Apple/DE/Kapitel 11
Kapitel 11: Lollipop-Fruechte
Shuitun begleitete Xuefang zurueck nach Shanding. Unterwegs hatte Xuefang immer wieder Halluzinationen -- vor ihren Augen tauchten die Aepfel aus Edvard Munchs Gemaelden auf, jene Aepfel, die an Lollipops erinnerten, mit schraegen langen Streifen, wie die weiten Hosenbeine eines westlichen Clowns. Munch war ein norwegischer expressionistischer Maler, dessen Bilder stets von starker Subjektivitaet und einer trueben, gedrueckten Stimmung durchzogen waren. Umso interessanter, dass seine Aepfel eine theatralische Faerbung trugen.
Xuefang wusste, dass nichts im Leben leicht war, schon gar nicht, wenn man in die Tiefe gehen wollte. Allein der Apfel -- ein alltaeglicher Gegenstand, den jeder kannte -- hatte der Menschheit ungezaehlte Geschichten voll Freud und Leid beschert. Xuefang dachte an einen anderen Wissenschaftler: Wawilow, den Meister, der das Raetsel des Apfelursprungs gelueftet hatte. Er hatte die gerade im Westen aufkommende Genetik der Mendel-Morgan-Schule studiert, die besagte, dass die Merkmale von Lebewesen durch Gene auf den Chromosomen bestimmt werden -- die Umwelt kann zwar den Grad der Genexpression veraendern, nicht aber die Grundeigenschaften eines Organismus. Die moderne Genetik legte das Fundament fuer seine Entdeckung des Apfelursprungs. 1943 starb der langjaehrig unterernaehrte Wawilow im Gefaengnis, im Alter von fuenfundfuenfzig Jahren. Wawilow war gegangen, doch in der Geschichte des Apfels war sein Name fuer immer eingegossen.
Zurueck im alten Anwesen in Shanding rief Xuefang sogleich Shijun an. Shijun ging mit lauter Stimme ran, sprach aber undeutlich. Xuefang vermutete, dass er ordentlich getrunken hatte, wechselte rasch ein paar Hoeflichkeitsfloskeln und legte auf.
Am naechsten Morgen in aller Fruehe eilte Xuefang zum Gemeindezentrum von Shanding, wo sie Shijun und Taozi vor dem Eingang stehen und reden sah. Als Shijun Xuefang erblickte, sagte er: "Bist du extra wegen deinem Grossonkel zurueckgekommen?"
"Hast du ihm Geld gegeben?"
"Wie sollte ich! Selbst wenn ich wollte, koennte ich nicht -- alle Ausgaben muessen verbucht werden."
Taozi trat an Xuefangs Seite: "Keine Sorge, heutzutage ist niemand mehr dumm genug, leichtfertig Geld rauszuruecken."
Xuefang fragte Taozi: "Wie kommst du hierher?"
Taozi sagte: "Ich bin zum Helfen gekommen. Zur Zeit gibt es im Dorf nur ein einziges heiratsfahiges Maedchen, und das will in die Stadt ziehen und dort eine Wohnung kaufen. Ist das nicht seltsam? Die Dormaedchen heiraten alle in die Stadt, und du, das Stadtmaedchen, kommst aufs Land."
"Das entspricht eben den Gesetzen der Bevoelkerungsmobilitaet", sagte Xuefang lachend.
Taozi sagte: "Wenn es auf dem Land genauso schoen waere wie in der Stadt, wer wuerde dann noch in die Stadt ziehen?"
Shijun sagte: "Xuefang hilft doch beim Aufbau!"
"Das ist doch nur eine Xuefang! Haette ich so ein Haus wie sie, wuerde ich auch nicht in die Stadt ziehen."
"Der Standard ist allerdings hoch -- Xuefangs renoviertes Haus ist besser als ein Sternehotel ... Um so zu wohnen, muesst ihr euch noch anstrengen."
Xuefang fragte Shijun: "Kommt mein Grossonkel heute nochmal zu dir?" Shijun sagte: "Unmoeglich, ich hab ihm den Mund verboten -- Angelegenheiten des Obstgartens zaehlen erst, wenn du dabei bist." Taozi sagte nebenan: "Der Grossonkel ist wohl zurueck in die Stadt, vielleicht sucht ihn seine Frau." Xuefang sagte: "Das kann nicht sein, der Grossonkel ist doch alleinstehend."
"Wirklich?" Taozi blickte zweifelnd zu Xuefang und murmelte vor sich hin: "Ich hatte das Gefuehl, es gaebe eine Grossonkel-Ehefrau. Ich habe gesehen, wie er mit einer Frau aus der Stadt telefoniert hat."
Shijun sagte: "Was Xuefang sagt, kann doch nicht falsch sein."
Taozi nickte: "Stimmt auch wieder. Der Grossonkel ist schon lange bei uns, und nie hat sich jemand nach ihm erkundigt."
Shijun fragte Xuefang: "Faehrst du heute zur Baustelle beim Vorratslager?" Xuefang nickte. Shijun sagte: "Ich begleite dich, mal sehen, ob es etwas zu klaeren gibt." Taozi sagte grinsend daneben: "Du gibst einen ganz ordentlichen Dorfsekretaer ab."
In dem Moment trat Shuitun, der nebenan telefoniert hatte, an Xuefangs Seite und fluesterte: "Yuanyuan geht es nicht gut."
"Steht die Operation nicht noch aus?"
"Notfall, Lebensgefahr."
Liu Baogui fuhr heimlich nach Shanding, und ausser Xiao Gezi wusste niemand davon.
Xiao Gezi fuhr einen gebrauchten Kleintransporter und begleitete Liu Baogui zuerst zum Newton-Obstgarten. Liu Baogui stieg mit dem Hund Bianbian an der Leine aus. Xiao Gezi sagte, im Dorf brauche man Hunde nicht an der Leine zu fuehren. Liu Baogui sagte, das gehe nicht, er habe Angst, der Hund laufe weg. Xiao Gezi sagte, die meisten Hunde im Dorf liefen frei herum, da laufe keiner weg. Liu Baogui weigerte sich trotzdem, die Leine loszulassen. Bianbian schien den Obstgarten irgendwie zu kennen, schnueffelte hier und dort und war ganz aufgeregt. Liu Baogui hatte nicht erwartet, dass der Garten so gross war -- kaum eine Menschenseele war zu sehen. Abgesehen vom Eintueten der Aepfel, das Handarbeit erforderte, lief alles automatisiert.
Liu Baogui sagte: "Was das alles kosten muss!"
"Unsummen!"
"Haben die Dorfbewohner investiert?"
"Davon hab ich nichts gehoert. Die Investition ist riesig, das bisschen Geld der Dorfleute wuerde nicht mal fuer die Hosennaht reichen."
"Riesig? Woher hat Xuefang so viel Geld?"
"Das weiss ich nicht genau, angeblich hat sie mit Kommilitonen Geld zusammengelegt."
"Zusammengelegt? Ist das legal?"
"Das heisst nicht zusammenlegen, das heisst irgendwie Crowdfunding-Anteile oder so."
"Xuefang hat doch selbst nicht viel Geld!"
Xiao Gezis Telefon klingelte -- Xuefang rief an. Sie bat Liu Baogui ans Telefon.
"Woher weiss sie, dass ich im Garten bin?", fragte Liu Baogui argwoehnisch.
Xiao Gezi lachte: "Alles, was im Garten passiert, weiss Xuefang in der Stadt ganz genau -- Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Naehrstoffgehalt der Baeume, alles. Und da soll sie zwei leibhaftige Menschen nicht bemerken?"
Liu Baogui nahm den Hoerer. Xuefang sagte: "Willkommen, Grossvater, zur Besichtigung und Anleitung des Obstgartens! Heute Nachmittag habe ich eine Online-Konferenz und kann Sie leider nicht in Shanding begleiten. Wenn Sie Maengel finden, hinterlassen Sie bitte Ihre wertvollen Hinweise." Liu Baogui wurde verlegen und sagte: "Ich bin doch nur ein altes Stueck Poekelflisch, was soll ich da anleiten? Mach du dein Ding und lass dich nicht von mir ablenken." Xuefang sagte: "Bleiben Sie heute Nacht in Shanding, ich habe unser altes Familienhaus gekauft und renoviert -- die Bedingungen sind nicht schlechter als in der Stadt." Liu Baogui sagte: "Keine Umstaende, am Abend fahre ich zurueck in die Stadt ... Und bitte erzaehl niemandem, dass ich in Shanding war."
Xuefang lachte, bat Liu Baogui, das Telefon Xiao Gezi zu geben, und schrfte ihm ein, den Grossvater nicht hin- und herzuscheuchen und ihn unbedingt im alten Anwesen in Shanding uebernachten zu lassen.
Nachdem sie eine Weile durch den Obstgarten spaziert waren, fiel Liu Baogui ploetzlich etwas ein und er fragte Xiao Gezi: "Altes Anwesen? Welches alte Anwesen?"
"Na, das alte Haus der Lius, wo Grossvater und Grossmutter geheiratet haben. Angeblich bist du dort geboren."
"Das hat Xuefang gekauft?"
"Ja. Ich habe mir nebenan auch einen Hof gemietet -- das soll das fruehere Haus der Grosstante gewesen sein."
"Die Grosstante? Daran kann ich mich kaum erinnern."
Als sie den Obstgarten verliessen, sah Liu Baogui am Wegrand ein Holzschild mit der Aufschrift: Grab der Yuanyuan.
"Ein frisches Grab? Darf man hier ueberhaupt bestatten?", fragte Liu Baogui.
"Das ist kein Mensch, sondern ein Hund namens Yuanyuan", erklaerte Xiao Gezi.
"Hunde bekommen Graeber?"
"Das war bestimmt Xuefang. Yuanyuan war eine Streunerin -- Bianbians Mutter."
Liu Baogui lockerte die Leine, und Bianbian umkreiste den Grabhügel, schnueffelte hin und her. Ob er wusste, dass unter dem Erdhuegel seine Mutter begraben lag?
"Nachdem Xuefang Yuanyuan sterilisieren liess, wurde sie dick und kugelrund. Ich nannte sie Kaiserliche Konkubine."
"Warum sogar einen Grabstein fuer einen Hund?"
"Junge-Leute-Sachen. Versteh ich auch nicht."
Nicht nur Yuanyuan weckte Liu Baoguis Neugier; auch ihre Todesursache gab ihm Raetsel auf. Laut Xiao Gezi hatte der Hund namens Yuanyuan aufgrund extremer Fettleibigkeit an zahlreichen Krankheiten gelitten -- Bluthochdruck, Diabetes, Fettleber, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, dazu noch ein Tumor im Bauch. Liu Baogui wunderte sich: Wie konnten Krankheiten, die Menschen bekamen, einen Hund befallen? Oder umgekehrt: Wie konnte ein Hund Menschenkrankheiten bekommen? Xiao Gezi sagte, Hunde seien wie Menschen -- man koenne bei ihnen genau die gleichen Diagnosen stellen. Kuerzlich hatte Xuefang Yuanyuan in die staedtische Tierklinik gebracht, um den Tumor operieren zu lassen. Doch noch bevor die Operation beginnen konnte, traten Komplikationen auf -- Leberruptur mit innerer Blutung. Liu Baogui schuettelte den Kopf und sagte, er koenne das nicht nachvollziehen.
Xiao Gezi sagte: "Es war tatsaechlich ein Leberriss, nicht mehr zu retten."
Liu Baogui sagte: "Was ich nicht verstehe, ist: Wie kann man die Krankheiten eines Hundes so praezise diagnostizieren?"
"Dank der Technik eben."
Shijun kam auf seinem Motorrad herangefahren, stieg ab und nannte Liu Baogui sofort "Grossonkel". Xiao Gezi stellte eilig vor: "Das ist Shijun, der Enkel meiner Grosstante, Sohn von Er Mihu."
Liu Baogui verstand. Er warf Xiao Gezi einen Blick zu, der besagen sollte: Hatte ich nicht gesagt, du sollst niemandem davon erzaehlen?
Shijun erkannte die Lage und erklaerte: Heutzutage sei Shanding digitalisiert -- alles Wichtige im Dorf erfahre er sofort.
Xiao Gezi half nach: "Shijun ist jetzt der Dorfvorsteher, was frueher der Dorfvorstand war."
Liu Baogui sagte: "Ich weiss. Denkst du wirklich, ich bin so alt, dass ich nicht mal weiss, was ein Dorfvorsteher ist?"
Shijun sagte: "Grossonkel, wie gut, dass Sie gerade im Dorf sind! Mein Vater wartet zu Hause auf Sie."
"Wozu die Umstaende?"
"Nicht nur mein Vater -- als die Grosstante hoerte, dass Sie da sind, macht sie sich aus der Kreisstadt auf den Weg zurueck."
Liu Baogui ahnte, dass Shijun mit "Grosstante" Xiumei meinte.
"Nein, nein, am Nachmittag fahre ich zurueck", sagte Liu Baogui.
"Das koennen wir nicht zulassen! Sie sind doch unser grosser Wohltaeter!", sagte Shijun. "Ausserdem, nach so vielen Jahren -- da muessen Sie sich doch die Veraenderungen im Dorf anschauen!"
Shijun schleifte Liu Baogui foermlich ins Dorf hinein. Er sagte: "Als Sie das letzte Mal hier waren, waren die Wege noch Erdpisten -- bei Trockenheit Staubwolken, bei Regen Schlammpfuetzen. Jetzt sind die Hauptstrassen betoniert, die Nebenwege mit Schotter befestigt, und an den Hauptstrassen gibt es sogar Solarleuchten."
Liu Baogui sagte: "Haette nicht gedacht, dass sich hier in den letzten Jahren so viel veraendert hat."
Shijun berichtete auch von der Digitalisierung des Dorfes: Das Dorfkomitee kooperiere mit einer Telefongesellschaft, die die Geraete stelle, waehrend das Dorf nur die Breitbandkosten trage. Waldschutz, Hochwasserschutz der Fluesse, Strassensicherheit, Muellentsorgung -- alles werde zentral ueberwacht.
Liu Baogui sagte: "Wunderbar! Von neuen Dingen verstehe ich nicht viel. Was mir am meisten am Herzen liegt, ist Xuefang -- hat sie dem Dorf mit ihren Aepfeln keinen Aerger gemacht?"
"Wie sollte sie? Wir machen ihr Aerger, nicht umgekehrt!"
"Wenn sie dem Dorf nur nicht geschadet hat, sonst koennte ich mein altes Gesicht ..."
Xiao Gezi warf Shijun einen Blick zu. Shijun lachte: "Wenn noch ein paar mehr von Xuefangs Sorte kaemen und 'Aerger machten', waere das unser sehnlichster Wunsch!"
Er Mihu wartete sehnsuchtig vor seiner Haustuer. Kaum stieg Liu Baogui aus, ergriff er seine Hand: "Grossonkel, ich habe mich so nach Ihnen gesehnt!"
Xiao Gezi lachte hinter vorgehaltener Hand. Liu Baogui blickte durch das offene Tor hinein und sagte: "Euer Hof sieht ganz huebsch aus."
Er Mihu sagte: "Den haben wir erst im Herbst umgebaut -- alles von Xuefang abgeschaut."
Xiao Gezi warf ein: "Viele Hoefe im Dorf sind dem von Xuefang nachempfunden, wie aus einer Form gegossen."
Shijun sagte: "Auf dem Land ist das so -- man glaubt, was man sieht. Wenn jemand schoen baut, machen es alle nach. Besser als jede Propagandakampagne."
Er Mihu musterte Liu Baogui: "Sie sind in Ihrem Alter noch so fit, fitter als ich!"
"Ach, der Pferdeapfel glaenzt nur von aussen."
"Sagen Sie das nicht! Von Ihrer Generation sind Sie der Einzige, der noch uebrig ist."
Kaum sassen sie in Er Mihus Hof, kam Taozi freudestrahlend herein. Taozi sagte: "Dritter Grossonkel, wie gut, dass Sie da sind! Ich mache jetzt Livestreams zum Aepfelverkauf -- Sie koennten als Ehrengast auftreten!"
Liu Baogui wusste nicht, was Livestream-Shopping bedeutete. Taozi erklaerte: Beim letzten Mal hatte Xuefang E-Commerce-Leute geholt, die den Sommer-Obst-Verkauf fuer Shanding organisiert hatten. Als die E-Commerce-Leute wieder weg waren, war das Feuer geblieben -- sie selbst hatte Livestream-Verkauf gelernt und half nun nicht nur den Obstbauern im Dorf beim Verkauf saisonaler Fruechte, sondern auch den umliegenden Gemeinden. "Die Aepfel von Shanding sind jetzt beruehmt -- die gehen weg wie warme Semmeln!"
Liu Baogui sagte: "Ruhm allein reicht nicht, die Ware muss auch was taugen."
"Tut sie ja, die Obstbauern im Dorf haben alle ihre Sorten veredelt."
"Stehen die alten Obstbaeume bei deinem Grossvater noch? Als Kind hab ich die Aepfel davon gegessen."
"Die? Schon als meine Mutter klein war, wurden die aussortiert."
Shijun deutete auf Liu Baogui und sagte zu Taozi: "Der Grossonkel hat Angst, Xuefang koennte das Dorf ruinieren. Ich hab ihm gesagt, vor so einer 'Ruinierung' haben wir keine Angst." Taozi sagte: "Genau, genau! Davon haetten wir gern mehr! Kommt her und ruiniert uns!"
Am Abend kehrte Xuefang nach Shanding zurueck und holte Liu Baogui zum alten Anwesen. Kaum hatten sie den Hof betreten, erkannte Liu Baogui sein altes Familienhaus -- die Umrisse und die alten Mauern hatten sich kaum veraendert, doch innen war alles modern ausgestattet. Sprachgesteuerte Lampen, Elektrogeraete, sogar die Vorhaenge reagierten auf Zuruf. Liu Baogui war beeindruckt: "Das ist ja edler als ein Fuenfsternehotel!"
Xuefang sagte, das sei noch nicht alles. Sie fuehrte Liu Baogui ins Ostzimmer, wo die suedoestliche Wand durch eine raumhohe Fensterfront ersetzt war. In der Ferne schlengelte sich ein Fluesschen, Bergketten erhoben sich, und im Vordergrund erstreckte sich ein Waeldchen auf einer Terrasse -- alles lag wie auf dem Praesentierteller. "Hat so ein Hotel diese Aussicht?", fragte Xuefang.
Liu Baogui schuettelte den Kopf.
Xuefang sagte: "Die Doerfer veraendern sich still und gewaltig, man kann kaum noch zwischen Staedtern und Landbewohnern unterscheiden. Ihre alten Vorstellungen sind ueberholt. Heutzutage gibt es Doerfer in der Stadt und Stadt in den Doerfern."
Liu Baogui sann darueber nach und konnte es noch nicht ganz einordnen.
Liu Baoguis heimlicher Besuch im Obstgarten von Shanding wurde zur oeffentlichen, gross angelegten Aktion. Am naechsten Vormittag erfuhr Meizi davon und kam zusammen mit Yuejin und Shiqing zum alten Anwesen. Shiqing war begeistert von dem bluehenden kleinen Hof und wollte mit Xu Hongwei auch einmal Landleben fuehren -- ob Xuefang ihr auch einen Hof mieten koenne. Meizi sagte: "Das musst du aber mit deinem Mann abklaeren. Nicht dass du dich drei Minuten begeisterst, den Hof mietest und dann nie hingehst." Shiqing sagte: "Die Miete ist doch billig, selbst wenn er leer steht, ist es nicht schlimm."
Vieles wird erst im Rueckblick klar. Nach ihrer Pensionierung war Shiqing unmerklich zur "Reichen" geworden -- unter den vier Geschwistern die Wohlhabendste. Frueher hatte sie, sobald sie Geld hatte, Wohnungen gekauft -- eigentlich um Xu Hongwei am Verspielen und Xiao Gezi am Borgen zu hindern, also eher aus der Not heraus. Ungeplant hatte sie den Immobilienboom mitgenommen und beim Hin- und Herverkaufen tatsaechlich Geld verdient. Als ihr Sohn dann zum Studium ins Ausland ging, begann sie zu verkaufen, und bevor sich der Markt drehte, hatte Shiqing ihre Immobilien komplett liquidiert -- Bargeld war Koenig. Shiqing sagte, sie habe keinen Geschaeftssinn und denke nicht gern nach, habe aber reales Geld verdient. Seltsamerweise haetten die geschaeftlich Versierten, die staendig rechneten, am Ende nichts verdient. Was man sich nicht erklaeren konnte, musste man dem Schicksal zuschreiben.
Shiqing sagte zu Xuefang, hier sei alles wunderbar, kaum etwas auszusetzen -- nur der Name "Altes Anwesen" sei zu bieder. Es sollte "Landgut" heissen, zum Beispiel "Qingshan-Landgut". Yuejin meinte, fuer ein einziges Haus sei "Landgut" etwas grossspurig. Shiqing sagte, es komme auf die Qualitaet an -- dieses Haus sei besser ausgestattet als die Landgueter, die sie unterwegs gesehen haetten. Xuefang sagte, sie habe darueber nachgedacht und wolle es "Pin Hong Yuan" nennen -- "Garten des Rotkostens". Meizi sagte sofort: Nein, nein! "Pin Hong Yuan" erinnere einen sofort an den "Yihong Yuan" aus dem Traum der Roten Kammer. Xuefang erklaerte: Das "Yuan" in "Pin Hong Yuan" sei das mit dem Gras-Radikal -- "Yuan" wie Gartenanlage, nicht wie "Hof". Und "Pin Hong" sei der Name, den sie einer neu gezuechteten Apfelsorte gegeben habe.
"Schon gezuechtet?", fragte Shiqing.
Xuefang sagte: "Gerade erst angefangen."
Shiqing sagte: "Wenn du es so erklaerst, leuchtet es ein. Ob 'Pin-Hong-Landgut' oder 'Pin Hong Yuan' -- zumindest klingt es in Shanding nicht mehr baeuerlich."
Yuejin fand die Idee, aufs Land zu gehen und Landwirtschaft zu betreiben, sehr reizvoll und bat Xuefang, ihm ein Stueck Brachland zu finden -- er wolle Kartoffeln, Auberginen, Bohnen, Chili, Gurken und Tomaten anbauen. Sufen sagte: "Hoer doch auf! Hast du es nicht voriges Jahr versucht? Mit Arbeitskollegen auf einem Acker am Stadtrand -- Saatgut, Setzlinge, Stuetzstaebe, ein ganzer Haufen Werkzeug, und nach einem Jahr nicht mal die Saatgutkosten wieder drin." Yuejin sagte: "Ich baue nicht der Ernte wegen an, sondern um mich fit zu halten." "Nicht der Ernte wegen? Wer hat versprochen, mich mit pestizidfreiem, naturreinem Gemuese zu versorgen? Und was ist daraus geworden -- wo sind die Kartoffeln, Auberginen, Bohnen, Chilis, Gurken und Tomaten? Ich sag dir, das ist Renten-Groessenwahn -- grosse Ambitionen, wenig Durchhaltevermoegen."
"Als Kind hab ich auch nie Feldarbeit gemacht, man kann es ja lernen. Wenn die Bauern in Shanding es koennen, bin ich doch sicher nicht schlechter. Wenn ich es anpacke, mach ich es bestimmt besser als die", sagte Yuejin.
Xuefang stoerte sich an der arroganten Haltung von Yuejin und Shiqing, die sich fuer etwas Besseres hielten. Sie wusste nicht, wer ihnen das Recht und das Selbstvertrauen gab, die Landbevoelkerung zu verachten. In Wirklichkeit hatten die Leute in Shanding auch nicht viel fuer Staedter uebrig; Haeuser oder Land zu mieten war nicht so einfach wie Gemuese auf dem Markt kaufen. Als bekannt wurde, dass Yuejin und Shiqing mieten wollten, wurden die Preise sofort hochgetrieben. Tatsaechlich erwaehnte Shiqing nach ihrer Rueckkehr in die Stadt die Hausmietung nie wieder, und auch Yuejins Landwirtschaftsplaene verliefen im Sande. Doch das gehoert zu einer spaeteren Geschichte.
Vor seiner Abreise aus Shanding nahm Liu Baogui Xuefang beiseite und sagte: "Ich habe gruendlich darueber nachgedacht, und es stimmt wirklich."
"Was denn?"
"Was du gesagt hast -- heute gibt es Doerfer in der Stadt und Stadt in den Doerfern."
"Genau!", sagte Xuefang lachend.
Im Newton-Obstgarten reiften die Aepfel geballt heran, und Xuefang hatte im Voraus Ernteroboter gemietet. Doch es kam, wie es kommen musste -- die Wetterstation kuendigte fuer die naechsten drei Tage Sturm und Kaelteeinbruch an, eine Wetterkatastrophe, wie sie bei reifen Aepfeln nur einmal in dreissig Jahren vorkommt. Die Vorhersage war diesmal sehr praezise, doch als der Sturm den Obstgarten erreichte, kamen die gemieteten Roboter nicht -- manche waren unterwegs von anderen Gaerten abgefangen worden, andere waren nicht erreichbar. Xuefang mobilisierte alle verfuegbaren Kraefte: Xiao Gezi, Ruoying, Shuitun, Liu Laoyan, Taozi -- wer kommen konnte, kam. Gerade einmal zehn Leute. Xuefangs Herz war wie verduestert -- sie wusste, diesmal wuerde es schiefgehen. Die meisten dieser Leute waren Anfaenger und konnten unmoeglich die Aepfel einer so grossen Flaeche ernten. Sie konnte nur zusehen, wie der Sturm die Aepfel von den Baeumen riss und der Boden sich mit Fallobst bedeckte.
Waehrend Xuefang fieberhaft versuchte, die Ernteroboter zu erreichen, rief Shijun an. Er teilte ihr mit, er habe alle zusammengetrommelt und stehe mit ihnen am Eingang des Obstgartens.
Xuefang rannte los. Etwa zehn Meter vor dem Tor sah sie, dass der Eingang voller Menschen war -- lautes Stimmengewirr, mindestens vierzig, fuenfzig Leute. Shijun kam atemlos angelaufen und sagte: "Ganz Shanding, wer noch laufen kann, ist hier! Wir muessen die Aepfel ernten, bevor sie auf den Boden fallen!"
Xuefang liess ihren Blick ueber die Menge schweifen und erkannte Er Mihu und Xiumei, auch die Leute, die bei der Eroeffnung des Obstgartens randaliert hatten, darunter Yaohuas Ehemann Xiaowen. Sie sah auch Han Dadan und Yaohua ... Ploetzlich stieg ihr ein Kribbeln in die Nase, und die Traenen traten ihr fast in die Augen.
Damals war Xiao Gezis sogenannte "Flucht bis ans Ende der Welt" nichts weiter als ein Untertauchen im Laerm der Grossstadt gewesen. Um zu ueberleben, hatte er Gelegenheitsjobs gemacht, Muell gesammelt, in Abflussrohren geschlafen. In jener Zeit wagte er keinen Kontakt zur Familie, wagte keinen Umgang mit Bekannten, wagte sich nicht bei seriösen Firmen zu bewerben -- und konnte natuerlich auch nichts ueber den Stand seines Falls erfahren. Im folgenden Fruehjahr wurde Xiao Gezi am Bahnhof Guangzhou zum Schwarzhaendler fuer Fahrkarten und fand so einigermassen Fuss, fuehrte aber immer noch ein Leben von der Hand in den Mund, in staendiger Angst. Gerade als Xiao Gezi seine Tage muehsam fristete, verkaufte er einem gewissen Qiangzi eine Fahrkarte. Qiangzi war ein Grundschulkamerad von Xiao Gezi und spielte Bass in einer Rockband namens "Einsamer Wolf der Wueste". Als Qiangzi sah, wie schlecht es Xiao Gezi ging -- staendig von den Bahnhofsaufsehern verjagt und von den Schwarzmarkt-Bossen geschroepft --, empfahl er ihn als Hilfsarbeiter zur Band.
So bekam Xiao Gezi den Kuenstlernamen "Feng Xiaoxiao" und zog mit der Band von Stadt zu Stadt. Allmaehlich liess er sich einen Bart wachsen, trug die Haare zum Pferdeschwanz, und nach einigen Staedten konnte er tatsaechlich ein paar Schlaege auf dem Schlagzeug, konnte im Notfall einspringen.
Eines Tages, vor einem Hotel in Haikou, rauchte Qiangzi mit Xiao Gezi und sagte: "Die Dame da am Eingang sieht aus wie jemand aus unserer Heimat."
"Red keinen Quatsch, woher willst du das wissen?"
"Am Dialekt hoert man das."
Xiao Gezi ging hinueber und sah sie von der Seite an -- die Frau kam ihm sehr bekannt vor.
Die Dame bemerkte den moeglichen Kunden, drehte sich laechelnd um und sprach ihn an.
Xiao Gezis Augen wurden starr -- es war Xiao Duo. Egal wie dick Xiao Duo sich schminkte, Xiao Gezi haette sie erkannt. Xiao Duo dagegen erkannte ihn nicht.
Xiao Gezi fluesterte: "Xiao Duo, ich bin Xiao Gezi."
Xiao Duo erstarrte, betrachtete ihn lange und erkannte ihn schliesslich. Nach einem Moment der Stille sagte sie: "Mein Herr, guten Tag."
Xiao Gezi stotterte: "Wie ... wie bist du hierhergekommen?"
Xiao Duo laechelte bitter.
Xiao Gezi sagte: "Xiao Duo, es ist meine Schuld, ich habe im Affekt gehandelt und mir selbst und dir geschadet. Dein Schoenheitssalon lief doch gut -- warum bist du hier und machst so etwas? Es tut mir leid, Xiao Duo. Komm, ich lade dich zum Essen ein."
Xiao Duo warf ihm einen Seitenblick zu und schuettelte den Kopf.
Xiao Gezi sagte: "Ich arbeite jetzt bei einer Band ... Willst du zu uns kommen?"
"Mach dich nicht laecherlich, was soll ich dort?"
Xiao Gezi sagte: "Ich konnte frueher auch nichts, und jetzt springe ich sogar mal ein, wenn Leute fehlen."
Xiao Duo sagte: "Du bist du, ich bin ich."
"Xiao Duo", sagte Xiao Gezi, "ich flehe dich an, mein Fehler, meine Konsequenzen -- komm mit mir, wir teilen Freud und Leid ..."
"Ich heisse nicht Xiao Duo. Die fruehere Xiao Duo ist tot. Es gibt keine Xiao Duo mehr."
"Xiao Duo, soll ich vor dir niederknien? Ich ..."
Xiao Duo wich zurueck und sagte ernst: "Ich habe es Ihnen gesagt, mein Herr, ich bin nicht Xiao Duo. Wenn Sie kein 'Geschaeft' mit mir machen wollen, dann laestigten Sie mich bitte nicht!"
Xiao Gezi stand da wie versteinert. Qiangzi kam herueber und fragte, was los sei. Xiao Gezi ueberlegte kurz und sagte: "Nichts, ich dachte, ich haette eine Bekannte gesehen. Hab mich geirrt."
Bald darauf gab es internen Streit in der Rockband, und Xiao Gezi beschloss zu gehen. Er hatte kein kuenstlerisches Talent, und sich bei anderen durchzuschnorren war nicht einfach. Ausserdem konnte diese namenlose Flucht nicht ewig so weitergehen. Nach ueber einem halben Jahr Flucht hatte er Heimweh -- er dachte an den alten Herrn, an seinen Bruder und seine Schwestern. Xiao Gezi beschloss, einmal nach Hause zu fahren, heimlich nach der Familie zu sehen, und wenn es sein musste, sich stellen.
An jenem Abend traf Liu Baogui vor dem Haus den dicken Cui. In letzter Zeit hatte man ihn kaum gesehen.
"Herr Liu!" Der dicke Cui trat herzlich auf Liu Baogui zu.
"Lange nicht gesehen, viel zu tun?"
Der dicke Cui sagte: "Ja, ja, in letzter Zeit hat sich das Geschaeft erweitert -- von Autoteilen zum Autohaendler. Einen halben Monat harte Verhandlungen auswaerts, dann zurueck und ueberall Raeume suchen, Gewerbeanmeldungen, Steuerformulare, Personal einstellen, Geraete anschaffen. Kaum war die Eroeffnung geschafft, haben wir auch noch eine Eigentumswohnung gekauft und muessen jetzt renovieren."
"Wunderbar ... Glueckwunsch!", sagte Liu Baogui.
Der dicke Cui sagte freudig: "Die Wohnung liegt suedlich vom Sanba-Platz, drei Zimmer, zwei Baeder, ueber hundertzwanzig Quadratmeter. Nur die Renovierung ist teuer -- mit allem zusammen kommt man pro Quadratmeter auf ueber zehntausend. Immerhin, die Lage ist schoen -- vom Fenster aus sieht man den Mingze-See."
"Gar nicht weit von hier."
"Stimmt. Diese Wohnung behalte ich auch -- wenn ich mal zurueckkommen will, komme ich eben her. Herr Liu, geht es allen in der Familie gut?"
"Allen gut."
"Meizi auch?"
Die Frau des dicken Cui tauchte wie aus dem Nichts auf, kam polternd die Treppe herunter, haengte sich herzlich bei ihm ein: "Schatz, wo warst du so lange? Mein geschmorter Fisch ist schon kalt!"
Der dicke Cui laechelte Liu Baogui zu: "In ein paar Tagen ziehen wir um -- da laden wir natuerlich die alten Nachbarn zur Einweihung ein."
Die Frau des dicken Cui sagte: "Aber ja, ich lad alle ein -- keiner darf fehlen!"
Der dicke Cui und seine Frau gingen plaudernd die Treppe hoch. Liu Baogui sah ihnen nach und dachte unwillkuerlich an Xiao Gezi -- wo dieser Lump wohl gerade steckte.
Wie durch eine Fuegung des Schicksals traf Xiao Gezi in einem Teehaus in Guangzhou den Nachbarn aus dem zweiten Stock, Zhao Liming. Xiao Gezi trat auf ihn zu: "Sie sind doch Bruder Zhao, Zhao Liming?" Zhao Liming blickte auf, stutzte. "Ich bin aus dem Erdgeschoss, Xiao Gezi." Zhao Liming musterte ihn und lachte herzlich auf. Zunaechst hatte er geglaubt, einem Ganoven gegenueberzustehen. Seit Xiao Gezi bei der Rockband war, hatte er sich die Haare lang wachsen lassen, und obwohl er nach dem Abschied von der Band den Bart rasiert hatte, sah er mit seinem duennen, sonnengebraeuunten Gesicht tatsaechlich veraendert aus. Zhao Liming zog ihn sofort an seinen Tisch; sie sahen einander an und konnten es kaum fassen.
Obwohl sie im selben Haus gelebt hatten, wussten sie nicht viel voneinander. In Xiao Gezis Erinnerung war Zhao Liming nur eine ungefaehre Silhouette. Zhao Liming war ein ehemaliger "aufs Land geschickter Jugendlicher", hatte dort geheiratet und war erst 1978 in die Stadt zurueckgekehrt. Ueber ein Jahr fand er keine zufriedenstellende Arbeit und sass tagein, tagaus zu Hause und bueffelte Fremdsprachen. Tatsaechlich gelang es ihm schliesslich, eine Stelle im Kopiercenter einer Aussenhandelsfirma zu bekommen, wo er Vertraege kopierte. In jenen boomenden Aussenhandelsjahren wollte sich Zhao Liming natuerlich nicht mit dem Kopierer begnuegen, doch ohne Hochschulabschluss hatte er keine Chance auf die Fachabteilung. Also knuepfte er ueberall Kontakte und wartete auf seine Gelegenheit. Als die Zeit reif war, begann er Geschaefte zu vermitteln -- als "Mittelsmann", quer durch alle Provinzen, staendig unterwegs. Daher hatte er nie lange im Haus gewohnt. Diesmal war er in Guangzhou, um fuer einen Hongkonger Geschaeftsmann eine Partie Exportkleidung zu verhandeln.
Xiao Gezi sagte: "Was fuer ein Zufall, dich hier in Guangzhou zu treffen!"
Zhao Liming sagte: "Allerdings, ich bin auch ueberrascht. Weisst du, deine Familie sucht dich wie verrueckt."
"Ich wollte auch nicht fliehen, aber was haette ich tun sollen?"
"Nun, es ist doch auch keine so grosse Sache -- ein paar Tage untertauchen und fertig. Du kannst doch nicht fuer immer verschwinden!"
"Moment, du sagst, keine grosse Sache ... Du weisst, was ich getan habe?", sagte Xiao Gezi.
"Hab davon gehoert."
"Pi Er ist nicht gestorben?"
"Nein. Der Kerl hat Glueck gehabt -- nicht nur nicht gestorben, nicht mal schwer verletzt. Angeblich war er nur zwei Wochen im Krankenhaus."
Sofort liefen Xiao Gezi die Traenen.
"Wirklich? Du luegst mich nicht an?"
"Dich anluegen? Wozu? Ich bin doch nicht von der Polizei geschickt, um dich zurueckzulocken."
"Bruder Zhao, nimm's nicht uebel, ich weiss, du luegst mich nicht an."
"Seltsam, die Sache ist so lange her, und du wusstest nichts davon?"
"Wirklich nicht. Haette ich es gewusst, waere ich laengst zurueck."
"Ich hab gehoert, dieser Pi Er hat dich sogar im Haus gesucht und wollte sich versoehnen. Wahrscheinlich wollte er Geld herausschlagen."
"Solange ich nicht ins Gefaengnis muss, ist eine Geldzahlung kein Problem."
Durch Zhao Limings Erscheinen war Xiao Gezi wie erloest. Er war voller Dankbarkeit, und Zhao Liming fand es auch bedauernswert, dass Xiao Gezi so lange auf der Flucht gewesen war. Er bestand darauf, ihn zu einem "richtigen Essen" einzuladen. Mittags fuehrte er ihn in ein Restaurant, bestellte fuenf, sechs kantonesische Gerichte, ein halbes Dutzend Bier und eine Portion gebratene Reisnudeln. Xiao Gezi war hungrig, vor allem aber fiel die monatelange Anspannung mit einem Schlag ab, sodass er nicht einmal Hoeflichkeitsfloskeln von sich gab und wie ein Wirbelsturm ueber das Essen herfiel. Im Handumdrehen hatte er alles verschlungen und fuenf Glaeser Bier geleert. Die Kantonesen am Nebentisch starrten mit offenem Mund, die Essstaebchen in der Luft erstarrt.
Zhao Liming sah Xiao Gezi an und ueberlegte mitleidig, ob er ihn dem Geschaeftsmann Wu vorstellen sollte. Geschaeftsleute hatten ihre Regeln -- man stellte nicht leichtfertig Kunden einander vor.
Xiao Gezi blickte auf und wischte sich den Schweiss von der Stirn: "Danke, Bruder Zhao, so gut habe ich lange nicht gegessen."
Zhao Liming spuerte ein Ziehen im Herzen und fragte: "Wann faehrst du zurueck nach Dalian?"
"Heute noch."
"Mit leeren Haenden?"
"Fuer ein paar Geschenke reicht es noch."
Zhao Liming sagte: "Vielleicht kann ich dir helfen."
"Mir helfen? Wobei?"
"Kennst du Herrn Wu von Ganghong International?"
"Herr Wu von Ganghong International? Den kenne ich wohl nicht."
"Ich liefere gerade an Ganghong International, und Chef Wu hat dich erwaehnt ..."
Xiao Gezi gruebbelte -- Herr Wu ... Herr Wu? Frueher hatte er mal Kontakt zu einem kleinen Geschaeftsmann namens Wu gehabt. "Warum erwaehnt der mich? Ich glaube nicht, dass ich ihm Geld schulde."
"Angeblich hast du ihm mal geholfen, und er hat das nie vergessen."
"Ist das der kleine Mann mit dem gelben Muttermal ueber der Augenbraue?"
Zhao Liming bestaetigte. Xiao Gezi erinnerte sich: Vor ein paar Jahren hatte Wu mit einem Dalian-Haendler ein Lederwarengeschaeft fuer ueber eine Million gemacht -- Bezahlung bei Lieferung. Doch der Haendler wurde wegen Schmuggels gebrauchter Kleidung verhaftet. Wu, zum ersten Mal auf dem Festland, stand voellig hilflos da. In seiner Verzweiflung suchte er ueberall nach Abnehmern, und die Nachricht gelangte schliesslich zu Xiao Gezi. Der handelte mit ein paar Kumpels einen Preisnachlass aus und uebernahm die Ware. So verdienten Xiao Gezi und seine Leute tatsaechlich daran. Xiao Gezi sagte: "Spaeter wollte mir Wu eine Provision zustecken, die hab ich abgelehnt. Er hatte schon genug Verluste -- da haette ich doch keinen Sparren draufgesetzt."
"Heute ist Herr Wu ein ganz anderer -- sein Geschaeft ist gross geworden. Ich bin diesmal in Guangzhou, um einen Deal mit ihm abzuschliessen, gestern erst unterschrieben."
"Und was hat das mit mir zu tun?"
"Fuer dich koennte das eine goldene Gelegenheit sein."
"Goldene Gelegenheit?"
"Ueberleg doch, so ein grosser Boss -- wenn er dir helfen will, ist das fuer ihn ein Klacks."
"Aber warum sollte er mir helfen? Damals haben wir Geschaefte gemacht, jeder hatte seinen Vorteil."
"Was zaehlt, ist die Freundschaft in schweren Zeiten -- immerhin erinnert er sich an dich."
"Ich ... es ist mir ein bisschen peinlich, wie so ein Aufdraeengling."
"Welche Stuerme hast du nicht schon erlebt? Was kuemmert dich das Gesicht? Wenn es dir wirklich ums Gesicht geht, dann bring Ergebnisse mit nach Hause -- das waere erst wirklich glanzvoll, oder?"
"Aber wuerde Wu mir einfach so Geld geben?"
"Woran denkst du? Ohne Leistung kein Lohn -- er ist Geschaeftsmann. Aber ich meine: Wenn Wu dir ein paar Auftraege gibt, reicht dir das schon."
Xiao Gezi nickte eifrig: "Verstanden."
Zhao Liming rief vom Restaurant aus Herrn Wu an. Wu freute sich und lud Xiao Gezi fuer den Abend ins White-Swan-Hotel ein. Zhao Liming wollte Xiao Gezi erst zum Friseur und dann neue Klamotten kaufen, damit er abends bei Wu keinen schlechten Eindruck hinterliess. Unterwegs schaerfte er Xiao Gezi wiederholt ein, Mass zu halten beim Reden und die Situation zu lesen. Xiao Gezi hoerte zu und versprach, sich alles zu merken. Zhao Liming sagte geruehrt: "Wie das alte Sprichwort sagt: Wer Gutes tut, dem oeffnen sich weite Wege. Man sollte eben mehr Gutes tun."
Am Abend trafen Xiao Gezi und Zhao Liming in einem luxurioesen Separee des White-Swan-Hotels auf Herrn Wu, der Xiao Gezi als Ehrengast empfing. Wu hob immer wieder sein Glas Remy Martin und noeligte Xiao Gezi zum Trinken, doch Xiao Gezi blieb zurueckhaltend und hoeflich. Als die Stimmung lockerer wurde, erzaehlte Wu von seinem eigenen Aufstieg -- er sei nie ein wohlhabender Grosshaendler gewesen, und das damalige Geschaeft in Dalian sei ein Alles-oder-nichts-Wagnis gewesen. Beinahe waere er im Trueben untergegangen -- haette Xiao Gezi ihn nicht herausgezogen, haette er vielleicht Bankrott anmelden und vom Dach springen muessen. Mit dem rasanten Wirtschaftswachstum des Festlands sei sein Geschaeft in den letzten Jahren immer besser gelaufen. Wu fragte, was Xiao Gezi jetzt mache. Xiao Gezi sagte, er kuemmere sich um verschiedene Handelsgeschaefte, sei aber mit dem Status quo nicht zufrieden und suche im Sueden nach neuen Moeglichkeiten. Zhao Liming half nach: Sie seien alte Nachbarn und die Familien gut befreundet. Wu sagte: "Wunderbar, ich will gerade im Norden expandieren -- vielleicht koennen wir zusammenarbeiten."
Xiao Gezi und Zhao Liming freuten sich. Sie prosteten sich zu, erst Wu, dann einander, und bald waren alle in Stimmung. Xiao Gezi vergass Zhao Limings Ermahnungen und begann mit seinen Dalian-Beziehungen zu prahlen: Jedes Problem koenne er muehelos loesen. Zhao Liming ermahnte ihn mehrmals, aber ohne Erfolg. Wu war ebenfalls angeheitert, legte den Arm um Xiao Gezi und fluesterte: "Unter Freunden sind tausend Becher zu wenig -- heute saufen wir bis zum Umfallen!"
An jenem Abend tranken Xiao Gezi und Wu sich tatsaechlich sinnlos betrunken.
Am naechsten Morgen suchte der ausgenuechterte Xiao Gezi Zhao Liming auf, um sich zu entschuldigen. Zhao Liming sagte: "Keine Entschuldigung noetig, du warst grossartig -- durch Zufall genau richtig. Wu hat uns fuer elf Uhr zum Fruehstueck eingeladen."
"Elf Uhr Fruehstueck?"
Als sie Wu trafen, kam er gleich zur Sache: Er wolle in Dalian ein Repraesentanzbuero eroeffnen und lade Zhao Liming und Xiao Gezi ein, es fuer ihn aufzubauen. Zhao Liming befuerwortete den Plan und sprach ueber strategische Notwendigkeit, Machbarkeit und Wus Weitblick. Geschickt erklaerte er, er selbst sei derzeit bei einem befreundeten Unternehmen angestellt und koenne nicht einfach kuendigen, werde aber nebenher mithelfen. Er schlug Xiao Gezi als Leiter des Dalian-Bueros vor, waehrend er selbst die Aussenhandelsgeschaefte mitbetreuen wuerde. Wu war zufrieden und fragte Xiao Gezi nach seiner Meinung.
Fuer Xiao Gezi war das wie ein Geschenk des Himmels -- er war vor Dankbarkeit ganz ueberwatigt! Er sicherte zu, Wus Erwartungen nicht zu enttaeuschen.
Spaeter fragte Xiao Gezi Zhao Liming: "Wu stellt kein Geld fuer das Buero bereit, zahlt nur pro Geschaeft eine Provision -- wo ist der Unterschied zu einer normalen Vermittlungsprovision?" Zhao Liming sagte: "Sei nicht naiv! Mit diesem Repraesentanzbuero hast du ein goldenes Aushaeengeschild -- das ist viel mehr wert als ein, zwei Auftraege. Den Rest bestimmt dein eigenes Koennen. Wenn du tuechtig bist, ist nach oben keine Grenze; wenn nicht, laesst sich nichts machen." Xiao Gezi schwor: "Bruder Zhao, du kennst mich doch! Waere ich ein Nichts, haettest du mich nicht empfohlen."
Zhao Liming sann nach: "Eigentlich wollte ich nur einen Auftrag holen -- und dann wurde daraus gleich ein ganzes Buero."
Ein paar Tage vor seinem Umzug machte der dicke Cui bei jedem Nachbarn die Runde. Die Leute im Haus staunten ueber seine Verwandlung. Er gab seine Moebel an Frau Qi, die ihre bei dem Brand verloren und sich nie neue gekauft hatte. Sein Sofa bot er Liu Baogui an. Liu Baogui wollte nicht, doch der dicke Cui bestand darauf -- Ablehnung waere eine Beleidigung. Liu Baoguis Sofa war wirklich in desolatem Zustand, und schliesslich nahm er es widerwillig an. Auch den anderen Nachbarn schenkte er dies und das. Und so aenderten alle ihre Meinung ueber ihn und lobten ihn.
Frau Qi sagte: "Ich habe erfahren, der dicke Cui hat sogar fuer die Hope-Stiftung gespendet."
Liu Baogui sagte: "Jetzt sagen Sie nicht mehr, er sei ein herzloser Reicher?"
"Das ist was anderes ... Man muss die Dinge objektiv betrachten, alles hat zwei Seiten."
Meizi war ungehalten, als sie hoerte, dass Liu Baogui das Sofa angenommen hatte: "Arm sein heisst nicht, seine Wuerde zu verlieren! Ausserdem sind wir nicht so arm, dass wir uns kein Sofa leisten koennen." Liu Baogui sagte: "Das hat nichts mit Arm- oder Reichsein zu tun -- wenn jemand es einem vor die Tuer stellt, soll man es hinauswerfen?"
"Egal was -- vom dicken Cui nehmen wir nichts an. Sonst sieht man auf uns herab."
"Dann bring es zurueck", sagte Liu Baogui muerrisch.
Meizi ging tatsaechlich mehrmals hin, traf den dicken Cui aber nicht an.
Am Tag vor dem Umzug sah Meizi ihn endlich. Der dicke Cui schien sich ebenfalls ueber die Begegnung zu freuen und kam ihr laechelnd entgegen.
Meizi sagte: "Dicker Cui, was soll das Sofa fuer meinen Vater?"
Er stutzte kurz, dann lachte er: "Nichts Besonderes. Wenn's nicht gefaellt, werft es auf die Strasse."
"Gut", sagte Meizi. "Beklage dich dann nicht, ich haette dein Gesicht nicht gewahrt."
Meizi drehte sich um und ging. Der dicke Cui wollte sie festhalten, sah sich um, ob jemand hinsah, lief dann rasch vor und stellte sich ihr in den Weg.
"Was soll das? Als ob wir todfeinde waeren."
"Gibt es noch etwas?", sagte Meizi streng. "Wenn nicht, lass mich vorbei."
"Ich wollte dich gerade sprechen. Meizi, all diese Jahre ..."
"Wenn du das sagen willst, lass es bitte."
"Meizi", der dicke Cui fasste ihren Arm, seine Stimme zitterte, "ich meine es ernst."
Meizi sah sich nervoes um. Der dicke Cui sagte: "Meizi, ich meine es wirklich ernst! Schon als junger Mann wollte ich dich heiraten, und daran hat sich bis heute nichts geaendert ... Leider war mir das Glueck nicht vergoennt. Wenn ich sehe, in welcher Lage du jetzt bist, macht es mich traurig. Jetzt, wo es deinem Bruder besser geht ... Bitte schlag mich nicht! Miss versteh mich nicht -- ich meine nur: Egal wann, ich bin immer dein starker Rueckhalt, jederzeit kannst du auf mich zaehlen. Wirklich!"
Meizi sah den dicken Cui an. Im schwachen Licht glaubte sie, Traenen in seinen Augen schimmern zu sehen. Ihr Herz wurde weich. Sie seufzte und sagte: "Das ist alles vorbei."
"Es ist nie zu spaet, solange du mich annimmst -- durchs Feuer wuerde ich fuer dich gehen!"
"Deinen guten Willen kenne ich schon lange. Vor zehn Jahren habe ich es ernsthaft erwogen, aber manche Dinge kann man besprechen -- das hier nicht. Es waere dir gegenueber unfair."
"Es gibt kein fair oder unfair. Kein Geld der Welt kauft mein Wollen -- fuer dich ist mir alles recht."
"Das Problem liegt bei mir, nicht bei dir."
Die Augen des dicken Cui verdueasterten sich.
Meizi drehte sich um und ging. Nach zwei Schritten blickte sie zurueck: "Wie auch immer -- danke dir."
In jener Nacht waelzte sich Meizi schlaflos hin und her, dachte ueber das Gespraech mit dem dicken Cui nach, ueber die Vergangenheit. Die Traenen flossen ihr unbemerkt ins Ohr, wo es kitzelte -- vielleicht trauerte sie um ihre vergangene Jugend, vielleicht um etwas anderes. Doch eines war Meizi klar: Selbst wenn sie den dicken Cui damals angenommen haette, waere es hoechstens Mitleid gewesen, niemals Liebe. Aber war Liebe dasselbe wie Ehe?
Am naechsten Morgen sagte Meizi zu Liu Baogui: "Gestern war ich Ihnen gegenueber nicht richtig. Entschuldigung. Das Sofa -- wenn Sie es behalten wollen, behalten Sie es."
Liu Baogui sagte nichts, starrte mit leerem Blick aus dem Fenster. Er murmelte: "Sehe ich schon so schlecht?"
Meizi blickte hinaus -- niemand da. Gerade wollte sie etwas sagen, da ging die Tuer auf.
Xiao Gezi steckte grinsend den Kopf herein: "Allerseits -- lange nicht gesehen!"
Trotz aller Bemuehungen des Krankenhauses konnte das Leben der kleinen Yingzi nicht gerettet werden. Doch dank der breiten Anteilnahme und Hilfe der Gesellschaft hatte die kleine Yingzi die Waerme der Menschlichkeit erfahren und war friedlich gegangen -- kaum eine Spur von Schmerz war in ihrem Gesicht zu sehen. Am Tag der Einaescherung nahmen Liu Baogui, Frau Qi und andere alte Nachbarn an der Trauerfeier teil. Vielleicht weil es ihm unertraeglich war, ein so junges Kind sterben zu sehen, war Liu Baogui zutiefst betrueebt -- er spuerte Schmerzen in Brust und Ruecken und legte sich sofort nach der Heimkehr ins Bett.
Xiao Gezi kam mittags nach Hause, sah, dass Liu Baogui nicht zu Mittag gegessen hatte, und wollte ihn zum Essen ausfu ehren. Liu Baogui sagte mit versteinerter Miene: "Jetzt, wo du zurueck bist, benimm dich anstaendig. Ueber uns wachen die Goetter -- wer etwas tut, der wird gesehen."
Xiao Gezis Enthusiasmus wurde durch Liu Baoguis kalte Dusche geloescht, doch sein Temperament hatte sich gebessert: "Der alte Herr hat recht, ganz recht."
Xiao Gezi war staubbedeckt nach Hause zurueckgekehrt und erfuhr erst jetzt, wie viel sich im Haus veraendert hatte. Als er die Nachbarn traf, gruesste er von sich aus, erwaehnte die Messerstecherei und Flucht mit keiner Silbe und sagte nur, er habe in Guangzhou Geschaefte gemacht und sei nun zurueck, um ein Repraesentanzbuero zu eroeffnen. "Auslaendisches Repraesentanzbuero" hatte in jener Zeit eine besondere Bedeutung, war sogar prestigetraeechtiger als ein Joint Venture -- diese Bueros residierten in den besten Hotels, dort sprach man Fremdsprachen, ass westlich und fuhr schwarze zollfreie Importwagen. Doch die Nachbarn im Haus wussten nicht, was ein Repraesentanzbuero war. Also erklaerte Xiao Gezi es als "Filiale eines auslaendischen Unternehmens".
Am Abend rief Meizi Xiao Gezi vor die Tuer. Im klaren Mondlicht fiel ihr auf, wie duenn er geworden war, und unwillkuerlich stieg ihr ein Kribbeln in die Nase. Xiao Gezi erzaehlte Meizi alles, was ihm in der Ferne widerfahren war -- die Begegnung mit Qiangzi, mit Zhao Liming, mit Herrn Wu. Nur Xiao Duo erwaehnte er nicht; alles andere, Gelegenheitsjobs, Muellsammeln, Schlafen in Betonroehren, erzaehlte er in allen Einzelheiten. Meizi liefen die Traenen uebers Gesicht. Xiao Gezi sagte: "Wenn ich das Buero aufgebaut habe und mit Wu Geld verdiene, zahle ich euch alles zurueck. Glaub mir, ich zahle zurueck."
Meizi klopfte ihm auf die Schulter: "Red keinen Unsinn! Wir sind immerhin deine Geschwister -- was koennten wir dir schon antun? Dass du den Willen hast, vorwaertszukommen und etwas aus dir zu machen, freut uns mehr als alles andere."
Geschwister sassen auf der Steinstufe vor dem Haus. Ein leichter Wind wehte, und die Robinienblaetter rauschten leise ringsum. Das Mondlicht fiel durch das dichte Laub und warf ein Muster aus Licht und Schatten auf die Stufen.
Vom Haus zweihundert Meter ostwaeerts erstreckte sich ein bewaldeter Huegel. Obwohl man das Meer nicht sehen konnte, roch man den fischigen Meereswind. Liu Baogui schleppte sich mit seinem asthmatischen, beklommenen Koerper durch einen weiteren Winter. Der Fruehling brachte frisches Gruen in sein Leben. Die Robinien, die das Haus umgaben, bluehten wieder, und ueberall wehte ihr zarter Duft. Aus dem dunklen, feuchten Haus tretend, spuerte Liu Baogui den wahren Pulsschlag des Lebens.
Die Umsiedlung des Hauses war wieder auf Eis gelegt worden. Ein staedtischer Beamter hatte mit auslaendischen Gaesten die Gegend um die Nanshan-Strasse besichtigt und war von der idyllischen Atmosphaere so angetan, dass er beilaeufig bemerkte: "Wer sagt, es fehle hier an Stadtplanung? Im Gegenteil -- das hier ist eine schuetzenswerte historische Baugruppe." Spaeter erfuhr dieser Beamte von den Abrisspplaenen und soll die Stirn gerunzelt, telefoniert und eine Sitzung einberufen haben. Und so kam die Umsiedlung abrupt zum Stillstand.
Xiao Gezi trat offiziell als Repraesentant des Hongkonger Unternehmens auf und gruendete das "Repraesentanzbuero der Ganghong International Group Dalian". Im Handumdrehen war er die bemerkenswerteste Persoenlichkeit im Haus. Wie Frau Qi es ausdrueckte: "Heutzutage werden schwarze Hueehner zu Goldfasanen! Seht nur: Die Familie Ma wohnt in einer Villa, der dicke Cui hat ein neues Haus, und Xiao Gezi ist Boss einer internationalen Firma. Hab ich's nicht immer gesagt -- der Junge hat was drauf! Schaut ihm in die Augen -- klein, aber voller Feuer!"
Liu Baogui kuemmerte das nicht. Einerseits freute er sich, dass Xiao Gezi endlich eine anstaendige Beschaeftigung hatte, andererseits machte er sich insgeheim Sorgen. Er kannte sein Kind. In letzter Zeit verstand er immer weniger von den Dingen da draussen, hatte aber weiterhin Bedenken -- er fuerchtete, Xiao Gezi wuerde alles vermasseln.
Xiao Gezi verschwendete daran keinen Gedanken. Er trug den modischen Kurzhaarschnitt der Chefetage, einen weissen Anzug, hielt sein kleines Mobiltelefon in der Hand und fuhr einen zollfreien Honda. Durch regelmaessige Besuche im Kosmetikstudio war seine Haut heller und feiner geworden. Seit er Geld hatte, gab er grosszuegig aus -- Geschenke fuer Yuejins Tochter Guoguo, Shiqings Sohn Lili und Meizis noch kein Jahr alte Tochter Xuehua, und zwar teure, die sich die Geschwister selbst nie leisten wuerden. Das wirkte: Bald sahen ihn alle mit anderen Augen.
Am Tag nach dem Autokauf bat Yuejin Xiao Gezi, ihn zum Elternabend in Guoguos Schule zu fahren. Aus dem Auto gestiegen, suchte Yuejin Guoguos Lehrerin, die nach einer Weile herueberkam. Er stellte eilig vor: "Das ist mein Bruder Liu Weige, Chef in einer auslaendischen Firma."
Die Lehrerin reichte Xiao Gezi die Hand. Xiao Gezi sagte: "Mein Bruder uebertreibt gern, von Chef kann keine Rede sein -- ich arbeite nur fuer einen Hongkonger Boss." Yuejin stand mit offenem Mund da. Gerade wollte er etwas sagen, da klingelte Xiao Gezis Mobiltelefon. Er hielt es ans Ohr und sprang auf: "Was? Das Finanzamt hat das Buero versiegelt?"
Xiao Gezi stuerzte ins Auto und brauste davon -- Yuejin und die Lehrerin blieben verdutzt stehen.
"Mein Bruder leitet das Repraesentanzbuero der Ganghong International Group in Dalian", erzaehlte Shiqing einer Kollegin. Die fragte: "Ist das der Bruder, den du frueher immer beschimpft hast -- der, der dir den israelischen Diamantring angedreht hat?" Shiqing wurde rot und stotterte: "Mein anderer ... also, es ist doch nur ein Bruder! Menschen veraendern sich eben."
Meizi hingegen sagte beim Anblick von Xiao Gezi in gespieltem Hochdeutsch-Tonfall: "Guten Tag, Herr Direktor Liu." Oder: "He, an der Gangwan-Bruecke hat ein neues Hotel eroeffnet -- wann darf ich dich mal ordentlich rupfen?" "Rupfen" sagte Meizi woertlich.
Aus Xiao Gezis Sicht waren Yuejin, Shiqing und Meizi alle leibliche Geschwister, doch er fuehlte sich Meizi naeher als den anderen. Was immer Meizi sagte, sanft oder derb, nahm er sich nicht zu Herzen -- das lag wohl am geringen Altersunterschied. Als er klein war und Naehe suchte, waren Yuejin und Shiqing schon erwachsen, es fehlte an gemeinsamer Sprache und Zuneigung. Meizi war anders. Oder vielleicht lag es an dem, was Xiao Gezi selbst sagte: Ich und die zweite Schwester sind ein ungleiches Paar. Er nannte Yuejin einen "Unglucksraben" -- an dem Tag, als Yuejin ihn zum Elternabend mitnahm, bekam er im Auto den Anruf "Finanzamt versiegelt Buero". Was fuer ein Pech! Dabei war es nur eine verspaetete Stempelsteuer, der Sachbearbeiter kam vorbei, ein Angestellter fing Streit an, und alles wurde aufgebauscht.
An einem Samstagvormittag parkte Xiao Gezi seinen Honda wieder vor dem Haus. Gestern Abend hatte er im Royal-Entertainmentpalast einen Geschaeftskunden mit Schildkroetensuppe und Remy Martin bewirtet, hatte gesungen und getanzt -- fuer ueber zehntausend Yuan pro Nacht. Immerhin war der Deal zustande gekommen, und er rechnete nach: Mindestens dreissig- bis fuenfzigtausend Gewinn. Es hatte sich gelohnt! Da er guter Dinge war, blieb er trotz einer schlaflosen Nacht quicklebendig.
Xiao Gezi stieg aus dem Wagen -- erst das Mobiltelefon, dann er.
"Xiao Gezi!", rief Shiqing von der Treppenstufe. Er ging aufs Haus zu und fragte: "Ist die zweite Schwester da?"
Shiqing sagte: "In deinen Augen gibt es nur die zweite Schwester, nicht die grosse!"
"Ich muss sie wegen etwas sprechen", murmelte Xiao Gezi.
"Ich muss dich auch wegen etwas sprechen", sagte Shiqing. Nach kurzem Ueberlegen fuegt sie hinzu: "Etwas Wichtiges."
Xiao Gezi ging ins Haus und traf an der Tuer auf Liu Baogui, der gerade Blumen goss.
"Der alte Herr ist gut drauf!", sagte Xiao Gezi.
Liu Baogui warf ihm einen Blick zu und ignorierte ihn.
Shiqing folgte Xiao Gezi auf dem Fuss: "Xiao Gezi ..."
"Sag schon."
"Es geht darum -- ich moechte, dass mein Mann bei dir in der Firma arbeitet", sagte Shiqing.
Xiao Gezi lachte laut: "Schwager in meiner Firma? Was soll er da machen?"
"Na hoer mal! Seit zwei Tagen weisst du wohl nicht mehr, wie du heisst? Was dein Schwager kann? Er faehrt besser Auto als du!"
"Autofahren? Bei mir Auto fahren ist doch langweilig. Ausserdem laeuft sein Taxi doch gut."
"Gut mein Hintern!", sagte Shiqing. "Ich mache mir staendig Sorgen -- zwoelf Stunden am Tag, als ob das Geld so einfach verdient waere."
Xiao Gezi laechelte geheimnisvoll: "Das ist wohl nicht der wahre Grund."
"Stimmt, ich geb's zu", sagte Shiqing. "Ich traue ihm nicht. Den ganzen Tag draussen -- wer weiss, wohin er sich veraendert? Frueher hat Hongwei nicht geraucht und nicht getrunken, und jetzt? Besonders abends faehrt er Begleiterinnen, manche zahlen nicht mal -- ist das wirklich kostenlos?"
Xiao Gezi zuendete sich eine Zigarette an und sagte schief laechelnd: "Woher weisst du das?"
"Er hat es mir selbst gesagt."
"Wenn er dir so etwas erzaehlt, dann hat er kein Problem."
"Wer staendig am Fluss entlanggeht, bekommt nasse Schuhe!"
"Grosse Schwester, ehrlich gesagt -- was fuer Zeiten sind das? Du denkst noch von gestern. Schwager ist nicht so einer, mach dir keine Sorgen. Waere er so einer, koenntest du ihn sowieso nicht festhalten."
Gerade kam Shiqings Sohn Lili aus dem Zimmer: "Mama, Papa am Telefon!"
Kurz zuvor hatte Xiao Gezi ohne Liu Baoguis Zustimmung ein Telefon im Haus installieren lassen. Shiqing stuermte hinein und rief zweimal "Hallo" in den Hoerer -- ihr Gesicht wurde kreideweiss. Als Xiao Gezi hereinkam, packte sie seinen Arm: "Wovon man spricht! Hongwei hat Aerger!"
Xiao Gezi erschrak kurz, fasste sich dann und fragte: "Was ist passiert? Nicht aufregen."
"Hongweis Auto wurde von der Polizei beschlagnahmt!"
Xiao Gezi musste lachen: "Ich dachte, es waere etwas Schlimmes -- ein beschlagnahmtes Auto ist doch nichts! Das regle ich in einer Minute." Er rief Xu Hongwei an und erfuhr: Gestern Nacht hatte es wenig Fahrgaeste gegeben, er hatte mit Freunden etwas getrunken, und danach zwei Fahrgaeste aufgenommen, offenbar Auswaertige, denen er einen kleinen Umweg gefahren war. Dummerweise hatten die sich die Autonummer notiert und sich bei der Verkehrspolizei beschwert. Heute Morgen war er sofort angehalten worden. Xiao Gezi sagte: "Betrunken fahren und Fahrgaeste abzocken -- willst du sterben?" Dann rief er laechelnd seinen Kumpel bei der Verkehrspolizei an, und tatsaechlich: Kurz nachdem er aufgelegt hatte, rief Xu Hongwei zurueck -- alles erledigt, und Shiqing solle sich bei Xiao Gezi bedanken.
Xiao Gezi hatte gedacht, Shiqing wuerde sich bedanken. Stattdessen schenkte sie dem Dank kein Wort und schimpfte nur auf Xu Hongwei.
Da kam Meizi herein und sagte: "Ich hab den Wagen vor der Tuer gesehen -- da wusste ich, unser grosser Boss ist zurueck."
Xiao Gezi sagte mit gebrochener kantonesischer Intonation: "Keine Ursache!"
Shiqing blieb ihm auf den Fersen: "Tag und Nacht Sorgen um deinen Schwager -- das halt ich nicht mehr aus! Lass Hongwei fuer dich fahren -- ja oder nein?"
Xiao Gezi drehte sich um: "Waerst du damit zufrieden, wenn Schwager fuer mich faeehrt?"
"Was waere daran schlimm? Hauptsache ruhige Arbeit, gleiches Gehalt."
Xiao Gezi winkte ab: "Das kann ich nicht garantieren."
"Ist mir egal!", sagte Shiqing. "Jedenfalls uebergebe ich dir meinen Mann."
"Wenn du dich nicht kuemmerst, umso besser -- ich bin sowieso schlimmer als Schwager. Wenn er dann verdorben ist, beschuldige nicht mich."
Liu Baogui kam mit der Giesskanne zurueck und hoerte Xiao Gezis Worte. Er knallte die Kanne auf den Boden.
Xiao Gezi und seine beiden Schwestern tauschten Blicke. Er murmelte leise: "Der alte Herr hat wieder einen Anfall."
Meizi trat von hinten gegen Xiao Gezis Schienbein.
Am Abend kam auch Yuejin mit seiner Familie. Diesmal hatte er nichts mitgebracht.
Meizi sah, dass Liu Baoguis Miene trueb war, und wollte auf dem kleinen Markt am Hang einkaufen gehen.
Xiao Gezi schlich sich an sie heran: "Die zweite Schwester wollte mich doch immer mal ordentlich rupfen? Heute lade ich ein."
Meizi sagte: "Deine Einladungen sind mit Vorsicht zu geniessen. Hast du wieder etwas im Schilde?"
Shiqing und Yuejin fanden die Idee gut und sagten, es sei an der Zeit, dass Xiao Gezi einmal spendierte.
Doch Liu Baogui bruellte unvermittelt: "Ich gehe nicht!"
Xiao Gezi hob die Haende: "Das ist doch nicht meine Schuld."
Shiqing warf Liu Baogui einen aergerlichen Blick zu: "Eigentlich waeren wir alle froehlich beisammen, aber an Ihnen scheitert es immer."
"Keine Sorge, ich bringe den alten Herrn schon rum", sagte Yuejin und setzte sich laechelnd neben Liu Baogui. "So eine grosse Familie -- das ist doch ein Aufwand. Ist doch schoen, wenn jemand einlaedt, oder?"
Liu Baogui funkelte ihn an: "Geht ihr ruhig, ich nicht."
"Warum muessen Sie immer so sein? Wenn Sie nicht gehen, koennen wir auch nicht!", sagte Yuejin, und an seinem duennen Hals traten die Adern hervor.
Meizi zog Yuejin am Aermel und sagte zu Liu Baogui: "Der grosse Bruder hat recht, Papa. Sie waren so lange nicht mehr draussen -- sehen Sie es als Ausflug, die Veraenderungen in der Stadt anschauen. Xiao Gezi meint es doch gut, er kann es nur nicht ausdruecken. Eigentlich will er hauptsaechlich Sie einladen. Wir kommen alle nur in Ihrem Gefolge mit ... stimmt's?"
Xiao Gezi sagte eilig: "Stimmt." Meizi fand seine Antwort etwas halbherzig und zupfte ihn nochmals.
"Alter Herr, Sie sehen die Leute immer nur mit alten Augen. Ich bin wirklich kein schlechter Mensch! Wollten Sie nicht immer, dass aus mir was wird? Jetzt habe ich eine anstaendige Arbeit -- freuen Sie sich nicht? Lassen Sie uns alle zusammen feiern. Also, alter Herr, hiermit lade ich Sie feierlich ein zur Mittagstafel unserer Firma."
"Verschwinde", sagte Liu Baogui. Doch sein Ton verriet, dass die Sache geloest war.
Also machten sich alle fertig. Yuejin stupste Shiqing: "Ruf Hongwei ueber Pager an -- ein Familientreffen, da darf er nicht fehlen."
Shiqing riss die Augen auf: "Den Teufel werd ich tun! Wenn er kommt, verliert er drei Stunden Verdienst. Der leidet nicht an Unterversoergung -- staendig geht er mit seinen Kumpels essen."
Die ganze Familie Liu setzte sich in Bewegung. Xiao Gezi fuhr ein Auto, dahinter ein Taxi. Xiao Gezi gab sich grosszuegig und fuehrte die Familie ins Fuli-Grand-Hotel.
Das Fuli-Grand-Hotel war ein Fuenfsternehotel. Kaum betraten sie die Lobby, wurde es Yuejin und Sufen schwindlig vor Pracht -- die Halle war ueppig dekoriert, und leise Klaviermusik wehte durch den Raum, wie in einem Palast. Yuejin und Sufen fuehrten vorsichtig Guoguo an der Hand. Yuejin sah sich nach Liu Baogui um, der unsicher ging, als fuerchte er, auf dem glaenzenden Marmor auszurutschen. Sufen deutete Yuejin an, ihm zu helfen. Yuejin ging zu ihm und fasste seinen Arm: "So was haben Sie noch nie gesehen, oder?" Liu Baogui hob den Kopf: "Was sagst du? Nie gesehen? Was hab ich nicht schon alles gesehen? Ich war sogar in der Grossen Halle des Volkes!" Yuejin sah Shiqing und Meizi hinter sich kichern und wurde rot.
In einem Separee namens "Paradiesgarten" nahm die Familie Platz. Liu Baogui sah sich um und fragte Meizi: "Was kostet das alles?"
Meizi sagte: "Kuemmern Sie sich nicht drum, Xiao Gezi zahlt."
"Er zahlt? Man sieht ihn nie arbeiten -- woher hat er so viel Geld?"
Shiqing sagte: "Heute ist das anders, man verdient mit dem Kopf. Die Schwerarbeiter koennen sich krumm schuften -- wie viel verdienen die schon?"
Liu Baogui sagte: "Ich finde immer noch, dass ehrliche Arbeit zuverlaessiger ist."
Yuejin hielt sich aus dem Gespraech heraus und nahm sich Xiao Gezis Mobiltelefon: "Kann man hier damit telefonieren?"
"Natuerlich", sagte Xiao Gezi.
Yuejin drueckte ein paar Tasten und hielt es ans Ohr: "Kein Ton."
Sufen sagte: "Blamier dich nicht -- wenn du es nicht kannst, tu nicht so."
"Halt dich raus", sagte Yuejin.
Shiqing hielt mit einer Hand die Teetasse und zeigte mit der anderen auf das Telefon. Sachkundig fragte sie: "Das hat zwei-, dreitausend gekostet, oder?"
"Wie viel?", sagte Xiao Gezi mit grossen Augen.
"Vier-, fuenftausend?"
"Die Preise sind laengst gefallen, gerade mal neuntausend."
"So teuer!", rief Sufen und betrachtete das Telefon ehrfuerchtig.
Xiao Gezi sagte: "Verrueckte Welt -- als die Dinger knapp waren, kosteten sie fuenfzig-, sechzigtausend. Jetzt hat die Post mehr Leitungen, und der Preis faellt. Ich hab meins noch zu teuer gekauft."
Shiqing und Sufen staunten.
Meizi fragte Xiao Gezi: "Die Firmengruendung hat dich sicher einiges an Nerven gekostet?"
"Eigentlich nicht. Frueher hiess es immer, das sei so umstaendlich und jenes -- in Wirklichkeit, wenn man Geld hat, erledigen das andere fuer einen. Geld ist heutzutage der Boss." Dabei schielte er zu Liu Baogui. Der wandte den Kopf ab und betrachtete die Kunstblumen im Raum.
Sufen sagte zu Xiao Gezi: "Wie waere es, wenn dein grosser Bruder bei dir anfaengt? Die Fabrik laeuft schlecht, und wir verlangen nicht viel -- das Doppelte vom Fabrikgehalt reicht."
Shiqing sagte: "Das Doppelte? Was denkt ihr euch?"
Sufen sagte: "Eine Fabrik ist immerhin ein Grossbetrieb, das Gehalt ist zwar niedriger, aber sicher." Shiqing sagte zu Xiao Gezi: "Hoerst du? Die wollen das Doppelte." Xiao Gezi sagte ueberraschend: "Klar, kein Problem -- die Frage ist nur, ob mein Bruder einverstanden ist." Yuejin sagte: "Bin ich nicht." Sufen sagte: "Dann verrecke eben in der Fabrik, wird ja immer duenner." Yuejin sagte: "Duenner ist doch gut -- weniger Rutschgefahr."
Xiao Gezi lachte laut: "Meinen grossen Bruder kenn ich -- nicht fuer das Dreifache wuerde er bei mir anfangen."
Das Essen kam. Erstklassig. Seegurke, gebratene Riesengarnelen, gedaempfte Krabben, Meeresschnecken in Lauchoel, Fisch mit Glasnudeln, gepfefferte Scholle und mehr. Dazu eine Flasche Gujinggong-Reiswein und eine Flasche Great-Wall-Rotwein sowie lokaler Fruchtsaft. Fuer Liu Baogui bestellte Xiao Gezi extra eine Suess-Saure Suppe.
Nach den ueblichen Hoeflichkeitsfloskeln kuemmerte sich jeder um sein eigenes Essen.
Waehrend des Essens sagte Sufen: "Seit der dicke Cui und die Familie Ma umgezogen sind -- wie es ihnen wohl geht?"
Shiqing kaute genueslich an einem Krabbenbein und sagte: "Der dicke Cui verkauft jetzt Autos -- soll richtig gross rausgekommen sein."
Xiao Gezi fluesterte: "Zweite Schwester, bereust du es?"
"Bereuen? Der dicke Cui koennnte einen Goldberg besitzen, ich haette kein Interesse."
"Ma Yan geht es jetzt auch gut", sagte Sufen. "Sie hat gegenueber dem Park einen Blumenladen eroeffnet -- das rote Haus, das ganz huebsche."
"Ma Yan ist groessnenwahnsinnig, hat aber Glueck", sagte Xiao Gezi.
Meizi sagte: "Das nennt man: Kleiner Wohlstand kommt von Sparsamkeit, grosser Wohlstand vom Schicksal."
Um ein Uhr endete das Familientreffen. Xiao Gezi zahlte ueber tausend Yuan. Liu Baogui vertrug den Alkohol nicht -- nach ein paar Glaesern war er rot wie Guan Yu im Peking-Oper-Kostum. Das Essen hatte ihm keinen Spass gemacht -- hauptsaechlich, weil es ihm ums Geld leid tat. Als Xiao Gezi Schein fuer Schein abzaehlte, wurde er sofort aergerlich, knallte die Essstaebchen auf den Tisch und brummte: "Dieser Verschwender."
Xiao Gezi war verstimmt. Die ganze Nacht kaum geschlafen und heute auch noch zu viel getrunken -- er konnte nicht an sich halten und widersprach Liu Baogui: "Was hab ich davon? Geld ausgeben, um Sie zu aergern?"
Liu Baoguis und Xiao Gezis schlechte Stimmung uebertrug sich sofort auf alle anderen. Vor dem Essen war die Stimmung froehlich gewesen -- danach waren alle wie vom Frost getroffene Auberginen, ganz welk.