Lu Xun Complete Works/de/Erxinji

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二心集

Diesmal hat sich Herr Liang Shiqiu (梁實秋) in der Rubrik "Verschiedenes" der Zeitschrift Der Neue Mond ebenfalls dazu durchgerungen, die "Unzufriedenheit mit dem Status quo" zu befuerworten. Allerdings meint er, "die heutigen Intellektuellen (insbesondere jene, die seit jeher die Titel 'Vorkampfer', 'Autoritaet' oder 'Vorreiter' tragen) haetten eine Verantwortung, die ueber das blosse Veroeffentlichen einiger spottischer und hoechnischer Aufsaetze zur 'Unzufriedenheit mit dem Status quo' hinausgehe. Sie sollten einen Schritt weiter gehen und aufrichtig nach einem positiven Heilmittel fuer den 'Status quo' suchen."

Warum? Weil bei Krankheit Medizin verordnet werden muss. "Die Drei Volksprinzipien sind ein Rezept," sagt Herr Liang, "der Kommunismus ist ein Rezept, der Nationalismus ein Rezept, der Anarchismus ein Rezept, und der Gute-Regierung-ismus ebenfalls ein Rezept." Nun aber "erklaerst du alle Rezepte fuer wertlos, verhoechnst sie ohne jede Gnade... Was fuer eine Geisteshaltung soll das sein?"

Diese Geisteshaltung verdient freilich Tadel. Aber in der Praxis bin ich noch nie solchen Aufsaetzen begegnet -- in denen etwa ein und derselbe Autor der Ansicht waere, die Drei Volksprinzipien verstiessen gegen die angloamerikanische Freiheit, die Kommunisten naehmen Rubel von Russland an, der Nationalismus sei zu eng und der Anarchismus zu leer... Herrn Liangs "Verschiedenes" hat also die Suenden der von ihm gelesenen Aufsaetze uebertrieben.

In Wahrheit ist es durchaus zulaessig, auf die Maengel in der Begruendung einer bestimmten Doktrin oder die daraus hervorgehenden Misstaende hinzuweisen, selbst wenn man keiner bestimmten Doktrin anhaengt. Es ist, als wuerde man so stark ausgepresst, dass der Schmerz unertraeglich wird -- man schreit natuerlich auf, ohne erst eine bessere Doktrin ersonnen haben zu muessen, bevor man die Zaehne auseinandernehmen darf. Aber natuerlich, wenn man einen besseren Vorschlag machen kann, sieht die Sache schon ansehnlicher aus.

Allerdings meine ich, dass Herrn Liangs "Gute-Regierung-ismus", den er bescheiden ans Ende seiner Liste gesetzt hat, noch bescheidener ausserhalb der Liste haette gestellt werden sollen. Denn von den Drei Volksprinzipien bis zum Anarchismus nennen die Rezepte, gleichviel ob ihre Natur waermend oder kuehlend sei, immerhin wirkliche Arzneimittel wie Gips oder Zimtrinde -- ob die Wirkung nach der Einnahme heilsam oder schaedlich ist, das ist eine andere Frage. Einzig beim "Gute-Regierung-ismus" -- bei diesem einen "Rezept" -- stehen auf dem Rezeptblatt nicht die Namen von Arzneimitteln, sondern lediglich die drei grossen Schriftzeichen "Gute Zutaten" nebst langatmigen Dozierereien im Gestus eines beruehmten Arztes. Gewiss, niemand kann behaupten, man solle bei der Behandlung von Krankheiten schlechte Zutaten verwenden; aber ueber dieses Rezept wuerde nicht nur ein Arzt den Kopf schuetteln -- jeder wuerde es "fuer wertlos erklaeren". ("褒貶" enthaelt das Zeichen fuer "loben" mit der Bedeutung "preisen"; es hier zu verwenden ist nicht nur "ungrammatisch", sondern beweist auch, dass der Verfasser das Zeichen nicht kennt -- aber da es sich um Herrn Liangs Originaltext handelt, belasse ich es, wie es ist.)

Wenn dieser Arzt, vor Verlegenheit in Wut geratend, bruellen wuerde: "Du verhoechnst meinen Gute-Zutaten-ismus? Dann schreib doch selbst ein Rezept!" -- so waere das selbst ein weiteres hoechst lachhaftes Exemplar des "Status quo", eines, das natuerlich auch ohne Stuetze auf irgendeine Doktrin Aufsaetze hervorbringen wuerde. Der Grund dafuer, dass solche Aufsaetze unerschoepflich sind, ist eben, dass es von dieser Art "Status quo" allzu viele Exemplare gibt.

17. April 1930.

I

Kolonialpolitik beschuetzt und naehrt unweigerlich das Lumpengesindel. In den Augen des Imperialismus sind nur sie die unentbehrlichsten Lakaien, die brauchbaren Falken und Jagdhunde, faehig, die Pflichten zu erfuellen, die im Kolonialgebiet unbedingt erfuellt werden muessen: einerseits gestuetzt auf die imperialistische Gewalt, andererseits die traditionellen Kraefte des eigenen Landes ausnuetzend, um die "schwarzen Schafe" und den "Unkrautsamen" -- die Widersetzlichen -- auszumerzen. Diese Lumpen sind also die Lieblinge des auslaendischen Herrn auf kolonialem Boden -- nein, die Lieblingshunde, deren Stellung zwar unter der ihres Herrn steht, aber stets ueber der aller anderen Unterworfenen. Shanghai konnte natuerlich keine Ausnahme von diesem Muster bilden. Polizisten treten den Banden nicht bei, und obwohl kleine Haendler ihr eigenes bescheidenes Kapital haben, koennen sie sich kaum behaupten, wenn sie sich nicht einen Lumpen als Glaeubiger suchen und ihm Wucherzinsen zahlen. Im vergangenen Jahr tauchten sogar in der Literaturwelt "Schriftsteller" auf, die unter den Gangstern einen "Patenonkel anerkannten".

Aber das ist nur der schamloseste Fall. In Wahrheit haben sogar jene, die keine Bandenmitglieder sind -- viele derer, die sich "Literaturkuenstler" nennen -- von jeher die Pflichten von "Lieblingshunden" erfuellt, auch wenn ihre Parolen verschieden lauten: Kunst um der Kunst willen, Nationalwesenheit, Nationalismus, Kunst fuer die Menschheit. Doch diese Unterschiede gleichen dem zwischen einem Polizisten mit Vorderlader oder Hinterlader, Lee-Enfield oder Mauser -- der letzte Zweck ist ein und derselbe: diejenigen totzuschiessen, die gegen den Imperialismus sind, also gegen die Regierung, also "konterrevolutionaer", oder die auch nur ein wenig unzufrieden sind.

Unter dieser Lieblingshund-Literatur schlagen jene am lautesten die Trommel, die sich "Nationalistische Literatur" nennen. Doch verglichen mit den augenfaelligen Verdiensten der Detektive, Schutzleute und Henker schneiden sie noch erheblich schlechter ab. Der Grund ist, dass sie nur bellen und noch nicht direkt beissen, und dass ihnen zudem meistens die Kuehnheit wahrer Lumpen fehlt -- sie sind nichts als dahintreibende Wasserleichen. Und doch ist genau dies das Kennzeichen der "Nationalistischen Literatur", die Eigenschaft, durch die sie ihren "Lieblings"-Status bewahrt.

Man nehme eine ihrer Zeitschriften zur Hand: Leute, die zuvor unter den verschiedensten Bannern marschierten, haben sich tatsaechlich zusammengefunden. War es die Hand des "nationalistischen" Riesen, die sie alle zusammenraffte? Keineswegs. Es waren Leichen, die schon lange an den Ufern Shanghais auf und ab getrieben hatten, frueher hier und dort verstreut, aber durch Wind und Wellen zusammengetrieben zu einem Haufen, und weil jeder einzelne Leichnam verweste, wurde der Gesamtgestank umso durchdringender.

Dieses "Bellen" und dieser "Gestank", die die besondere Eigenschaft haben, recht weit zu tragen, sind fuer den Imperialismus von Nutzen -- man nennt es "als Vorhut fuer den Koenig dienen". Deshalb wird die Wasserleichen-Literatur gemeinsam mit der Lumpen-Politik fortbestehen.

II

Aber was sind die oben erwahnten Wind und Wellen? Es sind die kleinen Wind und Wellen, die durch den Aufstieg des Proletariats aufgewirbelt wurden. Manche der frueheren sogenannten Literaturkuenstler hatten die eigene Faeulnis nicht gaenzlich unbewusst wahrgenommen und taeuschen sich und andere, indem sie diese mit schoenen Namen verbraeumten -- sie nannten es erhabene Zurueckgezogenheit, sie nannten es kuehne Ungezwungenheit (in modernem Deutsch: "Dekadenz"). Was sie malten, waren Akte, Stilleben, Tod; was sie schrieben, waren Mondblumen, heilige Staetten, Schlaflosigkeit, Wein, Frauen. Doch als der Zusammenbruch der alten Gesellschaft immer offensichtlicher und der Klassenkampf immer schaerfer wurde, erblickten auch sie ihren Todfeind -- das Proletariat, das eine neue Kultur schaffen und allen alten Schmutz hinwegfegen wuerde -- und sie erkannten, dass sie selbst Teil dieses Schmutzes waren, bestimmt, das Schicksal der ueber ihnen herrschenden Machthaber zu teilen. So trieben sie unweigerlich unter das Banner der "Nationalistischen Literatur" zusammen -- aufgerichtet von den fugsamen Untertanen einer Nation unter imperialistischer Herrschaft -- um an der Seite ihres Herrn ein letztes Mal um ihr Ueberleben zu kaempfen.

Obwohl sie also ein zusammengewuerfelter Haufen Wasserleichen sind, ist ihr Ziel ein und dasselbe: wie ihr Herr mit allen Mitteln das Proletariat zu unterdruecken, um das eigene Verroecheln zu verlaengern. Da sie aber eben doch ein Sammelsurium sind und viele noch die Restfelle frueherer Masken tragen, ist seit der Veroeffentlichung ihres Manifests kein einziges leuchtendes Werk erschienen. Das Manifest selbst ist ein Flickwerk, von einer kleinen Bande zusammengewuerfelter Stueckchen zusammengeschustert, und taugt nicht als Beweis.

Doch in der fuenften Ausgabe der Vorhut-Monatszeitschrift wird uns ein deutliches Werk geboten. Laut dem Herausgeber handelt es sich um "eine tatsaechliche Beschreibung der Teilnahme am Feldzug gegen die Yan-Feng-Kraefte". Dass ein Roman Kriegsgeschehen beschreibt, ist nichts Besonderes; bemerkenswert ist die Geisteshaltung auf dem Schlachtfeld, wie sie der Autor, ein "junger Militaer", selbst schildert. Dies ist ein Selbstportraet des "Nationalistischen Literatur"-Schriftstellers, das es verdient, ausfuehrlich zitiert zu werden --

"Jeden Abend unter den funkelnden Sternen stehend, die Karabinerbuechse in der Hand, dem Zirpen der Insekten lauschend, umschwaermt von unzaehligen Muecken -- all das erinnert an das Leben der franzoesischen 'Fremdenlegion' in der afrikanischen Wueste, kaempfend und blutend im Streit mit den Arabern." (Huang Zhenxia [黃震遐]: "An der Longhai-Linie")

Es stellt sich also heraus, dass die Buergerkriege der chinesischen Warlords in den Augen eines "jungen Militaers", eines Vertreters der "Nationalistischen Literatur", keineswegs bedeuten, Landsleute zur gegenseitigen Abschlachtung zu treiben, sondern dass Auslaender andere Auslaender bekaempfen. Zwei Laender, zwei Voelker -- und auf dem Schlachtfeld, sobald es Nacht wird, fuehlt man sich ganz schwebend, als wuerde die Haut weiss, die Nase hoeher, als waere man ein Krieger der lateinischen Rasse, stehend im wilden Afrika. Kein Wunder also, dass die einheimische Bevoelkerung ringsum als Feinde betrachtet wird, die man einen nach dem anderen erschiessen muss. Ein Franzose, der es in Afrika mit Arabern zu tun hat, braucht vom Standpunkt des Nationalismus aus tatsaechlich keine Ruecksicht zu nehmen. Allein dieser eine Abschnitt erklaert im Grossen, warum chinesische Warlords als Klauen und Fangzaehne des Imperialismus dienen und das chinesische Volk vergiften und abschlachten -- naemlich weil sie sich selbst fuer die "franzoesische Fremdenlegion" halten; und im Kleinen erklaert er, warum chinesische "Nationalistische Literatur"-Schriftsteller grundsaetzlich nur mit ihren auslaendischen Herren sympathisieren und sich dennoch "nationalistisch" nennen, um die Leser zu duepieren -- naemlich weil sie sich bisweilen fuer Angehoerige der lateinischen oder der germanischen Rasse halten.

III

Herr Huang Zhenxia schreibt mit einer Offenheit, die dafuer buergt, dass die von ihm geschilderte Geisteshaltung echt ist. Doch nach der in seinem Roman zur Schau gestellten Gelehrsamkeit zu urteilen, gibt es einen Punkt, den er nicht etwa nicht kennt, sondern absichtlich verschweigt -- eine kleine Verschleierung. Er hat naemlich "Frankreichs Annamesische Soldaten" vage zu "Frankreichs Fremdenlegion" umbenannt, sich dadurch etwas von der "tatsaechlichen Beschreibung" entfernt und zugleich die im vorigen Abschnitt besprochene Verwirrung hervorgerufen.

Aber der Autor ist klug. Nachdem er "viele Diskussionen seines Freundes Fu Yanchang (傅彥長) gehoert" und "unleugbar in vielen Punkten von ihm beeinflusst worden" war, und nachdem er chinesische und auslaendische Geschichtswerke zu Rate gezogen hatte, schrieb er ein Versdramen, das enger an das Thema "Nationalismus" anknuepft. Diesmal liess er die Franzosen beiseite und schrieb "Blut der Gelben Rasse" (黃人之血, Vorhut-Monatszeitschrift Nr. 7).

Die Handlung dieses Versdramas ist der Westfeldzug der gelben Rasse. Der Oberbefehlshaber ist Batu (拔都), Enkel Dschingis Khans -- ein wirklich gelber Mann. Was er erobert, ist Europa, genauer Russland -- das ist das Ziel des Autors. Das alliierte Heer besteht aus Han-, Tataren-, Dschurdschen- und Khitan-Soldaten -- das ist der Plan des Autors. Ein Sieg folgt dem naechsten, doch leider begreifen die vier Voelker nicht die Bedeutung von "Freundschaft" und "der Kraft der Einheit" und fallen uebereinander her, so dass die weissen Krieger ihre Chance bekommen -- das ist die Allegorie des Autors und zugleich sein Schmerz.

Aber sehen wir uns die Wildheit und Grausamkeit dieser gelben Armee an --

......

Entsetzen -- siedendes Oel, in dem Leichen braten!

Grauen -- wie scheusslich die ueberall verstreuten verwesenden Ueberreste!

Der Tod packt die weissen Maedchen und drueckt sie verzweifelt an sich;

Die zarten Koepfe der Schoenheiten verwandeln sich in grauenhafte Schaedel;

Wilde raufen sich wuest in den alten Palaesten;

Die Gesichter der Kreuzritter sind voll Kummer;

Tausendjaehrige Saerge entlassen ihren widerlichen, boesen Gestank;

Eiserne Hufe zertrampeln gebrochene Knochen, das Bruellen der Kamele wird zum unheimlichen Geheul;

Gott ist geflohen, der Teufel schwingt seine Feuerpeitsche zur Rache;

Die Gelbe Gefahr ist da! Die Gelbe Gefahr ist da!

Die Krieger Asiens reissen ihre bluttrinkenden Maeuler weit auf.

Diese "Gelbe Gefahr", die Kaiser Wilhelm ausposaunte, um "Deutschland, Deutschland ueber alles" zu propagieren -- dieses "bluttrinkende Maul", das "die Krieger Asiens weit aufreissen" -- unser Dichter richtet es gegen "Russland", also gegen den ersten Staat unter proletarischer Diktatur, als Muster fuer die Vernichtung des Proletariats -- das ist das Ziel der "Nationalistischen Literatur". Aber weil es schliesslich die "Nationalistische Literatur" eines kolonialen Untertanenvolkes ist, ist der Fuehrer, den unser Dichter verehrt, der Mongole Batu und nicht der Chinese Zhao Gou (趙構); jene, die "ihre bluttrinkenden Maeuler weit aufreissen", sind "Krieger Asiens", nicht chinesische Krieger; und die erhoffte "Freundschaft" ist Freundschaft unter Batus Herrschaft, nicht gleichberechtigte Bruederlichkeit der Voelker -- das ist das unverhohlene Wesen der sogenannten "Nationalistischen Literatur", aber auch der Schmerz des jungen Militaerautors.

IV

Batu ist tot; unter den gelben Voelkern Asiens ist das einzige, das heute mit dem damaligen Mongolien verglichen werden kann, Japan. Japans Krieger verabscheuen zwar auch Sowjetrussland, hegen aber auch keine Zuneigung fuer Chinas Krieger. Das staendige Singen von "japanisch-chinesischer Freundschaft" stimmt zwar mit dem Plaedoyer fuer "Freundschaft" ueberein, doch die Tatsachen sprechen eine andere Sprache. Vom Standpunkt des chinesischen "Nationalistischen Literatur"-Schriftstellers wird dies als eigener Schmerz empfunden, und die Satire darauf ist eine natuerliche, keineswegs ueberraschende Reaktion.

Und tatsaechlich scheint sich die truebe Vorahnung des Dichters bestaetigt zu haben, ja es kam sogar viel schlimmer. Gerade als die "Feuerpeitsche" beginnen sollte, "Russland" niederzubrennen, wiederholte sich das Ende der Batu-Aera: Koreaner massakrierten Chinesen, und die Japaner "rissen ihre bluttrinkenden Maeuler weit auf" und verschlangen die Mandschurei. Sollten sie etwa, ohne je die Belehrung des Herrn Fu Yanchang genossen zu haben, die Bedeutung der "Kraft der Einheit" nicht begriffen und Chinas "Krieger" ebenfalls fuer afrikanische Araber gehalten haben?!

V

Das war freilich ein schwerer Schlag. Der militaerische Autor hat es noch nicht geschafft, seine kuehne, maennliche Stimme zu erheben; was wir jetzt sehen, ist nur die Empoerung und Verzweiflung der kleinen Krieger in den Zeitungen unter dem "nationalistischen" Banner. Auch dies ist eine natuerliche, keineswegs ueberraschende Folge. Ideal und Wirklichkeit geraten leicht in Widerstreit; das Ideal enthaelt bereits Trauer, und wenn die Wirklichkeit eintrifft, bringt sie natuerlich Verzweiflung. Und so wollen die kleinen Krieger in den Krieg --

Kaempft! Fasst den letzten Entschluss!

Toetet alle unsere Feinde!

Seht -- des Feindes Gewehre und Kanonen donnern schon;

Schnell vorwaerts! Lasst uns mit unserem Fleisch eine Grosse Mauer errichten!

Donner bruellt ueber unseren Koepfen,

Wogen heulen unter unseren Fuessen,

Heisses Blut brennt im Herzen,

Wir stuerzen zur Front.

(Su Feng [蘇鳳]: "Kampflied". Erschienen in der Republikanischen Tageszeitung.)

Auf, auf zum Schlachtfeld!

Unser heisses Blut kocht,

Unsere Leiber sind wie Wahnsinnige,

Wir wollen mit unserem Blut die Spitzen der Banditengewehre verrosten lassen,

Wir wollen mit unseren Leibern die Muendungen der feindlichen Kanonen verstopfen.

Auf, auf zum Schlachtfeld!

Allein mit unserem Mut,

Allein mit einem reinen, liebenden Geist -- auf, den Feind zu vertreiben!

Nein -- auf, den Feind bis auf den letzten Mann zu erschlagen.

(Gan Yuqing [甘豫慶]: "Auf zum Schlachtfeld!" Erschienen in der Shenbao.)

Landsleute, erwacht!

Stosst das Herz des Schwaeechlings von euch!

Stosst das Hirn des Schwaeechlings von euch!

Schaut, schaut, schaut --

Schaut, das Blut unserer Landsleute spritzt heraus!

Schaut, das Fleisch unserer Landsleute wird aufgeschlitzt!

Schaut, die Leichen unserer Landsleute werden aufgehaengt!

(Shao Guanhua [邵冠華]: "Erwacht, Landsleute!" Gleiche Quelle.)

In all diesen Gedichten ist es voellig offensichtlich, dass die Autoren wissen, dass sie keine Waffen haben; daher koennen sie nur "Fleisch", "einen reinen, liebenden Geist" und "Leichen" anbieten. Dies ist genau der fruehere Schmerz des Autors von "Blut der Gelben Rasse" und der Grund, warum er dafuer eintrat, Marschall Batu zu folgen und fuer "Freundschaft" zu plaedieren. Waffen werden beim Herrn gekauft; das Proletariat ist laengst zum Feind geworden; wenn nun auch der Herr die Treue nicht zu schaetzen weiss und beschliesst, seine Diener zu "zuechtigen", dann bleibt wahrhaftig nur ein einziger Weg -- der Tod --

Wir sind eine frisch ausgebildete Truppe,

Mit unerschuetterlichem Willen,

Mit siedendem Blut,

Gekommen, die gewalttaetigen Schurken hinwegzufegen.

Landsleute, liebe Landsleute,

Erhebt euch schnell und bereitet euch zum Kampf!

Erhebt euch schnell und kaempft!

Der Tod im Kampf ist unser einziger Lebensweg.

(Sha Shan [沙珊]: "Studentenarmee". Gleiche Quelle.)

Der Himmel heult,

Die Erde bebt,

Menschen stuerzen vor, Bestien bruellen,

Alles im Universum bruellt -- Freunde,

Bereitet euch, unsere Koepfe dem Feind zum Abschlagen darzubieten.

(Xu Zhijin [徐之津]: "Der grosse Tod". Gleiche Quelle.)

Die eine Gruppe ist temperamentvoll und tatenkraeftig, die andere leidenschaftlich und elegisch. Solches zu schreiben ist harmlos genug, aber wenn sie es wirklich ernst meinten, zeigten sie ein beklagenswertes Unverstaendnis fuer den wahren Sinn der "Nationalistischen Literatur". Und doch haetten sie damit zugleich die Aufgabe der "Nationalistischen Literatur" erfuellt.

VI

Hat nicht der Dichter Huang Zhenxia, Autor von "Blut der Gelben Rasse" -- in grossen Schlagzeilenlettern in der Vorhut-Monatszeitschrift gedruckt -- uns schon laengst von seinem idealen Marschall Batu erzaehlt? Dieser Dichter, geschult von Herrn Fu Yanchang, hat chinesische und auslaendische Geschichtswerke konsultiert und weiss zudem, dass "das mittelalterliche Osteuropa ein Schnittpunkt dreier Ideologien war" -- sollte er da nicht wissen, dass China in den Verfallsjahren der Zhao-Dynastie ein Tummelplatz mongolischer Pluenderung war? Als Marschall Batus Grossvater, Kaiser Dschingis Khan, in China einfiel, wurde ueberall, wo er hinkam, geplundert, Frauen geschaendet, Haeuser niedergebrannt; und als seine Soldaten Qufu in Shandong erreichten und die Statue des alten Meisters Kong (Konfuzius) erblickten, zeigten die mongolischen Soldaten auf sie und schimpften: "Bist du es nicht, der gesagt hat: 'Selbst die Barbarenlaender mit ihren Herrschern sind den chinesischen Staaten ohne unterlegen'?" -- und schossen ihm einen Pfeil mitten ins Gesicht. Dies ist in den Aufzeichnungen der Song-Autoren unter Traenen vermerkt, ganz wie die traenenreichen Artikel, die man heute in den Zeitungen liest. Das "Russland", das Dichter Huang beschreibt -- "Der Tod packt die weissen Maedchen und drueckt sie verzweifelt an sich..." -- all diese schoene Dichtung war in Wahrheit genau das Bild, das sich damals in China bot. Aber als es zur Generation seines Enkels kam, schlossen sie sich nicht zum gemeinsamen "Westfeldzug" zusammen? Nun hat die japanische Armee in die Mandschurei "ostwaerts marschiert", was genau der erste Schritt des "Westfeldzugs" ist, von dem die Schriftsteller der "Nationalistischen Literatur" traeumen, der Auftakt zum "Aufreissen der bluttrinkenden Maeuler der Krieger Asiens". Nur muessen sie zuerst in China zubeissen. Denn damals verwandelte Kaiser Dschingis Khan, ebenso wie gegenueber "Russland", zuerst das chinesische Volk in Sklaven und trieb es dann in den Krieg, und dies geschah nicht durch "Freundschaft" oder durch Einladungskarten mit hoeflicher Bitte um Teilnahme. Daher steht der Shenyang-Zwischenfall nicht nur nicht im Widerspruch zur "Nationalistischen Literatur" -- er verwirklicht sogar ihr Idealreich. Wenn man diesen wahren Sinn nicht begreift und darauf besteht, sein Haupt darzubieten und dadurch die Zahl der "Krieger Asiens" zu verringern, waere das wirklich schade.

Braucht also die "Nationalistische Literatur" all die wehklagenden, jammernden Klag-und-Sterbereime nicht? Meine ehrerbietige Antwort: Doch, sie braucht sie, und sie wird sie gewiss haben. Andernfalls wuerden die Politik des Nichtwiderstands, die schandvollen Vertraege und die Preisgabe von Territorium in der Stille allzu offensichtlich zutage treten. Es muss qualvolles Weinen und wuetendes Geschrei geben, Fausteschuetteln und Saebelrasseln, damit die Menschen durch den ganzen Laerm verwirrt werden, durch die Elegien zu Traenen geruehrt, und ihre Wut durch die Kampflieder abreagiert wird. So wird der erste Schritt des "Ostfeldzugs", der in Wahrheit der "Westfeldzug" ist, leise und unmerklich getan. In einem Leichenzug gibt es trauriges Weinen und grosse Militaermusik; die Aufgabe besteht darin, die Toten ins Grab zu geleiten, mit Getriebe den "Tod" zu uebertoenen und allen zu helfen, rasch zu "vergessen". Die temperamentvollen oder elegischen Artikel der gegenwaertigen "Nationalistischen Literatur" erfuellen genau dieselbe Aufgabe.

Aber danach rueckt der Schmerz der "Nationalistischen Literatur"-Schriftsteller nur noch naeher. Denn eine Frage droht immer naeher: Wird der Herr kuenftig vermeiden, in die Fussstapfen Marschall Batus zu treten, und wird er bereit sein, seinen loyalen und tapferen Sklaven -- nein, Kriegern -- zu vertrauen und sie gut zu behandeln? Das ist wahrhaftig eine hoechst wichtige und furchtbare Frage -- die grosse Achse, um die sich dreht, ob Herr und Sklave "koexistieren und gemeinsam gedeihen" koennen.

Die Geschichte sagt uns: Es ist unmoeglich. Dies, wie sogar die "Nationalistischen Literatur"-Schriftsteller selbst bereits wissen, wird niemals eintreten. Sie werden nur die Pflichten von Sargtraegern erfuellen, auf ewig den Schmerz der Herrentreue im Herzen, bis das tosende Unwetter der proletarischen Revolution aufsteigt und die Berge und Fluesse reinwaescht -- erst dann koennen sie diesem stagnierenden, niedrigen und verwesenden Schicksal entkommen.

Weil ihn Der Pioniertrupp als "Laufhund der Kapitalisten" bezeichnet hatte, verfasste Herr Liang Shiqiu (梁實秋) einen Artikel, in dem er behauptet, "ich bin nicht wuetend". Zunaechst stellte er anhand der Definition auf Seite 672 der zweiten Ausgabe des Pioniertrupps fest, "ich finde, ich bin selbst beinahe so etwas wie ein Mitglied des Proletariats"; sodann definierte er "Laufhund" als "im Allgemeinen jemand, der den Laufhund spielt, um seinem Herrn zu gefallen und dadurch eine kleine Gunst zu erlangen". Daraus ergab sich dann folgender Zweifel --

"Der Pioniertrupp sagt, ich sei ein Laufhund der Kapitalisten. Welches Kapitalisten denn, oder aller Kapitalisten? Ich weiss nicht einmal, wer mein Herr ist. Wuesste ich es, wuerde ich gewiss ein paar Exemplare meiner Zeitschrift nehmen, mich vor meinem Herrn prasentieren und mir Verdienste anrechnen lassen -- vielleicht bekaeame ich sogar ein paar Goldstuecke oder Rubel zur Belohnung... Ich weiss nur, dass ich durch unablassige Arbeit Geld verdienen kann, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Wie man aber einen Laufhund abgibt, wie man zum Kontor eines Kapitalisten geht, um Goldstuecke abzuholen, wie man zur XX-Partei geht, um Rubel zu kassieren -- diese Kuenste, wie sollte ich sie beherrschen?..."

Dies ist genau das lebende Portraet eines "Laufhunds der Kapitalisten". Alle Laufhunde moegen zwar von einem bestimmten Kapitalisten gehalten werden, gehoeren aber in Wahrheit allen Kapitalisten. Deshalb sind sie folgsam gegenueber jedem Reichen, dem sie begegnen, und bellen wuetend jeden Armen an. Nicht zu wissen, wer sein Herr ist -- genau das ist der Grund, warum er gegenueber jedem Reichen folgsam ist, und genau das ist der Beweis dafuer, dass er allen Kapitalisten gehoert. Selbst wenn ihn niemand fuettert und er vor Hunger mager wird und zum Streuner wird, bleibt er dennoch folgsam gegenueber jedem Reichen und bellt jeden Armen an -- nur weiss er jetzt noch weniger, wer sein Herr ist.

Da Herr Liang selbst schildert, wie muehsam er sich abplagt, als waere er ein "Proletarier" (das heisst, was Herr Liang frueher als "die Minderwertigen und Unterlegenen" bezeichnete), und da er nicht weiss, "wer sein Herr ist", gehoert er zur letzteren Kategorie. Um ganz genau zu sein, muessten noch ein paar Worte hinzugefuegt werden: Er sollte ein "herrenloser" "Laufhund der Kapitalisten" genannt werden.

Doch auch diese Bezeichnung hat noch einige Maengel. Herr Liang ist immerhin ein gebildeter Professor und unterscheidet sich daher vom gewoehnlichen Typus. Er hat es schliesslich aufgegeben zu fragen: "Hat Literatur Klassencharakter?" In seinem Aufsatz "Antwort an Herrn Lu Xun" hat er sehr geschickt Saetze ueber Parolen wie "Bewaffneter Schutz der Sowjetunion" auf Telegrafenmasten und ueber eingeschlagene Zeitungsredaktionsfenster eingeflochten; und in der oben zitierten Passage schrieb er "zur XX-Partei gehen, um Rubel zu kassieren". Jene beiden absichtlich verborgenen XX sind Zeichen, die jeder sofort als "Kommunistische" erraten kann -- womit angezeigt wird, dass jeder, der behauptet "Literatur hat Klassencharakter" und Herrn Liang auf die Fuesse tritt, im "Schutz der Sowjetunion" oder im "Rubelkassieren" befangen sein muss. Das ist dieselbe Taktik, die angewandt wurde, als Duan Qiruis (段祺瑞) Wachen Studenten erschossen und die Morgenpost schrieb, die Studenten seien fuer ein paar Rubel gestorben; oder als mein Name auf der Liste des Freiheitsbundes auftauchte und in der Korrespondenzspalte der Revolutionszeitung stand, ich sei "mit goldglaenzenden Rubeln gekauft" worden. Fuer Herrn Liang mag es vielleicht als eine Art "Kritik" gelten, fuer seinen Herrn Subversive ("akademische Banditen") aufzuspueren; aber dieses Gewerbe ist noch niedertraechtiger als das des "Henkers".

Ich erinnere mich noch: In der Aera der "Kuomintang-kommunistischen Zusammenarbeit" war es hoechste Mode, in Briefen und Reden die Sowjetunion zu loben. Jetzt sind die Zeiten anders: Den Zeitungen zufolge werden Parolen auf Telegrafenmasten und alles, was mit der "XX-Partei" zu tun hat, von der Polizei mit hoechstem Eifer verfolgt. In diesem Fall ist es natuerlich modisch und zeitgemaess, seine geistigen Gegner als "Beschuetzer der Sowjetunion" oder als Angehoerige der "XX-Partei" zu bezeichnen, und man erhaelt vielleicht sogar "ein wenig Gunst" vom Herrn. Aber zu sagen, Herr Liang beabsichtige, "Gunst" oder "Goldstuecke" zu erhalten, waere ungerecht -- so etwas gibt es entschieden nicht. Er hofft lediglich, eine helfende Hand zu reichen, um die Armseligkeit seiner "Literaturkritik" zu ueberwinden. Daher muss aus der Perspektive der "Literaturkritik" ein weiteres Adjektiv ueber "Laufhund" hinzugefuegt werden: "abgehalftert".

19. April 1930.

Eins

Ich höre, die Leute im Kreis der Zeitschrift Xinyue (Neuer Mond) erzählen, die Auflage habe sich gebessert. Das stimmt wahrscheinlich; selbst jemand wie ich, der kaum gesellschaftliche Kontakte pflegt, hat das Doppelheft Band Zwei, Nummer Sechs und Sieben in den Händen zweier junger Freunde gesehen. Beim beiläufigen Durchblättern fand ich, dass Aufsätze zum Streit um die „Redefreiheit" und Erzählungen den größten Teil ausmachten. Gegen Ende fand sich ein Aufsatz von Herrn Liang Shiqiu (梁实秋) mit dem Titel „Über Herrn Lu Xuns ‚harte Übersetzung'", in dem er behauptete, sie sei „beinahe eine tote Übersetzung". Und da „der Trend der toten Übersetzung keinesfalls gefördert werden dürfe", zitierte er drei Passagen meiner Übersetzungsarbeit sowie, was ich im Nachwort zu Literatur und Kritik geschrieben hatte: „Doch wegen der unzureichenden Fähigkeiten des Übersetzers und der Mängel, die der chinesischen Sprache von Natur aus innewohnen, gibt es bei einer Durchsicht der fertigen Übersetzung tatsächlich viele dunkle, ja geradezu unverständliche Stellen; wollte man die Nebensätze auseinanderbrechen, ginge der Tonfall des Originals verloren. Mir bleibt, außer so weiter hart zu übersetzen, nur die Möglichkeit, die Hände in den Schoß zu legen. Die einzige verbleibende Hoffnung ist, dass die Leser noch gewillt sind, die Zähne zusammenzubeißen und weiterzulesen." Diese Worte versah er sorgfältig mit Kreisen neben jedem Schriftzeichen und fügte um die Worte „harte Übersetzung" sogar Doppelkreise hinzu, woraufhin er „feierlich" sein „Urteil" fällte: „Wir haben ‚die Zähne zusammengebissen und weitergelesen', aber nichts gewonnen. Welcher Unterschied besteht zwischen ‚harter Übersetzung' und ‚toter Übersetzung'?"

In der öffentlichen Erklärung der Neuer-Mond-Gesellschaft heißt es zwar, es gebe keine besondere Organisation, und in den Aufsätzen scheint man die proletarischen Begriffe „Organisation" und „Kollektiv" zu verabscheuen, doch in Wahrheit ist sie sehr wohl organisiert — zumindest die politischen Aufsätze in diesem Heft „stützen" sich alle gegenseitig. Was die Literatur betrifft, so ist dieser Aufsatz ein Nachbeben des Beitrags „Hat Literatur Klassencharakter?", den derselbe Kritiker verfasst und ebenfalls in derselben Nummer veröffentlicht hatte. Dort heißt es an einer Stelle: „...Aber leider kann ich kein einziges dieser Bücher verstehen. ...Am schwersten fällt mir die Sprache...sie zu lesen ist schwerer als ein Himmelsbuch zu lesen...Bis heute hat kein einziger Chinese in einer Sprache, die Chinesen verstehen können, einen Artikel geschrieben, der uns erklärt, was die Theorie der proletarischen Literatur eigentlich ist." Auch hier stehen Kreise neben den Zeichen, doch um dem Setzer keine Mühe zu machen, verzichte ich darauf, sie nachzuzeichnen. Kurzum, Herr Liang betrachtet sich als Vertreter aller Chinesen; da diese Bücher für ihn unverständlich sind, müssen sie für alle Chinesen unverständlich sein, und ihre Existenz in China soll beendet werden. Daher sein Urteilsspruch: „Diesem Trend darf keinesfalls Vorschub geleistet werden."

Die Ansichten anderer Übersetzer dieser „Himmelsbücher" kann ich nicht vertreten. Von meinem persönlichen Standpunkt aus sind die Dinge jedoch nicht so einfach. Erstens mag Herr Liang behaupten, er habe „die Zähne zusammengebissen und weitergelesen", doch ob er sie tatsächlich zusammengebissen hat und ob er dazu in der Lage war, bleibt fraglich. Sich hart zu geben, während man in Wahrheit weich wie Baumwolle ist, ist geradezu ein Kennzeichen der Neuer-Mond-Gesellschaft. Zweitens mag Herr Liang gekommen sein, um alle Chinesen zu vertreten, doch ob er wirklich der Hervorragendste der gesamten Nation ist, bleibt ebenfalls fraglich. Diese Frage lässt sich anhand des Aufsatzes „Hat Literatur Klassencharakter?" klären. Es stimmt, das Wort „Proletariat" muss nicht transliteriert, sondern kann durchaus sinngemäß übersetzt werden — dafür gibt es gute Gründe. Aber dieser Kritiker schreibt: „Wenn man nur einmal im Wörterbuch nachschlägt, ist die Bedeutung dieses Wortes gar nicht so ehrenvoll. Laut Webster's Unabridged Dictionary bedeutet ‚proletariat': ‚A citizen of the lowest class who served the state not with property, but only by having children.'...Das Proletariat ist eine Klasse, die nur Kinder zur Welt bringen kann! (Zumindest war das in der Römerzeit so.)" In Wahrheit braucht man über diese „Ehrbarkeit" gar nicht zu streiten. Jeder, der ein Minimum an Allgemeinwissen besitzt, wird die Gegenwart gewiss nicht für die Römerzeit halten und alle heutigen Besitzlosen für Römer ansehen. Das ist, als habe man „Chemie" mit „shemi-xue" übersetzt — die Leser werden es sicher nicht mit ägyptischer Alchemie verwechseln. Ebenso wenig werden sie bei einem Artikel von „Herrn Liang" die Etymologie erforschen und irrtümlich glauben, ein „Einzelplankenbrücklein" habe zur Feder gegriffen. Selbst „ein Nachschlagen im Wörterbuch" (im Webster's Unabridged Dictionary, wohlgemerkt!) bringt immer noch „nichts" — doch alle Chinesen sind gewiss nicht so.

Zwei

Was ich aber am interessantesten finde, ist, dass in den im vorigen Abschnitt zitierten Textstellen Herrn Liangs zweimal das Wort „wir" vorkommt, was deutlich nach „Mehrheit" und „Kollektiv" riecht. Natürlich schreibt der Autor allein, doch seine Geistesverwandten zählen gewiss mehr als einen, und es ist nicht falsch, in der „Wir"-Form zu sprechen — es wirkt kraftvoller auf den Leser, und niemand trägt allein die Verantwortung auf seinen Schultern. Wenn jedoch „das Denken nicht vereinheitlicht werden kann" und „die Rede frei sein soll", ergibt sich, ganz wie bei Herrn Liangs Kritik am Kapitalsystem, ein gewisser „Nachteil". Denn wo es ein „Wir" gibt, muss es auch ein „Sie" jenseits von uns geben. So mag das „Wir" der Neuer-Mond-Gesellschaft zwar meinen, „dem Trend meiner toten Übersetzung dürfe keinesfalls Vorschub geleistet werden", doch es gibt andere Leser, die bei der Lektüre keineswegs „nichts gewonnen" haben, und meine „harte Übersetzung" lebt unter „ihnen" weiter und unterscheidet sich nach wie vor ein wenig von „toter Übersetzung".

Ich selbst bin einer von den „Ihnen" der Neuer-Mond-Gesellschaft, denn meine Übersetzungen und das, was Herr Liang verlangt, sind in jeder Hinsicht grundverschieden.

Am Anfang jenes Aufsatzes „Über harte Übersetzung" wird erörtert, warum Fehlübersetzung besser sei als tote Übersetzung: „Ein Buch kann unmöglich zur Gänze falsch übersetzt sein...selbst wenn Teile falsch übersetzt sind, geben diese Fehler einem immerhin noch einen Fehler. Dieser Fehler mag zwar endlosen Schaden anrichten, aber man hat beim Lesen wenigstens ein Gefühl der Befriedigung." Die letzten beiden Sätze könnte man durchaus mit besonderen Zeichen versehen, doch solche Mätzchen habe ich nie getrieben. Meine Übersetzungen waren nie dazu bestimmt, dem Leser „Befriedigung" zu verschaffen; vielmehr erzeugen sie häufig Unbehagen und können sogar Ärger, Abscheu und Empörung hervorrufen. Lektüre, die einem „ein Gefühl der Befriedigung" hinterlässt, bieten die Übersetzungen und Schriften der Mitglieder der Neuer-Mond-Gesellschaft: die Gedichte von Herrn Xu Zhimo (徐志摩), die Erzählungen von Shen Congwen (沈从文) und Ling Shuhua (凌叔华), die Plaudereien von Herrn Chen Xiying (陈西滢, d. h. Chen Yuan 陈源), die Kritiken von Herrn Liang Shiqiu, die Eugenik von Herrn Pan Guangdan (潘光旦) und der Humanismus von Herrn Babbitt (白璧德).

Wenn Herr Liang daher weiter sagt: „Ein solches Buch zu lesen ist wie eine Landkarte lesen — man muss den Finger ausstrecken, um den Faden und die Position der Satzstruktur zu finden" — so sind diese Worte für mich nur leeres Gerede, so gut wie nicht gesagt. Ja, von meinem Standpunkt aus ist das Lesen „eines solchen Buches" tatsächlich wie das Lesen einer Landkarte: man muss den Finger ausstrecken, um „den Faden und die Position der Satzstruktur zu finden". Eine Landkarte zu lesen ist vielleicht nicht so „befriedigend" wie ein Gemälde von „Yang Guifei beim Bade" oder ein Bild der „Drei Freunde des Winters" zu betrachten, und man muss womöglich sogar den Finger ausstrecken (obwohl ich vermute, dass dies nur Herrn Liangs eigenes Problem ist — wer an Landkarten gewöhnt ist, braucht nur die Augen). Aber eine Landkarte ist kein totes Bild; und selbst wenn die „harte Übersetzung" dieselbe Mühe erfordert, unterscheidet sie sich nach derselben Logik immer noch ein wenig von „toter Übersetzung". Wer sein ABC kennt, mag sich für einen modernen Gelehrten halten, hat aber dennoch nichts mit chemischen Gleichungen zu tun. Wer mit dem Abakus rechnen kann, mag sich für einen Mathematiker halten, gewinnt aber aus schriftlichen Berechnungen nichts. In dieser Welt ist es keineswegs so, dass man als Gelehrter mit allen Dingen in Verbindung steht.

Doch Herr Liang hat konkrete Beispiele — er zitiert drei meiner Übersetzungspassagen, räumt allerdings ein, dass „vielleicht wegen des fehlenden Zusammenhangs die Bedeutung nicht völlig klar sein kann". In „Hat Literatur Klassencharakter?" wendet er eine ähnliche Taktik an, zitiert zwei übersetzte Gedichte und fällt sein Pauschalurteil: „Vielleicht ist die große proletarische Literatur noch nicht erschienen; nun gut, dann bin ich bereit zu warten, und zu warten, und zu warten." Diese Methoden sind zugegebenermaßen sehr „befriedigend", aber ich kann eine Passage direkt aus dem schöpferischen Werk — schöpferisches Werk, wohlgemerkt! — „Umzug", auf Seite acht, aus eben dieser Ausgabe der Zeitschrift Xinyue nehmen —

„Haben Küken Ohren?"

„Ich hab noch nie ein Küken mit Ohren gesehen."

„Wie hört es mich dann rufen?" Sie erinnerte sich, dass Tante Vier ihr vorgestern erzählt hatte, Ohren seien zum Hören da und Augen zum Sehen.

„Ist dieses Ei von einem weißen oder einem schwarzen Huhn?" Zhier stand auf, da Tante Vier ihr nicht geantwortet hatte, betastete das Ei und fragte erneut.

„Das kann man jetzt nicht erkennen; das weiß man erst, wenn ein Küken ausschlüpft."

„Schwester Waner sagt, aus Küken werden große Hühner. Werden aus diesen Küken auch große Hühner?"

„Wenn man sie gut füttert, werden sie groß. War dieses Huhn nicht auch kleiner, als wir es gekauft haben?"

Das genügt. Die „Sprache" ist durchaus verständlich, und man braucht keinen Finger auszustrecken, um Fäden zu suchen. Aber ich werde nicht „warten"; denn schon allein diese Passage ist weder „befriedigend", noch unterscheidet sie sich sonderlich von gar keinem schöpferischen Werk.

Zuletzt hat Herr Liang einen Einwand: „Chinesisch und Fremdsprachen sind verschieden...die Schwierigkeit des Übersetzens liegt genau darin. Wenn Grammatik, Syntax und Wortschatz zweier Sprachen völlig identisch wären, wäre Übersetzen dann überhaupt noch eine Arbeit?...Wir könnten ruhig die Satzstellung etwas umbauen, wobei das Verständnis des Lesers oberste Priorität haben sollte, denn ‚die Zähne zusammenbeißen' ist kein angenehmes Erlebnis, und zudem bewahrt ‚harte Übersetzung' nicht unbedingt ‚den kraftvollen Ton des Originals'. Wenn ‚harte Übersetzung' dennoch ‚den kraftvollen Ton des Originals' bewahren könnte, wäre das wahrhaftig ein Wunder — könnte man dann noch sagen, das Chinesische habe ‚Mängel'?" Ich bin gewiss nicht so töricht, eine dem Chinesischen identische Fremdsprache zu suchen oder zu hoffen, „Grammatik, Syntax und Wortschatz zweier Sprachen seien völlig identisch". Ich meine lediglich, dass eine Nationalsprache mit komplexer Grammatik sich besser zur Übersetzung fremder Texte eignet; auch verwandte Sprachfamilien übersetzen sich leichter; und auch das ist eine Arbeit. Wenn die Niederländer Deutsch übersetzen oder die Russen Polnisch — kann man sagen, das sei von Nichtstun nicht zu unterscheiden? Japanisch ist vom Europäischen sehr „verschieden", doch sie haben allmählich neue Satzkonstruktionen hinzugefügt, die ihre Sprache im Vergleich zum klassischen Japanisch besser zum Übersetzen geeignet machen, ohne den kraftvollen Ton des Originals einzubüßen. Am Anfang musste man natürlich „den Faden und die Position der Satzstruktur suchen", was manchem „unangenehm" war, doch durch Suchen und Gewöhnung ist es inzwischen assimiliert und zum Eigenen geworden. Die chinesische Grammatik ist noch weniger vollständig als die des klassischen Japanisch, und doch hat auch sie Wandlungen durchgemacht: die Historischen Aufzeichnungen und das Buch Han unterscheiden sich vom Buch der Urkunden; die heutige Umgangssprache unterscheidet sich wiederum von den Historischen Aufzeichnungen und dem Buch Han. Es gab Neuschöpfungen — etwa in den buddhistischen Sutra-Übersetzungen der Tang-Zeit und den kaiserlichen Erlass-Übersetzungen der Yuan-Zeit, wo vieles an „Grammatik, Syntax und Wortschatz" neu geprägt wurde; sobald es sich eingebürgert hatte, brauchte man keinen Finger mehr auszustrecken, um es zu verstehen. Nun sind „fremdsprachige Texte" hinzugekommen, und viele Sätze müssen wieder neu geprägt werden — unverblümt gesagt: hart geprägt. Meiner Erfahrung nach bewahrt eine solche Übersetzung den kraftvollen Ton des Originals besser, als wenn man alles in mehrere Sätze auflöst; doch weil es auf Neuprägungen ankommt, weist die bisherige chinesische Sprache eben Mängel auf. Was für ein „Wunder"? Was für ein „wirklich"? Aber da es „das Ausstrecken des Fingers" und „das Zusammenbeißen der Zähne" erfordert, ist es für manche natürlich „kein angenehmes Erlebnis". Allerdings beabsichtige ich keineswegs, jenen Herren „Befriedigung" oder „Vergnügen" zu bieten; solange es noch eine gewisse Zahl von Lesern gibt, die etwas daraus gewinnen, sind Freud und Leid des Herrn Liang Shiqiu und „Konsorten" sowie ihr Nichtgewinn wahrlich „wie schwebende Wolken für mich".

Doch Herr Liang hat noch einen weiteren Punkt, der keinen Rückgriff auf proletarische Literaturtheorie erfordert und trotzdem recht unklar bleibt. Er sagt: „Die Werke, die Herr Lu Xun vor einigen Jahren übersetzt hat, etwa Kuriyagawa Hakusons Das Symbol der Qual, waren noch nicht unverständlich, aber seine jüngsten Übersetzungen scheinen den Stil geändert zu haben." Jeder, der ein Minimum an Allgemeinwissen besitzt, weiß: „Chinesisch und Fremdsprachen sind verschieden", doch innerhalb ein und derselben Fremdsprache können „Stil" und „Faden und Position der Satzstruktur" aufgrund der unterschiedlichen Schreibweisen der einzelnen Autoren sehr verschieden sein. Sätze können komplex oder einfach sein, Begriffe geläufig oder fachspezifisch — es ist keineswegs so, dass eine Fremdsprache stets einen einheitlichen Schwierigkeitsgrad aufwiese. Meine Übersetzung von Das Symbol der Qual entstand auf dieselbe Weise wie heute — dem Original Satz für Satz, ja Zeichen für Zeichen folgend. Dass Herr Liang Shiqiu sie verständlich fand, lag daran, dass der Originaltext zufällig leicht zugänglich war, dass Herr Liang Shiqiu ein neuer chinesischer Kritiker ist und dass die darin hart geprägten Satzkonstruktionen vergleichsweise vertraut waren. Einem Gelehrten aber in einem abgelegenen Dorf, der nur die Anthologie klassischer Prosa liest — wäre es dem nicht schwerer zu lesen als ein „Himmelsbuch"?

Drei

Doch diese Übersetzungen proletarischer Literaturtheorie, „schwerer als Himmelsbücher", haben auf Herrn Liang einen nicht geringen Einfluss gehabt. Dass Unverständnis einen Einfluss haben sollte, mag komisch klingen, ist aber wahr. Dieser Kritiker schreibt in „Hat Literatur Klassencharakter?": „Wenn ich jetzt die sogenannte proletarische Literaturtheorie kritisiere, kann ich mich nur auf das wenige Material stützen, das ich zu verstehen vermag." Das heißt im Klartext: sein Wissen über diese Theorie ist deshalb äußerst unvollständig.

Für dieses Vergehen können wir (einschließlich aller Übersetzer von „Himmelsbüchern", daher das „wir") aber nur einen Teil der Verantwortung übernehmen. Einen anderen Teil muss die Gedankenlosigkeit oder Faulheit des Autors selbst tragen. Von den Büchern „eines Lunatscharski, Plechanow und dergleichen" weiß ich nichts; aber was „Bogdanow und dergleichen" und deren drei Aufsätze und die Hälfte von Trotzkis Literatur und Revolution betrifft — davon gibt es durchaus englische Übersetzungen. In England gibt es keinen „Herrn Lu Xun", die Übersetzungen dürften also durchaus verständlich sein. Herr Liang hat bereits seine Geduld und seinen Mut bewiesen, indem er „wartete, und wartete, und wartete" auf das Erscheinen großer proletarischer Literatur. Warum wartet er diesmal, was die Theorie betrifft, nicht auch einen Moment, sucht die Bücher, liest sie und spricht dann? Nicht zu wissen, dass etwas existiert, und es nicht zu suchen, ist Gedankenlosigkeit; zu wissen, dass es existiert, und es nicht zu suchen, ist Faulheit. Sitzt man bloß still da, mag das „befriedigend" sein, aber sobald man den Mund aufmacht, schluckt man allzu leicht kalte Luft.

Nehmen wir zum Beispiel jenen hochgelehrten Aufsatz „Hat Literatur Klassencharakter?" — sein Fazit lautet, dass es keinen Klassencharakter gibt. Um den Klassencharakter auszulöschen, halte ich den saubersten Ansatz für Herrn Wu Zhihuis (吴稚晖) „was auch immer Marx-Schmarx" und die Lehre eines gewissen anderen Herrn, „es gebe keine Klassen auf der Welt". Dann verstummten alle Stimmen und die Welt wäre im Frieden. Doch Herr Liang ist schon etwas vom Gift „jenes Marx" infiziert, denn zunächst räumt er ein, dass es heute an vielen Orten ein kapitalistisches System gibt und dass es unter diesem System Besitzlose gibt. Allerdings „hatten die Besitzlosen ursprünglich gar kein Klassenbewusstsein. Es waren einige wenige Führer mit übermäßigem Mitgefühl und radikaler Haltung, die ihnen diesen Klassenbegriff eingeimpft haben", um ihren Zusammenschluss anzustacheln und ihre Kampflust zu entfachen. Richtig — aber ich glaube, die Einimpfenden tun dies nicht aus Mitgefühl, sondern aus der Idee einer Umgestaltung der Welt heraus. Überdies kann etwas, das „ursprünglich nicht existiert", nicht bewusst gemacht, nicht entfacht werden. Dass es bewusst werden und entfacht werden kann, beweist, dass es von Anfang an vorhanden war. Und was von Anfang an vorhanden war, lässt sich nicht lange verbergen. So wie Galilei sagte, die Erde bewege sich, und Darwin von der biologischen Evolution sprach — wurden sie nicht anfangs beinahe von Kirchenmännern auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder von Konservativen heftig angegriffen? Doch heute findet niemand mehr etwas Bemerkenswertes an beiden Theorien, eben weil die Erde sich tatsächlich bewegt und die Lebewesen sich tatsächlich entwickeln. Die Existenz einer Sache anzuerkennen und sie zugleich als nicht existent zu tarnen, erfordert außergewöhnliches Geschick.

Doch Herr Liang hat seine eigene Methode zur Beseitigung des Kampfes. Er glaubt, wie Rousseau gesagt habe: „Eigentum ist die Grundlage der Zivilisation", und daher sei „das Kapitalsystem anzugreifen gleichbedeutend mit Widerstand gegen die Zivilisation". „Wenn ein Besitzloser Tüchtigkeit besitzt, braucht er nur ein Leben lang fleißig und ehrlich zu arbeiten, und er wird unweigerlich ein ansehnliches Vermögen erwerben. Das ist die ordentliche Methode des Lebenskampfes." Ich denke, obwohl Rousseau vor hundertfünfzig Jahren lebte, dürfte er kaum geglaubt haben, dass alle Zivilisation, vergangene wie zukünftige, auf Eigentum gründe. (Sagte man freilich „auf wirtschaftlichen Verhältnissen", so wäre das natürlich richtig.) Griechenland und Indien besaßen beide Zivilisation, und keine von beiden blühte in einer Eigentumsgesellschaft — das dürfte er gewusst haben; wenn nicht, war es sein Irrtum. Was die „ordentliche" Methode betrifft, nach der Besitzlose „fleißig und ehrlich" in die besitzende Klasse aufsteigen sollen — das ist die altbekannte Belehrung, die reiche chinesische Großväter den armen Arbeitern erteilen, wenn sie guter Laune sind. In der Praxis gibt es auch jetzt noch viele „Besitzlose", die gerade „fleißig und ehrlich" versuchen, eine Stufe höher zu klettern. Doch das geschieht, solange ihnen noch niemand „den Klassenbegriff eingeimpft" hat. Ist er einmal eingeimpft, weigern sie sich, einzeln emporzuklettern. Wie Herr Liang sagt: „Sie sind jetzt eine Klasse; sie müssen sich organisieren; sie sind ein Kollektiv, und so springen sie aus der normalen Bahn und reißen politische und wirtschaftliche Macht an sich, springen empor zur herrschenden Klasse." Aber gibt es noch „Besitzlose", die „fleißig und ehrlich ein Leben lang arbeiten und unweigerlich ein ansehnliches Vermögen erwerben" wollen? Natürlich gibt es die. Aber ein solcher Mensch wäre als „noch-nicht-reich-gewordener Besitzender" zu zählen. Herrn Liangs Ermahnungen werden von den Besitzlosen ausgespien werden, und er wird sich mit gegenseitiger Bewunderung unter den Großvätern begnügen müssen.

Und was kommt dann? Herr Liang meint, es bestehe kein Grund zur Sorge, denn „diese revolutionäre Erscheinung kann nicht dauerhaft sein. Nach dem natürlichen Lauf der Evolution wird sich das Gesetz vom Überleben des Tüchtigsten erneut beweisen — die Klugen und Begabten werden wieder die überlegene Stellung einnehmen, und die Besitzlosen bleiben Besitzlose." Doch die Klasse der Besitzlosen weiß vermutlich auch, dass „zivilisationsfeindliche Kräfte früher oder später von den Kräften der Zivilisation besiegt werden", und will deshalb „eine sogenannte ‚proletarische Kultur' aufbauen...die Literatur und Wissenschaft einschließt".

Von hier an betreten wir das eigentliche Thema der Literaturkritik.

Vier

Herr Liang behauptet zunächst, der Irrtum der proletarischen Literaturtheorie liege darin, „der Literatur die Fesseln der Klasse anzulegen". Ein Kapitalist und ein Arbeiter mögen sich in manchem unterscheiden, doch sie haben auch Gemeinsamkeiten: „Ihre menschliche Natur [diese beiden Zeichen trugen im Original Doppelkreise] ist nicht verschieden." Beide empfinden zum Beispiel Freude, Zorn, Trauer und Glück; beide empfinden Liebe (wobei „von der Liebe an sich gesprochen wird, nicht von der Art und Weise der Liebe"). „Literatur ist die Kunst, diese grundlegendste menschliche Natur auszudrücken." Diese Worte sind widersprüchlich und hohl. Wenn die Zivilisation auf Eigentum gründet und die „Tüchtigkeit" eines Armen darin besteht, mit aller Kraft in die besitzende Klasse emporzusteigen, dann ist das Emporsteigen das Wesen des Lebens, der Reiche das höchste Wesen der Menschheit, und die Literatur braucht nur die Bourgeoisie darzustellen — warum dann so „übermäßig mitfühlend" sein und auch die „unterlegenen und besiegten" Besitzlosen einbeziehen? Und wie genau wird „das An-sich" der „menschlichen Natur" ausgedrückt? Nehmen wir etwa die chemische Eigenschaft eines Elements oder einer Verbindung — die Bindungskraft — oder die physikalische Eigenschaft der Härte: Um diese Kraft und diesen Grad zu demonstrieren, braucht man zwei Stoffe; Bindungskraft und Härte „an sich" ohne jeden Stoff zeigen zu wollen, ist unmöglich. Doch sobald man Stoffe verwendet, unterscheidet sich das Phänomen je nach Stoff. Literatur kann „Natur" nicht ohne Menschen ausdrücken; und sobald Menschen verwendet werden, die in einer Klassengesellschaft leben, kann man dem Klassencharakter, dem sie zugehören, nicht entgehen. Man braucht keine „Fesseln anzulegen" — es ergibt sich aus der Notwendigkeit. Natürlich sind „Freude, Zorn, Trauer und Glück die Gefühle des Menschen", doch ein Armer wird niemals den Kummer kennen, an der Börse Geld verloren zu haben; wie sollte ein Erdölmagnat das Leid kennen, das eine alte Frau empfindet, die in Peking Kohlenschlacke aufsammelt? Die Katastrophenopfer in einer Hungerregion züchten wohl keine Orchideen wie der reiche alte Großvater. Und Jiao Da vom Hause Jia verliebt sich nicht in die Schwester Lin. „O Dampfpfeife!" „O Lenin!" — das mag noch keine proletarische Literatur sein; aber „O alle Dinge!" „O alle Menschen!" „Etwas Erfreuliches ist geschehen, und die Menschen freuen sich!" — das ist ebenso wenig Literatur, die das „An-sich" der „menschlichen Natur" ausdrückt. Wenn Literatur, die die allgemeinste menschliche Natur ausdrückt, die höchste ist, dann muss Literatur, die die allgemeinste tierische Natur ausdrückt — Ernährung, Atmung, Bewegung, Fortpflanzung — oder, minus „Bewegung", Literatur, die die biologische Natur ausdrückt, noch höher stehen. Sagt man, weil wir Menschen sind, beschränken wir uns auf den Ausdruck der menschlichen Natur — dann machen die Besitzlosen, eben weil sie Besitzlose sind, proletarische Literatur.

Ferner argumentiert Herr Liang, die Klassenzugehörigkeit eines Autors habe nichts mit seinem Werk zu tun. Tolstoi stamme aus dem Adel und habe doch mit den Armen sympathisiert, ohne den Klassenkampf zu befürworten. Marx sei kein Angehöriger der proletarischen Klasse gewesen. Dr. Johnson sei sein Leben lang arm gewesen, habe aber in Gesinnung und Auftreten den Adel übertroffen. Daher solle man bei der Beurteilung von Literatur das Werk an sich betrachten und nicht die Klasse oder den Stand des Autors in Mithaftung nehmen. Doch keines dieser Beispiele reicht aus, um die Klassenlosigkeit der Literatur zu beweisen. Gerade weil Tolstoi aus dem Adel stammte und sich nicht ganz von den alten Gewohnheiten befreien konnte, sympathisierte er zwar mit den Armen, befürwortete aber nicht den Klassenkampf. Marx war ursprünglich in der Tat kein Angehöriger der proletarischen Klasse, hat aber auch keine literarischen Werke verfasst; wir können nicht spekulieren, dass er, hätte er zur Feder gegriffen, zwangsläufig die Liebe-an-sich ohne Art und Weise ausgedrückt hätte. Was Dr. Johnson betrifft, der sein Leben lang arm war und doch in Gesinnung und Auftreten den Hochadel übertroffen haben soll — gestehe ich, den Grund nicht zu kennen, da ich nichts von englischer Literatur und seiner Biographie weiß. Vielleicht wollte er ursprünglich „fleißig und ehrlich ein Leben lang arbeiten und unweigerlich ein ansehnliches Vermögen erwerben", um dann in die Adelsklasse emporzusteigen, doch am Ende war er „unterlegen", konnte nicht einmal ein ansehnliches Vermögen ansammeln und begnügte sich damit, leere Posen einzunehmen und sich selbst zu „befriedigen".

Ferner sagt Herr Liang: „Gute Werke sind auf ewig der Besitz einiger Weniger; die Mehrheit ist auf ewig dumm und hat auf ewig nichts mit Literatur zu tun." Ob man jedoch Urteilskraft besitze, habe nichts mit der Klasse zu tun, denn „die Fähigkeit zur Wertschätzung von Literatur ist eine angeborene Gnade" — das heißt, auch unter den Besitzlosen gebe es Menschen mit dieser „angeborenen Gnade". Nach meiner Folgerung könnte dann jemand, der diese „Gnade" besitzt, selbst wenn er so arm ist, dass er keine Bildung genießen konnte und keinen einzigen Buchstaben kennt, die Zeitschrift Xinyue schätzen und als Beweis dafür dienen, dass „menschliche Natur" und Literatur „an sich" keinen Klassencharakter haben. Doch Herr Liang weiß auch, dass angeboren mit dieser Gnade begabte Besitzlose nur wenige sein können, und bestimmt daher eine andere Art von Stoff (Literatur?) für sie zum Lesen: „etwa populäres Theater, Kinofilme, Kriminalromane und dergleichen", weil „die gewöhnlichen Arbeiter und Bauern Unterhaltung brauchen und vielleicht ein wenig künstlerische Unterhaltung". So betrachtet scheint es, als unterscheide sich Literatur tatsächlich nach Klassen. Doch laut Herrn Liang hängt dies vom Niveau der Urteilskraft ab, und die Pflege dieser Kraft hat nichts mit wirtschaftlichen Verhältnissen zu tun — sie ist ein Geschenk Gottes, eine „Gnade". Deshalb sollen Literaten frei schaffen, weder als Diener von Königtum und Adel noch unter Drohung der proletarischen Klasse Lobgesänge verfassen. Das ist richtig. Aber in der proletarischen Literaturtheorie, die ich gelesen habe, hat nie jemand gesagt, ein Literat einer bestimmten Klasse solle sich nicht dem Königtum und dem Adel verdingen, sondern sich der Drohung der proletarischen Klasse unterwerfen und Lobgesänge verfassen. Es wird lediglich gesagt, dass Literatur Klassencharakter hat; dass in einer Klassengesellschaft ein Literat, selbst wenn er sich für „frei" hält und meint, er habe die Klassen überwunden, unbewusst vom Klassenbewusstsein seiner eigenen Klasse geleitet wird; und dass seine Schöpfungen die Kultur eben keiner anderen Klasse sind. Herrn Liangs Aufsatz etwa war ursprünglich dazu bestimmt, den Klassencharakter der Literatur zu negieren und die Wahrheit hochzuhalten. Aber indem er Eigentum zum Ahnherrn der Zivilisation macht und auf die Armen als Bodensatz der „unterlegenen Besiegten" zeigt, erkennt man auf einen Blick, dass es sich um die „Waffe" des Kampfes der besitzenden Klasse handelt — nein, um den „Aufsatz". Die Behauptung der proletarischen Literaturtheoretiker, wonach literarische Theorien, die „die gesamte Menschheit" und „die Überwindung der Klassen" propagieren, Werkzeuge der besitzenden Klasse seien, findet hier ein äußerst anschauliches Beispiel. Was Herrn Cheng Fangwu (成仿吾) und seinesgleichen betrifft — „Sie werden sicherlich siegen, also lasst uns hingehen und sie leiten und trösten" — die, nachdem sie „lasst uns gehen" gesagt haben, dann die „sie", die nicht ihresgleichen sind, „abfertigen" — solche proletarischen Literaten machen sich, das muss nicht eigens gesagt werden, ebenso wie Herr Liang des Fehlers der „Willkür" gegenüber der proletarischen Literaturtheorie schuldig.

Des Weiteren verabscheut Herr Liang am meisten die Auffassung der proletarischen Literaturtheoretiker, Literatur als Waffe des Kampfes zu betrachten — also als Propaganda. Er „hat nichts dagegen, wenn jemand Literatur benutzt, um andere Ziele zu erreichen", kann aber „nicht anerkennen, dass propagandistische Texte Literatur sind". Ich halte dies für eine selbstgeschaffene Sorge. Soweit ich die betreffenden Theorien gelesen habe, sagen sie lediglich, dass alle Literatur unweigerlich Propaganda enthält; niemand hat behauptet, dass allein propagandistische Texte als Literatur gelten. Es stimmt, seit vorvorletztem Jahr hat China tatsächlich viele Gedichte und Erzählungen hervorgebracht, die mit Parolen und Schlagworten vollgestopft waren und von ihren Verfassern für proletarische Literatur gehalten wurden. Doch das lag daran, dass weder Inhalt noch Form proletarische Züge trugen und ohne Parolen und Schlagwörter der „aufstrebende" Charakter nicht zum Ausdruck gebracht werden konnte — in Wahrheit war auch das keine proletarische Literatur. Dieses Jahr zitierte der berühmte „proletarische Literaturkritiker" Herr Qian Xingcun (钱杏邨) in der Zeitschrift Der Pionier immer noch Lunatscharski, um zu belegen, dass dieser die massenverständliche Literatur schätze, woraus folge, dass Parolen und Schlagwörter nicht zu verwerfen seien, und verteidigte damit jene „revolutionäre Literatur". Doch ich meine, dass auch dies, wie bei Herrn Liang Shiqiu, eine absichtliche oder unabsichtliche Entstellung ist. Was Lunatscharski unter massenverständlichen Dingen verstand, dürften die Heftchen gewesen sein, die Tolstoi verfasste und an Bauern verteilte — Sprache, Melodien und Humor, die Arbeiter und Bauern sofort begreifen. Man braucht nur zu bedenken, dass Demjan Bedny (Демьян Бедный) für seine Dichtung den Rotbanner-Orden erhielt und seine Gedichte keine Parolen und Schlagwörter enthalten, um das zu verstehen.

Schließlich will Herr Liang die Ware sehen. Das ist richtig — das ist der praktischste Ansatz. Aber zwei übersetzte Gedichte zu zitieren und als Schauobjekt vorzuführen, ist nicht richtig. In der Xinyue selbst gab es bereits „Über die Schwierigkeit des Übersetzens" — und erst recht, wenn es sich um übersetzte Lyrik handelt. Was ich gesehen habe: Lunatscharkis Der befreite Don Quijote, Fadejews Die Niederlage, Gladkows Zement — in den elf Jahren der Republik hat China keine Werke hervorgebracht, die sich mit diesen messen könnten. Damit meine ich Schriftsteller vom Schlage der Neuer-Mond-Gesellschaft, die im Nachglanz der bürgerlichen Zivilisation schwelgen und sie von Herzen verteidigen. Unter den Werken selbsternannter proletarischer Schriftsteller kann ich ebenfalls keine vergleichbaren Leistungen nennen. Doch Herr Qian Xingcun hat auch zur Verteidigung vorgebracht, eine neu aufsteigende Klasse sei in ihren literarischen Fähigkeiten natürlich unreif und schlicht, und sofort gute Werke von ihr zu verlangen sei „bourgeoise" Böswilligkeit. Als Aussage im Namen der Arbeiter und Bauern ist das völlig richtig — eine solche unvernünftige Forderung gleicht dem Vorwurf an Menschen, die man lange hat hungern und frieren lassen, warum sie nicht so wohlgenährt seien wie die Reichen. Doch die Autoren im heutigen China sind keineswegs Menschen, die gerade erst Pflug oder Axt aus der Hand gelegt haben; die große Mehrzahl hat eine Schule besucht und sind Intellektuelle, manche sogar bereits berühmte Schriftsteller. Kann es sein, dass nach der Überwindung ihres kleinbürgerlichen Klassenbewusstseins auch ihre frühere literarische Begabung mit verschwunden ist? Das kann nicht sein. Die russischen Altmeister Alexej Tolstoi, Weresajew und Prischwin schaffen bis heute gute Werke. Dass chinesische Schriftsteller Parolen haben, aber keine entsprechende Substanz vorweisen können, liegt meiner Meinung nach nicht daran, dass sie „Literatur als Waffe des Klassenkampfes benutzen", sondern daran, dass sie „den Klassenkampf als Waffe der Literatur benutzen". Unter dem Banner der „proletarischen Literatur" haben sich nicht wenige Purzelbaum-Schläger versammelt. Man betrachte nur die Buchannoncen vom letzten Jahr — praktisch jedes Buch war „revolutionäre Literatur" — während die Kritiker nichts weiter taten, als ihre Apologetik „Liquidation" zu nennen — das heißt, sie ließen die Literatur unter dem Schutz des „Klassenkampfes" sitzen, so dass die Literatur selbst sich nicht anzustrengen brauchte und folglich weder mit Literatur noch mit Kampf viel zu tun hatte.

Doch das augenblickliche Phänomen in China bietet natürlich keinerlei Gegenbeweis zum Aufstieg der proletarischen Literatur. Herr Liang weiß das auch, weshalb er am Schluss einlenkt: „Wenn proletarische revolutionäre Schriftsteller darauf bestehen, ihre Propagandaliteratur proletarische Literatur zu nennen, dann zählt sie immerhin als eine neue Literatur, immerhin als eine neue Ernte auf dem Gebiet der Literatur. Es ist nicht nötig, laut ‚Nieder mit der bürgerlichen Literatur!' zu rufen und um literarisches Gebiet zu kämpfen, denn das Gebiet der Literatur ist weit, und Neues wird stets seinen Platz finden." Doch das klingt nach der Rhetorik der „chinesisch-japanischen Freundschaft, des Zusammenbestehens und gemeinsamen Gedeihens" — aus der Sicht der noch nicht flügge gewordenen Besitzlosen ist es eine Form des Betrugs. „Proletarische Literaten", die sich damit zufrieden geben, gibt es gegenwärtig vermutlich schon, doch sie gehören zur selben Sorte wie Herrn Liangs Besitzlose mit „Tüchtigkeit", die in die Bourgeoisie emporklettern wollen — ihre Werke sind das Murren eines armen Gelehrten vor der bestandenen Staatsprüfung. Von Anfang bis Ende — durch das Emporsteigen und danach — ist nichts davon proletarische Literatur. Proletarische Literatur ist ein Flügel des Kampfes, die eigene Klasse und alle Klassen aus eigener Kraft zu befreien; was sie beansprucht, ist das Ganze, nicht eine Ecke. Um die Welt der Literaturkritik als Gleichnis zu nehmen: Stellte man im „Kunstpalast" der „menschlichen Natur" (den wir vorübergehend von Herrn Cheng Fangwu mieten müssten) zwei mit Tigerfell bezogene Sessel nach Süden gerichtet auf, ließe Herrn Liang Shiqiu und Herrn Qian Xingcun nebeneinander Platz nehmen, den einen mit „Neuer Mond" in der rechten Hand, den anderen mit „Sonne" in der linken — das Bild wäre wahrhaftig „Arbeit und Kapital" in schönstem Wettstreit.

Fünf

Hier können wir auf meine „harte Übersetzung" zurückkommen.

Naheliegenderweise ist dies eine Frage, die sich zwangsläufig ergibt: Wenn die proletarische Literatur den Schwerpunkt auf Propaganda legt und Propaganda der Mehrheit verständlich sein muss — wozu werden dann diese „hart übersetzten" und unverständlichen theoretischen „Himmelsbücher" überhaupt übersetzt? Ist das nicht dasselbe, als hätte man gar nicht übersetzt?

Meine Antwort lautet: für mich selbst, für die Handvoll Leute, die sich als proletarische Literaturkritiker ausgeben, und für einen Teil der Leser, die keine „Befriedigung" suchen, keine Schwierigkeiten scheuen und zumindest etwas von dieser Theorie verstehen wollen.

Seit vorvorletztem Jahr sind die Angriffe gegen mich persönlich überaus zahlreich gewesen. In praktisch jeder Zeitschrift sieht man den Namen „Lu Xun", und der Ton der Verfasser klingt, bei flüchtigem Hinsehen, zumeist wie der revolutionärer Literaten. Doch nach der Lektüre einiger Aufsätze hatte ich zunehmend den Eindruck, es werde zu viel leeres Stroh gedroschen. Das Skalpell verfehlte die entscheidenden Stellen; die Kugeln trafen nichts Lebenswichtiges. Nehmen wir zum Beispiel die Frage, welcher Klasse ich angehöre — sie ist bis heute nicht geklärt; bald heißt es Kleinbürgertum, bald „Bourgeoisie", zuweilen werde ich gar zum „feudalen Überbleibsel" befördert und obendrein mit einem Orang-Utan gleichgesetzt (siehe die „Tokioer Korrespondenz" in der Zeitschrift Schöpfung); einmal wurden sogar die Farbe meiner Zähne attackiert. In einer solchen Gesellschaft ist es durchaus möglich, dass feudale Überbleibsel sich hervortun. Aber dass ein feudales Überbleibsel ein Orang-Utan sei, steht in keiner „materialistischen Geschichtsauffassung", und man findet auch nicht das Argument, gelbe Zähne schadeten der proletarischen Revolution. Da dachte ich: es gibt zu wenig solche Theorie zum Nachschlagen, weshalb alle etwas verwirrt sind. Was Feinde betrifft — sie zu sezieren, an ihnen zu kauen — das ist in diesen Zeiten unvermeidlich. Aber mit einem Lehrbuch der Anatomie und einem Kochbuch, nach Vorschrift verfahrend, werden Aufbau und Geschmack immerhin etwas klarer und bekömmlicher. Man vergleicht den Revolutionär oft mit Prometheus aus der Mythologie, der das Feuer für die Menschheit stahl und, obwohl von den Göttern gepeinigt, nicht bereute — sein Großmut und seine Ausdauer sind in der Tat vergleichbar. Aber ich stahl Feuer aus anderen Ländern mit der ursprünglichen Absicht, mein eigenes Fleisch zu braten, in der Hoffnung, dass, wenn der Geschmack etwas besser ausfiele, vielleicht auch jene, die an mir kauen, mehr davon hätten und ich meinen Körper nicht umsonst verbraucht hätte. Der Ausgangspunkt war rein individualistisch, zudem mit kleinbürgerlicher Üppigkeit durchsetzt, sowie mit der „Rache", langsam ein Skalpell zu ziehen und es dem Sezierer ins Herz zu stoßen. Herr Liang sagt: „Sie wollen Rache!" Aber nicht nur „sie" — solche Menschen gibt es auch unter den „feudalen Überbleibseln" reichlich. Und doch wünsche ich auch, der Gesellschaft von Nutzen zu sein; was die Zuschauer am Ende sehen, ist immer noch Feuer und Licht. Und so war das erste Unterfangen die Literaturpolitik, weil sie die Argumente verschiedener Schulen enthielt. Herr Zheng Boqi (郑伯奇), der jetzt einen Buchladen betreibt und Dramen von Hauptmann und Lady Gregory verlegt, war damals noch ein revolutionärer Literat. In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Literarisches Leben verspottete er meine Übersetzung dieses Buches mit den Worten, ich sei nicht bereit, in der Versenkung zu verschwinden, habe aber leider den Vortritt einem anderen überlassen müssen. Dass die Übersetzung eines einzigen Buches einen emporschwemmen könne — ein revolutionärer Literat zu sein ist wirklich zu einfach; solche Illusionen hatte ich nicht. Ein gewisses Boulevardblatt erklärte darauf, meine Übersetzung der Kunsttheorie sei eine „Kapitulation". Ja, Kapitulation kommt in der Welt häufig vor. Aber damals war Generalissimus Cheng Fangwu längst aus seiner japanischen heißen Quelle gekrochen und in ein Pariser Hotel eingezogen — wem hätte ich hier also meine Ergebenheit anbieten sollen? Dieses Jahr hat sich die Deutung wieder gewandelt: im Pionier und in Moderne Erzählungen heißt es, es sei ein „Richtungswechsel". Ich habe in einigen japanischen Zeitschriften gesehen, wie man diese vier Zeichen dem einstigen Neusensualisten Kataoka Teppei angeheftet hat, als sei es ein ehrenvoller Begriff. In Wahrheit rührt all dieses verworrene Gerede von der alten Krankheit her, nur auf Etiketten zu schauen, ohne auch nur nachzudenken. Die Übersetzung eines Buches über proletarische Literatur reicht nicht aus, um eine Richtung zu beweisen; enthielte sie Entstellungen, wäre sie im Gegenteil schädlich. Meine Übersetzungen sind auch als Gabe an diese vorschnellen proletarischen Literaturkritiker gedacht, denn sie haben die Pflicht, nicht nach „Befriedigung" zu trachten, sondern Mühsal auf sich zu nehmen und diese Theorien zu studieren.

Doch ich bin zuversichtlich, dass meine Übersetzungen keine absichtlichen Entstellungen enthalten. Wenn sie die Schwächen von Kritikern treffen, die ich nicht schätze, schmunzle ich; wenn sie meine eigenen Schwächen treffen, ertrage ich den Schmerz. Aber ich werde auf keinen Fall etwas hinzufügen oder weglassen — das ist ein weiterer Grund für meine beständige „harte Übersetzung". Natürlich wird es eines Tages bessere Übersetzer geben, die Übersetzungen anfertigen können, die weder verzerrt noch „hart" oder „tot" sind. Dann werden meine Übersetzungen selbstverständlich überholt sein. Ich will lediglich die Lücke zwischen „nichts" und „etwas Besserem" füllen.

Doch es gibt noch viel Papier in der Welt, während jede Literaturgesellschaft nur wenige Mitglieder hat. Große Ambitionen, aber bescheidene Mittel — sie können nicht genug schreiben, um all das Papier zu füllen. Und so sieht der Kritiker in jeder Gesellschaft, dessen Aufgabe es ist, Feinde zu besiegen und Freunden beizustehen und fremde Gattungen hinwegzufegen, wie andere kommen und auf das Papier kritzeln, und seufzt, schüttelt den Kopf und stampft mit den Füßen in unerträglicher Qual. Die Shanghaier Shenbao geht so weit, die Übersetzer sozialwissenschaftlicher Werke als „Hinz und Kunz" zu bezeichnen — so groß ist ihre Empörung. Herr Jiang Guangci (蒋光慈), dessen „Stellung in der neuen chinesischen Literatur den Lesern wohlbekannt ist", reiste einst nach Tokio zur Erholung. Bei einem Gespräch mit Kurahara Korehito, als er hörte, dass viele japanische Übersetzungen schlecht seien, geradezu schwerer zu lesen als die Originale... lachte er und sagte: „...Dann ist die chinesische Übersetzungswelt erst recht absurd. In letzter Zeit werden viele chinesische Bücher aus dem Japanischen übersetzt; wenn der japanische Übersetzer bei einem europäischen Werk einige Fehler und Änderungen einbringt und es dann vom Japanischen ins Chinesische übersetzt wird — hat das Werk dann nicht sein halbes Gesicht verändert?..." (Siehe Der Pionier.) Auch dies drückt tiefe Unzufriedenheit mit Übersetzungen aus, besonders mit Rückübersetzungen. Aber während Herr Liang immerhin Buchtitel und Mängel benennt, lächelt Herr Jiang nur süß und fegt alles hinweg — wahrlich weit umfassender. Kurahara Korehito übersetzte viel Literaturtheorie und Belletristik direkt aus dem Russischen, und mir persönlich war seine Arbeit von großem Nutzen. Ich hoffe, dass auch China ein oder zwei solcher ehrlicher Russisch-Übersetzer hervorbringt, die nach und nach gute Bücher übersetzen — statt sich nur einmal „Trottel" zu schimpfen und zu meinen, damit sei die Pflicht eines revolutionären Literaten erfüllt.

Doch wie die Dinge liegen, wird Herr Liang Shiqiu diese Sachen nicht übersetzen; der Große Mann, der andere als „Hinz und Kunz" bezeichnet, wird sie auch nicht übersetzen; Herr Jiang, der Russisch gelernt hat, wäre am geeignetsten, doch nach seiner Erholung brachte er nur ein Buch heraus, Eine Woche — und Japan hatte bereits zwei Übersetzungen davon. China hat einst viel über Darwin und Nietzsche geredet, sie dann während des Europäischen Krieges kräftig beschimpft. Doch bis heute gibt es nur eine Übersetzung von Darwins Werken und nur eine halbe von Nietzsche; Gelehrte und Literaten, die Englisch und Deutsch studiert haben, hatten weder die Muße noch die Neigung, sich darum zu kümmern, und dabei blieb es. Vorerst wird man sich also wohl den Spott gefallen lassen und weiterhin aus dem Japanischen rückübersetzen müssen, oder einen Originaltext nehmen und direkt übersetzen, wobei man die japanische Übersetzung zum Vergleich heranzieht. Ich beabsichtige, so weiterzumachen, und ich hoffe, dass mehr Menschen dasselbe tun, um ein wenig von der Leere hinter all dem hochfliegenden und gründlichen Gerede zu füllen — denn wir können nicht wie Herr Jiang alles „so zum Lachen" finden, und wir sollten auch nicht wie Herr Liang einfach „warten, und warten, und warten".

Sechs

Am Anfang schrieb ich: „Sich hart zu geben, während man in Wahrheit weich wie Baumwolle ist, ist geradezu ein Kennzeichen der Neuer-Mond-Gesellschaft." Hier sollte ich kurz einige Sätze ergänzen, die als Schluss dieses Aufsatzes dienen sollen.

Als die Xinyue zum ersten Mal erschien, propagierte sie eine „feierliche Haltung" — doch wer schimpft, wird zurückgeschimpft, und wer spottet, wird zurückgespottet. Das ist nicht falsch; es ist genau das Prinzip „mit den Methoden des anderen ihn selbst behandeln", und obwohl es auch eine Form der „Rache" ist, geschieht es nicht um seiner selbst willen. In der Anzeige für das Doppelheft Band Zwei, Nummer Sechs und Sieben heißt es immer noch: „Wir alle bewahren eine ‚tolerante' Haltung (außer dass eine ‚intolerante' Haltung etwas ist, was wir nicht tolerieren können). Wir alle bevorzugen besonnene, vernunftgemäße Lehren." Die ersten beiden Sätze sind ebenfalls nicht falsch — „Auge um Auge, Zahn um Zahn" — konsequent vom Anfang an. Aber folgt man dieser breiten Straße bis ans Ende, kommt man unweigerlich bei „Gewalt mit Gewalt begegnen" an, was mit der von den Herren der Neuer-Mond-Gesellschaft so geschätzten „Besonnenheit" unvereinbar ist.

Diesmal traf die „Redefreiheit" der Neuer-Mond-Gesellschaft auf Unterdrückung. Nach der alten Methode hätte man auch die Unterdrücker unterdrücken müssen. Doch die Reaktion, die in der Xinyue erschien, war ein Aufsatz mit dem Titel „Eine Warnung an die Unterdrücker der Redefreiheit" — zuerst wird die Parteidoktrin der Gegenseite zitiert, dann ausländische Gesetze, zuletzt historische Beispiele aus Ost und West, um zu zeigen, dass Unterdrücker der Freiheit stets dem Untergang zustreben: eine Warnung, die aus Sorge um die Gegenseite ausgesprochen wird.

So zeigt sich: Die „feierliche Haltung" und die „Auge um Auge"-Methode der Neuer-Mond-Gesellschaft wird, wenn es darauf ankommt, ausschließlich gegenüber Gleichstarken oder Schwächeren angewandt. Aber wenn ein Stärkerer ihnen die Augen blau schlägt, machen sie eine Ausnahme: Sie heben lediglich die Hände vors eigene Gesicht und rufen: „Passen Sie auf Ihre eigenen Augen auf!\"

Jeder, der auch nur einen Funken Bewusstsein hat, weiß: Die Studenten haben diesmal Petitionen eingereicht, weil Japan Liaoning und Jilin besetzt hatte, die Nanjing-Regierung hilflos war und nur bei der Liga der Nationen betteln konnte, während der Völkerbund tatsächlich mit Japan unter einer Decke steckte. Studiert nur, studiert! — Gewiss, Studenten sollen studieren, aber die hohen Herren und Würdenträger sollten auch nicht das Land verschachern, damit man überhaupt in Ruhe studieren kann. Haben die Zeitungen nicht berichtet, dass die Nordost-Universität aufgelöst wurde, die Feng-Yong-Universität aufgelöst wurde, und dass japanische Soldaten jeden erschießen, der wie ein Student aussieht? Die Büchertasche niederzulegen und Petitionen einzureichen — das ist wahrlich schon erbärmlich genug. Doch die Nationalregierung häufte in einem Rundtelegramm an alle militärischen und politischen Behörden vom 18. Dezember noch folgende Anklagen auf sie: „Zerstörung von Regierungsgebäuden, Blockierung des Verkehrs, Körperverletzung von Mitgliedern des Zentralkomitees, Beschlagnahmung von Automobilen, Angriffe auf Passanten und Beamte, eigenmächtige Festnahmen und illegale Verhöre, die öffentliche Ordnung vollständig zerstört" — und wies zudem auf die Folge hin: „Freunde aus befreundeten Nationen sind fassungslos; geht das so weiter, hört das Land auf, ein Land zu sein"!

Was für feine „Freunde aus befreundeten Nationen"! Die Truppen des japanischen Imperialismus besetzten gewaltsam Liaoning und Jilin, beschossen Regierungsgebäude — sie waren nicht fassungslos. Sie blockierten Eisenbahnen, bombardierten Personenzüge, verhafteten Beamte, erschossen Zivilisten — sie waren nicht fassungslos. Unter der Herrschaft der Kuomintang: jahrelange Bürgerkriege, beispiellose Überschwemmungen, Kinderverkauf aus Armut, öffentliche Enthauptungen, geheime Massaker, Folter durch Elektroschocks zur Erpressung von Geständnissen — auch das ließ sie nicht fassungslos werden. Aber als es bei den Studentenpetitionen ein wenig Unruhe gab, da waren sie fassungslos!

Was für feine „Freunde aus befreundeten Nationen" der Nationalregierung! Was für Geschöpfe sind das! Selbst wenn die aufgezählten Vergehen der Wahrheit entsprächen — diese Dinge gibt es in jeder einzelnen dieser „befreundeten Nationen" auch. Die Gefängnisse, die sie zur Aufrechterhaltung ihrer „Ordnung" unterhalten, haben ihnen längst die Maske der „Zivilisation" vom Gesicht gerissen. Was soll diese stinkende Miene des „Entsetzens"?

Aber kaum äußern die „Freunde aus befreundeten Nationen" ihr Entsetzen, bekommt unsere Nationalregierung Angst: „Geht das so weiter, hört das Land auf, ein Land zu sein" — als hätte der Verlust der drei Ostprovinzen den Parteistaat erst recht wie ein ordentliches Land aussehen lassen; als hätte das Schweigen aller zum Verlust der drei Ostprovinzen den Parteistaat erst recht wie ein ordentliches Land aussehen lassen; als hätten nur ein paar Studenten, die nach dem Verlust der drei Ostprovinzen ein paar „Eingaben" einreichten, den Parteistaat erst recht wie ein ordentliches Land aussehen lassen — eines, das sich das Lob der „Freunde aus befreundeten Nationen" verdienen und auf ewig ein „Land" bleiben könnte.

Ein paar Zeilen Telegramm machen alles überdeutlich: was für ein Parteistaat das ist und was für „befreundete Nationen". Die „befreundeten Nationen" wollen, dass unser Volk sich wortlos abschlachten lässt; die geringste „Übertretung" wird mit Gemetzel beantwortet. Der Parteistaat will, dass wir den Wünschen dieser „Freunde aus befreundeten Nationen" gehorchen — andernfalls werde er „an alle örtlichen Militär- und Verwaltungsbehörden telegraphieren" und „unverzüglich Notmaßnahmen ergreifen, ohne sich nachher mit der Ausrede herauszureden, es sei unmöglich gewesen, sie zurückzuhalten".

Denn die „Freunde aus befreundeten Nationen" wissen wohl: Wenn japanische Soldaten „nicht zurückgehalten werden können", wie sollten dann Studenten „nicht zurückgehalten werden können"? Wofür werden die achtzehn Millionen monatlicher Militärausgaben und die vier Millionen Verwaltungskosten eigentlich verwendet, ihr „Militär- und Verwaltungsbehörden"?

Gerade einen Tag nach dem Verfassen dieses Textes sah ich in der Shenbao vom 21. Dezember ein Spezialtelegramm aus Nanjing: „Zhang Yikuan (张以宽), Beamter des Prüfungsamtes, wurde weithin als von Studenten tags zuvor verschleppt und schwer verletzt gemeldet. Laut Zhangs eigener Aussage wurde er damals aufgrund eines Missverständnisses seines Rikschafahrers von der Menge zur Nationalen Zentraluniversität geführt, verließ bald darauf den Campus und kehrte nach Hause zurück, ohne irgendeine Verletzung erlitten zu haben. Was einen gewissen Sekretär des Exekutivyuan betrifft, der zur Nationalen Zentraluniversität gebracht wurde, so verließ auch er die Universität sofort, und von einem Verschwinden kann keine Rede sein." In der Rubrik „Bildungsnachrichten" hingegen waren die bestätigten Zahlen der toten und verletzten Studenten verzeichnet, die von hiesigen Schulen nach Nanjing zur Petition gereist waren: „Zhongguo-Universität: zwei Tote, dreißig Verletzte. Fudan: zwei Verletzte. Fudan-Mittelschule: zehn Verletzte. Ostasien: eine Vermisste (weiblich). Shanghaier Mittelschule: ein Vermisster, drei Verletzte. Wenshi: ein Toter, fünf Verletzte …" So zeigt sich, dass die Studenten keineswegs, wie das Rundtelegramm der Regierung behauptete, „die gesellschaftliche Ordnung vollständig zerstört" hatten. Vielmehr war die Regierung nicht nur nach wie vor bestens in der Lage, zu unterdrücken, sondern auch nach wie vor bestens in der Lage, zu verleumden und zu morden. Die „Freunde aus befreundeten Nationen" brauchen fortan nicht mehr „fassungslos" zu sein — sie mögen sich bitte ganz beruhigt ans Aufteilen machen.

Das Wort „Arbeiter" ist nun schon volle vier Jahre lang ein Synonym für „Verbrecher". Unterdrückung — niemand sagt etwas. Massaker — niemand sagt etwas. Sobald dieses Wort in der Literatur auch nur erwähnt wird, kommen scharenweise „Gelehrte und Literaten" und „rechtschaffene Ehrenmänner" herbei, um zu höhnen und zu schimpfen, gefolgt von ganzen Schwärmen ihrer Jünger und Epigonen. O Arbeiter, Arbeiter — es schien, als solltet ihr wahrhaftig auf ewig am Boden gehalten werden.

Doch unerwartet hat sich wieder jemand an euch erinnert.

Unerwartet fanden die imperialistischen Herren, dass der Parteistaat nicht schnell genug schlachtete, und legten selbst Hand an — hier bombardiert, dort beschossen. „Das Volk" als „reaktionäre Elemente" zu brandmarken ist die Spezialität des Parteistaats; doch wer hätte gedacht, dass die imperialistischen Herren denselben wunderbaren Kunstgriff beherrschen und die nicht-widerstehende, gehorsame Armee des Parteistaats als „Banditen" abstempeln und ihr eine gründliche „Züchtigung" verabreichen! Wie ungerecht, wie empörend — da klingt fürwahr etwas an von einer Klage über die Verwechslung von „Gehorsam" und „Rebellion", über das gemeinsame Verbrennen von Jade und Stein!

Und so erinnert man sich wieder an die Arbeiter.

Und so taucht der zärtliche Ruf „Liebe Arbeiter!" — lange nicht mehr gehört — wieder in Artikeln auf; der wundersame Amtstitel „Intellektueller Arbeiter" — lange nicht mehr gesehen — erscheint wieder in den Zeitungen. Zudem hat man, „aus dem Gefühl der Notwendigkeit einer Verbindung heraus", einen „Verein" gegründet und zu leitenden Funktionären Fan Zhongyun (樊仲云), Wang Fuquan (汪馥泉) und eine ganze Schar weiterer frischgebackener „Intellektueller Arbeiter" gewählt.

Was für ein „Intellekt"? Was für eine „Arbeit"? Wozu diese „Verbindung"? Wo liegt die „Notwendigkeit"? All das sei vorerst dahingestellt — die körperlichen Arbeiter ohne „Intellekt" können sich ohnehin nicht darum kümmern.

„Liebe Arbeiter"! Geht noch einmal für diese edlen „Intellektuellen Arbeiter" auf die Straße! Damit sie weiterhin in ihren Zimmern sitzen und mit ihrem edlen „Intellekt" „arbeiten" können. Selbst wenn es scheitert, so scheitert doch nur die „Körperkraft" — der „Intellekt" bleibt ja bestehen!

Es leben die „intellektuellen" Arbeiter!

Dies ist ein Band, in dem der Übersetzer aus knapp hundert Texten, die er im Laufe von zehn Jahren übersetzt hat, jene ausgewählt hat, die nicht allzu fachspezifisch und für ein allgemeines Publikum lesenswert sind, und sie in der Hoffnung auf weitere Verbreitung zusammengestellt hat. Erstens, damit man den gegenwärtigen Stand der Evolutionslehre erkennen kann; zweitens, damit man das künftige Schicksal des chinesischen Volkes erahnen kann.

Die Evolutionslehre wurde recht früh nach China eingeführt, schon mit Yan Fus (严复) Übersetzung und Darstellung von Huxleys Tian Yan Lun (Evolution und Ethik). Doch letztlich hinterließ sie nur einen vagen Begriff; während des Ersten Weltkriegs wurde sie von Publizisten erneut gröblich missverstanden, und heute liegt selbst der bloße Name im Sterben. In der Zwischenzeit hat die Theorie mehrere Wandlungen durchlaufen: De Vries' Mutationstheorie stieg auf und sank wieder; Lamarcks Umwelttheorie wurde verworfen und dann rehabilitiert. Wir leben und atmen in der Natur, doch der Erforschung solch großer Naturgesetze haben wir im Allgemeinen kaum Beachtung geschenkt. Die jeweils zwei Aufsätze am Anfang und Ende dieses Buches argumentieren vom Standpunkt des Neolamarckismus aus und bieten einen Überblick, der dieses Versäumnis etwas ausgleicht.

Am wichtigsten aber sind die beiden letzten Aufsätze. Das allmähliche Vordringen der Wüste nach Süden, die Schwierigkeit, die Ernährung aufrechtzuerhalten — dies sind für das chinesische Volk Fragen von höchster Bedeutung und Dringlichkeit. Werden sie nicht gelöst, so ist das Ergebnis der Untergang. Dass man dadurch verstehen kann, warum die Erforschung der chinesischen Frühgeschichte so schwierig ist, und die irrige Behauptung widerlegen kann, die Chinesen seien besonders leidensfähig — das wären nur Nebengewinne. Wenn die Wälder alle gefällt und die Gewässer alle ausgetrocknet sind, wird ein einziger Tropfen Wasser in der Zukunft so viel wert sein wie Blut. Wenn die Jugend von heute und morgen sich dies merken kann, dann ist der Lohn, den dieses Buch eingebracht hat, überaus groß.

Doch die Naturwissenschaft hat ihre Grenzen; was sie behandelt, endet hier, und die Antwort, die sie gibt, lautet schlicht: Wasserbau und Aufforstung. Das mag auf den ersten Blick höchst einfach und leicht erscheinen, ist es in Wahrheit aber keineswegs. Ich kann zum Beweis zwei Stellen aus Agnes Smedleys Skizzen des chinesischen Landlebens anführen —

So führt ein solcher Baumschutz letzten Endes nur dazu, dass die Zahl derer steigt, die Rinde schälen und Wurzeln ausgraben, und beschleunigt in Wahrheit das Vordringen der Wüste. Da dieses Buch sich jedoch auf den Rahmen der Naturwissenschaft beschränkt, hat es dies nicht berücksichtigt. An die von der Naturwissenschaft dargelegten Tatsachen anknüpfend und einen Schritt weitergehend, um sie zu lösen — dafür ist die Sozialwissenschaft zuständig.

5. Mai 1930.

Mark Twain bedarf keiner langen Vorstellung — ein Blick in eine beliebige Geschichte der amerikanischen Literatur genügt, um zu wissen, dass er ein berühmter Humorist des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts war. Nicht nur lassen seine Werke den Leser schmunzeln, sondern selbst sein Pseudonym trägt einen gewissen komischen Beigeschmack.

Er hieß eigentlich Samuel Langhorne Clemens (1835–1910) und war von Beruf Lotse auf dem Mississippi. Als er seine Werke zu veröffentlichen begann, nahm er den verzerrten Ruf beim Loten der Wassertiefe und machte ihn zu seinem Pseudonym. Seine Werke wurden von den Zeitgenossen begeistert aufgenommen, und man betrachtete ihn als Meister der Pointe; doch als 1916 sein nachgelassenes Werk The Mysterious Stranger erschien, bewies es unzweideutig, dass er in Wahrheit Träger eines tiefen Pessimismus gewesen war.

Kummer im Herzen und Lachen auf den Lippen — wie kam es dazu?

Wir wissen, dass Amerika einen Edgar Allan Poe, einen Nathaniel Hawthorne (N. Hawthorne) und einen Walt Whitman (W. Whitman) hervorgebracht hat — keiner von ihnen war so zwiespältig zwischen Außen und Innen. Doch das war alles vor dem Bürgerkrieg. Danach war Whitman der Erste, der nicht mehr singen konnte, denn nach dem Krieg war Amerika zu einer industriellen Gesellschaft geworden, in der jede Individualität in eine einzige Form gepresst werden musste und Selbstbehauptung nicht mehr geduldet wurde. Wer darauf bestand, wurde verfolgt. Was die Schriftsteller dieser Epoche beschäftigte, war nicht mehr, wie man die eigene Persönlichkeit entfalten könne, sondern wie man so schreiben müsse, dass es Leser finde, Manuskripte verkauft und Ruhm erlangt werden könnten. Selbst ein so berühmter Mann wie William Dean Howells (W. D. Howells) vertrat die Ansicht, dass ein Literat von der Welt nur geduldet werde, solange er Unterhaltung biete. Und so konnten einige der noch nicht Gezähmten nicht mehr standhalten: Manche flohen ins Ausland, wie Henry James; manche verlegten sich aufs Witzeerzählen — das war Mark Twain.

Dass er zum Humoristen wurde, war also eine Frage des Lebensunterhalts, und der Kummer und die Satire, die in seinem Humor verborgen lagen, entstammten seiner Weigerung, sich mit einem solchen Leben abzufinden. Wegen dieses kleinen Maßes an Widerstand sagen die Kinder dieses neuen Landes noch heute lächelnd: Mark Twain gehört uns.

Das Tagebuch der Eva (Eve's Diary) erschien 1906, ein Werk seiner späten Jahre. Obgleich es nur eine kleine Schrift ist, enthüllt sie doch Schwächen durch Naivität und verwebt Spott in die Erzählung; sie formt ein Porträt der amerikanischen Frau seiner Zeit — die der Autor für ein Abbild aller Frauen hielt. Doch das Lächeln auf diesem Antlitz ist unverkennbar das eines Mannes in vorgerücktem Alter. Zum Glück ist dies dank der reifen Kunstfertigkeit des Autors nicht sogleich zu erkennen, und das Werk bleibt lebendig und frisch. Zudem hat der Übersetzer den Geist getreu und schlicht übertragen, beinahe so, dass man meinen könnte, hätte Eva ihr Tagebuch auf Chinesisch geführt, es hätte wohl genau so gelautet — umso mehr Grund, es zu lesen.

Die über fünfzig Strichzeichnungen von Lester Ralph sind zwar weich und zart, aber durchaus frisch. Auf den ersten Blick mag die Komposition an die Werke Ren Weichangs (任渭长) aus der späten Qing-Dynastie erinnern, doch was jener darstellte, waren Unsterbliche, Helden und erhabene Gelehrte — hagere, skurrile Gestalten, die bei Weitem nicht so gesund wirken wie diese hier. Zudem haben diese Illustrationen für chinesische Augen, die nun an Schönheitsbilder mit schrägen Augen und schmalen Schultern gewöhnt sind, eine höchst heilsame klärende Wirkung.

Aufgezeichnet in der Nacht des 27. September 1931.

Herr Feng Y. S. ließ mich durch einen seiner Freunde die englische Übersetzung von Wilde Gräser (野草) sehen und bat mich um ein paar Worte. Leider verstehe ich kein Englisch und kann nur für mich selbst sprechen. Ich hoffe jedoch, der Übersetzer wird es mir nachsehen, dass ich nur die Hälfte dessen getan habe, was er sich erhoffte.

Diese gut zwanzig kurzen Stücke wurden, wie am Ende jedes einzelnen vermerkt, zwischen 1924 und 1926 in Peking geschrieben und nach und nach in der Zeitschrift Yusi (Gesprächsfaden, 语丝) veröffentlicht. Zumeist waren es nichts als flüchtige kleine Gedanken, im Moment niedergeschrieben. Da es damals schwierig war, offen zu sprechen, ist die Ausdrucksweise bisweilen recht dunkel.

Einige Beispiele seien genannt. „Meine verlorene Liebe" entstand als Satire auf die damals grassierenden Gedichte über verschmähte Liebe. Das erste Stück von „Rache" entstand aus Abscheu über die Vielzahl der Zuschauer in der Gesellschaft. „Hoffnung" entstand aus Bestürzung über die Teilnahmslosigkeit der Jugend. „Ein solcher Krieger" wurde durch den Anblick von Gelehrten und Literaten inspiriert, die den Warlords Beistand leisteten. „Welkes Blatt" wurde für jene geschrieben, die mich lieben und mich bewahren möchten. Nachdem die Regierung Duan Qiruis (段祺瑞) auf unbewaffnete Zivilisten geschossen hatte, schrieb ich „In blassen Blutspuren" — zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich bereits anderswohin zurückgezogen. Während des Krieges zwischen den Warlord-Cliquen von Fengtian und Zhili schrieb ich „Ein Erwachen" — und danach konnte ich nicht mehr in Peking bleiben.

Man könnte also sagen, dass dies zumeist fahle kleine Blüten sind, die am Rand einer vernachlässigten Hölle wachsen — schön werden sie natürlich nicht sein. Doch auch diese Hölle war dazu bestimmt, verloren zu gehen. Dies teilten mir durch Mienen und Tonfall einige Helden mit, die über Redegewandtheit und harte Hände verfügten und damals noch nicht an die Macht gelangt waren. Und so schrieb ich „Die verlorene gute Hölle".

Später hörte ich auf, solche Dinge zu schreiben. Die sich unablässig wandelnde Zeit duldete solche Aufsätze nicht mehr — ja nicht einmal mehr solche Gedanken. Vielleicht, so denke ich, ist das am Ende sogar besser so. Ein Vorwort, das für die Übersetzung geschrieben wurde, sollte hier ebenfalls sein Ende finden. 5. November.

Eins

Plechanow (Georgi Walentinowitsch Plechanow) wurde 1857 in eine adelige Familie in der Provinz Tambow hineingeboren. Von seiner Geburt bis zu seinem Erwachsenwerden fiel in der Geschichte der russischen revolutionären Bewegung genau in die Zeit, in der der von der Intelligenz propagierte Volkstümlertum (Narodnitschestwo) aufblühte und dann verfiel. Ihre anfängliche Auffassung war, dass die russischen Volksmassen — also die große Mehrheit der Bauern — den Sozialismus bereits begriffen hätten und geistig zu unbewussten Sozialisten geworden seien. Daher bestehe die Aufgabe der Volkstümler lediglich darin, „ins Volk zu gehen", ihnen ihre Lage zu erklären und ihren Groll gegen die Gutsherren und Beamten zu lenken, woraufhin die Bauern von selbst aufstehen und ein System der freien Selbstverwaltung verwirklichen würden — also eine anarchistische Form gesellschaftlicher Organisation.

Doch die Bauern hörten den Volkstümlern kaum zu; im Gegenteil hegten sie Unzufriedenheit gegenüber diesen fortschrittlichen Söhnen des Adels. Die Regierung des Zaren Alexander II. belegte sie mit strengen Strafen, was schließlich einen Teil von ihnen dazu brachte, den Blick von den Bauern abzuwenden und nach dem Vorbild der fortgeschrittenen Nationen Westeuropas für all die Rechte zu kämpfen, die die besitzenden Klassen genossen. So spaltete sich die Partei „Land und Freiheit" in die Partei „Volkswille" ab, die sich dem politischen Kampf widmete — doch ihre Methoden waren nicht die einer allgemeinen sozialen Bewegung, sondern der Einzelkampf von Individuen gegen die Regierung, wobei alle Kräfte dem Terror gewidmet wurden — dem Attentat.

Auch der junge Plechanow begann seine revolutionäre Tätigkeit vermutlich unter dem Einfluss solcher gesellschaftlicher Strömungen. Doch zur Zeit der Spaltung hielt er noch an den grundlegenden Ansichten des Bauernsozialismus fest, lehnte den Terrorismus ab und widersetzte sich dem Erwerb politischer und bürgerlicher Freiheiten. Er gründete gesondert die Partei „Schwarze Umteilung" und setzte seine Hoffnung allein auf den Bauernaufstand. Jedoch vertrat er bereits eine eigenständige Ansicht: dass die Intelligenz allein, im Kampf gegen die Regierung isoliert, schwerlich eine Revolution zum Erfolg führen könne; zwar hätten die Bauern durchaus sozialistische Neigungen, doch die Arbeiter seien ebenfalls von großer Bedeutung. In seiner Schrift „Der russische Arbeiter in der revolutionären Bewegung" schrieb er, die Arbeiter seien Bauern, die zufällig in die Städte gekommen und in den Fabriken aufgetaucht seien. Um den Sozialismus auf das Land zu bringen, seien diese Bauern-Arbeiter die geeignetsten Vermittler — denn die Bauern vertrauten den Worten ihrer Arbeitsgenossen mehr als denen der Intelligenz.

Die Ereignisse lagen tatsächlich nicht weit von seinen Vorhersagen entfernt. Das Attentat auf Alexander II. im Jahr 1881, mit der ganzen Kraft der Terroristen durchgeführt, vermochte die Massen nicht aufzurütteln; bürgerliche Freiheit wurde nicht errungen. Das Ergebnis war, dass die fähigen Führer entweder starben oder eingekerkert wurden, und die Partei „Volkswille" fast ausgelöscht war. Selbst Plechanow und andere, die nicht dieser Partei angehörten, aber dem Arbeitersozialismus zuneigten, wurden schließlich von der Regierung unterdrückt und hatten keine andere Wahl als ins Ausland zu fliehen.

In dieser Zeit kam er in engen Kontakt mit der westeuropäischen Arbeiterbewegung und begann, die Werke von Marx zu studieren.

Der Name Marx war in Russland schon lange bekannt; der erste Band des „Kapital" hatte dort früher als in anderen Ländern eine Übersetzung; und viele Mitglieder der Partei „Volkswille" kannten ihn persönlich und korrespondierten mit ihm. Doch das Denken von Marx, dem sie ihre vollste Hochachtung zollten, blieb für sie lediglich reine „Theorie" — nicht anwendbar, wie sie glaubten, auf die russische Wirklichkeit, ohne Bezug zu Russland, da es in Russland keinen Kapitalismus gebe und der russische Sozialismus nicht aus den Fabriken, sondern vom Land kommen werde. Plechanow aber hatte bereits Zweifel am Land gehegt, als er über die Arbeiterbewegung in Sankt Petersburg nachdachte. Sein gründliches Studium der marxistischen Literatur in den Originalquellen vertiefte diese Zweifel nur. Er sammelte dann alle damals verfügbaren statistischen Materialien und untersuchte sie mit genuiner marxistischer Methodik, bis er schließlich zu der Überzeugung gelangte, dass der Kapitalismus Russland tatsächlich beherrschte. 1884 veröffentlichte er das Buch „Unsere Meinungsverschiedenheiten", jenes berühmte Werk, das die Irrtümer des Volkstümlertums aufdeckte und die Richtigkeit des Marxismus bewies. In diesem Buch zeigte er, dass die Bauern als Masse nicht mehr als Stütze des Sozialismus dienen konnten. In Russland entwickelte sich damals die städtische Industrie, und das kapitalistische System formierte sich. Was zwangsläufig damit einherging, war der Feind des Kapitalismus — das Proletariat, das den Kapitalismus vernichten würde. Daher war in Russland wie in Westeuropa das Proletariat die für die politische Umgestaltung bedeutsamste Klasse. Durch ihre Verhältnisse besaßen sie bereits größere Befähigung zu entschlossener und organisierter Revolution als jede andere Klasse, und überdies waren sie als Tirailleure der kommenden russischen Revolution die geeignetste Klasse von allen.

Von diesem Zeitpunkt an wurde Plechanow nicht nur selbst zu einem großen Denker, sondern diente auch als Wegbereiter des russischen Marxismus und als Lehrer und Führer der erwachten Arbeiter.

Zwei

Doch Plechanows herausragende Verdienste um das Proletariat lagen hauptsächlich in seinen veröffentlichten theoretischen Schriften; seine eigenen politischen Ansichten hingegen waren von häufigem Schwanken nicht frei.

1889, auf dem ersten Internationalen Sozialistenkongress in Paris, erklärte Plechanow: „Die russische revolutionäre Bewegung kann nur durch die Arbeiterbewegung siegen; es gibt keine andere Lösung." Damals lehnten selbst viele namhafte europäische Sozialisten diese Aussage vollständig ab; doch bald wurden seine Leistungen sichtbar. In schriftlicher Form erschien „Die Entwicklung der monistischen Geschichtsauffassung" (oder kurz „Die monistische Geschichtsauffassung"), veröffentlicht 1895, die auf philosophischem Gebiet gegen die Volkstümler für den Materialismus kämpfte, und die ganze Epoche des Marxismus erhielt durch dieses Werk ihre Schulung und verstand durch es die Grundlagen des kämpferischen Materialismus. Spätere Gelehrte unterzogen es natürlich kritischer Prüfung, doch Schwoinow bemerkte: „Es wäre bei weitem bessere Arbeit, dieses höchst bemerkenswerte Buch den Menschen der neuen Zeit zu erklären und zu erläutern." Im folgenden Jahr, in der Praxis, brach als Ergebnis des Kampfes seiner Schüler gegen die Volkstümler ein großer Streik von dreißigtausend Spinnerei-Arbeitern in Sankt Petersburg aus, der der russischen Geschichte eine neue Epoche gab. Der revolutionäre Wert des russischen Proletariats wurde nun von allen anerkannt, und der zu jener Zeit in London tagende vierte Internationale Sozialistenkongress drückte große Bewunderung aus und hieß dies freudig willkommen.

Doch Plechanow war letztlich ein Theoretiker. Lenin begann seine Tätigkeit erst am Ende des neunzehnten Jahrhunderts; er war auch jünger, und zwischen den beiden Männern ergab sich auf natürliche Weise eine unausgesprochene Arbeitsteilung. Wo Plechanow sich auszeichnete, war die Theorie, und gegen die Gegner übernahm er die philosophische Polemik. Lenin hingegen widmete sich von seinen frühesten Schriften an den gesellschaftlichen und politischen Problemen sowie der Organisation der Partei und der Arbeiterklasse. Die Zeitung, die sie zu dieser Zeit in gegenseitiger Abhängigkeit herausgaben und redigierten, war die Iskra („Der Funke"). Unter ihren Mitarbeitern gab es zwar einige unreine Elemente, doch die Zeitung erfüllte damals eine bedeutende Funktion: Sie erweckte eine gewisse Schicht von Arbeitern und Revolutionären und erschütterte die volkstümlerische Intelligenz.

Besonders wichtig war sowohl die literarische als auch die praktische Tätigkeit. Damals (1900–1901) waren die Revolutionäre alle daran gewöhnt, sich in ihren eigenen kleinen Zirkeln zu verstecken, ohne nationalen Überblick; sie begriffen nicht, dass Erfolge nur durch einen nationalen Überblick möglich waren, hatten keine genauen Berechnungen und bedachten nicht, wie viel Kraft nötig wäre, um welche Ergebnisse zu erzielen. In solchen Zeiten war die Idee einer zentral organisierten Partei — einer gesamtrussischen politischen Organisation, die das gesamte Proletariat vereinte — neuartig und schwer durchführbar. Doch die Iskra legte diese Idee nicht nur in ihren Leitartikeln dar, sondern organisierte auch die „Iskra"-Gruppe, wobei hundert bis hundertfünfzig namhafte Revolutionäre jener Zeit die „Iskra"-Fraktion bildeten, die dieser Gruppe beitraten, um die Pläne in die Praxis umzusetzen, die Plechanow in literarischer Form in der Zeitung entwickelt hatte.

Doch 1903 spalteten sich die russischen Marxisten in Bolschewiki (Mehrheitsfraktion) und Menschewiki (Minderheitsfraktion). Lenin war der Führer der ersteren; Plechanow der der letzteren. Von da an trennten und vereinigten sich die beiden abwechselnd: Während des Russisch-Japanischen Krieges 1904, als Plechanow auf die Niederlage des Zaren hoffte, und während der Leidenszeit der Partei von 1907 bis 1909 stand er vereint mit Lenin. Letztere Periode war besonders bemerkenswert — ein großer Teil der bolschewistischen Kräfte hatte bereits ins Ausland fliehen müssen; überall herrschte Demoralisierung, überall gab es Spitzel; jeder beobachtete jeden, jeder fürchtete jeden, jeder verdächtigte jeden. In der Literatur blühte die pornographische Literatur, und „Sanin" erschien in dieser Zeit. Diese Stimmung drang in alle revolutionären Kreise ein. Parteimitglieder zerstreuten sich in winzige Gruppen; die menschewistischen Liquidatoren hatten bereits begonnen, den Bolschewiki den Grabgesang zu singen. In diesem Moment war es Plechanow — obwohl er selbst eine Autorität der Menschewiki war —, der donnerte, der Liquidationismus müsse zerschlagen werden, und der die Bolschewiki unterstützte und in verschiedenen Zeitungen und in der Duma mutigen Beistand leistete. Andere Fraktionen der Menschewiki verspotteten ihn daraufhin, er sei „im Alter zum Sänger des Kellers geworden."

Die Zeitung, die eine Wiederbelebung der Revolution versuchte und neu organisiert wurde, war die Swesda („Der Stern"), die 1910 zu erscheinen begann. Sowohl Plechanow als auch Lenin steuerten aus dem Ausland Beiträge bei, was sie zu einem Organ der Zusammenarbeit beider Fraktionen machte, das naturgemäß seine politische Linie nicht deutlich darlegen konnte. Doch als diese Zeitung enger mit der politischen Bewegung verbunden wurde, verlor sie allmählich ihren Charakter der Partnerschaft. Plechanows Fraktion verschwand schließlich vollständig, und die Zeitung wurde zu einem reinen Kampforgan der Bolschewiki. 1912 gründeten die beiden Fraktionen erneut gemeinsam die Tageszeitung Prawda („Die Wahrheit"), doch als sich die Ereignisse entfalteten, wurde Plechanows Fraktion innerhalb kürzester Zeit wieder vollständig ausgeschlossen und erlitt dasselbe Schicksal wie bei der Swesda.

Als der Große Europäische Krieg ausbrach, betrachtete Plechanow den deutschen Imperialismus als den gefährlichsten Feind der europäischen Zivilisation und der Arbeiterklasse. Wie die Führer der Zweiten Internationale nahm er einen patriotischen Standpunkt ein und scheute sich nicht, im Kampf gegen das verhassteste Deutschland mit der Bourgeoisie und der Regierung seines eigenen Landes zusammenzuarbeiten und Kompromisse einzugehen. Nach der Februarrevolution 1917 kehrte er nach Russland zurück und gründete eine Gruppe sozialistischer Patrioten namens „Jedinstwo" („Einheit"). Doch das revolutionäre Gespür Plechanows, des Vaters des russischen Proletariats, besaß zu diesem Zeitpunkt nicht mehr die Kraft, die russischen Arbeiter zu bewegen. Nach dem Frieden von Brest-Litowsk wurde er vom Arbeiter- und Bauern-Russland fast völlig vergessen und starb schließlich einsam am 30. Mai 1918 in Finnland, das damals von deutschen Truppen besetzt war. Es heißt, in seinem Sterbe-Delirium habe er die Frage aufgeworfen: „Nimmt die Arbeiterklasse mein Wirken wahr?"

Drei

Nach seinem Tod erschien in der Inprekol (Jahrgang 8, Nr. 54) ein Artikel mit dem Titel „G. W. Plechanow und die proletarische Bewegung", der die Verdienste und Fehler seines ganzen Lebens knapp bewertete —

„...In Wahrheit hatte Plechanow Grund, solche Zweifel zu hegen. Warum? Weil die jüngere Arbeiterklasse ihn als patriotischen Sozialisten kannte, als Menschewiki-Parteimitglied, als Gefolgsmann des Imperialismus, als einen Mann, der den Kompromiss zwischen den revolutionären Arbeitern und Miljukow, dem Führer der Bourgeoisie in Russland, befürwortete. Weil der Weg der Arbeiterklasse und der Weg Plechanows sich entschieden voneinander getrennt hatten.

Dennoch zögern wir nicht im Geringsten, Plechanow zu den größten Lehrern der russischen Arbeiterklasse zu zählen — nein, der internationalen Arbeiterklasse.

Wie kann man so etwas sagen? War Plechanow in den entscheidenden Klassenkämpfen nicht auf der anderen Seite der Barrikade? Ja, das ist in der Tat so. Doch seine Tätigkeit lange vor diesen entscheidenden Kämpfen — seine theoretischen Arbeiten — bilden die wertvollsten Dinge in Plechanows Vermächtnis.

Der Kampf für eine korrekte klassenbasierte Weltanschauung ist unter allen Formen des Klassenkampfes eine der wichtigsten. Durch seine theoretischen Arbeiten bildete Plechanow über mehrere Generationen hinweg viele Arbeiter-Revolutionäre heran. Damit leistete er auch hervorragende Dienste für die politische Selbständigkeit der russischen Arbeiterklasse.

Plechanows große Leistung lag vor allem in seinem Kampf gegen die Partei ‚Volkswille' — also gegen jene Clique von Intellektuellen, die in den 1870er Jahren glaubten, dass Russlands Entwicklung einen besonderen Weg einschlage, nämlich einen nichtkapitalistischen. In den Jahrzehnten nach den 1870er Jahren, die stattliche Entwicklung des Kapitalismus in Russland — wie sie den Irrtum der Ansichten der Volkswille-Anhänger und die Richtigkeit von Plechanows Ansichten erwies!

Die von Plechanow 1884 geformte Gruppe ‚zur Befreiung der Arbeit' (das Programm der Arbeiterbefreiungsgruppe war genau das erste Manifest der Arbeiterpartei in Russland und zugleich eine direkte Antwort auf das Schwanken der Arbeiter zwischen 1878 und 1879.

Er sagte —

‚Nur die möglichst schnelle Bildung einer Arbeiterpartei ist das einzige Mittel zur Lösung aller derzeit in Russland bestehenden wirtschaftlichen und politischen Widersprüche.'

1889 erklärte Plechanow auf dem Internationalen Sozialistischen Parteikongress in Paris: ‚Die revolutionäre Bewegung in Russland kann nur durch die revolutionäre Arbeiterbewegung zum Sieg gelangen. Wir haben keine andere Lösung und werden auch nie eine haben.'

Diese berühmte Aussage Plechanows war keineswegs zufällig. Mit seinem großen Genius verfocht Plechanow die Souveränität des Proletariats in der bürgerlich-volkstümlerischen Revolution über Jahrzehnte hinweg und vertrat gleichzeitig die Idee, dass die liberalen besitzenden Klassen im Kampf gegen die Autokratie feige zu Verrätern und zu äußerst schwankenden Wesen werden würden.

Plechanow war zusammen mit Lenin der Gründer und Leiter der Iskra.

Die große organisatorische Leistung, die die Iskra im Kampf um die Schaffung einer Parteiorganisation in Russland vollbrachte, ist weithin bekannt.

Der Plechanow der Jahre 1903 bis 1917 machte mehrere große Schwankungen durch und wich stets vom revolutionären Marxismus ab, um sich den Menschewiki zuzuwenden. Welche Fragen veranlassten ihn hauptsächlich, vom revolutionären Marxismus abzuweichen?

Erstens eine unzureichende Einschätzung des revolutionären Potenzials der Bauernschicht.

In seinem Kampf gegen die schädlichen Seiten der Volkswille-Anhänger vermochte Plechanow die verschiedenen revolutionären Bestrebungen der Bauernschicht nicht zu erkennen.

Zweitens die Frage des Staates. Er verstand das Wesen des bürgerlichen Volkstümlertums nicht — das heißt, er verstand nicht die Notwendigkeit, den bürgerlichen Staatsapparat in jedem Fall zu zerschlagen.

Schließlich verstand er nicht die Frage des Imperialismus als letztes Stadium des Kapitalismus und auch nicht das Wesen des imperialistischen Krieges. Kurz gesagt — Plechanow hatte Schwächen genau dort, wo Lenin Stärken besaß. Er konnte kein ‚Marxist der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution' werden. Daher gelangte sein Marxismus insgesamt an sein Ende. Plechanow wurde so Schritt für Schritt, wie Rosa Luxemburg es ausdrückte, zu einem ‚ehrwürdigen Fossil'.

Der Erbauer des Marxismus in Russland, Plechanow, war keineswegs bloß ein Vermittler der Ökonomie, Geschichtswissenschaft und Philosophie von Marx und Engels. Er berührte all diese Gebiete und leistete hervorragende eigenständige Beiträge.

Darin, die russischen Arbeiter und die Intelligenz wahrhaft verstehen zu lassen, dass der Marxismus die höchste wissenschaftliche Vollendung der gesamten Geschichte des menschlichen Denkens ist — darin spielte Plechanow eine mächtige Rolle. Es sind vor allem Plechanows verschiedene theoretische Studien, die in seinem ideologischen Vermächtnis zweifellos das Wertvollste darstellen. Lenin hat die jungen Leute zu Recht immer wieder aufgefordert, Plechanows Bücher zu studieren. — ‚Ohne dies (Plechanows philosophische Darlegung) zu studieren, wird niemand jemals ein bewusster, wahrer Kommunist sein. Denn dies ist das herausragendste Werk in der gesamten internationalen marxistischen Literatur.' — So sprach Lenin."

Vier

Plechanow legte auch die Grundlagen der marxistischen Kunsttheorie. Obwohl seine Kunsttheorie noch nicht zu einem imposanten System gereift ist, sind die von ihm hinterlassenen Werke, die sowohl Methode als auch Ergebnisse enthalten, nicht nur als Gegenstände späterer Forschung würdig, sondern dürfen zu Recht als klassische Dokumente für die Begründung der marxistischen Kunsttheorie und der soziologischen Ästhetik bezeichnet werden.

Die hier vorliegenden drei Essays in Briefform sind nur Bruchstücke — einzelne Schuppen und Klauen — seiner Schriften dieser Art.

Der erste Essay, „Über die Kunst", stellt zunächst die Frage „Was ist Kunst?", berichtigt Tolstois Definition und bestimmt das Wesensmerkmal der Kunst als den konkreten, bildhaften Ausdruck von Gefühlen und Gedanken. Dann wird dargelegt, dass Kunst auch eine gesellschaftliche Erscheinung ist und bei ihrer Betrachtung der Standpunkt des historischen Materialismus eingenommen werden muss, wobei die idealistischen Geschichtsauffassungen, die davon abweichen (Saint-Simon, Comte, Hegel), kritisiert und Darwins materialistische Ansichten über den ästhetischen Geschmack der Lebewesen, die im Gegensatz zu diesen stehen, vorgestellt werden. Hier stellt er hypothetisch den Vorschlag der Gegner dar, den Ursprung des ästhetischen Empfindens durch die Biologie zu erforschen, und zitiert dann Darwins eigene Worte, um zu zeigen, dass „der Begriff der Schönheit ... unter den verschiedenen Menschenrassen stark variiert und selbst unter den verschiedenen Nationen innerhalb derselben Rasse unterschiedlich ist." Der Sinn davon ist, dass „beim zivilisierten Menschen solche Empfindungen mit allerlei komplexen Vorstellungen und Gedanken verkettet sind." Das heißt, „die ästhetischen Empfindungen des zivilisierten Menschen ... sind offensichtlich von verschiedenen gesellschaftlichen Ursachen bestimmt."

So muss man also „von der Biologie zur Soziologie fortschreiten" — vom Darwinschen Gebiet der Erforschung der Menschheit als „Spezies" zur Erforschung des historischen Schicksals dieser Spezies. Wenn wir nur von der Kunst sprechen, dann wird die Möglichkeit der Existenz menschlichen ästhetischen Empfindens (der Artbegriff) durch jene Bedingungen gesteigert, die es zur Wirklichkeit hinbewegen (der historische Begriff). Diese Bedingungen sind natürlich die Entwicklungsstufe der Produktivkräfte der gegebenen Gesellschaft. Doch hier erläuterte Plechanow, die Frage als wichtiges Problem der künstlerischen Produktion behandelnd, in welcher Form die Widersprüche zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen sowie die Widersprüche zwischen den Klassen auf die Kunst wirken; und wie die Kunst einer Gesellschaft, die auf gegebenen Produktionsverhältnissen steht, ihre eigene besondere Form annimmt und sich von der Kunst anderer Gesellschaften unterscheidet. Unter Verwendung von Darwins Ausdruck „das Prinzip der Antithese" führte er zahlreiche Beispiele an, um die Beziehung zwischen gesellschaftlichen Bedingungen und den Formen des ästhetischen Empfindens zu veranschaulichen; ferner die Beziehung zwischen gesellschaftlicher Produktionstechnik und den Gesetzen von Rhythmus, Harmonie und Symmetrie; und kritisierte darüber hinaus die Entwicklung der modernen französischen Kunsttheorie (Staël, Guizot, Taine).

Bei primitiven Völkern spiegeln sich Produktionstechnik und Lebensweise am unmittelbarsten in den künstlerischen Phänomenen wider. Plechanow versuchte, die schwierigen Probleme der marxistischen Kunsttheorie durch die Erhellung der Kunst solcher primitiver Völker anzugehen. Der zweite Essay, „Die Kunst der primitiven Völker", stützt sich zunächst auf die Augenzeugenberichte von Anthropologen und Reisenden und zieht als Beispiele das Leben, die Jagd, den Ackerbau und die Güterverteilung bei den Buschmännern, Wedda, Indianern und anderen Völkern heran, um zu beweisen, dass primitive Jägervölker tatsächlich kommunistische Verbünde waren, und um die Unzuverlässigkeit von Büchers Behauptungen aufzuzeigen. Der dritte Essay, „Nochmals über die Kunst der primitiven Völker", kritisiert den Irrtum jener, die behaupten, der Spieltrieb gehe der Arbeit voraus, und verwendet reichhaltiges empirisches Beweismaterial und strenge Logik, um die grundlegende geschichtsmaterialistische These zu belegen, dass die Produktion nützlicher Gegenstände (die Arbeit) der künstlerischen Produktion vorausgeht. Im Einzelnen zeigte Plechanow, dass der gesellschaftliche Mensch Dinge und Erscheinungen zunächst vom utilitaristischen Standpunkt betrachtet und erst später zum ästhetischen Standpunkt übergeht. In allem, was die Menschen für schön halten, steckt etwas, das ihnen nützlich ist — etwas, das im Kampf ums Dasein gegen die Natur und gegen andere gesellschaftliche Menschen von Bedeutung ist. Der Nutzen wird durch die Vernunft erkannt, die Schönheit aber durch intuitive Fähigkeiten. Beim Genuss der Schönheit denkt man kaum an den Nutzen; doch kann der Nutzen durch wissenschaftliche Analyse entdeckt werden. Die Eigenart des ästhetischen Genusses liegt somit in seiner Unmittelbarkeit; doch wenn dem ästhetischen Vergnügen nicht der Nutzen zugrunde liegt, wird das Ding auch nicht schön erscheinen. Nicht der Mensch existiert für die Schönheit, sondern die Schönheit existiert für den Menschen. — Dieses Fazit ist Plechanows Einführung jener gesellschaftlichen, rassischen und klassenbezogenen utilitaristischen Sichtweise in die Kunst, die die idealistischen Historiker so zutiefst verabscheuen.

Betrachtet man den Schluss des dritten Essays, so bereitete Plechanow sich vor, als Nächstes zu erörtern, ob die altmodischen Klassifikationen in der Ethnographie mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Doch dies wurde nie geschrieben, und auch hier können wir es nur als abgeschlossen betrachten.

Fünf

Die Vorlage dieses Buches ist die japanische Übersetzung von Tonomura Shirō. Bereits zuvor lag eine Übersetzung von Herrn Lin Bai vor, und es hätte eigentlich nicht neu übersetzt werden müssen; doch da der Katalog der Reihe längst festgelegt war, blieb nichts anderes übrig, als diese beinahe überflüssige Arbeit zu unternehmen. Während der Übersetzung habe ich häufig auch Lins Übersetzung zu Rate gezogen und einige Begriffe übernommen, die besser waren als die der japanischen Fassung; zuweilen wurde auch die Satzstruktur etwas davon beeinflusst. Zudem bewahrte mich das Vorbild des Vorgängers wiederholt vor Übersetzungsfehlern — wofür ich meinen vollsten Dank aussprechen muss.

Von den vier Abschnitten dieses Vorworts ist, abgesehen vom dritten Abschnitt, der gänzlich aus Übersetzung stammt, der Rest zusammengestellt aus Schwoinows „Geschichte der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei", Yamauchi Fūsukes „Geschichte der russischen revolutionären Bewegung" und „Plechanow und die Kunst" aus dem Anhang des „Proletarischen Kunst-Lehrgangs". In Eile zusammengefügt, sind Fehler gewiss unvermeidlich; es kann nur als eine grobe Einleitung gelten. Was die wesentlichsten Fragen zur Kunst im Allgemeinen betrifft, so wurden sie hier nicht berührt — denn Walifsons „Plechanow und die Frage der Kunst" war bereits den „Literarischen Debatten Sowjetrusslands" (einem Band der „Weiming-Reihe") angehängt worden, und bald werden auch Leschnjows „Über Literaturkritik" und Jakowlews „Über Plechanow" (beide ebenfalls Bände dieser Reihe) erscheinen, teils knapp, teils umfassend, und entschieden jenseits dessen, was der Übersetzer auch nur annähernd leisten könnte. Daher ist es besser, nichts zu sagen, und zu hoffen, dass die Leser ihre Schriften selbst studieren.

Der letzte Essay ist übersetzt aus der japanischen Übersetzung von Kurahara Korehito von „Die Kunst in der Klassengesellschaft", die zuvor in der Zeitschrift „Frühlingsflut-Monatsschrift" veröffentlicht worden war. Er enthält Plechanows eigene Darstellung seiner Ansichten über Literatur und Kunst und kann als gegenseitige Bestätigung zum ersten Essay dieses Buches dienen; daher ist er ebenfalls am Ende des Bandes angefügt.

Doch bei Selbstprüfung ist diese Übersetzung wieder einmal eine „harte Übersetzung". Meine Fähigkeiten reichen nur so weit, und der Leser muss noch den Finger ausstrecken, um den Faden zu suchen, wie beim Lesen einer Landkarte — dafür bin ich aufrichtig zutiefst betrübt.

In der Nacht des 8. Mai 1930 beendete Lu Xun die Korrektur und vermerkte dies in seiner Wohnung in Zhabei, Shanghai.

Nachdem Japan die drei nordöstlichen Provinzen besetzt hatte, wurden die Reaktionen im Raum Shanghai in den Zeitungen als Geschehnisse „inmitten der nationalen Krise" bezeichnet. In dieser „nationalen Krise" war es, als hätte jemand mit einem Stock einen seit vielen Jahren stillstehenden Teich aufgerührt: allerlei alter Bodensatz und neuer Bodensatz kamen purzelbaumschlagend nach oben, drehten sich an der Oberfläche um die eigene Achse, um die Gelegenheit beim Schopf zu packen und die eigene Existenz zur Schau zu stellen.

Diejenigen, die nun behaupteten, sie könnten kämpfen, wollten mit westlichen Gewehren exerzieren, an die man lange nicht mehr gedacht hatte; doch gab es auch solche, die auch jetzt nicht vom Kämpfen sprechen wollten. Diese wählten nach dem Vorbild des Deutschen Kaiserreichs während des Großen Europäischen Krieges die „geistige Mobilmachung", um ihrer Pflicht als „Angehörige der Nation" nachzukommen. Manche konsultierten die „Tang-Geschichte" und erklärten, Japans alter Name sei „Wo-nu" (Zwergensklaven); andere wühlten in Wörterbüchern und meinten, „Wo" bedeute klein von Statur; einige erinnerten sich an Wen Tianxiang (文天祥), Yue Fei (岳飞), Lin Zexu (林则徐) — doch natürlich waren am eifrigsten die Vertreter der neuen Literaturwelt.

Zunächst möchte ich etwas anderes erwähnen, das man als die Lage „inmitten der Friedensverkündungen" bezeichnet. Inmitten solcher Verkündungen war „Herr Hu Zhantang" (胡展堂) in Shanghai eingetroffen und hatte angeblich die Jugend ermahnt, sie solle „Kraft" kultivieren und keine „Energie" verschwenden. Und siehe da, ein Wundermittel fand sich. Am nächsten Tag erschien eine Anzeige in der Zeitung: „Herr Hu Hanmin (胡汉民) sagt, in unserer Außenpolitik gegenüber Japan sollten wir einen festen Grundsatz aufstellen, und er ermahnt die Jugend, Kraft aufzubauen und den Mut nicht sinken zu lassen. Kraft aufbauen heißt den Körper stärken; den Mut sinken lassen heißt Pessimismus. Um den Körper zu stärken und den Pessimismus zu vertreiben, muss man zunächst das Herz vor Freude erblühen lassen und herzhaft lachen." Doch was war dieses Kleinod? Es war ein alter amerikanischer Film, eine Slapstick-Komödie über eine Expedition, die dem Kleinbürger ein Lachen entlocken sollte: „Zwei Schwiegerväter in Afrika."

Was den wahren „Aufputscher inmitten der nationalen Krise" betrifft — das war die „patriotische Gesangs- und Tanzaufführung", die sich selbst beschrieb als „die Lebenskraft des Nationalcharakters, die Essenz der Gesangs- und Tanzwelt, die unsere Landsleute anspornt, den endgültigen Sieg zu erringen." Ob jemand weiß, wer diese großen Stars von sofortiger Wunderwirkung waren? Es waren: Wang Renmei (王人美), Xue Lingxian (薛玲仙), Li Lili (黎莉莉).

Und dennoch kam es schließlich zur „großen Einigung der Shanghaier Literaturwelt." Die Zeitschrift „Caoye" (草野, Bd. 6, Nr. 7) berichtete über das glanzvolle Ereignis: „Die Literaturkollegen in Shanghai, die im Alltag sehr wenig Kontakt pflegen, ließen während dieser ernsten Periode, neben ihrer individuellen Beteiligung an der Arbeit anderer Organisationen, durch Xie Liuyi (谢六逸), Zhu Yingpeng (朱应鹏) und Xu Weinan (徐蔚南) eine Versammlung zur Diskussion einberufen... Am Nachmittag des 6. Oktober um drei Uhr hatten sich nach und nach Teilnehmer im Ostasien-Restaurant eingefunden... Nach kurzem Genuss von Tee und Gebäck begann sogleich die Diskussion, mit viel Ausführlichkeit... und schließlich einigte man sich auf den Namen: Rettungsgesellschaft der Shanghaier Literaturwelt."

Was sie „ausführten", wissen wir noch nicht. Allein nach den Methoden vor unseren Augen zu urteilen: Zuerst schaue man „Zwei Schwiegerväter in Afrika", um Kraft aufzubauen; dann sehe man die „patriotische Gesangs- und Tanzaufführung" zur Anregung; dann lese man „Ausgewählte japanische Kurzessays" und „Drei Künstler über die Kunst", genieße dabei kurz Tee und Gebäck, und führe aus. Und dann — wäre China gerettet.

Das taugt nichts. Ich fürchte, nicht einmal literarische Jünglinge, geschweige denn literarische Kleinkinder, würden das glauben. Es hilft nichts — man muss noch zwei weitere gute Nachrichten von anderswo hinzufügen, veröffentlicht von der „Shenbao" (申报), die von den heutigen patriotischen Literaten geleitet wird. Am 5. Oktober schrieb Fräulein Ye Hua (叶华) in der Kolumne „Freies Gespräch": „Ein Volk ohne Lösungen — wie soll es eine Regierung mit Lösungen haben? Der Völkerbund ist hoffnungslos... In dieser schicksalsschweren Stunde sollte jeder Bürger seinen Vorsatz fassen, jeder tun, was er kann, jeder seine Meinung äußern. Obwohl ich ohne Talent bin, unterbreite ich bescheiden die Frage der Kriegshunde der Nation zur Erwägung... Unter allen Hunden ist der deutsche Schäferhund der tüchtigste. Ich befürworte nachdrücklich, dass unser Land diese Rasse zum Kampf auswählt..."

Am 25. desselben Monats, ebenfalls in der Kolumne „Freies Gespräch", „Su Min schreibt aus Hankou": „Neulich schrieb ich meinem Shanghaier Freund Herrn Wang Zhongliang, erwähnte meine Krankheit und mein Bedauern, nicht der Freiwilligenarmee beitreten zu können. Herr Wang... schickte mir tatsächlich ein Päckchen Medizin, mit der Bemerkung, es sei ‚Yijincao' von der Peisheng-Pharmafirma, wirksam gegen Tuberkulose und Bluthusten, einen Versuch wert... Ich probierte es sofort, und tatsächlich hörte mein Husten auf. Nach vierzehn Tagen kehrte meine Kraft allmählich zurück. Da dachte ich... sollte das Vaterland eines Tages in Not geraten, werde ich mich einreihen und die große Ambition meines Lebens verwirklichen. ‚Den Feind vernichten noch vor dem Frühstück' — der Tag ist nicht mehr fern..."

So können also sogar Kranke sofort Soldaten werden, und Polizeihunde werden ebenfalls zum Patriotismus beitragen. Unter der Führung der patriotischen Literaten sieht alles wahrhaft rosig aus — man ist kurz davor, „den Feind noch vor dem Frühstück zu vernichten." Leider würde nicht einmal literarischen Jünglingen, geschweige denn literarischen Kleinkindern, entgehen, dass beim Lesen Abschnitt für Abschnitt selbst das, was nicht ausdrücklich „Anzeige" heißt, nichts als neue Werbung für den Verkauf alter Waren ist — alle darauf bedacht, in der Welle der „nationalen Krise" oder der „Friedensverkündungen" noch mehr Profit in die eigenen Hände zu pressen.

Weil sie dies wollen, müssen sie alle den Moment nutzen, um an die Oberfläche zu treiben — Filmstars sind darunter, auch Literaten, auch Polizeihunde, auch Arzneien... Und weil sie die Welle reiten, geht das Auftreiben besonders mühelos. Doch weil, was da auftreibt, Bodensatz ist, und Bodensatz schließlich nichts als Bodensatz bleibt, hat gerade dieses Auftreiben ihr wahres Wesen nur umso deutlicher enthüllt, und ihr endgültiges Schicksal bleibt, wieder hinabzusinken.

29. Oktober.

— Wie kann das literarische Schaffen gut werden?

Sehr geehrter Herr Redakteur,

die Frage in Ihrem Brief sollte an amerikanische Schriftsteller und Shanghaier Professoren gerichtet werden — deren Köpfe sind voll von „Belletristik-Lehrplänen" und „Anleitungen zum Romanschreiben." Obwohl ich über zwanzig Kurzgeschichten verfasst habe, hatte ich nie irgendwelche „vorgefassten Theorien", genauso wie ich zwar Chinesisch sprechen kann, aber keine „Einführung in die chinesische Grammatik" zu schreiben vermöchte. Da ich Ihre freundliche Bitte jedoch schwerlich abschlagen kann, will ich einige Kleinigkeiten aus meiner eigenen Erfahrung notieren —

Erstens: Achte auf alle möglichen Dinge, beobachte viel und schreibe nicht gleich drauflos, wenn du nur ein wenig gesehen hast.

Zweitens: Wenn du nicht schreiben kannst, erzwinge es nicht.

Drittens: Nimm nicht eine einzige bestimmte Person als Modell; wenn du genug gesehen hast, setzt du sie zusammen. Viertens: Lies das Fertige mindestens zweimal durch und streiche erbarmungslos alle Wörter, Sätze und Absätze, die entbehrlich sind, ohne das geringste Bedauern. Lieber Material, das für einen Roman taugt, zu einer Skizze verdichten, als Material für eine Skizze zu einem Roman aufblähen.

Fünftens: Lies ausländische Kurzgeschichten — fast ausschließlich Werke aus Ost- und Nordeuropa. Lies auch japanische Werke.

Sechstens: Erfinde keine Adjektive und dergleichen, die außer dir selbst niemand versteht.

Siebtens: Glaube nicht an die Dinge, die in „Anleitungen zum Romanschreiben" stehen.

Achtens: Glaube nicht den Dingen, die Chinas sogenannte „Kritiker" von sich geben, sondern lies die Rezensionen zuverlässiger ausländischer Kritiker.

Das ist alles, was ich derzeit zu sagen vermag. Mit dieser Antwort wünsche ich Ihnen redaktionelles Wohlergehen!

27. Dezember.

— Die Bedeutung der japanischen Besetzung der drei nordöstlichen Provinzen

Einerseits ist dies eine „Bestrafung" seines Knechts — der chinesischen Kriegsherren — durch den japanischen Imperialismus, was zugleich eine „Bestrafung" des chinesischen Volkes bedeutet, da das chinesische Volk wiederum die Sklaven der Kriegsherren sind. Andererseits ist es der Auftakt eines Angriffs auf die Sowjetunion — der erste Schritt eines Plans, der darauf abzielt, dass die arbeitenden Massen der Welt auf ewig das Elend der Sklaverei erleiden sollen.

21. September.

„Angenommen, vor Ihnen steht ein Mittelschüler — in dieser außergewöhnlichen Zeit, bedrängt von inneren Sorgen und äußerer Bedrohung — welche Worte würden Sie ihm als Richtschnur für sein Streben mitgeben?"

Sehr geehrter Herr Redakteur,

erlauben Sie mir, Ihnen eine Gegenfrage zu stellen: Haben wir derzeit Redefreiheit? Wenn Sie „Nein" sagen, dann bin ich gewiss, dass Sie es mir nicht verübeln werden, wenn ich schweige. Wenn Sie mich jedoch unter dem Vorwand, dass „vor mir ein Mittelschüler steht", unbedingt zwingen wollen, etwas zu sagen, dann sage ich: Der erste Schritt besteht darin, um die Redefreiheit zu kämpfen.

Vieles ist bereits von anderen sehr ausführlich erörtert worden, so dass ich es nicht wiederholen muss. Ich meine, dass es gegenwärtig für einen „linken" Schriftsteller sehr leicht ist, ein „rechter" Schriftsteller zu werden. Warum? Erstens: Wenn man keinen Kontakt mit dem realen gesellschaftlichen Kampf hat und lediglich hinter Glasscheiben sitzt, Aufsätze schreibt und Probleme studiert, dann ist es ein Leichtes, noch so radikal und „links" zu sein; doch sobald man mit der Wirklichkeit in Berührung kommt, zerschellt man sofort. Eingeschlossen in seinem Zimmer lässt es sich am leichtesten großspurig über radikale Grundsätze reden — und am leichtesten „nach rechts abdriften." Im Westen nennt man das einen „Salon-Sozialisten." Ein „Salon" ist ein Empfangszimmer: Im Empfangszimmer über Sozialismus zu plaudern ist sehr vornehm, sehr schick — aber man denkt nicht daran, ihn in die Praxis umzusetzen. Solche Sozialisten sind völlig unzuverlässig. Zudem gibt es heutzutage kaum noch einen Schriftsteller oder Künstler, der nicht wenigstens einen Hauch von sozialistischem Gedankengut im weiteren Sinne in sich trüge — das heißt, einen, der erklärt, die arbeitenden Massen verdienten es, Sklaven zu sein, verdient es, abgeschlachtet und ausgebeutet zu werden — einen solchen Schriftsteller oder Künstler gibt es kaum noch, es sei denn Mussolini — aber Mussolini hat nie literarische Werke geschrieben. (Natürlich kann man nicht sagen, dass solche Schriftsteller gänzlich inexistent seien; zum Beispiel die Literaten von Chinas Halbmond-Schule sowie der genannte D'Annunzio, der angeblich Mussolinis Günstling ist, sind Fälle dieser Art.)

Zweitens: Wenn man die tatsächlichen Verhältnisse der Revolution nicht versteht, wird man leicht zum „Rechten." Revolution ist schmerzhaft; sie enthält zwangsläufig Beimischungen von Schmutz und Blut und ist keineswegs so interessant oder so vollkommen, wie Dichter sie sich vorstellen. Revolution ist vor allem eine Sache der Wirklichkeit, die allerlei niedere und mühselige Arbeit erfordert — keineswegs so romantisch, wie Dichter es sich vorstellen. Revolution beinhaltet natürlich Zerstörung, doch sie erfordert noch mehr den Aufbau; Zerstörung ist berauschend, aber Aufbau ist mühselige Arbeit. Daher werden diejenigen, die romantische Illusionen über die Revolution hegen, leicht enttäuscht, sobald sie sich ihr nähern, sobald sie voranschreitet. Ich höre, dass der russische Dichter Jessenin (叶遂宁) anfänglich ebenfalls von der Oktoberrevolution sehr begeistert war. Damals rief er aus: „Es lebe die Revolution im Himmel und auf Erden!" Und sagte auch: „Ich bin ein Bolschewik!" Doch als die Wirklichkeit nach der Revolution sich als völlig anders erwies als das, was er sich vorgestellt hatte, verfiel er schließlich in Enttäuschung und Dekadenz. Jessenin beging später Selbstmord, und man sagt, diese Enttäuschung sei eine der Ursachen gewesen. Pilnjak (畢力涅克) und Ehrenburg (爱伦堡) sind weitere Beispiele. Auch bei unserer eigenen Xinhai-Revolution gab es ähnliche Fälle. Damals waren viele Literaten — etwa die der „Südlichen Gesellschaft" — anfangs größtenteils sehr revolutionär. Doch sie hegten eine Phantasie: Sie bildeten sich ein, dass, sobald die Mandschu vertrieben seien, alles zur „zeremoniellen Pracht der Han-Beamten" zurückkehren würde — alle in weiten Ärmeln, hohen Hüten und breiten Schärpen, majestätisch durch die Straßen schreitend. Wer hätte gewusst, dass nach der Vertreibung des Mandschu-Kaisers und der Gründung der Republik die Lage völlig anders sein würde? So wurden sie enttäuscht; manche wurden sogar zu Reaktionären gegen die neuen Bewegungen. Wenn auch wir die tatsächlichen Verhältnisse der Revolution nicht verstehen, werden wir leicht genauso enden.

Darüber hinaus ist die Vorstellung, ein Dichter oder Schriftsteller stehe über allen anderen Menschen, seine Arbeit sei edler als jede andere, ebenfalls ein falscher Gedanke. Nehmen wir zum Beispiel Heines einstige Überzeugung, der Dichter sei das edelste Wesen und Gott der gerechteste: Nach dem Tod gehe der Dichter zu Gott, sitze um ihn herum, und Gott biete ihm Süßigkeiten an. Heutzutage glaubt natürlich niemand mehr daran, dass Gott Süßigkeiten anbietet. Doch die Vorstellung, ein Dichter oder Schriftsteller, der jetzt für die Revolution der arbeitenden Massen kämpft, werde nach dem Sieg der Revolution von der Arbeiterklasse gewiss reichlich belohnt, besonders bevorzugt behandelt — eingeladen, in Erster-Klasse-Waggons zu fahren, Erste-Klasse-Mahlzeiten zu essen — oder dass Arbeiter mit Butterbrot kommen und es ihm reichen mit den Worten „Unser Dichter, bitte greifen Sie zu!" — auch das ist falsch, denn in Wirklichkeit würde so etwas nicht geschehen. Ich fürchte, es wird dann sogar härter als jetzt: Nicht nur wird es kein Butterbrot geben, vielleicht nicht einmal Schwarzbrot — die Lage in Russland in den ersten ein, zwei Jahren nach der Revolution ist ein Beispiel dafür. Wenn man das nicht versteht, wird man ebenfalls leicht „rechts." Tatsächlich werden die arbeitenden Massen, sofern sie nicht zu jenen gehören, die Liang Shiqiu (梁实秋) als „die mit Aussichten" bezeichnet, die Intellektuellen gewiss nicht besonders hochschätzen — wie in meiner Übersetzung von „Die Vernichtung", wo Metschik (美谛克, aus der Intelligenz) tatsächlich ständig von den Bergarbeitern verspottet wird. Selbstverständlich haben die Intellektuellen ihre eigene Aufgabe und sollten nicht besonders herabgesehen werden; doch hat die Arbeiterklasse keinerlei Verpflichtung, Dichter oder Schriftsteller als Sonderfall bevorzugt zu behandeln.

Nun will ich einige Punkte ansprechen, auf die wir künftig achten sollten.

Erstens: Der Kampf gegen die alte Gesellschaft und die alten Kräfte muss entschlossen, ausdauernd, unablässig sein und auf reale Stärke setzen. Die Grundfesten der alten Gesellschaft sind in Wahrheit äußerst solide; die neue Bewegung kann sie nicht erschüttern ohne noch größere Kraft. Zudem verfügt die alte Gesellschaft über wirksame Methoden, die neuen Kräfte zum Kompromiss zu bewegen — sie selbst jedoch geht niemals Kompromisse ein. Auch in China hat es viele neue Bewegungen gegeben, doch jedes Mal konnte das Neue das Alte nicht besiegen. Der Grund liegt in der Regel darin, dass die neue Seite kein entschlossenes und weitreichendes Ziel hat; ihre Forderungen sind zu bescheiden, zu leicht zu befriedigen. Nehmen wir die Bewegung für die Umgangssprache: Anfangs leistete die alte Gesellschaft erbitterten Widerstand, doch bald schon ließ sie die Umgangssprache gelten und gewährte ihr einen jämmerlichen kleinen Platz — in den Ecken der Zeitungen und an ähnlichen Stellen konnte man nun Artikel in der Umgangssprache finden. Dies geschah, weil die alte Gesellschaft das Neue als nichts Besonderes, nichts Bedrohliches ansah und es deshalb existieren ließ; und die neue Seite war zufrieden und glaubte, die Umgangssprache habe ein Existenzrecht errungen. Oder nehmen wir die Bewegung der proletarischen Literatur der letzten ein, zwei Jahre: Es war ziemlich dasselbe. Die alte Gesellschaft ließ die proletarische Literatur ebenfalls zu, weil die proletarische Literatur keine wirkliche Bedrohung darstellte. Im Gegenteil, auch sie griffen zur proletarischen Literatur und benutzten sie als Dekoration — als stelle man neben die vielen antiken Porzellane im Salon eine grobe Arbeiterschale, das sei doch ganz originell. Und die proletarischen Literaten? Sie hatten bereits ein kleines Plätzchen in der Literaturwelt, ihre Manuskripte ließen sich verkaufen — kein Grund mehr zu kämpfen. Die Kritiker sangen Triumphlieder: „Die proletarische Literatur hat gesiegt!" Doch abgesehen von individuellen Siegen — wie viel hatte die proletarische Literatur, selbst als proletarische Literatur betrachtet, eigentlich gewonnen? Zudem ist die proletarische Literatur ein Flügel des proletarischen Befreiungskampfes; sie wächst mit der sozialen Macht des Proletariats. Wenn die gesellschaftliche Stellung des Proletariats sehr niedrig ist und die literarische Stellung der proletarischen Literatur sehr hoch, so beweist dies nur, dass die proletarischen Literaten sich vom Proletariat abgewandt und in die alte Gesellschaft zurückgekehrt sind.

Zweitens glaube ich, dass die Front erweitert werden sollte. Vorvoriges und voriges Jahr gab es Literaturgefechte, doch der Umfang war wahrhaft zu gering. Die gesamte alte Literatur und das gesamte alte Denken wurden von der neuen Schule nicht beachtet, und das Ergebnis war, dass in einem kleinen Winkel neue Literaten gegen andere neue Literaten kämpften, während die alte Schule bequem daneben sitzen und zuschauen konnte.

Drittens sollten wir große Scharen neuer Kämpfer heranbilden. Denn unsere Reihen sind gegenwärtig wahrlich zu dünn. Man bedenke: Wir haben etliche Zeitschriften, und auch nicht wenige Einzelbände werden veröffentlicht, doch die Autoren sind stets dieselbe Handvoll Leute, und so kann der Inhalt nicht anders als dürftig sein. Eine Person ist nicht spezialisiert: hier ein wenig, dort ein wenig — übersetzen, und auch Romane schreiben, und auch Kritik üben, und auch noch Gedichte schreiben — wie soll da etwas Gutes herauskommen? Das alles kommt daher, dass es zu wenige Leute gibt. Wären es mehr, könnten Übersetzer sich aufs Übersetzen spezialisieren, schöpferische Schriftsteller aufs Schreiben, Kritiker auf die Kritik; im Kampf gegen den Gegner wäre die militärische Kraft beachtlich und der Sieg käme leichter. Zu diesem Punkt kann ich beiläufig eine Sache erwähnen. Als die Schöpfungsgesellschaft und die Sonnengesellschaft mich vorvoriges Jahr angriffen, waren ihre Kräfte wahrlich kläglich. Schließlich empfand selbst ich es als etwas ermüdend — sinnlos, zum Gegenangriff überzugehen —, denn ich erkannte, dass die feindliche Armee die „Strategie der leeren Stadt" vorführte. Damals widmeten sich meine Gegner ganz dem Großtun und vernachlässigten die Rekrutierung und Ausbildung von Truppen. Es gab natürlich viele Artikel, die mich angriffen, doch ein Blick genügte, um zu sehen, dass alle unter Pseudonymen geschrieben waren und die immer gleichen paar Schmähungen wiederholt wurden. Ich wartete damals auf jemanden, der das Gewehr der marxistischen Kritik zu führen verstand und auf mich anlegen würde, doch eine solche Person erschien nie. Meinerseits hatte ich stets auf die Heranbildung neuer junger Kämpfer geachtet und mehrere literarische Gruppen gegründet, wenn auch mit geringem Erfolg. Doch wir müssen fortan darauf achten.

Wir brauchen dringend große Scharen neuer Kämpfer, doch zugleich müssen diejenigen, die bereits an der literarischen Front stehen, „zäh" sein. Was ich mit „zäh" meine, ist, dass man nicht das Verfahren des „Klopfsteins" aus dem alten Prüfungswesen anwenden soll. Der Achtleiner-Aufsatz der Qing-Dynastie war ursprünglich ein Werkzeug, um „in die Akademie einzutreten" und Beamter zu werden: Sobald man die „Einleitung, Entfaltung, Wendung und Zusammenfassung" beherrschte und damit zum „Xiucai" oder „Juren" aufgestiegen war, konnte man den Achtleiner-Aufsatz wegwerfen und brauchte ihn sein ganzes Leben lang nie wieder — daher der Name „Klopfstein": Wie man mit einem Ziegelstein an eine Tür klopft — ist man einmal hineingeklopft, kann man den Stein wegwerfen und braucht ihn nicht mehr bei sich zu tragen. Dieses Verfahren wird auch heute noch von vielen angewandt. Wir sehen oft, wie jemand ein, zwei Gedichtbände oder Erzählungsbände herausgibt und dann für immer verschwindet. Wohin sind sie gegangen? Da sie ein oder zwei Bücher veröffentlicht, ein wenig Ruhm erlangt — kleinen oder großen —, eine Professur oder sonst eine Stellung ergattert haben, Erfolg und Ruhm gesichert, brauchen sie keine Gedichte oder Romane mehr zu schreiben, und so verschwinden sie für immer. Deshalb hat China weder in der Literatur noch in der Wissenschaft etwas vorzuweisen. Doch wir sollen etwas vorzuweisen haben, weil es uns nützlich ist. (Lunatscharski hat sogar dafür plädiert, die russische Bauernkunst zu bewahren, weil man sie herstellen und an Ausländer verkaufen könne, was der Wirtschaft helfe. Ich meine: Wenn wir in Literatur oder Wissenschaft etwas haben, das wir anderen vorlegen können, so hilft dies sogar der politischen Bewegung zur Befreiung von der imperialistischen Unterdrückung.) Doch um kulturelle Ergebnisse zu erzielen, ist Zähigkeit unerlässlich.

Zuletzt meine ich, dass eine Einheitsfront ein gemeinsames Ziel als notwendige Voraussetzung erfordert. Ich erinnere mich, einmal etwas in dieser Art gehört zu haben: „Die Reaktionäre haben bereits eine Einheitsfront, und wir haben uns noch immer nicht vereinigt!" In Wahrheit haben sie gar keine absichtliche Einheitsfront; es ist lediglich so, dass, weil ihre Ziele dieselben sind, ihr Handeln übereinstimmt, und aus unserer Perspektive erscheint es als Einheitsfront. Dass unsere Front sich nicht vereinigen lässt, beweist, dass unsere Ziele nicht übereinstimmen — dass manche nur für kleine Cliquen arbeiten oder in Wahrheit nur für sich selbst. Wenn aller Ziel die Arbeiter- und Bauernmassen sind, dann wird sich natürlich auch die Front von selbst vereinigen.

Wenn man behauptet, dass jede grosse Revolutionsarmee erst dann eine wahre Revolutionsarmee sei, wenn saemtliche Soldaten ein vollkommen korrektes und klares Bewusstsein besitzen -- andernfalls sei sie keines Laechelns wert --, so erscheint dieses Argument auf den ersten Blick durchaus angemessen und gruendlich. Doch es stellt eine unmoegliche Forderung dar, ist hohles Geschwaetz und ein suesses Gift, das die Revolution vergiftet.

So wie es unter der Herrschaft des Imperialismus niemals moeglich sein wird, alle Massen so zu schulen, dass jeder Einzelne die "Liebe zur Menschheit" besitzt und dann, laechelnd und mit verschraenkten Haenden, die Welt in eine "Grosse Harmonie" verwandelt -- so ist es auch unter den Kraeften, gegen die die Revolutionaere kaempfen, niemals moeglich, durch Worte oder Taten der grossen Mehrheit ein korrektes Bewusstsein zu vermitteln. Wenn daher eine revolutionaere Truppe sich erhebt, sind die Soldaten meist nur durch den einen Gedanken vereint, gegen den bestehenden Zustand aufzubegehren; darin stimmen sie ungefaehr ueberein, aber ihre letzten Ziele gehen weit auseinander. Die einen kaempfen fuer die Gesellschaft, die anderen fuer eine kleine Clique, manche fuer einen Geliebten, manche fuer sich selbst, und manche schlicht, um Selbstmord zu begehen. Dennoch vermag die Revolutionsarmee voranzuschreiten. Denn auf dem Vormarsch ist eine Kugel, die ein Individualist auf den Feind abfeuert, ebenso toedlich wie eine, die ein Kollektivist abfeuert; und wenn ein Soldat faellt oder verwundet wird, ist die Verminderung der Kampfkraft in beiden Faellen gleich. Aber natuerlich, da die letzten Ziele verschieden sind, gibt es auf dem Marsch immer welche, die ausscheiden, die desertieren, die entmutigt werden und die zum Verraeter werden. Doch solange dies den Vormarsch nicht behindert, wird diese Truppe, je weiter sie vorankommt, umso reiner und schlagkraeftiger.

Ich schrieb frueher ein Vorwort zu Ye Yongzhens (叶永蓁) Ein kleines Jahrzehnt (小小十年) und vertrat die Ansicht, dass der Autor bereits einige Kraft fuer die Gesellschaft aufgewendet habe -- und genau das meinte ich. Der Protagonist des Buches war immerhin an der Front gewesen, hatte Posten gestanden (obwohl man ihm nicht einmal beigebracht hatte, wie man ein Gewehr abfeuert), was weitaus substanzieller war als jene grossen Literaten, die nur die Knie umklammerten und Klagelieder sangen oder die Feder ergriffen und vor Empoerung seufzten. Zu verlangen, dass alle heutigen Kaempfer Krieger mit korrektem Bewusstsein und einer Festigkeit haerter als Stahl seien, ist nicht nur eine utopische Phantasie, sondern eine unvernuenftige Forderung, die jeder Logik widerspricht.

Doch spaeter stiess ich in der Shenbao (申报) auf eine noch strengere und "gruendlichere" Kritik: Da die Motivation des Protagonisten fuer seinen Eintritt ins Militaer eigennuetzig gewesen sei, wurde dies zutiefst missbilligt. Die Shenbao ist eine Zeitung, die am meisten nach Frieden strebt und am wenigsten zur Revolution aufruft, was auf den ersten Blick ziemlich unstimmig erscheint. Was ich hier aufzeigen moechte, ist, dass der scheinbar gruendliche Revolutionaer in Wirklichkeit ein aeusserst unrevolutionaerer oder revolutionsschaedlicher individualistischer Kommentator ist -- so dass die Seele der Kritik und der Koerper der Zeitung am Ende doch vollkommen zusammenpassen.

Der erste Typus ist der Dekadente. Weil er keine festen Ideale und keine Kraft besitzt, sinkt er herab und sucht den Genuss des Augenblicks; wenn dieser bestimmte Genuss ihm Ueberdruss bereitet, sucht er staendig neue Reize, und diese Reize muessen immer heftiger sein, damit er Befriedigung empfindet. Die Revolution ist schlicht einer der neuen Reize des Dekadenten -- wie ein Vielfraß, der sich an Delikatessen ueberfressen hat, dessen Gaumen abgestumpft und dessen Magen geschwaecht ist, zu Pfeffer und Chili greifen muss, damit ein paar Schweisstropfen auf seiner Stirn erscheinen und er noch eine halbe Schale Reis hinunterspuelen kann. In der revolutionaeren Literatur verlangt er das durch und durch, vollstaendig Revolutionaere; sobald sich auch nur ein Abbild der Maengel der Zeit zeigt, runzelt er die Stirn und erklaert es fuer keines Laechelns wert. Von der Wirklichkeit abgeloest zu sein, macht ihm nichts aus -- Hauptsache, es fuehlt sich erfrischend an. Der Franzose Baudelaire war, wie jedermann weiss, ein dekadenter Dichter, und doch begruesste er die Revolution -- bis die Revolution sein dekadentes Leben zu stoeren drohte, woraufhin er sie verabscheute. So kann der Papierrevolutionaer am Vorabend der Revolution -- und zwar ein aeusserst gruendlicher, aeusserst hitziger Revolutionaer -- beim Eintreten der Revolution seine fruehere Maske abreissen -- seine unbewusste Maske. Dieses historische Beispiel sollte auch jenen "revolutionaeren Literaten" vom Schlage eines Cheng Fangwu (成仿吾) vorgehalten werden, die beim kleinsten Nadelstich oder beim Erlangen eines kleinen Postens (oder einer kleinen Geldsumme) nach Osten nach Tokio oder nach Westen nach Paris davonlaufen.

Der andere Typus -- fuer ihn finde ich noch keine rechte Bezeichnung. Kurz gesagt, es ist ein Mensch gaenzlich ohne feste Ansichten, der folglich meint, dass auf der Welt nichts richtig sei und an ihm selbst nichts falsch, und der letztlich zum Schluss kommt, dass der gegenwaertige Zustand der beste sei. Wenn er als Kritiker spricht, greift er beliebig nach irgendeinem Werkzeug, um das Gegenteil zu widerlegen. Um die Theorie der gegenseitigen Hilfe zu widerlegen, benutzt er die Theorie vom Kampf ums Dasein; um den Kampf ums Dasein zu widerlegen, benutzt er die gegenseitige Hilfe. Wenn er den Pazifismus bekaempft, beruft er sich auf den Klassenkampf; wenn er den Kampf bekaempft, predigt er die Liebe zur Menschheit. Ist sein Gegner ein Idealist, so ist sein Standpunkt der Materialismus; doch wenn er mit einem Materialisten debattiert, verwandelt er sich zum Idealisten. Kurz, er ist die Sorte Mensch, die russische Werst mit englischen Fuss misst, dann Meter mit franzoesischen Fuss, und feststellt, dass nichts zusammenpasst. Weil alles andere nicht zusammenpasst, haelt er sich fuer ewig in der "goldenen Mitte" und erlangt ewige Selbstzufriedenheit. Folgt man den Anweisungen solcher Kritiker, so ist alles Unvollstaendige oder Mangelhafte inakzeptabel. Aber welcher Mensch, welche Sache ist heute vollkommen und ohne jeden Mangel? Um ganz sicher zu gehen, bleibt nur, sich ueberhaupt nicht zu ruehren. Doch sich ueberhaupt nicht zu ruehren, ist selbst ein grosser Fehler. Kurz, der Weg des Menschseins ist ueberaus beschwerlich -- und was das Revolutionaersein betrifft, davon ganz zu schweigen.

Der Kritiker der Shenbao, obwohl er in Ein kleines Jahrzehnt einen durch und durch revolutionaeren Protagonisten fordert, ueberschuettet Uebersetzungen sozialwissenschaftlicher Werke mit giftigem Spott. Daher gehoert seine Seele zu diesem letztgenannten Typus, leicht gefaerbt von der Langeweile des Dekadenten am Leben, der ein wenig Chili essen moechte, um den Appetit anzuregen.

Der grosse Verfechter der Uebersetzungsmethode des "Glatten, aber Untreuen", Herr Zhao Jingshen (赵景深), hat in letzter Zeit allerdings keine grossen Werke uebersetzt. Er hat sich meist darauf beschraenkt, uns in der Zeitschrift fuer Kurzgeschichten (小说月报) "Nachrichten aus der auslaendischen Literaturwelt" zu praesentieren. Das ist natuerlich sehr dankenswert. Ob diese Nachrichten uebersetzt sind oder ob der Vorstellende persoenlich hingegangen ist, um sie zu erfragen und zu recherchieren, koennen wir nicht ergründen. Selbst wenn sie uebersetzt sind, gibt er meist keine Quellen an, so dass wir sie auch nicht ueberpruefen koennen. Natuerlich braucht sich Herr Zhao, der Verfechter der "glatten, aber untreuen" Uebersetzung, um all das nicht zu kuemmern -- wenn es etwas "Untreues" gibt, so ist das nur die konsequente Umsetzung seiner Grundsaetze. Aber auf Schwierigkeiten bin ich dennoch gestossen.

In der Februarausgabe der Zeitschrift fuer Kurzgeschichten teilte uns Herr Zhao "Neuigkeiten ueber neue Massenautoren" mit, darunter: "Gropper hat die illustrierte Geschichte des Zirkus, Alay Oop, fertiggestellt." Das ist aeusserst "glatt", aber als man das Bilderbuch tatsaechlich sah, handelte es sich nicht durchweg um Zirkus. Nachdem ich mir ein englisches Woerterbuch ausgeliehen und die beiden englischen Zeilen unter dem Titel -- "Life and Love Among the Acrobats Told Entirely in Pictures" -- nachgeschlagen hatte, stellte ich fest, dass es sich keineswegs um eine Geschichte ueber "den Zirkus" handelt, sondern um die Geschichte von "Zirkuskuenstlern". So ausgedrueckt wird es natuerlich etwas "unglatt". Aber da der Inhalt nun einmal so ist, laesst sich nichts daran aendern. Es muessen "Artisten" sein -- nur dann kann es "Love" geben. In der Novemberausgabe der Zeitschrift fuer Kurzgeschichten teilte uns Herr Zhao erneut mit, dass "Seghers eine Tetralogie vollendet" habe, und dass "sogar der letzte Band, Das Halbmensch-Halbrind-Ungeheuer (Der Zentaur), bereits in diesem Jahr erschienen" sei. Dieses eine Woertchen "Der" genuegt, um einen die Augen verdrehen zu lassen, denn das ist Deutsch, und wenn man ein Woerterbuch nachschlagen will, kann man sich ausser an der Tongji-Universitaet fast nirgends eines leihen -- wer wuerde es da noch wagen, irgendwelche Zweifel zu hegen? Aber das darauffolgende Substantiv, das ungeschrieben besser gewesen waere, wird einmal geschrieben zu einem raetselhaften Schwierigkeitsfall. Das Wort stammt wohl aus dem Griechischen und findet sich auch im englischen Woerterbuch. Wir sehen es haeufig als Bildmotiv in Gemaelden: der Oberkoerper ist menschlich, der Unterkoerper ist der eines Pferdes -- nicht eines Rindes. Rinder und Pferde sind beides Saeugetiere, und der "Glaettung" zuliebe mag es nicht so wichtig sein, sie einmal zu verwechseln, aber schliesslich sind Pferde Unpaarhufer und Rinder Paarhufer -- ein gewisser Unterschied besteht doch, und man sollte sie besser auseinanderhalten. Es ist nicht noetig, ausgerechnet "beim allerletzten Band" ploetzlich ein "Rind" einzuschmuggeln.

Nach diesem Anfall von "Ver-Rindung" muss ich an Herrn Zhaos beruehmten "Milchweg" denken -- oder genauer: "Kuhmilchstrasse". Das sieht sehr nach woertlicher oder "harter" Uebersetzung aus, ist es aber in Wirklichkeit nicht -- das "Rind" hat sich grundlos eingeschlichen. Diese Geschichte braucht kein Woerterbuch; man kann sie auch auf Gemaelden sehen. Die Sache verhaelt sich so: In der griechischen Mythologie war der Goettervater Zeus ein Gott, der Frauen nicht abgeneigt war. Einmal stieg er in die Menschenwelt herab und zeugte mit einer gewissen Dame einen Knaben. Das Schicksal wollte es, dass Frau Zeus eine recht eifersuechtige Goettin war. Als sie davon erfuhr, schlug sie auf den Tisch und stampfte mit den Fuessen (?) in grossem Zorn, holte dann das Kind in den Himmel und suchte nach einer Gelegenheit, es umzubringen. Aber das Kind war arglos; es wusste von nichts, und einmal stiess es auf Frau Zeus' Brustwarze und saugte daran. Die erschrockene Frau Zeus gab ihm einen Stoss, es fiel in die Menschenwelt hinab -- nicht nur wurde es nicht getoetet, es wurde spaeter sogar zum Helden. Aber Frau Zeus' Milch war durch dieses eine Saugen herausgespritzt und hatte sich ueber den Himmel verstreut, woraus die Milchstrasse entstand, also die "Kuhmilchstrasse" -- nein, eigentlich die "Goettinnenmilchstrasse". Aber die Weissen nennen jede "Milch" einfach "Milk", und da wir an die Aufschrift auf Kuhmilchdosen gewoehnt sind, ist eine gelegentliche Fehlübersetzung, ja, nichts Verwunderliches.

Aber bei einer Persoenlichkeit, die grosse Ansichten zur Uebersetzung vertritt, beim Anblick von Pferden in Verwirrung zu geraten und sich in Rinder zu verlieben, Uebersetzungen zu produzieren, bei denen "der Rinderkopf nicht zum Pferdemaul passt" -- das kann immerhin als kleiner Gespraechsstoff dienen. Allerdings nur als kleiner Gespraechsstoff fuer andere, und nebenbei, um ein wenig griechische Mythologie kennenzulernen -- Herrn Zhaos Leitsatz "Lieber glatt und untreu als treu und unglatt" bleibt davon gaenzlich unversehrt. Das nennt man: "Es lebe die Pfuschübersetzung!"

Ueber die Ausgabe der "Poetischen Erzaehlung von Tripitakas Reise zur Beschaffung der Sutras" -- Brief an die Redaktion der Zeitschrift Zhongxuesheng beim Kaiming-Verlag:

Ich weiss nicht, ob dieser Brief in Zhongxuesheng abgedruckt werden kann. Die Sache verhaelt sich folgendermassen --

In der Neujahrsausgabe von Zhongxuesheng enthaelt Herr Zheng Zhenduo's (郑振铎) Aufsatz "Erzaehlerstoffe der Song-Dynastie" ueber die "Poetische Erzaehlung von Tripitakas Reise zur Beschaffung der Sutras" (唐三藏取经诗话) folgende Passage: "Das Datum dieses Erzaehlertextes ist unbekannt, doch Herr Wang Guowei (王国维) hat anhand der Worte 'Gedruckt von der Familie Zhang in Zhongwazi' am Ende des Buches festgestellt, dass es sich um einen Song-zeitlichen Druck handelt -- eine recht glaubwuerdige Aussage. Daher muss auch dieser Erzaehlertext natuerlich ein Erzeugnis der Song-Dynastie sein. Einige haben allerdings Zweifel geaeussert. Liest man aber das Yuan-zeitliche Zaju-Drama Reise nach dem Westen von Wu Changling (吴昌龄), so wird man erkennen, dass diese urspruengliche Erzaehlung von der Sutra-Reise weit vor Wus Reise nach dem Westen entstanden sein muss. Mit anderen Worten, sie muss aus der Song-Dynastie stammen, die der Yuan-Dynastie vorausging. Und die Worte 'Zhongwazi' bestaetigen gerade, dass dies ein Erzeugnis der suedlichen Song-Hauptstadt Lin'an ist, so dass kein Raum fuer Zweifel bleibt."

Als ich frueher meine Kurze Geschichte des chinesischen Romans verfasste, hatte ich die Moeglichkeit in Betracht gezogen, dass dieses Buch ein Yuan-zeitlicher Druck sei, was den Sammler, Herrn Tokutomi Soho (德富苏峰), sehr missvergnuegte, woraufhin er eine Widerlegung verfasste. Auch ich fugte eine kurze Entgegnung bei, die spaeter in einem Sammelband von Zeitkritiken aufgenommen wurde. Daher bezieht sich das "Einige" in Herrn Zheng Zhenduo's Aufsatz in Wirklichkeit auf "Lu Xun" (鲁迅) -- im Akt des Veraechtlichmachens ist noch die freundliche Absicht verborgen, mir stellvertretend die Schande zu ersparen, wofuer ich zutiefst beschaemt und zugleich dankbar bin. Doch ich bin der Meinung, dass textkritische Forschung zwar nicht unsinnig sein sollte, aber auch nicht starr konservativ. Vieles auf dieser Welt laesst sich allein durch gesunden Menschenverstand klaeren. Buchsammler wuenschen sich moeglichst alte Ausgaben; Historiker nicht. Daher sollte man bei alten Buechern das Datum nicht anhand fehlender Striche in Tabu-Zeichen bestimmen -- so wie Anhaenger der alten Dynastie auch heute noch den letzten Strich des Zeichens "Xuan" (玄) weglassen moegen, die Gegenwart aber zweifellos die Chinesische Republik ist. Man sollte das Datum auch nicht allein anhand von Ortsnamen bestimmen -- so wie ich in Shaoxing geboren wurde, aber keineswegs ein Mensch der Suedlichen Song bin, da viele Ortsnamen sich nicht mit den Dynastien aendern. Man sollte das Datum auch nicht bloss nach der Eleganz oder Schlichtheit des Stils bestimmen, da es einen grossen Unterschied macht, ob der Autor ein Gelehrter oder ein Mann aus dem Volk war.

Solange also kein positiver, eindeutiger Beweis vorliegt, kann man die Poetische Erzaehlung von Tripitakas Reise zur Beschaffung der Sutras durchaus noch fuer einen Yuan-zeitlichen Druck halten. Man nehme etwa denselben "Herrn Wang Guowei", den Herr Zheng Zhenduo zitiert: Er verfasste ein gesondertes Werk, Untersuchung alter Druckausgaben aus Zhejiang, in zwei Baenden, mit einem Vorwort aus dem elften Jahr der Republik [1922], aufgenommen in die zweite Reihe seiner nachgelassenen Schriften. Im oberen Band, unter der Ueberschrift "Drucke der Praesfektur Hangzhou", in der Rubrik "Verschiedene Ausgaben der Xin- und Yuan-Periode", finden sich die folgenden beiden Titel:

"Jingben Volksliteratur" und "Die Poetische Erzaehlung von Tripitakas Grosser Tang-Reise zur Beschaffung der Sutras", in drei Baenden. Dies identifiziert die Poetische Erzaehlung nicht nur als Yuan-zeitlichen Druck, sondern ordnet sogar die Volksliteratur als Yuan-Ausgabe ein. Obwohl die Untersuchung alter Druckausgaben aus Zhejiang keineswegs ein entlegenes Werk ist, sind die jungen Leser von Zhongxuesheng keine Spezialisten der Literaturgeschichte und hatten vermutlich nicht die Musse, es zu studieren. Daher sende ich es an Ihre geschaetzte Zeitschrift mit der Bitte um Veroeffentlichung -- erstens als kleinen Beitrag zum allgemeinen Wissen, und zweitens, um zu zeigen, dass ein einzelnes Dokument und ein isolierter Beweis kaum ausreichen, eine historische Tatsache "definitiv" festzustellen, und dass es immer "Raum fuer Zweifel" geben wird.

Hochachtungsvoll, und mit den besten Wuenschen fuer

Ihr Wohlergehen.

Lu Xun, ehrerbietig. Am Abend des 19. Januar.

Der eingehende Brief

Lieber Genosse:

Die Veroeffentlichung Deiner Uebersetzung von Die Niederlage ist natuerlich ein hoechst denkwuerdiges Ereignis im literarischen Leben Chinas. Die Meisterwerke der proletarischen Weltrevolutionsliteratur zu uebersetzen und sie systematisch den chinesischen Lesern vorzustellen (besonders die der Sowjetunion, denn sie koennen den Lesern die "Helden" des grossen Oktober, des Buergerkriegs und des Fuenfjahrplans durch konkrete Bilder, durch die Beleuchtung der Kunst nahebringen) -- dies ist eine der wichtigen Aufgaben der chinesischen proletarischen Schriftsteller. Obwohl gegenwaertig fast ausschliesslich Du persoenlich und Genosse Z diese Arbeit leisten, wer kann behaupten, dies sei eine Privatangelegenheit?! Wer?! Die Veroeffentlichung von Die Niederlage, Der Eiserne Strom und anderer Werke sollte als Verantwortung aller chinesischen revolutionaeren Schriftsteller anerkannt werden. Jeder Kaempfer an der revolutionaeren Literaturfront, jeder revolutionaere Leser sollte diesen Sieg feiern -- auch wenn es bisher nur ein kleiner Sieg ist.

Deine Uebersetzung ist in der Tat aeusserst treu. Der Satz "den Leser absolut nicht betruegen" ist keineswegs eine Reklame! Dies zeigt auch, dass ein aufrichtiger, leidenschaftlicher Mensch, der fuer das Licht kaempft, gar nicht anders kann, als gewissenhaft und verantwortungsvoll zu sein. Dandys und europaeisierte Edelleute des zwanzigsten Jahrhunderts koennen "mit geringstem Aufwand den groessten" Ruhm ernten; aber wenn solche Leute sich nicht von Grund auf verwandeln, bleiben sie auf ewig nur Schoosshunde des Salons. Die gegenwaertige Flut von Pfuscharbeit -- wenn sie nicht von dieser Sorte Leute stammt, dann ist sie die Spekulation irgendwelcher Buchhaendler. Deine Bemuehungen -- ich und alle anderen hoffen, dass solche Bemuehungen kollektiv werden -- sollten fortgesetzt, erweitert, vertieft werden. Daher bin ich vielleicht, wie Du selbst, beim Anblick dieses Exemplars von Die Niederlage ausserordentlich bewegt: Ich liebe es wie meine eigenen Kinder. Diese unsere Liebe wird uns sicherlich helfen, unsere Energie steigern und unser kleines Unternehmen erweitern.

Das Uebersetzen hat -- ueber die Vermittlung des Inhalts des Originals an chinesische Leser hinaus -- noch eine weitere sehr wichtige Funktion: naemlich uns bei der Erschaffung einer neuen, modernen chinesischen Sprache zu helfen. Die chinesische Sprache (Schriftzeichen) ist so arm, dass sogar Alltagsgegenstaende namenlos sind. Die chinesische Sprache hat das Stadium der sogenannten "Gestensprache" praktisch noch nicht vollstaendig verlassen -- gewoehliche Alltagsgespraeche kommen noch kaum ohne "Handbewegungstheater" aus. Natuerlich gibt es so gut wie keine Adjektive, Verben oder Praepositionen, die feine Unterscheidungen und komplexe Beziehungen ausdruecken. Die Ueberreste des patriarchalischen feudalen Mittelalters fesseln noch immer die lebendige Sprache des chinesischen Volkes (und nicht nur die der Arbeiter und Bauern!). Unter diesen Umstaenden ist die Schaffung einer neuen Sprache eine ueberaus gewichtige Aufgabe. Die fortgeschrittenen Laender Europas haben diese Aufgabe im Grossen und Ganzen vor zwei- bis fuenfhundert Jahren vollbracht. Selbst das historisch rueckstaendigere Russland hat seine "kirchenslawische Schriftsprache" vor etwa hundertfuenfzig bis hundertsechzig Jahren im Wesentlichen abgeschlossen. Dort waren es die buergerliche Renaissance und die Aufklaerungsbewegung, die dieses Werk vollbrachten -- zum Beispiel Russlands Lomonossow ... Puschkin. Die chinesische Bourgeoisie besitzt diese Faehigkeit jedoch nicht. Gewiss, Chinas europaeisierte Kaufleute und Gentry, wie Hu Shizhi (胡适之) und seinesgleichen, haben diese Bewegung angestossen. Aber die Ergebnisse dieser Bewegung entsprechen ihrem politischen Herrn. Daher muss das Proletariat diese Aufgabe weiterhin gruendlich zu Ende fuehren und diese Bewegung anfuehren. Das Uebersetzen kann uns tatsaechlich helfen, viele neue Woerter, neue Satzkonstruktionen, einen reichen Wortschatz und feine, praezise, korrekte Ausdruecke zu schaffen. Da wir also in den Kampf um die Schaffung der modernen neuen Sprache Chinas verwickelt sind, koennen wir an die Uebersetzung keine geringere Forderung stellen als: absolute Korrektheit und absolutes chinesisches Umgangschinesisch. Damit soll der Masse die Sprache der neuen Kultur naehergebracht werden. Yan Jidaos (严几道) Uebersetzungen eruebrigt sich zu erwaehnen. Er war:

"Uebersetzung muss treu, elegant und verstaendlich sein; die Schrift muss den Xia, Yin und Zhou gleichen."

In Wahrheit hat er mit dem einen Wort "elegant" sowohl "treu" als auch "verstaendlich" ausgeloescht. Kuerzlich hat die Shangwu-Buchhandlung "Yans beruehmte Uebersetzungen" nachgedruckt -- ich weiss nicht, was sie damit "bezwecken"! Dies ist schlicht und einfach ein Spott auf die chinesischen Massen und die Jugend. Wie kann klassisches Literachchinesisch "treu" uebersetzen? Fuer die jetzigen und kuenftigen Massenleser, wie kann es "verstaendlich" sein? Nun kommen Zhao Jingshen (赵景深) und seinesgleichen mit einer neuen Forderung:

"Lieber falsch, doch fluessig, als sperrig und bloss treu!"

Des alten Herrn Zhaos Position ist im Grunde vom selben Schlage wie die derer, die im Stadtgott-Tempel westliche Geschichten erzaehlen. Das heisst: Man hat selbst ein wenig (?) Fremdsprachen gelernt, ein paar Buecher und Zeitschriften gelesen und schreibt einfach drauflos ein paar Zeilen sogenanntes fluessiges Chinesisch. Das ist offenkundige Verhoehnung der chinesischen Leser, planlos herausposaunt er phantastische Geschichten aus Uebersee. Erstens: Sein sogenanntes "Fluessig", da es ein "Fluessig" ist, das lieber ein wenig "falsch" sein darf, ist natuerlich eine Methode, die sich dem niederen Sprachniveau Chinas anbiedert und den Originalsinn verwischt. Das schafft keine neue Sprache, sondern bemueht sich, das Sprachniveau der chinesischen Wilden zu konservieren und seine Entwicklung zu behindern. Zweitens: Da er lieber ein wenig "falsch" liegen moechte, will er den Leser umnebeln und verhindern, dass der Leser den Originalsinn des Autors erfaehrt. Daher sage ich: Zhao Jingshens Position ist Verdummungspolitik, eine Gelehrtendespotie, die das Wissen monopolisiert -- und das ist nicht die geringste Uebertreibung. Und drittens deutet er offensichtlich verhuellt seine Opposition gegen die proletarische Literatur an (was fuer ein erbaermlicher "Speziallaufhund"!). Seine Opposition gegen die proletarische Literatur ist ein verdeckter Angriff auf gewisse Uebersetzungen theoretischer Werke und schoepferischer Uebersetzungen in der proletarischen Literatur. Das sind die Worte eines Feindes der proletarischen Literatur.

Allerdings gibt es unter den chinesischsprachigen proletarischen Literaturbuechern tatsaechlich viele Uebersetzungen, die nicht "fluessig" sind. Das ist unsere eigene Schwaeche, und der Feind nutzt diese Schwaeche zum Angriff. Der Weg zu unserem Sieg erfordert natuerlich nicht nur, dem Feind frontal entgegenzutreten und seine Kraefte zu schlagen, sondern auch, unsere eigenen Reihen noch staerker zu disziplinieren. Der Mut unserer Selbstkritik kann den Feind oft entwaffnen. Nun haben unsere Genossen als Fazit der sogenannten Uebersetzungsdebatte Folgendes formuliert: "Uebersetzung duldet absolut keine Fehler. Aber manchmal, je nach Art des uebersetzten Inhalts, kann man, um den Geist des Originals zu bewahren, ein gewisses Mass an Unglaette hinnehmen."

Das ist lediglich eine "Verteidigungstaktik". Aber Plechanow sagt: Der dialektische Materialist sollte die Faehigkeit besitzen, "von der Verteidigung zum Angriff ueberzugehen". Erstens muessen wir natuerlich zunaechst erklaeren, dass das, was wir unter "fluessig" verstehen, sich von dem unterscheidet, was Zhao Jingshen und andere meinen. Zweitens fordern wir: absolute Korrektheit und absolutes Umgangschinesisch. Unter absolutem Umgangschinesisch verstehe ich solches, das beim Vorlesen verstanden werden kann. Drittens gestehen wir ein, dass die Uebersetzungen proletarischer Literatur bis heute dieses Niveau noch nicht erreicht haben; wir muessen weiter daran arbeiten. Viertens entlarven wir Zhao Jingshens und anderer eigene Uebersetzungen und zeigen, dass das, was sie fuer "fluessige" Uebersetzungen halten, in Wirklichkeit nur ein Bastard aus der Kreuzung von Liang Qichao (梁启超) und Hu Shizhi ist -- eine halb-klassische, halb-umgangssprachliche, halb-tote, halb-lebendige Sprache, die fuer die Massen immer noch nicht "fluessig" ist.

Hier, mit Blick auf Deine kuerzlich erschienene Niederlage, laesst sich sagen: Sie hat "Korrektheit" erreicht, aber noch nicht "absolutes Umgangschinesisch".

Absolutes Umgangschinesisch beim Uebersetzen zu verwenden bedeutet keineswegs, dass man "den Geist des Originals nicht bewahren" koenne. Gewiss, das ist sehr schwierig und erfordert grossen Aufwand. Aber wir duerfen die Schwierigkeit absolut nicht scheuen und muessen uns bemeuhen, alle Schwierigkeiten zu ueberwinden.

Ganz allgemein gesprochen, nicht nur beim Uebersetzen, sondern auch bei eigenen Werken: Heutige Literaten, Philosophen, Publizisten und alle gewoehnlichen Menschen, die die neuen Beziehungen, neuen Erscheinungen, neuen Dinge und neuen Begriffe ausdruecken wollen, die in der chinesischen Gesellschaft bereits vorhanden sind, muessen praktisch alle zu "Cangjie" werden -- das heisst, sie muessen taeglich neue Woerter und neue Satzkonstruktionen erschaffen. Die Anforderungen des praktischen Lebens sind so. Haben wir nicht Anfang 1925 an der Xiaoshadu in Shanghai fuer die Massen das Wort "Streik" (罢工) gepraegt? Und "Guerillatruppe", "Guerillakrieg", "Rechtsabweichung", "Linksabweichung", "Schwanzpolitik", ja sogar gewoehnliche Woerter wie "sich zusammenschliessen" (团结), "entschlossen" (坚决), "schwanken" (动摇) und so weiter und so fort ... Diese unzaehligen neuen Woerter sind nach und nach in die muendliche Sprache der Massen aufgenommen worden, und selbst wenn sie noch nicht vollstaendig aufgenommen sind, besteht bereits die Moeglichkeit dazu. Was neue Satzkonstruktionen betrifft, so sind diese vergleichsweise schwieriger, aber in der gesprochenen Sprache hat sich die Syntax bereits stark veraendert und grosse Fortschritte gemacht. Man braucht nur die Sprache unserer eigenen Reden mit den Dialogen in alten Romanen zu vergleichen, um es zu erkennen. Doch diese unbewusst und natuerlich geschaffenen neuen Woerter und Satzkonstruktionen folgen unvermeidlich den grammatischen Regeln des chinesischen Umgangschinesisch. Alle neuen Woerter und neuen Satzkonstruktionen in der "Umgangsschriftsprache", die gegen diese Regeln verstossen -- also die, die man nicht aussprechen kann --, werden natuerlich ausgesondert und koennen nicht bestehen.

Was also die Frage angeht, was "fluessig" ist, sollte man sagen: Wahres Umgangschinesisch ist wirklich fluessiges modernes Chinesisch. Das hier gemeinte Umgangschinesisch beschraenkt sich natuerlich nicht auf das Umgangschinesisch der "haeuslichen Kleinigkeiten" -- es meint: von der gewoehnlichen Alltagskonversation bis zur gesprochenen Sprache der Vorlesungen von Universitaetsprofessoren. Chinesen diskutieren heute ueber Philosophie, Wissenschaft, Kunst ... und haben offensichtlich bereits ein gesprochenes Umgangschinesisch dafuer. Ist das nicht so? Wenn dem so ist, dann sollte das, was auf Papier geschrieben wird (die Schriftsprache), eben dieses Umgangschinesisch sein, nur straffer und ordentlicher organisiert. Obwohl solche Texte fuer viele unter den Massen, die kaum lesen koennen, immer noch unverstaendlich sind -- weil eine solche Sprache fuer die allgemeinen Analphabeten auch beim Hoeren noch unverstaendlich ist --, so betrifft dies doch erstens nur den Inhalt der Texte, nicht die Schrift selbst; daher besitzt eine solche Schrift zweitens bereits Leben -- sie hat bereits die Moeglichkeit, von den Massen aufgenommen zu werden. Sie ist lebendige Sprache.

Wenn daher die geschriebene Umgangssprache die grammatischen Regeln des chinesischen Umgangschinesisch nicht beachtet, wenn sie nicht aufbauend auf den bestehenden Regeln des chinesischen Umgangschinesisch neue Regeln schafft, wird sie sehr leicht in Richtung sogenannter "Unglaette" abdriften. Dies ist das Ergebnis davon, bei der Schaffung neuer Woerter und neuer Satzkonstruktionen die Sprechgewohnheiten der gewoehnlichen Massen voellig zu ignorieren und stattdessen das klassische Chinesisch als Grundlage zu nehmen. Auf diese Weise produzierter Text ist von vornherein tote Sprache. Daher meine ich, dass wir in dieser Frage den Mut zur Selbstkritik aufbringen muessen; wir sollten einen neuen Kampf eroeffnen. Was meinst Du?

Meine Ansicht ist: Uebersetzung soll den Originalsinn des Ausgangstextes vollstaendig und korrekt dem chinesischen Leser vermitteln, so dass der Begriff, den der chinesische Leser erhaelt, dem Begriff entspricht, den englische, russische, japanische, deutsche, franzoesische ... Leser aus dem Original gewinnen. Eine solche woertliche Uebersetzung soll in der Umgangssprache geschrieben sein, die Chinesen tatsaechlich sprechen koennen. Um den Geist des Originals zu bewahren, braucht man "ein gewisses Mass an Unglaette" nicht zu tolerieren. Im Gegenteil: Toleriert man "ein gewisses Mass an Unglaette" (das heisst, verwendet man nicht die gesprochene Umgangssprache), geht der Geist des Originals in gewissem Masse verloren.

Natuerlich sind bei kuenstlerischen Werken die Anforderungen an die Sprache noch strenger und verlangen noch mehr Feinheit als gewoehntliche Aufsaetze. Hier gibt es verschiedene Toene, verschiedene Vokabulare, verschiedene Rhythmen, verschiedene Stimmungen verschiedener Menschen ... und dies beschraenkt sich nicht auf Dialoge. Hier ist es mit der armen gesprochenen chinesischen Umgangssprache noch schwieriger zurechtzukommen als bei der Uebersetzung theoretischer Werke der Philosophie, der Wissenschaft ... Aber diese Schwierigkeiten erhoehen nur das Gewicht unserer Aufgabe; sie heben unsere Aufgabe keineswegs auf.

Nun gestatte mir bitte, einige Fragen zu Deiner Uebersetzung von Die Niederlage aufzuwerfen. Ich habe es noch nicht ganz durchlesen koennen; nur einige wenige Stellen habe ich am Original abgeglichen. Hier vergleiche ich nur die Originalstellen, die in Friches Vorwort zitiert werden. (Ich folge der Reihenfolge des Vorworts und nummeriere fortlaufend; Deine Uebersetzung zitiere ich nicht nochmals -- bitte schlage die Stellen selbst anhand der Nummern im Buch nach. In der Uebersetzung des Vorworts gibt es einige Fehler, die ich hier nicht bespreche.)

(1) "Rechnet man alles zusammen, so ist es doch, weil in seinem Herzen eine Art -- 'Sehnsucht nach einem neuen, vortrefflichen, starken, guetigem Menschen ist, eine Sehnsucht so gross, dass kein anderer Wunsch sich mit ihr messen kann.'" Korrekter:

"Rechnet man alles zusammen, so ist es doch, weil in seinem Herzen -- 'er sich nach einer Art neuem, vortrefflichem, starkem, guetigem Menschen sehnt, einer Sehnsucht so gross, dass kein anderer Wunsch sich mit ihr messen kann.'"

(2) "In solchen Zeiten, wenn die uebergrosse Mehrheit der vielen Hundert Millionen Menschen immer noch dieses primitive, erbaermliche Leben fuehren muss, dieses Leben so langweilig, dass es nicht den geringsten Sinn hat -- wie kann man da von irgendeinem neuen, vortrefflichen Menschen sprechen."

(3) "Auf der Welt liebte er am meisten doch stets sich selbst -- er liebte seine eigenen schneeweissen, schmutzigen, kraftlosen Haende; er liebte seine eigene seufzende, stoehende Stimme; er liebte sein eigenes Leid, sein eigenes Tun -- selbst die verabscheuungswuerdigsten Taten."

(4) "'Damit ist es also zu Ende, alles kehrt zum alten Zustand zurueck, als waere nichts gewesen,' -- dachte Warja -- 'wieder der alte Weg, immer noch dieselben Verstrickungen -- alles geht dorthin ... Aber, mein Gott, wie freudlos ist das!'"

(5) "Er selbst hatte nie solche Qual gekannt, es war eine truebsinnige, muede, greisenhafte Qual -- er dachte in solcher Qual: Er war schon siebenundzwanzig Jahre alt, jede vergangene Minute konnte nie zurueckkehren, nie anders gelebt werden, und in Zukunft schien auch nichts Gutes zu kommen ... (Dieser Abschnitt hat Fehler in Deiner Uebersetzung und ist auch besonders 'unglatt'.) Nun fuehlte Moroska, dass er sein ganzes Leben lang mit aller Kraft nur bestrebt gewesen war, auf einen solchen Weg zu gelangen -- einen Weg, der ihm gerade, klar und recht erschien, den Weg, den Leute wie Lewinson, Baklonow, Tubjejew gingen; doch es schien, als hindere ihn jemand, auf diesen Weg zu gelangen. Und da er niemals darauf kam, dass dieser Feind in seinem eigenen Herzen sass, empfand er, wenn er sein Leid auf die Gemeinheit der Menschen im Allgemeinen zurueckfuehrte, eine eigentuemliche Mischung aus Behagen und Trauer."

(6) "Er kannte nur eines -- Arbeit. Deshalb konnte man einem so aufrechten Menschen nicht misstrauen, konnte ihm nicht den Gehorsam verweigern."

(7) "Anfangs war er sehr abgeneigt, ueber diese Gedanken zu diesem Aspekt seines Lebens nachzudenken; aber allmaehlich geriet er in Eifer und schrieb tatsaechlich zwei Seiten voll ... Auf diesen beiden Seiten fanden sich tatsaechlich viele Woerter einer Art -- niemand haette gedacht, dass Lewinson solche Woerter kennen wuerde." (In diesem Abschnitt hat Deine Uebersetzung mehrere Nebensaetze mehr als das russische Original. Vielleicht hast Du einen aehnlichen, aber anderen Satz zitiert? Oder hast Du die Auslassungspunkte, die Fritsche offengelassen hat, aufgefuellt?)

(8) "Diese vielgeprueften, treuen Menschen waren ihm nahe, naeher als alles andere, sogar naeher als er sich selbst."

(9) "... Schweigend, mit noch feuchten Augen, blickte er auf jene Menschen auf der fernen Tenne -- diese Menschen, die er bald zu seinen eigenen engen Gefaehrten machen musste, wie jene achtzehn, wie den, der schweigend hinter ihm herging." (Hier, im letzten Satz, hat Deine Uebersetzung einen Fehler.) Bitte pruefe diese Uebersetzungen anhand der japanischen und deutschen Fassung; ob es sich um korrekte woertliche Uebersetzungen handelt, laesst sich durch Vergleich feststellen. Meine Uebersetzungen sind, abgesehen von einigen Umstellungen und Wiederholungen von Subjekten, Verben und Objekten gemaess der Syntax und Rhetorik des chinesischen Umgangschinesisch, ansonsten vollstaendig woertlich.

Hier ein Beispiel: Stelle (8) -- "... sogar naeher als er sich selbst." Jeder Buchstabe dieses Satzes ist identisch mit dem Russischen. Zugleich wird beim lauten Sprechen der Ton und Geist des Originals vollstaendig wiedergegeben. Aber Deine Uebersetzung -- "naeher als ihm selbst, naeher als anderen" -- enthaelt einen Fehler (vielleicht liegt der Fehler in der japanischen oder deutschen Fassung). Der Fehler liegt darin: (1) das Woertchen "sogar" (甚至于) wird weggelassen; (2) durch die Verwendung klassisch-chinesischer Grammatik kann der Ton des Satzes nicht wiedergegeben werden.

All das sage ich so ungalant, als lobte ich mich selbst. Fuer gewoehnliche Leute ist das natuerlich "unhoeflich". Aber wir sind so vertraute Menschen -- Menschen, die schon vertraut waren, bevor sie sich begegnet sind. Dieses Gefuehl laesst mich zu Dir sprechen, wie ich zu mir selbst spreche, wie wenn ich mit mir selbst beriete.

Zudem gibt es noch ein weiteres Beispiel, ein relativ wichtiges, das nicht nur die Uebersetzungsmethode betrifft. Es ist die Frage des "neuen ... Menschen" in Stelle (1).

Das Thema von Die Niederlage ist die Geburt eines neuen Menschen. Hier ist das russische Wort, das Fritsche und Fadejew selbst verwenden, ein gewoehnliches "Mensch" im Singular. Es ist nicht nur nicht "Menschheit", es ist nicht einmal der Plural von "Mensch". Gemeint ist eine neue Art von Mensch, ein neuer "Typus" -- der vornehme Uebersetzungsbegriff lautet Typus --, der im Prozess der Revolution, des Buergerkriegs ... hervorgebracht wird. Das ist im gesamten Verlauf von Die Niederlage sichtbar. Deine Uebersetzung lautet jedoch "Menschheit". Lewinson sehnt sich nach einer neuen ... Menschheit. Das koennte zu einem voellig anderen Thema missverstaenden werden -- als ob es eine allgemeine Sehnsucht nach der sozialistischen Gesellschaft insgesamt waere. Aber tatsaechlich ist der "neue Mensch" in Die Niederlage eine dringende Aufgabe des gegenwaertigen Kampfes: im Kampfprozess eine neue Art von Mensch zu schaffen, zu staehlen, umzuformen -- einen Typus, der sich von Moroska, Metschik ... und anderen unterscheidet. Das sind Menschen der Gegenwart, einige wenige Menschen, Menschen, die das Rueckgrat unter den Massen bilden -- nicht die Menschheit im Allgemeinen, nicht die Menschheit im Abstrakten. Genau einige Menschen unter den Massen, fuehrende Menschen, die Vorlaeufer einer neuen Gesamtmenschheit.

Dieser Punkt verdient es, besonders hervorgehoben zu werden. Natuerlich ist der Fehler in der Uebersetzung nur ein Fehler in einem einzigen Wort: "Mensch" ist ein Wort, "Menschheit" ist ein anderes. Das ganze Buch liegt immer noch vor uns, und Dein Nachwort erfasst das Thema von Die Niederlage durchaus richtig. Aber Uebersetzung muss praezise sein, und man sollte jedes einzelne Wort abwaegen.

Die Veroeffentlichung von Die Niederlage bleibt ein denkwuerdiges Ereignis. Ich beglueckwuensche Dich. Ich hoffe, Du wirst meine Ansichten erwaegen und in der Uebersetzungsfrage sowie in der allgemeinen Frage der Sprachrevolution einen neuen Kampf eroeffnen.

J. K.

5. Dezember 1931.

Die Antwort

Lieber Genosse J. K.:

Nach der Lektuere Deines Briefes ueber das Uebersetzen war ich aeusserst erfreut. Seit der letztjaehrigen Uebersetzungsschwemme haben viele die Stirn gerunzelt und geseufzt, manche haben sogar spitze Bemerkungen gemacht. Auch ich uebersetze gelegentlich Buecher und haette eigentlich ein paar Worte sagen sollen, doch bis heute habe ich den Mund nicht aufgemacht. "Unnachgiebiges Schwatzen" mag eine tapfere Tat sein, doch ich halte mich an den alten Spruch: "Zu denen sprechen, zu denen man nicht sprechen sollte, heisst Worte verschwenden." Zudem waren die bisherigen Kontrahenten meist Papiermenschen und Papierpferde -- oder vertrauter ausgedrueckt: "Geistersolaten" --, gegen die es wahrhaftig keinen Frontalangriff geben kann. Nehmen wir Professor Altherr Zhao Jingshen als Beispiel: Einerseits ist er darauf spezialisiert, Uebersetzungen wissenschaftlicher Literaturtheorie als unverstaendlich anzugreifen und die Anonymitaet unterdrueckter Autoren als laecherlich hinzustellen; andererseits zeigt er grosse Barmherzigkeit und sagt, er fuerchte, die Massen wuerden solche Uebersetzungen nicht verstehen -- als ob er tagtaeglich Plaene fuer die Massen schmiedete, waehrend andere Uebersetzer kaemen, um seine Aufstellung zu stoeren. Das ist genau so wie bei jenen Dienern der Reichen in Europa und Amerika, die nach der Russischen Revolution hingingen, um zu schauen, zurueckkamen, den Kopf schuettelten und das Gesicht verzogen, Artikel schrieben und beklagten, wie die Arbeiter und Bauern noch immer litten, noch immer hungerten, und die Seiten mit Elend fuellten -- als ob allein sie diejenigen waeren, die sich wuenschten, dass die Arbeiter und Bauern mit einem Purzelbaum alle in Palaeste einzogen, Bankette aessen und es sich in Lehnstuehlen bequem machten. Wer haette gedacht, dass sie immer noch leiden! Also taugt Russland nichts, die Revolution ist schlecht, ach je, ach je, wie abscheulich! Gegenueber solchen Leichenbittermienen -- was willst du denen sagen? Wenn man sie widerlich findet, braucht man, so meine ich, nur mit dem Finger sachte ein Loch in dieses Pappgeruest zu bohren.

Altherr Zhao hat bei seiner Erörterung des Uebersetzens Yan Youling (严又陵) herangezogen und fuer ihn Partei ergriffen, was diesem in Deinem Brief eine Schelte eingebracht hat. Aber meiner Ansicht nach ist das ungerecht -- zwischen Altherr Yan und Altherr Zhao besteht der Unterschied zwischen Tiger und Hund. Das offensichtlichste Beispiel: Um uebersetzen zu koennen, studierte Yan Youling einst die Methoden der buddhistischen Sutrauebersetzung in der Han-, Jin- und Sechs-Dynastien-Zeit, waehrend Altherr Zhao, der Yan Youling als seinen Geistesverwandten im Jenseits beansprucht, die Buecher, die Yan Youling tatsaechlich uebersetzt hat, nie gelesen hat. Heute sind Yans Uebersetzungen alle erschienen, und obwohl sie keine grosse Bedeutung haben moegen, laesst sich die Muehe, die er aufgewendet hat, darin erkennen. Soweit ich mich erinnere, war die muehseligste Uebersetzung, die auch dem Leser die groesste Muehe bereitet, Mills Logik-System und das Autorenvorwort zu Ueber die Freiheit -- letzteres wurde spaeter irgendwie in Grenzen der Rechte umbenannt, und selbst der Buchtitel wurde schwer verstaendlich. Am leichtesten verstaendlich ist natuerlich die Abhandlung ueber die Evolution, die foermlich nach dem Tongcheng-Schul-Stil riecht; sogar auf den Tonfall jedes Zeichens wird sorgsam geachtet. Liest man sie laut, den Kopf wiegend, so klingt sie wahrlich klanghaft und sonor -- genug, um den alten Tongcheng-Schulmeister Wu Rulun (吴汝纶) zu ruehren, der nicht umhin konnte auszurufen, es "koenne sich mit den Meistern der Zhou- und Qin-Zeit messen". Doch Yan Youling selbst wusste, dass diese allzu "verstaendliche" Uebersetzungsmethode falsch war, weshalb er es nicht "Uebersetzung" nannte, sondern "Hou Guan Yan Fu gibt den Sinn wieder" (侯官严复达旨) schrieb; und nachdem er in seinem Vorwort ueber "Treue, Verstaendlichkeit und Eleganz" doziert hatte, schloss er mit der Erklaerung: "Dharma-Meister Shi sagte: 'Wer mich nachahmt, wird daran erkranken.' Viele werden nach mir kommen -- huetet euch, dieses Buch als Vorwand zu benutzen!" Als ob er schon vierzig Jahre zuvor geahnt haette, dass ein Altherr Zhao kommen wuerde, um sich faelschlich auf ihn zu berufen, und ihm schon die Haare zu Berge standen. Allein deshalb muss ich sagen: Die beiden grossen Meister Yan und Zhao unterscheiden sich wahrlich wie Tiger und Hund und duerfen nicht in einem Atemzug genannt werden.

Warum also griff er zu diesem Trick? Die Antwort ist: Damals waren Auslandsstudenten nicht so vornehm wie heute. Die Gesellschaft hielt Westler im Allgemeinen nur fuer faehig, Maschinen zu bauen -- besonders Uhren --, und Auslandsstudenten nur fuer faehig, "Teufelssprache" zu sprechen, und daher nicht wuerdig, als "Gelehrte" zu gelten. Also produzierte er seine klangvollen Prosa, klanghaft genug, dass Wu Rulun ihm ein Vorwort schrieb. Mit diesem Vorwort kamen weitere Auftraege herein, und so erschienen seine Logik, sein Geist der Gesetze, sein Wohlstand der Nationen und so weiter. Aber seine spaeteren Uebersetzungen legten offensichtlich mehr Wert auf "Treue" als auf "Verstaendlichkeit und Eleganz".

Sein Uebersetzungswerk ist tatsaechlich ein Miniaturbild der Geschichte der Sutrauebersetzung in der Han- und Tang-Dynastie. Chinas Uebersetzung buddhistischer Sutras: in der spaeten Han war sie schlicht und geradlinig -- diesem Vorbild folgte er nicht. In den Sechs Dynastien war sie wahrhaft "verstaendlich" und "elegant" -- seine Abhandlung ueber die Evolution war daran orientiert. In der Tang lag der Schwerpunkt auf "Treue", und auf den ersten Blick scheint es fast unverstaendlich -- das aehnelt seinen spaeteren Uebersetzungen. Ein einfaches Musterbeispiel der Sutrauebersetzungstradition findet sich in den drei Uebersetzungsausgaben des Erwachen des Glaubens im Mahayana, zusammengestellt und gedruckt von der Jinlinger Sutrapresse -- ebenfalls ein Erzfeind des Altherren Zhao.

Aber ich glaube, unsere Uebersetzungsarbeit kann nicht so einfach sein. Zunaechst muessen wir entscheiden, fuer welche Art von Lesern unter den Massen wir uebersetzen. Teilt man diese Massen grob ein: Kategorie A: diejenigen mit betraechtlicher Bildung; Kategorie B: diejenigen, die kaum lesen koennen; Kategorie C: diejenigen, die kaum Schriftzeichen kennen. Kategorie C liegt ausserhalb des Bereichs der "Leser" -- ihre Aufklaerung ist Aufgabe von Bildern, Vortraegen, Theater und Film und braucht hier nicht eroertert zu werden. Aber selbst fuer die Kategorien A und B koennen nicht dieselben Buecher dienen; jeder sollte angemessene Lektuere erhalten. Fuer Kategorie B sind Uebersetzungen noch nicht geeignet -- mindestens Bearbeitungen sind noetig, und am besten sind Originalwerke, vorausgesetzt, diese passen sich nicht bloss dem Geschmack der Leser an, zufrieden damit, beliebt und vielgelesen zu sein. Was Uebersetzungen fuer Leser der Kategorie A betrifft: Was auch immer das Thema sei, ich vertrete bis heute die Position "lieber treu als glatt". Natuerlich bedeutet diese "Unglaette" keineswegs, "knien" als "auf den Knien knien" oder "Milchstrasse" als "Kuhmilchstrasse" zu uebersetzen; vielmehr bedeutet sie, dass man den Text nicht wie Tee-Reis in wenigen Happen hinunterschlingen koennen muss, sondern etwas Kauarbeit aufwenden muss. Hier stellt sich eine Frage: Warum nicht vollstaendig sinisieren und dem Leser Muehe ersparen? Wenn es so schwer verstaendlich ist, wie kann es noch als Uebersetzung gelten? Meine Antwort lautet: Auch das ist eine Uebersetzung. Eine solche Uebersetzung importiert nicht nur neue Inhalte, sondern auch neue Ausdrucksweisen. Chinesische Schrift und Sprache sind in Wahrheit viel zu ungenau. Das Geheimnis guter Prosa besteht darin, vertraute Zeichen zu vermeiden und leere Woerter zu streichen -- und schon hat man einen guten Aufsatz. Auch beim Sprechen gelingt es staendig nicht, den Gedanken auszudruecken -- die Sprache reicht nicht aus, weshalb auch Lehrer beim Unterrichten auf Kreide zurueckgreifen muessen. Diese Ungenauigkeit der Grammatik beweist die Ungenauigkeit des Denkens -- mit anderen Worten: das Gehirn ist etwas vernebelt. Wenn man ewig in vernebelter Sprache schreibt, ist das Ergebnis, auch wenn der Text beim Lesen glatt dahinfiesst, am Ende doch nur ein verschwommener Eindruck. Um dieses Uebel zu heilen, meine ich, muss man nach und nach einige Haerten ertragen und fremdartige Satzkonstruktionen einfuehren -- alte, solche aus anderen Provinzen, auslaendische --, die man sich spaeter zu eigen machen kann. Das ist kein Luftschloss. Das ferne Beispiel ist Japan, wo europaeisierte Syntax in ihren Texten voellig alltaeglich ist, ganz anders als zur Zeit, als Liang Qichao seine Methode des Lesens von Japanisch auf Chinesisch verfasste. Das nahe Beispiel ist eben das, was Dein Brief erwaehnt: 1925 wurde das Wort "Streik" (罢工) fuer die Massen gepraegt. Obwohl dieses Wort nie zuvor existiert hatte, haben es die Massen alle verstanden.

Ich bin ferner der Ansicht, dass selbst Buecher, die fuer Leser der Kategorie B uebersetzt werden, haeufig einige neue Woerter und neue Syntax enthalten sollten, natuerlich nicht zu viele -- gerade genug, dass der Leser, wenn er gelegentlich auf eines stoesst, es nach kurzem Nachdenken oder Fragen verstehen kann. Nur so kann die Sprache der Massen bereichert werden.

Ein Buch, das absolut jeder verstehen kann, gibt es heute nicht. Nur das buddhistische Swastika-Zeichen "卍" sei, so heisst es, "jedem verstaendlich" -- aber leider ist es auch "von jedem anders verstanden". Selbst Mathematik- oder Chemiebuecher -- enthalten sie nicht viele "Fachbegriffe", die Altherr Zhao nicht versteht, die Altherr Zhao aber nicht erwaehnt, weil er sich nur allzu gut an Yan Youling erinnert? Was die Uebersetzung von Literatur betrifft: Nimmt man Leser der Kategorie A als Zielgruppe, so bin auch ich fuer woertliche Uebersetzung. Meine eigene Uebersetzungsmethode ist: zum Beispiel "Hinter dem Berg ging die Sonne unter" -- obwohl unglatt, wuerde ich es niemals in "Die Sonne sinkt hinter des Berges Schatten" (日落山阴) umwandeln, denn im Original ist der Berg das Subjekt, und eine Aenderung wuerde den Schwerpunkt auf die Sonne verlagern. Selbst beim eigenen Schaffen muss der Autor solche Unterscheidungen treffen, finde ich. Einerseits so viel wie moeglich importieren; andererseits so viel wie moeglich verdauen und aufnehmen. Was brauchbar ist, wird weitergegeben; der Rueckstand bleibt in der Vergangenheit. Daher kann das Tolerieren von "etwas Unglaette" in der Gegenwart eigentlich nicht "Verteidigung" genannt werden -- es ist tatsaechlich eine Art "Angriff". Die Sprache auf den Lippen der Menschen heute ist natuerlich alle "glatt", aber auch die sprachlichen Rohmaterialien, die aus der Rede des Volkes gesammelt werden, muessen letztlich glatt sein. Deshalb bin auch ich einer, der dafuer plaediert, "Unglaette" zu tolerieren.

Aber dieser Zustand wird natuerlich nicht ewig waehren. Ein Teil davon wird von "unglatt" zu "glatt" werden; ein anderer Teil wird, weil er bis zuletzt "unglatt" bleibt, ausgesondert und beiseitegestossen werden. Das Entscheidende dabei ist unser eigenes kritisches Urteil. Was die in Deinem Brief angefuehrten Uebersetzungsbeispiele betrifft, so kann ich anerkennen, dass sie "verstaendlicher" sind als meine Uebersetzungen, und ich kann auch schliessen, dass sie "treuer" sind. Fuer Uebersetzer und Leser ist das von grossem Nutzen. Allerdings koennen sie nur von Lesern der Kategorie A verstanden werden und sind fuer Leser der Kategorie B zu schwer. Dies zeigt einmal mehr, dass es heute noetig ist, verschiedene Leserschichten zu unterscheiden und verschiedene Arten von Uebersetzungen zu haben.

Ueber die Methode des Uebersetzens fuer Leser der Kategorie B habe ich nicht sorgfaeltig nachgedacht und kann im Moment nicht viel dazu sagen. Aber im Grossen und Ganzen gesehen ist es gegenwaertig noch nicht moeglich, mit der gesprochenen Sprache -- den oertlichen Dialekten verschiedener Orte -- zu verschmelzen; es kann nur eine besondere Art von Umgangssprache werden, oder eine, die auf eine bestimmte Region beschraenkt ist. Bei der letzteren Art koennen Leser ausserhalb dieser Region sie nicht verstehen. Fuer eine weitere Verbreitung muss man unvermeidlich die erstere Art verwenden, aber dadurch wird auch sie zu einer besonderen Umgangssprache mit mehr klassisch-sprachlichen Elementen. Ich bin dagegen, Dialekte zu verwenden, die allzu eng auf einen Ort beschraenkt sind. Zum Beispiel die Ausdruecke "bie nao" (别闹, "mach keinen Aerger") und "bie shuo" (别说, "sag das nicht"), die man haeufig in Romanen sieht -- wenn ich nie in Peking gewesen waere, wuerde ich sie sicher als "mach anderswo Aerger" oder "sag es anderswo" verstehen, was in der Tat weit weniger verstaendlich ist als das eher literarische "bu yao" (不要). Solche gesprochene Sprache, die nur an einem Ort lebendig ist, sollte, wenn es nicht unbedingt noetig ist, ebenfalls vermieden werden. Dann gibt es die stilistischen Konventionen der Kapitelromane -- auch wenn sie vertraut aussehen, muessen sie nicht alle uebernommen werden. Zum Beispiel: "Lin Chong lachte und sagte: 'Ach so, du erkennst mich'" versus "'Ach so, du erkennst mich' -- sagte Lin Chong lachend." Obwohl das letztere Beispiel etwas westlich aussehen mag, verwenden wir beim Sprechen tatsaechlich oft dieses Muster -- es klingt "ohrenvertraut". Aber die Chinesen lesen Romane mit den Augen, und so fuehlt sich immer noch das erste Beispiel "augenvertraut" an; auf das letztere Muster in einem Buch zu stossen, wirkt hingegen fremd. Da hilft nichts; vorerst kann man nur den Erzaehlerstil uebernehmen, aber sein Gleiten beseitigen, Geplauder zuhoeren, aber sein Abschweifen beseitigen, die gesprochene Sprache des Volkes breit sammeln, aber die Woerter und Wendungen bewahren, die vergleichsweise die meisten verstehen koennen, und eine "Weder-Fisch-noch-Fleisch"-Umgangssprache produzieren. Diese Umgangssprache muss lebendig sein, und der Grund ihrer Lebendigkeit ist, dass manches von den Lippen des lebendigen Volkes genommen ist und manches dazu bestimmt ist, in das lebendige Volk einzufliessen.

Zum Schluss bin ich sehr dankbar fuer die beiden Beispiele, die Du am Ende Deines Briefes angefuehrt hast. Erstens: Ich habe "... sogar naeher als er sich selbst" als "naeher als ihm selbst, naeher als anderen" uebersetzt -- das ist eine woertliche Uebersetzung des Wortlauts in der japanischen und deutschen Fassung. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ihre Grammatik kein Wort wie "sogar" (甚至于) hat, das diesen Ton einfach und praezise ausdruecken kann; nach mehreren Umwegen wurde es zu diesem unbeholfenen Ausdruck. Zweitens: "Der neue ... Mensch" mit "Mensch" (人) als "Menschheit" (人类) zu uebersetzen -- das ist mein Fehler, ein Fehler infolge von Ueberinterpretation. Als Lewinson die Menschen auf der Tenne sieht und sie zu Kaempfern fuer den gegenwaertigen Kampf formen will, habe ich das klar erkannt. Aber als er still ueber den "neuen ... Menschen" sinnt, hat auch mich das lange zum Nachsinnen gebracht: (1) Das Originalwort fuer "Mensch" -- in der japanischen Uebersetzung "ningen" (人間), in der deutschen "Mensch", beides Singular, aber manchmal auch als "Menschen" interpretierbar; (2) dass er jetzt schon "einen neuen, vortrefflichen, starken, guetigen Menschen" will -- die Hoffnung schien mir zu hoch gegriffen, zu abstrakt. Ich dachte dann an seine Herkunft -- Sohn eines Kaufmanns, Intellektueller -- und schloss daraus, dass sein Kampf einer klassenlosen Gesellschaft nach dem Klassenkampf galt. So versetzte ich den Menschen, an den er gerade dachte, meinem eigenen subjektiven Irrtum folgend, in die Zukunft und machte ihn zudem zu "Menschen" -- zur Menschheit. Bevor Du darauf hingewiesen hast, hielt ich meine Interpretation sogar fuer recht scharfsinnig. Das ist etwas, das dem Leser gegenueber unverzueglich erklaert und berichtigt werden muss.

Zusammenfassend haben wir dieses Jahr endlich diesen Denkmal-Roman den Lesern hier vorgelegt. Die Uebersetzung und der Druck waren mit betraechtlichen Schwierigkeiten verbunden, die nun aus der Erinnerung gewichen sind, aber ich liebe ihn wahrlich, wie Du in Deinem Brief sagst, wie mein eigenes Kind, und von ihm denke ich an die Kinder des Kindes. Da ist auch noch Der Eiserne Strom, den ich ebenfalls sehr liebe. Diese beiden Romane, zwar grob gemacht, aber keineswegs pfuschig, mit ihren eisernen Gestalten und blutigen Kaempfen -- sie sind wahrlich maechtig genug, die sogenannten "schoenen Texte", die schwermuetige, kraenkelende junge Gelehrte und kokette Schoenheiten beschreiben, vor ihnen ins voellige Nichts verblassen zu lassen. Allerdings teile ich Deine Ansicht, dass dies nur ein kleiner Sieg ist, und daher hoffe ich sehr, dass mehr Menschen gemeinsam weitere Werke vorstellen. In mindestens den naechsten drei Jahren sollten wir acht bis zehn monumentale Literaturwerke ueber die Buergerkriegszeit und die Aufbauzeit haben, dazu Uebersetzungen einiger repraesentativer Werke, die, obwohl oft als proletarische Literatur bezeichnet, noch unvermeidlich kleinbuergerliche Vorurteile enthalten (wie Barbusse) oder christlich-sozialistische Vorurteile (wie Sinclair), versehen mit Analyse und strenger Kritik, die erklaert, was daran gut und was schlecht ist, zum Zweck des Vergleichs und der Referenz. Dann werden nicht nur die Ansichten der Leser Tag fuer Tag klarer, sondern auch neue schoepferische Autoren erhalten korrekte Vorbilder.

Lu Xun

28. Dezember 1931.

Briefwechsel ueber das Thema des Erzaehlstoffs (nebst den Briefen von Y und T)

L. S., sehr geehrter Herr:

Der Drang, Sie so vermessen mit unseren Anliegen zu behelligen, ist lange unterdrueckt worden, aber ein Mann von Ihrer Art, wie wir ihn uns vorstellen, wuerde wohl nicht gleichgueltig auf die Anfrage zweier aufrichtiger junger Menschen reagieren. Nach mehrmaligem Hin-und-Her-Ueberlegen haben wir uns schliesslich erdreistet, Ihnen unser Zoegern und unsere Unentschlossenheit in Sachen Literatur -- besonders in Sachen Kurzgeschichte -- mitzuteilen.

Wir haben mehrere Kurzgeschichten handschriftlich verfasst, und der gewaehlte Stoff faellt in zwei Bereiche: Der eine befasst sich mit den kleinbuergerlichen Jugendlichen, die wir gut kennen, und bringt die Schwaechen -- sowohl die offenkundigen als auch die verborgenen --, die diese Schicht in der heutigen Zeit zeigt, mit satirischen kuenstlerischen Mitteln zum Ausdruck; der andere befasst sich mit den Menschen der unteren Schichten, die wir gut kennen -- Menschen der unteren Schichten ausserhalb der direkten Einwirkungszone der grossen Stroemungen der Gegenwart --, und zeichnet in unseren schoepferischen Arbeiten den intensiven Ueberlebenswillen und die dumpfen Regungen des Widerstands unter dem schweren Druck des Lebens nach. Wir wissen nicht, ob Werke solchen Inhalts in der heutigen Zeit beanspruchen koennen, einen bedeutsamen Beitrag zu leisten. Zunaechst zoegerten wir, und dann, als wir die Feder ergriffen, zoegerten wir erneut. Wir muessen Sie bitten, uns eine Richtung zu weisen, denn wir wollen nicht, dass unsere literarischen Bemuehungen gegenueber der heutigen Zeit zur Kraftverschwendung und voellig sinnlos werden.

Wir sind entschlossen, in dieser Epoche unsere Kraft der bedeutsamen Literatur zu widmen und damit die Hilfe und den Beitrag zu leisten, die wir schuldig sind. Wir sind nicht die Art von Schriftstellern, die Sie beschrieben haben -- jene, die, sobald sie einen kleinen Namen haben, sich davonmachen. Wenn Sie uns daher in diesem Moment eine Weisung geben wollen, wird diese Weisung unser ganzes Leben beeinflussen. Obwohl wir auch schoepferische Werke verschiedener proletarischer Autoren gelesen haben, moegen wir es nicht, irgendeine erfundene Figur zu nehmen und sie mit einem Purzelbaum zur Revolutionaerin werden zu lassen. Wir greifen lieber ein paar vertraute Modelle auf und schildern sie wahrheitsgetreu -- ob diese Neigung aber angemessen ist, darueber haben wir keine Gewissheit. Daher haben wir nach laengem Hin und Her nur die Moeglichkeit, Sie vermessen zu bhelligen.

Mit den besten Wuenschen fuer

Ihr Wohlergehen!

Ts-c. Y. und Y-f. T., 29. November.

Antwort

Y und T, meine Herren:

Nach Empfang Ihres Briefes bekam ich, noch bevor ich antworten konnte, die Grippe -- der Kopf schwer, die Augen geschwollen, unfaehig, auch nur ein Zeichen zu schreiben. In den letzten Tagen habe ich mich einigermassen erholt und schreibe erst jetzt diese Antwort. Wir wohnen in derselben Stadt, und doch habe ich es einen Monat lang verschleppt -- wofuer ich mich aufrichtig entschuldige.

Was Sie beide fragen, betrifft die Frage des Materials, das man beim Schreiben von Kurzgeschichten aufgreift und verwendet. Und der Standpunkt, von dem aus die Autoren schreiben, ist, wie Ihr Brief darlegt, der Standpunkt des Kleinbuergertums. Waere man ein kaempferischer Proletarier, dann waere alles, was man beschreibt, welches Material man auch verwendet -- sofern das Geschriebene ein Kunstwerk werden kann -- sicherlich ein bedeutsamer Beitrag sowohl fuer die Gegenwart als auch fuer die Zukunft. Warum? Weil der Autor selbst ein Kaempfer ist.

Aber Sie beide gehoeren nicht jener Klasse an, weshalb vor dem Ergreifen der Feder die Art von Zweifel entstand, die Sie in Ihrem Brief beschreiben. Ich denke, dass dies fuer die gegenwaertige Epoche durchaus noch Bedeutung hat. Wenn diese Haltung jedoch fuer immer unveraendert bestehen bleibt, waere sie nicht angemessen.

Die literarischen Werke anderer Klassen sind fuer das kaempfende Proletariat groesstenteils unerheblich. Wenn das Kleinbuergertum nicht wirklich mit dem Proletariat solidarisch ist, dann ist sein Hass oder seine Satire auf die eigene Klasse aus proletarischer Sicht genau so, als verachte ein etwas klugerer und faehigerer junger Herr die Taugenichtse in seiner eigenen Familie -- eine Familienangelegenheit, die Aussenstehende nichts angeht und von Gewinn oder Verlust weit entfernt ist. Nehmen wir zum Beispiel den Franzosen Courteline (戈兼), der die Bourgeoisie verabscheute, selbst aber durch und durch ein buergerlicher Schriftsteller war. Schreibt man ueber die unteren Schichten (ich glaube, sie befinden sich niemals "ausserhalb der direkten Einwirkungszone der grossen Stroemungen der Gegenwart"), so ist die sogenannte Objektivitaet in Wirklichkeit nur der kuehle Blick von einer oberen Etage; das sogenannte Mitgefuehl ist bloss leeres Almosengeben -- ohne Nutzen fuer das Proletariat. Und spaeter wird es noch schwerer vorherzusagen. So war etwa ein anderer Franzose, Baudelaire, zu Beginn der Pariser Kommune noch voller Bewunderung und Unterstuetzung, doch als die Bewegung stark genug wurde, seine eigene Lebensweise zu bedrohen, wurde er reaktionaer. Doch was das heutige China betrifft, glaube ich, dass die beiden Arten von Stoff, die Sie erwaehnen, noch ihre Existenzberechtigung haben. Was die erste Art angeht: Nur jemand derselben Klasse kann sie genauestens kennen, und sie anzugreifen, ihr die Maske abzureissen, muss wirkungsvoller sein, wenn es von jemandem geschieht, der mit den Verhaeltnissen vertraut ist, als von einem Aussenstehenden. Was die zweite Art angeht: Die Lebensumstaende aendern sich mit den Zeiten, und spaetere Autoren werden vielleicht keine Gelegenheit mehr haben, sie zu beobachten. Sie in Echtzeit festzuhalten ist zumindest ein Zeugnis dieser Epoche. Daher hat dies sowohl fuer die Gegenwart als auch fuer die Zukunft noch Bedeutung. Allerdings bedeutet "vertraut" sein nicht unbedingt "korrekt" sein. Die bedeutsamen Punkte herauszuarbeiten und sie hervorzuheben, so dass jene Bedeutung umso deutlicher und groesser wird -- das ist die Aufgabe des richtigen Kritikers.

Daher meine ich, dass Sie beide jeweils den Stoff aufgreifen koennen, den Sie gegenwaertig zu schreiben imstande sind, und mit dem Schreiben beginnen sollten. Aber Sie muessen bei der Materialwahl streng sein und tief graben. Sie duerfen nicht irgendein triviales, bedeutungsloses Ereignis nehmen und es zu einer Geschichte aufblaehen und sich ueber Ihre reiche Produktion freuen. Auf diese Weise schreibend, werden Sie, so vermute ich, an einem bestimmten Punkt das Gefuehl haben, alles ausgeschrieben zu haben -- obwohl die Menschentypen, die dieser Stoff darstellt, auch Jahrzehnte spaeter noch als Rueckstaende fortbestehen moegen; doch diejenigen, die sie dann beschreiben und schildern, werden andere Autoren mit einer anderen Sichtweise sein. Aber Sie sind beide vorwaertsstrebende junge Menschen mit dem Ehrgeiz, der Epoche zu helfen und einen Beitrag zu leisten, und zu jener Zeit werden Sie sicherlich in der Lage sein, allmaehlich Ihr eigenes Leben und Bewusstsein zu ueberwinden und einen neuen Weg zu entdecken.

Zusammenfassend ist meine Ansicht: Schreiben Sie, was Sie gegenwaertig schreiben koennen, ohne der Mode nachzulaufen, und sicherlich ohne gewaltsam irgendeinen ploetzlich verwandelten revolutionaeren Helden zu fabrizieren und dies "Revolutionaere Literatur" zu nennen. Aber ruhen Sie sich auch nicht bequem allein darauf aus, ohne Fortschritte zu machen, bis Sie in der Vergessenheit versinken -- denn auch das waere das Erloeschen Ihrer Hilfe und Ihres Beitrags fuer die Epoche.

Mit dieser Antwort und den besten Wuenschen fuer Ihr Wohlergehen.

L. S.

25. Dezember.

-- Geschrieben fuer die amerikanische Zeitschrift New Masses

Gegenwaertig ist in China die proletarische revolutionaere Literaturbewegung tatsaechlich die einzige Literaturbewegung. Denn dies ist ein Spross in der Wildnis; ausser ihm gibt es in China absolut keine andere Literatur. Die sogenannten "Literaten" der herrschenden Klasse sind laengst so verfault, dass sie nicht einmal mehr sogenannte "Kunst um der Kunst willen" oder "dekadente" Werke hervorbringen koennen. Was nun zur Unterdrueckung der linken Literatur eingesetzt wird, ist nichts als Verleumdung, Unterdrueckung, Einkerkerung und Mord; und diejenigen, die den linken Autoren entgegenstehen, sind nichts als Schlaeger, Spitzel, Laufhunde und Henker.

Dieser Punkt ist durch die Tatsachen der letzten zwei Jahre vollkommen klar bewiesen worden. Vorvorletztes Jahr, als die Literaturtheorien von Plechanow (Plekhanov) und Lunatscharski (Lunacharsky) erstmals nach China eingefuehrt wurden, erregten sie zunaechst die Empoerung eines Schuelers des Herrn Irving Babbitt -- eines scharfsinnigen "Gelehrten", der meinte, Literatur sei nichts, was dem Proletariat gehoere. Wenn Proletarier Literatur schaffen oder geniessen wollten, sollten sie sich zunaechst abrackern und Geld sparen, um in die Bourgeoisie aufzusteigen, anstatt in Lumpen in diesen Garten einzudringen und Laerm zu machen. Er fabrizierte auch Geruechte und behauptete, diejenigen, die in China proletarische Literatur vertraeten, empfingen Rubel aus Sowjetrussland. Diese Methode war nicht gaenzlich wirkungslos: Viele Shanghaier Zeitungsreporter erfanden haeufig Falschmeldungen und veroeffentlichten manchmal sogar die genaue Summe der Rubel. Aber klarsichtige Leser glaubten es nicht, denn im Vergleich zu solchen Papiernachrichten beobachteten sie in der Realitaet weit greifbarer, dass aus imperialistischen Laendern nur Gewehre und Kanonen zur Schlachtung des Proletariats geliefert wurden.

Die Buerokraten der herrschenden Klasse, etwas traeger als die Gelehrten, verschaerften letztes Jahr ebenfalls die Unterdrueckung. Zeitschriften verbieten, Buecher verbieten -- nicht nur solche mit leicht revolutionaeerem Inhalt, sondern sogar solche mit roter Beschriftung auf dem Einband oder von russischen Autoren: Serafimowitsch (Serafimovitch), Iwanow (Ivanov) und Ognjew (Ognev) versteht sich von selbst, aber sogar einige Erzaehlungen von Tschechow (Chekhov) und Andrejew (Andreev) standen auf der Verbotsliste. So fanden es die Buchhandlungen am sichersten, Rechenbuecher und Maerchen zu drucken -- Herr Kater und Fraulein Rose plaudern miteinander und loben, wie lieblich der Fruehling sei --, denn sogar die Uebersetzungen von Maerchen der Art Jermolins waren bereits verboten worden, so dass man nur noch sein Bestes tun konnte, den Fruehling zu preisen. Doch nun hat sich ein gewisser General erzuernt und erklaert, es sei eine Schmaehung der menschlichen Wuerde, dass Tiere sprechen koennten und zudem als "Herr" angeredet wuerden.

Blosses Verbieten ist keine grundlegende Loesung, und so verschwanden dieses Jahr fuenf linke Autoren. Als ihre Familien Erkundigungen einzogen, erfuhren sie, dass die Autoren sich beim Garnisonskommando befanden -- doch Besuche wurden nicht gestattet. Einen halben Monat spaeter, bei erneuter Nachfrage, hiess es, die Autoren seien "befreit" worden -- dies war die hoehnische Bezeichnung fuer "Hinrichtung" --, waehrend in saemtlichen chinesisch- und fremdsprachigen Zeitungen Shanghais absolut kein Bericht erschien. Darauf folgte die Schliessung von Buchhandlungen, die neue Buecher veroeffentlicht oder vertrieben hatten -- manchmal fuenf an einem einzigen Tag --, obwohl nun einige nacheinander wieder geoeffnet haben, und wir wissen nicht, wie das zuging. Urteilt man nach den Anzeigen der Buchhandlungen, so drucken sie nach Kraeften zweisprachige Ausgaben Englisch-Chinesisch -- etwa Werke von Robert Stevenson und Oscar Wilde.

Doch die herrschende Klasse ist im Bereich der Literatur nicht ohne positiven Aufbau. Einerseits haben sie die urspruenglichen Besitzer und Angestellten mehrerer Buchhandlungen vertrieben und heimlich durch eigene gefuegige Verbuendete ersetzt. Doch das scheiterte sofort. Weil der Laden voller Laufhunde war, glich die Buchhandlung einem furchteinflossenden Amtsgebaeude -- und in China sind Amtsgebaeude das, was die Menschen am meisten fuerchten und am meisten verabscheuen; natuerlich ging niemand hin. Die Einzigen, die gern vorbeischauten, waren ein paar muessige Laufhunde auf einem Spaziergang. Wie sollte das den Laden beleben? Doch es gibt noch eine andere Seite: Das Verfassen von Artikeln und Herausgeben von Zeitschriften als Ersatz fuer die verbotenen linken Periodika -- bis heute fast zehn Titel. Doch auch das ist gescheitert. Das groesste Hindernis ist, dass die Foerderer dieser "literarischen" Unternehmungen ein Kommissar der Shanghaier Stadtverwaltung und ein Leiter der Detektivabteilung des Garnisonskommandos sind, deren Ruf im "Befreien" ihren Ruf im "Schaffen" bei weitem uebertrifft. Schrieben sie ein "Handbuch des Toetens" oder eine "Kunst der Spionage", so gaebe es wahrscheinlich Leser, doch leider sind sie darauf verfallen, Bilder zu malen und Gedichte zu dichten. Das ist wirklich so, als wuerde Amerikas Henry Ford, anstatt ueber Autos zu reden, fuer alle zu singen anfangen -- es wuerde nur aeusserstes Erstaunen hervorrufen.

Wenn niemand in die Buchhandlung der Buerokraten kommt und niemand ihre Veroeffentlichungen liest, besteht das Heilmittel darin, bereits bekannte Autoren, die nicht deutlich nach links neigen, zur Mitarbeit zu zwingen und so die Verbreitung ihrer Publikationen zu foerdern. Das Ergebnis: Nur ein oder zwei verwirrte Autoren sind auf den Trick hereingefallen; die Mehrheit hat bis zum heutigen Tag keinen Federstrich getan, und einer hat sich vor Angst irgendwohin verkrochen, wo ihn niemand findet.

Gegenwaertig sind die kostbarsten "Literaten" auf ihrer Seite einige, die, als die linke Literaturbewegung begann und noch nicht verfolgt wurde, als sie von der revolutionaeren Jugend unterstuetzt wurde, sich als links bezeichneten -- die nun aber unter die Klinge der anderen Seite gekrochen sind, sich umgedreht haben und begonnen haben, linke Autoren zu schaedigen. Warum werden sie so geschaetzt? Weil sie einst links waren. Daher sind einige ihrer Veroeffentlichungen auf dem Umschlag noch teilweise leuchtend rot -- doch die Illustrationen von Arbeitern und Bauern wurden durch Aubrey Beardsleys Zeichnungen ersetzt, auf denen alle Figuren wie Kranke aussehen.

Unter solchen Umstaenden empfinden jene Leser, die schon immer die altmodischen Raeuberromane und die neumodischen Erotikromane gern gelesen haben, nicht die geringste Unannehmlichkeit. Doch die fortschrittlicheren jungen Menschen finden nichts mehr zu lesen. Sie haben keine andere Wahl, als Buecher mit viel leerem Gerede und sehr wenig Inhalt anzuschauen -- der Art, die wahrscheinlich nicht verboten wird --, um ihren Durst voruebergehend zu stillen, denn sie wissen: Lieber aus einem leeren Becher trinken als das amtlich hergestellte Brechmittel kaufen -- zumindest wird man so nicht geschaedigt. Aber ein grosser Teil der revolutionaeren Jugend fordert, unterstuetzt und entwickelt nach wie vor, koste es, was es wolle, mit groeestem Eifer die linke Literatur.

Daher koennen die Periodika anderer Buchhandlungen, abgesehen von den amtlich und von Laufhunden herausgegebenen Publikationen, gar nicht anders, als mit allerlei Methoden ein paar vergleichsweise radikale Werke einzuschleusen. Auch sie wissen, dass der alleinige Verkauf leerer Becher ein Geschaeft ist, das nicht lange bestehen kann. Die linke Literatur hat die revolutionaere Leserschaft der Massen hinter sich. Die "Zukunft" gehoert dieser Seite.

So waechst die linke Literatur weiter. Doch natuerlich waechst sie wie ein Spross, der unter einem schweren Stein erdreueckt wird -- in Windungen und Kruemmungen.

Bedauerlich ist, dass es unter den linken Autoren noch keine Autoren aus der Arbeiter- oder Bauernschaft gibt. Zum einen, weil Arbeiter und Bauern historisch nur unterdrueckt und ausgebeutet wurden, ohne die geringste Gelegenheit zur Bildung; zum anderen, weil Chinas Begriffsschrift -- inzwischen haben sie sich laengst so veraendert, dass sie dem Dargestellten nicht einmal mehr aehneln -- mit ihren quadratischen Blockzeichen bedeutet, dass selbst ein Bauer oder Arbeiter, der zehn Jahre lang gelernt hat, seine eigenen Ansichten immer noch nicht frei aufschreiben kann. Dieser Umstand erfreut die messerschwingenden "Literaten" sehr. Sie meinen, wer genug Bildung habe, um Aufsaetze schreiben zu koennen, muesse mindestens Kleinbuerger sein; ein Kleinbuerger solle sich an sein kleines Eigentuem klammern; wenn er sich stattdessen dem Proletariat zuneige, muesse das "Heuchelei" sein. Nur die kleinbuergerlichen Autoren, die sich gegen die proletarische Literatur wenden, handelten aus "wahrem" Herzen. "Wahr" sei besser als "falsch", und folglich seien ihre Verleumdung, Unterdrueckung, Einkerkerung und Ermordung linker Autoren eine ueberlegene Form der Literatur.

Aber diese mit dem Messer ausgeuebte "ueberlegene Literatur" hat tatsaechlich bewiesen, dass die linken Autoren dasselbe Schicksal teilen wie das Proletariat, das ebenso unterdrueckt und geschlachtet wird. Die linke Literatur durchleidet jetzt ihr Leiden (Passion) gemeinsam mit dem Proletariat, und in Zukunft wird sie natuerlich auch gemeinsam mit dem Proletariat auferstehen. Blosses Toeten ist schliesslich keine Literatur -- und damit haben sie auch erklaert, dass sie selbst rein gar nichts besitzen.

In diesen mehreren Jahren hat es bereits drei Generationen berühmter Persönlichkeiten gegeben, die sich mit aller Kraft dem Angriff auf die „harte Übersetzung" gewidmet haben: Zuerst kam der Gründungspatriarch, Professor Liang Shiqiu (梁實秋); dann folgte der Schüler, Professor Zhao Jingshen (趙景深); und zuletzt kam der Schülersschüler, der Student Yang Jinhao (楊晉豪). Unter diesen dreien aber muss man sagen, dass Professor Zhaos Position die klarste und gründlichste war, deren Quintessenz lautete: „Lieber glatt und untreu als treu und unglatt."

Diese Maxime ist zwar etwas sonderbar, hat aber durchaus Wirkung auf die Leser.

Denn eine „treue, aber unglatte" Übersetzung empfindet man sofort als mühsam, und Leser, die ein Buch nur zur geistigen Erholung in die Hand nehmen, werden natürlich Professor Zhao Jingshens Maxime bewundern. Was hingegen „glatte, aber untreue" Übersetzungen betrifft — solange man sie nicht mit dem Original vergleicht, weiß man nicht einmal, wo die „Untreue" liegt. Und wie viele Leser in China vergleichen schon mit dem Original? Man müsste bereits mehr wissen als der Übersetzer, um die Fehler zu erkennen und die Stellen der „Untreue" zu identifizieren. Andernfalls bleibt einem nichts übrig, als alles in blindem Vertrauen hinunterzuschlucken.

Meine eigenen naturwissenschaftlichen Kenntnisse sind sehr begrenzt, und ich besitze kaum ausländische Bücher, so dass ich nur Übersetzungen lesen kann — doch in letzter Zeit stoße ich immer häufiger auf rätselhafte Stellen. Ich greife nur einige Beispiele willkürlich heraus. In Herrn Zhou Taixuans (周太玄) „Kurzer Darstellung der Biologie" aus der Wanyou-Wenku-Reihe findet sich folgender Satz:

„Neuerdings haben die beiden Herren Niel und Ehle bezüglich des Weizens..."

Soweit ich weiß, gibt es einen berühmten schwedischen Biologen namens Nilsson-Ehle, der die Vererbung beim Weizen untersuchte, doch er ist eine einzige Person mit Doppelnamen und müsste korrekt als „Nilsson-Ehle" übersetzt werden. Ihn als „zwei Herren" zu bezeichnen und ein „und" einzufügen, ist zwar glatt, macht mich aber stark misstrauisch, dass es sich um zwei verschiedene Personen handeln soll. Dies ist freilich eine Kleinigkeit — obwohl man, wenn es um Biologie geht, selbst solche Einzelheiten nicht übersehen sollte — aber wir wollen darüber großzügig hinweggehen.

In der März-Ausgabe der diesjährigen Zeitschrift „Xiǎoshuō Yuèbào" findet sich in Herrn Feng Houshengs (馮厚生) Übersetzung von „Der alte Mann" ebenfalls folgender Satz:

„Sein Typhus ging in eine schwere Grippe (Influenza) über..."

Auch das ist sehr „glatt", doch soweit ich weiß, ist Grippe nicht schwerer als Typhus, und außerdem ist das eine eine Atemwegserkrankung, das andere eine Erkrankung des Verdauungssystems — wie man sich auch „entwickeln" mag, man kann nicht von der einen zur anderen übergehen. Es müsste „Erkältung" oder „Verkühlung" heißen, damit der Übergang Sinn ergäbe. Doch ein Roman ist nicht die „Kurze Darstellung der Biologie", also wollen wir auch darüber großzügig hinweggehen. Diesmal betrachten wir stattdessen ein sonderbares Experiment.

Dieses Experiment findet sich in der Übersetzung von E.G. Conklins „Vererbung und Umwelt" durch He Dingjie (何定傑) und Zhang Zhiyao (張誌耀). Die Übersetzung lautet: „...Sie entnahmen zunächst den Marksubstanz-Kristallkörper aus Kaninchenaugen, injizierten ihn Geflügel und warteten, bis im Auge des Geflügels eine ‚Ersatz-Kristallsubstanz' entstand, die ausreichte, dieses fremde Eiweißessenz zu durchschauen, entnahmen dann das Blutserum des Geflügels und injizierten es trächtigen Kaninchen. Die weiblichen Kaninchen konnten diese Injektion oft nicht ertragen und starben in großer Zahl; jedoch zeigten ihre Augen oder Kristallkörper keinerlei erkennbare Schäden, und auch die in ihren Eierstöcken gespeicherten Eier wiesen keine besonderen Schäden auf, denn unter den später geborenen jungen Kaninchen war keines mit defekten Augen."

Dieser Abschnitt scheint ebenfalls recht „glatt" und verständlich. Doch bei näherem Nachdenken wird man unweigerlich verwirrt. Erstens: Was ist ein „Marksubstanz-Kristallkörper"? Die Augenlinse hat keine Unterscheidung zwischen Mark und Rinde. Zweitens: Was ist eine „Ersatz-Kristallsubstanz"? Drittens: Was bedeutet es, „fremdes Eiweiß zu durchschauen"? Ich habe keinen Originaltext zum Vergleich und war recht ratlos, kam aber nach langem Nachdenken zu dem Schluss, dass es wohl folgendermaßen hätte übersetzt werden müssen: „Sie entnahmen zunächst die Augenlinse aus Kaninchenaugen, bereiteten sie als Flüssigkeit zu (zur Injektion) und injizierten sie Geflügel, bis das Geflügel auf dieses fremde Eiweiß (d.h. die verflüssigte Augenlinse) reagierte und eine ‚Anti-Kristallsubstanz' bildete (d.h. eine Substanz, die der verflüssigten Augenlinse entgegenwirkt). Dann entnahmen sie das Blutserum und injizierten es trächtigen Kaninchen..."

Die obigen Beispiele sind nur einige wenige, die ich zufällig aufgegriffen habe; darüber hinaus gibt es manche, die ich im Lauf der Zeit vergessen habe, und vieles, das ich gar nicht bemerkte und das natürlich durchschlüpfte oder womöglich genauso fehlerhaft in meinem Gehirn gespeichert wurde. Doch allein aus diesen wenigen Beispielen können wir bereits feststellen, dass eine Übersetzung, die „treu, aber unglatt" ist, schlimmstenfalls unverständlich ist — man denkt ein wenig nach und versteht sie vielleicht doch —, während eine Übersetzung, die „glatt, aber untreu" ist, in die Irre führt, und kein Nachdenken der Welt sie verständlich machen wird. Wenn man meint, sie verstanden zu haben, dann befindet man sich gerade auf einem Irrweg.

Rou Shi (柔石), mit bürgerlichem Namen Pingfu (平復), Familienname Zhao (趙), wurde 1901 in Shimendou, Kreis Ninghai, Präfektur Taizhou, Provinz Zhejiang, geboren. Seit einigen Generationen war die Familie gelehrt gewesen, doch als sein Vater an der Reihe war, konnte die Familie sich nicht mehr halten und musste auf kleinen Handel zurückgreifen, so dass er erst mit zehn Jahren die Grundschule besuchen konnte. 1917 ging er nach Hangzhou und schrieb sich an der Ersten Lehrerbildungsanstalt ein; gleichzeitig beteiligte er sich als Mitglied der Hangzhouer Morgenlicht-Gesellschaft an der Bewegung für eine neue Literatur. Nach dem Abschluss war er als Grundschullehrer in Cixi und anderswo tätig und widmete sich zugleich dem literarischen Schaffen. Er veröffentlichte eine Sammlung von Kurzgeschichten, „Der Verrückte", in Ningbo — dies war der Beginn von Rou Shis publiziertem Werk. 1923 ging er nach Peking und wurde Gasthörer an der Peking-Universität.

Nach seiner Rückkehr in die Heimat wurde er im Frühjahr 1925 Verwaltungsdirektor der Mittelschule von Zhenhai und leistete energischen Widerstand gegen die Unterdrückung durch die Nördlichen Kriegsherren. Im Herbst begann er Blut zu husten, doch er half dennoch nach Kräften der Jugend von Ninghai und gründete die Mittelschule von Ninghai. Bis zum folgenden Jahr hatte er es geschafft, Gelder zu sammeln und Schulgebäude zu errichten; gleichzeitig amtierte er als Leiter des Bildungsamtes und reformierte das gesamte Bildungswesen des Kreises.

Im April 1928 brach auf dem Land ein Aufstand aus. Nach dessen Scheitern griff die Reaktion überall um sich, alles auch nur entfernt Fortschrittliche wurde zerstört, die Mittelschule von Ninghai wurde aufgelöst, und Rou Shi floh allein nach Shanghai, wo er sich niederließ und dem Studium von Literatur und Kunst widmete. Im Dezember wurde er Redakteur der Zeitschrift „Gesprächsfäden" (Yusi) und gründete zusammen mit Freunden die Morgenblumen-Gesellschaft. Neben seinem eigenen schöpferischen Werk widmete er sich der Vermittlung ausländischer Literatur und Kunst, insbesondere der Literatur und Druckgraphik Nord- und Osteuropas. Es erschienen zwanzig Nummern des Morgenblumen-Wochenblatts, zwölf Nummern der Dekaden-Zeitschrift und fünf Bände des „Kunstgartens: Morgenblumen". Da die Vertriebshändler später die Buchpreise nicht bezahlten und die Mittel nicht mehr ausreichten, musste die Publikation eingestellt werden.

Im Frühjahr 1930 wurde die Allianz der Freiheitsbewegung ins Leben gerufen, und Rou Shi war einer der Gründer. Kurz darauf, als der Bund Linker Schriftsteller gegründet wurde, gehörte er ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern und setzte sich mit ganzer Kraft für die proletarische Literaturbewegung ein. Er wurde zunächst in den Exekutivausschuss gewählt, dann zum Mitglied des Ständigen Ausschusses und Leiter der Redaktionsabteilung ernannt. Im Mai nahm er als Vertreter des Linksbundes am Nationalen Kongress der Sowjetgebiete teil, woraufhin er den Aufsatz „Ein großer Eindruck" verfasste.

Am 17. Januar 1931 wurde er verhaftet. Vom Polizeiposten über ein Sondergericht an das Garnisonskommando Longhua überstellt, wurde er am Abend des 7. Februar heimlich erschossen; zehn Kugeln trafen seinen Körper.

Rou Shi hinterließ zwei Söhne und eine Tochter, alle noch im Kindesalter. Sein literarisches Werk umfasst das Versdrama „Die Komödie der Menschheit" (unveröffentlicht), die Romane „Der Tod der alten Zeit", „Drei Schwestern", „Februar" und „Hoffnung" sowie Übersetzungen, darunter Lunatscharskis „Faust und die Stadt", Gorkis „Die Sache der Artamonows" und eine „Sammlung dänischer Kurzgeschichten" und anderes.

Die Literatur der Vergangenheit Shanghais begann mit der Zeitung Shenbao. Um über die Shenbao zu sprechen, müsste man mehr als sechzig Jahre zurückgehen, doch davon weiß ich nichts. Woran ich mich erinnern kann, liegt dreißig Jahre zurück: Damals wurde die Shenbao noch auf chinesischem Bambuspapier gedruckt, einseitig, und jene, die darin schrieben, waren zumeist „Talente", die von anderswo herübergelaufen kamen.

Die Gebildeten jener Zeit konnte man grob in zwei Typen einteilen: den „Ehrenmann" und das „Talent". Der Ehrenmann las nur die Vier Bücher und Fünf Klassiker, schrieb achtgliedrige Aufsätze und war äußerst korrekt. Das Talent hingegen las darüber hinaus auch Romane — etwa den „Traum der Roten Kammer" — und verfasste auch alt- und neustilistische Gedichte, die für die Beamtenprüfung nutzlos waren. Das heißt: Das Talent las den „Traum der Roten Kammer" ganz offen — ob der Ehrenmann ihn heimlich ebenfalls las, das kann ich nicht wissen. Mit dem Aufkommen der Ausländerniederlassungen in Shanghai — damals „Fremdfeld" oder „Barbarenfeld" genannt, und später, von denen, die Anstoß vermeiden wollten, oft mit einem anderen Schriftzeichen geschrieben — kamen einige dieser Talente nach Shanghai gelaufen, denn das Talent war weitherzig und ging überall hin; der Ehrenmann dagegen empfand eine gewisse Abneigung gegen alles Ausländische und war zudem auf dem geraden Weg zum Beamtentitel, weshalb er sich nicht leichtfertig herumtrieb. Wenn Konfuzius sagte: „Wenn der Weg nicht durchsetzbar ist, besteige ich ein Floß und treibe aufs Meer", so hatte das aus der Sicht der Talente einen Hauch von Talentgeist, und so nannten die Talente das Gebaren des Ehrenmannes „pedantisch".

Das Talent war von Natur aus vielempfindend und kränkelnd, bereit, bei Hahnenschrei in Zorn zu geraten und beim Anblick des Mondes in Schwermut zu verfallen. In Shanghai angekommen, begegnete es zudem den Kurtisanen. Beim Bordellbesuch konnte man zehn oder zwanzig junge Mädchen an einem Ort versammeln, und das sah doch recht nach dem „Traum der Roten Kammer" aus, weshalb sich das Talent für eine Art Jia Baoyu hielt; es selbst war das Talent, und die Kurtisanen waren natürlich die Schönen — und so entstanden die „Schöne-und-Talent"-Romane. Ihr Inhalt war größtenteils folgender: Nur das Talent konnte diese im Staub gestrandeten Schönen bemitleiden; nur die Schöne konnte das verkannte Talent erkennen; nach tausend Mühsalen und zehntausend Leiden wurden sie endlich ein Paar, oder beide stiegen zu Unsterblichen auf.

Sie halfen auch dem Druckhaus der Shenbao, verschiedene kleine Schriften aus der Ming- und Qing-Zeit herauszugeben und zu verkaufen, und sie selbst gründeten literarische Gesellschaften und veröffentlichten Laternenrätsel; wer ausgewählt wurde, erhielt diese Bücher als Preise, so dass sie sehr weite Verbreitung fanden. Es gab auch umfangreiche Werke wie „Die Gelehrten", „Die Westfahrt des Großeunuchen San Bao", „Der erfreuliche Bericht" und andere. Noch heute stößt man an Antiquariatsständen bisweilen auf kleine Bändchen mit dem Aufdruck „Gedruckt vom Shenbao-Druckhaus Shanghai in Imitat-Letterntype" auf der ersten Seite — das sind eben diese.

Die Schöne-und-Talent-Romane blühten etliche Jahre lang, und dann änderte die nächste Generation der Talente allmählich ihre Gesinnung. Sie entdeckten, dass die Schönen nicht aus „Sehnsucht nach Talent" Kurtisanen geworden waren, sondern nur wegen des Geldes. Aber dass die Schönen das Geld des Talents wollten, war verwerflich, und so ersann das Talent allerlei geschickte Methoden, die Kurtisanen zu bezwingen — nicht nur deren Fallen zu entgehen, sondern auch noch Vorteile aus ihnen zu ziehen. Romane, die diese verschiedenen Kniffe beschrieben, erschienen und waren in der Gesellschaft sehr beliebt, denn man konnte sie als Lehrbücher der Hurerei lesen. Die Hauptfiguren dieser Bücher waren nicht mehr „Talent plus Tölpel", sondern Helden, die über die Kurtisanen triumphiert hatten — sie waren „Talent plus Rowdy".

Schon zuvor war eine Bildzeitschrift erschienen, die „Dianshizhai-Bildbericht" hieß und von Wu Youru (吳友如) als Hauptzeichner geführt wurde. Er zeichnete alles — Unsterbliche, Persönlichkeiten, in- und ausländische Nachrichten —, doch über ausländische Angelegenheiten war er recht im Unklaren. Wenn er zum Beispiel ein Kriegsschiff zeichnete, war es ein Handelsschiff mit Feldgeschützen an Deck; wenn er ein Duell zeichnete, hieben zwei Offiziere in Galauniform in einem Salon mit langen Säbeln aufeinander ein und schlugen dabei auch die Blumenvasen entzwei. Doch seine Zeichnungen von „Kupplerinnen, die Dirnen schlagen" und „Rowdys beim Erpressen" waren wirklich vorzüglich — das lag, glaube ich, daran, dass er allzu viel davon gesehen hatte; selbst heute noch sieht man in Shanghai oft Gesichter, die genau so aussehen wie die von ihm gezeichneten. Der Einfluss dieser Bildzeitschrift war damals sehr groß; sie zirkulierte in allen Provinzen und galt als Auge und Ohr derjenigen, die über die „Zeitläufte" Bescheid wissen wollten — ein Ausdruck, der damals dem heutigen „modernes Wissen" entsprach. Vor einigen Jahren wurde sie unter dem Titel „Wu Yourus Tuschekunstwerke" nachgedruckt, und ihr späterer Einfluss war wahrlich gewaltig. Von den Illustrationen in Romanen ganz zu schweigen, sah man selbst in Schulbuchabbildungen häufig Kinder mit schief sitzenden Mützen, schielenden Augen, Gesichtern voller Querfalten und einer Rowdy-Ausstrahlung. In unserer Zeit ist der neue Rowdy-Zeichner Herr Ye Lingfeng (葉靈鳳), dessen Zeichnungen vom Engländer Aubrey Beardsley geplündert sind. Beardsley gehörte zur „l'art pour l'art"-Schule, und seine Zeichnungen waren stark vom japanischen „Ukiyo-e" (浮世繪) beeinflusst. Obwohl Ukiyo-e Volkskunst war, stellte es zumeist Kurtisanen und Schauspieler dar — üppige Körper, schielende Augen — erotische Augen. Beardsleys Gestalten waren jedoch mager, denn er war Dekadent. Die Dekadenten sind zumeist hager und niedergeschlagen, vor robusten Frauen ein wenig beschämt, und mögen sie daher nicht. Die neuen Schielaugen-Bilder unseres Herrn Ye passen nahtlos zu den alten Schielaugen-Bildern Wu Yourus zusammen, und dürften selbstverständlich einige Jahre lang florieren. Doch er zeichnete nicht nur Rowdys; eine Zeitlang zeichnete er auch das Proletariat, wobei seine Arbeiter ebenfalls schielende Augen hatten und besonders große Fäuste reckten. Doch ich bin der Meinung, dass proletarische Kunst realistisch sein sollte, die Arbeiter zeigen, wie sie wirklich aussehen, ohne die Fäuste größer als die Köpfe machen zu müssen.

Das chinesische Kino von heute steht noch immer stark unter dem Einfluss dieser Formel „Talent plus Rowdy". Die Helden in den Filmen, die als „gute Menschen" dargestellten Helden, sind allesamt aalglatt, genau wie die gerissenen jungen Burschen, die zu lange in Shanghai gelebt haben und alles über „Erpressung", „Absahnen" und „Weibern Nachstellen" wissen. Nach dem Ansehen hat man den Eindruck, dass man heutzutage, um ein Held oder guter Mensch zu sein, zugleich ein Rowdy sein muss.

Die Talent-plus-Rowdy-Romane gingen allerdings auch allmählich zurück. Die Gründe, denke ich, waren zweierlei: Erstens war es immer dieselbe alte Leier — Kurtisanen wollen Geld, Freier wenden Tricks an —, das ließ sich nicht endlos fortsetzen; zweitens waren sie im Suzhou-Dialekt geschrieben, mit Wörtern wie „ni" für „ich", „nai" für „du", „a-shi" für „ob?" — und außer alten Shanghai-Kennern und Leuten aus Jiangsu und Zhejiang konnte das niemand verstehen.

Dennoch brachte das Genre „Talent plus Schöne" einen Roman hervor, der zu seiner Zeit eine Sensation war: „Die Geschichte der Joan" (Joan Haste von H.R. Haggard), aus dem Englischen übersetzt. Doch es gab nur die erste Hälfte. Der Übersetzer sagte, das Original stamme von einem Antiquariatsstand und sei hervorragend, doch leider sei der zweite Band nicht aufzufinden — da sei nichts zu machen. Tatsächlich rührte dies die zarten Herzen der Talent-und-Schöne-Anhänger zutiefst, und das Buch verbreitete sich sehr weit. Später ergriff es sogar Herrn Lin Qinnan (林琴南), der das ganze Werk übersetzte und weiterhin „Die Geschichte der Joan" nannte. Gleichzeitig wurde er vom früheren Übersetzer wütend beschimpft, der meinte, er hätte nicht alles übersetzen sollen, da er dadurch Joans Wert mindere und den Lesern Missfallen bereite. Erst da erfuhr man, dass die frühere Beschränkung auf die Hälfte nicht etwa am unvollständigen Original lag, sondern daran, dass Joan ein uneheliches Kind bekam und der Übersetzer dies absichtlich weggelassen hatte. In Wahrheit wäre ein solches nicht sehr langes Buch auch im Ausland kaum in zwei Bänden erschienen. Doch allein daraus lässt sich bereits die damalige chinesische Auffassung von Ehe erkennen.

Daraufhin wurde eine neue Welle von Talent-plus-Schöne-Romanen populär, doch die Schöne war nun ein ehrbares Mädchen, das sich mit dem Talent verliebte, unzertrennlich, wie ein Schmetterlingspaar oder ein Mandarinentenpaar unter Weiden und zwischen Blüten. Manchmal jedoch, wegen eines strengen Vaters oder wegen grausamen Schicksals, kam es sogar zu einem tragischen Ende, und nicht mehr alle wurden zu Unsterblichen — das muss man einen großen Fortschritt nennen. Als Herr Tianxu Wosheng (天虛我生) — der sich inzwischen der Herstellung von Gesichts- und Zahnpulver widmet — die Monatszeitschrift „Augenbrauensprache" (Meiyu) herausgab, erreichte die „Mandarinenenten-und-Schmetterlings"-Literatur ihren Höhepunkt. Obwohl „Augenbrauensprache" später verboten wurde, ließ ihre Wirkung nicht nach, und erst als die „Neue Jugend" (Xin Qingnian) aufkam, erhielt sie einen Schlag. Damals traten die Einführung von Ibsens Dramen und das Erscheinen von Hu Shizhis (胡適之) „Die wichtigste Angelegenheit des Lebens" in anderer Form auf, und wenn auch nicht absichtlich, so lief die Ehefrage — das Mark der Mandarinenenten-und-Schmetterlings-Schule — auf Nora-Art davon.

Danach erschien die Schöpfungsbund-Gesellschaft, die neue Talent-Schule. Der Schöpfungsbund verehrte das angeborene Genie, übte die Kunst um der Kunst willen, konzentrierte sich ausschließlich auf das Ich, schätzte das Schöpferische, verachtete Übersetzungen und hasste besonders Rückübersetzungen. Er stand in Opposition zur Gesellschaft für Literaturforschung in Shanghai. Auf ihrem allerersten Werbeplakat erklärte der Schöpfungsbund, jemand habe die Literaturwelt „monopolisiert" — gemeint war die Gesellschaft für Literaturforschung. Die Gesellschaft für Literaturforschung jedoch war genau das Gegenteil: sie vertrat die Kunst für das Leben, schuf und schätzte zugleich die Übersetzung und widmete sich der Einführung der Literatur unterdrückter Völker — allesamt kleine Nationen, deren Sprachen niemand verstand, so dass fast alles aus Rückübersetzung stammte. Zudem, weil sie einmal die „Neue Jugend" unterstützt hatte, türmten sich neue Feindschaften auf alte, und so wurde die Gesellschaft für Literaturforschung nun von drei Seiten angegriffen. Die eine Seite war der Schöpfungsbund: Da ihre Kunst die Kunst des Genies war, machte sich die lebensnahe Gesellschaft für Literaturforschung natürlich der Einmischung schuldig und hatte etwas „Gewöhnliches" an sich; zudem hielt man sie für unfähig, so dass bisweilen, wenn ein einziger Übersetzungsfehler entdeckt wurde, eigens eine lange Abhandlung darüber geschrieben wurde. Die zweite Seite war die Gentleman-Schule der Amerika-Rückkehrer; sie meinten, Literatur sei ausschließlich zum Genuss für Herren und Damen da, und die einzigen angemessenen Figuren seien — neben Herren und Damen — Literaten, Gelehrte, Künstler, Professoren und Fräulein — Leute, die „Yes" und „No" sagen konnten —, denn das sei die Würde des Gentleman. Damals hatte Herr Wu Mi (吳宓) Aufsätze veröffentlicht, in denen er erklärte, er verstehe wahrhaftig nicht, warum manche Leute darauf bestünden, die Unterschicht zu beschreiben. Die dritte Seite war die bereits erwähnte Mandarinenenten-und-Schmetterlings-Schule. Ich weiß nicht, welche Methoden sie anwandten, doch es gelang ihnen schließlich, die Buchhändler dazu zu bringen, den Redakteur des „Roman-Monatshefts", ein Mitglied der Gesellschaft für Literaturforschung, abzusetzen, und sie brachten sogar die „Roman-Welt" heraus, um ihre Schriften zu verbreiten. Diese Zeitschrift wurde erst letztes Jahr eingestellt.

Der Kampf des Schöpfungsbundes war dem Augenschein nach siegreich. Viele seiner Werke trafen den Nerv der damaligen Möchtegern-Talente, und mit Hilfe ihrer Verleger wuchs ihr Einfluss beträchtlich. Einmal mächtig geworden, sah man sogar große Handelshäuser wie den Commercial Press Übersetzungen und Werke von Schöpfungsbund-Mitgliedern veröffentlichen — das heißt von Herrn Guo Moruo (郭沫若) und Herrn Zhang Ziping (張資平). Von da an, soweit ich mich erinnere, prüfte der Schöpfungsbund auch nicht mehr die Veröffentlichungen des Commercial Press auf Übersetzungsfehler und verfasste keine Abhandlungen mehr darüber. In dieser Hinsicht, denke ich, lag auch etwas von der Formel „Talent plus Rowdy" darin. Doch „Neu-Shanghai" war „Alt-Shanghai" am Ende doch nicht gewachsen. Inmitten ihrer Siegeslieder merkten die Mitglieder des Schöpfungsbundes schließlich, dass sie nur Ware für ihre eigenen Verleger waren; all ihr Einsatz glich in den Augen des Chefs dem Zwinkern der Pappfigur im großen Schaufenster des Optikerladens — lediglich dazu da, „Kunden anzulocken". Als sie versuchten, einen eigenen Verlag zu gründen, schlug der Chef mit einem Prozess zurück, und obwohl ihnen die Unabhängigkeit schließlich gelang — sie kündigten an, alle Bücher seien gründlich überarbeitet, neu gedruckt und frisch auf den Markt gebracht —, druckte und verkaufte der alte Chef einfach mit den alten Druckplatten weiter und hielt jedes Jahr einen Jubiläums-Schlussverkauf ab.

Als Ware ließ sich nicht weitermachen, und auch die Unabhängigkeit bot keine Existenzgrundlage. Der natürliche Weg für die Mitglieder des Schöpfungsbundes führte in die etwas hoffnungsvollere „Wiege der Revolution" in Guangdong. In Guangdong tauchte der Begriff „Revolutionsliteratur" auf, doch es gab keine tatsächlichen Werke; in Shanghai existierte der Begriff noch nicht einmal.

Erst vorvoriges Jahr erstarkte die Fahne der „Revolutionsliteratur" wirklich. Ihre Verfechter waren einige Gründungsmitglieder des Schöpfungsbundes, die aus der „Wiege der Revolution" zurückgekehrt waren, zusammen mit einer Reihe von Neulingen. Dass die Revolutionsliteratur erstarkte, lag natürlich daran, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse eine solche Forderung bei den Massen und der Jugend hervorgerufen hatten. Als der Nordfeldzug von Guangdong aus startete, stürzten sich die aktiven jungen Leute alle in die praktische Arbeit, und zu jener Zeit gab es keine nennenswerte revolutionäre Literaturbewegung. Erst als sich die politische Lage plötzlich änderte, als die Revolution einen Rückschlag erlitt, als die Klassentrennung scharf hervortrat, als die Kuomintang unter dem Banner der „Parteisäuberung" Kommunisten und revolutionäre Massen in großem Stil abschlachtete und die überlebenden Jugendlichen sich erneut in der Unterdrückung wiederfanden — erst da entfaltete die revolutionäre Literatur in Shanghai eine kräftige Aktivität. So unterschied sich dieses Aufblühen der Revolutionsliteratur nach außen hin von dem in anderen Ländern: Es entsprang nicht dem Aufschwung der Revolution, sondern ihrem Scheitern. Zwar waren unter ihnen alte Literaten, die den Kommandeursäbel abgelegt und zum alten Handwerk der Feder zurückgekehrt waren, und einige Jugendliche, die aus der praktischen Arbeit herausgedrängt worden waren und nur so ihren Lebensunterhalt verdienen konnten; doch weil tatsächlich eine gesellschaftliche Grundlage vorhanden war, gab es unter den Neulingen durchaus einige, die sehr solide und korrekt waren. Doch die revolutionäre Literaturbewegung jener Zeit war, meiner Meinung nach, nicht gut durchdacht und wies etliche Fehler auf. Erstens etwa hatten sie, ohne die chinesische Gesellschaft sorgfältig analysiert zu haben, mechanisch Methoden angewandt, die nur unter einer Sowjetregierung funktionieren konnten. Zweitens ließen sie — besonders Herr Cheng Fangwu (成仿吾) — die Allgemeinheit die Revolution als etwas Fürchterliches begreifen, mit einer extrem linken und grimmigen Miene, als müssten, sobald die Revolution komme, alle Nicht-Revolutionäre sterben, so dass die Menschen die Revolution nur noch mit Schrecken betrachten konnten. In Wirklichkeit lehrt die Revolution die Menschen nicht zu sterben, sondern zu leben. Diese Haltung, die Leute „die Schärfe der Revolution spüren zu lassen" und nur darauf bedacht, sich selbst durch seine Verkündigungen wohlzufühlen, war ebenfalls vom Gift der Formel „Talent plus Rowdy" infiziert.

Wer schnell radikal wird, wird auch schnell gemäßigt und sogar schnell dekadent. Wenn er ein Literat ist, findet er stets eine Rechtfertigung für seine Wandlungen und zitiert Autoritäten. Zum Beispiel beruft er sich auf Kropotkins Theorie der gegenseitigen Hilfe, wenn er die Unterstützung anderer braucht, und auf Darwins Lehre vom Kampf ums Dasein, wenn er andere bekämpfen will. Zu allen Zeiten kann man jeden, der keine feste Theorie hat, dessen Positionswechsel nicht nachvollziehbar sind und der sich nach Belieben die Theorien aller Schulen als Waffen greift, einen Rowdy nennen. Nehmen wir den Rowdy von Shanghai: Sieht er einen Bauern und eine Bäuerin auf der Straße gehen, sagt er: „He! So wie ihr euch benehmt — das verstößt gegen die guten Sitten! Ihr habt euch strafbar gemacht!" Er beruft sich auf chinesisches Recht. Sieht er aber einen Bauern am Straßenrand urinieren, sagt er: „He! Das ist verboten — Sie haben sich strafbar gemacht — ich müsste Sie auf die Polizeiwache bringen!" Diesmal beruft er sich auf ausländisches Recht. Am Ende aber hat es mit Recht oder Unrecht nichts zu tun; sobald er ihnen ein paar Münzen abgeknöpft hat, ist die Sache erledigt.

In China waren die „revolutionären Literaten" des letzten Jahres von denen des vorletzten recht verschieden. Das lag teils an veränderten Umständen, doch manche der „revolutionären Literaten" trugen in sich einen Krankheitskeim, für den sie anfällig waren. „Revolution" und „Literatur" waren nur lose verbunden, wie zwei nahe beieinanderliegende Boote: eines war „Revolution", das andere „Literatur", und der Autor hatte je einen Fuß auf jedem Boot. War die Lage günstig, trat er stärker auf das Revolutionsboot, ganz klar ein Revolutionär; wurde die Revolution unterdrückt, trat er stärker auf das Literaturboot — er war ja doch nur ein Literat. So kam es, dass diejenigen, die vorvoriges Jahr die radikalsten Positionen vertreten und gefordert hatten, alle nicht-revolutionäre Literatur müsse hinweggefegt werden, letztes Jahr sich an die Geschichte erinnerten, wie Lenin gern die Werke von Gontscharow (J.A. Gontcharov) las, und fanden, dass nicht-revolutionäre Literatur doch eine recht tiefe Bedeutung habe. Und dann war da der gründlichste aller revolutionären Literaten, Herr Ye Lingfeng (葉靈鳳), der Revolutionäre so gründlich dargestellt hatte, dass sie bei jedem Toilettengang mein „Kampfgeschrei" (Na Han) zum Hinternwischen benutzten — und der nun, auf unerklärliche Weise, hinter den sogenannten nationalistischen Literaten hertrottete.

Ein ähnliches Beispiel bietet Herr Xiang Peiliang (向培良). Als die Revolution allmählich aufstieg, war er sehr revolutionär; zuvor hatte er sogar erklärt, die Jugend solle nicht nur heulen, sondern auch die Wolfszähne zeigen. Das war an sich nicht schlecht, doch man sollte vorsichtig sein, denn der Wolf ist der Urahn des Hundes, und einmal gezähmt, wird er zum Hund. Herr Xiang Peiliang propagiert nun eine „menschliche" Kunst; er lehnt die Existenz einer klassenbezogenen Kunst ab und teilt stattdessen die Menschheit in Gute und Böse — seine Kunst ist eine Waffe im „Kampf zwischen Gut und Böse". Auch der Hund teilt die Menschen in zwei Sorten: Sein Herr und seinesgleichen sind die Guten; die Armen und Bettler sind in seinen Augen die Bösen — anbellen oder beißen. Das ist noch nicht das Schlimmste, denn immerhin steckt noch ein Rest Wildheit darin. Wenn er sich aber weiter zum Schoßhündchen wandelt, das vorgibt, sich nicht einzumischen, während es in Wahrheit seinem Herrn treu dient, dann gleicht er jenen heutigen Berühmtheiten, die behaupten, sich nicht um weltliche Dinge zu kümmern, und die Kunst um der Kunst willen betreiben — gerade gut genug, um einen Universitätshörsaal zu zieren.

Solche purzelbaum-schlagenden Kleinbürger werden, selbst wenn sie den revolutionären Literaten spielen und revolutionäre Literatur schreiben, die Revolution am ehesten verzerrt darstellen; und eine verzerrte Darstellung schadet der Revolution — ihr Abfall ist daher nicht im Geringsten zu bedauern. Als die revolutionäre Literaturbewegung aufblühte, wandelten sich viele kleinbürgerliche Literaten plötzlich, und die Theorie der „plötzlichen Mutation" wurde zur Erklärung herangezogen. Doch wir wissen: Eine sogenannte plötzliche Mutation bedeutet, dass A sich in B verwandeln will, mehrere Bedingungen bereits erfüllt sind, aber eine noch fehlt — und wenn diese eine Bedingung eintritt, wird A plötzlich zu B. Nehmen wir das Gefrieren von Wasser: Die Temperatur muss den Nullpunkt erreichen, und zugleich muss eine Luftschwingung vorhanden sein; fehlt diese, gefriert das Wasser selbst am Nullpunkt nicht — erst wenn die Luft schwingt, mutiert es plötzlich zu Eis. Was also äußerlich wie eine plötzliche Mutation aussieht, ist in Wirklichkeit gar nichts Plötzliches. Fehlen die nötigen Bedingungen, so hat sich, selbst wenn jemand behauptet, er habe sich gewandelt, in Wirklichkeit nichts geändert — und so mutierten manche kleinbürgerlichen revolutionären Literaten, die eines schönen Abends behaupteten, sich plötzlich gewandelt zu haben, bald wieder plötzlich zurück.

Die Gründung des Bundes linker Schriftsteller in Shanghai im letzten Jahr war ein wichtiges Ereignis. Denn inzwischen waren die Theorien von Plechanow (蒲力汗諾夫), Lunatscharski (盧那卡爾斯基) und anderen eingeführt worden, die es allen ermöglichten, einander zu schärfen und solider und stärker zu werden. Doch gerade weil sie solider und stärker geworden waren, erlitten sie eine in der Weltgeschichte selten dagewesene Unterdrückung und Verfolgung. Und diese Unterdrückung und Verfolgung entlarvte unverzüglich jene sogenannten revolutionären Literaten, die geglaubt hatten, die linke Literatur werde groß herauskommen und die Schriftsteller würden Butterbrot essen, das ihnen die Arbeiter darreichten: Manche schrieben Reuebekenntnisse, andere wandten sich um und griffen den Linksbund an, um zu zeigen, dass ihre Einsicht auch dieses Jahr wieder einen Schritt weiter war. Obwohl dies keine direkte Aktion des Linksbundes selbst war, war es doch eine Art Reinigung — diese Autoren konnten, ob gewandelt oder nicht, ohnehin nichts Gutes schreiben.

Doch können die bestehenden linken Schriftsteller gute proletarische Literatur schaffen? Ich glaube, auch das ist sehr schwer. Das liegt daran, dass die heutigen linken Autoren allesamt noch Gebildete sind — Intellektuelle —, und es für sie sehr schwer ist, die Wirklichkeit der Revolution zu beschreiben. Der Japaner Kuriyagawa Hakuson (廚川白村) hat einmal die Frage aufgeworfen: Muss ein Autor das, was er beschreibt, selbst erlebt haben? Er antwortete: Nein, denn der Autor kann beobachten und sich einfühlen. Um über Diebstahl zu schreiben, muss man nicht selbst stehlen; um über Ehebruch zu schreiben, muss man nicht selbst Ehebruch begehen. Doch ich glaube, das liegt daran, dass der Autor in der alten Gesellschaft aufgewachsen ist, ihre Verhältnisse kennt und an ihre Figuren gewöhnt ist — daher kann er sich einfühlen. Gegenüber den Verhältnissen und Figuren des Proletariats aber, mit denen er nie in Berührung war, ist er hilflos oder produziert fehlerhafte Darstellungen. Daher muss ein revolutionärer Literat zumindest sein Leben mit der Revolution teilen oder den Pulsschlag der Revolution tief empfinden. (Die kürzlich vom Linksbund ausgegebene Losung „Proletarisierung des Schriftstellers" ist ein sehr richtiges Verständnis dieses Punktes.)

In der heutigen chinesischen Gesellschaft kann man am ehesten auf das rebellische, aufdeckende oder protestierende Werk des revoltierenden Kleinbürgertums hoffen. Denn sie sind in eben dieser untergehenden Klasse aufgewachsen, verstehen sie zutiefst und hassen sie zutiefst, und das Messer, das sie in sie stoßen, ist am tödlichsten und kraftvollsten. Freilich sind manche revolutionär anmutende Werke gar nicht darauf aus, die eigene Klasse oder die Bourgeoisie zu stürzen; vielmehr hassen und verzweifeln sie an deren Unfähigkeit zur Selbstreform, an deren Unfähigkeit, die eigene Stellung etwas länger zu halten. Vom proletarischen Standpunkt aus ist das nur „Bruderzwist hinter den Mauern" — beide Seiten sind gleichermaßen feindlich. Doch das Ergebnis kann dennoch eine Blase in der Flut der Revolution werden. Für solche Werke, meine ich, gibt es wirklich keinen Grund, sie proletarische Literatur zu nennen, noch müssen die Autoren sich um ihres künftigen Rufes willen proletarische Schriftsteller nennen.

Allerdings können selbst Werke, die nur die alte Gesellschaft angreifen, der Revolution schaden, wenn sie deren Mängel nicht klar erkennen oder die Krankheitswurzel nicht durchschauen. Bedauerlicherweise sind die heutigen Autoren — selbst revolutionäre Autoren und Kritiker — oft nicht in der Lage oder nicht willens, der gegenwärtigen Gesellschaft offen ins Auge zu blicken und ihre Innereien zu kennen, besonders die Innereien dessen, was sie als Feind betrachten. Ein Beispiel aufs Geratewohl: In der früheren „Lenin-Jugend" gab es einen Aufsatz über die chinesische Literaturszene, der diese in drei Schulen einteilte. Zuerst kam der Schöpfungsbund als die proletarische Literaturschule, ausführlich besprochen; zweitens die Yusi-Gruppe (Gesprächsfäden) als die kleinbürgerliche Literaturschule, schon kürzer besprochen; und drittens die Neumond-Gesellschaft als die bürgerliche Literaturschule, noch kürzer — keine ganze Seite. Das zeigt deutlich: Je mehr dieser junge Kritiker eine Gruppe für den Feind hielt, desto weniger hatte er dazu zu sagen — das heißt, desto weniger genau hatte er hingeschaut. Natürlich: Wenn wir lesen, ist die Lektüre des Gegners nie so bequem, erfrischend oder nützlich wie die Lektüre der eigenen Seite. Doch wer ein Kämpfer ist, der muss, so glaube ich, den Feind vor seinen Augen umso gründlicher sezieren, um Revolution und Feind gleichermaßen zu verstehen. Für das Schreiben literarischer Werke gilt dasselbe: Man sollte nicht nur die Wirklichkeit der Revolution kennen, sondern auch die Lage des Feindes und den gegenwärtigen Zustand von allen Seiten genau erfassen und erst dann die Zukunft der Revolution bestimmen. Nur wer das Alte klar erkennt, das Neue sieht, die Vergangenheit begreift und die Zukunft erschließt — nur dann hat unsere Literatur Hoffnung auf Entwicklung. Das, glaube ich, können Schriftsteller unter den gegenwärtigen Umständen leisten, sofern sie sich Mühe geben.

Gegenwärtig, wie gesagt, leiden Literatur und Kunst unter einer selten dagewesenen Unterdrückung und Verfolgung, und ein Zustand allgemeiner Hungersnot ist eingetreten. Nicht nur die revolutionäre Literatur, sondern selbst Werke mit der leisesten Spur von Unzufriedenheit; nicht nur Werke, die die gegenwärtigen Zustände kritisieren, sondern selbst solche, die althergebrachte Missstände angreifen — alle sind der Verfolgung ausgesetzt. Diese Lage zeigt deutlich, dass die Revolution der herrschenden Klasse bislang nichts anderes war als ein Kampf um einen alten Stuhl. Solange man ihn umstößt, scheint der Stuhl verabscheuungswürdig; hat man ihn aber ergriffen, wird er zum Schatz — und zugleich erkennt man, dass man mit dem „Alten" eins ist. Vor mehr als zwanzig Jahren hieß es allgemein, Zhu Yuanzhang (朱元璋, der Gründer der Ming-Dynastie) sei ein nationaler Revolutionär gewesen; in Wahrheit war er nichts dergleichen: Nach seiner Thronbesteigung nannte er die Mongolendynastie „das Große Yuan" und tötete die Han-Chinesen noch grausamer als die Mongolen. Ein Knecht, der zum Herrn wird, schafft niemals die Anrede „Herr" ab; sein Getue ist vermutlich noch übertriebener und lächerlicher als das seines früheren Herrn. Genau so wie die Shanghaier Arbeiter, die ein paar Groschen zusammengekratzt und eine kleine Fabrik eröffnet haben und ihre Arbeiter mit äußerster Grausamkeit behandeln.

In einer alten Sammlung anekdotischer Erzählungen — den Titel habe ich vergessen — gibt es eine Geschichte von einem Offizier der Ming-Dynastie, der einen Geschichtenerzähler aufforderte, ihm eine Geschichte zu erzählen. Der erzählte ihm von Tan Daoji (檀道濟) — einem General der Jin-Dynastie. Als die Geschichte zu Ende war, befahl der Offizier, den Erzähler zu verprügeln. Auf die Frage warum antwortete er: „Wenn er mir die Geschichte von Tan Daoji erzählt, dann erzählt er Tan Daoji gewiss auch von mir." Die heutigen Machthaber sind ebenso neurasthenisch wie dieser Offizier — sie fürchten alles —, und so haben sie im Verlagswesen Rowdys eingesetzt, die noch fortschrittlicher sind als zuvor, Leute, die man in der Form nicht als Rowdys erkennt, die aber noch rücksichtslosere Rowdy-Methoden anwenden: Reklame, Verleumdung, Einschüchterung; es gibt sogar einige Literaten, die sich Rowdys als Beschützer genommen haben, um Sicherheit und Profit zu erlangen. Daher müssen revolutionäre Literaten nicht nur auf den Feind vor ihnen achten, sondern auch vor den wankelmütigen Spionen in den eigenen Reihen auf der Hut sein — verglichen mit einem schlichten literarischen Kampf ist dies weitaus anstrengender, und das wirkt sich unweigerlich auch auf die Literatur aus.

Obwohl Shanghai heute noch einen großen Haufen sogenannter Literaturzeitschriften herausbringt, sind diese in Wirklichkeit inhaltsleer. Was die kommerziellen Buchhandlungen veröffentlichen, besteht — aus Angst vor Ärger — aus möglichst harmlosen Artikeln, etwa: „Der Befehl mag gewiss nicht nicht revolutioniert, doch auch nicht allzu sehr revolutioniert werden" — mit der Besonderheit, dass man von Anfang bis Ende liest und am Schluss genauso klug ist wie zuvor. Was die offiziellen Zeitschriften betrifft oder jene, die dem Beamtenapparat schmeicheln: deren Autoren sind ein zusammengewürfelter Haufen, deren einziges gemeinsames Ziel darin besteht, ein paar Pfennige Honorar einzustreichen — „Die Literatur des viktorianischen Zeitalters in England", „Über Sinclair Lewis' Nobelpreisgewinn" — sie glauben selbst nicht an die veröffentlichten Meinungen und schätzen selbst nicht die verfassten Artikel. Daher sage ich: Die Literaturzeitschriften, die Shanghai heute herausgibt, sind allesamt inhaltsleer; die revolutionäre Literatur ist unterdrückt, und die Literaturzeitschriften der Unterdrücker enthalten ebenfalls keine sehenswerte Literatur. Doch hat die herrschende Klasse wirklich keine Literatur? Doch, die hat sie — nur nicht von dieser Art: Es sind ihre Telegramme, ihre Proklamationen, ihre Nachrichten, ihre „nationalistische" Literatur und die Urteilssprüche ihrer Richter. Vor einigen Tagen zum Beispiel berichtete die Shenbao über den Fall einer Frau, die ihren Ehemann verklagte, weil er sie zur Sodomie gezwungen und sie geschlagen hatte, bis ihre Haut blaue Flecken aufwies. Das Urteil des Richters lautete, es gebe keine ausdrückliche gesetzliche Bestimmung, die es einem Ehemann verbiete, seine Frau zu sodomisieren, und blau geschlagene Haut stelle keine Beeinträchtigung der physiologischen Funktion dar, weshalb die Klage nicht aufrechterhalten werden könne. Nun ist es der Ehemann, der seine Frau wegen „falscher Anschuldigung" verklagt. Vom Recht verstehe ich nichts, doch von der Physiologie habe ich ein wenig gelernt, und ich weiß: Wenn die Haut blau geschlagen wird, mögen die physiologischen Funktionen von Lunge, Leber oder Darm nicht beeinträchtigt sein, wohl aber ist die physiologische Funktion der Haut an der betroffenen Stelle beeinträchtigt. Im heutigen China begegnet man solchen Dingen ständig, und sie gelten als nichts Besonderes, doch ich meine, dass dies allein uns bereits ein sehr klares Bild eines Aspekts der Gesellschaft vermittelt — besser als ein durchschnittlicher Roman oder ein langes Gedicht.

Abgesehen von dem Besprochenen wäre auch die sogenannte nationalistische Literatur und die seit langem ihr Unwesen treibende Wuxia-Literatur einer eingehenden Analyse wert. Doch die Zeit reicht nicht mehr, und dies muss auf eine spätere Gelegenheit warten. Für heute wollen wir es hierbei bewenden lassen.

Anhang: Text der Erstveröffentlichung

Die Literatur der Vergangenheit Shanghais begann in der Shenbao-Zeit, und diejenigen, die dafür schrieben, waren sämtlich Talente. Die Gebildeten jener Zeit konnten grob in zwei Typen eingeteilt werden: den Ehrenmann und das Talent. Der Ehrenmann las nur die Vier Bücher und Fünf Klassiker sowie den achtgliedrigen Aufsatz, während das Talent darüber hinaus auch den „Traum der Roten Kammer" las. Das heißt: Das Talent las den „Traum der Roten Kammer" ganz offen, ob der Ehrenmann ihn tatsächlich heimlich las, weiß man nicht. Seit es Shanghai gab, kamen die Talente alle nach Shanghai, denn das Talent ist weitherzig und passt sich überall an; der Ehrenmann hingegen fand Ausländisches etwas „lästig". Sobald das Talent in Shanghais Konzessionsgebiet kam, begegnete es der Kurtisane. Zehn oder zwanzig junge Kurtisanen an einem Ort versammelt, das sah doch recht nach dem „Traum der Roten Kammer" aus. Der Freier verglich sich mit Jia Baoyu; er war das Talent, also waren die Kurtisanen die Schönen, und so entstanden die Schöne-und-Talent-Romane. Der Inhalt war zumeist: Nur das Talent schätzte diese verachteten Schönen; nach tausend Hindernissen und zehntausend Widrigkeiten wurde es schließlich ein schönes Ende — und dergleichen Schriften blühten mehrere Jahre.

Später entdeckte man in der Praxis, dass die Schönen nur aufs Geld aus waren, und da es nicht recht war, dass die Schönen das Geld des Talents wollten, ersann das Talent Methoden, die Kurtisanen zu bändigen — nicht nur keinen Reinfall zu erleiden, sondern sie auch noch zu unterwerfen. Bücher, die diese verschiedenen Kniffe beschrieben, erschienen dann. Darin waren Helden, die am Ende siegten; die Zusammensetzung des Helden war Talent plus Rowdy. Solche Bücher blühten ebenfalls mehrere Jahre. Gleichzeitig erschien ein Bildbericht, gezeichnet von Wu Youru, in dem zumeist Kupplerinnen dargestellt wurden, die Dirnen schlagen, und Rowdys beim Erpressen. Dieser Bildbericht hatte großen Einfluss, zirkulierte in allen Provinzen, und sein Erbe wirkt bis heute nach: Man sieht oft in Schulbuchabbildungen, dass die gezeichneten Kinder alle schielen, Gesichter voller Querfalten haben und eine Rowdy-Ausstrahlung besitzen. In unserer Zeit ist der neue Rowdy-Zeichner Herr Ye Lingfeng; Ye Lingfengs Zeichnungen stammen vom englischen Beardsley, dessen Kunst zur Richtung „Kunst um der Kunst willen" gehört und vom japanischen Ukiyo-e herrührt; Ukiyo-e stellte zumeist Kurtisanen und Schauspieler aus dem Volk dar — üppige Körper, schielende Augen — sogenannte erotische Augen. Beardsleys Gestalten sind jedoch mager, weil er Dekadent war; Dekadente sind alle hager und niedergeschlagen, kommen mit üppigen Frauen nicht zurecht und mögen sie daher nicht. Was Ye Lingfeng angeht: er zeichnete nicht nur Rowdys; eine Zeitlang zeichnete er auch das Proletariat — seine Arbeiter hatten ebenfalls schräge Augen und reckten besonders große Fäuste. Doch ich bin der Meinung, proletarische Kunst sollte realistisch sein: Arbeiter in ihrer wirklichen Gestalt, ohne die Fäuste größer als die Köpfe machen zu müssen.

Das chinesische Kino von heute steht noch immer unter dem Einfluss dieses Rowdy-Stils; die Helden in Filmen sind alle aalglatt, genau wie die gerissenen Burschen, die zu lange in Shanghai gelebt haben und wissen, wie man „erpresst". Es scheint die Leute glauben machen zu sollen, dass alle guten Menschen Rowdys sein müssen. Die Talent-plus-Rowdy-Romane gingen allmählich zurück; der Grund war, dass Leute im Landesinneren sie nicht verstanden: „nai" für „du", „a-shi" für „ob?" und dergleichen. Was das Genre Talent plus Schöne betrifft, gab es ein bemerkenswertes Buch: „Die Geschichte der Joan", aus dem Ausland eingeführt. Tatsächlich war von „Joan" nur die Hälfte übersetzt worden, unter dem Vorwand, es sei das Ganze. Das Buch wurde später von Lin Qinnan aufgegriffen, der es vollständig übersetzte, und gleichzeitig vom früheren Übersetzer wütend beschimpft, der meinte, er hätte nicht alles übersetzen und dadurch den Wert des Originals mindern sollen. Erst da erfuhr man, dass nur die Hälfte übersetzt worden war, weil Joan in der zweiten Hälfte wieder heiratete. Dies zeigt auch die Eheverhältnisse im damaligen China. Diese Art von Mandarinenenten-und-Schmetterlings-Roman erhielt erst mit dem Erscheinen der „Neuen Jugend" einen Schlag, zusammen mit dem Auftreten von Hu Shizhis „Die wichtigste Angelegenheit des Lebens" in einer anderen Form.

Danach kam das Erscheinen der Schöpfungsbund-Schule der neuen Talente. Die Schöpfungs-Schule war eine des Genies: Kunst um der Kunst willen, in Opposition zur Gesellschaft für Literaturforschung in Shanghai. Die Gesellschaft für Literaturforschung vertrat die Kunst fürs Leben und sprach zumeist von der Seite der Unterdrückten. Sie wurde gleichzeitig von drei Seiten angegriffen: eine Seite war der Schöpfungsbund — der Schöpfungsbund war die Kunst des Genies, also war die lebensnahe Gesellschaft für Literaturforschung zwangsläufig etwas „gewöhnlich". Eine andere Seite war die Gentleman-Schule der Amerika-Rückkehrer: In der Vorstellung des Gentleman sollte Kunst nichts mit den unteren Schichten zu tun haben — Kunst war nur für Herren und Damen zu verstehen, zum Beispiel „Yes" und „No" zu sagen, das war die Würde des Gentleman. Die dritte Seite war die bereits erwähnte Mandarinenenten-und-Schmetterlings-Schule; was die „Roman-Welt" der Mandarinenenten-und-Schmetterlings-Schule angeht, sie wurde erst letztes Jahr eingestellt.

Vor zwei Jahren kam die Revolutionsliteratur auf; sie kam auf, weil die Massen und die Jugend naturgemäß ein solches Verlangen hatten. Als die Expedition von Guangdong aufbrach, stürzten sich die jungen Leute alle in die praktische Arbeit; damals gab es noch keine revolutionäre Literaturbewegung. Erst nachdem sich das politische Umfeld änderte und die Revolution gescheitert war, wurde Revolutionsliteratur in Shanghai nachdrücklich eingefordert. Doch die damalige revolutionäre Literaturbewegung hatte, meiner Meinung nach, in Methode und Theorie einige Fehler. Erstens wandten sie Bewegungsmethoden an, die nur unter einer Sowjetregierung anwendbar gewesen wären, und die unter den Bedingungen Chinas in jeder Hinsicht unangemessen waren. Zweitens ließen sie die Allgemeinheit die Revolution als etwas Furchteinflößendes begreifen — eine extrem linke, grimmige Fratze. Als ob mit dem Kommen der Revolution alle Nicht-Revolutionäre sterben müssten, so dass die Menschen die Revolution nur mit Entsetzen betrachten konnten. In Wirklichkeit lehrt die Revolution die Menschen nicht zu sterben, sondern zu leben. Diese Haltung, die Menschen absichtlich „die Schärfe der Revolution spüren zu lassen", war ebenfalls vom Gift des „Talent plus Rowdy" infiziert.

Ob nach alter oder neuer Logik: Wer keine feste Theorie hat, aber Theorien als Waffen benutzt, kann Rowdy genannt werden. Als Vergleich: Ein Shanghaier Rowdy sieht einen Bauern und eine Bäuerin auf der Straße gehen und sagt: „He! So wie ihr euch aufführt — das verstößt gegen die Sittlichkeit! Ihr habt euch strafbar gemacht!" Und das Ergebnis ist, dass er ihnen etwas Geld abknöpft und die Sache erledigt ist. Zudem leiden Bewohner von Kolonien häufig unter ähnlicher Unterdrückung und Demütigung. In China waren die revolutionären Literaten des letzten Jahres etwas anders als die des vorletzten. Vorvoriges Jahr waren sie Lenin; letztes Jahr wollten sie nur noch Kunst. Ihre beiden Füße standen auf zwei Booten: eines war Revolution, eines Kunst. Wenn die Revolution aufkam, traten sie fest auf das Revolutionsboot; sobald die Revolution unterdrückt wurde, liefen sie zum Kunstboot. Das erklärt gleichermaßen, warum der gründlichste revolutionäre Literat, Herr Ye Lingfeng, nun auf unerklärliche Weise ein nationalistischer Literat geworden ist. Was den Grund betrifft, warum ich immer auf Ye Lingfeng herumreite — es ist, weil ich mit ihm eine kleine persönliche Fehde habe: Zuvor war Ye Lingfeng so gründlich revolutionär gewesen, dass er bei jedem Toilettengang mein „Kampfgeschrei" zum Wischen benutzte. Ein ähnliches Beispiel ist Herr Xiang Peiliang. Xiang Peiliang war früher mein Student, und jetzt muss ich ihn „Student" nennen. Auf dem Höhepunkt der revolutionären Entschlossenheit hatte er einmal gesagt, junge Leute sollten nicht nur schreien, sondern auch beißen. Jemand kritisierte, das sei doch recht wolfsartig. Und auch ich halte die Kritik für durchaus passend. Nur: Der Wolf ist der Ahne des Hundes; wird der Wolf gezähmt, wird er zum Hund. Xiang Peiliang propagiert jetzt eine menschliche Kunst; er lehnt die Existenz einer Klassenkunst ab. Aber seiner Aussage nach ist die Menschheit auch in Gute und Böse geteilt. Und ebenso teilt der Hund die Menschen in zwei Sorten: Der Herr, der ihn füttert, ist natürlich ein Guter; andere Arme und Bettler sind in seinen Augen die Bösen. Solche purzelbaum-schlagenden Kleinbürger verzerren leicht die Revolution, wenn sie darüber schreiben; verzerrt schadet es der Revolution, so dass ihr Abfall nicht im Geringsten zu bedauern ist.

Kleinbürgerliche Revolutionäre berufen sich gern auf die Theorie der plötzlichen Mutation. Was die plötzliche Mutation angeht: Wie wir wahrscheinlich alle schon wissen, bedeutet sie, dass A sich in B verwandeln will, alle Bedingungen bis auf eine erfüllt sind, und sobald diese eine Bedingung eintritt, wird A zu B. Als Vergleich: Damit Wasser gefriert, braucht es eine Temperatur von so und so vielen Grad unter Null, und zugleich eine Luftschwingung. Wenn die Luft nicht schwingt, gefriert das Wasser selbst bei so und so vielen Grad unter Null nicht. Daher werden kleinbürgerliche Revolutionäre, die eines schönen Abends behaupten, sich plötzlich gewandelt zu haben, bald wieder plötzlich zurückmutieren.

Die Literatur der herrschenden Klasse lässt sich freilich nicht schreiben. Aber gute proletarische Literatur zu schreiben ist ebenfalls nicht unbedingt möglich; das liegt daran, dass es für Gebildete sehr schwer ist, die Wirklichkeit der Revolution zu beschreiben. In Europa scheint es eine solche Frage zu geben: Muss ein Literat, der über Diebstahl schreiben will, selbst gestohlen haben? Ich meine: Selbst stehlen mag nicht nötig sein, aber der Autor muss in einer Gesellschaft mit vielen Diebstählen leben, ständig davon hören, es sehen und die ihn umgebende Umwelt beachten. Ein revolutionärer Literat muss in einer Gesellschaft aufgewachsen sein, die sich in der Revolution befindet. Und das revoltierende Kleinbürgertum hegt gegenüber der am besten verstandenen untergehenden Klasse großen Hass, und das Messer, das es in sie stößt, ist am tödlichsten und kraftvollsten. Den Angriff auf die alte Gesellschaft als Vorstoß zu werten ist dasselbe; man braucht sich nicht um des Ruhmes willen als proletarischer Schriftsteller zu bezeichnen. Erkennt man die Mängel der alten Gesellschaft nicht klar und durchschaut ihre Krankheiten nicht, so schadet das der Revolution gleichermaßen — und die heutigen chinesischen revolutionären Autoren kennen im Allgemeinen die Innereien des Feindes nicht gut. Zum Beispiel wurde in der früheren „Lenin-Jugend" die chinesische Literaturwelt in drei Schulen eingeteilt: erstens der Schöpfungsbund als revolutionär; zweitens die Neumond-Schule als konterrevolutionär; drittens die Yusi-Schule als das nichtrevolutionäre Kleinbürgertum. In der Darstellung wurde der revolutionäre Schöpfungsbund besonders ausführlich besprochen, die Yusi-Schule vergleichsweise kürzer und die reaktionäre Neumond-Schule außergewöhnlich knapp. Doch ich glaube, zum Verständnis von Revolution und Feind sollten wir den Feind eingehender sezieren. Gleichermaßen muss man, um über Revolution zu schreiben, die Zusammenhänge der Revolution kennen, die Geschichte der Vergangenheit und die gegenwärtige Lage von allen Seiten genau erfassen und dann die Zukunft der Revolution projizieren. Die Zukunft zu projizieren ist keine Prophezeiung, denn Prophezeiung ist bloße Phantasie. Nur wer das Alte kennt, das Neue sieht, die Vergangenheit begreift und die Zukunft erschließt, nur dann hat unsere Entwicklung Hoffnung.

Gegenwärtig leiden Literatur und Kunst unter Unterdrückung und Verfolgung, und es herrscht weithin Hunger. Obwohl große Haufen Zeitschriften erscheinen, ist die Lektüre gleich dem Nichtlesen, weil der Inhalt hohl ist. Doch selbst Hohles müssen wir lesen; wir müssen die Ursachen und die Wirklichkeit dieser Hohlheit erkennen. Revolution lässt sich vergleichen mit jemandem, der auf einen leeren Stuhl schlägt; sobald jemand auf dem Stuhl sitzt, argwöhnt er, man schlage auf ihn. Ich erinnere mich an eine Anekdote: In der Ming-Dynastie erzählte ein Blinder einem Offizier die Geschichte des Jin-Generals Tan Daoji; der Offizier wollte ihn plötzlich schlagen und sagte, der Blinde habe ihn beschimpft. Heute sind die Machthaber ebenso überempfindlich. Daher haben sie auch im Verlagswesen Rowdys eingesetzt, fortschrittlicher als zuvor — Leute, die man in der Form nicht als Rowdys erkennt, die aber noch rücksichtslosere Rowdy-Methoden anwenden: Reklame, Einschüchterung, oder sogar Literaten, die sich Rowdys als Paten genommen haben. Daher muss der neue Literat noch aufmerksamer auf den Feind vor ihm und auf Verrat in den eigenen Reihen achten. Im Kampf ist es recht mühsam, allein die Theorie als Waffe einzusetzen; wir müssen die Wirklichkeit der Herrscher genauer kennen. Die gegenwärtige Lage in Shanghai — die seltsamen Proklamationen, Nachrichten und Richtersprüche in der Shenbao — das alles ist die Literatur der Herrscher. Zum Beispiel eine kürzliche Meldung in der Shenbao: Die Frau eines Anwalts verklagte ihren Mann, weil er sie geschlagen hatte, und das Urteil besagte, ein blauer Fleck sei keine Verletzung, da er die physiologische Funktion nicht beeinträchtige — es sei nur eine Frage der Moral. Physiologisch wissen wir, dass ein blauer Fleck bereits zeigt, dass die Muskeln geschädigt wurden. Daraus erkennen wir das Recht und die Moral der Herrscher, und Texte dieser Art sind nicht nur zur Unterhaltung gut, sondern auch für unser schöpferisches Werk nützlich. Für heute wollen wir hier aufhören.

Die modernen jungen Herren Shanghais müssen, wenn sie einem modernen Fräulein den Hof machen wollen, zunächst den ersten Schritt tun: ihr unablässig folgen — der Fachausdruck lautet „ding shao" (Beschattung). „Ding" heißt festsitzen wie ein Nagel und nicht loszureißen sein; „shao" bedeutet das Ende, das Hintere. In klassisches Chinesisch übertragen ließe es sich etwa als „heimlich auf den Fersen folgen" wiedergeben. Laut Experten der Beschattungskunst besteht der zweite Schritt darin, „ein Gespräch anzufangen"; selbst wenn sie schimpft, ist das bereits vielversprechend, denn sobald sie schimpft, kommt ein Wortwechsel zustande, und das ist somit auch schon der Beginn des „Gesprächs-Anknüpfens". Ich hatte stets geglaubt, dies sei eine Erscheinung, die es nur in den heutigen Vergnügungsvierteln der Fremdenniederlassungen gebe, doch bei der Lektüre der „Sammlung aus den Blumen" (Huajianji) entdeckte ich, dass es dergleichen bereits in der Tang-Dynastie gab. Dort findet man zehn Gedichte von Zhang Mi (張泌) zur Melodie „Waschen im Bach" (Huan Xi Sha), deren neuntes lautet:

Am Abend folg ich der duftenden Kutsche in die Kaiserstadt, Der Ostwind hebt den bestickten Vorhang sacht empor, Langsam wendet sie die koketten Augen, ein Lächeln strahlend voll.

Noch keine Nachricht übermittelt — welche List wäre möglich? Es bleibt nichts, als Trunkenheit vorzutäuschen und mitzugehen, Undeutlich scheint man zu hören: „Was für ein dreister Bursche!"

Dies stimmt offensichtlich mit der modernen Methode der Beschattung überein. Wollte man es in ein Gedicht in Umgangssprache übersetzen, klänge es etwa so:

Nachts jagt die Rikscha die Straße entlang, Der Ostwind bläst die Seidenbluse auf — Hervor kommt ein feistes Bein, die Augen werfen verliebte Blicke, ein taumelndes Lächeln.

Ein Gespräch anzufangen gibt's keine Methode — was tun? Es bleibt nur, ölglatt schwatzend weiter zu beschatten, Man glaubt zu hören, wie sie schimpft: „Du Halunke, scher dich zum Teufel!"

Ich vermute aber, dass sich in alten Büchern noch frühere Beispiele finden lassen, und ich hoffe sehr, dass gelehrte Kenner mich belehren, denn dies wäre für jeden, der die „Geschichte der Beschattung" erforscht, von größtem Nutzen.

Nach dem allgemeinen Bild zu urteilen (wir können hier keine verlässlichen Statistiken erhalten), hat die Leserschaft der unter dem Etikett „revolutionär" firmierenden belletristischen Werke seit letztem Jahr abgenommen, und der Trend im Verlagswesen hat sich bereits den Sozialwissenschaften zugewandt. Das kann man nur als gutes Zeichen bezeichnen. Anfangs ließen sich junge Leser, betört von den Beschwörungsformeln der Reklame-Kritik, zu dem Glauben verleiten, die Lektüre „revolutionärer" Schöpfungen werde ihnen einen Ausweg zeigen — sie selbst und die Gesellschaft könnten gerettet werden. So griffen sie wahllos zu und schluckten alles in großen Brocken hinunter, nur um festzustellen, dass vieles davon gar keine Nahrung war, sondern saurer Wein in neuen Schläuchen, verfaultes Fleisch in rotem Papier — das Ergebnis war ein Jucken in der Brust, als müsse man sich übergeben.

Nach dieser bitteren Lehre sich stattdessen der grundlegenden, soliden Sozialwissenschaft als Heilmittel zuzuwenden, ist natürlich ein richtiger Fortschritt.

Jedoch, großenteils weil der Markt es verlangt, sind nun Übersetzungen und Werke zur Sozialwissenschaft wie Bienen und Wolken hervorgebrochen, und halbwegs Brauchbares liegt auf den Bücherständen durcheinander mit völlig Unbrauchbarem; Leser, die gerade erst beginnen, nach zuverlässigem Wissen zu suchen, sind bereits ratlos. Doch die neuen Kritiker schweigen, während sich jene, die sich als Kritiker ausgeben, die Gelegenheit zunutze machen, alles mit einem Strich abzutun: „Hinz und Kunz."

An diesem Punkt brauchen wir nach wie vor nichts anderes als ein paar solide, klarsichtige Kritiker, die die Sozialwissenschaften und ihre literarische Theorie wirklich verstehen.

Kritiker gibt es in China bereits seit geraumer Zeit. In jeder literarischen Gruppierung findet sich in der Regel ein vollständiges Ensemble literarischer Figuren. Mindestens: ein Dichter, ein Romanautor und ein Kritiker, der pflichtbewusst den Ruhm und die Verdienste der eigenen Gruppe propagiert. All diese Gruppen bekennen sich zur Reform und behaupten, gegen die alte Festung in der Offensive zu sein; doch bevor sie auch nur auf halbem Wege sind, beginnen sie sich direkt unter den Mauern der alten Festung gegenseitig zu balgen, so lange, bis alle erschöpft sind, und dann erst lassen sie los — denn da es nur ein „Gebalge" war, gibt es keine schweren Wunden, nur Keuchen. Und während sie keuchen, hält sich jede Seite für den Sieger und stimmt Siegeslieder an. Die alte Festung braucht gar keine Garnison; die darin brauchen nur die Arme zu verschränken, hinunterzuschauen und die Komödie zu betrachten, die diese neuen Feinde unter sich aufführen. Die Festung schweigt, aber sie hat gesiegt.

In diesen zwei Jahren gab es zwar keine herausragend brillanten Schöpfungen, doch soweit ich es gesehen habe, sind unter den als Buch erschienenen Werken Li Shouzhangs (李守章) „Menschen auf dem Marsch", Tai Jingnongs (臺靜農) „Sohn der Erde", die erste Hälfte von Ye Yongqins (葉永秦) „Ein kleines Jahrzehnt", Rou Shis (柔石) „Februar" und „Der Tod der alten Zeit", Wei Jinzhis (魏金枝) „Autobiographie in sieben Briefen" und Liu Yimengs (劉一夢) „Nach dem Verlust der Arbeit" immerhin hervorragende Werke. Bedauerlicherweise stimmt unser berühmter Kritiker Herr Liang Shiqiu (梁實秋) noch immer mit Herrn Chen Xiying (陳西瀅) überein — darüber können wir hier hinweggehen; Herr Cheng Fangwu (成仿吾) hat, nachdem er wehmütig des vergangenen Ruhms der Schöpfungsbund-Gesellschaft gedacht hatte, sich flugs in „Shi Housheng" verwandelt und ist dann wie eine Sternschnuppe verschwunden; und Herr Qian Xingcun (錢杏邨) ringt neuerdings nur noch auf den Seiten des „Pioniers" mit Mao Dun (茅盾), Abschnitt für Abschnitt mit Kurahara Korehito durchsetzt. Auf solch einem geschäftigen oder öden Schlachtfeld werden die Werke aller Autoren außerhalb dieser literarischen Cliquen entweder „abgefertigt" oder totgeschwiegen.

Diese Hinwendung des Lesepublikums zu den Sozialwissenschaften ist eine gute und richtige Wende; sie ist nicht nur in anderer Hinsicht nützlich, sondern kann auch die Literatur auf den richtigen, fortschrittlichen Weg treiben. Doch inmitten des Chaos an Publikationen und des kalten Spottes der Zuschauer kann sie allzu leicht verwelken, und deshalb brauchen wir zuallererst noch immer — ein paar solide, klarsichtige Kritiker, die die Sozialwissenschaften und ihre literarische Theorie wirklich verstehen.

Menschen, deren Körper und Geist bereits verhärtet sind, werden selbst die geringfügigste Reform behindern; nach außen hin scheinen sie Unannehmlichkeiten für sich selbst zu befürchten, in Wirklichkeit fürchten sie um ihre Vorteile. Doch die Vorwände, die sie vorbringen, wirken stets äußerst gerecht und würdevoll. Das diesjährige Verbot des Mondkalenders ist freilich eine Kleinigkeit ohne große Bedeutung, doch die Kaufleute klagen natürlich Zeter und Mordio. Und das ist noch nicht alles: sogar die arbeitslosen Herumtreiber und Büroangestellten Shanghais seufzen häufig empört, die einen sagen, es sei furchtbar unpraktisch für die Bauern beim Pflügen, die anderen, es sei furchtbar unpraktisch für die Seeleute beim Abwarten der Gezeiten. Sie denken plötzlich an die Bauern auf dem Land und die Schiffer auf dem Meer, mit denen sie längst nichts mehr zu tun haben. Das sieht wahrhaftig aus wie etwas, das an Nächstenliebe grenzt.

Sobald der dreiundzwanzigste Tag des zwölften Mondmonats kommt, knallt überall das Feuerwerk. Ich fragte einen Ladenburschen: „Dieses Jahr darf man noch das alte Neujahrsfest feiern — heißt das, nächstes Jahr wird man bestimmt das neue Neujahrsfest feiern?" Die Antwort lautete: „Nächstes Jahr ist nächstes Jahr; das werden wir dann sehen." Er glaubte keineswegs, dass man nächstes Jahr gezwungen sein würde, Neujahr nach dem Sonnenkalender zu feiern. Auf dem Kalender aber sind die Monddaten tatsächlich gestrichen, nur die Sonnenwenden und Jahreszeiten sind geblieben. Doch gleichzeitig erscheint in den Zeitungen eine Anzeige für einen „120-jährigen Mond-Sonnen-Kalender". Vortrefflich — sie haben den Mondkalender für die Zeit der Urenkel und Ururenkel bereits zurechtgelegt: hundertzwanzig Jahre!

Obwohl Herr Liang Shiqiu (梁實秋) und seinesgleichen die Mehrheit sehr verachten, ist die Kraft der Mehrheit gewaltig und wesentlich. Wer Reformen anstrebt, aber die Herzen des Volkes nicht zutiefst versteht und keine Wege findet, es zu lenken, zu bessern und voranzubringen, dessen noch so erhabene Abhandlungen und großartige Theorien — ob romantisch oder klassisch — werden mit dem Volk nichts zu schaffen haben und lediglich darauf hinauslaufen, dass einige wenige in ihren Studierstuben einander bewundern und sich selbst beglückwünschen. Sollte je eine „Regierung der Guten" Reformerlasse herausgeben, so wird das Volk alles binnen kurzem wieder auf das alte Gleis zurückgezogen haben.

Wahre Revolutionäre haben ihre eigene besondere Einsicht. Nehmen wir Herrn Uljanow (烏略諾夫): Er fasste „Sitten" und „Gewohnheiten" in den Begriff der „Kultur" ein und war zudem der Auffassung, dass deren Reform äußerst schwierig sei. Ich glaube: Werden diese nicht reformiert, so kommt die Revolution einem Nichts gleich — wie ein Turm auf Sand gebaut, der im Nu zusammenstürzt. Chinas früheste anti-mandschurische Revolution fand so leicht Widerhall, weil ihr Schlachtruf „Wiederherstellen der alten Ordnung" lautete — also „Rückkehr zum Alten" —, was leicht die Zustimmung eines konservativen Volkes gewann. Doch als danach die nach dem historischen Muster einer Dynastiegründung vorgeschriebene Blütezeit ausblieb und man nur umsonst den Zopf verloren hatte, war die Unzufriedenheit groß.

Die späteren, fortschrittlicheren Reformen scheiterten eine nach der anderen — ein Lot Reform rief zehn Pfund Reaktion hervor. Wie im obigen Beispiel: ein Jahr ohne Monddaten im Kalender, dafür kommt ein Mond-Sonnen-Kalender für hundertzwanzig Jahre.

Ein solcher kombinierter Kalender wird gewiss viele Befürworter finden, denn er wird von Sitten und Gewohnheiten getragen und hat daher die Rückendeckung von Sitten und Gewohnheiten. So verhält es sich auch mit anderen Dingen: Dringt man nicht tief in die breite Masse des Volkes ein, erforscht und seziert seine Sitten und Gewohnheiten, unterscheidet Gutes von Schlechtem, legt Maßstäbe fest für das, was bewahrt und was abgeschafft werden soll, und wählt sorgfältig die Methoden der Durchführung für beides — so wird jede noch so gut gemeinte Reform vom Fels der Gewohnheit zermalmt oder treibt nur eine Zeitlang an der Oberfläche.

Dies ist nicht mehr die Zeit, in der Studierstube zu sitzen, Bücher in der Hand, und über Religion, Recht, Literatur, Kunst und dergleichen zu dozieren. Selbst wenn man diese Dinge erörtern will, muss man zunächst die Sitten und Gewohnheiten verstehen und zudem den Mut und die Beharrlichkeit aufbringen, ihren dunklen Seiten unerschrocken ins Auge zu blicken. Denn ohne klare Sicht ist Reform unmöglich. Lediglich die Helligkeit der Zukunft zu beschwören heißt, das eigene träge Selbst und das träge Publikum zu betrügen.

In Shanghai ist die Herstellung von Druckstöcken bequemer als anderswo, und die Qualität scheint auch etwas besser zu sein. Daher werden die Sonntagsbeilagen und Bildbeilagen der Tageszeitungen sowie die Soundso-Monatsbildzeitschriften der Buchhandlungen hier mit mehr Eifer produziert als irgendwo sonst. In diesen Bildzeitschriften muss es neben den Reihe um Reihe aufgenommenen Erinnerungsfotos von erlauchten Herren bei der Eröffnung oder Schließung dieser oder jener Konferenz stets auch „Damen“ geben.

Warum müssen die holden Antlitze dieser „Damen“ der Gesellschaft vorgestellt werden? Wir brauchen nur die Bildunterschriften zu lesen, um es zu verstehen. Zum Beispiel:

„Fräulein A, Schönheitskönigin der Mädchenschule B, liebt Musik.“

„Fräulein C, herausragende Studentin der Mädchenschule D, hält gerne Pekinesenhunde.“

„Fräulein E, ehemals an der Universität F immatrikuliert, fünfte Tochter des Herrn G.“

Dann betrachte man ihre Kleidung: Im Frühling ist es durchweg die neueste Mode, figurbetont mit engen Ärmeln; im Sommer sind Hosenbeine und Ärmel abgeschnitten, und sie sitzen am Strand — das nennt sich dann „Seebad“, und da das Wetter heiß ist, ist das durchaus angemessen; im Herbst wird es kühler, doch da fielen die japanischen Truppen ausgerechnet in die drei östlichen Provinzen ein, und prompt erschienen in den Bildzeitschriften Damen in weißen Schwesternuniformen oder in Militärtracht mit geschulterten Gewehren.

Das erfreut die Leser, denn es ist reich an Theatralik. China hat es schon immer geliebt, ein Schauspiel aufzuführen. Auf den Dorfbühnen hängt oft ein Spruchpaar: auf der einen Seite „Die Bühne ist eine kleine Welt“, auf der anderen „Die Welt ist eine große Bühne“. Was aufgeführt wird — nun, da es auf dem Land ist und man noch keine Stücke wie „Kaiser Qianlong bereist den Süden“ hat —, sind gewöhnlich „Prinzessin Shuangyang verfolgt Di“ oder „Xue Renguis Brautwerbung“, und die Kriegerinnen in diesen Stücken werden vom Publikum als „Generalinnen“ bezeichnet. Mit Fasanenfedern im Kopfschmuck und zwei Schwertern in den Händen (oder einem langen Speer mit Spitzen an beiden Enden) — kaum betritt sie die Bühne, schaut das Publikum mit noch größerer Begeisterung zu. Man weiß genau, dass es nur Theater ist, und doch schaut man mit noch größerer Begeisterung zu.

Soldaten, die viele Jahre lang ausgebildet wurden, verwandelten sich mit einem einzigen Trommelschlag plötzlich allesamt in Anhänger des Nicht-Widerstands. Und so begannen Literaten und Gelehrte aus fernen Gegenden, ausgiebig über legendäre klassische Erzählungen zu schwadronieren, über „Bettler, die den Feind erschlagen“, „Schlachter, die für die Gerechtigkeit sterben“ und „wunderbare Frauen, die das Vaterland retten“ — in der Hoffnung, dass mit einem einzigen Gongschlag eine unerwartete Figur auftauchen und „dem Land Ehre machen“ würde. Und gleichzeitig erschienen pflichtgemäß die Illustrationen zu diesen Legenden in den Bildzeitschriften. Immerhin hatten sie noch nicht den weißen Lichtstrahl eines Schwertunsterblichen bemüht, sodass man das Ganze noch als einigermaßen bodenständig betrachten konnte.

Aber man möge mich nicht missverstehen. Ich sage nicht, dass „Damen“ allesamt in ihren Stickkammern eingesperrt werden sollten. Ich sage lediglich, dass es reich an Theatralik ist, wenn tapfere Truppen die Waffen niederlegen und dafür junge Fräulein das Gewehr schultern — das ist alles.

Es gibt auch Tatsachen, die dies belegen. Erstens: Niemand hat je ein Foto einer Krankenschwesternabteilung der japanischen „Straftruppe gegen China“ gesehen. Zweitens: In der japanischen Armee gibt es keine Generalinnen. Und doch haben sie zweifellos gehandelt. Das liegt daran, dass die Japaner Handeln als Handeln und Theaterspielen als Theaterspielen betreiben und die beiden Dinge niemals vermischen.

Es sind eben jene gerade erwähnten Japaner, die, wenn sie Aufsätze über den Nationalcharakter der Chinesen verfassen, darin oft einen Punkt anführen, der „geschickt in Propaganda“ heißt. Sieht man sich jedoch ihre Erläuterung an, so scheint dieses Wort „Propaganda“ nicht die übliche „Propaganda“ zu meinen — es bedeutet vielmehr „Lügen gegenüber dem Ausland“.

An dieser Behauptung ist tatsächlich ein Körnchen Wahrheit. Zum Beispiel: Die Bildungsmittel sind längst aufgebraucht, dennoch muss man noch ein paar Schulen eröffnen, um den Schein zu wahren; neun Zehntel der Bevölkerung des Landes sind Analphabeten, und trotzdem muss man einige Doktoren einladen, die den Westlern Chinas geistige Kultur erklären; noch heute wird nach Belieben gefoltert, nach Belieben enthauptet, und dennoch unterhält man stets einige „Mustergefängnisse“ im westlichen Stil, die man den Ausländern vorführen kann. Darüber hinaus bestehen Generäle, die weit von der Front entfernt sind, darauf, großspurige Telegramme zu verschicken, in denen sie erklären, sie wollten „als Vorhut für das Vaterland kämpfen“. Und junge Herrensöhnchen, die nicht einmal am Turnunterricht teilnehmen wollen, bestehen darauf, Militäruniformen anzuziehen und zu verkünden, sie würden „den Feind noch vor dem Frühstück vernichten“.

Allerdings steht hinter all dem immerhin noch ein Schatten von Substanz: Es gibt noch immer ein paar Schulen, ein paar Doktortitel, ein paar Mustergefängnisse, ein paar Telegramme, ein paar Garnituren Militäruniformen. Es also „Lügen“ zu nennen, wäre nicht ganz zutreffend. Ich würde es vielmehr „Theaterspielen“ nennen.

Doch dieses allumfassende Theaterspielen ist tatsächlich schlimmer als echtes Theater. Echtes Theater dauert nur einen Augenblick; wenn die Schauspieler das Stück beendet haben, kehren sie in ihren normalen Zustand zurück. Yang Xiaolou (杨小楼) spielt „Mit einem einzigen Schwert zum Bankett“ und Mei Lanfang (梅兰芳) spielt „Daiyu begräbt die Blumen“ — sie sind nur auf der Bühne Guan Yunchang und Lin Daiyu, und sobald sie herabsteigen, werden sie wieder gewöhnliche Menschen. Darin liegt kein großer Schaden. Wenn sie aber nach einer einzigen Aufführung für immer die Grüne-Drachen-Halbmondsichel-Klinge oder die Hacke mit sich herumtrügen, sich als Herr Guan oder Schwester Lin ausgäben und unaufhörlich mit verstellter Stimme vor sich hin sängen — dann müsste man wirklich zu dem Schluss kommen, sie seien im Fieberwahn.

Unglücklicherweise finden diejenigen, die auf der „Welt als großer Bühne“ ein allumfassendes Schauspiel aufführen können, selten Gelegenheit, von der Bühne abzutreten. Als zum Beispiel Fräulein Yang Manhua (杨缦华) mit ihren eigenen natürlichen, ungebundenen Füßen die Vorstellung der belgischen Frauen zertrat, „chinesische Frauen binden sich die Füße“ — um das Gesicht zu wahren, eine List anzuwenden, um sich aus der Affäre zu ziehen —, das ist noch durchaus verzeihlich. Aber meiner Meinung nach hätte es damit sein Bewenden haben sollen. Nun ist sie in ihre Wohnung zurückkehrt, hat das Ganze zu einem Aufsatz verarbeitet, was dem Betreten der Hinterbühne gleichkommt, ohne die Grüne-Drachen-Halbmondsichel-Klinge ablegen zu wollen. Und dann hat sie diesen Aufsatz auch noch an Chinas Shenbao zur Veröffentlichung geschickt — das ist geradezu, als trüge sie die Grüne-Drachen-Halbmondsichel-Klinge singend den ganzen Weg nach Hause! Hat die Autorin wirklich vergessen, dass chinesische Frauen sich einst die Füße gebunden haben und dass es sogar heute noch welche gibt, die es gerade tun? Oder glaubt sie, dass alle Chinesen sich bereits selbst hypnotisiert haben und meinen, sämtliche Frauen des Landes trügen Lederschuhe mit hohen Absätzen?

Dies ist nur ein Beispiel; ähnliche gibt es noch in Hülle und Fülle. Aber ich fürchte, es wird nicht mehr lange dauern, bis auch der Tag anbricht.

Heutzutage gibt es Leute, die sich für überaus einsichtig halten und verkünden: „Kunst für die Menschheit.“ Doch eine solche Kunst gibt es in unserer heutigen Gesellschaft schlichtweg nicht. Man sehe nur hin: Selbst jene, die von „Kunst für die Menschheit“ reden, haben die Menschheit bereits in Richtige und Falsche oder Gute und Schlechte eingeteilt und sind dazu übergegangen, die vermeintlich Falschen oder Schlechten anzubellen.

Daher wird die Kunst in der heutigen Zeit unweigerlich einerseits auf Verachtung, Gleichgültigkeit und Verfolgung stoßen und andererseits Sympathie, Unterstützung und Zuspruch erfahren.

Auch die Yiba-Kunstgesellschaft wird diesem Muster nicht entgehen. Denn innerhalb dieser alten Gesellschaft ist sie neu, jung und fortschrittlich.

In China hat es in letzter Zeit eigentlich gar keine Künstler gegeben. Diejenigen, die sich „Künstler“ nennen, verdanken ihren Ruhm weniger ihrer Kunst als vielmehr ihrem Lebenslauf und den Titeln ihrer Werke — die sie absichtlich verführerisch, ätherisch, bizarr oder erhaben-tiefgründig klingen lassen. Halb Täuschung, halb Einschüchterung — so erwecken sie den Eindruck, als sei hier etwas ganz Außergewöhnliches. Doch die Zeit schreitet unaufhörlich voran. Nun stehen Werke neuer, junger, namenloser Künstler vor uns, und mit klarem Bewusstsein und beharrlicher Anstrengung zeigen sich im Dickicht des Wildwuchses kräftige neue Triebe, die zusehends stärker werden.

Natürlich sind diese Triebe noch sehr klein. Aber gerade weil sie klein sind, liegt unsere Hoffnung auf dieser Seite.

Meine Worte richten sich ebenfalls nur an diese Seite — wie vorstehend.

22. Mai 1931.

Am einunddreißigsten August dieses Jahres stieß ich in der Kolumne „Freies Gespräch“ der Shenbao erneut auf eine Folge der „Gemischten Eindrücke von Fräulein Yang Manhuas Europareise“, unterzeichnet mit „Jiping“. Ein Abschnitt darin erschien mir höchst amüsant, und ich gebe ihn hier wörtlich wieder: „… Eines Tages fuhren wir in ein Dorf in Belgien. Viele Frauen drängten sich herbei, um meine Füße zu betrachten. Ich hob meinen Fuß und zeigte ihn ihnen. Erst dann waren ihre neugierigen Zweifel beschwichtigt. Eine Frau sagte: ‚Wir haben auch noch nie Chinesen gesehen.

Aber seit wir klein waren, haben wir gehört, dass die Chinesen Schwänze haben (nämlich den Zopf), dass sie alle Nebenfrauen nehmen und dass die Frauen alle kleine Füße haben und beim Gehen hin und her wackeln. Jetzt verstehen wir, dass das nicht stimmt. Bitte verzeihen Sie uns unsere falschen Vorstellungen.‘ Da war auch eine Person, die sich für eine Kennerin ostasiatischer Verhältnisse hielt. Mit spöttischer Miene sagte sie: ‚Chinas Kriegsherren sind so tyrannisch. Überall gibt es Soldaten und Banditen. Das Volk lebt ein Leben wie in der Hölle.‘ Sie brachte einen ganzen Haufen solcher halbwahrer Behauptungen vor. Ich sagte: ‚Solche Gerüchte entbehren jeder Grundlage.‘ Ein Herr, der mit uns reiste, erwiderte ebenfalls recht witzig: ‚Wie könntet ihr auch nur wissen, was die Große Republik China ist, ein Staat mit einer Geschichte von mehreren tausend Jahren? Wenn unsere Revolution erst einmal gesiegt hat, werden wir einfach das Mikroskop nehmen müssen, um euer Belgien zu betrachten!‘ Und damit ging man lachend auseinander.“

Unsere Fräulein Yang hat zwar mit ihren ehrenwürten Füßen die belgischen Frauen besiegt und dem Vaterland Ehre gemacht, doch hegt sie selbst zwei „falsche Vorstellungen“. Erstens: Wir Chinesen hatten tatsächlich einst Schwänze (nämlich den Zopf), haben uns die Füße gebunden und Nebenfrauen genommen — und nehmen sie auch jetzt noch. Zweitens: Die Füße von Fräulein Yang können nicht die Füße aller chinesischen Frauen repräsentieren, ebenso wenig wie im Ausland studierende Studentinnen alle chinesischen Frauen repräsentieren können. Die meisten Auslandsstudierenden kommen aus wohlhabenden Familien oder werden von der Regierung entsandt, damit sie in Zukunft der Familie oder dem Staat Ehre machen. Wie kann man arme Frauen, die keine Bildung erhalten, damit in einem Atemzug nennen? Daher gibt es sogar heute noch nicht wenige Frauen mit gebundenen Füßen, die „beim Gehen hin und her wackeln“.

Was das Elend betrifft, so braucht man darüber kaum viele Worte zu verlieren. Man muss nur in derselben Shenbao nachsehen, wie viele „Friedensappelle“ in Form von Telegrammen und Denkschriften, wie viele Anzeigen zur Sammlung von Nothilfegeldern, wie viele Berichte über Meutereien und Entführungen es gibt. Die jungen Herrschaften, die im Ausland studieren, mögen zu weit entfernt sein, um behaupten zu können, davon zu wissen. Aber wenn sie schon an Mikroskope denken können, können sie dann nicht auch an Fernrohre denken? Außerdem — wozu braucht man überhaupt ein Fernrohr? In denselben „Gemischten Eindrücken von Fräulein Yang Manhuas Europareise“ heißt es weiter:

„… Es heißt, die Armut der Botschaften und Konsulate beginne nicht erst heute. Allerdings hat sich die Lage in den letzten Jahren stetig verschlechtert. So ist es zum Beispiel bei unserem Nationalfeiertag oder anderen wichtigen Gedenktagen Pflicht, ausländische Gäste zu bewirten und feierliche Zeremonien abzuhalten. Der Gedanke dahinter ist, das Aufblühen des nationalen Schicksals zu feiern

und zugleich die Beziehungen zu den befreundeten Nationen zu pflegen. Früher bereiteten Botschaften und Konsulate stets prächtige Bankette zur Bewirtung hoher Gäste vor. Doch im letzten Jahr, weil die Kasse knapp war, ging man zu Teeempfängen über. Nach der gegenwärtigen Lage zu urteilen, fürchte ich, wird man in Zukunft nicht einmal mehr Teeempfänge veranstalten können. Unter den Nationen legt Japan in internationalen Angelegenheiten den größten Wert auf das Gesicht. Die japanische Regierung kürzt lieber die Verwaltungsausgaben auf das Äußerste, nur für die Ausstattung der Botschaften und Konsulate im Ausland ist sie äußerst großzügig. Allein in diesem Punkt stehen wir bereits schlecht im Vergleich da.“

Botschaften und Konsulate vertreten ihr Heimatland. Wie Fräulein Yang selbst sagt, sollen sie „das Aufblühen des nationalen Schicksals feiern“. Doch sie erleben einen „Trend ständiger Verschlechterung“. Menzius sagte: „Wenn das Volk nicht genug hat, wie sollte der Herrscher genug haben?“ Daraus kann man sich wohl vorstellen, was für ein Leben die Menschen führen. Und doch sind die Frauen des kleinen Belgien letzten Endes einfache Seelen und haben schließlich um Verzeihung gebeten. Wenn sie wirklich „die Bürger der Großen Republik China mit ihrer mehrtausendjährigen Geschichte“ kennen würden — und deren oft unheilbare Krankheit der Selbst- und Fremdtäuschung —, das wäre dann wirklich ein Gesichtsverlust.

Wenn es so steht, was soll man dann tun? Ich denke, es bleibt nichts anderes übrig, als es ihnen nachzutun — „lachend auseinanderzugehen“.

Das Auftreten solcher „flüssigen“ Übersetzungen liegt schon sehr weit zurück; und da es sich um große Literaten und große Übersetzungstheoretiker handelt, hält es niemand für der Mühe wert, darauf zu achten. Weil mir jedoch beim Durchblättern des Manuskripts meiner gesammelten „Großen Sammlung vorbildlicher flüssiger Übersetzungen“ zufällig dieser Eintrag in die Hände fiel, greife ich ihn noch einmal auf.

Also: Dieser Eintrag erschien in der Shibao vom 3. August des 19. Jahres der Republik China, unter einer Überschrift in der größten Schrifttype: „Nadel durchsticht beide Hände …“, und der Artikel lautete folgendermaßen:

„Ein chinesischer Kaufmann, der von der Kommunistischen Partei gefangen genommen und gegen Lösegeld freigekauft worden war und aus Changsha geflohen ist, traf gestern mit zwei Begleitern in Hankou ein, um Zuflucht zu suchen. Herr und Diener waren gleichermaßen blutüberströmt. Er erzählte seinen Freunden: ‚In Changsha gibt es Spitzel, die für die Kommunistische Partei arbeiten, weshalb am Morgen des 29. eine große Zahl der besitzenden Klasse verhaftet wurde. Wir wurden in der Nacht des 28. ergriffen. Man durchstach unsere Hände mit Nadeln und wog uns auf einer Waage.‘ Dabei streckte er seine beiden Hände aus und wickelte die Verbände ab, um die Löcher zu zeigen, wo sie durchstochen worden waren, noch immer blutüberströmt. … (Dentsu-Telegramm aus Hankou, 2. August)“

Das ist natürlich „flüssig“ — obwohl sich beim geringsten Innehalten gewisse Punkte als recht fragwürdig erweisen könnten. Zum Beispiel: Erstens, der Herr gehört der besitzenden Klasse an, selbstverständlich muss er „blutüberströmt“ sein, aber seine beiden Diener waren vermutlich arme Leute — warum sollten auch sie „blutüberströmt“ sein? Zweitens, wozu „die Hände mit Nadeln durchstechen und sie auf einer Waage wiegen“ — sollten die Anklagepunkte etwa nach Gewicht bestimmt werden? Doch trotz alledem bleibt der Text „flüssig“, denn in der Gesellschaft werden die Handlungen der Kommunistischen Partei von jeher als bizarr und absonderlich dargestellt; und überdies weiß jeder, der einmal den „Jadekalender“ gelesen hat, dass es in einem der Gerichte der Zehn Könige der Unterwelt eine Methode gibt, Sünder auf einer Himmelswaage zu wiegen. Daher ist „auf einer Waage wiegen“ auch nicht weiter verwunderlich. Nur dass man zum Wiegen nicht einen Waagenhaken, sondern eine „Nadel“ verwendete, scheint etwas eigenartig. Glücklicherweise sah ich am selben Tag zufällig dasselbe Dentsu-Telegramm in einer japanischsprachigen Zeitung, dem Shanghai Nippō, und erst da wurde mir klar: Der Übersetzer der Shibao hatte sich geweigert, sich mit „harter Übersetzung“ einengen zu lassen, und wollte unbedingt „flüssig“ sein, weshalb es an der „Treue“ etwas mangelte.

Wenn man es etwas „treuer, wenn auch weniger flüssig“ übersetzte, müsste es ungefähr so lauten: „… Herr und Diener erzählten den dortigen Chinesen ihre von Schrecken und Blut gefärbten Erlebnisse: ‚In der Kommunistischen Armee gibt es solche, die sich in Changsha auskennen … Wir wurden um Mitternacht des 28. verhaftet. Als man uns wegschleppte, wurden uns Löcher in die Handgelenke gestochen und Draht hindurchgezogen, wobei mehrere oder mehrere Dutzend Menschen zu einer Kette aufgereiht wurden.‘ Dabei zeigte er seine in blutgetränkte Stoffstreifen gewickelten Hände …“

Erst jetzt wird deutlich, dass nicht „Herr und Diener“ selbst „blutüberströmt“ waren, sondern ihr „Erlebnisbericht“. Die beiden Diener hatten in Wirklichkeit kein einziges Loch in den Händen. Das Werkzeug zum Durchstechen der Hände ist im Japanischen zwar als „Nadelmetall“ (harigane) geschrieben, muss aber als „Draht“ übersetzt werden — nicht als „Nadel“; Nadeln sind zum Nähen da. Und was das „Wiegen auf einer Waage“ betrifft — davon gibt es nicht den geringsten Anhaltspunkt.

Die guten Freunde unserer „befreundeten Nation“ verbreiten mit besonderer Vorliebe bizarre Geschichten über China, besonders über die „Kommunistische Partei“. Vor vier Jahren erzählten sie von „Nacktumzügen“, als wären diese eine erwiesene Tatsache, und die Chinesen plapperten die Geschichte monatelang nach. In Wahrheit ist es die Polizei, die den Revolutionären in den Kolonien Draht durch die Hände zieht und sie in Ketten abführt — das ist die Praxis sogenannter „zivilisierter“ Völker. Die Chinesen kennen diese Methode noch gar nicht, und Draht ist kein Produkt einer Agrargesellschaft. Von der Tang- bis zur Song-Dynastie gab es zwar aus Aberglauben die Praxis, „Hexenmeistern“ Eisenketten durch die Schlüsselbeine zu ziehen, um sie an Verwandlungen zu hindern, doch das ist längst aufgegeben worden, und kaum jemand weiß noch davon. Die Menschen der zivilisierten Nationen nehmen ihre eigenen zivilisierten Methoden und schreiben sie China zu, ohne zu ahnen, dass die Chinesen noch gar nicht so zivilisiert sind — selbst die Übersetzer in Shanghai verstehen es nicht. Sie weigern sich hartnäckig, Draht zum Durchfädeln zu verwenden, und folgen einfach der Methode aus den Hallen des Königs Yama: „wiegen“ und fertig.

Die Gerüchtemacher und ihre Helfer haben mit einem Schlag ihr wahres Gesicht gezeigt.

Herr Zhang Ziping (张资平) ist angeblich der „fortschrittlichste“ unter den „proletarischen Schriftstellern“. Während ihr noch alle „keimt“, noch „Neuland brecht“, erntet er bereits. Das ist es, was Fortschritt bedeutet — vorwärtsstürmend im Laufschritt, alle anderen weit hinter sich lassend. Doch wenn man seiner Spur folgte, sähe man ihn schnurstracks in den „Lequn-Buchladen“ hineinrennen.

Herr Zhang Ziping war zuvor ein Verfasser von Dreiecks-Liebesromanen, und in seinen Werken ist die Begierde der Frauen noch schwerer zu zügeln als die der Männer — sie kommt, den Mann zu suchen; das Luder, ach das Luder, es verdient zu leiden! Das ist natürlich keine proletarische Literatur. Doch sobald der Autor die Richtung wechselt, gilt: „Wenn einer das Dao erlangt, steigen selbst seine Hühner und Hunde zum Himmel auf“ — wie viel mehr erst die sterbliche Hülle eines Unsterblichen! Die „Gesammelten Werke von Zhang Ziping“ verdienen also immer noch, gelesen zu werden. Das ist Ernte, verstehen Sie?

Und es gibt noch mehr Ernte! Die Shenbao berichtet, dass in diesem Jahr die Studenten der Daxia-Universität ehrfurchtsvoll „den von der Jugend so verehrten Herrn Zhang Ziping“ eingeladen haben, „Romanistik“ zu lehren. Nach altchinesischer Sitte unterrichtet der Englischlehrer unweigerlich auch ausländische Geschichte und der Chinesischlehrer unweigerlich auch Ethik — wie viel natürlicher ist es da, dass der Romanschreiber-Lehrer einen Bauch voller „Romanwissenschaft“ hat! Wenn er das nicht hätte, wie hätte er dann überhaupt Romane schreiben können? Können wir sicher sein, dass Homer keine „Methodik der Ependichtung“ besaß oder Shakespeare keine „Allgemeine Einführung in die Dramentheorie“?

Ach, von nun an wird jedermann wissen, wie man dreieckelt und wie man liebt — Sie wünschen sich eine Frau? Doch am bemitleidenswertesten sind jene jungen Menschen, die nicht in Shanghai sind und nur „aus der Ferne verehren“ können, es ihnen nicht vergönnt ist, sich an die Tür des Meisters zu stellen, und die diese großartigen Vorlesungen zur „Romanwissenschaft“ nicht persönlich hören können. Ich werde nun die Quintessenz der „Gesammelten Werke von Zhang Ziping“ und seiner „Romanwissenschaft“ herausdestillieren und sie unten darbieten, aus der Ferne diesen Verehrern gewidmet, gleichsam als ein „den Durst stillen durch Betrachten der Pflaumen“. Und das ist —

22. Februar.

In China war es von jeher Brauch, dass ein Kaiser, ob er nun fest im Sattel saß oder gerade vom Thron zu stuerzen drohte, stets versuchte, sich mit Literaten und Gelehrten gut zu stellen. Wenn er fest im Sattel saß, nannte man das „die Waffen ruhen lassen und die Kuenste pflegen“ — ein wenig Schoenfaerberei. Wenn er in Bedraengnis geriet, glaubte er ploetzlich, jene besaessen tatsaechlich das große Dao, „den Staat zu ordnen und Frieden unter dem Himmel zu schaffen“, und wollte sie noch einmal befragen. Um es unverblümt zu sagen: Es war das, was im Roman Der Traum der Roten Kammer als „in schwerer Krankheit wahllos nach jedem Arzt greifen“ bezeichnet wird.

Als „Kaiser Xuantong“ abgedankt hatte und sich vor Langeweile kaum zu helfen wusste, erfuellte unser Dr. Hu Shizhi (胡适之) einmal genau diese Aufgabe. Nach dem Besuch — seltsamerweise — wollten die Leute zunaechst wissen, wie sie einander angesprochen haetten. Der Doktor antwortete:

„Er nannte mich ›Herr‹, ich nannte ihn ›Majestaet‹.“

Damals scheint man keine großen Staatsangelegenheiten besprochen zu haben, denn diese „Majestaet“ verfasste hernach lediglich ein paar Knittelverse in der Umgangssprache, blieb weiterhin gelangweilt und wurde am Ende gar aus der Goldenen Thronhalle hinausgeworfen. Jetzt aber soll er wieder zu Ehren kommen — dem Vernehmen nach will er in die Drei Oestlichen Provinzen gehen, um dort erneut Kaiser zu werden. Inzwischen meldet man aus Shanghai: „Chiang beruft Hu Shizhi und Ding Wenjiang (丁文江) ein“: „Sondertelegramm aus Nanjing: Ding Wenjiang und Hu Shi sind in die Hauptstadt gekommen, um Chiang aufzuwarten. Ihr Besuch erfolgte auf Chiangs Einladung, um ueber die allgemeine Lage befragt zu werden...“ (Shenbao, 14. Oktober.) Diesmal fragt niemand nach der Anrede.

Warum nicht? Weil man es schon weiß — diesmal heißt es: „Ich nannte ihn ›Vorsitzenden‹...“!

Liu Wendian (刘文典), Praesident der Universitaet Anhui, war etliche Tage lang eingesperrt worden, weil er „Vorsitzender“ zu sagen verweigert hatte, und erst nach großer Muehe auf Kaution freigekommen. Ein alter Landsmann, ein ehemaliger Kollege — der Doktor wusste das natuerlich. Und also: „Ich nannte ihn ›Vorsitzenden‹“!

Auch fragt niemand, worueber „beraten“ wurde.

Warum nicht? Weil auch das bereits bekannt ist — es ging um „die allgemeine Lage“. Und diese „allgemeine Lage“ bringt auch keine laestigen Debatten zwischen „Einparteiendiktatur der Kuomintang“ und „Freiheit nach englischem Muster“ mit sich, noch die muehseligen Streitereien zwischen „Erkennen ist schwer, Handeln ist leicht“ und „Erkennen ist leicht, Handeln ist schwer“. Und so trat der Doktor hervor.

Dr. Luo Longji (罗隆基) von der „Neumond“-Gruppe erklaerte: „Die Regierung von Grund auf umbilden... eine Regierung, die Talente aus dem ganzen Land aufnimmt und alle politischen Auffassungen vertritt... Politische Meinungen kann man opfern, sollte man opfern.“ („Der Shenyang-Zwischenfall“.)

Talente, die alle politischen Auffassungen vertreten, bilden eine Regierung und opfern dann ihre politischen Meinungen — eine solche „Regierung“ ist wahrlich von mystischer Großartigkeit. Doch dass der Verfechter von „Erkennen ist schwer, Handeln ist leicht“ ausgerechnet jemanden „befragt“, der meint „Erkennen ist schwer, und Handeln ebenso wenig leicht“ — das ist immerhin ein Vorzeichen.

Chinas proletarische Revolutionsliteratur entstand an der Schwelle zwischen Heute und Morgen. Sie wuchs heran unter Verleumdung und Unterdrueckung, und schließlich, in der tiefsten Finsternis, wurde ihr erstes Kapitel mit dem Blut unserer Genossen geschrieben.

Unsere geschundenen Massen haben von jeher nichts als die brutalste Unterdrueckung und Ausbeutung erfahren. Nicht einmal das Almosen einer einfachen Lese- und Schreibbildung wurde ihnen zuteil; sie konnten nur stumm erdulden, wie man sie abschlachtete und vernichtete. Die ueberaus komplizierten Bildzeichen verwehrten ihnen ueberdies jede Moeglichkeit des Selbststudiums. Als die intellektuell erwachte Jugend sich ihrer Avantgarde-Mission bewusst wurde, erhob sie als erste den Kampfruf. Dieser Kampfruf versetzte die Herrschenden in ebensolchen Schrecken wie die rebellischen Schreie der geschundenen Massen selbst. Die Lakaien-Literaten fielen umgehend in Scharen ueber sie her — die einen fabrizierten Geruechte, die anderen betaetigten sich persoenlich als Spitzel —, doch alles geschah im Verborgenen, alles anonym, und bewies lediglich, dass sie selbst Geschoepfe der Finsternis waren.

Die Herrschenden wussten auch, dass ihre Lakaien-Literaten der proletarischen Revolutionsliteratur nicht standhalten konnten. Und so verboten sie einerseits Buecher und Zeitschriften, schlossen Buchhandlungen, erließen boeswillige Pressegesetze und setzten Schriftsteller auf Fahndungslisten. Andererseits griffen sie zum aeußersten Mittel: Sie verhafteten und inhaftierten linke Autoren, richteten sie heimlich hin — Hinrichtungen, die bis heute nicht oeffentlich bekanntgegeben worden sind. Dies beweist auf der einen Seite, dass sie dem Untergang geweihte Geschoepfe der Finsternis sind, und bestaetigt auf der anderen die Staerke des Lagers der proletarischen Revolutionsliteratur Chinas. Denn wie die biographischen Abrisse auflisten, genuegen das Alter, der Mut und vor allem die Leistungen im taeglichen Schaffen unserer ermordeten Genossen, um das gesamte Rudel der Lakaien zum Schweigen zu bringen. Und doch sind unsere Genossen im Dunkeln ermordet worden — das ist natuerlich ein betraechtlicher Verlust fuer die proletarische Revolutionsliteratur und ein Quell großen Schmerzes fuer uns. Doch die proletarische Revolutionsliteratur waechst weiter, denn sie gehoert den breiten revolutionaeren, geschundenen Massen. Solange die Massen einen Tag lang bestehen, solange sie einen Tag lang staerker werden, wird auch die proletarische Revolutionsliteratur einen Tag lang wachsen. Das Blut unserer Genossen hat bewiesen, dass die proletarische Revolutionsliteratur und die revolutionaeren geschundenen Massen dieselbe Unterdrueckung erleiden, dasselbe Morden erdulden, denselben Kampf fuehren und dasselbe Schicksal teilen — sie ist die Literatur der revolutionaeren geschundenen Massen.

Inzwischen berichten die Militaerherren bereits, selbst sechzigjaehrige Frauen seien von „irren Lehren“ angesteckt, und die Polizei der Konzessionsgebiete durchsucht staendig sogar Grundschulkinder. Außer den Gewehren und Kanonen, die sie vom Imperialismus erhalten haben, und ein paar Lakaien besitzen sie nichts mehr — alles, was sie haben, sind Feinde, Alt und Jung — von der Jugend ganz zu schweigen. Und alle diese Feinde stehen auf unserer Seite.

Wir gedenken nun unserer gefallenen Kaempfer mit tiefster Trauer und Erinnerung. Dies heißt zugleich, die erste Seite in der Geschichte der proletarischen Revolutionsliteratur Chinas ins Gedaechtnis einzupraegen — eine Seite, geschrieben mit dem Blut unserer Genossen, die fuer immer die niedertraechtige Grausamkeit des Feindes enthuellt und uns zu unaufhoerlichem Kampf ermutigt.

Ende des sechzehnten Jahrhunderts verfasste der spanische Schriftsteller Cervantes (西万提斯) einen großen Roman mit dem Titel Don Quijote. Er erzaehlt von diesem Herrn Quijote, der so viele Ritterromane gelesen hatte, dass er den Verstand verlor und darauf bestand, die fahrenden Ritter der alten Zeit nachzuahmen. In einer zerbeulten Ruestung, auf einer klapprigen Maehre, mit einem einzigen Knappen im Gefolge, zog er umher, fest entschlossen, Daemonen zu erschlagen, Ungeheuer zu bezwingen, Tyrannei auszumerzen und die Schwachen zu beschuetzen. Doch leider waren seine Zeiten nicht mehr so altertümlich-romantisch. Und so wurde er zum Gespoett, kassierte Schlag um Schlag, fiel schließlich auf einen gewaltigen Betrug herein, wurde schwer verwundet, schleppte sich in schmachvoller Niederlage nach Hause und starb in seinem eigenen Bett — erst auf dem Sterbebett erkennend, dass er nur ein gewoehnlicher Mensch war und keineswegs ein großer Ritter.

Diese literarische Anspielung war vergangenes Jahr in China recht beliebt, und der Prominente, der diesen postumen Beinamen erhielt, schien darueber nicht sonderlich erfreut. Doch in Wahrheit war diese Art von Buecherwurm ein spanischer Buecherwurm. Im China, wo man seit jeher die „Lehre von der Mitte“ predigt, koennte ein solches Geschoepf niemals existieren. Wenn Spanier sich verlieben, stehen sie jede Nacht unter dem Fenster der Dame und singen Serenaden. Wenn sie am alten Glauben festhalten, verbrennen und erschlagen sie Ketzer. Wenn sie Revolution machen, zertruemmern sie die Kirchen und jagen den Koenig davon. Aber unsere chinesischen Gelehrten — behaupten sie nicht stets, die Frau habe zuerst sie verfuehrt? Sagen sie nicht, alle Religionen entspringen derselben Quelle? Befuerworten sie nicht die Erhaltung von Tempelbesitz? Und wurde Xuantong nach der Revolution nicht noch jahrelang erlaubt, im Palast Kaiser zu spielen?

Ich erinnere mich, dass Zeitungen einmal von ein paar Ladenburschen berichteten, die so vernarrt in Romane ueber Schwertkaempfer und Unsterbliche waren, dass sie ploetzlich zum Berg Wudang aufbrechen wollten, um den Weg zu studieren. Das aehnelte dem Don Quijote tatsaechlich. Doch danach war kein Wort der Fortsetzung zu lesen — ob auch sie wundersame Taten vollbrachten oder bald einfach wieder nach Hause gingen. Nach der alten Regel der „Lehre von der Mitte“ zu urteilen, duerfte die Heimkehr das wahrscheinlichste Ergebnis sein.

Der naechste chinesische „Don Quijote“, der in Erscheinung trat, war das „Jugend-Freiwilligenkorps zur Hilfe fuer Ma“. Sie waren keine Soldaten, bestanden aber darauf, an die Front zu gehen. Die Regierung wollte den Voelkerbund anrufen, sie aber bestanden darauf, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Die Regierung verbot ihnen die Reise, sie bestanden darauf zu gehen. China hat inzwischen immerhin einige Eisenbahnen, sie bestanden darauf, jeden Schritt zu Fuß zu gehen. Im Norden ist es kalt, sie bestanden darauf, nur Wattejacken zu tragen. Im Krieg sind Waffen das Allerwichtigste, sie bestanden darauf, nur den Geist zu betonen. All das ist in der Tat sehr „Don Quijote“. Da es sich aber um chinesische „Don Quijotes“ handelt, gibt es Unterschiede: Er war allein, sie sind ein ganzes Korps; ihm gab man Spott mit auf den Weg, ihnen Hochrufe; ihm begegnete man mit Staunen, ihnen ebenfalls mit Hochrufen; er quartierte sich tief in den Bergen ein, sie in der Stadt Zhenru; er kaempfte gegen Windmuehlen, sie vertrieben sich die Zeit mit Kaemmen in Changzhou und trafen, man hoere und staune, auf schoene Frauen — welch ein Glueck! (Siehe die Dezember-Kolumne „Freies Gespraech“ im Shenbao.) Der Unterschied zwischen Leid und Lust ist eben so — ach!

Gewiss, es gibt allzu viele Romane aus aller Herren Laender und allen Zeiten. Darin findet man „den eigenen Sarg in die Schlacht tragen“, „sich einen Finger abschneiden als Schwur“, „am Hofe von Qin weinen“, „vor dem Himmel einen Eid schwoeren“. Bei staendigem Umgang mit derlei Geschichten laesst es sich kaum vermeiden, dass Leute Saerge herumschleppen, sich Finger abhacken, am Sun-Yat-sen-Mausoleum weinen und Abmarsch-Eide schwoeren. Doch als Dr. Hu Shizhi (胡适之) waehrend der Vierten-Mai-Bewegung die Literaturrevolution predigte, forderte er bereits, „keine klassischen Anspielungen zu verwenden“. Jetzt, im Bereich des Handelns, scheint es erst recht angebracht, darauf zu verzichten.

Romane ueber Kriegfuehrung im zwanzigsten Jahrhundert — die etwas aelteren darunter Remarques Im Westen nichts Neues, Lengs Krieg; die neueren Serafimowitschs Der eiserne Strom und Fadejews Die Neunzehn — enthalten nichts dergleichen wie dieses „Jugendkorps“. Und genau deshalb wurde dort tatsaechlich gekaempft.

Von allen sogenannten kritischen Schriften, die in den vergangenen anderthalb Jahren gegen uns gerichtet worden sind, ist die fuer mich erstickend komischste ein Beitrag von Herrn Chang Yansheng (常燕生) in einer Monatszeitschrift namens Lange Nacht, worin er sich eine unparteiische Miene gab und verkuendete, meine Werke haetten mindestens noch zehn Jahre Lebensdauer. Ich erinnere mich, dass vor einigen Jahren, als Kuangbiao eingestellt wurde, derselbe Herr Chang Yansheng ebenfalls einen Artikel veroeffentlichte, dessen Tenor lautete: Kuangbiao habe Lu Xun angegriffen, und nun wolle kein Verlag es mehr drucken — wer weiß (!), ob nicht Lu Xun mit den Buchhaendlern gemeinsame Sache gemacht habe, um es zu unterdruecken? Dem folgte ueberschwengliches Lob fuer die Großherzigkeit der Beiyang-Militaerherren. Ich habe noch einiges Gedaechtnis, und so erkenne ich hinter dieser neuesten unparteiischen Miene noch undeutlich den Stempel jenes frueheren Aufsatzes. Zugleich erinnere ich mich an die Kritik-Methode des Professors Chen Yuan (陈源): Zuerst fuehre man einige Vorzuege an, um Unparteilichkeit zu demonstrieren, dann folge ein langer Katalog schwerer Vergehen — schwerer Vergehen, zu denen die unparteiische Abwaegung gefuehrt hat. Verdienst gegen Suende aufgerechnet, lautet das Endergebnis stets „akademischer Bandit“, dessen Kopf verdient, unter dem Banner der „aufrechten Ehrenmanner“ zur Schau gestellt zu werden. Meine Erfahrung ist daher: Schmahung mag unschaedlich sein, doch Lob ist fuerchterlich — bisweilen ist es aeußerst gefaehrlich. Umso mehr, als dieser Herr Chang Yansheng von Kopf bis Fuß nach der Fuenf-Farben-Flagge riecht. Selbst wenn er aufrichtig wuenschte, meinem Werk Unsterblichkeit zu verleihen, kaeme es mir vor, als wuerde Kaiser Xuantong ploetzlich von kaiserlichem Wohlgefallen ergriffen und gnaedigst den postumen Titel „Wenzhong“ auf mich herabsenden. Inmitten meines erstickenden Amuesements kann ich nur ehrfuerchtig zittern, den Hut ziehen, mich tief verbeugen und die Ehre ehrerbietigst ablehnen.

Doch in einer anderen Ausgabe derselben Langen Nacht erschien ein Aufsatz von Herrn Liu Dajie (刘大杰) — diese Aufsaetze scheinen in Die chinesische Literaturdebatte nicht aufgenommen worden zu sein —, den ich mit aufrichtiger Dankbarkeit zu Ende las. Vielleicht liegt das gerade daran, dass wir, wie der Verfasser selbst sagt, einander nie gekannt haben und keinerlei persoenliche Feindschaft zwischen uns besteht. Was ich aber am nuetzlichsten fand, war, dass der Verfasser einen Plan fuer mich ersann: In einer solchen Umzingelung von allen Seiten solle ich die Feder niederlegen, eine Weile ins Ausland gehen; und er gab mir den wohlgemeinten Rat, ein paar leere Seiten in der eigenen Lebensgeschichte zu hinterlassen sei doch nicht weiter schlimm. Dass ein paar leere Seiten in der Lebensgeschichte eines einzelnen Menschen, oder selbst ein gaenzlich leeres Buch, oder gar ein voellig schwarz beschmiertes Buch die Erde nicht zum Bersten bringt — das wusste ich laengst. Der unverhoffte Gewinn, den ich diesmal erzielte, war, dass ich nach dreißig Jahren vagen Ahnens, ohne die knappen Leitsaetze fuer das Schreiben klassischer Prosa und das Gutsein formulieren zu koennen, ploetzlich die Zuegel zu fassen bekam.

Die Formel lautet: Um klassische Prosa zu schreiben und ein guter Mensch zu sein, muss man viel schreiben und am Ende dennoch nichts als eine leere Seite haben.

Unsere frueheren Lehrer, die uns das Aufsatzschreiben beibrachten, vermittelten nie etwas wie Mas Grammatik oder Methoden des Aufsatzschreibens. Tagein, tagaus hieß es nur: lesen, schreiben, lesen, schreiben. Schrieb man schlecht, las man mehr und schrieb mehr. Aber sie sagten nie, wo die Fehler lagen oder wie man schreiben sollte. Eine finstere Gasse — man tastete sich voellig allein hindurch, und ob man es schaffte oder nicht, ueberließ jeder dem Schicksal. Doch gelegentlich — und wahrhaftig war es „gelegentlich“ und man „wusste nicht wie“ — wurden die roten Korrekturen im Aufsatz weniger, waehrend die stehengelassenen Stellen, ja sogar die mit dichten Zustimmungskreisen markierten Passagen, zahlreicher wurden. Der Schueler war dann uebergluecklich und schrieb „genau so“ weiter — wahrhaftig wusste man selbst nicht warum, es war eben „genau so“. Nach Jahren und Monaten strich der Lehrer dann nicht mehr im Aufsatz und schrieb nur noch am Ende Bemerkungen wie „belesen und wohlformuliert, weder ausschweifend noch abgehackt“. An diesem Punkt durfte man sich als „kundig“ betrachten. — Natuerlich, wuerde man den hohen Kritiker Herrn Liang Shiqiu (梁实秋) fragen, hielte er es vermutlich fuer nicht kundig. Aber ich spreche vom allgemeinen Brauch und folge daher einstweilen dem Brauch.

Bei dieser Art von Aufsatz muss die These natuerlich klar sein; welche Meinung man vertritt, ist zweitrangig. Nehmen wir zum Beispiel an, man schriebe einen Aufsatz ueber „Ein Handwerker, der gute Arbeit tun will, muss zuerst sein Werkzeug schaerfen.“ Man kann von der Bejahung her argumentieren und ausfuehren, dass „wenn das Werkzeug nicht scharf ist, die Arbeit nicht gut sein wird“ — das geht. Oder man kann von der Verneinung her argumentieren und darauf bestehen, dass „das Geschick fuer den Handwerker an erster Stelle steht; wenn das Geschick nicht beherrscht wird, dann ist auch bei scharfem Werkzeug die Arbeit nicht gut“ — auch das geht voellig. Selbst was den Kaiser betrifft: Man kann sagen „Seine Majestaet der Himmelssohn ist weise und erleuchtet, und die Schuld des Ministers verdient den Tod“ — das geht. Oder man kann sagen, der Kaiser taugt nichts und sollte mit einem Hieb getoetet werden — auch das geht, denn unser Meister Menzius sagte bereits: „Ich habe von der Hinrichtung des Tyrannen Zhou gehoert, aber nicht von der Ermordung eines Herrschers.“ Wir als Juenger der Weisen halten genau diese Ansicht. In jedem Fall aber muss man von Anfang bis Ende, Schicht um Schicht, sein Argument klar darlegen: Ist Seine Majestaet weise und erleuchtet, oder verdient er den Schwerthieb? Oder, wenn man beides nicht billigt, kann man am Ende erklaeren: „Obschon seine Tyrannei maßlos war, besteht doch die Bindung zwischen Herrscher und Untertan; der Edle uebertreibt nicht; ich wage die Meinung, die Verbannung in die Grenzgebiete moege genuegen.“ Eine solche Vorgehensweise duerfte wohl auch der Lehrer nicht missbilligen, denn die „Lehre von der Mitte“ ist ebenfalls eine Lehre unserer alten Weisen.

Allerdings betrifft das oben Gesagte die spaete Qing-Zeit. Waere es in der fruehen Qing-Zeit gewesen und haette jemand Sie denunziert, waere es moeglich gewesen, dass Ihre gesamte Sippe „ausgerottet bis zum neunten Verwandtschaftsgrad“ worden waere — selbst der Vorschlag der „Verbannung in die Grenzgebiete“ haette nicht genuegt. Dann haette man sich nicht die Muehe gemacht, Menzius oder Konfuzius mit Ihnen zu eroertern. Die Revolution ist gerade erst gelungen, und die Lage aehnelt wohl den Gruendungstagen der Qing-Dynastie. (Unvollendet)

Dies ist ein kleiner Teil von „Nachtnotizen Nr. 5“. Die „Nachtnotizen“ sind etwas, das ich 1927 begann, um gelegentliche Gedanken bei Lampenlicht niederzuschreiben und zu einem Band zu sammeln. In jenem Jahr veroeffentlichte ich zwei Stuecke. Nach meiner Ankunft in Shanghai, erschuettert ueber die Grausamkeit der Massaker, schrieb ich ein weiteres Stueck und ein halbes mit dem Titel „Grausamkeiten“, in dem ich zunaechst ueber Dinge wie die Kreuzigung von Christen durch das japanische Shogunat und die Grausamkeit des russischen Zaren gegenueber Revolutionaeren sprach. Doch bald darauf geriet ich in eine Welle heftiger Angriffe gegen den Humanismus, und ich nutzte dies als Vorwand fuer meine Faulheit und hoerte auf zu schreiben. Inzwischen ist selbst das Manuskript verschwunden.

Dann, vorletztes Jahr, wollte Rou Shi (柔石) eine Stelle als Zeitschriftenredakteur bei einer Buchhandlung antreten und bat mich, etwas Lockeres zu schreiben, etwas, das beim Lesen keine allzu großen Kopfschmerzen bereitet. An jenem Abend dachte ich wieder an die „Nachtnotizen“ und wahlte diesen Titel. Der Grundgedanke war, darzulegen, dass in China sowohl das Prosaschreiben als auch das Gutsein antike Vorbilder haben muessen, man aber nicht ganze Passagen woertlich abschreiben darf; vielmehr muss man von allen Seiten zusammenstueckeln, so dass die Naehte nicht zu sehen sind — erst dann gilt es als hoechste Vollendung. Und so schrieb ich ausfuehrlich, doch am Ende kam nichts dabei heraus — und Kritiker wuerden es einen guten Aufsatz nennen oder den Verfasser einen guten Menschen. Die Ursache dafuer, dass in der Gesellschaft absolut nichts vorankommt, liegt genau hier. In jener Nacht wurde ich nicht fertig und ging schlafen. Am naechsten Tag besuchte mich Rou Shi, und ich zeigte ihm, was ich geschrieben hatte. Er runzelte die Stirn und meinte, es sei ein wenig zu weitschweifig, und befuerchtete, es wuerde zu viel Platz einnehmen. So vereinbarte ich mit ihm, stattdessen einen kurzen Text zu uebersetzen, und legte dies beiseite.

Nun ist mehr als ein Jahr seit Rou Shis Ermordung vergangen, und zufaellig fand ich dieses Manuskript in meinen ungeordneten Papieren — der Schmerz ist wahrlich unertraeglich. Ich wollte den vollstaendigen Text fertigstellen, doch am Ende gelang es mir nicht. Kaum setzte ich die Feder an, schweiften meine Gedanken sofort zu anderen Dingen ab. Was die Alten „der Mensch und sein Instrument sind beide dahin“ nannten — so ungefaehr muss es wohl aussehen. Fuer jetzt haenge ich diesen halben Aufsatz einfach hier an, als Andenken an Rou Shi.

Aufgezeichnet in der Nacht des 26. April 1932.