Lu Xun Complete Works/de/Qiejieting zawen mo

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且介亭杂文末编

Käthe Schmidt wurde am 8. Juli 1867 in Königsberg in Ostpreußen geboren. Ihr Großvater mütterlicherseits war Julius Rupp, der Gründer der dortigen Freien Religiösen Gemeinde. Ihr Vater war Rechtskandidat gewesen, doch seine religiösen und politischen Ansichten ließen ihn keine Hoffnung auf eine Anstellung. So tat dieser mittellose Jurist, was man in Russland sagt: Er „ging zum Volk" und wurde Tischler. Erst nach Rupps Tod übernahm er die Leitung und den Lehrstuhl der Gemeinde. Er hatte vier Kinder und ließ sie alle sorgfältig erziehen, erkannte jedoch zunächst Käthes künstlerische Begabung nicht. Käthe erlernte zuerst die Kunst des Kupferstichs. Im Winter 1885 ging sie nach Berlin, wo ihr Bruder Literatur studierte, um bei Stauffer-Bern Malerei zu studieren. Dann kehrte sie in die Heimat zurück und studierte bei Neide, bis sie „aus Überdruss" schließlich zu Herterich nach München ging.

1891 heiratete sie Karl Kollwitz, einen Jugendfreund ihres Bruders. Er war niedergelassener Arzt, und so ließ sich Käthe unter den „kleinen Leuten" Berlins nieder. Nun legte sie die Malerei beiseite und wandte sich der Druckgrafik zu. Als die Kinder erwachsen waren, widmete sie sich mit Kraft der Bildhauerei. 1898 vollendete sie den berühmten Zyklus Ein Weberaufstand in sechs Blättern, nach den historischen Ereignissen von 1844, gleichnamig mit dem früheren Drama Gerhart Hauptmanns. 1899 schuf sie Gretchen, 1901 Tanz um die Guillotine. 1904 reiste sie nach Paris; von 1904 bis 1908 entstand der siebenteilige Zyklus Bauernkrieg, der ihr großen Ruhm einbrachte und den Villa-Romana-Preis, der ihr einen Studienaufenthalt in Italien ermöglichte. Sie wanderte mit einer Freundin von Florenz nach Rom, doch diese Reise, so sagte sie selbst, schien keinen großen Einfluss auf ihre Kunst gehabt zu haben. 1909 entstand Arbeitslosigkeit, 1910 Frau vom Tod gepackt und kleine Blätter zum Thema Tod.

Mit Beginn des Weltkriegs schuf sie fast nichts mehr. Am letzten Oktobertag 1914 fiel ihr sehr junger ältester Sohn als Freiwilliger an der Flandern-Front. Im November 1918 wurde sie als Mitglied in die Preußische Akademie der Künste gewählt — als erste Frau überhaupt. Ab 1919 schien sie wie aus einem tiefen Traum zu erwachen und wandte sich erneut der Druckgrafik zu. Bekannt sind der Holzschnitt und die Lithografie zum Gedenken an Liebknecht aus jenem Jahr, der Holzschnitt-Zyklus Krieg (1922–23) und später drei Blätter Proletarier, ebenfalls ein Holzschnitt-Zyklus. 1927, zu ihrem sechzigsten Geburtstag, schrieb ihr Hauptmann — damals noch ein kämpferischer Schriftsteller: „Ihre stummen Linien dringen ins Mark, wie ein qualvoller Schrei: ein Schrei, wie ihn die Zeiten Griechenlands und Roms nie gehört haben." Der Franzose Romain Rolland sagte: „Das Werk von Käthe Kollwitz ist die größte Dichtung des modernen Deutschlands; es beleuchtet das Elend und den Kummer der Armen und des einfachen Volkes. Diese Frau von männlichem Mut hat all dies in ihre Augen und in ihre mütterlichen Arme aufgenommen, mit düsterer und feiner Anteilnahme. Es ist die stumme Stimme eines Volkes, das sich geopfert hat." Doch jetzt darf sie weder lehren noch malen; sie kann nur wahrhaft stumm mit ihrem Sohn in Berlin leben — ihrem Sohn, der wie sein Vater ebenfalls Arzt ist.

Unter den Künstlerinnen hat in der Neuzeit kaum eine die Kunstwelt tiefer erschüttert als Käthe Kollwitz — die einen preisen sie, die anderen greifen sie an, wieder andere verteidigen sie gegen Angriffe. Wie Avenarius treffend sagte: „In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts, als sie zum ersten Mal ihre Werke ausstellte, wurde die Presse bereits laut. Seither sagt der eine: ‚Sie ist eine große Grafikerin'; ein anderer macht die abgeschmackte Bemerkung: ‚Käthe Kollwitz gehört zu einer neuen Grafikerschule, in der es nur einen Mann gibt.' Ein Zweiter sagt: ‚Sie ist eine Propagandistin der Sozialdemokratie', ein Dritter nennt sie ‚eine Malerin pessimistischen Elends.' Und ein Vierter hält sie für ‚eine religiöse Künstlerin.' Kurz: Wie auch immer die Menschen diese Kunst je nach eigener Empfindung und eigenem Denken deuten mögen, wie auch immer sie darin nur eine einzige Bedeutung sehen — eines ist allgemein: Niemand hat sie vergessen. Wer den Namen Käthe Kollwitz hört, sieht sogleich diese Kunst vor sich. Diese Kunst ist düster; obwohl sie stets in entschlossener Bewegung ist, konzentriert in zäher Kraft, ist diese Kunst einheitlich und einfach — überwältigend."

In unserem China aber ist sie wenig vorgestellt worden. Ich erinnere mich nur, dass die inzwischen eingestellten Zeitschriften Xiandai und Yiwen je einen Holzschnitt von ihr abgedruckt haben; Originalwerke waren natürlich noch seltener zu sehen. Vor vier oder fünf Jahren wurden einige ihrer Arbeiten in Shanghai ausgestellt, doch ich fürchte, es haben nicht viele Menschen besondere Aufmerksamkeit darauf gerichtet. Von den Reproduktionen, die in ihrem Heimatland erschienen sind, halte ich die Käthe Kollwitz Mappe (herausgegeben vom Kunstwart-Verlag, München, 1927) für die beste, doch die spätere Ausgabe änderte den Inhalt: mehr Melancholisches und weniger Kämpferisches. Weniger fein gedruckt, aber mit mehr Tafeln ist das Käthe Kollwitz Werk (Carl Reisner Verlag, Dresden, 1930). Man braucht nur diesen Band durchzublättern, um zu wissen, dass sie mit der tiefen, grenzenlosen Liebe einer Mutter für alle Beleidigten und Geschädigten trauert, protestiert, zürnt und kämpft. Ihre Sujets sind meist Not, Hunger, Vertreibung, Krankheit und Tod — doch es gibt auch Aufschrei, Kampf, Solidarität und Erhebung. Später erschien noch ein neuer Band (Das Neue K. Kollwitz Werk, 1933), mit noch mehr Werken der Klarheit und des Lichts. Wilhelm Hausenstein bemerkte zu ihren Werken der mittleren Periode, dass es zwar gelegentlich agitatorische und männliche Blätter gebe, erschreckend in ihrer Gewalt, doch seien sie im Kern mit einem recht tiefen Leben verbunden, und die Formen erwüchsen aus recht heftigen Verwicklungen — sodass die Form die Gestalt des Weltgeschehens fest umgreife. Nagata Kazunobu ging noch weiter, bezog auch ihre späteren Werke ein und hielt diese Kritik für unzureichend. Er sagte, Kollwitz' Werk sei nicht wie das von Max Liebermann, der sein Sujet lediglich interessant finde und dann die untere Welt abbilde; sie werde vom elenden Leben um sie herum bewegt und könne daher nicht anders als malen — dies sei grenzenloser „Zorn" gegen jene, die die Menschheit ausbeuten. „Sie stellt — wie Nagata sagte — die Massen der dunklen Erde dar, ihrem gegenwärtigen Empfinden folgend. Sie zwängt die Erscheinungen nicht in Formen. Dass es zuweilen tragisch, zuweilen heroisch erscheint, ist unvermeidlich. Doch wie düster, wie traurig sie auch sein mag, sie ist entschieden nicht antirevolutionär. Sie hat die Möglichkeit der Umgestaltung der gegenwärtigen Gesellschaft nicht vergessen. Und mit zunehmendem Alter entfernt sie sich mehr und mehr von tragischen, heroischen oder düsteren Formen."

Zudem kämpfte sie nicht nur gegen das elende Leben um sie herum, sondern war China gegenüber nicht so gleichgültig, wie China ihr gegenüber war. Im Januar 1931, nachdem sechs junge Schriftsteller ermordet worden waren, als fortschrittliche Schriftsteller aus aller Welt gemeinsam Protest einlegten, war sie eine der Unterzeichnerinnen. Nun, rechnet man ihr Alter nach chinesischer Weise, nähert sie sich den siebzig. Die Veröffentlichung dieses Buches, wenngleich von begrenztem Umfang, mag als eine kleine Ehrung für sie dienen.

Die Auswahl umfasst einundzwanzig Blätter, wobei Originalabzüge die Hauptquelle bilden, ergänzt durch Reproduktionen aus der Mappe von 1927. Der folgende Katalog stützt sich auf die Beschreibungen von Avenarius und Louise Diel, mit einigen eigenen Ergänzungen:

(1) Selbstbildnis (Selbstbild). Lithografie, Entstehungsjahr ungewiss; nach der Reihenfolge im Werk zu urteilen, wohl um 1910 entstanden. Originalabzug, Originalgröße 34 × 30 cm. Dies ist ein Porträt, das die Künstlerin selbst aus vielen gedruckten Selbstbildnissen für China ausgewählt hat. Man kann undeutlich ihr Mitleid, ihren Zorn und ihre Sanftmut erkennen.

(2) Armut (Not). Lithografie, Originalgröße 15 × 15 cm, nach Originalabzug; die folgenden fünf Blätter ebenso. Dies ist das erste Blatt des berühmten Weberaufstands (Ein Weberaufstand), entstanden 1898. Vier Jahre zuvor war Hauptmanns Drama Die Weber am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt worden, nach dem Aufstand der schlesischen Leineweber von 1844. Die Künstlerin mag etwas von diesem Werk beeinflusst worden sein, doch das muss nicht vertieft werden, denn jenes ist ein Drama und dieses ein Bild. Wir betreten ein armes Haus: kalt, heruntergekommen. Der Vater hält ein Kind, sitzt hilflos in der Ecke. Die Mutter ist kummervoll, den Kopf in beide Hände gestützt, und betrachtet den sterbenden Sohn. Das Spinnrad steht stumm neben ihr.

(3) Tod (Tod). Lithografie, Originalgröße 22 × 18 cm. Das zweite Blatt desselben Zyklus. Noch immer das eisige Zimmer. Die Mutter ist erschöpft eingeschlafen. Der Vater steht noch immer hilflos da und grübelt über seine Hilflosigkeit. Eine Kerze auf dem Tisch glimmt noch, doch der Tod ist bereits herangetreten, streckt seine knöchernen Hände aus und ergreift das schwache Kind. Die Augen des Kindes sind weit geöffnet, es starrt uns an. Es will leben; noch im Sterben hofft es, dass die Menschen die Kraft haben, das Schicksal zu wenden.

(4) Beratung (Beratung). Lithografie, Originalgröße 27 × 17 cm. Das dritte Blatt. Nach dem stillen Erdulden und der Qual der ersten beiden Blätter tritt hier eine Szene des Überlebenskampfes hervor. Im Dunkel sehen wir nur eine Tischplatte, einen Becher und zwei Männer — sie beraten, wie sie das Schicksal abschütteln können, das sie mit Füßen tritt.

(5) Weberzug (Weberzug). Radierung, Originalgröße 22 × 29 cm. Das vierte Blatt. Der Zug bewegt sich auf die Fabrik zu, die ihnen das Mark aussaugt. In den Händen halten sie erbärmlich dürftige Waffen; Hände und Gesichter sind abgezehrt, die Mienen matt, denn sie haben stets gehungert. Im Zug sind Frauen, ebenfalls erschöpft, kaum noch fähig zu gehen. In den Massen, die diese Künstlerin darstellt, sind fast immer Frauen. Eine trägt ein Kind auf dem Rücken, das auf ihrer Schulter eingeschlafen ist.

(6) Sturm (Sturm). Radierung, Originalgröße 24 × 29 cm. Das fünfte Blatt. Die eisernen Tore der Fabrik sind längst verriegelt, doch die Weber versuchen, sie mit kraftlosen Händen und jämmerlichen Waffen aufzubrechen oder Steine hineinzuwerfen. Die Frauen helfen, reißen mit krampfenden Händen Pflastersteine aus dem Boden. Ein Kind weint — vielleicht jenes, das unterwegs schlief. Von den sechs Blättern gilt dieses allgemein als das beste; es wird zuweilen herangezogen, um zu zeigen, welche künstlerische Höhe der Weber-Zyklus der Künstlerin erreicht.

(7) Ende (Ende). Radierung, Originalgröße 24 × 30 cm. Das sechste und letzte Blatt. Wir sind mit den Webern zurück in ihrem Haus, der Webstuhl steht stumm. Daneben liegen zwei Leichen; eine Frau kauert über ihnen. An der Tür wird ein weiterer Leichnam hereingetragen. So endete in den vierziger Jahren der Kampf der deutschen Weber ums Überleben.

(8) Gretchen (Gretchen). 1899, Lithografie; aus der Mappe, Originalgröße unbekannt. In Goethes Faust liebt Faust Gretchen, verführt sie, und sie wird schwanger. Am Brunnen hört sie von einer Freundin, dass ein Nachbarmädchen von ihrem Geliebten verlassen wurde, denkt an sich selbst und bringt der Heiligen Mutter Blumen und betet. Dieses Blatt zeigt das arme Mädchen, wie es über eine sehr schmale Brücke geht und im Wasser eine gespenstische Ahnung seiner Zukunft erblickt. Im Drama ertränkt sie später das Kind, das sie mit Faust hatte, und wird eingekerkert. Der Originalstein ist zerbrochen.

(9) Tanz um die Guillotine (Tanz um die Guillotine). 1901, Radierung; aus der Mappe, Originalgröße unbekannt. Eine Szene aus der Französischen Revolution: Die Guillotine steht aufgerichtet, die Menge umringt sie, brüllt das Lied „Lasst uns Carmagnole tanzen!" (Dansons la Carmagnole!) und tanzt. Nicht einer allein, sondern eine Schar, durch dieselbe Ursache gleichermaßen furchtbar geworden. Die umgebenden Ruinen ragen empor wie Felswände aufgehäuften Elends, darüber nur ein Stück Himmel. Die schlagenden Arme der rasenden Menge lodern wie Fegefeuer-Flammen und erhellen nichts als Finsternis.

(10) Die Pflüger (Die Pflüger). Originalgröße 31 × 45 cm. Dies ist das erste Blatt des berühmten historischen Zyklus Bauernkrieg (Bauernkrieg), der sieben Radierungen umfasst, entstanden zwischen 1904 und 1908. Alle hier wiedergegebenen Blätter stammen von Originalabzügen. Der Bauernkrieg war eine der größten sozialen Reformbewegungen im frühneuzeitlichen Deutschland. Um 1524 brach er im Süden aus, wo die Bauern in einem Zustand der Leibeigenschaft lebten, unterdrückt durch die feudalen Privilegien des Adels. Als Martin Luther den neuen Glauben verkündete, verbreitete er zugleich das Evangelium der Freiheit, und die Bauern erwachten, forderten die Abschaffung der grausamen Herrenrechte. Sie veröffentlichten Erklärungen, brannten Kirchen nieder, griffen Grundherren an, und die Unruhe breitete sich im ganzen Land aus. Doch dann wandte sich Luther gegen sie und erklärte, solch zerstörerisches Tun sei ein schweres Vergehen gegen die Menschlichkeit und müsse unterdrückt werden. Die Fürsten schlugen daraufhin ungehemmt los, übten grausame Rache, und im folgenden Jahr waren die Bauern allesamt besiegt, ihr Zustand elender als zuvor — weshalb sie Luther später den „Lügendoktor" nannten. Das Blatt zeigt unter einem sonnenlosen Himmel zwei Bauern bei der Feldarbeit — vermutlich Brüder. Sie sind in Seile eingespannt, ziehen den Pflug, kriechen förmlich vorwärts wie Ochsen oder Pferde; man meint, ihren Schweiß zu sehen, ihr Keuchen zu hören. Hinter ihnen sollte eine Frau den Pflug führen — wohl ihre Mutter.

(11) Vergewaltigt (Vergewaltigt). Das zweite Blatt, Originalgröße 35 × 53 cm. Das Leiden der Männer hat noch keinen Aufstand hervorgerufen, doch eine Bäuerin ist schändlich geschändet worden. Ihre Hände sind auf dem Rücken gefesselt; sie liegt mit dem Kinn gen Himmel, das Gesicht nicht sichtbar. Tot oder bewusstlos — wir wissen es nicht. Am Weg ist das wilde Gras flach getreten, Zeichen eines Kampfes. Etwas weiter stehen liebliche kleine Sonnenblumen.

(12) Beim Dengeln (Beim Dengeln). Das dritte Blatt, Originalgröße 30 × 30 cm. Hier erscheint die Frau, die das Leid bis zum Äußersten gekostet hat. Ihre großen, rauen Hände schärfen mit einem Wetzstein die Schneide der großen Sense. In ihren kleinen Augen brennen äußerster Abscheu und äußerste Wut.

(13) Bewaffnung in einem Gewölbe (Bewaffnung in einem Gewölbe). Das vierte Blatt, Originalgröße 50 × 33 cm. Alle bewaffnen sich unter einem dunklen Gewölbe und drängen enge gotische Treppen hinauf: eine gewaltige Masse verzweifelter Bauern. Je höher das Licht, desto spärlicher wird es; ein unheimliches Halbdunkel, unheimliche Gesichter.

(14) Losbruch (Losbruch). Das fünfte Blatt, Originalgröße 51 × 50 cm. Alle stürmen auf der Wiese kopflos voran. Vorn die jungen Männer; den Befehl aber gibt eine Frau. Aus der ganzen Komposition strömt die Wut der Vergeltung. Ihr ganzer Körper ist Kraft; sie schwingt die Arme und stampft die Füße, und nicht nur erfüllt ihr Anblick den Betrachter mit dem Drang, vorwärtszustürmen, auch die Wolken am Himmel scheinen auf ihren Ruf hin zu zerbersten. Ihre Gestalt ist eines der mächtigsten Frauenbilder aller großen Gemälde. Wie im Weberaufstand nehmen Frauen stets an den außerordentlichen Ereignissen teil, und mit gewaltiger Kraft — das ist der Geist „dieser Frau von männlichem Mut."

(15) Schlachtfeld (Schlachtfeld). Das sechste Blatt, Originalgröße 41 × 53 cm. Die Bauern sind geschlagen; sie konnten den Soldaten nicht standhalten. Was bleibt auf dem Schlachtfeld? Man erkennt kaum etwas. Nur im Halbdunkel einer Nacht voller Leichen hält eine Frau eine Laterne, die eine arbeitsharte, sehnige Hand beleuchtet, die das Kinn eines Toten berührt. Alles Licht sammelt sich auf diesem kleinen Fleck. Es ist wohl ihr Sohn; dieser Ort ist wohl jener, wo sie einst den Pflug führte — doch was hier jetzt fließt, ist nicht Schweiß, sondern Blut.

(16) Die Gefangenen (Die Gefangenen). Das siebte Blatt, Originalgröße 33 × 42 cm. Die gefangenen Überlebenden: manche barfuß, manche in Holzschuhen, allesamt kräftige Männer — doch auch Kinder sind darunter. Allen sind die Hände auf dem Rücken gefesselt, eingesperrt in einem Seilring. Ihr Schicksal ist leicht zu erahnen, doch ihre Gesichtsausdrücke sind verschieden: manche haben die Hoffnung aufgegeben, manche sind noch trotzig oder wütend, manche in Gedanken versunken — doch keiner zeigt Schwäche oder Unterwerfung.

(17) Arbeitslosigkeit (Arbeitslosigkeit). 1909, Radierung; aus der Mappe, Originalgröße 44 × 54 cm. Er hat jetzt keine Arbeit, sitzt an ihrem Bett und grübelt — doch kein Ausweg fällt ihm ein. Mutter und schlafende Kinder sind mit einer Schönheit und Erhabenheit dargestellt, die im Werk der Künstlerin selten ist.

(18) Frau vom Tod gepackt (Frau vom Tod gepackt), auch Tod und Weib (Tod und Weib). 1910, Radierung; aus der Mappe, Originalgröße unbekannt. Der Tod taucht aus ihrem eigenen Schatten auf, greift sie von hinten an, umschlingt sie, fesselt ihre Arme auf dem Rücken. Zurück bleibt das schwache Kind, unfähig, seine liebevolle Mutter zurückzurufen. Im Bruchteil eines Augenblicks liegen zwei Welten einander gegenüber. Der Tod ist der größte Faustkämpfer der Welt; der Tod ist die ergreifendste Tragödie der heutigen Gesellschaft; und diese Frau ist die größte Gestalt im gesamten Werk der Künstlerin.

(19) Mutter und Kind (Mutter und Kind). Entstehungsjahr unbekannt, Radierung; aus der Mappe, Originalgröße 19 × 13 cm. Von den hundertachtzwanzig Blättern, die ich im Käthe Kollwitz Werk gesehen habe, können höchstens vier oder fünf als freudig bezeichnet werden — dieses ist eines davon. Avenarius bemerkt, dass man angesichts der absichtlich dargestellten tölpelhaften Miene des Kindes im Profil, vom Licht hell hervorgehoben, ein Schmunzeln kaum unterdrücken kann.

(20) Brot! (Brot!). Lithografie, Entstehungsjahr unbekannt, vermutlich nach dem Weltkrieg; nach Originalabzug, Originalgröße 30 × 28 cm. Das verzweifelte Betteln hungriger Kinder um Nahrung zerreißt einer Mutter das Herz am meisten. Hier strecken die Kinder ihre traurigen, inständig hoffenden Augen vergeblich aus, während die Mutter nur ihren kraftlosen Rücken beugen kann. Ihre Schultern sind hochgezogen — sie weint, abgewandt. Sie wendet sich ab, weil die Hilfsbereiten ebenso machtlos sind wie sie und die Mächtigen ohnehin nie helfen werden. Sie möchte den Kindern nicht zeigen, dass dies die einzige Liebe ist, die ihr noch zu geben bleibt.

(21) Deutschlands Kinder hungern! (Deutschlands Kinder hungern!). Lithografie, Entstehungsjahr unbekannt, vermutlich nach dem Weltkrieg; nach Originalabzug, Originalgröße 43 × 29 cm. Alle halten leere Schüsseln empor, und in den weit aufgerissenen Augen der hageren Gesichter brennt eine feurige, lodernde Hoffnung. Wer streckt die Hand aus? Von hier ist es nicht zu erkennen. Dies war ursprünglich ein Querformat, an dessen Rand die jetzt als Titel dienenden Worte standen — vermutlich ein Spendenaufruf jener Zeit. Spätere Drucke bewahrten nur das Bild. Die Künstlerin schuf auch eine Lithografie mit dem Titel Nie wieder Krieg!, ein etwas früheres Werk, das ich leider nicht beschaffen konnte. Und jene Kinder von damals, die überlebt haben, sind heute alle junge Menschen über zwanzig — und stehen davor, abermals als Brennstoff in die Feuer des Krieges getrieben zu werden.

Ich erinnere mich an eine Zeit, da wir aus den Publikationen unseres eigenen Landes nur sehr wenig über die Verhältnisse in der Sowjetunion erfahren konnten. Selbst im Bereich der Literatur wichen manche ehrenwerte Schriftsteller und Gelehrte davor zurück wie eine junge Dame aus gutem Hause beim Anblick eines Teerflecks — nicht nur entschlossen, ihn nicht zu berühren, sondern schon aus sicherer Entfernung die Nase rümpfend. In den letzten ein bis zwei Jahren hat sich das geändert. Natürlich sieht man gelegentlich noch ein paar Karikaturen, die aus ausländischen Publikationen entnommen sind, doch weit häufiger sind nun aufrichtige Darstellungen der Aufbauleistungen, die einen den Kopf heben und Flugzeuge, Schleusen, Arbeiterwohnungen und Kolchosen sehen lassen, statt dass man ewig zu Boden starrt, über abgetragene Schuhe grübelt und seufzend den Kopf schüttelt. Diese Berichterstatter sind keineswegs Menschen mit sogenannten gefährlichen politischen Neigungen, aber sie sind der Schadenfreude unfähig; wenn sie den friedlichen Wohlstand eines Nachbarn sehen, freuen sie sich aufrichtig und teilen diese Freude mit dem chinesischen Volk. Im Interesse sowohl Chinas als auch der Sowjetunion halte ich dies für ein hervorragendes Zeichen: Einerseits wird uns die Wahrheit bekannt und Verständnis erreicht; andererseits gibt es keine Missverständnisse mehr, und zudem beweist es, dass China wahrlich viele Menschen besitzt, die „durch Gewalt nicht zu beugen und durch Armut nicht zu bewegen sind" — Menschen, die die Wahrheit sagen müssen.

Doch jene Darstellungen waren sämtlich Artikel oder Fotografien. Die diesjährige Druckgrafik-Ausstellung hingegen hat uns die Kunst unmittelbar vor Augen gestellt. Unter den Künstlern sind einige, deren Namen uns durch Reproduktionen ihrer Werke bereits vertraut sind, doch nun, da wir zum ersten Mal ihre handgefertigten Originale sehen, fühlen wir uns ihnen noch näher.

Unter den Druckgrafiken ist der Holzschnitt in China schon vor langer Zeit erfunden worden, doch er verfiel im Lauf der Zeit. Die Holzschnitte, die vor fünf Jahren neu aufkamen, orientierten sich am europäischen Vorbild und standen in keiner Beziehung zum alten chinesischen Holzschnitt. Bald sah sich diese neue Bewegung der Unterdrückung ausgesetzt, und es fehlte an Lehrern, sodass bis heute kein besonderer Fortschritt zu verzeichnen ist. In dieser Ausstellung haben wir endlich hervorragende und zahlreiche Vorbilder gewonnen. Als Erster verdient Beachtung der große Meister Faworsld, der während des Bürgerkriegs den Holzschnitt erneuerte und seither unablässig voranschritt, und seine Schule: Deineka, Gontscharow, Echeistow, Pikow und andere. In ihren Werken drückt jeder einen aufrichtigen Geist aus, und ihre Nachfolger zeigen, wie sie dem vom Meister gewiesenen Weg folgen und dennoch verschiedene Methoden anwenden — was beweist, dass bei gleichem Inhalt die Methoden frei variieren dürfen und dass Nachahmung und Abhängigkeit niemals echte Kunst hervorbringen können.

Die Werke von Deineka und Echeistow wurden in China nie vorgestellt, und bedauerlicherweise sind sie auch hier rar. Von Pawlinow, dessen Arbeit Faworsld nahesteht, hatten wir nur einen einzigen Holzschnitt gesehen; dieser Mangel ist nun behoben.

Krawtschenkos Holzschnitte sind gelegentlich glücklich nach China gelangt, und nur einer wurde reproduziert und vorgestellt. Jetzt endlich kann jeder mehr seiner Originale sehen. Seine romantische Farbgebung wird die Begeisterung unserer jungen Leute entfachen, und seine Aufmerksamkeit für Hintergründe und feine Details wird dem Betrachter ebenfalls zugutekommen. In unserer chinesischen Malerei ist seit der Song-Dynastie der „Pinselausdruck" in Mode — zwei Punkte als Augen, ohne zu wissen, ob sie lang oder rund sind; ein Strich als Vogel, ohne zu wissen, ob es ein Habicht oder eine Schwalbe ist. Das Streben nach erhabener Schlichtheit wurde zur leeren Nichtigkeit, und dieses Übel ist noch immer häufig in den Arbeiten unserer jungen Holzschnittkünstler zu sehen. Krawtschenkos neues Werk Der Bau des Dnjepr-Staudamms (Dnjeprostroj) ist eine Alarmglocke, die uns aus dieser faulen Träumerei aufschrecken soll. Was Piskarew betrifft, so war er vermutlich der erste in China vorgestellte Holzschnittkünstler. Seine vier Illustrationen zum Eisernen Strom wurden von vielen jungen Lesern lange bewundert; nun sehen wir zum ersten Mal seine Illustrationen zu Anna Karenina — die andere Seite seiner Schnittkunst.

Hier finden sich auch Mitrochin, Chischinski und Motschalow, alle zuvor in China bekannt, zusammen mit vielen erstmals gezeigten Künstlern — von solchen, die schon vor der Oktoberrevolution berühmt waren, bis zu jungen Künstlern, die um die Jahrhundertwende geboren wurden. Ihre Werke sprechen alle von Zusammenarbeit und Fortschritt auf dem Weg des friedlichen Aufbaus. Was die übrigen Künstler und Werke betrifft, so enthält der Ausstellungskatalog zu jedem eine kurze Beschreibung, und am Ende benennt er den wesentlichen Punkt des Ganzen: „einen allgemein sozialistischen Inhalt und ein grundlegendes Streben nach Realismus." Es erübrigt sich, dass ich hier weitere Ausführungen mache.

Doch es gibt etwas, das wir außerdem beachten sollten: Unter den Werken befinden sich solche von Künstlern aus der Ukraine, aus Georgien und aus Weißrussland. Ich glaube, ohne die Oktoberrevolution hätten diese Werke uns nicht nur nicht begegnen können, sondern wären wahrscheinlich nie entstanden.

Nun sind über zweihundert Werke in glanzvollem Zusammenklang in Shanghai erschienen. Allein von den Druckgrafiken her betrachtet, ähneln sie nicht der häufigen Zierlichkeit französischer Holzschnitte noch der häufigen Kühnheit deutscher Holzschnitte. Doch sie sind aufrichtig, ohne starr zu sein; schön, ohne üppig zu sein; heiter, ohne ausgelassen zu sein; kraftvoll, ohne roh zu sein — und dennoch nicht statisch. Sie rufen ein Beben hervor — ein Beben wie der Schritt einer großen freundschaftlichen Kolonne, die mit festem Tritt, Schritt für Schritt, auf der festen, weiten schwarzen Erde marschiert, dem Aufbau entgegen.

Nachtrag: Die Druckgrafiken in der Ausstellung sind fünf verschiedener Art. Erstens Holzschnitte, zweitens Linolschnitte (der Katalog übersetzt dies als „Wachstuchschnitte", was recht seltsam klingt) — die Bezeichnungen erklären sich von selbst. Zwei Arten entstehen durch Ätzen von Kupfer- und Steinplatten mit Säure: sie als „Radierungen" und „Lithografien" zu bezeichnen ist richtig, oder dem Katalog folgend als „Ätzschnitte" und „Steindrucke" ebenfalls vertretbar. Dann gibt es den Monotypie-Druck — ein auf einer Platte gemaltes Bild, das dann gedruckt wird — sodass es zwar ein Druck ist, aber nur in einem einzigen Exemplar existiert. Ich denke, man kann es nur als „Einzelabzug-Druck" übersetzen. Der Ausstellungskatalog übersetzt es als „Mono", was praktisch einer Nicht-Übersetzung gleichkommt; andernorts wird es als „Einzeltyp-Studie" wiedergegeben, was noch schwerer zu verstehen ist als gar keine Übersetzung. Tatsächlich sind die unsignierten Erläuterungen der Ausstellung bemerkenswert knapp und treffend; leider ist die Übersetzung sehr schwer nachvollziehbar. Wenn jemand sie neu übersetzte, wäre das selbst nach Schließung der Ausstellung für jeden, der sich für Druckgrafik interessiert, von großem Nutzen.

17. Februar.

Wenn die Erschöpfung den Punkt völliger Hilflosigkeit erreicht, bewundert man gelegentlich Schriftsteller, die die irdische Welt transzendieren, und versucht, es ihnen nachzutun. Doch es gelingt nicht. Der transzendente Geist braucht, wie ein Schalentier, eine Schale um sich. Und er braucht klares Wasser dazu. Am Fuße des Berges Asama gibt es gewiss Gasthöfe, aber ich bezweifle, dass jemand dorthin geht, um einen „Elfenbeinturm" zu errichten.

Auf der Suche nach vorübergehender Seelenruhe als letztem Ausweg habe ich in letzter Zeit eine andere Methode ersonnen. Sie besteht darin: Menschen zu täuschen.

Im Herbst oder Winter letzten Jahres wurde in Zhabei ein japanischer Matrose ermordet. Plötzlich waren die Straßen voller Menschen, die umzogen; die Kosten für einen Mietwagen stiegen um ein Vielfaches. Die Umziehenden waren natürlich Chinesen; die Ausländer standen am Straßenrand und schauten offenbar amüsiert zu. Auch ich ging oft zuschauen. Nachts wurde es außerordentlich still, es gab keine Essensverkäufer mehr; man hörte nur hin und wieder aus der Ferne Hundegebell. Doch nach zwei, drei Tagen schien das Umziehen verboten zu werden. Die Polizei prügelte mit aller Kraft auf die Karren- und Rikscha-Kulis ein, die Gepäck schleppten. Japanische Zeitungen und chinesische Zeitungen verliehen den Umgezogenen einhellig den Titel „dummes Volk". Soll heißen: Die Welt ist eigentlich in bester Ordnung, und nur weil es solches „dummes Volk" gibt, wird eine recht gute Welt ins Chaos gestürzt.

Von Anfang bis Ende rührte ich mich nicht; ich trat nicht den Reihen des „dummen Volks" bei. Doch das geschah nicht aus Klugheit, sondern nur aus Faulheit. Ich war schon einmal in die Schusslinie geraten, beim Kampf um Shanghai fünf Jahre zuvor — den die japanische Seite offenbar lieber als „Zwischenfall" bezeichnet —, und meine Freiheit war mir längst genommen worden. Die mir die Freiheit geraubt hatten, waren damit in die Lüfte entschwunden, sodass es einerlei war, wohin man floh. Das chinesische Volk ist misstrauisch. Jeder Ausländer zeigt darauf als lächerlichen Fehler. Doch Misstrauen ist kein Fehler. Immer nur zu misstrauen, ohne je zu einem Urteil zu kommen — das ist der Fehler. Ich bin Chinese und kenne daher dieses Geheimnis gut. In Wahrheit wird ein Urteil gefällt, und das Urteil lautet: Am Ende kann man doch nicht trauen. Doch die nachfolgenden Ereignisse haben dieses Urteil zumeist bestätigt. Die Chinesen bezweifeln ihr eigenes Misstrauen nicht. Mein Nicht-Umziehen geschah also nicht, weil ich an den Weltfrieden geglaubt hätte; letztlich lag es nur daran, dass die Gefahr überall dieselbe war. Wenn ich mich erinnere, wie ich fünf Jahre zuvor die Zeitungen durchblätterte und die schiere Zahl der verzeichneten toten Kinder sah, während nie ein Bericht über Gefangenenaustausch zu finden war — noch heute, wenn ich daran denke, ist der Kummer überwältigend.

Die Misshandlung der Umziehenden und die Prügel für die Kulis — das sind noch ganz geringe Dinge. Das chinesische Volk pflegt die Hände der Mächtigen mit dem eigenen Blut zu waschen und sie wieder zu sauberen, anständigen Personen zu machen. Dass es diesmal mit einem solchen Schauspiel abgetan war, ist alles in allem noch ein Glück.

Doch während alle mit dem Umzug beschäftigt waren, hatte ich weder Lust, den ganzen Tag am Straßenrand zuzuschauen, noch daheim eine Weltliteraturgeschichte zu lesen. Ich ging ein Stück weiter — ins Kino, um mich abzulenken. Dort war wahrhaftig das Paradies auf Erden. Genau dorthin waren alle umgezogen. Gerade als ich durch die Tür treten wollte, packte mich ein Mädchen von zwölf oder dreizehn Jahren. Eine Schülerin, die Spenden für Hochwasseropfer sammelte; ihre Nasenspitze war vor Kälte rot. Ich sagte, ich hätte kein Kleingeld. Sie drückte mit ihren Augen höchste Enttäuschung aus. Ich fühlte mich schuldig, nahm sie mit ins Kino und gab ihr nach dem Kartenkauf einen Dollar. Diesmal war sie überglücklich und lobte mich: „Sie sind ein guter Mensch." Sie schrieb mir sogar eine Quittung. Mit dieser Quittung brauchte man, wohin man auch ging, nicht noch einmal zu spenden. Und so betrat ich, der sogenannte „gute Mensch", leichten Schrittes das Innere.

Welchen Film ich sah? Ich erinnere mich an rein gar nichts mehr. Vermutlich ging es um einen Engländer, der fürs Vaterland einen grausamen indischen Häuptling besiegte, oder einen Amerikaner, der nach Afrika ging, ein Vermögen machte und eine unvergleichlich schöne Frau heiratete — etwas in der Art. Nachdem ich so einige Zeit totgeschlagen hatte, kehrte ich in der Dämmerung nach Hause zurück und betrat wieder die lautlose Umgebung. Das ferne Hundegebell. Das zufriedene Gesicht des Mädchens erschien erneut vor meinen Augen, und ich fühlte, eine gute Tat begangen zu haben. Doch sofort wurde meine Stimmung wieder unangenehm, als hätte ich auf einer Seife gekaut oder etwas Dergleichem.

Tatsächlich hatte es zwei oder drei Jahre zuvor eine furchtbare Überschwemmung gegeben — anders als die japanischen Überschwemmungen gehen die unseren monatelang oder ein halbes Jahr nicht zurück. Aber ich wusste auch, dass China eine Einrichtung namens „Wasserbauamt" besitzt, die jedes Jahr Steuern vom Volk einzieht und ihre Arbeit verrichtet. Und dennoch kam diese gewaltige Flut. Ich wusste ferner, dass eine Gruppe ein Theaterstück aufgeführt hatte, um Geld zu sammeln, aber weil der Erlös nur etwas über zwanzig Dollar betrug, wurde die Behörde zornig und wollte ihn nicht annehmen. Ich hatte sogar gehört, dass Flüchtlinge, die in Scharen in sichere Gebiete strömten, mit Maschinengewehren beschossen worden waren, weil sie angeblich die öffentliche Ordnung gefährdeten. Die meisten waren wohl längst tot. Doch die Kinder wussten das nicht: Sie sammelten immer noch verzweifelt Lebensunterhalt für die Toten — enttäuscht, wenn es nicht gelang, glücklich, wenn es gelang. Und in Wahrheit reichte ein Dollar nicht einmal, um einem Beamten des Wasserbauamts die Zigaretten für einen einzigen Tag zu kaufen. Ich wusste das alles genau, tat aber so, als glaubte ich, das Geld würde wirklich die Geschädigten erreichen — tatsächlich hatte ich nur die arglose, unschuldige Freude eines Kindes gekauft. Ich sehe nicht gern Enttäuschung in Menschengesichtern.

Würde meine achtzigjährige Mutter mich fragen, ob es das Himmelreich wirklich gibt, würde ich vermutlich ohne das geringste Zögern antworten: Ja, wirklich.

Doch meine Stimmung für den Rest jenes Tages war nicht behaglich. Mir schien, ein Kind sei nicht dasselbe wie eine alte Person — es zu täuschen sei falsch. Ich dachte daran, einen offenen Brief zu schreiben, um meine wahren Gefühle darzulegen und das Missverständnis aufzuklären, überlegte dann aber, dass es ohnehin nirgends einen Ort für die Veröffentlichung gab, und ließ es. Es war bereits Mitternacht. Ich ging zur Tür und schaute hinaus.

Kein einziger Menschenschatten war zu sehen. Nur unter dem Dachvorsprung eines Hauses unterhielt sich ein Wantan-Verkäufer gemütlich mit zwei Polizisten. Er war ein besonders armseliger Straßenhändler, den man gewöhnlich kaum sah, und seine Vorräte waren reichlich — offensichtlich hatte er keine Kundschaft. Ich kaufte für zwanzig Cent zwei Schüsseln, und meine Frau und ich teilten sie — nur damit er ein wenig verdiente. Zhuangzi sagte einmal: „Die Karausche in der ausgetrockneten Wagenspur befeuchten einander mit ihrem Speichel und hauchen einander mit ihrem feuchten Atem an." — Doch dann sagte er auch: „Es wäre besser, einander in den Strömen und Seen zu vergessen." Das Traurige ist, dass wir einander nicht vergessen können. Und ich bin im Täuschen der Menschen nur noch zügelloser geworden. Wenn diese Schule der Täuschung nicht endet — sei es durch Abschluss, sei es durch Abbruch —, fürchte ich, werde ich nie einen befriedigenden Aufsatz schreiben können.

Doch unglücklicherweise begegnete ich, noch ehe das eine oder andere eingetreten war, Verleger Yamamoto. Weil er mich bat, etwas zu schreiben, antwortete ich der Höflichkeit halber: „Gerne." Weil ich „gerne" gesagt hatte, war ich verpflichtet zu schreiben — ich wollte ihn nicht enttäuschen. Und doch schrieb ich am Ende abermals einen Aufsatz der Täuschung.

Solche Aufsätze zu schreiben macht die Gemütslage nicht eben behaglich. Es gibt vieles, was ich sagen möchte, aber es muss warten, bis die „chinesisch-japanische Freundschaft" noch weiter vorangeschritten ist. Schon bald, fürchte ich, wird diese „Freundschaft" ein solches Ausmaß erreichen, dass in unserem China der Widerstand gegen Japan als Landesverrat gelten wird — mit der Begründung, die Kommunistische Partei habe antijapanische Parolen benutzt, um China zu vernichten — und auf den Richtplätzen allerorten der Sonnenkreis schimmern wird. Aber selbst dann wird es noch nicht die Zeit sein, das wahre Herz zu enthüllen.

Vielleicht ist dies nur die übertriebene Sorge eines Einzelnen. Das wahre Herz des anderen zu sehen und zu verstehen — gelänge dies so bequem wie mit Feder und Zunge, oder, wie die Frommen sagen, durch Tränen, die die Augen waschen, wäre das in der Tat wunderbar. Doch solch billige Geschäfte gibt es auf dieser Welt wohl nur selten. Das ist zum Trauern. Während ich diesen wirren, formlosen Aufsatz schreibe, fühle ich einmal mehr, dass ich den aufrichtigen Leser im Stich lasse.

Zum Schluss möchte ich einige Zeilen persönlicher Vorahnung hinzufügen, mit Blut geschrieben, als Gegengeschenk.

23. Februar.

Zunächst seien ein paar Zeilen aus einem alten Buch zitiert — vielleicht erinnere ich sie nicht ganz genau — Zhuangzi sprach: „Fische, die in einer austrocknenden Wagenspur gestrandet sind, benetzen einander mit Speichel, hauchen einander Feuchtigkeit zu — besser wäre es, einander zu vergessen in den Flüssen und Seen."

Unter eben solchen Umständen kam die Yiwen im September 1934 zur Welt. Damals waren große Unternehmungen wie Weltliteratur und Weltbibliothek noch nicht geboren, und so konnte man in dieser Zeit zwischen Ernte und Aussaat wohl sagen, sie sei gleichsam eine Oase in der Wüste Gobi gewesen: Ein paar Leute stahlen sich etwas Muße, übersetzten kurze Texte, lasen gegenseitig, und wenn es Leser gab, ließen sie auch diese mitschauen — auf der Suche nach einem kleinen Vergnügen, in der Hoffnung, vielleicht auch von einigem Nutzen zu sein — doch selbstverständlich war dies bei Weitem nicht die Weite der Flüsse und Seen.

Und doch konnte auch dieses bescheidene, kleine, mit der Welt so unstreitbare Blatt nicht umhin, sich im September vergangenen Jahres mit einer „Schlußnummer" von allen zu verabschieden. Obgleich es nur Wildblumen und Gräser waren, hatte man doch nicht wenig Mühe auf Umpflanzen und Bewässern verwandt, und natürlich konnte man es insgeheim nur bedauern. Doch wir gewannen auch Mut und Trost: die Nachrufe, die viele Leser der Yiwen mit Feder und Zunge widmeten.

Wir wissen dankbar zu sein; wir wissen uns anzuspornen.

Auch hofften wir unablässig auf die Wiederaufnahme. Doch das damals kursierende Gerücht über den Grund der Einstellung lautete: Verlustgeschäft. Obwohl Verleger in der Regel der „Verbreitung von Kultur" dienen, ist ein „Verlust" die tödliche Wunde der „Kulturverbreitung", und so lag die Zeitschrift ein halbes Jahr lang geradezu rettungslos darnieder. Erst in diesem Jahr begann die Verlusttheorie zu wanken, es ergab sich die Gelegenheit zur Wiedergeburt, und sie kann allen erneut begegnen.

Der Inhalt bleibt, wie in der „Vorbemerkung" der Erstausgabe beschrieben: Keinerlei Beschränkung des Materials; keine festen Rubriken; neben dem Text zusätzliche Illustrationen — manche stehen in Beziehung zum Text und sollen das Vergnügen erhöhen, manche stehen in keiner Beziehung dazu und mögen als unsere kleine Aufmerksamkeit für den Leser gelten.

Wie wird es diesmal um das künftige Schicksal bestellt sein? Wir wissen es nicht. Doch die literarische Szene hat sich in diesem Jahr jäh gewandelt, und allerorten verkündet man nun Toleranz und Großmut. Wir hoffen aufrichtig, dass die Yiwen in dieser toleranten und großmütigen Literaturwelt ebenfalls Schutz finden und ein vergleichsweise langes Leben genießen möge.

Am 8. März.

Mehr als die Hälfte des Frühlings ist schon vorüber, und noch immer ist es kalt; dazu den ganzen Tag Regen, leise rieselnd, und tief in der Nacht allein sitzend, dem Tropfen lauschend — es stimmt einen recht wehmütig. Auch weil ich am Nachmittag einen Brief erhielt, von weit her gesandt, mit der Bitte, etwas als Vorwort zu den nachgelassenen Gedichten Bai Mangs zu schreiben; der Brief begann: „Mein verstorbener Freund Bai Mang — Sie haben ihn vermutlich gekannt..." — Das machte mich noch bedrückter.

Was Bai Mang angeht — ja, ich kannte ihn. Vor vier Jahren schrieb ich einen Aufsatz mit dem Titel „Zum Gedenken an das Vergessen", um sie aus dem Gedächtnis zu tilgen. Seit ihrer Hinrichtung sind bereits volle fünf Jahre vergangen, und auf meiner Erinnerung haben sich viele frische Blutspuren angesammelt; bei dieser Erwähnung erscheint sein junges Gesicht wieder vor meinen Augen, als lebte er noch — bei heißem Wetter in einem großen wattierten Mantel, das Gesicht von öligem Schweiß überströmt, mir lächelnd sagend: „Das ist das dritte Mal. Ich bin selbst herausgekommen. Die beiden Male davor hat mein Bruder mich herausgeholt, und jedes Mal, wenn er mich herausholte, mischte er sich ein, also habe ich ihn diesmal nicht benachrichtigt..." — In meinem früheren Aufsatz hatte ich falsch geraten: Dieser Bruder war Xu Peigen, Leiter des Luftfahrtamtes, der am Ende zum Bruder auf verschiedenem Weg zum selben Ziel wurde. Er selbst hieß Xu Bai; sein geläufigerer Schriftstellername war Yin Fu.

Wenn ein Mensch noch Freundschaft besitzt, dann ist das Aufbewahren der Manuskripte eines toten Freundes, als hielte man einen Feuerball in den Händen — ständig fühlt man sich ruhelos bei Essen und Schlaf, bis man versucht hat, sie veröffentlichen zu lassen. Dieses Gefühl verstehe ich vollkommen und kenne auch die Pflicht, ein Vorwort und dergleichen zu schreiben. Was mich bedrückt, ist, dass ich schlichtweg nichts von Lyrik verstehe und auch keine Dichterfreunde hatte; wenn ausnahmsweise einmal doch, kam es am Ende stets zum Bruch — nur mit Bai Mang gab es keinen Bruch, vielleicht weil er zu rasch starb. Was nun seine Gedichte betrifft, sage ich kein einziges Wort — denn ich vermag es nicht.

Das Erscheinen dieses Kinderturms ist nicht dazu bestimmt, mit den heutigen Dichtern um den Ruhm eines Tages zu wetteifern; es hat eine andere Bedeutung. Dies ist das fahle Licht des Ostens, der pfeifende Pfeil im Wald, die Knospe am Ende des Winters, der erste Schritt eines Vormarsches, das große Banner der Liebe für die Vorhut, und zugleich das ragende Denkmal des Hasses gegen die Zerstörer. All jene sogenannten ausgereiften und geschliffenen, stillen und weltentrückten Werke brauchen nicht zum Vergleich herangezogen zu werden, denn diese Gedichte gehören einer anderen Welt an.

In jener Welt gibt es sehr, sehr viele Menschen, und Bai Mang ist auch ihr verstorbener Freund. Allein dies, so meine ich, genügt, um die Existenz dieser Sammlung zu verbürgen — wozu also bedarf es eines Vorworts von mir?

In der Nacht des 11. März 1936, aufgezeichnet von Lu Xun im Qijie-Pavillon in Shanghai.

Dies geschah am 10. März. Ich erhielt einen Brief von einem mir Unbekannten aus Hankou, der angab, mit Bai Mang an der Tongji-Schule Kommilitone gewesen zu sein und dessen Manuskript Kinderturm zu besitzen, das gerade zur Veröffentlichung vorbereitet werde. Allerdings habe der Verleger eine Bedingung: dass ich ein Vorwort schreibe. Was das Manuskript angehe, so werde er es nicht schicken, da die Blätter lose und ungeordnet seien, doch wenn ich es sehen wolle, könne er es nachsenden. Tatsächlich befanden sich das Manuskript von Bai Mangs Kinderturm sowie vereinzelte nachgelassene Schriften einiger anderer, die zur selben Zeit umkamen, sämtlich in meiner Verwahrung — darunter seine eigenhändigen Illustrationen. Doch es war durchaus möglich, dass seine Freunde über eine separate Frühfassung verfügten. Und dass ein Verleger ein Vorwort wünscht, war die alltäglichste Sache der Welt.

In den letzten Jahren hat sich eine große Mode des Druckens und Verkaufens von Nachlass-Werken aufgetan; selbst in Zeitschriften arbeiten Tote und Lebende häufig zusammen. Doch dies ist nicht mehr die alte sogenannte „Faszination für Gebeine" — vielmehr lehnen sich die Lebenden an den Nachglanz der Toten und hoffen, „mit einem toten Zhuge Liang einen lebenden Zhongda zu verscheuchen". Ich bewundere diese lebenden Geschäftemacher wenig. Doch diesmal war ich wahrhaft gerührt, denn wenn ein Mensch Unglück erlitten hat oder ihm Unrecht widerfahren ist, gibt es genug sogenannte frühere Freunde, die sich totschweigen; und auch jene, die eilends ein paar Steine hinterherwerfen, um zu zeigen, dass sie zur Seite der Sieger gehören, sind keineswegs selten. Doch die nachgelassenen Schriften zu hüten und nach vielen Jahren noch ihre Veröffentlichung zu betreiben, um der Freundschaftspflicht gegenüber dem Verstorbenen zu genügen — von solchen Fällen weiß ich bei meiner beschränkten Kenntnis wahrhaftig nur sehr wenige. Kaum von schwerer Krankheit genesen, gerade erst fähig zu sitzen, bei nächtlichem Nieselregen, erfüllt von traurigen Gedanken, zwang ich mich trotz meiner Schwäche, ein kurzes Stück zu schreiben, und schickte es am nächsten Tag mit der Post ab. Da ich fürchtete, den Herausgeber in Schwierigkeiten zu bringen, verschwieg ich seinen Namen; einige Tage später reichte ich es beim Literarischen Sammelblatt ein und verschwieg, da ich eine Beeinträchtigung des Vertriebs befürchtete, abermals den Titel der Gedichtsammlung.

Wenige Tage danach sah ich im Gesellschafts-Tageblatt, dass Shi Jixing, dieser versierte Trickser, sich nun abermals umbenannt hatte: in Qi Hanzhi. Da erst begriff ich, dass ich betrogen worden war, denn der Absender des Briefes aus Hankou hatte sich eben mit Qi Hanzhi unterzeichnet. Er spielte noch immer sein altes Spiel, Manuskripte zu erschwindeln. Der Kinderturm würde nicht nur niemals erscheinen — er besaß höchstwahrscheinlich nicht einmal die Frühfassung; er wusste lediglich, dass Bai Mang und ich bekannt waren, und kannte den Titel der Gedichtsammlung.

Was meinen Briefwechsel mit Shi Jixing betrifft, so reicht dieser viel weiter zurück — acht oder neun Jahre, als ich die Yusi herausgab und die Schöpfungsgesellschaft zusammen mit der Sonnengesellschaft gemeinsam gegen mich zu Felde zog. Er schrieb und gab sich als Student einer Kunsthochschule aus; sein Brief lag vor mir, begleitet von einer Einsendung: einige Skandalgeschichten über die sogenannten revolutionären Literaturgrößen jener Zeit, mit der brieflichen Zusicherung, derartiges Material könne in stetem Fluss nachgeliefert werden. Doch die Yusi hatte keine „Skandalrubrik", und ich wünschte keinen Umgang mit dieser Art von „Schriftsteller", weshalb ich ihn auf der Stelle zurückwies. Später nahm er das Pseudonym „Chichu" an und erfand Gerüchte über mich in Zeitschriften; oder er verwandelte sich plötzlich in „Tianxing" (die Yusi hatte auch einen Beiträger gleichen Namens, doch das war ein anderer) oder „Shi Yan" und erbat in unterwürfigen Worten meine Manuskripte — ich ignorierte ihn stets. Diesmal hatte ich gehört, er sei in Hankou, doch konnte ich nicht, bloß weil ein Shi Jixing in Hankou war, jeden Brief eines Unbekannten von dort als niederträchtige Falle betrachten. Obgleich ehrenwerte Herren meinen Argwohn tadeln, hatte er diesen Grad noch nicht erreicht. Leider darf man wirklich nicht unvorsichtig sein; das eine Mal, da ich meinen Argwohn fallen ließ, das eine Mal, da mich Freundschaft rührte — es wurde am Ende meine Schwachstelle.

Heute sah ich wieder eine Ausgabe — die zweite — der sogenannten „Hanchu"-Ausgabe der Menschenwelt, am Ende stand „herausgegeben von Shi Tianxing", und in der Vorschau auf die nächste Nummer fand sich, wie erwartet, mein „Vorwort zum Kinderturm". Doch am Kopf wurde auch angekündigt, dass die Zeitschrift ab der nächsten Nummer in Nordwestwind umbenannt werde, und so würde mein Vorwort natürlich in den ersten Stoß „Nordwestwind" geraten. Und der erste Beitrag dieser zweiten Ausgabe war abermals ein Artikel von mir, betitelt „Vorwort zur japanischen Übersetzung der Kurzen Geschichte des chinesischen Romans". Das Original hatte ich auf Japanisch verfasst; hier war es von einem Unbekannten übersetzt worden, und obwohl der kurze Text nur eine Seite umfasste, strotzte er vor Fehlern und Ungereimtheiten — doch vorangestellt war die Erklärung: „Dieses Stück wurde ursprünglich von mir als Geleitwort für die japanische Ausgabe der Geschichte des chinesischen Romans geschrieben..." — meine Stimme nachahmend, sich als ich selbst als Übersetzer ausgebend. Dass man seine eigene japanische Schrift übersetzt und dabei eine Seite voller Fehler produziert — ist das nicht die größte Kuriosität unter dem Himmel?

China war schon immer ein Ort, an dem „Menschen nicht als Menschen behandelt werden"; selbst wenn jemand grundlos der Kapitulation oder des Gesinnungswandels, des Landesverrats oder der Kollaboration bezichtigt wird, findet die Gesellschaft daran nicht das Geringste befremdlich. Shi Jixings Tricks sind daher eine noch geringfügigere Angelegenheit. Was ich eigens erklären möchte, ist nur dies: Ich bitte jene Leser, die nach der Lektüre meines Vorworts auf die Veröffentlichung des Kinderturms gehofft haben, diese Hoffnung zurückzunehmen — denn ich wurde zuerst getäuscht, und dies wurde wiederum dazu, dass ich die Leser täuschte.

Zum Schluss möchte ich noch einige Worte anfügen, die aus „übermäßigem Argwohn" erwachsen: Selbst wenn tatsächlich eine „Hanchu"-Ausgabe des Kinderturms erschiene, wären die darin enthaltenen Gedichte immer noch zweifelhaft. Ich habe nie ein Wort über Shi Jixings großes Unternehmen verlieren wollen, doch da ich diesmal ein Vorwort geschrieben habe und es überdies veröffentlicht wurde, habe ich sowohl die Pflicht als auch das Recht — jetzt und in Zukunft — Echtes von Falschem zu unterscheiden.

Am 11. April.

I. Die Einführung der Druckgraphik von Professorin Kollwitz

Auf den Ödländern Chinas gibt es einen Haufen verbrannter Papierasche; auf einer alten Mauer finden sich einige eingeritzte Zeichnungen. Die Vorübergehenden beachten das in der Regel nicht, und doch birgt jedes davon eine gewisse Bedeutung — Liebe, Trauer, Zorn... und oft eine Bedeutung, die heftiger ist als alles laut Herausgeschriene. Ein paar Menschen verstehen diese Bedeutung.

1931 — den Monat habe ich vergessen — erschien im ersten Heft der Zeitschrift Beidou, die kurz nach ihrer Gründung verboten wurde, ein Holzschnitt: eine Mutter, die vor Trauer die Augen geschlossen hat und ihr Kind hergibt. Es war das erste Blatt aus der Holzschnittserie Krieg von Professorin Käthe Kollwitz, betitelt Das Opfer; zugleich war es der erste ihrer Drucke, der in China vorgestellt wurde. Ich hatte diesen Holzschnitt eingesandt als Gedenken an den Tod von Rou Shi. Er war mein Schüler und Freund, ein Mitstreiter bei der Vermittlung ausländischer Literatur, der besonders die Holzschnittkunst liebte und drei Bände mit Werken europäischer und amerikanischer Künstler herausgegeben und gedruckt hatte, wenngleich der Druck nicht besonders gelungen war. Dann wurde er, ohne dass irgendjemand den Grund kannte, plötzlich verhaftet und kurz darauf in Longhua zusammen mit fünf anderen jungen Schriftstellern erschossen. Die Zeitungen brachten damals kein Wort darüber — vermutlich wagten sie es nicht und konnten es nicht berichten. Doch viele Menschen wussten genau, dass er nicht mehr unter den Lebenden weilte, denn solche Dinge kamen häufig vor. Nur seine Mutter, an beiden Augen erblindet — ich wusste, sie musste noch immer glauben, ihr geliebter Sohn sei in Shanghai mit Übersetzen und Korrekturlesen beschäftigt. Als mir zufällig dieses Opfer im Katalog einer deutschen Buchhandlung begegnete, sandte ich es an Beidou — als mein wortloses Gedenken. Später erfuhr ich, dass nicht wenige Menschen die darin enthaltene Bedeutung erfasst hatten, obgleich die meisten annahmen, das Gedenken gelte der gesamten Gruppe der Opfer.

Zu jener Zeit war die Mappe mit Kollwitz' Druckgraphik auf dem Weg von Europa nach China, doch als sie Shanghai erreichte, schlief der eifrige Vermittler bereits in der Erde, und wir wussten nicht einmal wo. Gut — ich allein würde sie betrachten. Darin fand sich Armut, Krankheit, Hunger, Tod... und natürlich auch Kampf und Widerstand, doch vergleichsweise wenig davon; ganz so wie auf dem Selbstbildnis der Künstlerin, wo das Gesicht zwar Abscheu und Zorn zeigt, doch mehr noch Liebe und Mitleid. Dies waren Bilder des Herzens aller Mütter unter den „Erniedrigten und Beleidigten". Solche Mütter gibt es auch auf dem chinesischen Land, wo die Fingernägel noch nicht rot gefärbt sind, doch die Leute verspotten sie oft und sagen, eine Mutter liebe nur ihre untauglichen Söhne. Ich aber meine, sie liebt auch ihre tüchtigen Söhne; nur, da diese stark und fähig sind, beruhigt sie sich ihretwegen und wendet ihre Aufmerksamkeit den „erniedrigten und beleidigten" Kindern zu.

Hier nun liegen einundzwanzig Reproduktionen ihrer Werke als Beweis vor; und für Chinas junge Kunststudenten ergeben sich darüber hinaus folgende Vorteile — Erstens: In den letzten fünf Jahren hat sich der Holzschnitt bereits recht verbreitet, obgleich er ständig Verfolgung ausgesetzt ist. Doch von anderen Druckgraphik-Formen gibt es als einigermaßen zusammenhängende Sammlung nur ein einziges Buch über Anders Zorn. Was hier vorgestellt wird, sind ausschließlich Kupferstiche und Lithographien, die den Leser wissen lassen, dass es innerhalb der Druckgraphik auch solche Werke gibt, die noch weiter verbreitet werden können als Ölgemälde und dergleichen, und die Techniken und Inhalte zeigen, die sich von Zorns grundlegend unterscheiden.

Zweitens: Menschen, die nie im Ausland waren, stellen sich oft vor, alle Weißen predigten entweder das Evangelium Jesu oder betrieben Handelskontorels — wohlgekleidet und wohlgenährt, bei der geringsten Verstimmung mit Lederstiefeln um sich tretend. Mit dieser Sammlung begreift man, dass in Wirklichkeit an vielen Orten der Welt noch „Erniedrigte und Beleidigte" leben — Freunde, die denselben Atem teilen wie wir — und dass es Künstler gibt, die für diese Menschen trauern, schreien und kämpfen.

Drittens: In chinesischen Zeitungen druckt man heutzutage gern Fotografien von Hitler mit weit aufgerissenem, schreiendem Mund; obwohl der Augenblick flüchtig ist, zeigt ihn die Fotografie ewig in dieser Pose, und bei übermäßigem Betrachten wird man müde. Nun sieht man in der Mappe einer deutschen Künstlerin eine andere Art von Menschen — zwar keine Helden, doch Menschen, denen man sich nah fühlen kann, mit denen man mitfühlt, und die einem, je länger man schaut, umso schöner und ergreifender erscheinen.

Viertens: Dieses Jahr jährt sich Rou Shis Tod zum fünften Mal, und es ist auch das fünfte Jahr, seit die Holzschnitte der Künstlerin zum ersten Mal in China erschienen; und die Künstlerin selbst ist, nach chinesischer Zählweise, siebzig Jahre alt — auch dies mag als Gedenken dienen. Obgleich die Künstlerin derzeit nur Schweigen wahren kann, erscheinen ihre Werke immer zahlreicher am Himmel des Fernen Ostens. Ja — Kunst für die Menschheit kann von keiner anderen Macht aufgehalten werden.

II. Kurze Betrachtung über das Sterben im Dunkeln

Erst in den letzten Tagen ist mir aufgegangen, dass im Dunkeln zu sterben für einen Menschen eine unsagbar qualvolle Sache ist.

Im China vor der Revolution wurden zum Tode Verurteilte auf dem Weg zur Hinrichtung zunächst durch die Hauptstraßen geführt. Dort konnte einer seine Unschuld herausschreien oder die Beamten verfluchen oder seine Heldentaten schildern oder erklären, er fürchte den Tod nicht. Wenn es besonders eindrucksvoll wurde, rief die zuschauende Menge „Bravo!", und die Geschichte machte danach die Runde. In meiner Jugend hörte ich oft von solchen Dingen und hielt das Schauspiel stets für barbarisch und das Verfahren für grausam.

Kürzlich las ich in der Zeitschrift Kosmischer Wind, herausgegeben von Dr. Lin Yutang, einen Aufsatz eines gewissen Herrn Zhutang, der eine ganz andere Auffassung vertrat. Er meinte, dieses Zurufen an die Todeskandidaten sei Heldenkult für gescheiterte Helden und Parteinahme für die Schwachen — „das Ideal darf man wohl erhaben nennen. Doch für die Organisation der menschlichen Gesellschaft ist es wahrhaftig untragbar. Den Schwachen gegen den Starken zu unterstützen heißt, sich niemals einen Starken zu wünschen. Gescheiterte Helden zu verehren heißt, die erfolgreichen Helden nicht anzuerkennen." Daher müsse „jeder Kaiser, der im Laufe der Geschichte Erfolg hatte, um seine Macht über mehrere Jahrhunderte aufrechtzuerhalten, unweigerlich Zehntausende oder Hunderttausende Unschuldiger abschlachten, um sich auch nur zeitweilige Unterwerfung zu erkaufen".

Zehntausende oder Hunderttausende abschlachten und damit nur „eine zeitweilige Unterwerfung erkaufen" können — vom Standpunkt des „erfolgreichen Kaisers" betrachtet ist dies wahrlich ein großer Grund zur Trauer: Es gibt keine gute Lösung. Allerdings beabsichtige ich keineswegs, ihnen Strategien auszuarbeiten. Was ich daraus erkannt habe, ist vielmehr, dass es eine Gnade des „erfolgreichen Kaisers" war, dem Todeskandidaten vor der Hinrichtung zu gestatten, öffentlich zu sprechen — und zugleich ein Beweis seines Selbstvertrauens, noch über Macht zu verfügen. Deshalb hatte er den Mut, den Verurteilten den Mund öffnen zu lassen, ihm vor dem Tod einen Moment selbstgefälligen Rausches zu gewähren, damit alle sein Ende kennten. Als ich früher nur an „Grausamkeit" dachte, war das noch kein ganz zutreffendes Urteil; darin war auch ein wenig Gnade enthalten. Immer wenn ein Freund oder Schüler starb, und ich wusste weder Tag noch Ort noch Todesart, war meine Trauer und Unruhe stets größer als wenn ich es wusste; und von da auf die andere Seite schließend, muss es gewiss einsamer sein, in einer dunklen Kammer unter den Händen einiger weniger Schlächter zu enden, als öffentlich zu sterben.

Doch der „erfolgreiche Kaiser" tötet nicht im Verborgenen. Er hält nur eines geheim: das Liebesspiel mit seinen Frauen und Konkubinen. Erst wenn der Niedergang droht, kommt ein zweites Geheimnis hinzu: die Höhe und der Verbleib seines Vermögens. Und dann erst ein drittes: das heimliche Töten. Zu diesem Zeitpunkt findet auch er, wie Herr Zhutang, das gemeine Volk — mit seinem eigenen Mögen und Ablehnen, unbeeindruckt von Erfolg oder Misserfolg — recht beängstigend.

So wird diese dritte, die geheime Methode, auch ohne den Rat eines Strategen, früher oder später stets angewandt — und an manchen Orten wird sie vielleicht bereits praktiziert. Dann sind die Straßen zivilisiert und das Volk ist ruhig; doch wenn wir versuchen, uns in die Herzen der Toten hineinzudenken, so müssen diese gewiss weit qualvoller sein als die der offen Gestorbenen. Als ich einst Dantes Göttliche Komödie las und zum Inferno kam, staunte ich über die Grausamkeit der Phantasie des Autors. Doch heute, mit mehr Lebenserfahrung, weiß ich, dass er eigentlich noch barmherzig war: Er hatte sich eine Hölle, die heute ganz gewöhnlich ist, noch nicht ausgedacht — eine Hölle, deren Qualen so groß sind, dass niemand sie sehen kann.

III. Ein Märchen

In der DZZ vom 17. Februar sah ich einen Beitrag von Willi Bredel zum Gedenken an den achtzigsten Todestag Heinrich Heines, betitelt „Ein Märchen". Mir gefiel dieser Titel sehr, und so schreibe auch ich eines.

Es war einmal, da gab es ein Land wie dieses. Die Machthaber hatten das Volk unterworfen, stellten dann aber fest, dass diese Leute allesamt furchtbare Gegner waren — das phonetische Alphabet war wie ein Maschinengewehr, Holzschnitte wie Panzer. Sie hatten das Land erobert, doch an den festgelegten Bahnhöfen durfte man nicht aussteigen. Auch auf dem Boden konnte man nicht mehr gehen; man musste durch die Luft fliegen. Zudem war die Widerstandskraft ihrer Haut schwächer geworden; sobald etwas Dringendes anstand, erkälteten sie sich, und gleichzeitig steckten sie die Minister an, sodass alle zusammen krank darniederlagen.

Es wurden umfangreiche Wörterbücher veröffentlicht — nicht nur eines —, doch alle waren sie für den Gebrauch untauglich. Wollte man die Wahrheit erfahren, musste man Wörterbücher befragen, die nie gedruckt worden waren. In ihnen fanden sich recht neuartige Definitionen, etwa: „Befreiung" bedeutet „Erschießung". „Tolstoismus" bedeutet „Flucht". Unter dem Eintrag „Beamter" stand: „Verwandte, Freunde und Lakaien hoher Beamter." Unter „Stadtmauer" stand: „Hohe, feste Backsteinmauer, errichtet um Studenten am Betreten und Verlassen zu hindern." Unter „Moral" stand: „Frauen ist es verboten, ihre Arme zu entblößen." Unter „Revolution" stand: „Wasser in Felder leiten; mit Flugzeugen Bomben auf die Köpfe von ‚Banditen' werfen."

Es wurden umfangreiche Gesetzeswerke veröffentlicht, zusammengestellt von Gelehrten, die in verschiedene Länder entsandt worden waren, um die geltenden Gesetze zu studieren, das Beste daraus zu entnehmen und zu einem Ganzen zu redigieren — sodass kein Land der Welt mit diesem Gesetzeswerk an Vollständigkeit und Genauigkeit mithalten konnte. Doch auf der ersten Seite befand sich ein leeres Blatt, und nur wer das ungedruckte Wörterbuch kannte, konnte die Worte darauf erkennen. Es waren drei Artikel: Erstens: Der Fall kann mit Milde behandelt werden. Zweitens: Der Fall kann mit Strenge behandelt werden. Drittens: Oder das Gesetz kann zeitweise überhaupt nicht angewandt werden.

Natürlich gab es Gerichte, doch jeder Angeklagte, der die Worte auf dem leeren Blatt gelesen hatte, verteidigte sich bei der Verhandlung niemals, denn nur schlechte Menschen verteidigen sich gern, und Verteidigung führte unweigerlich zur „strengen Behandlung". Natürlich gab es auch ein Obergericht, doch wer die Worte auf dem leeren Blatt gelesen hatte, legte niemals Berufung ein, denn nur schlechte Menschen berufen gern, und Berufung führte unweigerlich zur „strengen Behandlung". Eines Morgens umstellten zahlreiche Soldaten und Polizisten eine Kunstschule. Drinnen sprangen einige Männer in chinesischer und westlicher Kleidung umher, wühlten und durchsuchten alles, gefolgt von Polizisten, die ausnahmslos Pistolen in den Händen hielten. Nach kurzer Zeit packte ein Herr im Anzug einen achtzehnjährigen Studenten im Schlafsaal an der Schulter.

„Die Regierung hat uns jetzt zu einer Inspektion an Ihre Schule geschickt. Würden Sie bitte..."

„Durchsuchen Sie!" Der junge Mann zog sofort seinen Weidenkoffer unter dem Bett hervor.

Diese jungen Leute hatten über Jahre Erfahrung gesammelt und waren recht klug geworden — sie wagten nicht, irgendetwas zu besitzen. Doch dieser Student war schließlich erst achtzehn, und am Ende wurden einige Briefe in einer Schublade gefunden — vielleicht weil in jenen Briefen vom elenden Tod seiner Mutter die Rede war und er es nicht über sich brachte, sie zu verbrennen. Der Herr im Anzug las sie mit äußerster Sorgfalt, Wort für Wort, und als er zu der Stelle kam „...die Welt ist ein Bankett der Menschenfresser; deine Mutter wurde verschlungen, und unzählige Mütter überall werden verschlungen werden...", hob er die Brauen, zückte einen Bleistift, unterstrich jene Worte mit Wellenlinien und fragte: „Was soll das bedeuten?"

„......"

„Wer hat deine Mutter verschlungen? Gibt es so etwas wie Menschenfresserei auf der Welt? Haben wir deine Mutter verschlungen? Na!" Er ließ seine Augen hervorquellen, als wollten sie sich in Kugeln verwandeln und herüberschießen.

„Keineswegs!... Das... Keineswegs!... Das..." Der junge Mann geriet in Aufregung.

Doch der Herr schoss seine Augäpfel nicht ab. Er faltete den Brief zusammen, steckte ihn in seine Tasche, sammelte die Holzblöcke, Schnitzmesser und Abzüge des Studenten, die Exemplare von Der Eisenstrom und Der stille Don sowie die ausgeschnittenen Zeitungsartikel zusammen und sagte zu einem Polizisten: „Ich übergebe Ihnen das hier!"

„Was steckt denn in diesen Sachen, dass Sie sie mitnehmen?" Der junge Mann wusste, dass dies nichts Gutes verhieß.

Doch der Herr im Anzug warf ihm nur einen Blick zu, deutete mit einer beiläufigen Geste sofort auf ihn und befahl einem anderen Polizisten:

„Ich übergebe Ihnen den hier!"

Der Polizist sprang wie ein Tiger, packte den jungen Mann am Rücken seines Gewandes und zerrte ihn durch das Tor des Schlafsaals hinaus. Draußen standen noch zwei Studenten ähnlichen Alters, auf deren Rücken je eine mächtige, gewaltige Hand lag. Ringsum hatte sich eine dichte Menge von Lehrern und Studenten gesammelt.

IV. Noch ein Märchen

Einundzwanzig Tage nach jenem Morgen fand in der Untersuchungshaftanstalt eine Vernehmung statt. In einem düsteren kleinen Raum saßen oben zwei Herren — einer im Osten, einer im Westen. Der östliche trug einen Mandarin-Jacket, der westliche einen Anzug — jener Optimist, der nicht glaubte, dass es auf der Welt so etwas wie Menschenfresserei gebe — und nahm das Protokoll auf. Polizisten brüllten und schleiften einen achtzehnjährigen Studenten halb zerrend, halb stoßend herein: bleiches Gesicht, schmutzige Kleider, er stand unten. Nachdem Mandarin-Jacket seinen Namen, sein Alter und seine Herkunft erfragt hatte, fragte er weiter: „Bist du Mitglied der Holzschnitt-Studiengesellschaft?"

„Ja."

„Wer ist der Vorsitzende?"

„Ch... ist der Vorsitzende, H... der stellvertretende."

„Wo sind sie jetzt?"

„Beide wurden von der Schule verwiesen. Ich weiß es nicht."

„Warum hast du an der Schule Unruhe gestiftet?"

„Ah!..." Der junge Mann konnte nur einen erschrockenen Schrei ausstoßen.

„Hm." Mandarin-Jacket zog beiläufig ein Holzschnittporträt hervor und zeigte es ihm. „Hast du das geschnitzt?"

„Ja."

„Wen stellt es dar?"

„Einen Literaten."

„Wie heißt er?"

„Er heißt Lunatscharski."

„Er ist ein Literat? — Aus welchem Land?"

„Ich weiß nicht!" Der junge Mann log, um sein Leben zu retten.

„Du weißt nicht? Versuche nicht, mich zu täuschen! Ist das nicht ein Russe? Ist das nicht offensichtlich ein russischer Offizier der Roten Armee? Ich habe sein Foto mit eigenen Augen in einer Geschichte der Russischen Revolution gesehen! Und du wagst es zu leugnen?"

„Keineswegs!" Der junge Mann, als hätte ihn ein eiserner Hammer auf den Kopf getroffen, schrie verzweifelt auf.

„Das ist nur natürlich — du bist ein proletarischer Künstler, also schnitzt du selbstverständlich Offiziere der Roten Armee!"

„Keineswegs... Das ist überhaupt nicht..."

„Hör auf zu streiten. Du bist einfach ‚unbelehrbar'! Wir wissen sehr wohl, dass das Leben in der Haft für dich hart ist. Aber du musst die Wahrheit sagen, damit wir dich schneller dem Gericht zur Verurteilung übersteilen können. — Das Leben im Gefängnis ist viel besser als hier." Der junge Mann schwieg — er verstand vollkommen, dass Reden und Schweigen auf dasselbe hinausliefen.

„Sag schon", Mandarin-Jacket lachte abermals kalt, „bist du KP oder KJ?" „Keines von beidem. Davon verstehe ich überhaupt nichts!"

„Offiziere der Roten Armee kann er schnitzen, aber KP und KJ kennt er nicht? So jung und schon so verschlagen! Abführen!" Und mit einer lässigen Handbewegung nach vorn packte ein Polizist, geschickt und routiniert, den jungen Mann und führte ihn ab.

Ich muss mich entschuldigen: Bis hierher geschrieben, scheint dies nicht mehr recht einem Märchen zu gleichen. Doch wenn ich es nicht Märchen nenne, wie soll ich es dann nennen? Das einzig Besondere ist, dass ich das Jahr dieser Begebenheiten nennen kann: 1932.

V. Ein wirklicher Brief

„Sehr geehrter Herr:

Sie fragen mich, was nach meiner Entlassung aus der Untersuchungshaft geschah? Ich berichte kurz im Folgenden —

Am letzten Tag des letzten Monats jenes Jahres wurden wir drei von der Provinzregierung xx an das Obergericht überstellt. Sofort nach der Ankunft wurde die Voruntersuchung eröffnet. Die Befragung durch diesen Untersuchungsrichter war höchst eigentümlich — er stellte nur drei Fragen:

‚Wie heißen Sie?' — die erste; ‚Wie alt sind Sie in diesem Jahr?' — die zweite; ‚Woher stammen Sie?' — die dritte.

Nach dieser höchst eigentümlichen Verhandlung wurden wir vom Gericht in ein Militärgefängnis überstellt. Möchte jemand die gesamte Palette der Herrschaftskunst eines Machthabers sehen? Dann braucht er nur ein Militärgefängnis zu besuchen. Bei seiner Abschlachtung Andersdenkender und seinem Gemetzel am Volk ist ihm nichts weniger als äußerste Grausamkeit genug. Sobald die politische Lage sich zuspitzt, wird eine Ladung sogenannter wichtiger politischer Gefangener herausgezerrt und erschossen — Strafmaß und Fristen bedeuten nichts. Als etwa Nanchang in kritische Gefahr geriet, wurden binnen einer Dreiviertelstunde zweiundzwanzig erschossen; als die Volksregierung von Fujian ausgerufen wurde, wurden ebenfalls nicht wenige erschossen. Die Hinrichtungsstätte war der fünf Morgen große Gemüsegarten innerhalb des Gefängnisses; die Leichen der Häftlinge wurden gleich dort im Garten verscharrt, und obendrauf pflanzte man Gemüse — als Dünger.

Nach ungefähr zweieinhalb Monaten traf die Anklageschrift ein. Der Richter hatte uns nur drei Fragen gestellt — wie konnte man daraus eine Anklageschrift verfassen? Es ging! Den Wortlaut habe ich zwar nicht zur Hand, doch ich kann ihn auswendig aufsagen; leider habe ich die genauen Gesetzesparagraphen vergessen — ‚...Die von Ch... und H... gegründete Holzschnitt-Studiengesellschaft ist eine unter kommunistischer Führung stehende Vereinigung zur Erforschung proletarischer Kunst. Die Angeklagten sind sämtlich Mitglieder besagter Gesellschaft... Die Prüfung ihrer Schnitzwerke ergibt, dass alle Offiziere der Roten Armee sowie Szenen der Arbeit und des Hungers darstellen und damit zum Klassenkampf aufstacheln und zeigen, dass das Proletariat eines Tages die Diktatur ausüben wird...' Bald darauf fand die Verhandlung statt. Fünf Herren saßen in einer Reihe auf der Richterbank, höchst imposant. Doch ich war nicht sonderlich aufgeregt, denn in diesem Augenblick stieg ein Bild in mir auf — Honoré Daumiers Die Richter — und ich konnte nur staunen!

Am achten Tag nach der Verhandlung fand die letzte Urteilsverkündung statt, und das Urteil wurde verlesen. Die im Urteil aufgeführten Straftaten waren dieselben paar Sätze aus der Anklageschrift; nur in der zweiten Hälfte hieß es —

‚Die Prüfung ihres Tuns ergibt die Bestrafung nach Paragraph x des Notstandsgesetzes über Verbrechen gegen die Republik sowie nach Paragraph x-hundert-x-und-x, Absatz x des Strafgesetzbuches, jeder zu fünf Jahren Freiheitsstrafe... Da die Angeklagten jedoch allesamt jung und unwissend sind, irrtümlich vom rechten Weg abgekommen und nicht ohne Anlass zum Mitleid, wird in besonderer Anwendung von Paragraph x-tausend-x-hundert-x-und-x, Absatz x des xx-Gesetzes die Strafe auf zwei Jahre und sechs Monate Freiheitsentzug herabgesetzt. Innerhalb von zehn Tagen nach Zustellung des Urteilsschreibens kann bei Unzufriedenheit Berufung eingelegt werden...' und so weiter.

Hatte ich noch Bedarf an ‚Berufung'? Ich war vollauf ‚zufrieden'! Schließlich war es ihr Gesetz!

Zusammenfassend: Von meiner Verhaftung bis zu meiner Freilassung durchlief ich drei Schlachthäuser zur Abschlachtung des Volkes. Jetzt bin ich, abgesehen von meiner Dankbarkeit, dass sie mir nicht den Kopf abschlugen, noch dankbarer für das Wissen, das sie meinem Vorrat hinzufügten — ich weiß nicht wie viel. Allein auf dem Gebiet der Bestrafung erfuhr ich, dass es im heutigen China gibt: Erstens, Rohrstockschläge; zweitens, die Tigerbank — beides noch die leichteren; drittens, die Stangenpresse: Der Gefangene muss niederknien, eine Eisenstange wird ihm in die Kniekehlen gelegt, und stämmige Männer stellen sich auf beide Enden, anfangs zwei, nach und nach bis zu acht; viertens, Knien auf heißen Ketten: rotglühend erhitzte Eisenketten werden auf dem Boden aufgerollt, und der Gefangene muss sich darauf knien; fünftens, es gibt noch eine namens ‚Füttern': Pfefferwasser, Petroleum, Essig und Schnaps werden durch die Nasenlöcher eingegossen; sechstens, es gibt auch das Fesseln der Hände des Gefangenen auf den Rücken, das Binden seiner beiden Daumen mit dünnem Hanfseil, das Hochhängen und Schlagen im Hängen — den Namen dieser Strafe kenne ich nicht.

Das Erbärmlichste war meines Erachtens ein junger Bauer, der in der Untersuchungshaft meine Zelle teilte. Der Herr Amtmann behauptete steif und fest, er sei ein General der Roten Armee, doch der Mann bestritt es bis in den Tod. Ach — da kamen sie: Sie steckten Nähnadeln unter seine Fingernägel und hämmerten sie mit einem Schlegel hinein. Sie hämmerten eine hinein — er gestand nicht; sie hämmerten die zweite hinein — er gestand immer noch nicht; die dritte... die vierte... bis alle zehn Finger voll waren. Noch heute schwebt das totenblasse Gesicht dieses jungen Mannes, seine eingesunkenen Augen, seine beiden blutüberströmten Hände oft vor meinen Augen und lassen mich nicht vergessen! Sie quälen mich!... Doch den Grund für die Inhaftierung erfuhr ich erst nach meiner Entlassung. Die Wurzel des Übels lag in der Unzufriedenheit unserer Studenten mit der Schule, insbesondere mit dem Disziplinardirektor, der zugleich politischer Informant der Bezirksparteileitung war. Um die Unzufriedenheit der gesamten Studentenschaft zu unterdrücken, ließ er die drei letzten verbliebenen Mitglieder der Holzschnitt-Studiengesellschaft verhaften und als abschreckende Opfer vorführen. Und jener Mandarin-Jacket-Herr, der darauf bestand, Lunatscharski sei ein Offizier der Roten Armee — er war der Schwager des Direktors. Wie überaus bequem!

Den groben Bericht beendet, hebe ich den Kopf und schaue aus dem Fenster — gespenstisch weißes Mondlicht — und mein Herz kann nicht umhin, allmählich zu Eis zu erstarren. Und doch glaube ich, dass ich nicht wirklich so feige bin, und doch — mein Herz erstarrt zu Eis... Mögen Sie bei guter Gesundheit sein!

Ren Fan. Am 4. April, in den frühen Morgenstunden."

(Nachbemerkung: Von der zweiten Hälfte des „Märchens" bis zum Ende dieses Stückes beruht alles auf dem Brief des Herrn Ren Fan und seiner „Kurzen Aufzeichnung über die Haft". Am 7. April.)

Im Januar dieses Jahres veröffentlichte Tian Jun ein kurzes Prosastück mit dem Titel „Auf der Dalian Maru", in dem er berichtete, wie das Ehepaar gut ein Jahr zuvor das Glück gehabt hatte, aus Dalian zu entkommen, das für sie ein Dornendickicht gewesen war —

„Als am nächsten Tag unsere Augen zum ersten Mal die grünen Hügel von Qingdao erblickten, begann unser Herz endlich, aus seiner Erstarrung wieder zum Leben zu erwachen.

‚Ach! Das Vaterland!'

Wir riefen es wie im Traum!"

Ihre Rückkehr ins „Vaterland" — wären sie als Gefolge eines Beamten zurückgekehrt, hätte selbstverständlich niemand etwas gesagt; wären sie zur Banditenbekämpfung gekommen, hätte erst recht niemand etwas gesagt. Doch sie kamen lediglich zurück und veröffentlichten Das Dorf im August. Das brachte sie in Berührung mit der Literaturszene. Dann also — noch nicht so schnell mit dem „Wiedererwachen aus der Erstarrung". Im März sagte „jemand" kühl in den Konzessionen von Shanghai:

„Tian Jun hätte nicht so früh aus der Mandschurei zurückkommen sollen!"

Wer sagte das? Eben „jemand". Warum? Weil in Das Dorf im August „einiges noch nicht ganz authentisch ist". Mein Bericht dieser Worte allerdings ist „authentisch". Als Beleg dient der Aufsatz des Herrn Di Ke im Wöchentlichen Literaturforum, einem der merkwürdigen Schimmer der Beilage Fackel der Großen Abendzeitung — „Das Dorf im August ist, im Ganzen betrachtet, ein Epos, aber einiges darin ist noch nicht ganz authentisch; etwa die Situation nach dem Angriff der Volksrevolutionsarmee auf ein Dorf ist nicht authentisch genug. Jemand sagte zu mir: ‚Tian Jun hätte nicht so früh aus der Mandschurei zurückkommen sollen' — womit er meinte, Tian Jun brauche noch eine lange Zeit des Studiums; hätte er sich weiter bereichert, wäre dieses Werk noch besser geworden. In Technik wie Inhalt gibt es viele Probleme — warum hat niemand darauf hingewiesen?" Diese Worte sind gewiss nicht falsch zu nennen. Wenn „jemand" sagte, Gorki hätte nicht so früh aufhören sollen, Hafenarbeiter zu sein, sonst wären seine Werke noch besser geworden; Kisch hätte nicht so früh ins Ausland fliehen sollen, und hätte er in Hitlers Konzentrationslager gesessen, wäre seine künftige Reportage noch vielversprechender — wollte jemand darüber streiten, so wäre dieser Mensch gewiss ein Schwachkopf. Doch in den Konzessionen im März war es noch nötig, ein paar Worte zu sagen, denn wir waren noch nicht in die selige Epoche eingetreten, in der wir uns genügend „bereichert" hatten, um der Schmach zu entgehen, den Schwachkopf zu spielen.

In solchen Zeiten wird man leicht ungeduldig. Zum Beispiel: Tian Jun kam zu früh zurück zum Romanschreiben, und die Romane sind „nicht authentisch genug"; Herr Di Ke, kaum hat er die Worte des „jemand" gehört, stimmt sofort zu und macht anderen Vorwürfe, weil sie die „vielen Probleme" nicht aufgezeigt haben — und auch er kann nicht abwarten, bis er sich „weiter bereichert" hat, um seine „richtige Kritik" abzuliefern. Doch ich meine, das ist nicht falsch: Wenn wir Speere haben, benutzen wir Speere; wir brauchen nicht auf die Panzer und Brandbomben zu warten, die gerade hergestellt werden oder bald hergestellt werden sollen. Leider bedeutet dies auch, dass Tian Jun kein Vergehen mehr hat, „nicht früh genug aus der Mandschurei zurückgekommen" zu sein. Eine These auf festem Grund zu errichten ist wahrhaftig nicht leicht. Außerdem scheint es nach Herrn Di Kes Aufsatz, als bedürfe es keines langen Aufenthalts in der Mandschurei, um zu wissen, was „authentisch" ist; dieser „jemand" und Herr Di Ke sitzen vermutlich noch immer in den Konzessionen, sind keineswegs später als Tian Jun zurückgekehrt, haben nicht in der Mandschurei studiert und wissen dennoch, ob etwas authentisch genug ist oder nicht. Überdies bedarf es zur Förderung von Schriftstellern auch keiner „richtigen" Kritik, denn noch bevor jemand auf die „vielen Probleme" in Technik und Inhalt des Dorfs im August hinwies, hatte Herr Di Ke bereits erklärt: „Ich glaube, jemand schreibt jetzt, oder schickt sich an zu schreiben, Werke, die besser sind als Das Dorf im August, denn die Leser verlangen es!"

Und so stehen die Panzer kurz vor der Ankunft oder sind unterwegs — warum nicht erst einmal den Speer zerbrechen?

Und hier sollte ich den Titel von Herrn Di Kes Aufsatz nachtragen: „Wir müssen Selbstkritik üben."

Der Titel hat Schwung. Obwohl der Autor nicht behauptet, dies sei bereits „Selbstkritik", erfüllt er doch die Aufgabe, Das Dorf im August unter dem Etikett der „Selbstkritik" auszulöschen — eine Aufgabe, die erst dann abgelöst wird, wenn die von ihm erhoffte förmliche „Selbstkritik" erscheint, woraufhin Das Dorf im August vielleicht wieder etwas Lebenskraft gewinnt. Denn dieses vage Kopfschütteln ist für den Gegner schädlicher als die Aufzählung von zehn Hauptverbrechen: Aufzählung hat immerhin konkrete Punkte, während vages Tadeln zu Mutmaßungen über grenzenlose Schlechtigkeit einlädt.

Natürlich ist Herrn Di Kes „Ruf nach Selbstkritik" wohlgemeint, denn „jene Schriftsteller gehören zu uns". Doch ich glaube, man darf dabei auch niemals das „sie" jenseits von „uns" vergessen, noch darf man sich ausschließlich auf das „sie" innerhalb von „uns" beschränken. Wenn Kritik geübt werden soll, dann müssen beide Seiten ihr unterzogen werden, Tugenden wie Mängel gleichermaßen benennend. Wenn man auf einer Literaturszene, auf der „wir" und „sie" noch existieren, sich ausschließlich selbst anklagt, um seine „Richtigkeit" oder Fairness zur Schau zu stellen, dann schmeichelt man in Wahrheit „ihnen" oder streckt für „sie" die Waffen.

Am 16. April.

Kaum war meine historische Skizze „Durch den Pass" in Haiyan erschienen, zog sie nicht wenig Kritik auf sich, wobei die meisten Kritiker ihre Beiträge bescheiden als „Leseeindrücke" bezeichneten. Darauf bemerkte jemand: „Das liegt am Ruhm des Autors." Die Bemerkung ist nicht falsch. Heutzutage erhalten die mühsamen Werke vieler neuer Schriftsteller bei Weitem nicht diese Aufmerksamkeit der Kritiker; wird eines zufällig von Lesern entdeckt und verkauft ein- oder zweitausend Exemplare, heißt es gleich „Ruhm und Geld!" und „hätte nicht zurückkommen sollen!" und „Blablabla" — man fällt gemeinsam über ihn her, in der Angst, er könnte noch einen Atemzug übrig haben, entschlossen, ihn für immer zum Schweigen zu bringen, und erst dann herrscht Weltfrieden und die Literaturszene lebe hoch. Doch andererseits tritt auch der leidenschaftlich empörte Herr auf, streckt den Zeigefinger aus und brüllt: „Hat China einen halben Tolstoi? Einen halben Goethe?" Beschämenderweise wahrlich nicht. Doch eigentlich braucht man sich nicht so zu echauffieren, denn seit sich die Erdkruste verfestigte und nach und nach Lebewesen entstanden bis zur Gegenwart, haben Russland und Deutschland jeweils nur einen Tolstoi und einen Goethe hervorgebracht.

Ich hatte das zehntausendfache Glück, solche Schläge und Einschüchterungen nicht erlitten zu haben, doch diesmal möchte ich mit meiner langjährigen Regel brechen, über Kritik zu schweigen, und einige Worte sagen. Dahinter steckt keine besondere Absicht: Ich meine lediglich, dass der Kritiker das Recht hat, den Autor anhand seines Werkes zu beurteilen, und der Autor ebenso das Recht hat, den Kritiker anhand seiner Kritik zu beurteilen — also wollen wir ein wenig plaudern.

Betrachte ich die gesamte Kritik, so gibt es zwei Arten, die mein ohnehin kleines Werk noch weiter verkleinern oder es schlichtweg versiegeln.

Die erste Art nimmt an, „Durch den Pass" sei ein Angriff auf eine bestimmte Person. Solches Gerede ist unter Freunden, die beiläufig plaudern und nach Belieben scherzen, selbstverständlich in jede Richtung zulässig; doch es schriftlich festzuhalten, den Lesern vorzuführen und zu glauben, man habe den Kern des Werkes erfasst — das erinnert doch sehr an die alte Hunde-Mutter aus der Hintergasse, die nur die Skandale anderer Leute kennt und nur solche zu hören begehrt. Leider befriedigt mein „Durch den Pass" den Gaumen dieser Sorte nicht, und so schreibt eine Boulevardzeitung: „Das scheint Fu Donghua zu verspotten, und doch tut es das nicht." Da es „doch nicht" tut, ist es offensichtlich kein Verspotten Fu Donghuas, und man sollte anderswo nach dem Sinn suchen, nicht wahr? Doch nein — der Rezensent findet das Stück deshalb völlig geschmacklos; nur wenn es tatsächlich „Fu Donghua verspottete", fände er darin Geschmack.

Menschen, die so lesen, sind nicht wenige. Ich erinnere mich, dass es beim Schreiben der „Wahren Geschichte des Ah Q" kleine Politiker und kleine Beamte gab, die sich aufregten und steif behaupteten, es verspotte sie — ohne zu ahnen, dass das Vorbild für Ah Q in einer anderen Kleinstadt lebte und tatsächlich gerade für andere Leute Reis stampfte. Doch enthält Fiktion keinen wirklichen Soundso? Doch. Enthielte sie keinen, wäre sie keine Fiktion. Selbst wenn Ungeheuer beschrieben werden — der Affenkönig, der sich mit einem Purzelbaum hundertachttausend Li weit bewegt, Zhu Bajie, der in das Haus Gao einheiratet — gibt es unter den Menschen vermutlich solche, die ihnen im Geiste gleichen. Wer einem Charakter gleicht, hat unwissentlich als Vorbild gedient; da es jedoch unwissentlich geschah, kann man ebenso gut sagen, die wirkliche Person habe zufällig dem Charakter geglichen. Unsere Alten erkannten früh, dass Fiktion Vorbilder braucht. Ich erinnere mich an ein Werk von Aufzeichnungen, das besagt, Shi Nai'an — nehmen wir vorläufig an, diesen Autor habe es wirklich gegeben — habe einen Maler beauftragt, die hundertacht Helden vom Liangshan-Moor zu malen, die Bilder an die Wand geklebt, den Ausdruck jedes Einzelnen studiert und so Die Räuber vom Liangshanmoor geschrieben. Doch dieser Verfasser war wohl ein Literat und verstand daher die Kniffe der Literaten, kannte aber nicht das Können des Malers, den er für fähig hielt, aus dem Nichts zu schaffen und keine Vorbilder zu benötigen.

Es gibt zwei Methoden, nach denen ein Schriftsteller eine reale Person als Vorbild nimmt. Die erste besteht darin, ausschließlich eine einzige Person zu verwenden — nicht nur Sprache und Verhalten, sondern selbst die kleinsten Eigenheiten und Kleidungsstile bleiben unverändert. Diese Methode erleichtert die Darstellung, doch wenn der Charakter im Buch abstoßend oder lächerlich ist, nimmt man im heutigen China meistens an, der Autor räche sich für eine persönliche Kränkung — genannt „Individualismus", ein Verbrechen gegen die „Einheitsfront" —, was das Leben danach recht schwer macht. Die zweite besteht darin, Züge verschiedener Menschen zu einer Figur zu verschmelzen, sodass man unter den Bekannten des Autors keine genaue Entsprechung finden kann. Da aber „verschiedene Menschen" herangezogen werden, mehren sich die teilweise Ähnlichen, und ein breiterer Unwille wird erregt. Ich habe stets die letztere Methode angewandt; anfangs glaubte ich, so niemanden im Besonderen zu verletzen, doch später stellte ich fest, dass ich mehr als einen verletzte — wahrhaftig „eine Reue ohne Abhilfe", und da ohne Abhilfe, bereute ich nicht länger. Zudem stimmt diese Methode mit chinesischem Brauch überein: Auch Maler, die Personen darstellen, beobachten still und eingehend, verinnerlichen das Ganze und schaffen dann konzentriert in einem Zuge, und sie haben niemals ein einziges Einzelvorbild verwendet.

Allerdings sage ich hier nicht, dass Herr Fu Donghua nicht als Vorbild dienen könnte: Wenn er in einen Roman einginge, hätte er durchaus die Qualifikation, einen Typus zu verkörpern. Auch geringschätze ich diese Qualifikation keineswegs, denn die Zahl der Menschen auf der Welt, die es nicht in einen Roman schaffen, ist weit größer. Und doch: Selbst wenn jemand vollständig in einen Roman einginge — vorausgesetzt, die Kunst des Autors ist meisterhaft und das Werk überdauert —, sähen die Leser nur den Charakter im Buch, und die einst reale Person wäre bedeutungslos geworden. So ist das Vorbild für Jia Baoyu im Traum der Roten Kammer der Autor selbst, Cao Xueqin; das Vorbild für Ma Erjun in Die Gelehrten ist Feng Zhizhong. Doch was wir heute wahrnehmen, ist nur Jia Baoyu und Ma Erjun; nur ein Spezialgelehrter wie Herr Hu Shi bewahrt Cao Xueqin und Feng Zhizhong ehrfürchtig im Gedächtnis — und das ist es, was gemeint ist mit dem Spruch, das Menschenleben sei endlich, die Kunst aber vergleichsweise ewig.

Es gibt noch eine zweite Art, die annimmt, „Durch den Pass" sei eine Selbstdarstellung des Autors. Da Selbstdarstellung stets die Oberhand beanspruchen muss, bin ich folglich der Laozi der Geschichte. Am herzzerreißendsten äußert sich Herr Qiu Yunduo:

„...Was den Eindruck angeht, der nach der Lektüre im Gedächtnis zurückbleibt, so ist es nur die Gestalt eines alten Mannes, dessen ganzer Leib und ganze Seele in Einsamkeitsgefühl getaucht sind. Ich empfinde wahrhaftig, dass die Leser in Einsamkeit und Trauer versinken werden, unserem Autor folgend. Wenn dem so ist, dann wird die Bedeutung dieser Erzählung unmerklich geschmälert. Ich glaube, die wahre Absicht von Herrn Lu Xun und von Schriftstellern wie Herrn Lu Xun liegt nicht hier..." (aus den „Bemerkungen nach der Lektüre von Haiyan" in Wöchentliche Literatur)

Das macht die Sache wahrlich bedenklich: eine große Menge Menschen „versinkt in Einsamkeit und Trauer" — vorne ein alter Laozi, hinter dem Hinterteil des blauen Ochsen der Autor, dann „Schriftsteller wie Herr Lu Xun", dann viele Leser einschließlich Herrn Qiu Yunduo — sie schwärmen wie ein Bienenschwarm „durch den Pass" hinaus. Aber wenn dem so wäre, dann wäre Laozi gar nicht mehr „nur die Gestalt eines alten Mannes, dessen ganzer Leib und ganze Seele in Einsamkeitsgefühl getaucht sind". Ich glaube, er wäre gar nicht durch den Pass gegangen, sondern nach Shanghai zurückgekehrt, um uns zum Essen einzuladen, Themen für Aufsatzwettbewerbe auszuschreiben und fünf Millionen Worte über das Dao und die Tugend zu verfassen.

Deshalb möchte ich jetzt am Passtor stehen und, von hinter dem Hinterteil des blauen Ochsen des Laozi, „Schriftsteller wie Herrn Lu Xun" sowie viele Leser einschließlich Herrn Qiu Yunduo zurückhalten. Zunächst bitte ich: „Versinken" Sie nicht „in Einsamkeit und Trauer", denn die „wahre Absicht liegt nicht hier" — das weiß Herr Qiu bereits, hat aber nicht gesagt, wo sie denn liegt, und sieht es vielleicht auch nicht. Im ersten Fall wäre es tatsächlich so, dass „die Bedeutung dieser Erzählung unmerklich geschmälert" würde; im zweiten Fall liegt die Schuld an meinem schlechten Schreiben, das die „wahre Absicht" nicht deutlich genug vermittelt. Lassen Sie mich nun kurz ein Wort sagen, als ehrerbietige Beseitigung des „im Gedächtnis zurückgebliebenen Eindrucks" von vor zwei Monaten — Laozis Auszug durch den Hangu-Pass wegen einiger Worte des Konfuzius war weder meine Entdeckung noch meine Erfindung; ich hörte davon vor dreißig Jahren in Tokio aus dem Munde des Meisters Zhang Taiyan. Später schrieb er es in seiner Kurzen Darstellung der Philosophen nieder, doch ich nehme es nicht als gesicherte Tatsache. Was den Wettstreit zwischen Konfuzius und Laozi betrifft, in dem Konfuzius gewinnt und Laozi verliert, so ist das meine eigene Auffassung: Laozi schätzte die Weichheit; „Ru bedeutet weich" — auch Konfuzius schätzte die Weichheit, doch Konfuzius nutzte die Weichheit zum Vorrücken, Laozi dagegen zum Rückzug. Der Kern liegt darin, dass Konfuzius einer war, der „wusste, dass es unmöglich war, und es dennoch tat" — ein Handelnder, dem nichts entging, und sei es noch so klein —, während Laozi einer war, der „nichts tat und doch nichts ungetan ließ" — der nichts tat und nur große leere Worte von sich gab. Um nichts ungetan zu lassen, muss man gar nichts tun, denn sobald man etwas tut, entstehen Grenzen, und man kann nicht mehr behaupten, „nichts ungetan zu lassen". Ich stimme dem Spott des Torhüters Yin zu: Er war einer, der nicht einmal eine Frau heiraten konnte. Also karikierte ich ihn und schickte ihn ohne die geringste Zuneigung durch den Pass — nur um zu meiner Überraschung festzustellen, dass dies bei Herrn Qiu solch herzzerreißende Trauer hervorrief. Ich glaube, das muss daran liegen, dass meine Karikatur noch nicht übertrieben genug war; hätte ich ihm jedoch die Nase noch weißer geschminkt, hätte das nicht nur „die Bedeutung dieser Erzählung unmerklich geschmälert" — weshalb ich es dabei belassen musste.

Noch ein Abschnitt aus Herrn Qiu Yunduos Selbstgespräch sei zitiert: „...Ferner glaube ich, dass sie gewiss fortfahren werden, ihre geistige und literarische Kraft einzusetzen und sie auf Bestrebungen zu richten, die für die gesellschaftliche Umgestaltung nützlicher sind, alle nützlichen Kräfte zu bündeln, zu stärken und zugleich alle möglicherweise nützlichen Kräfte in nützliche umzuwandeln und so zu einer unermesslich gewaltigen Kraft zu vereinen."

Durch Handeln „eine unermesslich gewaltige Kraft bilden" — das rangiert nur eine Stufe unter dem „Nichts tun und doch nichts ungetan lassen". „Wir" besitzen diese mystische Fähigkeit nicht, doch genau darin unterscheiden sich „wir" von Herrn Qiu, und genau darin liegt auch der Schlüssel, warum „wir" nicht „in Einsamkeit und Trauer versinken", während Herr Qiu „wahrhaftig empfindet, dass die Leser in Einsamkeit und Trauer versinken werden". Er hegte einen für Laozi günstigen Gedanken und konnte nicht umhin, ein „unermesslich gewaltiges" abstraktes Siegel zu schreiben, mit dem er mein konkretes, für Laozi ungünstiges Werk versiegelte. Doch ich argwöhne: Die wahre Absicht von Herrn Qiu Yunduo und von Schriftstellern wie Herrn Qiu Yunduo liegt vielleicht gerade genau hier.

Am 30. April.

Ich erinnere mich, dass wir nach dem Weltkrieg, als viele neu entstehende Nationen in Erscheinung traten, von großer Freude erfüllt waren, denn auch wir waren ein unterdrücktes Volk, das sich freigekämpft hatte. Der Aufstieg der Tschechoslowakei bereitete uns selbstverständlich große Genugtuung; doch seltsamerweise blieben wir einander dennoch sehr fremd. Ich zum Beispiel hatte nie einen einzigen Tschechen kennengelernt, nie ein einziges tschechisches Buch gesehen. Erst vor einigen Jahren, als ich nach Shanghai kam, erblickte ich in einem Laden zum ersten Mal tschechisches Glas.

Es scheint, als hätten wir einander beide ziemlich vergessen. Doch angesichts der allgemeinen Lage von heute ist dies nicht unbedingt etwas Schlechtes. Dass die Nationen heutzutage einander ständig im Blick behalten, geschieht, so fürchte ich, größtenteils wohl kaum aus Gründen besonderer Freundschaft. Natürlich wäre es am besten, wenn die Menschheit ohne Schranken lebte und einander zugetan wäre. Doch der gerechteste Weg dorthin führt einzig über Literatur und Kunst — schade nur, dass so wenige ihn beschreiten.

Ganz unerwartet hat der Übersetzer mir die Ehre erwiesen, zu den Ersten zu gehören, die diese Aufgabe in Angriff nehmen. Dass meine Werke tschechischen Lesern zugänglich gemacht werden, bereitet mir in Wahrheit größere Freude als die Übersetzung in irgendeine andere, weiter verbreitete Sprache. Ich glaube, unsere beiden Nationen — obgleich von verschiedener Abstammung, getrennt durch die Geographie und mit so wenig Austausch — können einander dennoch verstehen und sich näherkommen, denn wir sind beide den Weg des Leidens gegangen und gehen ihn noch — auf der Suche nach dem Licht.

21. Juli 1936. Lu Xun.

Herr Lu Xun!

Ist Ihr Leiden bereits geheilt? Ich denke ununterbrochen an Sie. Seitdem Sie erkrankt sind und die Zwistigkeiten in den literarischen Kreisen hinzugekommen sind, hatte ich keine Gelegenheit mehr, Ihre Unterweisung persönlich zu empfangen, und der Gedanke daran erfüllt mich oft mit Wehmut.

Wegen finanzieller Not und körperlicher Schwäche muss ich Shanghai nun verlassen. Ich beabsichtige, aufs Land zu gehen, um einige Bücher zu übersetzen und zusammenzustellen, die Bargeld einbringen könnten, und danach nach Shanghai zurückzukehren. Bei dieser Gelegenheit werde ich vorübergehend als Außenstehender der Shanghaier „Literaturszene" alle Fragen in Ruhe überdenken — vielleicht sehe ich dann klarer.

Gegenwärtig kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Ihre Worte und Taten des letzten halben Jahres unbeabsichtigt üble Tendenzen gefördert haben. Angesichts der Hinterhältigkeit von Hu Fengs Charakter und der Schmeichelei in Huang Yuans Verhalten haben Sie, Herr, es versäumt, dies klar zu erkennen, und sind stets von ihnen als Privatbesitz beansprucht worden, um die Massen zu blenden, gleichsam wie ein Götzenbild. So ist die Spaltungsbewegung, die ihrem persönlichen Ehrgeiz entspringt, völlig außer Kontrolle geraten. Das Handeln Hu Fengs und seines Kreises ist offenkundig von Eigennutz getrieben — eine extreme Form des Sektierertums — und ihre Theorien sind voller Widersprüche und Fehler. Man nehme etwa die Losung „Literatur der Massen für den nationalen Revolutionskrieg": Anfänglich wurde sie von Hu Feng vorgebracht, um sie der „Landesverteidigungsliteratur" entgegenzustellen; später hieß es, die eine sei die übergeordnete, die andere eine untergeordnete Losung; dann wiederum hieß es, die eine stelle die Losung der linken Literatur in ihrem gegenwärtigen Entwicklungsstadium dar — ein solches Hin und Her, dass selbst Sie, Herr, ihre Argumentation nicht schlüssig machen können. Was den Angriff auf ihre Worte und Taten betrifft, so wäre das an sich recht leicht; allein weil Sie ihnen als Schutzschild dienen und da jedermann Sie verehrt, bereitet sowohl die praktische Lösung als auch der Kampf mit der Feder enorme Schwierigkeiten.

Ich kenne Ihre Absichten wohl, Herr. Sie fürchten, dass die linken Kameraden, die sich der Einheitsfront anschließen, ihren ursprünglichen Standpunkt aufgeben könnten, und finden in Hu Feng und seinesgleichen einen Anschein, der noch liebenswürdig „links" wirkt, und haben sie deshalb unterstützt. Doch ich muss Ihnen sagen, Herr, dass dies daran liegt, dass Sie „die grundlegende Politik der Gegenwart" nicht verstehen. Die gegenwärtige Einheitsfront — in China wie in der ganzen Welt — nimmt natürlich das Proletariat als Hauptkraft, doch sein Hauptkraft-Sein beruht nicht auf seinem Namen, seiner besonderen Stellung oder seiner Geschichte, sondern auf der Richtigkeit seines Wirklichkeitsverständnisses und der Größe seiner Kampfkraft. Daher ist die Position des Proletariats als Hauptkraft objektiv eine Selbstverständlichkeit. Subjektiv aber sollte das Proletariat kein auffälliges Abzeichen tragen und nicht, allein gestützt auf besondere Qualifikationen statt auf Arbeit, das Führungsrecht beanspruchen, bis es Kameraden aus anderen Klassen verschreckt. Daher ist es zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein Fehler, innerhalb der Einheitsfront eine linke Losung auszurufen — es schadet der Einheitsfront. Daher ist es, Herr, in Ihren jüngsten „Antworten an einen Besucher während der Krankheit", wo Sie erklären, „Literatur der Massen für den nationalen Revolutionskrieg" sei eine Weiterentwicklung der proletarischen Literatur zum gegenwärtigen Stadium und dann sagen, dies solle als Gesamtlosung der Einheitsfront dienen — nicht richtig.

Außerdem sind die „Kameraden", die der „Schriftstellervereinigung" beigetreten sind, nicht unbedingt alle nach rechts abgedriftet und verkommen, wie Sie befürchten; und da zu den um Sie, Herr, versammelten „Kameraden" Leute wie Ba Jin und Huang Yuan gehören — glauben Sie wirklich, Herr, dass jedes einzelne Mitglied der „Schriftstellervereinigung" Ba Jin und Huang Yuan unterlegen ist? Aus Zeitungen und Zeitschriften habe ich erfahren, dass die „Anarchisten" Frankreichs und Spaniens ebenso reaktionär sind und die Einheitsfront ebenso zerstören wie die Trotzkisten, und das Verhalten der chinesischen „Anarchisten" ist noch niederträchtiger. Huang Yuan ist ein Mensch ohne jegliche eigene Gedanken, der allein vom Schmeicheln vor Berühmtheiten lebt. Als er einstmals in den Häusern von Fu und Zheng ein und aus ging, war seine unterwürfige Miene nicht anders als seine heutigen Bezeugungen von Treue und Ehrerbietung Ihnen gegenüber, Herr. Dass Sie, Herr, sich mit solchen Leuten umgeben, es aber verschmähen, mit der Mehrheit zusammenzuarbeiten — diese Logik ist mir wahrhaft unbegreiflich.

Ich habe das Gefühl, dass es die Wurzel Ihrer Irrtümer der letzten sechs Monate ist, Herr, nur auf Personen und nicht auf Sachverhalte zu blicken. Und überdies beurteilen Sie die Personen, die Sie betrachten, falsch. Ich zum Beispiel habe zwar viele Mängel, doch dass Sie meine schlampige Handschrift als schwerwiegenden Fehler betrachten, finde ich wahrhaft lächerlich. (Warum sollte ich absichtlich die drei Zeichen „Qiu Yunduo" so schreiben, dass sie wie „Zheng Zhenduo" aussehen? Ist Zheng Zhenduo etwa jemand, den Sie mögen?) Jemanden wegen einer solchen Kleinigkeit tausend Li weit von sich zu stoßen, halte ich wirklich für falsch.

Ich verlasse Shanghai heute; in der Eile des Aufbruchs kann ich nicht mehr schreiben, und vielleicht habe ich schon zu viel geschrieben. Was ich oben gesagt habe, ist nicht als Angriff auf Sie gemeint, Herr; ich hoffe aufrichtig und eindringlich, dass Sie über all diese Dinge gründlich nachdenken werden.

Meine Übersetzung der *Stalinbiographie* wird bald erscheinen; nach Erscheinen werde ich Ihnen ein Exemplar zusenden. Ich hoffe sehr, dass Sie das Buch sorgfältig lesen und sowohl zum Original als auch zur Übersetzung Ihre Kritik äußern werden. Mit dem ehrerbietigen Wunsch vollständiger Genesung.

Maoyong. 1. August.

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Vorstehend ein Brief, den Xu Maoyong mir geschrieben hat. Ich veröffentliche ihn hier, ohne seine Zustimmung eingeholt zu haben, denn er besteht ausschließlich aus Belehrungen an mich und Angriffen auf andere; die Veröffentlichung schadet seiner Würde nicht, und vielleicht ist er sogar ein Werk, das er in der Erwartung verfasst hat, ich würde es veröffentlichen. Doch selbstverständlich werden die Leute auch nicht umhinkönnen zu erkennen, dass der Absender dieses Briefes ein ziemlich „übler" junger Mann ist!

Doch ich habe eine Bitte: Ich hoffe, die Herren Ba Jin, Huang Yuan und Hu Feng werden nicht Xu Maoyongs Beispiel folgen. Wenn sie, weil in diesem Brief Angriffe auf sie stehen, mit gleicher Münze heimzahlen, tappen sie genau in seine Falle. Sind es nicht gerade diese Leute, die in der gegenwärtigen nationalen Krise bei Tage schöne Reden schwingen und im Dunkel der Nacht das Geschäft der Zwietracht, der Aufhetzung und der Spaltung betreiben? Dieser Brief war berechnet; er ist ihre neue Herausforderung an jene, die der „Schriftstellervereinigung" nicht beigetreten sind, in der Hoffnung, diese würden den Fehdehandschuh aufnehmen, um sie dann mit dem Vorwurf der „Zerstörung der Einheitsfront" und dem Schimpfwort „Landesverräter" zu belegen. Aber wir werden das nicht tun. Wir sind fest entschlossen, unsere Federn nicht ausschließlich gegen einige wenige Einzelpersonen zu richten. „Erst das Innere befrieden, dann den äußeren Feind abwehren" ist nicht unsere Methode.

Aber hier habe ich einiges zu sagen. Zunächst zu meiner Haltung gegenüber der antijapanischen Einheitsfront. Eigentlich habe ich mich schon an mehreren Stellen dazu geäußert, doch Xu Maoyong und seinesgleichen scheinen nicht gewillt, sich das anzusehen, sondern beißen unablässig nach mir und bestehen auf der Verleumdung, ich „zerstöre die Einheitsfront", und belehren mich steif und fest, ich hätte „kein Verständnis für die grundlegende Politik der Gegenwart". Ich weiß nicht, was für eine „grundlegende Politik" die Xu Maoyongs besitzen. (Besteht ihre grundlegende Politik nicht einfach darin, mir ein paar Mal in die Fersen zu beißen?) Doch die Politik der antijapanischen Einheitsfront, die Chinas gegenwärtige revolutionäre Partei dem ganzen Volk vorgelegt hat — die habe ich gesehen, und die unterstütze ich. Ich schließe mich dieser Front bedingungslos an, und zwar aus dem Grund, dass ich nicht nur ein Schriftsteller, sondern auch ein Chinese bin, weshalb mir diese Politik als vollkommen richtig erscheint. Beim Anschluss an diese Einheitsfront ist meine Waffe natürlich nach wie vor die Feder, und was ich tue, ist nach wie vor das Schreiben von Aufsätzen und das Übersetzen von Büchern; doch wenn diese Feder einmal ausgedient hat, so können Sie mir glauben: Wenn ich zu anderen Waffen greife, werde ich den Xu Maoyongs dieser Welt in nichts nachstehen! Zweitens, zu meiner Haltung gegenüber der Einheitsfront in den Literaturkreisen. Ich unterstütze den Vorschlag, dass alle Schriftsteller, welcher Richtung auch immer, sich unter dem Banner des Widerstands gegen Japan vereinen. Auch habe ich meine Meinungen zur Bildung einer solchen vereinten Organisation vorgelegt, die natürlich von gewissen selbsternannten „Leitern" niedergemacht wurden, die mir dann sofort, wie vom Himmel gefallen, das Verbrechen der „Zerstörung der Einheitsfront" anhefteten. Dies war der erste Grund, weshalb ich davon absah, der „Schriftstellervereinigung" beizutreten — denn ich wollte abwarten und sehen, was für ein Spiel sie eigentlich trieben. Damals hegte ich tatsächlich einigen Argwohn gegenüber diesen selbsternannten „Leitern" und gegenüber jungen Leuten vom Schlage Xu Maoyongs, denn meiner Erfahrung nach sind jene, die nach außen eine „revolutionäre" Miene aufsetzen und dabei leichtfertig andere als „Verräter von innen", als „Konterrevolutionäre", als „Trotzkisten" und sogar als „Landesverräter" diffamieren, größtenteils keine aufrechten Menschen. Denn sie vernichten geschickt die revolutionären und nationalen Kräfte, missachten die Interessen der revolutionären Massen und missbrauchen die Revolution lediglich für private Zwecke — offen gesagt, ich habe sogar den Verdacht gehegt, ob sie nicht vielleicht vom Feind entsandte Agenten sein könnten. Ich dachte, es sei besser, Gefahren, die niemandem nützen, einstweilen zu meiden und mich ihrem Kommando nicht zu unterwerfen. Selbstverständlich werden die Tatsachen letztlich ihren wahren Charakter enthüllen. Ich will keineswegs entscheiden, was für Menschen sie sind; doch wenn ihr Anliegen tatsächlich die Revolution und die Nation ist und der Fehler nur in unredlichen Methoden, falschen Vorstellungen und plumper Vorgehensweise liegt, dann halte ich es für dringend geboten, dass sie sich selbst korrigieren. Meine Haltung gegenüber der „Schriftstellervereinigung": Ich betrachte sie als eine antijapanische Schriftstellerorganisation, die trotz der Anwesenheit von Leuten des Xu-Maoyong-Typs auch einige neue Mitglieder einschließt. Man darf aber nicht meinen, mit der Gründung der „Schriftstellervereinigung" sei die literarische Einheitsfront vollbracht — davon ist sie noch weit entfernt; sie hat noch längst nicht alle Schriftsteller aller Richtungen zusammengeführt. Der Grund liegt im noch sehr ausgeprägten Sektierertum und Zunftgeist der „Schriftstellervereinigung". Um nur eines zu nennen: Ihre Satzung stellt viel zu strenge Anforderungen an Beitrittskandidaten; allein schon die Forderung von einem Yuan Aufnahmegebühr und zwei Yuan Jahresbeitrag verrät die Haltung einer „Schriftsteller-Aristokratie" und nicht eines antijapanischen „Volksverbandes". Theoretisch sind die Artikel über die „Bündnisfrage" und die „Landesverteidigungsliteratur" in der Erstausgabe der *Wenxuejie* (Literarische Welt) im Grunde sektiererisch. Ein Autor zitierte Worte, die ich 1930 gesprochen hatte, und nahm sie als Ausgangspunkt; daher diktiert er, obwohl er unablässig von der Vereinigung der Schriftsteller aller Richtungen redet, dennoch einseitig Bedingungen und Einschränkungen für den Beitritt. Dieser Autor hat die Zeiten vergessen. Ich bin der Meinung, dass die Einheit der Schriftsteller in der Frage des Widerstands gegen Japan bedingungslos sein muss: Solange jemand kein Landesverräter ist und bereit ist, den Widerstand zu unterstützen, ist es gleichgültig, ob er einander „Bruder" und „Schwester" nennt, ob er im klassischen oder im Volksmund schreibt oder ob er der Mandarinenenten-und-Schmetterlings-Schule angehört. In literarischen Fragen aber können wir einander nach wie vor kritisieren. Der Autor führt auch das Beispiel der französischen Volksfront an, doch meines Erachtens vergisst er auch hier das Land, denn unsere antijapanische Volkseinheitsfront muss weit breiter sein als Frankreichs Volksfront. Ein anderer Autor erklärt die „Landesverteidigungsliteratur" dahingehend, sie müsse über eine korrekte schöpferische Methode verfügen, und sagt dann, was nicht „Landesverteidigungsliteratur" sei, sei „Verräterliteratur" — in dem Bestreben, die Schriftsteller unter der einzigen Losung „Landesverteidigungsliteratur" zu vereinen, während er sich den Begriff „Verräterliteratur" schon für spätere Verurteilungen bereitlegt. Das ist wahrhaft mustergültige sektiererische Theorie. Ich bin der Meinung, dass Schriftsteller sich unter dem Banner des „Widerstands" oder der „Landesverteidigung" vereinigen sollten; man kann nicht sagen, Schriftsteller vereinigen sich unter der Losung der „Landesverteidigungsliteratur", denn manche Autoren haben nicht die Landesverteidigung als ihr Thema und können dennoch von anderen Seiten an der antijapanischen Einheitsfront mitwirken — und selbst wenn sie wie ich der „Schriftstellervereinigung" nicht beigetreten sind, macht sie das nicht zwangsläufig zu „Verrätern". „Landesverteidigungsliteratur" kann nicht alle Literatur umfassen, denn zwischen „Landesverteidigungsliteratur" und „Verräterliteratur" gibt es fraglos Literatur, die weder das eine noch das andere ist — es sei denn, sie könnten auch beweisen, dass der *Traum der Roten Kammer*, *Mitternacht* und *Die wahre Geschichte des Ah Q* entweder „Landesverteidigungsliteratur" oder „Verräterliteratur" sind. Solche Literatur existiert, doch sie ist nicht die „Dritte Art Literatur" von Du Heng, Han Shiheng, Yang Cunren und ihresgleichen. Ich stimme daher Herrn Guo Moruos Auffassung sehr zu, dass „die Literatur und Kunst der Landesverteidigung patriotische Literatur im weiteren Sinne ist" und dass „die Literatur der Landesverteidigung ein Banner für die Beziehungen unter Schriftstellern, nicht ein Maßstab für die Prinzipien ihrer Werke" ist. Ich schlage vor, die „Schriftstellervereinigung" solle ihr theoretisches und praktisches Sektierertum und ihre Zunftmentalität überwinden, ihren Rahmen weiter fassen und zugleich das sogenannte „Führungsrecht" an jene Schriftsteller und jungen Leute übertragen, die wirklich fähig sind, ernsthaft zu arbeiten, anstatt es allein den Leuten vom Schlage Xu Maoyongs zu überlassen. Was meinen persönlichen Beitritt angeht oder nicht — das ist keine Sache von Belang.

Ferner mein Verhältnis zur Losung „Literatur der Massen für den nationalen Revolutionskrieg". Das Sektierertum der Xu-Maoyong-Fraktion zeigt sich auch in ihrer Haltung zu dieser Losung. Sie nennen sie „Neuerungssucht um der Neuerung willen" und sagen, sie sei in Opposition zur „Landesverteidigungsliteratur" aufgestellt. Ich hätte wahrhaft nicht erwartet, dass ihr Sektierertum solche Tiefen erreichen würde. Sofern die Losung „Literatur der Massen für den nationalen Revolutionskrieg" keine „Verräter"-Losung ist, stellt sie eine antijapanische Kraft dar; warum also „Neuerungssucht"? Wo sehen Sie einen Widerspruch zur „Landesverteidigungsliteratur"? Diejenigen, die Verstärkung für die verbündete Armee ablehnen, die im Verborgenen die antijapanischen Kräfte ermorden — das seid ihr selbst, mit einer Engherzigkeit, die noch die des „weißgewandeten Gelehrten" Wang Lun übertrifft. Ich bin der Auffassung, dass an der antijapanischen Front jede antijapanische Kraft willkommen sein sollte und dass zugleich in der Literatur jedem gestattet sein muss, neue Ideen zur Diskussion zu stellen — selbst „Neuerungssucht" ist nichts, wovor man sich fürchten müsste. Das hat nichts mit dem Monopol eines Kaufmanns gemein; zudem war eure eigene Losung „Landesverteidigungsliteratur" auch nie bei der Nanjinger Regierung oder der „Sowjet"-Regierung registriert worden. Doch jetzt sieht es in der Literaturwelt so aus, als gäbe es zwei „Marken" — die Marke „Landesverteidigungsliteratur" und die Marke „Literatur der Massen für den nationalen Revolutionskrieg" — und die Verantwortung dafür liegt bei Xu Maoyong und seinen Leuten. In meinem Aufsatz, in dem ich einem Besucher während meiner Krankheit antwortete, habe ich die beiden keineswegs als rivalisierende Marken behandelt. Natürlich muss ich auch darlegen, weshalb die Losung „Literatur der Massen für den nationalen Revolutionskrieg" gültig ist und in welchem Verhältnis sie zur Losung „Landesverteidigungsliteratur" steht. — Zunächst muss ich sagen, dass diese Losung nicht von Hu Feng vorgeschlagen wurde. Es stimmt, dass Hu Feng einen Artikel darüber geschrieben hat, doch er tat dies auf meine Bitte hin, und es stimmt auch, dass sein Artikel sie nicht klar darlegte. Auch ist diese Losung nicht meine persönliche „Neuerungssucht": sie wurde nach gemeinsamer Beratung mehrerer Personen beschlossen, und Herr Mao Dun war einer der Beratenden. Herr Guo Moruo war weit weg in Japan, von Spitzeln überwacht, sodass es nicht einmal zweckmäßig war, ihm zu schreiben. Einzig bedauerlich ist, dass die Xu Maoyongs nicht zur Beratung eingeladen wurden. Doch die Frage ist nicht, wer diese Losung vorgeschlagen hat, sondern ob sie fehlerhaft ist. Wenn sie vorgeschlagen wurde, um die linken Schriftsteller, die lange im Rahmen der proletarischen Revolutionsliteratur verharrten, an die Front des nationalen Revolutionskrieges zu führen; wenn sie vorgeschlagen wurde, um die mangelnde Klarheit des Begriffs „Landesverteidigungsliteratur" selbst in seiner literaturtheoretischen Bedeutung auszugleichen und gewisse falsche Meinungen zu korrigieren, die in den Begriff „Landesverteidigungsliteratur" hineininterpretiert worden sind — dann ist sie berechtigt und richtig. Wenn man nicht mit den Fußsohlen denkt, sondern ein Minimum an Verstand aufwendet, kann man sie nicht einfach mit dem Wort „Neuerungssucht" abtun. Der Begriff „Literatur der Massen für den nationalen Revolutionskrieg" ist an sich präziser, tiefgründiger und inhaltsreicher als der Begriff „Landesverteidigungsliteratur". „Literatur der Massen für den nationalen Revolutionskrieg" richtet sich vornehmlich an jene progressiven Schriftsteller, die man bisher als links bezeichnete, und fordert sie auf, voranzuschreiten; in diesem Sinne ist es Unsinn, wenn Xu Maoyong sagt, eine solche Losung könne in der gegenwärtigen Einheitsfront nicht erhoben werden! „Literatur der Massen für den nationalen Revolutionskrieg" kann auch den Schriftstellern im Allgemeinen oder aller Richtungen empfohlen werden, in der Hoffnung, auch sie mögen vorankommen; in diesem Sinne ist es ebenfalls Unsinn zu sagen, eine solche Losung könne nicht an Schriftsteller im Allgemeinen oder aller Richtungen gerichtet werden! Doch dies ist nicht der Maßstab für die antijapanische Einheitsfront. Wenn Xu Maoyong sagt, ich hätte „gesagt, dies solle als Gesamtlosung der Einheitsfront dienen", so ist das erst recht Unsinn! Ich frage Xu Maoyong: Hat er meinen Artikel überhaupt gelesen? Wenn die Leute meinen Artikel gelesen haben und diese Losung nicht durch die Brille interpretieren, mit der Xu Maoyong und seinesgleichen die „Landesverteidigungsliteratur" auslegen — den Fehler, den Nie Gannu und andere begingen — dann hat diese Losung mit Sektierertum oder Abschottungspolitik nicht das Geringste zu tun. Die „Massen" hier können durchaus im herkömmlichen Sinne von „Volksmassen" oder „Bevölkerung" verstanden werden, und erst recht jetzt, wo der Begriff selbstverständlich „die großen Massen des Volkes" meint. Ich sagte, „Landesverteidigungsliteratur" sei eine der konkreten Losungen unserer gegenwärtigen Literaturbewegung, weil diese Losung recht volkstümlich und vielen bereits geläufig ist; sie kann unseren politischen und literarischen Einfluss erweitern, und zudem kann sie als „Vereinigung der Schriftsteller unter dem Banner der Landesverteidigung" oder als „patriotische Literatur im weiteren Sinne" gedeutet werden. Daher sollte sie, selbst wenn sie falsch ausgelegt worden ist und der Begriff selbst Mängel aufweist, weiterhin bestehen bleiben, weil ihr Bestehen der antijapanischen Sache nützt. Ich glaube, die beiden Losungen können nebeneinander bestehen; es bedarf nicht der Unterscheidung von Herrn Xin Ren zwischen „Periodencharakter" und „Zeitpunktcharakter". Noch weniger bin ich dafür, der „Literatur der Massen für den nationalen Revolutionskrieg" allerhand Einschränkungen aufzuerlegen. Wenn man unbedingt darauf bestehen will, dass „Landesverteidigungsliteratur", als die zuerst aufgestellte, die Orthodoxie ist, dann mag man den Anspruch auf die Orthodoxie denen überlassen, die ihn erheben — denn es geht nicht ums Streiten über Losungen, sondern um die praktische Arbeit. Slogans brüllen und um Orthodoxie streiten lässt sich freilich auch zu „Artikeln" verarbeiten, um Honorar zu kassieren und davon zu leben; doch auch so ist dies kaum ein Plan für die Dauer.

Zuletzt muss ich einige persönliche Angelegenheiten ansprechen. Xu Maoyong sagt, meine Worte und Taten des letzten halben Jahres hätten üble Tendenzen gefördert. So will ich denn meine Worte und Taten dieses halben Jahres prüfen. Die „Worte": Ich habe vier oder fünf Aufsätze veröffentlicht; darüber hinaus habe ich höchstens mit Besuchern ein wenig geplaudert und dem Arzt meine Symptome geschildert. Die „Taten" sind etwas zahlreicher: Ich habe zwei Bände Holzschnittkunst herausgegeben, eine Sammlung vermischter Aufsätze, einige Kapitel der *Toten Seelen* übersetzt, drei Monate krank gelegen, einmal meinen Namen unter etwas gesetzt — und darüber hinaus bin ich weder in einem Pökelwurstlokal noch in einer Spielhölle gewesen und habe an keiner Versammlung teilgenommen. Ich verstehe wahrhaftig nicht, wie ich üble Tendenzen „gefördert" haben soll, geschweige denn welche. Liegt es daran, dass ich krank war? Abgesehen davon, mir vorzuwerfen, dass ich krank wurde, ohne zu sterben, fällt mir nur eine Erklärung ein: der Vorwurf, krank und daher unfähig gewesen zu sein, gegen üble Tendenzen vom Schlage Xu Maoyongs anzukämpfen.

Sodann meine Beziehungen zu Hu Feng, Ba Jin, Huang Yuan und anderen. Ich habe sie alle erst kürzlich kennengelernt, und zwar jeweils durch die literarische Arbeit. Zwar kann ich sie noch keine engen Freunde nennen, doch gewiss Freunde. Wer, ohne stichhaltige Beweise vorzulegen, meine Freunde mutwillig als „Verräter von innen" oder „niederträchtig" verleumdet — dagegen werde ich mich verwahren. Dies gebietet nicht nur die Ehrenhaftigkeit meiner Freundschaft, sondern ergibt sich auch aus der Betrachtung der Personen und der Tatsachen. Xu Maoyong sagt, ich blicke nur auf Personen und nicht auf Tatsachen — das ist Verleumdung. Ich habe zuerst gewisse Tatsachen betrachtet und dann Personen vom Schlage Xu Maoyongs erblickt. Hu Feng kannte ich vorher kaum. Eines Tages im vergangenen Jahr lud mich eine gewisse Berühmtheit zu einem Gespräch ein; als ich dort eintraf, fuhr ein Automobil vor, aus dem vier Männer sprangen: Tian Han, Zhou Qiying und zwei andere — alle in westlichen Anzügen, von gebieterischer Haltung —, die ankündigten, sie seien eigens gekommen, um mir mitzuteilen, dass Hu Feng ein Verräter von innen sei, ein von der Regierung entsandter Agent. Als ich nach Beweisen fragte, sagten sie, diese stammten aus dem Munde Mu Mutians nach dessen „Bekehrung". Dass die Linke Liga die Worte eines Abtrünnigen als heiliges Wort nimmt — das verschlug mir wahrhaft die Sprache. Nach mehreren Runden von Fragen und Antworten lautete meine Antwort: Die Beweise sind äußerst dünn; ich glaube es nicht! Der Anlass endete natürlich in Unfrieden, doch danach hörte ich nichts mehr davon, dass Hu Feng ein „Verräter von innen" sei. Doch seltsamerweise brachte die Boulevardpresse von da an, wann immer sie Hu Feng angriff, unweigerlich auch mich ins Spiel oder kam über mich auf Hu Feng zu sprechen. Der jüngste Fall: Nachdem die *Xianshi Wenxue* (Realistische Literatur) ein von O.V. protokolliertes Gespräch mit meinen Ansichten veröffentlicht hatte, sagte die *Shehui Ribao* (Gesellschaftszeitung), O.V. sei Hu Feng und das Protokoll stimme nicht mit meiner eigentlichen Absicht überein. Ein früherer Fall: Als Zhou Wen bei Fu Donghua gegen die Verstümmelung seines Romans protestierte, sagte dasselbe Blatt, dahinter steckten Hu Feng und ich. Der hinterhältigste Fall erschien im selben Blatt, im Winter des letzten oder im Frühjahr dieses Jahres: eine auffällig umrahmte Meldung erklärte, ich stünde kurz davor, zur Nanjinger Regierung überzulaufen, Hu Feng sei der Mittelsmann, und es werde früher oder später geschehen, je nach seinen Methoden. Und dann betrachtete ich Tatsachen jenseits meines eigenen Falles: Gab es nicht einen jungen Mann, der, als „Verräter von innen" gebrandmarkt, alle Freunde verlor, bis er obdachlos auf den Straßen umherirrte und schließlich verhaftet und gefoltert wurde? Und gab es nicht einen anderen jungen Mann, gleichfalls als „Verräter von innen" verleumdet, der — gerade weil er sich tapfer am Kampf beteiligt hatte — jetzt im Gefängnis in Suzhou sitzt, sein Schicksal unbekannt? Diese beiden jungen Männer sind der lebende Beweis: Keiner von ihnen hat eine großsprecherische Widerrufserklärung verfasst wie Mu Mutian, und keiner von ihnen hat wie Tian Han in Nanjing groß Theater gespielt. Zugleich betrachtete ich die Personen: Selbst wenn Hu Feng nicht vertrauenswürdig sein sollte — mir selbst aber kann ich doch wohl vertrauen, und ich habe zu keiner Zeit über Hu Feng mit Nanjing verhandelt. So erkannte ich klar, dass Hu Feng aufrichtig ist und sich leicht Feinde macht und dass man ihm vertrauen kann; wohingegen ich gegenüber Zhou Qiying und seinesgleichen — jungen Leuten, die leichtfertig andere verleumden — Argwohn und sogar Abscheu empfand. Gewiss, Zhou Qiying mag andere Vorzüge haben und sich seitdem vielleicht geändert haben und mag noch ein wahrer Revolutionär werden; auch Hu Feng hat seine Fehler — Nervosität, Pedanterie, eine gewisse Starrheit in der Theorie und die Weigerung, seinen Stil zu popularisieren —, doch er ist offensichtlich ein vielversprechender junger Mann, der niemals an irgendeiner Bewegung gegen den Widerstand oder gegen die Einheitsfront teilgenommen hat. Das ist etwas, das selbst die Xu Maoyongs dieser Welt bei aller Mühe nicht auslöschen können.

Was Huang Yuan betrifft, so halte ich ihn für einen strebsamen und gewissenhaften Übersetzer, wofür die solide Zeitschrift *Yiwen* (Übersetzungen) und mehrere andere Übersetzungswerke als Beweis dienen. Ba Jin ist ein leidenschaftlicher Schriftsteller mit fortschrittlichem Denken, einer der wenigen wirklich guten Autoren — ein Schriftsteller, den man an einer Hand abzählen kann. Er trägt zwar den Beinamen „Anarchist", hat aber unserer Bewegung nie entgegengearbeitet; im Gegenteil, er hat seinen Namen unter die kämpferischen Erklärungen gesetzt, die gemeinsam von Literaturschaffenden unterzeichnet wurden. Auch Huang Yuan hat unterschrieben. Wenn ein solcher Übersetzer und ein solcher Schriftsteller sich der antijapanischen Einheitsfront anschließen wollen, heißen wir sie willkommen. Ich begreife wahrhaft nicht, warum die Xu Maoyongs sie als „niederträchtig" bezeichnen müssen. Stört es, dass die *Yiwen* existiert? Soll Ba Jin etwa auch für die Sabotage der spanischen „Anarchisten" an der Revolution verantwortlich gemacht werden?

Zudem gibt es etwas, das in China heute als gewöhnlich gilt, in Wahrheit aber üble Tendenzen nicht bloß „fördert", sondern geradezu verkörpert: jemandem ohne jeden Beweis ein übles Etikett anzuhängen. Xu Maoyongs Kennzeichnung Hu Fengs als „hinterhältig" und Huang Yuans als „schmeichlerisch" sind Fälle dieser Art. Als Tian Han und Zhou Qiying sagten, Hu Feng sei ein „Verräter von innen", stellte sich heraus, dass er es nicht war — weil sie den Verstand verloren hatten, nicht weil Hu Feng sich hinterhältig als Verräter ausgegeben und dann als keiner erwiesen hätte, wodurch sie zu Lügnern geworden wären. Als die *Shehui Ribao* schrieb, Hu Feng ziehe mich zum Überlaufen hinüber und ich bis heute nicht übergelaufen bin, so lag es daran, dass der Schreiber absichtlich verleumdete, nicht daran, dass Hu Feng hinterhältig so getan hätte, als ziehe er mich hinüber, es aber in Wirklichkeit nicht tat, und den Reporter so zum Gerüchtemacher machte. Hu Feng ist nicht „liebenswürdig links", doch seine persönlichen Feinde sind, wie ich meine, „furchteinflößend links". Huang Yuan hat nie einen Aufsatz geschrieben, in dem er mich lobpreist, noch je eine Biographie von mir verfasst; er redigiert lediglich eine Monatszeitschrift, recht gewissenhaft noch dazu, und die öffentliche Meinung war nicht ungünstig — wie ist das „Schmeichelei", und wie stellt das „Treue und Ehrerbietung" mir gegenüber dar? Ist die *Yiwen* mein Privateigentum? Was Huang Yuans „Herumlaufen an den Türen von Fu und Zheng mit unterwürfiger Miene" betrifft — davon hat Xu Maoyong vermutlich von Amts wegen erfahren, ich aber wusste davon nichts und habe es nie gesehen. Was seinen Umgang mit mir betrifft, so habe ich keine „unterwürfige Miene" bemerkt, und Xu Maoyong war nie dabei zugegen. Auf welcher Grundlage urteilt er, dass es sich „nicht unterscheidet" von der angeblichen Unterwürfigkeit gegenüber Fu und Zheng? In dieser besonderen Angelegenheit bin ich selbst der Zeuge, und doch wagt Xu Maoyong, der niemals zugegen war, über mich, der dabei war, derart dreiste Unwahrheiten zu verbreiten — anderen Blut ins Gesicht zu spucken mit solch wilder Rücksichtslosigkeit und maßloser Gewalttätigkeit, das treibt die Unverschämtheit wahrhaft auf die Spitze. Ist dies vielleicht die Folge davon, „die grundlegende Politik der Gegenwart verstanden" zu haben? „Wie in der ganzen Welt"? Dann könnte man sich wirklich zu Tode erschrecken!

In Wahrheit ist „die grundlegende Politik der Gegenwart" keineswegs ein so allumfassendes Netz. Heißt es nicht, jeder, der für den „Widerstand gegen Japan" ist, sei ein Waffenbruder? Was macht da „Hinterhältigkeit" aus, was „Schmeichelei"? Und warum muss man darauf bestehen, Hu Fengs Schriften zu vernichten und Huang Yuans *Yiwen* zu zerschlagen — stecken darin etwa die „Einundzwanzig Forderungen" und „kultureller Imperialismus"? Was zuallererst hinweggefegt gehört, sind jene, die das große Banner als Tigerfell aufrichten, sich darin einhüllen und andere einschüchtern; die bei der geringsten Verstimmung ihre Stellung(!) ausspielen, um andere zu verurteilen, und das mit Urteilen, die furchterregend hart ausfallen. Gewiss, eine Front wird zustandekommen — doch eine durch Einschüchterung erzwungene Front taugt nicht zum Kämpfen. Es gab schon früher solche Präzedenzfälle, doch die Geister der umgestürzten Wagen lernen es selbst im Tode nicht; und nun ist vor meinen Augen einer erschienen, der sich im Fleische Xu Maoyongs verkörpert.

Zur Zeit der Gründung der Linken Liga waren gewisse sogenannte revolutionäre Schriftsteller in Wahrheit umhertreibende Söhne aus verfallenen Familien. Auch sie hatten ihren Groll, ihren Widerstand, ihren Kampfgeist; doch das war nichts als die Übertragung der Fehden zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, der Ränke zwischen Onkel und Schwägerin aus ihren verkommenen Familien auf das literarische Feld — Getuschel und Geklüngel, Streit anzetteln, Klatsch verbreiten, nie den Blick aufs Ganze richten. Diese Tradition setzt sich ungebrochen fort. Man nehme etwa mein Verhältnis zu Mao Dun und Guo Moruo: In manchen Fällen kennen wir uns, in anderen sind wir uns nie begegnet; manche von uns hatten nie Konflikte, andere haben einander mit der Feder angegriffen. Doch im großen Kampf kämpfen wir alle für dasselbe Ziel und verbringen unsere Tage und Nächte nicht damit, persönliche Kränkungen aufzurechnen. Die Boulevardpresse aber delektiert sich daran zu berichten, wie „Lu gegen Mao abschneidet" oder „was Guo über Lu denkt", als täten wir nichts anderes, als um Sitzplätze zu streiten und mit Zauberkräften zu wetteifern. Selbst die *Toten Seelen*: Nachdem die *Yiwen* ihr Erscheinen eingestellt hatte, druckte die *Shijie Wenku* (Weltbibliothek) den gesamten ersten Teil ab, doch die Boulevardblätter schrieben, „Zheng Zhenduo hat die *Toten Seelen* auf halber Strecke abgeschnitten", oder Lu Xun habe im Zorn die Übersetzung abgebrochen. Das ist wahrhaft eine üble Tendenz — mit Gerüchten die Kräfte der Literaturwelt zu zersplittern, ein Verhalten, das dem eines „Verräters von innen" nahekommt. Und doch ist dies genau der letzte Weg, der dem verkommenen Literaten bleibt.

Xu Maoyong, so sehe ich, ist bereits ein tuschelnder und klüngelnder Autor mit Verbindungen zur Boulevardpresse, wenngleich er noch nicht auf dem allerletzten Weg angelangt ist. Doch seine Verwirrung ist bereits beachtlich. (Andernfalls wäre es schlichte Anmaßung.) So schreibt er etwa in seinem Brief: „Was den Angriff auf ihre Worte und Taten betrifft, so wäre das an sich recht leicht; allein weil Sie ihnen als Schutzschild dienen... bereitet sowohl die praktische Lösung als auch der Kampf mit der Feder enorme Schwierigkeiten." Will er Hu Fengs „Hinterhältigkeit" auf der Ebene der Moral angreifen oder Hu Fengs Aufsätze und Huang Yuans *Yiwen* auf der Ebene der Literaturkritik? Das zu erfahren bin ich nicht sonderlich ungeduldig; was ich wissen will, ist: Warum sollte meine Bekanntschaft mit ihnen den „Angriff" „enorm erschweren"? Dass ich Verleumdung und Gerüchtemacherei niemals unterstützen würde, versteht sich von selbst; aber wenn die Xu Maoyongs wahrhaft gerecht und streng in ihren Argumenten wären, könnte ich ihnen dann eigenhändig die Augen und Ohren der ganzen Welt zuhalten? Und was bedeutet „praktische Lösung"? Verbannung? Oder Hinrichtung? Unter dem großen Titel „Einheitsfront" — ist es da erlaubt, so Anklagen zu schmieden und mit der Macht zu spielen? Ich will wahrhaft hoffen, dass die „Landesverteidigungsliteratur" große Werke hervorbringt; wenn nicht, wird das vielleicht wiederum mir als Schuld der „Förderung übler Tendenzen" in der letzten Halbjahresfrist angelastet. Zum Schluss fordert Xu Maoyong mich auf, die *Stalinbiographie* sorgfältig zu lesen. Ja, ich werde sie sorgfältig lesen; wenn ich am Leben bleibe, werde ich selbstverständlich weiterhin lernen. Doch zum Schluss bitte ich auch ihn, sie selbst noch einige Male aufmerksam zu lesen, denn er scheint beim Übersetzen nichts daraus gewonnen zu haben und hat es wahrhaft nötig, sie von neuem zu lesen. Andernfalls — eine Fahne zu erhaschen und sich einzubilden, man überrage alle; die Pose des Sklavenaufsehers einzunehmen, dessen einzige Leistung im Knallen der Peitsche besteht — das ist eine Krankheit, gegen die kein Kraut gewachsen ist, und für China ist es nicht nur nutzlos, sondern ausgesprochen schädlich.

3.–6. August.

Vor einiger Zeit veranstalteten die Beamten und Honoratioren Shanghais eine Gedenkfeier für Herrn Taiyan. Weniger als hundert Personen erschienen, und sie endete in Stille; woraufhin jemand bedauerte, die Jugend zeige für einen Gelehrten des eigenen Landes weniger Eifer als für einen ausländischen Schriftsteller wie Gorki. Dieses Bedauern ist in Wahrheit verfehlt. Versammlungen von Beamten und Honoratioren waren schon immer Orte, die das einfache Volk sich nicht zu betreten traute; zudem war Gorki ein kämpferischer Schriftsteller, während Herr Taiyan, obschon er einst als Revolutionär in Erscheinung trat, sich später in die Stille des Gelehrten zurückzog und sich — durch Mauern, die er selbst errichtet hatte, und solche, die andere ihm bauten — von der Zeit abschnitt. Wer seiner gedenkt, wird es stets geben, doch die große Mehrheit wird ihn vielleicht vergessen.

Ich bin der Meinung, dass die Verdienste, die Herr Taiyan in der Geschichte der Revolution hinterlassen hat, tatsächlich größer sind als jene in der Geschichte der Wissenschaft. Wenn ich an die Zeit vor mehr als dreißig Jahren zurückdenke: Die Holzschnittausgabe des *Qiu Shu* war bereits erschienen; ich konnte sie nicht zu Ende lesen, geschweige denn verstehen, und ich vermute, vielen jungen Leuten jener Zeit ging es ebenso. Ich erfuhr von der Existenz eines Herrn Taiyan in China nicht etwa wegen seiner klassischen Studien oder seiner Philologie, sondern weil er Kang Youwei widerlegte und das Vorwort zu Zou Rongs *Revolutionärer Armee* schrieb, woraufhin er im Westgefängnis von Shanghai eingekerkert wurde. Damals gaben die in Japan studierenden Studenten aus Zhejiang die Zeitschrift *Zhejiang Chao* (Zhejianger Woge) heraus, die Gedichte enthielt, die Herr Taiyan im Gefängnis verfasst hatte — und sie waren nicht schwer zu verstehen. Das bewegte mich, und ich habe es bis heute nicht vergessen. Hier will ich zwei davon abschreiben:

  • An Zou Rong, im Gefängnis*

Zou Rong, mein kleiner Bruder, / mit gelöstem Haar herabgestiegen zur Insel Ying. / Mit scharfer Schere schnitt er den Zopf; / mit Trockenfleisch als Wegzehrung. / Wenn ein Held ins Gefängnis tritt, / trauern Himmel und Erde in herbstlichem Gram. / In der Stunde des Todes wollen wir uns die Hand reichen — / im ganzen Universum bleiben nur wir zwei.

  • Im Gefängnis, beim Vernehmen von Shen Yuxis Ermordung*

Lange schon sah ich Shen nicht — / an Flüssen und Seen verbarg er seine Spur. / Wehmütig traure ich um einen Tapferen, / nun am Tor von Yi Jing. // Der Drachen-Dämon schämt sich, im Feuer zu wetteifern; / das geschriebene Wort bricht ewig die Seele. / Im Zwischenreich wird er auf mich warten; / im Norden und Süden, wie viele neue Gräber.

Im Juni 1906, nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, setzte er noch am selben Tag nach Japan über. Bald darauf übernahm er die Leitung des *Min Bao* (Volkszeitung). Ich las das *Min Bao* gern, doch nicht wegen seines altertümlich dunklen Stils mit seinen Verständnisschwierigkeiten oder seiner Abhandlungen über den Buddhismus und die „gleichzeitige Evolution", sondern wegen seiner Kämpfe: gegen Liang Qichao, den Befürworter der konstitutionellen Monarchie; gegen ×××; und gegen ×××, der „den *Traum der Roten Kammer* als den wesentlichen Weg zur Erleuchtung" betrachtete — er war wahrhaft unwiderstehlich, und die Wirkung war mitreißend. Dass ich seine Vorlesungen besuchte, geschah in eben dieser Zeit, und wiederum nicht, weil er ein Gelehrter war, sondern weil er ein gelehrter Revolutionär war; so stehen mir bis heute seine Stimme und sein Antlitz vor Augen, während ich von seinen Vorlesungen über das *Shuowen Jiezi* keinen einzigen Satz mehr erinnere. Nach der Revolution im ersten Jahr der Republik hatten sich seine Bestrebungen erfüllt, und er hätte Großes vollbringen können — dennoch blieb er unerfüllt. Auch dies ist dem lebendigen Ansehen und den posthumen Ehren, die Gorki zuteilwurden, diametral entgegengesetzt. Der Grund, weshalb das Schicksal der beiden Männer so verschieden war, liegt, wie ich glaube, darin, dass Gorkis frühere Ideale allesamt Wirklichkeit wurden; seine Person war eins mit den Massen — Freude, Zorn, Trauer und Glück, alles geteilt. Bei Herrn Taiyan hingegen war zwar sein Streben, die Mandschu-Herrschaft zu stürzen, verwirklicht worden, doch das, was er als am wesentlichsten erachtete — „erstens, durch die Religion Glauben zu wecken und die Moral der Bürger zu heben; zweitens, durch das nationale Erbe den Rassengeist anzustacheln und patriotische Begeisterung zu entfachen" (siehe *Min Bao*, Heft 6) — blieb bloß ein erhabenes Phantasiegebilde. Kurze Zeit später eignete sich Yuan Shikai die Staatsgewalt an, um seine eigennützigen Pläne zu verfolgen, wodurch Herr Taiyan erst recht jeden festen Boden verlor und nur noch leere Worte blieben; bis heute geht einzig unsere Bezeichnung „Republik China" noch auf seinen Aufsatz „Eine Erklärung der Republik China" (zuerst gleichfalls im *Min Bao* erschienen) zurück und besteht als großes Denkmal — doch ich fürchte, dass selbst diesen Zusammenhang nur noch wenige kennen. Von den Massen entfremdet und allmählich in Mutlosigkeit versunken, gab seine spätere Teilnahme an Gesellschaftsspielen und die Annahme von Geschenken zwar Anlass zur Kritik — doch dies waren lediglich Makel an weißem Jade, nicht der Verfall seiner letzten Jahre. Betrachtet man sein Leben: die hohe Auszeichnung als Fächeranhänger zu tragen und vor den Toren des Präsidentenpalastes zu stehen, um Yuan Shikais verborgene Heimtücke laut anzuprangern — es gab in seiner Generation keinen Zweiten, der dies tat; siebenmal verfolgt und verhaftet, dreimal eingekerkert, und doch niemals in seinem revolutionären Willen gebrochen — auch darin gab es keinen Zweiten: das ist der wahre Geist der Weisen und das Vorbild für die Nachwelt. Neuerdings haben gewisse Schreiberlinge, im Bunde mit der Boulevardpresse, ebenfalls Artikel verfasst, in denen sie Herrn Taiyan verspotten, um sich selbst zu beweihräuchern — wahrhaft darf man sagen: „Der Kleine will nicht, dass der Große Größe erlangt" und „die Ameise versucht den großen Baum zu schütteln — lächerlich in ihrer Selbstüberschätzung!"

Doch nach der Revolution verbarg Herr Taiyan allmählich seine Schärfe, im Bewusstsein der Nachwelt. Die in Zhejiang gedruckten *Gesammelten Werke des Herrn Zhang* waren von seiner eigenen Hand redigiert, und vermutlich, weil er der Meinung war, dass Polemik und Schmähung, bis zum Schimpfen gesteigert, gegen das konfuzianische Ideal verstießen und den Spott der Gelehrten herausfordern könnten, waren viele seiner zuvor in Zeitschriften veröffentlichten Kampfaufsätze gestrichen worden — und die beiden oben zitierten Gedichte fehlen gleichfalls in seiner *Gedichtsammlung*. 1933 wurde die *Fortsetzung der Gesammelten Werke des Herrn Zhang* in Beiping gedruckt; sie enthielt wenig, war noch sorgfältiger und beschränkte sich auf neuere Arbeiten — natürlich ohne jede Kampfschrift. So wurde Herr Taiyan, gehüllt in das Prachtgewand der Gelehrsamkeit, ganz und gar zum Patriarchen der konfuzianischen Lehre; der Zustrom derer, die mit Geschenken als Schüler kamen, war so groß, dass man eilig ein *Verzeichnis der Mitschüler* zusammenstellen musste. Kürzlich bemerkte ich in den Tageszeitungen eine Urheberrechtsanzeige und einen Bericht über eine dritte Folge; offenbar sollen weitere nachgelassene Werke erscheinen, doch ob die früheren Kampfaufsätze wieder aufgenommen werden, lässt sich nicht sagen. Die Kampfaufsätze sind das größte und dauerhafteste Verdienst im Leben Herrn Taiyans. Sollten sie noch nicht gesammelt sein, so sollten sie meines Erachtens einzeln zusammengetragen, kollationiert und gedruckt werden, damit der Meister und die Nachwelt einander spiegeln, lebendig in den Herzen derer, die kämpfen. Doch zu dieser Zeit und unter diesen Umständen wird auch diese Hoffnung sich vielleicht nicht erfüllen lassen — ach!

9. Oktober.

Es gab einmal eine Zeit, da wurde allenthalben verkündet, gleich mehrere berühmte Persönlichkeiten wollten *Das Kapital* übersetzen, selbstverständlich nach dem Original, wobei einer sogar ankündigte, er werde zusätzlich die englische, französische, japanische und russische Übersetzung heranziehen. Seitdem sind mindestens sechs volle Jahre vergangen, ohne dass ein einziges Kapitel im Druck erschienen wäre — was eine Vorstellung von der Schwierigkeit eines solchen Unterfangens vermittelt. Gegenüber sowjetischen Literaturwerken herrschte damals ein ebenso großer Eifer: Kaum traf eine englische Übersetzung einer Kurzgeschichtensammlung in Shanghai ein, war sie wie ein Hammelschenkel, der unter Wölfe fällt — augenblicklich in Stücke gerissen, die Figuren verwandelt in „Aschipu mit den fliegenden Beinen" oder „Oscheibo mit dem fliegenden Haar"; doch als die zweite englische Übersetzung, *Die azurblaue Stadt*, importiert wurde, hatten die Eiferer bereits viel von ihrer Begeisterung eingebüßt, und manche waren längst zu dem Schluss gelangt, dass „Iwan" und „Peter" doch nicht so interessant seien wie „Yi Dong" und „Ba Suo".

Doch es gab auch jene, die sich nicht der Herde anschlossen. Sie schienen damals hinterherzuhinken, doch gerade weil sie sich auch nicht mit der Menge zerstreuten, wurden sie später zum Rückgrat. Jinghua war einer von ihnen — still, ohne Unterlass übersetzend. Zwanzig Jahre lang hatte er sich dem Studium des Russischen gewidmet und in aller Stille die *Drei Schwestern* herausgebracht, den *Weißen Tee*, die *Pfeife* und die *Einundvierzig*, den *Eisernen Strom* und darüber hinaus nicht wenige Einzelhefte. Doch er war kein Freund der Reklame und genießt bis heute keinen lauten Ruhm; überdies hat er Ausgrenzung erlitten und war von zwei Seiten Blockaden ausgesetzt. Dennoch fährt er unbeirrt fort, seine früheren Übersetzungen zu überarbeiten, und seine Übersetzungen leben weiterhin in den Herzen der Leser. Das liegt zum Teil gewiss daran, dass die damaligen selbsternannten „revolutionären Schriftsteller" so beklagenswert leichtfertig waren, dass der solide Arbeiter als letzte Frucht am Baum übrigblieb; doch in Wahrheit liegt es hauptsächlich daran, dass Chinas Lesepublikum Fortschritte gemacht hat: Die Leser haben ein gesundes Urteil entwickelt und lassen sich von hohlen Größen nicht mehr täuschen.

Jinghua war Mitglied der Weiming-Gesellschaft; die Weiming-Gesellschaft hatte ihren Sitz stets in Peking — eine kleine Gruppe, die ernsthaft arbeitete und das Geschrei verschmähte. Dennoch ereilte sie manches unverdiente Unheil, und zwar recht lächerliches. Sie wurde einmal geschlossen, und zwar aufgrund eines Telegramms des Kriegsherrn Zhang Zongchang aus Shandong — wobei der Anstifter, wie ich erfuhr, tatsächlich ein Berufskollege aus dem Literaturbetrieb war. Später klärte sich die Sache, und das Siegel wurde gelöst. Nach dem Verbot lagen zwei von Jinghua übersetzte Romane im Haus von Tai Jingnong und wurden zusammen mit einer „neuartigen Bombe" beschlagnahmt. Obschon sich hernach herausstellte, dass diese „neuartige Bombe" in Wirklichkeit nur eine Maschine zur Herstellung von Kosmetikartikeln war, wurden die Bücher dennoch nicht zurückgegeben — und so wurden diese beiden Bände zu Raritäten zwischen Himmel und Erde. Wegen der Verbrennung meines *Aufruf zu den Waffen* in der Tianjiner Bibliothek, weil Professor Liang Shiqiu meine Übersetzungen aus der Bibliothek der Universität Qingdao entfernte, als er deren Leiter war, und wegen des unverdienten Unglücks der Weiming-Gesellschaft hatte ich damals den Eindruck, dass die Beamten des Nordens strenger waren als die des Südens. In der Yuan-Dynastie wurden die Sklaven in vier Rangstufen eingeteilt, wobei die Nordchinesen über den Südchinesen standen, und das schien nicht ohne Grund so. Später erfuhr ich jedoch, dass Professor Liang, obwohl im Norden lebend, eigentlich ein Südchinese war, und dass Jinghuas Romane, als er sie im Süden veröffentlichen wollte, dort ebenfalls eine beträchtliche Zeit lang unterdrückt wurden — woraufhin mir klar wurde, dass meine Schlussfolgerung in der Tat falsch gewesen war. Das ist wohl, was man „Lernen kennt keine Grenzen" nennt.

Doch nun hat sich endlich die Gelegenheit zur Veröffentlichung ergeben, und das Geschwätz darf aufhören — das versteht sich von selbst. Zur Sache: Dieses Buch vereint zwei übersetzte Kurzgeschichtensammlungen; zwei Stücke wurden entfernt und drei hinzugefügt, sodass es zahlenmäßig einen Zuwachs gibt. Die behandelten Stoffe stammen zwar meist aus der Zeit vor zwanzig Jahren — man findet hier also weder Staudammbau noch Kolchose —, doch in der Sowjetunion sind es noch immer lebendige Werke, und von unserem chinesischen Blickpunkt aus sind es durchweg vertraute und schmackhafte Texte. Was die gründliche Beherrschung der Ausgangssprache durch den Übersetzer und die Zuverlässigkeit seiner Übertragungen betrifft, so hat das Lesepublikum sein Urteil längst gefällt, und ich muss nichts weiter sagen.

Jinghua, der mich nicht verschmäht, hat den Wunsch geäußert, ich möge anlässlich der Veröffentlichung ein paar Worte als Vorwort schreiben. Doch ich bin seit langem schwer krank, meine Kräfte sind erschöpft, und ich vermag nicht recht zu schreiben. Was ich oben niedergelegt habe, kommt fast einer bloßen Pflichtübung gleich. Doch brauchen Jinghuas Übersetzungen wirklich ein Vorwort? Sie werden wie bisher auch in Zukunft dem chinesischen Leser still und unbemerkt von Nutzen sein — daran besteht kein Zweifel. Vielmehr bin ich es, der die Gelegenheit nutzen durfte, ins Gras zu feuern — das ist mein Glück und wahrlich mein Vergnügen.

Kaum habe ich den Titel geschrieben, da befällt mich schon ein gewisses Zögern aus Sorge, das Vorgeplänkel könnte den eigentlichen Text überwiegen — was man im Volksmund „großen Donner, kleine Regentropfen" nennt. Nachdem ich „Über zwei oder drei Dinge bezüglich Herrn Taiyan" geschrieben hatte, schien es, als könne ich noch ein paar beiläufige Zeilen hinzufügen, doch die Kraft fehlte mir, und ich musste aufhören. Am nächsten Morgen, als ich erwachte, lag die Tageszeitung schon da. Ich zog sie heran, warf einen Blick hinein und konnte nicht umhin, mir über den Scheitel zu streichen und auszurufen: „Der fünfundzwanzigste Jahrestag des Doppelten Zehnten! Die Republik China hat also bereits ein Vierteljahrhundert hinter sich — wie rasch!" Doch dieses „rasch" meine ich im Sinne von „schnell". Später, als ich lustlos die Beilage durchblätterte, stieß ich zufällig auf den Aufsatz eines jungen Autors, der seinen Abscheu gegen alte Leute kundtat, und es war, als hätte man mir eine halbe Kelle kaltes Wasser über den Scheitel gegossen. Ich dachte bei mir: Alte Leute sind der Jugend wohl tatsächlich lästig. Man nehme mich zum Beispiel: Mein Temperament wird von Tag zu Tag wunderlicher. Fünfundzwanzig Jahre, nicht mehr, doch ich bestehe darauf, „ein Vierteljahrhundert" zu sagen, damit es nach viel klingt — ich weiß wirklich nicht, was die Eile soll. Und diese Geste, sich über den Scheitel zu streichen, ist in der Tat reichlich altmodisch.

Diese Geste, die ich stets bei Überraschung oder Bewegung vollführe, benutze ich nun schon ein Vierteljahrhundert lang — sie bedeutet „der Zopf ist doch endlich ab" und war ursprünglich ein Zeichen des Triumphes. Auch diese Empfindung ist etwas, das die heutige Jugend nicht mehr teilen kann. Angenommen, es gäbe in der Stadt einen Mann, der noch einen Zopf trüge: Ein etwa Dreißigjähriger und ein junger Mensch um die Zwanzig würden ihn vermutlich nur für kurios halten, vielleicht sogar amüsant finden. Doch ich würde noch immer Hass und Zorn empfinden, denn ich selbst habe deswegen einst gelitten — habe das Abschneiden des Zopfes als eine große Angelegenheit von öffentlicher Tragweite betrachtet. Meine Liebe zur Republik China, meine verbrannten Lippen und die heisere Stimme, mit der ich um ihr Fortbestehen bangte — das alles galt zum guten Teil dem Recht, unsere Zöpfe abzuschneiden. Hätte man sie von Anfang an bewahrt, um der Altertumspflege willen, den Zopf nicht abgeschnitten, so hätte ich die Republik gewiss nicht so geliebt. Ob nun Zhang Xun kam oder Duan Qirui — ich gestehe, dass ich gewissen Herren an Großmut weit unterlegen bin.

Als ich noch ein Kind war, belehrten mich die alten Leute jener Zeit: Die Stange des Barbiers, die war vor dreihundert Jahren zum Aufhängen von Köpfen da. Als die Mandschu durch den Pass kamen und den Zopf anordneten, zogen die Barbiere durch die Straßen und griffen die Leute zum Scheren; wer Widerstand wagte, dem wurde der Kopf abgehackt und an die Stange gehängt, woraufhin sie weiterzogen und andere holten. Das Scheren damals — erst mit Wasser benetzen, dann mit dem Messer schaben — war wahrhaft beklemmend, doch die Geschichte vom Kopfaufhängen erschreckte mich nicht, denn selbst wenn mir das Scheren missfiel, hätte der Barbier mir nicht den Kopf abgeschlagen; im Gegenteil, er griff in den Behälter an der Stange, holte ein Bonbon heraus und sagte, nach dem Scheren dürfe ich es essen — die Methode hatte sich auf Beschwichtigung umgestellt. Was man oft sieht, wundert einen nicht mehr; auch den Zopf empfand man nicht mehr als hässlich — zumal die Formen so vielfältig waren. Was die Gestalt angeht: Der Zopf konnte locker oder fest geflochten sein; das Flechtseil konnte dreisträhnig oder lose sein; ringsum konnte man „Rahmenhaar" tragen (das heutige „Pony"), und das Pony konnte lang oder kurz sein — langes Pony konnte zudem zu zwei dünnen Zöpfen geflochten und um den Haarknoten gelegt werden, und man konnte sein Spiegelbild als hübscher Jüngling bewundern. Was den Nutzen angeht: Bei einer Schlägerei konnte man daran ziehen; bei Ehebruch konnte er abgeschnitten werden; Schauspieler konnten sich daran an eine Eisenstange hängen; Väter konnten ihre Kinder damit züchtigen; Gaukler konnten durch Kopfschütteln den Zopf wie einen Drachen oder eine Schlange wirbeln lassen. Erst gestern sah ich auf der Straße einen Schutzmann, der Leute festnahm — einen in jeder Hand, zwei pro Polizist — doch vor der Revolution von 1911 hätte ein Griff in ein Bündel Zöpfe mindestens zehn oder mehr ergeben; zur Beherrschung des Volkes war das äußerst praktisch. Das Unglück war, dass mit der sogenannten „Öffnung der Seestore" die Gelehrten allmählich fremde Bücher lasen, Vergleichsmöglichkeiten gewannen und selbst ohne von Ausländern „Schweinezöpfe" genannt zu werden, erkannten, dass ein Kopf, weder ganz rasiert noch ganz behaart — ringsum geschoren, oben ein Büschel stehen gelassen, zu einem spitzen Zopf geflochten wie der Trieb einer Pfeilkrautpflanze — bei näherer Betrachtung jeder Vernunft entbehrte und ganz und gar überflüssig war.

Ich denke, das wissen gewiss auch die in der Republik geborenen jungen Leute alle. Mitte der Guangxu-Ära unternahm ein gewisser Kang Youwei eine Reform; sie scheiterte, und die Gegenbewegung brachte den Boxeraufstand hervor, gefolgt vom Einmarsch der Acht-Mächte-Allianz in Peking. Die Jahreszahl ist leicht zu merken: Es war genau 1900, das Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Daraufhin beschloss die mandschurische Obrigkeit und Bevölkerung abermals eine Erneuerung. Erneuerung folgte dem alten Rezept: Beamte ins Ausland zur Studienreise entsenden und Studenten ins Ausland zum Studium schicken. Ich war einer von denen, die damals vom Generalgouverneur der Liangjiang-Provinzen nach Japan entsandt wurden. Natürlich waren mir die antimandschurische Revolutionslehre, die Vergehen des Zopfes und die Umrisse der literarischen Inquisition bereits in Grundzügen bekannt; doch die erste Unannehmlichkeit, die ich in der Praxis empfand, war eben dieser Zopf.

Alle chinesischen Studenten waren, kaum in Japan angekommen, vor allem begierig, neues Wissen zu erwerben. Neben dem Japanischstudium und der Vorbereitung auf den Eintritt in eine Fachschule besuchten sie Vereinshäuser, durchstöberten Buchhandlungen, nahmen an Versammlungen teil und hörten Vorträge. Das erste Ereignis, das ich erlebte, fand in einer Versammlungshalle statt, deren Namen ich vergessen habe; dort sah ich einen jungen Mann, den Kopf in weißes Verbandstuch gewickelt, der im Wuxi-Dialekt tapfer über die antimandschurische Revolution sprach. Ich war von ehrfürchtigem Respekt erfüllt. Doch als ich weiter zuhörte und er sagte: „Ich stehe hier und schimpfe auf die Alte, und die Alte schimpft bestimmt drüben auf Wu Zhihui" — woraufhin das Publikum in lautes Gelächter ausbrach — da fühlte ich mich ernüchtert und hatte den Eindruck, dass diese Auslandsstudenten doch auch nichts anderes als Feixen und Kichern waren. Die „Alte" meinte die Kaiserinwitwe Cixi der Qing-Dynastie. Dass Wu Zhihui in Tokio eine Versammlung abhielt, um die Kaiserinwitwe zu beschimpfen, war eine unbestreitbare Tatsache der Gegenwart; doch zu behaupten, die Kaiserinwitwe halte gleichzeitig in Peking eine Versammlung ab, um Wu Zhihui zu beschimpfen — das konnte ich nicht glauben. Vorträge dürfen durchaus lachende Angriffe enthalten, doch albernes Possenreißen ist nicht nur nutzlos, sondern geradezu schädlich. Allerdings lag Herr Wu zu jener Zeit im Kampf mit dem Gesandten Cai Jun, sein Name hallte durch die akademische Welt; unter dem weißen Verband verbargen sich die ehrenvollen Wunden des Ruhms. Bald darauf wurde er nach China abgeschoben; als die Eskorte den Graben vor der Kaiserstadt passierte, sprang er hinein — wurde aber sogleich wieder herausgefischt und weitertransportiert. Dies ist, was Herr Taiyan später in seiner Polemik gegen Wu als „nicht in den Abgrund gesprungen, sondern in einen Graben, wobei das Gesicht über dem Wasser blieb" bezeichnete. In Wirklichkeit ist Japans Kaisergraben keineswegs schmal, doch unter polizeilicher Bewachung wäre er, selbst wenn sein Gesicht „nicht über dem Wasser geblieben" wäre, gewiss herausgefischt worden. Diese Polemik wurde immer heftiger, bis sie von giftigen Schmähungen durchsetzt war; als Herr Wu dieses Jahr Herrn Taiyan wegen der Annahme von Ehrungen der Nationalregierung verspottete, brachte er diesen Vorfall noch immer zur Sprache — eine über dreißig Jahre alte Rechnung, bis heute unvergessen, was die Tiefe des Grolls zeigt. Doch in seinen selbst redigierten *Gesammelten Werken des Herrn Zhang* fand sich keiner dieser polemischen Aufsätze. Herr Taiyan, der die mandschurischen Unterdrücker vehement verwarf, verehrte gleichwohl einige Gelehrte der Qing-Zeit und strebte offenbar nach der Statur der antiken Weisen, weshalb er seine Schriften nicht mit solchen Texten beflecken wollte. Doch meiner Ansicht nach war dies in Wirklichkeit ein Verlust und ein Fehler: Solche Skrupel der Schicklichkeit lassen die Dinge nur im Verborgenen verschwinden und hinterlassen Schaden für tausend Zeitalter.

Das Abschneiden des Zopfes war damals gleichfalls eine große Angelegenheit. Als Herr Taiyan sich das Haar abschnitt, verfasste er die Schrift „Über das Lösen des Zopfes", in der es heißt: „... Im Jahre 2741 der Republik, im siebten Monat des Herbstes, war ich dreiunddreißig. Damals war die Mandschuregierung tyrannisch, schlachtete Höflinge, provozierte mächtige Nachbarn, tötete Gesandte und Kaufleute, von allen vier Seiten bedrängt. Empört über die Schandtaten der Donghu-Barbaren und den Ausschluss des Han-Volkes von den Ämtern, vergoss ich Tränen und sprach: Ich bin über dreißig und trage noch immer die Tracht der Rong-Di-Barbaren; so nahe liegt die Lösung, und doch vermag ich sie nicht zu entfernen — das ist meine Schuld. Ich wollte die Gelehrtenkappe aufsetzen und das Haar binden, um die Sitten der jüngeren Vorzeit wiederherzustellen, doch die Tage reichen nicht, und die rechten Gewänder sind nicht zu haben. Da sprach ich: Einst haben Qi Bansun und der Mönch Yinxuan, beide als treue Überlebende der Ming-Dynastie, sich das Haar geschnitten und sind so gestorben. Der *Guliang-Kommentar zu den Frühlings- und Herbstannalen* sagt: ‚Die Leute von Wu schoren sich das Haupt'; das *Buch der Han*, ‚Biographie des Yan Zhu', sagt: ‚Die Yue-Leute schnitten sich das Haar' (Jin Zhuo kommentiert: ‚Das Zeichen *jian* ist nach Zhang Yi die alte Form von *jian*, schneiden'). Ich bin von Geburt ein Mann der Wu-Yue-Region; es zu entfernen heißt nichts anderes, als den Gebräuchen des Altertums zu folgen..."

Dieser Text findet sich sowohl in der Holzschnitt-Erstausgabe als auch in der gesetzten Zweitausgabe des *Qiu Shu*; als das Werk überarbeitet und in *Jian Lun* (Kritische Abhandlungen) umbenannt wurde, wurde er gestrichen. Mein eigenes Abschneiden des Zopfes jedoch geschah nicht etwa, weil ich ein Yue-Mann war und Yue in alter Zeit „das Haar schnitt und den Körper tätowierte", was ich nun nachahmte, um die Riten meiner Vorfahren vorzuführen — noch enthielt es die geringste revolutionäre Bedeutung. Im Grunde war es schlicht eine Frage der Unpraktischkeit: erstens unpraktisch beim Abnehmen des Hutes; zweitens unpraktisch beim Turnen; drittens, oben auf der Fontanelle aufgerollt, verursachte er ein beklemmendes Gefühl. In der Praxis kehrten manche zopflosen Gesellen nach China zurück, ließen ihn stillschweigend wieder wachsen und wurden zu braven Untertanen. Und Huang Keqiang, als er in Tokio Lehramtsstudent war, schnitt sich das Haar überhaupt nie ab, rief auch nie laut die Revolution aus; die einzige leise Bekundung seines Chu-haften Widerstandsgeistes war dies: Der japanische Aufseher ermahnte die Studenten, nicht mit nacktem Oberkörper herumzulaufen, doch er bestand darauf, mit freiem Oberkörper, eine Porzellanwaschschüssel unter den Arm geklemmt, vom Badehaus quer über den großen Hof zu schlendern und sich lässig schlendernd in den Studiersaal zu begeben.