Lu Xun Complete Works/de/Riji

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riji

Vorwort zum "Sonderheft der Nationalen Holzschnitt-Gemeinschaftsausstellung"

Die Holzschnittkunst war schon seit alten Zeiten in China beheimatet. Von den buddhistischen Figuren und Spielkarten der späten Tang-Dynastie bis hin zu den illustrierten Romanen und Bilderfibeln späterer Epochen können wir noch heute Originale in Augenschein nehmen. Daraus wird eines klar: Der Holzschnitt war von jeher eine Kunst des Volkes, mithin eine "gewöhnliche" Kunst. Dass Gelehrte der Ming-Zeit ihn für Briefpapier-Verzierungen verwendeten, brachte ihn zwar dem "Erhabenen" näher, doch im Grunde war es nichts als eine Geste der Geringschätzung seitens der Literaten, die mit einem großen Pinselstrich über das Ganze fuhren.

Der Holzschnitt, der in den letzten fünf Jahren so unvermittelt aufgeblüht ist, steht zwar nicht gänzlich ohne Bezug zur alten Kultur, doch handelt es sich keineswegs um alte Gebeine aus einem Grab, denen man neue Gewänder angelegt hätte. Er entspringt vielmehr dem einmütigen inneren Verlangen der Künstler und der breiten Öffentlichkeit. Daher konnten einige wenige junge Leute mit einem Satz Stahlnadeln und ein paar Holzplatten eine solch üppige Blüte hervorbringen. Was der Holzschnitt zum Ausdruck bringt, ist die Leidenschaft der Kunstschüler, weshalb er oft auch die Seele der modernen Gesellschaft widerspiegelt. Die Ergebnisse liegen vor: Ihn als "erhaben" zu bezeichnen, wäre gewiss unangemessen, ihn aber als "gewöhnlich" abzutun, ist schlechterdings unmöglich. Holzschnitte hatte es schon zuvor gegeben, doch ein solches Niveau war nie zuvor erreicht worden.

Eben dies macht den neuen Holzschnitt aus, und eben darum wird er vom Volk getragen. Wo das Blut in gemeinsamen Adern fließt, kann man einander nicht gleichgültig sein. Der Holzschnitt hat nicht nur die Grenze zwischen "erhaben" und "gewöhnlich" verwischt — vor ihm liegt in Wahrheit ein noch strahlenderes, noch großartigeres Werk.

Die einst als vornehm betrachteten Landschafts- und Stillleben-Bilder sind in der neuen Holzschnittkunst seltener geworden, und doch zeigen gerade diese beiden Gattungen bei den neueren Arbeiten vergleichsweise bessere Ergebnisse. In der alten chinesischen Malerei waren sie am häufigsten vertreten; durch ständige Vertrautheit hat man unbewusst deren lange gepflegte Stärken verinnerlicht. Was heute am dringendsten gebraucht wird und worauf die Künstler die meiste Kraft verwenden, sind die Menschendarstellungen — und hier zeigen sich noch deutliche Schwächen. Dies ist freilich unvermeidlich, denn die alte chinesische Kunst hat gerade in diesem Bereich die geringsten Vorbilder hinterlassen.

Es scheint, als wäre mein Pechsträhnen-Schicksal noch nicht abgelaufen; immer noch kann ich nicht zur Ruhe kommen. Was mir in die Hände fiel, war die Nummer 6 des vierten Jahrgangs der Zeitschrift "Literatur". Kaum hatte ich sie aufgeschlagen, da sprang mir auf der ersten Seite eine große, rot gedruckte Anzeige entgegen, die ankündigte, in der nächsten Ausgabe werde ein Essay von mir erscheinen, mit dem Titel "Noch unbestimmt". Wenn ich zurückdenke — der Herr Redakteur hatte mir tatsächlich einmal geschrieben und mich gebeten, etwas einzureichen, doch ich hatte nicht geantwortet. Denn was ich am meisten fürchte, ist eben dieses sogenannte "Aufsätzeschreiben". Keine Antwort zu geben bedeutete so viel wie: Ich schreibe nichts. Nun aber war auf der anderen Seite bereits die Anzeige erschienen — das glich einer Entführung und brachte mich in arge Verlegenheit. Zugleich jedoch dachte ich, dies sei vielleicht doch mein eigener Fehler. Ich hatte einmal öffentlich erklärt, meine Aufsätze sprudelten nicht hervor, sondern würden herausgepresst. Der Redakteur hatte wohl genau diese Schwachstelle ergriffen und wandte nun die Methode des Herauspressens an. Und wenn ich den Herren Redakteuren begegnete, hatte ich auch bisweilen das Gefühl, sie trügen einen pressenden Ausdruck zur Schau — was einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Hätte ich seinerzeit gesagt: "Meine Aufsätze lassen sich auch durch Pressen nicht herauspressen", wäre ich wohl wesentlich sicherer gewesen. Ich bewundere Dostojewski dafür, dass er wenig von sich selbst sprach, und manche Literaturgrößen dafür, dass sie ausschließlich von anderen reden.

Doch die alten Gewohnheiten sind noch nicht gänzlich abgelegt, und das Honorar lässt sich schließlich doch in Reis umsetzen; ein wenig zu schreiben ist also keine "bodenlose Ungerechtigkeit". Der Stift ist ein sonderbares Ding — er besitzt dieselbe Fähigkeit des "Herauspressens" wie der Herr Redakteur. Sitzt man mit verschränkten Armen da und möchte eindösen, doch hat den Stift in der Hand und ein Blatt Papier vor sich, so schreibt man oft auf unerklärliche Weise irgendetwas hin. Dass es auch gut ist — davon kann freilich keine Rede sein.

Und wieder die Übersetzung der "Toten Seelen". Eingeschlossen im Studierzimmer hat man eben nur solcherlei Beschäftigungen. Bevor man den Stift ansetzt, muss zunächst ein Problem gelöst werden: Soll man sich mit aller Kraft um Einbürgerung bemühen oder möglichst viel Fremdes bewahren?

In der Gesellschaft herrscht indessen wohl allgemein die Ansicht, das Wort eines berühmten Mannes sei schon deshalb ein kluges Wort, und wer berühmt sei, der verstehe und wisse auch alles. So bittet man für die Übersetzung einer europäischen Geschichte einen Prominenten zur Durchsicht, der gut Englisch spreche; für die Zusammenstellung eines Wirtschaftslehrbuchs ersucht man einen Prominenten um ein Vorwort, der elegante Klassische Prosa schreibe. Gelehrte Berühmtheiten empfehlen Ärzte und bescheinigen ihnen, sie "beherrschten die Künste des Qi Bo und des Huang Di"; Wirtschaftsgrößen loben Maler und bestätigen, sie "hätten die sechs Gesetze der Malerei meisterlich studiert"...

Dies ist eine allgemeine Krankheit unserer Zeit. Der deutsche Zellularpathologe Virchow war eine überragende Autorität der Medizin, ein in ganz Deutschland bekannter Name, dessen Stellung in der Medizingeschichte von größter Bedeutung war — und doch glaubte er nicht an die Evolutionstheorie. Seine von den Kirchenleuten ausgenützten Vorträge hatten, wie Haeckel bemerkte, einen recht schädlichen Einfluss auf die breite Öffentlichkeit. Da sein Wissen so tief und sein Ruhm so groß war, hielt er sich für so erhaben, dass er meinte, was er nicht verstehe, werde auch künftig niemand verstehen. Ohne die Evolutionstheorie gründlich zu studieren, schrieb er kurzerhand alles dem lieben Gott zu. Der in China vielfach vorgestellte große französische Entomologe Fabre neigt ebenfalls in diese Richtung. Sein Werk hat zudem zwei Mängel: erstens verspottet er die Anatomen, zweitens überträgt er menschliche Moral auf die Insektenwelt. Doch ohne Anatomie wären seine so genauen Beobachtungen gar nicht möglich gewesen, denn auch die Grundlage der Beobachtung ist die Anatomie. Dass Agrarwissenschaftler nach dem Nutzen oder Schaden für den Menschen Insekten in nützliche und schädliche einteilen, hat seine Berechtigung; aber nach der jeweiligen menschlichen Moral und Gesetzgebung Insekten zu guten oder bösen Insekten zu erklären, ist überflüssig. Dass manche strenge Wissenschaftler Fabre gegenüber Vorbehalte äußern, geschieht nicht ohne Grund. Doch wenn man diese beiden Punkte im Voraus bedenkt, dann sind seine Beobachtungen durchaus von großem Wert.

Kurzum, wenn Literaten einander geringschätzen, geht es um nichts anderes als die Länge der Texte und das Richtig oder Falsch des Weges. Da es beim Text kein Lang und Kurz gibt und beim Weg kein Richtig und Falsch, was nützt dann leeres Gerede über Recht und Unrecht! Lasst es gut sein, lasst es gut sein, ihr Waffenlosen!

(1. Juli, "Mangzhong" [Getreidesaat], Ausgabe 8.)

Vierter Essay über "Literaten verachten einander"

Im vorigen Aufsatz habe ich nicht erwähnt, dass der große Artikel von Herrn Wei Jinzhi, "Klares Richtig und Falsch und leidenschaftliche Zuneigung und Abneigung", noch einen recht interessanten Punkt enthält. Er meint, es gebe heutzutage "allzu oft Leute mit zwei Gesichtern", die den Einen schätzen und den Anderen geringschätzen. Natürlich will er nicht behaupten, ein Literat solle vor jedem Verbeugungenr machen und "Welch eine Ehre, welch eine Ehre!" murmeln — nur weil der Andere ein durchaus achtbarer Autor ist. Deshalb müssten die beiden Herren, Jia und Yi, "um jetzt von Richtig und Falsch zu reden, die Positionen tauschen." Der Herr Jia solle sein Jia-Urteil sprechen, und der Herr Yi finde, "das Richtige im Falschen überwiege das Falsche im scheinbar Richtigen, denn jener halte noch auf die Regeln der Freundschaft, ohne Standesunterschiede zu machen." Und den "Standesdünkel" dem Herrn Jia überlassend, gehe er selbst auf die Suche nach Freunden, die auf die Regeln der Freundschaft halten, und wenn es keine gebe, sei er "lieber Gefährte der Leprabazillen, als sich von einem, der in Wahrheit selbst Betrüger und Schlächter ist, betrügen und zerstückeln zu lassen."

Das ist ein heroisches Szenario für die Verteidigung des Grundsatzes "Literaten verachten einander", doch es beweist zugleich, dass das heutige sogenannte "Literaten verachten einander" — zumindest das, was Herr Wei verteidigt — gar nicht wegen der "Literatur" geschieht, sondern um der "Freundschaft" willen. Die Freundschaft ist eine der fünf menschlichen Grundbeziehungen, der Weg der Freundschaft eine schöne Tugend, natürlich auch recht lobenswert. Doch Betrüger haben Strohmänner und Schlächter haben Helfershelfer, und unter sich nennen auch sie das "Freundschaft".

Ich beabsichtige keineswegs, bei dieser Gelegenheit schwierige Fragen zu untersuchen wie "die Sklavennatur sei die 'ideologisch korrekteste' Sache" oder "das Subjektive sei die Auswahl der Dinge, das Objektive erst die Methode für die Dinge". Ich möchte nur sagen: Wie Herr Zhang Luwei richtig bemerkt hat, sind wir in China auch auf dem Gebiet der Literatur und Kunst tatsächlich allzu weit zurück. Frankreich hat Gide und Balzac, die Sowjetunion hat Gorki — wir haben niemanden. Japan fing an zu rufen, und wir riefen erst hinterher — das ist vielleicht wirklich "Nachahmung", und zwar "auf ewig", also "Sklavennatur" und zugleich "das 'ideologisch korrekteste' Ding". Allerdings gibt es auch Rufe, die keineswegs "nachahmen". Herr Lin Yutang hat geschrieben: "...Was die Literatur betrifft, so stellt man heute den polnischen Dichter vor, morgen den tschechischen Literaturgrößen, und gegenüber den schon bekannten englischen, amerikanischen, französischen und deutschen Schriftstellern empfindet man Überdruss als Plattheit und will nicht tiefer forschen, um der Sache auf den Grund zu gehen... Die Schwäche dieses Zeitgeistes liegt in der Oberflächlichkeit, und das Mittel dagegen liegt im Lernen." ("Acht Mängel der heutigen Prosa" in "Menschenwelt", Nr. 28.) Die beiden Herren im Süden und Norden schielen beide ein wenig; jeder sah nur eine Seite und beschimpfte nur die eine Seite. Einzeln zu springen mag noch angehen, aber wenn sie nebeneinander zu tanzen anfangen, verwandelt sich ihre "Tapferkeit" unweigerlich in Komik.

Immerhin fordert Herr Lin das "Ergründen", Herr Zhang das "unmittelbare Verstehen" — ihr Geist des "Tatsachen suchend die Wahrheit ergründen" ist bei beiden im Wesentlichen derselbe, nur dass Herr Zhang vergleichsweise pessimistischer ist, denn er ist ein "Prophet" und hat ein für alle Mal festgestellt, dass man "in tausend Jahren diejenigen, die Gide und Balzac vorstellen, niemals ein oder zwei wichtige Werke von Gide oder Balzac für die chinesischen Leser übersetzen sehen wird, von Gesamtausgaben ganz zu schweigen".

(12. September.)

Siebter Essay über "Literaten verachten einander" — Beide Seiten verlieren

Die sogenannten Literaten verachteten einander ohne Ende, bis schließlich so mancher Autor seufzend den Kopf schüttelte, denn sie hätten den Literaturgarten besudelt. Das ist natürlich nicht ganz von der Hand zu weisen. Als Tao Yuanming "unter dem Ostzaun Chrysanthemen pflückte", musste sein Gemüt heiter und gelassen sein, damit er "in der Ferne gelassen den Südberg erblicken" konnte. Wenn aber diesseits und jenseits des Zauns Leute schrien und sprangen, fluchten und prügelten, so war der Südberg zwar noch da, doch die Gelassenheit dahin — und er konnte den Südberg nur noch "bestürzt erblicken". Heutzutage ist manches anders als zur Wende von der Jin- zur Song-Dynastie: Sogar der "Elfenbeinturm" ist auf die Straße gezogen, was durchaus den Anschein von "Unmittelbarkeit" erweckt; dennoch bedarf es der Muße — fehlt diese, so kann man sein tiefes Leid nirgends bergen, der Literaturgarten verliert seinen Glanz, und das Geschrei der Streithähne wird zur schweren Schuld. So wird auch die Lage der einander verachtenden Literaten immer schwieriger: Selbst die Straße ist kein Ort des Getümmels mehr, wahrhaftig eine Sackgasse.

Doch was geschieht, wenn man sich gleichwohl weiter verachten will? In der Qing-Dynastie gab es einen Präzedenzfall: Wenn ein Bezirksrichter auf seiner Runde zwei Streithähne antraf, ließ er, ohne nach Schuld oder Unschuld zu fragen, jeden von ihnen fünfhundert Stockhiebe auf das Gesäß erhalten, und die Sache war erledigt. Den Literaten, die einander nicht verachten, stehen zwar Schilder mit "Ruhe!" und "Aus dem Weg!" zur Verfügung, doch keine Bambuslatten; zum Schlagen wird es also nicht kommen. Stattdessen bedienen sie sich des "Feldzugs mit der Feder" und erklären, beide Seiten seien nichts Rechtes.

Die "Biographie des Bo Yi" und die "Biographie des Qu Yuan und Jia Yi" aus den "Historischen Aufzeichnungen" sind, wenn man die zitierten Elegien abrechnet, in Wahrheit auch nichts weiter als Kurzessays. Nur weil sie vom "Großhistoriographen" verfasst wurden und allgemein bekannt sind, hat niemand sie herausgegriffen und nachgedruckt. Von der Jin- bis zur Tang-Dynastie gab es gleichfalls einige beachtliche Autoren; über die Song-Prosa weiß ich nicht Bescheid, doch die Gedichte der "Jianghu-Schule" waren gewiss das, was ich als Kurzessays bezeichne. Was man heute allgemein befürwortet, stammt aus der Ming- und Qing-Zeit; ihr besonderes Merkmal, so heißt es, sei das "Ausdrücken der inneren Empfindung". Damals gab es tatsächlich einige, die nur imstande waren, innere Empfindungen auszudrücken; Zeitgeist und Umfeld, dazu Herkunft und Lebensweise der Verfasser, ließen nur solche Gedanken und solche Aufsätze zu. Obschon man vom "Ausdrücken der inneren Empfindung" sprach, verfiel man später dennoch in ausgetretene Gleise — es wurde ein bloßes "Pflichtprogramm der inneren Empfindung", eine routinemäßige Produktion nach Schema. Natürlich gab es auch solche, die die herannahende Gefahr ahnten und sie später am eigenen Leibe erfuhren, weshalb sich bisweilen in ihre Kurzessays auch Empörung mischte. Doch zur Zeit der Literarischen Inquisition wurde alles vernichtet und die Druckstöcke zerschlagen, sodass wir heute nur noch die "himmlischen Rosse im freien Lauf" gleiche, erhabene innere Empfindung vorfinden.

Diese durch die Auslese der Qing-Dynastie gefilterte "innere Empfindung" kommt der Gegenwart gerade recht: Sie besitzt die Lässigkeit des späten Ming, ohne die sogenannten "Ketzereien" des frühen Qing; in Zeiten des Friedens ist man ein Erhabener, und hat man keinen Staat mehr, so ist man immerhin noch ein Einsiedler. Auch ein Einsiedler muss gewisse Voraussetzungen erfüllen — vor allem eben die "Erhabenheit": Als "Gelehrter" überragt man das gemeine Volk, als "Einsiedler" übersteigt man die Verantwortung. Dass man heute den Kurzessays der Ming und Qing besonderes Gewicht beimisst, hat also durchaus seine guten Gründe und braucht niemanden zu verwundern.

Auch ich bin einer, der beständig zwischen dem Erhabenen und dem Gewöhnlichen hin- und herschwankt. Was ich jetzt sage, mag beinahe als Spielverderber gelten, doch bisweilen halte ich mich selbst für recht "fein"; gelegentlich schaue ich mir gern Antiquitäten an. Ich erinnere mich, vor mehr als zehn Jahren in Peking einen Provinzreichen kennengelernt zu haben, der — wie es dazu kam, weiß ich nicht — plötzlich auch von der "Eleganz" ergriffen wurde und ein Bronzegefäß erwarb. Es war angeblich ein Zhou-Ding, und wahrhaftig: Erdflecken und Patina in bunter Mischung, altertümliche Farbe und altertümlicher Duft. Doch wenige Tage später ließ er einen Kupferschmied die Erdflecken und den Grünspan bis auf den letzten Rest abscheuern, und erst dann stellte er es in seinem Salon auf, wo es messingglänzend strahlte. Ein solch blankgeputztes antikes Bronzegefäß hatte ich in meinem ganzen Leben kein zweites Mal gesehen. Alle "feinen Herren", die davon hörten, brachen in schallendes Gelächter aus, und auch ich konnte mich damals vor Erstaunen eines Lachens nicht erwehren. Doch gleich darauf wurde ich nachdenklich, als hätte ich eine Art Offenbarung empfangen. Diese Offenbarung war keineswegs von "philosophischer Tiefe", sondern vielmehr die Erkenntnis, dass ich hier dem wahren Zustand des Zhou-Ding nähergekommen war. Das Ding war zur Zhou-Zeit das, was uns heute die Schüssel ist; und da man seine Schüssel wohl kaum ein ganzes Jahr ungewaschen lassen wird, so muss das Ding in seiner Zeit blitzsauber und goldig strahlend gewesen sein — in der Sprache der Gelehrsamkeit ausgedrückt: Es war keineswegs "still und erhaben", sondern hatte eher etwas "Glühendes". Dieser gewöhnliche Geschmack ist mir bis heute nicht abhanden gekommen und hat meinen Blick auf alte Kunst verändert. Nehmen wir zum Beispiel die griechische Skulptur: Ich bin stets der Meinung gewesen, dass ihr heutiger Anschein, als hätte sie "nur noch reine Schlichtheit", zum Teil daher rührt, dass sie in der Erde gelegen hat oder lange Wind und Wetter ausgesetzt war und dadurch ihre Kanten und ihren Glanz eingebüßt hat. Zur Zeit ihrer Entstehung muss sie funkelnd neu, schneeweiß und leuchtend gewesen sein. Was wir heute als griechische Schönheit wahrnehmen, ist also keineswegs notwendig das, was die Griechen damals unter Schönheit verstanden; wir sollten sie uns als etwas Neues vorstellen.

Dies ist in der Tat ein Mangel. Schrift, die leicht zu erlernen und leicht zu schreiben ist, ist meistens auch nicht sonderlich präzise. Schwierige Schrift ist zwar nicht unbedingt immer präzise, doch wer Präzision anstrebt, kommt unweigerlich um eine gewisse Schwierigkeit nicht herum. Die Romanisierung in Lautschrift kann die vier Töne wiedergeben, die Lateinisierung kann es nicht — daher gibt es keine Unterscheidung zwischen "dong" und "dong" [verschiedene Töne]. Allerdings kann die Zeichenschrift den Unterschied zwischen "dong" und einem anderen Zeichen anzeigen, den die Romanisierung wiederum nicht darstellen kann. Aus der Tatsache, dass ein oder zwei Zeichen unterschieden werden können oder nicht, auf die Überlegenheit oder Minderwertigkeit einer neuen Schrift zu schließen, ist nicht angemessen. Zudem wird die Bedeutung klar, sobald die Schriftzeichen zu einem Text zusammengefügt werden. Selbst bei Zeichenschrift lässt sich, wenn man nur ein oder zwei einzelne Zeichen herausgreift, deren genaue Bedeutung oft schwer bestimmen. Zum Beispiel die zwei Zeichen "ri zhe": Für sich allein genommen können wir sie als "die Sonne, dieses Ding" verstehen, als "in den letzten Tagen" oder als "ein Wahrsager". Oder "guoran" — das bedeutet in der Regel "tatsächlich", ist aber auch der Name eines Tieres und kann als Beschreibung für etwas Erhöhtes dienen. Selbst ein einzelnes Zeichen wie "yi" lässt sich, isoliert betrachtet, nicht entscheiden, ob es die Zahl Eins meint oder das Verb "vereinigen". Doch eingebettet in einen Satz lösen sich alle Zweifel auf. Daher ist es kein berechtigter Einwand, ein oder zwei Wörter der Lateinisierung herauszugreifen und sie als mehrdeutig zu bezeichnen.

Der eigentliche Streit zwischen den Verfechtern der Romanisierung und der Lateinisierung dreht sich gar nicht um Genauigkeit oder Ungenauigkeit, sondern um den Ursprung und somit den Zweck. Die Romanisierungsbefürworter nehmen die alten Zeichenschrift als Grundlage und übertragen sie in lateinische Buchstaben, damit alle nach dieser Norm schreiben. Die Lateinisierungsbefürworter hingegen nehmen die heutigen Dialekte als Grundlage und übertragen sie in lateinische Buchstaben — das ist dann die Norm.

"Faust und die Stadt" — Rou Shi

"Die Moderne" / "Studien zur Gesellschaft des alten China" — Guo Moruo

"Der Kohlenkönig" — Guo Moruo

"Die schwarze Katze" — Guo Moruo

"Zehn Jahre Schöpfung" — Guo Moruo

"Der Obstgarten" — Lu Xun

"Gesammelte Dramen von Tian Han" (5 Bände) — Tian Han

"Der Tod des Dantschegir" — Tian Han

"Gesammelte Werke von Hirabayashi Taiko" — Shen Duanxian

"Restliche Soldaten" — Zhou Quanping

"Ohne Kirschblüten" — Pengzi

"Das Ringen" — Lou Jiannan

"Nachtgesellschaft" — Ding Ling

"Gedichtmanuskripte" — Hu Yepin

"Der Kohlengrubenarbeiter" — Gong Binglu

"Nachgelassene Werke von Guangci" — Jiang Guangci

"Lisas Klage" — Jiang Guangci

"Wildopfer" — Jiang Guangci

"Methoden des Schreibens in der Umgangssprache" — Gao Yuhan

"Gesammelte Werke von Fujimori Seikichi" — Senbao

"Liebe und Hass" — Senbao

Dies ist ein Verzeichnis beschlagnahmter Bücher. Jedes einzelne Buch auf dieser Liste ist ein Zeugnis der Unterdrückung des freien Denkens, ein Denkmal jener dunklen Tage, da die Zensur alles verschlang, was ihr nicht genehm war. Die Namen der Autoren lesen sich wie ein Ehrenregister der fortschrittlichen Literatur jener Epoche — Schriftsteller, die es wagten, gegen den Strom zu schwimmen, und deren Worte man mit Gewalt zum Verstummen zu bringen suchte.

Was die Zensoren betrifft — ich hege den Verdacht, unter ihnen befinden sich etliche "Literaten"; wäre dem nicht so, könnten sie ihre Arbeit nicht derart bewundernswert verrichten. Natürlich streichen und verbieten sie bisweilen auf eine Weise, die einen ratlos zurücklässt; ich vermute, dies geschieht vor allem zur Machtdemonstration. Die Neigung zum Machtgebaren legt auch ein Literat nur schwer ab, und überdies ist dies kein wirkliches Laster. Es gibt noch einen weiteren Grund, der wohl mit dem Reisnapf zusammenhängt. Essen müssen ist gewiss kein Laster, doch wenn es ums Essen geht, so haben es die zensierenden Literaten und die zensierten Literaten gleich schwer. Auch die Zensoren haben Konkurrenten, die auf Lücken lauern; ein Moment der Unachtsamkeit, und der Reisnapf ist ihnen entrissen. Daher müssen sie beständig Ergebnisse vorweisen — das heißt, unablässig verbieten, streichen, verbieten, streichen, und zum dritten Mal verbieten, streichen. Als ich zum ersten Mal nach Shanghai kam, sah ich einmal einen Westler aus einem Hotel herauskommen, und sogleich rasten mehrere Rikschas auf ihn zu. Er stieg in eine und fuhr davon. Da erschien plötzlich ein Schutzmann, versetzte einem der Rikschakulis, die keinen Fahrgast ergattert hatten, einen Schlag auf den Kopf und riss die Lizenz von seiner Rikscha ab. Ich verstand, dass damit ein Vergehen gemeint war, konnte aber nicht begreifen, warum es ein Vergehen sein sollte, keinen Fahrgast bekommen zu haben, denn es war ja nur ein einziger Westler dagewesen, der natürlich nur eine Rikscha nehmen konnte, und der Kuli hatte sich auch gar nicht darum gestritten. Später klärte mich glücklicherweise ein alter Shanghai-Kenner auf: Der Schutzmann müsse jeden Monat eine bestimmte Anzahl von Delinquenten vorweisen; tue er das nicht, gelte er als faul, was seinem Reisnapf recht abträglich sei. Echte Verbrecher seien schwer zu finden, also müsse man sie eben erfinden. Ich glaube, wenn Zensoren bisweilen auf seltsamste Weise zensieren und durchaus ein paar rote Striche auf einem Manuskript hinterlassen müssen, dann hat das wohl den gleichen Grund. Wenn es wirklich so sein sollte, dann kann ich, obwohl sie meine "Ausgewählten Werke Tschechows" unweigerlich zu einer "Ruinenlandschaft" zurechtstutzen müssen, doch Verständnis aufbringen.

"Drittens schaffe ich, weil ich lieben will. Meine Liebe wird von dem Drang getrieben, das Leben oder die Natur, die jenseits der Mauer erscheint und verschwindet, so wahrheitsgetreu wie möglich zu ergreifen. Daher hisse ich mein Banner so hoch ich kann, schwenke mein Tuch so kräftig ich kann. Die Gelegenheiten, dass dieses Signal erwidert wird, sind natürlich nicht häufig, und bei einem so einsamen Charakter wie dem meinen erst recht nicht. Aber ob zweimal oder auch nur einmal — wenn ich entdecken kann, dass mein Signal durch ein unmissverständliches Signal erwidert wird, dann hat mein Leben den Gipfel des Glücks erreicht. Um dieses Glücksgefühl willen schaffe ich.

Viertens schaffe ich auch, weil ich mein eigenes Leben antreiben will. Wie dumm und aufwärtsfeindlich ist doch mein Leben! Ich bin dessen überdrüssig. Es gibt bereits einige Schalen, die ich hätte abstreifen sollen. Meine Werke dienen als Peitsche und schlagen streng auf diese hartnäckigen Schalen ein. Möge mein Leben durch meine Werke umgestaltet werden!"

"An die Kleinen" (Chīsaki monoe) findet sich im siebten Band der "Gesammelten Werke" und ist auch in der Sammlung japanischer Erzählungen in Romanisierung enthalten.

"Der Tod der Osue" (Osue no shi) findet sich im ersten Band der "Gesammelten Werke".

Eguchi Kan

Eguchi Kan (江口渙), geboren 1887, studierte englische Literatur an der Universität Tokio und schloss sich dem Bund der Sozialisten an.

"Die Nacht in der Schlucht" (Kyokoku no yoru) erschien in der Sammlung "Der rote Pfeilwimpel".

Alles, was die Menschen mit dem Mund sagen und mit der Feder schreiben, ist in einem gewissen Sinne Selbstbekenntnis und Selbstrechtfertigung. Je mehr man also zu sagen und zu schreiben hat, desto mehr blamiert man sich auch, wenn man einmal zu reden anfängt. Wenn man so darüber nachdenkt, erscheinen die Schriftsteller beinahe wie überaus aufrichtige Wesen — doch in Wahrheit sind sie es ganz und gar nicht. Byron, der von Anfang an sein Selbstbekenntnis zur Ware und zum Aushängeschild machte, war gewiss eine Figur, die vor Selbstgefälligkeit strotzte. Was Rousseaus "Bekenntnisse" betrifft — sie sind auch in Japan bereits übersetzt und haben zahlreiche Leser gefunden; es ist ein berühmtes Werk der Neuzeit. Doch schon bei diesem Buch ist es einigermaßen fraglich, bis wohin die reine Aufrichtigkeit eigentlich reicht. Was Goethes "Dichtung und Wahrheit" angeht, so gibt es schon lange den Einwand, die Tatsachendarstellung darin sei ungenau. Und auch bei den Bekenntnissen des antiken Augustinus oder des neuzeitlichen Tolstoi sollte man sie nicht blindlings schlucken, nur weil es sich um Bekenntnisse handelt. Carlyle schrieb in einem Aufsatz, der einzige unter allen Dichtern aller Zeiten, der sich mit vollkommener Aufrichtigkeit und Offenheit dargestellt habe, sei der Dichter Burns. Diese Worte darf man wohl nicht einfach als bloße Übertreibung abtun.

Was die japanische Literatur betrifft, so sind Bekenntnis-Schriften dort noch weitaus seltener. Die nachmeijizeitliche Literatur sei hier beiseitegelassen; in Arai Hakusekis "Aufzeichnungen vom Verbrennen des Holzes" ist der Stil zwar kunstvoll, doch handelt es sich nicht um ein echtes Selbstbekenntnis.

Der Grund, weshalb man mit Absicht auf das Gesicht einer schönen Frau ein kleines Schönheitsmal setzt, ist derselbe wie in Japan, wo man ein wenig Schwärze auf den Vorderzähnen schätzt, weil man meint, dies könne der Anmut eines jungen Mädchens etwas hinzufügen.

Wenn man eine gelehrte Miene aufsetzt, so handelt es sich um die Anwendung des Gesetzes des Kontrastes. Neben etwas Weißes stellt man etwas Schwarzes; in eine Tragödie mischt man komische Elemente — und der Grundton wirkt dadurch stärker und kraftvoller. Die Ästhetiker erklären es damit, dass der Effekt gesteigert werde. Die Pförtnerszene in der Tragödie "Macbeth" ist ein gutes Beispiel dafür. Auf die Haut einer an sich schon schönen, ungeschminkten weißen Frau trägt man erst Puder und Rouge auf und setzt dann noch einen dunklen "Schönheitsfleck" darauf. In den Puderzucker mischt man eine Prise Salz, um die Süße zu verstärken — das ist im Grunde dasselbe Prinzip.

Redewendungen wie "makellos wie Jade" gibt es zwar, doch in Wahrheit weist jeder Mensch, gleichgültig wen man betrachtet, in seinem Charakter irgendwo gewiss einen Makel auf. Und so erfindet man eine Person ganz ohne Makel und nennt sie Gott — doch dieses Wesen namens Gott scheint es unter den Menschen nicht zu geben. Betrachtet man ferner die Lebensumstände eines jeden Einzelnen, so findet sich stets irgendein Mangel. Man hat Geld, doch man ist krank. Man ist bei bester Gesundheit, doch arm. Auf der einen Seite verdient man Geld, auf der anderen verliert man es. Eben glaubt man, nun sei alles gut, da folgen die unerledigten Dinge eines nach dem anderen. Nichts, was Menschen tun, ist ohne Fehler. Selbst auf der angenehmsten Reise etwa schleppt man auf einem langen Weg unweigerlich ein oder zwei Missgeschicke mit sich, oder irgendein Kummer begleitet einen.

Auf dem Platz neben mir saß ein Ehepaar, das offenbar gerade von einem Sommerfrische-Aufenthalt zurückkehrte — zwei sehr kultivierte ältere Leute. Als der Zug an einem großen Bahnhof hielt, wollte der alte Herr hier aussteigen. Er nahm seine recht schwere Reisetasche und erhob sich. Durch das Zugfenster sah man draußen eine Schar unordentlich wirkender Leute, die einander drängten und schoben und zum Waggon stürmten, um einzusteigen.

Der alte Mann stellte seine Tasche auf den Fensterrahmen und wollte gerade einen Gepäckträger rufen, als ein etwa dreißigjähriger Mann in westlicher Kleidung, der sich hinter der zum Eingang drängenden Menge befunden hatte, gemächlich ans Zugfenster herantrat, um dem alten Mann die Reisetasche abzunehmen. Einen Augenblick lang hielt ich ihn für einen Abholer, doch der Alte zögerte und schien sein Gepäck nicht einem ihm Unbekannten übergeben zu wollen. Da winkte der Mann im Westanzug mit der linken Hand einem in Sichtweite befindlichen Gepäckträger zu und nahm mit der rechten Hand seinen eigenen Strohhut ab, streckte den Arm geschickt aus und legte den Hut auf den Platz, auf dem der Alte eben noch gesessen hatte. Der Alte dankte dem Mann, der ihm den Gepäckträger herbeigerufen hatte, und das Ehepaar stieg aus.

Im Inneren des Waggons herrschte nun Lärm und Durcheinander wegen der vielen Fahrgäste, die sich drängend und stoßend hereingeschoben hatten. Doch Plätze gab es bei weitem nicht genug — ausgestiegen waren kaum fünf oder sechs Personen, eingestiegen aber wohl zwei- bis dreißig.

Dann erschien der dreißigjährige Mann im Westanzug, der gemächlich hereinkam. Auf dem Platz neben mir, dem früheren Sitz des alten Herrn, thronte bereits wohlgestellt ein Strohhut, und mochte das Gedränge noch so groß sein — alle zollten dem Hut Respekt, und dieser eine Platz war noch frei geblieben. Der Dreißigjährige setzte sich in aller Ruhe seinen Strohhut auf den Kopf und ließ die zwei Geishas, die ihn begleiteten, auf diesem Platz Platz nehmen.

Russisch kann ich keinen einzigen Buchstaben lesen; nur mithilfe unvollständiger französischer und englischer Übersetzungen habe ich ein wenig von den berühmten Dramen und Romanen des vergangenen Jahrhunderts gelesen, sodass ich selbstverständlich keinerlei Berechtigung habe, über Russland zu urteilen. Selbst bei Literatur, die als reines Handelsgeschäft betrieben wird, weiß ich über die neuesten russischen Werke absolut nichts. Blickt man in die ausländischen Telegramme der Zeitungen, so findet man immer wieder Nachrichten von sogenannten Extremisten, die einem rätselhaft erscheinen, die aber allesamt kaum glaubwürdig sind und durchweg nur fragmentarische Berichte darstellen, aus denen man sich keinen Reim machen kann. Was die Russen gegenwärtig denken und tun, ob es gut oder schlecht, recht oder unrecht ist — darüber kann ich als Stubengelehrter noch nicht einmal ein Urteil abgeben, nicht einmal irgendeine Einschätzung.

Was nun das Wort "Bolschewiki" betrifft: Ich erinnere mich, in einem englisch geschriebenen Buch gelesen zu haben, dass es "more", also "mehr", bedeute. Warum aber wird es im Japanischen als "Extremistenpartei" übersetzt? Schon an diesem ersten Punkt scheitert mein Verständnis. Es mag wohl kaum vorkommen, dass jemand absichtlich eine falsche oder verzerrte Übersetzung in Umlauf bringt — und dennoch weiß ich nicht, wie es sich damit verhält. Zusammenfassend gesagt: Was die Bolschewiki und auch die Menschewiki betrifft — die gemäßigte Fraktion der demokratischen Sozialisten —, kenne ich die Einzelheiten nicht gut genug. Wenn es aber berechtigt sein soll, das Wort "Mehrheitspartei" als "Extremistenpartei" zu übersetzen, dann müsste man in Japan auch die Mehrheitspartei als "Extremistenpartei" bezeichnen. Wie man hört, werden in China neuerdings recht viele japanische Übersetzungsbegriffe übernommen. Doch ausgerechnet bei "Bolschewiki" hat man diese seltsame japanische Übersetzung "Extremistenpartei" nicht übernommen, sondern es ehrlich und aufrichtig bei der Transliteration belassen.

Nicht nur Literatur und Kunst — in der heutigen Welt haben sich auch Politik und Diplomatie weiterentwickelt. Es genügen nicht mehr, wie einst, bloße Taktik und scharfer Blick. Das Arbeitsproblem lässt sich nicht mehr durch Fabrikgesetze und dergleichen lösen, und der Völkerbund kann mit dem bloßen Hin und Her diplomatischer Noten keine Angelegenheiten mehr zum Abschluss bringen. Denn alle Aktivitäten des kulturellen Lebens ruhen auf dem Fundament des geistigen Lebens. Wer die japanische Außenpolitik vor und nach dem russisch-japanischen Krieg als stümperhaft tadelt — das waren nur die damaligen japanischen Zeitungen. Wir dagegen haben wiederholt gesehen, wie ausländische Kritiker die Geschicklichkeit der früheren japanischen Diplomatie priesen. Geschickt — ja, denn es waren nur Taktiken. Flink — ja, denn es war nur Scharfblick. Weil nämlich das übliche kleine Geschick des gescheiten kleinen Mannes ein wenig Erfolg zeitigte. Angesichts des Scheiterns der Friedenskonferenz gibt es nun Stimmen, die dies dem mangelhaften Propagandageschick der Japaner zuschreiben. Doch wer keine Gedanken hat — was soll er denn propagieren? Selbst wenn er propagieren wollte — hat er denn propagierbare Gedanken? Wer nichts im Kopf und Bauch hat, mag seinen Mund noch so fleißig auf und zu klappen — es bleibt doch nur ein leeres, langweiliges Schauspiel.

Es ist japanische Sitte, das Schwingen großer Reden in der Öffentlichkeit für ein Laster zu halten. Geht es darum, in kleinen Hinterzimmern geschickt zu lavieren, dann besitzt man allerlei Fertigkeiten. Die sogenannten Beschlüsse auf Versammlungen sind nur Fassade; in Wahrheit ist es die von einigen wenigen Ränkeschmieden im Hinterzimmer abgesprochene Speisekarte. Zum Glück sind die Japaner seit Jahrhunderten an den Grundsatz "Der Mund ist das Tor des Unheils" gewöhnt und haben unter der Gewaltherrschaft gelebt, der Redefreiheit beraubt, und zwar jahrhundertelang, ohne darunter im Geringsten zu leiden — ein wahrhaft erstaunliches Volk.

An jenem Abend war ein großes Hochzeitsfest aufgerichtet, und auch der Großfürst war zugegen. Der Großfürst sah das prächtige junge Paar herannahen. In diesem Augenblick standen der Großfürst und die junge Braut einander von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Gemäß der damaligen höfischen Etikette gewährte der Großfürst der Braut seines Vasallen, der Familie Likerti, einen Kuss.

Es war wirklich nur ein Augenblick. In diesem flüchtigen Moment hätten die beiden unmöglich die Gelegenheit zu einem Gespräch finden können, doch der Bräutigam, der mit gesenktem Haupt dastand, glaubte, ein Wort vernommen zu haben.

In jener Nacht, als Braut und Bräutigam im Schein der Kerzen im Schlafgemach einander gegenübersaßen, verkündete der Mann: Bis zu seinem Tode dürfe sie keinen Schritt aus dem Hause tun. Sie dürfe nur vom Ostfenster herab auf die Menschenwelt blicken, gleich dem Chronisten in einem Kloster.

"Zu Befehl", antwortete sie, doch in ihrem Herzen gab es eine andere Antwort: Noch eine Nacht mit diesem Teufel? Bevor die Abendglocke schlägt, von hier fort — als Diener verkleidet zu fliehen wäre leicht. — Doch nicht morgen. (Während sie so dachte, erstarrte ihr Blick.) Auch der Vater ist hier; um des Vaters willen noch einen Tag bleiben. Nur einen einzigen Tag. Die Prozession des Großfürsten wird morgen sicherlich auch zu sehen sein.

So dachte sie im Bett, wendete sich einmal um und schlief ein. Jedermann ist so: Ist die Sache einmal beschlossen und auf morgen vertagt, so schläft man ein — und auch diese junge Braut war so.

In jener Nacht ging es auch dem Großfürsten durch den Kopf: Und sollte dieser Kelch des Glücks, an Leib und Seele, noch so teuer oder noch so billig sein — er wolle ihn in einem Zuge leeren.

Die Schwächen eines solchen Stubengelehrten-Lebens haben zwei Ebenen: die Auswirkungen auf seine eigene Ausbildung und die Auswirkungen auf die Gesellschaft im Allgemeinen. Die erste Ebene sei hier beiseitegelassen; die zweite empfinde ich mit Schmerzen. Stubengelehrte wirken in der Regel als Wissenschaftler, Denker, Literaten und dergleichen auf die wirkliche Gesellschaft ein. Deshalb sind ihre Schwächen nicht bloß ihre persönlichen Schwächen, sondern Schwächen in ihrer Wirkung auf die Gesellschaft. Die ichbezogene Neigung und die Anlage zur Selbstgenügsamkeit, die dem Stubengelehrten zu eigen sind, zeitigen somit zweierlei schlechte Einflüsse auf die Gesellschaft: Zum einen neigen die Gedanken solcher Stubengelehrten dazu, jeden Bezug zur Gesellschaft zu verlieren. Zum anderen beginnt die Gesellschaft die Äußerungen dieser selbstgefälligen Denker zu verachten. Das Ergebnis ist eine Kluft zwischen den Denkern und der wirklichen Gesellschaft. Dass sich Denken und wirkliches Leben auf diese Weise voneinander entfernen, ist freilich nicht allein die Schuld der Denker; unter einer Gewaltherrschaft verschärft sich dieser Zustand noch. Da man ohnehin vergeblich redet, gleiten die Denker leicht ins leere Gerede und in haltlose Behauptungen ab.

Wenn das Ziel des menschlichen Lebens in der Entfaltung der Kultur liegt, so sollten wir die Anstrengungen jener Denker, die zu dieser kulturellen Entfaltung beitragen, achten und ihnen dankbar sein. Doch wenn die Stubengelehrten durch die genannten Schwächen völlig vom wirklichen Leben abgeschnitten sind, so stellt dies ein schwerwiegendes Hindernis für die kulturelle Entwicklung der Gesellschaft dar. Daher hat auch die Gesellschaft Anlass, einmal innezuhalten und nachzudenken.

Es kommt auf Annäherung von beiden Seiten an. Doch ich spreche hier nur von der Seite der Stubengelehrten, die den ersten Schritt tun sollten. Das heißt: Die Stubengelehrten müssen sich mit dem wirklichen Leben, mit der wirklichen Welt verbinden.

Ich erinnere mich noch, dass mein Beweggrund beim Kauf recht lächerlich war: Ich wollte nur die Büchertitel sehen, die sie alle vierzehn Tage veröffentlichten, und Neuigkeiten von den Literaturszenen aller Länder lesen — gewissermaßen am Fleischerladen vorbeigehen und den Duft einatmen, was immerhin besser war, als den Fleischerladen nur leer zu passieren und gar nichts zu riechen. Was den ehrgeizig Schritt betraf, die Bücher selbst zu kaufen und zu lesen, so hatte ich davon nicht einmal im Traum etwas. Doch dann stieß ich zufällig auf eine Probeübersetzung des fünften Kapitels von "Der kleine Johannes" in der Zeitschrift und war augenblicklich hingerissen. Ein paar Tage später lief ich zum Buchladen Nankodo, um es zu kaufen — vergebens. Dann lief ich zum Maruzen-Buchladen — ebenfalls vergebens. Also gab ich dort eine Bestellung nach Deutschland auf. Ungefähr drei Monate später hielt ich das Buch tatsächlich in Händen. Es war die Übersetzung von Anna Fles, mit einem Vorwort von Dr. Paul Raché, ein Band der "Bibliothek der Gesamt-Literatur des In- und Auslandes" (Verlag von Otto Hendel, Halle a. d. S.), und kostete nur fünfundsiebzig Pfennig, umgerechnet vier unserer Jiao, und war zudem in Leinen gebunden!

Wie es im Vorwort heißt, handelt es sich um ein "symbolistisch-realistisches Märchen in Prosa" — ein Gedicht ohne Reim, ein Märchen für Erwachsene. Aufgrund der umfassenden Bildung und der feinen Empfindsamkeit des Verfassers hat es das gewöhnliche Erwachsenenmärchen vielleicht sogar bereits übertroffen. Darin finden sich etwa die Lebensgeschichte des Goldkäfers, das Treiben der Pilze, die Ideale des Glühwürmchens, die Friedenstheorie der Ameisen — alles eine Mischung aus Wirklichkeit und Phantasie. Ich fürchte ein wenig, dass jemand, der den Erscheinungen der belebten Natur wenig Beachtung schenkt, dadurch manchen Genuss einbüßen könnte. Doch ich ahne auch, dass es Liebhaber geben wird.

Man kann auch Frau Bosboom-Toussaint (Gertrude Bosboom-Toussaint, 1812-86) als Vorläuferin einer neuen Richtung anführen. Ihre ersten historischen Romane und Sittenromane standen noch in dem Rahmen, der sich in selbstzufriedener Breite drehte, und stützten sich auf das althergebrachte niederländische Epos mit seinen herkömmlichen Stoffen; später jedoch wandte sie sich sozialen und psychologischen Problemen zu und behandelte sie mit beträchtlicher Meisterschaft in mehreren historischen Romanen wie "Major Frans" und "Raymond de Schrijnwerker".

Nach dem Aufbruch der neuen Richtung in den frühen achtziger Jahren richteten sich die ersten Bemühungen zunächst auf die Oberfläche, auf die Form. Man suchte für Vers und Prosa neue Ausdrucksweisen, wodurch dem Niederländischen Geschmeidigkeit und Leben zugeführt wurden, die seiner bisherigen Schwerfälligkeit fehlten. Zunächst versuchte man, der bis dahin arg vernachlässigten Lyrik, die unter dem Staub zweier Jahrhunderte kalter Erinnerung beinahe erstickt war, wieder zu Ehren zu verhelfen. Bis zu jenem Zeitpunkt konnte man kaum von einer niederländischen Lyrik sprechen; nun aber gewannen diese lyrischen Gedichte, die den Vergleich mit denen anderer Völker nicht zu scheuen brauchten, eine kraftvolle Stellung.

An erster Stelle verdient hier der jung verstorbene Perk (Jacques Perk, 1860-81) genannt zu werden. Seine 1883 veröffentlichten Gedichte vereinigten erstmals alle Vorzüge und verhalfen in kürzester Frist der niederländischen Lyrik zu einem ehrenvollen Platz in der Weltliteratur.

Unter den Lyrikern des "Jungen Holland" war der aus Antwerpen stammende Pol de Mont einer der bedeutendsten.

Versteht ihr nun, was Johannes ihm mit Ehrfurcht begegnete? Mit dem kleinen braunen Presto hingegen verkehrte er aufs Vertrauteste. Presto war weder schön noch vornehm, doch ein ausnehmend aufrichtiges und verständiges Tier; man konnte es nie von Johannes auch nur zwei Schritte trennen, und es hörte den Reden seines Herrn geduldig zu. Ich kann euch kaum sagen, wie innig Johannes diesen Presto liebte. Doch in seinem Herzen blieb noch viel Raum für andere Dinge. Sein kleines, dämmeriges Zimmerchen mit den kleinen Glasfenstern nahm darin ebenfalls einen wichtigen Platz ein — das verwundert euch vielleicht? Er liebte den Teppich mit den großen Mustern, in denen er Gesichter erkannte, und auch dessen Form hatte er viele Male studiert, wenn er krank war oder morgens wach im Bett lag. Er liebte das einzige kleine Bild, das dort hing, auf dem erstarrte Spaziergänger in einem ebenso erstarrten Garten wandelten, an einem spiegelglatten Teich entlang, aus dem ein himmelhoher Springbrunnen aufstieg, und liebliche Schwäne schwammen. Doch am allermeisten liebte er die Uhr. Er zog sie stets mit der größten Sorgfalt auf; wenn sie schlug, sah er sie an und betrachtete dies als eine feierliche Pflicht. Allerdings nur, solange Johannes noch nicht eingeschlafen war. Blieb die Uhr durch seine Nachlässigkeit stehen, so empfand Johannes großes Bedauern und bat sie hundert und abermals hundert Mal um Verzeihung. Ihr würdet wohl lachen, wenn ihr hörtet, wie er mit seiner Uhr oder mit seinem Zimmer sprach. Doch gebt acht — wie oft sprecht ihr mit euch selbst! Das findet ihr ganz und gar nicht lächerlich. Überdies glaubte Johannes, sein Gegenüber verstehe ihn vollkommen.

Sie gingen über die Wiese und gelangten von der anderen Seite auf den Hügel. Pfui, das war ein mühseliges Vorankommen im tiefen Sand! — Doch als Johannes den durchscheinenden blauen Mantel von Windchen ergriff, flog er leicht und rasch hinauf. Auf halbem Wege zum Hügelkamm lag der Bau eines Wildkaninchens. Das Kaninchen, das dort wohnte, lag mit Kopf und Pfoten am Eingang seines Loches und genoss die herrliche Nachtluft. Die Heckenrosen waren noch Knospen, und ihr zarter, feiner Duft mischte sich mit dem Blütenduft des Thymians, der auf dem Hügel wuchs.

Johannes hatte oft gesehen, wie das Wildkaninchen in sein Loch schlüpfte, und hatte sich jedesmal gefragt: "Wie sieht es wohl dort drinnen aus? Wie viele mögen dort beisammen sein? Sorgen sie sich nicht?"

Er war daher hocherfreut, als er hörte, wie sein Begleiter das Kaninchen fragte, ob man den Bau einmal besichtigen dürfe.

"Von mir aus schon", sagte das Kaninchen. "Aber es trifft sich ungünstig: Gerade heute Abend habe ich meinen Bau hergegeben, weil eine Wohltätigkeitsfeier stattfindet, und daher bin ich in meinem eigenen Haus nicht mehr der Herr."

"Oh, oh, ist ein Unglück geschehen?"

"Ach ja!" sagte das Kaninchen betrübt. "Ein schwerer Schlag, an dem wir noch jahrelang tragen werden. Tausend Sprünge von hier entfernt wird ein Menschenhaus gebaut. So groß, so groß! — Die Menschen sind dort eingezogen und haben Hunde mitgebracht. Sieben Mitglieder meiner Familie sind dort verunglückt, und die Obdachlosen sind dreimal so viele. Besonders für die Mäuse-Sippe und die Familie der Erdhörnchen ist es schlimm, und auch die Kröten haben stark gelitten. Also veranstalten wir eine Versammlung für die Hinterbliebenen; jeder tut, was er kann, und ich stelle meinen Bau zur Verfügung. Man muss doch für seine Artgenossen sorgen."

Wo war er denn, Presto? — Wo war denn dein kleiner Herr? — Als er im Boot zwischen dem Schilf erwachte, wie erschrak er da! — Er war allein — sein Herr war spurlos verschwunden. Das machte einem Angst und Bange. — Du bist nun schon lange umhergelaufen und hast ohne Unterlass aufgeregt bellend nach ihm gesucht, nicht wahr? — Armer Presto. Wie konntest du auch so fest schlafen und nicht aufpassen, als dein Herr das Boot verließ! Sonst warst du doch schon wach, sobald er sich nur rührte. Deine sonst so feine Nase nützt dir heute nichts. Du kannst kaum ausfindig machen, wo dein Herr an Land gegangen ist, und in den Sanddünen hast du seine Spur vollends verloren. Auch dein eifriges Schnüffeln hilft dir nicht. Oh, diese Verzweiflung! Der Herr ist fort! Spurlos verschwunden! — Dann such, Presto, such ihn! Halt, gerade vor dir auf dem Dünenabhang — liegt dort nicht ein kleines, dunkles Etwas? Sieh einmal genau hin!

Der kleine Hund stand reglos und lauschte eine Weile, den Blick in die Ferne gerichtet. Dann hob er plötzlich den Kopf und rannte mit aller Kraft seiner vier dünnen Beine auf den dunklen Punkt am Dünenabhang zu.

Als er den qualvoll Vermissten, den kleinen Herrn, gefunden hatte, tat er alles, um seine ganze Freude und Dankbarkeit auszudrücken, und es schien ihm immer noch nicht genug. Er wedelte mit dem Schwanz, sprang, winselte, bellte, schnüffelte und leckte den lang Gesuchten und drückte seine kalte Nase auf dessen Gesicht.

"Still, Presto, in dein Körbchen!" rief Johannes halb im Schlaf.

"In seiner Nähe ragte ein dünner, kräftiger Grashalm empor, der sachte im Abendwind hin und her schwankte. Es packte ihn mit seinen sechs krummen Beinen und hielt sich ganz fest daran. Von unten gesehen schien er wie ein hoher, gewaltiger Riese, überaus steil. Doch der Goldkäfer wollte noch höher hinauf. Das ist des Lebens Pflicht, dachte er, und begann furchtsam den Aufstieg. Es ging langsam; mehrfach rutschte er zurück, aber er kam voran. Als er endlich die äußerste Spitze erreicht hatte und dort wippte und schwankte, fühlte er sich zufrieden und glücklich. Was er von dort sah — ihm erschien es, als sähe er die ganze Welt. Rings umgab ihn Luft — welche Seligkeit! Er blähte seinen Hinterleib so weit er konnte. Er war in bester Laune! Er wollte immerzu aufsteigen! Voll Entzücken hob er die Flügeldecken, ließ einstweilen die Netzflügel erzittern — er wollte empor, immer nur empor — und zitterte abermals mit den Flügeln, die Krallen lösten sich vom Grashalm, und — ach, welche Wonne! ... hu — hu — er flog empor — frei und froh — in den stillen, warmen Abendhimmel."

"Und dann?" fragte Johannes.

"Was danach kommt, ist nicht so erfreulich; das erzähle ich dir ein andermal."

Sie flogen über den Teich. Zwei säumige weiße Schmetterlinge flatterten mit ihnen zusammen.

"Wohin geht die Reise, ihr Elfen?" fragten sie.

"Zur großen Heckenrose dort drüben am Hang, die dort blüht."

"Wir kommen mit euch!"

Schon aus der Ferne sah man deutlich ihre vielen zartgelben, weichen Blüten. Die kleinen Knospen waren schon ganz rot gefärbt, die aufgeblühten Blüten zeigten noch blassrosa Ränder.

Der blasse Mann sagte, Gott habe zu ihrem Beisammensein die Sonne so fröhlich scheinen lassen. Windchen lachte ihn aus und warf ihm aus dem dichten Laub eine Eichel auf die Nase.

"Er soll mal eine andere Meinung vertreten", sagte er, "mein Vater muss für sie scheinen — was bildet sich der Kerl eigentlich ein!"

Doch der blasse Mann geriet über die Eichel, die scheinbar vom Himmel gefallen war, gerade in Rage. Er redete sehr lang, und je länger, desto lauter. Am Ende wurde er abwechselnd bleich und rot im Gesicht, ballte die Fäuste und schrie so laut, dass die Blätter zitterten und auch das Gras vor Schreck hin und her schwankte. Als er sich endlich wieder beruhigt hatte, fing die Gesellschaft wieder an zu singen.

"Bah", sagte ein Pirol, der vom hohen Baum herabgekommen war, um sich die Sache anzusehen, "das ist ein entsetzlicher Unfug! Wenn eine Herde Kühe in den Wald käme, wäre mir das noch lieber. Hört euch das mal an, bah!"

Nun, der Pirol war ein Kenner und hatte feinen Geschmack.

Nach dem Gesang holte die Gesellschaft aus Körben, Schachteln und Papiertüten allerlei Esswaren hervor. Viele Papiere wurden ausgebreitet, Brötchen und Orangen verteilt. Auch Flaschen kamen zum Vorschein.

Da rief Windchen seine Kameraden zusammen und eröffnete den Angriff auf die fröhliche Gesellschaft.

Eine dreiste Kröte hüpfte einer älteren Dame auf den Schoß, ganz nah an das Brötchen heran, das sie gerade in den Mund stecken wollte, und blieb dort hocken, als staunte sie über ihre eigene Kühnheit. Die Dame stieß einen lauten Schrei aus, starrte entsetzt auf den Angreifer und wagte es nicht, ihn zu berühren.

Johannes aß wirklich nicht. Er nahm einen dürren Zweig und steckte ihn in den fleischigen Hut hinein. Das sah recht komisch aus, und alle anderen lachten. Da war auch eine Schar schwächlicher kleiner Pilze mit braunen Köpfchen, die wohl innerhalb von zwei Stunden zusammen herausgekommen waren und sich nach draußen drängten, um die Welt zu besichtigen. Der Giftpilz wurde vor Wut ganz blau. Auch dies bewies, dass er von der giftigen Sorte war.

Die Erdsterne streckten auf ihren vierzackigen Fußgestellen ihre runden, aufgeschwollenen Köpfchen empor. Von Zeit zu Zeit bliesen sie aus dem Mund ihres runden Köpfchens feinsten Staub und bildeten ein kleines bräunliches Wölkchen. Dieser Staub fiel auf feuchte Erde und bildete Linien aus schwarzem Boden, und im nächsten Jahr wuchsen dort Hunderte von neuen Erdsternen.

"Was für ein schönes Dasein!" sagten sie zueinander. "Staubwolken zu blasen ist der höchste Lebenszweck. Solange man lebt, solange bläst man Staub — welch ein Glück!"

Und so schickten sie mit inbrünstigem Verlangen ihre kleinen Staubwolken in die Luft.

"Haben sie recht, Windchen?"

"Warum nicht? Wie sollten sie es noch besser wissen? Sie verlangen nicht mehr Glück, weil sie zu mehr nicht imstande sind."

Die Nacht war schon tief, und die Baumschatten waren in ein einheitliches Dunkel verschmolzen, als das geheimnisvolle Beben des Waldes noch nicht aufhörte. Im Gras und im Gebüsch knisterten und knackten überall Zweigchen, raschelte dürres Laub. Johannes spürte den unhörbaren Windhauch schlagender Flügel und wusste, dass unsichtbare Wesen in seine Nähe gekommen waren. Nun vernahm er deutliche Stimmen, die flüsterten, und Füßchen, die mit leisen Schritten hüpften. Sieh da, aus der schwarzen Tiefe des Gebüschs schimmerte ein kleines Lichtpünktchen.

"Ja, ja! Das ist es, genau das ist es! — Willst du mir helfen, wenn ich es dir sage?"

"Wenn ich kann, natürlich!"

"Dann hör zu, Johannes!" Wissall riss die Augen furchtbar weit auf und zog die Augenbrauen noch höher als gewöhnlich. Dann streckte er die Hand vor und sagte leise: "Der Mensch hütet die goldene Truhe, die Elfe hütet den goldenen Schlüssel. Der Feind der Elfen findet ihn nicht, nur der Freund der Elfen öffnet sie. Die Frühlingsnacht ist die rechte Zeit — das Rotkehlchen weiß es genau."

"Ist das wahr, ist das wahr?" rief Johannes und dachte an seinen kleinen Schlüssel.

"Wahr!" sagte Wissall.

"Warum hat ihn dann noch niemand gefunden? So viele Menschen suchen ihn."

"Was ich dir anvertraut habe, habe ich noch keinem Menschen gesagt, keinem einzigen."

"Ich habe ihn, Wissall! Ich kann dir helfen!" jubelte Johannes und klatschte in die Hände. "Ich frage Windchen."

Er flog über Moos und dürres Laub zurück. Doch er stolperte viele Male; seine Schritte waren schwer geworden. Dicke Zweige knackten unter seinen Füßen, wo sich sonst nicht einmal ein Grashalm bog.

Hier war das üppige Farnkraut, unter dem er einmal geschlafen hatte. Wie klein es ihm jetzt erschien!

"Windchen!" rief er. Und er erschrak vor seiner eigenen Stimme.

"Windchen!" Es klang wie eine Menschenstimme, und eine scheue Nachtigall flog schreiend davon.

Unter dem Farn war es leer — Johannes sah nichts.

Das blaue Lichtlein war erloschen; um ihn her war Kälte und bodenlose Finsternis.

Der Einfluss Tolstois auf die Schriftsteller der ganzen Welt, besonders die Russlands, war außerordentlich groß. Garschin, Leskow, Ertel, Tschechow, Kuprin, Weressajew, Arzybaschjew, Maxim Gorki, Schmelew, Sergejew-Zenski und andere — jeder gehörte einer anderen Epoche an und empfing andere Eindrücke, doch alle kosteten und bewunderten das gewaltige Talent dieses Literaturriesen in Hinsicht auf seine Gesellschaftsanschauung, seinen Realismus und seinen tolstoischen Darstellungsstil, der die Menschen so tief zu ergreifen vermochte. Die russischen Schriftsteller betrachteten Tolstoi zudem als religiöses Idol. Selbst der stolze Dostojewski rief nach der Lektüre von "Anna Karenina" aus: "Das ist ein Gott der Kunst!" Und Maxim Gorki bezeichnete Tolstoi als den Gott Russlands, thronend auf einem Jadesessel unter einem goldenen Bodhi-Baum.

"Dieser junge Offizier hat uns alle in den Schatten gestellt" — das war Grigorowitschs halb scherzhafte, halb bittere Klage. Dieser junge Offizier wurde zu unserem Homer, zu unserem Nationalschatz, zum neuen Rousseau des ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts. Vor ihm verneigten sich die Schriftsteller der ganzen Welt, erfüllt von einer reinen Freude, die keinen Neid kannte.

Doch Tolstoi, dieser Rousseau des neunzehnten Jahrhunderts, hatte die widersprüchlichen Erscheinungen der Gesellschaft in der chaotischen zweiten Hälfte des Jahrhunderts genau beobachtet. Der Dichterfürst Puschkin hatte solch große Widersprüche noch nicht gekannt; nach Belinskis Wort war "das Klassenprinzip eine ewige Wahrheit". Tolstoi aber glaubte nicht an die unerschütterliche Unveränderlichkeit seiner eigenen Klasse. Er war Zeuge des Falls von Sewastopol, erlebte den Tod Nikolaus' I., beobachtete die Verhältnisse in der Reformzeit und erkannte, dass das eine Ende der zerrissenen großen Kette auf die Gutsherrenklasse niederschlug, während das andere Ende die Bauern erschreckte. Ferner war er Zeuge der sogenannten Volksaufklärungsbewegung und erfuhr am eigenen Leib die erschreckenden Widersprüche, die zusammen mit dem Wachstum der Städte zunahmen. Er selbst aber wurde zum letzten Adeligen. In den siebziger und achtziger Jahren verkündete er den Untergang des Landgutes, das er zuvor in seinem Lebensstil poetisiert, verschönert und besungen hatte — ganz wie Bulba in Gogols Meisterwerk, der zu Andrei sagte: "Ich habe dich gemacht, und ich werde dich auch töten." So wandelte er sein Denken und wurde zum Entlarver der hässlichen Erscheinungen, die bisher unter dem Prachtgewand der Kunst verborgen gewesen waren.

Der Autor der "Bekenntnisse", des "Émile" und der "Neuen Héloïse", Rousseau, stammte aus einer kleinbürgerlichen Handwerkerfamilie, wuchs unter Entbehrungen auf, empfand die Verlogenheit des Lebens im achtzehnten Jahrhundert und erklärte, gleich einem Plebejer des alten Rom, der Aristokratie den Krieg.

Im Jahre 1860, in Soden, verschloss sein geliebter Bruder Nikolai, den er in den Armen hielt, für immer die Augen. Nikolai war ein begabter, hervorragender Mensch. Damals, von Enttäuschung und Kummer erfüllt und vom Schauder des Todes ergriffen, schrieb er an Fet: "Auch morgen wird der Tag beginnen mit dem verhassten Tod, der Heuchelei und der Selbsttäuschung, und er wird enden mit dem leeren Nichts, aus dem man nichts gewinnt. Was für eine Farce." — "Wenn von der Tatsache, dass Nikolai Nikolajewitsch Tolstoi einst existierte, nicht das Geringste übrig bleibt — wozu sich dann noch abmühen, wozu sich noch anstrengen?" Sein Bruder hatte keinen Halt finden können und war von der Vorstellung "Du kehrst ins Nichts zurück" gequält worden — das hatte Tolstoi nun begriffen. Damals war Tolstoi noch unverheiratet, konnte das Glück einer Familie nicht erfassen, und auch die Iufan-artige Arbeit konnte er nicht ergreifen; er klammerte sich nur an die wissenschaftliche Forschung... Die dunklen Wolken schienen sich zu verziehen... Doch dann kam die Reise nach Pensa im Jahre 1869 und der Schrecken von Arsamas, dann zwischen 1873 und 1876 der Tod von fünf nahen Verwandten — drei Kindern und zwei Tanten. Und dies war zudem der Tod jener Tante Jergolskaja, die an Stelle der leiblichen Mutter Tolstoi aufgezogen und ihn die geistige Freude der Liebe gelehrt hatte; und der Tod der achtzigjährigen Beschützerin Pelagija Iljinischna... In Jasnaja Poljana gab es längst kein glanzvolles Leben mehr; der Tod schlug mit schwarzen Schwingen. Wohin fliehen vor diesen Schwingen?

Im September 1863 schrieb er in einem Brief an diese Tante:

"Ich grüble nicht mehr über meinen Gemütszustand, das heißt über meine Gefühle. Was die Familie betrifft, so fühle ich nur, ohne nachzudenken. Dieser Geisteszustand schenkt mir ein sehr weites intellektuelles Gebiet. Noch nie hatte ich das Gefühl, dass meine geistigen Kräfte so frei seien und sich mit solcher Hingabe dem Werk widmen könnten."

Das 1859 verfasste Werk "Das Familienglück" ist das Vorwort zum Eintritt in diese Lebensphase. Diese Novelle ist im anmutigen Stil Turgenjews geschrieben, doch das Turgenjewsche junge Mädchen in der Erzählung wird letztlich zur Tolstoischen Ehefrau und Mutter. Und die Fragen der Ehe, der Familie, der Geburt, der elterlichen Pflicht und der Liebe sind die Brennpunkte der Aufmerksamkeit unseres Literaturriesen. So entstanden die beiden je zweitausend Seiten umfassenden Meisterwerke "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina" als kraftvolle Darstellungen des familiären und häuslichen Lebens der Glücklichen inmitten des üppigen Adelslebens.

Wenn "Kindheit", "Knabenalter" und "Jünglingsalter" als Material die Familie der benachbarten Gutsherren Islenjew, die Mutter von Sophia Andrejewna, den Hauslehrer Ressler und Saint-Thomas benutzten, so verwendete "Krieg und Frieden" als Material die Familienchroniken der drei Blutsverwandtschaften Tolstois. Nicht nur den Großvater mütterlicherseits Wolkonski, die leibliche Mutter, Tante Jergolskaja, den Großvater Tolstoi, die Großmutter und den Vater — sogar die eigene Braut Sophia Andrejewna fand Eingang in das Werk.

Das Gesicht des Muschik, wie es sich im "Tagebuch" offenbart, verdeckte allmählich das Gesicht des Zöglings eines französischen Hauslehrers.

Turgenjew scherzte einmal über Tolstoi und sagte: "Er liebt die Bauern wie eine Schwangere — hysterisch innig."

Tolstoi, der die aristokratische Haltung verachtete, liebte das Volk innig und wollte sich durch das Volk selbst retten. Dies ist genau die Gesinnung Nechljudows in "Auferstehung", dem Katjuscha Maslowa sagt: "Du willst dich durch mich retten!"

Tolstoi lernte vom Volk, lernte vom Kosaken Epischka, empfing Belehrung von den Festungssoldaten in Sewastopol, von Iufan, Sjutajew, Bandarew und anderen. Vor dem Volk beichtete er, bat um Verzeihung für die Sünden seiner Vorfahren und glich seine Lebensumstände denen des Volkes an. Die Kraft des Volkes war gewaltig. Wer Napoleon vertrieben hatte, war nicht Alexander I. und auch nicht die Generäle, sondern das graue, gewöhnliche Volk. Dass Kutusow siegte, lag daran, dass er ein Mann des Volkes war.

Während der Schlacht um Sewastopol kniete Tolstoi vor dem unwissenden und begierdelosen Helden, dem Bauern, nieder und schrieb: "Die große Sache, in der das russische Volk die Hauptrolle spielte, wird für immer ihren Glanz in der Geschichte Russlands bewahren."

Die Verbindung mit dem Volk, besonders mit den bäuerlichen Massen, weitete sich immer mehr aus, und Tolstoi legte allmählich die französische Art der Beobachtung und des Denkens ab.