Lu Xun Complete Works/de/Nanqiang beidiaoji

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Südliche Töne, nördliche Melodien (南腔北调集)

Lu Xun

Abschnitt 1

[Inhaltsverzeichnis und Vorwort - Suedliche Toene, noerdliche Melodien - siehe Abschnitt 2 fuer den Vorworttext]

Abschnitt 2

Vor ein, zwei Jahren gab es in Shanghai eine Schriftstellerin, die damals andere als Material benutzte, um ihre sogenannten Skizzen zu schreiben. Auch ich wurde nicht verschont. Angeblich halte ich sehr gerne Reden, stottere aber beim Sprechen, und was meine Ausdrucksweise betrifft, so sei sie suedliche Toene, noerdliche Melodien. Tatsaechlich beherrsche ich weder das weiche Suzhou-Chinesisch noch den klangvollen Pekinger Tonfall -- weder im Ton noch im Stil bin ich einheitlich, wahrhaftig suedliche Toene, noerdliche Melodien. Zudem hat sich dieser Mangel in den letzten Jahren auch auf mein Schreiben auszubreiten begonnen.

Ein Blick nach oben, einer nach unten, und schon ist es wieder Jahresende. In der Stille blaettere ich absichtslos durch die Manuskripte der Gelegenheitsessays der letzten zwei Jahre, ordne sie und sehe, dass es genug fuer ein Buch ist. So nenne ich es Suedliche Toene, noerdliche Melodien.

Ausserdem denke ich an Herrn Liang Shiqiu, dessen Lakai schrieb, ich aehnele dem Amerikaner Mencken (H.L. Mencken), weil ich jedes Jahr ein Buch herausbringe. Wenn man durch ein jaehrliches Buch Mencken aehnelt, dann kann man durch feine Restaurants und Professorendasein wohl dem amerikanischen Babbitt gleichkommen.

Was die grossen Dinge betrifft: Seltsame Ereignisse kommen jederzeit, und wir vergessen sie ebenso schnell. Ein Buch pro Jahr laesst die Gelehrten sicher den Kopf schuetteln, aber dies ist nur ein einziges -- zwar oberflaechlich, doch bewahrt es ein paar vergessene Anekdoten auf.

Die Zeitschriften, in denen sie erschienen, waren Kreuzung, Literarischer Monatsbericht, Nordstern, Die Moderne, Stimme der Wellen, Lunyu, Shenbao-Monatsheft, Literatur und andere.

In der Nacht des 31. Dezember 1933, aufgezeichnet in meiner Shanghaier Studierstube.

Abschnitt 3

【Das Jahr 1932】

Das Jahr 1932 — ein Jahr, in dem die Schatten der Mandschurei-Krise noch lang über China lagen und die Kuomintang-Zensur jeden freien Gedanken zu ersticken drohte. In diesem Klima griff Lu Xun zur schärfsten Waffe, die ihm geblieben war: der Feder.

Abschnitt 4

【"Das ist nicht von Belang"】

Neujahr — und schon wieder diese Phrase: "Das ist nicht von Belang." Wann immer die Machthaber in Bedrängnis geraten, wann immer das Volk leidet, tönt es von oben herab: "Das ist nicht von Belang." Die Mandschurei ist verloren? Nicht von Belang. Die Studenten protestieren? Nicht von Belang. Das Volk hungert? Erst recht nicht von Belang. Was allerdings sehr wohl von Belang ist, das sind die eigenen Pfründe, die eigenen Posten, die eigene Macht. Für diese Dinge gilt die Formel nie. So entlarvt sich die Phrase als das, was sie ist: nicht Gleichmut, sondern Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal anderer — eine Gleichgültigkeit, die nur jene sich leisten können, die selbst im Warmen sitzen.

Abschnitt 5

Die erste Ausgabe des Shenbao (7. Januar) teilte uns per Eilmeldung mit: Es heisst, Chen (Aussenminister Yin Youren) und Yoshizawa verbinde eine tiefe Freundschaft. Beobachter diplomatischer Kreise meinen, da Yoshizawa nach seiner Rueckkehr das Amt des japanischen Aussenministers uebernehme, koenne die Mandschurei-Frage dank Chens persoenlicher Beziehungen eine guenstigere Loesung finden.

Chinas diplomatische Kreise sind daran gewoehnt, dass in China alles von persoenlichen Beziehungen abhaengt. Aber am selben Tag teilte uns das Shenbao auch mit: Jinzhou fiel am Dritten, Lianshan und Suizhong fielen ebenfalls; japanische Marineinfanteristen erreichten Shanhaiguan und hissten die japanische Flagge am Bahnhof.

Und am selben Tag Chen Yourens Erklaerung: Vorgestern habe ich Zhang Xueliang befohlen, Jinzhou entschlossen zu verteidigen. Selbst wenn es ungluecklicherweise zu einer Niederlage kommen sollte -- das kommt nicht in Betracht.

So scheinen Freundschaft und persoenliche Beziehungen ebenso wirkungslos zu sein wie der Voelkerbund. Vielleicht werden patriotische Eiferer wieder petitionieren. Man sollte vorher ueberlegen, wie es um die persoenlichen Beziehungen zum Innenminister und anderen hohen Herren bestellt ist -- sonst wird wohl wieder jemand versehentlich ins Wasser fallen und ertrinken.

(8. Januar.)

Abschnitt 6

Vorwort zu Lin Keduos Reisebericht aus der Sowjetunion

Es mag wohl zehn Jahre her sein, als ich wegen einer Krankheit in ein auslaendisches Krankenhaus zur Untersuchung ging. In der Wartezimmer-Ausgabe einer deutschen Wochenzeitschrift (Die Woche) sah ich eine Karikatur zur russischen Oktoberrevolution, die Richter, Lehrer, sogar Aerzte und Krankenschwestern mit Pistolen in der Hand und wutverzerrten Gesichtern zeigte. Dies war die erste Karikatur zur Oktoberrevolution, die ich sah.

Spaeter las ich Reiseberichte verschiedener Westler -- die einen sagten, wie gut es sei, die anderen, wie schlecht. Schliesslich kam ich zu meinem eigenen Urteil: Diese Revolution hat wohl den Armen genuetzt, also muss sie fuer die Reichen schlecht sein.

Wir Chinesen haben allerdings einen kleinen Makel: Wir hoeren nicht gerne von den Vorzuegen anderer Laender, besonders wenn es um die Sowjetunion geht. Kaum erwaehnt man sie, wird man der Propaganda bezichtigt oder beschuldigt, Rubel erhalten zu haben. Das Wort Propaganda ist in China voellig herabgewuerdigt worden.

Aber dieses Jahr stiess ich auf zwei Buecher, die ich ohne Misstrauen zu Ende las: Herrn Hu Yuzhis Moskauer Eindruecke und diesen Reisebericht aus der Sowjetunion. Der Autor schreibt, als erzaehle er Freunden -- ohne schoene Worte, ohne kunstvolle Methoden, schlicht und geradeheraus. Was er in der Sowjetunion sah und hoerte, war ganz gewooehnlich: Alles entsprach dem gesunden Menschenverstand, und das Leben war einfach menschenwuerdig geworden.

Der Autor kam zehn Jahre nach der Oktoberrevolution in die Sowjetunion und konnte uns nur von ihrer Ausdauer, ihrem Fleiss, ihrer Tapferkeit und Opferbereitschaft berichten. Aber der Leser sollte nicht vergessen, welch bitterer Kampf noetig war, um diese Ergebnisse zu erzielen.

20. April 1932, Lu Xun, aufgezeichnet in seiner Wohnung in Shanghai-Zhabei.

Abschnitt 7

Wir lassen uns nicht mehr betruegen

Der Imperialismus wird die Sowjetunion angreifen. Je besser es der Sowjetunion geht, desto dringender will er angreifen, denn desto naeher rueckt sein eigener Untergang.

Wir wurden vom Imperialismus und seinen Gefolgsleuten lange genug betrogen. Nach der Oktoberrevolution sagten sie immer, die Sowjetunion verarme, sei grausam, zerstoere die Kultur. Doch was sind die Tatsachen? Hat der Export von Weizen und Petroleum die Welt nicht in Erstaunen versetzt? Sind die Bibliotheken und Museen in Leningrad und Moskau nicht alle erhalten geblieben?

Doch die Geruechtemacher sind aeusserst schamlos und geschickt: Sobald die Tatsachen ihre Luegen beweisen, tauchen sie unter und werden durch neue ersetzt.

Der Imperialismus und seine Lakaien sagen uns noch immer, wie schlecht es der Sowjetunion gehe -- als wuenschten sie, die Sowjetunion wuerde ueber Nacht zum Paradies. Sie sind enttaeuscht. Das sind die Traenen des boesen Geistes.

Der Imperialismus und wir -- in welcher Hinsicht stimmen unsere Interessen nicht genau entgegen? Unsere Geschwuere sind seine Schaetze; dann muessen seine Feinde natuerlich unsere Freunde sein. Wir sind gegen den Angriff auf die Sowjetunion.

Dies ist auch unser eigener Ausweg!

(6. Mai.)

Abschnitt 8

Ueber die dritte Art von Menschen

In den letzten drei Jahren herrschte Stille in den literarischen Debatten. Unter dem Schutz des Kommandoschwertes, mit dem Schild der Linken, fand man in Marx die Freiheit der Kuenste und in Lenin die Rechtfertigung zur Vernichtung der Kommunisten -- kaum jemand konnte den Mund aufmachen. Doch Literatur um der Literatur willen war noch frei, denn sie stand nicht im Verdacht, Rubel erhalten zu haben. Aber die dritte Art von Menschen -- jene, die die Literatur nicht loslassen -- hatte eine schmerzliche Vorahnung: die linke Literaturszene wuerde sie als Laufhunde der Bourgeoisie bezeichnen.

Herr Su Wen vertrat diese dritte Art von Menschen in der Zeitschrift Die Moderne. Er meinte, die linken Kritiker wuerfen Autoren staendig vor, Laufhunde der Bourgeoisie zu sein. Da die sogenannten linken Schriftsteller links seien, aber nicht schrieben, und die dritte Art schreiben wolle, aber sich nicht traue, gebe es auf der Literaturbuehne nichts mehr.

Ich glaube, diese Vorahnung gibt es tatsaechlich. Doch Herr Su Wens Sichtweise halte ich fuer falsch.

Natuerlich haben die Theoretiker seit Bestehen der linken Literaturszene Fehler gemacht. Aber diese Szene existiert weiter, entwickelt sich, ueberwindet ihre Schwaechen und marschiert vorwaerts. Herr Su Wen fragte: Drei Jahre Ueberwindung und immer noch nicht geschafft? Die Antwort: Ja, es wird weitergehen, vielleicht dreissig Jahre. Aber man ueberwindet und marschiert gleichzeitig.

In Wahrheit ist der Grund fuer das Niederlegen der Feder nicht die Strenge der linken Kritik. Der wahre Grund ist, dass man diese dritte Art von Mensch nicht sein kann. In einer Klassengesellschaft leben und ueber den Klassen stehen wollen, in einer kaempferischen Zeit leben und den Kampf verlassen wollen -- das ist ein Phantom des eigenen Geistes, das in der realen Welt nicht existiert. Es ist, als wollte man sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen.

Zusammenfassend: Herr Su Wen meint, die dritte Art solle lieber ehrlich schaffen als betruegen. Das ist voellig richtig. Man muss den Mut des Selbstvertrauens haben, um den Mut zur Arbeit zu haben! Aber die dritte Art hat angeblich wegen der Vorahnung linker Kritik die Feder niedergelegt. Was soll man da tun?

(10. Oktober.)

Abschnitt 9

Verteidigung der Bildergeschichten

Ich hatte einmal eine kleine Erfahrung gemacht. Eines Tages sagte ich bei einem Bankett beilaeufig: Wenn man Filme zum Unterrichten verwendet, waere das sicher besser als die Vorlesungen der Lehrer. Kaum war der Satz zu Ende, wurde er in einer Lachsalve begraben.

In der Zeitschrift Die Moderne las ich einen Artikel von Herrn Su Wen, der Bildergeschichten mit einem Federstrich abtat. Doch fuer junge Kunstschueler mag dies eine wichtige Frage sein.

Wir sind daran gewoehnt, in Kunstgeschichtsbuechern keine Bildergeschichten zu sehen und in Ausstellungen nur Roemische Abendroete oder Spaetsommer am Westsee. So halten wir sie fuer minderwertig. Doch geht man in den Papstpalast in Italien, so sieht man, dass fast alle grossen Wandmalereien Bildergeschichten des Alten Testaments, des Lebens Jesu und der Heiligen sind. Kunsthistoriker schneiden einen Ausschnitt heraus, drucken ihn in ein Buch und betiteln ihn Die Erschaffung Adams oder Das Letzte Abendmahl -- und schon gilt es nicht mehr als niedrig.

Dasselbe gilt im Osten: Die Wandmalereien der Ajanta-Hoehlen in Indien, die Bilder des Konfuzius -- das sind alles Bildergeschichten und zugleich Propaganda.

Das eindrucksvollste Beispiel ist der Franzose Gustave Dore, der beruehmte Illustrator der Goettlichen Komoedie, des Verlorenen Paradieses und des Don Quijote. Wer wuerde sagen, Dore sei kein Kuenstler?

Zuerst muss die Deutsche Kaethe Kollwitz genannt werden, mit ihren Serien Bauernkrieg, Der Krieg und Proletariat. Dann der Belgier Frans Masereel mit Die Idee, Mein Stundenbuch, Geschichte ohne Worte und anderen. All dies beweist: Bildergeschichten koennen nicht nur Kunst werden, sie sitzen bereits im Palast der Kunst.

Ich rate jungen Kunstschuelern nicht, grosse Oelgemaelde zu verschmaehen, aber ich hoffe, sie schaetzen Bildergeschichten und Buchillustrationen ebenso. Die Masse will sie sehen, die Masse ist dankbar!

(25. Oktober.)

Abschnitt 10

Beschimpfung und Einschuechterung sind niemals Kampf -- Ein Brief an den Herausgeber des Literarischen Monatsberichts

Lieber Bruder Qi Ying,

vorgestern erhielt ich die vierte Ausgabe des Literarischen Monatsberichts. Was mir ungenuegend erscheint, ist nicht, dass er nicht so bunt wie andere Zeitschriften waere, sondern dass er immer noch nicht gehaltvoller als frueher ist. Aber dass diesmal einige neue Autoren vorgestellt werden, ist ausgezeichnet.

Doch ein Gedicht von Herrn Yun Sheng hat mich sehr enttaeuscht. Dieses Gedicht ist offensichtlich nach der Lektuere eines satirischen Gedichts von Bedny in der vorigen Ausgabe entstanden. Bednys Gedicht enthaelt zwar eingestandenermaassen Boshaftigkeit, doch die staerkste Stelle ist immer noch nur spottender Tadel. Aber dieses Gedicht? Es enthaelt Beschimpfung, Einschuechterung und sinnlose Angriffe.

Besonders schlimm ist die Beschimpfung am Ende. In manchen Werken wird in Dialogen voellig unnoetig geschimpft, als sei ein Werk nur dann proletarisch, wenn genug Schimpfwoerter darin vorkommen. Tatsaechlich schimpfen gute Arbeiter und Bauern keineswegs so haeufig. Autoren sollten nicht das Verhalten von Shanghaier Rowdys auf sie uebertragen.

Dann folgen Drohungen wie Wassermelonen aufschneiden. Ich glaube, die proletarische Revolution dient der Selbstbefreiung und der Aufhebung der Klassen, nicht dem Toeten. Ein Dichter kann nicht mit seiner Feder ueber Leben und Tod urteilen.

Natuerlich ist auf der chinesischen Literaturbuehne seit jeher Verleumdung, Geruechtemacherei, Einschuechterung und Beschimpfung ueblich. Aber wir sollten dieses Erbe den Schosskuendchen-Literaten ueberlassen. Ein kaempferischer Autor sollte sich auf die Argumentation konzentrieren. Die Beschimpfung muss dort haltmachen, wo sie Satire wird, und muss gute Literatur sein -- damit der Feind dadurch verletzt oder getoetet wird, ohne dass der Autor niedrig handelt.

Ich hoffe sehr, dass solche Werke kuenftig im Literarischen Monatsbericht nicht mehr erscheinen.

Lu Xun. 10. Dezember.

Abschnitt 11

Vorwort zur Selbstgewaehlten Sammlung

Ich habe sehr wenige Buecher geschrieben, und sie verdienten kaum eine Auswahl. Aber was herausgekommen ist, sind ausnahmslos Reaktionen auf die Umstaende der Zeit -- Texte, die ohne die jeweilige Situation nicht entstanden waeren. Seit Anfang der Republik schrieb ich eine lange Zeit gar nichts und schaute nur zu. Es war nicht Schweigen aus tiefer Einsicht, sondern Schweigen aus tiefer Enttaeuschung. Spaeter spuerte ich, wie die Jahre vergingen, und fand, dass die Literatur der alten Welt mich zwar bewegte, meine eigene Lage aber nicht aenderte.

Die Zeitschrift Neue Jugend brachte mich schliesslich zum Schreiben. Mein erstes Werk war Tagebuch eines Verrueckten, und von da an hoerte ich nicht mehr auf. Wenn Leute fragen, was mich antrieb, war es wohl eine Mischung aus Aerger, Mitleid und dem Wunsch, die Jugend zu ermutigen.

1932, in meiner Shanghaier Wohnung.

Abschnitt 12

【Vorwort zu "Briefe zwischen zwei Orten"】

Dieses Buch ist folgendermaßen zusammengestellt worden.

Am fünften August 1932 erhielt ich einen Brief, unterzeichnet von Jiye, Jingnong und Congwu, in dem stand, dass Shuyuan am ersten August morgens um halb sechs im Pekinger Tongren-Krankenhaus seiner Krankheit erlegen sei. Die Freunde wollten seine hinterlassenen Schriften sammeln und ihm einen Gedenkband widmen; sie fragten, ob ich noch Briefe von ihm aufbewahrt hätte. Das ließ mir wahrhaftig das Herz zusammenkrampfen. Denn erstens hatte ich gehofft, er würde genesen, obwohl ich wusste, dass es wahrscheinlich nicht so kommen würde; zweitens hatte ich zwar gewusst, dass es ihm kaum besser gehen dürfte, doch bisweilen gar nicht daran gedacht — und womöglich all seine Briefe bereits vernichtet, jene Briefe, die er, auf sein Kissen gestützt, Zeichen für Zeichen geschrieben hatte.

Meine Gewohnheit bei gewöhnlicher Korrespondenz war es, Briefe sofort nach der Beantwortung zu vernichten, doch wenn sie Erörterungen oder Geschichten enthielten, hob ich sie oft auf. Erst in den letzten drei Jahren habe ich zweimal große Mengen verbrannt.

Vor fünf Jahren, als die Kuomintang ihre Säuberung durchführte, hörte ich in Kanton ständig, wie man wegen der Verhaftung von A in dessen Besitz einen Brief von B fand, daraufhin B verhaftete und bei B wiederum einen Brief von C entdeckte, worauf auch C verhaftet wurde — alle spurlos verschwunden. Von der alten Praxis der "Melonen-Ranken-Durchsuchung", bei der Verdächtige kettenweise verfolgt wurden, hatte ich zwar gehört, doch stets gemeint, dies gehöre der Vergangenheit an — bis die Tatsachen mich eines Besseren belehrten und ich klar erkannte, dass es ebenso schwer ist, ein Mensch der Gegenwart zu sein wie einer der alten Zeit. Dennoch blieb ich sorglos und nachlässig, bis ich 1930 die Erklärung der Freiheitsliga unterzeichnete und die Kuomintang-Parteileitung der Provinz Zhejiang beim Zentralkomitee die Verhaftung des "verkommenen Literaten Lu Xun und Genossen" beantragte. Bevor ich Haus und Hof verließ, kam mir plötzlich der Einfall, alle Briefe meiner Freunde zu verbrennen. Nicht um Spuren einer "Verschwörung" zu tilgen, sondern weil es sinnlos wäre, andere durch bloße Korrespondenz in Gefahr zu bringen — zumal in China jedermann weiß, wie furchtbar es ist, einmal mit den Behörden in Berührung zu kommen. Nachdem ich dieser Gefahr entronnen war und umgezogen hatte, häuften sich die Briefe wieder an, und ich wurde wieder nachlässig. Unversehens wurde im Januar 1931 Roushi verhaftet, und in seiner Tasche fanden sich Dinge mit meinem Namen — weshalb man, wie ich hörte, auch nach mir suchte. Natürlich blieb mir nichts anderes übrig, als abermals Haus und Hof zu verlassen, doch diesmal war der Einfall noch klarer: Selbstverständlich verbrannte ich zuallererst sämtliche Briefe.

Weil mir dies zweimal widerfahren war, machte ich mir Sorgen, als der Brief aus Peking kam — befürchtete, es wäre wohl nichts mehr da. Aber ich durchsuchte dennoch alle Koffer und Kästen und fand tatsächlich keine Spur. Von den Briefen der Freunde war kein einziger übrig; unsere eigenen Briefe hingegen tauchten auf. Nicht weil ich die eigenen Sachen für besonders wertvoll hielt, sondern weil damals die Zeit knapp war und die eigenen Briefe schlimmstenfalls nur auf einen selbst zurückfielen — deshalb hatte ich sie liegenlassen. Danach lagen diese Briefe zwanzig, dreißig Tage lang im Kreuzfeuer der Geschosse und blieben dennoch unversehrt. Dass einige fehlen, liegt vermutlich daran, dass ich damals nicht aufgepasst habe und sie schon früh verloren gingen, nicht an Amtsschikanen oder Kriegsverwüstungen.

Wenn ein Mensch sein ganzes Leben lang keinem Unglück begegnet, schenkt ihm niemand besondere Beachtung; wer aber im Gefängnis saß oder auf dem Schlachtfeld war, den betrachtet man, selbst wenn er durch und durch gewöhnlich ist, mit etwas anderen Augen. So erging es uns mit diesen Briefen. Zuvor hatte man sie achtlos am Kofferboden liegen lassen, doch jetzt, bei dem Gedanken, dass sie beinahe einen Prozess und Beschuss überstanden hatten, erschienen sie einem auf einmal irgendwie besonders, irgendwie liebenswert. In einer mückenreichen Sommernacht, in der man nicht ruhig schreiben konnte, ordneten wir sie ungefähr nach Datum, teilten sie nach den Orten in drei Bände und gaben dem Ganzen den Titel "Briefe zwischen zwei Orten".

Das heißt: Dieses Buch hat für uns selbst zeitweilig seinen Reiz, für andere hingegen nicht. Es enthält weder Liebes- noch Todesschwüre, weder Blumen- noch Mondlyrik; was den Stil betrifft, so haben wir nie "Meisterwerke der Briefkunst" oder "Anleitungen zum Briefschreiben" studiert, sondern einfach drauflos geschrieben, gegen alle literarischen Regeln verstoßend — die meisten davon gehörten in eine "Klinik für kranke Texte". Der Inhalt dreht sich um nichts anderes als Schulunruhen, persönliche Umstände, ob das Essen gut oder schlecht ist, ob das Wetter trüb oder heiter — und das Schlimmste ist, dass wir damals unter einem endlosen Vorhang lebten, in dem Licht und Dunkel nicht zu unterscheiden waren. Über eigene Angelegenheiten zu sprechen, war noch harmlos, doch sobald wir die Weltlage zu beurteilen versuchten, kamen wir unweigerlich ins Schleudern, weshalb alles Frohlockende heute, rückblickend betrachtet, größtenteils als Traumgerede erscheint. Wollte man diesem Buch durchaus eine Besonderheit zusprechen, so wäre es, denke ich, wohl seine Gewöhnlichkeit. So gewöhnliche Dinge haben andere vermutlich nicht, und selbst wenn, würden sie sie kaum aufheben — wir hingegen schon, und das allein muss man wohl auch als eine Art Besonderheit gelten lassen.

Erstaunlicherweise hat sich dann tatsächlich ein Verlag gefunden, der dieses Buch drucken wollte. Drucken? Bitte schön, das kann man ruhig gleichmütig hinnehmen; da es nun aber vor die Leser treten soll, muss ich noch zwei Klarstellungen anfügen, um Missverständnisse zu vermeiden. Erstens: Ich bin gegenwärtig Mitglied der Liga linker Schriftsteller. Nach der Werbung für Bücher zu urteilen, scheint es neuerdings so zu sein, dass, sobald ein Autor sich nach links wendet, auch seine früheren Werke aufstiegen und selbst sein Geschrei als Säugling der revolutionären Literatur zuzurechnen sei — doch für unser Buch gilt das nicht, es enthält keinerlei revolutionären Geist. Zweitens: Man hört oft sagen, Briefe seien die unverstelltesten, aufrichtigsten Texte. Doch auch das trifft auf mich nicht zu — egal an wen ich schreibe, anfangs bin ich stets oberflächlich und heuchlerisch; selbst in diesem Buch, bei heikleren Stellen, schrieb ich später oft absichtlich vage, denn wir lebten in einem Land, in dem "die örtlichen Behörden", die Post, der Rektor ... jederzeit Briefe kontrollieren konnten. Natürlich gibt es auch nicht wenige klare Worte.

Noch eines: Bei einigen Personennamen in den Briefen habe ich Änderungen vorgenommen, aus guten und schlechten Gründen, die verschieden sind. Nichts weiter — teils aus Sorge, andere könnten durch ihr Erscheinen in unseren Briefen Unannehmlichkeiten haben, teils einfach um mir selbst lästige Dinge wie ein weiteres "Warten auf die Verhandlung" zu ersparen.

Wenn ich auf die vergangenen sechs, sieben Jahre zurückblicke, dann gab es wahrhaftig nicht wenige Stürme um uns herum. Im unablässigen Ringen gab es solche, die uns halfen, solche, die uns Steine nachwarfen, solche, die uns verhöhnten und verleumdeten — doch wir bissen die Zähne zusammen und haben uns sechs, sieben Jahre lang durchs Leben gekämpft. In dieser Zeit sind die heimtückischen Verleumder allmählich selbst in noch dunklere Orte versunken, und von den wohlmeinenden Freunden sind bereits zwei nicht mehr unter den Lebenden: Shuyuan und Roushi. Wir widmen dieses Buch unserem eigenen Gedenken, als Dank an unsere wohlgesinnten Freunde, und hinterlassen es unserem Kind, damit es dereinst die wahren Umstände dessen kenne, was wir erlebt haben — die in Wirklichkeit ungefähr so waren.

Am sechzehnten Dezember 1932, Lu Xun.

Abschnitt 13

Zum Gruss an den chinesisch-russischen literarischen Austausch

Abschnitt 14

【Das Jahr 1933】

Das Jahr 1933 — während in Deutschland die Nationalsozialisten die Macht ergriffen und Europa in den Abgrund blickte, stürzte China immer tiefer in seine eigene Krise. Die japanische Aggression fraß sich durch die Mandschurei, die Kuomintang verschärfte ihre Unterdrückung, und Lu Xun, geächtet und doch unbezwingbar, schrieb weiter — schärfer, bitterer, hellsichtiger denn je.

Abschnitt 15

【Vom Hörensagen über Träume】

Träumen ist frei, über Träume zu reden ist es nicht. Träumen — da träumt man wahre Träume; über Träume reden — da kommt man kaum umhin zu lügen.

Am ersten Tag des neuen Jahres erhielt ich bereits eine Ausgabe der "Dongfang Zazhi" mit einer Neujahrs-Sondernummer. Am Ende fand sich die Rubrik "Neujahrsträume", in der nach dem "erträumten zukünftigen China" und dem "persönlichen Leben" gefragt wurde; über hundertvierzig Personen hatten geantwortet. Die Mühe des Redakteurs war mir klar: Da die freie Meinungsäußerung nicht möglich war, dachte er wohl, es sei besser, Träume erzählen zu lassen, und statt die vorgebliche Wahrheit zu hören, lieber die Wahrhaftigkeit des Traumgeschwätzes — ich blätterte erfreut hindurch und merkte, dass der Herr Redakteur grandios gescheitert war.

Noch bevor ich die Sondernummer erhalten hatte, traf ich auf einen der Einsender, der sie vor mir gesehen hatte und mir erzählte, seine Antwort sei von den Kapitalisten verfälscht und gestrichen worden — sein eigentlicher Traum sei gar nicht so gewesen. Daraus ersieht man: Obwohl die Kapitalisten den Menschen das Träumen noch nicht verbieten können, greifen sie doch ein, sobald ein Traum ausgesprochen wird, und gewähren keineswegs Freiheit, wenn es in ihrer Macht liegt. Allein das war schon eine gewaltige Niederlage für den Redakteur.

Doch lassen wir den Fall der verfälschten Träume beiseite und betrachten nur die niedergeschriebenen Traumlandschaften. Wie der Redakteur bemerkte, waren die Antwortenden fast ausnahmslos Intellektuelle. Zunächst einmal empfand ein jeder das Leben als unsicher; sodann träumten viele von einer besseren zukünftigen Gesellschaft — "Jeder nach seinen Fähigkeiten!", "Eine Welt der Großen Harmonie!" — mit beträchtlichem Anflug von "Übertretung" (die letzten drei Sätze habe ich hinzugefügt; der Redakteur hat sie nicht gesagt).

Doch dann verfiel er in eine Art "Naivität": Er hatte sich irgendwo eine Theorie angelesen und teilte die über hundert Träume in zwei große Kategorien, wobei er erklärte, jene Träume von einer besseren Gesellschaft seien Träume, die "dem Weg dienen" — "Häresie" —, während der orthodoxe Traum "den Willen ausdrücken" solle. Er machte den "Willen" gewaltsam zu etwas Hohlem und Leeren. Doch als Konfuzius sprach: "Warum erzählt nicht jeder von seinem Streben?" und am Ende Zengdian zustimmte, geschah dies gerade deshalb, weil dessen "Streben" dem "Weg" des Konfuzius entsprach.

In Wahrheit waren die Träume, die der Redakteur als "dem Weg dienend" betrachtete, darin recht selten vertreten. Die Texte waren im wachen Zustand geschrieben, und die Fragen ähnelten einem "psychologischen Test", was dazu führte, dass die Antwortenden zwangsläufig Träume produzierten, die jeweils zu ihrem gegenwärtigen Beruf, ihrer Stellung, ihrem Status passten (die bereits zensierten natürlich ausgenommen); selbst wenn sie auf den ersten Blick noch so sehr "dem Weg zu dienen" schienen, war eine Absicht der "Propaganda" für eine bessere zukünftige Gesellschaft nicht vorhanden. Zwar träumte mancher davon, "dass alle zu essen haben", mancher von einer "klassenlosen Gesellschaft", mancher von einer "Welt der Großen Harmonie" — doch nur wenige träumten von dem Klassenkampf vor dem Aufbau einer solchen Gesellschaft, vom weißen Terror, von Bombardements, Massakern, dem Einflößen von Pfefferwasser in die Nase, von Elektrofolter... Träumt man nicht von alledem, so wird die bessere Gesellschaft nicht kommen; wie strahlend man auch schreibt, am Ende bleibt es ein Traum, ein leerer Traum, und wenn man ihn ausspricht, führt man die Menschen nur in diese leere Traumlandschaft hinein.

Doch es gibt Menschen, die diese "Traum"-Landschaft verwirklichen wollen — sie reden nicht, sondern handeln, träumen von der Zukunft und arbeiten an der Gegenwart, die zu dieser Zukunft führen soll. Weil diese Tatsache besteht, können viele Intellektuelle nicht umhin, Träume zu äußern, die wie "dem Weg dienend" klingen, doch in Wahrheit nicht "dem Weg dienen", sondern vom "Weg getragen" werden — wollte man es knapp formulieren, müsste man sagen, sie sind "weg-getragen".

Warum werden sie "vom Weg getragen"? Die Antwort lautet: Wegen des gegenwärtigen und zukünftigen Problems des Essens, nichts weiter.

Wir sind noch immer an alte Denkweisen gefesselt — sobald man vom Essen spricht, fühlt man sich der Vulgarität nahe. Doch ich habe nicht die geringste Absicht, die antwortenden Damen und Herren herabzusetzen. Der Redakteur der "Dongfang Zazhi" zitierte in seinen "Nachgedanken" Freuds Ansicht, wonach der "orthodoxe" Traum "die geheimen Wünsche des Herzens offenbart, ohne gesellschaftliche Funktion". Doch Freud sah die Verdrängung als Wurzel des Traumes — warum aber wird der Mensch verdrängt? Das steht im Zusammenhang mit der Gesellschaftsordnung, mit Sitten und dergleichen. Allein zu träumen ist harmlos; doch sobald man davon spricht, fragt, analysiert, wird es heikel. Daran hat der Redakteur nicht gedacht — und ist prompt gegen den roten Stift der Kapitalisten gelaufen. Aber die Anwendung der "Verdrängungstheorie" zur Deutung von Träumen dürfte wohl kaum mehr jemandem übel aufstoßen.

Allerdings hatte Freud vermutlich ein paar Groschen und einen vollen Bauch, weshalb er die Schwierigkeit des Essens nicht spürte und nur auf den Sexualtrieb achtete. Viele Menschen befanden sich in derselben Lage und klatschten daher begeistert Beifall. Gewiss, er hat uns auch gelehrt, dass Töchter mehr den Vater lieben und Söhne mehr die Mutter — eben wegen des jeweils anderen Geschlechts. Doch ein Säugling spitzt, kaum geboren, gleich ob Junge oder Mädchen, die Lippen und dreht den Kopf hin und her. Will er etwa das andere Geschlecht küssen? Nein — jeder weiß es: Er will essen!

Das Fundament des Hungertriebs liegt in Wahrheit noch tiefer als das des Geschlechtstriebs. In einer Zeit, da man in aller Öffentlichkeit von "Geliebten" schwärmt und "Liebesbriefe" schreibt, ohne dies als peinlich zu empfinden, brauchen auch wir uns nicht zu scheuen, vom Essen zu reden. Weil es ein wacher Traum ist, enthält er unvermeidlich etwas Unwahres; weil das Thema schließlich "Traumwünsche" lautet und wir, wie der Herr Redakteur sagt, "materielle Bedürfnisse weit mehr als geistige Bestrebungen" haben, nutzen wir die Gelegenheit, da die Aufsicht der Censors (ebenfalls ein freudianischer Ausdruck) aufgehoben scheint, und enthüllen einen Teil davon. Im Grunde ist es auch ein "Plakatieren und Parolen-Rufen im Traum", nur eben nicht auf aktive Weise — und manches steht vielleicht sogar im Widerspruch zu den "Parolen" an der Oberfläche.

Die Zeiten wandeln sich derart, die Reisschüssel ist so schwer zu füllen — denkt man an Gegenwart und Zukunft, können manche Menschen eben nur auf diese Weise träumen. Als Angehörige derselben Klasse des Kleinbürgertums (obwohl einige mich als "feudales Überbleibsel" oder "einheimischen Bourgeois" bezeichnen, ordne ich mich einstweilen dieser Klasse zu) verstehen wir einander durchaus stillschweigend — doch es besteht kein Grund, dies zu verschweigen.

Was jene betrifft, die davon träumen, Eremiten zu werden, Fischer oder Holzfäller, und deren Träume ihrem wahren Wesen überhaupt nicht entsprechen — auch sie ahnen nur voraus, dass die Reisschüssel zerbrechlich ist, und wollen das Gebiet der Nahrungsaufnahme erweitern, vom Hof bis zum Garten, vom Handelsplatz bis zum Bergland und zur Wildnis. Ihre Ambitionen reichen weit über die zuvor genannten hinaus, doch davon will ich hier nicht weiter sprechen.

(1. Januar.)

Abschnitt 16

【Über das "In-die-Gefahr-Stürzen" und das "Vor-der-Gefahr-Fliehen"】

— Ein Brief an den Redakteur der "Taosheng"

Herr Redakteur,

ich lese regelmäßig die "Taosheng" und rufe oft "Bravo!" Doch als ich diesmal den Artikel von Herrn Zhou Muzhai las, "Über das Schimpfen und das Sich-selbst-Schimpfen", worin er den Studenten in Beiping vorhält, sie hätten "wenn sie schon nicht in die Gefahr stürzen können, zumindest nicht vor der Gefahr fliehen" sollen, und er das Erlöschen des kämpferischen Geistes der Bewegung vom 4. Mai beklagt — da saß es mir wie eine Gräte im Hals, und ich konnte nicht umhin, ein paar Worte zu sagen. Denn ich vertrete die Herrn Zhous Forderung genau entgegengesetzte Meinung: Wer nicht in die Gefahr stürzen kann, der soll vor ihr fliehen — ich gehöre zur "Partei der Fliehenden".

Herr Zhou "argwöhnt" am Ende seines Artikels, "dies sei die Erfüllung der Umbenennung von Beijing in Beiping". Ich denke, das stimmt zur Hälfte. Das damalige Beijing trug noch die Maske der "Republik", und studentischer Lärm hatte keine schlimmen Folgen; der damalige Machthaber war Duan Qirui, dem gestern von achtzehn Shanghaier Vereinigungen ein "Großer Empfang" gegeben wurde — er war zwar ein Militarist, hatte aber noch nicht Mussolinis Biographie gelesen. Aber dann — seht her — kam es: Bei einer Gelegenheit feuerte man einfach drauflos auf die petitionierenden Studenten, und die Soldaten zielten am liebsten auf Studentinnen — was sich psychoanalytisch durchaus erklären lässt —, besonders auf Studentinnen mit kurzem Haar, was sich wiederum mit der Lehre von der Sittenordnung erklären lässt. Kurzum, einige "eifrige Studenten" starben. Aber man konnte noch Gedenkfeiern abhalten; man konnte noch an der Regierung vorbeidefilieren und "Nieder mit Duan Qirui!" rufen. Warum? Weil damals noch die Maske der "Republik" hing. Aber dann — seht her — kam es wieder: Professor Chen Yuan, heute ein Großprofessor der Partei-Nation, beklagte in der "Xiandai Pinglun" die toten Studenten und sagte, sie hätten ihr Leben bedauerlicherweise für ein paar Rubel geopfert; als das "Yusi" ein paar Einwände erhob, veröffentlichte Tang Youren, heute ein Würdenträger der Partei-Nation, in der "Jingbao" einen Brief, wonach diese Äußerungen und Handlungen auf Befehle Moskaus zurückgingen. Dies hatte bereits den Beigeschmack von Beiping.

Später gelang der Nordfeldzug, Beijing wurde zur Partei-Nation, und die Studenten traten in die Ära des Forschungszimmers ein — der Stil des 4. Mai war vorbei. Warum? Weil er leicht von der "Reaktion" ausgenutzt werden konnte. Um diese schlechte Angewohnheit zu korrigieren, haben unsere Regierung, unser Militär, unsere Gelehrten, unsere Literaten, unsere Polizei und unsere Spitzel wirklich nicht wenig Mühe aufgewendet. Durch Erlasse, durch Schwert und Gewehr, durch Zeitungen und Bücher, durch Drill, durch Verhaftung, durch Verhör — bis im letzten Jahr die Petitionierenden, die starben, allesamt "von selbst ausgerutscht und ins Wasser gefallen" waren, ohne dass auch nur eine Gedenkfeier abgehalten wurde — erst da zeigte sich die Wirkung der neuen Erziehung.

Wenn die Japaner nicht weiter den Shanhaiguan angreifen, so denke ich, wäre Ruhe im Land — "erst im Innern befrieden, dann nach außen verteidigen". Doch bedauerlicherweise kommt die äußere Bedrohung ein wenig zu schnell, ein wenig zu häufig — weil die Japaner einfach keine Rücksicht auf die chinesischen Herren nehmen —, und dies hat auch Herrn Zhous Vorwürfe hervorgerufen.

Nach Herrn Zhous Auffassung wäre es am besten, "in die Gefahr zu stürzen". Das aber ist schwer. Hätte man zuvor organisiert, ausgebildet, und riefen nach hartem Kampf der Frontsoldaten die Generäle wegen Personalmangels zum Dienst, dann sollte man natürlich gehen. Aber nach den Tatsachen des vergangenen Jahres konnte man nicht einmal umsonst Eisenbahn fahren, und was man gelernt hatte, war Schuldrecht, türkische Literaturgeschichte, das kleinste gemeinsame Vielfache und dergleichen. Gegen Japan zu kämpfen — da würde man gewiss unterliegen. Die Studenten haben sich bereits mit chinesischen Soldaten und Polizisten geschlagen, doch sie "rutschten von selbst aus und fielen ins Wasser". Wenn schon die chinesischen Soldaten und Polizisten keinen Widerstand leisten, können es die Studenten? Wir haben zwar auch viele pathetische Gedichte gesehen — über die Verstopfung feindlicher Kanonen mit Leichen, über das Verkleben japanischer Schwerter mit heißem Blut —, aber, mein Herr, das ist "Dichtung"! Die Wirklichkeit ist anders: Man stirbt unbedeutender als eine Ameise, stopft keine Kanone und verklebt kein Schwert. Konfuzius sprach: "Ein unausgebildetes Volk in den Kampf zu schicken, heißt es preisgeben." Ich bete Konfuzius nicht in allen Dingen an, doch dieses Wort halte ich für richtig. Auch ich bin einer von denen, die dagegen sind, dass Studenten "in die Gefahr stürzen".

Wie steht es dann mit dem "Nicht-Fliehen"? Auch dagegen bin ich entschieden. Gewiss, gegenwärtig ist "der Feind noch nicht da", aber wenn er kommt — werden die Studenten dann mit bloßen Händen stehen, den Feind beschimpfen und sterben, oder sich in ihren Zimmern verstecken und auf Verschonung hoffen? Die erste Option, denke ich, wäre eindrucksvoller, und man könnte später ein Märtyrerbuch daraus machen. Doch der großen Sache wäre dennoch nicht geholfen; ob einer oder hunderttausend, man könnte höchstens dem "Völkerbund" noch einmal Bericht erstatten. Im letzten Jahr wurde die Heldenhaftigkeit bestimmter Helden der 19. Armee bei der Feindbekämpfung begeistert geschildert, weshalb man die große Tatsache vergaß, dass die gesamte Front hundert Li zurückgenommen worden war — aber China hatte in Wahrheit verloren. Und die Studenten haben nicht einmal Waffen. In Chinas Zeitungen werden jetzt ausführlich die Grausamkeiten von "Mandschukuo" angeprangert — das Verbot, privat Waffen zu besitzen. Aber wenn ein Bürger der großen Republik China versuchen würde, auch nur eine Verteidigungswaffe aufzubewahren, wäre er samt Familie ruiniert — das, mein Herr, kann "leicht von der Reaktion ausgenutzt werden".

Gibt man eine Erziehung nach Art von Löwe und Tiger, so können sie ihre Klauen und Zähne gebrauchen; gibt man eine Erziehung nach Art von Rind und Schaf, so können sie in höchster Not wenigstens ihr armseliges Hörnerpaar einsetzen. Doch was für eine Erziehung haben wir gegeben? Nicht einmal ein kleines Horn ist erlaubt — und wenn die große Not kommt, bleibt nichts als hasengleiche Flucht. Natürlich ist auch die Flucht nicht unbedingt sicher — niemand weiß einen sicheren Ort zu nennen, denn überall haben sich Jagdhunde vermehrt. Das Buch der Lieder sagt: "Das flinke Kaninchen rennt und rennt — doch den Hund trifft es dennoch." Darum sind unter den sechsunddreißig Strategemen die Beine immer noch die beste Strategie.

Kurzum, meine Meinung ist: Wir dürfen die Studenten weder zu hoch einschätzen noch zu streng tadeln. China kann sich nicht allein auf Studenten stützen; nach der Flucht aber sollten die Studenten darüber nachdenken, wie sie es künftig vermeiden können, nur zu fliehen — sie sollten die Dichtung verlassen und den Boden der Wirklichkeit betreten.

Doch ich weiß nicht, was Sie davon halten, mein Herr? Könnten Sie dies in der "Taosheng" veröffentlichen, als einen Beitrag zur Diskussion? Ich warte auf Ihre Entscheidung und grüße Sie

mit den besten Wünschen.

Luo Wu, mit Verbeugung.

Am Abend des 28. Januar.

Nachtrag: Ich höre soeben, dass vor etwa zehn Tagen in Beiping über fünfzig Studenten wegen einer Versammlung verhaftet wurden. Daraus sieht man, dass es noch welche gibt, die nicht geflohen sind — doch die Anklage lautet "Vorwand des Widerstands gegen Japan, Absicht der Subversion". Auch das zeigt: Selbst wenn "der Feind noch nicht da ist", spricht vieles für die "Flucht".

Nachtrag vom 29. Januar.

Abschnitt 17

【Studenten und der Jade-Buddha】

Am 28. Januar berichtete ein Extrablatt des "Shenbao" in einem Telegramm aus Beiping vom 27.: "Die Altertümer aus dem Palastmuseum werden unverzüglich verladen; die Eisenbahnlinien Beiping-Liaoning und Beiping-Hankou haben bereits den Befehl erhalten, Waggons bereitzustellen. Auch der Jade-Buddha aus der Tuancheng soll in den Süden transportiert werden."

Am 29. brachte ein weiteres Extrablatt ein Telegramm des Zentralen Nachrichtendienstes vom 28. mit einem Erlass des Bildungsministeriums an die Universitäten in Beiping, der ungefähr lautete: "Den Zeitungsberichten zufolge haben in der kritischen Lage am Shanhaiguan-Pass Studenten der Pekinger Universitäten vielfach Prüfungen geschwänzt oder die Ferien vorzeitig angetreten. Nach gründlicher Untersuchung haben sich diese Berichte als zutreffend erwiesen. Universitätsstudenten sind tragende Säulen der Nation — wie können sie sich grundlos in Panik versetzen lassen und die Schulordnung untergraben! Dass die Universitätsleitungen keinerlei Meldung erstattet haben, grenzt an Duldung und ist ebenso tadelnswert. Die betreffenden Hochschulen werden angewiesen, unverzüglich über die Prüfungsflucht und vorzeitige Ferienregelungen detailliert Bericht zu erstatten und zugleich das Datum des Vorlesungsbeginns im nächsten Semester zu melden."

Am 30. las der "verkommene Literat" Herr Zhou Dongxuan dies und verfasste seufzend ein Gedicht:

Verlassen steht die leere Stadt, in Hast verfrachtet man Antiquitäten. Die Herren oben prahlen groß, doch als "Stütze" dient das Fußvolk. Wie könnt ihr sagen, die Furcht sei grundlos? Die Fliehenden verdienen nur Mitleid — Beklagenswert, dass wir keine Jade-Buddhas sind: nicht einen Heller wert.

Abschnitt 18

【Zum Gedenken an das Vergessen】

I

Schon lange wollte ich einige Worte niederschreiben, um das Andenken einiger junger Schriftsteller zu bewahren. Nicht aus irgendeinem besonderen Grund — nur weil mich seit zwei Jahren die Bitterkeit und der Zorn immer wieder überfielen und bis heute nicht nachgelassen haben. Ich möchte mich gleichsam aufrappeln und die Trauer abschütteln, mir selbst ein wenig Erleichterung verschaffen — geradeheraus gesagt: Ich will sie endlich vergessen können.

Vor zwei Jahren um diese Zeit, in der Nacht des 7. Februar oder am Morgen des 8. Februar 1931, wurden unsere fünf jungen Schriftsteller gleichzeitig ermordet. Damals wagte keine Shanghaier Zeitung, darüber zu berichten, oder vielleicht wollte sie es auch nicht, oder hielt es für unter ihrer Würde; nur in den "Wenyi Xinwen" fand sich ein vage gehaltener Artikel. In der elften Nummer (vom 25. Mai) gab es einen Beitrag von Herrn Lin Mang mit dem Titel "Eindruck von Bai Mang", in dem es hieß:

"Er schrieb eine ganze Reihe von Gedichten und übersetzte auch einige Gedichte des ungarischen Dichters Petöfi. Der damalige Herausgeber von 'Benliu', Lu Xun, schrieb ihm nach Erhalt seiner Einsendung einen Brief, in dem er sich mit ihm treffen wollte, doch er war einer, der keine berühmten Leute sehen wollte. Am Ende war es Lu Xun selbst, der ihn aufsuchte und ihn nachdrücklich zu literarischer Arbeit ermutigte, doch er konnte sich schließlich nicht ins Dachkämmerchen setzen und schreiben und ging wieder seinen Weg. Nicht lange danach wurde er abermals verhaftet..."

Die hier über uns berichteten Dinge stimmen allerdings nicht ganz. Bai Mang war keineswegs so hochnäsig — er war durchaus bei mir zu Hause gewesen; aber er kam auch nicht, weil ich ihn zu sehen verlangt hatte. Auch ich war nicht so hochnäsig, einem völlig unbekannten Einsender leichtfertig zu schreiben und ihn zu mir zu bestellen. Der Anlass unserer Begegnung war ganz gewöhnlich: Was er eingesandt hatte, war die aus dem Deutschen übersetzte "Petöfi-Biographie"; ich schrieb ihm, um den Originaltext zu erbitten. Der Originaltext stand im Vorwort des Gedichtbandes, und da es umständlich gewesen wäre, ihn per Post zu schicken, brachte er ihn persönlich. Er war ein junger Mann in den Zwanzigern, mit regelmäßigen Gesichtszügen und dunklem Teint. An unser damaliges Gespräch erinnere ich mich nicht mehr; ich weiß nur noch, dass er sagte, er heiße Xu und stamme aus Xiangshan. Ich fragte ihn, warum die Dame, die seine Post entgegennahm, einen so merkwürdigen Namen trage (wie merkwürdig, habe ich inzwischen ebenfalls vergessen); er sagte, sie liebe es nun einmal, sich solch sonderbare Namen zu geben — romantisch eben —, und er selbst käme auch nicht mehr recht mit ihr aus. Mehr ist davon nicht geblieben.

Abends verglich ich die Übersetzung flüchtig mit dem Original und stellte fest, dass es neben einigen Übersetzungsfehlern auch eine absichtliche Verfälschung gab. Er schien das Wort "Nationaldichter" nicht zu mögen und hatte es durchweg in "Volksdichter" geändert. Am nächsten Tag erhielt ich einen Brief von ihm, in dem er sagte, er bereue unsere Begegnung sehr — er habe zu viel geredet, ich zu wenig, und ich sei kalt gewesen, als hätte er eine Art Druck verspürt. Ich schrieb einen Antwortbrief zur Erklärung: Bei einer ersten Begegnung wenig zu reden sei durchaus menschlich; und ich teilte ihm mit, er dürfe das Original nicht nach eigenem Gutdünken abändern. Da sein Buch bei mir geblieben war, schenkte ich ihm zwei Bände aus meiner Sammlung und fragte, ob er noch einige Gedichte übersetzen könne, damit die Leser sie zum Vergleich hätten. Tatsächlich übersetzte er einige und brachte sie persönlich vorbei, und wir sprachen etwas mehr als beim

Abschnitt 19

erste Mal. Diese Biographie und die Gedichte erschienen dann im zweiten Jahrgang, fünften Heft des "Benliu" — das zugleich das letzte Heft war.

Bei unserer dritten Begegnung — ich erinnere mich, es war an einem heißen Tag — klopfte jemand an die Tür. Als ich öffnete, war es Bai Mang, doch er trug einen dicken wattierten Mantel, schweißüberströmt — wir mussten beide unwillkürlich lachen. Erst jetzt erzählte er mir, er sei ein Revolutionär, gerade aus der Haft entlassen; seine Kleider und Bücher seien allesamt beschlagnahmt worden, auch die beiden Bände, die ich ihm geschenkt hatte. Den Mantel, den er trug, hatte er sich von einem Freund geliehen — er besaß kein Übergangskleid, musste aber lange Kleidung tragen, und so schwitzte er eben. Ich nehme an, das war jene Verhaftung, die Herr Lin Mang als sein "nochmaliges Verhaftetwerden" bezeichnete.

Ich war sehr froh über seine Freilassung und zahlte ihm eilig das Honorar, damit er sich eine leichte Jacke kaufen konnte; zugleich aber trauerte ich um meine beiden Bücher: In die Hände der Polizei gefallen — das war, als werfe man Perlen in die Finsternis! Die beiden Bücher waren eigentlich ganz gewöhnlich — ein Prosaband und ein Gedichtband. Nach Auskunft des deutschen Übersetzers hatte er sie zusammengetragen, und selbst in Ungarn gab es noch keine so vollständige Ausgabe; doch da sie in "Reclams Universal-Bibliothek" erschienen waren, konnte man sie in Deutschland überall bekommen, und sie kosteten nicht einmal eine Mark. Für mich aber waren sie ein Schatz, denn ich hatte sie dreißig Jahre zuvor, als ich gerade Petöfi glühend verehrte, eigens über die Buchhandlung Maruzen aus Deutschland bestellt — damals fürchtete ich noch, der Buchhändler werde sich wegen des geringen Preises weigern, den Auftrag anzunehmen, und sprach höchst zaghaft vor. Später trug ich sie meist bei mir, doch die Begeisterung hatte mit den Umständen nachgelassen, und ich dachte nicht mehr ans Übersetzen. Diesmal beschloss ich sie diesem jungen Mann zu schenken, der Petöfis Dichtung ebenso glühend liebte wie ich damals — ich wollte ihnen einen guten Platz verschaffen. Darum ließ ich sie feierlich durch Roushi persönlich überbringen. Wer hätte gedacht, dass sie in die Hände von "Dreistreifen"-Polizisten und dergleichen fallen würden — war das nicht ein Jammer!

II

Dass ich es grundsätzlich vermied, Einsender persönlich zu treffen, lag nicht nur an Bescheidenheit; ein guter Teil Bequemlichkeit spielte durchaus mit. Aus langjähriger Erfahrung wusste ich, dass junge Leute, besonders Literaturjünglinge, in neun von zehn Fällen überaus empfindlich und überaus stolz sind — ein Augenblick der Unachtsamkeit, und man wird leicht missverstanden; deshalb wich ich ihnen öfter absichtlich aus. Mich zu treffen scheute ich schon; umso weniger wagte ich, jemandem etwas anzuvertrauen. Doch damals hatte ich in Shanghai einen einzigen Menschen, mit dem ich nicht nur unbefangen plaudern, sondern dem ich sogar private Angelegenheiten auftragen konnte — und das war Roushi, der die Bücher zu Bai Mang brachte.

Wann und wo ich Roushi zum ersten Mal begegnete, weiß ich nicht mehr. Er sagte wohl einmal, er habe in Peking meine Vorlesungen gehört — dann müsste es acht oder neun Jahre zurückliegen. Auch weiß ich nicht mehr, wie wir in Shanghai den Kontakt aufnahmen; jedenfalls wohnte er damals in der Jingyun-Gasse, nur vier oder fünf Häuser von meiner Wohnung entfernt, und irgendwie ergab es sich, dass wir einander besuchten. Wahrscheinlich erzählte er mir gleich beim ersten Mal, sein Familienname sei Zhao und sein Vorname Pingfu. Doch einmal erzählte er auch von der Überheblichkeit der Honoratioren in seiner Heimat: Ein Herr dort habe seinen Namen für gut befunden und ihn für seinen Sohn verwenden wollen, woraufhin er ihn bat, diesen Namen nicht mehr zu führen. Darum vermute ich, dass sein ursprünglicher Name "Pingfu" war — "friedlich und glücklich" —, was genau dem Geschmack der Landadeligen entsprach, während sie sich für das Zeichen "fu" (im Sinne von "wiederherstellen") kaum so begeistert hätten. Seine Heimat war Ninghai im Bezirk Taizhou — das erkannte man sofort an seiner taizhou-typischen Starrköpfigkeit; und er hatte auch etwas leicht Pedantisches an sich, so dass mir bisweilen Fang Xiaoru in den Sinn kam — als hätte auch der ein wenig so ausgesehen.

Er verbarg sich in seiner Wohnung und befasste sich mit Literatur — er schrieb Eigenes und übersetzte. Nach vielen Tagen des Umgangs kamen wir uns näher, und so verabredeten wir uns mit einigen gleichgesinnten jungen Leuten und gründeten die "Zhaohua-Gesellschaft". Ihr Ziel war die Vermittlung osteuropäischer und nordeuropäischer Literatur und die Einführung ausländischer Druckgrafik, denn wir alle meinten, man solle eine kraftvolle, schlichte Literatur und Kunst fördern. Dann druckten wir das "Zhaohua-Zehntageblatt", die "Sammlung moderner Kurzgeschichten der Welt", die "Morgenblüten im Kunstgarten" — alles folgte dieser Linie; nur einer der Bände, eine Auswahl von Tsuguharu-Zeichnungen, war gedruckt worden, um die "Künstler" des Shanghaier Marktes zu entlarven, nämlich den Papiertiger Ye Lingfeng zu durchstechen.

Roushi selbst hatte aber kein Geld; er lieh sich über zweihundert Yuan, um die Druckkosten zu bestreiten. Außer dem Papierkauf erledigte er den größten Teil der Manuskriptarbeit und der Laufereien selbst — zur Druckerei rennen, Illustrationen anfertigen, Korrektur lesen und dergleichen. Doch oft ging etwas schief, und wenn er davon sprach, runzelte er die Stirn. Betrachtet man seine früheren Werke, so sind sie durchaus pessimistisch im Ton; doch in Wirklichkeit war er das keineswegs — er glaubte an das Gute im Menschen. Wenn ich manchmal darüber sprach, wie Menschen einander betrügen, wie sie ihre Freunde verraten, wie sie Blut saugen, dann leuchtete seine Stirn feucht, und er riss überrascht und ungläubig seine kurzsichtigen Augen auf und protestierte: "Kann das wirklich so sein? — So schlimm wird es doch nicht sein?..."

Doch die Zhaohua-Gesellschaft ging bald ein. Ich will die Gründe nicht ausbreiten; kurzum, Roushis idealistischer Kopf prallte gegen einen großen Nagel. Die Kraft war umsonst aufgewandt — und obendrein musste er sich noch hundert Yuan leihen, um die Papierrechnung zu bezahlen. Danach wurde sein Zweifel an meiner These von der "Gefährlichkeit des Menschenherzens" geringer, und zuweilen seufzte er: "Kann das wirklich so sein?..." Doch er glaubte noch immer an das Gute im Menschen.

Daraufhin versuchte er einerseits, die noch verbliebenen Bücher der Zhaohua-Gesellschaft, die ihm zustanden, an die Buchhandlungen "Mingri" und "Guanghua" zu verkaufen, in der Hoffnung, noch ein paar Groschen zurückzubekommen, und warf sich andererseits mit aller Kraft auf das Übersetzen, um die Schulden abzutragen — das war die "Sammlung dänischer Kurzgeschichten", die er an den Commercial Press verkaufte, und Gorkis langer Roman "Das Unternehmen der Artamonows". Doch ich vermute, diese Manuskripte sind letztes Jahr im Kriegsfeuer verbrannt.

Seine Pedanterie begann sich allmählich zu ändern; am Ende wagte er es sogar, zusammen mit weiblichen Landsleuten oder Freundinnen auf der Straße zu gehen — doch der Abstand betrug stets mindestens drei oder vier Fuß. Diese Methode war nicht gut: Wenn ich ihn auf der Straße traf und drei oder vier Fuß vor oder neben ihm eine junge, hübsche Frau ging, vermutete ich schon, sie sei seine Freundin. Wenn er aber mit mir zusammen ging, hielt er sich dicht neben mir — er stützte mich geradezu, aus Angst, ich könnte von einem Auto oder einer Straßenbahn überfahren werden. Ich wiederum machte mir wegen seiner Kurzsichtigkeit, die ihn daran hinderte, gleichzeitig auf andere zu achten, Sorgen — wir waren beide in heller Aufregung und in Sorge den ganzen Weg, weshalb ich, wenn es nicht unbedingt nötig war, nicht gern mit ihm zusammen ausging. Es war mir geradezu beschwerlich, ihn sich abmühen zu sehen, und ich mühte mich dann selbst ab.

Ob nach alter Moral oder nach neuer — solange es etwas war, das ihm selbst schadete und anderen nützte, wählte er es aus und lud es sich auf den Rücken.

Schließlich änderte er sich entschlossen. Einmal sagte er mir klar und offen, von nun an müsse er Inhalt und Form seiner Werke umstellen. Ich sagte: Das wird wohl schwer — wenn einer es gewohnt ist, mit dem Messer umzugehen, und nun soll er den Stock schwingen, wie soll das gehen? Er antwortete knapp: Man muss es eben lernen!

Er sprach keine leeren Worte — er begann tatsächlich von Neuem zu lernen. Damals brachte er einmal eine Freundin mit, die mich besuchte — das war Frau Feng Keng. Nach einigen Tagen Gespräch blieb sie mir dennoch fremd. Ich argwöhnte, sie sei etwas romantisch veranlagt, allzu eifrig nach Erfolgen strebend; ich argwöhnte auch, dass Roushis neuerlicher Wunsch, große Romane zu schreiben, auf ihre Anregung zurückging. Doch dann argwöhnte ich mich selbst — vielleicht hatte Roushis früheres entschiedenes "Man muss es eben lernen!" gerade den wunden Punkt meiner eigentlich nur bequemen Einstellung getroffen, und so hatte ich meinen Unmut unbewusst auf sie übertragen. — In Wahrheit war ich um nichts besser als die nervösen, selbstbewussten Literaturjünglinge, die zu treffen ich scheute.

Ihre Konstitution war schwach, und sie war auch nicht hübsch.

III

Erst nach der Gründung der Liga linker Schriftsteller erfuhr ich, dass der Bai Mang, den ich kannte, der Dichter Yin Fu aus dem "Tuohuangzhe" war. Bei einer Versammlung wollte ich ihm ein deutsches Buch mitbringen — den Reisebericht eines amerikanischen Journalisten über China —, nicht mit tieferer Absicht, sondern nur, damit er sein Deutsch üben konnte. Doch er kam nicht. So musste ich wieder Roushi darum bitten.

Aber kurz darauf wurden sie beide zusammen verhaftet, und mein Buch wurde abermals beschlagnahmt und fiel in die Hände von "Dreistreifen"-Leuten und dergleichen.

Abschnitt 20

Das erste Mal lautete er folgendermaßen:

"Ich und fünfunddreißig Mitgefangene (sieben Frauen) sind gestern nach Longhua gekommen. Und gestern Nacht wurden uns Fesseln angelegt — ein Novum für politische Gefangene, die bisher nie gefesselt wurden. Dieser Fall hat zu viele Personen in Mitleidenschaft gezogen; ich werde wohl eine Weile nicht freikommen können. Bitte kümmere Dich für mich um die Angelegenheiten der Buchhandlung. Jetzt geht es mir auch gut; ich lerne bei Bruder Yin Fu Deutsch. Dies bitte Herrn Zhou mitteilen; Herr Zhou möge sich keine Sorgen machen, wir sind nicht gefoltert worden. Die Polizei und das Amt für öffentliche Sicherheit haben mehrmals nach der Adresse von Herrn Zhou gefragt, doch woher sollte ich die kennen? Bitte sorgt Euch nicht um uns. Seid gegrüßt!

Zhao Shaoxiong, 24. Januar."

Das war die Vorderseite.

"Blechschüsseln werden gebraucht, zwei oder drei Stück.

Falls ein Treffen nicht möglich ist, bitte die Sachen

an Zhao Shaoxiong weiterleiten."

Das war die Rückseite.

Seine Haltung war unverändert: Er wollte Deutsch lernen, sich noch mehr anstrengen; und er dachte noch immer an mich, wie damals beim Spazierengehen auf der Straße. Doch einige Aussagen in seinem Brief waren irrig — dass politische Gefangene gefesselt wurden, begann keineswegs erst mit ihnen; er hatte die Behörden stets zu hoch eingeschätzt, im Glauben, dass die Zivilisation so weit fortgeschritten sei, dass erst bei ihnen mit der Strenge begonnen werde. In Wirklichkeit war dem nicht so. Tatsächlich war der zweite Brief schon ganz anders, in äußerst jämmerlichen Worten verfasst; auch hieß es, Frau Fengs Gesicht sei ganz aufgedunsen — leider habe ich diesen Brief nicht abgeschrieben. Gleichzeitig wurden die Gerüchte immer zahlreicher: Manche sagten, er könne freigekauft werden; andere, er sei bereits nach Nanjing überführt worden — keine verlässliche Nachricht. Auch die Anfragen nach Neuigkeiten über mich per Brief und Telegramm nahmen zu, und sogar meine Mutter in Peking wurde vor Sorge krank. So musste ich einen Brief nach dem anderen schreiben, um die Gerüchte zu berichtigen — das ging so ungefähr zwanzig Tage.

Das Wetter wurde immer kälter. Ich wusste nicht, ob Roushi dort eine Decke hatte? Wir hatten eine. Ob die Blechschüsseln angekommen waren?... Doch plötzlich erhielt ich eine zuverlässige Nachricht: Roushi und dreiundzwanzig weitere waren in der Nacht des 7. oder am Morgen des 8. Februar im Hauptquartier der Garnisonspolizei von Longhua erschossen worden. Er hatte zehn Kugeln im Leib.

So also war es!...

In einer tiefen Nacht stand ich im Hof des Gasthofs; ringsum lag zerschlagener Kram aufgehäuft. Alle schliefen, auch meine Frau und mein Kind. Schwer empfand ich, dass ich sehr gute Freunde verloren hatte, dass China sehr gute junge Menschen verloren hatte. Ich versank in Bitterkeit und Zorn in die Stille; doch die alte Gewohnheit erhob den Kopf aus der Stille und fügte sich zu diesen Versen:

"Gewohnt, durch lange Nächte den Frühling zu verbringen, Frau und Kind an der Hand, die Schläfen schon ergraut. Im Traum, verschwommen, der Mutter Tränen; Auf der Stadtmauer wechseln die Banner der Tyrannen. Ich ertrage es kaum, Gefährten als frische Geister zu sehen, Zornig such' ich im Schwertwald nach einem kleinen Gedicht. Ausgesungen, den Blick gesenkt — nirgends ein Ort zum Schreiben, Mondlicht wie Wasser bescheint das schwarze Gewand."

Doch die letzten beiden Zeilen stimmten später nicht mehr — am Ende schrieb ich das Gedicht doch einem japanischen Lyriker auf.

In China aber war damals wirklich kein Ort zum Schreiben — alles war hermetischer verschlossen als eine Konservendose. Ich erinnere mich, dass Roushi am Jahresende in seine Heimat zurückgekehrt war und dort recht lange blieb; nach seiner Rückkehr nach Shanghai wurde er von Freunden heftig getadelt. Voller Bitterkeit sagte er mir: Seine Mutter sei auf beiden Augen erblindet und habe ihn gebeten, noch ein paar Tage zu bleiben — wie hätte er einfach gehen können? Ich kannte das sehnsuchtsvolle Herz der blinden Mutter, das innige Herz von Roushi. Als die Zeitschrift "Beidou" gegründet wurde, wollte ich einen Artikel über Roushi schreiben, doch es gelang mir nicht. Ich wählte nur einen Holzschnitt von Käthe Kollwitz mit dem Titel "Opfer" — eine Mutter, die schmerzerfüllt ihren Sohn hingibt — als ein Gedenken an Roushi, das nur ich allein in meinem Herzen kannte.

Von den vier gleichzeitig ermordeten jungen Schriftstellern hatte ich Li Weisen nie getroffen; Hu Yepin war ich in Shanghai nur einmal begegnet und hatte ein paar Worte mit ihm gewechselt. Am vertrautesten war mir Bai Mang, also Yin Fu — er hatte mir geschrieben, mir Manuskripte geschickt; doch nun, als ich danach suchte, fand ich nichts. Vermutlich war alles in jener Nacht des 17. verbrannt worden — damals hatte ich noch nicht gewusst, dass auch Bai Mang unter den Verhafteten war. Doch der "Petöfi-Gedichtband" war noch da. Ich blätterte ihn durch und fand nichts — nur neben einem Gedicht mit dem Titel "Wahlspruch" standen vier Zeilen Übersetzung in Tinte:

"Das Leben ist kostbar, Die Liebe teurer noch; Doch um der Freiheit willen Kann beides man verschmäh'n!"

Auf dem zweiten Blatt standen die drei Zeichen "Xu Peigen" — ich vermute, das war sein wahrer Name.

V

Vorvoriges Jahr um diese Zeit verbarg ich mich im Gasthaus, während sie zum Richtplatz geführt wurden. Voriges Jahr um diese Zeit floh ich im Kanonendonner in die englische Konzession, während sie längst in der Erde lagen, irgendwo, an unbekanntem Ort. Dieses Jahr heute sitze ich endlich in meiner alten Wohnung; alle schlafen, auch meine Frau und mein Kind. Wieder empfinde ich schwer, dass ich sehr gute Freunde verloren habe, dass China sehr gute junge Menschen verloren hat. Wieder versinke ich in Bitterkeit und Zorn in die Stille — doch die alte Gewohnheit erhebt abermals den Kopf aus der Stille und hat die obigen Worte niedergeschrieben.

Weiterzuschreiben — im heutigen China gibt es noch immer keinen Ort dafür. Als junger Mensch las ich Xiang Ziqi's "Nachdenkliche Ode auf das Vergangene" und fand es sehr sonderbar, dass sie nur ein paar spärliche Zeilen umfasste — kaum begonnen, war sie schon zu Ende. Doch jetzt verstehe ich es.

Es sind nicht die Jungen, die den Alten Gedenktexte schreiben, sondern in diesen dreißig Jahren musste ich mit ansehen, wie das Blut vieler Junger sich Schicht um Schicht anhäufte und mich begrub, bis ich nicht mehr atmen konnte. Ich kann nur mit dieser Feder ein paar Sätze schreiben und gleichsam ein kleines Loch in die Erde graben, durch das ich keuchend weiteratme — was für eine Welt ist das? Die Nacht ist lang, und der Weg ist auch lang. Es ist besser, ich vergesse, besser, ich schweige. Doch ich weiß: Selbst wenn nicht ich es bin — irgendwann wird jemand sich an sie erinnern und wieder von ihnen sprechen...

(7.–8. Februar.)

Abschnitt 21

【Wessen Widerspruch?】

Shaw (George Bernard Shaw) bereist nicht die Welt — er mustert die Gesichter der Journalisten rund um die Welt und unterzieht sich der mündlichen Prüfung durch die Journalisten der Welt — und ist durchgefallen.

Er will nicht empfangen werden und keine Journalisten sehen, doch man empfängt ihn um jeden Preis und besucht ihn; und nach dem Besuch machen alle mehr oder weniger witzige Bemerkungen.

Er versteckt sich hier und dort, doch man sucht ihn hier und dort; hat man ihn gefunden, schreibt man ausgiebig — und behauptet dann, er selbst verstehe sich vortrefflich auf Reklame.

Er hat keine Lust zu reden, doch man redet auf ihn ein; er sagt nicht viel, doch man nötigt ihn, mehr zu sagen; sagt er dann viel, wagt die Zeitung nicht, alles wortgetreu abzudrucken — und wirft ihm vor, zu viel zu reden.

Er sagt die Wahrheit, doch man erklärt, er mache Witze, lacht ihn aus und wirft ihm noch vor, selbst nicht zu lachen.

Er spricht geradeheraus, doch man erklärt, er sei ironisch, lacht ihn aus und wirft ihm vor, sich für besonders klug zu halten.

Er ist gar kein Satiriker, doch man erklärt, er sei ein Satiriker, verachtet Satiriker — und versucht ihn mit plumper Satire zu satirisieren.

Er ist keine Enzyklopädie, doch man behandelt ihn wie eine Enzyklopädie, fragt ihn über Gott und die Welt; hört man seine Antworten, beklagt man sich empört, als wisse man es selbst von jeher besser.

Er ist eigentlich nur zum Vergnügen hier, doch man zwingt ihn, Weisheiten von sich zu geben; gibt er ein paar zum Besten, ist der Zuhörer unzufrieden und behauptet, er sei gekommen, um "kommunistische Propaganda" zu betreiben.

Manche verachten ihn, weil er kein marxistischer Schriftsteller ist — wäre er aber ein marxistischer Schriftsteller, dann würden diejenigen, die ihn verachten, gar nicht erst hinsehen.

Manche verachten ihn, weil er nicht als Arbeiter schuftet — wäre er aber Arbeiter, dann wäre er nicht nach Shanghai gekommen, und diejenigen, die ihn verachten, bekämen ihn gar nicht zu Gesicht.

Wieder andere verachten ihn, weil er kein praktischer Revolutionär ist — wäre er aber einer, dann säße er zusammen mit den Noulens im Gefängnis, und diejenigen, die ihn verachten, würden ihn lieber gar nicht mehr erwähnen.

Er hat Geld — und redet trotzdem vom Sozialismus; er arbeitet nicht als Arbeiter — und reist trotzdem; er kommt trotzdem nach Shanghai; er redet trotzdem von Revolution; er spricht trotzdem über die Sowjetunion; er gönnt den Leuten trotzdem keine Ruhe...

Deshalb ist er verhasst.

Groß zu sein ist auch verhasst, alt zu sein auch verhasst, weiße Haare zu haben auch verhasst, keine Empfänge zu mögen auch verhasst, Interviews zu fliehen auch verhasst — und selbst dass er mit seiner Frau gut auskommt, ist verhasst.

Doch er ist abgereist, dieser Shaw, den alle einhellig als "widersprüchlich" bezeichnen.

Und dennoch, denke ich, sollte man es noch eine Weile aushalten und ihn vorerst als den Literaten der heutigen Welt gelten lassen. Durch Nörgeln und Intrigieren stürzt man keinen Literaten. Und schon damit alle weiter nörgeln können, ist es besser, dass es ihn gibt.

Denn wenn der "widersprüchliche" Shaw untergeht oder wenn Shaws Widersprüche gelöst werden, dann werden auch die Widersprüche der Gesellschaft gelöst sein — und das ist kein Spaß.

(Nacht des 19. Februar.)

Abschnitt 22

【Aufzeichnungen über das Anschauen Shaws und die "Leute, die Shaw anschauen"】

Ich mag Shaw. Das liegt nicht daran, dass ich seine Werke oder seine Biographie gelesen und ihn daraufhin bewundernd gemocht hätte — ich hatte lediglich irgendwo ein paar treffende Sentenzen gesehen und von irgendjemandem gehört, er pflege den Gentlemen die Masken abzureißen, und das genügte, um ihn zu mögen. Und noch ein Grund: Auch in China gibt es häufig Leute, die westliche Gentlemen nachahmen — und diese Leute mögen Shaw in der Regel nicht. Jemand, den die Leute, die ich selbst nicht ausstehen kann, nicht ausstehen können — den halte ich manchmal schon deshalb für einen guten Menschen.

Nun sollte also Shaw nach China kommen, doch eigens loszuziehen und ihn zu suchen, daran dachte ich nicht.

Am Nachmittag des 16. zeigte mir Herr Uchiyama Kanzo ein Telegramm der Kaizo-sha und fragte, ob ich Shaw nicht einmal aufsuchen wolle. Ich entschied mich kurzerhand: Wenn man mich ausdrücklich auffordert, ihn zu sehen, dann sehe ich ihn eben.

Am Morgen des 17. müsste Shaw bereits in Shanghai an Land gegangen sein, doch niemand wusste, wo er sich versteckte; so verging ein halber Tag, und es schien, als werde man ihn am Ende gar nicht zu sehen bekommen. Am Nachmittag dann ein Brief von Herrn Cai: Shaw befinde sich soeben zum Mittagessen bei Frau Sun, ich solle mich beeilen.

Ich lief also zu Frau Suns Haus. Kaum war ich in ein kleines Zimmer neben dem Salon getreten, saß Shaw auch schon am oberen Ende des runden Tisches und aß mit fünf anderen zu Mittag. Da ich sein Foto irgendwo gesehen und gehört hatte, er sei eine Berühmtheit der Welt, durchzuckte es mich blitzartig: Das ist der Literat — obwohl eigentlich keinerlei Kennzeichen vorhanden war. Aber das schneeweiße Haar, die gesunde Farbe, das freundliche Gesicht — als Modell für ein Porträtgemälde, dachte ich, wäre er ganz vorzüglich.

Das Mittagessen schien schon zur Hälfte vorüber. Es waren vegetarische Gerichte, und recht einfach. In der russischen Presse hatte man von zahllosen Dienern gemunkelt — doch es war nur ein einziger Koch, der auftrug.

Shaw aß nicht viel, aber möglicherweise hatte er zu Beginn schon tüchtig zugelangt — wer weiß. Gegen Mitte begann er Stäbchen zu benutzen — recht ungelenk, er konnte nichts fassen. Doch bewundernswert war, dass er allmählich geschickter wurde und schließlich ein Stück von irgendetwas fest zwischen die Stäbchen klemmte; stolz blickte er ringsum in die Gesichter der Anwesenden — doch niemand hatte diesen Triumph bemerkt.

Während des Essens machte Shaw überhaupt nicht den Eindruck eines Satirikers. Auch die Unterhaltung war ganz gewöhnlich. Zum Beispiel sagte er: Freunde seien am besten, weil man sie auf Dauer pflegen könne; Eltern und Geschwister habe man sich nicht selbst ausgesucht und müsse sich daher von ihnen lösen — und dergleichen.

Nach dem Essen wurden drei Fotos gemacht. Als wir nebeneinander standen, wurde mir meine eigene Kleinheit bewusst, und obwohl ich insgeheim dachte: Wäre ich dreißig Jahre jünger, müsste ich Dehnübungen machen...

Gegen zwei Uhr fand der Empfang des PEN-Clubs statt. Wir fuhren gemeinsam im Auto hin; es stellte sich heraus, dass er in einem großen westlichen Gebäude namens "Weltakademie" stattfand. Im Obergeschoss waren bereits etwa fünfzig Personen versammelt — l'art-pour-l'art-Literaten, nationalistische Schriftsteller, mondäne Sternchen, Bühnenkönige und dergleichen. Sie bildeten einen Kreis um ihn und bestürmten ihn mit Fragen aller Art, als blätterten sie in der Encyclopaedia Britannica.

Shaw hielt auch eine kurze Ansprache: Meine Damen und Herren, auch Sie sind Schriftsteller und kennen daher diese Spielchen alle. Was die Darsteller betrifft — da sie Praktizierende sind, verstehen sie sogar mehr als Leute wie ich, die nur schreiben. Was gibt es sonst noch zu sagen? Kurzum: Heute ist es, als betrachte man die Tiere im Zoo — nun haben Sie mich gesehen, und damit kann es gut sein. Und so weiter.

Alle lachten — vermutlich hielten sie auch das wieder für Satire.

Es gab auch einige Fragen und Antworten zwischen Dr. Mei Lanfang und anderen Berühmtheiten, doch ich übergehe sie hier.

Danach die Zeremonie der Geschenküberreichung an Shaw. Der als schöner Mann bekannte Herr Shao Xunmei trug sie hinauf: Es waren aus Ton gefertigte Miniaturmasken von Theaterrollen in einem Kästchen. Es gab noch ein weiteres Geschenk — angeblich Theatergewänder —, doch da es in Papier eingepackt war, konnte man es nicht sehen. Shaw nahm beides erfreut entgegen. Laut einem später veröffentlichten Bericht von Herrn Zhang Ruogu habe Shaw noch ein paar Fragen gestellt, und Zhang habe ihm einen Seitenhieb versetzt, den Shaw leider nicht gehört habe. Doch auch ich hatte nichts gehört.

Jemand fragte ihn nach den Gründen seines Vegetarismus. Da nun mehrere Leute zum Fotografieren erschienen, dachte ich, meine Zigarette sei hier fehl am Platz, und ging ins Nebenzimmer.

Es gab noch einen Termin mit den Presseleuten; gegen drei Uhr kehrten wir zu Frau Suns Haus zurück. Vierzig bis fünfzig Personen warteten bereits, doch eingelassen wurde nur die Hälfte. Zuerst Herr Kimura Takeshi und vier oder fünf Literaten; dazu sechs chinesische Journalisten, ein britischer, ein weißrussischer sowie drei oder vier Fotografen.

Auf dem Rasen im hinteren Garten bildeten die Journalisten mit Shaw im Mittelpunkt einen Halbkreis — anstelle der Weltreise fand hier eine Ausstellung der Journalistengesichter statt. Shaw wurde wieder mit den verschiedensten Fragen bestürmt, als blättere man in der Encyclopaedia Britannica.

Shaw schien nicht viel reden zu wollen. Doch Schweigen ließen die Journalisten nicht zu, und so sprach er schließlich doch; als er immer mehr redete, wurde auf Seiten der Journalisten das Mitschreiben allmählich dünner.

Ich glaube, Shaw ist in Wahrheit gar kein Satiriker — denn er redet wirklich so viel.

Die Prüfung endete gegen halb fünf. Shaw schien schon recht müde; ich ging mit Herrn Kimura zurück zur Buchhandlung Uchiyama.

Die Zeitungen am nächsten Tag übertrafen Shaws eigene Worte bei Weitem. Zur selben Zeit, am selben Ort, dieselben Worte hörend, schrieben die Berichte alle Verschiedenes. Es schien, als könne auch die Übersetzung aus dem Englischen sich je nach Ohr des Hörers verändern. Zum Beispiel, was die chinesische Regierung betrifft: der Shaw der englischsprachigen Presse sagte, die Chinesen sollten Leute, die sie bewundern, als Herrscher wählen; der Shaw der japanischsprachigen Presse sagte, China habe mehrere Regierungen; der Shaw der chinesischsprachigen Presse sagte, jede gute Regierung werde sich die Zuneigung des Volkes verscherzen.

Allein daran erweist sich Shaw nicht als Satiriker, sondern als Spiegel.

Doch in den Zeitungen fiel das Urteil über Shaw überwiegend negativ aus. Jeder war hingegangen, um die Satire zu hören, die ihm selbst gefiel und nützte, und hatte zugleich die Satire zu hören bekommen, die er nicht mochte und die ihm schadete. So gebrauchte jeder Satire, um satirisch festzustellen: Shaw sei bloß ein Satiriker.

In diesem Wettstreit der Satire halte ich Shaw für den Größeren.

Ich habe Shaw nichts gefragt; Shaw hat mich nichts gefragt. Doch Herr Kimura wollte, dass ich einen Eindruck von Shaw niederschriebe. Die Eindrücke anderer Leute lese ich regelmäßig — sie tun so, als hätten sie beim ersten Blick das wahre Herz des Menschen erkannt, und ich bewundere wirklich ihre scharfe Beobachtungsgabe. Was mich selbst betrifft, so habe ich nicht einmal ein Physiognomie-Handbuch aufgeschlagen; begegne ich also einer berühmten Person, und man verlangt von mir, wortreich meinen Eindruck zu schildern, dann bin ich aufgeschmissen.

Aber da Herr Kimura eigens von Tokio nach Shanghai gekommen war, um mich zum Schreiben aufzufordern, blieb mir nichts anderes übrig, als dieses hier abzuliefern — als eine Art Pflichtübung.

(Nacht des 23. Februar 1933.)

(Am 25. März von Xu Xia aus der April-Sondernummer der "Kaizo" übersetzt und vom Autor durchgesehen.)

Abschnitt 23

【Vorwort zu "Bernard Shaw in Shanghai"】

Der heutige sogenannte "Mensch" muss seinen Körper stets in irgendein Material hüllen — Seide, Filz, Gaze, alles geht. Selbst der ärmste Bettler braucht zumindest eine zerrissene Hose; selbst sogenannte Wilde haben meist eine Reihe Grasblätter vor und hinter dem Bauch. Zieht man sie sich in aller Öffentlichkeit selbst aus, oder werden sie einem von anderen abgerissen, so nennt man das: keine menschliche Figur mehr abgeben.

Obwohl es keine gute Figur ist, gibt es doch Leute, die hinsehen wollen — manche bleiben stehen und gaffen, manche laufen hinterher, und die feinen Damen und Herren bedecken alle die Augen mit den Händen, blinzeln aber durch die Fingerspalten — kurzum, man will die Nacktheit anderer sehen und zugleich die eigenen wohlgeordneten Kleider sorgfältig bewahren.

Das Reden der Menschen ist meist ebenfalls in Seide und Grasblätter gehüllt. Reißt man diese ab, so hört man gern und fürchtet sich zugleich. Weil man gern hört, drängt man sich herbei; weil man sich fürchtet, gibt man dem Ganzen eigens einen Namen, der seine Wirkung für einen selbst abschwächt: "Satire" — und nennt den, der solche Dinge sagt, einen "Satiriker".

Als Bernard Shaw in Shanghai eintraf, war die Aufregung noch größer als bei Tagore — von Pilnjak (Boris Pilniak) und Morand (Paul Morand) ganz zu schweigen. Der Grund liegt, glaube ich, genau darin.

Dazu kommt: "Despotismus macht die Menschen zu kalten Spöttern" — doch das ist eine englische Angelegenheit. Ein Volk, das seit jeher nur "mit den Augen reden" durfte, wagt das nicht. Allerdings sind die Zeiten denn doch andere geworden, und man möchte einen ausländischen Satiriker einmal "humoristisch" sein hören, damit alle zusammen "hahaha" machen.

Noch ein Punkt, den ich hier nicht ansprechen will.

Doch zuerst muss man auf die eigenen Kleider aufpassen. Und so werden die Hoffnungen verschieden. Der Hinkende wünscht, Shaw möge Krücken propagieren; der Grindkopf hofft, er lobe das Huttragen; die Geschminkte will, er satirisiere Frauen mit gelbem Teint; der Nationalist wünscht, Shaw möge durch sein Gewicht die japanische Armee niederdrücken. Doch wie fiel das Ergebnis aus? Man braucht nur die Zahl der Nörgler zu zählen, um zu wissen, dass es nicht gerade rundum befriedigend war.

Shaws Größe zeigt sich gerade hier. Englischsprachige Presse, japanischsprachige Presse, weißrussische Presse — obwohl sie einige Gerüchte in die Welt setzten, griffen am Ende alle an, woraus man erkennt, dass er sich keineswegs vom Imperialismus einspannen ließ. Was gewisse chinesische Zeitungen betrifft, braucht man nicht viel zu sagen — sie sind ohnehin nur Lakaien der westlichen Herren. Dieses Mitlaufen dauert schon lange; nur beim "Nicht-Widerstand" oder "aus strategischen Gründen" marschieren sie vor deren Armeen her.

Shaw war nicht einmal einen ganzen Tag in Shanghai, und doch gibt es so viele Geschichten — bei einem anderen Literaten hätte es das kaum gegeben. Das ist keine Kleinigkeit, und daher ist dieses Buch ein wichtiges Dokument. In den ersten drei Abteilungen werden die verschiedensten Gestalten — Literaten, Politiker, Militaristen, Banditen, Speichellecker — wie in einem ebenen Spiegel abgebildet. Wer behauptet, Shaw sei ein Zerrspiegel, den kann ich nicht bestätigen.

Die Nachwellen reichten bis Beiping und erteilten sogar dem Journalisten Großbritanniens eine Lektion: Er war unzufrieden, dass die Chinesen Shaw willkommen hießen. Am 20. meldete Reuters, die Pekinger Zeitungen brächten viele Artikel über Shaw, was "den traditionellen Mangel an Schmerzempfinden der Chinesen beweise". Dr. Hu Shi übertraf alle an Erhabenheit: Shaw nicht zu bewirten, erklärte er, sei die vornehmste Art der Begrüßung.

"Schlagen heißt nicht schlagen, nicht schlagen heißt schlagen!"

Dies ist wahrhaftig ein großer Spiegel — ein Spiegel, der die Menschen zu fühlen glauben lässt, er sei ein großer Spiegel. Ob man hinsieht oder nicht hinsehen mag — überall zeigen sich die verborgenen Gestalten in ihren Posen. In Shanghai ist die Kunst der Feder und der Zunge zwar noch nicht so raffiniert wie die der ausländischen Korrespondenten und chinesischen Gelehrten in Beiping, doch es gibt schon eine Menge Varianten. Die überlieferten Gesichtsmasken sind von begrenzter Zahl; selbst wenn es noch unerfasste oder später veröffentlichte gibt, dürften sie im Großen und Ganzen in diesem Repertoire enthalten sein.

Am 28. Februar 1933, bei Lampenlicht. Lu Xun.

Abschnitt 24

【Vom Fuß der chinesischen Frau auf die Nicht-Mäßigung der Chinesen schließen】

Aus dem gebundenen Fuß der chinesischen Frau lässt sich unwiderleglich ableiten, dass die Chinesen keineswegs ein Volk der goldenen Mitte sind. Man hat den Fuß der Frau über Jahrhunderte hinweg auf ein Maß zusammengeschnürt, das jedes vernünftige Mittelmaß sprengt — bis er nur noch drei Zoll maß. Wo ist da die vielgepriesene Mäßigung? Der Lotus-Fuß beweist das Gegenteil: Er ist Ausdruck einer Kultur des Extrems, die sich den Anschein der Mäßigung gibt. Was für den Fuß gilt, gilt für die gesamte chinesische Gesellschaft: Hinter der Fassade der Harmonie lauert stets das Extrem.

Abschnitt 25

Und daraus weiter geschlossen, dass Konfuzius Magenprobleme hatte

Abschnitt 26

【Wie ich zum Schreiben von Erzählungen kam】

Wie ich zum Schreiben von Erzählungen kam — den Anlass habe ich in der Vorrede zu "Ruf zu den Waffen" schon ungefähr dargelegt. Hier sollte noch nachgetragen werden, dass die Verhältnisse, als ich mich für Literatur zu interessieren begann, ganz anders waren als heute: In China zählten Erzählungen nicht als Literatur, und wer Erzählungen schrieb, konnte keineswegs als Literat gelten; deshalb dachte auch niemand daran, auf diesem Wege zu Ruhm zu gelangen. Auch ich hatte nicht die Absicht, die Erzählung in den "Literaturgarten" zu erheben — ich wollte lediglich ihre Kraft nutzen, um die Gesellschaft zu verbessern.

Jedoch wollte ich nicht selbst schöpferisch schreiben; mein Hauptaugenmerk lag auf der Vermittlung, der Übersetzung, und ganz besonders auf Kurzerzählungen, zumal auf Werken von Autoren unterdrückter Völker. Denn damals war die Theorie der antimandschurischen Revolution in aller Munde, und manche junge Leute sahen in den Schriftstellern des Aufruhrs und des Widerstands Gesinnungsgenossen. Daher habe ich nie ein einziges "Handbuch des Erzählschreibens" gelesen; Kurzgeschichten hingegen las ich nicht wenige — zum kleineren Teil, weil sie mir selbst gefielen, zum größeren, weil ich Material für Vermittlungszwecke suchte. Auch Literaturgeschichten und Kritiken las ich, weil ich den Menschen und das Denken der Autoren kennen wollte, um entscheiden zu können, ob sie China vorzustellen seien. Mit Gelehrsamkeit hatte das rein gar nichts zu tun.

Da ich nach Werken des Aufschreis und des Widerstands suchte, neigte ich zwangsläufig nach Osteuropa, weshalb ich besonders viel von russischen, polnischen und balkanischen Autoren las. Auch indische und ägyptische Werke suchte ich eifrig, doch ich konnte keine auftreiben. Die Autoren, die ich damals am liebsten las, waren der Russe Gogol und der Pole Sienkiewicz. Von den Japanern Natsume Soseki und Mori Ogai.

Nach meiner Rückkehr nach China betrieb ich Schulwesen und hatte keine Zeit mehr zum Lesen von Erzählungen — fünf oder sechs Jahre lang. Warum ich wieder anfing, das steht schon in der Vorrede zu "Ruf zu den Waffen".

Doch ich begann nicht zu schreiben, weil ich mich für besonders begabt hielt. Nur weil ich damals in einem Pekinger Gasthof wohnte: Für Aufsätze fehlten die Nachschlagewerke, zum Übersetzen fehlten die Vorlagen, also fabrizierte ich eben ein paar erzählungsartige Dinge als Lückenfüller — das war "Tagebuch eines Wahnsinnigen". Was mir dabei half, war wohl die Lektüre von gut hundert ausländischen Werken und ein bisschen medizinisches Wissen. Andere Vorbereitung gab es keine.

Doch die Redakteure der "Xinqingnian" drängten mich immer wieder; nach ein paar Mahnungen schrieb ich etwas. Hier muss ich Herrn Chen Duxiu gedenken — er war derjenige, der mich am nachdrücklichsten zum Erzählschreiben antrieb.

Selbstverständlich hatte ich beim Schreiben gewisse Grundsätze. Was etwa das "Warum" des Erzählschreibens betrifft, so hielt ich an der "Aufklärungsidee" fest, die ich schon seit über zehn Jahren vertrat: Literatur müsse "für das Leben" sein und dazu beitragen, es zu verbessern. Ich verachtete es zutiefst, dass man Erzählungen früher als "Unterhaltungslektüre" bezeichnete, und betrachtete die "Kunst um der Kunst willen" als nichts als einen neuzeitlichen Deckmantel für "Zeitvertreib". Daher wählte ich meine Stoffe meist unter den Unglücklichen einer kranken Gesellschaft, in der Absicht, das Leiden aufzuzeigen und Aufmerksamkeit für Heilung zu erwecken. Darum vermied ich langatmige Ausführungen: Sobald ich den Eindruck hatte, der Gedanke sei dem Leser vermittelt, ließ ich alle Verzierungen und Anhängsel weg. Auf der chinesischen Bühne gibt es keine Kulissen; auf den Neujahrsbildern für Kinder sind nur die wichtigsten Figuren zu sehen (heutige Bilder haben freilich oft Hintergründe). Ich war überzeugt, dass diese Methode meinem Zweck diente, weshalb ich keine Landschaften und Mondnächte beschrieb und Dialoge niemals in die Länge zog.

Nach der Fertigstellung las ich stets zweimal Korrektur; was mir holprig vorkam, wurde um ein paar Wörter erweitert oder gekürzt, bis es sich flüssig lesen ließ. Fehlte eine passende umgangssprachliche Wendung, so griff ich lieber auf eine klassische Formulierung zurück, in der Hoffnung, irgendjemand werde sie verstehen. Selbsterfundene Ausdrücke, die nur ich selbst verstand oder nicht einmal ich, gebrauchte ich äußerst selten. Dies hat unter all meinen zahlreichen Kritikern nur ein einziger erkannt — doch er nannte mich einen "Stylisten".

Die geschilderten Begebenheiten beruhten meist auf etwas Gesehenem oder Gehörtem, doch nie verwendete ich den gesamten Sachverhalt — ich nahm nur einen Aspekt, formte ihn um oder entwickelte ihn weiter, bis er meine Absicht nahezu vollständig zum Ausdruck brachte. Ebenso bei den Modellen der Figuren: Nie nahm ich ausschließlich eine einzige Person. Oft gehörte der Mund nach Zhejiang, das Gesicht nach Peking, die Kleidung nach Shanxi — ein zusammengeflickter Charakter. Wenn manche behaupten, in dieser oder jener Erzählung beschimpfte ich den und den, so ist das völliger Unsinn.

Allerdings hat diese Schreibweise einen Nachteil: Man kann den Stift schwer weglegen. Schreibt man in einem Zug, dann wird die Figur allmählich lebendig und erfüllt ihre Aufgabe. Wird man aber durch etwas abgelenkt und nimmt nach langer Zeit die Arbeit wieder auf, so hat sich der Charakter vielleicht verändert, und die Szenerie entspricht nicht mehr dem ursprünglich Geplanten. Als ich zum Beispiel "Buzhou-Berg" schrieb, war die Absicht, das Erwachen und Erschaffen der Geschlechtlichkeit bis zu ihrem Verfall zu schildern; doch mittendrin las ich in der Zeitung den Angriff eines Moralphilosophen auf Liebesgedichte, war empört, und so tauchte in der Erzählung plötzlich eine kleine Figur auf, die Nüwa zwischen die Beine lief — nicht nur überflüssig, sondern die großartige Struktur zerstörend. Doch solche Stellen bemerkt außer dem Autor selbst kaum jemand; unser großer Kritiker Cheng Fangwu erklärte sogar, diese Erzählung sei seine beste.

Ich glaube, wenn man ausschließlich eine einzige reale Person als Gerüst nähme, ließe sich dieses Problem vermeiden — aber ich selbst habe es nie versucht.

Ich weiß nicht mehr, wer es sagte, jedenfalls: Wolle man mit größter Sparsamkeit das Charakteristische eines Menschen einfangen, male man am besten seine Augen. Dieses Wort halte ich für äußerst richtig. Malte man den ganzen Haarschopf bis ins Detail, wäre das sinnlos, möge es noch so lebensecht sein. Ich habe stets versucht, diese Methode zu erlernen — leider nicht gut genug.

Was wegfallen konnte, fügte ich nicht künstlich hinzu; was sich nicht schreiben ließ, erzwang ich nicht. Doch das lag daran, dass ich damals andere Einkünfte hatte und nicht vom Schreiben leben musste — es taugt nicht als allgemeine Regel.

Noch eines: Beim Schreiben ignorierte ich sämtliche Kritiken. Denn damals war Chinas literarische Szene zwar unreif, die Kritik aber noch unreifer — entweder in den Himmel gehoben oder in den Boden gestampft. Nähme man dergleichen ernst, hielte man sich für unfehlbar oder müsste meinen, nur Selbstmord könne die Welt versöhnen. Kritik muss Schlechtes schlecht und Gutes gut nennen — nur dann nützt sie dem Autor.

Allerdings las ich regelmäßig ausländische Literaturkritik, denn dort war niemand, der mir wohlwollte oder mich hasste; und obwohl die besprochenen Werke die anderer waren, fand sich Nützliches zum Spiegeln. Doch natürlich beachtete ich zugleich stets die Zugehörigkeit des Kritikers zu einer Schule.

Das Vorstehende betrifft die Verhältnisse von vor zehn Jahren. Seither habe ich nichts mehr geschrieben und keinen Fortschritt gemacht. Wenn der Herr Redakteur mich auffordert, etwas in dieser Art zu schreiben — wie soll das gehen? Ich habe zusammengeschrieben, was mir einfiel; mehr ist es nicht.

(Am Abend des 5. März, bei Lampenlicht.)

Abschnitt 27

【Über Frauen】

In Zeiten nationaler Krise scheinen Frauen besonders zu leiden. Gewisse moralische Herren tadeln die Frauen für ihre Verschwendungssucht und ihre Weigerung, einheimische Waren zu kaufen. Tanzen, Sinnlichkeit und alles, was mit dem Weiblichen zusammenhängt, wird zur Straftat erklärt. Als hätten alle Männer das Gelübde strenger Askese abgelegt und alle Frauen ein Kloster bezogen — und als könne die nationale Krise so überwunden werden.

In Wahrheit sind dies nicht die Vergehen der Frau, sondern ihr Elend. Die Gesellschaftsordnung hat sie zu Sklavinnen aller Art gepresst und lädt ihr obendrein noch allerlei Schuld auf. Am Ende der Westlichen Han-Dynastie galten die "Fallende-Pferd-Frisur" und das "Klagendes-Augenbrauen-Tränenmakeup" der Frauen als Vorzeichen des Untergangs. Doch die Han-Dynastie wurde wahrlich nicht von Frauen zu Fall gebracht! Sobald aber jemand anfängt, seufzend über die Kleidung der Frauen zu lamentieren, wissen wir, dass es mit der herrschenden Klasse nicht zum Besten steht.

Verschwendungssucht und Ausschweifung sind Symptome des gesellschaftlichen Zerfalls, nicht seine Ursache. Die privatwirtschaftliche Gesellschaft hat Frauen von jeher als Privateigentum und Ware behandelt. Alle Staaten, alle Religionen haben unzählige absonderliche Vorschriften, die die Frau zu einem unheilbringenden Wesen erklären, sie einschüchtern und zur Unterwerfung zwingen — und sie gleichzeitig zum Spielzeug der oberen Klassen machen. Genau wie die heutigen moralischen Herren: Sie schelten die Frauen für ihre Verschwendung, setzen eine strenge Miene auf, um die Sitten zu bewahren — und ergötzen sich insgeheim an der Kultur der "sinnlichen Schenkel".

Ein arabischer Dichter der Antike sagte: "Die Paradiese auf Erden finden sich in den Büchern der Weisen, auf dem Rücken der Pferde und auf der Brust der Frauen." Das ist wenigstens ein ehrliches Geständnis.

Gewiss, an der Prostitution in jeder Form sind stets auch Frauen beteiligt. Doch Kauf und Verkauf haben zwei Seiten. Gäbe es keine kaufenden Freier, wo kämen die verkaufenden Dirnen her? Die Frage liegt also in den gesellschaftlichen Wurzeln der Prostitution. Solange diese Wurzeln bestehen — das heißt solange die aktiven Käufer bestehen —, wird die sogenannte Ausschweifung und Verschwendung der Frauen keinen Tag verschwinden. Wenn der Mann der Privateigentümer ist, dann ist die Frau nur ein Besitzstück des Mannes. Vielleicht ist es deshalb so, dass ihr Sinn für die Bewahrung des Familienvermögens etwas schwächer ist und sie oft zur "Familienruine" wird. Zumal heute, wo die Gelegenheiten zum Kaufen so zahlreich sind und die Frau im Haushalt instinktiv die Gefährdung ihrer Position spürt. Schon in den Anfangsjahren der Republik hörte ich, die Shanghaiserer Mode verbreite sich von den Kurtisanen zu den Konkubinen, von den Konkubinen zu den Ehefrauen und Fräuleins. Diese "ehrenwerten Frauen" wetteifern, meist unbewusst, mit den Prostituierten — und müssen sich daher um jeden Preis herausputzen, bis zum Äußersten, das einen Mann halten kann. Der Preis dieses Herausputzens ist hoch und steigt von Tag zu Tag — nicht nur materiell, sondern auch geistig.

Ein amerikanischer Millionär sagte: "Wir fürchten nicht die Kommunisten (im Original steht nicht 'Banditen' — ich übersetze vorschriftsmäßig); unsere eigenen Frauen und Töchter werden uns ruinieren, ehe die Arbeiter zum Enteignen kommen." In China hat man vielleicht Angst, die Arbeiter könnten "rechtzeitig" kommen — deshalb verschwenden und genießen die Herren und Damen der oberen Klassen um die Wette, ohne sich um einheimische oder ausländische Ware, um Sitte oder Unsitte zu kümmern. Doch dem Wort nach muss man freilich Sittsamkeit wahren und Sparsamkeit predigen.

(11. April.)

Abschnitt 28

【Der echte und der falsche Don Quijote】

Der Niedergang des abendländischen Rittertums brachte einen Toren wie Don Quijote hervor. In Wahrheit war er ein durch und durch ehrlicher Bücherwurm. Wenn man ihn in der Dunkelheit mit gezücktem Schwert gegen Windmühlen kämpfen sieht, bietet er in der Tat ein zum Lachen und Weinen rührendes Bild der Einfalt.

Doch dies ist der wahre Quijote. Chinas Halbwelt und Gaunerbrut hingegen versteht es, ehrliche Narren vom Typ Quijote auszunutzen und sich dabei selbst in die Pose Don Quijotes zu werfen. In der "Unoffiziellen Geschichte der Gelehrten" gibt es einige junge Herren, die Ritter und Schwertfechter bewundern, doch am Ende werden sie von solchen falschen Quijotes um einige hundert Silberlinge betrogen, wofür sie einen blutigen Schweinekopf erhalten — das Schwein ist die "Blutfehde des Ritters".

Der wahre Quijote macht sich zum Narren aus eigener Dummheit; der falsche Quijote spielt den Narren absichtlich vor anderen, um deren Dummheit auszubeuten.

Aber Chinas einfache Leute sind vielleicht gar nicht mehr so dumm, dass sie solche Kniffe nicht durchschauen.

Chinas heutige falsche Quijotes wissen natürlich, dass Großschwerter das Vaterland nicht retten können — doch sie schwingen sie trotzdem, brüllen täglich von "Hunderten und Tausenden getöteten Feinden", und es gibt Leute, die "neunundneunzig Spezialschwerter anfertigen lassen, um sie den Frontsoldaten zu schenken". Doch weil sie Schweine schlachten wollen, geben sie ungern für Flugzeuge her — und so dient die Propaganda von den "unzureichenden Waffen" einerseits zur Erklärung des ständigen Rückzugs oder des "Den-Feind-tief-ins-Land-Lockens", andererseits zum Auftreiben weiterer Gelder fürs Schweineschlachten. Leider gab es schon vor ihnen die Kaiserinwitwe Cixi und Yuan Shikai — die Marineaufrüstungsspenden der späten Qing finanzierten den Sommerpalast, und die "patriotischen" Antijapanergelder von 1915 vermehrten die Kriegskasse gegen die damaligen Revolutionäre — sonst könnte man sagen, hier sei eine neue Erfindung gemacht worden.

Sie wissen natürlich, dass die "Inlandswaren-Bewegung" keine Nationalindustrie aufbauen kann — der internationale Mammon hat China an der Kehle, es kann nicht einmal atmen; alle "Inlandswaren" springen nicht aus der Handfläche dieser Geldgötter heraus. Doch das "Jahr der Inlandswaren" wurde proklamiert, "Inlandswaren-Kaufhäuser" wurden eröffnet — feierlich, als hinge die Rettung des Vaterlandes ganz davon ab, dass verkleidete Kompradore ein paar Münzen mehr verdienen. Und dieses Geld wird immer noch von Schweinen, Hunden, Rindern und Pferden abgepresst. Hört man nicht die Rufe "Steigert die Produktivkraft!", "Zusammenarbeit zwischen Arbeit und Kapital zur gemeinsamen Bewältigung der nationalen Krise!"? Die kleinen Leute gelten zwar nicht als Menschen, doch selbst als Schweine, Hunde, Rinder und Pferde sollen sie noch "patriotische Verantwortung" tragen! Am Ende wird das Schweinefleisch dem falschen Quijote zum Fraß vorgesetzt, aber der Schweinekopf wird abgehackt und aufgehängt — als warnendes Beispiel für die "Störer der Heimatfront".

Sie wissen natürlich, dass die "althergebrachte chinesische Kultur" den Imperialismus nicht zu Tode beschwören kann — ob man die Formel "unmenschlich und ungerecht" noch so oft tausendfach aufsagt oder das "Goldene-Licht-Sutra" murmelt, es wird kein Erdbeben in Japan auslösen und es im Meer versenken. Doch sie rufen absichtlich nach der Wiederherstellung des "nationalen Geistes", als hätten sie ein Geheimrezept der Vorfahren. Die Absicht ist klar: Die kleinen Leute sollen den Kopf senken und an ihrer Seele arbeiten und fleißig Morallehrbücher lesen. Diese "althergebrachte Kultur" ist unmissverständlich: Die Treue des Yue Fei, der auf kaiserlichen Befehl nicht Widerstand leistete; die Pietät, dem Völkerbund-Väterchen zu gehorchen; die Menschenliebe, die den Schweinekopf abhackt und das Schweinefleisch isst, aber die Küche meidet; die Vertragstreue, die den Sklavenvertrag einhält; der Friede, der "den Feind tief ins Land lockt". Und neben der "althergebrachten Kultur" propagiert man "Rettung durch Wissenschaft" und zitiert den westlichen Philosophen Fichte — mit denselben Hintergedanken.

Diese Narrenspiele der falschen Quijotes bringen einen zum Lachen und Weinen zugleich. Wenn man die gespielte Dummheit für echte hält und sie wirklich für lächerlich und bemitleidenswert findet, dann ist man selbst rettungslos dumm.

(11. April.)

Abschnitt 29

【Nachwort zu den "Gesammelten Werken Shouchangs"】

Als ich Herrn Shouchang zum ersten Mal sah, war es bei einer Zusammenkunft, zu der Herr Duxiu geladen hatte, um die Fortführung der "Xinqingnian" zu besprechen — so lernte ich ihn kennen. Ob er damals bereits Kommunist war, weiß ich nicht. Jedenfalls machte er einen sehr guten Eindruck auf mich: aufrichtig, bescheiden, wortkarg. Unter den Mitarbeitern der "Xinqingnian" gab es zwar auch solche, die gern offen und verdeckt intrigierten und ihren eigenen Einfluss stärkten — er aber war bis zuletzt nie so.

Sein Äußeres lässt sich schwer beschreiben: etwas Gelehrtes, etwas Schlichtes, auch etwas Gewöhnliches. Daher sah er zugleich wie ein Literat aus, wie ein Beamter, und ein wenig wie ein Kaufmann. Solche Kaufleute habe ich im Süden nie gesehen; in Peking aber gibt es sie — Besitzer von Antiquariaten oder Briefpapierläden. Am 18. März 1926, als Duan Qirulis Leute auf die unbewaffneten petitionierenden Studenten schossen, befand auch er sich in der Menge. Ein Soldat packte ihn und fragte, was für ein Mensch er sei. Er antwortete: "Ein Geschäftsmann." Der Soldat sagte: "Was hast du dann hier zu suchen? Scher dich weg!" — gab ihm einen Stoß, und er entkam mit dem Leben.

Hätte er "Lehrer" gesagt, hätte er damals sterben können.

Doch im darauffolgenden Jahr wurde er schließlich von Zhang Zuolins Leuten ermordet.

Bei Duan Qirulis Massaker starben zweiundvierzig Menschen, darunter einige meiner Studenten — das empfand ich wirklich als schmerzlich. Bei Zhang Zuolins Massaker starben wohl etwa zehn und mehr — ich habe keine genauen Aufzeichnungen zur Hand —, doch unter meinen Bekannten war nur einer: Herr Shouchang. Als ich in Xiamen davon erfuhr, erschien sein ovales Gesicht, die schmalen Augen und der Bart, die blaue Stoffrobe, die schwarze Jacke immer wieder vor meinen Augen, und dazwischen schimmerte schemenhaft der Galgen. Schmerz war auch dabei, doch blasser als zuvor. Das ist mein altes Vorurteil: Der Tod von Gleichaltrigen hat mich nie so betrübt wie der Tod von Jungen.

Nun höre ich, dass man in Beiping öffentlich eine Beisetzung abgehalten hat — sieben Jahre nach seiner Ermordung. Das ist durchaus angemessen. Ich kenne die Anklagen nicht, die die Generäle damals gegen ihn erhoben — vermutlich nichts anderes als "Gefährdung der Republik". Doch in diesen kurzen sieben Jahren haben die Tatsachen es eisern bewiesen: Wer die vier Provinzen preisgab, war nicht Li Dazhao, sondern die Generäle, die ihn ermordeten!

Die Gnade der öffentlichen Bestattung war also durchaus verdient. Doch in den Zeitungen lese ich nun, die Behörden in Beiping hätten Straßenopfer verboten und Trauergäste verhaften lassen. Warum, weiß ich nicht, aber vermutlich handelt es sich diesmal um "Störung der öffentlichen Ordnung". Wenn dem so ist, dann kommt der eiserne Gegenbeweis noch schneller: Seht her — wer stört die öffentliche Ordnung in Beiping, die japanische Armee oder das Volk!

Doch das Blut von Vorkämpfern der Revolution ist heute wahrlich nichts Seltenes mehr. Allein was mich betrifft: Vor sieben Jahren habe ich wegen einiger weniger Menschen nicht wenig leidenschaftliche leere Worte verloren; später hörte ich so oft von Elektrofolter, Erschießung, Enthauptung, Meuchelmord, dass meine Nerven abstumpften — ich war weder erschrocken noch hatte ich etwas zu sagen. Ich denke, selbst die Menschenmassen, die laut Zeitungsbericht in "Scharen" die zur Schau ausgehängten Köpfe betrachten, sind wohl kaum aufgeregter als beim Betrachten von Laternenumzügen. Es ist zu viel Blut geflossen.

Doch neben seinem Blut hat Herr Shouchang auch Schriften hinterlassen. Leider kann ich über diese Schriften kaum etwas sagen. Da unsere Berufe verschieden waren, habe ich ihm in der "Xinqingnian"-Zeit zwar als Kampfgefährten an derselben Front betrachtet, aber seinen Texten keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt — wie ein Kavallerist sich nicht um den Brückenbau kümmern muss und ein Artillerist nicht ums Reiten. Das hielt ich damals nicht für falsch. Was ich jetzt sagen kann, ist nur: Erstens, seine Theorien sind, vom heutigen Standpunkt betrachtet, gewiss nicht vollkommen; zweitens, sie werden dennoch fortleben, denn sie sind das Vermächtnis eines Vorkämpfers, ein Denkmal der Revolutionsgeschichte. Die dicken Sammelbände all der toten und lebenden Betrüger — sind sie nicht bereits am Einstürzen, und selbst die Händler verkaufen sie "ohne Rücksicht auf die Kosten" für zwanzig oder dreißig Prozent des Preises?

Misst man die Zukunft an den eisernen Tatsachen der Vergangenheit und Gegenwart, so ist alles klar wie am Tag!

Am Abend des 29. Mai 1933. Lu Xun, ehrfürchtig niedergeschrieben.

Dieses Stück hat Herr T. mich zu schreiben gebeten, weil die Sammlung bei dem mit ihm verbundenen Verlag G. erscheinen sollte. Ich konnte mich der freundschaftlichen Pflicht nicht entziehen und schrieb dieses wenige; bald darauf erschien es in der "Taosheng". Später hörte ich allerdings, der Berechtigte der Manuskripte habe den Verlag C. mit dem Druck beauftragt; bis heute ist das Buch nicht erschienen, und vielleicht wird es vorerst auch nicht erscheinen. Obwohl ich meine vorschnelle Niederschrift des Nachworts bereue, will ich es dennoch in meiner eigenen Sammlung bewahren und diese Angelegenheit festhalten.

Am Abend des 31. Dezember nachgetragen.

Abschnitt 30

【Über Jin Shengtan】

Wenn man von den literarischen Inquisitionen der Qing-Dynastie spricht, führen manche auch Jin Shengtan an — was eigentlich ganz unangemessen ist. Sein "Weinen im Tempel", mit einer Parallele aus jüngerer Zeit verglichen, unterscheidet sich nicht von dem Berufen auf die Drei Volksprinzipien zur Selbstverteidigung in der "Xinyue" vor ein paar Jahren; doch er bekam nicht nur keine Professur, sondern verlor den Kopf — weil er von den Behörden und Honoratioren schon längst als üblen Kerl abgestempelt war. Rein sachlich betrachtet, war das ein Unrecht.

Auch sein Ruf seit der Mitte der Qing-Dynastie ist teilweise ungerecht. Dass er Romane und Dramen auf eine Stufe mit dem "Zuozhuan" und Du Fus Dichtung stellte, war nichts als aufgelesene Brosamen Yuan Hongdaos und seiner Genossen. Und nach seiner Kommentierung verlor sich die Aufrichtigkeit der Originale oft ins Lächerliche, und Aufbau wie Stil wurden gewaltsam auf die Methoden der Achtgliedrigen Aufsätze zurückgeführt. Dieses Erbe hat eine ganze Schar von Lesern in den Sumpf getrieben, bei Werken wie dem "Traum der Roten Kammer" stets nach verborgenen Vorausdeutungen zu suchen und Widersprüche aufzuspüren.

Den Fall der angeblichen alten Handschrift, mit der er eigenmächtig den Text des "Westpavillons" verfälschte, will ich hier übergehen. Allein dass er die hintere Hälfte des "Wasserufer-Romans" abschnitt und sich wünschte, ein "Xi Shuye" möge kommen und alle Song Jiangs umbringen — das allein ist schon töricht genug. Man mag sagen, es geschah aus Hass auf die Räuberbanden; doch er stand dem Beamten- und Honoratiorenadel zu nahe und konnte nicht begreifen, dass das einfache Volk an den Banditen nur die eine Hälfte hasste: nicht das "Räubern", sondern das "Umherziehen".

Das Volk fürchtet zwar die umherziehenden Räuber, aber es fürchtet ebenso die "umherziehenden Beamten". Ich erinnere mich, wie nach der Revolution von 1911 in meiner Heimat ständig der Landrat ausgewechselt wurde. Bei jedem Wechsel klagten die Bauern einander besorgt: "Was soll man tun? Wieder kommt eine hungrige Ente!" Sie kennen zwar bis heute nicht die alte Weisheit "Die Gier ist unersättlich", wohl aber das Sprichwort "Wer siegt, ist König; wer unterliegt, ist Räuber." Räuber — das sind umherziehende Könige; Könige — das sind sesshafte Räuber. Oder einfacher gesagt: "sesshafte Räuber". Die chinesischen Untertanen nannten sich seit jeher "Ameisenvolk"; zur besseren Veranschaulichung erheben wir sie hier zu Rindern. Wenn die eiserne Kavallerie über sie hinwegfegt, ihr Haar verschlingt, ihr Blut trinkt und ihre Knochen zerstampft — natürlich wollen sie dem entgehen, wenn möglich. Aber wenn man sie grasen ließe, sie ihr kümmerliches Dasein fristen und ihre Milch herausdrücken ließe, um diese "sesshaften Räuber" sattzufüttern, die dann allmählich aufhören, gierig zu schlingen — dann halten sie das für ein Geschenk des Himmels. Was sie unterscheiden, ist nur "umherziehend" und "sesshaft" — keineswegs "Räuber" und "König". Liest man die inoffiziellen Geschichten vom Ende der Ming-Dynastie, so sieht man, dass die Unruhe in Pekings Bevölkerung beim Einzug Li Zichengs bei Weitem nicht so groß war wie bei seinem Abzug.

Song Jiang besetzt eine Bergfeste, plündert zwar die Reichen, teilt aber mit den Armen — da will Jin Shengtan, er solle vor den Klauen von Tong Guan, Gao Qiu und dergleichen demütig die Hände zum Fesseln bieten. Das versteht das Volk nicht. Daher wird der "Wasserufer-Roman" zwar zum Stummelschwanz-Libelle, doch auf dem Land will man noch immer das Stück "Wu Song bezwingt Fang La mit einer Hand" sehen.

Allerdings hat sich inzwischen wohl neue Erfahrung angesammelt. Man hört, in Sichuan gebe es ein Volkslied, das ungefähr besagt: "Kommt der Räuber, dann kämmt er; kommt der Soldat, dann kämmt er dichter; kommt der Beamte, dann rasiert er." Automobile und Flugzeuge kosten weit mehr als Sänften und Pferdewagen; Konzessionen und ausländische Banken sind Neuerungen seit der Öffnung der Häfen. Nicht nur Haar und Haut werden abgeschabt — selbst wenn man Muskeln und Sehnen abschabt, wird man sie nie stopfen. Kein Wunder, dass das Volk die "sesshaften Räuber" inzwischen für furchtbarer hält als die "umherziehenden".

Da die Tatsachen dies gelehrt haben, bleibt dem Volk natürlich nur noch der Gedanke an die eigene Kraft.

(31. Mai.)

Abschnitt 31

【Nochmals über die "dritte Art von Mensch"】

Herr Dai Wangshu hat uns aus weiter Ferne aus Frankreich einen Brief geschickt, in dem er berichtet, wie die französische A.E.A.R. (Vereinigung Revolutionärer Künstler und Schriftsteller) André Gide als Mitglied gewann und am 21. März eine Großversammlung einberief, um vehement gegen den deutschen Faschismus zu protestieren. Zugleich stellte er Gides Rede vor, veröffentlicht in der Juni-Ausgabe der "Xiandai". Solche solidarischen Aktionen französischer Schriftsteller sind keine Seltenheit: weiter zurückliegend Zolas Eintreten für Dreyfus, Anatole Frances Rede bei Zolas Wiederbestattung; näher liegend Romain Rollands Antikriegshaltung. Doch diesmal freut es mich besonders aufrichtig, denn das Problem ist ein gegenwärtiges, und ich bin selbst einer, der den Faschismus verabscheut. Allerdings prangert Herr Dai zugleich die "Dummheit" der chinesischen Linken und ihre militaristenhafte Brutalität an — dazu möchte ich einige Worte sagen. Doch man möge nicht missverstehen, als wolle ich mich rechtfertigen oder von den chinesischen "Dritten" die gleiche Solidarität mit den Unterdrückten in Deutschland erhoffen wie von Gide — keineswegs. Chinas Bücherverbote, Verlagsschließungen und Hinrichtungen von Autoren liegen zeitlich noch vor dem Weißen Terror in Deutschland, und auch die Solidarität revolutionärer Schriftsteller der Welt hat es bereits gegeben. Was ich nun sagen will, betrifft nur einige Punkte in jenem Brief.

Nach der Schilderung von Gides Beitritt zur Widerstandsbewegung schreibt Herr Dai:

"Im französischen Literaturbetrieb können wir sagen, dass Gide die 'dritte Art von Mensch' ist... Seit 1891... bis heute ist er stets ein seiner Kunst treu ergebener Mensch geblieben. Ein seiner eigenen Kunst treuer Autor muss aber nicht unbedingt ein 'Lakai der Bourgeoisie' sein. Die französischen revolutionären Schriftsteller besitzen nicht diese dumme Ansicht (oder, besser gesagt, diese 'schlaue Strategie'); daher sprach Gide unter begeistertem Empfang inmitten der Massen."

Das heißt: "Ein seiner eigenen Kunst treuer Autor" ist die "dritte Art von Mensch", und die chinesischen revolutionären Schriftsteller sind "dumm" genug, alle derartigen Personen als "Lakaien der Bourgeoisie" zu bezeichnen — was nun durch Gide als "nicht notwendigerweise" zutreffend erwiesen sei.

Hier sind zwei Fragen zu beantworten.

Erstens: Haben die chinesischen linken Theoretiker wirklich "der eigenen Kunst treue Autoren" pauschal als "Lakaien der Bourgeoisie" bezeichnet? Nach meinem Wissen: nein. Linke Theoretiker mögen noch so "dumm" sein — sie sind nicht so dumm, nicht zu begreifen, dass "Kunst um der Kunst willen" bei ihrem Entstehen eine Revolution gegen gesellschaftliche Konventionen war; wenn man aber, nachdem eine neue, kämpferische Kunst aufgetaucht ist, noch immer dieses alte Schild vor sich herträgt, um offen oder verdeckt ihre Entwicklung zu behindern, dann wird es zur Reaktion und ist schlimmer als bloße "Lakaienschaft der Bourgeoisie". Was "der eigenen Kunst treue Autoren" betrifft, so wurden sie keineswegs alle über einen Kamm geschoren. Denn jeder Autor jeder Klasse hat ein "Selbst", und dieses "Selbst" ist stets Mitglied seiner eigenen Klasse. Wer seiner eigenen Kunst treu ist, ist auch seiner eigenen Klasse treu — in der Bourgeoisie ebenso wie im Proletariat. Dies ist eine höchst offenkundige, elementare Tatsache, die auch linken Theoretikern nicht entgehen kann. Doch Herr Dai hat "treue Kunst" und "Kunst um der Kunst willen" vertauscht und die linken Theoretiker tatsächlich als grenzenlos "dumm" erscheinen lassen.

Zweitens: Ist Gide wirklich das, was man in China als "dritte Art von Mensch" bezeichnet? Ich habe Gides Bücher nicht gelesen und bin nicht kompetent, seine Werke zu beurteilen. Doch ich glaube: Schöpferisches Werk und Rede sind zwar verschiedene Formen, aber die darin enthaltenen Gedanken können unmöglich unterschiedlich sein. Ich zitiere zwei Passagen aus der von Herrn Dai vorgestellten Rede:

"Man wird mir sagen: 'In der Sowjetunion ist es genauso.' Das ist möglich; doch der Zweck ist ein völlig anderer, und um eine neue Gesellschaft aufzubauen, um denen das Wort zu geben, die stets unterdrückt waren und nie sprechen durften, ist eine gewisse notwendige Überkorrektur unvermeidlich.

Warum und wie komme ich dazu, hier zu billigen, was ich dort bekämpfe? Weil ich in der Terrorpolitik Deutschlands die beklagenswerteste und verabscheuungswürdigste Wiederholung der Vergangenheit sehe, in der Gesellschaftsschöpfung der Sowjetunion hingegen die unendliche Verheißung einer Zukunft."

Das ist vollkommen klar: Obwohl es sich um dieselben Mittel handelt, unterscheidet er nach dem Zweck zwischen Zustimmung und Ablehnung. Die "Seraphionsbrüder" in der Sowjetunion nach der Oktoberrevolution, eine Gruppe, die der Kunst den Vorrang gab, wurden auch als "Mitläufer" bezeichnet — aber sie waren bei Weitem nicht so aktiv. Die chinesischen Texte über die "dritte Art von Mensch" sind dieses Jahr bereits in einem Sammelband erschienen. Prüfen wir: Gibt es unter den Äußerungen der selbsternannten "Dritten" irgendetwas, das diesen Gide-Ansichten auch nur annähernd gleicht? Wenn nicht, dann wage ich mit Bestimmtheit zu sagen: "Man kann Gide nicht als 'dritte Art von Mensch' bezeichnen."

Doch ebenso wie ich sage, Gide gleiche nicht Chinas "Dritten", so empfindet Herr Dai die chinesischen Linken als weit weniger weise als die französischen. Nach der Teilnahme an der Versammlung und der Solidaritätsbekundung für die deutschen linken Künstler kann er sich zum Schluss einen Seufzer nicht verkneifen:

"Ich weiß nicht, ob unser Land gegenüber dem deutschen Faschismus irgendeine Stellung bezogen hat. Wie unsere Militaristen sind auch unsere Literaten tapfer im inneren Krieg. Während die französischen revolutionären Schriftsteller und Gide Hand in Hand gehen, bekämpfen unsere linken Autoren vermutlich noch immer die sogenannte 'dritte Art von Mensch' als ihren einzigen Feind!"

Hier bedarf es keiner Erwiderung, denn die Fakten liegen vor: Auch bei uns gab es Stellungnahmen, doch da die Umstände anders sind als in Frankreich, sind auch die Verhältnisse verschieden. In den Zeitschriften ist schon seit Langem kein Artikel mehr zu finden, der "die sogenannte 'dritte Art von Mensch' als einzigen Feind" behandelt — kein innerer Krieg, kein Militaristengehabe mehr. Herrn Dais Vorhersage ist ins Leere gelaufen.

Doch sind damit die chinesischen linken Autoren ebenso weise wie die französischen in Herrn Dais Vorstellung? Ich glaube: nein — und es sollte auch nicht so sein. Wenn die Stimme noch nicht gänzlich zum Schweigen gebracht ist, dann besteht durchaus die Notwendigkeit, die Debatte über die "dritte Art von Mensch" erneut aufzunehmen und auszuweiten. Herr Dai hat die Hintergedanken der französischen revolutionären Schriftsteller erkannt und meint, in dieser kritischen Zeit sei das Bündnis mit der "Dritten Art" vielleicht "kluge Strategie". Doch bloße "Strategie" allein nützt nichts — erst aufrichtige Einsichten führen zu klugen Handlungen. Man braucht nur Gides Rede zu lesen, um zu wissen, dass er keineswegs über der Politik steht und man ihn nicht leichtfertig als "dritte Art von Mensch" bezeichnen und willkommen heißen sollte, ohne Hintergedanken haben zu müssen. Allerdings ist die "dritte Art von Mensch" in China noch recht vielschichtig.

Die sogenannte "dritte Art von Mensch" meint ursprünglich nur: Menschen, die außerhalb zweier gegenüberstehender oder kämpfender Parteien stehen. In der Praxis aber kann es sie nicht geben. Der menschliche Körper kann dick oder dünn sein; in der Theorie müsste es einen weder dicken noch dünnen dritten Typ geben — doch in Wirklichkeit gibt es ihn nicht: Jeder Vergleich zeigt, dass man entweder eher dick oder eher dünn ist. Ebenso mit der "dritten Art" in der Literatur: Selbst wenn sie unparteiisch erscheint, hat sie in Wahrheit stets eine Neigung, die sie gewöhnlich bewusst oder unbewusst verhüllt, die aber bei einem entscheidenden Ereignis deutlich hervortritt. Gide zum Beispiel zeigte sich als linksgeneigt; bei anderen lässt sich die Richtung schon aus ein paar Sätzen deutlich erkennen. In dieser vermischten Gruppe können manche mit der Revolution voranschreiten und ihr zustimmen; andere aber können die Gelegenheit nutzen, die Revolution zu verleumden, aufzuweichen, zu verzerren. Die linke Theorie hat die Aufgabe, sie zu analysieren.

Wenn dies einem inneren "Militaristen"-Krieg gleichkommt, dann muss die linke Theorie diesen inneren Krieg umso entschlossener fortsetzen, die Linien klar ziehen und die Giftpfeile beseitigen, die von hinten geschossen werden!

(4. Juni.)

Abschnitt 32

【"Bienen" und "Honig"】

Sehr geehrter Herr Chen Si,

nach der Lektüre des kritischen Artikels über "Die Bienen" in der "Taosheng" sind mir zwei Gedanken gekommen, die ich niederschreiben möchte, um das Urteil eines Fachmanns einzuholen. Doch ich werde keine weitere Debatte führen, denn die "Taosheng" ist nicht der Ort für solche Prozesse.

Dass Dorfbewohner Bienenvölker verbrennen, hat andere Gründe und ist nicht Ausdruck eines Klassenkampfes — das ist durchaus möglich, denke ich. Doch ob Bienen den von Insekten bestäubten Blüten schaden oder sich an windbestäubten Pflanzen vergehen können — auch das, denke ich, ist möglich.

Dass Insekten die Bestäubung insektenblütiger Pflanzen unterstützen — nicht nur unschädlich, sondern sogar nützlich sind —, steht selbst in den einfachsten Biologielehrbüchern und stimmt gewiss. Aber das gilt unter normalen Bedingungen. Sind die Bienen zahlreich und die Blüten wenig, sieht die Sache anders aus: Um Pollen zu sammeln oder den Hunger zu stillen, können sich zehn und mehr Bienen auf eine einzige Blüte stürzen; im Streit verletzen sie die Blütenblätter, aus Hunger fressen sie den Blütenkern — in Japan, hört man, haben Obstgärten bereits solche Schäden erlitten. Dass sie auch windbestäubte Pflanzen aufsuchen, geschieht ebenfalls aus Hunger. Dann wird die Honigproduktion nebensächlich — sie fressen den Pollen.

Daher meine ich: Solange genügend Blüten vorhanden sind, um den Bedarf der Bienen zu decken, herrscht Frieden auf Erden; andernfalls werden sie "aufsässig". Wie die Ameisen, die Blattläuse hüten und pflegen — sperrt man sie zusammen ein, ohne anderes Futter zu geben, fressen die Ameisen die Blattläuse; wie die Menschen, die Reis oder Weizen essen — kommt eine Hungersnot, essen sie Graswurzeln und Baumrinde.

In China hat man seit jeher Bienen gehalten — warum gab es da nie solche Probleme? Die Antwort ist einfach: weil es wenige waren. Neuerdings gilt die Bienenzucht als großes Geschäft, und immer mehr steigen ein. Doch da chinesischer Honig weit billiger ist als europäischer oder amerikanischer, lohnt es sich eher, Bienen als Honig zu verkaufen. Zudem sind durch Zeitungsreklame immer mehr Leute auf den Gewinn durch Bienenzucht erpicht, weshalb die Käufer von Bienenvölkern die Käufer von Honig übersteigen. Dadurch zielt die Bienenzucht nicht mehr auf Honigproduktion, sondern auf Vermehrung. Der Pflanzenbau aber hält nicht Schritt, und so entsteht ein Missverhältnis von vielen Bienen und wenigen Blüten — mit den oben beschriebenen Folgen.

Kurzum: Wenn China nicht die Verwendungsmöglichkeiten von Bienenhonig erweitert und gleichzeitig Obstgärten und landwirtschaftliche Betriebe anlegt, sondern nur Bienenvölker verkauft, um kurzfristigen Profit zu erzielen, wird die Bienenzucht bald am Ende sein. Ich hoffe sehr, dass dieser Brief veröffentlicht wird, damit Interessierte aufmerksam werden.

Mit besten Grüßen.

Luo Wu. 11. Juni.

Abschnitt 33

【Erfahrung】

Manche der von den Alten überlieferten Erfahrungen sind in der Tat äußerst kostbar, denn sie wurden mit vielen Opfern erkauft und hinterlassen den Nachkommen großen Nutzen.

Beim zufälligen Durchblättern des "Bencao Gangmu" musste ich daran denken. Dieses Buch ist ganz gewöhnlich, doch es birgt reiche Schätze. Gewiss, es fehlt nicht an phantastischen Einträgen; doch die Wirksamkeit der meisten Arzneien konnte nur durch jahrhundertelange Erfahrung auf diesen Stand gebracht werden, und besonders erstaunlich sind die Angaben über Gifte. Wir pflegen den legendären Kaiser Shennong zu preisen, der angeblich alle Arzneien allein probiert haben soll und einmal an einem Tag zweiundsiebzig Gifte antraf — doch stets ein Gegenmittel fand, ohne daran zu sterben. Solchen Legenden vermag heute niemand mehr zu glauben; die meisten wissen, dass alle kulturellen Errungenschaften von namenlosen Vorfahren nach und nach geschaffen wurden — Bauen, Kochen, Fischen, Jagen, Ackerbau, alles ebenso, und die Medizin nicht minder. Bedenkt man das, wird die Sache gewaltig: Wenn die Alten krank wurden, probierten sie anfangs wohl dies ein wenig und das ein wenig; wer Gift aß, starb; wer Harmloses nahm, blieb ohne Wirkung; und mancher traf zufällig auf das Richtige und genas — so erfuhr man, dass dies das Heilmittel für jene Krankheit sei. So häufte sich das Wissen, bis erste Aufzeichnungen entstanden, die sich später zu gewaltigen Werken wie dem "Bencao Gangmu" auswuchsen. Zudem enthält dieses Buch nicht nur chinesische Erfahrungen, sondern auch arabische und indische — was die Größe der zuvor geleisteten Opfer ahnen lässt.

Doch es gibt auch Erfahrungen, die nach langen Menschenopfern der Nachwelt schlechten Einfluss hinterlassen haben — zum Beispiel das Sprichwort "Jeder kehre vor der eigenen Tür und kümmere sich nicht um den Frost auf dem Dach des Nachbarn". Wer einem Verunglückten hilft, kann leicht verleumdet werden, und es gibt ein übles Erfahrungslied: "Das Tor des Amtes steht in Form der Acht weit offen; wer Recht hat, aber kein Geld, trete nicht ein." So halten sich die Leute fern, solange die Sache sie nichts angeht. Ich denke, anfangs waren die Menschen in der Gesellschaft einander keineswegs so gleichgültig; doch weil Wölfe die Wege beherrschten und tatsächlich viele dafür Opfer brachten, gingen später alle natürlich diesen Weg. Deshalb sieht man in China, besonders in den Städten: Bricht auf der Straße jemand zusammen vor Krankheit oder stürzt bei einem Unfall — manche stehen herum und gaffen, manche freuen sich sogar, doch kaum einer streckt die Hand zum Helfen aus. Das ist der Preis der Opfer.

Kurzum: Die Ergebnisse der Erfahrung, ob gut oder schlecht, erfordern stets große Opfer; selbst bei Kleinigkeiten zahlt man einen erstaunlichen Preis. So gibt es neuerdings manche Zeitungsleser, die alle Verlautbarungen, Telegramme, Reden und Stellungnahmen — mögen sie noch so blumenreich und wortgewaltig sein — nicht mehr beachten; ja manche finden sie nicht einmal mehr beachtenswert, sondern nehmen sie lediglich als Stoff zum Spott. Ist das so bedeutsam wie die Erfindung der Schrift und der Kleidung? Gewiss nicht — und dennoch ist auch dieses kleine Ergebnis mit einem großen Landstrich und vielen Menschenleben und Vermögen erkauft worden. Menschenleben — freilich die anderer Menschen; wäre es das eigene, gewönne man keine Erfahrung. Darum weigere ich mich entschieden, auf fremden Hohn über meine Todesfurcht hin Selbstmord zu begehen oder mich in den Tod zu stürzen, und muss dies hier niederschreiben — eben deshalb. Und auch dies ist das Ergebnis einer kleinen Erfahrung.

(12. Juni.)

Abschnitt 34

【Sprichwörter】

Bei oberflächlicher Betrachtung scheinen Sprichwörter die kristallisierte Meinung einer Epoche und eines Volkes zu sein. In Wahrheit aber sind sie nur die Meinung eines Teils der Menschen. Nehmen wir als Beispiel "Jeder kehre vor der eigenen Tür und kümmere sich nicht um den Frost auf dem Dach des Nachbarn" — das ist das Credo der Unterdrückten, das dem Menschen einschärft: pflichtbewusst sein, Steuern zahlen, Abgaben leisten, sich fügen, nicht nachlässig werden, nicht aufbegehren, und vor allem: sich nicht in fremde Angelegenheiten einmischen. Die Unterdrücker aber sind darin nicht einbegriffen.

Die Kehrseite des Despoten ist der Sklave: Wer Macht hat, ist zu allem fähig; wer sie verliert, zeigt sofort Sklavennatur. Sun Hao war ein erstklassiger Tyrann, doch nach seiner Kapitulation vor der Jin-Dynastie benahm er sich wie ein Speichellecker. Kaiser Huizong der Song war auf dem Thron allmächtig, doch in der Gefangenschaft ertrug er demütig jede Schmach. Wer als Herr alle anderen als Sklaven behandelt, wird unter einem Herrn zwangsläufig selbst zum Sklaven — das ist Naturgesetz und nicht zu erschüttern.

Wer in der Unterdrückung das Credo "Jeder kehre vor der eigenen Tür" befolgt, verhält sich, sobald er an die Macht gelangt und andere unterdrücken kann, genau umgekehrt: "Keiner kehrt vor der eigenen Tür, doch jeder mischt sich in die Angelegenheiten des Nachbarn ein."

In den letzten zwanzig Jahren haben wir immer wieder gesehen: Der Militarist ist eigentlich zum Exerzieren und Kämpfen da — lassen wir dahingestellt, ob er damit Frieden im Innern oder Abwehr nach außen bezweckt; jedenfalls ist sein "Schnee vor der eigenen Tür" das Militär. Doch er mischt sich in die Bildung ein und spielt den Hüter der Moral. Der Pädagoge ist eigentlich zum Schulhalten da — wie auch immer seine Leistungen ausfallen, sein "Schnee vor der eigenen Tür" ist das Schulwesen. Doch er kniet vor "lebenden Buddhas" nieder und empfiehlt die Traditionelle Medizin. Der kleine Mann muss als Soldat zum Frondienst, das Kind in der Pfadfinder-Uniform sammelt von Tür zu Tür Spenden. Die Oberen treiben es wild, die Unteren stolpern umher — am Ende liegt vor jeder Tür Unrat, und auf jedem Dach herrscht Chaos.

Dass Frauen ihre Arme und Unterschenkel entblößen, scheint den Herzen der Tugendhaften zugesetzt zu haben — ich erinnere mich, dass viele lang und breit ein Verbot forderten, und tatsächlich wurde es auch amtlich verboten. Doch dieses Jahr tönt es plötzlich: "Kleidung, die den Körper bedeckt, reicht aus — warum sollte man sie vorne und hinten nachschleifen lassen und Stoff vergeuden?... In Anbetracht der schweren Zeiten sind die Folgen nicht auszudenken." Daraufhin befahl der Landrat von Yingshan in Sichuan dem Amt für öffentliche Sicherheit, Patrouillen zu entsenden und den Passanten die langen Gewänder unten abzuschneiden. Lange Gewänder sind zwar umständlich; zu glauben, man helfe den "schweren Zeiten", indem man sie nicht trage oder ihren Saum abschneide, ist jedoch eine ganz besondere Art der Wirtschaftslehre. Im "Hanshu" steht der Satz: "Den Mund als Verfassung tragen" — genau das ist damit gemeint.

Ein bestimmter Menschenschlag kann nur die Gedanken und den Blick dieses Schlages haben — über seine eigene Klasse hinaus kann er nicht blicken. Das klingt schon wieder so, als wolle man das verfemte Wort "Klasse" propagieren — doch die Tatsachen sind nun einmal so. Dass Sprichwörter nicht die Meinung des ganzen Volkes sind, hat eben diesen Grund. Der Gelehrte alter Zeiten hielt sich für allwissend; so entstand das prahlerische Riesenmärchen "Der Gelehrte braucht nicht aus dem Haus zu treten und weiß doch, was in der Welt vorgeht", und die einfachen Leute glaubten es und machten ein Sprichwort daraus. In Wahrheit aber gilt: "Der Gelehrte tritt wohl aus dem Haus, weiß aber dennoch nichts von der Welt." Ein Gelehrter hat nur den Verstand und die Augen eines Gelehrten; die Vorgänge in der Welt kann er weder klar sehen noch klar denken. Am Ende der Qing-Dynastie schickte man, weil man "reformieren" wollte, allerlei "Talente" ins Ausland zur Besichtigung. Lesen wir heute ihre Reisenotizen! Was sie am meisten erstaunte, war, dass in irgendeinem Museum eine Wachsfigur einem lebenden Menschen gegenüber Schach spielen konnte. Der "Heilige vom Südmeer", Kang Youwei, Herausragendster unter allen, bereiste elf Länder bis zum Balkan und erkannte endlich den Grund, warum im Ausland ständig "Königsmord" vorkomme: Weil die Palastmauern zu niedrig seien.

(13. Juni.)

Abschnitt 35

【Lasst uns alle eine Stufe herabsteigen und sehen, was passiert】

Die "Abrechnung mit den literarischen Buchbesprechungen in der 'Tushu Pinglun'" in der ersten Nummer der "Wenxue" ist eine höchst unterhaltsame und bedeutsame Bilanz. Diese "Tushu Pinglun" ist nicht nur "unsere einzige Kritikzeitschrift", sondern auch die einzige vereinte Streitmacht unserer Professoren und Gelehrten. Doch im literarischen Teil nehmen die Besprechungen von Übersetzungen und kommentierten Ausgaben mehr als die Hälfte ein — und neben all den in der "Abrechnung" aufgeführten Gründen gibt es noch einen entscheidenden weiteren: In unserem akademischen und literarischen Betrieb arbeiten die meisten Leute eine Stufe über ihrem tatsächlichen Können.

Ein Korrektor muss einerseits die Regeln des Satzes kennen und andererseits viele Schriftzeichen beherrschen. Doch betrachtet man die heutigen Publikationen, so sind "ji" und "si", "lu" und "cu", "la" und "ci" in vielen Augen nicht zu unterscheiden. Die Satzregeln sind eigentlich Sache des Setzers; da der sich nicht darum kümmert, fallen sie dem Korrektor auf die Schultern; kümmert sich auch der nicht, werden sie zur Sache von niemandem. Der Schriftsteller muss zunächst auch die Schriftzeichen kennen; doch in seinen Texten verwechselt er "zhan miao" mit "zhan li", "yi jing" wird zu "yi jing" geschrieben; "feichang wanyan" beschreibt einen Eifersuchtsmord; "nian yi dingsheng" soll heißen, jemand sei über sechzig. Was die Übersetzungen betrifft, sind sie natürlich entweder "steif" oder fehlerhaft — und um sie zurechtzuweisen und zu korrigieren, nehmen sie in neun Bänden der "Tushu Pinglun" die Hälfte des literarischen Teils ein: ein unwiderleglicher Beweis.

Das Erscheinen dieser fehlerhaften Bücher hat natürlich großenteils damit zu tun, dass man die Nachfrage des Marktes erkannte und eilig auf schnellen Profit spekulierte; andererseits liegt es daran, dass die kompetenten Leute es unter ihrer Würde finden, sich dieser mühsamen und wenig einträglichen Arbeit zu widmen. Andernfalls hätten diese Übersetzer in der Universität bleiben und den Vorlesungen der Professoren folgen sollen. Nur weil die Fähigen sich vornehm zurückzogen und das Feld räumten, können nun kleine Soldaten das Feldherrnsiegel führen und dem guten Ruf der Übersetzungszunft schaden.

Aber wo sind die kompetenten Übersetzer und Kommentatoren geblieben? Das versteht sich von selbst: Auch sie sind eine Stufe aufgestiegen, wurden Professoren und Gelehrte. "Wenn es in der Welt keine Helden gibt, dann werden Emporkömmhinge berühmt" — und so haben die, die eigentlich nur als Studenten taugen, die Lücke genutzt und sich im Schutz der Leere zu Übersetzern gewandelt. Nach demselben Gesetz haben die, die bestenfalls als Übersetzer taugen, die Katheder besetzt und dozieren hochtrabend. Professor Dewey hat seinen Pragmatismus, Professor Babbitt seinen Humanismus — wer aus ihrem Umkreis ein paar Brocken nach China importiert, wird flugs zum Gelehrten, der alle acht Himmelsrichtungen zurechtzuweisen wagt. Ist das nicht ebenfalls ein unwiderleglicher Beweis?

Um das chinesische Übersetzungswesen zu bereinigen, wäre es am besten, wenn alle eine Stufe herabstiegen — wobei es freilich noch eine offene Frage wäre, ob dann alle wirklich kompetent und zufrieden wären.

(7. Juli.)

Abschnitt 36

Sand

In letzter Zeit beklagen gebildete Menschen haeufig, die Chinesen seien wie ein Tablett voll losem Sand -- hoffnungslos -- und schieben die Schuld fuer das Unglueck auf alle. In Wahrheit ist das eine Ungerechtigkeit gegenueber der Mehrheit der Chinesen. Das einfache Volk mag ungebildet sein und die Dinge vielleicht nicht klar durchschauen, doch wenn es um ihre eigenen Interessen geht, verstehen sie durchaus, sich zusammenzuschliessen. Frueher gab es Kniefaelle vor dem Weihrauch, Volksaufstaende, Rebellionen; heute gibt es noch immer Petitionen und dergleichen. Dass sie wie Sand wirken, ist das Ergebnis der Regierungskunst ihrer Herrscher -- in klassischem Chinesisch nennt man das Verwaltungserfolge.

Gibt es dann also in China keinen Sand? Doch, den gibt es, aber es ist nicht das einfache Volk, sondern die grossen und kleinen Machthaber.

Man sagt oft: Aufsteigen und reich werden. In Wirklichkeit sind diese beiden Dinge nicht gleichrangig; man will nur deshalb aufsteigen, weil man reich werden will -- das Aufsteigen ist lediglich ein Weg zum Reichtum. Darum sind Beamte zwar von der Obrigkeit abhaengig, aber ihr nicht treu; Amtsdiener sind zwar von ihrer Behoerde abhaengig, aber beschuetzen sie nicht. Wenn der Anfuehrer einen Befehl zur Sauberkeit erlaesst, gehorchen die kleinen Handlanger ganz gewiss nicht -- sie haben ihre Methoden der Vertuschung. Sie alle sind eigennuetzige Sandkoerner: Wo sie sich bereichern koennen, bereichern sie sich, und jedes einzelne Korn ist ein Kaiser -- wo es sich als Herrscher aufspielen kann, spielt es sich auf. Manche uebersetzen den russischen Zaren als Sandkaiser -- diesen Ehrentitel auf diese Sorte zu uebertragen, waere aeusserst treffend. Woher kommt der Reichtum? Er wird dem einfachen Volk abgeschabt. Koennte sich das Volk zusammenschliessen, waere das Reichwerden muehsam -- also muss man natuerlich alle Mittel ersinnen, es in losen Sand zu verwandeln. Die Sandkaiser herrschen ueber das einfache Volk, und so wird ganz China zu einem Tablett voll losem Sand.

Jenseits der Wueste jedoch gibt es noch vereinte Menschen, und sie marschieren ein, als betraeten sie menschenleeres Gebiet.

Das ist die grosse Umwaelzung in der Wueste. In solchen Zeiten gab es bei den Alten zwei aeusserst treffende Gleichnisse: Die Edlen werden zu Affen und Kranichen, die Gemeinen zu Wuermern und Sand. Jene Edlen fliegen entweder wie weisse Kraniche in die Luefte oder klettern wie Affen auf die Baeume -- faellt der Baum, zerstreuen sich die Affen -- doch es gibt noch andere Baeume, und sie werden gewiss nicht leiden muessen. Was auf dem Boden bleibt, sind die Ameisen und der Sand des einfachen Volkes -- man kann sie zertreten und abschlachten nach Belieben; sie konnten ja nicht einmal den Sandkaisern widerstehen, wie sollten sie dann den Besiegern der Sandkaiser widerstehen koennen?

Doch gerade in solchen Zeiten gibt es wieder Leute, die Feder und Zunge schwingen und dem einfachen Volk eine ernste Frage stellen: Wie wird das Volk sich behaupten? und Wie wird das Volk dies alles zum Guten wenden? Ploetzlich erinnern sie sich an das Volk, sagen sonst nichts, und verlangen nur, dass es wieder das Defizit ausgleichen soll -- ist das nicht, als forderte man einen an Haenden und Fuessen Gefesselten auf, Raeuber zu fangen?

Doch genau dies ist die Rueckendeckung der Regierungserfolge der Sandkaiser, der Nachhall des Affengekreischs und Kranichgerufs -- nach dem Sich-zum-Herrscher-Aufschwingen und dem Sich-Bereichern der unvermeidlich letzte Zug.

(12. Juli.)

Abschnitt 37

Brief an die Literarische Gesellschaft

An den Herrn Redakteur:

In der zweiten Ausgabe der Zeitschrift Literatur schrieb Herr Wu Shi in Hughes in China einleitend folgenden Absatz: Shaw ist eine Beruehmtheit, es gebuehrt unseren eigenen Beruehmtheiten, ihn zu empfangen, und gerade weil eine Beruehmtheit eine andere Beruehmtheit empfaengt, hat sich fuer Herrn Lu Xun und Doktor Mei Lanfang die einmalige Gelegenheit ergeben, unter einem Dach zusammenzutreffen. Hughes aber ist nicht nur keine Beruehmtheit im Sinne unserer eigenen Beruehmtheiten, sondern es kommt noch die Befangenheit wegen seiner Hautfarbe hinzu!

Ja, ich war nicht der einzige, der Shaw begegnete, doch allein weil ich ihn einmal gesehen hatte, werde ich seither von grossen und kleinen Literaten ununterbrochen verlacht und beschimpft; das juengste Beispiel ist eben dieser Aufsatz, der mich deswegen mit Mei Lanfang in einen Topf wirft. Doch damals war es der Gastgeber, der mich eingeladen hatte. Zum diesmaligen Empfang fuer Hughes hatte ich keinerlei Einladung erhalten -- ich wusste weder Zeitpunkt noch Adresse -- wie haette ich also kommen sollen? Selbst wenn ich eingeladen worden waere und nicht erschienen, haette es andere Gruende geben koennen, die man vor einer schriftlichen Hinrichtung wenigstens haette pruefen sollen. Nun hat man mich nicht einmal informiert, wirft mir aber vor, nicht gekommen zu sein, und schliesst daraus, ich verachte die schwarze Rasse. Der Verfasser mag das glauben; der Leser, der die Tatsachen nicht kennt, kann es vermutlich auch glauben; aber ich selbst kann noch nicht glauben, dass ich ein derart berechnender und niedertraechtiger Mensch bin!

Verleumdung und Beleidigung sind mir nichts Neues; ich wundere mich auch nicht darueber -- ich bin es gewohnt. Doch das kommt aus Klatschblaettern, von Feinden. Wer ein wenig Urteilsvermoegen besitzt, durchschaut es sofort. Aber Literatur traegt ein respektables Aushaeengeschild, und ich bin einer der Mitarbeiter -- warum also grundlos Tatsachen erfinden, um mich zu verspotten, und das in solchem Ausmass? Braucht man etwa einen berechnenden, niedertraechtigen alten Mann, der auch noch auf der literarischen Buehne tanzen soll, um das Publikum zu belustigen und zum Erbrechen zu bringen? Ich bin gewiss, noch nicht eine solche Figur zu sein -- ich kann noch von dieser schrecklichen Buehne herabsteigen. Dann gibt es, wie auch immer man mich verleumdet und verspottet, zwischen uns keinen Widerspruch mehr.

Ich vermute, dass Herr Wu Shi ein Pseudonym benutzt; er muss ebenfalls eine Beruehmtheit sein, denn zum Empfang von Hughes duerfte ein Nichtprominenter kaum Einlass gefunden haben. Doch wenn er sich von den Fuechsen und Ratten der sogenannten Literaturszene Shanghais unterscheidet, dann sollte er, wenn er einen persoenlichen Angriff fuehrt, wenigstens etwas Verantwortung uebernehmen und den mit seiner Person verbundenen Namen preisgeben, damit ich sein wahres Gesicht sehen kann. Das hat nichts mit Politik zu tun, birgt keinerlei Gefahr, zumal wir einander durchaus kennen -- bei einer Begegnung zeigt man sich vielleicht sogar uebertrieben hoeflich, wer weiss.

Zum Schluss verlange ich, dass dieser Brief in der dritten Ausgabe von Literatur veroeffentlicht wird.

Lu Xun. 29. Juli.

Abschnitt 38

Ueber das Uebersetzen

Dieses Jahr ist das Jahr der einheimischen Waren, und abgesehen von amerikanischem Weizen soll alles, was auch nur einen Hauch von Auslaendischem an sich hat, niedergeschlagen werden. In Sichuan wird gerade auf Befehl den Passanten die lange Robe abgeschnitten, waehrend ein grosszuegiger Herr in Shanghai, aus Abneigung gegen westliche Kleidung, sich an das traditionelle Gewand und die Reitjacke erinnert hat. Auch das Uebersetzen hat Pech gehabt und den pauschalen Titel hartes Uebersetzen und wirres Uebersetzen erhalten. Doch unter den Kritikern, die ich gesehen habe, ist kein einziger, der gleichzeitig gute Uebersetzungen fordert.

Eigenschoepfungen sind fuer die eigenen Landsleute gewiss zugaenglicher und verstaendlicher als Uebersetzungen, doch bei der geringsten Unachtsamkeit kann auch das eigene Schaffen die Krankheit des harten Schreibens und wirren Schreibens entwickeln -- und dieses Uebel ist weit schlimmer als beim Uebersetzen. Unsere kulturelle Rueckstaendigkeit ist unleugbar; die schoepferische Kraft reicht natuerlich nicht an die der Auslandsteufel heran; dass die Werke vergleichsweise duenn ausfallen, ist unvermeidlich, und man muss obendrein staendig vom Ausland lernen. Daher sollten Uebersetzen und Eigenschoepfung gleichermassen gefoerdert werden; keinesfalls darf man die eine Seite unterdruecken, damit die Eigenschoepfung zum verwoehten Kind der Stunde wird und gerade durch die Nachsicht verweichlicht.

Die Betonung des Uebersetzens als Spiegel dient tatsaechlich der Foerderung und Ermutigung des eigenen Schaffens. Doch schon vor einigen Jahren gab es Kritiker, die das harte Uebersetzen angriffen, den Schorf von ihren alten Wunden kratzten -- so wenig wie der Moschus auf einem Pflaster -- und sich wegen dieser Seltenheit fuer Kostbarkeiten hielten. Und dieser Wind hat sich verbreitet; viele neue Kommentatoren haben dieses Jahr begonnen, die importierten auslaendischen Waren zu verunglimpfen. Verglichen mit den Militaers, die massenhaft Flugzeuge kaufen, und den Buergern, die verzweifelt spenden, sind die sogenannten Literaten wahrlich benebelte Gestalten.

Ich wuensche mir, dass China viele gute Uebersetzer hat; wenn das nicht moeglich ist, dann unterstuetze ich das harte Uebersetzen. Der Grund ist, dass China viele Leserschichten hat und dass es auch Dinge gibt, die nicht rein betruegerisch sind -- vielleicht wird immer jemand etwas davon aufnehmen, was nuetzlicher ist als ein leerer Teller. Und ich selbst bin dem Uebersetzen von jeher dankbar gewesen.

(2. August.)

Abschnitt 39

Vorwort zu Die Passion eines Menschen

Der Name Bildergeschichte ist inzwischen recht gebraeuchlich und braucht nicht geaendert zu werden; eigentlich sollte man aber von fortlaufenden Bildern sprechen, denn sie sind nicht ringfoermig ohne Ende, sondern haben Anfang und Schluss. Die alten chinesischen Langrollen -- etwa die Endlose Landschaft am Yangzi oder die Illustrierte Rueckkehr in die Heimat -- gehoeren zur selben Gattung, nur dass sie zu einer einzigen Bildrolle verbunden waren.

Der Ursprung dieser Bildkunst reicht weit zurueck. Die in aegyptische Steinmauern gemeisselten Heldentaten der Koenige, die Szenen des Totenreichs im Totenbuch -- das waren bereits Bildergeschichten. Andere Voelker hatten sie zu allen Zeiten, was keiner naeheren Ausfuehrung bedarf. Sie sind fuer den Betrachter ueberaus nuetzlich, denn mit einem Blick kann man ungefaehr die damaligen Umstaende erfassen -- ganz anders als Schriftworte, die nur Eingeweihte verstehen. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts schufen viele westeuropaeische Kuenstler gern solche Bildwerke. Die Methode, mit Bildern eine Geschichte zu erzaehlen, kam erst spaeter auf; der fruchtbarste Schoepfer solcher Werke war Frans Masereel. Ich glaube, dies steht in enger Verbindung mit dem Film, denn einerseits ersetzt man mit Bildern die geschriebene Erzaehlung, und zugleich ersetzt man mit Bildfolgen den bewegten Film.

Masereel war ein Gegner des Europaeischen Krieges. Nach eigener Aussage wurde er am 31. Juli 1889 in Blankenberge in Flandern geboren und hatte eine sehr glueckliche Kindheit, weil er viel spielte und wenig lernte.

Die fuenfundzwanzig Bilder dieser Geschichte kommen ohne ein einziges Wort der Erklaerung aus. Doch wir erkennen sofort: In einem Zimmer, das ausser Tisch und Stuhl nichts enthaelt, ist eine Frau schwanger geworden; nach der Geburt wird sie von anderen verstossen; sie irrt auf der Strasse umher, folgt schliesslich einem anderen Mann; das fruehere Kind geraet unter Strassenjungen. Es waechst heran und wird Tischlerlehrling, doch die schwere Arbeit ueberfordert das Kind -- es wird hinausgeworfen wie ein streunender Hund. Vom Hunger getrieben stiehlt es Brot, wird sofort vom Polizisten gefasst und ins Gefaengnis geworfen. Nach der Entlassung irrt es auf der belebten Strasse umher, findet aber Arbeit beim Strassenbau. Doch die ewige Schwingung der Spitzhacke ermuedet; boese Kameraden nutzen die Gelegenheit -- er verfaellt der Versuchung, geht zu Prostituierten, zum Tanz. Auf dem Heimweg aber bereut er, beschliesst in die Fabrik zu gehen und morgens Buecher zu studieren; in dieser Umgebung begegnet er wahren Gleichgesinnten. Doch als Arbeiter und Kapitalisten aufeinanderprallen, steigt er auf die Barrikade, ruft die Arbeiter zusammen und kaempft gegen die Kapitalisten -- Spitzel spionieren von vorne, Soldaten und Polizei schlagen von hinten zu, Verraeter saeen Zwietracht, und er wird verhaftet. Vor dem Bild des gekreuzigten Gottessohnes Jesus wird dieser Menschensohn gerichtet; das Urteil lautet natuerlich Tod -- er steht da und wartet auf die Schuesse der Soldaten!

Jesus sagte, fuer einen Reichen sei es schwerer, ins Himmelreich zu kommen, als fuer ein Kamel, durchs Nadeloehr zu gehen. Doch der, der dies sagte, erlitt selbst die Passion. Heute sind nahezu alle Reichen Europas und Amerikas Anhaenger Jesu -- und die Passion faellt nun den Armen zu.

Das ist es, was Die Passion eines Menschen erzaehlt.

6. August 1933, Lu Xun.

Abschnitt 40

Glueckwuensche an Taosheng

Dass das Taosheng ein so langes Leben hat -- wenn man darueber nachdenkt, ist es eigentlich etwas verwunderlich.

Vor drei und vor zwei Jahren hatten die sogenannten Schriftsteller noch irgendwelche Vereinigungen und fuehrten irgendwelche Literaturen im Schilde; letztes Jahr verloren sich diese ins Nebuloese, und dieses Jahr betreiben die meisten unter Pseudonymen Klatschblaetter und verkaufen Geruechte. Woher sollen so viele Geruechte kommen? Also erfindet man Geruechte. Die frueheren sogenannten Schriftsteller konnten immerhin noch zusammen Kolportageromane verfassen; jetzt koennen sie nicht einmal mehr das -- sie stopfen alles in Bruchstuecken in die Koepfe der Leser, sodass Geruechte und Skandalgeschichten zu deren gesamtem Wissensschatz werden. Die Belohnung fuer diese Verdienste ist neben dem Honorar noch ein Informationsbonus. Schafskopf aufhaengen und Hundefleisch verkaufen ist Vergangenheit -- jetzt verkaufen sie Menschenfleisch.

So werden die Zeitschriften und ihre Autoren, die kein Menschenfleisch verkaufen, selbst zur Handelsware. Das ist auch nicht weiter verwunderlich: China ist ein Agrarland, doch Weizen muss man bei Amerika bestellen; nur den Verkauf kleiner Kinder bekommt man fuer ein paar hundert Kupfermuenzen pro Pfund -- also muessen die Literaten einer altehrwuerdigen Zivilisation natuerlich ihr Blut verkaufen. Nietzsche sagte: Ich liebe die mit Blut geschriebenen Buecher!

Und doch besteht das Taosheng fort -- das ist es, was ich meine, wenn ich sage: wenn man darueber nachdenkt, ist es eigentlich etwas verwunderlich.

Dies ist ein Glueck und zugleich ein Mangel. Nach der gegenwaertigen Lage werden die Publikationen, deren Existenz genehmigt oder stillschweigend geduldet wird, von einem Teil der Leute oft mit Kopfschuetteln bedacht. Jemand hat ueber mich geurteilt: Allein die Tatsache, dass Lu Xun noch lebt, beweise hinreichend, dass er kein guter Mensch sein koenne. Das stimmt -- seit der Revolution von 1911 bis heute sind wahrhaftig unzaehlige gute Menschen umgebracht worden, nur hat niemand je eine genaue Abrechnung gefuehrt.

Das Taosheng enthaelt oft Artikel, die mit blankem Oberkoerper in die Schlacht ziehen, auf Leben und Tod kaempfen -- dieses Temperament ist dem meinen voellig entgegengesetzt und nicht der Grund fuer sein Ueberleben. Ich glaube, das Glueck und zugleich der Mangel liegt darin, dass es stets gern Altes heranzieht, um Gegenwaertiges zu belegen, mit einer gewissen Gelehrtenhaftigkeit.

Am 25. November erschien im Taosheng tatsaechlich ein Abschiedswort zur Einstellung. Es begann: Am Nachmittag des 20. November wurde unsere Zeitschrift angewiesen, die Registrierungsurkunde zurueckzugeben. Dies ist wahrhaftig, wie Kang Youwei es formulierte, ein Unglueck, dass meine Worte eingetroffen sind -- ist das nicht merkwuerdig und doch nicht merkwuerdig? Nachtrag am Silvesterabend, 31. Dezember.

Abschnitt 41

Shanghais junge Maedchen

In Shanghai zu leben ist billiger, wenn man modische Kleidung traegt, als wenn man altmodisch gekleidet ist. Traegt man abgetragene Kleider, wird der Schaffner der Strassenbahn nicht wie gewuenscht anhalten, der Parkwaechter wird die Eintrittskarten besonders aufmerksam pruefen, und der Portier eines grossen Hauses oder Hotels wird einen nicht durch den Haupteingang lassen. Deshalb ziehen manche es vor, in einer winzigen Kammer zu wohnen und Wanzen zu fuettern, aber die eine Hose des Anzugs muss jeden Abend unters Kopfkissen gelegt werden, damit die Buegelfalten an beiden Hosenbeinen Tag fuer Tag scharfkantig bleiben.

Noch billiger aber kommt die modische Frau. Das sieht man am deutlichsten in den Geschaeften: endloses Aussuchen, Unentschlossenheit -- und der Verkaeufer haelt geduldig aus. Dauert es allerdings zu lang, braucht man eine gewisse Voraussetzung: ein wenig Koketterie mitbringen und ein paar anzuegliche Bemerkungen ertragen koennen. Anderenfalls wird man am Ende auch nur die gewoehnlichen schiefen Blicke ernten.

Die an das Shanghaier Leben gewohnte Frau ist sich dieses Glanzes, den sie besitzt, laengst klar bewusst, und gleichzeitig kennt sie die Gefahren, die in diesem Glanz verborgen liegen. Daher zeigt jede modische Frau eine Miene, die zugleich provoziert und abwehrt, die zugleich anlockt und zurueckweist -- sie gleicht allen Verwandten des anderen Geschlechts und allen Feinden des anderen Geschlechts; sie ist erfreut und zugleich veraergert. Diese Miene hat auch die noch nicht erwachsenen Maedchen angesteckt: Manchmal sieht man sie in einem Laden einkaufen, den Kopf zur Seite geneigt, mit gespieltem Schmollen und leichtem Zorn, als stuenden sie vor einem grossen Feind. Natuerlich koennen die Verkaeufer ihnen gegenueber genauso anzuegliche Bemerkungen machen wie gegenueber erwachsenen Frauen, und auch sie verstehen laengst die Bedeutung dieser Anzueglichkeiten. Kurz gesagt: Sie sind zum groessten Teil fruehreif.

Und doch lesen wir in den Tageszeitungen tatsaechlich haeufig von der Entfuehrung junger Maedchen und sogar von Schaendungen Minderjaehriger.

Nicht nur der Daemonenkoenig im Roman der Reise nach dem Westen verlangt beim Menschenfressen Knaben und Jungfrauen; auch unter den Menschen, in den Haeusern der Reichen und Maechtigen, wurden junge Maedchen stets als Material fuer die Bedienung, fuer die Befriedigung der Lueste, fuer die Demonstration der Erhabenheit, fuer die Suche nach Unsterblichkeit und als Staerkungsmittel verwendet -- ganz wie beim Essen, wenn man des gewoehnlichen Fetten und Suessen ueberdruessig ist und nach Spanferkel und Teeknospen verlangt.

Doch, um es kurz zu sagen: In China sind selbst die jungen Maedchen in gefaehrliches Terrain geraten.

Diese Gefahr laesst sie noch fruehreifer werden; geistig sind sie bereits Erwachsene, koerperlich noch Kinder. Der russische Schriftsteller Sologub hat diesen Typus junger Maedchen beschrieben: noch Kinder, doch ihre Augen sind bereits erwachsen geworden. Unsere chinesischen Schriftsteller jedoch haben eine ganz andere, lobende Beschreibung: das sogenannte niedlich und zierlich.

(12. August.)

Abschnitt 42

Shanghais Kinder

Die Gegend um die North Sichuan Road jenseits der Konzessionsgrenze in Shanghai war wegen der Kaempfe letztes Jahr ein halbes Jahr lang verödet; dieses Jahr ist sie wieder belebt, die Geschaefte sind aus der Franzoesischen Konzession zurueckgekehrt, die Kinos haben laengst wieder geoeffnet, und in der Naehe des Parks sieht man haeufig Hand in Hand spazierende Liebespaare -- etwas, das es letzten Sommer nicht gegeben hatte.

Betritt man jedoch die Wohngassen, sieht man Nachttöpfe, Essensstaende, Fliegen in Schwaermen und Kinder in Horden, wildes Toben, wuesste Schimpfereien -- eine kleine chaotische Welt. Doch auf der grossen Strasse fallen einem nur die selbstbewusst und lebhaft spielenden und spazierenden auslaendischen Kinder ins Auge; chinesische Kinder sind kaum zu sehen. Sie sind nicht gaenzlich abwesend, doch weil ihre Kleidung schlottert und ihr Geist matt ist, werden sie von den anderen wie Schatten an den Rand gedrueckt und fallen nicht ins Auge.

In chinesischen Familien der Mittelschicht gibt es im Grunde nur zwei Methoden der Kindererziehung. Die erste laesst sie voellig gewähren, ohne jede Aufsicht -- Schimpfen ist erlaubt, Schlagen ebenso; im Haus oder vor der Tuer sind sie Tyrannen und Despoten, doch draussen sind sie wie Spinnen ohne Netz, augenblicklich voellig hilflos. Die zweite ueberhaeuft sie tagein, tagaus mit Kaelte oder Schelte, bis hin zu Schlaegen, sodass sie aengstlich und eingeschuechtert werden, wie Sklaven, wie Marionetten -- doch die Eltern nennen es wohlklingend gehorsam und halten es fuer einen Erziehungserfolg. Laesst man sie dann nach draussen, so sind sie wie ein kleiner Vogel, der kurz aus seinem Kaefig entlassen wird -- er kann nicht fliegen, nicht singen, nicht huepfen.

Jetzt gibt es in China endlich auch Bilderbuecher fuer Kinder, deren Hauptfiguren natuerlich Kinder sind, doch die dargestellten Figuren verströmen entweder den Geist brutaler Sturheit, ja gleichen Strauchdieben mit ihren uebertriebenen boesen Streichen -- oder sie haben gesenkte Koepfe, hochgezogene Schultern, niedergeschlagene Augen und ein totenstarres Gesicht: die sogenannten braven Kinder. Dies liegt zwar auch am mangelnden Koennen der Zeichner, doch sie nehmen auch reale Kinder als Vorbilder, und die Bilder dienen dann wiederum als Vorbilder zur Nachahmung fuer Kinder. Betrachten wir die Kinderzeichnungen anderer Laender: die englischen sind besonnen, die deutschen kraftvoll, die russischen wuchtig, die franzoesischen huebsch, die japanischen klug -- keine einzige hat auch nur einen Hauch dieser chinesischen Erschoepfung. Die Sitten eines Volkes kann man nicht nur an Dichtung und Prosa ablesen, nicht nur an Gemaelden, sondern auch an den von niemandem beachteten Kinderzeichnungen.

Wildheit und Stumpfheit genuegen beide, um ein Volk untergehen zu lassen. Die Umstaende der Kindheit sind das Schicksal der Zukunft. Unsere neuen Menschen reden von Liebe, von der Kleinfamilie, von Selbstaendigkeit, von Genuss, doch nur wenige bringen die Frage der haeuslichen Erziehung, der schulischen Bildung, der gesellschaftlichen Reform fuer ihre Kinder auf. Die frueheren Generationen, die nur wussten, sich fuer Kinder und Enkel zum Ochsen und Pferd zu machen, lagen gewiss falsch; doch wer nur an die Gegenwart denkt und nicht an die Zukunft und die Kinder und Enkel zu Ochsen und Pferden werden laesst -- das ist ein noch groesserer Fehler.

(12. August.)

Abschnitt 43

Ein Jahr Lunyu -- Und abermals ueber Shaw

Man sagt, das Lunyu habe nun ein Jahr, und Herr Yutang befiehlt mir, einen Artikel zu schreiben. Das ist wirklich, als haette man mir das Thema Der erste Abschnitt des Lun Yu gestellt und verlangte, ich solle einen Aufsatz im Stil der alten Achtgliedrigen Pruefungsarbeit verfassen. Es hilft nichts, ich muss einfach losschreiben.

Offen gesagt: Was er propagiert, habe ich stets abgelehnt. Frueher war es der Fair Play, jetzt ist es der Humor. Ich mag keinen Humor und glaube zudem, dass dies ein Spielzeug ist, das nur ein Volk hervorbringen kann, das gern Konferenzen am runden Tisch abhält -- in China laesst sich das nicht einmal sinngemäss uebersetzen. Wir haben Tang Bohu, wir haben Xu Wenchang; und den allerberuehmtesten Jin Shengtan: Die Enthauptung ist der groesste Schmerz, doch Shengtan hat sie unversehens erlangt -- wie ueberaus wunderbar! Ob das nun Ernst oder Spass ist, Tatsache oder Geruecht, weiss man nicht. Aber jedenfalls: Erstens erklaert es, dass Shengtan kein rebellischer Aufsaessiger war; zweitens verwandelt es die Grausamkeit des Henkers in ein allgemeines Gelaechter, und die Sache ist erledigt. Wir haben nur solche Dinge, und die haben mit Humor nichts zu schaffen.

Gleichwohl war die Shaw-Sondernummer gut. Sie veroeffentlichte Artikel, die anderswo nicht erscheinen durften, und enthuellte Gespraeche, die anderswo absichtlich verdreht wurden -- bis heute lässt das Prominente nicht zur Ruhe kommen und kleine Beamte Groll hegen, die selbst beim Essen und Schlafen daran denken muessen. Wie lange sie gehasst werden und wie viele sie hassen -- das ist der Beweis fuer ihre Wirksamkeit.

Shakespeare ist zwar der Heilige des Dramas, doch bei uns erwaehnt ihn kaum jemand. Zur Zeit der Vierten-Mai-Bewegung wurde Ibsen eingefuehrt, und sein Ruf war noch gut; dieses Jahr wurde Shaw eingefuehrt, und das war ein Desaster. Bis heute rumort es in manchem Bauch.

Ist es, weil er laechelnd grinsend daherkam, und man nicht unterscheiden konnte, ob es ein kaltes Laecheln, ein boeses Laecheln oder ein albernes Laecheln war? Nein. Weil in seinem Laecheln Stacheln steckten, die anderer Leute wunde Punkte trafen? Auch nicht gaenzlich. Lewitan hat es sehr klar gesagt: weil Ibsen das grosse Fragezeichen ist und Shaw das grosse Ausrufezeichen.

Shaw ging anders vor: Er liess sie auftreten, riss ihnen die Masken herunter und die praechtige Kleidung vom Leib, packte sie schliesslich am Ohr und zeigte allen: Seht her, das sind Maden! Nicht einmal Zeit zum Verhandeln oder zum Vertuschen liess er ihnen. In diesem Moment konnten nur die lachen, die keines der von ihm angezeigten Leiden hatten -- die einfachen Leute. In diesem Punkt stand Shaw den einfachen Leuten nahe, und eben deshalb stand er den feinen Leuten fern.

Dass es in China keinen Humor geben wird, ist damit erwiesen.

(23. August.)

Abschnitt 44

Die Krise der kleinen Prosa

Ich meine mich zu erinnern, vor ein oder zwei Monaten in irgendeiner Tageszeitung einen Artikel ueber den Tod eines Menschen gelesen zu haben, der als beruehmter Sammler von Nippes galt. Am Ende stand ein wehmütiger Seufzer, als sei mit seinem Tod der letzte Nippes-Sammler Chinas dahingegangen.

Leider war ich damals nicht aufmerksam genug und habe den Namen der Zeitung und des Sammlers vergessen.

Die Nippes waren natuerlich nie Besitz der Armen, aber auch nicht die Zierde hoher Beamter oder reicher Kaufleute -- die wollten Baeumchen aus Juwelen und bunt bemalte Porzellanvasen. Es waren nur die Preziosen der sogenannten Literatenbeamten. Man brauchte in der Ferne zumindest ein paar Dutzend Morgen fetten Landes, im Hause ein paar elegante Studierzimmer. Doch diese Welt ist inzwischen von den gefaehrlichen Wogen der Welt wie ein kleines Boot im Sturm hin- und hergeworfen worden.

Das Verlangen nach Nippes in der Kunst -- dieser Traum ist zerplatzt. Doch das Verlangen nach dem literarischen Pendant der Nippes -- der kleinen Prosa -- wird gerade immer staerker. Die Nachfragenden glauben, durch leises Fluuestern oder sanftes Summen die groben Herzen glaetten zu koennen. Das ist, als wollte man andere dazu bringen, versunken in die Sechs Dynastien Anthologie zu blicken, waehrend man sich selbst an einem Baumwipfel festhält, der nach dem Dammbruch des Gelben Flusses gerade noch aus dem Wasser ragt.

Doch in solchen Zeiten braucht man nur Kampf und Ringen.

Und auch das Ueberleben der kleinen Prosa beruht nur auf Kampf und Ringen. Das geistreiche Geplauder der Jin-Dynastie verschwand laengst zusammen mit seiner Epoche. Am Ende der Tang-Dynastie verfiel die Dichtung, doch die kleine Prosa erstrahlte. Aber Luo Yins Changshu besteht fast gaenzlich aus Widerstand und Empoerung. Auch die Kleinen Prosawerke der spaeten Ming-Zeit waren keineswegs nur Spielereien mit Wind und Mond -- sie enthielten Unzufriedenheit, Satire, Angriff, Zerstoerung. Dieser Stil beunruhigte auch das Herz der mandschurischen Kaiser und Minister; es brauchte die Klingen vieler willfaehriger Generaele und die Federn vieler diensteifrigen Beamten, bis er in der Qianlong-Aera endlich unterdrueckt war. Danach kamen die Nippes.

Die kleine Prosa, die ueberleben will, muss ein Dolch sein, ein Wurfspeer, der zusammen mit dem Leser einen Weg des Ueberlebens durch das Blut schlagen kann. Natuerlich kann sie den Menschen auch Vergnuegen und Erholung schenken -- doch das ist kein Nippes und erst recht kein Troesten oder Betaeuben: Die Erholung, die sie gibt, ist Staerkung, ist Vorbereitung vor Arbeit und Kampf.

(27. August.)

Abschnitt 45

Der 18. September

Bewoelkter Himmel, mittags heftiger Sturm und Regen. In der Abendzeitung stehen bereits Gedenkartikel zum Jahrestag, die den Sturm zum Stoff nehmen. In der morgigen Tageszeitung werden gewiss weitere tausendmal gleichlautende Werke erscheinen. Leere Worte sind den Tatsachen unterlegen -- schauen wir lieber auf die Nachrichten:

Dai Jitao spricht ueber die Rettung des Landes (Zentralagentur): Nanjing, 18. September -- Das Praesidialamt hielt am Morgen des 18. eine Gedenkversammlung ab... Dai sprach ueber Wie man das Land rettet und meinte, am heutigen zweiten Jahrestag des 18. September solle man in tiefem Schmerz nach Wegen zur Rettung des Landes suchen. Es gebe viele Wege der Landesrettung: moralische Landesrettung, Rettung durch Bildung, Rettung durch Industrie und aehnliches...

Wu Jingheng spricht ueber die Bedeutung des Gedenkens (Zentralagentur): Nanjing, 18. September -- Die Zentrale hielt am Morgen des 18. um acht Uhr eine Gedenkversammlung zum zweiten Jahrestag des 18. September ab...

Kanton verbietet Demonstrationen des Volkes (Reuters): Kanton, 18. September -- Alle Aemter und oeffentlichen Organisationen hielten am Morgen eine Gedenkfeier zum Nationalschande-Tag des 18. September ab... Jedoch wurde eine grosse Volksdemonstration von den Behoerden verboten und konnte nicht stattfinden.

Doch wie sieht es in Shanghai aus? Zuerst die Konzessionen: Nieselregen und Sturmboeen -- umso gedrueckter die Stimmung. Die ganze Stadt bietet wenig Besonderes zum 18. September; verglichen mit dem Vorjahr wirkt es etwas matter... Doch dies ruehrt nicht daher, dass das chinesische Volk abstumpft, sondern vielleicht dass es erkannt hat, dass die frueheren Parolen und Losungen nutzlos waren und nur stilles, hartes Arbeiten bleibt.

Und das chinesische Viertel? Da muss man den Bericht im Da Wan Bao lesen: Oeffentliche Sicherheit auf Alarmbereitschaft -- Das Polizeipraesidium erhielt geheime Berichte, dass Reaktionaere die Gedenkfeier nutzen wollten, um heimlich unwissende Arbeiter zu versammeln und Unruhe zu stiften... Rote Wagen -- Gefangenentransporter -- patrouillierten mit bewaffneten Polizisten, die Lage erschien aeusserst ernst und imposant.

Der rote Wagen ist ein Gefangenentransporter; Chinesen duerfen darin sitzen, und von chinesischer Seite betrachtet erscheint die Lage aeusserst ernst und imposant. Jahr fuer Jahr werden solche Zustaende von der Zeit verschuettet. Was ich heute Nacht schreibe, soll als Gedenkartikel dienen -- und falls die Chinesen nicht gaenzlich ausgerottet werden, als Vermaechtnis fuer unsere Nachkommen.

(In dieser Nacht geschrieben.)

Abschnitt 46

Zufaellig Geschriebenes

Im Shenbao vom 20. September stand eine Nachricht aus dem Kreis Jiashan, die zusammengefasst lautete: Shen Hesheng und sein Sohn Linsheng aus dem Dorf Dayao wurden von der Bande des Shitang Xiaodi entfuehrt und ein Loesegeld von 30.000 Yuan gefordert. Da die Familie Shen nur maessig begütert war, zoegerte sich die Sache hin. Daraufhin folterten die Banditen Shen Hesheng und seinen Sohn sowie weitere Entfuehrungsopfer aufs Grausamste: Sie klebten Stoffstreifen auf den Ruecken, bestrichen sie mit Rohlack, und als dieser etwas angetrocknet war, zogen sie ein Ende des Stoffes mitsamt der Haut ab -- der Schmerz durchdrang Mark und Seele, das Geschrei und Flehen war herzzerreissend...

Berichte ueber Folter kann man staendig in den Lokalzeitungen lesen, doch wir empfinden sie nur im Augenblick des Lesens als grausam und vergessen sie bald wieder -- es sind auch wahrhaftig zu viele, um sie alle zu behalten. Doch die Methoden der Folter werden nie ploetzlich erfunden; sie haben stets ihre Tradition und Ueberlieferung. Was der Shitang Xiaodi hier anwandte, ist eine alte Methode aus dem Roman Die Geschichte des treuen Yue Fei, wo Qin Hui von Yue Fei ein falsches Gestaendnis als Landesverraeter erzwingen wollte und dabei Hanfstreifen und Fischleim verwendete.

Der Erfinder und Verfeinerer von Folter sind stets Tyrannendiener und Despoten -- das ist ihr einziges Gewerbe, und sie haben auch die Musse, es zu erforschen. Die Folter dient der Einschuechterung des Volkes wie auch der Beseitigung von Verraettern. Doch wie Laozi treffend sagte: Wenn man Mass und Scheffel zur Vermessung einfuehrt, wird auch beides samt Mass und Scheffel gestohlen... Die Sklaven, die Folter gewoehnt sind, kennen nur die Anwendung von Folter auf andere.

Doch hinsichtlich der Wirkung der Folter unterscheiden sich Herren und Sklaven. Die Herren und ihre Helfershelfer sind meist Wissende; sie koennen abschaetzen, welchen Schmerz die Folter dem Feind zufuegt, und verfeinern sie daher sorgfaeltig. Die Sklaven aber sind stets Unwissende; sie koennen sich nicht in andere hineinversetzen. Serafimovic beschreibt in Der eiserne Strom, wie Bauern die kleine Tochter eines Edelmanns toeten; die Mutter weint herzzerreissend, doch der Bauer staunt: Worueber weint sie? Bei uns sterben so viele Kinder, und niemand weint. Er ist nicht grausam -- er wusste einfach nie, dass Menschenleben so kostbar sein koennen, und er wundert sich.

Wer Folter gewöhnt ist als Sklave, kennt nur, dass Menschen nicht anders behandelt werden als Schweine und Hunde. Die Herren der Sklaven und Halbsklaven fuerchten seit jeher nur eins: den Sklavenaufstand. Und das ist begreiflich.

(20. September.)

Abschnitt 47

Muessiggaengerische Betrachtungen

Den Herbst des Palaeozoikums in der Geologie koennen wir nicht mehr recht ermessen, aber der heutige Herbst duerfte sich kaum davon unterscheiden. Wenn der Herbst vor zwei Jahren ein strenger war, und der diesjaehrige ein trauriger, dann waere das Alter der Erde wohl noch kuerzer als die niedrigste Schaetzung der Astronomen. Doch die menschlichen Verhaeltnisse aendern sich wahrhaft schnell, und der Mensch inmitten dieses Wandels, besonders der Dichter, spuert einen jeweils verschiedenen Herbst, uebermittelt dieses Gefuehl in pathetischen oder wehmütigen Saetzen an alle gewoehnlichen Menschen, damit man miteinander durchkommt und es auf der Welt immer neue Gedichte gibt.

Vor zwei Jahren schien der Herbst wahrhaftig pathetisch zu sein: Buerger spendeten Geld, Jugendliche gaben ihr Leben, und auch aus der Feder der Dichter stroemten Trommel- und Hornsignale, als wollten sie tatsaechlich die Feder gegen das Schwert tauschen. Doch die Empfindsamkeit der Dichter liess sie nicht uebersehen, dass das Volk mit blossen Haenden dastand; so konnten sie nur den Opfertod aller ruehmen, und unter dem Pathos verbarg sich eine gewisse Leere.

Vor dem Feind muss der Schlachtruf an der Front ertönen, beim Vorruecken -- er soll Kampfgeist anfachen. Doch selbst dann erschoepft er sich beim zweiten Mal und erloescht beim dritten. Wenn er an einem Ort ertönt, an dem kein Vormarsch vorbereitet wird, dann ist er vollstaendig ein Elixier der Zerstreuung, das die Anspannung anderer in Erschlaffung verwandelt. Ich habe es daher mit dem Totengeheul verglichen -- ein Kunstgriff, den Toten zu geleiten, ein Abschluss der Totenfeier, nach dem die Lebenden in einer anderen Sphaere zufrieden und vergnuegt weiterleben koennen.

Doch die Tatsachen sind noch unbarmherziger als die Kritik. In diesen kurzen zwei Jahren sind die einstigen Freiwilligen zu Banditen erklaert worden, und manche Helden des Widerstands haben sich laengst nach Suzhou zurueckgezogen; und sogar die Spendengelder sind fragwuerdig geworden. Am Gedenktag des 18. September patrouillieren im chinesischen Viertel nur Gefangenenwagen mit bewaffneten Streifenpolizisten, und diese Gefangenenwagen sind keineswegs fuer die Festnahme von Feinden oder Kollaborateuren bestimmt, sondern als Thronsitze fuer Reaktionaere, die bei der Gelegenheit Unruhe zu stiften beabsichtigen.

Ein Mensch, der lebt, will natuerlich immer weiterleben, selbst ein eingefleischter Sklave kaempft und haelt durch, um weiterzuleben. Wenn aber jemand weiss, dass er ein Sklave ist, und durchhaelt, dabei empört ist und ringt, waehrend er zugleich auf Befreiung sinnt und sie gar versucht -- selbst wenn er vorlaeufig scheitert und wieder in Ketten gelegt wird, so ist er eben ein blosser Sklave. Wenn jedoch jemand im Sklavendasein Schoenheit findet, es ruehmt, es streichelt, sich daran berauscht, dann ist er unwiderruflich ein Sklavenknecht -- er macht, dass er selbst und andere fuer immer in diesem Leben verharren. Gerade weil es unter den Sklaven diesen kleinen Unterschied gibt, gibt es in der Gesellschaft den Unterschied zwischen Frieden und Unfrieden, und in der Literatur zeigt sich deutlich die Scheidung zwischen Betaeubung und Kampf.

(27. September.)

Abschnitt 48

Die Dreieinigkeit der Weltklugheit

In der Menschenwelt ist es wahrhaftig schwer zurechtzukommen. Jemanden als unweltklug zu bezeichnen ist gewiss kein Lob, doch jemanden als tief weltklug zu bezeichnen ist ebenso wenig schmeichelhaft. Die Weltklugheit scheint dem Grundsatz zu gleichen, dass die Revolution nicht nicht revolutionaer sein darf, aber auch nicht zu revolutionaer -- man muss sie beherrschen, darf sie aber nicht zu sehr beherrschen.

Doch meiner Erfahrung nach erhaelt jemand den ueblen Ruf tief weltklug gerade deshalb, weil er unweltklug ist.

Nun will ich mir vorstellen, einem jungen Menschen folgenden Rat zu geben: Wenn du in der Gesellschaft auf Ungerechtigkeit stoesst, so tritt keinesfalls hervor und sprich ein gerechtes Wort, sonst wird die Sache auf dich zurueckfallen, und man wird dich womoeglich als Reaktionaer bezeichnen. Wenn du erlebst, dass jemand zu Unrecht beschuldigt und verleumdet wird, tritt keinesfalls hervor, um ihn zu erklaeren oder zu verteidigen, auch wenn du genau weisst, dass er ein guter Mensch ist -- sonst wird man sagen, du seist sein Verwandter oder haettest seine Bestechungsgelder erhalten; handelt es sich um eine Frau, wird man dich fuer ihren Liebhaber halten; ist er einigermassen bekannt, dann bist du sein Parteigaenger.

Doch am besten fragst du nicht nach Recht und Unrecht und stimmst einfach allen zu; noch besser ist, den Mund gar nicht zu oeffnen; und am allerbesten ist, nicht einmal im Gesicht erkennen zu lassen, was man im Herzen fuer Recht oder Unrecht haelt.

Dies ist das Wesen der Lebenskunst: Solange der Gelbe Fluss nicht bis zu deinen Fuessen reicht und die Bomben nicht neben dir einschlagen, kann man sich damit ein Leben lang ohne Rueckschlaege garantieren. Doch ich fuerchte, junge Menschen werden mir nicht zustimmen; und auch die Aelteren werden meinen, ich verderbe ihre Kinder. Ach, dann ist mein wohlmeinender Rat also vergebens gewesen.

Und doch: Behauptet man, China sei jetzt ein glueckliches Zeitalter wie unter den sagenhaften Kaisern Yao und Shun, so waere auch das eine weltkluge Rede. Allein was man mit Augen sieht und Ohren hoert -- schon ein Blick in die Zeitung genuegt -- zeigt, wie viel Ungerechtigkeit es in der Gesellschaft gibt, wie viel Leid die Menschen erdulden. Doch zu all dem hoert man, abgesehen von gelegentlichen Hilferufen aus gleichem Beruf, gleichem Ort oder gleicher Sippe, kaum je die empörte Stimme eines Unbeteiligten. Es ist offensichtlich: Alle schweigen; oder sie halten es fuer nicht ihre Sache; oder sie denken nicht einmal den Gedanken, es koenne sie nicht betreffen. So weltklug geworden zu sein, dass man nicht einmal mehr merkt, wie weltklug man ist -- das ist erst wahre Weltklugheit. Das ist die Quintessenz der chinesischen Lebenskunst.

Doch, wie bei allem Gesagten gilt: Sobald man es ausspricht, verfaengt man sich in Worten und kann das Samadhi nicht mehr erlangen. Wer von der Dreieinigkeit der Weltklugheit spricht, befindet sich schon nicht mehr in der Dreieinigkeit der Weltklugheit. Das wahre Samadhi liegt im Handeln, nicht im Reden; doch sobald ich sage Handeln, nicht Reden, habe ich die wahre Erkenntnis schon wieder verfehlt und bin vom Samadhi weiter entfernt denn je.

Alle Weisen -- versteht den Sinn im Herzen! Om!

(13. Oktober.)

Abschnitt 49

Die Geruechte-Dynastie

Zum Nationalfeiertag am 10. Oktober hat ein gewisser Literaturkenner namens Tang Zengyang in der Shishi Xinbao eine Geschichte aus Hangzhou zur Zeit der Revolution erzaehlt. Er berichtet, man habe damals viele Bannersoldaten der mandschurischen Garnison getoetet, wobei die Methode der Unterscheidung darin bestand, dass die Mandschuren die Zahl Neun als gou aussprachen; man liess sie also neunhundertneunundneunzig sagen, und sobald sie sich verrieten, fiel das Schwert.

Das klingt zwar recht heldenhaft und auch recht unterhaltsam. Aber leider ist es ein Geruecht.

Unter den Chinesen sind die Hangzhouer ein eher sanftmuetiges Volk. Zur Zeit des Koenigs Qian wurden die Bewohner so ausgepresst, dass sie nicht einmal mehr Hosen hatten und ihre Bloesse nur mit einer Tonscherbe bedeckten -- und trotzdem zahlten sie weiter Tribut; ausser dass sie wie Rehkitze aufschrien, wenn sie gepruegelt wurden, hatten sie nichts zu sagen. Natuerlich stammt dies aus Song-Aufzeichnungen und koennte ebenfalls ein Geruecht sein. Doch dass die letzten Kaiser der Song- und der Ming-Dynastie sich mit ihrer dekadenten Entourage und deren Truebsinn nach Hangzhou fluechteten, ist Tatsache. In solcher Atmosphaere von ihnen einen kühnen Kampfgeist zu erwarten -- schwer, schwer. Bis heute sind am Westsee vor allem herumspazierende Dandys zu sehen; selbst die Strassenraufereien sind hier seltener als im oestlichen Zhejiang. Tatsaechlich gab es dort aber keine grosse Schlacht. Die Revolutionsarmee belagerte die Garnison und schoss hinein, von drinnen schoss man zurueck. Doch die Belagerung war nicht dicht; ein Bekannter von mir spazierte tagsueber draussen herum und ging abends zum Schlafen in die Garnison zurueck.

Wie kam dann das Unglueck ueber die Mandschuren? Durch Geruechte. Die Hangzhouer Bannersoldaten hatten am Westsee stets ein gemuetliches Leben gefuehrt und waren klug geworden; als die Verpflegung wegfiel, mussten sie Geschaefte machen -- die einen verkauften Kuchen, die anderen Gemuese. Die Hangzhouer waren hoeflich und diskriminierten nicht; die Geschaefte liefen nicht schlecht. Doch dann kam das altueberlieferte Geruecht auf: In allem, was die Mandschuren verkauften, sei Gift versteckt. Das trieb die Han-Chinesen augenblicklich in die Flucht. Das Ergebnis: Die Kuchen und das Gemuese der Mandschuren fanden keine Kaeufer mehr; sie mussten am Strassenrand ihre Moebel verkaufen. Als die Moebel aufgebraucht waren, war alles verloren. So endete die mandschurische Garnison in Hangzhou.

Im Laecheln kann ein Messer stecken, und ein Volk, das sich selbst als friedliebend preist, hat auch Waffen, die toeten, ohne dass Blut fliesst -- naemlich das Erfinden von Geruechten. Doch dabei schadet man zugleich anderen und sich selbst, und alle werden verwirrt.

Die Kinder der Geruechte-Dynastie toeten mit Geruechten und werden durch Geruechte getoetet.

Manchmal kann ich selbst nicht mehr unterscheiden, welcher Satz Geruecht und welcher Wahrheit ist.

(13. Oktober.)

Abschnitt 50

Ueber die Befreiung der Frau

Konfuzius sagte: Nur Frauen und niedere Menschen sind schwer zu behandeln -- naehert man sich ihnen, werden sie unverschaemt; entfernt man sich, sind sie gekraenkt. Er warf Frauen und niedere Menschen in eine Kategorie, doch ob er damit auch seine eigene Mutter meinte, weiss man nicht. Die spaeteren konfuzianischen Gelehrten erwiesen der Mutter zumindest aeusserlich Respekt, und doch wurde die chinesische Frau als Mutter weiterhin von allen Maennern ausserhalb der eigenen Soehne verachtet.

Nach der Revolution von 1911 trat die beruehmte Frau Shen Peizhen fuer das Wahlrecht ein und soll einmal den Waechter am Parlamentseingang mit einem Fusstritt umgeworfen haben. Allerdings vermute ich, dass er von selbst hingefallen ist -- haette ein Mann zugetreten, haette der Waechter zurueckgetreten. Das ist ein Vorteil des Frauseins. Und heute gibt es allerlei neue Berufe fuer Frauen; doch abgesehen von Fabrikarbeiterinnen, die wegen ihrer niedrigen Loehne und Folgsamkeit von den Fabrikbesitzern gern eingestellt werden, sind die meisten anderen hauptsaechlich deshalb beschaeftigt, weil sie Frauen sind -- daher einerseits als Blumenvasen verspottet, andererseits in Anzeigen gepriesen: Saemtliche Bedienung durch Frauen. Wollte ein Mann ebenso peoetzlich emporsteigen, genuegtte sein bisheriges Mannsein nicht -- er muesste sich mindestens in einen Hund verwandeln.

Das ist die Bilanz seit der Vierten-Mai-Bewegung und ihrer Propagierung der Frauenemanzipation. Doch wir hoeren noch immer das schmerzhaft Stoehnen berufstaetiger Frauen und die Haeme der Kritiker gegenueber Frauen neuen Typs. Sie haben den Harem verlassen und die Gesellschaft betreten, doch in Wahrheit sind sie nur neuer Stoff fuer allgemeines Spotten und Reden geworden.

Das liegt daran, dass sie in der Gesellschaft immer noch darauf angewiesen sind, von anderen ernaehrt zu werden; und wer ernaehrt werden muss, muss sich auch Gemaecker anhoeren, ja sogar Beleidigungen ertragen. Solange die Grenze zwischen Ernaehrern und Ernaehrten nicht aufgehoben ist, werden dieses Seufzen und dieser Schmerz nie verschwinden.

In dieser unreformierten Gesellschaft ist jede einzelne Neuerung nur ein Aushaaengeschild; in Wahrheit ist alles beim Alten. Wenn man einen kleinen Vogel in einen Kaefig sperrt oder auf eine Stange setzt, mag seine Lage sich veraendert haben, doch in Wirklichkeit ist er immer noch ein Spielzeug anderer. Deshalb bin ich der Meinung: Solange Frauen nicht die gleichen wirtschaftlichen Rechte wie Maenner erhalten, sind alle schoenen Bezeichnungen nur leere Worte.

Vor der wahren Befreiung steht der Kampf. Doch ich meine damit nicht, dass Frauen wie Maenner Gewehre tragen oder ihr Kind nur an einer Brust stillen und den Mann die andere Haelfte uebernehmen lassen sollten. Ich meine nur, dass man sich nicht mit der gegenwaertigen vorlaeufigen Position zufriedengeben, sondern unablaessig fuer die Befreiung des Denkens, der Wirtschaft und so weiter kaempfen sollte. Die Gesellschaft befreien heisst auch sich selbst befreien. Natuerlich ist es auch noetig, allein schon gegen die Fesseln zu kaempfen, die nur Frauen tragen.

Ich habe die Frauenfrage nicht studiert; wenn ich ein paar Worte sagen muss, dann nur diese leeren Worte.

(21. Oktober.)

Abschnitt 51

Feuer

Prometheus stahl den Menschen das Feuer und verstieess damit freilich gegen das himmlische Gesetz -- er wurde in die Unterwelt verbannt. Doch Suiren, der Erfinder des Feuerbohrens, scheint keinen Diebstahl begangen zu haben, denn damals waren die Baeume noch herrenloser Gemeinbesitz. Aber auch Suiren ist vergessen worden, und bis heute sieht man in China wohl Tempel fuer den Feuergott, doch keinen einzigen fuer Suiren.

Der Feuergott kuemmert sich nur ums Feuerlegen, nicht ums Lampenanzuenden. Bei jedem Brand hat er seinen Anteil. Deshalb opfert man ihm, in der Hoffnung, er moege weniger Schaden anrichten. Doch wenn er keinen Schaden anrichtete -- wuerde man ihm dann noch opfern? Ueberlegt einmal!

Lampenanzuenden ist zu gewoehlich. Von alters her hat man nie von jemandem gehoert, der durchs Lampenanzuenden beruehmt wurde, obwohl die Menschheit das Feuermachen seit fuenf- oder sechstausend Jahren von Suiren gelernt hat. Brandstiftung ist etwas anderes. Kaiser Qin Shi Huang legte ein grosses Feuer -- er verbrannte Buecher, aber keine Menschen; Xiang Yu legte bei seinem Einzug in die Hauptstadt ein weiteres Feuer -- er verbrannte den Epang-Palast, nicht die Haeuser des Volkes. Ein roemischer Kaiser verbrannte dagegen die Buerger; und die Moenche der mittelalterlichen Kirche verbrannten Ketzer auf dem Scheiterhaufen, gelegentlich mit Oel uebergossen. Das sind alles Helden ihrer Zeit. Hitler von heute ist ein lebender Beweis. Wie koennte man ihnen nicht opfern? Zumal der Feuergott von Generation zu Generation uebertrumpft wird.

Lampenanzuenden ist banal. Brandstiftung ist grossartig. Und so wird das Lampenanzuenden verboten, waehrend die Brandstiftung verehrt wird. Seht ihr nicht den Zirkus von Hagenbeck? Man schlachtet den Pflugochsen, um den Tiger zu fuettern -- das ist eben der Zeitgeist.

(2. November.)

Abschnitt 52

Ueber das Nachddrucken von Holzschnitten

Masereels vier Baende mit fortlaufenden Bildern waren noch nicht lange erschienen, als die Tageszeitungen bereits allerlei Kritiken brachten -- ein Ereignis, das bei frueheren Kunstbuchveroeffentlichungen nie vorgekommen war. Das zeigt, wie aufmerksam die Lesewelt dieses Buch verfolgt. Doch der Schwerpunkt der Diskussion hat sich gegenueber dem Vorjahr verschoben: Letztes Jahr ging es noch um die Frage, ob Bildergeschichten ueberhaupt als Kunst gelten koennten; jetzt geht es bereits um die Frage, wie leicht oder schwer diese Bilder zu verstehen sind.

Das Verlagswesen hinkt der Kritik hinterher. Eigentlich beweist die Reproduktion von Masereels Holzschnitten noch immer nur den einen Punkt, dass Bildergeschichten tatsaechlich Kunst sein koennen. Die heutige Gesellschaft hat verschiedene Leserschichten, und diese vier Baende sind Bilder fuer die gebildete Schicht. Warum sind dennoch viele Stellen schwer verstaendlich? Ich glaube, es liegt an der Verschiedenheit der Erfahrungen. Wenn jemand schon einmal Flugzeuge beim Retten des Vaterlandes oder beim Bombenabwurf gesehen hat, erkennt er sie sofort auf dem Bild; wer aber noch nie die Ehre dieser Feierlichkeiten hatte, wird sie wohl nur fuer Drachen oder Libellen halten.

Holzschnitte sind hauptsaechlich Kleinformate, daher fallen Reproduktionen nicht allzu sehr vom Original ab. Doch auch das gilt nur fuer die Einfuehrung bei der gebildeten Leserschicht. Fuer ernsthafte Kunststudenten genügt selbst die Zinkplatte nicht. Zu feine Linien gehen auf der Zinkplatte leicht verloren; selbst grobe Linien koennen je nach Aetzdauer zu dick oder zu duenn werden, und in China gibt es noch wenige Meister, die das richtige Mass treffen. Fuer wirkliche Treue muss man auf Kollotypie zurueckgreifen.

Ich habe die Shimintu in 250 Exemplaren auf Kollotypie gedruckt -- das erste Experiment dieser Art in China. Herr Shi Zhecun schrieb im Fackel-Beiblatt der Da Wan Bao: Vielleicht ist es wie Lu Xuns Kollotypie-Drucke -- eine private Luxusausgabe, die zu den seltenen Buechern zaehlt. Damit verspottete er eben diese Sache. Ich hoerte auch einen jungen Mann neben dem seltenen Buch sagen, die Angabe Nur 250 Stueck gedruckt sei eine Luege, es seien gewiss viel mehr gedruckt worden -- man gebe weniger an, um den Preis zu treiben.

Sie selbst haben nie eine solche laecherliche private Luxusausgabe gemacht, und so sind diese Spottereien verstaendlich. Ich habe nur deshalb zu Kollotypie gegriffen, weil ich den Kunststudenten moeglichst getreue Holzschnitt-Reproduktionen bieten wollte. Doch bei der Kollotypie koennen pro Druckplatte nur 300 Abzuege gemacht werden; mehr zu drucken erfordert eine neue Platte. Als Privatperson, nicht als grosser Verlag, war ich natuerlich durch die Finanzen begrenzt und konnte nur eine Platte drucken. Gluecklicherweise sind die Exemplare fast vergriffen, es gibt also doch Interessenten.

(6. November.)

Abschnitt 53

Vorwort zu Die Kunst des kreativen Holzschnitts

Ob Ost oder West -- bei Holzschnittdrucken war es von jeher so, dass einer zeichnete, ein anderer schnitzte und ein dritter druckte. China wandte diese Technik am fruehsten an, doch wie ueblich verfiel sie laengst. Als Mitte der Qing-Dynastie der Englaender John Fryer die Gezhi Huibian herausgab, konnten die chinesischen Holzschneider die Illustrationen nicht mehr schneiden; die feinen Bilder mussten aus England importiert werden. Das waren die sogenannten Hirnholzschnitte, auch reproduzierende Holzschnitte genannt.

Vor einigen Jahren erfuhr ich, dass es im Westen noch eine andere Art gibt: einen Druckstock, der vom Kuenstler allein geschaffen wird -- das Originalbild also, das, wenn es auf Holz ausgefuehrt wird, kreativer Holzschnitt heisst. Es ist ein unmittelbares Schoepfungswerk des Kuenstlers, ganz ohne Zuhilfenahme eines Schnitzers oder Druckers. Das ist es, was wir hier vorstellen moechten.

Warum wollen wir es vorstellen? Erstens, nach meiner persoenlichen Meinung, weil es Spass macht. Von Spass zu reden klingt natuerlich etwas unserioes, doch wenn wir zu lange Buecher abgeschrieben und geschrieben haben, muss jeder die Augen ausruhen -- gewoehnlich schaut man eine Weile zum Fenster hinaus auf den Himmel. Wie viel schoener waere ein Bild an der Wand! Wer die Mittel hat, sich Meisterwerke zu leisten, braucht dies natuerlich nicht; andernfalls ist ein verkleinertes Reproduktionsbild bei weitem nicht so gut wie ein Holzschnitt im Original -- treu und preiswert zugleich.

Zweitens, weil es einfach ist. Heute ist Gold sehr teuer; wenn ein junger Kunststudent ein Bild malen will, kosten Leinwand und Farben ein Vermoegen. Ist das Bild fertig und kann nicht ausgestellt werden, bleibt nur, es selbst zu betrachten. Beim Holzschnitt braucht man wenig Geld, nur ein paar Messer auf einem Stueck Holz -- und schon kann ein Schoepfungswerk entstehen, aehnlich wie beim Siegelschneiden. Druckt man es, kann man dasselbe Werk vielen Menschen geben und viele an der Freude des Schaffens teilhaben lassen. Kurz: Seine Verbreitung ist weit groesser als bei jeder anderen Technik.

Drittens, weil es nuetzlich ist. Sobald man Holzschnitte fuer Zeitschriftenschmuck, Buchillustrationen zu Literatur oder Wissenschaft verwendet, werden sie Gemeingut -- das bedarf kaum der Erlaeuterung.

Das ist eine Kunst, die bestens in das heutige China passt.

Doch bisher gibt es kein einziges Buch ueber den Holzschnitt -- dies ist das erste. Obwohl etwas knapp gehalten, gibt es dem Leser einen Ueberblick. Von hier aus weiterzuschreiten ist ein weiter Weg. Die Themen werden reicher werden, die Technik wird sich verfeinern; nimmt man neue Methoden auf und fuegt die alten Staerken Chinas hinzu, besteht die Hoffnung, einen neuen Pfad zu eroeffnen. Wenn dann jeder Kuenstler sein Koennen und seine Erkenntnisse beisteuert, wird sich in Chinas Holzschnittszene ein strahlendes Licht entzuenden. Dieses Buch mag dann nur noch ein einzelner Funke sein, doch es haette historische Bedeutung genug.

9. November 1933, Lu Xun.

Abschnitt 54

Das Geheimnis des Schreibens

Nun schreiben mir tatsaechlich noch Leute und fragen nach dem Geheimnis des Schreibens.

Wir hoeren staendig: Der Fechtmeister behaelt beim Unterrichten eine Technik zurueck, aus Angst, der Schueler koenne ihn toeten, sobald er alles gelernt hat, und sich dann selbst zum Meister erklaeren. In der Praxis kommt das tatsaechlich vor -- Feng Meng toetete seinen Meister Yi, das ist ein Praezedenzfall aus alter Zeit. Feng Meng ist weit zurueck, doch dieser altvaeterliche Geist ist nicht erloschen, und dazu kam spaeter die Besessenheit mit dem Primus -- obwohl die Beamtenpruefungen laengst abgeschafft sind, will man bis heute stets der Einzige und der Erste sein.

Und dann gibt es Aerzte mit Geheimrezepten, Koeche mit Geheimmethoden, Konditoreibesitzer mit Geheimtraditionen -- zum Schutz der eigenen Existenz werden diese angeblich nur an die Schwiegertochter weitergegeben, nicht an die Tochter, damit sie nicht in eine andere Familie gelangen.

Das Geheimnis ist in China ein aeusserst verbreitetes Ding; selbst die Sitzungen ueber Staatsangelegenheiten sind stets von streng geheimem Inhalt, und alle bleiben unwissend. Doch beim Schreiben gibt es offenbar kein Geheimnis. Gaebe es eines, wuerde jeder Schriftsteller es seinen Nachkommen vererben -- doch erbliche Schriftstellerdynastien sind selten.

Gibt es denn ueberhaupt kein Geheimnis des Schreibens? Doch, durchaus. Ich habe einmal ein paar Worte ueber das Geheimnis des klassischen Prosastils verraten: Der ganze Text muss belegbar sein, ohne ein Plagiat der Alten zu sein; alles muss selbst geschrieben sein, und doch nicht eigentlich selbst gesagt -- es gibt einen Grund fuer alles, und doch laesst sich nichts nachweisen. Wenn man das erreicht hat, ist man halbwegs gefeit vor groben Fehlern. Kurz gesagt laeuft es auf nicht mehr hinaus als: Schoenes Wetter heute, haha...

Das betrifft den Inhalt. Was den Stil angeht, gibt es ebenfalls ein Geheimnis: Erstens soll er verschwommen sein, zweitens schwer verstaendlich. Die Methode: Saetze verkuerzen, schwierige Schriftzeichen verwenden. Schreibt man etwa ueber die Qin-Dynastie den Satz Kaiser Qin Shi Huang begann die Buecher zu verbrennen, gilt das nicht als guter Stil; man muss ihn umschreiben, damit er nicht mehr auf den ersten Blick verstaendlich ist. Da braucht man dann die alten Woerterbuecher. Man aendert den Satz, und schon hat er etwas Archaisches. Wenn man es auf Politik verbrannte Klassiker bringt, dann hat man fast den Ton von Ban Gu und Sima Qian -- freilich versteht man es dann auch nicht mehr recht. Schafft man es, einen ganzen Aufsatz oder gar ein ganzes Buch so zu verfassen, kann man als Gelehrter gelten. Ich habe einen halben Tag nachgedacht und nur einen einzigen Satz zustande gebracht, deshalb bin ich nur gut genug, um Zeitschriftenartikel einzureichen.

Wenn man es verschleiern will, dann ist das sogenannte Gute? Antwort: Auch nicht gaenzlich, eigentlich verdeckt man nur die Haesslichkeit. Doch da es heisst Wer sich seiner Schande bewusst ist, ist dem Mut nahe, so kommt man durch Verdecken der Haesslichkeit gewissermassen in die Naehe des Guten.

Doch es gibt auch das Geheimnis des Gegenteils, und das ist die schlichte Beschreibung.

Die schlichte Beschreibung hat kein Geheimnis. Wenn man unbedingt eines nennen will, so ist es nur das Gegenteil des Verschleierns: aufrichtige Absicht, kein Putz, wenig Kuenstelei, kein Angeben.

(10. November.)

Abschnitt 55

Die Geheimtradition der Gaukelei

Die Chinesen haben eine gewisse Vorliebe fuer Bizarres und Unheimliches. Sie sehen lieber einen alten Baum leuchten als Gerste bluehen -- wobei sie Gerste bluehen ohnehin noch nie gesehen haben. So werden Missgeburten und Missbildungen zu begehrtem Zeitungsmaterial und verdraengen den Platz des biologischen Allgemeinwissens. Juengst sah ich in Anzeigen ein Zwillingsgeburtsgebilde aehnlich einer zweikoepfigen Schlange -- ein Foetus mit zwei Koepfen und vier Armen -- sowie einen dreibeinigen Mann, dem ein drittes Bein aus dem Unterleib wuchs. Gewiss, es gibt Missgeburten und Missbildungen, doch die Natur hat begrenzte Mittel: Zwillinge koennen an Ruecken, Bauch, Gesaess oder Rippen verwachsen sein oder gar einen Doppelkopf haben, doch nie waechst der Kopf am Hintern; Finger koennen verwachsen, ueberaaehlig oder fehlend sein, doch nie waechst an den zwei Beinen ein drittes hinzu wie beim Sonderangebot Zwei kaufen, eins geschenkt. Der Himmel kann wahrlich nicht so gut gaukeln wie der Mensch.

Doch auch die Gaukelei des Menschen hat ihre Grenzen. Denn das Wesen der Gaukelei verlangt strengste Zurueckhaltung, das heisst Andeutung. Sobald man sie ausfuehrt, wird die Gaukelei zwar deutlich, doch zugleich begrenzt; daher ist die Andeutung tiefer und weitreichender -- die Wirkung aber wird durch die Unschaerfe verwischt. Jeder Vorteil hat seinen Nachteil -- darin liegt die Begrenzung, von der ich spreche.

Im oeffentlichen Raum werden bei einer Anklage gewoehnlich zehn Verbrechen aufgezaehlt -- doch das Ergebnis ist meistens wirkungslos. Zehn Verbrechen -- mehr sind es eben nie, und wer glaubt, damit die Aufmerksamkeit der Leute erregen zu koennen, irrt. Luo Binwangs beruehme Anklageschrift gegen die Kaiserin Wu -- die Saetze ueber ihre Eifersucht und ihre Raenke -- kosteten ihn sicher einige Muehe, doch Wu Zetian soll beim Lesen nur leicht gelaechelt haben. Ja, genau: So ist es, na und? Die Donnerworte einer oeffentlichen Anklage sind oft weit schwaaecher als das Gefluester hinter vorgehaltener Hand -- denn das eine ist klar, das andere unergruendlich.

Wer dies versteht, weiss auch die Methode fuer Staatskunst: Man sagt der Menge, man habe eine Methode, darf aber keinesfalls klar und deutlich sagen, welche. Denn sobald man es ausspricht, gibt es Worte, und Worte koennen an Taten gemessen werden; deshalb ist es besser, Unergruendlichkeit zu demonstrieren.

Gaukelei ist eine Kunst, hat auch Wirkung, doch sie ist begrenzt. Deshalb hat noch nie jemand in der Geschichte durch Gaukelei Grosses vollbracht.

(22. November.)

Abschnitt 56

Die Familie als Grundlage Chinas

Dass China seinen eigenen Schnaps brauen konnte, kam frueher als der eigene Opiumanbau, doch heute sehen wir viele Leute auf dem Diwan liegen und Wolken paffen, waehrend kaum jemand wie betrunkene auslaendische Matrosen durch die Strassen torkelt. Der Ballsport der Tang- und Song-Dynastien ist laengst vergessen; das allgemeine Vergnuegen ist, sich zu Hause einzuschliessen und die ganze Nacht Mahjong zu spielen. An diesen beiden Punkten zeigt sich unmissverstaendlich: Wir ziehen uns vom Freien allmaehlich ins Haus zurueck.

Doch wir sind auch nicht zufrieden mit dem Bestehenden -- waehrend wir in der Enge unserer Stube sitzen, schweift unser Geist ins Weite: Der Opiumraucher geniesst seine Trugbilder, der Mahjongspieler traeumt von guten Karten. Unter dem Dachvorsprung zuendet man Feuerwerkskoerper an, um den Mond aus dem Rachen des Himmelshundes zu retten; der Schwertmeister sitzt im Studierzimmer, stoesst einen Laut aus, und ein weisser Strahl toetet den Feind in tausend Meilen Entfernung -- doch das fliegende Schwert kehrt stets nach Hause zurueck und schluepft wieder in das urspruengliche Nasenloch, denn beim naechsten Mal wird es wieder gebraucht. Das nennt man: Tausend Verwandlungen, doch stets bleibt man der Herkunft treu. Daher ist die Schule ein Ort, der die Kinder aus der Familie herauslockt und zu Gliedern der Gesellschaft erzieht -- doch wenn es gar nicht mehr geht, heisst es immer noch: Zur strengen Aufsicht den Eltern uebergeben.

Der Geist und die Seele sind nicht an einen Ort gebunden! -- Ein Mensch wird zum Geist und sollte sich nun freier bewegen koennen, doch die Lebenden verbrennen ihm ein Papierhaus, damit er darin wohne; wer wohlhabend ist, stellt sogar einen Mahjongtisch und eine Opiumpfeife hinein. Und die Unsterblichkeit -- das ist eine grosse Verwandlung, doch Frau Liu hing so an ihrem alten Heim, dass sie darauf bestand, das ganze Anwesen muesse mitsamt Huehnern und Hunden in den Himmel auffahren, damit sie weiterhin den Haushalt fuehren, die Hunde fuettern und die Huehner versorgen koennte.

Unsere Vorfahren und Zeitgenossen wuenschen sich durchaus Veraenderung, erkennen sie an -- als Geist kein Entkommen, als Unsterblicher noch besser --, doch das alte Heim wollen sie selbst im Tod nicht aufgeben. Ich glaube, dass das Schiesspulver nur zu Feuerwerkskoerpern verarbeitet wurde und der Kompass nur fuer die Feng-Shui-Deutung von Graebern diente -- der Grund liegt wohl genau darin.

Heute ist das Schiesspulver zu Bomben und Brandbomben geworden und wird von Flugzeugen abgeworfen; wir aber koennen nur zu Hause sitzen und auf ihren Einschlag warten. Natuerlich gibt es mittlerweile genug Leute, die im Flugzeug sitzen -- doch sie wollen nicht etwa in die Ferne ziehen; sie wollen nur schneller nach Hause kommen.

Die Familie ist unser Geburtsort und auch unsere Todesstaette.

(16. Dezember.)

Abschnitt 57

Vorwort zu Der Grosse Rueckzug

In China nannte man Romane und dergleichen seit langem Mussebuecher, und bis vor fuenfzig Jahren war das im Grossen und Ganzen zutreffend: Wer den ganzen Tag schwer arbeitete, hatte keine Zeit fuer Romane. Wer also Romane las, musste Musse haben, und wer Musse hatte, musste offenbar nicht allzu schwer arbeiten -- Cheng Fangwu stellte dazu fest: Musse haben heisst Geld haben! In der Tat, aus oekonomischer Sicht ist unter dem bestehenden System Musse wohl tatsaechlich eine Art Reichtum. Doch auch arme Leute liebten Romane; Analphabeten gingen ins Teehaus und hoerten dem Geschichtenerzaehler zu und folgten auch hundert Folgen eines langen Romans Tag fuer Tag. Aber verglichen mit den den ganzen Tag Schuftenden hatten auch sie noch verhaeltnismaessig mehr Musse. Sonst -- woher haetten sie die Zeit fuers Teehaus und das Geld fuer den Tee genommen?

In Europa und Amerika war es beim Roman frueher aehnlich. Spaeter wurde das Leben haerter, man hatte weniger Musse und konnte nicht mehr so gemuetlich dahindaemmern. Nur gelegentlich wollte man sich noch mit einem Buch ein wenig geistig erholen, doch man ertrug kein endloses Geplapper mehr und wollte keine Zeit verschwenden -- so kam die Kurzgeschichte zu ihrem gluecklichen Durchbruch. Dieser Trend der westlichen Literaturszene schwappte mit dem, was die Alten europaeischen Wind und amerikanischen Regen nannten, auch nach China, und so waren nach der Literaturrevolution die produzierten Romane fast ausschliesslich Kurzgeschichten. Allerdings war auch die mangelnde Faehigkeit der Autoren, grosse Werke zu schaffen, ein wichtiger Grund.

Und auch die Hauptfiguren haben sich gewandelt. In alten Romanen waren es tapfere Generaele und kluge Raete, Ritter und korrupte Beamte, Daemonen und Unsterbliche, Schoenheiten und Talente, spaeter Kurtisanen und Freier, Nichtsnutze und Knechte. In den Kurzgeschichten nach der Vierten-Mai-Bewegung betraten hauptsaechlich neue Intellektuelle die Buehne, denn sie waren die Ersten, die das Schwanken im europaeischen Wind und amerikanischen Regen spuerten -- doch sie trugen noch immer den Atem der alten Helden und Genies. Jetzt ist es wieder anders: Alle spueren das Schwanken, und niemand will mehr nur das Schicksal eines einzelnen besonderen Menschen hoeren.

Diese Sammlung ist ein Produkt dieser Epoche und zeigt einen deutlichen Wandel: Die Figuren sind keine Helden, die Landschaft ist nicht idyllisch, und doch hat sie China die Augen geoeffnet. Ich finde, die Autorin beschreibt die Fabrik weniger gut als das Dorf -- doch vielleicht liegt das daran, dass mir das Landleben vertrauter ist, oder dass der Autorin das Landleben vertrauter ist.

25. Dezember 1933, nachts, Lu Xun.

Abschnitt 58

Offener Brief als Antwort auf den offenen Brief des Herrn Yang Cunren

Abschnitt 59

Im Neuen Rulin Waishi, im Ersten Kapitel, wird nur gesagt, der Meister ziehe mit einem grossen Schwert in den Kampf -- eine satirische Gegenattacke mit dem Mittel der Bezeichnung. Doch die Stimmung und die Haltung in der zitierten Passage sind von respektvoller Zuneigung zum Meister gepraegt. Der Sinn des Textes ist lediglich, dass der Angriff des Meisters auf mich durch veraachtliches Zischen wohl eine Verwechslung des Gegners darstellt. Nachdem ich die Gnade hatte, das grosse Werk Beide Orte auszulesen, schrieb ich eine lobende Einleitung; auch dort war der Ton durchaus ehrerbietig, ohne eine Spur von Schmahung. Doch in Meine Pockenimpfung scheint der Meister mich missverstaendlich mit zwei oder drei kalten Pfeilen bedacht zu haben, insbesondere die Behauptung, jemand greife sein Alter an. Ich jedenfalls hatte nie das Gefuehl, der Meister sei alt, und auch jener Artikel griff sein Alter nicht an -- der Meister haelt sich eben selbst fuer alt. Bernard Shaw ist aelter als der Meister und sein Haar noch weisser, und Shaw ist noch nicht alt; wie kann der Meister sich da fuer alt halten?

Abschnitt 60

Was nun folgt, ist meine Antwort. Da es die Form eines Briefes hat, beginnt es der Sitte gemaess:

Herr Cunren:

Ihr Brief an mich verdient keine Antwort. Ich erwarte keineswegs, dass Sie mir innerlich zustimmen, und Sie beduerfen auch meiner Beurteilung nicht, denn die Schriften der letzten zwei Jahre haben Ihr Bild bereits deutlich genug gezeichnet. Natuerlich werde ich den Unsinn der Geisterkinder nicht glauben, doch ich glaube auch Ihnen nicht.

Damit will ich nicht sagen, Ihre Worte seien das Geklaeff eines Schosstierchens; vermutlich halten Sie sich fuer ewig aufrichtig. Doch durch die hastigen Wendungen und das muehsame Ausweichen sind Sie so in Widersprueche geraten, dass Ihre Worte unhaltbar wurden und folglich in den Ohren der Hoerer ihr Gewicht verloren haben. Ihr Brief zum Beispiel haette bei geringstem Selbstbewusstsein gar nicht geschrieben werden muessen.

Dann die Frage der drei Zischer. Die Sache hat sich tatsaechlich zugetragen, aber etwas anders als in den Zeitungen dargestellt. Es war in einem Restaurant, man plauderte, und als die Sprache auf die Aufsaetze gewisser Leute kam, sagte ich: Die alle braucht man nur mit einem Zischen abzutun, eine Widerlegung lohnt sich nicht. Unter diesen Leuten waren auch Sie. Mein Gedanke war: In Ihrem hochtrabenden Selbstbekenntnis hatten Sie die Reinheit der Bauern und die Wankelmütigkeit und Selbstsucht der kleinbuergerlichen Intellektuellen offen bekannt -- und dann wollten Sie die Fahne der kleinbuergerlichen revolutionaeren Literatur hissen, wobei Sie sich selbst ins Gesicht schlugen.

Was die Haltung betrifft, die Sie mir gegenueber kuenftig einnehmen sollten: Bitte verzeihen Sie mir nicht wegen meines angeblich bald durch physiologische Ursachen erzwungenen Arbeitsende. Die Erde ist jung, sie besteht fort; die Hoffnung liegt in der Zukunft, und auch jetzt laesst sich noch Ihre Fahne aufstecken. Das kann ich versichern -- also arbeiten Sie getrost.

Offen gesagt bin ich der Ansicht, dass Sie zwar ein kleiner Haendler auf dem Revolutionsmarkt sind, aber kein Betrueger. Was ich unter Betrueger verstehe: die eine Sorte sind die Bonzen der nationalen Zusammenarbeit, die in jener Aera die Sowjetunion priesen und den Kommunismus lobten -- als dann die Saeuberung kam, wuschen sie ihre Haende im Blut kommunistischer Jugendlicher und blieben Bonzen; die andere Sorte sind die Sturmreiter der Revolution, die Grundherren stuerzten und korrupte Beamte erschlugen, aeusserst radikal -- doch bei der ersten Niederlage nannten sie es Umkehr zum Rechten, beschimpften Banditen, toeteten Kameraden, ebenso radikal. Sie aber, Herr Cunren, haben sich nach Ihrem Rueckzug von der revolutionaeren Front lediglich bemueht, sich zur Dritten Partei zu mausern, um ein etwas besseres Leben als ein Revolutionaer zu fuehren. Da Sie keinen grossen Seitenwechsel vollzogen haben, brauchen Sie, um sich zu verteidigen und Ihre Position als Dritter zu festigen, nur ein wenig kleinweise Reue zu zeigen -- was fuer die Herrschenden eigentlich recht nuetzlich ist.

Ehrlich gesagt: Sie sind kein Versager, auch wenn Sie sich eingeklemmt fuehlen. Doch es gibt niemanden, der nicht angegriffen wird, solange er keine Macht hat, andere sofort umzubringen. Das Leben mag muehsam sein, doch verglichen mit den Getoeteten und Eingekerkerten besteht ein himmelweiter Unterschied; und Sie koennen ueberall publizieren -- weit freier als die zensierte, unterdrueckte, verbotene Gegenseite. Im Vergleich zu den Bonzen und Sturmreitern kommen Sie freilich zu kurz -- doch das liegt gerade daran, dass Sie kein Betrueger sind. Das ist Ihr Leid, aber auch Ihr Vorzug.

Genug der Worte; Schluss damit. Zusammenfassend: Ich werde, wie bisher, keineswegs Geruechte erfinden und Sie gezielt angreifen; doch dass ich deswegen kuenftig eine andere Haltung einnehme, ist ebenfalls nicht zu erwarten. Ob Sie mich ablehnen oder verehren -- das beruehrt mich nicht. Und bitte verzeihen Sie mir nicht wegen meines bevorstehenden Ruhestandes aus physiologischen Gruenden.

In Erwiderung und mit den besten Gruessen.

Lu Xun. 28. Dezember 1933.