Geschichte der Editionswissenschaften/Kapitel 3

From China Studies Wiki
< Geschichte der Editionswissenschaften
Revision as of 18:09, 17 July 2026 by Admin (talk | contribs) (Import Kapitel 3)
(diff) ← Older revision | Latest revision (diff) | Newer revision → (diff)
Jump to navigation Jump to search

Kapitel 3: Karl Lachmann und die „Lachmann-Methode"

Einleitung: eine singuläre Stellung und ein hartnäckiges Phantasma

Karl Lachmann (1793–1851) lehrte von 1825 bis zu seinem Tode an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin klassische und deutsche Philologie. Seine singuläre Stellung in der Geschichte der Editionsphilologie beruht darauf, dass er in einem weder vor noch nach ihm erreichten Ausmaß das Edieren antiker Texte – genauer: römischer Dichtung und des griechischen Neuen Testaments – mit dem Edieren mittelhochdeutscher Dichtung verband. Die Reihe seiner Editionen reicht von Properz (1816) über das Nibelungenlied und die Nibelungenklage (1826), Walther von der Vogelweide (1827), Hartmanns von Aue Iwein (1827), das Neue Testament (1831) bis zu Lukrez (1850); hinzu kommt die dreizehnbändige Ausgabe der Schriften Lessings.[1]

Mit Lachmanns Namen ist im wissenschaftlichen Sprachgebrauch bis heute zugleich eine bestimmte Methode des Edierens verknüpft. Doch gerade diese Zuschreibung ist historisch problematisch. Sebastiano Timpanaro (1923–2000) hat der Frage nach der „Entstehung von Lachmanns Methode" ein grundlegendes Buch gewidmet, an dem er ein gutes Vierteljahrhundert gefeilt hat.[2] Sein Übersetzer Glenn Most hat das Ergebnis dieser Lebensarbeit bündig resümiert: Die sogenannte ‚Lachmannsche Methode’ sei vom historischen Karl Lachmann weder erfunden noch konsistent angewendet worden.[3] Auf erweiterter Datengrundlage kam Giovanni Fiesoli in seiner Untersuchung aller Lachmann-Editionen sogar zu dem Schluss, Lachmann selbst habe die ‚Lachmannsche Methode’ überhaupt nicht angewendet.[4] Timpanaro und Fiesoli haben die Zuschreibung der „Lachmannschen Methode" an Karl Lachmann damit als Phantasma erwiesen.[5]

Man darf sich durch die Aufdeckung dieses Phantasmas jedoch nicht dazu verleiten lassen, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Denn der historische Lachmann hat für das Edieren handschriftlich überlieferter antiker und mittelalterlicher Werke schon früh – in zwei Rezensionen der Jahre 1817 und 1818 – die programmatische Forderung nach einer konsequent historisch verfahrenden Textkritik aufgestellt und sie 1820 auf den Begriff einer „strenghistorischen Kritik" gebracht.[6] Kurz: Lachmanns Programm gab den Anstoß zur Formierung der später sogenannten ‚Lachmannschen Methode’; auf der Ebene der Methodenreflexion hatte sein Programm die Wirkung des sprichwörtlichen Wegweisers, der anderen einen Weg weist, den er selbst nicht geht.[7] Dieses Kapitel unterscheidet daher durchgängig zwischen Lachmanns weitreichendem Programm und der ihm zu Unrecht zugeschriebenen Methode.

Das Programm der „wahren strenghistorischen Kritik"

Der Geltungsbereich von Lachmanns Programm ist weiter als der der sogenannten ‚Lachmannschen Methode’. Das Programm zielt allgemein auf eine Untergliederung der Editionsarbeit in zwei aufeinanderfolgende Phasen: in eine erste, historische, und eine zweite, kritische. Beim Edieren antiker und mittelalterlicher Texte sollte man zunächst die Überlieferungsgeschichte klären – Entstehungszeit und -ort der erhaltenen Handschriften und vor allem die Position jeder einzelnen im Gefüge der Überlieferung, an der sich ihr jeweiliger „Werth" ablesen lässt. Erst auf dieser Grundlage sollte man in die textkritische Phase eintreten, d. h. in die vergleichende Beurteilung der Lesarten nach dem Kriterium des überlieferungsgeschichtlichen Wertes der sie überliefernden Handschriften, um eine möglichst ursprüngliche Textform zu gewinnen.[8]

Programmatisch formuliert findet sich diese Haltung bereits in Lachmanns 1818 publizierter Besprechung von Gottfried Hermanns kommentierter Ausgabe des Sophokleischen Aias. Der gerade 27-jährige Lachmann tadelt dort die verbreitete „sträfliche Milde" der Kritik und fordert, man solle „solche Texte" liefern, „wie sie sich allein aus den Handschriften nach der strengsten Prüfung des Werthes jeder einzelnen ergeben, ohne die mindeste Rücksicht auf den Sinn oder die Vorschriften der Grammatik".[9] Er begnügt sich hier nicht mit der Forderung, die recensio müsse den Rahmen für die constitutio textūs vorgeben, sondern steigert sie zum enthusiastischen Wunschbild einer rein mechanischen, allein aus den Überlieferungsverhältnissen abgeleiteten Textgestaltung, bei der für editorische Willkür kein Platz mehr ist.[10]

Lachmanns Programm steht dabei in einer doppelten Frontstellung. Als unhistorisch lehnt er einerseits das in der klassischen Philologie eingebürgerte Verfahren ab, bei der Textgestaltung von einer vorliegenden Edition auszugehen und diese punktuell nach Gutdünken zu verbessern – sei es aus eigener Vermutung (emendatio ope ingenii), sei es aufgrund einzelner neu ermittelter Lesarten (emendatio ope codicum). Andererseits lehnt er ebenso das von Jacob Grimm für das Nibelungenlied propagierte Verfahren ab, bei der Textgestaltung einer einzelnen Handschrift zu folgen.[11] Zugleich ist Lachmanns Programm essentiell flexibel: Die Erfüllung seiner Forderung nach einem historisch-kritischen Verfahren impliziert keinerlei a-priori-Festlegung auf die sogenannte ‚Lachmannsche Methode’. Eben auf der Verschleierung dieses non sequitur – als sei mit der Ablehnung der Methode auch die Dispensation von der historischen Textkritik gegeben – beruht die irreführende Wirkung des Lachmann-Phantasmas auf die editionsphilologische Methodendiskussion.[12]

Recensio und Stemmatik: das Instrumentarium und seine wahren Urheber

Die Stemmatologie als Subdisziplin der Textwissenschaften befasst sich mit der Ermittlung der wahrscheinlichsten Überlieferungsabhängigkeiten eines Textes; bei vormodernen Texten bedeutet dies meist die Erstellung eines Stammbaums (Stemma), der anzeigt, von welchem Exemplar Abschriften angefertigt wurden. Diese traditionelle Methode wird nach Karl Lachmann ‚Lachmann’sche Methode’ genannt. Sie beruht auf der Vorstellung, ‚wahre Lesarten’ des ursprünglichen Textes von ‚Fehlern’ späterer Abschreiber unterscheiden zu können.[13] Gerade die Bestandteile dieses Instrumentariums aber gehen, wie Timpanaros philologiegeschichtliche Forschung zeigt, größtenteils nicht auf Lachmann zurück. Die Verfehltheit des Phantasmas lässt sich an vier Konzepten exemplarisch erläutern: Fehlerprinzip, Archetypus, stemma codicum und mechanische recensio.[14]

Das Fehlerprinzip. Schon der toskanische Dichterphilologe Angelo Poliziano (1454–1494) hatte in seinen Miscellanea die Bedeutung spektakulärer Einzelfehler – etwa durch Lagenvertauschung entstandener Textumstellungen – für die Ermittlung genealogischer Beziehungen beschrieben.[15] Doch das eigentliche Fehlerprinzip – die konsequente Beschränkung der Gruppierungskriterien auf Fehler bzw. Innovationen – hat weder einer von Lachmanns Vorgängern noch Lachmann selbst expliziert, sondern erst der französische Latinist Paul Lejay im Jahre 1903: „Les fautes seules sont probantes.“[16] Paul Maas (1880–1964) hat dieses Prinzip 1930/1937 zum Leitfehlerprinzip weiterentwickelt und den Leitfehler nach dem Vorbild der geologischen „Leitfossilien” benannt sowie in Trennfehler (errores separativi) und Bindefehler (errores coniunctivi) untergliedert.[17]

Der Archetypus. Der Terminus (codex) archetypus lässt sich in der modernen Bedeutung „verlorener, fehlerhafter, vom Original verschiedener Ausgangspunkt des gesamten uns vorliegenden Ausschnitts der Überlieferung" bereits 1508 bei Erasmus von Rotterdam belegen und wurde 1833 von dem dänischen Philologen Johan Nicolai Madvig in die moderne Editionsphilologie eingeführt. Man darf sich also nicht dadurch in die Irre führen lassen, dass Lachmann diesen Begriff auf der ersten Seite seines Lukrez-Kommentars von 1850 als seinen höchsteigenen Sprachgebrauch vorstellt (ita appellare soleo).[18]

Das Stemma. Lachmann hat genealogische Beziehungen zwischen Handschriften zeitlebens nie durch ein stemma codicum veranschaulicht, obwohl die graphische Darstellung längst erprobt war: Johann Albrecht Bengel hatte 1734 eine „Tabula genealogica" der neutestamentlichen Handschriften gefordert, und das erste stemma codicum wurde 1827 unter dem Titel „schema cognationis" von Carl Johan Schlyter in einer Edition mittelalterlicher västergötländischer Gesetze vorgelegt; 1831 folgte Karl Gottlob Zumpt in seiner Ausgabe von Ciceros Verrinen.[19]

Die mechanische recensio. Allein die Forderung, die recensio müsse „ohne Interpretation" (sine interpretatione) durchgeführt werden, stammt tatsächlich von Lachmann selbst.[20] Timpanaro hat sie zu Unrecht als „reine Prahlerei" kritisiert, da eine Klassifikation ohne Verständnis der Lesungen undenkbar sei. Doch Lachmann operiert, wie die Einleitung zum Lukrez-Kommentar zeigt, gar nicht mit dem binären Gegensatz ‚mechanisch vs. interpretativ’, sondern mit einer dreifachen Abstufung: einem mechanischen Teil der recensio (Gruppierung und Feststellung der Mehrheitslesarten ohne iudicium und interpretatio); einem gegebenenfalls nicht-mechanischen Abschluss (Auswahl unter gleich gut bezeugten Varianten mittels bloßen iudicium ohne interpretatio); und der auf interpretatio gestützten Konjektural- und Echtheitskritik nach der recensio.[21] Die abschließende Synthese dieser Methode – Leitfehlerprinzip, Archetypusrekonstruktion, gegebenenfalls Stemma, soweit möglich mechanische recensio – wurde erst gut 75 Jahre nach Lachmanns Tod von Paul Maas geleistet. Deshalb ist es unsachgemäß, sie als ‚Lachmannsche Methode’ zu bezeichnen.[22]

Das Neue Testament: der programmatische Ursprung

Die wichtigste Anregung zu seinem Programm verdankte Lachmann dem von Richard Bentley (1662–1742) initiierten, aber nie ausgeführten Projekt einer Neuausgabe des Neuen Testaments. Bentley hatte 1720 einen Angriff auf den seit 1633 sogenannten textus receptus angekündigt – jene von Erasmus 1516 auf einer Zufallsauswahl weniger, später griechischer Handschriften aufgebaute Textform. Er wollte den Text nicht bloß mit einem Apparat versehen, sondern selbst korrigieren, und zwar gemäß der Textform des 4. und 5. Jahrhunderts, gestützt auf die ältesten Majuskel-Handschriften und die lateinische Vulgata.[23] Lachmann wollte mit seinen NT-Ausgaben erklärtermaßen die Verwirklichung dieses Bentleyschen Projekts anbahnen.[24]

Über den Erfolg urteilten Kurt und Barbara Aland zwiespältig: Lachmanns Programmschrift „Rechenschaft über seine Ausgabe des Neuen Testaments" (1830) habe zwar ein Umdenken in Bentleys Sinne bewirkt – „weg vom späten Text des Textus receptus und zurück zum Text der Kirche des ausgehenden 4. Jahrhunderts!" –, doch der Versuch der Ausführung in den Ausgaben von 1831 und 1842/50 sei weit dahinter zurückgeblieben; verwirklicht worden sei das Programm erst durch Constantin von Tischendorf (1815–1874).[25] Lachmanns Edition von 1831 machte sich erstmals vom textus receptus frei, bot aber keinen kritischen Apparat, so dass der Benutzer gar nicht prüfen konnte, ob die jeweils eingesetzte Lesart handschriftlich legitimiert war.[26] Ein eigenes, auf Autopsie gegründetes Bild der frühen griechischen Majuskel-Codices hatte sich Lachmann nicht gemacht; für die zweite Ausgabe übernahm sein Freund Philipp Buttmann d. J. die mühselige Apparatarbeit.[27]

Die entscheidende Erschließung der maßgeblichen Überlieferungsträger – der Codices Amiatinus, Ephraemi rescriptus, Bonifatianus (Fuldensis), Vaticanus und des 1859 von Tischendorf am Sinai geborgenen Codex Sinaiticus – leisteten größtenteils andere, allen voran Ferdinand Florens Fleck und Tischendorf. Erst Tischendorfs Editio octava critica maior (1869/1872) dokumentierte den um 400 n. Chr. gelesenen Text, wie einst von Bentley und Lachmann gefordert.[28] Für Lachmanns forschungsgeschichtliche Stellung gilt mithin: Er ist den Weg, den er gewiesen hat, im Wesentlichen nicht selbst gegangen, aber er hat ihn gewiesen.[29]

Lukrez und die klassische Philologie: das werbende Paradigma

In der klassischen Philologie hatte sich zu Lachmanns Zeit ein vergleichbares Programm noch längst nicht etabliert. Der führende Gräzist Gottfried Hermann suchte den textus receptus der Dichter anhand von Metrik und Grammatik zu verbessern, ohne systematische Handschriftenkollation. An dieser – gemessen an Bentley – rückständigen Praxis übte der junge Lachmann grundsätzliche Kritik.[30] In den gut dreißig Jahren bis zu seinem Tod setzte in der Tat ein Umschwung zu einem auf unmittelbarer Handschriftenkenntnis gegründeten Edieren ein, an dem Lachmann als Rezensent wie als Editor römischer Dichtung (Elegiker, Catull, Lukrez) führend beteiligt war und die Herrschaft des textus receptus beendete.[31]

Als Lachmanns Meisterstück gilt traditionell die kurz vor seinem Tode erschienene Lukrez-Ausgabe von 1850. Ihre unvergleichliche Außenwirkung als werbendes Paradigma für die historisch-kritische Methode beruhte vor allem darauf, dass Lachmann für das rekonstruierte archetypon die Zahl der Zeilen pro Seite – 26 – und der Seiten – 302 – angeben und so eine bloß erschlossene Vorlage als konkretes Buch fassbar machen konnte.[32] Den entscheidenden Fortschritt bei der Klärung der Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den ältesten Handschriften hatte allerdings bereits drei Jahre zuvor Jacob Bernays erzielt, der 1847 ein stemma codicum des Lukrez vorlegte, ohne dass Lachmann darauf ernsthaft eingegangen wäre.[33] Lachmanns wissenschaftliche Hauptleistung liegt denn auch nicht im Stemma, sondern im textkritischen Kommentar, den schon Wilamowitz als Schulbeispiel der „kritischen Methode" würdigte – wohl wissend, dass Lachmann, wie ein Brief an Mommsen zeigt, den Archetypus rekonstruierte, ohne die „affiliation der codd." zu überblicken.[34]

Der Alleinherrschaftsanspruch der stemmatischen Methode wurde in der klassischen Philologie bald selbst in Frage gestellt. Die entscheidende Weichenstellung brachte Eduard Schwartz’ Edition der Kirchengeschichte des Eusebios (1903–1909): Er zeigte, dass die Überlieferung durch antike Doppelausgaben, durch Interpolationen und durch Kontamination (die Kreuzung von Überlieferungszweigen) so getrübt sein kann, dass ein einfaches binäres Stemma nicht mehr genügt.[35] Giorgio Pasquali führte diesen Einspruch 1934 in seinem Hauptwerk Storia della tradizione e critica del testo zu einer komparatistischen und pluralistischen Reflexion fort und fasste seine Erkenntnisse in zwölf Grundsätzen fürs Edieren zusammen.[36] Das Vorurteil, ein Gesamtstemma sei in allen Fällen möglich, erweist sich damit als ebenso unprofessionell wie das Vorurteil, es sei in keinem Fall möglich – ein Kontrast, den die Editionen Rudolf Kassels (Aristotelische Rhetorik, lückenlos gestemmatisiert) und Martin L. Wests (Aischylos, nicht stemmatisch erfassbar) plastisch belegen.[37]

Das Nibelungenlied und die germanistische Mediävistik

Da die philologische Beschäftigung mit der mittelhochdeutschen Dichtung erst im frühen 19. Jahrhundert einsetzte, gab es hier keinen textus receptus, dem Lachmann hätte den Garaus machen können; an ein Edieren ohne Zugriff auf die Handschriften war ohnehin nicht zu denken. Gleichwohl bildete sich schon 1815–1817 ein Methodenkonflikt heraus: die Alternative zwischen dem Abdruck einer einzelnen Handschrift (‚Einzelhandschriftprinzip’) und dem mehrere Handschriften vergleichenden, eine gemeinsame Vorstufe rekonstruierenden Verfahren (‚Rekonstruktionsprinzip’).[38] Als Begründer des Einzelhandschriftprinzips gilt Jacob Grimm, der 1815 forderte, jede Handschrift solle „vollständig für sich und mit andern unvermischt gedruckt" erscheinen, und seine Skepsis gegenüber dem Versuch bekundete, „einen vermeintlich besseren Text aus allen zusammen zu zimmern“.[39] Als Friedrich Heinrich von der Hagen 1816 seine auf der St. Galler Handschrift beruhende Ausgabe vorlegte, hielt Lachmann ihm 1817 in einer berühmten Rezension das „einzig richtige Gesetz” entgegen: „Wir sollen und wollen aus einer hinreichenden Menge von guten Handschriften einen allen diesen zum Grunde liegenden Text darstellen, der entweder der ursprüngliche selbst seyn oder ihm doch sehr nahe kommen muss."[40]

Damit bricht Lachmann in der Theorie eine Lanze für das Rekonstruktionsprinzip und definiert Gesetze zu einer mechanischen recensio des Nibelungenliedes. Doch auch hier weist er einen Weg, den er selbst nicht geht: In der Praxis legt er seiner eigenen Ausgabe von 1826 – ungeachtet seiner Einwände gegen von der Hagen – ebenfalls nur einen Textzeugen zugrunde, nämlich die Hohenemser Handschrift B (heute A), die er für einen unabhängigen, auf eine frühere Überlieferungsstufe zurückgehenden Zeugen hält.[41] Keine seiner Editionen mittelhochdeutscher Texte basiert auf einer systematischen Auswertung aller Handschriften nach Trenn- und Bindefehlern; vielmehr wählt er jeweils eine Leithandschrift und nimmt Lesarten anderer Handschriften vielfach eklektisch auf. Dies gilt auch für den Iwein (1827), die erste mittelhochdeutsche Ausgabe, „die textkritisch genannt zu werden verdient", die aber nach Peter Ganz eklektischer ist, als man denken würde.[42]

Für den Ruf der stemmatischen Methode noch schädlicher als das Phantasma war innerhalb der Germanistik ein zweites Vorurteil: die Vorstellung, die Rekonstruktion einer Vorstufe schließe zwingend freihändige Konjekturen ein. Grimm, Lachmann, Benecke, Haupt und Bartsch gingen von einer im Hochmittelalter (ca. 1200–1230) normierten höfischen Dichtersprache aus, die sie aus den „Trümmern" der Überlieferung zu rekonstruieren suchten; entsprechend passten sie Graphie, Lautstand, Morphologie, Syntax, Reim und Metrik einem normalisierten Mittelhochdeutsch an.[43] Historisch ist eine solche verbindliche Sprachnorm für das deutschsprachige Mittelalter jedoch nicht nachweisbar. Wie sehr dabei ästhetisch und inhaltlich wertende Urteile in die Textkritik eindrangen, zeigt Lachmanns Eingriff in Dietmars von Aist Tagelied slafest dv friedel ziere: Aus dem allein überlieferten Reim ziere / schiere machten Lachmann und Haupt friedel / schiere – nicht nur aus formalen Gründen, sondern weil Lachmann sich am Adjektiv ziere als Attribut für den männlichen Geliebten störte; Frauen könnten ziere sein, Männer nicht.[44] Diese normierende Konjekturalkritik wurde in den Ausgaben von Carl von Kraus auf die Spitze getrieben; ihre heute konsensuelle Ablehnung geriet freilich zum Kurzschluss, insofern sie die stemmatische Methode insgesamt – und mit ihr den Namen Lachmanns – in Misskredit brachte und die Weiterentwicklung überlieferungsgeschichtlicher Editionsverfahren blockierte.[45]

Rezeption und Kritik: von Bédier zur New Philology

Wie ist zu erklären, dass Stemma, Archetypus und Fehlerprinzip bis heute Lachmann zugeschrieben werden? Als Urheber des Phantasmas identifizierte Peter Lebrecht Schmidt 1988 den französischen Romanisten Joseph Bédier (1864–1938). Bédiers erste Edition von Jean Renarts Lai de l’Ombre (1890) beruhte auf einem zweispaltigen Stemma – von Lachmann war noch keine Rede. Als sein Lehrer Gaston Paris dieses Stemma verwarf, trug Bédier zwei Jahrzehnte schwer daran; in der Neuedition von 1913 neutralisierte er die Diskrepanz, indem er behauptete, konkurrierende Stemmata seien gleichermaßen plausibel, und daraus auf die Verfehltheit der stemmatischen Methode insgesamt schloss.[46] Erst jetzt schrieb er die „Erfindung" des stemma codicum – zunächst mit Kautelen, dann im Ton indikativischer Gewissheit – Karl Lachmann zu.[47] Damit war das Lachmann-Phantasma in der Welt. Wie weit es von der Wirklichkeit entfernt ist, zeigt sich daran, dass Bédier Lachmann unterstellte, die Bevorzugung zweispaltiger Stemmata habe der freien Auswahl (selectio) gedient – ein Motiv, das dem historischen Lachmann mit seinem Wunschbild einer rein mechanischen Textkonstitution diametral entgegengesetzt ist.[48] Giorgio Pasquali wertete Bédiers Skepsis als „wissenschaftlichen Dadaismus".[49]

Am weitesten von Lachmanns Zielsetzung entfernt sich Bernard Cerquiglini, dessen Essay Éloge de la variante (1989) als Gründungsdokument der sogenannten New Philology gilt. Cerquiglini entwarf die Vision eines EDV-implementierten Handschriftenraums, in dem alle Überlieferungszeugen transkribiert und gleichberechtigt nebeneinandergestellt werden – eine totale Enthierarchisierung der Überlieferung, die bei realistischer Betrachtung mit einer Überforderung der Leserschaft erkauft wird.[50] Ungleich näher am Programm des historischen Lachmann stehen dagegen die Beiträge Karl Stackmanns und Joachim Bumkes: Stackmann suchte 1964 die stemmatische Methode mit einem Leithandschriftenprinzip an die Uneinheitlichkeit der volkssprachlichen Überlieferung anzupassen, ohne das Rekonstruktionsziel aufzugeben; Bumke entwickelte in seinen Arbeiten zur Nibelungenklage einen differenzierten Fassungsbegriff.[51]

Fazit: Lachmanns Erbe

Das wissenschaftliche Erbe Karl Lachmanns besteht nicht in dem von Bédier insinuierten Phantasma einer ‚Lachmannschen Methode’ – nicht in der Vorabfestlegung auf das Stemma als Instrument oder den Archetypus als Ziel. Es besteht vielmehr in Lachmanns Forderung nach einer überlieferungsgeschichtlichen Fundierung der Ekdotik: Für jeden handschriftlich überlieferten vormodernen Text ist zunächst ein auf möglichst vollständiger Handschriftenkenntnis beruhendes historisches Modell der Überlieferungsverhältnisse zu entwickeln; und erst in einem daran anschließenden zweiten Schritt sind die Ziele und Methoden der Edition festzulegen, anstatt sie den Überlieferungsverhältnissen dogmatisch von außen zu oktroyieren.[52] Gerade weil Lachmanns programmatische Forderung sich sowohl von ihm selbst als auch von späteren Philologen auf verschiedenen Wegen erfüllen ließ – bei Schwartz und Pasquali in der Antike, bei Stackmann und Bumke in der Mediävistik –, konnte man sich für diesen Methodenpluralismus zu Recht auf Lachmann berufen.[53] Sein bleibender Impuls war der eines Wegweisers: Er hat den Weg gewiesen, den er selbst im Wesentlichen nicht gegangen ist.



  1. Primavesi/Bleuler, Lachmanns Programm historischer Textkritik, [PDF-Seite 2].
  2. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 3].
  3. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 3–4] (Most, Editor’s Introduction, in: Timpanaro 2005, S. 11).
  4. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 4] (Fiesoli, La genesi del Lachmannismo, S. 359).
  5. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 4].
  6. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 4–5] (Rezensionen 1817/1818; „Auswahl aus den Hochdeutschen Dichtern", Berlin 1820, S. VIII).
  7. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 5].
  8. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 6].
  9. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 24–25] (Lachmann, Rezension des Sophokleischen Aias, 1818, Sp. 250).
  10. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 25].
  11. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 6–7] (zu Jacob Grimm: Ueber die Nibelungen, 1815, S. 160–161).
  12. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 6].
  13. Andrews, Stemmatologie, in: KONDE Weißbuch, [PDF-Seite 1].
  14. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 26] (Übersicht der vier Konzepte).
  15. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 26–27] (Poliziano, Miscellanea, zu Cicero, Epistulae ad familiares, und Valerius Flaccus).
  16. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 28] (Paul Lejay, 1903).
  17. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 29–30] (Paul Maas, Leitfehler und stemmatische Typen, 1937).
  18. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 30–31] (Erasmus 1508; Madvig 1833; Lachmann, Commentarius 1850, S. 1).
  19. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 31–32] (Bengel 1734; Schlyter, Västgötalagen, 1827; Zumpt, Verrinen, 1831).
  20. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 35] (Lachmann/Buttmann 1842, Tom. 1, S. V).
  21. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 38–39] (Lachmann, Commentarius 1850, S. 10).
  22. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 39–40] (zu Paul Maas, Textkritik, 1927/1937).
  23. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 9–10] (Bentley, Proposals, 1720; textus receptus).
  24. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 10] (Lachmann, Rechenschaft, 1830, S. 821).
  25. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 11] (Aland & Aland, Der Text des Neuen Testaments, S. 21).
  26. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 12] (Lachmann, Novum Testamentum Graece, 1831).
  27. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 13–14] (zu Philipp Buttmann d. J.).
  28. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 16–23] (Codices Amiatinus, Ephraemi, Bonifatianus, Vaticanus, Sinaiticus; Tischendorf, Editio octava, 1869/1872).
  29. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 23].
  30. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 24] (zu Gottfried Hermann).
  31. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 25].
  32. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 32–34] (Lachmann, Commentarius 1850, S. 1: 26 Zeilen, 302 Seiten).
  33. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 34] (Jacob Bernays, De emendatione Lucretii, 1847, mit Stemma).
  34. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 34–35] (Wilamowitz, Geschichte der Philologie, S. 59; Brief an Mommsen, 26. Juni 1886).
  35. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 40–41] (Eduard Schwartz, Eusebius Werke, 1903–1909).
  36. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 47] (Pasquali, Storia della tradizione e critica del testo, 1934, 12 Grundsätze; Emonds, Zweite Auflage im Altertum).
  37. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 48–49] (Kassel, Aristotelische Rhetorik, 1976; West, Aischylos, 1990).
  38. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 49] (Einzelhandschrift- vs. Rekonstruktionsprinzip).
  39. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 50] (Jacob Grimm, 1815, S. 160–161).
  40. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 50–51] (Lachmann, Rezension v. d. Hagens, 1817, Sp. 114).
  41. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 51–52] (Der Nibelunge Not, hg. v. Lachmann, 1826).
  42. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 53–54] (Lachmann, Iwein, 1827; Lutz-Hensel 1975, S. 337; Ganz 1968, S. 24).
  43. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 60–61] (normiertes Mittelhochdeutsch bei Grimm, Lachmann, Benecke, Haupt, Bartsch).
  44. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 62–63] (Dietmar von Aist, slafest dv friedel ziere; Haupt 1859, S. 581–583).
  45. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 63–64] (Carl von Kraus; Franz Pfeiffer, Rezension 1858).
  46. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 54–55] (Schmidt 1988; Bédier, Lai de l’Ombre, 1890/1913; Gaston Paris 1890).
  47. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 55–56] (Bédier 1913, S. XXIII: „méthode inventée par Karl Lachmann").
  48. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 56–57] (Bédier 1913, S. XXXIV; „voilà la mécanique à trois branches rejetée").
  49. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 55] (Pasquali, Rezension Maas, 1929, S. 420, Anm. 1).
  50. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 66–67] (Cerquiglini, Éloge de la variante, 1989).
  51. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 65–68] (Stackmann 1964, Leithandschriftenprinzip; Bumke, Die vier Fassungen der Nibelungenklage, 1996).
  52. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 83] (Schluss: Lachmanns Programm in Zeiten der Digitalisierung).
  53. Primavesi/Bleuler, [PDF-Seite 40] (Methodenpluralismus).