Xue Mo Desert Daughters/de/Chapter 1
Wüstentöchter
Xue Mo
Übers. Martin Woesler
Inhalt
Vorwort 4
Wüstentöchter 7
Nachwort 328
Dankesrede bei der Verleihung des „Independent Press Award“ 329
Anhang: Internationale Stimmen zu Xue Mos Werk 331
Vorwort
In meinem Leben gab es stets ein inneres Bild: die Wüste und die Schakale.
In jenem Bild gibt es zwei lebendige Totems, nämlich zwei Frauen, die von den Schakalen gejagt werden. Sie verbrauchen all ihre Lebenskraft, entkommen der Verfolgung durch die Schakale und erreichen das andere Ufer des Lebens.
Seit mehr als zwanzig Jahren sind diese beiden Frauen in meinem Leben lebendig, ich kann stets ihr Lächeln sehen, sie sind die Quelle der Poesie meines Lebens. Jedes Mal, wenn mir die Schakale des Schicksals begegnen, denke ich an sie.
Vor mehr als zwanzig Jahren, als ich noch ein junger, furchtloser Mensch war, der mit Worten die Welt verändern wollte, betrat ich zum ersten Mal die Wüste des Lebens. Sie war unendlich einsam, unendlich durstig, und doch brodelte in ihr eine unerschöpfliche Kraft. Dort war alles grenzenlos weit, mit sengender Hitze und tobendem Wind, die einen immer wieder staunen ließen. Von da an begegnete mir im Schicksal stets eine Meute von Schakalen. Sie fletschten die Zähne und Klauen, bildeten einen Kreis und starrten mich an, ich war ihre einzige Beute. Gerade weil es sie gab, konnte ich zutiefst die Bedrängnis des Lebens spüren und zugleich den Sinn meiner Existenz erfassen.
Diese Schakale – sie waren die Mittelmäßigkeit.
Anfangs kämpfte ich verzweifelt mit ihnen, sie waren die Anderen und zugleich ich selbst. Jedes Mal, wenn es so weit war, wurden die beiden Frauen aus der Wüste zum Totem meines Lebens. Sie waren das geistige Symbol in meinem tiefsten Innern. Wann immer ich mich in der Dunkelheit verirrte, wann immer ich in Zerrissenheit litt, dachte ich an die beiden Frauen. Wann immer ich in Schwierigkeiten oder Verzweiflung geriet, erinnerten sie mich daran: Selbst in den schwersten Zeiten muss man Stärke und Mut bewahren.
Deshalb konnte ich in unzähligen Lebensphasen den Stift in meiner Hand zu Steinen und Flinten verwandeln und die Schakale vertreiben. Ich hatte sie nicht besiegt, auch sie haben ihre eigene Daseinsberechtigung, aber ich lernte, mit ihnen zu koexistieren, lernte, wie man in der Wüste des Lebens Hoffnung und Träume bewahrt.
Mehr als zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung von „Wüstenopfer“ kehrte ich, der lange gewandert war, in jene Wüste zurück. Die Zeit hatte vieles verändert, die Landschaft war anders, die Menschen alt geworden, doch die Schakale waren immer noch da, immer noch so verschrumpelt und nichtig, und doch gebärdeten sie sich als Herrscher der Wüste. Ihr Geheul erfüllte den Himmel, immer noch unbändig und wild. Ich stand auf einer Düne, das Herz voller Wehmut.
Endlich verstand ich: Diese Wüste, diese Schakale, jene versengte Weite, jene heiligen Frauen – sie waren die unauslöschliche Grundfarbe meines Lebens geworden.
Zwanzig Jahre sind vergangen, mein Stift wirbelt immer noch tänzerisch durch die Lüfte, mein Herz glüht immer noch vor Leidenschaft, Liebe und Weisheit sind weiterhin die Triebkraft meines Lebens. Ich weiß nicht, was die Zukunft mir bringt, aber ich weiß, wo auch immer Schakale lauern, werden Lanlan und Yinger stets die Totems des Lebens sein und mir endlose Überraschungen bescheren. Ich weiß, egal wie schwer der Weg voraus ist, ich werde nicht einsam sein. In meinem späteren Leben verwandelten sich die beiden Frauen in unzählige Leser, die … noch immer Träume und Liebe hegen und gemeinsam meine Lebenserzählung erschaffen.
Heute stehe ich auf der Anhöhe der Zeit, blicke zurück, und all die vielen Elemente verweben sich zu einem komplexen Muster, das mein Leben bereichert. Die Schakale sind noch da. Aber ich fürchte mich nicht mehr und fliehe nicht mehr. Ich stehe vor ihnen, das Herz voller Wehmut und Ehrfurcht. Sie sind keine Bedrohung und Herausforderung mehr, sondern wurden zu meinem Weg der Selbstüberwindung. Ich nutze nicht mehr Steine oder Geschrei, sondern habe unsere Begegnungen in Geschichten verwandelt – auch im Roman „Die Liebe lässt nicht los“ finden sich ihre Spuren.
Angesichts der endlosen Wechselfälle des Lebens erwecke ich die Poesie des Lebens neu, ich winke und nehme kein Wölkchen mit – in Anlehnung an Xu Zhimo. Ich werde weitergehen. Meine Augen sind weit geöffnet, ich werde die Vergangenheit betrachten, die Gegenwart erleben, das Unbekannte erkunden. Ich habe gelernt, mit den wilden Tieren zu tanzen, denn ich habe erkannt, dass zwischen Leben und Tod nur ein schmaler Grat liegt.
Frauen und Schakale, wie Tänzer aus einem Traum, sie haben zusammen mit den Träumen meinem fruchtbaren Boden Erhabenheit verliehen und gemeinsam eine schöne Landschaft geschaffen. Sie sind mit der Wüste zu einem ewigen Gedicht verschmolzen, das vom Leben erzählt, Freiheit versprüht und unendliche Möglichkeiten deutet, die mich das Komplexe und Schöne des Lebens tiefer verstehen lassen.
Im Folgenden werde ich den Leser auf eine ganz neue Reise mitnehmen, die „Wüste“ heißt.
Die Landschaften darin stammen aus „Wüstenopfer“ und aus „Weißer-Tiger-Pass“ und vereinen sich zu einer ganz neuen Melodie.
Wüstentöchter
1
Seht, in jenem Roman namens „Weißer-Tiger-Pass“ tauchten zwei Frauen auf.
Die Sonne war noch nicht aufgegangen, da hatten Yinger und Lanlan schon das Dorf verlassen und machten sich auf den Weg ins Herz der Wüste.
Dort gibt es einen Ort namens Salzsee. Man sagt, der Salzsee habe reichlich Salz; man sagt, das Salz des Teichs könne man nach Belieben auf Kamele laden, so viel man tragen kann; man sagt, für das Salz brauche man nicht zu bezahlen, man müsse dem Salzwächter nur ein paar Hasen geben; man sagt, eine Schale Salz lasse sich gegen eine Schale Weizen tauschen, und habe man genug Weizen angesammelt, könne man ihn gegen Geld eintauschen … All diese Gerüchte verdichteten sich zu Yingers Hoffnung. So beschloss Lanlan, Yinger zum Salzsee zu begleiten und Salz zu holen, um das Lösegeld für ihre Freiheit zu verdienen.
Lanlan und Yinger waren Schwägerinnen. Wenn Lanlan sich scheiden ließe, würde Yingers Bruder als Junggeselle enden. Yinger wollte sich mit Geld die Freiheit erkaufen. Lanlan wollte ihr dabei helfen.
Die beiden Schwägerinnen hatten auch schon andere Wege erwogen, doch alle erforderten Startkapital. Lanlan sagte: „Vergiss die Idee, mit einem Löffel einen Klumpen Gold zu schöpfen … Wie wäre es, wenn wir zum Salzsee gehen und Salz holen? Die Leute auf dem Land sind auf billige Sachen aus und essen alle dieses Salz, eine Schale Salz gegen eine Schale Weizen. Mit Zeit und Geduld häufen sich die Krümel zu einem ganzen Brotlaib an.“ Yinger sagte: „Gut, machen wir das.“
Das „Zuhause“ der beiden Schwägerinnen war auf dem Kamelrücken geladen. Da sie auf dem Rückweg Salz transportieren mussten, war das „Gepäck“ einfach gehalten: nichts weiter als Kochgeschirr, Decken, Wasser und Proviant. Um auf einmal möglichst viel mitnehmen zu können, trieb Yinger ihr eigenes Kamel, und Lanlan hatte sich eines geliehen.
Schon als kleines Kind war Lanlan mit dem Vater zum Salzsee geritten. Sie erinnerte sich, wie sie, eingesunken zwischen den Kamelhöckern, die Sanddünen mal fallen und mal steigen sah, im Rhythmus der Höcker traumgleich dahinschaukelnd. Nach einer Weile des Schaukelns glitt Lanlan wirklich in den Schlaf. Manchmal ertönte in den gelbfarbenen Träumen der Klang einer Sanxian. Dieser Klang war sehr melancholisch, als hätte er zu viel Leid und Blut und Tränen aufgenommen, und löste stets einen Schmerz im Herzen aus. Er trug das Leid, war voll von Blut und Tränen, nährte die Hoffnung, sehnte sich nach einer Zukunft – jener Zukunft, die zwar im gelblichen Dunst über dem Sand verschwand, grünlich schimmernd wie eine Fata Morgana, doch die Sehnsucht selbst konnte Lanlan immer wieder rühren.
Nachdem sie eine Weile zu Fuß gegangen waren, stiegen die Schwägerinnen auf die Kamele. Das Gefühl des Kamelritts über den Sand war langsam und schwer, das Schwanken der Dünen wurde deutlicher spürbar. Das Kamelfell war mollig warm, ganz wie die Umarmung einer Mutter. Ein gewaltiges Gefühl der Geborgenheit durchdrang langsam ihr Herz.
Yinger dachte: Kaum auf die Welt geworfen, wird der Mensch in Fremdheit und Einsamkeit gestoßen. Jeder braucht ein Gefühl der Sicherheit. Kamele sind wunderbar. Sie sind sogar besser als die Mutter, besser als die Schwiegermutter, besser als alle Menschen im Leben. In dieser unsicheren Welt schenkten sie ihr ein Gefühl der Geborgenheit.
2
Yinger fütterte das Kamel oft und hatte eine Bindung zu ihm aufgebaut. Das Kamel war sehr brav, jedes Mal wenn sie es fütterte, küsste es Yingers Hand.
Sein Blick war sehr klar, voller Verständnis und voller Güte. Wenn es Yinger ansah, wirkte sein Blick stets so melancholisch. Yinger wusste, es hatte sie wirklich verstanden. In manchen verträumten Momenten stellte sie sich vor, das Kamel sei ihr Schicksalsgefährte Lingguan. Dann schaute sie ihm in die Augen. Diese meerestiefen Pupillen schienen sie hineinziehen zu wollen. Yinger wünschte sich, darin aufzugehen.
Das Kamel war gut. Die Wüste war auch gut. Die Wüste war so weit, die sich in die Ferne schwingenden gelben Wellenlinien glichen einem sanften Wind, der unablässig die Seele streichelte. Seit sie sich mit jenem Schicksalsgefährten eingelassen hatte, dachte Yinger oft an die Seele. Sie verstand: Wenn ein Mensch an die Seele denkt, dann beginnt das Leid, sich an ihn zu erinnern. Sie erinnerte sich, dass sie als Mädchen noch in dumpfer Unbewusstheit gelebt hatte. Zwar hatte sie Träume, doch die waren verschwommen, damals wusste sie nicht, was eine Seele ist – und auch die Seele selbst schlummerte friedlich. Natürlich hätte sie nicht gedacht, dass die Seele eines Tages erwachen und ihr jede innere Ruhe rauben würde.
Die Sandrücken schlängelten sich ins Unbekannte, wie in einer alptraumhaft endlosen Nacht. Das Kamelglockenläuten wurde vom Wüstenwind zu Seidenfäden zerrissen, die Strähne für Strähne in die Ferne wehten. Näher war das Geräusch der Kamelsohlen, die raschraschrasch über den Sand gingen, traumhaft verschwommen. Lanlan rief ab und zu einen Befehl, denn das Kamel wollte immer wieder den Kopf schütteln und mit den Ohren schlackern, um sich von den Fesseln zu befreien. Doch der Ring aus Ulmenholz, den die Herrin geformt hatte, war unbarmherzig – er durchbohrte die Nase, hielt die Zügel. Ein scharfer Ruck, und der Schmerz schoss schnurgerade ins Kamelhirn und presste trübe Tränen heraus.
Doch niemand hatte damit gerechnet, dass jene Meute Schakale mit gefletschten Zähnen sich in einem fremden Winkel des Schicksals versteckte und sie finster beobachtete.
Zu diesem Zeitpunkt war Yinger nur eine sehnsuchtskranke Frau, die noch hoffte, sich durch Arbeit die Freiheit zu erkaufen und geduldig auf ewig zu warten.
Seht, die Wüste war bodenlos tief, und dort schien auch Yingers Geschichte verborgen zu sein. Unter dem sanften Streicheln des Wüstenwinds versank Yinger allmählich in Erinnerungen: Sie dachte an einen Mann namens Lingguan, an die poetische Geschichte zwischen ihnen, an ihre Einsamkeit nach seiner Abreise, und an den Kamelpfad des Schicksals und die vielen Geschichten auf diesem Pfad …
3
Der sogenannte Kamelpfad ist eigentlich die Linie zwischen den einzelnen Oasen; er kann auf von Wagen und Pferden befahrenen Wegen verlaufen oder mitten durch die menschenleere Wüste führen. Die Kamelpfade in der Wüste folgen meist den Schattenmulden. Der Wind weht den losen Sand in die Sonnenmulden. Der Sand in den Schattenmulden hat sich über unzählige Jahre abgelagert und ist beim Betreten etwas fester. Als die Schattenmulde breiter wurde, zog Lanlan das Kamel heran, und sie gingen Seite an Seite mit Yinger. Auf ihrer Nasenspitze glänzte Schweiß, und um die Augenwinkel zeigten sich feine Fältchen. Früher war Lanlan eine Frau gewesen, die immer hübscher wurde, je länger man sie ansah – auf den ersten Blick nicht schön, aber mit jedem Hinsehen anziehender. Die Mutter hatte dem Brauttausch zugestimmt, weil sie fand, die Töchter beider Familien seien einander ebenbürtig, keiner käme zu kurz. Nun aber war Lanlan hässlich geworden, Falten krochen um ihre Augenwinkel. Yinger dachte, sie selbst sehe wahrscheinlich genauso aus. Ein Hauch von Wehmut schlich sich in ihr Herz. Sie dachte: Noch bevor man richtig gelebt hat, fängt man schon an zu altern.
Lanlan wischte sich mit dem Kopftuch den Schweiß ab, kniff die Augen zusammen, blickte in die Ferne und sagte leise: „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Der alte Yu Gong konnte Berge versetzen. Solange man zwei Hände hat, lässt sich das Geld schon zusammenverdienen.“ Yinger sagte nichts, kniff ebenfalls die Augen zusammen und blickte in die Ferne.
Lanlan warf den Kopf in den Nacken und sagte: „Siehst du das? Den Sandberg dort, der mit dem Himmel verschmilzt? Wenn wir den hinter uns haben, haben wir die erste Schlucht passiert. Nach ein paar weiteren Schluchten können wir den Salzsee sehen.“ Yinger wusste, dass die „Schluchten“, die Lanlan so leichthin aussprach, beim Laufen so fern waren wie der Rand der Welt. Früher war sie zwar schon in die Sandwüste gegangen, um Sandkörner zu sammeln, aber das war nur ein Streifen am Rand gewesen, nicht einmal eine einzige Schlucht hatte sie überquert. Bei dem Gedanken, an einen so weit entfernten, fremden Ort zu müssen, bekam Yinger wirklich Angst.
Lanlan erkannte, was Yinger beschäftigte, und klopfte auf die Flinte und das tibetische Messer, die am Kamelrücken hingen: „Wovor hast du Angst? Wir haben ein Gewehr. Ich habe ein paar Kürbisflaschen Schießpulver mitgenommen und außerdem einige Pfund Eisensand und hundert Stahlkugeln. Wenn uns ein Wolf begegnet, füttern wir ihn mit ein paar Stahlkugeln. Und wenn die Stahlkugeln verbraucht sind, haben wir noch das tibetische Messer.“
Beim Wort „Wolf“ bekam Yinger Herzklopfen. Sie fürchtete sich sogar vor Hunden, geschweige denn vor Wölfen. Doch dann dachte sie: Wovor Angst haben? Lieber den Wölfen zum Fraß vorgeworfen werden als weiter so zu leiden. Wenn man es durchschaut hat, gibt es wirklich nichts zu fürchten. Früher, bevor sie Lingguan begegnet war, war das Leben zwar eintönig, aber sie hatte die Eintönigkeit nicht gespürt. Zwar war es einsam, aber auch die Einsamkeit hatte sie nicht gespürt. Von Geburt an war sie in dieser gewaltigen Eintönigkeit und Einsamkeit eingetaucht und hatte es dumpf und unbewusst immerhin bis über zwanzig geschafft. Doch seit sie jenem Schicksalsgefährten begegnet war, hatten Eintönigkeit und Einsamkeit Zähne bekommen und bissen sie ständig. Sie dachte: Wenn sie wirklich einem Wolf begegnete, wäre das auch gut – ein früher Tod befreit früher von der Qual.
Dann dachte sie: War es nicht dasselbe, was hinter Mentous Ruhe vor dem Tod steckte?
Bei diesem Gedanken krampfte sich ihr Herz schmerzlich zusammen.
Mentou war ihr Ehemann gewesen, er hatte Leberkrebs bekommen und war jung gestorben. Im Roman „Wüstenopfer“ ist seine Geschichte ausführlich beschrieben. Er liebte Yinger sehr, aber wegen seiner Krankheit hatten sie keine Kinder. Yinger liebte Mentou nicht, sie liebte Lingguan, den jüngeren Bruder von Mentou. Als Mentou noch lebte, hatte sie ihm nie viel Aufmerksamkeit geschenkt. Seit sie mit Lingguan eine Geschichte hatte, war ihr Herz ganz von Lingguan erfüllt. Für eine Frau ist der Unterschied zwischen Lieben und Nicht-Lieben gewaltig.
Sie dachte: Wenn sie damals ein wenig mehr für Mentou gesorgt hätte, ihn ein wenig glücklicher gemacht hätte, oder ihn früher zum Arzt gezwungen hätte – wäre sein Schicksal dann anders verlaufen?
Bei diesem Gedanken wurden Yingers Augen feucht. Sie war Mentou dankbar. Als er noch lebte, hatte er mit einer Geduld, zu der gewöhnliche Männer nicht fähig waren, ihre Liebe ermöglicht, doch sie selbst hatte sich nie wirklich um seine Gefühle gekümmert. Hilflos seufzte sie.
Während sie so nachdachte, kamen Yinger die Tränen.
Erst als sie diese paar Tagebuchseiten gelesen hatte, erfuhr sie, wie sehr Mentou sie geliebt hatte. Mentous Liebe war zurückhaltend, fast spurlos. Doch nachdem sie das Tagebuch gelesen und sich an all die kleinen Dinge erinnert hatte, entdeckte sie endlich, wie tief Mentous Liebe gewesen war.
Sie wusste: Wenn Mentou noch lebte, müsste sie nicht in die Sandwüste gehen. Mentou hätte sie vor der Mutter beschützt, vor dem spielsüchtigen Bruder, vor dem verhassten Heiratsvermittler Xu Mazi, der sie anderweitig verheiraten wollte, vor dem Zhao San, der sie mit Geld kaufen wollte. Er hätte mit beiden Armen eines Mannes ihre Freiheit und Liebe beschützt und ihr ermöglicht, weiter in der Welt der Blumenlieder zu leben, ihre Blumenfee zu sein. Doch früher hatte sie sein Gutes nicht bemerkt. Nun, da sie um der Wahrung ihres letzten Restes Würde willen das Risiko auf sich nahm, in die Sandwüste zu gehen, verstand sie endlich jenen Mann, der immer in der Ecke gestanden hatte, ebenso still wie sie.
Er war stumm wie ein Berg und barg wie ein Berg in seiner Stille eine gewaltige Kraft.
Doch im selben Moment des Verstehens wuchs in ihrem Herzen noch ein weiterer Schmerz, denn immerhin war dieser gute Mann tot.
Unter all den Schmerzen Yingers gab es eine Erinnerung, die sich am tiefsten ins Herz bohrte. Sie wusste, dass es jenem Schicksalsgefährten Lingguan genauso ging.
Sie wusste auch, dass jener Schicksalsgefährte vielleicht genau deshalb, gequält von der Erinnerung, Shawan verlassen hatte.
4
An jenem Tag kehrte Lingguan vom Krankenhaus nach Hause zurück und brachte die Nachricht mit, dass Mentou im Krankenhaus lag, und wollte bei den Dorfbewohnern Geld für die Arztkosten borgen.
Damals war die geschäftigste Zeit für die Frauen: Gras mähen und Hafer ernten, jeden Tag von der Sonne verbrannt und schweißgebadet. In den Augen der Dörfler war es selbstverständlich Frauenarbeit, während die Männer zu untätigen Müßiggängern wurden und viele Weißblech klopfend plauderten. Manche Frauen brachten ihre Männer mit sanftem Druck oder Gewalt dazu, aufs Feld zu gehen und Hafer zu ernten – und so wurde dieser Mann zum Neidobjekt der Frauen anderer Familien. Die Beneideten dagegen rümpften stets die Nase und gaben vor, diesen „Pantoffelhelden“ keiner Erwähnung für würdig zu halten. Aber Mentou ging immer aufs Feld helfen, ohne dass Yinger ihn darum bitten musste. Und Yinger war stets diejenige, die man beneidete. Immerhin war ihr Mann anständig und gut zu ihr, ein wenig einfältig zwar, aber wenigstens lief er keinen fremden Frauen nach.
Als Lingguan von Mentous Krankheit erzählte, verfinsterte sich das Gesicht der Mutter sofort, doch sie wagte nicht, ein Wort zu fragen.
Lingguan lächelte und sagte: „Keine Sorge, am Samstag wird operiert.“ Der Vater fragte: „Warum erst am Samstag?“ Lingguan sagte: „Ansteckende Krankheiten werden immer samstags operiert … Das ist schon gut so, immerhin ist er auf dem Operationsplan gelandet.“
Der Vater fragte: „Wie oft habt ihr schon bezahlt?“ Lingguan antwortete: „Zweimal, einmal fünfhundert, gestern haben sie wieder gemahnt, noch nicht bezahlt.“
Die Mutter schnalzte mit der Zunge und sagte: „Noch nicht mal operiert, und schon so viel ausgegeben. Was wird das erst kosten, wenn sie operieren?“
Lingguan sagte: „Hauptsächlich vor der OP kostet es. Allein die Ultraschalluntersuchung drei Mal, jedes Mal dreißig, vierzig. Was soll man machen? Die eigentlichen Kosten nachher sind gar nicht so hoch.“ Der Vater sagte: „Na ja, Geld für nichts und wieder nichts, aber was willst du tun. Wer hat dich krank werden lassen?“
Yinger schwieg. Lingguan tröstete sie: „Keine Sorge, nach der OP wird es besser.“ Yinger sagte immer noch nichts, blickte ihn einmal an, senkte den Kopf, und ein paar Tränen fielen auf ihren Handrücken.
Lingguan sagte: „Wirklich, es ist nichts Schlimmes, eine kleine OP.“ Dann holte er eine Flasche Öl hervor und gab sie Yinger: „Das hat er dir mitgebracht.“
Yinger nahm sie entgegen und fragte: „Was hat das gekostet?“ Lingguan sagte: „Über zehn Yuan.“
Yinger rief überrascht: „So teuer! Ich glaube nicht, dass er mir etwas so Teures kaufen würde.“ Lingguan sagte: „Er hat es wirklich gekauft. Er sagte, in all den Jahren habe er dich wirklich schlecht behandelt. Er sagte, er habe nicht gewusst, dass die Stadtmädchen das alle benutzen.“ Yinger erstarrte einen Moment, ihre Augen wurden rot. Nach einer langen Weile wischte sie sich mit dem Ärmel die Tränen ab und sagte: „Fährst du heute hin?“ Lingguan sagte: „Ja.“ Yinger sagte: „Ich komme mit, wir waren immerhin ein Ehepaar.“
Lingguan sagte: „Es gibt keine Übernachtungsmöglichkeit.“ Yinger sagte: „Es ist doch nur eine Nacht. Dann schlafe ich eben nicht! Es wird sich schon ein Platz zum Sitzen finden.“
Lingguan sagte: „Nicht meine Sache, frag die Mutter. Wenn die Mutter es erlaubt, dann fahr.“
Die Mutter sagte: „Ich möchte auch hin. Es sind erst ein paar Tage, und es fühlt sich an wie Jahre.“
Yinger fragte: „Einverstanden?“ Die Mutter sagte: „Was sollte ich dagegen haben? Ich wollte schon die ganze Zeit hin, konnte mich aber nicht überwinden, das Geld auszugeben.“
Lingguan sagte: „Wie viel kann das schon kosten? Die Fahrt ein paar Yuan. Dazu eine Mahlzeit, auch nur ein paar Yuan.“ Yinger sagte: „Ich esse nichts, ich nehme Brot mit.“
Die Mutter zog Lingguan am Ärmel und bedeutete ihm hinauszugehen. Draußen flüsterte sie: „Sei ein bisschen aufmerksam. Wenn die beiden Zeit allein brauchen, dann zieh dich zurück.“ Lingguan sagte: „Im Krankenzimmer liegen über zehn Leute. Selbst wenn ich mich zurückziehe, die anderen tun es nicht.“
Die Mutter warf ihm einen scharfen Blick zu: „Was die beiden sich sagen wollen, lass sie es sagen. Du bist doch kein Holzkopf.“
Lingguan lachte schnell: „Ja, ja, ich weiß.“ Yinger hatte drinnen mitgehört und musste unwillkürlich schmunzeln. Sie wusste damals noch nicht, dass das Rad des Lebens sie überrollen würde.
Nach dem Mittagessen machte Yinger sich zurecht, packte ein paar Wechselkleider für Mentou ein, buk ein paar Pfannkuchen, die Mentou gerne aß, und ging mit Lingguan los. Beim Hinausgehen sagte die Mutter, sie komme doch nicht mit – das Geld tat ihr doch zu leid.
Zwischen dem Dorf und der Straße lagen der große Sandfluss und eine Sandmulde. Kaum waren sie in die Sandmulde eingetreten, drehte sich Yinger um und blickte Lingguan an, halb lächelnd, halb ernst. Lingguan erwiderte ihren Blick. Yinger schaute ihn an, und ihr Gesicht wurde allmählich rot. Plötzlich biss sie sich auf die Lippen, und Tränen traten ihr in die Augen. Lingguan erschrak: „Was ist denn? Ich habe dir doch nichts getan, warum weinst du?“ Yinger senkte die Lider und versuchte, die Tränen wegzuwischen, doch je mehr sie wischte, desto mehr kamen, das ganze Gesicht glitzerte vor Nässe. Lingguan wusste nicht, wohin mit sich, und schaute sich um – zum Glück war kein Mensch in Sicht.
Yingers Schluchzen wurde lauter und ging in ersticktes Schluchzen über. Lingguan stampfte mit dem Fuß, zog sie am Arm und bedeutete ihr, schnell weiterzugehen, doch sie nutzte den Schwung und warf sich in seine Arme. Lingguan versuchte, sie wegzuschieben, schaffte es aber nicht – sie hatte ihn schon mit ihren Tränen übers ganze Gesicht geküsst.
Lingguan sagte: „Himmel, schau doch, wo wir sind, wenn uns jemand sieht …“
Yinger schluchzte: „Dann sieht er uns eben, schlimmstenfalls sterbe ich.“
Lingguan küsste sie und flüsterte: „Schon gut, schon gut.“ Dann schob er Yinger entschlossen von sich. Erst dann ließ Yinger los, wischte sich die Tränen ab und starrte ihn wie betäubt an, eine Ewigkeit lang. In Lingguans Augen lag ein Moment der Zärtlichkeit; er sah sich um, und als er niemanden erblickte, nahm er Yingers Gesicht in beide Hände und küsste sie heftig. Dann gingen die beiden hinter den Sandrücken, wo kein Mensch war, wälzten sich in der Sandmulde, und erst nach einer Weile trennten sie sich.
Lingguan riss sich wütend an den Haaren und sagte: „Ich bin wirklich kein Mensch!“ Yinger verstand sofort, was er meinte, ihr Gesicht wurde schlagartig blass, ihre Hand, die gerade die Kleidung ordnete, erstarrte in der Luft.
Lingguan sagte noch einmal: „Ich bin wirklich kein Mensch!“ Dann schlug er sich mit der Faust auf die Stirn, einmal, zweimal. Yinger saß auf der Sanddüne, war eine halbe Ewigkeit wie betäubt und sagte dann: „Es ist meine Schuld, nicht deine. Wenn es Vergeltung gibt, trage ich sie allein. Es ist nicht deine Schuld.“ Lingguan schlug sich noch ein paarmal gegen die Stirn und sagte: „Ich weiß, dass es falsch ist, aber ich kann nicht anders … Ich kann auch nicht anders … Gehen wir.“
Bis sie das Krankenzimmer betraten und Mentou sahen, sprachen beide kein Wort.
Als Yinger Mentou erblickte, überkamen sie sofort Schuldgefühle. Mentou war stark abgemagert, wirklich nur noch Haut und Knochen, und dazu erschreckend gelb. Mentous Gesicht war voller Flecken, die vielen Flecken überdeckten die Gelbfärbung. Yinger durchzuckte Welle um Welle des Schmerzes, und die Selbstvorwürfe wurden immer stärker. Mentou hingegen zeigte nichts Ungewöhnliches, sein Gesicht strahlte. Dass seine Frau in dieser Zeit zu ihm kam, machte ihn natürlich überglücklich. Er gab sich sogar ganz offen und ohne jede Verstellung, lächelte breit – und auch wenn es lautlos war, konnte jeder sein Glück und seine Freude sehen. Dadurch traten seine Wangenknochen noch stärker hervor und seine Augenhöhlen noch tiefer.
Yinger war überrascht und fand, dass der abgemagerte Mentou noch hässlicher geworden war, er kam ihr sogar ungewöhnlich fremd vor, als wäre er gar nicht der Mann, mit dem sie Bett und Kissen geteilt hatte. Doch bald ließ ihre gutherzige Natur eine ungewöhnliche Zärtlichkeit in ihr aufsteigen, und als sie an das dachte, was sie gerade mit Lingguan getan hatte, schossen ihr die Tränen hervor.
Mentou war von Yingers Tränen so gerührt, dass er nicht wusste, was er tun sollte. Er rieb sich die Hände und blickte hilfesuchend zu Lingguan. Lingguan hielt die Augen gesenkt, wahrscheinlich fühlte auch er sich schuldig. Mentou wurde unruhig und sagte: „Sieh doch, sieh … Es gibt nicht mal etwas Gutes zu essen.“ Lingguan sagte: „Ich geh Obst kaufen.“ Und ging hinaus.
Ein Mitpatient fragte Mentou: „Wer ist das?“ Mentou grinste verlegen: „Meine Frau.“
Der Mann sagte: „Ach, so eine hübsche Frau!“ Mentou grinste wieder: „Ja, das sagen alle. Alle sagen, eine frische Blume, gepflanzt in Kuhmist.“ Yinger rügte ihn gespielt: „Wer hat das gesagt?“ Mentou lachte …
Mentous lachendes Gesicht verschwamm allmählich, die Sanddüne erschien wieder deutlicher vor ihren Augen.
Der Wind blies in Böen, und Lanlans Rufe an das Kamel kamen wieder näher.
Yinger wischte sich die Tränen ab und flüsterte ein „Es tut mir leid“, doch die Worte wurden vom Wind verschluckt.
5
Auf jener Wüstenreise erschien vor Yingers innerem Auge immer wieder Mentous Gesicht. Sie dachte an den Mann, der auf dem Papier ihr Ehemann war, es in Wirklichkeit aber nie gewesen war. Er war stumm wie ein Kamel und gütig wie ein Kamel.
In der Nacht betraten die beiden Frauen eine Schlucht. Diese sogenannte Schlucht war ein Ort in der Wüste, durch den einst Wasser geflossen war; bei starkem Regen konnte hier noch immer Wasser vom Oberlauf herströmen.
In der Schlucht wuchs viel Gras, man nannte sie auch Magang. In den Magang gab es Wasser und Gras. Wenn die Kamele eine Nacht lang fraßen, reichte der Saft der Pflanzen für den Verbrauch des nächsten Tages. Lanlan bemerkte, dass die Magang viel weniger Grün als früher hatte. Es hieß, das Schmelzwasser des Qilian-Gebirges sei eine relativ konstante Größe; zwar schwanke es mit dem Klima etwas, doch der Durchschnitt bleibe relativ stabil. Das bisschen Regen und Schnee konnte nur eine bestimmte Menge an Oasen ernähren, auch das eine relative Konstante. Wurde es am Oberlauf grüner, wurde es am Unterlauf weniger grün. In den Tausenden von Jahren der Erschließung hatte sich lediglich die Oase verlagert. Jetzt hatte man am Oberlauf viel Land urbar gemacht, und so wurde das Grün in den Magang weniger.
Die Schwägerinnen luden die Lasten ab und stellten das Zelt auf. Das sogenannte Zelt bestand aus zusammengenähten Stoffstücken, die einigermaßen vor Wind schützten, aber nicht vor Regen. Zum Glück regnete es in der Wüste so gut wie nie, und niemand machte sich Gedanken über Regenschutz. Lanlan lehnte ein paar Holzstangen aneinander, warf das Tuch darüber und beschwerte es ringsum mit Sand. In die Mitte legte sie eine Unterlage. Yinger band die Kamele an einer grasbewachsenen Stelle fest. Eigentlich hätte sie die Zügel aufrollen und die Kamele nach Belieben fressen lassen sollen, aber sie fürchtete, die Kamele könnten zu weit weglaufen und den nächsten Tagesmarsch verzögern. So beschloss sie, sie eine Weile fressen zu lassen und dann fleißig umzubinden. Außer Haus sollte man bei allem vorsichtig sein.
Die Schwägerinnen sammelten trockenes Reisig, machten ein Feuer und tranken am Feuer etwas Wasser. Yinger war erschöpft und sagte, sie wolle einfach ein paar Bissen Brot kauen. Aber Lanlan sagte: „Das geht nicht. Unterwegs darf man beim Essen nicht nachlässig sein. Heute nachlässig, morgen nachlässig, und ehe man sich versieht, ist der Körper am Ende. Manche der weißen Knochen, die es nicht mehr aus der Sandwüste schafften, sind genau aufgrund dieser ‚Nachlässigkeit’ gestorben.“ Sie hieß Yinger sich am Feuer hinlegen, ausruhen und das Feuer schüren, während sie selbst die Waschschüssel hervorholte, etwas Mehl anrührte und eine Portion gezupfte Nudelsuppe kochte.
Nachdem sie die Nudelsuppe gegessen hatten, war es stockdunkel geworden.
Yinger erinnerte sich an die Wüstennacht, von der Lingguan erzählt hatte.
Die Wüstennacht ist wirklich wunderschön. In „Wüstenopfer“ habe ich die Wüstennacht so beschrieben: „Die Sonne war im Sandmeer versunken. Über der Wüste hing ein magerer zunehmender Mond. Der Mond goss kühles, bleiches Licht herab. Das bleiche Licht färbte die nach Süden gewandten Hänge weiß und tauchte die nach Norden zeigenden Grate in Schwarz, und zwischen Weiß und Schwarz quoll ein Hauch geheimnisvollen Zaubers hervor.“
Der alte Meng konnte diese geheimnisvolle Wüstennacht lesen. Bald hatte er trockene Blumenstengel und verdorrte Beifußbüschel aufgelesen und ein Lagerfeuer entfacht.
Das Feuer füllte die stille Wüstennacht mit Leben und Poesie. Das knisternde Gelbdornen-Holz, die prasselnd aufsteigenden Flammen weckten in Lingguan die Verspieltheit eines Kindes. Eine wundersame Kraft wogte wieder in ihm auf und spülte die Müdigkeit und Taubheit fort. Die Spätherbstnacht in der Wüste war bis auf die Knochen kalt. Die Nachtluft wogte wie Flüssigkeit, schwappte über die sich windenden Sandwellen und sickerte in die Haut. Das schweißdurchnässte Unterhemd war eiskalt wie ein Panzer. Da war das entfachte Feuer für Lingguan zweifellos eine mütterlich warme Umarmung. Zufrieden legte er sich am Feuer in den Sand, schloss die Augen, dachte an nichts und ließ zu, dass Wärme und Geborgenheit seinen erschöpften Körper und Geist durchdrangen.
… Ein paar Holzstangen, ein Zelt, drei Garnituren Bettzeug, einfaches Kochgeschirr und Gebrauchsgegenstände – das war ihr „Zuhause“. In dieser öden Welt war „Zuhause“ ein so warmes Wort.
Die Nacht, von seltsamer Stille, und das Prasseln der Flammen von seltsamer Lautstärke. Die Nacht schien ein riesiger schwarzer Topf, der einmal leicht aufgesetzt die ganze Wüste darunter begrub. Die Sterne wirkten sehr nah, mit starker Dreidimensionalität, als könnte man sie mit der Hand pflücken. Die vom Feuerschein beleuchteten Sanddünen schimmerten wie mit heller Tusche gezeichnet. Die großen Gelbdornen-Büsche hatten sich gleich ganz zu Geistersilhouetten zusammengekauert. Nur wenn die Flammen plötzlich aufloderten, zeigten sie sich für einen Augenblick.
Der zunehmende Mond war dünn wie eine Made, hing am Himmel und goss ein klägliches Bisschen Licht herab. Dieses konnte man kaum Licht nennen, es war eher ein dünner Hauch, der ein paar Mal herunterwallte, und schon wurde er von der seltsamen Wüste in die Tiefe der Erde aufgesogen. Der Mond zog sich beschämt zusammen, zitterte, zitterte, zitterte. Lingguan glaubte, er würde gleich kopfüber ins Sandmeer stürzen.
6
Yinger liebte den Mondschein, aber der Himmel konnte den Mond nicht außer der Reihe herbeischaffen, nur weil sie ihn mochte. Lanlan hatte die Petroleumlampe angezündet. Der Lichtkreis war zwar klein, aber Licht war immerhin Licht. Es war gut, Licht zu haben. Yinger dachte: Ist meine eigene Hoffnung nicht auch ein Licht des Lebens? Es ist klein, aber ohne es wäre das Leben in totale Finsternis gehüllt. Sie erinnerte sich an einen Film über eine Gruppe Juden, die im Schatten der Nazi-Herrschaft lebten, ständig vom Tod bedroht. Sie sahen keinerlei Hoffnung, und viele brachten sich um. Um den Menschen Hoffnung zu geben, erfand der Held des Films viele Lügen und sagte, er besitze ein Radio. Jeden Tag erfand er hoffnungsvolle Lügen, und viele überlebten deshalb. Yinger dachte, diese Geschichte sei großartig. Wie man es auch dreht und wendet – der endgültige Ausgang des Lebens ist der Tod. Das ist eine unabänderliche Hoffnungslosigkeit.
Der Mensch sollte sich immer auf etwas hoffen dürfen. Yinger dachte: Sind diese Religionen nicht vielleicht auch wohlmeinende Lügen, die erleuchtete Weise für die Menschen erdacht haben? Sie dachte: Ob es das Buddhaland wirklich gibt, ist nicht wichtig; wichtig ist, die Menschen glauben zu lassen, dass jenes andere Ufer des Lebens eine schöne, ewige Welt ist. War es bei ihr nicht genauso? Bei vielen Dingen wußte niemand, wie es wirklich stand.
Die Finsternis näherte sich drückend, das Licht der Petroleumlampe zitterte ängstlich. Das Lampenlicht war wirklich schwach. Die Schwärze der Nacht erstickte auch Lanlans Worte. Yinger dachte, sie grüble sicher auch über schwere Themen nach. Sie wusste, dass Lanlans innerer Schmerz dem ihren in nichts nachstand. Seit der Hochzeit war Lanlan nicht vom Leid losgekommen. Verglichen mit ihr schien Yinger noch Glück gehabt zu haben.
Immerhin war es vor allem die bittersüße Sehnsucht, die ihr Herz beherrschte. Nicht wie bei Lanlan, wo die Wirklichkeit alles zerschlagen hatte.
Yinger streichelte Lanlans Gesicht. Unversehens griff sie in lauter Nässe. Lanlan weinte. Yinger fragte: „Woran denkst du?“ Lanlan hielt lange den Atem an und sagte dann: „An jenem Tag fauchte ich Vater an – wie sehr muss er sich gekränkt haben. Ich bin es nicht wert, seine Tochter zu sein.“ Yingers Herz wurde warm: „Denk nicht mehr daran, Vater hat es längst vergessen.“ Lanlan sagte: „Ob er es vergessen hat, ist seine Sache. Mich aber quält es immerfort. Wenn man genau hinsieht, hat Vater sein Leben lang kaum einen guten Tag gehabt. Als Tochter schulde ich ihm wirklich etwas.“ Yinger sagte: „So ist das Leben. Vater sagt doch immer: Was der Himmel gibt, das kann er ertragen. So ist es wirklich.“
Wessen Leben kennt kein Leid? Was der Himmel gibt, ist des Himmels Kraft. Dass du es erträgst, ist deine Würde.
Lanlan wischte sich die Tränen ab und sagte: „Wenn wir mit dem Salzholen viel Geld verdienen, möchte ich Vater und Mutter in die Stadt mitnehmen und sie mal in einem Restaurant essen lassen. Mutter isst am liebsten Nudeln mit Sojapasten-Soße, schon beim Gedanken daran läuft ihr das Wasser im Mund zusammen.“
Bei diesen Worten dachte auch Yinger an ihre Mutter, und wieder wurde jene zarteste Saite in ihrem Herzen angeschlagen. Ihre Mutter aß am liebsten Schweinedarm mit scharfen Chilis, und jedes Mal, wenn davon die Rede war, lief auch ihr das Wasser im Mund zusammen. Sie dachte: Egal was kommt, diesmal nach der Rückkehr vom Salzholen werde ich zuerst Darm und Chilis kaufen und Mutter besuchen. Bei diesem Gedanken durchströmte sie eine Flut von Erinnerungen. Sie spürte, dass Mutter eigentlich immer gut zu ihr gewesen war. An jenem Abend, als sie hörte, wie Yinger von Xu Mazi schikaniert wurde, muss ihre Mutter innerlich sehr gelitten haben. Bei dem Gedanken kamen auch ihr die Tränen, und sie bereute noch mehr, ihre Mutter an jenem Tag mit Worten verletzt zu haben.
Das Kaugeräusch der Kamele drang herüber und unterbrach Yingers Gedanken. Sie wischte sich die Tränen ab, nahm die Petroleumlampe und ging aus dem Zelt, band die Kamele um und machte die Zügel etwas länger. So vergrößerte sich der Weideradius der Kamele beträchtlich. Sie sah viele Sterne von faszinierender Klarheit. Vielleicht wegen der reinen Luft waren die Sterne in der Wüste größer als im Dorf und wirkten auch viel näher, als könnte man sie mit der Hand pflücken.
Zurück im Zelt, hörte sie ab und zu noch Lanlans Seufzer. Aus Angst, noch mehr Schmerz in ihr auszulösen, fragte Yinger nicht weiter und sagte nur: „Schlaf bald ein, morgen müssen wir weiter.“
7
Yinger legte die Taschenlampe unters Kopfkissen und blies die Petroleumlampe aus. Da sie ständig daran dachte, den Kamelen einen neuen Weideplatz zuzuweisen, mahnte sie sich selbst, nicht zu tief zu schlafen. Beim Wüstenmarsch muss man die Kamele sattfressen lassen. Zwar speichern die Höcker Fettreserven, doch die sind nur für den äußersten Notfall gedacht – man kann die Tiere nicht ständig ihre Reserven verbrauchen lassen.
Yinger fürchtete Schlaflosigkeit und bemühte sich, nicht an Dinge zu denken, die ihr Herz aufwühlen würden. Zum Glück kam ihr auch die Erschöpfung zu Hilfe, und ohne große Mühe dämmerte Yinger ein. Im Traum war er wieder da. Dieser Schicksalsgefährte. Am Xihu-Hang machte der alte Junggeselle des Dorfes, Maodan, sich über die beiden lustig; sie sah wieder das tote Baby, das Maodan verbrennen wollte, und wurde wieder vor Schreck umgeworfen. Genau bei jener Gelegenheit hatten sie und dieser Schicksalsgefährte das Eis gebrochen und ein deutliches Versprechen gegeben. Die Yinger im Traum sang wieder jenes Liebeslied –
Regentropfen fallen auf den Stein,
Schneeflocken treiben auf dem Wasser,
die Sehnsucht macht Herz und Lunge krank,
eine Blutkruste sitzt auf den Lippen.
Mitten in der Nacht aufgestanden,
Mond am ganzen Himmel,
die Tür des Stickzimmers halb angelehnt,
der Geliebte ist wie eine kostbare Wunderpille,
die Liebste wie die Kranke, die die Arznei braucht.
Das Rind am Gelben Fluss trinkt Wasser,
die Nasenspitze reicht nicht ans Wasser,
kaum hebe ich die Reisschale, denke ich an dich,
die Nudeln reichen nicht bis zum Mund.
Die weiße Pfingstrose ist in den Fluss gefallen,
schnell fischen, langsam fischen – sie ist davon.
Im Diesseits soll man es gut treiben,
hektisch treiben, gemächlich treiben – man wird alt.
Piepsende Küken, die sich um eine Prise Reis im Schüsselchen balgen.
Lass dich nicht täuschen, dass ich unter Menschen kein Wort sage
– in meinem Herzen bist du.
Leerer Ruhm, der in der Luft flimmert –
gehst du nun oder nicht?
Komm nicht ins obere Zimmer, komm ins kleine Zimmer,
Worte aus dem Herzen gehen leichter über die Lippen.
Dann, im Traum, flüsterte sie Lingguan zu: „Traust du dich?“ Lingguan sagte nichts, den Kopf gesenkt, das Gesicht rot wie Feuer. Halb verschämt, halb empört wollte sie sich umdrehen und gehen, da hörte sie Lingguan wie kapitulierend sagen: „Natürlich …“
Ein gewaltiges Glücksgefühl flutete heran, und sie spürte, dass sie im Traum weinte.
Sie erinnerte sich, wie sie und Lingguan an jenem Tag zusammen nach Hause gingen. Kein Lüftchen regte sich, die Luft war drückend schwül und wie von zäher Flüssigkeit erfüllt. In der Ferne auf den Feldern lag eine hell glitzernde Schicht, die flirrend blitzte. Auch die Yinger im Traum spürte dieses traumartige Gefühl. Einerseits errötete sie über ihr gerade ausgesprochenes Geständnis und fragte sich, wie sie ganz natürlich Worte hatte sagen können, bei deren bloßem Gedanken sie rot wurde. Andererseits fühlte sie einen Glückstaumel. Früher sagten die Dorfleute immer, untreue Frauen hätten „Männer gestohlen“.
Dieser Ausdruck, der ihr einst zutiefst zuwider war, erfüllte sie damals mit einem sündhaften Glücksgefühl. Erst da entdeckte sie, dass sie sich zutiefst nach dem „Schlechtsein“ sehnte. Ihr Ehemann Mentou war zu gut, wie ein auf dem Altar hockender Lehm-Gott – man konnte ihm keinen Makel vorwerfen, doch er besaß nicht den geringsten Reiz. Sie beneidete jene Frauen, die offen mit ihren Männern flirteten und schäkerten. Frauen verabscheuen alle schlechte Frauen, doch bei Gelegenheit wäre jede gern einmal schlecht. Wahrhaftig, egal was andere dachten, sie jedenfalls wollte wirklich einmal schlecht sein. Zwar war dieses „Schlechtsein“ noch ein Stück entfernt von dem „Schlecht“, das sie sich im tiefsten Innern ersehnte, aber es hatte ihr bereits ein seltsames Glück beschert, Nachschauer, Scham, Neugierde … ein Gemisch all dieser Gefühle. Sie wusste nicht, ob das schon Liebe war. In ihrem Lebenswörterbuch war Liebe ein verstaubtes, fern in einer Ecke verborgenes Wort. Noch bevor sie den Staub davon abwischen konnte, hatte die Ehe sich rücksichtslos hineingedrängt. Sie war Mentous Frau geworden. Sie hatte das Kapitel übersprungen, das man im Leben am wenigsten auslassen sollte – die Liebe.
Doch durch Zufall und Fügung war Lingguan in ihr Leben getreten.
Im Traum blickte sie unverwandt auf Lingguans Rücken. Sein Gang war lässig und verströmte jenen Duft, der nur Lesekundigen eigen ist. Die Sonne verschwand, der kühle Wind verschwand, das Bachwasser in der Schlucht verschwand – zwischen Himmel und Erde blieb nur noch die Silhouette, die ihr Wellen des Glücks sandte. Seine Schritte, seine Gestalt, sogar die staubbedeckten weißen Turnschuhe – in ihren Augen wirkte alles so harmonisch und vollkommen, unbeschreiblich wunderbar, als flüsterten sie ihr Liebesworte zu, die sie zum Schmelzen brachten. Sie erinnerte sich, dass sie damals gedacht hatte: „Wenn es … wenn er statt ‚jener’ wäre, wie schön wäre die Welt.“ Wer hätte gedacht, dass „jener“ bald darauf sterben würde? Hatte etwa … der Himmel ihren Herzensgedanken gehört und „jenen“ mitgenommen? Auch die Yinger im Traum empfand es wie einen Albtraum.
Auf der breiten Straße im Traum wurde es lebhaft. Stimmengewirr, Staubwolken und dazu die von der Weide heimkehrenden Maultiere, Pferde und Schafe verliehen dem zuvor dumpf-trägen Mittag bunte Farben. Ein Maultiersfohlen tollte nach Herzenslust, warf den Kopf, schlackerte mit den Ohren und schlug ein paar Mal mit den Hufen aus – mal galoppierte es geradewegs aufs Dorf zu, mal trabte es zurück zu seiner weit zurückgebliebenen Eselmutter und schmiegte sich an sie. Yingers Herz war voller Süße und Sehnsucht. Sie tat, als beobachte sie das Fohlen, verlangsamte absichtlich ihre Schritte, ließ den Abstand zu Lingguan wachsen und vermied es bewusst, zu ihm hinzublicken. Doch ihr unsichtbares Auge heftete sich weiter an ihn, empfing weiter die von ihm ausgehenden Wellen des Glücks, und Freude brandete wie eine Flut heran.
Yinger dachte: „In seinem Herzen bin auch ich … Und weißt du? In meinem Herzen bist auch du.“ Sie bemühte sich, Lingguans im Wind verwehte, nur schemenhaft hörbare Worte einzufangen. Jedes herangewehte Wort war wie ein Steinchen, das in ihr Herzensmeer geworfen wurde und Kreise des Glücks schlug. „Wie wundersam … ist das Liebe?“ dachte Yinger. Als ihr das Wort „Liebe“ einfiel, lachte sie mit zusammengekniffenen Lippen, und ihr Gesicht begann leicht zu glühen.
Dann wechselte das Bild plötzlich: Die angelehnte Tür der kleinen Kammer öffnete sich, und Lingguan trat mit panischem Gesicht ein, die Schuhe noch in der Hand.
Das Quietschen der Tür hatte ihn offensichtlich erschreckt, seine Panik wurde noch größer. Wie einer, der alles auf eine Karte setzt, drückte er die Tür zu. Das Mondlicht, das sich gerade ins Zimmer ergossen hatte, wurde ausgesperrt, und mit ihm die kleinen spähenden Augen der Nachtelfen. Lingguan, der all diese Bewegungen vollbracht hatte, schien endlich aufzuatmen – durch die Dunkelheit hindurch konnte Yinger sogar sehen, wie er erleichtert ausatmete.
Dieser Büchergelehrte – wieso sah auch er so zerzaust aus? Yinger lachte schelmisch und wollte ihn necken: „Was willst du hier?“ Lingguan erstarrte. Das fahle Mondlicht, das durch das Fenster fiel, beschien sein Gesicht, und Yinger glaubte, seine Verlegenheit sehen zu können. Sie brachte es nicht übers Herz, ihn weiter zu necken, und so sagte sie: „Wenn du plaudern willst, dann komm auf den Kang, auf dem Boden ist es kalt.“ So verschmolzen zwei einsame und glühende Leben zu einem.
Die Yinger im Traum kostete den Geschmack des Himmels – das war ein lang entbehrtes Glück. Seit dieser Schicksalsgefährte fortgegangen war, gab es dieses Gefühl nur noch in tiefen Träumen. Doch nach dem Erwachen weinte sie und fühlte sich noch einsamer. Darum flehte sie stets, der Traum möge länger währen, damit der Schicksalsgefährte länger bleiben könne. Doch wie lang ein Traum auch sein mochte, man erwachte immer, und nach dem Erwachen war sie wieder allein … Schicksalsgefährte, hast du wirklich kein Herz und Yinger vergessen?
Das Bild wechselte abermals jäh – wieder war es Nacht, wieder waren sie zu zweit, doch sie lag wie in dieser Nacht im Freien in einer Sandmulde. Der Schicksalsgefährte stand in der Ferne und blickte sie kühl an, er kam weder näher noch sprach er mit ihr. Yingers Herz wurde auf einen Schlag kalt. Sie dachte: Ekelt er sich vor mir, weil ich schmutzig bin? Bei diesem Gedanken wechselte das Bild erneut: Sie sah Xu Mazi, der sie lüstern angrinste und dabei mit seinen eiskalten Krallen über ihre Wade strich. Sie schrie auf. Durch den Schrei erwachte sie. Sie spürte, dass wirklich etwas ihre Wade berührte. Sie stieß Lanlan heftig an und knipste die Taschenlampe an.
Lanlan fuhr hoch.
Yinger sagte: Irgendwas ist in meine Hose gekrochen. Lanlan riss ihr die Taschenlampe aus der Hand. Yinger spürte, wie das Ding sich noch immer windend bewegte.
Yinger schrie: Mama!
Lanlan sagte: Beweg dich nicht, beweg dich nicht … Gut, ich hab es gepackt.
Lanlan zog das Eiskalte heraus, stieß dann einen spitzen Schrei aus, holte mit dem ganzen Arm aus und schlug es gegen das Holzgestell. Das Gestell krachte und schwankte – das war die praktischste Methode im Zelt. Yinger fürchtete, sie würde das Gestell zertrümmern, und rief: Schlag es auf den Boden.
Lanlan keuchte: Zünd die Petroleumlampe an. Ihre Stimme zitterte. Yinger kramte Streichhölzer hervor und schaffte es mit Mühe, eines anzuzünden – da sah sie, dass Lanlan schon kraftlos auf dem Bettzeug zusammengesunken war. Das Licht beleuchtete das Ding in Lanlans Hand. Es war eine Schlange, dick wie eine Teetasse.
Yinger hatte ihr Leben lang vor solchem Getier die größte Angst, ihre Beine waren längst weich geworden. Hastig rief sie: Wirf sie weg, wirf sie schnell weg!
Lanlan schnappte ein paar Mal nach Luft und sagte: Sie ist tot, tot.
Tatsächlich – der Schlangenkopf war längst zertrümmert. Das Holzgestell war voller Schlangenblut, und auch auf der Decke war reichlich davon.
Yinger fragte: Hat sie dich gebissen? Hat sie dich gebissen?
Lanlan seufzte: Ich weiß es nicht. Ihre Hand war voller Blut, doch ob es Schlangenblut oder Menschenblut war, wusste sie nicht. Sie wischte sich ein paar Mal an der Decke ab.
Yinger leuchtete mit der Taschenlampe und sah an Lanlans Unterarm eine kleine Wunde, aus der Blut spritzte – ob von der Schlange gebissen, war unklar.
Yinger hatte gehört, dass man an der Form des Schlangenkopfes erkennen könne, ob sie giftig sei oder nicht: dreieckig bedeute Giftschlange, oval bedeute ungiftig. Also leuchtete sie den Schlangenkopf ab, konnte aber die ursprüngliche Form nicht mehr erkennen. Sie dachte: Wenn sie giftig war, wäre das schlimm. Yinger hatte große Angst, Lanlan könnte sterben – wenn sie stürbe, wie sollte sie allein in der endlosen Weite der Wüste überleben? Dann dachte sie: Wie kann ich nur so egoistisch sein und nur an mich denken?
Lanlan kam wie erwacht zu sich, warf die Schlange aus dem Zelt und rief weinend: „Ich werde sterben.“
Yinger sagte: Nein, nein, das wirst du nicht. Sie griff nach Lanlans Arm und saugte aus Leibeskräften. Als die klebrig-fischige Flüssigkeit in ihren Mund gelangte, fiel Yinger ein, dass sie etliche Mundgeschwüre hatte, manche schon vereitert – wenn die Schlange giftig war, würde auch sie sich vergiften. Doch sie dachte: Egal, erst das Gift aussaugen.