Wundern und Absurditaeten, was kaum zum leidenschaftlichen Ton des Vorworts passt. Die Kapitel eins bis sieben handeln von der Geburt des aelteren Moenches Bifeng, seinem Eintritt ins Kloster und der Daemonenbesiegung; die Kapitel acht bis vierzehn von Bifengs magischem Wettstreit mit dem Himmelsmeister Zhang.
Ab Kapitel fuenfzehn erhaelt Zheng He seine Ernennung, wirbt Soldaten fuer den Westfeldzug an, unterstuetzt vom Himmelsmeister und Bifeng, besiegt Ungeheuer; die Voelker entrichten Tribut, und Zheng He errichtet einen Tempel. Die Schlachtbeschreibungen sind aus der Reise nach dem Westen und der Fengshen yanyi zusammengestohlen, der Stil ist unbeholfen und weitschweifig, doch enthaelt das Werk einige Volkssagen wie "Fuenf Geister stuermen den Richter" und "Fuenf Ratten stuermen die oestliche Hauptstadt" -- das ist seine Staerke. Die Geschichte der fuenf Ratten scheint dem Doppelgaengermotiv in der Reise nach dem Westen nachempfunden. Die Geschichte der fuenf Geister berichtet, wie nach den Kaempfen zwischen fremden Voelkern und den Ming die Gefallenen im Jenseits vor Gericht stehen, harte Strafen erhalten und daraufhin randalieren und den Richter angreifen. Ihr Wortwechsel lautet:
... Die fuenf Geister sagten: "Selbst wenn es keine Bestechung war, so war doch die Untersuchung nachlassig." Der Koenig Yama sagte: "Wer war nachlassig? Sprich, ich hoere." Jiang Laoxing sagte: "Ich war Generalkommandant im Lande Jinlianxiang. Ich vergass die Familie fuer das Vaterland -- Pflicht eines Untertanen. Warum soll ich zur Strafabteilung? Habe ich mich denn zu Unrecht fuer das Vaterland eingesetzt?" Richter Cui sagte: "Wenn das Land keine grosse Not litt, was ist dann Einsatz fuer das Vaterland?" Jiang Laoxing sagte: "Die Suedleute mit tausend Schiffen, tausend Feldherren, Millionen Soldaten -- eine aeusserst prekare Lage -- und Ihr sagt, keine grosse Not?" Richter Cui sagte: "Die Suedleute haben nie ein Reich zerstoert, kein Land verschlungen, keine Schaetze geraubt -- wieso prekare Lage?" Jiang Laoxing sagte: "Wenn nicht in Gefahr, warum haette ich endlos getoetet?" Der Richter sagte: "Die Suedleute brachten nur einen Unterwerfungsbrief. Wann haben sie je jemanden bedraengt? Ihr kaempftet eigensinnig -- ist das nicht endloses Toeten?" Yao Haigan sagte: "Irrtum, Richter! Unser Jawa: fuenfhundert Fischaugensoldaten in zwei Stuecke, dreitausend Fusssoldaten in einen Kessel gekocht -- auch unser eigensinniger Kampf?" Der Richter sagte: "Selbst verschuldet." Der Rundaeugige Timur sagte: "Jeder einzeln in vier Stuecke gespalten -- auch unser Kampf?" Der Richter: "Selbst verschuldet." Prinz Panlong: "Ich schnitt mir selbst die Kehle -- nicht ihre Bedrohung?" Der Richter: "Selbst verschuldet." Baili Yan: "Zu Asche verbrannt -- nicht ihre Bedrohung?" Der Richter: "Selbst verschuldet." Die fuenf Geister schrien: "Was heisst 'selbst verschuldet'? 'Wer mordet, bezahlt mit dem Leben; wer Schulden hat, zahlt.' Sie toeteten uns grundlos, und du entscheidest parteiisch?" Der Richter: "Hier herrscht unparteiisches Recht -- wieso parteiisch?" Die fuenf Geister: "Wenn unparteiisch, warum befiehlst du nicht die Lebenserstattung?" Der Richter: "Ihr habt keinen Anspruch!" Die fuenf Geister: "Die Worte 'kein Anspruch' allein beweisen die Parteilichkeit." Die fuenf lauten Geister schrien durcheinander. Der Richter, ihre Heftigkeit sehend, stand auf und donnerte: "Halt! Wer wagt hier Unsinn? Bin ich parteiisch? Ist dieser Pinsel parteiisch?" Die fuenf stuermten vor, rissen ihm den Pinsel weg: "Ein Eisenpinsel ist unparteiisch. Aber dein Spinnwebpinsel hat in jeder Zinke Parteilichkeit (Faden/Eigennutz) -- und du wagst zu behaupten, er sei unparteiisch?" ...
Kapitel neunzig: "Fuenf Geister stuermen den Richter im Palast der Geisterstrahlung"
Das Xiyou Bu umfasst sechzehn Kapitel; im Vorwort des Holzfaellers vom Tianmu-Berg heisst es, Nanqian sei der Verfasser. Nanqian war der Moenchsname von Dong Shuo aus Wucheng nach seinem Eintritt ins Kloster. Shuo, mit dem Beinamen Ruoyu, wurde im Jahr Gengshen der Wanli-Aera (1620) geboren und war von frueh an klug. Er wollte zuerst die Yuanjue-Sutra rezitieren, dann die Vier Buecher und Fuenf Klassiker lesen; mit zehn verfasste er Aufsaetze, mit dreizehn bestand er die Kreispruefung, und als er die Raeubereien in der Zentralebene sah, gab er alle Ambitionen auf. Nach dem Untergang der Ming liess er sich im Kloster Lingyan die Haare scheren, nahm den Namen Nanqian an, das Kennzeichen Yuehan; ueber dreissig Jahre betrat er keine Stadt, pflegte nur Umgang mit Fischern und Holzfaellern; die Welt schaetzte ihn als ehrwuerdigen buddhistischen Meister. Er hinterliess die Shangtang wancan changchou yulu (erwaehnt von Niu Xiu in Gusheng xubian und Jiang Baoyang in Jiashen chaoshi xiaoji) sowie die Fengcaoan zazhu, zehn Sammlungen von Gedichten und Prosa. Das Xiyou Bu setzt nach der Episode "Dreimaliges Borgen des Bananenblattfaechers" an und erzaehlt, wie Wukong beim Betteln vom Makrelengeist verlockt in einen Traum eintritt, den Ersten Kaiser Qin sucht, um die Bergvertreibungsglocke auszuleihen, den Pavillon der Zehntausend Spiegel betritt und in grosse Verwirrung geraet -- er sieht die Vergangenheit, sucht die Zukunft, verwandelt sich bald in eine Schoenheit, bald in den Hoellenrichter, bis der Herr der Leere ihn ruft und er den Traum verlaesst. Der Makrelengeist war zugleich mit Wukong geboren, lebte in der "Abteilung der Illusionen" und nannte sich "Blaugruene Welt"; alle Szenerien waren seine Schoepfungen, in Wahrheit nichtexistent -- die "Emotionen des Pilgers". Daher: "Um den Grossen Weg zu begreifen, muss man zuerst die Wurzel der Emotionen durchbrechen; dies erfordert, in die Emotionen einzutreten; innerhalb der Emotionen die Leere der Emotionswurzel zu erkennen und dann aus den Emotionen herauszutreten, um die Wirklichkeit der Dao-Wurzel zu erkennen" (Fragen und Antworten am Buchanfang). Der Makrelengeist, die Blaugruene Welt, der Kleine Mondkoenig -- all das meint die Emotionen. Manche deuten "General der Bambusstreifung" und "umgekehrter Kalender" als Anspielungen nach dem Dynastiewechsel, doch das Buch zielt eher auf Satire der spaeten Ming-Sitten. Es entstand vermutlich vor dem Ming-Untergang, enthaelt daher nur Grenzsorgen und dringt nicht in die Tiefen des Buddhismus ein; sein Hauptaugenmerk besagt, der Pilger habe drei Meister: den Patriarchen, den Moench Tripitaka und den Koenig Mu (Yue Fei): "drei Lehren vereint in einer Person".
Kapitel neun. Das ist alles. Jedoch in der Erfindung der Handlung und der Wahl der Worte ist das Werk ueberreich und vielgestaltig, schimmernd und traumhaft, an ueberraschenden Stellen mitunter atemberaubend, mit eingestreuter Komik, die oft brillant ist -- wahrlich unerreichbar fuer andere Autoren derselben Zeit.
Der Pilger (der sich soeben in die Schoenheiten Yu Meiren und Luzhu verwandelt hatte und nach dem Festmahl Abschied genommen hat) nimmt sofort seine wahre Gestalt an, blickt nach oben und sieht: Er steht vor dem Tor der Goettin Nuewa. Der Pilger freut sich sehr: "Mein Himmel wurde vom Kleinen Mondkoenig durch seine Trittboten stueckweise aufgebrochen, und gestern hat man mir die Schuld gegeben. ... Ich hoere, Nuewa ist seit langem im Himmelflicken erfahren. Ich werde sie bitten, meinen Himmel zu flicken, dann erst den Klageweg zum Jaspispalast antreten und mich reinwaschen -- eine vortreffliche Gelegenheit." Er tritt naeher ans Tor und sieht: zwei schwarzlackierte Fluegel fest verschlossen, und an der Tuer ein Zettel: "Am zwanzigsten zu Xuanyuan auf ein Schwaeztchen gegangen, in zehn Tagen zurueck. Entschuldigung fuer die Unannehmlichkeit, hiermit hoeflich kundgetan." Der Pilger liest es, dreht sich um und geht. An seinem Ohr hoert er nur den Hahn dreimal kraehen -- der Tag daemmert. Nachdem er mehrere Millionen Meilen gegangen ist, ist der Erste Kaiser Qin immer noch nicht zu finden.
Kapitel fuenf
Ploetzlich erblickt er einen schwarzen Mann auf einem hohen Soeller sitzen. Der Pilger lacht: "Auch in der Welt der Alten gibt es Raeuber, mit russgeschwarztem Gesicht sitzt er hier zur Schau gestellt." Ein paar Schritte weiter sagt er: "Es ist kein Rebell. Es ist ein Tempel des Zhang Fei." Er ueberlegt: "Wenn es ein Zhang-Fei-Tempel ist, muesste er ein Kopftuch tragen. ... Mit einer Kaiserkrone und schwarzem Gesicht -- das muss der Schwarze Kaiser Da Yu sein. Ich gehe hin und bitte ihn um Geheimnisse zur Daemonen- und Monsterbezwingung, dann brauche ich den Ersten Kaiser Qin nicht mehr zu suchen." Als er naeher kommt, sieht er am Fuss des Podests einen Steinpfahl, daran eine weisse Fahne, auf der sechs purpurfarbene Zeichen stehen:
"Xiang Yu, beruehmer Ritter der Fruehen Han."
Der Pilger liest, bricht in schallendes Gelaechter aus: "Wahrhaftig, 'wenn die Dinge noch nicht gekommen, hoere auf sie dir vorzustellen, denn sie kommen nie so wie gedacht.' Der alte Sun hat hin und her geraetselt, ... und wer haette gedacht, es ist keiner von ihnen, sondern mein ferner Gatte vom Luzhu-Turm." Da ueberlegt er: "Ach, ich bin doch eigens auf der Suche nach dem Ersten Kaiser Qin, um die Bergvertreibungsglocke von ihm zu borgen, darum bin ich in die Welt der Alten eingetaucht. Der Hegemoniekoenig von Chu kommt nach ihm; jetzt habe ich ihn gesehen, aber den Kaiser nicht. Ich habe eine Idee: Ich gehe direkt auf das Podest zu Xiang Yu, frage ihn nach Neuigkeiten vom Ersten Kaiser -- das waere ein zuverlaessiger Hinweis." Der Pilger springt sogleich empor und schaut genauer: Unter dem hohen Soeller ... sitzt eine Schoenheit, und an seinem Ohr hoert er nur den Ruf: "Yu Meiren, Yu Meiren!" ... Der Pilger verwandelt sich sogleich wieder in eine Schoenheit, steigt auf den Soeller, zieht aus dem Aermel ein Stueck Eisseidenstoff, wischt sich damit unaufhoerlich die Traenen, zeigt nur das halbe Gesicht und blickt Xiang Yu an, halb vorwurfsvoll, halb zuernend. Xiang Yu erschrickt, faellt hastig auf die Knie. Der Pilger wendet sich ab, Xiang Yu eilt auf den Knien vor ihn und fleht: "Schoenheit, hab Erbarmen mit deinem Bettgenossen und schenke mir ein Laecheln." Der Pilger schweigt; Xiang Yu hat keine andere Wahl als mitzuweinen. Da roetet der Pilger sein Pfirsichbluetenwangen-Gesichtchen, zeigt auf Xiang Yu und sagt: "Du Halunke! Du warst ein ruhmreicher General und konntest nicht einmal eine Frau schuetzen -- wie kannst du es wagen, auf diesem hohen Podest zu sitzen?" Xiang Yu weint nur und wagt keine Antwort. Der Pilger zeigt ein wenig Mitleid, hilft ihm mit der Hand auf und sagt: "Es heisst: 'Die Knie eines Mannes sind aus Gold.' Kuenftig nicht mehr grundlos niederknien!" ...
Kapitel sechs