Lu Xun Complete Works/de/Fan ainong
Fan Ainong
Gedichte
Selbstbildnis
Dem Geist ist es unmoeglich, den goettlichen Pfeilen zu entkommen; Wind und Regen verduestern gleich Felsengewicht die alte Heimat. Den kalten Sternen vertraue ich meine Gedanken an, doch das Kraut der Treue bemerkt es nicht; mit meinem Blut weihe ich mich dem Gelben Kaiser Xuanyuan.
Drei Klagegedichte (In Trauer um Fan Ainong)
I. In Tagen, da Wind und Regen toben, gedenke ich Fan Ainongs. Sein greises Haupt welkte einsam dahin; mit weissem Blick sah er auf Huhn und Wurm. Der Geschmack der Welt ist bitter wie Herbstdisteln; der gerade Weg der Menschen fuehrt ins Elend. Warum nur drei Monde getrennt, und schon hast du deine sonderbare Gestalt verloren!
II. Am Meerestor wuchert Seegras, gruen; viele Jahre lebte er fremd in der Ferne. Kaum waren die Fuechse aus ihrem Bau, betraten schon Holzpuppen die Buehne. In der alten Heimat schwarze, kalte Wolken; in gluehender Hitze frostlange Naechte. Allein versank er im kuehlen Wasser - konnte dies wohl seinen Kummer reinwaschen?
III. Beim Wein ueber die heutige Welt disputierend, war der Herr ein leichter Trinker. Die grosse Welt taumelt noch in Rausch; in sanfter Trunkenheit sank er selbst dahin. Dieser Abschied ward zum ewigen; von nun an verstummt jedes Wort. Die alten Freunde zerstreut wie Wolken - auch ich bin nur leichter Staub!
Fuer Wu Qishan
Zwanzig Jahre in Shanghai lebend, sah er taeglich China. Krank, und suchte keine Arznei; gelangweilt, da las er erst Buecher. Kaum ein wenig Macht, schon aendert sich das Gesicht; die abgeschlagenen Koepfe werden mehr. Ploetzlich wieder Ruecktritt vom Amt - Namo Amitabha!
Ohne Titel I. Tag und Nacht stroemt der grosse Fluss gen Osten; die versammelten Helden ziehen wieder in die Ferne. Sechs Dynastien praechtiger Seide - ein alter Traum; ueber der Steinstadt haengt der Mond wie ein Haken.
Ohne Titel II. Am Yuhuatai liegen zerbrochene Hellebarden; im Mochou-See verbleibt nur eine schwache Welle. Die schoene Frau, die ich ersehne, ist nicht zu sehen; heimkehrend singe ich ein weites Lied.
Zum Abschied fuer Masuda Wataru In Fuso ist schoener Herbst, Ahornblaetter rot wie Zinnober leuchten in kuehler Frische. Doch ich breche eine Trauerweide zum Abschied; mein Herz folgt dem Kahn gen Osten.
Ohne Titel Blut traenkt die Zentralebene und naehrt kraeftiges Gras; Frost erstarrt das weite Land, doch Fruehling blueht. So viele Helden scheitern, der Ratgeber krank; Traenen am Grab des Kaisers, Kraehen im Abenddunst.
Gelegenheitsgedicht Schriften wie Erde - wohin fuehren sie? Zum oestlichen Himmel blickend, wecken sie Traumgedanken. Wie schade, dass der duftende Hain verarmt; Fruehlingsorchideen und Herbstchrysanthemen bluehen nicht zur gleichen Zeit.
Fuer Pengzi Ploetzlich steigt eine Unsterbliche vom azurnen Himmel; ein Wolkenwagen fuehrt das Geisterkind. Armer Pengzi, kein Himmelssohn; er flieht hin und her und schlueckt den Nordwind.
Nach der Schlacht vom 28. Januar Kriegswolken weichen voruebergehend, ein Rest von Fruehling; schwere Geschuetze und klare Gesaenge - beide verstummt. Auch ich habe kein Abschiedsgedicht; nur aus tiefstem Herzen wuensche ich Frieden.
Drei Spottverse auf Professoren I. Wer das Gesetz macht, faellt nicht selbst darunter; gemuetlich lebt er ueber vierzig. II. Arm, die Weberin am Stern, wurde zur Frau eines Pferdeknechts. Die Elstern kommen wohl nicht; endlos die Milchstrasse. III. Die Welt hat Literatur, Maedchen volle Hueften. Huehnerbruehe statt Schweinefleisch - Beixin schloss die Tueren.
Was ich hoerte Strahlendes Licht erhellt das Bankett; geschmueckte Maedchen bedienen den Jadebecher. Ploetzlich erinnert sie sich an Verwandte unter verbrannter Erde; sie verbirgt die Traenenspuren.
Ohne Titel I. Die alte Heimat dunkel unter schwarzen Wolken; durch die ferne Nacht getrennt vom Fruehling. Am Jahresende greift man zum Weinbecher und isst Kugelfisch. II. Weisszaehnige Wu-Maedchen singen Weidenzweiglied; nach dem Wein, alles still. Alte Traeume jagen den Rausch davon; allein vor dem Lampenschatten denke ich an den Kuckuck.
Antwort auf einen tadelnden Gast Ohne Gefuehl heisst nicht wahrer Held; wer sein Kind liebt, ist kein geringerer Mann. Der Sturmentfacher wendet sich um und betrachtet den kleinen Tiger.
Fuer einen Maler Wind erhebt sich, tausend Waelder verdunkeln sich; Nebel versperrt den Himmel, hundert Blueten vergehen. Nur mit Zinnoberrot und Tusche male er einen Fruehlingsberg.
Inschrift zu Nahan Wer mit Worten spielt, geraet ins Netz der Worte; wer der Welt trotzt, verstoesst gegen ihren Lauf. Angehaeufter Hass kann Gebeine zersetzen; es bleibt nur der Klang auf dem Papier.
Klage um Yang Quan Wo ist die Leidenschaft von einst? Blumen bluehen, Blumen fallen - beides geschehe. Traenen im Regen Jiangnans, erneut um den gefallenen Helden zu weinen.
Ohne Titel I. Im Reiche Yus viele fliegende Generaele; in der Schneckenbehausung nur Eremiten. Nachts den Schatten am Teichgrund einladend; mit reinem Wasser die kaiserliche Gnade preisend. II. Ein Zweig edler Eleganz beschwichtigt die Xiang-Nymphe; neun Felder treuer Tugend troesten den einsam Wachenden. Gegen die Fuelle von Beifuss hilft nichts; der Verbannte verbreitet so seinen Duft. III. Rauch und Wasser - alltaeglich; im oeden Dorf ein einsamer Angler. Tief in der Nacht erwacht er aus dem Rausch; nirgends Binsen und Schilf.
Gehirnentzuendung - ein Scherz Meine zornigen Brauen rauben nicht den Reiz; doch ich verstosse gegen den Geschmack der Damen. Ihr Fluch klingt anders; mein Gehirn bleibt kalt wie Eis.
Ohne Titel Zehntausend Haeuser verduestert im Unkraut; wer wagt erderschuetternde Klagelieder? Gedanken verbinden sich mit dem Kosmos; in der Stille hoert man den Donner.
Empfindungen in einer Herbstnacht Hinter bestickten Vorhaengen entschwindet das Licht; am Rand von Zypressen eine Zeremonie. Der trauernde Kaiser laesst die Graeser welken; Dornen schmuecken die Brache. Woher Milchfruechte fuer tausend Buddhas? Um Mitternacht kraehen Haehne; ich zuende eine Zigarette an und spuere die Kuehle.
Im Spaetherbst des Jahres des Schweins Einst erschrak ich, als der strenge Herbst die Welt erfasste; wie koennte ich Fruehlingswaerme an die Feder bringen? Im Staubmeer versinken hundert Empfindungen; im Herbstwind eilen tausend Beamte. Alt kehre ich zum Sumpf zurueck, Binsen verbraucht; im Traum falle ich durch leere Wolken. Gespannt lausche ich dem Hahnenschrei - alles still; die Sterne stehen klar am Horizont.