Lu Xun Complete Works/de/Essays dated

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Datierte Essays

杂文(有日期) von Lu Xun (鲁迅, 1881–1936)


【Der Bettler】

Ich ging an der broeckelnden hohen Mauer entlang und trat auf lockere, graue Erde. Einige andere Menschen gingen ebenfalls, jeder fuer sich. Ein leichter Wind erhob sich, und die Aeste der hohen Baeume, die ueber die Mauerkrone ragten, mit ihren noch nicht ganz verdorrten Blaettern, schwankten ueber meinem Kopf.

Ein leichter Wind erhob sich, ringsum nichts als graue Erde.

Ein Kind bettelte mich an, trug ebenfalls nur eine gefuetterte Jacke, sah keineswegs betruebt aus, versperrte mir dennoch den Weg, kniete nieder und verfolgte mich mit klaeglichem Rufen.

Ich verabscheute seinen Tonfall, seine Haltung. Ich hasste es, dass er gar nicht traurig war, dass es beinahe wie ein Spiel wirkte; ich war angewidert von diesem verfolgenden Klagen.

Ich ging weiter. Einige andere Menschen gingen ebenfalls, jeder fuer sich. Ein leichter Wind erhob sich. Ringsum nichts als graue Erde.

Ein anderes Kind bettelte mich an, trug ebenfalls eine gefuetterte Jacke, sah ebenfalls nicht betruebt aus, war aber stumm, streckte die Haende aus und gestikulierte.

Ich hasste seine Gesten. Und ausserdem war es vielleicht gar nicht stumm — dies war nur eine Methode des Bettelns.

Ich gab kein Almosen, ich hatte kein Herz zum Geben; ich stellte mich lediglich ueber den Almosengeber und verteilte Ueberdruss, Argwohn und Abscheu.

Ich ging an der eingestuerzten Lehmmauer entlang, zerbrochene Ziegel lagen aufgetuermt in der Bresche, hinter der Mauer war nichts. Ein leichter Wind erhob sich und trieb die Herbstkaelte durch meine gefuetterte Jacke; ringsum nichts als graue Erde.

Ich dachte darueber nach, mit welcher Methode ich selbst betteln wuerde: Soll ich meine Stimme erheben — mit welchem Tonfall? Soll ich mich stumm stellen — mit welchen Gesten? ...

Einige andere Menschen gingen ebenfalls, jeder fuer sich.

Ich werde kein Almosen erhalten, kein Herz zum Geben finden; ich werde den Ueberdruss ernten, den Argwohn und die Abscheu derer, die sich ueber den Almosengeber erhaben duenken.

Ich werde mit Untaetigkeit und Schweigen betteln ...

Zumindest werde ich die Leere erlangen.

Ein leichter Wind erhob sich, ringsum nichts als graue Erde. Einige andere Menschen gingen ebenfalls, jeder fuer sich.

Graue Erde, graue Erde, ...

......

Graue Erde ...

(24. September 1924.)

【Rache】

Die menschliche Haut ist kaum einen halben Fen dick, und gleich darunter fliesst heisses, karmesinrotes Blut in Gefaessen, die dichter gedraengt sind als die Akazienwuermer an einer Mauer, und verstroemt Waerme. So verfuehren sich alle gegenseitig durch diese Waerme, entflammen einander, ziehen sich an, sehnen sich verzweifelt nach Umarmung, Kuss und Umschlingung, um die tiefe Trunkenheit und die grosse Freude des Lebens zu erlangen.

Doch wenn man mit einer scharfen Klinge nur einmal zustoesst und diese rosige, duenne Haut durchbohrt, dann wird man sehen, wie das heisse, karmesinrote Blut wie ein Pfeil hervorschiesst und den Moerder mit all seiner Waerme unmittelbar ubergiesst; darauf folgen ein eisiger Atem, blasse Lippen, die das Opfer in die menschliche Verlorenheit treiben und ihm die hoechste grosse Freude des aufsteigenden Lebens schenken — waehrend der Moerder selbst fuer immer in die hoechste grosse Freude des aufsteigenden Lebens versinkt.

Und so stehen die beiden nackt da, Klingen in den Haenden, einander gegenueber auf der weiten Einoede.

Sie werden sich umarmen, sie werden sich toeten ...

Von allen Seiten eilen die Passanten herbei, dicht gedraengt wie Akazienwuermer an einer Mauer, wie Ameisen, die einen Fischkopf schleppen wollen. Ihre Kleider sind huebsch, die Haende leer. Doch sie eilen von allen Seiten herbei, recken verzweifelt die Haelse, um diese Umarmung oder dieses Gemetzel zu bewundern.

Doch die beiden stehen einander gegenueber auf der weiten Einoede, nackt, mit Klingen in den Haenden — und umarmen sich nicht, toeten sich nicht und zeigen nicht die geringste Absicht zur Umarmung oder zum Toeten.

So verharren sie bis in alle Ewigkeit, ihre runden Koerper vertrocknen bereits, doch nicht die geringste Absicht zur Umarmung oder zum Toeten zeigt sich.

Die Passanten werden gelangweilt; sie spueren, wie die Langeweile durch ihre Poren eindringt, wie sie aus ihren eigenen Herzen durch die Poren heraussickert, ueber die Einoede kriecht und durch die Poren anderer wieder eindringt. Ihre Kehlen werden trocken, ihre Haelse muede; schliesslich blicken sie einander ratlos an und gehen langsam auseinander; ja, sie fuehlen sich so ausgedoerrt, dass sie alle Lust am Leben verlieren.

So bleibt nur die weite Einoede, und die beiden stehen darin, nackt, mit Klingen in den Haenden, verdorrt; mit den Augen von Toten bewundern sie das Verdorren der Passanten, das grosse blutlose Gemetzel, und versinken fuer immer in die hoechste grosse Freude des aufsteigenden Lebens.

(20. Dezember 1924.)

【Hoffnung】

Mein Herz ist ungewoehnlich einsam.

Doch mein Herz ist ruhig: ohne Liebe und Hass, ohne Leid und Freude, ohne Farbe und Klang.

Ich bin wohl alt geworden. Mein Haar ist grau — ist das nicht offensichtlich? Meine Haende zittern — ist das nicht offensichtlich? Dann muss auch die Hand meiner Seele zittern und ihr Haar weiss geworden sein.

Doch das ist viele Jahre her.

Zuvor war mein Herz erfuellt von blutigen Gesaengen: Blut und Eisen, Flammen und Gift, Wiederherstellung und Rache. Und ploetzlich war das alles leer, doch manchmal fuellte ich die Leere absichtlich mit einer hilflosen, selbstbetruegerischen Hoffnung. Hoffnung, Hoffnung — mit dem Schild dieser Hoffnung wehrte ich das Hereinbrechen der dunklen Nacht in der Leere ab, obwohl hinter dem Schild ebenfalls die dunkle Nacht in der Leere lauerte. Und so verbrauchte ich nach und nach meine Jugend.

Wusste ich nicht laengst, dass meine Jugend dahin war? Doch ich glaubte, die Jugend ausserhalb meiner selbst bestehe noch fort: die Sterne, das Mondlicht, die erstarrten Schmetterlinge, die Blumen in der Dunkelheit, das Unheilsrufen der Eule, das blutige Schluchzen des Kuckucks, das schemenhafte Laecheln, der Tanz der Liebe ... Mag es auch eine traurige, schattenhaft fluechtige Jugend sein — es ist dennoch Jugend.

Doch warum ist jetzt solche Einsamkeit? Ist auch die Jugend jenseits meiner selbst vergangen, sind die Jungen auf der Welt gealtert?

Ich muss selbst gegen die dunkle Nacht in der Leere antreten. Ich legte den Schild der Hoffnung nieder und vernahm das Lied der Hoffnung von Petofi Sandor (1823-1849):

Was ist die Hoffnung? Eine Dirne: Sie verfuehrt jeden und gibt sich allen hin; Wenn du dein Kostbarstes geopfert hast — deine Jugend — dann laesst sie dich fallen.

Dieser grosse lyrische Dichter, der ungarische Patriot, starb vor fuenfundsiebzig Jahren auf der Spitze eines Kosakenspeers fuer sein Vaterland. Traurig sein Tod, doch noch trauriger ist es, dass sein Gedicht bis heute nicht gestorben ist.

Doch ach, das erbaermliche Menschenleben! Selbst ein so aufbegehrend Kuehner wie Petofi hielt am Ende vor der dunklen Nacht inne und blickte zurueck auf den fernen, endlosen Osten. Er sagte:

Dass Verzweiflung nichtig ist, ist ebenso wahr wie die Hoffnung.

Wenn ich weiterhin in diesem undeutlichen Nichtigen zwischen Hell und Dunkel dahinfristen muss, will ich noch jene vergangene, traurige, schattenhafte Jugend suchen. Denn wenn die Jugend ausserhalb einmal erlischt, wird auch das Welken in meinem Inneren vergehen.

Doch jetzt gibt es keine Sterne und kein Mondlicht, keine erstarrten Schmetterlinge, kein schattenhaftes Laecheln, keinen Tanz der Liebe. Und doch sind die jungen Leute sehr ruhig.

Ich muss selbst gegen die dunkle Nacht in der Leere kaempfen. Aber wo ist denn die dunkle Nacht? Jetzt gibt es keine Sterne, kein Mondlicht; die jungen Leute sind sehr ruhig — und vor mir gibt es nicht einmal eine wahre dunkle Nacht.

Dass Verzweiflung nichtig ist, ist ebenso wahr wie die Hoffnung!

(1. Januar 1925.)

【Schnee】

Der Regen der warmen Laender hat sich nie in kalte, harte, strahlende Schneeflocken verwandelt. Die Gebildeten finden ihn eintoening — haelt er sich selbst etwa auch fuer ungluecklich? Der Schnee des Suedens dagegen ist feucht und von betorender Schoenheit; er traegt in sich die leise Botschaft des Fruehlings und gleicht der Haut einer kraeftigen jungen Frau. In der verschneiten Landschaft leuchten blutrote Kamelien, weissliche Pflaumenblueten mit einem Hauch von Gruen, tiefgelbe Winterblueten, und unter dem Schnee liegt kuehles, gruenes Unkraut.

Die Kinder hauchen auf ihre vor Kaelte roten, ingwersprossengleichen Haendchen, und sieben, acht auf einmal formen einen Schneemann. Da es nicht recht gelingen will, kommt jemandes Vater zu Hilfe. Der Schneemann wird viel groesser als die Kinder — doch er ist sehr weiss und leuchtend. Die Kinder nehmen Longankernen als Augen und stehlen Rouge aus dem Schminkkasten einer Mutter, um ihm die Lippen zu bemalen. Er sitzt im Schnee mit funkelnden Augen und knallroten Lippen.

Am naechsten Tag kommen noch einige Kinder, um ihn zu besuchen. Doch schliesslich sitzt er allein da. Die Sonne laesst seine Haut schmelzen, die kalte Nacht ueberzieht ihn mit einer Eisschicht; weitere sonnige Tage machen ihn zu etwas Unbestimmbarem, und auch das Rouge auf seinen Lippen ist ganz verblasst.

Aber der Schnee des Nordens fliegt und faellt, doch bleibt er immer pulvrig wie Sand, klebt nie zusammen. In klarem Wetter aber, wenn ein Wirbelwind aufkommt, fliegt er stuermisch auf, funkelt im Sonnenlicht, wie ein Nebel, der Flammen birgt, wirbelt und steigt empor, erfuellt den Himmel und laesst ihn wirbelnd und aufsteigend glitzern.

Auf der endlosen Weite, unter dem eisigen Firmament — das Funkelnde, das sich wirbelnd erhebt, ist die Seele des Regens ...

Ja, das ist der einsame Schnee, der tote Regen, die Seele des Regens.

(18. Januar 1925.)

【Die gute Geschichte】

Die Lampenflamme wurde immer kleiner und kuendigte an, dass das Petroleum zur Neige ging. Ringsum krachten Feuerwerkskoerper, Tabakrauch hing in der Luft — es war eine dumpfe Nacht.

Ich schloss die Augen, lehnte mich im Stuhl zurueck, das Buch Chuxueji in der Hand.

Im Halbschlaf sah ich eine gute Geschichte.

Diese Geschichte war wunderschoen, elegant und fesselnd. Viele schoene Menschen und schoene Dinge verwoben sich wie ein Brokat aus Wolken und flogen zugleich wie zehntausend Sternschnuppen, entfalteten sich ins Unendliche.

Ich erinnerte mich undeutlich, einmal in einem kleinen Boot den Weg von Shanyin gefahren zu sein. An beiden Ufern standen Tallowbaeume, frische Reisfelder, Wildblumen, Huehner, Hunde, Baumgruppen und kahle Baeume, Strohhuetten, Pagoden, Tempel, Bauern und Baeuerinnen, Maedchen, aufgehaengte Waesche, Moenche, Regenumhaenge, der Himmel, Wolken, Bambus — alles spiegelte sich im klaren, gruenen Fluesschen. Mit jedem Ruderschlag flimmerten Sonnenreflexe, zusammen mit Wasserlinsen, Algen und Fischen, alles wogend und schwingend.

Auch die Geschichte, die ich jetzt sah, war so. Auf dem Grund des blauen Himmels im Wasser kreuzten sich alle Dinge, verwoben sich zu einem Teppich, ewig lebendig, ewig sich entfaltend.

Gerade als ich sie fixieren wollte, fuhr ich ploetzlich zusammen, riss die Augen auf — der Brokat hatte sich bereits gefaltet, war durcheinandergeraten, als haette jemand einen grossen Stein ins Wasser geworfen. Unwillkuerlich griff ich nach dem fast heruntergefallenen Chuxueji, vor meinen Augen schimmerten noch einige regenbogenfarbene Splitter.

Ich liebte diese gute Geschichte wirklich. Ich warf das Buch hin, streckte mich und griff nach dem Pinsel — doch wo war ein einziger Splitter? Nur das truebe Licht der Lampe, ich war nicht mehr im Boot.

Doch ich erinnere mich, diese gute Geschichte gesehen zu haben, in der dumpfen Nacht ...

(24. Februar 1925.)

【Totes Feuer】

Ich traeumte, ich raste zwischen Eisbergen. Es waren hohe Eisberge, die bis an den Eishimmel reichten. Am Fuss der Berge standen Eiswaelder. Alles eiskalt, alles blaubleich.

Doch ploetzlich stuerzte ich in ein Eistal. Auf dem blaubleichen Eis lagen unzaehlige rote Schatten, ineinander verschlungen wie ein Korallennetz. Ich blickte zu meinen Fuessen hinab: dort war Feuer.

Es war totes Feuer. Es hatte die lodernde Form einer Flamme, regte sich aber nicht, war ganz zu Eis erstarrt, wie Korallennaeste.

Ach, Freund! Mit deiner Waerme hast du mich erweckt, sagte es.

Ich wurde einst in diesem Eistal ausgesetzt. Der, der mich aussetzte, ist laengst untergegangen. Auch ich wurde vom Eis fast zu Tode gefroren. Wenn du mir nicht deine Waerme gegeben haettest, waere ich bald erloschen.

Dein Erwachen freut mich. Ich moechte dich mitnehmen, damit du nie mehr gefrierst und ewig brennen kannst. — Ach! Dann werde ich verbrennen! — Dann lasse ich dich hier. — Ach! Dann werde ich erfrieren! — Was sollen wir also tun? — Aber du selbst — was wirst du tun? — Ich will aus diesem Eistal heraus ... — Dann verbrenne ich lieber!

Es sprang auf wie ein roter Komet und trug mich mit hinaus. Ein grosser Steinwagen raste heran, und ich wurde unter seinen Raedern zermalmt — doch ich konnte noch sehen, wie der Wagen in das Eistal stuerzte.

Ha ha! Ihr werdet niemals wieder auf totes Feuer stossen! rief ich zufrieden lachend.

(23. April 1925.)

【Des Hundes Widerrede】

Ich traeumte, ich ging durch eine enge Gasse, in zerrissenen Kleidern und Schuhen, wie ein Bettler. Ein Hund begann hinter mir zu bellen. Hochmuetig drehte ich mich um und schrie: Halt! Schweig, du Speichellecker von Hund! — Hi hi! Er lachte und fuhr fort: Ich wage es nicht — beschaemend, dass ich es nicht einmal dem Menschen gleichtue. — Was?! Ich war empoert, denn dies war eine aeusserste Beleidigung. — Ich schaeme mich: Ich kann am Ende noch nicht Kupfer von Silber unterscheiden; noch nicht Baumwolle von Seide; noch nicht den Beamten vom gemeinen Volk; noch nicht den Herrn vom Knecht; noch nicht ... — Ich ergriff die Flucht. — Warte! Lass uns weiter reden ...! rief er mir laut hinterher.

Ich rannte weiter, rannte aus aller Kraft, bis ich aus dem Traum floh und auf meinem eigenen Bett lag.

(23. April 1925.)

【Das verlorene gute Hoelle】

Ich traeumte, ich lag im Bett, draussen in der oeden, kalten Wildnis, neben der Hoelle. Das leise Stoehnen aller Geister bildete mit dem Bruellen der Flammen, dem Brodeln des Oels und dem Zittern der Stahlgabeln eine berauschende grosse Symphonie, die den drei Welten verkuendete: Friede in der Unterwelt.

Ein maechtiger Mann stand vor mir, schoen und barmherzig, von strahlendem Glanz umgeben -- doch ich wusste, er war der Teufel.

Alles ist zu Ende, alles ist zu Ende! Die armen Geister haben ihre gute Hoelle verloren! sagte er trauernd und zornig, setzte sich nieder und erzaehlte mir eine Geschichte.

Als Himmel und Erde die Farbe von Honig annahmen, war die Zeit, in der der Teufel die Goetter besiegte und die allmaechttige Herrschaft ueber alles erlangte. Er nahm das Himmelreich in Besitz, nahm die Menschenwelt, nahm auch die Hoelle. So stieg er persoenlich in die Hoelle hinab, setzte sich in die Mitte und verbreitete strahlenden Glanz, der alle Geister erleuchtete.

Die Hoelle war schon lange vernachlaessigt worden: Die Schwertbaeume hatten ihren Glanz verloren; das siedende Oel brodelte nicht mehr; die grossen Feuer stiessen bisweilen nur schwachen Rauch aus, und in der Ferne keimten Mandala-Blumen, winzig klein und erbaermlich bleich.

Die Geister erwachten in kuehlem Oel und lauem Feuer, sahen im Glanz des Teufels die kleinen Hoellenblumen und wurden zutiefst bezaubert; sie erinnerten sich ploetzlich an die Menschenwelt und riefen dann gemeinsam einen Schrei des Aufstands gegen die Hoelle.

Die Menschen erhoben sich, sprachen im Namen der Gerechtigkeit und kaempften gegen den Teufel. Der Schlachtenlaerm erfuellte die drei Welten. Am Ende zwangen sie den Teufel, auch aus der Hoelle zu fliehen. Am Hoellentor wehte das Banner der Menschen!

Als alle Geister jubelten, war der Gesandte der Menschen zur Ordnung der Hoelle bereits dort angekommen, sass in der Mitte und herrschte mit menschlicher Autoritaet ueber alle Geister.

Als die Geister erneut einen Schrei des Aufstands erhoben, waren sie bereits Verraeter geworden und wurden zu ewiger Verdammnis verurteilt, verbannt in die Mitte des Schwertbaum-Waldes.

Die Menschen erlangten die volle Herrschaft ueber die Hoelle, deren Gewalt sogar die des Teufels uebertraf. Sie ordneten das Vernachlaessigte, schuerten die Feuer, schliffen die Klingenberge, erneuerten die ganze Hoelle.

Die Mandala-Blumen verdorrten sofort. Das Oel siedete wie zuvor; die Klingen waren scharf wie zuvor; das Feuer brannte heiss wie zuvor; die Geister stoehnten wie zuvor, bis sie vergassen, dass sie einst eine gute Hoelle besessen hatten.

Dies ist der Triumph der Menschen und das Unglueck der Geister ...

Freund, du beargwoehnst mich bereits. Ja, du bist ein Mensch! Ich will fortgehen und wilde Tiere und boese Geister suchen ...

(16. Juni 1925.)

【Ueber das Argumentieren】

Ich traeumte, ich sass in einem kleinen Schulzimmer und bereitete einen Aufsatz vor. Ich fragte den Lehrer nach der Methode des Argumentierens.

Schwierig! sagte der Lehrer, blickte mich schraeg ueber seine Brille hinweg an. Ich erzaehle dir eine Geschichte:

Eine Familie bekam einen Sohn, und alle waren uebergluecklich. Als der Kleine einen Monat alt war, brachten sie ihn heraus, um ihn den Gaesten zu zeigen -- natuerlich in der Hoffnung auf gute Vorzeichen.

Einer sagte: Dieses Kind wird einmal reich werden. Und dafuer erhielt er aufrichtigen Dank.

Ein anderer sagte: Dieses Kind wird einmal ein Beamter werden. Und dafuer erhielt er einige hoefliche Komplimente.

Ein dritter sagte: Dieses Kind wird einmal sterben. Und dafuer bekam er von allen eine ordentliche Tracht Pruegel.

Der den sicheren Tod voraussagte, sprach die Wahrheit; der Reichtum und Ehre versprach, log. Doch der Luegner wurde belohnt, und der Wahrsager gepruegelt. Du --

Ich moechte weder luegen noch geschlagen werden. Also, Lehrer, was soll ich sagen?

Dann musst du sagen: Ach! Dieses Kind! Sehen Sie nur! Wie ... oh! Ha ha! Hehe! He, hehehehe.

(8. Juli 1925.)

【Ein solcher Krieger】

Es sollte einen solchen Krieger geben!

Keiner, der so ahnungslos ist wie ein afrikanischer Eingeborener und doch ein blitzendes Mausergewehr auf dem Ruecken traegt; auch keiner, der so erschoepft ist wie ein chinesischer Soldat der Gruenen Banner und doch eine Mauserpistole am Guertel hat. Er traegt keinen Panzer aus Rindsleder und Altmetall; er hat nur sich selbst, aber in der Hand den Speer der Barbaren, den man wirft.

Er marschiert in die Phalanx des Nichts. Alle, die ihm begegnen, nicken ihm zu. Er weiss, dass dieses Nicken die Waffe des Feindes ist, eine Waffe, die ohne Blutvergiessen toetet, unter der viele Krieger gefallen sind -- sie macht den Tapfersten machtlos.

Auf ihren Koepfen flattern verschiedene Banner mit schoenen Aufschriften: Philanthrop, Gelehrter, Literat, Aeltester, Jugendlicher, Aesthet, Gentleman ... Unter den Koepfen tragen sie verschiedene Maentel mit allerlei huebschen Mustern: Gelehrsamkeit, Moral, nationales Erbe, Volkswille, Logik, Gerechtigkeit, oestliche Zivilisation ...

Doch er erhob den Speer.

Sie legten alle feierlich einen Eid ab und erklaerten, ihre Herzen laegen genau in der Mitte der Brust, anders als die scheinheiligen uebrigen Menschen. Alle trugen einen Spiegel auf der Brust zum Beweis.

Doch er erhob den Speer.

Er laechelte, warf schraeg aus der Hand -- und traf sie genau ins Herz.

Alles stuerzte zusammen -- doch da war nur ein Mantel, und darin: nichts. Das Nichts, das Ding ohne Substanz, war entkommen und hatte gesiegt, denn er war nun schuldig, den Philanthropen Schaden zugefuegt zu haben.

Doch er erhob den Speer.

Er schritt mit grossen Schritten durch die Phalanx des Nichts und sah abermals das gleiche Nicken, die verschiedenen Banner, die verschiedenen Maentel ...

Doch er erhob den Speer.

Er alterte schliesslich in der Phalanx des Nichts und starb. Am Ende war er kein Krieger -- doch das Nichts war der Sieger.

In einer solchen Lage hoert niemand den Schlachtruf: Friede.

Friede ...

Doch er erhob den Speer!

(14. Dezember 1925.)

【Das Laubblatt】

Beim Lampenlicht blaetterte ich im Yanmen Ji und fand ploetzlich ein gepresstes Ahornblatt.

Das erinnerte mich an den tiefen Herbst des vergangenen Jahres. Dichter Frost fiel des Nachts, die meisten Blaetter waren abgefallen, und der kleine Ahornbaum vor dem Haus war rot geworden. Ich hatte den Baum umkreist und die Farben der Blaetter genau betrachtet -- als sie noch gruen waren, hatte ich nie so genau hingesehen. Ein einzelnes Blatt hatte ein Wurmloch, umrandet von einem schwarzen Saum, und inmitten der rot-gelb-gruenen Fleckigkeit starrte es einen an wie ein Auge. Ich dachte: Das ist ein krankes Blatt! Und pflueckte es ab, um es in den Yanmen Ji zu legen. Wohl um die schon welkenden, aber noch bunten Farben fuer eine Weile zu bewahren.

Doch heute Nacht liegt es wachsgelb vor mir, und jenes Auge funkelt nicht mehr wie letztes Jahr. Wenn wieder einige Jahre vergehen und die alten Farben in meiner Erinnerung verblassen, werde ich wohl nicht einmal mehr wissen, warum es zwischen den Buchseiten steckt.

(26. Dezember 1925.)

Erst jetzt erfahre ich, dass die „Bibliothek der Gesellschaft für Politische Studien" am Nanchizi im vergangenen Jahr „aufgrund der politischen Lage die Ausleihzahlen um das Drei- bis Siebenfache gesteigert" hat, während sein „Jia Hansheng" noch immer „mit den zehn Zeichen ‚Wer im Alltag kein Räucherstäbchen anzündet, klammert sich in der Not an Buddhas Füße' den Zustand des heutigen akademischen Betriebs zusammenfasst." Dies hat viele meiner Missverständnisse berichtigt. Ich habe schon früher gesagt, dass die Auslandsstudenten heutzutage zahlreich sind, überaus zahlreich, doch ich hegte stets den Verdacht, dass die meisten von ihnen im Ausland eine Wohnung mieten, die Tür hinter sich zuschließen und Rindfleisch schmoren — und in Tokio habe ich das tatsächlich auch gesehen. Damals dachte ich: Rindfleisch schmoren kann man auch in China, wozu den weiten Weg ins Ausland nehmen? Im Ausland mag die Viehzucht zwar besser sein und das Fleisch weniger Parasiten enthalten, doch wenn man es ohnehin weichkocht, spielt auch eine größere Menge keine Rolle. Wenn ich daher heimgekehrte Gelehrte sah, die in den ersten beiden Jahren westliche Kleidung trugen, später Pelzmäntel, und erhobenen Hauptes einherstolzierten, vermutete ich stets, sie hätten im Ausland einige Jahre eigenhändig Rindfleisch geschmort — und selbst wenn etwas vorfiele, würden sie sich nicht einmal an „Buddhas Füße klammern." Nun weiß ich, dass dem nicht so ist, zumindest nicht bei den „aus Europa und Amerika zurückgekehrten Studierten." Bedauerlicherweise sind die Bestände in Chinas Bibliotheken zu gering; es heißt, Pekings „über dreißig Universitäten, ob staatlich oder privat, besitzen zusammen nicht so viele Bücher wie wir Privatleute." Unter dieses „Wir" fällt angeblich an erster Stelle „Puyis Lehrer, Herr Johnston", an zweiter wohl „Herr Gutong", also Zhang Shizhao, denn als Professor Chen Yuan in Berlin weilte, sah er mit eigenen Augen, dass in dessen zwei Zimmern „Bett, Regale, Tisch und Fußboden fast vollständig mit deutschen Büchern über den Sozialismus bedeckt waren." Heute, so darf man annehmen, sind es sicherlich noch mehr geworden. Dies erfüllt mich wahrhaftig mit Bewunderung und Neid. Ich erinnere mich an meine eigene Studienzeit, als das staatliche Stipendium monatlich sechsunddreißig Yuan betrug; nach Abzug von Kleidung, Nahrung und Studiengebühren blieb schlechterdings nichts übrig. Nach einigen Jahren des Herumtreibens reichten meine sämtlichen Bücher nicht einmal, um eine einzige Wand zu füllen, und zudem waren es zusammengewürfelte Werke, keineswegs spezialisiert — schon gar nicht ausschließlich „deutsche Bücher über den Sozialismus."

Doch wie bedauerlich: Als die Massen angeblich „erneut" das „bescheidene Heim" dieses „Herrn Gutong" „verwüsteten", sollen „die Büchersammlungen beider Eheleute zerstreut und verloren gegangen" sein. Man stelle sich vor, wie damals dutzende Karren beladen in alle Richtungen davonfuhren — schade, dass ich nicht hinschaute, es wäre gewiss ein imposanter Anblick gewesen.

So haben die „Richtigen Herren und Damen" also durchaus Grund, die „Pöbelherrschaft" zutiefst zu verabscheuen: Allein die „Zerstreuung" der Büchersammlung des Ehepaars Gutong übersteigt den Verlust, den die Zerstörung von über dreißig staatlichen und privaten Universitätsbibliotheken verursacht hätte. Verglichen damit erscheint der Verlust von achttausend Yuan an privat verwahrten öffentlichen Geldern des Abteilungsleiters Liu Baizhao als Bagatelle — nur ist es eben bedauerlich, dass ausgerechnet Zhang Shizhao und Liu Baizhao solche Schätze angehäuft hatten, und ausgerechnet diese Schätze sämtlich geplündert wurden.

In meiner Kindheit warnte mich ein lebenserfahrener Älterer: Lege dich niemals mit einem heruntergekommenen Hausierer oder Straßenhändler an — er wird seine Waren selbst fallen lassen, dir die Schuld geben, und du wirst dich weder rechtfertigen noch je genug entschädigen können. Diese Warnung scheint mir noch heute nachzuwirken: Wenn ich zu Neujahr auf den Tempelmarkt am Huoshenmiao gehe, wage ich mich nie an die Jadestände heran, selbst wenn dort nur kümmerlich wenige Stücke liegen. Denn sollte ich versehentlich etwas umstoßen oder ein, zwei Stücke zerbrechen, würden sie zu Kostbarkeiten erklärt, und ich müsste ein Leben lang Entschädigung zahlen — ein Vergehen, das die Verwüstung eines ganzen Museums übertrifft. Und so mied ich schließlich überhaupt belebte Plätze. Bei jener Demonstration damals gab es zwar das „Gerücht" von „ausgeschlagenen Zähnen", doch in Wahrheit lag ich zu Hause und blieb, gottlob, unversehrt. Aber jenes großartige Schauspiel der zwei Zimmer voll „deutscher Bücher über den Sozialismus" und all der anderen Schätze, die nacheinander aus dem Hause des Herrn Gutong herausströmten — das verpasste ich ebenfalls. Dies ist eben, was man „jeder Vorteil hat seinen Nachteil" nennt; beides zugleich ist nicht zu haben.

Was den privaten Besitz fremdsprachiger Bücher betrifft, so steht unter den Einzelpersonen Herr Johnston an erster Stelle, unter den Vereinigungen die „Bibliothek der Gesellschaft für Politische Studien" — nur leider ist der eine ein Ausländer, und die andere verdankt ihre Existenz dem beharrlichen Einsatz des amerikanischen Gesandten Reinsch. Die geplante Erweiterung der „Pekinger Staatlichen Bibliothek" ist gewiss höchst begrüßenswert, doch die Mittel stammen, wie man hört, abermals aus den von Amerika zurückerstatteten Entschädigungszahlungen, und der jährliche Etat beträgt lediglich dreißigtausend Yuan, also gut zweitausend im Monat. Die Verwendung amerikanischer Reparationsgelder ist freilich keine Kleinigkeit: Zunächst muss der Direktor ein Gelehrter von internationalem Rang sein, bewandert in östlicher wie westlicher Bildung. Das kann, so heißt es, natürlich nur Herr Liang Qichao sein — doch leider hapert es bei ihm an der westlichen Seite, weshalb man ihm den Peking-Universität-Professor Li Siguang als Vizedirektor beigesellte, um zusammen eine in Ost und West gleichermaßen bewanderte Persönlichkeit zu ergeben. Allerdings verschlingen allein die Gehälter beider über tausend Yuan monatlich, sodass für den Erwerb weiterer Bücher wenig übrigbleibt. Auch dies gehört wohl zum Grundsatz „Jeder Vorteil hat seinen Nachteil" — und wenn man so darüber nachdenkt, kann man nicht umhin, den Verlust der von Herrn Gutong auf eigene Kosten zusammengetragenen wertvollen Büchersammlung umso schmerzlicher zu beklagen.

Kurzum, in den kommenden Jahren wird es kaum bessere „Werkzeuge für die Gelehrsamkeit" geben; wer forschen will, muss sich seine Bücher selbst kaufen, hat aber kein Geld. Es heißt, Herr Gutong habe daran gedacht und einmal einen Artikel darüber veröffentlicht — doch dann wurde er abgesetzt, sehr bedauerlich. Was bleibt den Gelehrten sonst für ein Ausweg? Natürlich „kann man es ihnen kaum verdenken, dass sie außer ein wenig ‚Geplauder' nichts weiter zu tun haben", obgleich die über dreißig Pekinger Universitäten zusammen nicht einmal an ihre „Privatbibliotheken" heranreichen. Warum? Man muss wissen, dass Gelehrsamkeit keine leichte Sache ist: „Selbst für ein kleines Thema muss man vielleicht hundert Bücher konsultieren", und nicht einmal Herrn Gutongs Sammlung wäre dafür ausreichend gewesen. Professor Chen Yuan nennt ein Beispiel: „Nehmen wir allein die ‚Vier Bücher'", so „muss man, ohne die zahlreichen konfuzianischen Kommentare und Theorien der Han-, Song-, Ming- und Qing-Dynastie zu studieren, die wahre Bedeutung der ‚Vier Bücher' wohl kaum erfassen können. Für gründliches Studium der knappen ‚Vier Bücher' benötigt man mehrere hundert, ja tausend Nachschlagewerke."

Dies zeigt wahrlich, dass „der Weg der Gelehrsamkeit weit ist wie das Meer." Jene „knappen ‚Vier Bücher'" habe ich gelesen, doch von Kommentaren oder Theorien der Han-Zeit zu den „Vier Büchern" habe ich nicht einmal gehört. Herr Zhang Zhidong, den Professor Chen Yuan als einen „jener großen Gouverneure, die so vorbildlich die schönen Künste förderten" rühmt, schrieb in seinem für „junge Schüler" bestimmten Shumu Dawen: „‚Die Vier Bücher' — dieser Name stammt erst aus der Südlichen Song-Dynastie." Ich habe ihm stets geglaubt, und als ich später im Hanshu Yiwenzhi, im Suishu Jingjizhi und dergleichen nachschlug, fand ich dort nur „Fünf Klassiker", „Sechs Klassiker", „Sieben Klassiker", „Sechs Künste" — niemals aber „Vier Bücher", geschweige denn Kommentare und Theorien der Han-Zeit dazu. Doch meine Quellen sind natürlich nur gewöhnliche Bücher, wie man sie in der Bibliothek der Peking-Universität findet; mein Horizont mag begrenzt sein, doch ich muss mich damit begnügen — denn selbst wenn ich mich „klammern" wollte, gibt es keine „Buddhafüße", an die ich mich halten könnte. Daraus folgt, dass diejenigen, die sich an Buddhas Füße klammern können und wollen, wahrhaftig gesegnete Menschen und wahre Gelehrte sind. Dass Jia Hansheng darüber seufzend spricht, geschieht wohl im Sinne des „Chunqiu, das die Würdigen tadelt".

Oft habe ich darüber gestaunt, wie wirkungsvoll die Methoden des indischen Hinayana-Buddhismus sind: Er erfand die Lehre von der Hölle und ließ sie durch die Münder von Mönchen, Nonnen und betenden alten Frauen verkünden, um Andersdenkende einzuschüchtern und die Wankelmütigen in Angst zu versetzen. Der Trick besteht darin, dass die Vergeltung nicht sofort eintritt, sondern erst in hundert Jahren, mindestens aber dann, wenn alle Kampfeslust erloschen ist. Zu diesem Zeitpunkt kann man sich nicht mehr rühren, muss sich den Anordnungen anderer fügen, vergießt Geistertränen und bereut zutiefst die jugendliche Vermessenheit — und erst in diesem Moment erkennt man die Würde und Größe des Höllenkönigs Yanluo.

Solcher Glaube mag Aberglaube sein, doch die göttliche Erziehung des Volkes mag durchaus einen gewissen Nutzen haben, wenn es darum geht, „die Sitten zu bessern und die Herzen zu läutern." Zudem: Kann man die Übeltäter zu Lebzeiten nicht „den Wölfen und Tigern zum Fraß vorwerfen", so bleibt nichts anderes übrig, als sie nach ihrem Tode mit Feder und Tinte zu richten. Als Konfuzius mit seinem Wagen und seinen zwei Pferden müde von seiner Rundreise durch die Staaten heimkehrte und den Stahlgriffel zückte, um die Frühlings- und Herbstannalen zu verfassen — dies war wohl seine Absicht.

Doch die Zeiten wandeln sich, und heutzutage, meine ich, taugen solche alten Tricks nur noch, um die allernaivsten Menschen zu täuschen. Nicht einmal diejenigen, die diese Spielchen selbst treiben, glauben daran, geschweige denn die sogenannten Übeltäter. Dass man Feindschaft auf sich zieht und Vergeltung erleidet, ist ganz gewöhnlich und nichts Bemerkenswertes; wenn man zuweilen mildere Worte wählt, ist das bloße Höflichkeit, und niemand hofft ernsthaft, dadurch der Hölle zu entgehen. Es lässt sich nicht ändern: In unserer Welt der Ungestümen haben wir wahrlich nicht die Muße, die stinkende Pose vornehmer Herren einzunehmen. Was man tun will, das tue man; statt zu sagen „nächstes Jahr trinken wir Wein", trinkt man lieber sofort Wasser; statt auf die postume Zerlegung und Leichenschändung im einundzwanzigsten Jahrhundert zu warten, gibt man ihm lieber auf der Stelle eine Ohrfeige. Was die Zukunft betrifft, so werden sich Menschen der nächsten Generation darum kümmern; es ist keineswegs die Welt der heutigen — dann „Alten" genannten — Menschen. Wäre sie noch die heutige Welt, so hätte China gewiss schon längst aufgehört zu existieren.

Ein Freund schickte mir unvermittelt eine Ausgabe des Beilageblatts der Chenbao, was mir gleich seltsam vorkam, da er weiß, dass ich mich um derlei nicht schere. Doch da er es eigens geschickt hatte, warf ich einen Blick auf den Titel: „An die Leserschaft, bezüglich der unten folgenden Briefsammlung." Unterschrieben: Zhimo. Ha, das hat er mir zum Spaß geschickt, dachte ich; eilig wendete ich das Blatt und fand einige Briefe — dieser an jenen, jener an diesen. Nach ein paar Zeilen begriff ich, dass es offenbar wieder um die alte „Geplauder"-Angelegenheit ging. Von diesem Streit wusste ich nur das Wenige, das ich bei der Xinchao-Gesellschaft erfahren hatte, nämlich aus einem Brief des Professors Chen Yuan alias Xiying, in dem es hieß, meine „erfundenen Tatsachen" und die von mir „verbreiteten ‚Gerüchte'" seien „schon nicht mehr aufzuzählen." Ich musste unwillkürlich lachen; der Mensch leidet eben darunter, seine Seele nicht zu Hackfleisch verarbeiten zu können, und besitzt deshalb ein Gedächtnis, das ebenso Rührung wie Heiterkeit hervorruft. Ich erinnere mich, dass der Erste, der sich auf „Gerüchte" stützte, um über den Fall Yang Yinyu — also den Aufruhr an der Pädagogischen Frauenhochschule — zu urteilen, eben dieser Herr Xiying war; sein großer Artikel erschien in der am dreißigsten Mai vergangenen Jahres veröffentlichten Ausgabe der Xiandai Pinglun. Da ich leider „aus einer bestimmten Provinz" stamme und zudem „an einer bestimmten Fakultät" unterrichte, wurde ich in die Reihe der „heimlichen Anstifter des Aufruhrs" eingeordnet, obgleich er sagte, er glaube es noch nicht, finde es aber bedauerlich. Hier sei zur Klarstellung angemerkt, damit kein Missverständnis aufkomme: „Eine bestimmte Fakultät" meint vermutlich die Fakultät für chinesische Literatur und nicht die Forschungsgesellschaft. Als ich damals das Wort „Gerüchte" las, war ich empört und widersprach sofort, obwohl ich beschämt einräumen musste, nicht über „zehn Jahre Studium und zehn Jahre Geisteserziehung" zu verfügen. Unerwartet verwandelten sich diese „Gerüchte" ein halbes Jahr später in von mir selbst verbreitete — seine eigenen „Gerüchte" selbst zu fabrizieren, das heißt wahrhaftig, sich sein eigenes Grab zu schaufeln; selbst ein Dummkopf, geschweige denn ein kluger Mensch, käme nicht auf einen solchen Gedanken.

Dies ist die Schlussfolgerung, die sich auf drei Beispiele und eine Geschichte über Zhao Mengfu stützt. Tatsächlich muss ich lachen, wenn man andere als „Literaten" bezeichnet, und ebenso lache ich, wenn man mich „Autorität der Gedankenwelt" nennt, doch meine Zähne fielen nicht etwa durch Lachen aus — sie wurden, heißt es, „ausgeschlagen", was ihnen wohl größere Genugtuung verschafft. Was Titel wie „Autorität der Gedankenwelt" betrifft, so habe ich nicht einmal im Traum daran gedacht, einer zu werden; leider kenne ich die Leute nicht, die das „propagieren", und kann sie daher nicht davon abhalten — anders als befreundete Duettspieler, die sich stillschweigend verstehen. Ich strebe auch nicht danach, mithilfe solcher Titel reich und mächtig zu werden; sie bringen keinen praktischen Nutzen. Ich habe mich auch dagegen gewehrt, dass meine Erzählungen in Schulbücher aufgenommen werden, aus Sorge, die Jugend in die Irre zu führen — ich erinnere mich, dies einst in einer Zeitung veröffentlicht zu haben; aber das war natürlich nicht an die feine Gesellschaft gerichtet, die davon selbstverständlich nichts wusste. Hinterhältige Pfeile? Anfangs wollte ich sie nicht abschießen, später tat ich es doch einige Male — doch stets gegen solche, die zuerst „hinterhältige Pfeile" abschossen und „Gerüchte" streuten, wie Professor Chen Yuan und seinesgleichen: „Wie du mir, so ich dir" — damit auch sie einmal diese Erfahrung machen. Allerdings habe ich selbst ihnen gegenüber häufiger offen gesprochen: So bezeichnete der in Yuisi veröffentlichte Aufsatz „Musik" ausdrücklich Herrn Xu Zhimo, und „Meine Herkunftsprovinz und meine Fakultät" sowie „Keineswegs Geplauder" richteten sich eindeutig gegen Xiying, also Professor Chen Yuan. Auch künftig werde ich weiter schießen, ohne den geringsten Anflug von Reue. Was meinen Namen betrifft, so verwende ich seit dem vergangenen Jahr nur noch einen einzigen, nämlich den, den Professor Chen als „Lu Xun, das heißt Zhou Shuren, Referent im Bildungsministerium" bezeichnete. In der zweiten Jahreshälfte allerdings müssen die Worte „Referent im Bildungsministerium" gestrichen werden, da „Herr Gutong" mich entlassen hat; in diesem Jahr bin ich jedoch wieder „kommissarischer Referent" geworden — ich habe den Dienst noch nicht angetreten, beabsichtige es aber, mit dem Ziel, meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Professor Li Siguang riet mir zunächst, „zehn Jahre zu lesen und zehn Jahre den Geist zu kultivieren." Noch ein Satz im Stil eines feinen Herrn: Ihre Güte ist rührend. Gelesen habe ich, mehr als zehn Jahre lang, den Geist kultiviert habe ich auch, weniger als zehn Jahre, doch das Lesen gelang mir ebenso wenig wie die Kultivierung. Ich gehöre zu denen, die Professor Li schon früh als Kandidaten dafür erachtete, „den Wölfen und Tigern zum Fraß vorgeworfen" zu werden; da braucht er mir nicht mehr sanft zuzureden und von Leuten zu sprechen, die „schuldlos in Mitleidenschaft gezogen werden" — hält er sich wirklich für die Verkörperung der „Gerechtigkeit", die mir eine solch gewaltige Strafe auferlegt und dann noch erwartet, dass ich mich für die kaiserliche Gnade bedanke? Zudem meint Professor Li, mein „Geschmack als ostasiatischer Literat" scheine „besonders ausgeprägt" zu sein und ich müsse daher „stets bis auf die Knochen bloßlegen, ehe ich meiner Laune Genüge tue." Meine eigene Ansicht weicht davon gänzlich ab. Gerade weil ich im Osten geboren bin, und zwar in China, stecken mir die Gifte des „Goldenen Mittelwegs" und der „Mäßigung" noch tief in Fleisch und Knochen. Verglichen mit dem Franzosen Bloy — der die Journalisten der großen Zeitungen geradeheraus „Maden" nannte — bin ich ein „kleiner Zauberer, der vor dem großen Zauberer steht" und muss beschämt eingestehen, dass ich an die giftige Kühnheit des Weißen Mannes nicht heranreiche. Nehmen wir Professor Lis Fall als Beispiel: Erstens, da ich weiß, dass Professor Li ein Naturwissenschaftler ist, der sich gewöhnlich nicht an „Federkriegen" beteiligt, erwähnte ich seine Angelegenheit nicht, solange es sich vermeiden ließ. Erst als ich einem Mitglied Ihres geschätzten Vereins einen Gegentoast ausbringen musste, kam die Sache mit den „Nebentätigkeiten" zur Sprache. Zweitens, was die Nebentätigkeiten und das Gehalt betrifft, habe ich in Yuisi (Nr. 65) bereits geantwortet, doch auch dort habe ich nicht „bis auf die Knochen bloßgelegt."

Mir selbst ist durchaus bewusst, dass meine Feder in China zu den schärferen zählt und meine Worte bisweilen keine Rücksicht nehmen. Doch ich weiß auch, wie die Menschen sich unter dem schönen Deckmantel von Gerechtigkeit und Menschlichkeit, mit dem Ehrentitel des aufrechten Herrn, hinter der falschen Maske der Sanftmut, mit der Waffe des Gerüchts und der öffentlichen Meinung, in gewundenen und verschlungenen Worten aneinander vergehen.

Professor Xiying sprach: „Die neue literarische Bewegung Chinas steckt noch in den Kinderschuhen, doch die wenigen, die Beiträge geleistet haben — wie Hu Shizhi, Xu Zhimo, Guo Moruo, Yu Dafu, Ding Xilin, die Brüder Zhou und andere — haben allesamt die Literatur anderer Länder studiert. Insbesondere Zhimo hat nicht nur im Denken, sondern auch in der Form — sowohl in seiner Dichtung als auch in seiner Prosa — bereits einen Stil geschaffen, den es in der chinesischen Literatur noch nie gegeben hat." (Xiandai Nr. 63)

Obgleich das Abschreiben mühsam ist, haben sich die „fundierten" „Gelehrten" und der „besonders" herausragende Denker und Literat des heutigen China nun immerhin wechselseitig auserwählt.

8

Herr Zhimo sprach: „Was die Werke von Herrn Lu Xun betrifft — mit Verlaub, das ist höchst respektlos —, ich habe nur sehr wenig davon gelesen, lediglich zwei, drei Erzählungen aus der Sammlung Ruf zu den Waffen sowie, da man ihn neuerdings als den chinesischen Nietzsche verehrt, einige Seiten aus seiner Sammlung Heißer Wind. Seine gelegentlichen Aufsätze habe ich, selbst wenn ich sie las, nur mit blinden Augen gelesen — sie sind mir nicht eingegangen, oder ich habe sie nicht verstanden." (Chenbao-Beilage Nr. 1433)

Professor Xiying sprach: „Sobald Herr Lu Xun zur Feder greift, konstruiert er Anklagen gegen andere. ... Doch seine Aufsätze habe ich nach dem Lesen an den Ort gelegt, wohin sie gehören — um es vertraulich zu sagen: ich finde, sie hätten von dort gar nicht erst herauskommen sollen — und habe sie daher nicht zur Hand." (ebd.)

Obgleich das Abschreiben mühsam ist, bin ich nunmehr von den „fundierten" „Gelehrten" und dem „besonders" herausragenden Denker und Literaten des heutigen China gemeinsam zu Fall gebracht worden.

9

Doch ich möchte den ehrenvollen Titel, „die Literatur anderer Länder studiert" zu haben, zurückgeben. „Einer der Brüder Zhou" — damit bin natürlich wieder ich gemeint. Wann hätte ich je irgendeine Literatur studiert?

Wahrhaft Tapfere wagen es, dem trostlosen Leben offen ins Auge zu blicken, wagen es, das triefende Blut zu betrachten. Was für zugleich Trauernde und Gesegnete sind sie! Doch die Schöpfung entwirft ihre Pläne stets für die Mittelmäßigen: Mit dem Verrinnen der Zeit wäscht sie die alten Spuren fort und lässt nur ein blasses Rot des Blutes und eine fahle Traurigkeit zurück. In diesem blassen Blutrot und dieser fahlen Traurigkeit gewährt sie den Menschen noch eine Gnadenfrist des Dahinvegetierens und erhält so diese Welt, die weder menschlich noch unmenschlich ist. Ich weiß nicht, wann eine solche Welt je enden wird!

Wir leben noch in dieser Welt; auch ich habe schon lange gespürt, dass es nötig ist, etwas niederzuschreiben. Seit dem achtzehnten März sind bereits zwei Wochen vergangen, und der Erlöser des Vergessens dürfte bald erscheinen — gerade deshalb ist es nötig, etwas niederzuschreiben.

3

Unter den über vierzig getöteten jungen Menschen war Liu Hezhen meine Studentin. Studentin — so habe ich sie stets betrachtet, so stets genannt, doch jetzt empfinde ich ein gewisses Zögern: Ich sollte ihr meine Trauer und meinen Respekt darbringen. Sie war nicht die Studentin „meiner Person, die sich bis heute durchs Leben schlägt", sondern eine chinesische Jugendliche, die für China gestorben ist.

Ihr Name begegnete mir zum ersten Mal im vergangenen Frühsommer, als Frau Yang Yinyu als Rektorin der Pädagogischen Frauenhochschule sechs Mitglieder der studentischen Selbstverwaltung ausschloss. Eine von ihnen war sie; doch ich kannte sie nicht persönlich. Erst später — vielleicht war es bereits nach der Aktion, bei der Liu Baizhao an der Spitze männlicher und weiblicher Beamter die Studentinnen gewaltsam aus der Schule schleppte — wies jemand auf eine Studentin und sagte mir: „Das ist Liu Hezhen." Erst da konnte ich den Namen mit einer lebendigen Person verbinden, und ich war insgeheim erstaunt. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass eine Studentin, die sich nicht von der Macht einschüchtern lässt und sich einer einflussreichen Rektorin widersetzt, in jedem Fall etwas Aufsässiges und Schneidendes an sich haben müsse.

Daraufhin berichtigte Schule A, es habe keine Durchsuchung stattgefunden; Schule B berichtigte, es gebe keine derartigen Bücher.

4

Daraufhin zogen selbst die tugendhaften Zeitungsreporter und die diplomatisch gewandten Universitätsrektoren ins Hotel der Sechs Nationen ein, die großen Zeitungen, die sonst die Gerechtigkeit predigten, nahmen ihre Schilder ab, und selbst die Pförtner der Schulen verkauften die Xiandai Pinglun nicht mehr: Es hatte ganz den Anschein von „Feuer am Kunlun-Gebirge, Jade und Stein verbrennen gemeinsam."

In Wirklichkeit wird es so weit nicht kommen, denke ich. Allerdings sind Gerüchte tatsächlich stets die Tatsachen, die sich ihre Urheber erhoffen — sie ermöglichen uns, die Gedanken und Taten gewisser Menschen zu durchschauen.

5

Im siebten Monat des neunten Jahres der Republik China begann der Zhili-Anhui-Krieg; im August wurde die Anhui-Armee vernichtet, und Xu Shuzhen mit acht weiteren flüchtete in die japanische Gesandtschaft. Zur Verzierung gab es noch ein kleines Intermezzo: Einige „aufrechte Herren" — nicht die jetzigen „aufrechten Herren" — versuchten die Zhili-Militärs zu überreden, die Befürworter von Reformen niederzumetzeln. Es kam nichts dabei heraus; selbst dieses Ereignis ist längst aus dem Gedächtnis der Menschen geschwunden. Doch wenn man die Pekinger Tageszeitung vom August jenes Jahres durchblättert, findet man dort noch eine große Anzeige mit jenen altehrwürdig klingenden Sentenzen darüber, dass ein großer Held nach seinem Sieg die Irrlehren ausmerzen und die Ketzer hinrichten müsse.

Jene Anzeige war namentlich gezeichnet, was hier nicht erwähnt werden muss. Doch verglichen mit den heutigen Gerüchtemachern, die sich stets im Dunkeln verstecken, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass „die Gegenwart der Vergangenheit nicht das Wasser reichen kann." Ich vermute: Vor hundert Jahren war es besser als heute, vor tausend besser als vor hundert, vor zehntausend besser als vor tausend ... besonders in China dürfte dies wohl zutreffen.

6

In den Ecken der Zeitungen sieht man oft eindringliche Ermahnungen an die Jugend: Geht achtsam mit Druckpapier um! Widmet euch den nationalen Studien! Ibsen war so, Romain Rolland war so! Die Zeiten und die Worte haben sich geändert, doch der Sinn kommt mir sehr bekannt vor — ganz wie die Belehrungen der Alten und Weisen, die ich in meiner Jugend zu hören bekam.

Dies scheint ein Gegenbeweis zur These „die Gegenwart reicht nicht an die Vergangenheit heran" zu sein. Doch es gibt in allen Dingen Ausnahmen, und in Bezug auf das im vorigen Abschnitt Gesagte darf auch dies als eine gelten.

Bannong ging nach Deutschland und Frankreich und studierte mehrere Jahre lang Phonetik. Obwohl ich sein auf Französisch verfasstes Buch nicht verstehe — ich weiß nur, dass es voller chinesischer Schriftzeichen und auf- und absteigender Kurven ist —, so existiert das Buch jedenfalls, und es muss wohl jemanden geben, der es versteht. Sein eigentliches Fach sollte daher meines Erachtens immer noch darin bestehen, seinen Studenten diese Kurven beizubringen. Doch die Peking-Universität steht kurz vor der Schließung, und Nebentätigkeiten hat er keine. Unter diesen Umständen kann selbst ein noch so feiner Herr ihm nicht vorwerfen, dass er Bücher drucken und verkaufen lässt. Wer drucken und verkaufen will, möchte naturgemäß viel absetzen; wer viel absetzen will, braucht Werbung; wer wirbt, muss sein Produkt loben. Gibt es jemanden, der ein Buch drucken lässt und dann eine Anzeige schaltet, in der er sagt, es sei langweilig und man möge sich das Lesen sparen? Eine Anzeige, die meine Feuilletons als vollkommen wertlos bezeichnete — die hat Xiying (also Chen Yuan) geschaltet. Gestatten Sie mir bei dieser Gelegenheit eine eigene Reklame: Warum Chen Yuan mir eine solche Gegenreklame machte, wird sofort klar, wenn man meine Sammlung Unter dem Unglücksstern liest. Verehrte Kundschaft, schauen Sie! Schauen Sie schnell! Sechs Jiao pro Exemplar, Verlag Beixin Shuju.

Es ist schon über zwanzig Jahre her: Tao Huanqing, der sein Leben der Revolution widmete, war bitterarm und nannte sich in Shanghai „Herr Kuaiji", wo er Hypnose lehrte, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Eines Tages fragte er mich, ob es ein Mittel gebe, das einen Menschen beim bloßen Riechen einschlafen lässt. Mir war klar, dass er Angst hatte, seine Hypnosetechnik könnte versagen, und daher zu Medikamenten Zuflucht nehmen wollte. In Wahrheit ist eine Massenhypnose ohnehin schwer durchführbar. Da ich das gesuchte Wundermittel nicht kannte, konnte ich ihm nicht helfen. Zwei, drei Monate später erschien in den Zeitungen ein Leserbrief — vielleicht auch eine Anzeige —, der besagte, Herr Kuaiji verstehe nichts von Hypnose und betrüge die Leute. Die Qing-Regierung war freilich viel scharfsinniger als dieses Gesindel; als sie ihn steckbrieflich suchte, lautete eines der Antithesen-Paare: „Verfasst die Geschichte der Macht in China, erlernt die japanische Kunst der Hypnose."

Die Veröffentlichung des Hedian steht kurz bevor, und das kurze Vorwort muss bald abgeliefert werden. Nachtregen rieselt herab; als ich die Feder ergreife, denke ich plötzlich wieder an den mit einem Hanfseil als Gürtel verarmten Tao Huanqing, und es mischen sich Gedanken ein, die mit dem Hedian nichts zu tun haben. Doch das Vorwort drängt.

Als ich die Apotheke am Ziel erreichte, stand draußen eine Menschenmenge, die zwei Streitenden zusah; ein alter, hellblauer Regenschirm versperrte die Apothekentür. Als ich den Schirm zur Seite schob, war er erstaunlich schwer; schließlich drehte sich unter dem Schirm ein Kopf zu mir um und fragte: „Was willst du?" Ich antwortete, ich wolle hineingehen und Medizin kaufen. Er sagte nichts, wandte sich wieder um, das Schauspiel zu betrachten, und der Schirm blieb, wo er war. Ich musste meinen ganzen Mut zusammennehmen und mich mit aller Kraft hindurchkämpfen; ein Stoß, und schon war ich drinnen.

In der Apotheke saß am Kassentisch nur ein Ausländer; die übrigen Angestellten waren allesamt junge Landsleute, sauber und elegant gekleidet. Ich weiß nicht warum, doch plötzlich hatte ich das Gefühl, dass sie in zehn Jahren allesamt zu „höheren Chinesen" aufsteigen würden, während ich mich schon jetzt als Mensch zweiter Klasse empfand. Und so überreichte ich ehrfurchtsvoll einem Landsmann mit Seitenscheitel das Rezept und die Flasche.

„Achtzig und fünf Fen", sagte er, nahm beides entgegen und ging davon.

„He!" Ich konnte mich wirklich nicht mehr zurückhalten — mein Temperament zweiter Klasse brach wieder durch. Die Medizin kostete achtzig Fen, und das Fläschchen wie üblich fünf Fen — das wusste ich. Da ich nun aber mein eigenes Fläschchen mitgebracht hatte, warum sollte ich trotzdem die fünf Fen zahlen? Dieses „He!" erfüllte den gleichen Zweck wie der Nationalfluch „Ta ma de" und enthielt ebenso viele Bedeutungen.

„Achtzig!" Auch er verstand sofort und ließ die fünf Fen nach — wahrhaftig „dem Guten folgen wie dem Strom", ganz im Stil eines aufrechten Herrn.

Ich zahlte achtzig Fen und wartete eine Weile, dann wurde mir die Medizin gebracht. Ich dachte, im Umgang mit dieser Sorte Landsleuten ist es bisweilen nicht ratsam, allzu höflich zu sein. Also öffnete ich den Flaschenstopfen und kostete vor seinen Augen.

„Kein Fehler drin", sagte er — klug genug, um zu wissen, dass ich ihm nicht vertraute.

„Hm." Ich nickte zustimmend. In Wahrheit stimmte es nicht ganz; mein Geschmackssinn ist nicht derart abgestumpft, und diesmal war es deutlich zu sauer — er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, einen Messbecher zu benutzen, und die verdünnte Salzsäure war offensichtlich überdosiert. Doch mir schadete das nicht; ich konnte einfach jedes Mal weniger trinken oder Wasser hinzugießen und dafür öfter trinken. Daher das „Hm" — ein „Hm", das sich zwischen zwei Bedeutungen bewegt.

Wenn wir weit blicken und in uns gehen, erkennen wir, dass diese Worte keineswegs allzu boshaft sind. Das berühmte Paar Spruchbänder auf der Bühne lautet, so wird überliefert: „Die Bühne ist eine kleine Welt, die Welt ist eine große Bühne." Man hat von jeher alles für bloßes Theater gehalten; wer es ernst nimmt, ist ein Dummkopf. Doch dies rührt nicht nur vom positiven Wunsch nach Ansehen her: Wer im Herzen Unrecht empfindet, aber zu feige ist, sich zu rächen, erledigt die Sache ebenso mit dem Gedanken, alles sei nur Theater. Wenn alles Theater ist, dann ist auch das Unrecht nicht echt, und das Unterlassen der Vergeltung nicht feige. So kann man, selbst wenn man auf der Straße auf Unrecht stößt und nicht das Schwert ziehen kann, dennoch als altehrwürdiger aufrechter Herr gelten.

Unter den Ausländern, denen ich begegnet bin — ob sie nun von Smith beeinflusst waren oder es selbst herausgefunden haben —, gibt es etliche, die aufmerksam erforschen, was die Chinesen „Gesicht" oder „Ansehen" nennen. Doch sie haben, wie ich meine, längst praktische Erfahrung gesammelt und wenden sie auch an. Verfeinern sie diese Kunst noch weiter, werden sie nicht nur in der Diplomatie siegen, sondern sich auch die Sympathien der „höheren Chinesen" gewinnen. Dabei dürfen sie nicht einmal „Chinesen" sagen, sondern müssen „Huaren" sagen, denn auch dies ist eine Frage des „Gesichts" der „Huaren."

Ich erinnere mich noch, dass bei meiner Ankunft in Peking in den ersten Jahren der Republik die Schilder über den Postämtern „Postamt" lauteten; später, als der Ruf lauter wurde, Ausländer sollten sich nicht in die chinesische Innenpolitik einmischen, änderten sie sich — ob zufällig oder nicht — innerhalb weniger Tage sämtlich in „Post-Verwaltungsstelle." Dass Ausländer ein wenig Post-„Verwaltung" betreiben, hat mit der Innen-„Politik" wahrlich nichts zu tun — und dieses Theaterstück wird bis heute aufgeführt.

Ich habe den Verfechtern des Nationalerbes und der Moral und dergleichen nie geglaubt, wenn sie bittere Tränen vergossen; selbst wenn an ihren Augenwinkeln tatsächlich Perlentränen rollten, musste man prüfen, ob ihr Taschentuch nicht mit Pfefferwasser oder Ingwersaft getränkt war. Die Bewahrung des nationalen Erbes, die Erneuerung der Moral, die Verteidigung der Gerechtigkeit, die Ordnung des akademischen Betriebs ... denken sie im Herzen wirklich so? Auf der Bühne sieht die Pose stets anders aus als hinter den Kulissen. Aber das Publikum weiß, dass es Theater ist, und kann sich dennoch davon bewegen lassen, solange es überzeugend dargeboten wird — und so wird das Stück weitergespielt.

Abends kam ich nach Hause, aß ein wenig und setzte mich in den Hof, um die Abendkühle zu genießen. Tante Tian erzählte mir, heute Nachmittag hätten sich die Schwiegermutter und die Schwiegertochter irgendeiner Familie schräg gegenüber heftig gestritten. Ihrer Meinung nach habe die Schwiegermutter zwar einiges Unrecht, doch letztlich sei die Schwiegertochter zu unvernünftig gewesen. Sie fragte nach meiner Meinung. Ich hatte weder mitbekommen, wessen Familie stritt, noch kannte ich die beiden Frauen, noch hatte ich ihre Wortgefechte gehört oder ihre alten und neuen Feindschaften begriffen. Nun von mir ein Urteil zu verlangen, war wirklich etwas, dem ich mich nicht gewachsen fühlte, zumal ich ohnehin nie ein Kritiker gewesen bin. So konnte ich nur sagen: Diese Sache kann ich unmöglich beurteilen.

Doch diese Antwort hatte schlimme Folgen. In der Dämmerung konnte man zwar die Gesichter nicht sehen, doch meine Ohren vernahmen: Alle Stimmen verstummten. Stille, drückende Stille; dann stand jemand auf und ging davon.

Auch ich erhob mich gelangweilt, ging in mein Zimmer, zündete die Lampe an, legte mich aufs Bett und las die Abendzeitung; nach ein paar Zeilen wurde ich wieder unruhig und ging an den Ostwandtisch, um Tagebuch zu schreiben — eben dieses „Tagebuch auf der Stelle."

Aus dem Hof drangen allmählich wieder Geplauder und Gelächter.

Das Glück schien mir heute nicht hold zu sein: Passanten unterstellten mir, „Entwöhnungstropfen" zu trinken, und Tante Tian sagte über mich ... Was sie sagte, weiß ich nicht. Möge es ab morgen nicht mehr so weitergehen.

Tagebuch auf der Stelle, Zweiter Teil

Siebter Juli

Sonnig.

Jeden Tag über Sonne und Wolken zu schreiben geht mir allmählich selbst auf die Nerven; ich will es fortan unterlassen. Zum Glück ist das Wetter in Peking meist sonnig; und wenn die Pflaumenregenzeit kommt, dann ist es vormittags sonnig, nachmittags bewölkt, und am späten Nachmittag gibt es einen heftigen Regenguss, bei dem man die Lehmwände einstürzen hört. Es nicht zu schreiben, hat auch sein Gutes: Mein Tagebuch wird ohnehin nie einem Meteorologen als Referenzmaterial dienen.

Mir war das sofort klar; lediglich der Ausdruck „Außenstehender des Tor — Tores eines Amtes" dürfte nicht leicht verständlich sein, und es empfiehlt sich, eine Erläuterung hinzuzufügen. Das besagte „Er" bezieht sich auf den Minister oder den Vizeminister. Obwohl der Bezug zu diesem Zeitpunkt noch recht verschwommen erscheint, wird er bei weiterem Nachgraben konkreter — gräbt man allerdings noch tiefer, könnte er abermals verschwimmen. Kurzum: Hat man das Gehalt erst einmal in der Hand, sollte man es bei „genug ist genug, sei nicht habgierig" belassen, andernfalls droht Ärger. So wie ich hier diese Worte sage — das ist eigentlich schon nicht ganz klug.

Daraufhin verließ ich den Empfangssaal und traf einige ehemalige Kollegen, mit denen ich ein wenig plauderte. Ich erfuhr, dass es noch eine „Gruppe Wu" gab, die für die Auszahlung der Gehälter bereits verstorbener Beamter zuständig war — diese Gruppe brauchte wohl keine „persönliche Abholung." Ferner erfuhr ich, dass der Urheber der „Persönlichen-Abholungs-Regel" nicht nur „Er" war, sondern auch „Sie" einschloss. Das „Sie" klingt beim flüchtigen Hören wie die Anführer der „Gehaltsforderer-Vereinigung", doch dem ist nicht so, denn im Amt gab es schon längst keine solche Vereinigung mehr, weshalb es sich bei diesem Mal natürlich um eine andere Gruppe neuer Persönlichkeiten handeln musste.

Das Gehalt, das wir diesmal „persönlich abholten", war das des Monats Februar des dreizehnten Jahres der Republik. Daher gab es im Vorfeld zwei Lehrmeinungen: Erstens, es als Gehalt des Monats Februar des dreizehnten Jahres auszuzahlen. Doch die Neuzugänge und die kürzlich Beförderten würden dabei zu kurz kommen. Also entstand naturgemäß eine zweite, neue Lehrmeinung: Ungeachtet der Vergangenheit es als Gehalt des Monats Juni dieses Jahres auszuzahlen. Doch auch diese Theorie war nicht ganz stichhaltig; allein der Satz „ungeachtet der Vergangenheit" hatte schon einige Schwachstellen.

Diese Methode hatte schon früher jemand mit großem Aufwand ersonnen. Nachdem Zhang Shizhao mich vergangenes Jahr entlassen hatte, meinte er, mir damit einen Schlag versetzt zu haben, und selbst gewisse Literaten und Gelehrte freueten sich ausgelassen darüber. Doch letztlich waren sie kluge Leute, die „zimmerweise" deutsche Bücher gesehen hatten, und erkannten sofort, dass ich allein durch den Verlust meines Amtes noch nicht am Ende war, da ich noch ausstehende Gehälter beziehen und in Peking weiterleben konnte. Daraufhin entwarf ihr Abteilungsleiter einen Plan.

Gerade als ich mich auf dem Feld befand, kam der Zimmerboy und sagte, jemand wolle mich draußen sprechen. Hinausgegangen sah ich einige Personen und drei, vier Soldaten mit Gewehren auf dem Rücken — die genaue Zahl habe ich nicht gezählt; jedenfalls eine ganze Schar. Einer von ihnen sagte, er wolle mein Gepäck inspizieren. Ich fragte, mit welchem Stück er beginnen wolle. Er deutete auf einen Lederkoffer mit Leinwandhülle. Ich löste die Schnur, öffnete das Schloss und hob den Deckel; erst dann ging er in die Hocke und wühlte zwischen den Kleidungsstücken. Nach einer Weile schien er entmutigt, stand auf und winkte ab — die ganze Truppe machte „Kehrt" und marschierte hinaus. Der Anführer nickte mir zum Abschied noch höflich zu. Es war mein erster persönlicher Kontakt mit der gegenwärtigen „bewaffneten Klasse" seit Gründung der Republik. Ich fand, sie waren gar nicht so übel; hätten auch sie so geschickt „Gerüchte" verbreitet wie diejenigen, die sich als „unbewaffnete Klasse" ausgeben, so hätte ich wohl keinen Schritt mehr tun können.

Der Nachtzug nach Shanghai fuhr um elf Uhr ab, es waren wenige Fahrgäste, und man konnte sich gut hinlegen und schlafen — nur leider waren die Sitze zu kurz, und man musste sich zusammenkrümmen. Der Tee in diesem Wagen war ausgezeichnet, serviert in Gläsern, mit gutem Aussehen, gutem Duft und gutem Geschmack; vielleicht war meine Begeisterung nur deshalb so groß, weil ich jahrelang Brunnenwasser-Tee getrunken hatte, doch ich glaube, er war wirklich vorzüglich. Ich trank zwei Tassen, blickte aus dem Fenster auf die nächtliche Landschaft Jiangnangs und schlief kaum.

Erst in diesem Zug begegnete ich Studenten, die den Mund voll Englisch hatten, und hörte Ausdrücke wie „Funk" und „Seekabel." Ebenfalls erst in diesem Zug sah ich zarte Herrensöhnchen in Seidenhemden und spitzen Schuhen, Kürbiskerne knabbernd, eine Klatschzeitung vom Typ Xiaoxian Lu in der Hand — die sie nie ganz durchlasen. Diese Sorte Menschen scheint in Jiangsu und Zhejiang besonders zahlreich zu sein; ich fürchte, ihre Tage des Nichtstuns dauern noch lange an.

Nun bin ich in einem Hotel in Shanghai; ich will dringend weiter. Einige Tage unterwegs, hat mich die Reiselust gepackt — ich möchte immerfort hin und her fahren. Früher hörte ich von einem europäischen Volk namens „Zigeuner", das die Wanderschaft liebt und sich nicht niederlassen will; insgeheim hielt ich ihr Temperament für sonderbar, doch jetzt verstehe ich, dass sie ihre eigenen guten Gründe haben — ich war der Begriffsstutzige.

Die Frage „Wie soll man schreiben?" ist mir bisher nie in den Sinn gekommen. Dass es auf der Welt ein solches Problem gibt, erfuhr ich erst vor knapp zwei Wochen. Damals schlenderte ich zufällig durch die Straßen, betrat zufällig den Dingbu-Buchladen und erblickte zufällig einen Stapel der Zeitschrift So wird's gemacht, worauf ich ein Exemplar kaufte. Es handelt sich um ein Periodikum, auf dessen Umschlag ein junger Reitersoldat abgebildet ist. Ich hege seit jeher ein Vorurteil: Publikationen, auf deren Titelblatt solche Soldaten oder Arbeiter mit Eisenhacken prangen, meide ich gewöhnlich, weil ich stets den Verdacht habe, es handle sich um Propagandaschriften. Die Werke eines Ibsen und seiner Zunftgenossen, die beim Darlegen der eigenen Ansichten gelegentlich einen leichten Hauch von Propaganda annehmen, lese ich durchaus ohne Widerwillen. Doch gegenüber literarischen Werken, die zunächst das Wort „PROPAGANDA" in großen Lettern als Überschrift tragen und dann ihre Meinungen verkünden, empfinde ich stets eine gewisse Unverträglichkeit — jenes Unvermögen, sie hinunterzuschlucken, gleicht dem Gefühl beim Vorlesen von Belehrungsliteratur. Aber dieses So wird's gemacht war etwas Besonderes, denn ich erinnerte mich, in einer Tageszeitung gelesen zu haben, dass es mit mir in Verbindung stehe. Wohl ein weiterer Fall, in dem man sich für Dinge, die einen selbst betreffen, besonders interessiert: Ich fürchtete den Helden zu Pferde auf dem Umschlag nicht mehr und kaufte es. Zu Hause durchsuchte ich meine gesammelten Zeitungsausschnitte und fand den betreffenden — das Datum war der siebte März. Leider hatte ich den Namen der Zeitung nicht notiert, doch es muss entweder die Minguo Ribao oder die Guomin Xinwen gewesen sein, da ich damals nur diese beiden las. Hier nun ein Auszug aus dem Zeitungsbericht:

„Seit der Ankunft von Herrn Lu Xun im Süden hat sich die literarische Einöde Guangzhous mit einem Schlag belebt; nacheinander wurden die beiden Zeitschriften Was tun und So wird's gemacht gegründet. So wird's gemacht soll eine der regulären Publikationen der Gesellschaft für Revolutionäre Literatur sein, deren Inhalt sich auf revolutionäre Literatur und die Propagierung der Prinzipien unserer Partei konzentriert. unserer Partei konzentriert.

Diese beiden Sätze sind gelegentlich ganz nützlich. Es war, als ich bereits in die Wohnung an der Baiyunlu gezogen war; eines Tages erwischte ein Polizist einen Dieb, der elektrisches Licht gestohlen hatte, und der Hausverwalter, ein gewisser Herr Chen, schimpfte und schlug ihn zugleich. Er schimpfte eine ganze Litanei herunter, doch ich verstand davon nur diese beiden Sätze. Und dennoch schien ich alles verstanden zu haben; ich dachte: „Was er sagt, bedeutet wohl, dass die Lampe draußen vor dem Haus von diesem Kerl fast Hanbaran gestohlen wurde, weswegen er ihm nun Tiu-na-ma sagen muss." Damit schien mir ein großes Problem gelöst, und ich setzte mich beruhigt hin, um meine Ausgabe der Tang-Song-Novellen weiterzubearbeiten.

Aber ob es wirklich so ist, weiß ich letztlich nicht. Privatvermutungen sind erlaubt, doch daraus Schlüsse über Guangzhou zu ziehen, wäre wohl zu voreilig.

Doch obwohl ich nur diese beiden Sätze beherrschte, entdeckte ich einen Irrtum meines Lehrers, des Meisters Taiyan. Ich erinnere mich, wie der Meister uns in Japan Schriftzeichenkunde lehrte und sagte, das Zeichen „zhou" in der Passage „ihr Zhou ist auf dem Schwanz" im Shanhai-Jing bezeichne das weibliche Geschlechtsorgan. Dieses alte Wort habe sich in Guangdong erhalten, ausgesprochen als Tiu. Folglich müssten die beiden Zeichen Tiu-hei als „Zhou-Spiel" geschrieben werden, wobei das Substantiv dem Verb vorangehe. Ich erinnere mich nicht, ob er diese Theorie später in sein Werk Neue Dialekte aufgenommen hat, doch nach heutiger Betrachtung ist „zhou" ein Verb und kein Substantiv.

Was meine Aussage betrifft, es gebe in Guangzhou nichts Bemerkenswertes anzugreifen — das war freilich eine Lüge. In Wahrheit empfand ich damals gegenüber Guangzhou weder Zuneigung noch Abneigung, und folglich weder Freude noch Kummer, weder Lob noch Tadel. Ich war mit Träumen gekommen, und bei der ersten Begegnung mit der Wirklichkeit wurde ich aus dem Traumreich verbannt; übrig blieb nur Öde. Guangzhou, so empfand ich, war letztlich ein Teil Chinas. Obwohl die fremdartigen Blüten und Früchte und die besondere Sprache die Sinne des Reisenden verwirren können, erwies sich die Wirklichkeit dennoch als vertraut.

Heute, am neunundzwanzigsten Mai des sechzehnten Jahres der Republik, ist Lü Chunyang, der ehrwürdige Urmeister, herabgestiegen und hat in Erfahrung gebracht, dass du, gläubige Tochter, aus Guangxi stammst. In deinem jetzigen Leben als Mensch bist du von reinem und gütigem Herzen, und heute hat der Jadekaiser dir ein unverhofftes Vermögen von viertausendfünfhundert Liang Silber bestimmt, auf dass du, gläubige Tochter, es genießest und deine Söhne und Töchter aufziehest. Dieses Vermögen wird dir jedoch in acht Raten zufallen; Ende Juli dieses Jahres wirst du zunächst nur etwa siebenhundertfünfzig Yuan im Taubenlotterie gewinnen. Im Alter wirst du einen Sohn haben, und der dritte Sproß wird einen Beamtenstern haben und aufsteigen; eine Beamtengattin wirst du sein. Doch dein Leben lang musst du eine Drittnebenfrau an deiner Seite dulden und wirst nie den ersten Platz einnehmen können. Dein Schicksal in diesem Leben ist überaus günstig. In deinem vorigen Leben hast du jedoch gegen den Weißen Tiger und die Fünf Geister und den Himmelshundstern verstoßen; willst du unverhofften Reichtum und blühende Söhne, so musst du sechs Yuan und sechs Hao dem Meister des Goldenen Schöpfeimers übergeben, damit er dies für dich auflöse, und dann erst wirst du Frieden haben. Glaubst du nicht an die Auflösung, so wird dein Schicksal ohne Eheglück und ohne Kindersegen sein; hast du Kinder, werden sie sterben, hast du einen Mann, wird er sterben. Hast du dieses Schreiben gesehen, so suche den Meister auf, damit er diesen Unglücksstern für dich beseitige. Wünschest du Reichtum und Söhne, Eheglück und eheliche Autorität, so musst du den Meister bitten, mit dir das Ritual zu vollziehen und Yin und Yang ein- bis zweimal zu vereinen, dann erst wird Friede sein. Wer dem Meister nicht gehorcht, dem wird das Schicksal nichts Gutes bringen und keine Ruhe schenken. ...

(Nach dem Xunhuan Bao vom sechsundzwanzigsten Juli.)

III. Verhör der Miaochang — Der Fliegende Tiger

Miaochang, Empfangsdame im Ruyi-Teehaus in der Yongle-Straße von Hongkong, gerade zwanzig Jahre alt, wohnhaft in der Yongji-Straße Nr. 30, zweiter Stock. Am neunundzwanzigsten Juli gegen elf Uhr abends, nach Dienstschluss, ging sie mit drei, vier Kolleginnen nach Hause. Als sie die Yongji-Straße an der großen Hauptstraße erreichten, lauerten ihnen drei, vier kräftige Kerle auf und riefen Miaochang an: „Bist du nicht Miaoling?" Miaochang wagte nicht zu antworten und wich aus. Doch die Kerle ließen sie nicht gehen, schlugen brutal auf sie ein — zweimal mit der Faust — und sagten: „Auch wenn du nicht sprichst, ich erkenne dein Gesicht!" Miaochang wurde geschlagen und weinte bitterlich. Zurück zu Hause glaubte sie, die Kerle würden wiederkommen.

„Der vaterländische Zweck unseres Films bestimmt auch den inneren Aufbau und die zeitliche Begrenzung der Handlung. Daher nimmt Bismarcks Jugendzeit nur einen äußerst knappen Anfang ein. (Auslassung.) Und diese Geschichte soll mit der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 enden. Warum? Weil die darauf folgenden innenpolitischen Zwistigkeiten und sein Rücktritt düstere Erinnerungen hervorrufen würden, die den Zuschauer nicht vereinen, sondern entzweien und damit dem vaterländischen Zweck des gesamten Films zuwiderlaufen. Der Hauptteil des Films behandelt die Zeit von 1847, als Bismarck das politische Leben betrat, bis 1871 als abgeschlossenes Drama. (Auslassung.)"

Als zu dieser Gattung gehörige Filme kann man aufzählen: Prinz Louis Ferdinand, U 9, Katzensteg, Lützows wilde verwegene Jagd, Schills Offiziere, Emden, Unser Emden und weitere deutsche Filme; Napoleon, Jeanne d'Arc — allerdings nicht das nach Japan eingeführte Werk von Carl Dreyer — und andere französische Filme.

Es straft mit der einen Hand und betrügt mit der anderen. Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Vernunft — diese Worte werden abermals durch den ganzen Himmel flattern. Doch wir erinnern uns: Während des Großen Europäischen Krieges flatterten sie schon einmal, und man betrog unsere vielen armen Arbeiter, an die Front zu gehen und für die anderen zu sterben, worauf man im Zhongshan-Park in Peking einen schamlosen, unaussprechlich törichten Torbogen mit der Aufschrift „Die Gerechtigkeit siegt" errichtete (der später allerdings wieder entfernt wurde). Und wie sieht es jetzt aus? Wo ist die „Gerechtigkeit"? Das ist gerade einmal sechzehn Jahre her — wir erinnern uns.

Der Imperialismus und wir — mit Ausnahme seiner Lakaien — stehen uns nicht in jeder Hinsicht diametral gegenüber? Unsere Geschwüre sind ihre Kostbarkeiten; folglich sind ihre Feinde selbstverständlich unsere Freunde. Sie selbst befinden sich im Zerfall, können sich nicht mehr halten, und um ihr eigenes Schicksal abzuwenden, hegen sie Groll gegen den Aufstieg der Sowjetunion. Verleumdung, Verwünschung, Hass — sie schrecken vor nichts zurück. Da nichts wirkt, bleibt ihnen schließlich nur, sich zum Angriff zu rüsten; sie müssen sie vernichten, um ruhig schlafen zu können. Doch was tun wir? Lassen wir uns abermals betrügen?

„Die Sowjetunion ist eine Diktatur des Proletariats; die Intelligenzija muss dort verhungern." So warnte mich einst ein bekannter Journalist. Ja, das könnte auch mir den Schlaf rauben. Doch ist die Diktatur des Proletariats nicht um der künftigen klassenlosen Gesellschaft willen? Solange man sie nicht zu sabotieren versucht, kommt der Erfolg natürlich umso schneller, und die Abschaffung der Klassen umso eher — dann wird niemand mehr „verhungern." Selbstverständlich ist Schlangestehen vorübergehend unvermeidlich, doch es wird schon schneller gehen.

Die Lakaien des Imperialismus wollen kämpfen gehen — dann sollen sie selbst (!) hinter ihrem Herrn herziehen und losschlagen. Wir, das Volk, haben diametral entgegengesetzte Interessen. Wir sind dagegen.

Von den Werken amerikanischer Künstler habe ich William Siegels Die Pariser Kommune als Holzschnittwerk gesehen (The Paris Commune, A Story in Pictures by William Siegel), veröffentlicht vom John Reed Club in New York. Dazu kommt ein lithografisches Buch von W. Gropper; laut Professor Zhao Jingshen handelt es sich um Die Geschichte des Zirkus — bei anderer Übersetzung bestünde die Gefahr, „treu, aber holprig" zu werden, weshalb ich den Originaltitel unten wiedergebe:

„Alay-Oop" (Life and Love among the Acrobats.)

Über englische Künstler weiß ich wenig, da deren Werke teuer sind. Doch einst gab es ein kleines Buch mit nur fünfzehn Holzschnitten und weniger als zweihundert Wörtern Erläuterung; der Autor war der berühmte Robert Gibbings, die Auflage betrug fünfhundert Exemplare. Ein englischer Gentleman würde eher sterben als nachdrucken; inzwischen dürfte es wohl vergriffen und jedes Exemplar Dutzende Yuan wert sein. Das Buch heißt:

Der siebte Mann (The 7th Man).

Mein Punkt ist zusammengefasst: Ich habe Tatsachen angeführt, die beweisen, dass Bildergeschichten nicht nur zu Kunst werden können, sondern bereits ihren Platz im „Palast der Kunst" eingenommen haben. Dass sie wie jede andere Literatur guten Inhalt und gute Technik brauchen, versteht sich von selbst.

Ich rate jungen Kunststudenten keineswegs, großformatige Ölgemälde oder Aquarelle geringzuschätzen, doch ich hoffe, sie werden Bildergeschichten ebenso ernst nehmen und sich ebenso darum bemühen.

Doch seltsamerweise findet sich tatsächlich noch ein Verlag, der dieses Buch drucken will. Will er drucken, so mag er drucken — das kann nach wie vor ganz zwanglos geschehen —, doch da das Buch dadurch den Lesern begegnen wird, muss ich hier zwei Klarstellungen anfügen, um Missverständnissen vorzubeugen. Erstens: Ich bin jetzt Mitglied der Liga linker Schriftsteller. Wenn man die neuere Verlagswerbung betrachtet, hat es ganz den Anschein, als würden alte Werke eines Autors, sobald er sich nach links wendet, ebenfalls in den Himmel aufsteigen, ja sein Geheul als Säugling würde schon zur revolutionären Literatur erklärt. Unser Buch jedoch ist anders — es enthält keinerlei revolutionären Geist. Zweitens: Man hört oft sagen, Briefe seien die unverstellteste, aufrichtigste Form der Schriftstellerei. Doch auch ich bin das nicht: Wem auch immer ich schreibe, anfangs bin ich stets oberflächlich und heuchlerisch. Auch in diesem Band habe ich an den wichtigeren Stellen später oft absichtlich vage formuliert, denn wir leben in einem Land, in dem „örtliche Behörden", die Post, Schulleiter ... nach Belieben Briefe kontrollieren dürfen. Freilich, deutliche Worte finden sich ebenfalls genug.

Noch ein Punkt: Die Personennamen in den Briefen habe ich teilweise geändert; die Absichten dabei sind teils gut, teils nicht gut und durchaus verschieden. Es hat keine tiefere Bewandtnis — entweder befürchte ich, anderen könnte ihr Erscheinen in unseren Briefen Unannehmlichkeiten bereiten, oder es geschieht lediglich zu meinem eigenen Schutz, um mir Ärger wie ein abermaliges „Vorgeladen werden zur Verhandlung" zu ersparen.

Wenn ich auf die vergangenen sechs, sieben Jahre zurückblicke, haben uns wahrlich nicht wenige Stürme umtobt; in stetem Ringen gab es solche, die halfen, solche, die uns Steine nachwarfen, und solche, die spotteten, schimpften und verleumdeten. Doch wir bissen die Zähne zusammen und kämpften uns sechs, sieben Jahre lang durch. In dieser Zeit versanken die Verleumder und Nachtredner nach und nach selbst in noch tiefere Dunkelheit, während wohlmeinende Freunde sich ebenfalls veränderten.

Ich lese oft die Taosheng und rufe dabei oft begeistert aus. Doch als ich diesmal den Artikel 'Andere beschimpfen und sich selbst beschimpfen' von Herrn Zhou Muzhai sah, in dem es heisst, die Pekinger Studenten 'sollten selbst wenn sie nicht in den Kampf ziehen koennen, zumindest nicht fliehen', und er das Verloechen des kaempferischen Geistes aus der Zeit der Vierten-Mai-Bewegung beklagt, da blieb es mir wie eine Graete im Halse stecken, und ich muss einige Worte sagen. Denn ich vertrete die genau entgegengesetzte Auffassung wie Herr Zhou: Ich meine, 'wer nicht in den Kampf ziehen kann, der sollte fliehen' -- ich gehoere zur 'Partei der Flucht'.

Herr Zhou vermutet am Ende seines Artikels, 'dies sei die Erfuellung des Umbenennens von Peking in Beiping', und ich denke, er hat zur Haelfte recht. Das damalige Peking trug noch die Maske der 'Republik', und wenn Studenten laermten, war das noch nicht weiter schlimm. Der damalige Herrscher war Herr Duan Qirui, dem gestern achtzehn Shanghaier Organisationen eine Willkommensversammlung ausrichteten -- ein Militaer zwar, der aber noch nicht Mussolinis Biographie gelesen hatte. Und doch -- seht her! -- kam es schliesslich dazu. Einmal wurden auf demonstrierende Studenten Schuesse abgefeuert; die Soldaten zielten am liebsten auf Studentinnen -- psychoanalytisch laesst sich das durchaus erklaeren --, besonders auf solche mit kurzgeschnittenen Haaren, was sich auch mit der Lehre von der Sittlichkeitsreform erklaeren laesst. Kurzum, es starben einige 'strebsame Schueler'. Danach durfte man immerhin noch Gedenkveranstaltungen abhalten, durfte am Regierungssitz vorbeidefilieren und laut 'Nieder mit...' rufen.

Er hatte sich schliesslich definitiv veraendert. Einmal teilte er mir klar mit, dass er fortan Inhalt und Form seiner Werke umstellen werde. Ich sagte: Das duerfte schwierig werden -- wer ein Leben lang mit dem Messer umgegangen ist, soll nun mit dem Stock hantieren, wie soll das gehen? Er antwortete knapp: Man muss es nur lernen!

Das waren keine leeren Worte; er begann tatsaechlich von neuem zu lernen. In jener Zeit brachte er einmal eine Freundin mit, die mich besuchte -- das war Frau Feng Keng. Wir sprachen einige Tage miteinander, doch letztlich blieb mir ein gewisses Befremden. Ich vermutete, sie habe einen Hang zum Romantischen und draenge allzu sehr auf praktische Ergebnisse; ich vermutete auch, dass Rou Shis juengster Wunsch, grosse Romane zu schreiben, von ihren Ansichten herruebre. Doch dann hegte ich wiederum Zweifel an mir selbst: Vielleicht hatte Rou Shis frueheres entschlossenes Wort gerade die Wunde meiner eigentlich nur traegen Haltung getroffen, und ich uebertrug meinen Arger unbewusst auf sie. Tatsaechlich war ich kaum besser als jene ueberempfindlichen und stolzen jungen Literaten, die ich zu sehen fuerchtete.

Koerperlich war sie zart und keineswegs schoen.

III

Erst nach der Gruendung der Liga linker Schriftsteller erfuhr ich, dass der mir bekannte Bai Mang der Dichter Yin Fu war, der in der Zeitschrift Tuohuangzhe publizierte. Bei einer Versammlung gab ich ihm ein deutsches Uebersetzungsbuch, den Chinareisebericht eines amerikanischen Journalisten, in der Annahme, es koenne ihm beim Deutschlernen dienen -- weiter nichts.

Auf dem Rasen des hinteren Gartens bildeten die Journalisten, mit Shaw im Zentrum, einen Halbkreis und ersetzten die Weltreise durch eine Ausstellung ihrer Visagen. Shaw wurde mit den verschiedensten Fragen bombardiert, als blaettere man in der Encyclopaedia Britannica.

Shaw schien nicht viel reden zu wollen. Doch die Journalisten wuerden keinesfalls lockerlassen, und so begann er schliesslich zu sprechen. Je mehr er sagte, desto spaerlicher wurden die Notizen auf Seiten der Journalisten.

Ich denke, Shaw ist kein wirklicher Satiriker, denn ein solcher haette nicht so viel gesagt.

Das Experiment endete gegen halb fuenf; Shaw schien bereits erschoepft, und so kehrte ich mit Herrn Kimura in die Uchiyama-Buchhandlung zurueck.

Die Nachrichten des naechsten Tages waren allerdings bei weitem glaenzender als Shaws Worte selbst. Zur selben Zeit, am selben Ort, dieselben Worte hoerend, verfassten die Journalisten gaenzlich verschiedene Berichte. Offenbar variiert auch die Deutung englischer Worte je nach dem Ohr des Hoerenden. Zum Beispiel: Was die chinesische Regierung betrifft -- der Shaw der englischen Zeitungen sagte, die Chinesen sollten sich Regenten waehlen, die sie bewundern; der Shaw der japanischen Zeitungen sagte, Chinas Regierung bestehe aus mehreren; der Shaw der chinesischen Zeitungen sagte, eine gute Regierung gewinne niemals die Gunst des Volkes.

Von diesem Punkt aus betrachtet ist Shaw gar kein Satiriker.

Es ging mir aber gar nicht ums eigene Schreiben, sondern ums Vorstellen, ums Uebersetzen, und besonders um die Kurzgeschichte, namentlich Werke von Autoren aus unterdrueckten Voelkern. Denn damals war die anti-mandschurische Theorie in Mode, und manche jungen Leute fuehlten sich den schreienden und rebellierenden Autoren verwandt. Eine 'Anleitung zum Novelleneschreiben' und dergleichen habe ich nie gelesen; Kurzgeschichten dagegen las ich viele -- zum kleineren Teil aus eigener Neigung, zum groesseren Teil, weil ich Material fuer Uebersetzungen suchte. Auch Literaturgeschichten und Kritiken las ich, um die Person und das Denken der Autoren kennenzulernen und zu entscheiden, ob ich sie den Chinesen vorstellen sollte. Mit Gelehrsamkeit hatte das alles rein gar nichts zu tun.

Da die gesuchten Werke voller Aufschrei und Widerstand waren, neigte ich naturgemaess Osteuropa zu, und so las ich besonders viel von russischen, polnischen und Balkan-Autoren. Auch indische und aegyptische Werke suchte ich eifrig, fand aber keine. Ich erinnere mich, dass meine damaligen Lieblingsautoren der Russe Gogol und der Pole Sienkiewicz waren. Von den Japanern: Natsume Soseki und Mori Ogai.

Nach der Rueckkehr in die Heimat betrieb ich Schulwesen und hatte fuenf, sechs Jahre lang keine Zeit mehr, Romane zu lesen. Warum fing ich dann wieder an? Das steht bereits im Vorwort zu Ruf zu den Waffen und muss hier nicht wiederholt werden. Doch meine Hinwendung zur Erzaehlkunst war auch nicht ganz freiwillig.

Doch ueber das heisse Blut hinaus hat Herr Shouchang auch noch schriftliche Hinterlassenschaften. Leider kann ich ueber diese Hinterlassenschaften kaum etwas sagen, denn wir arbeiteten in verschiedenen Feldern. In der Aera der Neuen Jugend betrachtete ich ihn zwar als Kameraden an derselben Front, achtete aber nicht auf seine Aufsaetze -- so wie ein Kavallerist sich nicht um den Brueckenbau kuemmern muss und ein Artillerist nicht um die Reitkunst. Damals hielt ich das nicht fuer falsch. Was ich jetzt sagen kann, ist daher nur dies: Erstens, seine Theorien moegen aus heutiger Sicht nicht in allem treffsicher sein; zweitens, dennoch werden seine Schriften ewig bestehen, denn sie sind das Erbe eines Vorreiters, ein Meilenstein der Revolutionsgeschichte. Die saemtlichen Baende aller toten und lebenden Betrueger -- sind sie nicht bereits am Einstuerzen, und selbst die Buchhaendler verschleudern sie, 'ohne Ruecksicht auf das Kapital', fuer zwanzig bis dreissig Prozent?

Aus den eisernen Tatsachen der Vergangenheit und der Gegenwart die Zukunft abzulesen ist so klar wie ein Blick ins Feuer!

Am Abend des neunundzwanzigsten Mai neunzehnhundertdreiunddreissig, aufgezeichnet von Lu Xun.

Diesen Aufsatz schrieb ich auf Bitten von Herrn T, da jener Sammelband bei dem mit ihm verbundenen Verlag G erscheinen sollte. Da ich die freundschaftliche Bitte nicht ablehnen konnte, schrieb ich diese Zeilen, die bald darauf in der Taosheng erschienen. Spaeter hoerte ich jedoch, der Inhaber der Rechte am Manuskript habe einem anderen Verlag C den Druckauftrag erteilt; bis heute ist es nicht erschienen, und vielleicht wird es vorerst auch nicht erscheinen. Obwohl ich sehr bereue, vorschnell ein Vorwort geschrieben zu haben.

Zufaellig blaetterte ich im Bencao Gangmu und musste unwillkuerlich an diesen Punkt denken. Dieses Buch ist ein ganz gewoehnliches Werk, birgt aber reiche Schaetze. Natuerlich sind haltlose Aufzeichnungen unvermeidlich, doch die Wirksamkeit der meisten Arzneimittel konnte erst durch langjaehrige Erfahrung in diesem Masse erkannt werden. Besonders erstaunlich sind die Beschreibungen der Gifte. Wir loben gern die alten Weisen und glauben, die Arzneien seien von einem einzigen Kaiser Shennong allein durchprobiert worden, der einmal an einem Tag auf zweiundsiebzig Gifte stiess, fuer alle aber ein Gegenmittel hatte und nicht starb. Solche Legenden koennen heute die Menschen nicht mehr beherrschen; man weiss laengst, dass alle Kultuergueter von den namenlosen Menschen der Geschichte nach und nach geschaffen wurden. Architektur, Kochkunst, Fischfang, Jagd, Ackerbau -- ueberall ist es so; bei der Medizin ebenso. Wenn man so darueber nachdenkt, wird die Sache gewaltig: Vermutlich versuchten die Menschen in alter Zeit, wenn sie erkrankten, zunaechst dieses und jenes; wer Gift ass, starb, wer etwas Belangloses ass, blieb ohne Wirkung, und wer zufaellig das Richtige fand, wurde gesund -- und so erfuhr man, welches Mittel gegen welches Leiden hilft. Diese Erfahrungen sammelten sich an und fuehrten zunaechst zu provisorischen Aufzeichnungen, die spaeter allmaehlich zu gewaltigen Werken anwuchsen, wie eben das Bencao Gangmu. Und dieses Buch verzeichnet nicht nur chinesische Erfahrungen, sondern auch die der Araber und Inder -- was das Ausmass der frueheren Opfer nur noch erschreckender macht.

Wert auf die Uebersetzung zu legen und sie als Spiegel zu nutzen, das foerdert und ermutigt in Wahrheit auch die eigene schoepferische Arbeit. Doch schon vor einigen Jahren traten 'Kritiker' auf, die die 'harte Uebersetzung' angriffen, ein wenig Schorf von ihren alten Narben kratzten, so wenig wie der Moschus auf einem Pflaster, und dieses Wenige fuer eine Kostbarkeit hielten. Und dieser Wind hat sich tatsaechlich verbreitet: Viele der neueren Kommentatoren verachten in diesem Jahr bereits die importierten auslaendischen Waren. Verglichen mit den Militaerherren, die massenhaft Flugzeuge kaufen, und den Buergern, die verzweifelt spenden, sind die sogenannten 'Literaten' wahrhaftig unendlich bornierte Gestalten.

Ich wuensche mir, dass China viele gute Uebersetzer hat; wenn das nicht moeglich ist, dann stuetze ich die 'harte Uebersetzung'. Der Grund liegt darin, dass es in China zahlreiche Leserschichten gibt, und dass manches darunter nicht ausschliesslich Betrug ist; vielleicht wird es immer jemanden geben, der ein wenig davon aufnimmt, was nuetzlicher ist als ein leerer Teller. Zudem bin ich selbst der Uebersetzung von jeher dankbar. Was zum Beispiel die Frage der Kritik und Verteidigung Shaws und das gegenwaertig diskutierte Thema der Aktivitaet des Stoffes betrifft -- in den importierten Waren gibt es laengst klare Antworten darauf. Zum ersteren sagte der Deutsche Wittfogel in 'Shaw ist ein Hanswurst': --

'Was die Frage betrifft, ob Shaw eine proletarische Revolution beabsichtigt, so ist dies keine wichtige Frage. Die grossen franzoesischen Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts wuenschten sich auch nicht die Franzoesische Revolution. Dennoch...'

Zum einjährigen Bestehen der Lunyu -- Abermals über Shaw

Die Lunyu besteht angeblich ein Jahr, und Herr Yutang befiehlt mir, einen Aufsatz zu schreiben. Das ist geradezu, als hätte man mir das Thema 'Xue er, erstes Kapitel' gestellt und mich aufgefordert, einen Baguwen in der Volkssprache zu verfassen. Da hilft nichts, ich muss drauflosschreiben.

Offen gestanden: Was er propagiert, habe ich stets abgelehnt. Früher war es das 'Fair Play', jetzt ist es der 'Humor'. Ich mag keinen 'Humor' und halte ihn für ein Spielchen, das nur einem Volk einfallen kann, das gern Runde-Tisch-Konferenzen abhält; in China lässt sich nicht einmal eine sinngemäße Übersetzung bewerkstelligen. Wir haben Tang Bohu, wir haben Xu Wenchang; und dann den berühmtesten: Jin Shengtan -- 'Enthauptung ist der größte Schmerz, und Shengtan erlangt ihn unbeabsichtigt, wie wunderbar!' -- obwohl man nicht weiß, ob dies ein ernstes Wort, ein Witz, eine Tatsache oder ein Gerücht ist. Jedenfalls zweierlei: Erstens wird erklärt, Shengtan sei kein rebellischer Aufrührer gewesen; zweitens wird die Grausamkeit des Henkers in allgemeines Gelächter aufgelöst -- und damit ist die Sache erledigt.

Guangzhou, den achtzehnten -- Alle Behörden und öffentlichen Organisationen hielten heute Morgen Gedenkfeiern zum Jahrestag der nationalen Schmach vom achtzehnten September ab. In der Zhongshan-Gedächtnishalle fand eine Morgenfeier statt, bei der die Redner sämtlich Japans Aggression gegen China anprangerten. In der ganzen Stadt heulten die Dampfsirenen, um die Bevölkerung zu warnen, und Flugzeuge warfen während der Zeremonie Flugblätter ab. Jedoch wurde ein großer Volksumzug von den Behörden verboten und konnte nicht stattfinden.

Tokyoter Gedenkfeier und Hunde, Pferde (Japanische Nachrichtenagentur)

Tokio, den achtzehnten -- Tokio beging heute den Jahrestag des achtzehnten September. Um ein Uhr nachmittags wurde in der Hibiya-Stadthalle eine Trostveranstaltung für die Hinterbliebenen gefallener Soldaten abgehalten. Im Tsukiji-Honganji-Tempel wurde eine Trauerzeremonie für Militärpferde, Militärhunde und Militärtauben veranstaltet. Heimatveteranen versammelten sich um sechs Uhr nachmittags zu einer Großveranstaltung, und im Yasukuni-Schrein fand eine Gedenkfeier für die gefallenen Soldaten statt.

Doch wie sah es in Shanghai aus? Schauen wir zunächst in die Konzessionsgebiete --

In Regenschleiern und Windböen, doppelt bedrückend

Die ganze Stadt stand heute unter dem Eindruck von Nieselregen und Windstößen, von Wolkenschleiern und Nebelschwaden umhüllt, und wirkte noch trüber als sonst.

Doch behauptete man, China befinde sich derzeit in einer goldenen Ära wie unter Yao und Shun, so wäre das nichts als 'weltkluge' Rede. Von dem, was man mit eigenen Augen sieht und Ohren hört, ganz abgesehen -- allein ein Blick in die Zeitungen genügt, um zu wissen, wie viel Ungerechtigkeit es in der Gesellschaft gibt, wie viel unterdrücktes Leid die Menschen erdulden. Doch zu all dem hören wir, abgesehen von gelegentlichen Appellen seitens einiger Berufskollegen, Landsleute oder Clanmitglieder, kaum je die Stimme der Empörung Unbeteiligter. Das liegt offensichtlich daran, dass niemand den Mund aufmacht -- sei es, weil man meint, es gehe einen nichts an, oder weil man nicht einmal den Gedanken hat, dass es einen nichts angehe. Wenn die 'Weltklugheit' so tief geht, dass man sich ihrer nicht einmal mehr bewusst ist -- dann erst ist man wahrhaft 'weltklug'. Dies ist die Quintessenz der Quintessenz der chinesischen Lebenskunst.

Zudem habe ich für jene, die meine an die Jugend gerichteten Ratschläge gelesen haben und sie im Herzen missbilligen, noch einen Gegenangriff bereit. Sie halten mich für verschlagen. Doch meine Worte zeigen einerseits gewiss meine Verschlagenheit und auch mein Unvermögen, andererseits aber auch die Finsternis der Gesellschaft.

Doch dies gilt nur für die Vorstellung vor der allgemeinen gebildeten Leserschaft. Denkt man an angehende Kunststudenten, so genügt der Zinkklischeedruck nicht. Zu feine Linien gehen auf der Zinkplatte leicht verloren, und selbst grobe Linien können je nach Ätzdauer verschieden ausfallen -- zu kurz geätzt werden sie zu grob, zu lang geätzt zu fein. Meisterhafte Plattenmacher, die das rechte Maß treffen, gibt es in China noch sehr wenige. Will man es ernst nehmen, bleibt nur der Lichtdruckbogen. Meine Ausgabe der Illustrationen zu 'Zement' in zweihundertfünfzig Exemplaren war in China der erste Versuch dieser Art. Herr Shi Zhecun schrieb in der 'Fackel', der Beilage der Dawanbao: 'Vielleicht handelt es sich, wie bei Herrn Lu Xuns Lichtdruckausgabe von Holzschnitten, um eine private Luxusausgabe, die zu den seltenen Büchern zählt' -- das war ein Spott auf eben diese Sache. Ich hörte sogar einen jungen Mann neben diesem 'seltenen Buch' sagen: Die Angabe 'nur zweihundertfünfzig Exemplare gedruckt' sei Betrug; gewiss seien viel mehr gedruckt worden, man gebe weniger an als gedruckt, nur um den Preis in die Höhe zu treiben.

Da sie selbst nie den lächerlichen Fehler begangen haben, eine 'private Luxusausgabe' herzustellen, ist ihr Spott durchaus verständlich.

China konnte schon Wein brauen, lange bevor es selbst Opium anbaute, doch heutzutage hört man nur von unzähligen Menschen, die auf dem Rücken liegen und Wolken ein- und ausatmen, während man kaum jemanden sieht, der wie ein ausländischer Matrose betrunken durch die Straßen randaliert. Das Fußballspiel der Tang- und Song-Zeit ist längst in Vergessenheit geraten; das übliche Vergnügen besteht darin, sich zu Hause einzuschließen und die ganze Nacht Mahjong zu spielen. Aus diesen beiden Punkten lässt sich zweifellos schließen, dass wir uns allmählich aus dem Freien in die eigenen vier Wände zurückgezogen haben. Schon Literaten des alten Shanghai beklagten dies seufzend und stellten eine Spruchbandhälfte auf, die zu ergänzen war: 'Drei Vögel schaden dem Menschen: Krähe, Sperling, Taube' -- wobei 'Taube' für die Lotterie stand, vornehm 'Gewinnschein' genannt, damals aber 'Weiße-Tauben-Los'. Ob je jemand die zweite Hälfte fand, weiß ich nicht.

Allerdings sind wir keineswegs zufrieden mit dem Ist-Zustand: Wir sitzen im engen Kämmerchen, doch unser Geist schweift durch die Weiten des Universums. Der Opiumraucher genießt seine Traumwelt, der Mahjong-Spieler sehnt sich nach einem guten Blatt. Unter dem Dachvorsprung werden Böller gezündet, um den Mond aus dem Rachen des Himmelshundes zu retten; der Schwertmeister sitzt im Studierzimmer, stößt ein 'Ha' aus, ein weißer Lichtstrahl fährt hervor, und der Feind in zehntausend Meilen Entfernung ist getötet -- doch das fliegende Schwert kehrt stets brav nach Hause zurück.

Doch wegen eines Zeitungsberichts, für den ich nicht verantwortlich gemacht werden kann, hat sich der Herr 'Antipathie' zugezogen. Dennoch genoß ich eine außerordentliche Vorzugsbehandlung: In den Neuen Gelehrtengeschichten wurde mir immerhin ein großes Messer zugestanden. Was die Etikette betrifft, sollte ich mich bedanken, doch in der Realität verhält es sich wie bei einem großen Festmahl: Ich besitze gar kein großes Messer, sondern nur einen Pinsel namens 'Gold-tausch-ich-nicht-ein'. Das ist keine Werbung dafür, keine Rubel anzunehmen -- es ist einfach ein billiger Fünf-Fen-Pinsel, den ich seit meiner Kindheit gewöhnt bin. Ich habe allerdings mit diesem Pinsel den Herrn berührt, doch ebenso wie man klassische Zitate verwendet: beiläufig aufgegriffen, beim Schreiben zum Vergnügen geworden, ohne besonders rachsüchtige Absicht. Aber der Herr hat mir wieder 'drei kalte Pfeile' angehängt. Das ist ihm freilich nicht vorzuwerfen, denn es ist lediglich der nachgespuckte Speichel des Professors Chen Yuan. Selbst wenn man es als Vergeltung meinerseits ansähe -- aus den oben genannten Gründen wäre ich noch weit davon entfernt, in die Reihe derer einzutreten, die 'Gutes mit Bösem vergelten'.

Was die sogenannten 'Fünf Pekinger Vorträge und drei Shanghaier Buhs' betrifft, so sind sie in Wirklichkeit bis heute nicht geschrieben worden.

Man ersinnt neue Tricks: Der erste besteht darin, vorab einen großartigen Namen für eine Buchreihe festzulegen, ein Inhaltsverzeichnis aufzustellen, das vom Universum bis zu den Bakterien auf einer Fliege alles umfasst, und erst dann verschiedene Personen zu suchen, denen man Übersetzungsaufträge erteilt, Fristen setzt, die einzuhalten sind, obwohl die Übersetzer nicht unbedingt Fachleute sind. Da aber viele Hände gleichzeitig auf dem Manuskriptpapier schreiben, erscheint in kürzester Zeit ein gewaltiges, prunkvolles Werk. Der zweite Trick: Man hat eine Sammlung vereinzelter älterer Übersetzungen, die nie sonderlich beliebt waren oder es einst waren, nun aber veraltet sind; man fasst sie zusammen, ordnet sie grob nach Kategorien, stellt ein buntes Inhaltsverzeichnis auf -- und schon ist ein gewaltiges, prunkvolles Werk erschienen.

Die Verleger kennen die Wünsche der Leser. Manche Leser wissen nicht, welche Bücher notwendig sind, und glauben daher, was in eine Reihe aufgenommen wird, müsse wohl notwendig sein. Zudem ist ein Band aus einer Reihe billiger als eine Einzelausgabe und scheint daher ein gutes Geschäft; und die einheitliche Größe gefällt den Menschen ebenfalls.

Doch die Stimmung der damals erwachten jungen Intellektuellen war im Allgemeinen glühend, aber auch trostlos. Selbst wenn sie ein wenig Licht fanden -- 'der Durchmesser eins, der Umfang drei' --, sahen sie umso deutlicher die endlose Finsternis ringsum. Die aus der Fremde aufgenommene geistige Nahrung war zudem der Saft der 'Jahrhundertwende': von Oscar Wilde, Friedrich Nietzsche, Charles Baudelaire, Leonid Andrejew und ihresgleichen zubereitet. 'Das eigene Schiff versenken' und dennoch in aussichtsloser Lage ums Überleben kämpfen -- bei vielen anderen Werken dagegen hieß es oft 'Dein Frühling ist nicht mein Frühling, dein Herbst nicht mein Herbst': Junge mit schwarzem Haar und rotem Antlitz sangen Lieder des Herzeleids, als hätten sie ein Leben voller Leid hinter sich, und wollten doch nicht aussprechen, worum es ging. Auch wenn Feng Zhi sie mit Poesie schmückte und Sha Zi sie hinter dem Vorwand kleiner Gräser verbarg, ließ es sich doch nicht verbergen. All dies schien vorwiegend von Autoren aus Sichuan zu stammen -- woraus man schließen kann, wie früh das Leid in Sichuan begann.

Dennoch haben die Autoren dieser Gruppe keineswegs den Mut verloren. Chen Weimo schrieb in seinem Werk weiter.

'Ein Tropfen Quellwasser kann den Anfang eines Stroms bilden, das Wehen eines Blattes kann einen kommenden Sturm ankündigen; aus winzigem Ursprung kann Gewaltiges entstehen. Aus diesem Grunde heißt unser Wochenblatt Kuangbiao -- Sturmwind.'

Doch später wurde es immer deutlicher, dass man sich für 'überlegen' hielt. Allerdings machten die Nietzsche nachahmenden, einander unverständlichen aphoristischen Aufsätze das Fortbestehen des Wochenblatts zunehmend schwierig. Was in Erinnerung blieb, waren letztlich nur die Erzähler: Huang Pengji und Shang Yue -- die in Wahrheit ein und derselbe Autor waren, nämlich Xiang Peiliang.

Huang Pengji sammelte seine Kurzgeschichten in einem Band namens Dornen, und als er dem Leser zum zweiten Mal begegnete, hatte er sich bereits in 'Pengqi' umbenannt. Er war der Erste, der klar und deutlich forderte, Literatur müsse nicht wie Sahne sein, sondern wie ein Stachel; der Literat dürfe nicht resignieren, sondern müsse kraftvoll sein. In seinem Aufsatz 'Literatur des Stachels' (Mangyuan-Wochenblatt Nr. 28) legte er dar, dass 'Literatur keineswegs etwas Belangloses' sei und 'der Literat nicht unbedingt ein vom Himmel besonders begünstigtes Sondervolk' darstelle.

Es gibt ein ganz aktuelles Beispiel, und zwar vom siebten März in der Zhonghua Ribao. Dort wird eine Äußerung von 'Herrn Li Jigu, Professor an der Universität Beiping und Leiter der Abteilung für Literatur und Geschichte am Frauen-College für Geistes- und Naturwissenschaften' zitiert, der die Grundsätze des 'Manifests der Zehn' befürwortet. Am Ende heißt es: 'Im Interesse der nationalen Wiedergeburt sollte das Bildungsministerium verfügen, dass Helden wie Yue Fei, Wen Tianxiang und Fang Xiaoru als Vorbilder geehrt werden, damit hohe Beamte und Generäle ein Vorbild hätten.'

Bei all diesen Dingen ist es am besten, nicht allzu genau nachzuforschen. Dächte man an 'vollständige Hingabe bis zum Tod' und die künftige Konfrontation auf dem Schlachtfeld, oder untersuchte man die tatsächlichen Schicksale der Yue Feis und ihrer Art -- ob sie am Ende die 'nationale Wiedergeburt' tatsächlich erreichten oder nicht --, würde man sich nur den Kopf verdrehen. Im Grunde ist es selbstgesuchter Ärger. Herr Yutang sprach bei einem Vortrag an der Jinan-Universität: '... Im Leben soll man ernsthaft sein und nicht auf Abwege geraten; ... gerät man auf Abwege, ... wird man bestimmt arbeitslos. ... Doch beim Schreiben soll man Humor haben -- anders als im Leben --, man soll Spaß machen und sich vergnügen, ...'

Was ich hier sagen will, ist lediglich Folgendes: Die Parole der Aufrechterhaltung des Status quo mag sich besonnen anhören, doch in der Praxis ist sie undurchführbar. Die Geschichtstatsachen beweisen unaufhörlich, dass sie nichts als eine 'Fiktion' ist: nur so viel.

(Einundzwanzigster März.)


Vorwort zu Tian Juns 'Das Dorf im August'

Nachdem Ehrenburg über die Literaten der französischen Oberschicht gesprochen hat, sagt er, es gebe daneben auch andere, andersartige Menschen: 'Professoren arbeiten lautlos in ihren Studierstuben, Ärzte, die Röntgentherapie erproben, sterben an ihrem Posten, Fischer, die sich aufopfern, um ihre Kameraden zu retten, versinken still im Ozean. ... Auf der einen Seite steht ernsthafte Arbeit, auf der anderen Ausschweifung und Schamlosigkeit.'

Diese letzten beiden Sätze scheinen wahrhaftig auch das gegenwärtige China zu beschreiben. Doch in China gibt es noch Schlimmeres. Ich habe das Buch nicht zur Hand und kann nicht mehr angeben, wo ich es gelesen habe; vielleicht existiert schon eine chinesische Übersetzung.

Wenn wir im Wenxuan nach Redewendungen suchen, dürften wir wohl auf die vier Zeichen 'Literaten verachten einander' stoßen; aufgehoben und verwendet, klingt das noch recht hübsch. Doch Herr Cao Juren hat bereits im Ziyou Tan (neunter bis elfter April) dargelegt, dass Cao Pis 'Literaten verachten einander' meint: 'Die Literatur hat mehr als eine Gattung, und selten beherrscht man alle; daher rühmt jeder seine Stärken und verachtet die Schwächen der anderen' -- jede Kritik beschränkt sich dabei auf den Bereich des Schaffens. Alle anderen Angriffe -- auf körperliche Erscheinung, Herkunftsort, falsche Beschuldigungen, Gerüchte, bis hin zu Herrn Shi Zhecuns Manier 'Er selbst tut es ja auch!' oder Herrn Wei Jinzhis Manier 'Sein Verwandter ist doch ebenso wie ich!' -- sind darin nicht eingeschlossen. Würde man all dies unter Cao Pis 'Literaten verachten einander' subsumieren, so wäre das eine Vertauschung von Schwarz und Weiß; die Wahrheit würde bitterlich weinen, und die Finsternis der Literaturszene nähme nur zu.

Suchen wir im Zhuangzi nach Redewendungen, so dürften wir abermals auf zwei kostbare Lehrsätze stoßen: 'Jener hat auch sein Richtig und Falsch, dieser hat auch sein Richtig und Falsch' -- die man sich merkt, um sie in kritischen Momenten einzusetzen.

In meiner Ratlosigkeit fiel mir eine Abhilfe ein: Zeitungsberichte, schlechte Romane -- solche Stoffe ließen sich durchaus zu einem literarischen Werk verarbeiten, doch der Bericht selbst, der Roman selbst, ist keine Literatur -- das sind Musterbeispiele dafür, 'wie man nicht schreiben sollte'. Nur lässt sich dies nicht mit 'wie man schreiben sollte' vergleichen.

(Dreiundzwanzigster April.)


Konfuzius im heutigen China

Die jüngsten Shanghaier Zeitungen berichten, dass der Gouverneur von Hunan, General He Jian, weil in Japan auf der Insel Yushima ein Konfuziustempel fertiggestellt wurde, ein seit langem gehütetes Gemälde des Konfuzius als Geschenk übersandte. Offen gesagt: Das gewöhnliche chinesische Volk hat nahezu keine Vorstellung davon, wie Konfuzius ausgesehen hat. Seit alters her gibt es zwar in jedem Kreis einen Konfuziustempel, also einen Wen-Tempel, doch darin befindet sich gewöhnlich kein Bildnis des Heiligen. Wann immer man eine Persönlichkeit malt oder meißelt, der Verehrung gebührt, gilt als Grundregel, sie größer als gewöhnliche Menschen darzustellen. Doch sobald es um die allerverehrungswürdigste Persönlichkeit geht, stößt man an Grenzen.

(Dritter Mai.)


Was ist 'Satire'? -- Antwort an die Literarische Gesellschaft

Ich denke: Ein Autor, der mit geläuterter oder geradezu etwas übertriebener Feder -- doch natürlich muss es eine künstlerisch übertriebene sein -- die Wahrheit einer Gruppe von Menschen oder einer Seite dieser Wahrheit niederschreibt, wird feststellen, dass eben diese beschriebene Gruppe sein Werk als 'Satire' bezeichnet.

Das Lebenselement der 'Satire' ist die Wahrheit; nicht unbedingt etwas tatsächlich Geschehenes, aber notwendigerweise etwas, das geschehen könnte. Daher ist sie keine 'Erfindung' und keine 'Verleumdung'; sie ist weder 'Enthüllung von Privatgeheimnissen' noch eine Aufzeichnung von sensationellen sogenannten 'Kuriositäten' oder 'merkwürdigen Zuständen'. Was sie beschreibt, geschieht offen und häufig, im Alltag hält es niemand für bemerkenswert, und selbstverständlich beachtet es auch niemand. Doch zu jener Zeit ist es bereits unvernünftig, lächerlich, verächtlich und sogar abscheulich geworden. Aber so geht es weiter, man hat sich daran gewöhnt, und selbst in aller Öffentlichkeit findet es niemand der Rede wert.

Ich habe keine umfassenden großen Theorien vorzubringen und auch keine überlegenen Einsichten – ich kann nur über das sprechen, was mir in letzter Zeit durch den Kopf gegangen ist. Immer wieder empfinde ich, dass Literatur und Politik in ständigem Konflikt miteinander stehen. Literatur und Revolution sind einander eigentlich nicht entgegengesetzt; zwischen beiden besteht sogar eine gemeinsame Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Zustand. Nur will die Politik den bestehenden Zustand bewahren und steht damit naturgemäß im Widerspruch zur Literatur, die sich mit dem Bestehenden nicht abfinden kann. Freilich ist eine Literatur, die sich gegen die herrschenden Verhältnisse auflehnt, erst seit dem neunzehnten Jahrhundert aufgekommen und hat nur eine kurze Geschichte. Politiker mögen es am wenigsten, wenn man ihren Ansichten widerspricht; am wenigsten mögen sie es, wenn die Menschen nachdenken und den Mund aufmachen wollen. Und tatsächlich hat in früheren Gesellschaften auch niemand je nachgedacht, und niemand hat je den Mund aufgemacht. Man betrachte nur die Affen unter den Tieren: Sie haben ihre eigenen Anführer; was der Anführer von ihnen verlangt, das tun sie. In den Stämmen gab es einen Häuptling, dem alle folgten; die Anordnungen des Häuptlings waren ihr Maßstab. Wenn der Häuptling befahl, dass sie sterben sollten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu sterben. Damals gab es keine Literatur, und selbst wenn es eine gab, bestand sie nur aus Lobpreisungen des Herrgottes – bei weitem nicht so geheimnisvoll wie das, was spätere Generationen „Gott" nannten. Wie hätte es da freies Denken geben können? Später verschlangen die Stämme einander, einer den anderen, und so wuchsen sie allmählich. Was man ein großes Reich nennt, ist nichts anderes als das Ergebnis der Einverleibung zahlloser kleiner Stämme. Sobald aber ein großes Reich entstand, wurden die inneren Verhältnisse weitaus komplizierter, durchsetzt von vielen verschiedenen Gedanken und vielen verschiedenen Problemen. In dieser Zeit erhob sich auch die Literatur und geriet in unablässigen Konflikt mit der Politik. Die Politik will den bestehenden Zustand bewahren und Einheit erzwingen; die Literatur treibt die Gesellschaft zur Entwicklung voran und lässt sie sich allmählich ausdifferenzieren. Obwohl die Literatur die Gesellschaft spaltet, macht die Gesellschaft gerade dadurch Fortschritte. Da die Literatur den Politikern ein Dorn im Auge ist, wird sie unweigerlich hinausgedrängt. Viele Schriftsteller im Ausland konnten in ihrem eigenen Land nicht mehr Fuß fassen und flohen scharenweise in andere Länder – diese Methode heißt „Flucht". Wer nicht fliehen konnte, dem wurde der Kopf abgeschlagen; den Kopf abzuschlagen ist die beste Methode – dann kann man weder den Mund aufmachen noch nachdenken. Viele russische Schriftsteller erlitten dieses Schicksal, und viele andere wurden in das eisige Sibirien verbannt.

Heute erhielt ich die Ausgabe der Huabei Ribao vom achtzehnten April. In der Literaturbeilage findet sich ein halber Aufsatz von Herrn Hexi mit dem Titel „Über das Rote Lachen". „Über das Rote Lachen" – das hat meine besondere Aufmerksamkeit erregt, denn ich selbst hatte einst einige Seiten davon übersetzt. Die Vorankündigung war seinerzeit in der Erstausgabe der „Sammlung ausländischer Erzählungen" erschienen. Was mir dabei in Erinnerung blieb, war, dass ich damals auf beträchtliche Schwierigkeiten stieß und die Arbeit schließlich aufgab. Später erfuhr ich, dass Andrejew selbst keinerlei Kriegserfahrung besaß – das gesamte Werk war aus seiner Vorstellungskraft geboren, aus den Kriegsberichten in den Zeitungen heraus geschrieben. Das erklärt, warum der Text an manchen Stellen auf mich übertrieben wirkte und eines gewissen Halts entbehrte; doch gerade diese fiebrige, wahnsinnige Atmosphäre war es, die ihn so erschütternd machte. Das „Rote Lachen" ist nicht einfach ein Antikriegswerk – es ist der Schrei eines Menschen, der den Wahnsinn des Krieges mit solcher Intensität empfindet, dass die Worte selbst zu bluten scheinen. In der russischen Literatur jener Zeit gab es manche, die den Krieg aus eigener Erfahrung schilderten, doch niemand vermochte die Essenz des Wahnsinns so zu destillieren wie Andrejew es mit reiner Vorstellungskraft tat. Die Frage, ob ein Schriftsteller persönliche Erfahrung braucht oder ob die Kraft der Imagination genügt, ist keineswegs trivial. Manche der wirkungsvollsten literarischen Werke entstanden gerade aus der Distanz, aus der beobachtenden, mitfühlenden, ja mitleidenden Phantasie heraus.

6. „Der Aufstand", von P. Furmanow, ins Englische übersetzt von Cheng Wenying. 7. „Das Feuerpferd", von F. Gladkow, übersetzt von Shi Heng. 8. „Der eiserne Strom", von A. Serafimovitsch, übersetzt von Cao Jinghua. Diese Liste sowjetischer Werke mag auf den ersten Blick wie eine trockene Bibliographie erscheinen, doch jeder einzelne Titel trägt sein eigenes Gewicht in der Geschichte der revolutionären Literatur. Furmanows „Aufstand" ist keine bloße Erzählung eines Militärputsches, sondern die Anatomie jenes Augenblicks, in dem das Bewusstsein der Massen umschlägt – jenes unheimlichen Moments, in dem das Erdulden in Handeln übergeht. Gladkows „Feuerpferd" wiederum zeigt, wie das Feuer der Revolution nicht nur die alten Strukturen verzehrt, sondern auch jene, die es entfacht haben, zu verwandeln droht. Und Serafimovitschs „Eiserner Strom" – an dessen Übersetzung Cao Jinghua sich heranwagte – ist vielleicht das gewaltigste Epos des Bürgerkrieges: ein ganzes Volk in Bewegung, eine Masse, die sich ihren eigenen Weg bahnt wie geschmolzenes Metall. Dass diese Werke nun ins Chinesische übertragen werden, ist von nicht geringer Bedeutung. Die Frage ist freilich, ob eine Übersetzung die rohe Kraft des Originals bewahren kann, oder ob sie zwangsläufig das Fremde zähmt und domestiziert.

Übersetzungen in anderen Ländern – soweit der Korrektor sie einsehen konnte – liegen in zwei Fassungen vor, einer deutschen und einer japanischen. Die deutsche Übersetzung ist dem Werk Newerows „Die Stadt der satten Brote" beigefügt, unter dem Titel „Taschkent" (A. Neverow: Taschkent, die brotreiche Stadt). Über die Qualität dieser Übersetzungen muss man einiges sagen. Die deutsche Fassung hat den Vorzug einer gewissen Präzision, die der deutschen Sprache eigen ist – jene Genauigkeit, die manchmal steif wirkt, aber dem Leser selten Anlass zu Missverständnissen gibt. Die japanische Fassung hingegen zeichnet sich durch eine Geschmeidigkeit aus, die dem Geist des Originals bisweilen näherkommt als das wörtlich Treue. Jede Sprache bringt ihre eigenen Möglichkeiten und Beschränkungen mit, wenn es darum geht, ein russisches Original wiederzugeben. Das Russische hat eine Schwere und Tiefe, die sich im Deutschen eher nachahmen lässt als im Japanischen; dafür vermag das Japanische Zwischentöne und unausgesprochene Gefühle einzufangen, die im Deutschen leicht verloren gehen. Wenn ich diese verschiedenen Übersetzungen nebeneinanderlege und mit dem chinesischen Versuch vergleiche, so wird eines deutlich: Keine einzelne Übersetzung kann das Original ersetzen, aber jede fügt dem Mosaik ein Steinchen hinzu.

Doch fragen wir uns: Gab es in der spanischen Gesellschaft des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts etwa keine Ungerechtigkeit? Ich glaube, man wird wohl kaum umhinkönnen zu antworten: Doch, die gab es. Dann also kann man Don Quijotes Entschluss, gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen, nicht als Irrtum bezeichnen; auch die Überschätzung der eigenen Kräfte ist an sich kein Irrtum. Der Irrtum liegt darin, dass er die wirkliche Lage der Gesellschaft nicht erkannte und blindlings drauflosschlug, wobei er Windmühlen für Riesen hielt und Schafherden für feindliche Armeen. Das Tragische an Don Quijote ist nicht, dass er kämpft, sondern dass er nicht weiß, wogegen er eigentlich kämpfen sollte. Seine Ideale sind nicht falsch – falsch ist sein Verständnis der Wirklichkeit. Und genau hier liegt die Lektion für alle, die sich zu Reformern oder Revolutionären berufen fühlen: Der bloße Wille zur Gerechtigkeit genügt nicht. Wer die Verhältnisse ändern will, muss sie zunächst durchschauen. Andernfalls endet er wie Don Quijote – nicht als Held, sondern als Gegenstand des Mitleids und der Belustigung. Die Tragödie ist umso bitterer, als der Welt sehr wohl gedient wäre, wenn jemand die wirklichen Riesen bekämpfte. Aber solange die Quijotes dieser Welt gegen Windmühlen anreiten, bleiben die wahren Unterdrücker unbehelligt.

Dass ich in diesen drei Jahren nach und nach so viele Holzschnitte sowjetischer Künstler zusammentragen konnte, überraschte sogar mich selbst – ich hätte es zuvor nicht für möglich gehalten. Um das Jahr 1931, als ich gerade die Druckfahnen des „Eisernen Stroms" korrigierte, stieß ich zufällig in einer Zeitschrift namens „Graphik" (Graphika) auf Reproduktionen, die meine Aufmerksamkeit sofort fesselten. Der Holzschnitt ist unter allen Kunstformen vielleicht die ehrlichste. Er kennt keine Halbtöne, keine verschwommenen Übergänge, kein gefälliges Schmeicheln – es gibt nur Schwarz und Weiß, nur das Messer und den Holzblock. Diese Kompromisslosigkeit macht ihn zur idealen Kunstform für eine Zeit, die keine Kompromisse duldet. Die sowjetischen Künstler haben den Holzschnitt zu einer Waffe geschmiedet, schärfer als manches Schwert. Was mich an diesen Arbeiten am meisten beeindruckte, war nicht die technische Virtuosität – obwohl die beachtlich war –, sondern die Leidenschaft, die aus jedem Schnitt sprach. Man konnte die Hand des Künstlers förmlich spüren, wie sie das Messer durch das Holz trieb, jede Linie ein Bekenntnis, jeder Schnitt ein Akt des Widerstands. In China hatten wir zu jener Zeit nichts Vergleichbares.

Die Revolutionäre sind unter dem Druck der Verfolgung in den Untergrund gegangen – das war zu erwarten. Doch nun sind auch die Unterdrücker und ihre Handlanger ins Verborgene geschlüpft. Das hat seinen Grund darin, dass sie zwar unter dem Schutz der Bajonette stehendes Geschwätz von sich geben, in Wahrheit jedoch nicht das geringste Vertrauen in ihre eigene Sache besitzen; und nicht einmal der Macht der Bajonette trauen sie mehr so recht. Das ist ein bemerkenswertes Phänomen: Wenn die Machthaber selbst sich verstecken müssen, wenn sie ihre Herrschaft nicht mehr im Licht des Tages auszuüben wagen, dann zeigt dies, dass ihre Macht morsch geworden ist, hohl wie ein wurmstichiger Baum, der von außen noch mächtig aussehen mag, aber beim ersten Sturm zusammenbricht. Die offene Tyrannei hat wenigstens die Ehrlichkeit der Brutalität – man weiß, woran man ist, und kann sich darauf einstellen. Die verborgene Tyrannei hingegen ist tückischer: Sie operiert im Dunkeln, sticht aus dem Hinterhalt zu und verbreitet jene Atmosphäre des allgegenwärtigen Misstrauens, die schlimmer ist als offene Gewalt. In solchen Zeiten wird das Schweigen selbst verdächtig. Wer schweigt, könnte ein Feind sein; wer spricht, erst recht. Die ganze Gesellschaft gerät in einen Zustand der Lähmung, in dem niemand mehr dem anderen traut und jeder seinen Nächsten fürchtet.

Henri Barbusse schrieb in einem kleinen Büchlein, das 1921 erschien, ein Kapitel mit dem Titel „An der weißen Klinge beißend", versehen mit der Randbemerkung „An die Intelligenz gerichtet". Darin, als er den Begriff „Intelligenz" verwendete, fügte er eigens eine Art Erklärung hinzu: „Intelligenz – damit bezeichne ich die denkenden Menschen, nicht die Geschmäcklerischen, die Aufschneider, die Speichellecker, die geistigen Ausbeuter." Diese Worte sind freilich heftig, doch dass Barbusse, als er sich an die Intelligenz wenden wollte, diese Erklärung für nötig hielt – dieses Empfinden kann ich sehr wohl nachvollziehen. Er sprach zwar von der Intelligenz, doch seine eigentlichen Adressaten waren vor allem die Denker und Literaten. Daraus lässt sich ermessen, wie zahlreich in der französischen Gedanken- und Literaturwelt die Geschmäckler, die Aufschneider, die Speichellecker und die geistigen Ausbeuter gewesen sein müssen. Darum sprach er mit einer gewissen Empörung so. Doch dies betrifft die französische Literatur- und Gedankenwelt. Wie steht es um die japanische? Als ich Barbusses Erklärung las, konnte ich mir ein bitteres Lächeln wirklich nicht verkneifen – denn vor meinem geistigen Auge tauchten die Geschmäckler, die Aufschneider, die Speichellecker und die geistigen Ausbeuter einer nach dem anderen auf, alle mit ihren eigenen Namen versehen. Was sind nun diese sogenannten „Geschmäcklerischen" für eine Sorte? Zunächst sind sie von folgender Art: die proletarische Bewegung geht sie nichts an, sie stehen beiseite und beobachten, passen sich geschickt den jeweiligen Umständen an und wissen stets, woher der Wind weht. Sie sind die Chamäleons der geistigen Welt, die ihre Farbe wechseln, noch bevor das Licht sich verändert hat.

Was Tolstoi als Schriftsteller besonders auszeichnet, lässt sich in etwa fünf Merkmale fassen. Diese Merkmale sind, wie ich meine, beim großen Tolstoi am deutlichsten und unzweifelhaftesten ausgeprägt; sie begründen unsere tiefste Verehrung und weisen ihm den höchsten Platz in unserem literarischen Pantheon zu. Das erste seiner Merkmale ist, dass seine Feder außerordentlich kraftvoll und zugleich von großer Weite ist. Gewöhnliche Schriftsteller wählen, selbst wenn sie ein gewisses Talent besitzen, einen Protagonisten oder eine Familie, die sie in den Mittelpunkt ihres Romans stellen; sie schildern die Freuden und Leiden dieses Protagonisten, seine Handlungen und sein Tun, und beschreiben auch die umgebende Gesellschaft – doch die Gesellschaft in ihren Werken dient lediglich als Kulisse, vor der die individuelle Existenz der Hauptfigur deutlicher hervortreten kann. Schriftsteller, die nicht kleine Aquarelle, sondern große Gemälde schaffen wollen, sind nicht leicht zu finden; solche nämlich, die ein ganzes Volk in seiner lebendigen Bewegung oder den höchst vielschichtigen, komplexen Gesamtzustand einer Epoche in ihrer geschichtlichen Entfaltung darzustellen versuchen – solche Schriftsteller gibt es äußerst selten. In dieser Hinsicht ist Tolstoi in der gesamten Weltliteratur der größte Künstler unter jenen Riesen. Man betrachte sein Werk „Krieg und Frieden": Es ist nicht die Geschichte einzelner Menschen, sondern die eines ganzen Zeitalters, einer ganzen Nation in ihrer Erschütterung und Wandlung.

Die Ufa-Filmgesellschaft und die englische Gaumont-Filmgesellschaft haben einen Handelsvertrag abgeschlossen und sich darüber hinaus auf einen Austausch von Schauspielern geeinigt. Die Ufa hat von jeher in Holland, Belgien, Frankreich, Österreich, Jugoslawien und Russland ihren Absatz erweitert, was England und Amerika betrifft jedoch nur mit den Vereinigten Staaten Handel getrieben. Dieser neue Handelsabschluss wird in letzter Zeit von allen Ländern als ein bedeutendes Ereignis betrachtet; manche sehen darin auch eine Art Schutz- und Trutzbündnis gegen die extreme Überflutung durch amerikanische Filme. Der österreichische Schriftsteller Molnar (Frank Molnar) bereist Amerika, hält Vorträge und schreibt Beiträge für Zeitungen; seine Satiren über die Hochzeiten von Freunden und andere leichtfüßige Themen erfreuen sich bei den Amerikanern großer Beliebtheit. Die Zigeunermusik, die schon lange vor dem Weltkrieg ganz Europa erobert hatte, wird in letzter Zeit vom amerikanischen Jazz verdrängt; sogar in den ungarischen Städten, ihrer eigentlichen Heimat, wurde sie aus Kaffeehäusern und Vergnügungsstätten vertrieben. Von viertausend Zigeunermusikern konnte ein Zehntel im eigenen Land keine Arbeit mehr finden; die übrigen spielten gezwungenermaßen amerikanischen Jazz. Da die traditionelle ungarische Zigeunermusik in eine Krise geraten war, erhoben die Zeitungen Protest und forderten, man solle sich an die Nationale Musikakademie in Budapest wenden, um über Schutzmaßnahmen nachzudenken.

Was Spinoza angeht, so war er ein Philosoph, der den sogenannten Pantheismus (Pan-Theismus) vertrat – die Lehre, dass Gott die Natur sei, dass alle Dinge ohne Ausnahme Gott seien, eine Lehre, die zugleich Weiterentwicklung und Widerspruch des früheren christlich-orthodoxen Glaubens, des Monotheismus, darstellt. Wie kann ein solcher Mensch mit dem modernen Proletariat in Verbindung stehen? Höchstens handelt es sich um eine revolutionäre Theorie auf dem Gebiet der Theologie, höchstens um den Versuch einer ruhigen theoretischen Betrachtung der Ideen. Warum also wurde in Moskau, dem Zentrum des internationalen revolutionären Proletariats, das gerade mit politischen und ökonomischen Anliegen als Triebkraft kämpft, ausgerechnet für diesen Herrn Spinoza ein Gedächtnisvortrag veranstaltet? In Japan herrscht unter einem Teil der proletarischen Theoretiker und sogar der Künstler offenbar beträchtliche Verwunderung darüber. Denn in den Augen jener Leute ist „Philosophie" ein äußerst unproletarisches Geschwätz. Dass dies natürlich daher rührt, dass sie selbst – nicht weil sie nicht zum Proletariat gehörten – keine philosophische Bildung besitzen oder kein Interesse daran haben, mit einem Wort, aus ihrer eigenen Philosophielosigkeit stammt, versteht sich von selbst. Wer jedoch ein wenig tiefer nachdenkt, wird über das arbeitende und bäuerliche Russland, das so beschäftigt ist und dennoch eine solche Veranstaltung abhält, nicht umhinkönnen zu staunen.

— Die Dekadenz der besitzenden Kultur. Erstens: Das Denken verfällt häufig. Dies geschieht, wenn das Denken als Tätigkeit sich von seinem Zusammenhang mit dem Gesamten des menschlichen Lebens löst und sich verselbständigt – wenn die Denkbewegung nur noch ihrem eigenen Wert folgt. Der Turm, der allein dem Wert des Denkens an sich folgend errichtet wird, ist der deutsche Idealismus. Dies ist ein Irrtum, der daraus entsteht, dass man die lebenspraktische Bedeutung und Funktion des Denkens außer Acht lässt – ein Irrtum, der sich berichtigen ließe, sobald man zur ursprünglichen Bedeutung des Denkens zurückkehrt und sein wahres Wesen betrachtet. Die idealistische Philosophie hat es stets verachtet, an die genetische Bedeutung des Denkens oder an seine lebenspraktische Funktion zu denken. Sie behauptete, das Denken müsse nach den Regeln des Denkens selbst gedacht werden. Man müsse vom Standpunkt der „Denk-Notwendigkeit" ausgehen – dass man, um zu denken, so und nicht anders denken müsse. Und bei der Suche nach dem „logisch Vorhergehenden" stieß man zuletzt auf den Begriff des Sollen – den Befehl des „Du sollst". Dies wird als allgemeingültig bezeichnet: versehen mit dem Anspruch, unabhängig von Zeit, Ort und Person, „um des Denkens willen" so denken zu müssen. Doch gerade in dieser Selbstgenügsamkeit des reinen Denkens liegt seine Schwäche, denn es hat sich von der lebendigen Wirklichkeit abgetrennt und kreist nur noch um sich selbst.

Hier können wir die grundlegenden Tendenzen der sowjetischen Literaturtheorie erkennen. [Dritter Teil] „Die theoretische Tätigkeit kann nicht einfach der praktischen Tätigkeit hinterherlaufen. Sie muss sie einholen und unsere Praxis, die für die sozialistische Revolution kämpft, mit der Theorie bewaffnen." Dies sind die Worte aus einer Rede Stalins, gehalten im Dezember 1929 auf der Tagung der Vereinigung marxistischer Agrarwissenschaftler. Doch wie steht es um den gegenwärtigen Zustand der sowjetischen Literaturtheorie? Die Entfaltung des sozialistischen Vorstoßes an allen Fronten der Sowjetunion, die nie dagewesene Entwicklung der sozialistischen Wirtschaft in Stadt und Land, der gewaltige Erfolg der Kolchos-Bewegung – die bereits 62 Prozent aller armen und mittleren Bauern und 79 Prozent aller Anbauflächen vereinigt hat –, der Bau neuer Großfabriken, die stürmische Ausbreitung der Stoßbrigaden und des sozialistischen Wettbewerbs in Fabriken, Kolchosen und Sowchosen – dies ist die Gestalt der sowjetischen Wirklichkeit. Doch die Literatur hinkt den Anforderungen dieser Wirklichkeit weit hinterher. Die Arbeiter und Kolchosbauern fordern, dass ihr Kampf in literarischen Werken klar und deutlich dargestellt werde. Mit anderen Worten: Der sozialistische Aufbau in seiner Gesamtheit verlangt nach einer Literatur, die ihm gerecht wird.

Jermilow ging von jenen bürgerlichen Kritikern (Achenbauer und anderen) aus, die behaupteten, „in der Sowjetunion gibt es keine Literatur, also kann es auch keine Literaturkritik geben", und analysierte Punkt für Punkt die gesamte Lage der westeuropäischen bürgerlichen Literaturkritik. Er deckte deren allgemeine ideologische Dekadenz auf, ihren Absturz in den Agnostizismus, ihre Verweigerung einer ganzheitlichen Erkenntnis der Literatur und die Schwäche ihrer Fähigkeit, die Kraft der Literatur zu durchschauen. Nur die marxistische Kritik spiegele den Erfolg der sozialistischen Revolution sowie das daraus hervorgegangene gewaltige Wachstum der proletarischen Literatur und der Literatur der Verbündeten wider. Gorkis „Vierzig Jahre", sagte Jermilow, sei dafür das beste Beispiel. Wolle man jedoch hinter der sozialistischen Entwicklung nicht zurückbleiben und ihren Anforderungen voll genügen, so müsse die Parteilichkeit der Literaturkritik unbedingt sichergestellt werden. Gleichzeitig müsse die Parteilichkeit der Literatur selbst fest verankert werden. Die vergangene bürgerliche und aristokratische klassische Literatur sei zutiefst parteilich gewesen – jeder wahrhaft klassische Autor sei ein guter Kämpfer der Klasse gewesen, der er angehörte. Daraus folge, dass der Kampf für die Parteilichkeit unserer Literatur die größte Aufgabe unserer Kritik sei. Dazu komme, sagte Jermilow, die Verschärfung des Kampfes gegen alle konterrevolutionären Theorien und den rechten wie linken Opportunismus.

„Dass unser ‚Streit' Weltbedeutung erlangt hat, liegt nicht allein daran, dass die verschiedenen Abteilungen unserer proletarischen Künstler in Deutschland, Amerika, England, Frankreich und anderen Ländern für eine neue proletarische Kunst kämpfen und unter unserer Führung unsere marxistische Theorie vorantreiben – es liegt auch daran, dass die proletarische Kunst und Literatur der Sowjetunion nunmehr zu einer Weltliteratur geworden ist." Als Beispiele wurden, von Gorkis Werken ganz zu schweigen, Libetinskis „Eine Woche" und „Der junge Kommunistenbund", Furmanows „Aufstand" und „Tschapajew", Serafimovitschs „Der eiserne Strom", Gladkows „Zement", Fadejews „Die Neunzehn", Panfjorows „Bruski", Scholochows „Der stille Don" sowie darüber hinaus die Werke von Demjan Bedny, Bessymenski, Tschumandin, Béla Illés und Kirschons Dramen angeführt – sie alle wurden in ein Dutzend oder mehr Sprachen übersetzt. Diese Werke wurden nicht nur in den großen Staaten Europas und Amerikas verbreitet, sondern auch ins Chinesische, Japanische und Mongolische übersetzt; ja selbst in Zentralasien und auf dem Balkan gibt es Übersetzungen. Auf der einen Seite werden diese Werke natürlich von bürgerlicher Seite mit boshafter Kritik überzogen, doch auf der anderen Seite erreichen sie ein Publikum, das nach einer Literatur dürstet, die ihre eigene Wirklichkeit widerspiegelt.

Der Vertreter der These, dass eine proletarische Kultur nicht möglich sei, ist Trotzki. Trotzki vertritt die Ansicht, dass der Begriff „proletarische Kultur" in sich widersprüchlich sei und viele Gefahren berge. Dass jede herrschende Klasse ihre eigene Kultur und damit auch ihre eigene Kunst hervorgebracht hat, beweist die Geschichte eindeutig. Es müsste daher selbstverständlich sein, dass auch das Proletariat seine eigene Kultur und Kunst hervorbringen wird. Doch in der Praxis erfordert die Schaffung jeder Kultur eine äußerst lange Zeitspanne, die sich über Jahrhunderte erstrecken kann. Selbst die bürgerliche Kultur hat, rechnet man ihren Beginn von der Renaissance an, bereits fünf Jahrhunderte durchlaufen. Von dieser Tatsache ausgehend stellt sich die Frage: War die Kultur einer bestimmten herrschenden Klasse nicht gerade dann vollendet, als diese Klasse bereits am Rande stand, ihre politische Vorherrschaft zu verlieren? Selbst wenn man von anderen Erwägungen absieht – hat das Proletariat tatsächlich die Zeit, seine eigene „proletarische Kultur" zu schaffen? Gegenüber dem optimistischen Glauben, dass die sozialistische Welt bald verwirklicht sein werde, muss man einräumen, dass die Übergangsperiode der sozialen Revolution zur Erreichung dieses Ziels, als weltweites Problem betrachtet, nicht einige Tage, sondern Jahre oder Jahrzehnte dauern wird – allerdings Jahrzehnte, nicht Jahrhunderte, und schon gar nicht Jahrtausende.

Nach Sampudnek ist es keineswegs zwingend, dass jemand, nur weil er aus der Arbeiterklasse stammt, ein proletarischer Schriftsteller ist; auch wer einer anderen Klasse entstammt, kann einer sein. Was ihn zum proletarischen Schriftsteller macht, ist, dass er den Standpunkt des Proletariats einnimmt (zitiert nach Leljewitsch). Und dieser Sampudnek, der dies sagt, ist selbst ein Dichter, der von klein auf als Arbeiter geschuftet hat und wahrhaft proletarischer Herkunft ist. Wie Leljewitsch ausführt, gibt es in der Tat Dichter aus der Arbeiterklasse, die noch immer in Fabriken arbeiten, deren Gedichte jedoch gänzlich im Gerüst der mystischen Symbolisten verharren. Es gibt auch welche, die zwar ständig ihre Stoffe dem Arbeiterleben entnehmen, deren Behandlung und Sichtweise jedoch ganz der alten Zeit angehören und keinerlei Bezug zur proletarischen Weltanschauung haben. Umgekehrt gibt es solche, die zwar der Intelligenz entstammen, deren Sichtweise und Denkart jedoch proletarisch sind – als Beispiel wird Demjan Bedny angeführt. Und es gibt auch Autoren, die ausschließlich Stoffe aus dem Leben der besitzenden Klasse wählen und niemals das Arbeiterleben verwendet haben, und die dennoch als proletarische Schriftsteller gelten können. Denn die Haltung dieser Autoren gegenüber der besitzenden Klasse gründet auf dem proletarischen Standpunkt. Man könnte sogar bis ins sechzehnte Jahrhundert zurückgehen, etwa die deutsche Bauernbewegung von 1525 oder die Reformation betrachten.

Doch gleichgültig, in welcher Epoche – die Denkweise, die im gesellschaftlichen Sinne die größte Bedeutung besitzt, sollte nicht der verrottete, überkommene Reaktionsgedanke sein, sondern der fortschrittliche Gedanke der jeweiligen Zeit. Daher sollte die für die Kunst am besten geeignete Denkweise jene sein, die die Verantwortung des Vordenkertums einer Epoche trägt. Wenn ein Künstler die wichtigen gesellschaftlichen Strömungen seiner Zeit nicht versteht, wird die Qualität der Gedanken, die er in seinen Werken ausdrückt, unweigerlich sehr niedrig sein, und seine Werke werden dementsprechend schwach ausfallen. Setzt man also die für die Kunst geeignete Denkweise als jene fest, die auf der Avantgardeposition der Zeit steht, so muss man fragen: Wodurch wird der Charakter dieses avantgardistischen Denkens bestimmt? Die Antwort läuft letztlich auf die Frage hinaus, wodurch die Eigenart der Kunst einer Epoche bestimmt wird. Und was bestimmt die Eigenart der modernen Kunst? Man sagt, die Kunst spiegele das menschliche Leben wider; doch um zu wissen, wie die Kunst das Leben widerspiegelt, muss man die Struktur und Organisation des Lebens kennen. In den modernen zivilisierten Ländern ist einer der wichtigsten Faktoren dieser Struktur der Klassenkampf. Der Gang der gesellschaftlichen Gedanken spiegelt natürlich die Geschichte der verschiedenen Klassen und ihres gegenseitigen Kampfes wider. Wie die Kunst des Altertums ein unmittelbares Produkt der Produktionstechnik war, so ist die moderne Kunst ein Produkt des Klassenkampfes.

Drittens: Als Bewegung hat die proletarische Literatur erst mit dem Ergebnis der Oktoberrevolution die für ihr Erscheinen und ihre Entfaltung notwendigen Bedingungen erlangt. Doch die Rückständigkeit des russischen Proletariats in Bezug auf Bildung, die jahrhundertelange Unterdrückung durch die Ideologie der besitzenden Klasse und die dekadente Tendenz der russischen Literatur in den letzten Jahrzehnten vor der Revolution – all dies wirkte zusammen und brachte nicht nur den Einfluss der bürgerlichen Literatur auf das Schaffen der proletarischen Literatur mit sich. Dieser Einfluss setzt sich bis heute fort und prägt Dinge, die auch in Zukunft noch wirksam sein können. Nicht nur das – auch der Einfluss des idealistischen, kleinbürgerlich-revolutionären Denkens auf das Schaffen der proletarischen Literatur lässt sich nicht leugnen. Dieser Einfluss rührt daher, dass die bürgerlich-demokratische Revolution, die dem russischen Proletariat als Aufgabe gestellt war, tatsächlich erfolgreich war. Aus diesen Gründen konnte die proletarische Literatur bis heute – sowohl in ideologischer als auch in formaler Hinsicht – nicht umhin, einen Charakter des eklektischen Sammelns bei gleichzeitigem Mangel an innerer Kohärenz zu tragen; und noch immer zeigt sie diese Eigenschaft häufig.

Wenn man das Wachstum der proletarischen Literatur mit der Frage der Form verknüpft und darüber nachdenkt, kommt man unweigerlich an die Frage der literarischen Gattungen. Wie oben bereits erwähnt, war in der ersten Periode der proletarischen Literatur – also während des Kriegskommunismus der inneren Wirren von 1918 bis 1920 – die literarische Gattung ausschließlich die Poesie, und insbesondere die Lyrik. Die Freude über die Revolution, die Sehnsucht nach der Weltrevolution, der Eifer des Kampfes und der Lobpreis der Arbeit – in der Poesie besang man ganz die innere Hochstimmung. Doch als mit einem Wendepunkt im Wachstum der proletarischen Literatur die Notwendigkeit empfunden wurde, lebendige Figuren und ihr Handeln konkret darzustellen, trat die Lyrik allmählich in den Hintergrund, und die Prosaform nahm die zentrale Stellung ein. Was die Prosaform betrifft, insbesondere den Roman, so behaupten die sogenannten formalistischen Kritiker Schklowski und andere, die Muster der literarischen Gattungen seien bereits am Zerbrechen. Dem gegenüber vertreten die Kritiker der proletarischen Literaturschule die Ansicht, dass dieses Zerbrechen der Gattungsmuster nicht den Niedergang der Literatur bedeute, sondern lediglich zusammen mit der Auflösung der besitzenden Klasse den Zerfall der bürgerlichen Literatur anzeige. Als die Bourgeoisie vor drei- bis vierhundert Jahren noch eine junge aufstrebende Klasse war, hatte sie auf dem Gebiet der Literatur durchaus neue Gattungsmuster geschaffen. Der Roman war ein solches neues Gattungsmuster.

Wenn wir einen Blick auf unsere literarischen Gruppen werfen, so wird ganz offensichtlich, dass keine einzige der bestehenden Gruppen dem kommunistischen Standpunkt genügen kann – die „Weggenossen" mit ihrer bäuerlichen Neigung und ihrer überaus verworrenen Theorie, „Oktober", „Die Schmiede" und die literarischen Vereinigungen der Kommunistischen Jugend, die gerade im Entstehen begriffen sind – sie alle sind nicht die Art literarischer Strömung, von der die Partei sagen könnte, dass einzig von hier aus ein Aufbruch möglich sei. Deshalb hat sich die Partei nicht auf den Standpunkt einer bestimmten literarischen Gruppe gestellt, sondern die Position der Zusammenarbeit mit allen revolutionären Gruppen eingenommen. Ich sollte als einer, der die praktische Arbeit durchführt, dieser Versammlung berichten, was in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Literatur und Kunst geleistet wurde. Dass unsere Arbeit auf dem Feld der Literatur bereits große Ergebnisse gezeitigt hat, daran hege ich keinen Zweifel. Die Literatur ist nun zu einem wesentlichen sozialen Faktor geworden, der aus dem Leben nicht mehr wegzudenken ist. Ihr Gewicht ist gewachsen und wächst von Tag zu Tag weiter. Zum Beispiel kann man gerade diese Versammlung, die aus äußerst verantwortungsbewussten Kommunisten unserer Richtung besteht, als Beweis anführen. Es ist offensichtlich, dass die Errungenschaften im Bereich der Literatur die Aufmerksamkeit einer großen Zahl unserer Genossen auf sich gezogen haben.

Weiter vorwaerts! Hier stehen proletarische Jugendliche. Ich moechte diese jungen Leute fragen: Warum hat sich diese Jugendgruppe aus vierzig Personen jetzt um die Rote Neue Erde herum organisiert? Warum haben sie die Leute von Napostowez verlassen? Vielleicht wird jemand sagen, Woronski habe sie verfuehrt und verdorben. Nehmen wir das vorlaeufig so an. Doch sehen wir, was geschieht: Gemaess der Auffassung der Leute von Napostowez sind die Leute von der Schmiede verdorben, alle Weggenossen sind verdorben, der Grossteil der Jugend ist verdorben, alle Schriftsteller unseres Landes sind verdorben. Wenn beinahe alles verdorben ist -- wer bleibt dann eigentlich uebrig? Genosse Leljewitsch und Rodow, die in der Literatur verbleiben. Aber ist das nicht doch ein wenig zu wenig? Leider ist meine Redezeit laengst ueberschritten, und ich kann auf die vielen anderen grundlegenden Fragen nicht mehr eingehen. Zum Schluss noch etwas, das auf dieser Beratung erklaert werden sollte: Was ich hier vor Ihnen gesprochen habe, habe ich nicht als ein Woronski gesprochen, sondern als Vertreter jener Literatur, die in der Roten Neuen Erde, im Krug, in der Schmiede und in der Jugendgruppe Pereval arbeitet -- mit einem Wort, als Vertreter beinahe aller taetigen jungen sowjetischen Schriftsteller.

Weiter vorwaerts. Wie sieht die Politik unserer Verlage, unserer grossen Zeitschriften aus? Sehr viel -- ja der groesste Teil -- einer uns feindlich gesinnten Literatur wird ueber unsere sowjetischen Organe verbreitet. Weil diese Literatur vom Staatsverlag und von anderen Partei- und Sowjetverlagen gedruckt wird und weil zunaechst die Rote Neue Erde auf den Seiten unserer Parteizeitschrift erschien, haelt das Volk sie fuer die wahre revolutionaere Literatur und nimmt sie an. In unseren hoeheren Bildungseinrichtungen, in unseren Arbeiteruniversitaeten halten die jungen Menschen diese Literatur fuer revolutionaere Literatur und nehmen sie an. Unser junger Nachwuchs beginnt sein literarisches Studium der Revolution bei Pilnjak, Nikitin und Ehrenburg. Die Literaturprofessoren an unseren hoeheren Bildungseinrichtungen und Arbeiteruniversitaeten sind ueberwiegend alte Professoren. Gestuetzt auf die kritischen Bewertungen des Genossen Woronski und anderer lehren sie ihren Studenten diese Literatur als wahrhaft revolutionaere Literatur. Koennen wir diesen Zustand noch laenger ertragen? Ist es nicht notwendig, aus unserer Literatur alle Etiketten zu entfernen, die in Wahrheit gar nicht revolutionaer sind? Diese Politik unserer Verlage und Redaktionen, diese Verhuellung saemtlichen Pilnjakismus unter dem Aushaengeschild des sowjetischen Kommunismus, muss endgueltig ein Ende haben.

Doch die Richtlinie, die Genosse Woronski gegenwaertig verteidigt und entwickelt, ist eine offenkundige Verzerrung unserer bolschewistischen Richtlinie auf dem Gebiet der Literatur. Genossen, wenn wir uns dagegen wenden, Pilnjaks und Alexej Tolstois widerwaartige Werke zu drucken, so sagen wir keineswegs: Drueckt Pilnjak an die Wand, jagt Alexej Tolstoi zurueck ins Ausland. Diese Schriftsteller sind natuerlich, in einem besonderen Sinne, begabte Schriftsteller. Wir wollen auch keineswegs eine Atmosphaere des Boykotts gegen sie erzeugen, noch fordern wir, auf dem Gebiet der Sowjetunion den Druck ihrer Texte zu verbieten. Wir bemuehen uns lediglich, die Richtlinie auf dem Gebiet der Literatur zu korrigieren. Wir fordern lediglich, dass es aufhoere, dass diese uns gleichgueltigen, bisweilen sogar feindlichen Schriftsteller auf dem Papier der Partei- und Sowjetdruckschriften zuvorkommend empfangen werden. Gegenwaertig sind buergerliche Zeitschriften wie Russkij Sowremennik im Entstehen begriffen. Dass ein Teil der von Genosse Woronski versammelten Literaten dorthin abwandern wird, steht ausser Zweifel, denn die Honorare sind dort vermutlich hoeher, und jene Schriftsteller sind, wie Genosse Vardin gesagt hat, ueberwiegend Leute, die auf das Geld schauen.

Wenn die Frage so gestellt wird, dann stimmt sie im Ganzen mit dem umfassenderen gesellschaftlichen Problem ueberein. Sagten wir, es gaebe im politischen Bereich nur eine Klasse, das Proletariat, und jenseits dieser Grenze nur eine Bourgeoisie, so waere das wohl nicht richtig. Ebenso ist es nicht richtig, die schwierigen Fragen, die der Loesung des Problems Schwierigkeiten bereiten, aus unserem Blickfeld zu werfen -- denn gerade diese Schwierigkeit besteht in der Tatsache, dass unser Land keine festgelegte Leserschaft und keine festgelegte Autorenschaft hat. Es gibt daher keine endgueltige Loesung des Problems, und es wird sie auch nicht geben. So wie die Grundlage der politischen Herrschaft die Arbeiterklasse unter der Fuehrung ist, so gibt es auch in diesem Chaos gewisse grundlegende Dinge, die existieren -- das versteht sich von selbst. Was also ein bestimmtes Endziel betrifft, sollte es selbstverstaendlich einen grundlegenden Geist geben, der in eine bestimmte Richtung weist; alle Dinge sollten mehr oder weniger mit diesem Endziel verbunden sein. Viele wissen, dass ich einen sehr radikalen Standpunkt vertrete. Dennoch gibt mir dies keineswegs die Loesung des Problems der Wirklichkeit mit all ihrer Komplexitaet. Ich denke -- auf allen Gebieten des ideologisch-wissenschaftlichen Lebens, einschliesslich der Mathematik -- muessen wir in unserer Mitte bemueht sein, wahrhaft miteinander zu ringen.

Aus dem Bericht des Genossen Vardin laesst sich nicht umhin, das Wesen der Napostowzy -- der Leute von der Postenwache -- aufzuzeigen: Ihre Ideologie ist aeusserst primitiv. Das Problem liegt darin, dass der Kuenstler gewissermassen die Henne ist, die im Maerchen goldene Eier legt. Die Napostowzy behaupten, man solle die Henne aufschneiden, dann koenne man an die goldenen Eier gelangen. Wir von der Schmiede sind dagegen. Und warum? Weil wir auf diese Weise keine Goldmine bekommen werden. Generell erinnern die Ansichten des Genossen Vardin an jenen unzeitgemaessen Klugen, der rief: Das Fest naht, wir brauchen Weihrauch! Gerade als das Arbeiter-Journal, das eine Massenzeitschrift werden soll, unter groessten Schwierigkeiten mit dem Aufbau beschaeftigt war, schrie Genosse Vardin: Das Fest naht, wir brauchen Weihrauch! Er schlug vor, diese Zeitschrift zu verbrennen. Das ist die Einsicht des klugen Mannes aus dem Maerchen. Gleichzeitig sehen wir ein solches Beispiel: Die Schmiede wird von der Kirche durchsucht, das Arbeiter-Journal wird verbrannt; doch wenn die Genossen die neueste Nummer von Lef zur Hand nehmen, werden sie sehen, dass sie voll kluger Gedanken steckt. Wollen wir etwa diesen Kehricht, diese buergerliche Faeulnis, in das Bewusstsein der Arbeiter hineintragen?

Mir scheint, Genosse Raskolnikow hat hier die Ansichten der Napostowzy am klarsten und offensten dargelegt -- die Genossen Napostowzy werden dem wohl nicht ausweichen wollen! Nach langer Abwesenheit ist Raskolnikow mit der ganzen Frische Afghanistans hier aufgetreten. Doch die uebrigen Napostowzy haben ein wenig vom Baum der Erkenntnis gekostet und bemuehen sich nun eifrig, ihre Bloesse zu verbergen -- Genosse Vardin, der selbstverstaendlich noch immer so nackt ist, wie er geboren wurde, bildet dabei eine Ausnahme. (Vardin: Aber hast du denn nicht gehoert, was ich hier gesagt habe!) Richtig, ich bin zu spaet gekommen. Doch erstens habe ich Ihren Aufsatz gelesen, der in der neuesten Ausgabe von Na Postu veroeffentlicht wurde. Zweitens habe ich soeben in aller Eile die Stenogramme Ihrer Rede durchgesehen. Und drittens -- ich kann sagen: wenn es Ihre Argumentation betrifft, so kennt man die auch ohne sie gehoert zu haben. (Gelaechter.) Aber kehren wir zu Genosse Raskolnikow zurueck. Er sagte, man empfehle uns unaufhoerlich die Weggenossen, doch auf der frueheren Prawda und der Swesda vor dem Krieg standen Werke von Arzybashew, Andrejew und anderen, die man heute zweifellos als Weggenossen bezeichnen wuerde.

Doch fuer Raskolnikow stellt so etwas kein Problem dar. Was Kunstwerke betrifft, sieht er ueber genau das hinweg, was sie ueberhaupt zu Kunstwerken macht. Dies tritt am deutlichsten in seinem bemerkenswerten Vortrag ueber Dante zutage. Die Goettliche Komoedie ist, seiner Meinung nach, nur deshalb fuer uns von Wert, weil sie uns die Psychologie einer bestimmten Epoche oder einer bestimmten Klasse verstehen laesst. Die Frage so zu stellen bedeutet, die Goettliche Komoedie leichthin aus dem Bereich der Kunst zu streichen. Ob eine solche Zeit kommen wird, ist schwer zu sagen; einstweilen aber besteht die dringende Notwendigkeit, das Wesen des Problems klar zu erkennen und vor den Schlussfolgerungen nicht zurueckzuschrecken. Wenn die Bedeutung der Goettlichen Komoedie nur darin bestuende, mir die Stimmung einer bestimmten Epoche oder einer bestimmten Klasse verstaendlich zu machen, dann wuerde ich sie nur als ein historisches Dokument betrachten. Warum? Weil die Goettliche Komoedie als Kunstwerk meinen eigenen Gefuehlen und Stimmungen etwas sagen muss. Dantes Goettliche Komoedie kann einen drueckend beeinflussen und in mir Pessimismus naehren, Melancholie; oder sie kann, ganz im Gegenteil, mich erheben, mich emporschwingen lassen und mir Ermutigung schenken. Das ist die grundlegende Wechselwirkung, die zwischen einem Kunstwerk und seinem Leser besteht.

Die Genossen, die unter dem Namen Proletarische Kulturgesellschaft hier erschienen sind, bestimmen ihre Haltung gegenueber anderen Gedanken danach, welche Haltung die Autoren dieser Gedanken gegenueber der Proletcult-Gruppe einnehmen. Das habe ich aus meinem eigenen Schicksal bereits recht deutlich gesehen. Mein Buch ueber die Literatur wurde zunaechst -- manche erinnern sich vielleicht noch -- in Form von Aufsaetzen in der Prawda veroeffentlicht. Dieses Buch kostete mich zwei Jahre Arbeit; ich schrieb es waehrend zweier Erholungszeiten fertig. Es wurde sofort klar, dass es fuer die Fragen von Bedeutung war, die im Mittelpunkt unseres Interesses standen. Als in Feuilleton-Form der erste Teil dieses Buches erschien -- jener Teil, der die Literatur der Weggenossen und Bauernschriftsteller ausserhalb der Oktoberrevolution kritisierte und die Enge und die Widersprueche der kuenstlerischen und ideologischen Positionen der Weggenossen blosslegte --, da nahmen die Leute von Napostowez mich als Schild und schwangen mich herum; ueberall wurden meine Aufsaetze ueber die Weggenossen zitiert. Fuer eine Weile war ich recht bekuemmert darueber. (Gelaechter.) Meine Bewertung der Weggenossen, das sage ich nochmals, hielt man allgemein fuer nicht falsch -- selbst Vardin selbst hat ihr nicht widersprochen.

Was die sogenannten Vorhersagen betrifft, wollte ich eigentlich noch einiges sagen, doch meine Redezeit ist laengst abgelaufen (Stimmen: Ach herrje!). Man draengt mich: Geben Sie uns wenigstens die Vorhersagen! Was bedeutet das? Die Leute von Napostowez und die mit ihnen verbuendeten Gruppen nehmen ebenfalls den Standpunkt ein, auf dem Wege der Gruppen und des Experimentierens zur proletarischen Literatur gelangen zu wollen. Doch diese Vorhersage lehne ich gaenzlich ab. Ich sage es nochmals: die Literatur des Feudalzeitalters, die buergerliche Literatur und die proletarische Literatur in eine historische Reihe zu stellen, ist unmoeglich. Eine solche historische Klassifizierung ist grundlegend unzulaessig. Darueber habe ich bereits in meinen eigenen Schriften geschrieben, und alle Gegenargumente erscheinen mir nur undeutlich und nicht ernsthaft. Die Leute, die unter dem Stichwort proletarische Kultur ernsthaft und ausfuehrlich reden und aus der proletarischen Kultur ein politisches Programm fabrizieren, betrachten dieses Problem ausgehend von der formalen Aehnlichkeit mit der buergerlichen Kultur. Sie meinen: die Bourgeoisie erlangte die Macht und schuf ihre eigene Kultur; das Proletariat hat die Macht ergriffen, also wird es wohl eine proletarische Kultur schaffen. Doch die Bourgeoisie war eine reiche Klasse und daher auch eine gebildete Klasse. Die buergerliche Kultur existierte bereits, bevor die Bourgeoisie formal die Macht ergriff.

Genosse Woronski geht einen Weg, der dieser Bewegung -- der proletarischen Literatur -- entgegengesetzt ist. Er arbeitet an der Zersetzung dieser Literatur. Er bemueht sich eifrig, Gegenargumente zu beweisen. Ich habe hier nicht die Zeit, auf die konkreten Tatsachen einzugehen. Dafuer kann Genosse Libedinski buergen. Die andere Seite des Problems ist die Frage, wo sich die Weggenossen des Genossen Woronski jetzt befinden. Woronskis Weggenossen sind gerade dabei, ihn zu verlassen. (Stimmen: Wer denn?) Lassen wir die Einzelheiten ueber alle Beteiligten jetzt beiseite. Doch Genosse Woronski hatte tatsaechlich Beziehungen zu ihnen, aber jetzt sind sie dabei, ins Lager der buergerlichen Literatur ueberzuwechseln. Er hatte zum Beispiel einen Schriftsteller namens Leonow als Genie proklamiert, doch wir wissen, dass Leonow jetzt fuer den Russki Sowremennik schreibt. Hinter dem Russki Sowremennik stehen Efros und auslaendisches Kapital, und diese Zeitschrift ist der Arbeiterklasse feindlich gesinnt. Jene Weggenossen gehen nun, versehen mit den Zeugnissen, die Woronski ihnen ausgestellt hat, zu dieser Zeitschrift ueber. Bei uns geht es in der Frage der Literatur nicht darum, nur zehn oder fuenfzehn Schriftsteller zu haben, die der Arbeiterklasse dienen koennen.

Zunaechst, verehrte Genossen, muss ich einige Worte ueber das Auftreten meines geschaetzten literarischen Gegners -- des Genossen Trotzki -- sagen. Er hat gesagt, aus den proletarischen Bohnen (Lyssanow: Das sind gefaerbte Bohnen!) werde nichts herauswachsen. Wie dem auch sei, Genossen, in diesem Punkt werden wir wohl mit ihm weiterstreiten muessen. Vor dieser Versammlung habe ich in persoenlichen Briefen mit Genossen Trotzki polemisiert, und ich habe mir sehr gewuenscht, dass er zu dieser Versammlung kommt und uns etwas sagt. Wir prahlen keineswegs mit unserer Fabrikationswerkstatt. Wir haben gesagt, dass an erster Stelle die arbeitenden Massen stehen, wichtiger als alles andere. Selbst wenn Bessymenski nichts taugt, selbst wenn die Volkskuenstler nichts taugen -- die literarische Massenbewegung ist wichtig, und die Partei sollte sie in die eigene Hand nehmen. Insgeheim denke ich, dass wir nicht umsonst an das Glas geklopft haben, um die heutige Versammlung einzuberufen; und dass diese Versammlung der erste Schritt ist auf dem Weg, auf den wir immer zugesteuert haben -- naemlich dass die Partei der Literatur ihre eigene Richtlinie gibt. All unsere Anstrengungen konzentrieren sich auf diesen einen Punkt. Man mag uns des Parteigeistes bezichtigen; man mag uns des Sektierertums bezichtigen. Ich moechte Genossen Vardin antworten.

Dies bedeutet keineswegs, dass wir die Form verachten sollten. Von dem wahrhaft grossen und beruehmten Demjan an, der durchaus nicht aus der breiten proletarischen Schicht stammt, bis hin zum jungen Genossen Bessymenski, der ebenfalls nicht aus der breiten proletarischen Schicht kommt -- alle, die fuer das Proletariat schreiben wollen, muessen jede Entwicklung der literarischen Form willkommen heissen. Ohne Form kann man die Gedanken, Gefuehle und Stimmungen der Menschheit oder anderer Gruppen nicht ebenso ausdruecken wie mit einer Gestalt. Doch die literarische Form, die Sprache, ist auf einem langen historischen Weg zur Vollendung gelangt. Wir danken oft den guten revolutionaeren Vertretern des russischen Adels und den guten Vertretern der revolutionaeren russischen Bourgeoisie dafuer, dass sie die russische Sprache zur Vollendung gebracht haben. Damit die Arbeiterklasse dieses grosse Erbe als ihr Eigentum annehmen kann, ist es notwendig, unsere klassischen Schriften herauszugeben. Der Staatsverlag ist an dem Punkt angelangt, den Dichter der Adelsklasse, Puschkin, durch die Herausgabe seiner Werke allen Bauern und Arbeitern nahezubringen. Bei Puschkin kann man neben seinen schoenen Ausdruecken auch reiches Material finden. Genossen, wir naehern uns der Epoche der Dekabristen. Vergessen wir nicht, dass Puschkin in die Bewegung der Dekabristen hineingezogen wurde.

Ueber die Haltung der Weissgardisten gegenueber unserer Debatte. Man hat auf dieser Versammlung versucht, die Haltung der Weissgardisten zur Position der Genossen Woronski und Trotzki als das zentrale Argument meiner gesamten Ausfuehrungen darzustellen. Das ist selbstverstaendlich ein Irrtum. Wir, die Leute von Napostowez, haben ueber mehrere Monate hinweg den Lehrplan, die Taktik und die organisatorischen Plaene des Genossen Woronski studiert, alle seine grundlegenden Irrtuemer und Neigungen erkannt, und erst dann, erst dann sind wir zu der Schlussfolgerung gelangt, dass die Position des Genossen Woronski von unseren Feinden begruesst wird, und zwar nicht ohne Grund. Dass die Urteile der weissgardistischen Autoren kein Beweis sind, versteht sich von selbst; doch ihre Haltung gegenueber dieser oder jener Stroemung innerhalb unserer Partei hat eine nicht geringe Suggestivkraft. Die Ansichten unserer Feinde ueber diese oder jene Stroemung innerhalb unserer Partei zu ignorieren, das bringt nur zustande, wer die Dinge oberflaechlich behandelt oder die Wahrheit nicht sehen will. Als waehrend der juengsten Parteidiskussion die Emigrantengruppen die Gegenposition unterstuetzten, konnten wir nicht umhin, der Partei und der Arbeiterklasse diese Tatsache mitzuteilen. Und jetzt, da die Emigranten im In- und Ausland die Position des Genossen Woronski unterstuetzen, koennen wir ebensowenig umhin, diese Tatsache der Partei und der Arbeiterklasse bekanntzumachen.

Das Wesentliche dessen, was Lenin damals vertrat, konzentrierte sich auf den Kampf gegen die Vorstellung, proletarische Kultur koenne aus irgendeiner Art von Treibhausanlage hervorgehen. Die Idee, ein Treibhaus koenne proletarische Kultur heranzuechten -- darin sah Lenin eine grosse Gefahr. Das Proletcult war genau ein solches Treibhaus. Proletarische Kultur kann unter den Bedingungen der Sowjetmacht auf dem Boden der allgemeinen Alphabetisierung entstehen. Solange die proletarische Macht besteht, solange bei uns jetzt einige wenige Millionen gebildeter Menschen heranwachsen werden -- dann werden neue Kulturformen und verschiedene literarische Formen tatsaechlich entstehen. Der Kern des Problems liegt darin, unter den Bedingungen der proletarischen Macht die guten Fruechte der buergerlichen Kultur zum Allgemeingut der Massen zu machen. Unter den Bedingungen der proletarischen Macht die guten Fruechte der buergerlichen Kultur durch Millionen von Menschen anzueignen -- das legt die Grundlage fuer die Entstehung einer echten Kultur, die nicht buergerlicher Art ist. Deshalb hat Lenin den Arbeitern gesagt: Strengt euch an, macht euch die buergerliche Kultur zu eigen! In welchem Gebaeude auch immer, unter welchem Namen auch immer -- lasst euch nicht von dem Maerchen betruegen, die proletarische Kultur sei bereits entstanden.

10. Nach Meinung von Trotzki und Woronski sollte die zentrale Kraft in der Literatur bei den sogenannten Weggenossen liegen, also bei Schriftstellern, die aus der Intelligenz, dem Buergertum oder der Bauernschaft stammen und ideologisch nicht auf kommunistischem Standpunkt stehen. Doch die Weggenossen sind keineswegs eine einheitliche Gesamtheit. Unter ihnen gibt es durchaus Elemente, die ihren Kraeften entsprechend aufrichtig der Revolution dienen. Aber der vorherrschende Typus des Weggenossen ist der Schriftsteller, der die Revolution in der Literatur verzerrt, sie wiederholt verleumdet und den Geist des Nationalismus, Grossmachtchauvinismus und der Mystik pflegt. Wenn dieser vorherrschende Typus des Weggenossen weiterhin den Ton in der Literatur der spaeten NEP-Zeit angeben sollte, dann ist die Literatur dieser Weggenossen in ihrem Wesen eine Literatur, die der proletarischen Revolution zuwiderlaeuft. Dies kann man mit vollem Recht sagen. Gegen die konterrevolutionaeren Elemente dieser Weggenossen ist ein entschiedenster Kampf notwendig. Was die wahrhaft revolutionaeren Weggenossen betrifft, so ist ihre umfassende Nutzung auf der literarischen Front durchaus notwendig. Doch diese Nutzung ist nur moeglich, wenn die proletarische Literatur Einfluss auf die besten Vertreter der Weggenossen ausuebt und diese um den proletarischen Kern der Literatur versammelt.

14. Aus diesem Grunde muss die Partei den freien Wettbewerb aller verschiedenen Gruppen und Stroemungen auf diesem Gebiet erklaeren. Jede andere Loesung wuerde zu einer buerokratischen, amtlichen und verlogenen Loesung werden. Ebenso kann weder durch Dekret noch durch Parteibeschluss einem bestimmten Zusammenschluss oder einer literarischen Gruppe ein legales Monopol auf das literarische Verlagswesen zugesprochen werden. Obwohl die Partei proletarische und proletarisch-baeuerliche Schriftsteller materiell und ideell unterstuetzt und auch den Weggenossen Hilfe leistet, darf sie selbst dann, wenn der ideologische Gehalt am staerksten proletarisch ist, keiner einzelnen Gruppe ein Monopol gewaehren. Gerade dies wuerde naemlich die Wurzeln der proletarischen Literatur vernichten. 15. Die Partei sollte mit allen Mitteln die handwerkliche, sachunkundige administrative Behinderung der Literatur beseitigen. Um eine wahrhaft korrekte, nuetzliche und taktische Anleitung unserer Literatur zu gewaehrleisten, sollte die Partei bei der Auswahl des Personals fuer die verschiedenen mit dem Verlagswesen betrauten Aemter groesste Sorgfalt walten lassen. 16. Die Partei sollte allen in der Literatur Taetigen die Notwendigkeit aufzeigen, die Funktionen des Kritikers und des Kuenstler-Schriftstellers korrekt zu unterscheiden. Bei Letzterem besteht die Aufgabe darin, den Schwerpunkt seiner Arbeit auf die Bedeutung fuer die Zukunft zu legen.

Lewinson ist der Kommandeur dieser Abteilung und zugleich ihr Talent. Er versteht klar die Aufgabe, die ihm die Revolution auferlegt hat, und schreitet ihr entgegen. Er befolgt die Befehle der Partei und gibt seiner Abteilung stets die richtige Richtung. Die nachlassigen Ausreden seiner Untergebenen duldet er niemals. Deshalb halten ihn seine Leute fuer den einzigen Menschen, der weder Muedigkeit noch Erschoepfung noch Schwanken oder Ernuechterung kennt, und sie achten ihn dafuer. Doch auch er kaempft in Wahrheit gegen Schwanken und Erschoepfung. Der Autor schreibt so: In der Abteilung wusste wohl kaum jemand, dass auch Lewinson schwanken konnte. Er teilte seine Gedanken und Gefuehle mit niemandem, antwortete stets nur mit fertigen Ja und Nein. So erschien er allen als ein besonders korrekter Mensch. Seit Lewinson zum Kommandeur gewaehlt worden war, konnte ihm niemand mehr eine andere Stellung zudenken. Alle empfanden, dass gerade er die Abteilung fuehre, als sein wesentlichstes Merkmal. Haette Lewinson von seiner Kindheit erzaehlt, wie er seinem Vater beim Troedelverkauf half und wie sein Vater bis zu seinem Tode davon traeumte, reich zu werden, dabei aber Angst vor Maeusen hatte und eine mittelmassige Geige spielte -- dann haetten wohl alle gedacht, das sei nur ein passender Scherz.

Obwohl die proletarische Literatur mancherlei Wandlungen durchlaufen hat und es zwischen den verschiedenen Gruppen Kaempfe gab, hat sie sich doch stets unter dem Banner einer Grundidee weiterentwickelt. Diese Idee besteht darin, die Literatur als Ausdruck der Klasse zu verstehen, als kuenstlerische Formgebung des proletarischen Weltgefuehls, als Organisierung des Bewusstseins, als Faktor, der den Willen zu bestimmtem Handeln lenkt, und schliesslich als ideologische Waffe im Kampf. Obwohl es unter den verschiedenen Gruppen durchaus Unstimmigkeiten gab, haben wir nie erlebt, dass jemand versucht haette, eine ueberklassige, in sich selbst genuegend, innerlich wertvolle und vom Leben voellig losgeloeste Literatur wiederzubeleben. Die proletarische Literatur geht vom Leben aus, nicht von der Literarizitaet. Obwohl sich durch die Erweiterung des Horizonts der Schriftsteller und den Uebergang von den unmittelbaren Kampfthemen zu psychologischen, ethischen Fragen, zu Gefuehlen, Leidenschaften und den feinen Erfahrungen des menschlichen Herzens -- zu all jenen Themen, die man die ewigen, allgemein menschlichen nennt -- die Literarizitaet einen immer ehrenvolleren Platz erobert hat; obwohl die sogenannten kuenstlerischen Mittel, Ausdrucksweisen und Techniken wieder wichtige Bedeutung erlangen; obwohl das Studium und die Erforschung der Kunst und ihrer Techniken zur dringenden Aufgabe und zum anerkannten Losungswort geworden sind -- so scheint es manchmal doch, als habe die Literatur einen grossen Kreis beschrieben und sei an ihren Ausgangspunkt zurueckgekehrt.

In den literarischen Gruppen gehoerte er zunaechst zur Schmiede, trat dann aber aus und schloss sich der Gruppe Oktober an. Im Jahre 1927 veroeffentlichte er einen Roman, der den Prozess der moralischen Zerstoerung eines revolutionaeren Maedchens schilderte. Das Buch trug den Titel Der Mond geht von der rechten Seite auf, mit dem Untertitel Eine ungewoehnliche Liebe. Es loeste einen gewaltigen Sturm aus und rief mannigfaltige Kritik hervor. Manche sagten, das Geschilderte sei die Wahrheit und zeige den Verfall der modernen Jugend. Andere sagten, unter der revolutionaeren Jugend gaebe es solche Erscheinungen nicht, weshalb der Autor die Jugend verleumde. Und dann gab es die Vertreter eines Mittelwegs, die meinten, diese Erscheinungen seien durchaus real, stellten aber nur einen Teil der Jugend dar. Hoehere Bildungseinrichtungen fuehrten daraufhin psychologische Tests durch; das Ergebnis zeigte klar, dass die absolute Mehrheit der maennlichen und weiblichen Studenten ein fortgesetztes gemeinsames Leben wuenschte, naemlich eine dauerhafte Liebesbeziehung. Professor Kogan aeusserte in seinem Werk Die Literatur des grossen Jahrzehnts viel Unzufriedenheit ueber diese Art von Literatur. Doch dieses Buch wurde in Japan frueh von Ota Nobuo uebersetzt, unter dem Titel Der Mond auf der rechten Seite, mit vier oder fuenf Kurzgeschichten als Anhang. Die hier vorliegende Erzaehlung Der Arbeiter wurde aus der japanischen Uebersetzung ins Chinesische uebertragen. Sie handelt nicht von sexuellen Themen und ist auch kein Meisterwerk, doch die Passagen, in denen Lenin geschildert wird, gleichen meisterhaften Skizzen voller Lebendigkeit.

In der zweiten Ausgabe des Literarischen Monatsblattes findet sich ein Aufsatz, den Herr Zhou Qiying uebersetzt hat; es ist derselbe Text, doch ein Drittel laenger als die hiesige Fassung, und handelt vorwiegend von der Geschichte Jilins. Ich vermute, dass es urspruenglich zwei verschiedene Fassungen des Originals gab und der urspruengliche Uebersetzer weder etwas hinzugefuegt noch weggelassen hat; seine Uebersetzung beruht auf dem englischen Text. Ich wollte urspruenglich seine Uebersetzung heranziehen, ueberlegte es mir dann aber anders und uebersetzte stattdessen ein anderes Stueck aus dem Band Stossabteilung. Denn die ausfuehrlichere Fassung bietet zwar mehr Stoff zum Interesse, ueberdeckt aber zugleich die wesentlichen Stellen; die knappere Fassung ist im Aufbau klarer, liest sich am Ende aber etwas trocken. Jede hat freilich ihr eigenes geeignetes Leserpublikum. Wenn aufmerksame Leser oder Autoren beide Fassungen vergleichen und studieren, werden sie gewiss zu Erkenntnissen gelangen. Ich bin der Meinung, dass es fuer China keineswegs ein ueberfluessiger Aufwand ist, zwei verschiedene Uebersetzungen zu besitzen. Allerdings scheinen auch beide Uebersetzungen jeweils Fehler zu enthalten.