Geschichte der Editionswissenschaften/Kapitel 8
Kapitel 8: Genetische Edition, „Texte und Varianten" (1971) und die critique génétique
8.1 Ausgangslage: von der Variantenverzeichnung zur Genese
Die neuere germanistische Editionswissenschaft der Nachkriegszeit leitet sich von Friedrich Beißners Ausgabe der Werke Friedrich Hölderlins her, die seit 1943 erschien. Beißner brachte hier erstmals in einer Edition ein zuvor 1938 am Beispiel Wielands entwickeltes Verfahren zur Anwendung: die Verzeichnung von Textvarianten, die chronologisch und stufenförmig geordnet waren und die Entstehung eines Gedichttextes an einer bestimmten Stelle leicht nachvollziehbar machten. Damit erlaubte der Apparat im Prinzip eine – wenn auch idealisierte – genetische Lektüre und überwand die ältere Form der Lesartenapparate der Weimarer Goethe-Ausgabe, der man Unlesbarkeit und die undiskriminierte Anhäufung von Wichtigem und Unwichtigem vorwarf.[1]
Beißners Vorstoß fand weithin Zustimmung und wurde für zahlreiche Ausgaben deutscher Schriftsteller bis in die 1970er Jahre hinein zum Vorbild; die erste ihm folgende Edition war die Akademie-Ausgabe der Werke von Gottfried Wilhelm Leibniz.[2] Doch regte sich auch Widerspruch, der sich vor allem auf die Nachprüfbarkeit von Beißners Aussagen bezog, da seine auf Lesbarkeit und Nachvollziehbarkeit abzielende Darstellung bei schwierigeren Fällen notwendigerweise vom Bild wegführte, das die Handschriften zeigten.[3] Im Anschluss an Beda Allemann und Hans Werner Seiffert stellte Hans Zeller 1958 in einem Euphorion-Aufsatz erstmals eine alternative Form der Variantendarstellung vor, die er für seine seit 1963 erscheinende Ausgabe der Gedichte Conrad Ferdinand Meyers entwickelt hatte. Zellers Zweck war es, neben der entstehungsgeschichtlichen Entwicklung der Varianten – die in der Folge zunehmend „Textgenese" genannt werden sollte – auch die räumlichen Verhältnisse des handschriftlichen Befundes so wiederzugeben, dass die editorischen Entscheidungen des Herausgebers transparent wurden.[4] Die Gegensätze der Editionstechnik zwischen Beißner und Zeller prägten die kontroversen Diskussionen der 1960er Jahre, die auf einer Reihe von Kolloquien der Deutschen Forschungsgemeinschaft geführt wurden.[5]
Parallel bemühte sich die Berliner Arbeitsstelle der Goethe-Ausgabe um Siegfried Scheibe um eine scharfe begriffliche Fassung grundlegender editorischer Termini, vor allem der Begriffe der Fassung und der Autorisation. Aus diesem Interesse an präziser Definition entwickelte sich in der Folge die „Editionstheorie" im Gegensatz zur „Editionstechnik", von der noch im Untertitel von Zellers Aufsatz die Rede gewesen war.[6]
8.2 „Texte und Varianten" (1971) als Wendepunkt
Die jüngeren Wissenschaftler, die Zellers Ansatz produktiv aufnehmen wollten, fanden sich in dem von Gunter Martens und Hans Zeller 1971 herausgegebenen Sammelband Texte und Varianten. Probleme ihrer Edition und Interpretation zusammen, der 21 Beiträge enthielt.[7] Der Band war nach dem Vorwort der Herausgeber „als ein erster Versuch gedacht, einen Überblick über die gegenwärtig relevanten Strömungen der Editorik zu geben und sowohl ihre grundlegenden Ansätze wie auch ihre paradigmatisch aufgezeigten Verfahrensweisen zur Diskussion zu stellen“.[8] Als vordringlich galt es, „eine begriffliche Klärung” und die „Reflexion der editorischen Ziele und Methoden" zu beginnen.[9] Programmatisch an den Anfang gesetzt wurde der einleitende Beitrag Siegfried Scheibes, der die Begriffsdefinitionen aus den Grundlagen der Goethe-Ausgabe vorstellte; die Anordnung sollte bereits die divergierenden Richtungen editorischer Reflexion, zugleich aber auch Ansätze möglicher Gemeinsamkeit sichtbar machen.[10]
Die editionsgeschichtliche Bedeutung von Texte und Varianten für die Ausbildung eines genetischen Denkens lässt sich an einem philologischen Detail ablesen: Schlägt man das sorgfältig gearbeitete Sachregister des Bandes unter den Stichworten „Genese" oder „Genetische Darstellung von Textentwicklung" nach, so verweisen die Einträge – mit einer zu vernachlässigenden Ausnahme – ausschließlich auf das Seitenintervall 233 bis 272.[11] Dort stehen zwei Beiträge, die den Übergang von der bloßen Variantentechnik zur Theorie der Werk- und Textgenese markieren: Henning Boëtius’ Textqualität und Apparatgestaltung (S. 233–250) und Friedrich Wilhelm Wollenbergs Zur genetischen Darstellung innerhandschriftlicher Varianten (S. 251–272).[12] Beide handeln zwar zunächst von Fragen der Variantendarstellung, bemühen sich aber jeweils darum, einen Begriff des Textes zu entwickeln, der über die Belange rein editionstechnischer Verzeichnung hinausgeht.[13]
8.3 Werkgenese und Textgenese: Boëtius und Wollenberg
Auffälligerweise gebrauchen beide Autoren den Begriff der „Werkgenese“, füllen ihn jedoch verschieden. Der gemeinsame Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass Genese nicht nur aus dem Hinterlassen von Schriftspuren auf dem Papier besteht und dass deren Rekonstruktion sich nicht auf die „Archivierung ihrer graphischen Rudimente” beschränken darf.[14] Boëtius tendiert dahin, dass eine integrale und mehrkomponentige apparative Darstellung die Werkgenese zu erfassen erlaube, während Wollenberg eine editorische Darstellung der Werkgenese prinzipiell nicht für möglich hält, jedoch die Darstellung der Textgenese als ein eingeschränkteres, aber realisierbares Ziel ansieht.[15]
Boëtius entwickelt ein abstraktes, heuristisch gemeintes Modell der Werkgenese und bedient sich dabei der begrifflichen Werkzeuge der seinerzeit aktuellen Kybernetik. Aus diesem Modell leitet er seine Begriffe der Korrekturarten und Korrekturzusammenhänge ab, mit denen die „Komplexität des Entstehungsvorgangs von Dichtung" editorisch erfasst werden soll. Varianten sollen nicht nur typisiert und verzeichnet, sondern in ihrer konkreten Funktion in der Genese bestimmt werden; die Sofortkorrektur etwa deutet er als Rückkoppelung oder Wechselwirkung von experimenteller Niederschrift und ästhetischer Kontrolle, dank derer ein Text mit größerer „ästhetischer Textqualität" entsteht.[16] Diesen Ansatz hat Boëtius 1975 unter dem Titel Vorüberlegungen zu einer generativen Editionstheorie – nun im Vokabular der Generativen Transformationsgrammatik – erneut skizziert; der Aufsatz wurde zwanzig Jahre später in den Band englischer Übersetzungen Contemporary German Editorial Theory aufgenommen.[17]
Wollenberg dagegen setzt beim Begriff des Textes an und fragt, „wie weit über den Gegenstand der Edition, über den Begriff Text Konsens besteht“. Unter Rückgriff auf das Schichtenmodell der phänomenologischen Ästhetik Roman Ingardens unterscheidet er „Handschrift (= materielle Grundlage)”, geschriebenen Text und „Dichtung (= immaterielle Gestalt)" als Abstraktionsebenen des literarischen Werkes.[18] An Beißner kritisiert er die mangelnde Unterscheidung zwischen geschriebenem Text und „Dichtung“: weil die (unter Umständen chronologisch nachvollziehbare) Textentwicklung und das (einer immanenten Logik folgende) „Wachstum” des Gedichts zusammenfielen, ersetze Beißner die Rekonstruktion der tatsächlichen Textgenese durch das „ideale Wachstum" des Gedichts, im Zweifelsfall auf Kosten der Chronologie der Niederschrift.[19] Daraus folgt für Wollenberg die Forderung nach einer vollständigen Darbietung der Textgenese – als des schriftlichen Aspekts der Werkgenese – samt Indizierung aller Unsicherheiten.[20] Sein erklärtes Ziel war es, „auf ein Desiderat hinzuweisen: daß es der Editionslehre not tut, theoretisch fundierte Kriterien zu entwickeln, von denen die editorische Praxis ausgehen kann“; damit artikulierte er die Forderung nach theoretischer Fundierung der Editionstechnik einige Jahre, bevor Zeller selbst das Wort „Theorie” in nennenswerter Weise – erst seit 1979 – in den Mund nahm.[21]
Bemerkenswert ist die spätere Wirkung eines einzelnen Ausdrucks: Die Rede von den „genetisch relevanten" Varianten hatte zuerst Boëtius im Druck gebraucht.[22] In der radikal vereinfachten Neufassung der Editionsprinzipien der Frankfurter Brentano-Ausgabe von 1975 wurde die Reduktion des Lesartenapparats gerade auf die „genetisch relevanten" Varianten beschränkt – ein Vorgang, der zeigt, wie dieselbe genetische Terminologie sowohl zur Erweiterung wie zur Beschneidung des Apparats dienen konnte.[23]
8.4 Die französische critique génétique: Ursprung und Programm
Zeitgleich, aber aus einer anderen Wissenschaftskultur heraus, entstand in Frankreich die critique génétique, eine literaturwissenschaftliche Methode, die seit den 1970er Jahren die Gesamtheit der materialen Spuren untersucht, die sich einem literarischen Werk zuordnen lassen.[24] Als ihre Geburtsstunde gilt ein Artikel Louis Hays in Le Monde vom Februar 1967. Ihre Entwicklung steht in engem Zusammenhang mit dem Erwerb des Heine-Nachlasses 1968 durch die Bibliothèque Nationale de France: Eine deutsch-französische Forschergruppe, die sich mit diesem Bestand auseinandersetzte, gründete in der Folge das Institut des textes et manuscrits modernes (ITEM), das den methodischen Ansatz bis heute weiterentwickelt.[25] War man zu Beginn dem Strukturalismus verpflichtet, so emanzipierte man sich davon zunehmend, indem man vor allem dessen statischen, von Material und Medium abstrahierenden Textbegriff ablehnte.[26]
Im Fokus der critique génétique steht nicht der literarische Text als das gedruckte Produkt eines Schreibprozesses, sondern dieser Prozess selbst. Ihre Aufgabe liegt in der Klassifizierung und Interpretation aller beteiligten Schreibzeugnisse; damit verbunden ist eine „Entheiligung" und „Entmythisierung" des definitiven Textes und eine Aufwertung der Rolle des Autors und seiner unmittelbaren schriftlichen Äußerungen.[27] Im Zentrum des methodischen Vorgehens steht die Erstellung eines dossier génétique, das alle für die jeweilige Forschungsfrage relevanten Schreibzeugnisse aufnimmt, sie chronologisch nach ihrer Entstehungszeit ordnet und so den généticiens die Möglichkeit eröffnet, den Schreibprozess kritisch-interpretierend nachzuzeichnen.[28]
8.5 Avant-texte und dossier génétique: das Verhältnis von Befund und Genese
Der Leitbegriff der critique génétique ist der des avant-texte. Hans Walter Gabler erläutert die begriffliche Doppelperspektive: Transkription und Bild zusammen konstituierten das genetic dossier; der Terminus gebe die Dokumentperspektive auf dasjenige, was aus der Textperspektive avant-texte heiße.[29] Der Ausdruck ist freilich nicht unproblematisch, da er suggeriert, das vor dem Abschluss der Komposition und vor der Publikation („avant“) Liegende sei noch nicht „texte” – was nur nach einem französischen Verständnis von texte zutrifft, das sich von der englischen oder deutschen Denotation unterscheidet.[30] Aus der Sicht der modernen Paläographie ist der avant-texte denn auch, wie Wim Van Mierlo betont, keineswegs mit dem physischen Entwurf identisch, sondern „a composite editorial construct that stands at several removes from the archive" – ein editorisches Konstrukt in mehrfacher Distanz zum Archiv.[31] Hier liegt eine bleibende Spannung zwischen Befund und Genese: Die Handschrift ist mehr als Text, ihre physischen Formen und Attribute haben eine eigene Geschichte zu erzählen.[32] Louis Hay charakterisiert das Manuskript entsprechend als einzigartig, unveröffentlicht, privat und unabgeschlossen, im Gegensatz zum mechanisch reproduzierten, veröffentlichten, öffentlichen und fertigen Druck.[33]
Diese Herkunft aus der Handschriftenanalyse verbindet die critique génétique mit der textgenetischen Edition deutscher Prägung, doch besteht ein grundsätzlicher Unterschied im Textbegriff: Die textgenetische Edition berücksichtigt und stellt den avant-texte zwar stark dar, bleibt aber auf den Text am Ende einer Genese fokussiert und damit einem Textbegriff verpflichtet, den die critique génétique zugunsten eines prozessualen Textbegriffs und der Darstellung von Schreibprozessen grundsätzlich ablehnt.[34]
8.6 Die genetische Edition: „genetic editing" versus „genetic criticism"
Die begriffliche Verbindung von Text- und Werkgenese schlägt sich im Konzept der genetischen Edition nieder, das sowohl in der Tradition der critique génétique als auch in der der historisch-kritischen Edition verwendet wird.[35] Almuth Grésillon definiert die genetische Edition als eine Ausgabe, „die in gedruckter Form und nach der zeitlichen Ordnung des Schreibprozesses die Menge der erhaltenen genetischen Dokumente eines Werks oder Projekts darstellt“.[36] Die historisch-kritischen Ausgaben deutscher und italienischer Prägung berücksichtigen chronologische Ordnung und Klassifikation von Textänderungen ebenfalls und gelten als Vorläufer der in Frankreich geprägten critique génétique; der wesentliche Unterschied zwischen der édition génétique und der historisch-kritischen Edition wird in der Position des „gesicherten” Textes gesehen – ob dieser als Fluchtpunkt der Genese oder als bloßer Teil von ihr erscheint.[37]
Gabler schärft die zugrunde liegende Unterscheidung, indem er genetic criticism und genetic editing voneinander trennt: Erstere gehöre zum Spektrum der literaturkritischen Diskurse und sei eine Erweiterung der traditionellen Modi literarischer Kritik, letztere sei ein Modus wissenschaftlichen Edierens.[38] Die deutsche Textkritik habe im 20. Jahrhundert an der Spitze der Entwicklung eines genetischen Bewusstseins gestanden und die Gattung der Handschrifteneditionen hervorgebracht, während die critique génétique in Frankreich eine Antwort auf die Dominanz des Strukturalismus gewesen sei.[39] Historisch produktiv sei ein Missverständnis geworden: Die genetisch bewussten Editoren der deutschen Schule hätten die den kritischen Argumenten der Franzosen beigegebenen Darstellungen für vollwertige Editionen gehalten – eine „fruitful misperception", die überhaupt erst die Konzeptualisierung dessen anstieß, was eine genetische Edition sein könnte.[40]
Gablers eigener editionstheoretischer Beitrag liegt in der Bestimmung des Entwurfsmanuskripts als eines Dokumenttyps sui generis. In der Handschrift bildeten Schrift und materieller Träger eine untrennbare Einheit; das Entwurfsmanuskript sei – in Nelson Goodmans Terminologie – „autographic" und damit einzigartig, während der aus ihm abgezogene, linear lesbare Text „allographic“, also beliebig reproduzierbar sei.[41] Aus dieser ontologischen Unterscheidung folgt, dass das Entwurfsmanuskript den gemeinsamen Boden bildet, auf dem sich genetic editing und genetic criticism begegnen.[42] Die digitale Umsetzung dieses Programms zeigt exemplarisch die sich selbst als „genetisch-kritische Hybrid-Edition” verstehende Faust-Edition, die die Entwurfsmaterialien zweifach auszeichnet – einmal aus der Dokument-, einmal aus der Textperspektive – und damit der redoppelten Natur der Handschrift Rechnung trägt.[43]
8.7 Modellierung der Genese: Ebenen und Typologien
Mit der Ausdifferenzierung der genetischen Edition ist ein begriffliches Instrumentarium zur Modellierung der Genese entstanden. Die Genese lässt sich auf die Makro-, Meso- und Mikroebene beziehen oder auf Textschichten, Textstufen und Arbeitsphasen; auch die Unterscheidung von Endo-, Exo- und Epigenese ist möglich.[44] Neben Änderungsakten wie einer Tilgung kann den Schreibakten – etwa einer Durchstreichung – als deren graphischen Realisierungen eigene Aufmerksamkeit zuwachsen.[45] In einem umfassenderen Sinn unterscheidet Pierre-Marc de Biasi nach zeitlicher Abfolge, Gleichzeitigkeiten und Rückwirkungen typologisch zwischen vertikalen und horizontalen genetischen Editionen.[46] Welche Darstellungsweise gewählt und welche Rolle dem Apparat oder der Synopse zugeschrieben wird, hängt dabei vom jeweiligen Textverständnis ab; die Darstellung kann entsprechend teleologisch oder dysteleologisch angelegt sein.[47]
8.8 Internationale und interdisziplinäre Ausweitung
Ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung in Paris ist die critique génétique kein einheitliches, geographisch und sprachlich auf ITEM konzentriertes Gebilde mehr, sondern hat sich über ein weites Feld von Orten und Sprachen ausgebreitet und entwickelt sich in neue Richtungen weiter.[48] Bereits 2001 hatte Grésillon in ihrem Rückblick La critique génétique, aujourd’hui et demain gefragt, ob die Disziplin die sich wandelnden Trends der Literaturkritik und das digitale Zeitalter überstehen und ob sie neu zu definieren sei.[49] Zwei Entwicklungslinien prägen die Ausweitung: die interdisziplinäre und die mediale. Der genetische Ansatz ist mit zahlreichen Feldern verbunden worden – mit den Übersetzungswissenschaften seit den 1990er Jahren ebenso wie mit Musik, Architektur, Philosophie, Theater, Film, Linguistik, Fotografie und Comic, wie die Zunahme nichtliterarischer Themenhefte der Zeitschrift Genesis belegt.[50] Der Kern der Disziplin – die Untersuchung der schöpferischen Prozesse anhand von Entwürfen und Handschriften – ist dabei erhalten geblieben, doch treten neue Zielbereiche und neue Formen archivalischen Materials hinzu.[51]
Auf medialer Seite hat sich das ursprünglich für die Digitalisierung befürchtete Verschwinden der Schreibspuren nicht als Ende, sondern als Verlagerung der Methode erwiesen: Schreibprozesse werden heute mit Keystroke-Logging-Software in Echtzeit erfasst, und die digitale Forensik liefert Verfahren, um aus Speichermedien Spuren – temporäre Dateien, Metadaten, gelöschte Versionen, Textfragmente – born-digital entstandener Werke zu rekonstruieren.[52] Damit verschiebt sich die Gestalt des dossier génétique selbst, denn die Frage, welche Wege Autorinnen und Autoren im Zuge ihrer Arbeit gegangen sind und wie diese Wege darstellbar sind, muss unter Bedingungen digitaler Schreibmedien neu beantwortet werden.[53]
8.9 Bilanz
Texte und Varianten von 1971 markiert den Wendepunkt, an dem die deutschsprachige Editorik von der Frage nach der besten Variantentechnik zur Frage nach dem Begriff des Textes und der Genese überging. In den Beiträgen von Boëtius und Wollenberg wird erstmals die Unterscheidung von Textgenese – dem schriftlich fassbaren Vorgang – und Werkgenese – dem inneren „Wachstum" des Werkes – produktiv gemacht und die Forderung nach einer theoretischen Fundierung der Editionslehre erhoben. Nahezu gleichzeitig formierte sich in Frankreich die critique génétique, die aus einer produktionsästhetischen Perspektive den Schreibprozess selbst zum Gegenstand erhob und mit avant-texte und dossier génétique eigene Leitbegriffe prägte. Beide Traditionen treffen sich im gemeinsamen Interesse an der Genese und im Entwurfsmanuskript als ihrem Grundmaterial, unterscheiden sich aber im Status, den sie dem „gesicherten" Text zuweisen. Die genetische Edition, die diese Linien im digitalen Medium zusammenführt, und die internationale wie interdisziplinäre Ausweitung der genetischen Fragestellung zeigen, dass die um 1971 begonnene Neubegründung bis in die Gegenwart fortwirkt.
- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 1].
- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 1] (Hölderlin, Sämtliche Werke, hrsg. von Friedrich Beißner und Adolf Beck, 8 Bde., Stuttgart 1943–1985).
- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 2].
- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 2] (Hans Zeller, Zur gegenwärtigen Aufgabe der Editionstechnik, in: Euphorion 52, 1958, S. 356–377).
- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 2].
- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 3].
- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 3] (Texte und Varianten. Probleme ihrer Edition und Interpretation, hrsg. von Gunter Martens und Hans Zeller, München 1971).
- ↑ Texte und Varianten, Vorwort, S. VII, zitiert nach Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 3].
- ↑ Texte und Varianten, Vorwort, S. VIII, zitiert nach Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 3].
- ↑ Texte und Varianten, Vorwort, S. VIII–IX, zitiert nach Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 4].
- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 6] (Texte und Varianten, S. 430, s. v. „Genese von Texten").
- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 6].
- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 6–7].
- ↑ Boëtius, Textqualität und Apparatgestaltung, S. 235, zitiert nach Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 7].
- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 7].
- ↑ Boëtius, Textqualität und Apparatgestaltung, S. 234 f., zitiert nach Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 7–8].
- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 8] (Boëtius, Vorüberlegungen zu einer generativen Editionstheorie, 1975; engl. in: Contemporary German Editorial Theory, hrsg. von Hans Walter Gabler, George Bornstein und Gillian Borland Pierce, Ann Arbor 1995, S. 153–169).
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- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 9] (Wollenberg mit Bezug auf Beißners „ideales Wachstum", Texte und Varianten, S. 259 f.).
- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 9] (Texte und Varianten, S. 262–267).
- ↑ Wollenberg, Zur genetischen Darstellung innerhandschriftlicher Varianten, zitiert nach Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 10].
- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 32] (Boëtius in: Texte und Varianten, S. 238).
- ↑ Pravida, „Werkgenese" in der Editionsphilologie, [PDF-Seite 32].
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