Apple/DE/Kapitel 2
Kapitel 2: Halb geteilt
Als sich der Nebel auf dem Bergweg lichtete, erreichten Xuefang und Chengleis Wagen gerade die kleine Brücke an der Grenze des Bergdorfs Shanding. Die kleine Brücke war eigentlich eine Trockenbrücke -- unter ihr floss kein Bach, und wenn es jemals einen gegeben hatte, dann war das viele Jahre her. Jetzt befand sich unter der Brücke ein Gemüsebeet, saftig grün.
Xuefang parkte den Wagen, stieg aus und blickte in die Ferne auf den Obstgarten des Bergdorfs Shanding. Das Gelände dort lag zwar in einer Senke, doch die Aussicht war weit und offen; vom Brückenkopf aus konnte man fast den gesamten Apfelgarten überblicken.
Im ersten Tageslicht hatte Meizi bereits frische Rippchen vom Morgenmarkt geholt. Sie wollte für Liu Baogui Rippcheneintopf kochen. Wenn sie für Liu Baogui kochte, musste sie sich nach seinem Geschmack richten. Gewöhnlich befolgte Meizi beim Rippcheneintopf das Prinzip der "drei Weglassungen" -- vor allem kein Sichuanpfeffer und kein Sternanis. Liu Baogui dagegen kannte den Spruch "Kein Pfeffer ans Schwein" nicht und mochte gerade Sichuanpfeffer und besonders den Geschmack von Sternanis im Fleischeintopf. Doch der Anisduft war für Meizi schwer auszuhalten, deshalb drehte sie die Dunstabzugshaube auf höchste Stufe, und das mechanische Brummen und Fauchen war so laut, dass sie immer wieder aufs Handy schaute, aus Angst, Xuefangs Anruf zu verpassen. In der vergangenen Nacht hatte Meizi Xuefang eine Nachricht hinterlassen: Sie solle heute Morgen um acht Uhr mitkommen, um Liu Baogui im Krankenhaus zu besuchen.
Als Meizi den fertigen Rippcheneintopf in die Thermoskanne füllte, hatte Xuefang immer noch nicht zurückgerufen. Meizi griff zum Handy und wollte Xuefang über WeChat anrufen. Beim Öffnen von WeChat entdeckte sie, dass Xuefang längst geantwortet hatte: "Mama, ich fahre heute Vormittag zum Obstgarten im Bergdorf Shanding, um über eine Zusammenarbeit zu verhandeln. Ich habe mich schon vorab verabredet. Geh bitte zuerst zum Großvater, ich komme danach direkt ins Krankenhaus."
Zum Obstgarten, um über eine Zusammenarbeit zu verhandeln? Meizi war verdutzt. Wurde die Sache etwa wirklich ernst? So schnell?
Aber dann überlegte sie: So schnell war es wohl doch nicht. Das "schnell" war die Geschwindigkeit junger Leute, aber eine Zusammenarbeit auszuhandeln war alles andere als einfach. Viele Verhandlungen verliefen im Sande. Und selbst wenn ein Vertrag unterzeichnet würde -- danach kämen erst die eigentlichen Probleme, und früher oder später würde Xuefang nicht mehr durchhalten. Meizi glaubte, Xuefangs weiteren Weg bereits zu neun Zehnteln vorhersehen zu können, und machte sich keine Sorgen. Was sie nicht verstand, war: Warum wollte Xuefang ausgerechnet Äpfel anbauen? Und warum ausgerechnet im abgelegenen Bergdorf Shanding? Das war das Rätsel, das sie im Innersten nicht lösen konnte.
Chenglei war zum ersten Mal im Bergdorf Shanding. Als er den Obstgarten am Hang erblickte, wurde er ganz aufgeregt, machte Fotos und filmte. Xuefang dagegen hatte die Stirn leicht gerunzelt, war in Gedanken versunken. Liu Baoguis Stent-Operation hatte sie psychisch stark mitgenommen. Auch wenn sie nicht zugeben wollte, dass sein Anfall in direktem Zusammenhang mit ihrem Apfelanbau-Plan stand -- sie fand auch keinen Grund dafür --, hatte sie Meizis Worte doch vernommen. Wenn man beides doch miteinander in Verbindung brachte, spürte Xuefang einen unterschwelligen Druck. Aber sie konnte beim besten Willen nicht verstehen, warum Liu Baogui sie davon abhalten wollte, im Bergdorf Shanding Äpfel anzubauen. War Apfelanbau etwas Unehrenhaftes? Wünschte er nicht, dass seine Enkelin für ihren eigenen Unterhalt sorgte? Verbarg sich dahinter womöglich ein anderes Geheimnis?
In der vergangenen Nacht hatte Xuefang gezögert: Sollte sie die Verabredung absagen und stattdessen mit Meizi ins Krankenhaus gehen? Aber die Operation war erfolgreich verlaufen, die Gefahrenphase vorüber, und sie hatte sich bereits mit Herrn Han vom Obstgarten und ihrem Kommilitonen Chenglei verabredet. Kurzfristig abzusagen wäre nicht gut, zumal bei dem sprunghaften Chenglei -- ihn überhaupt zu greifen war schon ein Kunststück. Nach langem Hin und Her beschloss Xuefang, am Plan festzuhalten.
"Was machst du da?", fragte Xuefang Chenglei, der gerade den Kofferraum öffnete.
"Ich hole die Drohne. Luftaufnahmen", sagte Chenglei.
Xuefang sagte: "Die Zeit wird knapp. Herr Han dürfte auch bald da sein. Warte, bis wir im Obstgarten sind, dann kannst du fliegen."
Chenglei schaute Xuefang an, schien etwas in ihrem Gesicht zu lesen, und sagte: "Du siehst ziemlich müde aus. Soll ich fahren?"
Xuefang gab ihm den Autoschlüssel, und als Chenglei im Wagen saß, wählte sie schnell Meizis Nummer für einen Videoanruf. "Wie geht es Lao Liu?"
Meizi erschien auf dem Bildschirm: "Gut, er drängt darauf, nach Hause entlassen zu werden." Dabei schwenkte sie die Kamera und zeigte Liu Baogui, der auf dem Krankenbett saß.
Xuefang sagte: "Lass mich kurz mit ihm reden."
"Moment ..."
Noch während sie sprach, hatte Meizi bereits vom Video- auf einen Sprachanruf umgeschaltet. Xuefang verstand sofort Meizis Absicht -- Meizi wollte nicht, dass Liu Baogui erfuhr, dass Xuefang bereits im Bergdorf Shanding war. Diesen Trick hatte Xuefang selbst schon benutzt: Wenn Meizi sie per Video anrief und es ihr gerade nicht passte, schaltete sie auf Sprache um. Nun hatte Meizi es ihr nachgemacht.
Xuefang plauderte mit Liu Baogui, schmeichelte ihm ein wenig, ermahnte ihn, brav zu sein -- erst wenn der Arzt ihn entließ, dürfe er nach Hause. Und wenn er entlassen sei, solle er ihr seine knusprig gebratenen Fleischstücke machen, sie hätte solchen Appetit darauf. Liu Baogui lachte und sagte, Xuefang solle ein paar Tage durchhalten, sobald er draußen sei, werde er für sie kochen.
Xuefang setzte sich auf den Beifahrersitz. Kaum hatte sie den Sicherheitsgurt angelegt, fuhr der Wagen los. Xuefang fragte Chenglei: "Fragst du mich nicht nach dem Weg?" Chenglei grinste verschmitzt und deutete auf das eingeschaltete Navi. Die komische Navigationsstimme hatte Chenglei durch eine sachliche ersetzt.
Die Straße zum Obstgarten war in Ordnung, nicht allzu kompliziert, und Chenglei hatte sich schnell eingewöhnt. Im Wagen dachte Xuefang immer noch über Liu Baoguis Widerstand gegen den Apfelanbau nach. Ja, wie war sie überhaupt auf die Idee gekommen, Äpfel anzubauen? Wann hatte sich der Entschluss gefestigt? Vielleicht hatte alles mit dem "Äpfel-anbauen"-Spiel angefangen.
Noch vor ihrer Rückkehr nach China hatte ihr Kommilitone Chenglei eine kleine App namens "Äpfel anbauen" entwickelt und Xuefang gebeten, ihm beim Zusammenstellen von Hintergrundmaterial zu helfen. Um sich etwas Geld dazuzuverdienen, hatte Xuefang in ihrer Freizeit einige Recherchen angestellt. Doch einige Jahre vergingen, und der damals beiläufige "Nebenjob" hatte ihr einen tiefen Eindruck hinterlassen -- wie ein Samenkorn, das der Wind verstreut und nicht absichtlich gesät hat, das aber nach Jahren Wurzeln schlägt und keimt.
In den Tagen ihrer Arbeitslosigkeit zu Hause chattete Xuefang im Internet mit Chenglei und brachte plötzlich die Idee auf, einen Obstgarten zu pachten und selbst den Apfelanbau zu erleben. Chenglei fand die Idee gut und sagte, bei der Spielentwicklung habe er ähnliche Gedanken gehabt. Doch als sie ernsthaft darüber diskutierten, merkten sie, dass es nicht so einfach war, und kamen auf 28 schwer lösbare Probleme. Damals wollten Xuefang und Chenglei sich diesen Schwierigkeiten nicht stellen und ließen die Sache ruhen.
Eines Tages nach dem Essen forderte Meizi Xuefang auf, einen Apfel zu essen. "An apple a day keeps the doctor away", sagte Meizi. Xuefang weigerte sich, und Meizi erzählte von früher, als die Familie arm war und sich keine Äpfel leisten konnte -- zwei Kinder teilten sich einen, manchmal wurde ein Apfel sogar geviertelt.
Zurück in ihrer Mietwohnung, holte Xuefang die Problemliste heraus, die sie mit Chenglei erstellt hatte. Sie versuchte, die Punkte einen nach dem anderen zu lösen, aber auf herkömmlichem Weg war es unmöglich, so viele Probleme gleichzeitig zu bewältigen.
Am nächsten Morgen fiel Xuefangs Blick auf die Unterstreichung unter dem Punkt "Finanzierung". Wenn sie einen Investor suchen sollte, dann wäre der erste Chenglei -- obwohl er noch jung war, hatte er bereits finanzielle Unabhängigkeit erreicht, und sein erstes Vermögen stammte vom "Mining" ... Plötzlich dachte Xuefang an die Blockchain.
Tatsächlich hatten in Xuefangs Bekanntenkreis neben Chenglei auch andere durch Blockchain finanzielle Freiheit erlangt, darunter sogar nach 2000 Geborene, wie etwa "Spinnenritter". Xuefang war mit Blockchain nicht unvertraut. Während des Studiums hatte sie auf einer Blockchain-Website ein "Lese-Notizbuch" entwickelt, auf dem Nutzer ihre eigenen Texte veröffentlichen konnten. Leser konnten gegen Bezahlung lesen oder investieren, also in Autoren investieren. Das Modell funktionierte so: Autoren gaben eigene Tokens heraus. Wenn ein Autor im Wert stieg, stiegen auch die Tokens der Leser. So gewannen Leser, Autoren und Vermarkter gleichermaßen, alle hatten Motivation. Obwohl Xuefang damals nur ein "kleines Experiment" durchgeführt hatte, konnte sie doch einige Erfahrungen sammeln.
Xuefang sprang aufgeregt aus dem Bett und begann, die Probleme mit dem Blockchain-Modell zu lösen. Unerwartet ließen sich die 28 Schwierigkeiten wie eine Kettenreaktion aufschließen: Vertrauensprobleme, Finanzierungsprobleme, Produktionsprobleme, Marktprobleme -- alles entriegelte sich. Xuefang kontaktierte sofort den auf Auslandsreise befindlichen Chenglei. Der bat sie, zuerst einen Businessplan zu erstellen und in ein paar Tagen gemeinsam darüber zu diskutieren.
Angesichts eines durchschnittlichen Effizienzindex von 85 Prozent für kleine Farmen und 91 Prozent für große Farmen erstellte Xuefang auf Basis von 1000 Mu einen Produktions- und Geschäftsplan. Der Plan sah vor, Apfelbäume im Abstand von 3 mal 3 Metern zu pflanzen -- rund 73 Bäume pro Mu. Bei einem Ertrag von 7000 Jin pro Mu und nach Abzug der Kosten für Bewässerung, organischen Dünger, beschränkte Pestizide, Einwickeln der Früchte sowie Maschinen- und Arbeitskosten war der Ertrag beachtlich. Hinzu kamen staatliche Subventionen für Setzlinge, Gerüstmaterial und Maschinen, sodass das Risiko überschaubar blieb. Der Apfelgarten sollte nach dem Organisationsmodell "Leitunternehmen + Genossenschaft + Bauern + Blockchain" betrieben werden. Insbesondere durch die Verbindung mit Blockchain-Technologie konnten IoT-Geräte sich selbst verwalten und warten, was die hohen Wartungskosten einsparte. Das blockchain-basierte Rückverfolgungssystem für landwirtschaftliche Produkte machte alle Daten fälschungssicher und stellte sicher, dass jeder Apfelbaum einen IoT-Ausweis trug und jeder einzelne Apfel einen durch Blockchain markierten Zeitstempel, Geostempel und Qualitätsstempel erhielt. So konnte nicht nur die Qualitätssicherheit gewährleistet, sondern auch die Produktions- und Transaktionskosten deutlich gesenkt werden. Darüber hinaus ließen sich Fragen der Kreditfinanzierung, der Versicherungsabwicklung und der Lieferketteneffizienz lösen. Xuefangs Businessplan war professionell verfasst, doch nachdem sie ihn an Chenglei geschickt hatte, kam eine Woche lang keine Antwort.
Während sie auf Nachricht wartete, fuhr Xuefang in die Apfelanbaugebiete und besichtigte sieben oder acht Gemeinden und mehr als ein Dutzend Dörfer. Das Bergdorf Shanding hatte gute natürliche Bedingungen, nur war die Anbaufläche etwas klein -- bestenfalls 800 Mu. Wenn man allerdings die Salzböden von Xitang erschließen könnte, würde die Fläche die 1000 Mu weit überschreiten. Xuefang nahm das Bergdorf Shanding in ihre engere Wahl auf, denn immerhin war es die Heimat ihres Großvaters, der Ort, der ihn hervorgebracht und genährt hatte.
Als Xuefang in die Stadt zurückkehrte, erhielt sie einen Anruf von Chenglei. Er sagte, er und Spinnenritter warteten im Hotel auf sie. Xuefang fragte nach dem Businessplan. Chenglei sagte, er habe ihn gleich nach Erhalt in die Gruppe geschickt, und mehrere Freunde seien einverstanden und bereit einzusteigen. Xuefang war überrascht, beschwerte sich aber dennoch, dass Chenglei ihr früher hätte Bescheid geben sollen. Chenglei entschuldigte sich sofort und versprach, sie zum Essen einzuladen.
So war Xuefangs Vorhaben, im Bergdorf Shanding Äpfel anzubauen, keineswegs die Laune, die Meizi vermutete, sondern das Ergebnis sorgfältiger Planung und Vorbereitung.
Um zehn Uhr vormittags hielt Xuefangs Wagen pünktlich vor dem Tor des Apfelgartens im Bergdorf Shanding.
Der Mann, den Xuefang "Herr Han" nannte, war der Besitzer des Obstgartens und zugleich Vorsitzender des Dorfausschusses -- sein Spitzname war "Han der Tollkühne". Als Han der Tollkühne den weißen Geländewagen kommen sah, schwang er den Arm wie ein Orchesterdirigent, und der für die Musik zuständige alte Liu Yanr drehte die Anlage auf. Die beiden Reihen Yangge-Tänzerinnen begannen sich einzustimmen, und noch bevor der Wagen am Tor hielt, wirbelten sechs Frauen bereits fröhlich umher.
Der herzliche Empfang überraschte Xuefang und Chenglei. Kaum waren sie ausgestiegen, eilte Han der Tollkühne herbei, ergriff Xuefangs Arm und schüttelte ihm begeistert die Hand. Chenglei rannte zum Kofferraum, um seine Drohne zu holen.
Zu jener Zeit wurde der Apfelgarten zur Unterverpachtung angeboten und stand seit über einem Jahr im Angebot, fast ohne Interessenten. Als Han der Tollkühne Xuefang und Chenglei sah, empfing er sie wie Retter in der Not mit überschwänglicher Herzlichkeit. Noch bevor die Begrüßungszeremonie vorbei war, zerrte er sie ungeduldig auf einen Elektrokarren und pries den Garten in den höchsten, übertriebenen Tönen an. Tatsächlich hatte Xuefang sich schon vorher gründlich über den Obstgarten informiert.
Nach der Besichtigung zog Han der Tollkühne Xuefang und Chenglei in ein Dorfrestaurant. Offenbar war alles im Voraus arrangiert, denn kaum hatten sie sich gesetzt, war der Tisch schon voller kalter und warmer Speisen. Es gab einen Gurkensalat mit Glasnudeln, ein "Große Ernte"-Gericht mit Dipeiern, Hähnchen mit Pilzen, gebratenen Karpfen in Sojasoße, getrocknete Bohnen mit Rotem Schweinefleisch, und ein "Bauerntopf" aus Schweinenackenknochen, weißen Bohnen, Mais, Kartoffeln und Kürbis ... Xuefang wusste, dies war die höchste Gastfreundschaft auf dem Land -- alles, was fliegt, läuft und schwimmt, war vertreten. Verglichen mit Chenglei war Xuefang mit der nordostchinesischen Küche vertrauter. Als Kind hatte sie oft Meizis "Eintopf" aus Bohnen, Kartoffeln, Kürbis, Mais und anderem gegessen. Aber manche Gerichte kannte sie doch nicht. Xuefang zeigte auf ein goldbraun frittiertes Gericht und fragte Han den Tollkühnen: "Was ist das?" "Fasanenhals", sagte Han der Tollkühne. Als er Chengleis verdutztes Gesicht sah, erklärte er: "Das ist kein echter Fasanenhals. Man rollt Schweinehackfleisch in Eieromelettblätter, taucht es in Mehlteig und frittiert es. Es heißt Fasanenhals, weil es so aussieht wie der Hals eines Fasans. Probier mal, ganz ausgezeichnet." Chenglei hielt sich die Hand vor den Mund und lachte, wollte aber nicht essen. Xuefang kostete eines -- besonders knusprig, der Geschmack füllte den ganzen Mund. Han der Tollkühne sagte: "Das Hauptgericht kommt noch."
Xuefang sagte: "Das ist schon viel zu viel. Was wir nicht essen, wird verschwendet."
"Wenn hoher Besuch kommt, darf das Hauptgericht nicht fehlen!"
Chenglei sagte: "Diese Gerichte sind schon ziemlich kräftig."
"Es kommt noch etwas Kräftigeres -- geschmortes Sikahirschfleisch."
"Sikahirsch?", sagte Chenglei und streckte die Zunge heraus.
Während des Essens holte Han der Tollkühne seinen zwanzig Jahre gelagerten Getreideschnaps hervor. Xuefang sagte: "Mittags wird nicht getrunken." Han der Tollkühne: "Kein Festmahl ohne Schnaps. Es muss getrunken werden." Chenglei sagte: "Die rechte Hälfte des Zeichens für 'Schnaps' ist 'you', und 'you' bedeutet Abend." Han der Tollkühne sagte: "Auf dem Land gibt es solche Regeln nicht. Hier trinkt man nicht nur mittags, manchmal morgens schon zwei Gläschen."
Han der Tollkühne schenkte Xuefang und Chenglei halb nötigend volle Gläser ein. Xuefang wusste, dass Chenglei auf Alkohol allergisch reagierte, und stellte sich schützend vor ihn. Han der Tollkühne lachte: "Ich würde nie ein Mädchen ungerecht behandeln. Fair ist fair: Du trinkst eins, ich trinke zwei."
Xuefang wusste, dass Han der Tollkühne sich verschätzt hatte. Xuefang war noch nie betrunken geworden -- selbst wenn sie zu viel hochprozentigen Schnaps trank, bekam sie höchstens Magenprobleme. Man sagte, in ihrem Körper gebe es ein Enzym, das Alkohol abbaue. Obwohl sie Biologin war, hatte sie das nie ernsthaft erforscht. Aber sie wusste: Ihre Trinkfestigkeit hatte sie wohl von Meizi geerbt.
Und tatsächlich: Nach einem halben Pfund Schnaps schwankte Han der Tollkühne, seine Zunge war steif: "Was soll ich noch sagen ... den Garten verpachte ich an euch, jemand anders ... egal wie viel der zahlt, kommt nicht in Frage. Warum? Frag nicht warum, ich ... ich setze einfach auf dich!"
Chenglei riet Han dem Tollkühnen aufzuhören, doch der starrte ihn mit geröteten Augen an: "Wen guckst du so herab? Ich hab mir gerade erst den Mund gespült."
Han der Tollkühne wollte nicht als Verlierer dastehen und versuchte, Xuefang den letzten Schlag zu versetzen -- doch er selbst fiel zuerst auf dem "Schlachtfeld" um.
Han der Tollkühne wurde in den hinteren Raum gebracht, und als Xuefang sich umdrehte, war Chenglei spurlos verschwunden. Sie eilte hinaus, und erst nach zehn Metern entdeckte sie ihn auf einem freien Platz neben dem Haus, wo er seine Drohne steuerte.
"Filmst du den Obstgarten?"
"Nein, die Landschaft."
"Und der Obstgarten?"
"Den habe ich nicht gefilmt."
"Willst du nicht?"
Chenglei sagte: "Ich finde es nicht sehr überzeugend."
Xuefang lachte: "Ich weiß. Herr Han hat maßlos übertrieben. Siebzig Prozent der Bäume müssten ausgetauscht werden ..."
"Ich meine nicht die Bäume ... Die Leute hier sind zu tollkühn. Wie kann man Sikahirsch essen? Das ist ein geschütztes Tier."
Xuefang lachte noch lauter und musste sich vornüberbeugen. "Die Sikahirsche, die man isst, stammen aus Zuchtbetrieben und fallen nicht unter den Artenschutz."
Chenglei blinzelte und sagte: "Trotzdem, ich finde diesen Obstgarten nicht ideal ... Warum genau, kann ich im Moment nicht sagen."
Xuefang richtete sich auf, schaute Chenglei in die Augen und vergewisserte sich, dass er es ernst meinte. Dann sagte sie: "Gut, reden wir in der Stadt weiter."
An jenem Nachmittag schlug das Wetter plötzlich um, Wind und Regen peitschten, und der alte Liu Yanr bat im Namen von Han dem Tollkühnen wiederholt Xuefang und Chenglei zu bleiben. Doch Xuefang bestand darauf, in die Stadt zurückzufahren. Etwa einen Kilometer nach dem Bergdorf Shanding sah Xuefang durch den Streifen, den der Scheibenwischer freiwischte, ein kleines Lebewesen am Straßenrand, das sich wand. Eigentlich waren sie schon vorbeigefahren, aber Xuefang ließ Chenglei zurücksetzen.
Als sie das Fenster herunterkurbelte, hörte Xuefang das Fiepen kleiner Hunde.
Es war eine aufgegebene Müllkippe. Ein kleines, schwarz-weiß geflecktes Hundebaby schrie im strömenden Regen. Xuefang und Chenglei stiegen aus und legten das Welpe in eine Schachtel. Es war kaum einen halben Monat alt und hatte die Augen noch nicht geöffnet. In der Befürchtung, es könnten noch Geschwister da sein, suchten sie die Umgebung ab und fanden tatsächlich nacheinander drei weitere in einem Straßengraben und unter einem Betonrohr. Vier klitschnasse Hundebabys waren es insgesamt -- ein Rüde und drei Hündinnen.
Xuefang und Chenglei waren inzwischen selbst von Kopf bis Fuß mit Schlamm bedeckt, wie begossene Pudel.
"Die Hundemutter ist vielleicht in der Nähe", sagte Xuefang. "Selbst wenn die Welpen ausgesetzt wurden, kann das nicht lange her sein. Die Hundemutter muss in einem der umliegenden Dörfer sein."
"Aber wo sollen wir die Hundemutter jetzt suchen?"
"Fragen wir im Dorf nach."
Xuefang und Chenglei kehrten ins Bergdorf Shanding zurück und erkundigten sich nach der Hundemutter. Im kleinen Restaurant trafen sie den alten Liu Yanr. Der sagte, er habe schon mal eine trächtige Streunerin gesehen, die manchmal zum Obstgarten kam, um nach Futter zu suchen.
"So kleine Hunde überleben ohne ihre Mutter nicht", sagte Xuefang.
"Was sollen wir tun?", fragte auch Chenglei ratlos.
"Wir bleiben hier und suchen erst die Hundemutter."
Chenglei schaute aus dem Fenster. Auch er hatte keine bessere Idee.
In der Stadt regnete es ebenfalls, allerdings nur leicht, ein feiner Nieselregen.
Meizi saß am Krankenbett und schälte für Liu Baogui einen Apfel. Liu Baogui hustete einmal und fragte: "Wo ist Xuefang?"
Meizi sagte: "Xuefang trifft wohl Freunde. Am Nachmittag müsste sie kommen."
Liu Baogui sagte: "Meine Krankheit ist ein altes Leiden. Es war an der Zeit, dass es wieder zuschlägt. Es hat nichts mit Xuefang zu tun."
"Xuefang?"
"Sag Xuefang, mein Anfall hat nichts mit ihr zu tun."
"Meinst du die Sache mit dem Apfelanbau? Ich habe doch gesagt, bei ihr kommt eine Idee nach der anderen, drei Minuten Begeisterung, in ein paar Tagen hat sie es selbst vergessen. Und selbst wenn sie es wirklich will -- allein kann sie keinen Obstgarten bewirtschaften. Und woher soll das Geld kommen? Einen Obstgarten zu pachten ist nicht dasselbe wie eine Handtasche zu kaufen."
"Du musst es Xuefang unbedingt sagen. Mir fällt es schwer."
In Wahrheit wusste Meizi genau: Je mehr Liu Baogui so sprach, desto mehr wurde Xuefang zum Verdachtsfall. Nur verstand sie nicht, warum sie selbst als Mutter sich wegen des Plans ihrer Tochter nicht aufgeregt hatte, der Großvater aber, eine Generation weiter entfernt, so heftig reagierte. Plötzlich erschien ihr Liu Baogui wie ein Rätsel.
Meizi erinnerte sich, dass Liu Baogui mehrfach gesagt hatte: "Jeder Mensch ist ein Baum. Man muss einen Ort finden, an dem man Wurzeln schlägt." Liu Baogui hatte fünf, sechs Jahrzehnte in der Stadt gekämpft -- hatte er einen Platz gefunden, um dort Wurzeln zu schlagen?
Xuefang wurde im kleinen Haus in der Nanshan-Straße 57A geboren.
Schon vor Xuefangs Geburt hatte Liu Baoguis Familie in diesem im japanischen Stil gebauten Häuschen gewohnt. Das Haus war mindestens fünfzig Jahre alt. Nach der japanischen Kapitulation waren die ehemals von Japanern bewohnten Häuser an Arbeiter verteilt worden. Manche Arbeiter trauten sich nicht einzuziehen, aus Angst vor späteren Vergeltungen, aber die Fabrikleitung überredete sie und geleitete sie unter Trommelschlag und Gong-Klang in die Häuser. Früher wohnte eine Familie in einem Haus. Bei der Verteilung zogen drei oder vier Familien ein, und im Laufe der Zeit, als in den Betrieben das Personal zunahm und der Wohnraum knapp wurde, waren bis Anfang der 1980er Jahre sieben oder acht Familien zusammengepfercht. Von außen betrachtet ruhten die Häuschen der Nanshan-Gegend anmutig eingebettet in grüne Wellen; innen sah es freilich anders aus: jahrelang nicht renoviert, überall Spuren von Wind und Wetter. Die Häuser mochten alt sein, doch die Kiefern und Akazien davor standen in voller Pracht, in ihrer besten Lebensphase. Besonders im Mai hingen die Akazienblüten in Trauben an den Zweigen, und sobald man das Fenster öffnete, wehte ihr schwerer Duft herein, direkt ins Herz.
Liu Baogui war im Haus "ein halber Alteingesessener". Er war Anfang der 1960er Jahre eingezogen, hatte nicht die Seniorität der ältesten Bewohner, aber mehr Erfahrung als die Neuen. Erst nach seiner Pensionierung lernte er das Haus richtig kennen, wurde vertraut mit jedem Grashalm und jedem Baum im Hof.
Vor Tagesanbruch war Liu Baogui schon wach. Im Alter wurde Ausschlafen ein beneidenswerter Luxus, und wenn man dann noch etwas auf dem Herzen hatte, schlief man erst recht nicht gut. In der Morgendämmerung trat Liu Baogui als Erster aus dem Haus, streckte Arme und Beine und machte sich auf den Weg über die abschüssige Schotterstraße der Nanshan-Straße. Kaum jemand war unterwegs. Der auswärtige Ölstick-Verkäufer an der Straßenecke fachte gerade sein Feuer an. Der alte Fei, der den Parkplatz zwischen den Häusern bewachte, stand noch einsam dort, die lange Taschenlampe geschultert, die verblasste Armbinde am Arm, und rief schon von Weitem: "Da Liu, wieder Beinchen vertreten?"
In der Nanshan-Straße wurde Liu Baogui "Da Liu", "Onkel Liu" oder "Opa Liu" genannt. Selbst seine eigenen Kinder hatten verschiedene Bezeichnungen für ihn. Die Töchter sagten "alter Papa", die Söhne "der Alte". Das kümmerte ihn wenig, erst in letzter Zeit fiel ihm auf, dass immer weniger Menschen ihn "Da Liu" nannten.
Seine Generation verließ eine nach der anderen die Bühne des Lebens.
Als Liu Baogui in das Haus gezogen war, strotzte er vor Kraft. Im Nu waren dreißig Jahre vergangen, und aus dem stoppelbärtigen Kerl war ein Mann mit weichen Knien geworden. Damals war die Nanshan-Straße ruhiger, die Häuser meist unter dichten Akazien verborgen, selten ein Fußgänger -- ganz anders als heute, wo außer der Stille der Frühmorgenstunden im Spätsommer und Frühherbst tagsüber der Lärm des Straßenmarkts und das Hupen der Autos um die Wette dröhnten, zum Verrücktwerden.
Als Liu Baogui nach Hause kam, lag seine zweite Tochter Meizi noch im Bett. Er ging zum Apfelbaum an der Südwestecke des Hauses und pflückte die spärlichen Äpfel ab, bevor ein Sturm sie herunterschlagen konnte. Der Baum war aus der alten Heimat, dem Bergdorf Shanding, hierher verpflanzt worden -- eine früh reifende Sorte, die Ende August Früchte trug, in der Größe zwischen Guoguang-Äpfeln und Holzäpfeln. Niemand wusste, welche Sorte es genau war, doch es waren zweifellos Äpfel. Ob es am ungewohnten Boden lag -- der Baum wuchs krumm und schief, und die Äpfel hingen dünn gesät. Liu Baogui legte die gepflückten Äpfel in einen Korb. Er wollte sie in vier Portionen teilen, eine für jedes Kind.
Liu Baogui trug den Korb ins Haus und begann, die Äpfel aufzuteilen. Er machte absichtlich etwas Lärm dabei, aber Meizi reagierte nicht. Meizi war seit gut einem Jahr verheiratet und wohnte eigentlich bei ihrer Schwiegermutter, kam aber immer wieder für ein paar Tage nach Hause. Manchmal kam sie spät; gestern Nacht war sie erst um Mitternacht eingetroffen. Liu Baogui hatte im schwachen Lampenlicht verstohlen auf seine Taschenuhr geschaut, nichts gesagt, sich aber unwohl gefühlt.
Liu Baogui schaute ärgerlich auf die schlafende Meizi, machte eine heftige Armbewegung und stieß dabei die Emailleschüssel auf dem Hocker an. Die Schüssel fiel klappernd zu Boden, rollte einen halben Kreis, schaukelte und wurde langsam leiser, bis sie still lag.
Meizi brummte etwas, drehte sich um und schlief weiter.
Nachdem er die Äpfel zur Hälfte aufgeteilt hatte, ging Liu Baogui in die Küche, um Frühstück zu machen: Er kochte Reisbrei, röstete die übrig gebliebenen Mantou-Brötchen vom Vorabend, holte eingelegten Rettich aus dem Gurkenfass und stellte zwei Stücke grünen Tofu dazu. Nach kurzem Überlegen nahm er noch ein gesalzenes Entenei heraus -- das war für Meizi bestimmt. Normalerweise aß Liu Baogui nicht jeden Tag ein Entenei.
Erst als das Essen fertig war, kroch Meizi aus dem Bett, nahm verschlafen eine Tasse Wasser und ging zum Zähneputzen in den Hof.
Liu Baogui beachtete Meizi nicht und aß allein. Als Meizi sich an den Tisch setzte, war er schon fertig.
"Was ist los? Langes Gesicht, bin ich nicht willkommen?", fragte Meizi.
"Wenn Dalin nicht zu Hause ist, ist es gut, dauernd auswärts zu sein?", sagte Liu Baogui.
"Gerade weil er nicht da ist, will ich dort nicht wohnen. Und außerdem -- wieso auswärts? Ich bin in meinem eigenen Zuhause."
"Im Elternhaus."
"Ist das Elternhaus nicht mein Zuhause?"
Meizi klopfte die Eierschale auf, klopfte sie ganz klein: "Ist es Ihnen um Ihr Essen leid?"
"Rede nicht so gewissenlos. Meine ich das etwa?"
"Was meinen Sie denn?"
"Du weißt genau, was ich meine."
Meizi sagte: "Sie mögen es bloß nicht, dass ich blaue Ringe unter den Augen habe."
Heute war Wochenende, der Besuchstag der Kinder. Vor dem Mittagessen würden Yuejin und Shiqing mit Ehepartnern und Kindern einer nach dem anderen eintrudeln, ausgelassen herumtoben und dann laut wieder abziehen. Liu Baogui hatte das längst satt. Doch so leid es ihm tat -- wenn um die gewohnte Zeit keine Kinder kamen und Lärm machten, wurde er unruhig. Nachdem die Kinder ihn einen ganzen Tag in Beschlag genommen hatten, verabschiedete Liu Baogui sie mit unfreundlichen Worten, und die Kinder hatten sich an seine Art gewöhnt: Sie aßen, was es gab, tranken, was da war, nahmen mit, was sie wollten ... Liu Baoguis zwei Zimmer waren aus dem Wohnzimmer umgebaut, zusammen keine vierzig Quadratmeter, feucht und dunkel, und einst hatten hier sieben Familienmitglieder aus drei Generationen gewohnt. Von außen mochte das Haus hübsch aussehen, innen war es anders: verrottete Fensterrahmen, feuchte Grundmauern, keine Heizung, nachts Wasser auffangen. Wenn die Kinder manchmal vor Freude auf dem Boden hüpften, bröckelte der Putz in Stücken von den Wänden. Doch Liu Baoguis vier Kinder waren hier geboren und aufgewachsen, und seine Frau hatte hier die Augen für immer geschlossen. Diese zwei kleinen Zimmer bargen fast ein ganzes Leben voller Kummer und Freude. Jetzt waren die Kinder erwachsen und ausgeflogen wie Vögel, hatten eigene Nester gebaut.
Liu Baogui war 1987 in den Ruhestand getreten, als die Aufträge der Fabrik drastisch zurückgingen, manche Abteilungen zusammengelegt oder stillgelegt wurden. Als die Fabrik ihre glorreichen Zeiten hinter sich hatte, erreichte Liu Baogui das Rentenalter. Man sagte, Liu Baogui habe Glück gehabt und immer die guten Zeiten mitgenommen. Während die großen Betriebe niederging, sprossen die kleinen wie Pilze aus dem Boden. Erfahrene Meister waren heiß begehrt. Liu Baogui mit seinem Nimbus als "alter Vorbildarbeiter" war zunächst nicht zufrieden, übergangen zu werden. Er versuchte es bei einer Fabrik, bewies in kürzester Zeit sein Können und verblüffte alle. Man hatte gedacht, der alte Vorbildarbeiter sei fleißig, aber nicht sonderlich geschickt -- tatsächlich war sein technisches Können auf höchstem Niveau. Man bot ihm ein gutes Gehalt an. Doch Liu Baogui ging nicht wegen des Geldes, sondern um zu beweisen, dass er "echtes Können" besaß. Er erzählte seiner Frau Fang Guiqin davon. Sie sagte: "Du bist noch fit, plötzlich aufzuhören täte dir nicht gut. Arbeite ruhig noch ein paar Jahre, und außerdem brauchen wir das Geld." Damals befand sich Liu Baoguis Familie noch in einer anstrengenden Phase: Der älteste Sohn Yuejin hatte Fang Guiqins Stelle in der Fabrik übernommen und war gerade mit einer Freundin zusammen. Die älteste Tochter Shiqing hatte gerade ihre erste Arbeit angetreten. Meizi besuchte das erste Jahr der Kindergärtnerschule. Der jüngste Sohn Xiao Gezi ging noch aufs Gymnasium. Fang Guiqin war wegen Krankheit vorzeitig in Rente gegangen, Spritzen und Medikamente waren an der Tagesordnung. Finanziell war es stets eng. Nach langem Überlegen gab Liu Baogui nach. In jenen Jahren verdiente er tatsächlich ganz gut. Später begleitete er seine Frau Fang Guiqin auf ihrem letzten Weg, Yuejin und Shiqing heirateten, Meizi wurde dem Kindergarten zugeteilt, und Xiao Gezi machte seinen Gymnasialabschluss. Da erst spürte Liu Baogui allmählich seine eigene "Unzufriedenheit". Dieser dreißigjährige Vorbildarbeiter hatte sehr orthodoxe Ansichten und empfand die Arbeit für einen Privatunternehmer stets als "Schuften für den Kapitalisten". In den schweren Jahren hatte er sich gefügt, aber jetzt, da die Familie stabil war, sah er keinen Grund mehr, sich selbst zu quälen. Als er seinen Kindern davon erzählte, stimmten alle zu: Liu Baogui habe sein ganzes Leben geschuftet, er habe sich Ruhe verdient. "Genießen Sie Ihren Lebensabend, Herr Papa", sagte Yuejin. Xiao Gezi hatte irgendwo ein Spruchpaar aufgeschnappt und deklamierte: "Obere Zeile: Früh in Rente, spät in Rente -- irgendwann geht man in Rente. Untere Zeile: Früh sterben, spät sterben -- irgendwann stirbt man." Als alle Xiao Gezi fragend anschauten, hielt er den Moment der Spannung aufrecht und sagte grinsend: "Das Entscheidende ist die Querschrift: Früh in Rente, spät sterben!" Da endlich lächelte Liu Baogui.
Liu Baogui sagte: "Der Mensch muss Zufriedenheit lernen und nicht immer nach Höherem streben. Ich habe in meinem Leben schon mehr bekommen, als mir zusteht."
Um halb elf hörte Liu Baogui eine Fahrradklingel und wusste instinktiv: Das musste sein Ältester Yuejin sein. Tatsächlich hörte er, wie Meizi und Yuejin sich begrüßten. Liu Baogui ging langsam zur Tür und sah die beiden draußen flüstern. Ihm schwante Ungemach. Er trat unter das Vordach und fragte: "Ihr seid da und kommt nicht rein? Was tuschelt ihr da?"
Yuejin wollte etwas sagen, stammelte aber nur: "Lass uns drinnen reden."
Meizi, schneller mit der Zunge, platzte heraus: "Xiao Gezi hat Ärger bekommen ..."
"Ärger ... was für Ärger?", rief Liu Baogui erschrocken.
Meizi sagte: "Bruder hat gesehen, wie die Polizei ihn abgeholt hat."
"Abgeholt? Du hast das gesehen?"
Yuejin warf Meizi einen bösen Blick zu und sagte dann zu Liu Baogui: "Vor dem Qianjin-Kino habe ich Xiao Gezi gesehen. Ich wollte ihm sagen, er solle früher kommen, aber bevor ich bei ihm war, stieg er schon mit den Polizisten in einen Streifenwagen. Es war aber nicht so, wie Meizi sagt, dass die Polizei ihn abgeholt hat."
"Wenn ihn die Polizei nicht abgeholt hat, warum ist er dann in den Streifenwagen gestiegen?"
"Hast du nicht nach den Umständen gefragt?", fragte Liu Baogui Yuejin.
Yuejin sagte: "Bevor ich dort war, fuhr der Streifenwagen schon los."
"Du hast dich nicht hingetraut, stimmt's?" Liu Baogui funkelte Yuejin an.
"Ich mich nicht hintrauen? Ich, Liu Yuejin, habe mich noch nie vor etwas gefürchtet!"
"Angeben kannst du. Andere kennen dich vielleicht nicht, aber ich kenne dich."
Liu Baogui ging zurück ins Haus. Yuejin drehte sich um und ließ seine Wut an Meizi aus: "Was für eine Zunge hast du? Auf Schlittschuhen? Ab jetzt sage ich dir gar nichts mehr."
"Gut, dann sag mir am besten nichts mehr."
"Jetzt ist es so weit -- du hast den Ärger angerichtet, du darfst ihn auch ausbaden."
"Wieso habe ich Ärger angerichtet? Ärger gemacht hat Xiao Gezi, weitergeplappert hast du, was habe ich damit zu tun?"
"Wenn du nicht so eine schnelle Zunge hättest, hätte sich der Alte dann aufgeregt?"
"Du meinst also, es ist alles meine Schuld?"
"Was denkst du denn ... Gleich kommt deine Schwägerin mit dem Kind, und das Mittagessen heute wird nicht in Ruhe ablaufen."
"Du denkst nur an dich, machst dir kein bisschen Sorgen um Xiao Gezi, und der ist dein leiblicher Bruder."
"Sorgen? Nützen meine Sorgen etwas?"
Yuejin ging hinein, um mit Liu Baogui zu reden. Meizi folgte ihm.
Liu Baogui saß rauchend auf einem Stuhl, warf einen Blick auf Yuejin und Meizi und schwieg.
Yuejin erklärte Liu Baogui: "Die Polizisten wirkten ganz freundlich, das sah nicht aus wie eine Festnahme."
"Und was sieht deiner Meinung nach wie eine Festnahme aus?", warf Meizi ein.
"Bei einer Festnahme legt man doch Handschellen an, oder?"
"Xiao Gezi ist zwar ein Unruhestifter, aber für ein schweres Vergehen dürfte es nicht reichen."
Liu Baogui drückte die Zigarette im Edelstahl-Aschenbecher aus und sagte gereizt: "Hört auf, mir Beruhigungspillen zu geben. Ich denke gar nicht daran, mir seinetwegen Sorgen zu machen ... Außerdem, der Junge treibt sich den ganzen Tag untätig herum, es wird Zeit, dass sich mal jemand um seine Erziehung kümmert."
Meizi sagte: "Soll ich mich umhören?"
"Niemand rührt sich! Wer Mist baut, muss ihn selbst verantworten."
"Aber Xiao Gezi ist doch immerhin ..."
Liu Baogui winkte ab: "Geht alle raus, lasst mich einen Moment in Ruhe."
Yuejin und Meizi kannten Liu Baoguis Temperament und zogen sich gehorsam ins Nebenzimmer zurück.
Liu Baogui fühlte sich schwer und legte sich seitlich auf das Bett. Auch wenn er behauptete, sich keine Sorgen um Xiao Gezi zu machen, war sein Herz voller dunkler Wolken. "Wie konnte ich nur so einen Taugenichts in die Welt setzen?", murmelte er und schlug sich auf die Brust.
Eigentlich hatte Xiao Gezi von allen Geschwistern die besten Lernbedingungen gehabt. Yuejin übernahm nach der Mittelschule den Arbeitsplatz in der Fabrik. Shiqing geriet in einen besonders starken Abiturjahrgang, schaffte es nicht aufs Gymnasium und besuchte eine Berufsfachschule -- zum Glück hatte sie Glück und bekam nach dem Abschluss eine Stelle am Bankschalter. Meizi hatte Hochschulreife, aber ihre Grundlagen aus Grund- und Mittelschule waren so schlecht, dass sie mit Müh und Not eine Kindergärtnerschule schaffte. Zu jener Zeit war die Aufnahmequote winzig -- wer es auf eine Fachschule schaffte, hatte schon großes Glück. In Meizis durchschnittlicher Schule mit neun Klassen und über 400 Schülern schafften am Ende nur vier die Universität, fünf die Fachhochschule oder Fachschule -- im Schnitt einer pro Klasse, eine Quote von gut zwei Prozent. Als Xiao Gezi aufs Gymnasium kam, halfen alle Geschwister: Sie kauften ihm einen Kassettenrekorder zum Englischlernen, allerlei Lernmaterial, organisierten Nachhilfe. Damals gab es noch keinen Nachhilfeboom -- Xiao Gezi war sozusagen ein "Pionier" der außerschulischen Förderung. Die ganze Familie Liu investierte all ihre Energie in ihn, Zeit und Geld waren nicht gespart -- doch das Ergebnis enttäuschte alle: Xiao Gezi schaffte die Aufnahmeprüfung nicht. Bei einer Familienberatung beschloss man, ihn ein weiteres Jahr lernen zu lassen. In ihren Augen war Xiao Gezi klug und aufgeweckt -- sicher war er bei der Prüfung nur abgerutscht. Doch Xiao Gezi wollte nicht wiederholen, er wollte früh in die Gesellschaft hinaus. Er beneidete die Leute, die im Handel Geld verdienten, und viele davon hatten nie studiert. "Die Universität des Lebens ist die wahre Universität", sagte Xiao Gezi.
Gerade als Liu Baogui sich wegen Xiao Gezis mangelndem Ernst Sorgen machte, kam dieser mit einer Flasche importiertem Schnaps nach Hause, um den Vater zu ehren, und erzählte stolz, er habe einen Job gefunden, der um ein Vielfaches besser bezahlt sei als Yuejins Gehalt. Liu Baogui fragte, was für ein Job. Xiao Gezi sagte nur, etwas mit Außenhandel. Später erfuhr Liu Baogui, dass Xiao Gezi mit Leuten in der Straße am Seemannsclub "Devisenscheine" vertickte. Liu Baogui konnte das nicht hinnehmen und verpasste Xiao Gezi in seinem Zorn zwei Ohrfeigen. Der verwöhnte Xiao Gezi stürmte hinaus und lief von zu Hause weg.
Meizi kam eigens von der Schule, um zwischen Liu Baogui und Xiao Gezi zu vermitteln. Liu Baogui gab nach, aber Xiao Gezi weigerte sich einzulenken. Meizi bat Shiqing, sich einzuschalten. Shiqing fand Xiao Gezi in den Armen eines stark geschminkten Mädchens. Er hielt sie vor Shiqings Augen um die Taille und fragte: "Große Schwester, ist meine Freundin hübsch?" Shiqing nickte aus Höflichkeit lächelnd. Xiao Gezi freute sich, gab dem Mädchen überraschend einen Kuss auf die Wange und sagte: "Meine große Schwester hat hohe Ansprüche, wenn selbst sie dich gut findet!"
Xiao Gezi erzählte Shiqing grinsend, seine Freundin heiße "Xiao Duo" -- "Sieh mal, was für kultivierte Eltern. Die Tochter ist eine Blume: die Älteste heißt Da Duo, die Zweite Er Duo, und sie, die Jüngste, heißt Xiao Duo. Xiao Duo hat einen eigenen Schönheitssalon und verdient zwei- bis dreitausend im Monat."
Shiqing sagte zu Meizi: "Himmel, mir wurde ganz schlecht ... Er schämt sich überhaupt nicht mehr."
Meizi sagte: "Ich habe gehört, das Mädchen ist hübsch, gute Figur, wie ein Model."
"Aber hohe Wangenknochen! Das Sprichwort sagt: Hohe Wangenknochen -- ein Totengräber für den Ehemann."
"Sprichwörter stimmen nicht immer."
Shiqing sagte: "Aber was soll das werden? Nach ein paar Tagen Bekanntschaft zieht er bei ihr ein, nicht verheiratet, nicht mal standesamtlich registriert -- das ist doch Chaos!"
Liu Baogui erfuhr ungefähr, wie es um Xiao Gezi stand, und war voller Sorgen. "Du kleines Biest, treib es nur weiter, irgendwann wird es ein böses Ende nehmen!"
Liu Baogui lag eine Weile, raffte sich aber wieder auf. Heute kamen die Kinder nach Hause, er musste etwas auf dem Markt besorgen. Xiao Gezi war Xiao Gezi, man durfte nicht einen faulen Fisch den ganzen Topf verderben lassen.
Kaum war Liu Baogui aus der Tür, traf er auf Yuejin und Meizi.
Yuejin sagte: "Du brauchst nicht auf den Markt, Sufen bringt gleich Guoguo mit und hat schon eingekauft."
Liu Baogui stutzte, dann sagte er: "Was sie kauft, ist ihrs. Was ich kaufe, ist meins."
Meizi war überrascht, blickte Yuejin an und entdeckte dann die Ecke, die aus Liu Baoguis Hosentasche ragte -- ein dunkelrotes Nylontuch, das, aufgefaltet, sicher den Aufdruck von Shiqings Bank zeigte.
In diesem Moment hupte draußen ein Auto. Durch das offene Tor sah man einen roten Xiali auf dem schmalen Weg vor dem Haus stehen. Das runde Gesicht des Schwagers Xu Hongwei tauchte aus dem Autofenster auf. Mit lauter Stimme rief er Yuejin und Meizi zu: "Heute ist ein guter Tag!"
Xu Hongweis unerwarteter Ausruf missfiel Liu Baogui. Für ihn, der sich Sorgen um Xiao Gezi machte, klang es fast wie Hohn. Yuejin und Meizi wussten auch nicht, was er meinte. Meizi durchforstete im Kopf alle Feiertage und Gedenktage, Yuejin schaute aufs Wetter.
"Wochenende eben, natürlich ein guter Tag", sagte Meizi.
Xu Hongwei sagte: "Heute Morgen habe ich eine gute Nachricht gehört."
"Was für eine gute Nachricht? Erzähl!", sagte Yuejin.
Xu Hongwei blickte zum Heck des Wagens. Shiqing mit dem kleinen Lili auf dem Arm und Sufen mit der kleinen Guoguo an der Hand kletterten nacheinander aus dem Xiali. Xu Hongwei zwinkerte geheimnisvoll: "Fragt Shiqing." Dann ging er zum Kofferraum und holte einige schwarze Plastiktüten heraus.
Meizi sagte zu Yuejin: "Geh und hilf ihm."
"Warum gehst du nicht?"
"Du bist ein Mann, wirklich, schämst du dich nicht?"
Yuejin schielte zu Liu Baogui, dann ging er Xu Hongwei helfen.
"Bruder, schau dir diese Riesenflunder an, wild gefangen! Ich bin vor Morgengrauen zum Osthafen gefahren und habe sie den Händlern förmlich aus den Händen gerissen."
Yuejin nahm die Tüte, schaute hinein -- die beiden Flundern wogen mindestens zwei Kilo. Nach aktuellem Marktpreis kosteten sie nicht unter hundert Yuan, dazu die Krebse und Muscheln -- das waren locker zweihundert. Solche großzügigen Ausgaben konnte er sich unmöglich leisten. Aber in dieser Familie war er der Älteste, und es war ihm schon etwas unangenehm. Doch der Gedanke verflog schnell: Wer konnte, der gab mehr, so war es eben, dachte Yuejin.
"Und die gute Nachricht?", fragte Yuejin Shiqing. Doch Shiqings Aufmerksamkeit galt Lili -- sein Spielzeug, eine maisförmige Mundharmonika, klemmte unter seinem Arm.
Liu Baogui schien keine Lust auf "gute Nachrichten" zu haben. Er begrüßte Shiqing und Sufen knapp und ging wortlos zurück ins Haus.
Shiqing hängte das Maisspielzeug an Lilis Brust und rief laut zu Yuejin: "Bruder, mit Meeresfrüchten kennst du dich aus. Du kochst gleich, Meizi hilft dir. Verschwendet das gute Essen nicht!"
Meizi konnte Shiqings Großtuerei nicht ausstehen. Seit wann hatte die denn Geld? Und schon konnte sie sich nicht zurückhalten und musste angeben. Früher war Meizi diejenige, die am meisten nach Hause brachte: Fast nie kam sie mit leeren Händen, die jährlichen Apfelkisten von der Arbeit brachte sie Liu Baogui, manchmal zwei, manchmal vier. Auch die Feiertagsrationen an gefrorenem Fisch, Garnelen, Reis, Mehl und Öl -- alles ging ins Elternhaus. Diese Einseitigkeit zugunsten des Elternhauses ging natürlich zulasten der Schwiegerfamilie, aber Dalin war großzügig und hatte nie deswegen gestritten. Interessanterweise verglich sich Meizi nicht mit Yuejin oder Xiao Gezi. Yuejin war ein Pfennigfuchser, der von seinem eigenen Geld nichts herausrückte. Nun ja, gar nichts war auch nicht ganz fair -- manchmal brachte er seine Frau und sein Kind mit und kaufte ein bisschen Gemüse. Aber er war auch zu sich selbst genauso geizig: Ein Kleidungsstück trug er, bis es durchsichtig wurde, aß regelmäßig eingelegte Rüben mit Brot und war so sparsam, dass er beim Verlassen des Hauses den Strom abstellte und nachts das tropfende Wasser auffing. Mit der Zeit hatte man sich daran gewöhnt und fand seine Knauserigkeit verständlich. Xiao Gezi brauchte man gar nicht erst zu erwähnen, der war noch zu jung. Meizi verglich sich nur mit Shiqing. In den ersten Ehejahren verdienten Shiqing und Xu Hongwei beide Festgehälter, zusammen unter 200 Yuan im Monat. Es reichte vorn und hinten nicht, und im Elternhaus mitzuessen und mitzunehmen war normal. Deswegen stichelte Meizi sie gern an, die große Schwester gehe nicht mit gutem Beispiel voran. Shiqing konterte prompt, sobald Meizi einmal mit leeren Händen kam: "Oh! Die fürsorglichste Schwester -- wie kann sie denn mit leeren Händen kommen?" Meizi wurde feuerrot und bekam Magenschmerzen. Später kündigte Xu Hongwei seinen Job und wurde Taxifahrer, was die Finanzen erheblich verbesserte. Mit Geld kam auch das Selbstbewusstsein. Wenn Shiqing jetzt ins Elternhaus kam, brachte sie nicht nur bessere Sachen mit, sie sprach auch in einem anderen Ton. Wenn sie etwas Teures mitbrachte, sorgte sie dafür, dass Meizi es bemerkte, als wäre es extra für sie inszeniert. Ihr Blick sagte: Na, trau dich, messen wir uns!
Meizi rief laut zu Xu Hongwei: "Schwager, die Meeresfrüchte sind toll, aber wir kriegen die nie so gut hin. Du hättest einen Chefkoch mitbringen sollen."
Xu Hongwei schien die Dynamik zu durchschauen und lenkte ab. Er holte eine Packung Mudan-Zigaretten aus dem Auto, zündete sich eine an und nuschelte: "Das besprichst du mit deiner Schwester. Bei uns bestimmt sie." Er nahm einen Zug und winkte ab. "Wartet nicht mit dem Mittagessen auf mich, ich treffe mich mit ein paar Kumpels."
Damit fuhr er davon.
Shiqing hatte Liu Baogui auch einmal Sorgen bereitet. Auf der Berufsfachschule hatte sie sich in einen Unteroffizier Yang verliebt. Unteroffizier Yang kam vom Land in Hailin, Heilongjiang, und war bei einer Garnison in der Nähe von Zhoushuizi stationiert. Er hatte Shiqings Klasse eine Woche lang im Militärtraining unterrichtet, und seitdem hatte Shiqing zu träumen begonnen. Vielleicht lag es am Zeitgeist -- in dieser Küstenstadt schwärmten die jungen Frauen für Männer in Uniform, einen Soldaten zu heiraten war der Neid aller Freundinnen. Vielleicht verband Shiqing den hochgewachsenen Unteroffizier mit dem Heldenbild in ihrem Kopf. Vielleicht war es auch etwas anderes, jugendliche Selbstbezogenheit und romantische Fantasie.
Damals begann Shiqings Gesicht, Akne zu bekommen, doch ihre Schönheit ließ sich nicht verbergen. Shiqing bettelte ihrer Mutter eine elegante Hose ab, änderte sie selbst und trug sie. Abends vor dem Schlafengehen besprühte sie die Hose mit Wasser und legte sie unter das Kopfkissen -- ohne Bügeleisen, aber die Bügelfalte saß trotzdem.
In dieser Hose wartete Shiqing auf den Wegen, wo Unteroffizier Yang möglicherweise vorbeikam. Die Tage vergingen, und endlich begegnete sie ihm. Stotternd sagte sie: "Kommen Sie uns doch mal besuchen." Der Unteroffizier war verlegen -- die Armee hatte strenge Regeln, und der große Mann wusste nicht, wohin mit sich. Eigentlich hätte die Geschichte damit enden müssen. Doch aus irgendeinem Grund lud er sie vor seiner Demobilisierung in ein Fischrestaurant am Bahnhof ein. Zwölf Yuan für eine große Tafel voll Meeresfrüchte -- das erweiterte Shiqings Horizont erheblich. Wie ein großer Bruder ermahnte er sie, fleißig zu lernen, sich Fähigkeiten anzueignen und der Gesellschaft zu dienen. Nach seiner Demobilisierung tauchte der große, stattliche Mann nie wieder auf. Doch der Traum blieb Shiqing erhalten -- sie weinte oder lachte im Schlaf, träumte davon, dass der kräftige Mann in olivgrüner Uniform eines Tages zu ihr zurückkehren würde ... Shiqings Traum währte zehn Jahre, bis sie mit 28 Xu Hongwei heiratete, den Fahrer der Bankwagenhalle. Xu Hongwei war ein ehrlicher Mensch, hatte jahrelang weder geraucht noch getrunken. Erst als er Taxifahrer wurde, begann er nach ein paar Gläsern eine Zigarette in den Mund zu nehmen -- eher zum Spielen als zum Rauchen, doch es färbte ihm Finger und Zähne gelb.
Shiqing war verheiratet, und Liu Baogui legte eine Sorge ab. Liu Baogui und seine Frau Fang Guiqin waren sich einig: Von den vier Kindern war Hongmei -- also Meizi -- die Gütigste, Unkomplizierteste und Liebevollste.
In diesem Moment stand Meizi mit Yuejin in der Gemeinschaftsküche des Hauses und kochte. Shiqing und Sufen spielten draußen im Hof mit den Kindern. Die alte Qi von der Erdgeschosswohnung nebenan kam herüber, um ihren Reistopf zu holen, und sagte lächelnd: "Ich wusste, dass ihr heute zum Familientreffen kommt, also habe ich schon früh gekocht, um euch Platz zu machen."
Meizi sagte: "Tante, essen Sie nicht so hastig. Gleich ist der Fisch fertig, mein Bruder bringt Ihnen eine Schale."
"Aber nein, wirklich nicht nötig. Ich muss nach dem Essen noch zur Nachbarschaftsversammlung."
Yuejin sagte: "Heute gibt es frische Flunder, dauert keine halbe Stunde."
"Jedes Mal dasselbe, mir ist das schon peinlich."
Unter Nachbarn war es alte Tradition im kleinen Haus, sich gegenseitig etwas abzugeben, wenn jemand gut gekocht hatte. Die alte Qi lehnte zwar höflich ab, ging aber fröhlich in ihre Wohnung zurück -- der ganze Raum duftete nach Fischsuppe.
In der Küche waren nur noch Yuejin und Meizi. Meizi fragte leise: "Sollen wir Shiqing von Xiao Gezi erzählen?"
Yuejin sagte: "Ist deine Zunge auf Schlittschuhen? Wenn du den Mund hältst, erstickst du doch nicht!"
Meizi war verärgert: "Fällt dir außer Schlittschuhen nichts anderes ein?"
"Nicht dass ich gern streite, aber wenn du es ihr sagst, macht sie nur Lärm, ohne etwas zu lösen."
Meizi warf Yuejin einen Blick zu.
"Shiqing ist halt ..." Yuejin stockte mitten im Satz. Meizi schaute auf -- und erstarrte ebenfalls: Shiqing stand mit dem Kind auf dem Arm in der Küchentür. "Redet ihr wieder hinter meinem Rücken über mich?", fragte sie grinsend.
"Ich wollte gerade sagen ... Hongwei meinte, es gibt eine gute Nachricht ..."
"Kann man wohl so sagen -- das Haus soll abgerissen werden."
Meizi verzog den Mund: "Ich dachte, es wäre eine Weltsensation. Wieder der Abriss. Davon redet man seit mindestens fünf, sechs Jahren, das kann man schon nicht mehr hören."
"Stimmt das denn?", fragte Yuejin.
"Mein Hongwei hat es im Taxi von einem Mann aus dem Umsiedlungsbüro gehört. Der war so begeistert, dass er vergaß, das Fahrgeld zu kassieren. Wie könnte das nicht stimmen?"
Jetzt erst fiel Meizi etwas ein. Sie fragte Shiqing, ob Liu Baogui bei den Kindern sei. Shiqing sagte, er fühle sich heute nicht wohl und liege im Bett. Meizi band die Schürze ab und reichte sie Shiqing: "Schwester, mir ist gerade etwas Dringendes eingefallen ... Lass die Schwägerin auf die Kinder aufpassen und hilf dem Bruder." Shiqing zögerte, nahm mit einer Hand das Kind und mit der anderen die Schürze.
Yuejin warf Meizi einen unzufriedenen Blick zu.
Meizi sagte: "Schiel mich ruhig an, ich muss trotzdem gehen. Ich muss wenigstens Erkundigungen einziehen, sonst können wir heute Mittag nicht in Ruhe essen."
Shiqing schaute sich ratlos um.
Meizi eilte ins Zimmer, um sich umzuziehen. Dabei stieß sie versehentlich gegen den Korb mit den Äpfeln, und die halb aufgeteilten Äpfel rollten über den Boden.