Apple/DE/Kapitel 12

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Kapitel 12: Blauer Apfel

Xuefang erinnerte sich, dass sie einmal Lin Qingxuans Essay "Farbe des Lichts" gelesen hatte, in dem der Autor schrieb, Cezanne habe blaue Aepfel gemalt. Sie fand den Text wieder, in dem es hiess: "Nachdem Cezanne Aepfel blau gemalt hatte, begann jedermann, Farben mit neuen Augen zu sehen -- ganz zu schweigen von Matisses blauen Sonnenblumen, Picassos leuchtend roten Akten oder Chagalls gruenem Gesicht." Xuefang hatte Cezannes Aepfel betrachtet, alle, die sie finden konnte, sehr aufmerksam, doch nirgends fand sie einen wirklich blauen Apfel. Manche sagten, Cezannes blaue Aepfel seien dem Morgenlicht geschuldet -- bei hoher Luftfeuchtigkeit breche sich das Licht und erscheine blau. Xuefang fand, dass Cezanne in seiner Oelmalerei viel mit Blau, Gruen und Ocker arbeitete, und daher truegen seine Aepfel einen blaeulichen Grundton -- aber das war eben nur ein Farbton, nicht die tatsaechliche Farbe des Apfels.

Im Obstgarten waren die meisten Aepfel bereits gepflueckt und sortiert, und auf dem weiten Gelaende standen nur noch etwa zehn zwanzigjaehrige "Hanfu"-Baeume. Als Xuefang sah, wie ein Wagen nach dem anderen voller Erntefrueechte in das renovierte "Vorratslager" fuhr, stieg eine naamenlose Freude in ihr auf. Um jene Zeit sprach sie online mit dem "Spinnenritter", der ihr berichtete, er habe eine grosse Summe an neuen Investitionen eingeworben. Eigentlich hatte Xuefang befuerchtet, die vielen Zwischenfaelle bei der Eroeffnung des Obstgartens haetten beim Spinnenritter keinen guten Eindruck hinterlassen, zumal Ruoying ihn auch noch gefoppt hatte und er veraeergert abgereist war. Doch der Spinnenritter schien laengst darueber hinweg zu sein -- sein auf Blockchain basierendes mobiles IoT-Geraet war bereits auf dem Markt, und auch die Cloud-Baumpatenschaftsaktion war angelaufen. Kaum war die Information veroeffentlicht worden, waren die Obstbaeume in Shandings Garten reihenweise adoptiert worden. Inzwischen hatte Xuefang reichlich verfuegbare Mittel. Wie sie selbst sagte: Sie ueberlegte nicht mehr, wie sie Geld verdienen, sondern wie sie es ausgeben sollte.

Weil ihre Stimmung so gut war, nahm Xuefang sogar an dem "grossen Festmahl" teil, das Xiaowen in Shanding ausrichtete. Der Anlass war die neue Fassade seines Dorfladens. Auf dem Land waren solche Festessen alltaeglich. In Shanding gab es zwar nicht alle paar Tage eins, aber mindestens einmal die Woche -- ein Vorwand genueegte, um ein Festmahl zu veranstalten und Geschenke einzustreichen. Hochzeiten und Beerdigungen verstand sich von selbst; ein Baby war hundert Tage alt, ein Kind hatte die Aufnahmeproeuefung bestanden, ein Alter feierte Geburtstag -- es gab sogar das "Ferkelgelage" fuer ein traechtig gewordenes Schwein und das "Ungluecksgelage" nach einer Wettschuld.

Frueher hatte Xuefang nie an Shandings Festmahlern teilgenommen -- sie war vorsichtig gegenueber den komplizierten Gefaelligkeitsnetzen. Doch diese Vorsicht galt in ihrem rationalen, schwierigen Modus. Jetzt war Xuefang eine andere. Sie hatte die Gruenderprobleme ueberwunden, im ersten Jahr des Obstgartens Erfolg gehabt, und fuehlte sich fähig und kompetent. Die Tatsachen sprachen fuer sich. Stolz und Eitelkeit stiegen ihr zu Kopf, und die Schmeicheleien ihres Umfelds liessen sie etwas abheben.

Taozis Haupterwerb war das "Festmahlgeschaeft" -- ein Rundum-Service. Fuenfzehn Tische konnten sie und ihr Mann zu zweit bewaeltigen, wobei sich ihre Arbeit auf das Kochen beschraenkte; Zeltaufbau, Tische und Stuehle, Kuechenhilfe, Servieren -- dafuer sprangen Dorfbewohner ein. Seitdem das Ganze kommerzialisiert war, waren die Kosten gesunken. Viele Gerichte wurden geliefert -- ein Anruf genueegte --, die meisten als Halbfertigprodukte: kalte Platten mit Wurst und gepoekeltem Kopffleisch, Ellbogenbraten und Fleischspiesschen, warme Gerichte wie Viererlei-Glueck-Kloesse und geschmorter Karpfen -- alles vorproduziert, nur noch aufgewaermt. Die Helfer bekamen keinen Lohn, nur ein Paar Handschuhe und eine Schueerze. Xuefang hatte von Taozi gehoert: In den letzten Jahren kostete ein Tisch vierhundert Yuan, nach Abzug aller Kosten blieben hundert Gewinn -- bei fuenfzehn Tischen waren das fuenfzehnhundert. Xuefang fand, das sei nicht wenig. Taozi sagte, im Schnitt viermal im Monat, das mache fuenf- bis sechstausend fuer sie beide -- weniger als in der Stadt. Und fuer den Gastgeber: zehn Personen pro Tisch, zweihundert Yuan Geschenk pro Person, also zweitausend pro Tisch. Taozi sagte, da verdiene der Gastgeber mehr. Xuefang entgegnete: Aber dein Verdienst ist Reingewinn, seiner ist Brutto -- er muss die Gefaelligkeiten ja zurueckgeben.

Xuefang erschien mit dem Auftreten einer Erfolgreichen bei Xiaowens Festmahl. Sie sah viele bekannte Gesichter -- Shijun, Er Mihu, Xiumei, Han Dadan, Yaohua, Liu Laoyan ... und Xiao Gezi. Sie war mittendrin unter den Dorfbewohnern. Aeusserlich dankte sie bescheiden den Aelteren und Nachbarn fuer ihre Unterstuetzung in schweren Zeiten -- doch unter der Bescheidenheit verbarg sich ein Hauch von innerer Ueberheblichkeit. Alle ueberschuetteten Xuefang mit Komplimenten und behandelten sie wie eine grosse Unternehmerin. Xiaowen und Yaohua fuehlten sich geschmeichelt.

Frueher lud man Gaeste persoenlich ein oder liess ausrichten; heute genueegte eine SMS oder WeChat-Nachricht. Das Festmahl begann mit Boellerschuessen; eine Schachtel Feuerwerk knallte los, und die Tafel war eroeffnet. Shijun und ein paar andere gehoerten zu denen, die nur kurz vorbeikamen, Geld hinlegten und wieder gingen. Diesmal blieb Shijun wegen Xuefang und ging von Tisch zu Tisch, um anzustossen.

Beim Festmahl kostete Xuefang tatsaechlich Dinge, die sie nie zuvor gegessen hatte: das laendliche Schmorfleisch auf einem Bett aus Flaschenkeurbisstreifen, gebratene Zucchini mit Schweineherz und -lunge, und die kalte Platte "Fleischroellchen" -- gedaempfte Tofublaetter mit Fleischfuellung. Unter dem Festzelt herrschte reges Treiben. Xuefang dachte: Ohne auf dem Land zu leben, kann man diese Lebensweise unmoeglich verstehen. Das Festessen war ein froehliches Beisammensein, danach schuldete man einander Gefaelligkeiten und blieb miteinander verbunden.

Natuerlich gab es auch Schlaumeier: Noch bevor das Mahl endete, packten geschickte Haende an jedem Tisch Reste zusammen -- auf dem Land hiess das "Reste mischen", alles in eine Schuessel, aufgewaermt schmeckte es auch.

Am Nachmittag fuhr Xuefang zurueck in die Stadt. Mittags hatte man ihr bei Tisch ein paar Glaeser aufgedraengt, und in ihrer Hochstimmung lud sie abends Ruoying und Shuitun zum Meeresfruechte-Grillen am Osthafen ein. Xuefang bestellte einen Kasten Bier -- halb Sieges-, halb Dankesfeier --, sagte aber nur: "Wir haben so lange geschuftet, Zeit fuer eine Pause. Heute trinken wir Schwestern uns richtig aus."

Angesteckt von Xuefangs Stimmung kamen Ruoying und Shuitun schnell in Fahrt, und bald hatten die drei schon drei Flaschen geleert. Ruoying gehoerte zu denen, die beim Trinken rot anlaufen -- ihr Gesicht gluehte wie Pfirsichblueten. Shuitun sagte: "Ruoying, du bist so schoen, kein Wunder, dass so viele Jungs dich moegen -- sogar ich bin gerueht!" Ruoying sagte: "Wenn ein sueeser Junge mit uns trinken wuerde, waere es perfekt." Xuefang fragte: "Hast du noch Kontakt zum Spinnenritter?"

Ruoying schuettelte den Kopf: "Geschichten sind einzelne Kapitel, ich haenge nicht an einer Sache oder einer Person." Das klang wie eine Spitze an Xuefangs Adresse. Xuefang dachte sofort an Chenglei -- sie kannten sich seit zehn Jahren, ihre Beziehung war ein ewiges Hin und Her, nie ganz getrennt, nie ganz zusammen.

Shuitun erzaehlte vom Druck ihrer Eltern, sie zu verheiraten -- kuerzlich hatte sie ein Blind Date gehabt.

"Hast du eine Beziehung?", fragte Ruoying.

"Gescheitert."

"Wie lange hat es gedauert?", fragte Xuefang.

"Keine zwei Monate."

"So schnell? Hat die Arbeit bei der Firma euch gestört?"

"Es lag an mir", sagte Shuitun. "Ich beneide euch -- ihr koenntet euch eure Freunde selbst aussuchen. Blind Dates sind nicht gut."

"Wieso nicht? Ich kenne einige Paare, die sich beim Blind Date kennengelernt haben", sagte Ruoying.

"Nein, nein -- bei Blind Dates neigt man dazu, beim anderen Fehler zu suchen, das ist ein Abzugsmodus. Wenn man sich natuerlich kennenlernt, entdeckt man nach und nach Staerken -- das ist ein Pluspunkte-Modus."

Ruoying lachte und sagte: "Kleine Schwester, du warst doch frueher in zweidimensionale Romanzen verliebt -- dass du es jetzt zum Blind Date schaffst, ist schon ein riesiger Fortschritt."

"Die Praxis zeigt: Das Blind Date ist gescheitert."

Ruoying sagte: "Ich glaube, du bist ueber das Stadium romantischer Liebestraeeume hinaus. Und auch die zweidimensionalen 'Papierfiguren' reizen dich nicht mehr."

Shuitun sagte: "Mein Herz ist noch ein Maedchenherz. Umgekehrt tun die Unter-Achtzehnjaehrigen auf cool und erwachsen."

"Ich lebe in der dreidimensionalen Welt und lehne leidenschaftliche Momente nicht ab. Aber ich gehe nie in die Tiefe -- sonst werden echte Gefuehle draus. Echte Gefuehle sind kompliziert und muehsam, am Ende fliegt jeder in eine andere Richtung. Liebe geht nie gut aus."

"Oberflaechliche Kontakte also", sagte Xuefang.

Nach einem Schluck seufzte Xuefang: Im Grunde liege die Wurzel vieler Probleme bei uns selbst. Oft wisse man genau, dass man etwas nicht moege, und tue so, als bemerke man es nicht, mache Dinge, die einen nicht gluecklich machten, und muesse trotzdem durchhalten. Versuche man dann, das zu tun, was einem Freude mache, stosse man auf Schwierigkeiten und Aerger. Gebe es etwas Perfektes?

Shuitun schuettelte ratlos den Kopf, Ruoying laechelte raeetselhaft.

Ruoying stiess mit Shuitun an und sagte: "Manche sagen, wir Neunziger-Jahrgang sind innerlich leidenschaftlich, ihr Nuller-Jahrgang seid es offen -- ihr jagt aktiv jedem huebschen Jungen nach."

Shuitun warf einen kessern Blick und sagte: "Dann muesste ich eigentlich zum Neunziger-Jahrgang gehoeren. Mein Grundsatz: Wer gut zu mir ist, zu dem bin ich gut."

Ruoying sagte: "Mein Grundsatz: Wahre Liebe ist wichtig, Freiheit noch wertvoller. Liebe hat nichts mit Ehe zu tun -- in einem neuen Wort: 'instinktive Liebe'."

"Und du, Xuefang?", fragte Shuitun.

"Ich habe keine klare Liebesphilosophie. Halb suess, halb bitter. Wer fuer die Liebe Karriere, Familie oder sogar das Leben opfert -- das halte ich nicht fuer gesund."

"Genug von der Liebe -- trinken wir!", sagte Ruoying und hob ihr Glas.

"Geht noch?", fragte Xuefang.

"Lass das 'noch' weg", entgegnete Ruoying.

Shuitun hing noch dem Thema nach und murmelte: Man solle sich in der Liebe nicht vor dem Ende fuerchten, ob virtuell oder real -- wer aufrichtig fuehle, finde gewiss ein schoenes Ende.

Xuefang kam erst um Mitternacht nach Hause. Eigentlich hatte sie in ihre Mietwohnung fahren wollen, doch wie von Geisterhand gelenkt war sie bei Meizi gelandet. Meizi war ueberrascht und erfreut, zeigte ihre Freude aber auf die strenge Art einer Mutter. Sie stueetzte die angetrunkene Xuefang ins Zimmer, half ihr beim Umziehen, brachte Honigwasser und schimpfte dabei leise vor sich hin. Meizi sagte: "Neulich habe ich bei dir saubergemacht und im Bad jede Menge lange Haare gefunden. Wenn du nicht besser auf dich aufpasst, wirst du frueher oder spaeter krank." Xuefang sagte, nach dieser Stressphase werde es besser. "'Nach dieser Stressphase' -- das sagst du jedes Mal! Es geht um deinen Lebensstil! Kannst du nicht weniger am Handy haengen, weniger lange aufbleiben und regelmaessig leben?" Xuefang erzaehlte aufgekratzt von den juengsten Entwicklungen des Obstgartens: Die Blockchain-Geraete seien online, die Baumpatenschaften haetten Geld gebracht, sie wolle die Plantage vergroessern und den Xitang erschliessen. Meizi wurde sofort ernst: "Was ich befuerchtet habe! Der jetzige Garten wirft noch kein Geld ab, und du eroeffnest einen neuen? Der Xitang ist doch Salzboden! Warum laeuufst du auf Bergpfaden, wenn es die Hauptstrasse gibt?"

Xuefang sagte: "Die Biologie lehrt mich: Das Schwierige zu waehlen bringt einen naeher an den Erfolg als das Leichte."

Meizi sagte: "Leicht gesagt, schwer getan! Pass auf, dass am Ende alles den Bach runtergeht. Damals hat dein Grossonkel ..."

"Vergleich mich bitte nicht mit dem Grossonkel!"

"Genau das fuerchte ich -- dass du seine Gene geerbt hast, mit beiden Haenden Geld verschleuderst und am Ende alle in den Ruin reisst."

"Mama!"

"Ich wollte dich schon laenger etwas fragen: Woher kam das Geld fuer die Renovierung des alten Anwesens?"

"Mein eigenes Geld, kein Cent aus der Firma -- meine Ersparnisse seit der Rueckkehr."

"Selbst wenn es dein eigenes Geld ist -- du bist doch noch in der Gruenderphase, muss die Renovierung so luxurioes sein?"

"Luxurioes wuerde ich das nicht nennen, in der Stadt ist das normal. Oder findest du, auf dem Land darf man nicht so renovieren?"

"Meine Meinung ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass du Sparsamkeit verinnerlichst."

"Ich will nicht in Ueberzeugungen leben. Was gespart werden kann, spare ich; was ausgegeben werden muss, gebe ich aus."

"Du willst mich umbringen!"

"Das will ich bestimmt nicht, Mama. Eigentlich bin ich auch sparsam. Zum Beispiel suche ich Kleidung und Taschen im Laden aus und bestelle dann online die gleichen Modelle. Beim Essen lese ich Bewertungen auf Dianping und plane vorher ..."

"Erwaehne mir bloss nicht Dianping -- die beiden Male mit dir sind wir reingefallen."

Ploetzlich setzte sich Meizi neben Xuefang: "Warum sind deine Augen geschwollen?" Sie wollte Xuefangs Gesicht beruehren, doch Xuefang wich zurueck. Meizi sagte aergerlich: "Was soll das, bin ich dir so zuwider?"

"Nein, ich liebe meine Mama, aber ich brauche ..." Xuefang stellte ihr Wasserglas zwischen sich und Meizi, "ich brauche zu dir den Abstand eines Glases."

Xuefang beschloss, im Xitang auf Salzboden Aepfel anzubauen, und in Shanding verstand fast niemand ihren Plan. Einerseits gab es in Shanding genuegend normale Anbauflaechen -- war Xuefang verrueckt, ausgerechnet auf dem aufgegebenen, unfruchtbaren Xitang ein Risiko einzugehen? Andererseits steckte der bestehende Obstgarten noch in den roten Zahlen -- einen neuen Kampfplatz zu eroeffnen, ohne den alten gemeistert zu haben, verstand niemand, es sei denn, sie betrieb eine Gelddruckmaschine. Nicht nur die Dorfbewohner, auch Chenglei hatte Bedenken.

In jenen Tagen diskutierten Xuefang und Chenglei online mehrfach ueber den Apfelanbau auf Salzboden. Xuefang argumentierte: Salzboden als unverschmutzter Boden bringe besonders suesse Fruechte hervor -- durchschnittlich ueber fuenfzehn Grad Suessse. Zwar seien die Anfangsinvestitionen fuer Bodenverbesserung und spaetere Pflege hoeher, doch die Bodenkosten niedrig und die Wettbewerbsfaehigkeit stark. Chenglei wandte ein, die Erfahrung sei zu gering -- laut seiner Recherche seien zwei Drittel der Apfelbaeume auf Salzboden eingegangen. Xuefang hatte vorgearbeitet und argumentierte, es sei eine Frage der wissenschaftlichen Methodik: tiefe Graeben, Drainagekanaele, Entsalzung durch Suuesswasser, terrassenfoermige Bewaesserung. Der salzhaltige Boden behindere das Wurzelwachstum; daher muesse man vor dem Pflanzen grosse Pflanzloecher graben und zunaechst eine Schicht organisches Material einbringen. Ausserdem solle man salzresistente Unterlagen verwenden, etwa Holzapfel als Unterlage, um die Ueberlebensrate zu erhoehen. Und durch Gruenduengung und Grasbewuchs im Obstgarten koenne man den organischen Gehalt des Bodens verbessern. Xuefang sagte: "Die Apfelsorten in Shanding sind zu einfoermig. Ich will im Xitang die neuesten, hochwertigen Sorten entwickeln."

Chenglei sagte: "Koennten wir das nicht erst etwas aufschieben und gruendlich besprechen?"

Xuefang sagte: "Hauptsaechlich wartet die Natur nicht. Der Herbst ist der beste Zeitpunkt fuer die Pflanzung -- die Wurzeln haben eine lange Erholungszeit, und die Ueberlebensrate ist hoch."

Chenglei sagte: "Ehrlich gesagt -- ich moechte nicht, dass du dich zu tief in einem einzigen Ort vergräbst."

"Aber du hast mich doch beim Apfelanbau unterstuetzt!"

"Dass du etwas Handfestes machst, finde ich gut. Aber beschraenk dich nicht auf einen Ort -- die Welt ist gross, der Lebensraum auch. Eigentlich wollte ich: Wenn der Newton-Garten sich bewaehrt hat, bauen wir im In- und Ausland weitere Gaerten."

"Das widerspricht sich doch nicht!"

"Und wenn du dich im Salzboden festfährst?"

"Andere zweifeln an mir -- aber du auch?"

Chenglei schwieg. Xuefang fragte, wo er gerade sei, und bat ihn, bald vorbeizukommen und sich den Xitang vor Ort anzusehen. Chenglei antwortete: "Ein andermal."

In Wirklichkeit war Chenglei laengst zurueck, in der Stadt, aber er zoegerte und traf sich nicht mit Xuefang.

Shuitun erzaehlte Xuefang, sie habe Chenglei gesehen. Xuefang war fassungslos.

"Er war in der Firma?"

"Ja, ich habe ihm sogar einen Kaffee gemacht."

"Warum hat er mir nichts gesagt?"

Shuitun zuckte gewohnheitsmaessig die Achseln.

Xuefang rief sofort Chenglei an und fragte, wo er sei. Chenglei sagte, am Flughafen.

"Warum hast du mir nicht gesagt, dass du zurueck bist?"

Chenglei sagte: "Eigentlich wollte ich nach Shanding fahren, aber dann kam etwas dazwischen. Ein andermal."

Nachdem sie aufgelegt hatte, fuehlte Xuefang sich, als haette sich ein rauer, schwerer Stein in ihr Herz gelegt.

An jenem Abend klopfte Xiao Gezi an die Tuer des "Pin Hong Yuan".

"Grossonkel, lange nicht gesehen."

Xiao Gezi sagte ernst: "Der Xitang ist Salzboden, da waechst nichts."

Xuefang laechelte und fragte: "Was ist ein Apfel?"

"Ein Apfel ist eben ein Apfel."

Xuefang sagte feierlich: "Ein Apfel ist ein laubabwerfender Baum der Gattung Malus aus der Familie der Rosengewaechse. Er enthaelt Apfelsaeure, Karotin, Ascorbinsaeure, Kalzium, Eisen, Zink und andere lebenswichtige Stoffe ..."

Xiao Gezi wurde unwirsch: "Gibst du deinem Grossonkel hier Unterricht?"

"So kann man es auch sehen."

"Was soll das heissen? Willst du andeuten, dein Grossonkel ist ein Taugenichts, der nichts versteht und bei dir schnorrt?"

"Du bist Mitarbeiter des Obstgartens -- dieses Grundwissen solltest du haben."

"Jetzt rede ich nicht als Angestellter, sondern als dein Grossonkel: Warum willst du auf Salzboden Aepfel pflanzen?"

"Salzboden-Aepfel sind besser."

"Besser? Das hoere ich zum ersten Mal. Obstbaeume brauchen Naehrstoffe, keine Muellhalde."

"Es gibt keinen Muell auf dieser Welt, nur Ressourcen am falschen Platz."

"Xuefang, die Geschichte deines Grossonkels kennst du. Was Wagemut und Tatendrang angeht, nehme ich es mit jedem auf -- aber niemals wuerde ich im Xitang Aepfel pflanzen."

"Genug, Grossonkel. Um meine Angelegenheiten ... brauchst du dir keine Sorgen zu machen."

"Stimmt, ich hab kein Recht, mir Sorgen zu machen. Ich bin ja nur ein alter Nachwaechter."

"Sag das nicht. Ausserhalb der Arbeit bist du immer noch mein Grossonkel."

"Bin ich das?"

"Natuerlich, das laesst sich nicht aendern."

"Gut, dann hat der Grossonkel eine Bitte."

"Was denn? Doch nicht etwa Geld leihen?"

"Doch, Geld leihen."

"Wofuer?"

"Ich will am Stausee ein kleines Haus bauen ... du weisst, ich hab dort frueher Sand aus dem Flussbett gegraben."

"Ohne Baugenehmigung kann man nicht einfach bauen."

"Kein Wohnhaus -- nur zwei einfache Baracken, die man jederzeit abbauen und versetzen kann."

Xuefang verstand und sagte: "Grossonkel, du weisst doch, fuer die Erschliessung des Xitang brauchen wir viel Geld, und das stammt aus der Oeffentlichkeit, nicht von mir. Jeder Cent muss sinnvoll eingesetzt werden."

Xiao Gezi wurde finster: "Kein Geld, aber zwei Autos? Hilf mir, eins zu verkaufen -- zehn-, achtzigtausend reichen mir als Leihgabe."

"Warum sollte ich das tun?"

Xiao Gezi sagte: "Ich bin doch dein Aelterer! Solltest du nicht die Aelteren ehren?"

Xuefang wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Sie erinnerte sich an Meizis Klagen: Xiao Gezi spielte vor seinen Geschwistern den Juengsten und tat so, als schuldeten sie ihm etwas; vor ihr spielte er den Aelteren und tat so, als schulde sie ihm etwas. Xuefang bereute, ihn damals aus Mitleid in ihrer Firma untergebracht zu haben.

Wenn Xiao Gezi nur Geld von ihr geliehen haette, waere es noch ertraeglich gewesen. Einmal ging Xuefang in Shandings Dorfladen etwas kaufen, und Yaohua sagte: "Dein Grossonkel schuldet mir schon einiges. Ich hab ihn gemahnt, und er meinte: 'So ein paar Kroeten! Meine Nichte ist die grosse Chefin des Obstgartens, die springt schon dafuer ein.'" Yaohua fragte vorsichtig: "Kann ich seine Schulden bei dir eintreiben?" Xuefang sagte: "Glaubst du, du hast das Recht dazu?" Yaohua schien in Xuefangs Augen etwas zu lesen und sagte nichts mehr.

Xuefang gab Xiao Gezi Yaohuas Worte weiter und nutzte die Gelegenheit, ihn zu warnen: Er solle sich zusammenreissen.

Spaeter stellte sich Xuefang eine Frage: Wenn man es genetisch betrachtete -- hatte sie wirklich gar nichts mit Xiao Gezi gemein?

Als Xiao Gezi sein Unternehmen gruendete, war Meizi die Erste, an die er dachte. An jenem Tag kam Meizi gerade aus dem Kindergarten, als sie auf der anderen Strassenseite Xiao Gezi neben seinem Wagen stehen sah.

Meizi stieg ein und sagte laechelnd, waehrend sie den Gurt anlegte: "Bist du gekommen, um mir Eindruck zu machen?"

Xiao Gezi sagte: "Ich brauche eine Buchhalterin und habe hin und her ueberlegt -- am liebsten jemand aus der Familie. Du hast doch deinen Buchhalterschein?"

"Aber ich hab noch nie als Buchhalterin gearbeitet."

"Was macht das schon! Ich war auch nie Chef und mach es trotzdem."

"Ich hab keine Angst -- meine Lernfaehigkeit kennst du. Nur ... alles in der Familie, ist das gut?"

"Was soll daran schlecht sein? Eigene Leute sind vertrauenswuerdig."

"Aber ich vertraue dir nicht", sagte Meizi.

Xiao Gezi sah sie an: "Mir nicht vertrauen?"

"Nein. Deine Schwaechen kennt vielleicht kein anderer -- aber ich schon."

"Seltsam. Ich vertraue Vertrauten, du nicht. Diese auslaendischen Chefs sind doch nicht besser als ich -- vom Aeusseren kann man das nicht sehen. Ausserdem: Auf meine Stellenanzeige haben sich Dutzende beworben, ich hatte zwei ausgewaehlt, aber dann dachte ich an dich."

"Das ist keine Kleinigkeit. Wenn du scheiterst -- wo gehe ich dann hin? Zurueck in den Kindergarten kann ich auch nicht."

"Also! Den ganzen Tag ueber den Kindergarten meckern, aber wenn's ernst wird, traust du dich nicht weg."

"Nicht, dass ich mich nicht traue -- ich befuerchte nur, deine Firma macht in ein paar Tagen dicht." Meizi lachte selbst.

"Was gibt es da zu lachen?"

Meizi lachte weiter: "Immer dachte ich, eine auslaendische Firma sei etwas Ehrfurchtgebietendes. Aber wenn ich dort arbeite und tagtaeglich dein Gesicht sehe und deine Befehle hoere ... das ist doch irgendwie komisch!" Ihr Lachen wurde lauter.

"Hoer auf!", rief Xiao Gezi.

Meizi verstummte tatsaechlich.

Xiao Gezi sagte: "Also gut, ich drange dich nicht. Du hast drei Tage Bedenkzeit. Danach, egal wie du dich entscheidest, suche ich jemand anderen."

Meizi blinzelte -- ploetzlich fand sie, Xiao Gezi wirkte ein bisschen wie ein erwachsener Mann.

Nachdem er Meizi abgesetzt hatte, fuhr Xiao Gezi zu dem roten Haus gegenueber vom Park, um Ma Yans Blumenladen zu besuchen. Seit er Xiao Duo im Sueden gesehen hatte, war er innerlich aufgewuehlt. Die Beziehung zu Xiao Duo mochte vorbei sein, doch ihr Bild verfolgte ihn. Irgendwo hatte er gelesen: "Die erste Liebe ist unvergesslich" -- jetzt verstand er das. Seit dem Wiedersehen mit Xiao Duo war er abgestumpft in Sachen Liebe. Dass er jetzt Ma Yan besuchte, entsprang vielleicht nur Neugier, oder vielleicht auch etwas anderem: Ma Yan war die weggeworfene Geliebte eines Taiwanesen, auch sie hatte erlebt, wie etwas Schoenes zerstoert wurde. Eigentlich hatte Xiao Gezi Ma Yan seit jeher fuer toeericht gehalten und sie als Kind schikaniert. Auch als Erwachsener sprach er immer spoettisch mit ihr. Dass er sie nun von sich aus besuchte, war das erste Mal.

Xiao Gezi parkte vor dem Laden "Vergissmeinnicht". Ma Yan sah den Wagen, eilte hinaus und stutzte: "Wie seltsam, du hier?"

Xiao Gezi dachte: Nach Jahren ohne Kontakt hat Ma Yan einiges gelernt. Frauen verstehen es, Maenner mit Sanftheit zu entwaffnen.

"Ein Blumenladen ist doch fuer Besucher da", sagte Xiao Gezi.

"Willkommen! Nur so ein vornehmer Gast wie du laesst sich nicht herbeilocken." Ma Yans Stimme war weich und schmeichelnd.

"Nicht so hoeflich!" Xiao Gezi zuendete sich eine Zigarette an.

Ma Yan rueckte naeher: "Ich hoere, du bist jetzt ein grosses Tier?"

"So lala. Ich arbeite nur fuer den Hongkonger Boss. Nicht wie du -- deine eigene Chefin."

Das schien Ma Yan zu gefallen, sie laechelte: "Bescheiden! Gib mir mal eine Visitenkarte."

Xiao Gezi tastete in seiner Tasche und reichte ihr eine: "Wenn du hereinfallst, beschwer dich nicht -- du hast sie verlangt."

"Was du sagst!" Ma Yan kraeuuseltte die Nase. "Wir kennen uns doch."

Xiao Gezi setzte sich rauchend in den Laden, die Beine uebereinandergeschlagen, und musterte den Raum. Hoechstens dreizehn, vierzehn Quadratmeter, vollgestopft mit bunten Blumen, die Luft erfuellt von zartem Duft. Er betrachtete die Straeusse in roten Plastikkuebeln und ihre Schilder: Rosen, Lilien, Nelken, Freesien, Schleierkraut, Vergissmeinnicht, Kristallblumen, Pfaffenhuetchen, Goldplatane, Brasilianisches Blatt und mehr. Alles frisch und strahlend. Ehrlich gesagt -- haette er Ma Yans Laden nicht betreten, haette er von den meisten dieser Blumen nicht einmal den Namen gewusst. Eine merkwuerdige Wehmut ueberkam ihn: Trotz seiner Schulbildung gab es auf dieser Welt so vieles, das er nicht kannte. Und wie seltsam der Mensch war: Ueber jemanden, den alle schlecht redeten, entdeckte man beim naeheren Kennenlernen durchaus gute Seiten. Ma Yan zum Beispiel verstand sich aufs Blumenverkaufen. Und ueber jemanden, den alle lobten, fand man bei naeherer Bekanntschaft allerlei Maengel.

"Bei so einem seltenen Nachbarbesuch lade ich dich zum Essen ein", sagte Ma Yan.

"Ich komme gerade vom Geschaeftsessen."

"Dann fahr mich spazieren!"

Xiao Gezi sagte: "So reich wie du bist -- hast du dir kein Auto gekauft?"

"Ich wollte einen Sportwagen, traue mich aber nicht zu fahren."

"Traust du dich mit mir einzusteigen?"

"Klar."

"Wirklich?"

"Feigling bist du doch nicht", sagte Ma Yan im lokalen Dialekt.

In der Zeit mit Ma Yan sprach sie ein Mandarin mit suedlaendischem Akzent -- ob korrekt oder nicht, jedenfalls klang es nett. Er selbst hatte ein halbes Jahr im Sueden verbracht und sprach trotzdem breitesten Dalian-Dialekt.

Abends um sechs gingen Xiao Gezi und Ma Yan in ein japanisches Restaurant und assen allerlei Halb-Rohes -- Ma Yan lud ein. Xiao Gezi fand, als kleiner Boss sei es unanstaendig, sich von einer ehemaligen Geliebten aushalten zu lassen, und fuehrte Ma Yan in eine Karaoke-Bar. Dort bluehte Ma Yan auf -- sie sang kantonesische und englische Lieder. Xiao Gezi wunderte sich: Ma Yan hatte hoechstens die Oberschule abgeschlossen -- woher konnte sie englische Lieder singen? Diese Frau war ein Raetsel. Wie auch immer, sie hatte ihn beeindruckt.

"Du hast was drauf", sagte Xiao Gezi.

Ma Yan sagte: "Ach wo!"

"Gehst du oft hierhin?", fragte er.

"Selten. Aber ich gehe jeden Tag schwimmen -- ohne Schwimmen koennte ich nicht leben."

Das fand Xiao Gezi etwas uebertrieben, doch er entdeckte an Ma Yan viel Unbekanntes.

Nach zwei Stunden Singen war Xiao Gezi muede und wollte Ma Yan nach Hause fahren. Ma Yan sagte, sie muesse auch nach Hause -- heute habe sie bei ihrem Vater nicht Bescheid gesagt, der mache sich bestimmt Sorgen.

Im Auto bat Ma Yan ihn, noch eine Runde zu fahren. Ein besonderer Nerv in Xiao Gezi regte sich; er griff nach ihrem Arm und sagte: "Du bist kein braves Maedchen!"

Ma Yan drueckte seine Hand herunter, beugte sich vor und sagte: "Du auch nicht."

In jener Nacht fuhr Xiao Gezi mit Ma Yan eine Kueeestenstrasse entlang, hielt an einem Felsvorsprung auf einer Wiese, schaltete die Scheinwerfer aus -- ringsum herrschte Dunkelheit.

Auf dem Rueckweg bedauerte Xiao Gezi es ein wenig und schwieg die ganze Fahrt. Ma Yan dagegen summte die Melodien aus der Karaoke-Bar und lehnte sich an seine Schulter.

Vor Ma Yans Haus gab sie ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange. "Bruder, vergiss nicht, mich morgen anzurufen!" Xiao Gezi kribbelte es auf der Kopfhaut.

Um ein Uhr nachts kam er nach Hause und schlich auf Zehenspitzen zur Tuer. Da raeusperte sich Liu Baogui -- er war noch wach.

Xiao Gezi lag im Bett, hellwach. Xiao Duos Bild tauchte wieder auf -- er wusste, dass zwischen ihnen alles aus war, doch sobald er an Ma Yan dachte, ueberkam ihn ein Gefuehl der Schuld. Er fluchte ueber sich selbst. Doch kurz darauf erschienen beide Bilder wieder: Xiao Duos kaltes, beinahe stumpfes Gesicht und Ma Yans schmeichlerisches Laecheln. Kaum war Xiao Gezi eingedoest, hatte er einen Albtraum -- Wu schwang ein japanisches Schwert und hieb auf seinen Kopf ein. Erst als es fast hell wurde, fand er endlich in den Schlaf.

Am naechsten Morgen ging Liu Baogui zum Sport in den Park. Um acht war er zurueck -- Xiao Gezi schlief noch tief und fest. Liu Baogui weckte ihn nicht und ging Oelkuchen und Sojamilch kaufen.

Um neun weckte er Xiao Gezi: "Du musst zur Arbeit."

Xiao Gezi streckte sich: "Kein Problem, ich gehe nachmittags."

Liu Baogui holte tief Luft, drehte sich um und ging zu Xu Zhentong.

Xu Zhentongs Tuer stand angelehnt. Durch den Spalt sah Liu Baogui, wie Xu Zhentong auf dem Boden sass und meditierte. Seit dem Tod der kleinen Yingzi schien er ueber Nacht zum Weisen geworden zu sein -- seine paedagogische Strenge und Bescheidenheit waren verschwunden, stattdessen strahlte er eine furchtlose Gelassenheit aus.

Seit einiger Zeit tat Xu Zhentong nur noch zwei Dinge: Tagsueber unterrichtete er wie besessen, morgens und abends uebte er wie besessen Qigong. Angeblich war sein Krebs von allein verschwunden -- ein kleines Wunder im Haus.

Ueber Xu Zhentongs Heilung gab es verschiedene Meinungen unter den Nachbarn. Manche hielten es fuer eine Fehldiagnose, andere glaubten, das Krankenhaus habe faelschlich den Krebs fuer verschwunden erklaert. Wieder andere schrieben es dem Qigong zu. Und Frau Qi meinte, es haenge mit der kleinen Yingzi zusammen, die im Jenseits fuer ihn Fuerbitte eingelegt habe.

Wie auch immer: Der Vorfall war aeusserst einflussreich, und immer mehr Nachbarn begannen, Qigong zu ueben -- sogar Liu Baogui, der sonst nie mitmachte, wurde neugierig.

Liu Baogui wollte Xu Zhentong nach dem Qigong fragen. Gestern hatte Frau Qi erwaehnt, heute koenne man den Grossmeister treffen. Nach langem Zoegern fasste er sich ein Herz.

Xu Zhentong bemerkte ihn und sprang auf: "Herr Liu, kommen Sie herein!"

"Nicht noetig", sagte Liu Baogui. "Es ist nichts Besonderes ..."

"Nur heraus damit."

"Also, ich habe von Frau Qi gehoert, man koenne heute den Qigong-Meister treffen ..."

"Genau."

"Koennte ich ... vielleicht auch dabei sein?"

Xu Zhentong sagte: "Kein Problem, selbst wenn es nur einen Platz gaebe, Sie haetten Vorrang."

Liu Baogui ging erleichtert nach Hause. Frau Qi hatte gesagt, man muesse nur an den Meister denken, dann sende er einem seine Kraft. Liu Baogui ueberlegte, ob sein Wohlbefinden vielleicht schon daher ruehrte, und machte eine Tai-Chi-Bewegung, mit der er die Tuer oeffnete.

Die Sonne schien bereits auf Xiao Gezi, der noch immer fest schlief. Weil ihm warm wurde, lag er halb unter der Decke. Liu Baogui deckte ihn zu und klatschte ihm auf den Hintern: "Aufstehen, junger Herr!"

Xiao Gezi brummte etwas, drehte sich um und schlief weiter.

Liu Baogui setzte sich gegenueber auf die Bettkante, rauchte und betrachtete seinen Sohn. Der war inzwischen ein Kerl wie ein Baum, doch in den Augen des Vaters sah er noch immer aus wie als kleiner Junge. Ploetzlich fuhr Xiao Gezi hoch und sagte erschrocken: "Warum haben Sie mich nicht geweckt? Heute ist die Besprechung mit dem koreanischen Kunden!"

"Wie oft hab ich dich gerufen? Bist du aufgestanden?"

"Jetzt wird's ernst, verdammt ..." Xiao Gezi war voellig aufgeloest. Dieses Geschaeft hatte er mit grosser Muehe eingefaedelt -- wenn er nicht erschien, war alles umsonst!

"Dann fruehstueck wenigstens", sagte Liu Baogui.

"Fruehstueck?" Xiao Gezi zerrte die Hose hoch, wischte sich fluechtig uebers Gesicht und rannte hinaus. Liu Baogui sah, dass Xiao Gezi sein Mobiltelefon vergessen hatte, griff danach und lief hinterher -- doch als er zur Tuer kam, war der Wagen laengst verschwunden. Liu Baogui blickte auf die leere Strasse und fueehlte sich seltsam betrueebt: Das Kind hetzte durchs Leben, hatte nicht mal gefruehstueckt -- leicht hatte er es nicht.

Zurueck im Zimmer betrachtete Liu Baogui das Mobiltelefon und schuettelte den Kopf: Was heutzutage alles erfunden wurde! So ein winziges Ding, ohne Draht -- und man konnte trotzdem telefonieren. Andererseits war der Preis unverschaemt -- zwei Jahresrenten reichten nicht dafuer. Liu Baogui ueberlegte, wo er es sicher verstauen konnte, und beschloss, es in sein Kaestchen einzuschliessen.

Um sechs Uhr abends kam Meizi nach Hause. Eine Kollegin hatte ihr erraehlt, heute sei Vatertag. Unter dem Einfluss der Kollegin fasste auch Meizi den Entschluss, Liu Baogui ein Geschenk zu machen. Seit der Geburt ihrer Tochter Xuehua kam sie seltener zu ihm. Vor Feierabend begann es zu regnen -- ein feiner Spruehregen. Meizi hatte bei Regen ein besonderes Gefuehl, das sie nicht benennen konnte. Es war stark und wallte tief in ihrem Innern auf -- vielleicht ausgeloest durch eine Kindheitserinnerung oder einen verborgenen Hinweis der Seele. Dieser gruenliche feine Regen machte sie grundlos wehmuetig und liess sie an Lehrer Qiao denken: Wo war er wohl gerade? Sie hatten sich seit einer Weile nicht gesehen, und seit der Geburt ihrer Tochter ruhte auch ihr Geigenunterricht. Wenn sie an Lehrer Qiao dachte, stieg stets ein unbeschreibliches Gefuehl in ihr auf -- eine Saeure, ein Verlustgefuehl, vielleicht Traurigkeit. Doch Meizi wusste: Die gegebene Wirklichkeit liess es nicht zu, dass sie einander naeherkamen.

In Gedanken versunken stand Meizi ploetzlich vor einem Blumenladen. Sie kaufte einen Blumenkorb. Insgeheim wuenschte sie sich seit jeher, dass jemand ihr einen bunten Strauss schenke -- sie liebte die Farben, die Lebendigkeit und die Stimmung, die Blumen verbreiten. Doch als sie den fuer achtzig Yuan erhandelten Korb in der Hand hielt, kehrte sie aus der Traumwelt in die Realitaet zurueck. Der Vater wuerde beim Anblick der Blumen sicher schimpfen und es fuer Geldverschwendung halten -- wie beim letzten Mal, als Xiao Gezi eingeladen hatte. Dann dachte Meizi: Niemand lehnt Schoenes ab. Ein schoenes Leben entsteht durch kleine Verbesserungen, Sinn fuer Aesthetik muss langsam wachsen. Damit fuehlte sie sich erleichtert.

Mit dem Blumenkorb kehrte Meizi zum kleinen Haus zurueck. An der Tuer fiel ihr ein: Vielleicht war die eine Haelfte der Blumen fuer den Vater, der in seinem Leben noch nie Blumen geschenkt bekommen hatte -- und die andere Haelfte fuer sich selbst. Sie drueckte gegen die Tuer -- sie ging nicht auf. Ein altes Eisenschloss hing daran.

Meizi erschrak. Ihr Herz sackte in eine Leere und begann heftig zu klopfen. Liu Baoguis Bronchien und Herz waren nicht in bester Verfassung; ausser dem fruehen Spaziergang ging er abends nie aus. War ihm etwas zugestossen?

Sie klopfte bei Frau Qi -- auch abgeschlossen. Daneben Xu Zhentong -- ebenfalls zu. Meizi rannte zum Kiosk der alten Frau Pang und rief in Xiao Gezis Buero an.

"Papa hat vielleicht einen Unfall!", sagte Meizi.

Die alte Pang beruhigte sie: "Alles in Ordnung, dein Vater ist mit Lehrer Xu und Frau Qi bei einem Vortrag."

"Vortrag? Was fuer ein Vortrag?"

"Ein Qigong-Meister haelt eine Rede."

Um elf Uhr nachts kam Liu Baogui erschoepft nach Hause. Meizi und Xiao Gezi sassen kerzengerade am Tisch.

"Da sind Sie ja endlich, Euer Majestaet", sagte Meizi.

"Wer hat dich herbestellt?", sagte Liu Baogui unwirsch.

"Wir dachten, Ihnen waere etwas zugestossen", sagte Xiao Gezi.

"Habe ich nicht einmal die Freiheit, auszugehen?" Liu Baogui verwendete das Wort "Freiheit" -- normalerweise Meizis Lieblingswort.

"In Ihrem Alter und bei Ihrer Gesundheit ist so spaetes Heimkommen nicht vertretbar", sagte Meizi. "Wir meinen es doch nur gut."

Xiao Gezi murmelte daneben: "Heute war wirklich ein Pechtag. Der Kunde -- nur die Haelfte der Besprechung; das Telefon -- verschwunden."

Liu Baogui erschrak, holte hastig den Schluessel aus der Tasche, oeffnete sein Kaestchen, nahm das Mobiltelefon heraus und atmete tief durch: "Wo verschwunden? Hier ist es doch."

"Na grossartig, den ganzen Tag war ich auf hundertachtzig!", sagte Xiao Gezi.

Liu Baogui wurde aergerlich: "Du wirfst so ein teures Ding einfach herum, und ich soll schuld sein, wenn ich es aufhebe?"

Muerrisch ging Liu Baogui ins Schlafzimmer. Meizi und Xiao Gezi sahen sich an. Xiao Gezi fragte: "Wie hast du dich wegen der Sache entschieden?"

"Welche Sache?"

"Dein Gedaechtnis! Was ueberlegst du den ganzen Tag? Ob du in meiner Firma anfaengst!"

Meizi ueberlegte kurz: "Ein paar Monate auf Probe, ich nehme Krankenurlaub. Aber du musst meine Kontrolle akzeptieren."

"Kein Problem", sagte Xiao Gezi erfreut.

Er fuhr Meizi nach Hause und erzaehlte unterwegs von seinen Plaenen -- Firmenentwicklung, Personal, zukueneftige Geschaefte.

"Zweite Schwester, ich will noch jemanden einstellen. Rate mal, wen?"

"Aus dem Nichts -- wie soll ich da raten?"

"Aus den Nachbarn im Haus, einschliesslich der frueheren."

"Fruehere Nachbarn? Der dicke Cui?"

"Nein."

"Dann Ma Yan?"

"Die? Was glaubst du, wie wenig ich von mir halte? Ich sag's dir: Lehrer Qiao aus dem zweiten Stock."

"Lehrer Qiao?" Meizi starrte Xiao Gezi an. "Es waere toll, ihn zu gewinnen, aber er wuerde sich wohl kaum fuer dich hergeben."

Xiao Gezi grinste: "Dafuer hab ich doch dich! Wenn du anrueckst, schaffst du das bestimmt."

Meizi stach ihm mit dem Finger in die Seite: "Du kleiner Fuchs! Mich reinzuziehen reicht dir nicht -- jetzt willst du auch noch Lehrer Qiao in deine Machenschaften verwickeln."

"Ist das nicht gut?"

"Er wird nicht kommen, und bild dir nicht ein, ich wuerde fuer dich vermitteln."

Nachdem er Meizi abgesetzt hatte, fuhr Xiao Gezi nach Hause. Liu Baogui hatte sich schon gewaschen und richtete gemueetlich sein Bett. Xiao Gezi fragte laechelnd: "Wie war der Ertrag? Haben Sie den Meister getroffen?"

"Was fuer ein Meister -- ein Betrueger!"

"Auf Sie faellt doch keiner rein!"

"Halt den Mund, wenn du nichts zu tun hast, geh die Waende ablecken."

Xiao Gezi streckte die Zunge heraus, wagte nichts zu sagen, und huschte ins Nebenzimmer.

Liu Baogui sass allein auf dem Bett und war sauer.

Am Abend nach dem Essen hatten Xu Zhentong, Liu Baogui, Frau Qi und einige Nachbarn aus dem hinteren Haus gemeinsam das Internationale Geschaeftszentrum aufgesucht, um den Qigong-Meister zu treffen. Als sie den Hinterhof des Gebaeudes erreichten, war der Parkplatz bereits schwarz vor Menschen.

Erst um sieben Uhr abends erschien ein hagerer, etwa vierzigjaehriger Mann und sagte im Ortsdialekt: "Zu viele Leute heute, nur hundert koennen rein, je hundert Yuan." Liu Baogui hatte kein Geld dabei, und bei mehreren hundert Anwesenden schien die Chance gering. Doch Frau Qi hatte genuegend dabei, beriet sich mit Xu Zhentong und kaufte fuer Liu Baogui eine "Eintrittskarte".

Liu Baogui folgte den Anhaengern in den Keller des Gebaeudes -- frueher eine Diskothek, offenbar angemietet. Die Leute draengten sich und warteten schnatternd, bis nach neun der Meister schliesslich in einer Entourage eintrat. Bei seinem Erscheinen brach ohrenbetaeubender, nicht enden wollender Beifall aus. Der Meister winkte, liess sich auf einem vorbereiteten Podest nieder, wischte sich den oligen Mund und stiess einen Ruelppser aus. Erst jetzt bemerkte Liu Baogui, dass sein eigener Magen leer und sein Hals trocken war.

Der Beifall verebbte, und der Meister sagte leutselig: "Entspannen wir uns gemeinsam." Dann bat er die Mitarbeiter: "Gebt ein paar Lieder ein."

Der Meister sang ein Lied. Seine Stimme war nicht uebel, und er sang mit Gefuehl.

Offenbar gut gelaunt, verteilte er Wassermelonenstuecke unter den Glaeubigen -- etwa zehn Stuecke. Die Empfaenger waren selig und geruehrt, manche weinten vor Ergriffenheit. Dann sang der Meister weiter, jedes Mal mit donnerndem Applaus und Blumenstraeuussen bedacht. Die Kunstblumen zu fuenfzig Yuan das Stueck hatten wohl den hoechsten Umsatz seit Eroeffnung der Diskothek.

Liu Baogui kam die Szene immer bekannter vor, und ihm brach der Schweiss aus. Der Meister sang ueber zehn Lieder, schien zufrieden und uebergab das Mikrofon den Glaeubigen. Liu Baogui sah zu Xu Zhentong und Frau Qi, biss die Zaehne zusammen und hielt durch.

Um elf fragte der Meister: "Fuehlt ihr euch entspannt?"

"Ja!", riefen alle im Chor.

"Fuehlt sich euer Ruecken kuehl an?"

"Ja!"

Liu Baogui spuerte tatsaechlich Kuehle im Ruecken und drehte sich um -- hinter ihm standen zwei Standklimaanlagen.

"Gut, Schluss fuer heute", sagte der Meister.

Liu Baogui fuehlte sich verhoehnt. Je laenger er darueber nachdachte, desto wuetender wurde er; auf dem Weg zum Ausgang zitterte er am ganzen Koerper.

Auf dem Heimweg sagte Xu Zhentong: "Qigong ist wie jede Wissenschaft -- es kann missbraucht werden. Der Mann dort war vielleicht gar kein Meister, sondern ein Vermittler."

Liu Baogui sagte: "Die Feinheiten uebersteigen meinen Verstand, aber ob man betrogen wird, das merkt man."

Frau Qi sah sich nach Liu Baogui um und fluesterte: "Reden Sie bloss nicht so -- wenn das dem Meister zu Ohren kommt, setzt er seine Kraft ein, und Ihr Kopf spaltet sich entzwei."

Nach dem Besuch beim Qigong-Meister war Liu Baogui ueber zwei Wochen lang krank.

Am Freitag stand Meizi frueh auf und kochte Liu Baogui eine Suppe aus Gastrodia und schwarzem Huhn, zwei Stunden auf kleiner Flamme. Als sie sie brachte, sah Liu Baogui recht munter aus. Beim Essen fragte er: "Hast du wieder bei der Arbeit gefehlt?"

"Im Buero ist gerade nichts los."

"Staendig fehlen ist nicht gut, der Chef bekommt Ideen."

Meizi lachte: "Xiao Gezi ist jetzt mein Chef -- aber mich kann er nicht herumkommandieren."

"Welcher Xiao Gezi?", fragte Liu Baogui.

"Welchen gibt es noch? Ihren juengsten Sohn."

"Wie kannst du bei Xiao Gezi arbeiten?" Liu Baogui knallte die Suppenschuessel auf den Tisch, dass es spritzte.

Meizi eilte zu ihm und sagte stirnrunzelnd: "Was soll das? Xiao Gezi frisst keine Menschen. Und selbst wenn, seine Schwester wuerde er doch verschonen. Ich probiere es nur aus, ich habe gar nicht gekuendigt."

Liu Baogui atmete auf und sagte langsam: "Xiao Gezi hat keinen festen Boden unter den Fuessen, auf den ist kein Verlass."

"Deshalb gehe ich ja hin -- um das Steuer zu halten."

"Geht das mit deiner Arbeit?"

"Was soll schon sein -- schlimmstenfalls parke ich meine Personalakte beim Arbeitsvermittlungszentrum. Heutzutage ist das allen egal, Hauptsache mehr Geld."

Beim Trinken fand Liu Baogui die Suppe etwas bitter. Er verstand nicht, warum selbst Meizi jetzt so leichtfuessig war. Ob wieder Xiao Gezi dahintersteckte? Wirklich ein fauler Fisch, der den ganzen Topf verdirbt.

Um Liu Baogui zu beruhigen, erklaerte Meizi: "Xiao Gezi ist in letzter Zeit tatsaechlich reifer geworden. Sehen Sie ihn nicht immer mit den alten Augen. Kuerzlich hat er mir sogar erzaehlt, er wolle Lehrer Qiao aus dem zweiten Stock fuer seine Firma gewinnen."

Liu Baogui dachte nach und nickte: "Lehrer Qiao -- der taugt was. Jung, aber gebildet und besonnen. Allerdings ist er Universitaetsprofessor -- warum sollte er eine gute Stelle aufgeben und sich in euren Schlamassel einmischen?"

Da klopfte Frau Qi und brachte eine grosse Schuessel Teigtaschen: "Selbst gemacht, mit Chinakohl, Glasnudeln und Garnelenmehl -- ich weiss, die moegen Sie."

"Die Umstaende", sagte Meizi.

"Ob fuer einen oder zwei kocht, macht keinen Unterschied." Dann zog sie ein Qigong-Buch und eine Kassette hervor: "Die habe ich fuer Sie besorgt. Ihre kleinen Beschwerden verschwinden mit etwas Uebung."

"Qigong?", sagte Liu Baogui. "Haette ich nicht angefangen mit Qigong, waere ich gar nicht krank geworden."

"Mein Vater gehoert wohl zu denen, fuer die Qigong nicht geeignet ist", sagte Meizi.

"Wer sagt das?", wurde Frau Qi ernst. "Lehrer Xu sagt, theoretisch kann jeder Qigong ueben."

Liu Baogui sagte: "Du uebst den ganzen Winter, und deine alten Leiden sind trotzdem wieder da."

Frau Qi sagte: "Wenn ich nicht geubt haette, weiss ich nicht, ob ich noch am Leben waere!" Liu Baogui hatte dem nichts entgegenzusetzen.

Meizi nahm die Schuessel und wechselte das Thema: "Probieren Sie die mal, solange sie heiss sind."

Frau Qi sagte: "Genau, probieren Sie -- wenn's nicht schmeckt, mache ich frische." Liu Baogui liess sich nicht laenger noeetigen, nahm eine Teigtasche und lobte kauend: "Perfekt, richtig lecker."

Frau Qi zwinkerte Meizi zu und ging. Meizi begleitete sie vor die Tuer, wo Frau Qi fluesterte: "Ich habe ihn absichtlich ein bisschen geaergert. Egal wie man es dreht -- etwas Bewegung kann nicht schaden, frische Luft tut gut."

Meizi nickte laechelnd.

Frau Qi deutete geheimnisvoll nach oben: "Der alte Ma ist zurueck."

"Wieder eingezogen?"

"Nicht ganz, er sagt, die Villa sei ihm zu einsam, er wolle mit uns ueben."

"Wahrscheinlich war er zu einsam."

"Einsam? Ich hoere, die Villa wurde vom Gericht beschlagnahmt."

"Tatsaechlich?"

"Der Taiwaner schuldet irgendwem viel Geld, die haben ihn verklagt. Und Ma Yan soll auch aus der Villa geworfen worden sein."

"Kann nicht sein, neulich war ich noch in ihrem Blumenladen, davon hat sie nichts erwaehnt."

"Liebes Kind, gute Nachrichten erzaehlt man gern -- aber so was? Wuerde sie dir das ins Gesicht sagen?"

Nachdem Xiao Gezis Repraesentanzbuero der Ganghong International die Lizenz erhalten hatte, schloss er tatsaechlich recht zuegig zwei kleinere Geschaefte ab. Zwar war der Gewinn gering, doch es staerkte seinen Willen, das Buero weiterzuentwickeln. Seine Denkweise unterschied sich nun von frueher: Er fand, in allen Bereichen muesse er das Niveau heben -- selbst beim Grillen, das er so liebte, widerstand er der Versuchung. Er wollte auch das Image und die Ablaeufe der Firma an die anderen Handelshaeuser angleichen und schaltete Stellenanzeigen in Zeitung und Fernsehen. Eine Woche lang kamen taeglich Bewerber -- viele Uniabsolventen, huebsche, redegewandte, sprachkundige, mit schoener Handschrift. Im Vergleich fand Xiao Gezi, sie alle seien ihm ueberlegen. Er waeehlte vier Vertriebsmitarbeiter und zwei Buchhalter aus. Dann besann er sich: Die eine Buchhalterin strich er wieder weg. Was hiess schon modernes Management und Personalpolitik -- am Ende vertraute er seiner eigenen Familie. Also wurde Meizi die Buchhalterin.

So bestand das Buero aus vier Personen: Xiao Gezi, Meizi und zwei junge Hochschulabsolventinnen. Xiao Gezi war der einzige Mann -- der "Vertreter".

Die offizielle Eroeffnung rueckte naeher, und Xiao Gezi machte sich Sorgen: An jenem Tag sollte doch ein Vertreter aus der Politik Gesicht zeigen. Wu hatte ihm viel Vertrauen geschenkt -- auch weil Xiao Gezi behauptet hatte, er koenne alles regeln. Doch sein Bekanntenkreis lag fern der Politik, und wirklich einflussreiche Persoenlichkeiten konnte er nicht vorweisen.

Da fiel ihm Lehrer Qiao ein. Der arbeitete an der Universitaet und hatte Zugang zu ganz anderen Kreisen -- vielleicht konnte er helfen. Ob Lehrer Qiao sich darauf einlassen wuerde? Immerhin hatten sie kaum Kontakt gehabt -- aber Meizi war die Verbindung. Xiao Gezi wollte sofort zu Meizi, doch an der Tuer zoegerte er: Was, wenn sie nicht einverstanden war? Also rief er kurzentschlossen selbst an.

Er stellte sich vor. Natuerlich -- erst als Meizi erwaehnt wurde, erinnerte sich Lehrer Qiao an ihn. Xiao Gezi bat um einen Gefallen und verabredete ein Treffen fuer den Abend. Danach tanzte er vor Freude durch sein Buero.

Am Abend lud er Lehrer Qiao im Internationalen Hotel zum Essen ein. Lehrer Qiao vertrug wenig, und bevor die Gerichte kamen, hatte Xiao Gezi ihm schon drei Glaeser aufgedraengt. Lehrer Qiao war rot im Nacken und glasig im Blick.

"Kein ... kein Problem", sagte er. "Die Einladungen uebernehme ich."

Xiao Gezi war zufrieden mit sich, nur die vielen uebriggebliebenen Gerichte stoerten ihn. Zum Abschied drueckte er dem Nichtraucher Lehrer Qiao zwei Stangen "Hongta Shan" in die Hand.

Lehrer Qiao war die richtige Wahl gewesen. Er organisierte gewissenhaft: Behoerdenvertreter, einen pensionierten Vizebuergermeister, der Kalligraphie liebte und zwei Schriftzuege mitbrachte, dazu Medien- und Kulturschaffende. Fuenfunddreissig Gastgeschenke mussten vorbereitet werden. Xiao Gezi war begeistert -- Lehrer Qiaos Netzwerk war beeindruckend.

Die offizielle Eroeffnung fand an einem von Wu persoenlich bestimmten Glueckstag statt. Unter ohrenbelaeublendem Boellerlarm wurde das Dalian-Repraesentanzbuero feierlich eroeffnet. Wu war hochzufrieden und auch von Lehrer Qiao beeindruckt. Xiao Gezi nutzte die Gelegenheit und empfahl ihn Wu: ein grosser Professor, ein junger Experte. Wu sagte: "Solche Talente sind selten, wirklich selten."

Nach der Feier begleitete Xiao Gezi Wu auf eine Besichtigungstour durch die Stadt -- darin war er geuebt. Kaum war Wu abgereist, suchte Xiao Gezi Lehrer Qiao auf und erzaehlte ihm, er habe ihn Wu nachdrueeklich empfohlen. "Anfangs war Wu nicht beeindruckt, aber nach meinem staendigen Reden hatte er einen hervorragenden Eindruck. Was sagst du -- willst du bei uns einsteigen?"

Lehrer Qiao laechelte: "Vorlaeufig nicht."

"Du hast so viel Talent -- ein paar Jahre in der Geschaeftswelt waeren grossartig! Heute wechseln Universitaetsangehoerige und sogar Beamte in die Wirtschaft."

"Das stimmt."

"Und selbst wenn du strauchelst -- du bist jung, du kannst jederzeit zurueck."

"Da ist was dran", sagte Lehrer Qiao.

"Wenn du einverstanden bist, rede ich mit Wu und biete dir die stellvertretende Leitung des Bueros an -- fuenftausend Yuan im Monat. Na?"

Lehrer Qiao laechelte und schwieg.

"Fuenftausend ist nicht wenig, oder?"

"Nein, um ein Vielfaches mehr als mein Gehalt."

"Na also -- was gibt's da zu zoegern?"

"Ich glaube, ich bin nicht geeignet."

"Ich finde doch! Dein Auftreten bei der Eroeffnung hat meinen Test bestanden."

Lehrer Qiao lachte.

"Was ist so lustig? Denkst du, unser Handelshaus ist unter deiner Wuerde?"

"Ich bin doch kein grosser Professor! Ich finde nur, mein Fachgebiet passt nicht -- ich verstehe nichts von Handel."

"Was ist denn mein Fachgebiet? Ich hab nicht mal eins -- und bin trotzdem Bueroleiter! Lehrer Qiao, du hast es ja selbst gesehen, ich rede geradeheraus: Handelshaeuser sind gerade der heisseste Trend; die Bewerber stehen Schlange, einschliesslich Beamter."

"Nein, nein, missversteh mich nicht. Danke fuer die Einladung. Aber ich arbeite gerade an einem Forschungsprojekt des Bildungsministeriums, und die Uni hat mir gerade eine Wohnung zugeteilt -- jetzt wegzugehen waere ehrlos."

"Was fuer Zeiten sind das?", sagte Xiao Gezi mit einer Armbewegung. "Ehrlich gesagt -- Akademiker sind manchmal einfach toeeicht." Er hatte "altmodisch" sagen wollen, sagte aber "toeericht". Dann bemerkte er den Lapsus und fuegte hinzu: "Ich bin halt direkt, nichts fuer ungut."

Lehrer Qiao sagte: "Ich mag direkte Menschen."

Am Nachmittag suchte Meizi Xiao Gezi auf und fragte wegen Lehrer Qiao. "Hast du bei der Eroeffnung meinen Namen ins Spiel gebracht, um ihn zu koeedern?"

Xiao Gezi bestritt es vehement: "Wir kennen uns doch!"

"Sag mir die Wahrheit."

"Das ist die Wahrheit -- frag ihn selbst."

"Er hatte nie mit dir zu tun -- warum sollte er dir helfen? Wenn es wegen mir ist, moechte ich ihm nichts schulden."

"Hab ich dir doch gesagt: Ich hab dich nicht erwaehnt. Wir wohnen im selben Haus, Nachbarschaftshilfe ist normal. Und ich hab ihn nicht schlecht behandelt."

"Was hast du ihm gegeben?"

"Das muss ich dir wohl nicht sagen."

"Noch etwas: Hast du ihm das mit der Stelle gesagt?"

"Welche Stelle?"

"Willst du ihn nicht fuer die Firma gewinnen?"

"Das kann warten."

"Lehrer Qiao ist aus anderem Holz geschnitzt als du."

"Das will ich nicht hoeren. Was ist er fuer Holz? Was bin ich fuer Holz?"

"Ich bin deine Schwester, ob dir's passt oder nicht."

"Entschuldigung? Ich bin dein Chef -- wer haelt sich an wen?"

Xiao Gezis Buero lag im sechsten Stock des Internationalen Hotels -- eine mittelgrosse Suite. Merkwuerdig: Vor der offiziellen Eroeffnung hatte er zwei kleine Geschaefte abgeschlossen, doch jetzt, einen Monat nach dem Start, kam ausser Faxen und Anrufen aus Hongkong nur ein Strom von Produktvertretern die Treppe hoch. Kein einziger Geschaeftskunde meldete sich. Der einzige Deal war Zhao Limings -- nur ein Durchlaufposten in den Buechern, der Erloes hatte nichts mit dem Buero zu tun. Xiao Gezi bewegte sich weiter in seinen alten Kreisen, und seine frueheren Kumpane zogen ihn zum Trinken und Feiern.

Ohne Geschaefte war Meizis Arbeit erst recht gemueetlich -- geradezu ein Traum. Zum ersten Mal in all den Jahren hatte sie so viel Zeit zum Lernen. Also brach Meizis Wissensdurst erneut aus: Sie steckte den Kopf in die Buecher, bereitete Pruefungen vor, studierte fuer die Steuerberaterqualifikation und lernte nebenbei eine Fremdsprache. Sie fand: In einem Handelshaus muss man eine Fremdsprache beherrschen, selbst als Buchhalterin. Tatsaechlich hatte Meizi Sprachtalent -- in der Schule war sie im Fach Fremdsprache immer gut gewesen. Leider reichte eine einzelne gute Note nicht fuer die Universitaet, und so blieb das Fremdspracheninstitut ein unerreichter Traum.

Nach dem Mittagessen kamen erst Xiao Gezi, dann die Mitarbeiterinnen Lin Qiao und Fangfang zurueck.

Lin Qiao rief: "Zweite Schwester, im Ausstellungszentrum gibt es gerade Bodysuits im Ausverkauf, toller Stoff, alle reissen sich drum -- schnell hin!" Sie zog ein Waeschestueck aus der Tuete, um es Meizi zu zeigen.

Meizi schielte zum Nebenzimmer, wo Xiao Gezi herausspaehte, und dachte: Diese jungen Frauen heute -- Unterwaesche vor einem Mann auszupacken! Sie sagte kuehl: "Fuer Bodysuits habe ich gerade kein Geld uebrig."

"Geld, das man nicht ausgibt, ist nur Papier. Wer gut ausgibt, verdient gut", sagte Fangfang.

Meizi sagte: "Bitte pflanzt unserem Chef diese Ideen nicht ein -- der braucht nur so eine Ausrede und findet sie nirgends sonst."

"Das ist modernes Denken", sagte Lin Qiao.

Fangfang ging ins Nebenzimmer und sprach mit Xiao Gezi; bald drang Gekicher heraus.

Meizi wurde es unwohl. Sie ging hinein und sagte: "Chef, ich muss Sie kurz sprechen."

Xiao Gezi stand auf, Fangfang ging hinaus.

Meizi schloss die Tuer und sagte besorgt: "Ich mache mir wirklich Sorgen um dich. Die beiden Maedchen -- den ganzen Tag nichts zu tun, immer schick angezogen. Das gibt frueher oder spaeter Aerger."

Xiao Gezi rieb sich das Kinn: "Junge Frauen sind halt offen, die koennen nicht stillsitzen. Keine Sorge -- wenn das Geschaeft laeuft, wird das besser."

"Wart's nur ab -- sag nicht, ich haette dich nicht gewarnt!"

Xiao Gezi sagte: "Zweite Schwester, du bist fuer die Finanzen zustaendig. Kuemmer dich um das, was dich angeht, und lass das andere."

"Willst du mir sagen, dass du hier der Chef bist?"

"Ich will dir nur Sorgen ersparen."

"Gut, dann kuemmere ich mich ab jetzt nicht mehr um deinen Kram."

Meizi ging beleidigt zurueck an ihren Platz und lernte weiter Fremdsprache. Kurz darauf kam Xiao Gezi heraus und brachte ihr einen Kaffee.

"Zweite Schwester, ich weiss, du meinst es gut. Schon gut, sei nicht mehr boese."

Meizi sass mit Kopfhoerern auf dem Stuhl der Suite und hoerte eine Sprachkassette -- ob sie ihn gehoert hatte oder nicht, blieb offen.

Xiao Gezi runzelte die Stirn, konnte nichts sagen und griff nach seiner Aktentasche.

Gerade an der Tuer rief Lin Qiao: "Chef, Telefon!"

"Wer ist es?"

Lin Qiao hielt die Hand ueber den Hoerer.

"Eine Dame, sie sagt, sie heisst Ma Yan."

"Sag, ich bin nicht da."

Da klingelte Xiao Gezis Mobiltelefon. Genervt drueckte er auf Abbrechen. Kurz darauf klingelte es erneut. Xiao Gezi brummte etwas und ging zurueck ins Nebenzimmer.

Durch die Suitetuer hoerte Meizi gedaempft Xiao Gezis Stimme, mal laut, mal leise.

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