苹果红了/DE/Kapitel 10

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Kapitel 10: Apfelwalzer

Nachdem Xiao Gezi zum Apfelgarten gekommen war, hielt er sich keineswegs dort auf, sondern verbrachte die meiste Zeit in einem kleinen Bauernhof neben Xuefangs altem Anwesen. Dieser Waechter des Obstgartens war gewissermaszen zum Waechter von Xuefangs Wohnsitz geworden. Wegen der abgeschiedenen Lage gab es in Shanding viele leerstehende Bauernhoefe, und die Mieten waren billig. Xiao Gezi hatte ein Gehoeft direkt neben dem alten Anwesen gemietet, es ein wenig hergerichtet und sogar allerlei Blumen und Pflanzen im Hof angepflanzt, vor allem wilden Wein, der noch im selben Jahr die gesamte Hofmauer ueberwucherte.

Die Idee, Aepfel im Kriegsvorratslager zu lagern, stammte tatsaechlich von Xiao Gezi. Zwischen frisch geernteten und eingelagerten Aepfeln bestand zwangslaefig ein Preisunterschied, und Kuehlhaeuser waren Stromfresser mit nicht geringen Kosten. Das Kriegsvorratslager von Shanding war in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, zur Zeit der Volkskommunen, erbaut worden. Da der Hauptteil der Anlage in einer Berghoehle lag, war der Verfall nicht allzu weit fortgeschritten. Dieses Vorratslager hatte zeitweise als herrenlose Hoehle gegolten und war spaeter dem Gemeinschaftsvermoegen von Shanding zugeschrieben worden, doch mangels Geld fuer Instandsetzung blieb es bis heute verfallen. Xiao Gezi hatte Xuefang erklaert, in der Hoehle sei es im Winter warm und im Sommer kuehl -- ein natuerliches Grosskuehllager. Das Obst bleibe dort frisch, man spare Energie, und die Nutzung der aufgegebenen Hoehle sei ein wahrer Gluecksgriff.

Tatsaechlich litten keineswegs alle an Vergesslichkeit. Verwandte in Shanding wie Er Mihu und Xiumei erinnerten sich noch sehr genau an Xiao Gezis frueheren "Betrug" und hatten diesen Groll sogar an die naechste Generation weitergegeben, etwa an Shijun und Taozi. Allerdings schrieben sie die Schuld der Familie Liu in der Stadt zu -- wenn sie davon sprachen, sagten sie "der aus der Familie des alten Onkels" oder "der Aeltere aus der Familie des Grossonkels", und Liu Baogui konnte sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Xuefang trug zwar nicht den Namen Liu, doch kaum war sie in Shanding angekommen, wussten viele, dass sie "aus der Familie des Grossonkels" war, vermuteten eine neue Welle des Betrugs und begegneten ihr mit hoechster Wachsamkeit. Neben der herbstlichen Grundduengung mussten die Obstbaeume jedes Jahr dreimal nachgeduengt werden: vor und nach dem Austrieb mit Stickstoff, in der Phase der Fruchtvergroesserung und Bluetenknospendifferenzierung mit Phosphor-Kalium-Duenger, und waehrend des Fruchtwachstums mit Kalium-Stickstoff-Duenger. Die Dorfbewohner, die bei der Duengung mithalfen, bestanden auf taeglicher Auszahlung ihres Lohns, ohne eine einzige Nacht zu warten. Selbst Liu Laoyan, der fuer die alltaegliche Verwaltung zustaendig war, und die Dorfbewohner, die den organischen Duenger herstellten, verlangten Vorauszahlung. Das zeigte, wie tief das Misstrauen und die Abwehrhaltung der Dorfbewohner gegenueber Xuefang reichten.

Bevor Xuefang Xiao Gezi nach Shanding eingeladen hatte, war sein Zustand aeusserst schlecht gewesen -- manchmal verliess er tagelang nicht das Haus, manchmal streifte er von morgens bis nachts durch die Strassen. Irgendwann hatte Xiao Gezi Xuefang aufgesucht und vorgeschlagen, ihren Apfelgarten zu bewachen. Xuefang dachte: Wo man gefallen ist, soll man wieder aufstehen. Wenn der Grossonkel es wagte, nach Shanding zu kommen, zeigte das, dass er noch den Mut hatte, sich selbst herauszufordern. Also nahm sie Xiao Gezi auf. Spaeter stellte Xuefang fest, dass sie sich zu viele Gedanken gemacht hatte -- der Grossonkel schien die psychische Last vergangener Tage nie getragen zu haben; er wollte einfach nur den Ort wechseln und woanders leben.

Als Xuefang mit dem Dorfkomitee ueber die Nutzung des Vorratslagers verhandelte, hatte Shijun die Sache fast vollstaendig vergessen. Er fuhr selbst zum Lager hinaus, um nachzuschauen, und stellte fest, dass es sich nur um eine verlassene Hoehle handelte. "Kriegsvorratslager" war lediglich eine Bezeichnung; tatsaechlich war es nie in die nationalen Archive aufgenommen worden, und vermutlich war das auch damals nicht geschehen. Da das Lager im Gemeinschaftsvermoegen des Dorfes verbucht war, fand Shijun: Wenn man die Hoehle zu einem Lagerhaus umbaute, konnte man brachliegendes Dorfvermoegen aktivieren und die Staerke der Dorfgemeinschaft erheblich steigern -- das waere von grosser Bedeutung. Leider erforderte die Renovierung enorme Summen, die das Dorfkomitee nicht aufbringen konnte. Wenn Xuefang bereit war zu investieren, waere allen gedient.

Nach den erforderlichen Verfahren und Formalitaeten unterzeichnete Shijun im Namen des Dorfkomitees einen fuenfzehnjaehrigen Pachtvertrag mit der Newton-Apfelplantagen-Genossenschaft. Xuefang zahlte die Pacht im Voraus und begann mit der Renovierung der Hoehle.

Chenglei kam auf Einladung nach Shanding, eigentlich um sich den Umbau des Vorratslagers anzusehen, doch da in der Hoehle noch gebaut wurde, warf er nur von aussen einen Blick darauf und ging dann in den Obstgarten. Es war gerade die Zeit, in der die Herbstfruechte von ihren Schutztueten befreit wurden, damit sie Farbe annehmen konnten, und ein Dutzend Dorfbewohner war emsig im Garten beschaeftigt. Das Wetter hatte sich bereits abgekuehlt, doch der "Altweibersommer" brannte noch heiss. Chenglei versuchte, mit den Dorfbewohnern die aeusseren Schutztueten von den Aepfeln zu entfernen, doch schon nach kurzer Zeit klebten seine Kleider am Koerper, und der Schweiss sickerte durch den Stoff.

Als sie den Obstgarten verliessen, sagte Xuefang zu Chenglei: "Eigentlich suche ich schon lange nach einem voellig natuerlichen Oekosystem, in dem die Obstbaeume harmonisch und geordnet zusammen mit anderen Pflanzen wachsen koennen. Aber mit den jetzigen Sorten geht das wohl nicht -- ohne Schutztueten leidet das Aussehen der Aepfel."

Chenglei sagte: "Ich verstehe deinen Gedanken. Den hattest du schon, als du gerade aus dem Ausland zurueckgekommen bist, stimmt's?"

"Habe ich dir die Geschichte mit dem faulen Apfel erzaehlt?"

"Ja, du hast gesagt, Pflanzen sind lebendige Wesen."

Kurz nach ihrer Rueckkehr aus dem Ausland hatte Xuefang in ihrer Tasche zwei Aepfel gefunden: einen faulen und einen, der lieber vertrocknete als zu faulen. Zunaechst hatte Xuefang geglaubt, der Unterschied sei das Ergebnis menschlichen Eingreifens -- manche Aepfel wurden gewachst, manche mit Frischhaltemitteln oder Atmungshemmern besprueht, manche sogar in Konservierungsmittel getaucht. Dann stellte Xuefang fest, dass die Haltbarkeit eines Apfels wesentlich mit der Sorte zusammenhing. Das fuehrte sie zu einem beruehmten Experiment: Wenn ein Ast verletzt wird und bricht, kann man mittels Ultraschalltest einen schreienden Laut hoeren. Xuefang war ueberzeugt: Jede Pflanze ist ein lebendiges Wesen.

Xuefang hatte Chenglei auch die Geschichte eines auslaendischen alten Mannes erzaehlt, der "natuerliche Aepfel" zuechtete. Der alte Mann hiess Kimura und baute Aepfel ohne Pestizide und ohne Duenger an, indem er die Baeume mit einer Haltung der Gleichwertigkeit allen Lebens behandelte. In schweren Zeiten entschuldigte er sich bei jedem einzelnen Baum und bat ihn -- entschuldigte sich, dass er keine Pestizide spritzte und die Baeume dadurch Schaedlingsbefall erlitten, und bat sie, es mache nichts, wenn sie keine Fruechte truegen, nur sterben sollten sie bitte nicht. Einmal sah der alte Mann wilde Eichen in den Bergen, die inmitten von Unkraut und Insekten ueppig und gruen gediehen, und hatte eine ploetzliche Erkenntnis: Das eigentliche Problem lag in der zu schwachen Lebenskraft der Baeume. Nach elf Jahren des Durchhaltens und der Muehe zuechtete er schliesslich die besten Aepfel der Welt. Um seine Aepfel probieren zu koennen, mussten die Menschen ein Los ziehen, um ueberhaupt welche kaufen zu duerfen.

Chenglei erklaerte, weltweit gebe es ueber zehntausend Apfelsorten, und jeden Tag wuerden neue gezuechtet, doch insgesamt liessen sie sich alle auf die vier grossen Stammlinien zurueckfuehren: Fuji, Red Delicious, Golden Delicious und Gala. Der Guoguang-Apfel etwa sei erstmals auf der Caleb-Ralls-Farm in Amherst County, Virginia, entdeckt worden. Seine Eigenschaften seien ein ausgewogenes Suess-Sauer-Verhaeltnis und lange Lagerfaehigkeit, doch seine Resistenz gegen Krankheiten und Regenrisse sei eher schwach, und es fehle ihm an Aroma. Der Fuji-Apfel sei aus dem Guoguang-Apfel hervorgegangen, als Kreuzung aus Guoguang und Red Delicious.

"Zu welcher Linie gehoert eigentlich der Jonagold, der gerade so beliebt auf dem Markt ist?", fragte Xuefang.

Chenglei sagte: "Die Elternsorten des Jonagold sind Jonathan und Golden Delicious, eine Neuzuechtung aus ihrer Kreuzung. Der englische Name des Jonathan-Apfels ist 'Jonathan', der des Golden Delicious 'Golden Delicious'. Man nahm beide zusammen und nannte ihn 'Jonagold', auf Chinesisch 'Qiaonajin'."

"Und der kleine Apfel, den die jungen Leute von heute so moegen -- der neuseeelaendische Rockit --, der soll aus einer Kreuzung mit Gala-Aepfeln entstanden sein."

"Genau. Der in China gezuechtete Jinhong-Apfel ist eine Kreuzung aus Golden Delicious und Hongtaiping, etwa so gross wie der neuseeelaendische Rockit und besonders fuer kalte Anbaugebiete geeignet."

Xuefang laechelte: "Ich haette nicht gedacht, dass du so viel ueber Aepfel geforscht hast. Das freut mich."

"Ich beschaeftige mich eben mit dem, was ich tue -- schliesslich bin ich ja der Grossaktionaer des Newton-Apfelgartens."

"Dann eine Fachfrage als Test: Warum schmecken manche Aepfel mehlig und andere knackig?"

"Der Unterschied zwischen mehlig und knackig liegt im unterschiedlichen Gehalt an unloeslichem Pektin und Zellulosefasern in den Apfelzellen."

"Du verstehst wirklich etwas davon."

"Von einer Doktorin der Biologie lasse ich mich gern belaecheln."

"Ich habe Grundlagenbiologie studiert, aber was du erklaerst, ist echtes Fachwissen ueber Obstbau."

Im Grunde unterschieden sich Xuefangs und Chengleis Standpunkte durchaus. Wenn man Xuefang der "Naturfraktion" zuordnete, dann gehoerte Chenglei zur "Reformfraktion", doch ungeachtet ihrer verschiedenen Ansichten beeintraechtigte das ihre Zusammenarbeit nicht.

Xuefang erzaehlte Chenglei, der aegyptische Botaniker Ahmed Hegazy vertrete die Ansicht: Aus der Perspektive der Pflanzen seien wir Menschen nur eine von Tausenden Tierarten, die mehr oder weniger unbewusst Pflanzen "domestizierten". In diesem gemeinsamen Tanz der Koevolution muessten Pflanzen ihre Nachkommen an Orte verbreiten, wo sie gedeihen koennten, und ihre Gene von Generation zu Generation weitergeben.

Chenglei lachte und sagte: "Wenn eine Biologin sich mit Aepfeln beschaeftigt, dann ist das genau richtig."

Auf dem Rueckweg in die Stadt spielte im Auto in Endlosschleife die "Londonderry Air". Die Stimmen eines Kinderchors sangen davon, eine kleine Apfelbluete sein zu wollen, die sachte vom Ast faellt und in weicher Umarmung schlaeft, und ein glaenzender kleiner Apfel, der gepflueckt werden moechte, und fuer immer den Menschen seinen Duft schenken will.

Chenglei sagte: "Ich habe die Version als Frauensolo gehoert, aber einen Kinderchor hoere ich zum ersten Mal." Xuefang fragte: "Welche gefaellt dir besser?" Chenglei laechelte ein seltenes Laecheln und sagte: "Beide sind schoen."

Morgen war Meizis Geburtstag, und von Xuefang kam nicht das geringste Lebenszeichen. Meizis Herz wurde immer kaelter. Wenn sie darueber nachdachte -- Meizi erinnerte sich stets an die Geburtstage anderer: den ihres Vaters Liu Baogui, den ihrer Tochter Xuefang, den ihres Mannes Dalin. Sie konnte sich nicht nur die Geburtstage anderer merken, sondern war auch eifrig dabei, Feiern fuer sie zu organisieren. Wenn sie selbst an der Reihe war, dachte niemand daran -- geschweige denn eine Feier; nicht einmal ein einziger Gruss kam. Meizi bemitleidete sich selbst und schien auch ihre ganze Generation zu bemitleiden. Ihr Herz war ganz von den Kindern erfuellt, doch die Kinder scherten sich nicht darum, waren nicht dankbar und empfanden es sogar als Last.

"Bin ich nicht selbst schuld daran?", warf sich Meizi vor.

Zum Glueck konnte Meizi sich selbst ueberzeugen und mit sich ins Reine kommen. Ihr Plan war folgender: Morgen Vormittag nach Shanding fahren und mit der Tochter zusammen essen. Wenn die Tochter den Geburtstag nicht erwaehnte, wuerde sie es auch nicht tun. Schliesslich war ihr Blutzucker ohnehin erhoeht, und sie durfte keinen Kuchen essen -- also war es nicht wichtig, ob es eine Torte oder eine Feier gab. Wichtig war einzig, dass sie an ihrem Geburtstag mit Xuefang zusammen war. Das genuegt.

Am Abend hinterliess Meizi Xuefang eine Nachricht und teilte ihr mit, sie wolle den Obstgarten in Shanding besuchen und nebenbei ein paar Aepfel fuer den Grossvater pfluecken. Diesmal schrieb Meizi deutlich "Obstgarten in Shanding". Dann ueberlegte sie kurz und schickte auch Xiao Gezi eine WeChat-Nachricht.

Xiao Gezi freute sich, als er hoerte, dass Meizi zum Obstgarten in Shanding kommen wollte. Frueh am Morgen rief er Yaohua an und sagte, er fahre zum Westsee-Stausee angeln und komme mittags zum Dorfladen -- Yaohua solle ihm Fisch schmoren.

Auf dem Weg nach Shanding rief Meizi Xiao Gezi an. Xiao Gezi sagte froehlich: "Zweite Schwester, du hast wirklich Glueck! Vorgestern habe ich mit Bioduenger das Fischrevier gefuettert, und heute hab ich gleich einen grossen Fisch gefangen."

Nachdem er sein Angelzeug verstaut hatte, rief Xiao Gezi Meizi nochmals an und sagte: "Nach unserem Telefonat hab ich noch einen wilden Wels gefangen, vier, fuenf Pfund schwer, wie extra fuer dich bestellt! Wels geschmort mit Auberginen -- davon isst sich selbst der Grossvater zu Tode! Heute Mittag lasse ich Yaohua Auberginen dazu schmoren."

"Wer ist Yaohua?", fragte Meizi.

"Eine aus Shanding. Sie kocht grossartig Fisch."

"Weiss Xuefang davon?"

"Woher soll ich das wissen? Sie ist gar nicht hier."

"Was? Xuefang ist nicht da? Gestern Abend habe ich ihr doch gesagt, dass ich heute nach Shanding zum Apfelgarten komme."

"Das kann nicht stimmen, sie ist gestern Abend abgefahren."

"Zurueck in die Stadt?"

"Ja, ich hab sie hingefahren."

"Kommt sie heute zurueck?"

"Unmoeglich, sie bringt heute Vormittag die 'Kaiserliche Konkubine' zum Tierarzt."

"Welche Konkubine?"

"Diese Huendin namens Yuanyuan. Ich finde, sie wird immer fetter, deshalb nenne ich sie die Kaiserliche Konkubine."

"Was ist mit dem Hund?"

"Nach der Sterilisation hat sie nicht nur massig Gewicht zugelegt, sondern in ihrem Bauch ist auch noch ein Tumor gewachsen. Xuefang bringt sie zur Tierklinik fuer eine Operation."

Meizis Blick wurde verschwommen, ihr wurde schwindlig. Sie hatte doch angekuendigt, zum Obstgarten zu kommen und Xuefang zu treffen, und Xuefang war einfach in die Stadt zurueckgefahren -- ohne sie auch nur zu benachrichtigen. Das war offensichtlich ein Versetzenlassen. Wenn es etwas wirklich Wichtiges gewesen waere, haette sie es ja verstanden, aber Xuefang hatte sie sitzenlassen, um einen Hund zum Tierarzt zu bringen! Wer war wichtiger -- die Mutter oder ein Hund? Grob gesagt: Zaehlte sie in den Augen ihrer Tochter weniger als ein Hund?

In diesem Moment klingelte Yang Guifeis Telefon.

"Wo bist du?", fragte Yang Guifei.

Meizi sagte, sie sei auf dem Weg zum Obstgarten, fast schon bei der Gemeinde Lumingshan.

"Mit wessen Auto faehrst du?"

"Taxi-App."

Yang Guifei sagte: "Ruoying ist bei mir, wir wollten dich gerade abholen."

"Mich abholen?"

"Xuefang hat heute Morgen Ruoying kontaktiert und mich gebeten, dich zum Obstgarten zu fahren. Sie sagte, zum Aepfelpfluecken."

"Dieses Goer, warum hat sie mir das nicht selbst gesagt?", beschwerte sich Meizi.

Kaum war Meizi am Apfelgarten angekommen, kam Xiao Gezi schon auf seinem Motorrad angebraust. Er stieg ab und humpelte heran, streckte die Hand aus, um Meizi auf sein Motorrad zu ziehen. Meizi roch wohl den Fischgeruch, der Xiao Gezi umgab, trat zwei Schritte zurueck und sagte: "Wo willst du mich hinbringen?"

"Ins Dorf!"

Meizi sagte: "Ich pfluecke erst mal Aepfel."

Yang Guifei und Ruoying kamen mittags dazu. Sie pflueckten ein paar Gala- und Golden-Delicious-Aepfel und folgten dann Meizi und ihrem juengeren Bruder zu Yaohuas Dorfladen in Shanding, wo Xiao Gezi sie mit Wels-Auberginen-Schmortopf bewirtete. Waehrend des Essens prahlte Xiao Gezi nur mit seinen Angelkuensten und lobte nebenbei Yaohuas Kochfertigkeiten -- an Meizis Geburtstag erinnerte er sich bestimmt nicht.

Am Nachmittag fuhr Ruoying Meizi und Yang Guifei zurueck in die Stadt. Sie brachte Meizi weder nach Hause noch zu Liu Baoguis Wohnung, sondern zum Xinyue-Hotel. Das Sternehotel war Meizi nicht fremd -- als Xuefang gerade aus dem Ausland zurueckgekehrt war, hatte sie dort eine familiaere Willkommensfeier veranstaltet.

In der Hotellobby sah Meizi auf dem Wegweiser zu den Separees ihren eigenen Namen. Xuefang hatte hier eine Geburtstagsfeier fuer sie organisiert. Meizis Augen verschwammen sofort, die Traenen quollen unkontrollierbar hervor wie aus einer Quelle.

Meizi rang um Fassung und folgte Yang Guifei mit gespielter Gelassenheit ins Separee.

Es dauerte nicht lange, bis Xuefang, Ruoying und Shuitun hereinkamen. Xuefang sagte: "Ich haette nicht gedacht, dass Shuitun so eine grosse Sache daraus macht. Eigentlich wollte ich es klein halten und Mama allein feiern."

"Ich mag auch keine grossen Veranstaltungen", sagte Yang Guifei.

Meizi sagte: "Das ist wirklich nicht noetig, ich feiere selten Geburtstag."

"Es ist doch ein Zeichen der Zuneigung deines Kindes", sagte Yang Guifei.

Meizi sagte: "Dann lasst uns einfach zusammen essen, ohne irgendwelche Zeremonien."

"Ganz einfach, nur zusammen essen", sagte Xuefang.

So wurde zwar geredet, aber ein Minimum an Zeremonie gab es dann doch. Waehrend des Essens fragte Meizi Xuefang nach dem Vorratslager, weil sie mittags Xiao Gezi getroffen hatte und er es mehrfach erwaehnt hatte. Xuefang erklaerte: In Shanding gebe es eine Hoehle, die frueher als Kriegsgetreidespeicher gedient habe und seit Jahrzehnten verlassen sei. Die Hoehle habe ausgezeichnete Bedingungen -- im Winter warm, im Sommer kuehl. Fachgutachter haetten festgestellt, dass sie sich hervorragend zur Apfellagerung eigne. Sie haetten sie gepachtet, sodass die geernteten Aepfel in der Hoehle lagern und zum Fruehlingsfest auf den Markt gebracht werden koennten, um den Mehrwert zu steigern.

"Hauptsaechlich das Verdienst deines Grossonkels?"

"Hat er dir das so erzaehlt?"

"Nein, hat er nicht."

"Dein Grossonkel hat erwaehnt, dass gerade die Aufruestung und Renovierung des Lagers laufe", ergaenzte Yang Guifei.

Meizi sagte: "Eine verfallene Hoehle umzubauen kostet doch ein Vermoegen ... Ich verstehe nichts von Geschaeftsfuehrung, aber ich finde, der Obstgarten hat schon so viel Hightech-Ausruestung, dazu noch Bioduenger -- kann der Verkauf von Aepfeln das ueberhaupt wieder einspielen?"

"Nein. Im besten Fall reicht es gerade, um die laufenden Kosten zu decken."

"Ein Verlustgeschaeft?"

"Die ersten drei Jahre sind sicher defizitaer. Danach sollte es sich einpendeln."

"Dann verstehe ich nicht, warum du das alles machst."

"Vielleicht will ich nicht nur ein Produkt, sondern eine Art zu leben."

Meizi blinzelte -- so recht verstanden hatte sie das nicht.

Meizi sagte: "Ich verstehe zwar nichts von Geschaeftsfuehrung, aber immerhin bin ich ausgebildete Buchhalterin. Jetzt, wo ich nichts zu tun habe, koennte ich dir bei der Buchfuehrung helfen und die Betriebskosten senken."

"Wir haben bereits eine professionelle Wirtschaftspruefungsgesellschaft beauftragt."

"Wozu Geld fuer so etwas verschwenden? Ich brauche kein Gehalt."

"Wer arbeitet, muss bezahlt werden."

"Ich verstehe. Du vertraust mir nicht."

"Es geht nicht um Vertrauen, sondern um objektive Ablaeufe."

"Objektive Ablaeufe?"

Meizi war noch verwirrter als zuvor.

Als Meizi die Kerzen auspustete, sich etwas wuenschte und die Geburtstagstorte anschnitt, erhielt Xuefang einen Anruf von Shijun. Shijun teilte ihr mit, Xiao Gezi sitze in seinem Buero und bedraenge ihn hartnaeckig, die Pacht fuer das Vorratslager herauszuruecken. Xuefang fragte, mit welcher Begruendung er die Pacht verlange. Shijun antwortete, Xiao Gezi behaupte, ihm fehle das Geld fuer die Renovierung des Lagers und er muesse diese Summe voruebergehend verwenden.

Xuefang sagte: "Ich habe den Vertrag mit euch unterzeichnet, kuemmere dich nicht um ihn."

"Er sagt, er ist dein Grossonkel und kann dich vertreten."

"Er vertritt mich nicht."

"Wann kommst du vorbei?", fragte Shijun.

Xuefang sagte: "Morgen frueh, bis Mittag bin ich da."

Xuefang konnte nicht verstehen, mit welchem Recht Xiao Gezi beim Dorfkomitee Pachtgelder einforderte -- nur weil das Projekt auf seinen Vorschlag zurueckging, platzte er vor Verantwortungsbewusstsein und bildete sich ein, das Sagen zu haben?

Meizi fragte Xuefang: "Ist etwas passiert?"

"Nichts, kuemmere dich nicht darum."

"Hat dein Grossonkel Aerger gemacht?"

"Nein, es geht um den Obstgarten."

Nachdem Meizi ihre Langlebigkeitsnudeln gegessen hatte, aenderte Xuefang ihre Meinung. Sie wollte nicht bis morgen warten, sondern noch in der Nacht nach Shanding zurueckfahren.

Liu Baogui traf Frau Qi bei seiner Morgengymnastik. Seit dem Brand war die alte Frau Qi ihm gegenueber besonders herzlich.

"Herr Liu, haben Sie schon gehoert?", begann Frau Qi mit ihrem gewohnt geheimniskraemerischen Gehabe.

"Was gehoert?"

"Das mit der Familie Ma!"

"Meinen Sie den Umzug in die Villa?"

"Ueberlegen Sie doch -- woher haette er das Geld ... Es geht um seine Tochter Ma Yan ..."

"Verbreiten Sie bloss keine Geruechte."

Frau Qi rueckte naeher an Liu Baogui heran und fluesterte: "Ich verbreite keine Geruechte, das ganze Haus redet schon davon. Dieser taiwanesische Geschaeftsmann, der Herr Ruan, wollte Ma Yan angeblich heiraten, hat es sich dann aber anders ueberlegt -- er hat im Ausland Frau und Kinder. Ma Yan ist auch nicht von Pappe und hat einen Riesenaufstand gemacht ... Schon als Kind, wenn sie einmal anfing zu heulen, hoerte sie nicht mehr auf, schlimmer als alle anderen Kinder. Das hab ich gleich kommen sehen ... Vermutlich hat Ma Yan irgendein Geheimnis des Geschaeftsmannes erfahren, sonst haette der keine Angst vor ihr gehabt und ihr nicht einfach eines seiner Haeuser ueberlassen." Liu Baogui sagte: "Ich hab gehoert, der Geschaeftsmann hat das Haus gekauft, weil er Ma Yan heiraten wollte, und als er dann ins Ausland ging, hat er es ihr ueberlassen -- als eine Art 'Entschaedigung fuer verlorene Jugend' oder so."

"Was es heutzutage alles gibt -- sogar eine Entschaedigung fuer verlorene Jugend."

Liu Baogui murmelte: "Ich hab das nur ... von anderen gehoert, ich weiss auch nicht genau, was das bedeuten soll."

Frau Qi lachte und sagte: "Wir haben eben die guten Zeiten nicht mitbekommen. Die bekommt allein als 'Jugendentschaedigung' ein ganzes Haus, und wir hatten es damals wirklich schwer."

"Dafuer waren wir anstaendig, mit reinem Gewissen, ohne Leichen im Keller -- wir konnten ruhig schlafen und schnarchen."

"Stimmt, stimmt", sagte Frau Qi.

Liu Baogui ging in Richtung Haus, und Frau Qi folgte ihm.

Frau Qi fluesterte: "Gut, dass Xiao Gezi Ma Yan nicht geheiratet hat."

Liu Baogui blieb stehen: "Wann gab es denn so etwas?"

"Das wissen Sie natuerlich nicht, Sie waren ein Vorzeigearbeiter, den ganzen Tag nicht zu Hause. Ihre Frau hat es mir erzaehlt."

"Sie hat das erzaehlt? Xiao Gezi wollte Ma Yan heiraten?"

"Aber ja, damals war Ihre Frau gut befreundet mit der alten Frau Ma."

"Davon hoere ich zum ersten Mal."

"Ach, Ihre Frau und die alte Frau Ma, die sind beide nicht mehr unter uns ..."

"Selbst wenn sie noch da waeren -- welches Kind hoert heute noch auf seine Eltern? Von mir selbst mal abgesehen: Yuejin, Shiqing, Meizi -- bei wem von ihnen habe ich den Partner ausgesucht?"

"Da haben Sie auch wieder recht."

Liu Baogui hatte tatsaechlich nie an Ma Yan gedacht. Wenn er eine Schwiegertochter fuer Xiao Gezi haette aussuchen duerfen, haette er einzig Xu Zhentongs Tochter Yingzi ins Auge gefasst, aber die beiden hatten kein Schicksal miteinander gehabt.

An einem Montag erlebte die Stadt selten gutes Wetter -- klarer Himmel, hauchzarte Wolkenschleier, ruhige Stille rings um das kleine Haus. An jenem Vormittag zog die Familie Ma um. Liu Baogui, der am Fenster hinausblickte, dachte: Alter Ma hat wirklich Glueck, sogar beim Umzug scheint die Sonne.

Der alte Ma dirigierte die Arbeiter der Umzugsfirma wie ein Hausverwalter und rannte selbst die Treppen rauf und runter. Ma Yan dagegen stand da wie eine Zuschauerin -- mitten beim Umzug trug sie ein weisses Kleid, die Arme verschraenkt, schlenderte hin und her und trat hier und da gegen etwas.

Liu Baogui beobachtete alles vom Fenster aus und fand, er sollte seine Hilfe anbieten. Ob sie gebraucht wurde, war eine Sache; ob man sie anbot, eine andere -- schliesslich waren sie seit Jahrzehnten Nachbarn.

Liu Baogui trat vor die Tuer und begegnete dem alten Ma, der gerade aus dem zweiten Stock herunterkam.

"Ihr zieht also um?", fragte Liu Baogui.

Der alte Ma sagte: "Nicht ganz, nur ein paar Sachen fuer Ma Yan."

Ma Yan stand in der Tuer und fauchte: "Was ist daran schon ehrenruehrig, umzuziehen? Von diesem elenden Loch hast du noch nicht genug?"

Liu Baogui laechelte verlegen und sagte: "Kann ich irgendwie helfen?"

"Nicht noetig, danke", sagte der alte Ma und wischte sich den Schweiss ab.

"Sehe vielleicht ein bisschen klapprig aus, aber Kraft hab ich noch."

"Die Arbeiter sind da, ich komm selbst kaum dazu anzufassen."

"Sagt nur Bescheid!"

"Wie oft hab ich es dir schon gesagt?", schrie Ma Yan ploetzlich mit lauter Stimme. "Unnuetzen Kram nicht mitschleppen, den brauchen wir nicht mehr! Auslaender werfen Sachen weg, die sie zehn Tage nicht benutzt haben, und wir sammeln hier Geruempel!" Dabei trat sie mit ihrem Stoeckelschuh gegen einen prallen Nylonsack.

Der alte Ma hob den Sack auf und brummte: "Geruempel? Wenn man's mal braucht, findet man's nicht mehr."

Ma Yan ging hinueber, riss dem alten Ma den Sack aus der Hand, warf ihn auf den Boden, packte ihn an beiden Ecken und schuettelte ihn kopfueber aus -- bunte Sachen kullerten heraus.

"Sind diese Dinge etwa nuetzlich? Sag mir, wozu! Kaputte Schuhe und loechrige Socken -- wozu soll das gut sein? Kannst du die noch tragen?"

Der alte Ma schielte zu Liu Baogui hinueber, schaamte sich ein wenig und schnauzte Ma Yan an: "Kuemmer dich um deine eigenen Sachen und lass meine in Ruhe!"

Ma Yan konterte unerschrocken: "Diese Sachen kommen nicht ins neue Haus, so ein Geruempel bringt schlechte Energien!"

Unbemerkt war Frau Qi neben Liu Baogui getreten, eine rostige Axt in der Hand.

Sowohl der alte Ma als auch Ma Yan sahen die Axt in Frau Qis Hand. Frau Qi reichte sie dem alten Ma, der Ma Yan einen Blick zuwarf. Liu Baogui erklaerte fuer Frau Qi: "Nach hiesigem Brauch bringt man zur Einweihung eine Axt mit -- das bedeutet Glueck." "Genau", ergaenzte Frau Qi, "und je aelter die Axt, desto besser."

Der alte Ma nahm die Axt mit vielen Verbeugungen entgegen: "Danke, vielen Dank. Wenn alles hergerichtet ist, laden wir die Nachbarn zur Einweihung ein."

Liu Baogui sagte: "Wunderbar! Zu eurer Einweihung bringe ich Essstaebchen und Glasnudeln mit."

"Leg das hin!", schrie Ma Yan, und die drei Aelteren erschraken. Besonders Liu Baogui zuckte zusammen, und noch nach dem Schreck kribbelte es ihm am Ruecken.

Angesichts dieser Szene schoss Liu Baogui ein seltsamer Gedanke durch den Kopf, der ihn selbst ueberraschte: Haette Xiao Gezi Ma Yan umworben und geheiratet, dann haette Ma Yan dieses ungezaehmte Wildpferd Xiao Gezi vielleicht tatsaechlich zuegeln koennen -- jedes Gift findet sein Gegengift, oder wie man so sagt: Minus mal Minus ergibt Plus.

Die Direktvertriebsfirma wurde wegen Verdachts auf Schneeballsystem durchsucht, und erst drei Tage nachdem der Hongkonger Geschaeftsmann mit der Kasse geflohen war, erfuhr Xiao Gezi davon. "Verdammt!", fluchte er.

Xiao Gezi war klar, dass er diesmal in ernsten Schwierigkeiten steckte. Der Hongkonger hatte ihn betrogen, und er wiederum hatte andere betrogen -- diese anderen waren ausgerechnet seine eigenen Verwandten und Freunde. Jetzt, da der Geschaeftsmann geflohen war, wuerde er zur Zielscheibe werden.

Eigentlich hatte Xiao Gezi durchaus die Faehigkeit, Betrugsmaschen zu durchschauen. Nur war es diesmal so, dass die meisten Teilnehmer am Direktvertrieb gebildete Menschen waren und es sich um die neuesten "wissenschaftlichen" Marketingmethoden aus dem Ausland handelte -- daher hatte er keinen Argwohn gehegt. Mittags hatte Xiao Gezi eigentlich mit Xiao Duo essen gehen wollen, doch nach dieser Nachricht hatte er keine Stimmung mehr dafuer. Er ging allein in eine Grillstube, bestellte vierzig Lammspiesse und vier Flaschen Bier. Beim Trinken gruebelte er: Je mehr man misstraute, desto weniger passierte, und je mehr man vertraute, desto eher ging es schief -- verrueckt.

Haette nicht Shiqing Meizi aufgesucht, haette Meizi nichts von den Problemen der Direktvertriebsfirma erfahren.

Meizi wollte nicht glauben, dass es wahr war. Ihren Traum vom Reichwerden hatte sie gerade erst zwei Monate lang getraeumt, und hinter diesem Traum stand ihre heissersehnte Geige -- das verschwommene Bild einer Violine war gerade immer klarer geworden.

Meizi sagte zu Shiqing: "Das ist wie mit Aktien -- man muss durchhalten. Wie der alte Spruch sagt: Des alten Bauern verlorenes Pferd -- wer weiss, wozu es gut ist."

Shiqing sagte: "Der Mann ist geflohen, was gibt es da noch durchzuhalten?"

Meizi sagte: "Das liegt vor allem an der Marktregulierung. Wenn sich die Lage aendert, verdienen wir am Ende vielleicht sogar."

Shiqing sagte: "Wir sind doch keine Grossunternehmer! Mit unserem sauer verdienten Geld -- was soll das Durchhalten?"

Meizi sagte: "Immerhin haben wir noch die israelischen Diamantringe, und billig waren die auch."

"Wenn die Diamanten echt waeren, klar. Aber ich habe gehoert, die Ringe sind Faelschungen -- haben nichts mit israelischen Diamanten zu tun."

"Gefaelscht? Kann man Diamantringe so leicht faelschen?"

"Angeblich sind die besseren aus echtem Diamant, die schlechten nur Glaspaste."

"Wo wurde das festgestellt?"

Shiqing sagte: "Ich habe gehoert, die Faelschungen aus Glas nennt man Strassstein. Man kann sie zu Hause selbst pruefen -- man legt den Stein in eine Schale klares Wasser: Ein echter Diamant hat einen scharfen Umriss, ein falscher ist nicht klar zu erkennen."

"Hast du es ausprobiert?"

"Noch nicht."

Meizi rief mit steinerner Miene, aeusserst gelassen, Xiao Gezi an und fragte nach der Lage der Direktvertriebsfirma. Xiao Gezi sagte: "Ich habe auch nur Geruechte gehoert."

"Geruechte? Wenn es Geruechte sind, heisst das, sie stimmen nicht?"

"Soweit ich weiss, hat die Filiale voruebergehend geschlossen, hauptsaechlich weil die Nachfrage das Angebot uebersteigt. Der Hongkonger ist ins Ausland gereist, um neue Warenquellen aufzutun."

"Na, dann bin ich beruhigt. Es ging das Geruecht, der auslaendische Geschaeftsmann sei mit dem Geld durchgebrannt -- das hat mich ganz schoen erschreckt."

"Ich habe auch noch keine gesicherten Informationen, aber ich bin ueberzeugt: Bei so vielen Beteiligten kann der doch nicht einfach so davonkommen", sagte Xiao Gezi.

Durch Xiao Gezis Worte bestaerkt, sagte Meizi zu Shiqing: "Sei beruhigt, bei so vielen Betroffenen werden die Behoerden schon dafuer sorgen, dass niemand Verluste erleidet."

Bis Freitag konnte auch Meizi die Fassung nicht mehr wahren. Sie holte eine weisse Porzellanschale, fuellte sie mit klarem Wasser und legte den Diamantring hinein, den sie ueber den Direktvertrieb erstanden hatte. Sie betrachtete ihn genau und fand, der Umriss des Rings war irgendwie da und irgendwie nicht -- wenn sie ihn sehen wollte, schien er gerade noch erkennbar. Meizi wurde nervoes und ahnte, dass sie mit ziemlicher Sicherheit hereingelegt worden war. Sie wollte sich damit nicht abfinden und eilte zum Direktvertriebs-Geschaeft im Bezirk Zhongshan. Der Laden war bereits versiegelt, ein grosses "X" auf dem Papierstreifen ueber der Tuer, und jemand sorgte fuer Ordnung und liess Meizi nicht naeher heran. Meizi erkundigte sich nach der Situation der Firma, doch der Mann schuettelte nur den Kopf -- er sei bloss auf Posten, von allem anderen wisse er nichts. Meizi sah in der Naehe Gruppen von Menschen diskutieren, ging hinueber und hoerte Gespraechsfetzen ueber "Strasssteine" und "Bleiglas", auch Streitgespraeche: "Unsere Verluste gehen Sie nichts an?" -- "Wir haben Sie nicht gezwungen zu kaufen, das war Ihre freie Entscheidung, warum kommen Sie zu uns?" -- "Wenn es gefaelschte Ware ist, warum greifen Sie nicht ein?" -- "Wer sagt, wir greifen nicht ein? Wir haben doch durchgegriffen!" -- "Der Mann ist weg, wer kommt fuer die Verluste auf ..."

Meizi suchte verzweifelt nach Xiao Gezi, konnte ihn aber nirgends erreichen. Erst jetzt spuerte sie, wie ernst die Lage war.

Meizi kehrte zum kleinen Haus zurueck. Yuejin, Sufen und Shiqing gruessten sie nicht, sie diskutierten gerade ueber Xiao Gezi. Shiqing erhob die Stimme: "Xiao Gezi, dieser Betrueger! Wenn er schon betruegen muss, soll er Fremde betruegen -- die eigene Familie hereinzulegen, was ist das fuer eine Kunst?" Yuejin sagte: "So einen Bruder zu haben -- das ist ein Fluch fuer acht Generationen."

Meizi wollte sich nicht an ihrer Diskussion beteiligen und ging geradewegs ins hintere Zimmer, wurde aber von Shiqing aufgehalten. Shiqing fragte Meizi: "Wo ist Xiao Gezi?"

"Fragst du mich?"

"Wen soll ich sonst fragen?"

"Wenn du mich fragst -- wen soll ich dann fragen?"

"Wart ihr in letzter Zeit nicht staendig zusammen?"

"Und wenn? Zusammen, na und?", sagte Meizi deutlich veraergert. "Wenn man schon davon redet -- man kann nicht allein Xiao Gezi die Schuld geben. Er hat dir das Geld ja nicht geraubt. Hast du es nicht freiwillig hergegeben?"

"Meizi, so zu reden ist falsch. Wenn ich es nicht freiwillig gegeben haette, dann waere es Raub und nicht Betrug gewesen. Haette Xiao Gezi mir nicht das Blaue vom Himmel herunterversprochen -- waere ich dann so leicht darauf hereingefallen?", sagte Shiqing.

Yuejin sagte: "Ich hab es gewusst, dass der Kerl nichts Gutes im Schilde fuehrt. Zum Glueck bin ich rechtzeitig ausgestiegen."

Sufen warf Yuejin einen schiefen Blick zu: "Du bist ja auch der Kluegste, der grosse Rechner."

"Ich bin kein Rechner und auch nicht besonders klug, aber gierig bin ich nicht."

Shiqing sagte: "Hoer auf, dich ueber anderer Leute Unglueck zu freuen!"

"Xiao Gezi ist nicht da, worueber streitet ihr euch?", sagte Liu Baogui.

Shiqing sagte: "Wenn ich jetzt an Xiao Gezi denke, kribbelt es mich vor Wut! Er hat ganz schoen verdient dabei."

Meizi sagte: "Was Xiao Gezi verdient hat, reicht nicht mal, um seinen Einsatz zurueckzubekommen."

Yuejin sagte: "Du nimmst Xiao Gezi immer in Schutz -- was gibt er dir dafuer? Mir kommt es so vor, als stecktet ihr unter einer Decke!"

Meizi sagte: "Und wenn?"

"Koennt ihr endlich aufhoeren zu streiten?", rief Liu Baogui laut.

Meizi sagte: "Ich meine es doch nur gut. Ich sage das, um euch zu beruhigen. Das Geld ist verloren, Klagen nuetzt nichts, und ausserdem ist Xiao Gezi genauso ein Opfer."

"Du brauchst ihn nicht in Schutz zu nehmen. Ich mache Xiao Gezi verantwortlich! Mein Leben war ruhig und friedlich, ohne ihn waere mir so etwas nie passiert!", klagte Shiqing.

"Wer weiss, wie es Xiao Gezi jetzt geht", sagte Sufen.

"Keine Sorge, dem geht es gut. Waehrend ihr euch hier graemt, frisst und saeuft er irgendwo auf unsere Kosten", sagte Yuejin.

Liu Baogui sagte: "Dieser Tunichtgut, das muss einer aus dem Vorleben sein, der eine alte Schuld eintreiben will. Der gibt keine Ruhe, bis er alles hat!"

Waehrend die Familie gerade wegen Xiao Gezi in Streit lag, kam der alte Ma vorbei -- wohl zum ersten Mal seit seinem Umzug. Liu Baogui bot ihm sofort einen Platz an, liess Meizi Tee einschenken und Yuejin eine Zigarette anbieten. Liu Baogui und Meizi ahnten, was der alte Ma wollte -- er suchte sicher Xiao Gezi und forderte eine Erklaerung. Tatsaechlich sah sich der alte Ma kaum dass er sass suchend um.

"Du suchst Xiao Gezi? Wir suchen ihn auch", sagte Liu Baogui.

Der alte Ma seufzte: "Eigentlich wollte ich gar nicht kommen, aber es drueckt mich so."

Shiqing sagte: "Uns drueckt es alle."

"Xiao Gezi kann betruegen, wen er will, nur nicht die Nachbarn -- selbst der Hase frisst nicht das Gras neben seinem Bau."

Shiqing sagte: "Uns hier aufzusuchen bringt nichts. Such Xiao Gezi oder verklag ihn vor Gericht."

Das Gesicht des alten Ma verzerrte sich, halbweinerlich sagte er: "Ma Yan hatte recht -- sie hat mir geraten, mich nicht mit eurer Familie einzulassen, ich hab nicht gehoert, und jetzt ..."

"Kannst du nicht reden?", stand Meizi auf. "Wenn du ueber Xiao Gezi sprichst, dann ueber Xiao Gezi -- wie kommst du dazu, unsere ganze Familie hineinzuziehen?"

"Ist Xiao Gezi etwa nicht aus eurer Familie? Wenn er zu meiner gehoerte, warum gehe ich dann nicht woanders hin, sondern komme zu euch?"

"Was soll man dazu sagen -- deine Tochter Ma Yan war die Geliebte eines Taiwanesen, heisst das, alle in der Familie Ma sind so?", sagte Shiqing.

Liu Baogui funkelte Shiqing an: "Wie redest du mit deinem Onkel Ma?" Der alte Ma lief rot an und sagte barsch: "Wenn das eure Einstellung ist, dann werde ich tatsaechlich Rechenschaft fordern ..."

Meizi sagte: "Nur zu! Am besten bringt ihr Xiao Gezi vor Gericht -- dann haben wir auch unsere Genugtuung."

Der alte Ma sagte: "Bevor ich Rechenschaft fordere, werde ich durchs ganze Haus gehen und alle warnen, damit niemand hereingelegt wird." Shiqing sprang auf und rief laut: "Nur zu, nur zu! Willkommen, diesen Volksschaedling zu entlarven! Wenn Sie fertig sind, mache ich eine Runde und erzaehle die Geschichte von jenem Wintermorgen -- dann haben auch wir etwas zur Volksaufklaerung beigetragen."

Der alte Ma starrte Shiqing an und erstarrte sofort, wie ein Ballon, dem die Luft ausgeht.

"Ich ... war nur aufgebracht, ein paar Worte im Zorn, wuerde ich wirklich so etwas tun? Wir muessen doch die gegenseitige Achtung wahren -- schliesslich sind wir seit Jahrzehnten Nachbarn."

"Stimmt, bei dieser Sache haben alle Verluste erlitten, alle sind aufgebracht", mischte sich Yuejin ein, "aber Schulden haben ihren Glaeubiger." Sufen zupfte Yuejin am Aermel: "Das geht dich nichts an."

Der alte Ma blinzelte rasch und sagte: "Der Aelteste hat recht -- Schulden haben ihren Glaeubiger. Der Betrueger ist ein skrupelloser Hongkonger Geschaeftsmann, und Xiao Gezi ist auch ein Opfer."

Liu Baogui sagte: "Du brauchst Xiao Gezi nicht in Schutz zu nehmen, ich werde ihm schon eine Lektion erteilen."

"Lektion erteilen ist nicht noetig, hauptsaechlich muessen wir zusammenhalten, an einem Strang ziehen und den Hongkonger aufspueren, um unsere Verluste zurueckzuholen ... Sag Xiao Gezi, wenn er seinen Onkel Ma braucht -- ich bin vorne dabei, ohne Wenn und Aber."

Liu Baogui sagte: "Danke, alter Ma, fuer so viel Grossmut und Nachsicht." Der alte Ma sagte: "Was gibt es da zu danken, zwischen uns beiden Alten -- Jahrzehnte Nachbarschaft! Wie es so schoen heisst: Nahe Nachbarn sind mehr wert als ferne Verwandte."

Kaum war der alte Ma gegangen, fluesterte die verwunderte Meizi Shiqing zu: "Was war das gerade? Du hast den alten Ma mit einem Satz in die Knie gezwungen." Shiqing sagte: "Ich hab doch gar nichts gemacht."

"Ach komm, der alte Ma ist ein alter Fuchs. Gerade stand eine Grossschlacht kurz bevor, und mit einem einzigen Satz hast du die Flammen geloescht."

"Solche Faehigkeiten hab ich nicht."

"Du willst es nicht sagen? Dann steckt wohl etwas zwischen euch beiden."

"Red keinen Unsinn."

"Dann erklraer es mir."

"Ich sag es dir, aber dann bleibt es unter uns ... Dieser alte Lustmolch -- wenn ich ihn nicht zurechtgewiesen haette, haette er noch den Ehrenmann gespielt."

"Hat er dich belaestigt?"

"Das wuerde er sich nicht trauen!"

Shiqing erzaehlte Meizi, dass sie eines Wintermorgens entdeckt hatte, wie der alte Ma im Korridor des zweiten Stocks einen Bambusstab mit einem kleinen Spiegel daran aus dem Fenster hielt und in die Toilette im Erdgeschoss spaehte. Die sieben Familien im Haus teilten sich eine Toilette im Erdgeschoss, und morgens herrschte Hochbetrieb. Gerade als der alte Ma gebannt hinstarrte, trat Shiqing hinter ihn.

"Frauen auf der Toilette beobachten?", rief Meizi laut. "Warum hast du ihn nicht angezeigt?"

Shiqing mahnte: "Leiser!"

"Wer war denn in der Toilette?"

"Die Frau vom dicken Cui."

"Wenn die das erfahren haette -- die haette ihm das halbe Gesicht zerkratzt."

"Ich hab es ihr nicht erzaehlt."

Nachdem die Frau vom dicken Cui zurueck in der Wohnung war, schimpfte Shiqing den alten Ma einen alten Lustmolch und drohte, ihn zu entlarven. Der alte Ma erschrak zu Tode, beteuerte, es sei das erste Mal gewesen, flehte Shiqing um Verzeihung an, er werde es nie wieder tun, und kniete sogar vor ihr nieder.

"Und da wurdest du weich?"

"Wir sind alle Nachbarn, ein grosser Skandal haette kein gutes Ende genommen."

"Polizei rufen!"

"So lange her -- wenn die Polizei ihn befragt und er alles abstreitet?"

Shiqing gab dem alten Ma eine Standpauke und warnte ihn: Wenn sie ihn noch einmal erwische, werde sie die Polizei rufen. Der alte Ma schwor bei allem Heiligen, es nie wieder zu tun, und war ihr zutiefst dankbar.

Meizi haette nie gedacht, dass die geradeheraus sprechende Shiqing auch ein Geheimnis verbarg, und noch dazu so gut verborgen. Doch nachdem sie davon erfahren hatte, war Meizi innerlich sehr unwohl -- sie fragte sich, ob auch sie vom alten Ma in ihrer "Jugend" beobachtet worden war.

"Dieser Schamlose!", schimpfte Meizi in Gedanken.

In jenen Tagen kam Xiao Gezi nicht nach Hause. Er wusste, dass ihn dort ein beispielloser Sturm erwartete -- allein an der Haeufigkeit, mit der Meizi und Shiqing seinen Pager anriefen, konnte er sich die Intensitaet ausmalen. Nicht nur Meizi und Shiqing suchten ihn; auch Kunden und Bekannte, die er als Untergebene angeworben hatte, waren hinter ihm her, einschliesslich der Frau des dicken Cui. Xiao Gezi konnte nicht nur nicht ins Haus zurueckkehren, er musste sich regelrecht verstecken, und seine Stimmung war entsprechend gedrueckt.

An jenem Vormittag fiel Xiao Gezi ein, dass er Xiao Duo seit Tagen nicht mehr gesehen hatte. Er schlich sich zu ihrem Schoenheitssalon und stiess die Tuer auf. Auf dem abgewetzten Sofa sassen Xiao Duo und Pi Er, sie in seinen Armen, er in ihren. Xiao Gezi sah rot, stuerzte mit einem Satz vor und verpasste Pi Er eine Gerade auf die Wange. Der ueberrumpelte Pi Er taumelte einige Schritte zurueck, fasste sich dann, bruellte auf, stuerzte sich auf Xiao Gezi und warf ihn mit einem Rueckenwurf der Laenge nach zu Boden. Pi Er hatte Ringen trainiert, Xiao Gezi war ihm nicht gewachsen. Pi Er verachtete diesen frueheren Verlierer vor ihm, zog ihn hoch und wollte ihn ein zweites Mal auf die Bretter schicken. Doch inzwischen hatte Xiao Gezi rote Augen bekommen und klammerte sich mit aller Kraft an Pi Ers Huefte. Gerade als Pi Er einen Kopfklemm-Wurf ansetzen wollte, spuerte er ploetzlich einen Nadelstich im Bauch. Er blickte hinunter -- Blut quoll hervor. Pi Er liess los, doch Xiao Gezi liess nicht nach und stach mit dem dekorativen Mongolenmesser noch zweimal zu. Pi Er brach in einer Blutlache zusammen.

Xiao Duo war starr vor Entsetzen und fiel auf die Knie.

Xiao Gezi richtete die bluttropfende Messerspitze auf Xiao Duo und sagte: "Du -- sieh zu, wie du klarkommst!"

Dann verliess Xiao Gezi in aller Seelenruhe den Schoenheitssalon.

Die Nachricht von Xiao Gezis Tat erreichte bald Liu Baoguis Ohren. Erst tauchten ein Mann mit einer Narbe im Gesicht und drei, vier Begleiter vor dem Haus auf, dann kam die Polizei. Sie fanden Xiao Gezi nicht und teilten Liu Baogui beim Gehen mit, es sei die Pflicht jedes Buergers, mit den Behoerden zusammenzuarbeiten. Wer einen Tatverdaechtigen verstecke oder bei der Flucht helfe, mache sich strafbar. Sobald es Neuigkeiten von Xiao Gezi gebe, muesse er sofort die Polizei benachrichtigen. Liu Baogui war wie vom Blitz getroffen.

Die Nachricht, die Meizi mitbrachte, erschuetterte ihn noch mehr. Sie berichtete, der Tatort sei Xiao Duos Schoenheitssalon gewesen, der inzwischen polizeilich versiegelt sei. Es habe ein Toetungsdelikt gegeben, hiess es.

"Ein Toetungs... delikt?"

Liu Baoguis Augen wurden starr, seine Lippen verfaerbten sich blau.

"Wo ist er?"

"Weiss niemand, er soll geflohen sein."

"Ueberall werden Netze ... geflohen?" Liu Baogui wurde schwarz vor Augen und brach zusammen.

Liu Baogui wurde ins Krankenhaus eingeliefert -- ein Herzanfall, ein Stent musste gesetzt werden.

Vor der Operation rief Liu Baogui Yuejin, Shiqing und Meizi zu sich und hinterliess sein Vermaechtnis.

Als Liu Baogui wieder zu sich kam, lautete seine erste Frage: "Gibt es Neuigkeiten?"

Meizi sagte: "Von wem willst du Neuigkeiten? Von Xiao Gezi?"

Liu Baogui schloss kurz die Augen: "Gibt es Neuigkeiten?"

"Nein, kein Lebenszeichen."

Liu Baogui sagte kraftlos: "Ich habe gehoert ... der Mann ist nicht gestorben. Dann ist es fuer Xiao Gezi zumindest kein Kapitalverbrechen, ein paar Jahre Gefaengnis, und dann kommt er wieder raus."

Yuejin sagte: "Kuemmern Sie sich um Ihre Genesung und machen Sie sich keine Sorgen um ihn."

Shiqing ergaenzte: "Seien Sie beruhigt, Meizi und ich haben Erkundigungen eingezogen. Es reicht nicht fuer schwere Koerperverletzung, das Problem sollte nicht allzu gross sein."

Liu Baogui sagte: "Ich werde es diesmal vielleicht nicht schaffen ... Wenn ich sterbe, macht mir nichts mehr Sorgen als Xiao Gezi ... Hoert alle drei gut zu: Wenn ich tot bin, muesst ihr Xiao Gezi helfen. Er ist euer einziger Bruder, so viel Aerger er auch macht -- er ist euer leiblicher Bruder ... Helft ihm, seine Schulden zu begleichen, eine anstaendige Arbeit zu finden und eine Frau zu heiraten ... Sonst kann ich nicht in Frieden die Augen schliessen."

"Machen Sie sich nicht so viele Gedanken, Xiao Gezi ist alt genug. Kein Grund, sich um ihn Sorgen zu machen."

"Habt ihr euch gemerkt, was ich gesagt habe?"

Shiqing und Meizi sagten beide, sie haetten es sich gemerkt.

"Yuejin?"

"Ich hab es mir gemerkt."

Aus Liu Baoguis Augenwinkeln flossen Traenen.

"Meizi!", rief Liu Baogui leise.

"Ich bin da, Papa", antwortete Meizi mit erstickter Stimme.

"Ich habe eine Bitte an dich ... Ich habe noch etwas Geld ... hinter der Uhr, das ist fuer Xiao Gezis Hochzeit gespart. Wenn Xiao Gezi heiratet, ist meine Aufgabe ... erfuellt, dann habe ich auch gegenueber deiner Mutter ein reines Gewissen."

Auch Shiqing konnte nicht mehr an sich halten und begann zu weinen.

Liu Baoguis sogenanntes Vermaechtnis betraf einzig und allein Xiao Gezi.

Am naechsten Morgen ging Meizi zum Haus zurueck, um Wechselkleidung fuer Liu Baogui zu holen. In der Tuer traf sie auf Yuejin.

"Grosser Bruder, was machst du da?", fragte Meizi.

Yuejin sortierte Liu Baoguis Urkunden, Auszeichnungen und alte Unterlagen. Einige Urkunden hatte er bereits in seinen mitgebrachten Rucksack gepackt.

"Ich ordne die Sachen des alten Herrn", sagte Yuejin.

Meizi schien zu verstehen und sagte: "Grosser Bruder, was soll das?"

"Ich bewahre sie sicher fuer ihn auf."

"Grosser Bruder, allein dafuer verachte ich dich!"

Yuejin wurde aufgeregt und rief: "Was denkst du dir nur? Die Sachen sind doch gar nichts wert!"

Seit der Chef der Direktvertriebsfirma mit dem Geld verschwunden war, hatte Meizi sich nicht getraut, Lehrer Qiao unter die Augen zu treten. Sie ging nicht mehr zum Uebungsraum in der Schule, und auf seine Pager-Nachrichten antwortete sie nicht.

Eines Tages nieselte es leicht. Nach Feierabend sah Meizi vor dem Kindergartentor den schwarzen Regenschirm von Lehrer Qiao, und es war offensichtlich zu spaet, um auszuweichen.

Lehrer Qiao trat laechelnd auf sie zu: "Heute habe ich eine gute Nachricht -- komm, ich lade dich zur japanischen Kueche ein."

Meizi zoegerte kurz: "Ich habe heute, zu Hause ..."

"Dann essen wir ein andermal. Ich begleite dich nach Hause, und wir koennen unterwegs reden."

Es blieb ihr nichts anderes uebrig, als mit Lehrer Qiao die Strasse entlangzugehen. Der Kindergarten, in dem Meizi arbeitete, lag in einem Straesschen zwischen der Siegesstrasse und der Gorki-Strasse. Von dort kam man auf die Gorki-Strasse. Beidseitig standen Platanen mit so dichtem Laub, dass man auf dem Gehsteig den Regen kaum noch spuerte -- nur gelegentlich fielen grosse Tropfen von den Blaettern. Lehrer Qiao und Meizi klappten beide ihre Schirme zu, sodass sie einander besser sehen konnten.

"Es tut mir leid", sagte Meizi.

"Wofuer?"

Meizis Augen fuellten sich mit Traenen, und sie murmelte: "Ich weiss, du hast den Ring nur mir zuliebe gekauft, und ich wollte dich nicht hereinlegen."

"Ach, darum geht es! Ich hab mich schon gewundert, warum du dich nicht mehr meldest -- ich dachte, du waerst krank. Wenn du dich deshalb schlecht fuehlst, ist das den Kummer nicht wert. Und ausserdem -- ich habe ja auch einen Diamantring."

"Die Ringe sind Faelschungen!"

"Hast du sie untersuchen lassen?"

"Ja, ich habe jemanden gebeten, sie zu testen. Das Ergebnis: nachgemachtes Bleiglas."

Lehrer Qiao sagte: "Ja, Bleiglas hat einen Brechungsindex zwischen 1,70 und 1,85 und einen Dispersionswert von etwa 0,06 -- die Faelschung ist nicht schlecht gemacht, aeusserlich wirklich schwer zu unterscheiden."

"Du wusstest es schon?"

"Ich habe es auch erst in den letzten Tagen erfahren."

"Hast du Kunden als Unterverkaeufer angeworben?"

"Nein."

"Gut, dann ist mein Gewissen etwas leichter. Immerhin schulde ich nur dir etwas."

"Du schuldest mir nichts, du bist auch ein Opfer ... Wir sind keine Fachleute und koennen unmoeglich beurteilen, ob ein Ring echt oder falsch ist."

"Eben! Und dann gab es noch ein Echtheitszertifikat mit Praegestempel -- wer haette da an eine Faelschung gedacht? Auf die Idee kam man gar nicht."

"Man glaubt, was man glauben will, man waehlt seine Informationen nach Vorlieben -- mir geht es genauso."

"Du hast so recht. Ich habe es einfach geglaubt, zumal dahinter ein Gewinn winkte -- ich kam nie auf die Idee, eine Pruefung machen zu lassen. Und die meisten Kaeufer sind ganz normale Leute, die wuessten gar nicht, wo sie eine Untersuchung in Auftrag geben koennten."

"Also quael dich nicht mehr damit, sieh es als Lehrgeld."

"Das Lehrgeld war allerdings saftig."

"Wer weiss -- vor dem Mittelalter war venezianisches Glas, also das, was heute gewoehnliches Glas ist, wertvoller als echte Edelsteine. Mit den falschen Diamanten ist es aehnlich -- es wird immer weniger davon geben. Gut aufbewahrt, werden sie vielleicht eines Tages sogar wertvoll."

"Du verstehst es wirklich, jemanden zu troesten."

Meizi, mit ihrem schon betraechtlichen Bauch, war wohl muede geworden und blieb stehen.

"Alles in Ordnung?"

Meizi blickte zu Lehrer Qiao auf und sagte: "Du sagtest vorhin, wir koennten japanisch essen gehen ... Nun ja, was zu Hause ansteht, kann auch morgen erledigt werden."

Lehrer Qiao lachte: "Dann gehen wir ins 'Kappo Shimizu'."

Das neu eroeffnete Kappo Shimizu befand sich im Luftfahrt-Gebaeude -- ein japanisches Restaurant, offenbar als Joint Venture gefuehrt. Es war Meizis erstes Mal in einem authentischen japanischen Restaurant, und als sie hereinkam, fuehlte sie die Befangenheit, die Unbekanntes mit sich bringt. Das Restaurant war luxurioes eingerichtet, und doch wirkte es einladend: warmgelbes Licht, Holzfensterrahmen in Weiss und Gelb, Schiebetueeren, Laternen und Stoffvorhaenge vor den Separees, kleine Schirme, Faecher und Kalligrafie-Rollen an den Waenden -- alles verstroemte einen schlichten, laendlichen Charme. Dazu musste man im Separee die Schuhe ausziehen und auf Tatami Platz nehmen, was einem das truegerische Gefuehl gab, zu Hause zu sein.

Lehrer Qiao bat Meizi, zu bestellen. Als sie die Preise auf der Karte sah, zoegerte sie: "Bestell lieber du."

Lehrer Qiao bestellte frischen Seeigel, Sashimi, gegrillten Makrelenhecht, Rinderknochen im Topf, Tempura und Sushi-Rollen. "Ein wenig japanischen Sake?" Als er Meizis Gesichtsausdruck sah, sagte er: "Stimmt, du solltest jetzt keinen Alkohol trinken."

Meizi sagte: "Schon gut, trink du ruhig. Ich nehme einfach ein Glas Zitronenwasser."

Im kleinen Separee waren nur Meizi und Lehrer Qiao. Waehrend des Essens tauschten sie sich ueber das aus, was in der Zwischenzeit geschehen war, auch ueber die Nachbarn im Haus. Meizi erzaehlte Lehrer Qiao nichts von Xiao Gezis Flucht und Liu Baoguis Krankenhausaufenthalt -- sie gab sich Muehe, gut gelaunt zu wirken. Tatsaechlich hatte sich ihre gedrueckte Stimmung nach dem Wiedersehen mit Lehrer Qiao erheblich aufgehellt.

Meizi und Lehrer Qiao sassen durch einen kleinen Holztisch getrennt, und ihre Fuesse beruehrten sich unter dem Tisch ganz leicht. Beim ersten Mal hatte Meizi das Gefuehl eines elektrischen Schlags und zog den Fuss sofort zurueck. Als es oefter geschah, liess die Empfindlichkeit nach, und als Lehrer Qiao nach zwei Bier seinen Fuss auf ihren legte, rueckte Meizi nicht weg.

Lehrer Qiao sah Meizi an, und Meizi laechelte.

"Haette ich dich doch frueher kennengelernt", sagte Lehrer Qiao.

Meizi erinnerte sich, dass auch sie einmal so etwas gesagt hatte, und spuerte, wie ihre Wangen warm wurden.

"Auch jetzt ist es gut", sagte Meizi.

"Wenn ich nicht in einer anderen Stadt geboren waere, sondern von klein auf im Haeuschen an der Nanshan-Strasse gelebt haette -- wenn wir zusammen aufgewachsen waeren, wie schoen waere das."

"Danke", sagte Meizi mit geroeteten Augenraendern. "Dass du so etwas sagst, macht mich schon gluecklich."

Lehrer Qiao schwieg und blickte Meizi still an, und Meizi blickte still zurueck. Dann schien Lehrer Qiao aus seiner Traeumerei in die Wirklichkeit zurueckzukehren, wischte sich verstohlen den Augenwinkel und fragte laechelnd: "Wann ist der Geburtstermin?"

Meizi stutzte einen Moment, dann antwortete sie: "Anfang November, vermutlich."

Lehrer Qiao sagte: "Pass gut auf dich auf und bring ein gesundes kleines Meizi-Maedchen zur Welt."

Meizi presste die Lippen zusammen und nickte fest.

Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus kehrte Liu Baogui in Meizis Begleitung nach Shanding zurueck. Seit er das Dorf verlassen hatte, war Liu Baogui in vierzig Jahren nur wenige Male zurueckgekehrt -- wie ein Libellentupfer auf dem Wasser: zum Tod seiner Eltern, zur Hochzeit des ersten Neffen, um Bescheinigungen zu holen -- immer am selben Tag hin und zurueck, keine Minute laenger als noetig.

Diesmal hatte Liu Baogui, der einmal dem Tod von der Schippe gesprungen war, ploetzlich einen starken Wunsch: Er wollte die alte Heimat wiedersehen. Als er Yuejin, Shiqing und Meizi davon erzaehlte, unterstuetzte Yuejin den Wunsch, konnte ihn aber nicht begleiten -- selbst einen halben Tag freizubekommen war schwierig. Shiqing sagte: "Sagtest du nicht, die Fabrik hat gerade nicht genug Auftraege und steht oft still?" Yuejin sagte: "Die Auftraege sind wenig, aber rumsitzen im Werk ist okay, Urlaub nehmen nicht -- da wird sofort Lohn abgezogen." Shiqing sagte: "Den abgezogenen Lohn erstatte ich dir, du bist der Aelteste, begleite Papa." Yuejin sagte: "Es geht nicht ums Geld, ich bekomme einfach keinen Urlaub. Nimm du dir ein paar Tage frei, du bist die aelteste Tochter." Shiqing sagte: "Ich stehe den ganzen Tag am Ladentisch, acht Stunden, darf nicht mal zur Toilette troedeln -- viel weniger flexibel als du. Und in letzter Zeit habe ich oft genug freigenommen." Meizi sagte: "Ihr braucht mich gar nicht anzuschauen, ich arbeite auch acht Stunden am Tag." Yuejin sagte: "Du hast Urlaubstage, du kannst tauschen." Meizi wurde aergerlich: "Ich bin hochschwanger! Wenn ich mitfahre -- wer pflegt wen? Ich Papa oder Papa mich?"

Liu Baogui hatte schlechte Augen, aber sein Gehoer war gut. Aus der Ferne hoerte er die Diskussion seiner Kinder und rief laut: "Macht euch keine Schwierigkeiten! Ich hatte sowieso nicht vor, dass jemand von euch mitkommt!"

Am Ende war es doch Meizi, die Liu Baogui in die alte Heimat begleitete. Shiqing leistete auch ihren Beitrag: Sie liess Xu Hongwei sie hinfahren -- das war standesgemäss und ersparte ihnen das laestige Warten und Umsteigen. Zum Abschied kam Yuejin vorbei und schenkte Liu Baogui einen Gehstock aus Edelstahl -- offensichtlich hatte er ihn in der Fabrik selbst angefertigt. Yuejin sagte, auf den Bergwegen dort sei ein Stock nuetzlich. Liu Baogui machte ein finsteres Gesicht und sagte zu Meizi: "Schmeiss das Ding weg!"

Liu Baogui mochte den Gehstock wohl nicht, weil er sich noch fuer jung hielt und nicht zu den Siebzig- oder Achtzigjährigen gehörte, die beim Gehen Stuetze brauchten. Ausserdem gab es den Volksglauben, dass ein Gehstock, wenn schon noetig, aus Holz sein sollte -- eine Eisenkruecke solle man nicht leichtfertig benutzen, denn wenn man einmal damit anfange, lege man sie nie wieder ab. Und hatte Liu Baogui vielleicht auch das Gefuehl, Yuejin habe Fabrikmaterial fuer den Stock verwendet und sich damit auf Kosten des Betriebs bereichert?

Yuejin liess den Kopf haengen, sein Gesicht wurde lang. Er glaubte, Liu Baogui sei sauer, weil er ihn nicht begleitete.

Die Rueckreise nach Shanding mit Liu Baogui war nicht nur eine Frage der Betreuung. Unterwegs fragte Meizi, bei wem er wohnen wolle. Liu Baogui schwieg. Auf mehr als halbem Weg fragte Meizi nochmals, und Liu Baogui sagte: Bei niemandem.

"Werden die Verwandten nicht beleidigt sein?", fragte Meizi.

Liu Baogui sagte: "Sag ihnen erst mal nichts. Wenn sie es herausfinden, sehen wir weiter."

"Wo sollen wir dann wohnen? In einem Hotel?"

"Hotels sind zu teuer."

"Unter freiem Himmel wohl kaum."

"Gibt es in den Doerfern nicht diese Bauernhof-Pensionen?"

Meizi lachte: "Haette nicht gedacht, dass Papa so auf der Hoehe der Zeit ist und sogar 'Bauernhof-Pension' kennt." Liu Baogui laechelte nicht: "Eine Bauernhof-Pension ist guenstig und erspart uns, andere zu belaestigen. Und ausserdem -- bei so vielen Verwandten in Shanding, zu wem geht man und zu wem nicht? Vor allem will ich keinen Aerger." Meizi fragte: "Wollen Sie anderen keinen Aerger machen oder sich selbst keinen einhandeln?" "Beides", sagte Liu Baogui.

In diesem Punkt war Meizis Sichtweise moeglicherweise die gleiche wie Liu Baoguis, moeglicherweise auch nicht. Meizi wollte die Dorfverwandten -- genau genommen Liu Baoguis Verwandte -- nicht treffen, denn selbst nach einem einzigen Treffen oder gemeinsamen Essen wuerden sie spaeter alle kommen, einer nach dem anderen, in einer Reihe, um einen zu belaestigen.

Meizi sagte: "Das ist zwar gut so, aber -- wenn Sie nach Shanding zurueckkehren, ohne einen einzigen Verwandten zu treffen, wozu fahren Sie dann?" Liu Baogui sagte: "Um an den Graebern deiner Grosseltern Weihrauch zu brennen. Und wenn noch Zeit ist und die Knochen mitmachen, einfach ein bisschen herumspazieren -- die Orte sehen, an denen ich als Kind gespielt, die Schule besucht und gearbeitet habe."

"Und wenn wir Bekannten begegnen?"

"Ich bin seit so vielen Jahren weg, da kennt mich kaum noch jemand."

"Und wenn wir Verwandten begegnen?"

"Dann sehen wir weiter."

Die meisten Bauernhof-Pensionen in der Gegend waren eigentlich Gaststaetten und boten selten Uebernachtungsmoeglichkeiten. Meizi musste Liu Baogui zu einer kleinen Herberge in der Gemeinde Lumingshan bringen. Sie sagte, eine Bauernhof-Pension sei sogar teurer als diese Herberge, und die Herberge sei billig -- selbst ein ganzer Monat koste nicht viel. Liu Baogui, misstrauisch, erkundigte sich heimlich bei der Wirtin nach dem Preis. Nachdem sie Liu Baogui untergebracht hatten, schickte Meizi Xu Hongwei zurueck -- schliesslich musste der mit seinem Taxi seine Familie ernaehren.

Am Nachmittag mietete Meizi ein kleines Dreirad, das sie und Liu Baogui zum Westberg fuhr. Am Hang gab es einen Friedhof, und sie suchten lange, bis sie endlich die Graeber von Meizis Grosseltern fanden. Nach der Andacht setzte sich Liu Baogui auf einen Erdhuegel vor dem Grab und rauchte, eine Zigarette nach der anderen.

Liu Baogui sagte zu Meizi: "Dein Grossvater und deine Grossmutter sind bestimmt boese auf mich -- so viele Jahre bin ich nicht gekommen, um ihre Graeber zu besuchen. Warum war es sonst so schwer, dieses handtuchgrosse Fleckchen zu finden?" Er erzaehlte ihr auch: "Vor gut zehn Jahren gab es eine Bestattungsreform, es wurde Einaescherung angeordnet. Manche waren schon beerdigt, und die Behoerden haben sie wieder ausgraben und einaeschern lassen." Meizi fragte: "Sind meine Grosseltern auch eingeaeschert worden?" Liu Baogui sagte: "Die beiden haben die Einaescherung nicht mehr erlebt, aber ihre Graeber wurden umgebettet -- vom Familienfriedhof hierher."

Auf dem Rueckweg in die Gemeinde sah Liu Baogui einige alte Maenner bei der Feldarbeit und lachte unwillkuerlich. Meizi fragte, worueber er lache. Liu Baogui sagte, zwei davon seien seine Grundschulkameraden. Meizi war verbluefft: "So viele Jahre spaeter, und Sie erkennen Ihre Schulkameraden von damals?" Liu Baogui wandte sich lachend an den Dreiradfahrer: "Der da vorne -- das war doch Liu Xigui?" Der Fahrer sagte: "Stimmt, genau, Liu Dickkopf." "Und der da hinten, ist das Han Yongfa?" Der Fahrer sagte: "Genau, Han der Aufschneider."

Meizi war beeindruckt und fragte, wie er das hinbekommen habe. Liu Baogui antwortete nicht und erzaehlte es erst abends beim Abendessen in der Herberge: "Nach so vielen Jahren -- wie sollte ich die erkennen? Zumal Liu Xigui und Han Yongfa noch aelter aussehen als ich. Ich hab nicht die beiden erkannt, sondern ihre Vaeter -- die beiden sehen ihren Vaetern von damals wie aus dem Gesicht geschnitten aehnlich." Meizi prustete los und spuckte ein Hirsekorn aus dem Mund.

Am naechsten Vormittag besuchte Meizi mit Liu Baogui die Hoehle am Nordberg -- sein letzter Arbeitsort, bevor er Shanding verliess. Es war einmal das Kriegsvorratslager der Volkskommune; jetzt war das grosse Eisentor am Eingang verrostet, und Unkraut wucherte davor. Liu Baogui stand lange am Hoehleneingang und erzaehlte Meizi, dass beim Bau der Hoehle der Junge der Familie Cao aus dem hinteren Dorf Sprengkapseln von der Baustelle gestohlen habe, um im Fluss Fische zu sprengen. Er versteckte sie im Schuppen, wo ein Funke flog -- die Haelfte des Hauses wurde weggesprengt.

"Ist niemandem etwas passiert?", fragte Meizi.

"Wie haette niemandem etwas passieren sollen! Seine Grossmutter wurde unter den Truemmern begraben."

"Und er? Was ist spaeter aus ihm geworden?"

"Du meinst den Jungen der Caos? Beim Bau des Staudamms ist er umgekommen."

Dann besuchten sie den Staudamm. Er war nicht gross, eher wie ein grosser Teich, rings um den die Ufer aufgerissen und voller Trockenrisse waren -- ein dichtes Muster wie auf Schildpatt. Der Stausee schien seine Funktion verloren zu haben. Liu Baogui erzaehlte bewegt: Damals habe die Kommune aus zwoelf Produktionsbrigaden die kraeftigsten Arbeiter zusammengezogen und hier einen Grosskampf geschlagen. Die ganze Gegend sei voller Arbeitsbaracken gewesen, mit wehenden roten Fahnen und einem Meer von Menschen. Liu Baogui hatte zwei Monate auf der Baustelle gelebt und gegessen. Die Verpflegung sei gut gewesen -- Weissmehl-Mantou als Hauptgericht, Chinakohl geschmort mit Tofu. "Damals war ich gerade sechzehn, bei einer Mahlzeit schaffte ich sechs Mantou." "Wie gross waren die?", fragte Meizi. Liu Baogui zeigte es mit den Haenden: "So gross." Meizi sagte: "So grosse Mantou -- davon schaffe ich nicht mal einen! Haben Sie sich dabei nicht den Magen verdorben?" Liu Baogui lachte: "Damals war es, als waere man als hungriger Geist wiedergeboren -- man ass und ass und wurde einfach nicht satt."

"Sie sagten, beim Bau des Staudamms ist dem Jungen der Caos etwas passiert", kam Meizi auf den Sprengkapsel-Dieb zurueck.

"Beim Staudammbau sind insgesamt drei Menschen ums Leben gekommen."

"Der Cao-Junge war einer davon?"

"Ja."

"Hatte es mit Sprengkapseln zu tun?"

"Nein, eine Massenschlaegerei, der Gegner hat aus Versehen zugeschlagen."

Westlich des Damms lag ein Stueck oede Salzsteppe. Liu Baogui zeigte darauf und sagte: "Das hier heisst Xitang. Ein unheimlicher Ort -- selbst Unkraut will hier nicht wachsen. In den drei Jahren der grossen Hungersnot kamen die Leute zum Xitang, um Wildkraeuter zu graben, aber es gab nur vereinzelt Spargel. Die Leute sagten, wenn man zu lange auf diesem Boden stand, drehte sich einem der Kopf." "Was heisst 'drehte sich der Kopf'?", fragte Meizi. "Alles dreht sich, man wird benommen." Liu Baogui erzaehlte auch, dass im Xitang gewaltsam Gestorbene und frueh verstorbene Kinder begraben lagen. Meizi fragte: "Gewaltsam gestorben heisst unnatuerlicher Tod, richtig?" Liu Baogui nickte: "Ertrunken, erhaengt, von Karren ueberrollt ... alle wurden im Xitang beerdigt." Meizi sah sich um, konnte aber keine Graeber entdecken.

"Keine Grabsteine?", sagte Meizi.

"Fuer gewaltsam Gestorbene setzt man gewoehnlich keine."

"Auch keine Grabhuegel?"

"Huegel muesste es geben, aber nach so vielen Jahren sind sie wohl eingeebnet."

"Stimmt, kein einziger zu sehen."

"Baiying wurde damals hier beerdigt."

"Wer ist Baiying?"

"Ein Kind aus dem Nachbarhaus, gegenueber von uns."

Liu Baogui begann im Xitang zu suchen. Nach zwei Runden sagte er zu Meizi: "Geh an den Wegrand und warte auf mich, ich bleibe noch einen Moment hier." Ob es an einer unterschwelligen Suggestion lag -- Meizi fuehlte sich etwas benommen, traute sich aber nicht, Liu Baogui allein zu lassen, und wartete in der Naehe. Sie ermahnte ihn: "Bleiben Sie nicht zu lange hier."

Liu Baogui kniete sich nieder, wuehlte im verdorrten Gras und wurde muede. Er setzte sich auf einen Stein, rauchte und murmelte etwas vor sich hin. Meizi konnte nicht verstehen, was er sagte, und wollte ihn auch nicht stoeren -- sie beobachtete ihn nur vorsichtig aus der Ferne. Liu Baogui blinzelte, als kehrte er in seine Kindheit zurueck, in jenen regnerischen Abend -- nackt wie Gott ihn schuf hatte er mit Baiying im Teich geplantscht, und von fern rief jemand: "Wessen Kinder sind das, wollt ihr sterben?" Spaeter, wenn er die Kinder im Dorf Abzaehlreime singen hoerte, dachte Liu Baogui sofort an Baiying und an das Spielen im Teich. Damals waren ihre beiden Familien eng befreundet und scherzten, wenn die Kinder gross seien, sollten sie heiraten -- dann waeren die Familien doppelt verwandt. Baiyings Mutter war eine Cousine von Liu Baoguis Mutter. Nachdem sie diese Reden gehoert hatten, wurden die Kinder befangen, wenn sie sich sahen, und Baiying schien ihm sogar aus dem Weg zu gehen. Als Liu Baogui sechzehn war, bei einer Freilichtfilm-Vorfuehrung im Dorf, spuerte er ploetzlich einen Kraeuterduft neben sich. Im Dunkel entdeckte er Baiying neben sich stehen, und ohne es zu wollen wurde er nervoes. Sie standen da, einander nah und doch nicht nah, und Liu Baoguis Herz war voller Glueck. Ploetzlich spuerte er eine Hand, die sich in seine schob. Er wusste, es war Baiyings Hand, und er umschloss sie Stueck fuer Stueck. Sein Koerper begann zu gluehen, sein Atem wurde schneller, die Zeit schien zwischen ihnen stehenzubleiben. Als der Film endete und Liu Baogui wieder zu sich kam, war Baiying laengst verschwunden. Nur seine schweissnasse Hand liess ihn glauben, dass das Geschehene real gewesen war. Spaeter ging Liu Baogui als Gelegenheitsarbeiter in die Stadt. Eigentlich wollte er sich von Baiying verabschieden, doch dann dachte er: Besser, er verdiente erst etwas und kaufte ihr ein Geschenk. Doch noch bevor Liu Baogui zurueckkehrte, war Baiying etwas zugestossen.

Am Nachmittag, als die Sonne gen Westen sank, besuchte Meizi mit Liu Baogui seine alte Grundschule. Das Klassenzimmer von damals stand noch, war aber verfallen und in einen Winkel verdraengt. Die neuen Raeume waren spaeter gebaut worden -- geraeumige, helle Ziegelgebaeude, mit einem grossen Schulhof, umgeben von einer Mauer. Das Schultor bestand aus verschweissten Eisenstaeben, und an den Torpfosten waren Zierrautenformen aus Mattbeton angebracht. Der Pfoertner war ein junger Mann, der fragte, wen sie suchten. Meizi sagte, niemanden, sie wollten nur schauen. Der Mann sagte, die Schueler haetten gerade Wiederholungsunterricht, Besucher seien nicht erlaubt -- sie sollten anderswo hinschauen. Liu Baogui blickte durchs Tor hinein, nickte Meizi zu -- offenbar war er zufrieden.

Unterwegs nahm Meizi Liu Baoguis Hand: "Papa, darf ich Sie etwas fragen?"

"Was denn?"

"Als Sie damals unbedingt das Dorf verlassen wollten -- war das, weil Sie das harte Leben auf dem Land nicht mehr ertrugen?"

"Das war ein Grund, aber nicht der Hauptgrund."

"Was war der Hauptgrund?"

"Ich wollte unbedingt Arbeiter werden, denn die Arbeiterklasse war fortschrittlich -- sie war die fuehrende Klasse."

Meizi lachte: "Haette nie gedacht, dass Papa in jungen Jahren auch Traeume hatte."

Liu Baogui sagte: "Von Traeumen verstand ich nichts, aber alles Fortschrittliche hat mich aus tiefstem Herzen fasziniert. Damals fuhr gelegentlich ein Lastwagen durch unser Dorf, und wenn er vorbei war, rannten wir Kinder auf die Strasse und schnueffelten am Benzingeruch -- der roch so gut! Das war der Geruch des Fortschritts, nicht der Erdgeruch, den wir jeden Tag in der Nase hatten."

Meizi betrachtete Liu Baogui schweigend und haette nie vermutet, dass ihr Vater im Innern einen so weichen Kern besass. In diesem Moment kamen ihnen ploetzlich einige Leute entgegen, die schon von weitem laut riefen.

Vorne gingen Er Mihu und die Cousine Xiumei, dahinter folgten Tante Baozhen und andere. Er Mihu schimpfte lauthals, dass Liu Baogui und Meizi nach Shanding gekommen waren, ohne Bescheid zu sagen, und zerrte sie zum Essen zu sich nach Hause. Liu Baoguis "Inkognito-Besuch" war aufgeflogen.

An jenem Abend stellte Er Mihu in seinem Hof zwei Tische auf, um Liu Baogui willkommen zu heissen. Fast alle Verwandten im Dorf kamen -- die Maenner an einem Tisch, die Frauen und Kinder am anderen. Die Herzlichkeit war ueberwaeltigend, und sie stellten sogar einen Zeitplan auf, wer Liu Baogui und Meizi als naechstes einladen duerfe -- gleich sieben Tage am Stueck. Wo die beiden wohnen sollten, gab es auch Streit. Er Mihu wollte Liu Baogui bei sich haben, Xiumei wollte ihn bei sich. Eigentlich haette Liu Baogui am liebsten das alte Haus besichtigt.

Tante Baozhen kuemmerte sich besonders um Meizis Gesundheit und erzaehlte ihr einige baeuerliche Hausmittel zur Staerkung in der Schwangerschaft. Obwohl Meizi die Rezepte nie anwenden wuerde, war sie der Tante im Herzen dankbar. Nur eine einzige Bemerkung stoerte sie. Die Tante sagte: "Meizi, du solltest deinen Namen aendern." Meizi fragte: "Warum?" Die Tante sagte: "Meizi klingt doch wie 'mei zi' -- 'kein Sohn'! Das bringt Unglueck."

Nachts im Bett in der Herberge dachte Meizi noch immer ueber die Worte der Tante nach, und es wollte ihr nicht besser werden.

Meizi besprach mit Liu Baogui, am naechsten Morgen frueh aufzubrechen und in die Stadt zurueckzukehren. Doch kaum war es hell, stand Xiumei mit ihren Kindern schon vor der Herbergstuer. Xiumei bettelte und draengte so lange, bis Liu Baogui und Meizi mitgingen -- und so blieben sie noch zwei Tage in Shanding. Schliesslich rief Meizi Shiqing an, ersann eine List, und mit Xu Hongweis Hilfe entkamen sie wie die Zikade aus ihrer Huelle zurueck in die Stadt.

Auf dem Rueckweg hielt Liu Baogui die Augen geschlossen. Meizi sah ihn mehrmals an und wusste, dass er nicht fest schlief. Die letzten Tage waren erschoepfend gewesen, doch die Herzlichkeit der Verwandten hatte Meizis Herz erwaermt.

Die Sache mit dem Abriss des Haeuschens war endlich beschlossen -- das Umsiedlungsbuero verlangte, bis zum 30. Oktober geraeumt zu haben.

Zu Liu Baoguis Ueberraschung beruecksichtigte das Umsiedlungsbuero, dass er ein Vorzeigearbeiter auf Ministeriumsebene war, und gewaehrte ihm bei der Berechnung der Rueckumsiedlungsflaeche ein zusaetzliches Zimmer -- das hiess, Liu Baogui wuerde eine Drei-Zimmer-Wohnung erhalten. Diese Nachricht freute die ganze Familie. Shiqing und Yuejin begannen zu planen und wollten den Umzug feierlich gestalten. Shiqing beauftragte Xu Hongwei sogar, zehn Taxis seiner Kollegen zu organisieren, um Liu Baogui zu geleiten.

Liu Baogui wehrte sich sofort: "Wollt ihr mich umbringen? Zehn Wagen! So ein Aufheben -- soll ich vor Scham 'verbrennen'?"

Trotz seiner Worte war Liu Baogui insgeheim ganz zufrieden. Sein einziger Kummer war, dass Xiao Gezi fehlte -- der Kerl war seit Monaten spurlos verschwunden.

Eines Tages ging Liu Baogui zum Zhongshan-Platz. Seit der Umgestaltung war er zum ersten Mal hier, und der Platz wirkte groesser und heller als je zuvor, die Hochhaeuser reihten sich dicht an dicht bis in den Himmel. Durch seine Krankheit war er eine Weile nicht draussen gewesen, war merklich gealtert, und seine Augen waren schlechter geworden -- das reinweisse Marmorpflaster blendete ihn in der Sonne. Die samtigen Rasenflaechen und die bunten Blumen dazwischen strotzten vor Lebenskraft. Auf dem Platz spazierten Menschen jeden Alters, fotografierten oder liessen mit ihren Kindern Drachen steigen, alle heiter und zufrieden. Ploetzlich erklang eine sanfte Melodie -- er suchte nach den Lautsprechern und fand sie nicht. Liu Baogui blickte rings um den Platz und dachte: Was fuer gewaltige Veraenderungen diese Stadt in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat! Wenn er jetzt Xiao Gezi in der Menge entdecken koennte -- wie schoen waere das!

Die warme Sonne streichelte ihn, und er fand, er hatte es noch in eine gute Zeit geschafft. Er hatte keinen Grund, den Mut und die Zuversicht zum Weiterleben aufzugeben. Er musste die neue Wohnung erleben.

Am 27. November kam Xuefang zur Welt. An dem Tag schneite es heftig, und Dalin gab seiner Tochter den Namen Xuehua -- Schneeflocke.

Kaum hatte Meizi erfahren, dass sie ein Maedchen geboren hatte, dachte sie sofort an die Worte der Tante -- "kein Sohn". Sie hatte tatsaechlich keinen Sohn bekommen. Aber hiess "zi" denn ausschliesslich "Sohn"? Sie war keineswegs "ohne Nachkommen" -- sie hatte Nachkommen, und Nachkommen schlossen selbstverstaendlich auch Toechter ein.


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