Spengler
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Kulturpessimismus – Konservativ und Reaktionär, damals wie heute
„Mein Kopf kommt nicht mehr mit“, so tituliert der Buchautor Frank Schirrmacher das erste Kapitel seines Werkes „Payback“. Nach dem Herausgeber der Zeitung Frankfurter Allgemeine ist der moderne Mensch ohnmächtig gegenüber seinen technologischen und vor allem digitalen Errungenschaften: Maschine und Internet haben nicht nur die Macht über das Bewusstsein des Subjekts ergriffen, vielmehr sind sie selbst zu Subjekten mutiert. Die westliche Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist ergriffen von einem Kulturpessimismus. Viele Intellektuelle wie Schirrmacher fürchten einen Kollaps der Menschlichkeit: Waren einst das online Universum und digitale Technologien stolze Innovationen der Moderne – so gelten sie nun als Feinde und Zerstörer.
Aber Kulturpessimismus ist kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Jahrzehnte vor Smartphone, Twitter und CO, prophezeite Oswald Spengler den „Untergang des Abendlandes“ in seinem gleichnamigen Werk. Eingebettet in die Tagespolitik der Nachkriegszeit von 1918 polarisierte das Buch. Es erzählt von einer Philosophie des Schicksals und sagt Kulturen einen zyklischen Verlauf voraus. Demzufolge entwickelt sich jede Kultur in fixen Stadien und geht mit der Endphase, der Zivilisation, unter. Dieses Stadium spricht Spengler der abendländischen Kultur nach dem ersten Weltkrieg zu und trifft damit den Nerv der Zeit. Das Bewusstsein in einer untergangsdrohenden Kulturkrise zu leben erfasste das vom Krieg niedergeschlagene Volk und es machte sich mit dem Gedanken vertraut, dass jede Existenz von Kultur befristet und damit kein unbegrenzter Fortschritt möglich ist.
In den folgenden Zeilen möchte ich diese These Spenglers zunächst näher erläutern und anschließend diskutieren mit Blick auf den modernen Kulturpessimismus.
Oswald Spengler spricht in seinem Werk von einer „Logik der Geschichte“ und ihrer organischen Struktur. Demnach durchläuft jede der acht genannten Hochkulturen (Ägypten, Babylon, Indien, China, Arabien, Antike und das Abendland) dieselben Phasen der Entwicklung: In der Anfangsphase konzentriert sich das Volk auf das Innenleben der Kultur, schöne Künste werden entwickelt, die Bildung floriert und es herrscht Frieden. Mit Verlauf der Entwicklung der Kultur beginnt aber auch deren Verfall. Die Zeit der Zivilisation beginnt, Wissenschaft löst Religion ab und politische Unruhen entstehen. Folge ist eine formlose Herrschaft und zerstörende Revolutionen. Nach ungefähr tausend Jahren Existenz vernichtet die Kultur sich selbst.
Alle Kulturen durchwandern also dieselben Phasen. In einem theoretischen Gedankenkonstrukt schlussfolgert Spengler, dass man die Phasen verschiedener Kulturen nahezu deckungsgleich „übereinanderlegen“ könne und damit vergleichen möglich ist: Die „Analogie des Vergleichens“ nennt der Autor diese Methode und macht sie zum Grundprinzip seiner Behauptungen. Dieses Prinzip offenbart eine metaphysische Struktur der Kulturen – und damit das Geschichtsverständnis Spenglers. Die Gliederung der Geschichte in Altertum- Mittelalter-Neuzeit schimpft der Autor als überholt, vielmehr wird die Geschichte vom Entstehen und Vergehen von einzelnen Hochkulturen geschrieben.
Dass sein Werk in die aktuelle Politik Deutschlands zur Nachkriegszeit verstrickt ist, mindert nicht den Wert dieses Buches. Der Autor desillusioniert einen unbegrenzten Fortschrittsglauben. Ein Blick auf die Geschichte Europas zur Zeit Spenglers verleiht seiner These durchaus Glaubwürdigkeit:
Bevölkerungswachstum, Industrialisierung, Kommerzialisierung und eine stete Verwissenschaftlichung des Alltags führten zu einer ersten Krise der Moderne und einem wachsenden Kulturpessimismus im Volk. Das Werk verarbeitet damit nahezu alle Elemente der zeitgenössischen Kulturkritik.
Grundlegend verneine ich die These Kultur sei ein autonom organisches Wesen und existiere unabhängig von dem Menschen. Diese Sichtweise ist in der heutigen sowie in der Kulturkritik Spenglers gültig. Sein Theoriegebäude gründet sich auf dieser Annahme und baut seine einzelnen Etagen auf diese fundamentale These. Im Folgenden möchte ich aufzeigen inwiefern Spengler Kultur als ein selbständiges Organ begreift und demnach schrittweise diese Behauptung sezieren und diskutieren.
Indem Spengler der Kultur eine Geburt und einen Tod zuspricht, verabsolutiert er den Gedanken, dass die Wirkung einer Kultur auf deren zeitliche Existenz beschränkt ist. Der Autor untersagt jegliche Transformation und Weiterentwicklung zwischen einzelnen Kulturen.
Jedoch lassen sich kulturelle Gemeinsamkeiten nicht leugnen. Im Gegenteil eine Kultur entsteht erst durch Kommunikation und Interaktion zwischen Subjekten. Der Gedanke, dass ein Kulturkreis plötzlich aus dem Nichts geboren wird, übersieht die Personen, an die er gebunden ist. Spengler spricht der Kultur ein autonom organisches Wesen zu, welches die Menschen einnimmt. Dabei verhält es sich anders: Das Subjekt ist es, welches nach und nach durch Austausch, Erfahrung und Wissen einen neuen Kulturkreis in all seinen Facetten aufbaut.
Eine Kultur stirbt nicht aus, vielmehr lebt sie in ihrem Erbe weiter. Sie besitzt keine zeitlich begrenzte Ablauffrist, vielmehr ist der Übergang in eine neue Kulturebene fließend.
Weiterentwicklung, Tradition und Übermittlung von Wissen und Werten sind die Schlüsselbegriffe. So gründet unsere abendländische Kultur auf Wissen der Antike, die lateinische Sprache ist Wurzel der romanischen Sprachen und damit des Deutschen. Dieses Erbe ignoriert Spengler mit seiner Behauptung. Der Autor widerspricht seiner These in seinem Werk: Er zählt Babylonien und Ägypten zu den Hochkulturen, leugnet aber einen kulturellen Austausch und eine Koexistenz von Kulturen. Jedoch entstand die babylonische Kultur erst unter dem Imperialismus Alexander den Großen, welcher die ägyptische Herrschaft in die Knie zwang. Damit ist belegt, dass eine Zeit der Koexistenz, des Austausches, stattgefunden haben muss. Alexander der Große lebte in der Übergangsphase einer Kulturebene in eine Neue und schuf selbst eine Veränderung der Weltgeschichte. Eine solche Hybridität, Vermischung der Kulturen, ist real. Durch Austausch und Vermittlung wird Wissen geteilt und eine Kultur neu positioniert. Es muss angemerkt werden, dass Personen wie zum Beispiel Alexander oder Cäsar und Napoleon fundamental die Historie prägten, aber neue Kulturen sich erst durch die Masse und deren Tradition und Transformation etablieren konnten. Obwohl das ägyptische Reich unterging, Elemente der Kultur bis heute weiter, formatierten sich über die Jahrtausende neu aber sind immer noch existent.
Die ‚Logik der Geschichte‘ und die Methode der ‚Analogie des Vergleichens‘ ist nicht tragfähig. Eine Gliederung der Geschichte in eine metaphysische Struktur gelingt nicht. Die Kultur ist kein organisches Wesen, vielmehr ein organisches Phänomen. Jede kulturelle Errungenschaft, Brauch und Wissen ist im Wachstum, in der Entwicklung und verändert sich.
Eine Einteilung der Kultur in Entwicklungsphasen, nimmt jedes einzelne Stadium als vollendet war. Dabei wachsen Wissen, Kunst und Wissenschaft gleichsam Schritt für Schritt und nicht nacheinander. Die Begriffe sind nicht lebendig, es sind die Menschen.
Und eine Person entwickelt und verändert sich, ist individuell und nicht in fixen Formen zu denken.
Indem Spengler die Anfangszeit als die epochale Blüte einer Kultur beschreibt und nach ihm die Zivilisation den Untergang der Kultur herbeiführt, bemächtigt sich der Autor eines Wertekanons der Zyklentheorie. Jedoch führt diese Wertung dazu, dass die Forderung nach wissenschaftlicher Intersubjektivität nicht erfüllt wird und die Aussagen rational unzugänglich sind. Diese stark metaphorisch urteilende Beschreibung der einzelnen Kulturphasen lässt sich auch auf den modernen Kulturpessimismus übertragen, welcher den Fortschrittsglauben verneint und einen Untergang des modernen Zeitalters fürchtet.
Wie bereits aufgeführt betrachtet sowohl der moderne als auch Spenglers Kulturpessimismus die Zivilisation, die Phase der Wissenschaft und Technologie, als den Motor des kulturellen Verfalls.
Damals wie heute wird der Mensch als ohnmächtig gegenüber metaphysischen bzw. virtuellen Strukturen gesehen, ein Opfer seiner Wissenschaft und Entwicklung. Ich denke es anders. Alle Technologien, Maschinen und Wissenschaft werden vom Menschen gegründet, verwirklicht und fortentwickelt. Ohne sein Zutun, seinem Willen und Trieb zum Fortschritt stünden wir still. Stagnation, keine Historie. Aber dem ist nicht so, denn es ist allzu menschlich das Mögliche zu verwirklichen und immer weiter zu streben. Eine Kultur stirbt nicht sondern verändert sich, erreicht andere Dimensionen, restauriert und passt sich dem Zeitgeist an.
Ertastet der moderne Mensch seine Grenzen, fürchtet er sich vor dem digitalen Ungeheuer so ist das kein Signum für einen Untergang des Abendlandes. Vielmehr ist es das Signum für eine weitere Veränderungsstufe der westlichen Kultur, welche uns jetzt eine Ohnmacht spüren lässt aber schon bald als Standard der Gesellschaft nicht mehr angezweifelt sondern vorausgesetzt wird. Jede neue Errungenschaft wird zunächst mit Skepsis und Sorge begleitet, das ist menschlich. Man fürchtet das Unbekannte ohne zu sehen, dass es prozesshaft aus dem Bekannten entsteht und erst in der Begrifflichkeit fremd erscheint. Technische Revolutionen brechen das bestehende Gefüge und führen zur Veränderung. Veränderung bedeutet aber nicht Untergang.
Die Aussage Schirrmachers „Mein Kopf kommt nicht mehr mit“ signalisiert eine Kluft zwischen Mensch und Technik, vielmehr ist es aber eine Kluft zwischen Mensch und Mensch. Denn Technik ist kein autonomes Wesen, sondern wäre ohne den Menschen als treibende Kraft eine bloße Worthülse. Der Mensch ist sozusagen die Technik, der Fortschritt. Er ist die Veränderung. Demzufolge ist diese Kluft, das Gefühl der Ohnmacht, temporär und das Fundament der nächsten Generation.
Oswald Spenglers Prophezeiung eines „Untergang des Abendlandes“ wird nicht eintreten, vielmehr wird die europäische Kultur eine neue Dimension erreichen und sich global neu positionieren und definieren.
Tabea G.